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Wohnungslos ins Internet

(Artikel) Wer keine Wohnung hat, besitzt in der Regel wenig Geld, von Hardware, DSL-Zugang und Laptop ganz zu schweigen. Immer mehr Initiativen ermöglichen jenen Zwangs-Offlinern den Zugang zum Internet.

Bernd wohnt um die Ecke, gleich neben dem verlassenen Kiosk. Bernd ist 46 Jahre alt und seit 11 Jahren obdachlos. Und Bernd wird diese Zeilen wahrscheinlich nie lesen, denn Bernd ist ein Offliner.

Es sind nicht nur die Älteren in unserer Gesellschaft, denen der Zugang zum Internet - zur Online–Gemeinde - oft schwer fällt und dadurch auch oft verwehrt bleibt. Es sind auch diejenigen betroffen, denen aufgrund ihrer ökonomischen Situation die Mittel fehlen, um an der interaktiven Wissensgesellschaft zu partizipieren. Es gibt allerdings Projekte und Einrichtungen, die es den sogenannten Offlinern ermöglichen, sich in die Welt der Onliner einzuwählen.

Wohnungslos-in-berlin.de

In vielen großen Städten stellen mittlerweile zahlreiche öffentlich Institutionen kostenfreie Internetzugänge zur Verfügung. Adressen jener gemeinnützigen Einrichtungen finden sich, klar, im Internet. So beispielsweise die Homepage von „ Wohnungslos in Berlin“, die einen detaillierten Überblick über die Angebote öffentlicher Bibliotheken, Jugend- und Familienzentren sowie universitären Einrichtungen liefert. Andere Anbieter richten sich noch gezielter an die ökonomisch Schwachen in unserer Gesellschaft: Der Berliner Verein „ Die Stütze e.V.“ beispielsweise betreibt ein Internetcafe für Wohnungslose und einkommensschwache Männer und Frauen. Der Verein bietet neben einem umfangreichen Weiterbildungsangebot im Bereich elektronische Medien und Internet auch eine spezielle Informationsplattform für Wohnungslose.

Ergänzend zu diesem Angebot „auf der Straße“ gibt es aber auch Einrichtungen, die sich durch direkte Ansprache und unmittelbare räumliche Nähe an die Offliner wenden. So gibt es mittlerweile viele Heime für Wohnungslose, die über eigene Computerräume mit persönlicher Betreuung verfügen. Ein Beispiel für eine solche Einrichtung ist das „ Haus Weissenburg“ in Düsseldorf. Der gleiche Träger betreibt auch ein Heim für geistig Behinderte, in dem den Bewohnerinnen und Bewohnern ein Computerraum mit Internetzugang zur Verfügung steht.

Online-Hilfe zur Selbsthilfe

Keinen Internetzugang zu haben, erscheint im Vergleich zu Wohnungslosigkeit das kleinere Problem zu sein. Die Frage, wie man Betroffene online erreicht, geradezu grotesk. Allerdings gibt es mittlerweile viele Informationen für Wohnungslose online – und teilweise sogar aussschließlich online. Im Jahr 2001 veröffentlichte die Stadt Berlin einen Kälte-Wegweiser mit Übernachtungs- und Aufwärmplätzen nur im Internet. Aber auch andere Hinweise für Obdachlose sind auf verschiedenen Internetseiten wie beispielsweise www.wohnungslos-in-koeln.de und www.wohnungslos-in-berlin.de oder www.ofw-leitfaden.de (Leitfaden für Obdachlose in Berlin) zu finden. Neben aktuellen Terminen, Adressen, nötigen Formularen zum Herunterladen, finden sich auch Online-Foren, in denen Wohnungslose ihre Situation reflektieren und sich austauschen sowie nützliche Tipps weitergeben können. In USA gibt es längst regelrechte Ikonen der Blogger-Szene – Obdachlose, die von ihrem Leben erzählen.

Aber nicht nur die Informationsbeschaffung oder der Austausch zwischen den Betroffenen steht im Mittelpunkt der Idee, Wohnungslosen den Zugang zum Internet zu ermöglichen. Sie können so auch Kontakt zu Freunden und Verwandten halten. Die Initiatoren haben erkannt, wie wichtig es ist, an der modernen Wissensgesellschaft teilhaben zu können. Denn auch für diejenigen, die strukturell eher davon ausgeschlossen sind, sind Informationen der Bundesagentur für Arbeit oder die regionale und überregionale Tagespresse im Internet von Relevanz. Der Berliner Verein „Die Stütze e.V.“ beschreibt als Hintergrund für sein Engagement die immer wichtiger werdende Rolle von elektronischen Medien in unserer Gesellschaft und dass Teilhabe nur möglich ist, wenn man sich mit jenen Medien auch auskennt. Gerade für ökonomisch schwache Menschen ist der Umgang mit den neuen Medien wichtig, um die Ausgrenzung aus der Gesellschaft nicht weiter zu verschärfen und bestenfalls einen Wiedereinstieg zu ermöglichen.

Neben Wohnungslosen sind auch andere gesellschaftliche Gruppen von der Nichtteilhabe an der interaktiven Wissensgesellschaft betroffen. Gerade Kinder ökonomisch schwacher Familien sind von dieser Problematik tangiert. Dass die Anschaffungskosten für einen Computer oft die finanzielle Leistungsfähigkeit dieser Familien übersteigt, vereinfacht die Situation keineswegs. Allerdings gibt es im Internet Foren, in denen die kostenfreie Weitergabe von – zwar nicht der modernsten aber für die Zwecke der Internetnutzung ausreichenden – Hardware, angeboten und angefragt wird. Ein Beispiel für ein solches Forum ist „ Der heiße Draht“. Vielen Schulen bieten mittlerweile Computerkurse speziell für diese Zielgruppe an, zum Schulalltag gehören diese Initiativen allerdings keineswegs.

Die Spaltung der Gesellschaft in Onliner und Offliner scheint sich aufgrund eines immer größer werdenden so genannten abgehängten Prekariat weiter zu verschärfen. Die innergesellschaftliche Kommunikation sollte zwar nicht nur online stattfinden, dennoch müsste gewährleistet sein, dass das Individuum nicht allein wegen seiner wirtschaftlichen und sozialen Situation von der neuen medialen Kommunikation ausgeschlossen ist.

EOT
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Sebastian Ketter

Sebastian Ketter ist Soziologiestudent an der Universität Gießen. Seine Themen sind Internationale Zusammenarbeit, Außen- und Europapolitik. Für politik-digital.de schreibt er über e-Government und Social Software.

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