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	<title>espies &#8211; politik-digital</title>
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	<item>
		<title>&#8220;Möllemann war ein Medienpolitiker, und der Liebesentzug durch die Medien hat ihn deshalb sicher schwer getroffen.</title>
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		<dc:creator><![CDATA[espies]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 25 Jun 2003 23:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Chattranscripte]]></category>
		<category><![CDATA[Politikerkarriere]]></category>
		<category><![CDATA[Politische Soziologie]]></category>
		<category><![CDATA[Ulrich von Alemann]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b><img src="http://www.politik-digital.de/salon/photos/v.-Alemann_Portrait.jpg" alt="Prof. Dr. Ulrich von Alemann" align="left" border="0" height="118" width="88" />Prof. 
Dr. Ulrich von Alemann,</b> <b>Parteienforscher, war am 26. Juni 2003 
zu Gast im tacheles.02 Live-Chat von tagesschau.de und politik-digital.de. 
Live aus Düsseldorf.</b></span>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b><img decoding="async" src="http://www.politik-digital.de/salon/photos/v.-Alemann_Portrait.jpg" alt="Prof. Dr. Ulrich von Alemann" align="left" border="0" height="118" width="88" />Prof.<br />
Dr. Ulrich von Alemann,</b> <b>Parteienforscher, war am 26. Juni 2003<br />
zu Gast im tacheles.02 Live-Chat von tagesschau.de und politik-digital.de.<br />
Live aus Düsseldorf.</b></span><!--break--><br />
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"></p>
<p><b>Moderator: </b>Und nun geht es los! Liebe Politik-Interessierte, herzlich<br />
willkommen im tacheles.02-Chat. Unsere Chat-Reihe tacheles.02 ist ein<br />
Format von tagesschau.de und politik-digital.de und wird unterstützt<br />
von tagesspiegel.de. Heute begrüßen wir den Politikwissenschaftler<br />
Prof. Dr. Ulrich von Alemann. Er chattet live aus Düsseldorf. Guten<br />
Tag Prof. von Alemann! Sind Sie bereit für den 60-Minuten-Chat mit<br />
unseren Usern?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>von Alemann:</b><br />
Ich bin bereit, es kann von mir aus gerne los gehen.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:</b><br />
Dann steigen wir direkt in die Materie ein. Wird die politische Auseinandersetzung<br />
in und zwischen den Parteien tatsächlich immer härter? Oder<br />
kriegen wir heute durch die Medien nur alles viel mehr mit?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>von Alemann:</b><br />
Ich glaube, die politische Auseinandersetzung ist immer schon sehr hart<br />
gewesen. In der Tat wird heute durch die Medien alles wie durch ein Vergrößerungsglas<br />
verstärkt. Die Medien brauchen Futter, und zwar möglichst aufregendes,<br />
um die Auflage oder die Quote zu steigern. Dadurch wird die Politik immer<br />
stärker dramatisiert.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>michaela:</b> Gibt<br />
es bestimmte Politikertypen? Wenn ja, wie sehen die aus?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>von Alemann:</b><br />
Ja, damit hat sich auch die Wissenschaft schon beschäftigt. Da gibt<br />
es erstens den &quot;Delegierten&quot;, der versucht, getreu die Aufträge<br />
seiner Wähler umzusetzen. Dann gibt es zweitens den &quot;Vertrauensmann&quot;,<br />
der eigenständig verantwortlich für das Gemeinwohl handelt.<br />
Und drittens gibt es den &quot;Vollblutpolitiker&quot;, der als eine Art<br />
Politikunternehmer die beiden Typen verbindet und zusätzlich seinen<br />
eigenen Nutzen nicht vergisst.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:</b><br />
Soweit die Theorie mit der Typologie. In der Praxis beschäftigt die<br />
Leute nun der Fall Möllemann. Dazu einige Fragen, Herr von Alemann:</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Politik-Profi:</b><br />
Wie sehen Sie den Aufstieg und Fall des Herrn Möllemann? Gibt es<br />
&#8211; wenn man mal etwas in die Vergangenheit schaut &#8211; Politiker, die einen<br />
ähnlich dramatischen Karriereverlauf hatten? (Mit Karriereverlauf<br />
meine ich: Vom Hoffnungsträger, zum Medienliebling, zum Provokateur,<br />
zum Ausgestoßenen)</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>von Alemann:</b><br />
Möllemann hat ursprünglich eine nicht ganz untypische Politikerkarriere<br />
hingelegt, sich schon als Jugendlicher engagiert, frühzeitig nach<br />
politischen Ämtern gestrebt und sich dann einen mächtigen älteren<br />
Mentor ausgesucht, der ihn gefördert hat: Das war der frühere<br />
Außenminister Genscher. Dann hat er auf eigene Faust weitergemacht<br />
und sich nach ersten Rückschlägen oft gegen seine eigene Partei<br />
profiliert und über die Medien versucht, Politik zu machen. Auch<br />
dafür gibt es andere Beispiele. Nicht zuletzt Bundeskanzler Schröder<br />
hat sich oft gegen seine Partei zu profilieren versucht. Die &quot;Outlaws&quot;<br />
sind in der deutschen Politik eher selten, aber auch dafür gibt es<br />
Beispiele. In erster Linie denke ich hier an Oskar Lafontaine. Beide,<br />
Möllemann und Lafontaine, sind ja genau in dieser Rolle von Sabine<br />
Christiansen eingeladen worden. Keiner konnte wissen, dass dies Möllemanns<br />
letzter Auftritt war.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>michaela:</b> Inwiefern<br />
hat Genscher Möllemann in seiner Persönlichkeitsentwicklung<br />
beeinflusst?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>von Alemann:</b><br />
Ich bin kein Psychologe. Aber Möllemann hat Genscher sicher grenzenlos<br />
bewundert. Insbesondere die Grenzenlosigkeit Genschers, der sich im Flugzeug<br />
über dem Atlantik mehrfach selber begegnet sein soll.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>michaela: </b>Herr<br />
Alemann, hat die FDP Herrn Möllemann wirklich in den Tod getrieben?<br />
Da waren doch sicher noch andere Faktoren im Spiel?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>von Alemann:</b><br />
Falls es wirklich Suizid war, wofür fast alles spricht, so sind dabei<br />
immer mehrere Faktoren im Spiel. Hier ist wieder der Psychologe gefragt.<br />
Möllemann sah sich sicherlich politisch in einer Sackgasse. Ihm fehlte<br />
die Medienpräsenz, von der er sein Leben lang abhängig schien.<br />
Welche Rolle die Strafverfahren gegen ihn spielten, kann ich nicht beurteilen,<br />
da es schwebende Verfahren sind. Jemand, der in seiner eigenen Partei<br />
so polarisiert, hat sicherlich viele Feinde. Aber Parteifreunde auf der<br />
Spitzenebene lieben sich selten und sind fast nie miteinander befreundet,<br />
da sie misstrauisch miteinander konkurrieren. Ich kann mir aber nicht<br />
vorstellen, dass ihn irgendeiner seiner Parteifreunde zum Äußersten<br />
treiben wollte.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:</b><br />
Nachfrage zum Verhältnis zu den Medien:</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>sandro:</b> Ist<br />
Möllemann an seinem eigenen Lieblingskind zu Grunde gegangen &#8211; Den<br />
Medien?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>von Alemann:</b><br />
Möllemann war ein Medienpolitiker, und der Liebesentzug durch die<br />
Medien hat ihn deshalb sicher schwer getroffen.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>michaela:</b> Welche<br />
Parallelen gibt es zwischen dem Tod Barschels und Möllemanns?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>von Alemann:</b><br />
Es gibt Parallelen und Unterschiede. Beide Politiker befanden sich in<br />
ihrer eigenen politischen Karriere in der Sackgasse. Der Unterschied liegt<br />
allerdings darin, dass das Ende von Barschel in einem Genfer Hotel in<br />
der Badewanne unter Drogen und Alkohol um vieles inszenierter und mysteriöser<br />
war als der Fallschirmabsprung von Möllemann.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:</b><br />
Und noch einmal zurück zu den Medien:</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>halligalli:</b><br />
Kann man nicht eher sagen, dass er die Medien bis zu seinem schrecklichen<br />
Ende auf professionelle Weise benutzt hat?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>von Alemann:</b><br />
Sicher kann man sagen, dass Möllemann auch nach seinem Rückzug<br />
aus der aktiven FDP-Politik die Medien weiterhin versucht hat auszunutzen,<br />
bis kurz vor Schluss bei Sabine Christiansen, und auch schon vorher mit<br />
der Publikation seines Buches &quot;Klartext&quot;, das mit entsprechender<br />
Begleitmusik mehr dramatisierte als es eigentlich Substanz enthielt. Und<br />
auch das Ende selber &#8211; als Sprung in den Tod &#8211; lässt an Dramatik<br />
nichts zu wünschen übrig. Insofern benutzte er die Medien bis<br />
zum Ende, aber genauso haben die Medien eifrig ihn benutzt.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:</b><br />
Machen wir einen Sprung von der eher psychologischen zur politischen Ebene<br />
im Fall Möllemann.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Thorsten Lenze:</b><br />
Glauben Sie, Jürgen Möllemann hätte mit einer eigenen Partei<br />
Erfolg gehabt, eventuell die FDP in NRW sogar verdrängen können?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>von Alemann:</b><br />
Eine Parteiabspaltung hat in der Bundesrepublik noch nie Erfolg gehabt.<br />
Bereits nach der Wende der FDP von der SPD zur CDU-Koalition 1982 hat<br />
sich eine linksliberale Gruppierung abgespalten, die &quot;Liberalen Demokraten&quot;,<br />
die keinen Erfolg hatten. Auch eine &quot;Klartext-Partei&quot; von Möllemann<br />
hätte nicht einmal den Anfangserfolg der Schill-Partei in Hamburg<br />
gehabt. Aber wenn sie auf 2-3 % gekommen wäre, was schon viel wäre,<br />
so hätte das die FDP schon schmerzen können.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>StudentDU-E:</b><br />
Wie sehen Sie die Position des Vorsitzenden Westerwelle in der Möllemann-Affäre?<br />
Hat er nicht durchgreifend gehandelt um die Populismus-Debatte zu beenden<br />
oder wollte er nicht richtig eingreifen? Denn besonders für eine<br />
liberale Partei ist solch ein Graben am rechten Rand die Selbstaufgabe<br />
der Werte.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>von Alemann: </b>Westerwelle<br />
hat im Wahlkampf 2002 eng mit Möllemann zusammengearbeitet. Das dokumentieren<br />
nicht nur die gemeinsamen Projekte (Kanzlerkandidatur der FDP und 18%-Strategie),<br />
sondern auch zahlreiche heute schon fast peinliche Pressefotos der beiden<br />
auf gemeinsamen Wahlkampfpodien. In der Populismusfrage hat sich Westerwelle<br />
nur halbherzig von Möllemann distanziert, und zwar weniger in der<br />
Sache, sondern mehr in der Form, weil er von dem Friedman-Flyer wenige<br />
Tage vor der Wahl nichts wusste. Ich denke, dass für beide Politiker<br />
das unbedingte Ziel der Stimmenmaximierung galt. Insofern konnte ich keinen<br />
wesentlichen Unterschied in der politischen Strategie der beiden erkennen.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>justus:</b> Eine<br />
generelle Frage: Sind die Werte einer Partei nicht sowieso angekratzt,<br />
wenn ein führender Politiker im Wahlkampf den Alleingang probt?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>von Alemann:</b><br />
Ich sehe nicht, dass die Werte einer Partei dadurch beschädigt sind,<br />
dass ein Spitzenpolitiker aus der Reihe tanzt. Denn die Werte einer Partei<br />
sind im Grundsatzprogramm und in Wahlzielen von den Parteitagen beschlossen.<br />
Hier finden sich wunderschöne Visionen, nach denen die Bürger<br />
immer fragen. Natürlich verletzt ein Politiker, der sich an die Vorgaben<br />
seiner eigenen Partei nicht hält, die Glaubwürdigkeit und die<br />
Strategiefähigkeit seiner Gruppe. Dann weiß der Wähler<br />
nicht mehr, woran er sich halten soll. Das ist aber eher ein Problem der<br />
politischen Klugheit als der politischen Werte.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Robert Langenberg:<br />
</b>Um mal vom Thema Möllemann wegzukommen, ich dachte es ginge (zumindest<br />
auch) um die Korrumpierung von Politikern durch Macht (wofür Möllemann<br />
sicher auch Gesprächsstoff böte). Ist die mittlerweile einige<br />
Jahre vergangene Parteispendenaffäre nicht ein Hinweis darauf, dass<br />
ein Großteil der Politiker von der Macht verführt wurde? Ähnliches<br />
wurde ja auch später bei einigen Funktionären der SPD aufgedeckt.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>von Alemann:</b><br />
Ich glaube nicht, dass Politik generell ein schmutziges Geschäft<br />
ist, wie der Volksmund sagt. Politiker müssen sicherlich hohen moralischen<br />
Maßstäben genügen. Das gilt aber genauso für Unternehmer,<br />
Theaterintendanten, Verbandsgeschäftsführer oder Bischöfe.<br />
Es gibt keine Sondermoral der Politik. Wer Verantwortung trägt in<br />
unserer Gesellschaft, muss generell eine Vorbild-Funktion akzeptieren.<br />
Politiker stehen aber unter hohem Druck der Medien und unter intensiverer<br />
Beobachtung. Dazu pflegen sie in Sonntagsreden gerne besonders hohe Moralstandards.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:</b><br />
Für Sie müssen Politiker &quot;besondere Anforderungen an Vorbild-Verhalten<br />
akzeptieren&quot;. Müssen Prominente und Politiker sich tatsächlich<br />
ständig als wandelnde Vorbilder präsentieren? Sind sie nicht<br />
auch ein Spiegel der Gesellschaft? Wie weit geht die Moral?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>von Alemann:</b><br />
Natürlich sind Politiker Teil der Gesellschaft und insofern keiner<br />
Sondermoral unterworfen. Es gibt keine besondere politische Moral, sondern<br />
alle, die Verantwortung tragen, müssen sich an höheren Standards<br />
messen lassen als der normale Bürger.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>gerlinde:</b> Ich<br />
denke schon, dass Politik häufig ein zumindest beschmutztes Geschäft<br />
ist, eben weil es um Macht und Geld geht.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>von Alemann:</b><br />
Viel Macht verführt und viel Geld verführt ebenfalls. Und wenn<br />
beides zusammen kommt, dann ist die Gefahr besonders hoch. Das sehen wir<br />
gerade in Italien am Beispiel Berlusconi. Das ist aber kein Kennzeichen<br />
von unserer Gegenwart, denn dieses Problem hat es schon immer gegeben.<br />
Das darf nicht zur Resignation führen, sondern zu verstärkten<br />
Anstrengungen, die Maßnahmen gegen Missbrauch von Macht und Geld<br />
immer neu zu justieren. Zum Beispiel durch Korruptionsgesetzgebung oder<br />
durch das Parteiengesetz.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>xy-ungelöst:</b><br />
Gut, aber in Italien hält die Mafia weitaus grundlegender als hier<br />
ihren Daumen auf die Politik. Finden Sie, dass man das so einfach vergleichen<br />
kann?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>von Alemann:</b><br />
Jeder gute Vergleich hinkt. Ich habe Berlusconi mitnichten mit unseren<br />
Politikern verglichen. Entscheidend ist, dass gegen Missstände wirksam<br />
vorgegangen wird. Deswegen können Skandale auch eine nützliche<br />
reinigende Funktion haben. Sie dürfen nur nicht die Öffentlichkeit<br />
und auch die Politiker zynisch abstumpfen.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>halligalli:</b><br />
Wenn man Politik als Spiegel der Gesellschaft versteht, lässt das<br />
natürlich auch auf das Moralverständnis der Bevölkerung<br />
schließen. Sind wir denn wirklich so sensationsbesessen?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>von Alemann:</b><br />
Es gibt gar nicht nur eine Moral, die etwa immer weiter absinkt. Es gibt<br />
viele Moralen, von denen manche durchaus Fortschritte zeigen: Zum Beispiel<br />
die Umweltmoral oder die Kindererziehung ohne Prügel. Ich wehre mich<br />
dagegen, dass man pauschal sagt: Die Moral, die sinkt ständig. Die<br />
Medien müssen, um sich zu verkaufen, Nachrichtenwerte beachten. Dazu<br />
gehört, dass Prominentes, Negatives, Aktuelles immer besser läuft<br />
als das normale Gute und Schöne. Und da die Medien von uns Käufern<br />
bezahlt werden, ist es deshalb auch unsere Nachfrage nach Sensationen,<br />
die die Medien befriedigen. Wir müssen uns deshalb manchmal auch<br />
an die eigene Nase fassen.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Gundula:</b> Was<br />
steht denn im Parteiengesetz zu diesem Thema? Kann man die Frage um die<br />
problematische Verquickung von Macht und Geld überhaupt in eine gesetzliche<br />
Form gießen?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>von Alemann:</b><br />
Im Parteiengesetz steht, dass Spenden nicht mit dem Erkaufen von konkreten<br />
Vorteilen verbunden sein dürfen. Und natürlich steht da noch<br />
viel mehr drin. Insbesondere, dass alle größeren Spenden öffentlich<br />
bekannt gemacht werden müssen. Der Bürger soll wissen, welche<br />
Partei von wem bezahlt wird. Ein ganz hohes Gut in der Demokratie ist<br />
nämlich die Offenheit, die Transparenz. Das Parteiengesetz ist gerade<br />
im letzten Jahr entscheidend verschärft worden, in dem Verstöße<br />
jetzt wirklich mit Gefängnisstrafen bedroht sind. Das ist eine ganz<br />
wesentliche Verbesserung, weil deshalb auch Staatsanwälte im Verdachtsfall<br />
ermitteln können und sogar müssen. Auch Möllemann war man<br />
hier auf den Fersen.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Margot:</b> Haben<br />
FDP-Haushaltsloch und Spekulationen um Möllemanns Finanzen etwas<br />
miteinander zu tun?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>von Alemann:</b><br />
Ich bin skeptisch gegenüber Verschwörungstheorien. Ich glaube,<br />
dass die FDP Probleme hat, der Haushalt Probleme hat und Möllemann<br />
seine Probleme auf seine Art gelöst hat. Ob das alles miteinander<br />
zusammenhängt, das möchte ich bezweifeln.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:</b><br />
Zum Abschluss noch etwas Privates:</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Huber:</b> Herr<br />
Alemann, wollten sie nie Politiker werden?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>von Alemann:</b><br />
Nein. Ich wollte nie Politiker werden, weil ich mein Privatleben behalten<br />
wollte. Die Rolle als Politikexperte ist mir viel lieber.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:</b><br />
Liebe Chat-Freunde, unsere Gesprächsrunde ist leider vorbei. Herzlichen<br />
Dank, Prof. von Alemann, dass Sie mit uns gechattet haben. Und vielen<br />
Dank an alle UserInnen für Ihr Interesse. Viele Fragen blieben leider<br />
unbeantwortet. Noch ein Terminhinweis: Am Dienstag, 01. Juli, ist der<br />
designierte PDS-Chef Lothar Bisky im Chat, um Ihre Fragen zu beantworten.<br />
Wir würden uns freuen, wenn Sie wieder dabei sind. Die Transkripte<br />
aller tacheles.02-Chats finden Sie auf den Webseiten der Veranstalter<br />
tagesschau.de und politik-digital.de.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>von Alemann:</b><br />
Es hat mir viel Spaß gemacht und ich wünsche noch einen schönen<br />
Tag. Tschüss.</span>
</p>
<p>
&nbsp;</p>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://www.politik-digital.de/chattranscripte/quotmoellemann_war_ein_medienpolitiker_und_der_liebesentzug_durch_die_medien_hat_ihn_deshalb_sicher_s-298/feed/</wfw:commentRss>
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			</item>
		<item>
		<title>&#8220;Noch immer gibt es viele Hindernisse und zuviel Hass.&#8221;</title>
		<link>https://www.politik-digital.de/chattranscripte/quotnoch_immer_gibt_es_viele_hindernisse_und_zuviel_hassquot-299/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[espies]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 24 Jun 2003 23:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Chattranscripte]]></category>
		<category><![CDATA[Dieter Sinnhuber]]></category>
		<category><![CDATA[Nahen-Osten]]></category>
		<category><![CDATA[Israel]]></category>
		<category><![CDATA[Außenpolitik]]></category>
		<category><![CDATA[Palästinenser]]></category>
		<category><![CDATA[Friedensprozess]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b><img src="http://www.politik-digital.de/salon/photos/dsinnhuber.jpg" alt="Dieter Sinnhuber" align="left" border="0" height="90" width="91" /></b><b><b>Dieter 
Sinnhuber</b>, ARD-Korrespondent in Tel Aviv (Israel) </b><b>zu Gast 
im tacheles.02 Live-Chat von tagesschau.de und politik-digital.de, am 
25. Juni 2003 aus Tel Aviv.</b></span>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b><img decoding="async" src="http://www.politik-digital.de/salon/photos/dsinnhuber.jpg" alt="Dieter Sinnhuber" align="left" border="0" height="90" width="91" /></b><b><b>Dieter<br />
Sinnhuber</b>, ARD-Korrespondent in Tel Aviv (Israel) </b><b>zu Gast<br />
im tacheles.02 Live-Chat von tagesschau.de und politik-digital.de, am<br />
25. Juni 2003 aus Tel Aviv.</b></span><!--break--><br />
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"></p>
<p><span style="color: #000000"><b>Moderator:</b> Liebe Politik-Interessierte, herzlich<br />
willkommen im tacheles.02-Chat. Unsere Chat-Reihe tacheles.02 ist ein<br />
Format von tagesschau.de und politik-digital.de und wird unterstützt<br />
von tagesspiegel.de. Heute begrüßen wir den ARD-Korrespondenten<br />
Dieter Sinnhuber in Tel Aviv/Israel. Er chattet live aus Israel. Heute<br />
geht es hauptsächlich um den palästinensisch-israelischen Friedensprozess.<br />
Guten Tag Herr Sinnhuber! Kann es losgehen Herr Sinnhuber?</span></span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif; color: #000000"><b>Dieter.Sinnhuber:</b><br />
Ja, gerne.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif; color: #000000"><b>okidoki:</b><br />
Sagen Sie Herr Sinnhuber, haben Sie nicht öfter Angst um Ihr Leben?<br />
Man weiß ja nie, wann es einen treffen kann?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif; color: #000000"><b>Dieter.Sinnhuber:</b><br />
Gerade in den letzten Jahren sind die Gefahren immer näher auf unsereinen<br />
zugekommen. Ich erinnere mich vor allem an den tödlichen Anschlag<br />
beim Dolphinarium am Strand von Tel Aviv, vielleicht 350 Meter von meinem<br />
Hotelapartment entfernt. Kurz danach ein Anschlag in einer Straße,<br />
etwa 200 Meter.<br />
Insofern, manchmal fühlt man sich selbst bedroht. Die Gefährdung<br />
wurde unkalkulierbarer. Aber die Haltung der Menschen, mit denen man zusammen<br />
ist, überträgt sich auf einen selber.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif; color: #000000"><b>aleksbg:</b><br />
Herr Sinnhuber, glauben sie, dass dieser &#8221;teuflische Kreis&#8221; unter Palästinenser<br />
und Israelis endlich ein Ende findet? </span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif; color: #000000"><b>Dieter.Sinnhuber:</b><br />
Es gibt auf beiden Seiten genügend Menschen, die Frieden wollen,<br />
aber Jahrzehnte eines solchen Konflikts lassen sich nicht mit einem Schlag<br />
oder einer &quot;road map&quot; ausräumen. Letztlich bin ich skeptisch.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif; color: #000000"><b>uipsi:</b><br />
Der Friedensprozess im Nahen Osten gewinnt wieder an Fahrt, lese ich.<br />
Stimmen sie dem zu?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif; color: #000000"><b>Dieter.Sinnhuber:</b><br />
Es gibt ein wenig Hoffnung, gerade, weil der US-Präsident viel persönliches<br />
Prestige damit verbindet. Aber die road map wird noch eine steinige Bergauf-Reise<br />
werden, wenn sie denn überhaupt angetreten wird. Noch immer gibt<br />
es viele Hindernisse und zuviel Hass.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif; color: #000000"><b>Moderator:</b><br />
Die wechselseitigen Angriffe und Anschläge zwischen Palästinensern<br />
und Israelis hören bis heute nicht auf. Was hat der Nahost-Friedensgipfel<br />
von Akaba Anfang Juni dann gebracht?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif; color: #000000"><b>Dieter.Sinnhuber:</b><br />
Dazu nur einige Stichworte: Fundamentalistische Gruppen, die nach wie<br />
vor den Staat Israel von der Landkarte verschwinden lassen wollen, aber<br />
auch radikale Siedler. Dies nur zwei Beispiele. Zum Akaba-Gipfel: Seither<br />
sind gerade erst zwei Wochen vergangen. Und rasche Lösungen kann<br />
man, wie schon vorher erwähnt, nicht erwarten, nach 55 Jahren.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif; color: #000000"><b>thomas:</b><br />
In der Sure 5.51 steht: &quot;Ihr Gläubigen! Nehmt euch nicht die<br />
Juden und die Christen zu Freunden! Sie sind untereinander Freunde, aber<br />
nicht mit euch. Wenn einer von euch sich ihnen anschließt, gehört<br />
er zu ihnen und nicht mehr zu der Gemeinschaft der Gläubigen&quot;<br />
Sind friedenswillige Palästinenser gefährdet, speziell durch<br />
die Hamas?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif; color: #000000"><b>Dieter.Sinnhuber:</b><br />
Man muss sich nur die Eskorte ansehen, die der neue Staatsminister Dahlan<br />
braucht, der nun die Sicherheitsverantwortung für Teile des Gazastreifens<br />
und für Bethlehem übernehmen soll. Nicht zu reden von den so<br />
genannten &quot;Kollaborateuren&quot;, die nicht alle Friedensfreude sind<br />
und oft auch zu Spitzeldiensten erpresst werden. Ihr Leben steht häufig<br />
auf dem Spiel, viele wurden schon bestialisch ermordet.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif; color: #000000"><b>perter:</b><br />
Die Palästinenser müssen ihre Institutionen demokratisch reformieren.<br />
Ist das nötig und möglich?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif; color: #000000"><b>Dieter.Sinnhuber:</b><br />
Das ist dringend nötig, die Möglichkeiten sind beschränkt,<br />
denn es gibt eine Art von &quot;herrschender Klasse&quot; um Yassir Arafat<br />
herum, die autokratisch zu regieren gewohnt ist, auch Privilegien nicht<br />
abgeben will, und von denen viele zwar erfahrene Revolutionäre waren,<br />
aber das politische Geschäft nicht gelernt haben.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif; color: #000000"><b>Manuel:</b><br />
Wie fanden Sie eigentlich die Übergabe Ararafats? Gelungen, oder<br />
hätte er es besser anstellen können?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif; color: #000000"><b>Dieter.Sinnhuber:</b><br />
Wenn Sie die Amtsübergabe an Mahmud Abbas meinen: Die hat er nie<br />
ernsthaft gewollt, und nach vielen übereinstimmenden Angaben macht<br />
er Abbas das Leben schwer. Arafat hält noch immer in vielen Dingen<br />
die Zügel in der Hand. Gerade heute erschien in einer israelischen<br />
Zeitung ein Auszug aus einem Protokoll von Akaba, in dem Mahmud Abbas<br />
selbst ansatzweise davon spricht.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif; color: #000000"><b>Moderator:</b><br />
Was genau sagt denn das Protokoll?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif; color: #000000"><b>Dieter.Sinnhuber:</b><br />
Ich kann den Wortlaut nicht zitieren, habe den Text nicht vor mir, aber<br />
daraus geht klar hervor, dass Arafat letztlich die Verbindlichkeit der<br />
road map nicht nur bezweifelt, sondern sie auch hintertreiben will, trotz<br />
öffentlicher gegenteiliger Beteuerungen.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif; color: #000000"><b>Moderator:</b><br />
So, jetzt zu einem anderen Thema.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif; color: #000000"><b>OBerthold:</b><br />
Warum glauben Sie, dass Ariel Sharon fast im Stundentakt einander völlig<br />
entgegengesetzte Positionen zu den völkerrechtswidrigen Siedlungen<br />
vertritt, Herr Sinnhuber?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif; color: #000000"><b>Dieter.Sinnhuber:</b><br />
Ich denke, das hat mehrere Gründe. Zunächst kann niemand bestreiten,<br />
dass Ariel Sharon einer der wichtigsten Motoren der Siedlungsbewegung<br />
war. Andererseits steht er nun unter sehr massivem Druck der USA, die<br />
anderen Mitglieder des Quartetts kann man da ruhig außer acht lassen.<br />
Dann die innenpolitische Kulisse: Seine eigene Partei stand überwiegend<br />
hinter dem Siedlungsausbau, zu seiner Koalition gehören Parteien,<br />
die die Siedlerinteressen direkt vertreten. Dazu die radikalen Rabbis<br />
aus den Siedlungen, die erst vor zwei Tagen sagten, die Aufgabe der Siedlungs-Idee<br />
wiederspreche göttlichem Gesetz. Als er zum erstenmal davon sprach,<br />
man könne 3,5 Millionen Palästinenser nicht ewig besetzt halten,<br />
ging ein Aufschrei durch die politische Rechte in Israel. Und die ist<br />
hier zur Zeit an der Regierung.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif; color: #000000"><b>sinnzig:</b><br />
Israel will illegale jüdische Siedlungen auflösen. Was sagen<br />
die orthodoxen Juden dazu?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif; color: #000000"><b>Dieter.Sinnhuber:<br />
</b>Wenn ich die gerade zitierten 500 Siedlerrabbis als Sprecher der Orthodoxen<br />
nähme, hieße dies, sie setzten der Auflösung massivsten<br />
Widerstand entgegen. Aber die sind nicht repräsentativ für alle<br />
Orthodoxen. Die lautesten Widerständler sind die nationalreligiöse<br />
Orientierten und rechtsradikale Parteien, die Forderungen bis hin zur<br />
Aussiedlung der Araber erheben. Eine Gruppe von Rabbis rief vor einigen<br />
Tagen die arabischen Nachbarländer dazu auf, den Palästinensern<br />
die &quot;Rückkehr&quot; zu ermöglichen. Hintergedanke: Wo die<br />
Palästinenser leben, ist Groß-Israel, oder wie eine andere<br />
Parole lautet: &quot;Jordanien ist Palästina&quot;. Also, das kann<br />
man aber nicht alles mit den verschiedenen Strömungen der Orthodoxie<br />
gleichsetzen.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif; color: #000000"><b>Moderator:<br />
</b>Was sagt die Friedensbewegung zur Auflösung der Siedlung und<br />
dem Widerstand der orthodoxen Juden?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif; color: #000000"><b>Dieter.Sinnhuber:</b><br />
Die Friedensbewegung in Israel &#8211; im übrigen ja nicht ein ganz einheitlicher<br />
Block &#8211; ist durch die Folgen der jüngsten &quot;Intifada&quot; so<br />
geschwächt worden, dass sie zeitweise kaum mehr wahrzunehmen war.<br />
Natürlich setzt sie sich seit vielen Jahren vehement für die<br />
Einstellung des Siedlungsbaus und den Rückzug aus den Siedlungen<br />
ein. Sie erhebt übrigens die genauesten Daten über die Zahl<br />
der Siedler und der Siedlungen und Außenposten, so genau, dass ihre<br />
Gegner ebenso wie die Amerikaner und die israelische Regierung dieses<br />
Material benutzen &#8211; zu unterschiedlichen Zwecken natürlich. Und den<br />
Widerstand lehnt sie natürlich schärfstens ab. Dieser Widerstand<br />
wird im übrigen auch nicht von allen Siedlern in gleicher Weise unterstützt.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif; color: #000000"><b>finis84:</b><br />
Wie ist die Stimmung unter den israelischen Jugendlichen? Tendieren diese<br />
zum Frieden oder stehen sie hinter der Liquiditäts-Taktik von Sharon?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif; color: #000000"><b>Dieter.Sinnhuber:</b><br />
Zunächst zur israelischen Bevölkerung insgesamt: Es ist sehr<br />
widersprüchlich. Mehr als 60 Prozent sind für den Abbau von<br />
Siedlungen, etwa die gleiche Zahl will einen Ausgleich mit den Palästinensern,<br />
aber die Popularitätsrate von Ariel Sharon wird zur Zeit weniger<br />
wegen seiner Politik gegenüber den Arabern angekratzt, sondern vielmehr<br />
wegen der scharfen Sparmaßnahmen in der Sozialpolitik, die hier<br />
noch viel schärferen Widerspruch hervorrufen als in Deutschland.<br />
<br />
Und was die Jugend angeht: Die Zahl der Wehrdienstverweigerer steigt,<br />
auch derer, die nicht in den Palästinensergebieten dienen wollen,<br />
aber die Zahl der &quot;refusniks&quot; ist relativ gering. Ansonsten<br />
ist eher eine Tendenz abzulesen, von all dem nicht so viel hören<br />
zu wollen und das Leben zu genießen.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif; color: #000000"><b>Moderator:</b><br />
Bevor wir zum Konflikt zurückkehren, hier ein kurzer Exkurs in die<br />
Innenpolitik: Gibt es in Israel auch eine Art &quot;Agenda 2010&quot;?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif; color: #000000"><b>Dieter.Sinnhuber:</b><br />
Sicher, diese &quot;Agenda 2010&quot; gibt es, sie ist erst vor kurzem<br />
durch das Parlament gegangen, nach schweren Auseinandersetzungen, und<br />
die hiesige Einheitsgewerkschaft ist trotz des parlamentarischen Ergebnisses<br />
noch immer punktuell am Streiken. Die Arbeitslosenrate liegt knapp über<br />
der deutschen, und die Einschnitte sind massiver als jene, über die<br />
zur Zeit in Deutschland gestritten wird.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif; color: #000000"><b>Moderator:</b><br />
Zurück zu den Friedensaktivisten.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif; color: #000000"><b>OBerthold:</b><br />
Sind die Internationalen Friedensaktivisten von ISM, zu denen ja auch<br />
die vor einigen Wochen im Gazastreifen getötete Rahel Corie gehörte,<br />
eher eine Randerscheinung der Intifada oder spielen sie eine wichtige<br />
Rolle in der Bekanntmachung der Vorgänge in den besetzten Gebieten?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif; color: #000000"><b>Dieter.Sinnhuber:</b><br />
ISM wird, zumindest in Israel, kaum wahrgenommen, wenn, dann eher als<br />
Störfaktor. In den Palästinensergebieten ist ihre Bedeutung<br />
zwar höher, aber es ist nicht zu übersehen, dass sie ein sehr<br />
&quot;buntes Völkchen&quot; sind. Israel hat schon viele nicht mehr<br />
wieder einreisen lassen. Hier ist die Empfindlichkeit gegenüber ausländischer<br />
Kritik insgesamt massiv gewachsen. Auch gegenüber Journalisten.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif; color: #000000"><b>Moderator:</b><br />
Der Frieden ist also alles andere als gesichert. Nun ein paar Fragen zum<br />
Arbeiten vor Ort&#8230;</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif; color: #000000"><b>esgrgesrg:</b><br />
Herr Sinnhuber, wie verhält es sich mit der Pressefreiheit in Israel<br />
&#8211; werden Sie in Ihrer Arbeit behindert?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif; color: #000000"><b>Dieter.Sinnhuber:<br />
</b>Grundsätzlich nein, oder &quot;im Prinzip&quot; nein. Es gibt<br />
natürlich Hindernisse, die einem das Arbeiten schwer machen. Zum<br />
Beispiel Fahrten in den &quot;territories&quot;, wie die Palästinensergebiete<br />
im israelischen Sprachgebrauch heißen. Straßensperren, penible<br />
Überprüfungen, Verzögerungen, Schwierigkeiten vor allem<br />
für unsere palästinensischen Kamerateams, für die es häufig<br />
einen riesigen Zeitaufwand bedeutet, vom Süden des Westjordanlandes<br />
in den nördlichen Teil zu kommen, und Ähnliches. Auch ist die<br />
Stimmung uns gegenüber nicht immer sehr freundlich, aber direkte<br />
Behinderung gibt es nicht. Probleme haben vor allem unsere palästinensischen<br />
Freunde / Mitarbeiter &#8211; manchmal auch von Seiten der von Arafat beherrschten<br />
Autonomiebehörde, die einen anderen Begriff von Journalismus haben<br />
als der im Westen übliche.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif; color: #000000"><b>Manuel:</b><br />
Nachfrage: Wurden Sie schon mal bedroht, etwas nicht zu veröffentlichen?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif; color: #000000"><b>Dieter.Sinnhuber:</b><br />
Nein, das ist mir bisher nicht passiert, aber ich muss korrekterweise<br />
auch hinzufügen, dass Israel / Palästinensische Gebiete nicht<br />
mein ausschließlicher Arbeitsplatz ist, ich also nicht ständig<br />
hier bin. Mir selbst, wie gesagt, ist es noch nicht widerfahren.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif; color: #000000"><b>Moderator:</b><br />
Speziell eine Frage an Sie als Deutscher&#8230;</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif; color: #000000"><b>überdenwolken:</b><br />
Haben Sie das Gefühl, dass Sie als ausländischer Korrespondent<br />
von der Bevölkerung und den Politikern anders behandelt werden, als<br />
die Einheimischen? Wenn ja, werden Ihre Reportagen bewusst von einzelnen<br />
Personen gelenkt?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif; color: #000000"><b>Dieter.Sinnhuber:<br />
</b>Der Wunsch besteht natürlich, jede Seite, jede Interessengruppe<br />
versucht, uns zu beeinflussen, uns einzuspannen. Deshalb ist es für<br />
uns dringend nötig, uns den Platz &quot;zwischen den Stühlen&quot;<br />
zu sichern, uns nicht für Zwecke der Agitation einspannen zu<br />
lassen.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif; color: #000000"><b>willy<br />
M: </b>Aber es wird intensiv versucht?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif; color: #000000"><b>Dieter.Sinnhuber:</b><br />
Ja, natürlich. Israel setzt dabei die erfahreneren &quot;Profis&quot;<br />
im Umgang mit den Medien ein, die Palästinensische Seite ist durch<br />
die Tatsache und die Betonung der &quot;militärischen&quot; Unterlegenheit<br />
immer erst einmal im Vorteil, und schreckliche Bilder von verwundeten<br />
Kindern oder Toten werden zum Teil auch in schamloser Weise benutzt, um<br />
uns in eine parteiische Ecke zu treiben.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif; color: #000000"><b>Moderator:</b><br />
Noch einmal ein Bezug zur Innenpolitik, aber dieses Mal deutsche Innenpolitik.<br />
Danach zurück nach Israel&#8230;</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif; color: #000000"><b>Sarah:</b><br />
Was hat denn die israelische Presse zum Todesflug von Möllemann gesagt?<br />
Und welche Ansicht haben die verschiedenen Gesellschaftsgruppen über<br />
den Fall Friedmann? Gibt es über diese Themen einen öffentlichen<br />
Diskurs?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif; color: #000000"><b>Dieter.Sinnhuber:</b><br />
Das sind Themen, die hier letztlich keine Rolle spielen. Herrn Möllemanns<br />
Wahlkampf-Eskapaden bekam zwar Herr Westerwelle hier mal ziemlich unverblümt<br />
zu hören, aber ansonsten interessiert das hier kaum. Und die Friedman-Geschichte<br />
&#8211; wie immer man zu ihr stehen mag &#8211; findet zwar Erwähnung, aber nicht<br />
in einem ausgeprägt deutsch-jüdischen Kontext, dass es zu Spannungen<br />
führen könnte.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif; color: #000000"><b>OBerthold:</b><br />
Um den Zaun, der Israelis und Palästinenser trennen soll, ist es<br />
etwas still geworden. Geht der Bau indessen ungebremst weiter?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif; color: #000000"><b>Dieter.Sinnhuber:</b><br />
Der Zaun wird weiter gebaut, aber er wird auch in der israelischen Politik<br />
als &quot;zweischneidiges&quot; Schwert empfunden, also ist der Nachdruck<br />
beim Bau nicht so groß, wie erwartet. Denn gerade im Kontext mit<br />
der &quot;road map&quot;, der bis Ende 2005 einen endgültigen Status<br />
vorsieht, wird der Zaun oder die Mauer von vielen als Präjudiz einer<br />
endgültigen Grenzziehung gesehen, und das will man nicht &#8211; nicht<br />
aus irgendwelchen humanitären Gründen, sondern weil man sich<br />
hier Spielraum lassen will. Im übrigen kam die Idee nicht erst Herrn<br />
Scharon, sondern schon seinem Vorgänger Ehud Barak. Außerdem<br />
liegen dann viele der kleineren Siedlungen &quot;hinter dem Zaun&quot;,<br />
auf Palästinensergebiet, und so weit östlich, wie manche Siedler<br />
den Zaun am liebsten sähen, könnte auch eine noch viel weiter<br />
rechts orientierte Regierung nie bauen.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif; color: #000000"><b>Moderator:</b><br />
Die letzten 5 Minuten sind angebrochen. Noch 2 bis 3 Fragen&#8230;</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif; color: #000000"><b>Alberto:</b><br />
Eine Frage zur EU: Welche Rolle hat sie einzunehmen? Mittler oder Gegengewicht<br />
auf der Seite der Palästinenser?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif; color: #000000"><b>Dieter.Sinnhuber:</b><br />
Mittler ist sicher die angestammte Rolle, aus israelischer Sicht ist sie<br />
ohnehin schon viel zu viel für die Palästinenser engagiert und<br />
trifft in Jerusalem häufig auf die kalte Schulter. Einseitige Parteinahme<br />
wäre sicher kontraproduktiv. Ansonsten spielt sie hier bei weitem<br />
nicht die Rolle, wie sie in der Berichterstattung in Deutschland wahrgenommen<br />
wird.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif; color: #000000"><b>finis84:</b><br />
Wie können wir Deutschen zu einer friedlichen Lösung des Konflikts<br />
beitragen?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif; color: #000000"><b>Dieter.Sinnhuber:</b><br />
Im Grunde durch Fortsetzung der bisherigen Politik: Im Wissen um deutsche<br />
Verantwortung eine ausgewogene Position, wo man im Geheimen unter Freunden<br />
auch mal laut die Meinung sagen kann, aber offen nicht Partei ergreift.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif; color: #000000"><b>Manuel:</b><br />
Wie sehen die Israelis auf der Straße die Meinungsverschiedenheiten<br />
zwischen Europäern und den USA? Ein Kurzer Bruderzwist oder das endgültige<br />
Ende einer Freundschaft?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif; color: #000000"><b>Dieter.Sinnhuber:</b><br />
In der allgemeinen Wahrnehmung hier spielen die Europäer wirklich<br />
eine nachgeordnete Rolle. Das hat sich zum Beispiel im Vorfeld des Irak-Krieges<br />
gezeigt. Ich habe mit nicht wenigen Menschen hier gesprochen, die zwar<br />
die europäische Position &#8211; die ja nicht einheitlich war &#8211; gut fanden,<br />
sich aber erst einmal darüber freuten, dass die potentielle<br />
Bedrohung Saddam dadurch beseitigt wird.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif; color: #000000"><b>Moderator:</b><br />
Eine letzte Frage zum Ausstieg. Worüber werden Sie das nächste<br />
Mal in der ARD berichten, Herr Sinnhuber?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif; color: #000000"><b>Dieter.Sinnhuber:</b><br />
Im Augenblick planen meine Kollegin und ich &#8211; wir sind hier zu Zweit &#8211;<br />
Beiträge im Vorfeld des Besuches der US-Sicherheitsberaterin C. Rice<br />
und bereiten uns auf Beiträge vor für den Fall, dass der israelische<br />
Rückzug aus Teilgebieten tatsächlich kommt und die sogenannte<br />
&quot;hudna&quot;, ein Waffenstillstand der radikalen Palästinenserorganisationen,<br />
zustande kommt. Ansonsten &#8211; viele Aufgaben bringt der Alltag, der hier<br />
immer für Überraschungen, meistens schlimme, gut ist. Zudem<br />
sprechen wir gerade über einen Weltspiegel-Beitrag, aber vor ernsthafter<br />
Recherche lässt sich dazu noch nichts sagen.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif; color: #000000"><b>Moderator:</b><br />
Liebe Chatter, ein Stunde ist vorbei. Vielen Dank für Ihr Interesse,<br />
vielen Dank Herr Sinnhuber für`s chatten.<br />
Wir haben noch einen weiteren Chat in dieser Woche, auf die ich Sie hinweisen<br />
möchte: Morgen können Sie zwischen 17.00 und 18.00 Uhr mit dem<br />
Düsseldorfer Parteienforscher Ulrich von Alemann zum Thema Politik,<br />
Macht und Moral chatten. Wir freuen uns, wenn Sie wieder dabei sind und<br />
wünschen einen schönen Abend.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif; color: #000000"><b>Dieter.Sinnhuber:</b><br />
Und ich danke für das große Interesse.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif; color: #000000"><b>Moderator:</b><br />
Ihnen noch einen schönen Abend.</span>
</p>
<p><span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif; color: #000000"><b>Dieter.Sinnhuber:</b><br />
Danke, auch zurück an Sie.</span></p>
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		<title>&#8220;Das Krankengeld, die privaten Unfälle und den Zahnbereich aus dem Umlageverfahren herauszunehmen und in ein Prä</title>
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		<dc:creator><![CDATA[espies]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 23 Jun 2003 23:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Chattranscripte]]></category>
		<category><![CDATA[Bundespolitik]]></category>
		<category><![CDATA[FDP]]></category>
		<category><![CDATA[Gesundheitspolitik]]></category>
		<category><![CDATA[Gesundheitsreform]]></category>
		<category><![CDATA[Bürgerversicherung]]></category>
		<category><![CDATA[Dieter Thomae]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b><img src="http://www.politik-digital.de/salon/photos/dthomae1.jpg" alt="Dieter Thomae" align="left" border="0" height="126" width="81" /></b><b><b>Dr. 
Dieter Thomae</b>, gesundheitspolitischer Sprecher (FDP) </b><b>am 
24. Juni 2003, </b><b>zu Gast im tacheles.02 Live-Chat von tagesschau.de 
und politik-digital.de.</b></span>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b><img decoding="async" src="http://www.politik-digital.de/salon/photos/dthomae1.jpg" alt="Dieter Thomae" align="left" border="0" height="126" width="81" /></b><b><b>Dr.<br />
Dieter Thomae</b>, gesundheitspolitischer Sprecher (FDP) </b><b>am<br />
24. Juni 2003, </b><b>zu Gast im tacheles.02 Live-Chat von tagesschau.de<br />
und politik-digital.de.</b></span><!--break--><br />
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b></b></span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:</b> Liebe Politik-Interessierte, herzlich willkommen im<br />
tacheles.02-Chat. Unsere<br />
Chat-Reihe tacheles.02 ist ein Format von tagesschau.de und politik-digital.de<br />
und wird unterstützt von tagesspiegel.de. Heute ist der gesundheitspolitische<br />
Sprecher der FDP-Fraktion im Bundestag, Dr. Dieter Thomae zum Chat ins<br />
ARD-Hauptstadtstudio gekommen. Herr Thomae, vielen Dank, dass Sie sich<br />
in dieser &quot;heißen Phase&quot; der Diskussion über die<br />
Gesundheitsreform die Zeit genommen haben. Kann es losgehen?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Dieter Thomae:</b><br />
Es kann losgehen!</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:</b><br />
Herr Thomae, Rot-Grün und Union sind auf Schmusekurs bei der<br />
Gesundheitsreform. War`s das für FDP in Sachen Gesundheitsreform?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Dieter Thomae:</b><br />
Nein, die FDP wird ihre Konzepte viel deutlicher vorstellen. Wenn der<br />
Schmusekurs von Rot-Grün und Union eingeleitet wird, bedeutet dies<br />
stärkere Einflussnahme des Staates, letztlich der Weg in die Staatsmedizin<br />
und letztlich schlechtere Versorgung der Bürger.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>studentman:</b><br />
Schönen guten Tag. Wie weit sollten ihrer Meinung nach die Einschränkung<br />
der Kassenleistungen gehen?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Dieter Thomae:</b><br />
Wir werden nicht umhinkommen aufgrund der Alterspyramide und des technischen<br />
Fortschritts Leistungen aus dem Umlageverfahren herauszunehmen und sie<br />
in eine private Vorsorge zu überführen. Oberstes Ziel muss es<br />
sein, die Arbeitslosigkeit zu beseitigen. Daher müssen die Lohnnebenkosten<br />
gesenkt werden auf mindestens 13 Prozent.<br />
Daher schlägt die FDP vor, das Krankengeld, die privaten Unfälle<br />
und den Zahnbereich aus dem Umlageverfahren herauszunehmen und in ein<br />
Prämiensystem zu überführen. Voraussetzung dafür ist<br />
aber, dass vorher eine Steuerreform stattfindet, damit die Bürger<br />
auch mehr finanzielle Möglichkeiten haben, die private Vorsorge zu<br />
finanzieren.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>scheißWetter:</b><br />
Ist Eigenverantwortung wirklich das, was unserem Land den Aufschwung bringen<br />
kann?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Dieter Thomae:</b><br />
Eigenverantwortung ist ein wichtiger Bestandteil, um die Sozialsysteme<br />
auf Dauer in einem Umlageverfahren zu finanzieren. Die Eigenbeteiligung<br />
trägt zur Finanzierung bei. Sie verbessert aber auch eindeutig das<br />
Kostenbewusstsein der Versicherten. Dies muss natürlich gekoppelt<br />
werden mit einer vernünftigen Härtefall-Regelung und einer Überforderungsregel,<br />
sodass der Einzelne geschützt wird.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:</b><br />
Nachfrage zum Thema &quot;Staatsmedizin&quot;</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>naund:</b> Was<br />
heißt denn hier Staatsmedizin?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Dieter Thomae:</b><br />
Staatsmedizin bedeutet, dass der Staat sich immer stärker in die<br />
Behandlung der medizinischen Versorgung einmischt und Vorschriften vorgibt,<br />
die natürlich überwacht werden. Seit der letzten Wahlperiode,<br />
also ab 1998, haben Krankenkassen etwa 3800 zusätzliche Mitarbeiter<br />
eingestellt, um die Gesetzesvorgaben von Rot-Grün zu überwachen,<br />
d.h. immer mehr Teile der Mitgliedsbeiträge werden nicht zur medizinischen<br />
Versorgung benutzt, sondern zur Überwachung des Systems: nach Auffassung<br />
der FDP ein falscher Weg.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator: </b>Zwei<br />
Punkte dazu, beim geplanten Zentrum für Qualität in der Medizin<br />
wird von Leitlinien gesprochen, der Arzt darf wohl doch schon abweichen<br />
und: Die Verwaltung der gesetzlichen Kassen ist doch noch immer billiger<br />
als die der privaten, oder?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Dieter Thomae:</b><br />
Die privaten Krankenkassen haben einen Verwaltungsaufwand, der nicht direkt<br />
mit den Gesetzlichen verglichen werden kann, da bei den gesetzlichen Krankenkassen<br />
der Arbeitgeberanteil auch für die Verwaltung genutzt wird. Das Zentrum<br />
für Qualität in der Medizin ist so geplant, dass letztlich der<br />
Gesetzgeber die Entscheidungsbefugnis für die Behandlung der Patienten<br />
sich vorbehält. Wir sind der Auffassung, dass die Selbstverwaltung,<br />
d.h. Ärzteschaft, Zahnärzteschaft u.a. einerseits und die Krankenkassen<br />
andererseits diese Aufgaben besser wahrnehmen können. Dazu bedarf<br />
es natürlich auch einiger Verbesserungsinitiativen.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:</b><br />
Zum Kostenbewusstsein durch Eigenbeteiligung:</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>nalosjetzt: </b>Und<br />
wer verbessert das Kostenbewusstsein der Ärzte, der Kassen und anderer<br />
Leistungsanbieter? Z.B. Preisabsprachen der Herzklappen-Hersteller?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Dieter Thomae:</b><br />
Wir sind der Auffassung, dass das Kostenbewusstsein am besten gefördert<br />
wird, einerseits wenn der Patient eine Rechnung bekommt und weiß<br />
zu welchen Bedingungen und Preisen die Leistungen erbracht werden (Kostenerstattung)<br />
gekoppelt mit einer Selbstbeteiligung. In der stationären Versorgung<br />
haben wir ja in Zukunft sog. Fallpauschalen, wo auch die Thematik &quot;Herzklappen&quot;<br />
gelöst worden ist. Der Versicherte muss nach Auffassung der FDP viel<br />
stärker und besser informiert werden, welche Ärzte sich intensiv<br />
fort- und weitergebildet haben und Spezialisten auf ihrem Gebiet sind.<br />
Im Krankenhaus müssen die Patienten auch solche Informationen bekommen;<br />
z.B. durch einen bundesweiten Krankenhaus-Guide. Wir stellen heute immer<br />
mehr fest, dass bei planbaren Operationen die Patienten sich immer stärker<br />
über die Möglichkeiten des Operateurs, über das Krankenhaus<br />
und über die Liegezeiten informieren.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>simone s.:</b><br />
Die derzeitigen Leistungen des Gesundheitssystems könne nur durch<br />
die private Finanzierung dieser Teilbereiche über eine Prämie<br />
aufrecht erhalten werden, sagen sie. Wie ist das zu verstehen? Das Ende<br />
der Solidargemeinschaft und das Recht der Stärkeren?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Dieter Thomae:</b><br />
Nein, wir wollen einmal das Umlageverfahren erhalten; d.h. wir wollen<br />
die paritätische Finanzierung, d.h. eine solidarische Finanzierung<br />
in diesem Bereich. Wir wollen daneben aufgrund der Alterspyramide und<br />
des technischen Fortschritts, Leistungen, die man gut ausgliedern kann,<br />
in ein Prämiensystem überführen. Voraussetzung ist aber<br />
eine Steuerreform. Ich sagte schon, wer sozial schwach ist, bekommt durch<br />
die Steuerreform Mittel, um diese Prämie teilweise oder ganz zu bezahlen.<br />
Wenn wir diesen Weg nicht gehen, werden wir immer mehr in die Budgetierung<br />
des Systems kommen. Wir werden Wartezeiten erfahren und letztlich wie<br />
schon heute in Skandinavien, GB und Holland die Wartezeiten akzeptieren<br />
müssen. Für mich ist die schlimmste Vorstellung, dass wie in<br />
England und Skandinavien Altersgrenzen eingeführt werden. Danach<br />
muss ein Versicherter dann die Operation bei Erreichung einer bestimmten<br />
Altersgrenze selbst ganz bezahlen, d.h. das ist eine echte 2-Klassenmedizin.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:</b><br />
Da ist aber viel Hoffnung dabei, dass die Steuerreform &#8211; gerade den Geringverdienern<br />
&#8211; das Geld bringt, das sie für die Krankenversicherung brauchen.<br />
Kommt hinzu, dass die Vorstellungen der FDP für eine Steuerreform<br />
derzeit wohl kaum eine Mehrheit finden könnten.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Dieter Thomae:</b><br />
Sie sehen, ich sehe das völlig anders. Die FDP plädiert schon<br />
seit 1998 für eine Steuerreform und Rot-Grün greift diese Vorschläge<br />
auf, um die Bürger zu entlasten.<br />
Ich sage nicht, dass die steuerliche Entlastung nur für den Krankenversicherungsbereich<br />
eingesetzt werden kann. Ich hoffe, dass er erheblich größer<br />
ist.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>ulla: </b>Warum<br />
sind CDU u. FDP so vehement gegen die sogenannte &quot;Bürgerversicherung&quot;?<br />
</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Dieter Thomae:</b><br />
Bei der CDU/CSU bin ich nicht so sicher, ob sie wirklich für eine<br />
Bürgerversicherung ist, zumal Seehofer dafür plädiert.<br />
Für uns ist die Bürgerversicherung der Weg in eine Staatsmedizin.<br />
Wir sehen darin nur eine ganz kurzfristige Lösung, weil Inanspruchnahme<br />
von Leistungen massiv einsetzt und dann die Problematik, vor der wir heute<br />
stehen, noch gravierender zu Tage tritt. Die privaten Krankenversicherungen<br />
haben in den letzten Jahren Altersrückstellungen aufgebaut, die eine<br />
Sicherheit für die Versicherten darstellt und von daher wollen wir<br />
die Kombination: eine gute Versorgung im Umlageverfahren in den wichtigsten<br />
Leistungsbereichen und auf der anderen Seite Aufbau einer privaten Vorsorge,<br />
so wie es heute schon in der Rentenversicherung nach vielen Jahren der<br />
Forderung der FDP durch die Riester-Rente geschehen ist.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:</b><br />
Noch einmal zum Thema Transparenz und Information für den Patienten:</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>samariter:</b><br />
Wann waren sie das letzte mal im Krankenhaus? Dort bekomme ich doch eher<br />
keine Informationen. Die denken doch, ich bin zu blöd. Und in der<br />
Ausbildung der Ärzte ist das Patientengespräch nicht gerade<br />
der Schwerpunkt der Ausbildung. Wie wollen sie denn da was ändern?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Dieter Thomae:</b><br />
Wir haben das schon geändert, weil auch die Liberalen dem Fallpauschalenänderungsgesetz<br />
zugestimmt haben. Der Wettbewerb zwischen den einzelnen Krankenhäusern<br />
wird in den nächsten Jahren intensiv erfolgen und einzelne Krankenhäuser<br />
müssen sich im Wettbewerb behaupten. Das können sie nur, wenn<br />
sowohl das Management, die Ärzte und die Krankenschwestern mehr auf<br />
die Wünsche und Vorstellungen der Versicherten eingehen. Es gibt<br />
heute schon sehr eindeutige Anzeichen, dass die Krankenhäuser verstärkt<br />
um Patienten werben. Das beste Werbeinstrument ist, auf die Wünsche<br />
und Vorstellungen der Patienten verstärkt einzugehen.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Leukippos: </b>Wann<br />
ist mit der Reform nun denn zu rechnen?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Dieter Thomae:</b><br />
Ich gehe davon aus, dass bis Ende September/ Anfang Oktober die Reform<br />
verabschiedet worden ist, sodass sie zum 1.1.2004 in Kraft treten wird.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator: </b>Wo<br />
liegt die Kompromisslinie zwischen Union und Rot-Grün, was meinen<br />
Sie?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Dieter Thomae:</b><br />
Das ist schwer zu sagen. Ich kann nur hoffen, dass die Union für<br />
die freie Arztwahl, für die Freiberuflichkeit und die Therapiefreiheit<br />
plädiert.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>geld_segen:</b><br />
Sind sie für oder dagegen, dass der Versandhandel von apothekenpflichtigen<br />
Medikamenten zugelassen werden soll? Internetapotheke?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:</b><br />
Da schließt sich die Frage an, warum sollte ein Apotheker nur eine<br />
Apotheke haben dürfen &#8211; weg mit dem Apothekenkettenverbot?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Dieter Thomae:</b><br />
Das Arzneimittel ist nach Auffassung der Liberalen ein besonderes Gut.<br />
Und das besondere Gut muss dann auch so gesetzlich behandelt werden. D.h.<br />
die Arzneimittelsicherheit muss immer und überall gewährleistet<br />
werden. Wir sind der Auffassung, dass dies am besten durch den freiberuflich,<br />
selbständigen Apotheker gewährleistet wird. Versandhandel kann<br />
organisiert werden, wenn die gesetzlichen Bedingungen endlich durch Rot-Grün<br />
in Europa angepasst werden, so dass gleiche Voraussetzungen gegeben sind.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:</b><br />
Und die Apothekenketten?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Dieter Thomae:<br />
</b>Wir sind gegen Apothekenketten, weil wir der Auffassung sind, wir<br />
können nicht immer nur theoretisch reden und den Mittelstand erhalten<br />
und fördern, wie Herr Clement das immer tut, sondern wir müssen<br />
auch dann Maßnahmen treffen, um den Mittelstand zu fördern.<br />
Denn der Mittelstand schafft Arbeitsplätze. Und dies ist der Grund<br />
neben der Arzneimittelsicherheit warum wir Apothekenketten ablehnen. Es<br />
wird immer wieder behauptet, in den Ländern, wo es Apothekenketten<br />
gibt, z.B. England, wären die Arzneimittel erheblich günstiger<br />
und die Versorgung mindestens so gut. Das stimmt beispielsweise nicht<br />
beim Preisvergleich. Wenn man in den ländlichen Bereich geht, ist<br />
die Versorgung nicht so gewährleistet wie bei uns.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:</b><br />
Noch mal zur Bürgerversicherung und der Bitte um konkrete Antwort<br />
bei Beamten und Politikern:</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Günter:</b><br />
Herr Thomae, mich würde interessieren, aus welchen Gründen Sie<br />
eine Bürgerversicherung ablehnen? Ich finde, dass es sinnvoll wäre,<br />
wenn in eine solche Versicherung auch Beamte und Selbstständige und<br />
auch Politiker miteinbezogen würden.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Dieter Thomae:</b><br />
Ich sagte eben schon: Es zeigt sich, dass Beamte, wenn sie in das gesetzliche<br />
System einbezogen würden, es für die Länder und den Bund<br />
erheblich teuerer würde. Hier liegen eine Reihe von Gutachten vor.<br />
Aber ich sage noch mal sehr deutlich, ich halte den Weg in eine Bürgerversicherung<br />
für den falschen Weg. Wir plädieren für einen Bereich im<br />
Umlageverfahren und eine private Absicherung damit wir das medizinische<br />
Niveau halten können. Eine Bürgerversicherung würde immer<br />
näher rücken in die Verantwortung des Staates. Die besten Beispiele<br />
sind Skandinavien und England.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:</b><br />
Neues Thema:</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>lieberae:</b> Für<br />
7,50 Euro pro Person und Monat würde &quot;die private Krankenversicherung<br />
den Zahnersatz für die gesamte Bevölkerung anbieten&quot;, sagt<br />
der Vorsitzende des Verbandes der Privaten Krankenversicherungen Volker<br />
Laienbach. Stimmt das?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Dieter Thomae:</b><br />
Ja, nachdem also die private Krankenversicherung sehr sorgfältig<br />
ausgerechnet und analysiert hat, kommt Herr Laienbach zu dem Ergebnis,<br />
dass die private Absicherung für den Zahnersatzbereich 7,50 €<br />
kosten würde. Ich darf aber auch noch darauf hinweisen, dass aufgrund<br />
der Initiative der FDP 1989 die Bonusregelung im zahnärztlichen Bereich<br />
eingeführt wurde. Sie hat dazu geführt, dass die Prophylaxe<br />
erheblich verbessert wurde und wir heute den Zahnersatz erst in einem<br />
viel höheren Alter in Anspruch nehmen. Ich wünsche mir, dass<br />
wir so weit kommen, dass wir durch Prophylaxe den Zahnersatz immer mehr<br />
zurück drängen.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:</b><br />
Das wünschen sich alle, die schon mal den Bohrer im Mund spürten,<br />
aber dennoch: Seehofer sagt, die 7,50 langen nicht &#8211; ist da die Altersrückstellung<br />
schon drin?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Dieter Thomae:</b><br />
Herr Seehofer hat, wie in den letzten Tagen sehr häufig, in meinen<br />
Augen keine fundierten Aussagen gemacht. Herr Seehofer hat die detaillierte<br />
Darlegung der privaten Krankenkassen nicht abgewartet. Sie liegen vor<br />
und sie sind fundiert.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:</b><br />
Heißt: Seehofers Angaben sind falsch? Er beruft sich ausdrücklich<br />
auf Angaben der Versicherer.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Dieter Thomae:</b><br />
Nein, die privaten Krankenkassen sind durch die CDU/CSU -Fraktion gefragt<br />
worden: Wie hoch würde eine private Absicherung des Zahnersatzes<br />
liegen? Daraufhin hat man ohne eine exakte, detaillierte Berechnung durch<br />
die Vertreter der privaten Krankenversicherungen in diesem Gespräch<br />
geantwortet: rund neun Euro. Die Vertreter der privaten Krankenversicherungen<br />
haben aber sehr deutlich gesagt: Wir brauchen noch eine Detailberechnung,<br />
dann können wir eine exakte Auskunft geben. Diese Auskunft liegt<br />
bei 7,50 €, das hat auch Herr Seehofer mitgeteilt bekommen.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>mark:</b> Wenn<br />
es um die Kostenreduzierung geht, wird meistens nur über Zahnersatz<br />
geredet. Muss man nicht an den größten Batzen &#8211; die Krankenhauskosten-<br />
rangehen und dort massiv einsparen?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Dieter Thomae:</b><br />
Natürlich ist das Krankenhaus der größte Bereich. Durch<br />
das DRG-Gesetz (Fallpauschalengesetz) wird in den nächsten Jahren<br />
der Krankenhausbereich nennenswert verändert werden und damit ein<br />
Bettenabbau einhergehen und die Liegezeiten verkürzt.<br />
D.h. im stationären Bereich werden auch Kostenreduzierungen stattfinden.<br />
Aber es muss uns klar sein, dass Leistungen in den ambulanten Bereich<br />
verlagert werden und hier zu günstigeren Bedingungen und Preisen<br />
verstärkt Leistungen erbracht werden.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Elias:</b> Was<br />
halten Sie vom Vorschlag, die Leistungen der Pflegeversicherung im ambulanten<br />
und stationären Bereich anzugleichen? Dies wäre für Pflegeheime<br />
ein Desaster!</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Dieter Thomae:</b><br />
Wir haben in den letzten Jahren eine verstärkte Entwicklung vom ambulanten<br />
Bereich hin zum stationären Bereich. Wir müssen versuchen den<br />
ambulanten Bereich zu stabilisieren. Aber mir ist auch klar, dass der<br />
stationäre Bereich aufgrund der Alterspyramide aber auch sehr häufig<br />
aufgrund des familiären Umfeldes zunehmen wird<br />
und von daher werden wir auch in der Pflegeversicherung große finanzielle<br />
Probleme bekommen. Eins muss sehr deutlich gesagt werden: Die Pflegeversicherung<br />
ist keine volle Absicherung, sondern nur eine Teilabsicherung und dabei<br />
muss die zu pflegende Person eigenen finanzielle Mittel zur Versorgung<br />
mit einbringen. Dies muss nach meiner Auffassung auch in Zukunft so bleiben.<br />
Man sollte auch hier verstärkt die Möglichkeit der privaten<br />
Absicherung mit steuerlichen Vorteilen ermöglichen.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>kunigunde:</b><br />
Was halten Sie von dem Ausspruch, &quot;eine Gesellschaft lässt sich<br />
daran messen, wie sie mit ihren schwächsten Mitgliedern umgeht&quot;?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Dieter Thomae:</b><br />
Völlig richtig. Von daher bin ich für eine vernünftige<br />
Härtefallregelung und Überforderungsregel, die den sozial Schwachen<br />
wirklich schützt und ihm die Leistungsinanspruchnahme ermöglicht.<br />
Das ist bei dem Konzept von Rot-Grün dann nicht mehr möglich,<br />
wenn das Budget erschöpft ist, muss der Patient, wenn er die Leistung<br />
in Anspruch nehmen will, 100% alles bezahlen. Das ist in meinen Augen<br />
unsozial.<br />
</span><span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><br />
<b>Moderator:</b> Liebe Chatter, ein Stunde ist vorbei. Vielen Dank für<br />
Ihr Interesse, vielen Dank Herr Thomae fürs Kommen. Wir haben noch<br />
zwei weitere Chats in dieser Woche, auf die ich Sie hinweisen möchte:<br />
Morgen können Sie zwischen 17.00 und 18.00 Uhr mit<br />
dem ARD-Korrespondenten Dieter Sinnhuber chatten, der aus Israel berichtet.<br />
Am Donnerstag ist der Düsseldorfer Parteienforscher Ulrich von Alemann<br />
unser Chat-Gast zum Thema Politik, Macht und Moral. Wir freuen uns, wenn<br />
Sie wieder dabei sind und wünschen einen schönen Abend.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Dieter Thomae:</b><br />
Und auf Wiedersehen!</span></p>
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			</item>
		<item>
		<title>&#8220;Ich persönlich bin der Meinung, dass der Wehrdienst ausgesetzt werden sollte und glaube, dass die damit verbund</title>
		<link>https://www.politik-digital.de/chattranscripte/quotich_persoenlich_bin_der_meinung_dass_der_wehrdienst_ausgesetzt_werden_sollte_und_glaube_dass_die_-301/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[espies]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 02 Jun 2003 23:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Chattranscripte]]></category>
		<category><![CDATA[Gender Mainstreaming]]></category>
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		<guid isPermaLink="false">https://www.politik-digital.de/uncategorized/quotich_persoenlich_bin_der_meinung_dass_der_wehrdienst_ausgesetzt_werden_sollte_und_glaube_dass_die_-301/</guid>

					<description><![CDATA[<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b><img src="http://www.politik-digital.de/salon/photos/rschmidt.gif" alt="Renate Schmidt" align="left" border="0" height="108" width="89" />Renate 
Schmidt</b><b>, Familienministerin (SPD), </b><b>war am 03. 
Juni 2003 zu Gast im tacheles.02 Live-Chat von tagesschau.de und politik-digital.de 
im ARD-Hauptstadtstudio</b></span>.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b><img decoding="async" src="http://www.politik-digital.de/salon/photos/rschmidt.gif" alt="Renate Schmidt" align="left" border="0" height="108" width="89" />Renate<br />
Schmidt</b><b>, Familienministerin (SPD), </b><b>war am 03.<br />
Juni 2003 zu Gast im tacheles.02 Live-Chat von tagesschau.de und politik-digital.de<br />
im ARD-Hauptstadtstudio</b></span>.<!--break--> <br />
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"></p>
<p><b>Moderator: </b>Herzlich willkommen im tacheles.02-Chat. tacheles.02<br />
ist ein Format von tagesschau.de und politik-digital.de und wird unterstützt<br />
von tagesspiegel.de. Die Bundesfamilienministerin und stellvertretende<br />
SPD-Vorsitzende Renate Schmidt ist heute im ARD-Hauptstadtstudio unser<br />
Chat-Gast. Frau Schmidt, sind Sie bereit für den 60-Minuten-Chat<br />
mit unseren Usern?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Renate Schmidt:</b><br />
Ja!</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>nevaplus:</b> Frau<br />
Schmidt, Sie waren einmal Betriebsrätin und kennen vermutlich die<br />
Sorgen und Nöte der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Frage: Veränderungen<br />
sind nötig; doch dürfen sie Ihrer Meinung nach überwiegend<br />
zu Lasten von Beschäftigten, Rentner und Arbeitslosen &#8211; wie jetzt<br />
geplant ohne einen Beitrag der Vermögenden in unserem Land &#8211; durchgesetzt<br />
werden? Wo bleibt die noch im Wahlkampf von der SPD versprochene Soziale<br />
Gerechtigkeit bei der Agenda 2010?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Renate Schmidt:</b><br />
Ich finde, dass es nicht gerecht ist, wenn man älteren Arbeitslosen<br />
32 Monate Arbeitslosengeld zahlt und damit Anreize schafft für den<br />
Arbeitgeber, sich möglichst kostengünstig zu Lasten der Sozialkassen<br />
ihrer zu entledigen. Deshalb ist es richtig, das zu verändern, wenn<br />
man gleichzeitig sicherstellt, dass diejenigen, die dann immer noch ohne<br />
Job dastehen, ein Angebot bekommen. Genau das wollen wir tun. Was die<br />
Rentner betrifft, müssen wir einfach sehen, dass wir eine dramatisch<br />
schlechte Alterstruktur in Deutschland haben. Die Lebenserwartung steigt,<br />
Gott sei Dank. Aber das Renteneintrittsalter liegt deutlich unter dem<br />
gesetzlich vorgesehenen von 65 Jahren &#8211; nämlich bei 60, d.h. für<br />
einen immer längeren Zeitraum müssen die Renten finanziert werden.<br />
Das wird auf Dauer nicht gehen. Deshalb ist es richtig, dass ab 2011 das<br />
Eintrittsalter in die Rente auch im Gesetz steigen wird und in der Zwischenzeit<br />
die Rentensteigerungen nicht ganz so hoch sein werden, wie wir es uns<br />
mal vorgenommen haben.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>über_allem:</b><br />
Frau Schmidt. Unser Kanzler hat ja beim Parteitag der SPD ein hervorragendes<br />
Votum für seine Politik bekommen. Sehen Sie die Position des Kanzler<br />
gestärkt und steht die Partei jetzt vereint hinter dem Kanzler? War<br />
diese Entscheidung der Delegierten die Entscheidung für die Agenda<br />
oder sehen Sie Probleme, die Agenda jetzt im Bundestag durchzusetzen?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Renate Schmidt:</b><br />
Es war eine Entscheidung für die Agenda und ich gehe davon aus, dass<br />
diejenigen in der Fraktion, die sie bisher kritisiert haben, dieses eindeutige<br />
Votum respektieren werden und dann der Agenda und den Gesetzen, die daraus<br />
folgen, auch zustimmen werden.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>nevaplus:</b> Die<br />
Post hat ca. 120.000 Arbeitsplätze vernichtet und setzt diese sogenannte<br />
Personalanpassung fort. Was tun Sie als Mitglied dieser Bundesregierung<br />
konkret gegen den Abbau von Arbeitsplätzen bei der Post und damit<br />
für den Erhalt und die Schaffung von Arbeitsplätzen?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Renate Schmidt:</b><br />
Die Post ist in der Zwischenzeit ein privatisiertes Unternehmen. Die Bundesregierung<br />
sitzt zwar im Aufsichtsrat, hat aber rein gesetzlich gar nicht die Möglichkeit,<br />
Unternehmensentscheidungen zu beeinflussen.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:</b><br />
Zum Thema Wehrpflicht gibt es viele Fragen.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>zivi-1:</b> Warum<br />
halten Sie am Wehrdienst fest? Wer bedroht uns und ist das nicht ineffektiv<br />
und teuer?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Renate Schmidt:</b><br />
Ich persönlich bin der Meinung, dass der Wehrdienst ausgesetzt werden<br />
sollte und glaube, dass die damit verbundenen Probleme sowohl bei der<br />
Bundeswehr als auch beim Zivildienst lösbar sind. Meine Partei und<br />
die SPD-Fraktion sind mit großer Mehrheit anderer Auffassung. Wir<br />
werden die Entscheidung darüber am 1.Juli treffen. Ich bin allerdings<br />
überzeugt davon, dass auf eine mittlere Sicht gesehen &#8211; auch angesichts<br />
der Tatsache, dass um uns herum überwiegend Berufsarmeen installiert<br />
werden &#8211; auch bei uns die Wehrpflicht eher ein Auslaufmodell ist. Als<br />
Bundesministerin werde ich natürlich die Entscheidungen der Fraktion<br />
und des Kabinetts respektieren und umsetzen. Wichtig ist mir, dass junge<br />
Leute beiderlei Geschlechts einen Dienst an der Gesellschaft leisten.<br />
Deshalb habe ich auch eine Kommission zur Zukunft von Zivildienst und<br />
freiwilligen Diensten eingerichtet.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>petermann25:</b><br />
Dann sind Sie anderer Meinung als Struck?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Renate Schmidt:</b><br />
In diesem Fall ja, obwohl wir sehr gut zusammenarbeiten, und dies kein<br />
verbissener Streit ist sondern einen Auseinandersetzung um die beste Lösung.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>zivi-1:</b> Fortentwicklung<br />
des freiwilligen sozialen Jahres, klingt gut, aber bei der Staatsverdrossenheit<br />
kein leichtes Spiel? Der Staat nimmt durch immer mehr Steuern, warum soll<br />
ich da geben?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Renate Schmidt:</b><br />
Weil der Staat wir alle sind und wenn wir alle Aufgaben auf den Staat<br />
verlagern, wird die Steuerlast immer größer. Wir brauchen mehr<br />
Eigenverantwortung, mehr ehrenamtliches Engagement, mehr Nachbarschaftshilfe<br />
und müssen schauen, welche Probleme wir selber lösen können,<br />
bevor wir nach dem Staat rufen. Wenn das viele tun, werden auch Steuerlasten<br />
sinken können.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>samariter:</b><br />
Sie sagen: Der Zivildienst sei keine Begründung für eine weitere<br />
Existenz der Wehrpflicht. Aber können die Wohlfahrtsverbände<br />
auf die billigen Arbeitskräfte verzichten?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Renate Schmidt:</b><br />
Im Zivildienstgesetz steht, dass der Zivildienst arbeitsmarktneutral sein<br />
muss und Zivildienstleistende nur für Aufgaben eingesetzt werden<br />
dürfen, die nicht zwingend notwendig sind. Ich weiß natürlich,<br />
dass das so nicht überall der Fall ist. Aber es gibt natürlich<br />
Lösungen, falls die Wehrpflicht ausgesetzt würde, wie man die<br />
Zivildienstleistenden durch reguläre Arbeitskräfte ersetzen<br />
könnte. Allerdings brauchen die Wohlfahrtsorganisationen und die<br />
anderen Träger endliche Planungssicherheit. Und deshalb brauchen<br />
wir eine schnelle Entscheidung. Es bleibt aber dabei, dass der Zivildienst<br />
nicht die Begründung der Wehrpflicht bedeuten kann. Der Zivildienst<br />
ist eine Konsequenz der Wehrpflicht und kann nur bleiben, wenn wir die<br />
Wehrpflicht tatsächlich noch benötigen.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>offizier:</b> Wehrpflicht<br />
und Zivildienst sollten die gleiche Dauer haben. Warum plötzlich<br />
diese Kehrtwendung? Früher war der Zivildienst immer länger.<br />
Wer geht da noch zum Bund?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Renate Schmidt:</b><br />
Der eine Monat ist schon längst keine &quot;Abschreckung&quot; mehr.<br />
Es gibt im Moment pro Geburtsjahrgang jeweils die Hälfte Bundeswehr-<br />
und Zivildienstleistende. Dies wird sich auch bei gleicher Dauer von Zivildienst<br />
und Wehrdienst nicht verändern.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>rurupro:</b> Wenn<br />
man die Wehrpflicht abschafft und ein Soziales Jahr für Frauen und<br />
Männer einführt, dann wäre dies doch viel sinnvoller und<br />
gerechter, oder?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Renate Schmidt:</b><br />
Wir haben uns in unserer Verfassung verpflichtet, keinen sogenannten Zwangsdienst<br />
einzuführen und wir sind auch in internationalen Vereinbarungen vertraglich<br />
gebunden, dies nicht zu tun. Es gibt meines Wissens nur zwei Länder<br />
auf der Welt, die einen solchen Zwangsdienst kennen. Beides sind Diktaturen.<br />
Ich möchte aber nicht missverstanden werden, auf freiwilliger Ebene<br />
halte ich für beide Geschlechter einen solchen Dienst für richtig<br />
und sinnvoll!</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>petermann25:</b><br />
Wenn es beim Wehrdienst bliebe, wolle man rasch entscheiden, wie lange<br />
dieser dann dauern solle. Ja wie lange denn?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Renate Schmidt:</b><br />
Dies wird sich nicht nach den Bedürfnissen meines Ministeriums richten,<br />
<br />
sondern nach den Bedürfnissen der Bundeswehr. Hier gibt es unterschiedliche<br />
Äußerungen. Die Verabredung ist, bis zum Jahresende auch Klarheit<br />
über die Dauer des Wehrdienstes zu haben. Die gleiche Dauer wird<br />
dann auch für den Zivildienst gelten.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:</b><br />
Kommen wir zu einem weiteren Thema &#8211; die künstliche Befruchtung erregt<br />
die Gemüter.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Jana:</b> Wie sehen<br />
Sie die Abschaffung der künstlichen Befruchtung?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Renate Schmidt:<br />
</b>Die künstliche Befruchtung wird natürlich nicht abgeschafft,<br />
die Möglichkeit besteht nach wie vor &#8211; allerdings wird sie nicht<br />
mehr von der gesetzlichen Krankenkasse finanziert. Dies ist für mich<br />
sicher eine schwierige Entscheidung gewesen. In der Abwägung, was<br />
aber wirklich zu Lasten der gesetzlichen Krankenkassen gehen muss und<br />
was nicht und damit zu Lasten der Beiträge von Arbeitnehmern und<br />
-gebern, ist die Entscheidung meines Erachtens nachzuvollziehen, das dies<br />
mit der Grundidee der gesetzlichen Krankenversicherung nichts zu tun hat.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Dini:</b> Sind<br />
Sie auch der Meinung, dass die Streichung der Kostenübernahme der<br />
künstlichen Befruchtung die KK wirklich entlastet? Nachweislich handelt<br />
es hierbei um ca. 0,1% der Gesamtkosten, für die betroffenen (kranken<br />
!) Paare sind die Beträge aber teilweise unerschwinglich. Und das<br />
in einer Gesellschaft, in der immer mehr von &quot;Vergreisung&quot; die<br />
Rede ist?!</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Renate Schmidt:</b><br />
Es ist sicherlich richtig, dass das jetzt nicht der große Brocken<br />
in der Krankenversicherung ist. Aber auch andere Dinge, die gestrichen<br />
werden mussten, wie z.B. das Sterbegeld, machen auch allein für sich<br />
gesehen nicht soviel aus. Zusammengenommen werden wir es aber durch die<br />
Herausnahme von Leistungen, die entweder über Steuern finanziert<br />
werden oder gar nicht mehr bezahlt werden, schaffen, auf mittlere Sicht<br />
den Krankenversicherungsbeitrag zu senken.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Andreas:</b> Warum<br />
werden Schwangerschaftsabbruch, Verhütung etc. aus Steuergeldern<br />
gezahlt und Kinderwunsch nicht?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Renate Schmidt:</b><br />
Verhütung wird nicht aus Steuergeldern gezahlt. Schwangerschaftsabbrüche<br />
auch nicht immer. Weil ersteres in jedem Fall zur Privatsphäre gehört<br />
und es keinen Grund gibt, dieses über Beiträge zu finanzieren.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Heiko:</b> Ist<br />
das nicht sogar ein Verlustgeschäft? Weniger Geburten &#8211; weniger Einnahmen<br />
an Mehrwertsteuer für Kinderprodukte, weniger neue Steuerzahler?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Renate Schmidt:</b><br />
Wir sollten jetzt nicht so tun, als ob die Masse der Kinder über<br />
künstliche Befruchtung zur Welt kommt. Vorhin ist richtigerweise<br />
auf den Betrag von 0,1% hingewiesen worden. Das zeigt, dass die Zahl der<br />
Geburten über diese Maßnahme nicht wesentlich steigen wird.<br />
Ich bin außerdem der Überzeugung, dass Paare, für die<br />
der Kinderwunsch so dringend ist, dass sie diese wahrhaftig nicht angenehme<br />
und psychisch belastende Prozedur auf sich nehmen, in vielen Fällen<br />
dies auch selber finanzieren werden.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Justine:</b> Sterbegeld<br />
macht die Toten nicht lebendig &#8211; aber wir brauchen neue Kinder. Im Moment<br />
sind es 12.000 Kinder, die pro Jahr durch IVF oder ICSI entstehen, das<br />
könnte allein den Jahresrentenbetrag jedes Einzelnen um 300 Euro<br />
aufbessern. Warum ist man da so kurzsichtig?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><br />
<b>Renate Schmidt:</b> Diese Berechnungen sind leider sehr theoretisch.<br />
Nicht aus jedem Kind &#8211; egal ob über künstliche Befruchtung oder<br />
auf dem üblichen Weg entstanden &#8211; wird ein künftiger Rentenbeitragszahler.<br />
Aus manchen werden nicht rentenbeitragszahlende Beamte, aus anderen Selbständige,<br />
aus dritten leider vielleicht Sozialhilfeempfänger. Diese Rechnung<br />
ist so nicht haltbar. Und ich betone nochmals: vielleicht wird die Zahl<br />
der Geburten auf diesem Weg abnehmen, aber garantiert nicht auf null.<br />
Denn in anderen Ländern werden die Kosten auch nicht vom Staat oder<br />
von den Krankenversicherungen übernommen. Länder, in denen die<br />
Zahl der Geburten über künstliche Befruchtung auch höher<br />
sind als bei uns, z.B. die USA.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:</b><br />
Kommen wir zu einem anderen Aspekt der Familienpolitik. Kürzlich<br />
ist der dritte Girlsday erfolgreich zu Ende gegangen. Dazu eine ganz spezielle<br />
Frage.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>joachim2003:</b><br />
10. Frage: Gibt es neben dem Girlsday auch mal den Boysday, um Jungs auch<br />
einen Einblick in Berufe zu ermöglichen?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Renate Schmidt:</b><br />
Natürlich gibt es das. Und ich hoffe, an allen Schulen und nicht<br />
nur einmal im Jahr. <br />
Außerdem geht es bei dem girlsday darum, dass Mädchen in Berufe<br />
Einblicke gewinnen, in denen sie bisher absolut unterrepräsentiert<br />
sind. Also vor allen Dingen in technisch orientierten Berufen. <br />
Einige Schulen haben jetzt für die Jungen an diesem Tag ebenfalls<br />
Möglichkeiten angeboten, sich mit Berufen auseinander zusetzen, in<br />
denen sie unterrepräsentiert sind, z. B. Erzieher in Kindergärten,<br />
Altenpflege und andere soziale Berufe, in denen es teilweise Männer<br />
nur in seltenen Ausnahmefällen gibt.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:</b><br />
Trotzdem gibt es vor allem bei Frauen Probleme, Arbeit und Familie unter<br />
einen Hut zu bringen. Was muss über den Girlsday hinaus auf diesem<br />
Gebiet passieren?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Renate Schmidt:</b><br />
Eine ganze Menge. Wir sind in diesen Fragen leider Entwicklungsland, innerhalb<br />
der europäischen Union, aber auch darüber hinaus. Und die Tatsache,<br />
dass wir bei der Geburtenrate in Deutschland an der 180. Stelle von 191<br />
Staaten liegen, hat ihre Ursache vor allen Dingen darin, dass die am besten<br />
ausgebildete Frauengeneration, die es jemals in Deutschland gab, eine<br />
geringe Chance hat, ihre Ausbildung auch beruflich zu nutzen und dennoch<br />
Kinder haben zu können. Deshalb brauchen wir mehr und bessere Kinderbetreuungseinrichtungen,<br />
aber auch bessere Arbeitsmöglichkeiten. Ich bin dabei, beides auf<br />
den Weg zu bringen. Einmal dadurch, dass die vier Milliarden jetzt für<br />
Ganztagsschulen investiert werden, und ab Ende 2004 1, 5 Milliarden Euro<br />
für die Betreuung für die Kleinsten, die unter-3-Jährigen.<br />
Außerdem habe ich mit Unternehmensverbänden und Gewerkschaften<br />
eine Allianz für die Familien gegründet, mit dem Ziel, familienfreundliche<br />
Arbeitsbedingungen anzubieten.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Günter Dantrimont:</b><br />
Ist es nicht illusorisch, 100%ige berufliche Gleichberechtigung ohne familiäre<br />
Gleichberechtigung erreichen zu wollen?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Renate Schmidt:</b><br />
Wir brauchen beides. Wir brauchen echte Partnerschaft in der Familie und<br />
gleiche Chancen und Pflichten im Beruf. Das heißt, die Väter<br />
müssen sich mehr in der konkreten Arbeit für die Familie aber<br />
auch im Haushalt engagieren und die Frauen werden mehr dazu beitragen,<br />
das Familieneinkommen zu sichern. Das erstere kann man nun garantiert<br />
nicht gesetzlich vorschreiben. Aber man kann dafür sorgen, dass die<br />
Arbeitgeber die Inanspruchnahme von Teilzeitbeschäftigung eines Vaters<br />
nicht als karriereschädlich bewerten, sondern als positive Erweiterung<br />
seines Horizonts.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:</b><br />
Warum gibt es aber immer noch so wenig Frauen in Toppositionen?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Renate Schmidt:</b><br />
Aus dem gerade geschilderten Grund. Nachdem Frauen keine Übermenschen<br />
sind, und sie in Deutschland über Jahrzehnte hinweg mit der Betreuung<br />
der Kinder wesentlich alleingelassen worden sind, ziehen die Männer<br />
in der Zeit, wo sie sich um die Kinder kümmern, beruflich an ihnen<br />
vorbei. Und wenn sie dann wieder in den Beruf einsteigen, haben sie ihre<br />
persönliche Karrierechancen verpasst. Genau das möchte ich durch<br />
die geschilderten Maßnahmen ändern.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>isuvwb:</b> Wie<br />
sehen Sie Home Arbeit am Computer, per Internet, dazu ??</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Renate Schmidt:</b><br />
Es gibt sehr viele Möglichkeiten, die Vereinbarkeit von Erwerbstätigkeit<br />
und Kindern zu verbessern. Für mich gehört Dezentralisierung<br />
von Arbeit und damit auch Telearbeit dazu. In nicht wenigen Betrieben<br />
wird das bereits praktiziert und zwar zum Vorteil von allen und in diesen<br />
Fällen übrigens auch zum Vorteil einer nicht geringen Zahl von<br />
Männern.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:</b><br />
Einfache, aber wichtige Frage:</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Christine:</b><br />
Warum verdienen Frauen weniger als Männer?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Renate Schmidt:</b><br />
Wir sind immer wieder beim selben Grund: Wenn heute Frauen und Männer<br />
in den Beruf einsteigen, beträgt der durchschnittliche Einkommensabstand<br />
rund 10% zu Lasten der Frauen. <br />
Dies liegt vor allem daran, dass Frauen sehr viel häufiger die schlechter<br />
bezahlten Berufe wählen und sehr viel seltener in die gut bezahlten<br />
technischen Berufe gehen. Siehe unsere Diskussion zum Girlsday. Dieser<br />
Einkommensabstand wächst dann mit zunehmendem Alter der Frauen auf<br />
heute bis zu 30 % und hat seine Ursache in der häufigeren Unterbrechung<br />
der Erwerbstätigkeit von Frauen.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Kathrin: </b>Guten<br />
Tag Frau Schmidt! Zum Thema Familienfreundlichkeit deutscher Unternehmen:<br />
Was wird Ihr Ministerium in Zukunft dafür tun, um familienorientierte<br />
Personalpolitik zu fördern? Mich interessiert im besonderen, ob es<br />
gemeinsame Initiativen mit der Wirtschaft in diesem Bereich gibt.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Renate Schmidt:<br />
</b>Genau diese haben wir angeleiert. Die Unternehmensorganisationen haben<br />
ein so genanntes Familien-Monitoring vor wenigen Wochen begonnen. Das<br />
heißt, 10.000 Unternehmen werden auf unsere Bitte hin befragt, welche<br />
familien- und frauenfreundliche Maßnahmen sie in ihren Betrieben<br />
getroffen haben. So etwas hat es bisher in Deutschland noch nicht gegeben.<br />
Die Ergebnisse werden im Oktober vorgestellt. Und wir haben dann vor Ministerium,<br />
Arbeitgeber und Gewerkschaften, gemeinsam daraus Schlüsse zu ziehen<br />
und Empfehlungen abzugeben. Darüber hinaus habe ich das Prognos-Institut<br />
beauftragt, den betriebswirtschaftlichen Vorteil von derartigen Maßnahmen<br />
zu berechnen, anhand von konkreten Unternehmen, kleinen, mittleren und<br />
großen, die so etwas schon praktizieren. Diese Ergebnisse werde<br />
ich ebenfalls vor Unternehmern dann öffentlich machen. Zum dritten<br />
haben wir uns vorgenommen, so genannte lokale Bündnisse für<br />
Familien zu installieren, wo alle Verantwortlichen in einer Kommune &#8211;<br />
Arbeitgeber, Gewerkschaften, Wohlfahrtsorganisation, Kirchen und andere<br />
&#8211; zusammenkommen, um konkrete Maßnahmen zu mehr Familienfreundlichkeit<br />
zu ergreifen. Dies fürs Erste, mehr Platz habe ich nicht.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:</b><br />
Politik praktisch umgesetzt? Dazu die folgende Frage zu Teilzeitarbeit<br />
oder Kinderbetreuung?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>isuvwb:</b> Bieten<br />
Sie in &quot;ihrem&quot; Ministerium Eltern diese Möglichkeit?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Renate Schmidt:</b><br />
In einem ganz großen Ausmaß. Wir sind auch nach dem Urteil<br />
anderer hier vorbildlich. Die hohe Geburtenrate in meinem Ministerium<br />
bestätigt, dass solche Maßnahmen wirken.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>WildCard:</b> Welche<br />
Maßnahmen ergreifen Unternehmen denn heutzutage schon zu diesem<br />
Zweck, außer einer Quotenregelung?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Renate Schmidt:</b><br />
Eine Quotenregelung ist in diesem Fall überhaupt nicht sinnvoll.<br />
Es gibt Unternehmen, die haben besondere Wiedereinstiegsprogramme, bieten<br />
Frauen die Möglichkeit, während der Familienphase Kontakt zum<br />
Beruf zu halten, haben besondere Teilzeitmodelle, ermuntern Väter,<br />
Elternzeit in Anspruch zu nehmen, haben besondere Förderprogramme,<br />
um Frauen in Führungspositionen zu bringen (vor allem dann, wenn<br />
sie zusätzliche Familienpflichten haben) und bieten Betreuungsmöglichkeiten<br />
im Betrieb an oder kaufen sich in öffentliche Betreuungseinrichtungen<br />
für ihre Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen ein. Hierzu gibt es konkrete,<br />
so genannte best-practice Beispiele. Die müssen publik werden und<br />
es muss deutlich werden, dass die nicht nur Kosten verursachen, sondern<br />
auch betriebswirtschaftlich etwas bringen.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Schönfelder:</b><br />
Man könnte aber gesetzlich verbieten, dass Frauen weniger verdienen,<br />
indem entsprechende Arbeitsverträge unwirksam sind.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Renate Schmidt:<br />
</b>Frauen verdienen ja nicht weniger: bei gleicher Tätigkeit, gleicher<br />
Qualifikation und gleicher Berufserfahrung wird es sehr schwer nachzuweisen<br />
sein, dass es tatsächlich in nennenswertem Umfang (von Einzelfällen<br />
abgesehen) eine ungleiche Bezahlung gibt.<br />
Nur leider hapert es im Regelfall daran, dass es wegen der häufigeren<br />
Unterbrechung der Erwerbstätigkeit eben nicht die gleiche Berufserfahrung<br />
ist, und es häufig auch nicht die gleichen Tätigkeiten sind.<br />
Ansonsten ist Lohndiskriminierung auch heute schon bei uns verboten. Und<br />
jede Frau hat die besten Chancen einen Klage zu gewinnen, wenn es eine<br />
ungleiche Bezahlung bei sonst gleichen Voraussetzungen gibt.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:</b><br />
Neues Thema!</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>matheo: </b>da<br />
wir gerade beim Thema Familie sind. Wie sehen Sie den von der Opposition<br />
befürchteten Verfall der Familie gegenüber den gleichgeschlechtlichen<br />
Paaren und was gedenken Sie der &quot;Homoehe&quot; an weiteren Rechten<br />
zuzugestehen???</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Renate Schmidt:<br />
</b>Ich sehe keinen Verfall der Familie. Im Gegenteil: Familie ist derzeit<br />
&quot;in&quot; wie nie.<br />
Die Wertschätzung der Familie liegt heute bei rund 90% in allen Altersgruppen<br />
&#8211; gegenüber der angeblich so heilen Welt der 50er Jahre ein deutliche<br />
Steigerung, damals waren es gerade einmal<br />
50%, die Familie für wichtig oder sehr wichtig hielten. Was die Frage<br />
der gleichgeschlechtlichen Partnerschaften betrifft, haben wir das, was<br />
ohne Zustimmung des Bundesrates möglich war,<br />
auf den Weg gebracht. Bei den derzeitigen Mehrheitsverhältnissen<br />
sind weitere Veränderungen <br />
nicht durchsetzbar.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:</b><br />
Wenn wir schon so viel über neue Jobs reden&#8230;.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Michelle:</b> Hallo<br />
Frau Renate Schmidt! ich bin zwar erst 17 Jahre alt und ich mag sie sehr!<br />
Würden sie bitte für das Amt als &quot;Bundespräsidentin&quot;<br />
plädieren?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:</b><br />
Also die Ministerin soll sich wohl für das Amt bewerben.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Renate Schmidt:</b><br />
Ich bin jetzt 42 Jahre lang erwerbstätig, in mindestens drei sehr<br />
unterschiedlichen Berufen. Für mich sehr überraschend, hat mich<br />
der Bundeskanzler gebeten, als Familienministerin in sein Kabinett einzutreten.<br />
Diese Aufgabe mache ich gerne und möchte auch etwas erreichen. Das<br />
ist aber in einem Zeitraum bis zur nächsten Bundespräsident(innen)wahl<br />
gar nicht möglich. Deshalb bleibe ich Bundesministerin für Familie,<br />
Senioren, Frauen und Jugend. Außerdem kommt noch was ganz wichtiges<br />
dazu: Wie ich dieses Amt angenommen im letzten Oktober habe, habe ich<br />
mit meinem Mann gesprochen und ich habe ihm versprochen, dass das jetzt<br />
das letzte Mal ist, dass sich unser Berufs- und Familienleben nach meinen<br />
Bedürfnissen richtet. Ich werde also nicht kandidieren und mein Versprechen<br />
gegenüber meinem Mann halten.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:</b><br />
Liebe Politik-Interessierte, eine Stunde ist vorbei. Vielen Dank für<br />
Ihre Fragen, vielen Dank Frau Schmidt, dass Sie ins ARD-Hauptstadtstudio<br />
gekommen sind. Dank auch an unsere User. Wir freuen uns, wenn Sie beim<br />
nächsten Chat wieder dabei sind. Einen schönen Abend wünscht<br />
das tacheles.02-Team.</span>
</p>
<p><span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Renate Schmidt:</b><br />
Einen wunderschönen Abend, ich hoffe, ihr schwitzt nicht so wie ich.<br />
Ich muss jetzt noch zu &quot;Vorsicht Friedmann&quot;.</span></p>
]]></content:encoded>
					
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			</item>
		<item>
		<title>&#8220;Mir ist kein einziger aktueller Unionsvorschlag bekannt, der auch nur einen kurzen Gedanken an eine große Koal</title>
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		<dc:creator><![CDATA[espies]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 26 May 2003 23:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Chattranscripte]]></category>
		<category><![CDATA[Agenda 2010]]></category>
		<category><![CDATA[Florian Pronold]]></category>
		<category><![CDATA[große Koalition]]></category>
		<category><![CDATA[Kündigungsschutz]]></category>
		<category><![CDATA[Bundespolitik]]></category>
		<category><![CDATA[SPD]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b><img src="http://www.politik-digital.de/salon/photos/fpronold.jpg" alt="Heidemarie Wieczorek-Zeul" align="left" border="0" height="126" width="92" />Florian 
Pronold</b><b>, Initiator des Mitgliederbegehrens MdB (SPD), </b><b>am 
27. Mai 2003, zu Gast im tacheles.02 Live-Chat von tagesschau.de und politik-digital.de.</b></span> 
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b><img decoding="async" src="http://www.politik-digital.de/salon/photos/fpronold.jpg" alt="Heidemarie Wieczorek-Zeul" align="left" border="0" height="126" width="92" />Florian<br />
Pronold</b><b>, Initiator des Mitgliederbegehrens MdB (SPD), </b><b>am<br />
27. Mai 2003, zu Gast im tacheles.02 Live-Chat von tagesschau.de und politik-digital.de.</b></span><br />
<!--break--><br />
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><br />
<b><br />
Moderator:</b><br />
Herzlich willkommen im tacheles.02-Chat. tacheles.02 ist ein Format von<br />
tagesschau.de und politik-digital.de und wird unterstützt von tagesspiegel.de.<br />
Der SPD-Bundestagsabgeordnete und Vorsitzende der bayerischen Jusos, Florian<br />
Pronold, ist heute im ARD-Hauptstadtstudio unser Chat-Gast. Herr Pronold,<br />
sind Sie bereit?<br />
Florian Pronold: Ja. klar.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Homopoliticus:</b><br />
Guten Tag, Herr Pronold, wie wollen Sie die Agenda 2010 verbessern?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Florian Pronold:</b><br />
Es gibt zwei Bereiche. Als erstes will ich Sie ergänzen, das ist<br />
die Frage der gerechten Verteilung. Das Zweite ist die Frage, wie man<br />
Konjunktur ankurbelt, um tatsächlich mehr Wachstum und Beschäftigung<br />
zu erzielen.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>ohrfeige:</b> Sie<br />
sind ja offensichtlich gegen die Agenda 2010 des Kanzlers. Welche Möglichkeiten<br />
sehen Sie, um die hiesige Wirtschaft wieder in Schwung zu bringen, und<br />
somit neue Arbeitsplätze zu schaffen? </span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Florian Pronold:</b><br />
Richtig ist, dass ich gegen Teile der Agenda 2010 bin. Die Ankurbelung<br />
der Konjunktur, zum Beispiel durch die Stärkung der Kommunen, ist<br />
ein richtiger Schritt. Wir müssen aber mehr tun, um die derzeitige<br />
Rezession mittels Konjunkturpolitik zu überwinden.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Andi:</b> Sie brauchen<br />
67.000 Unterschriften für ihr Mitgliederbegehren. Die Zeit läuft<br />
gegen Sie. Glauben Sie, Sie können es noch schaffen? (Sie haben ja<br />
gerade mal 12.000)</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Florian Pronold:</b><br />
Wir sind jetzt fast bei 20.000 und bei Volksbegehren in Bayern ist es<br />
so, dass 50 Prozent der erforderlichen Unterschriften in den letzten zwei<br />
Tagen eingehen (von 12 Tagen).</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:</b><br />
Dennoch: Die Unterschriftenaktion verläuft eher schleppend. Haben<br />
Sie nicht mit mehr Zustimmung von Seiten der Basis gerechnet?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Florian Pronold:</b><br />
Wenn Sie die inhaltlichen Fragestellungen anschauen und die aktuelle FORSA-Umfrage<br />
zu Grunde legen, dann sehen Sie, dass wir in vielen Einzelpunkten die<br />
Mehrheit der Partei hinter uns haben. In den anderen stimmen uns immerhin<br />
40 bis 50 Prozent zu.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Smily:</b> Denken<br />
Sie nicht, dass ihre Aktion (Mitgliederbegehren) die Partei spaltet und<br />
das Vertrauen der Wählerinnen und Wähler stört?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Florian Pronold:</b><br />
Demokratie braucht Diskussion.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>nicht-mitglied:</b><br />
Rechnen Sie sich noch Chancen aus, ihre Positionen gegen Schröder<br />
und Co. durchzusetzen?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Florian Pronold:</b><br />
Wir haben schon einige Erfolge erzielt. Es gilt der alte Spruch: Wer kämpft,<br />
kann verlieren, wer nicht kämpft, hat schon verloren.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:</b><br />
Was für Erfolge rechnen Sie ihrer Initiative an?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Florian Pronold:</b><br />
Erstens, dass es überhaupt einen Sonderparteitag gibt. Zweitens,<br />
dass nicht nur ein Ja oder Nein möglich ist, sondern dass jetzt schon<br />
in den Leitantrag für den Parteitag konkrete Änderungsanträge<br />
eingearbeitet sind. Und inhaltlich: In den Punkten Tarifautonomie, Umlagefinanzierung<br />
für mehr Ausbildungsplätze und bei der Ausgestaltung des zukünftigen<br />
Arbeitslosengeldes II.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Fenzz:</b> Herr<br />
Pronold, was ist Ihnen wichtiger, das Festhalten an überholten und<br />
nicht mehr bezahlbaren Sozialleistungen oder der Machterhalt von Rot-Grün?<br />
Im Falle einer nicht zustande kommenden Koalitionsmehrheit würde<br />
Gerhard Schröder doch zurücktreten.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Mike:</b> Wären<br />
Sie auch bereit, die Regierung mit ihrem Votum zur Agenda 2010 scheitern<br />
zu lassen?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Florian Pronold:</b><br />
Wir kämpfen dafür, dass die SPD weiterhin regierungsfähig<br />
ist. Und dafür braucht es eine Politik, die mehr bewirkt als derzeit<br />
die Agenda 2010 verspricht. Wir wollen den Kanzler stützen, nicht<br />
stürzen und deshalb müssen wir das Vertrauen vieler enttäuschter<br />
Wählerinnen und Wähler zurückgewinnen. Fast alle wollen<br />
mehr soziale Gerechtigkeit in die Agenda 2010 bringen.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:</b><br />
Eine direkte Nachfrage zu Ihrer Äußerung zu Diskussionen in<br />
der Demokratie:</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Smily:</b> Demokratie<br />
braucht Diskussion??? Kann man das nicht auch intern austragen, und somit<br />
nicht das Ansehen der Partei verletzen?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Florian Pronold:</b><br />
Ja. Meine Erfahrung ist, dass dies in einer Mediengesellschaft nicht mehr<br />
hinter verschlossenen Türen geht. Und erst recht nicht geht, wenn<br />
die Parteispitze &#8211; wie ursprünglich geplant &#8211; ja überhaupt keine<br />
Mitentscheidung der Parteimitglieder zulassen wollte.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>testat:</b> Herr<br />
Pronold, haben Sie sich viele Feinde in der SPD gemacht, seitdem Sie das<br />
Begehren gestartet haben? Wie gehen Sie damit um?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Florian Pronold:</b><br />
Mir geht es um eine inhaltliche Diskussion. Ich habe versucht, keine persönlichen<br />
Verletzungen entstehen zu lassen. Ich bin mir sicher, dass fast alle in<br />
der SPD auch eine solche Diskussionskultur pflegen. 😉</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:</b><br />
Dann kommen wir mal zu den Inhalten:</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>faulpelz:</b> Die<br />
Bezugsdauer des Arbeitslosengeldes will der Kanzler verkürzen. Das<br />
finde ich richtig. Warum sind Sie dagegen?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Florian Pronold:</b><br />
Wenn jemand 30 Jahre gearbeitet hat, mit über 50 arbeitslos wird,<br />
hat er keine Chance, einen neuen Job zu kriegen. Nach den ursprünglichen<br />
Plänen wäre er nach einem Jahr in der Sozialhilfe gelandet,<br />
was bedeutet, er müsste sein gesamtes Vermögen &#8211; Eigentumswohnung,<br />
Erspartes &#8211; aufbrauchen, bevor er irgendeine staatliche Unterstützung<br />
kriegt. Und das, obwohl er 30 Jahre einbezahlt hat, um sich gegen dieses<br />
Risiko zu versichern.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>suzi:</b> Wäre<br />
es nicht im Interesse der Arbeitnehmer den Kündigungsschutz zu lockern<br />
und Billigjobs anzubieten? Für kleinere Unternehmen wäre es<br />
sicherlich förderlich, da Sie so bei guter Auftragslage mehrere Leute<br />
einstellen könnten. So könnte man mehrere Leute von der Straße<br />
nehmen. Das Sozialhilfe Niveau müsste dann angepasst werden. Gewährleistet<br />
muss sein, dass Sozialhilfe nie mehr sein darf, als ein Einkommen aus<br />
einem Minijob + einem entsprechenden Bonus aus der Sozialkasse. Was denken<br />
Sie?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>jung_dynamisch:</b><br />
Der SPD-Reformplan zielt auf die Lockerung des Kündigungsschutzes<br />
ab. Ist das unsozial in ihren Augen?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Florian Pronold</b>:<br />
Es ist wirkungslos. 1996 haben die Unternehmen 500.000 neue Jobs versprochen,<br />
wenn der Kündigungsschutz gelockert wird. Kein einziger wurde damals<br />
zusätzlich geschaffen. Unternehmen stellen nicht Leute ein, weil<br />
sie sie nachher wieder kündigen wollen, sondern wenn sie sich dadurch<br />
mehr Gewinn erwarten. Zur Frage Sozialhilfe &#8211; Minijobs: Sozialhilfe deckt<br />
das zum Leben notwendige Minimum ab. Ich weiß nicht, was man da<br />
noch kürzen soll. Vor allem, wenn bereits nach geltendem Recht diese<br />
gestrichen werden kann, wenn jemand eine zumutbare Arbeit verweigert.<br />
Und um vernünftig leben zu können, braucht man mindestens drei<br />
Minijobs. Da wären mir ordentliche Beschäftigungsverhältnisse<br />
lieber.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Müntefehrings-Jünger:</b><br />
Und wie soll ein Staat einen Rentner bei der EnBw, der mit 53 in den Vorruhestand<br />
geht, dauerhaft finanzieren? Wie sieht es da europäisch aus? Kennen<br />
Sie einen Nachbarstaat, in dem eine solche Geschichte möglich wäre?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Florian Pronold:<br />
</b>Richtig ist, dass Blüm mit der langen Bezugsdauer von Arbeitslosengeld<br />
eine Möglichkeit geschaffen hat, ältere Arbeitnehmer leichter<br />
und früher in Rente gehen zu lassen. Die Idee war auch, dass jüngere<br />
nachrücken. Dort besteht Reformbedarf, aber das Kernproblem ist,<br />
dass viele krankheitsbedingt früher in Rente gehen. Die Lösung<br />
liegt bei der Humanisierung der Arbeitswelt, nicht bei Rentenkürzungen.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Parteisoldat:</b><br />
Es ist doch so, dass Unternehmen bei guter Auftragslage eher mehr Leute<br />
einstellen, und da ist es der Sache doch förderlich, wenn der Arbeitgeber<br />
bei Bedarf diese Personen wieder entlassen darf. Oder sehe ich das falsch?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Florian Pronold:</b><br />
Nein, das entspricht dem geltenden Kündigungsschutzrecht.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:</b><br />
Trotz ihrer Wünsche: Eine tiefgreifende Veränderung der Agenda<br />
wird es wohl nicht mehr geben. Werden Sie dann im Bundestag bei der Abstimmung<br />
der Reform-Gesetze gegen Kanzler Schröder stimmen?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Florian Pronold:</b><br />
Wir werden mindestens sechs verschiedene Gesetzesvorschläge auf dem<br />
Tisch liegen haben. Bevor ich nicht weiß, wie diese im Detail aussehen,<br />
kann ich schlecht etwas über mein Abstimmungsverhalten sagen.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:</b><br />
Nervt es Sie nicht, dass der Kanzler ständig Entscheidungen über<br />
politische Sachfragen mit seiner Person verknüpft?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Florian Pronold:</b><br />
Nerven ist der falsche Ausdruck. Ich halte es für falsch, weil damit<br />
keine Überzeugung durch inhaltliche Argumente mehr stattfinden kann<br />
und ein demokratischer Prozess sollte doch gerade von inhaltlichen Argumenten<br />
bestimmt werden.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Andi:</b> Erhoffen<br />
Sie sich in der Nach-Schröder-Ära Punkte durch ihre Aktion?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Florian Pronold:</b><br />
Nein. Wer in der Politik etwas verändern will, muss auch mal anecken.<br />
Wenn man dann zuviel Sorgen hat, ob man noch &quot;Everybody`s Darling&quot;<br />
ist, ist man vielleicht am Ende &quot;Everybody`s Depp&quot;.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:</b><br />
Wie stehen Sie zu dem Vorwurf, Sie leisteten nur Widerstand gegen Schröders<br />
Reformen, um sich bekannt zu machen?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Florian Pronold:</b><br />
Ich bin 15 Jahre ehrenamtliches und aktives Mitglied meiner Partei. Daraus<br />
leite ich meine Berechtigung her, mich in inhaltliche Debatten einzumischen.<br />
Wenn Inhalte mit Personen verknüpft sind, halte ich Bekanntheit für<br />
ein notwendiges Übel.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Homopoliticus:</b><br />
Welche politische Stellung möchten Sie anpeilen? Wenn Sie dies geschafft<br />
haben, welche Ziele wollen Sie erreichen?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Florian Pronold:</b><br />
Der zweite sozialdemokratische Ministerpräsident in der Geschichte<br />
Nachkriegs-Bayerns. <br />
Zu den Zielen: Die CSU für all ihre Skandale strafrechtlich zur Rechenschaft<br />
zu ziehen, auch auf die Gefahr hin, wesentlich mehr Gefängnisse bauen<br />
zu müssen.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>140jahre:</b> Die<br />
SPD ist ja letzte Woche 140 Jahre alt geworden. Wie sehen denn die nächsten<br />
Jahre Sozialdemokratie aus? Neoliberal oder Sozialismus?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Florian Pronold:</b><br />
Im Kaffeesatz lesen war ich noch nie besonders gut. Ich kämpfe dafür,<br />
dass die SPD sich weiterhin für eine Gesellschaft mit mehr Gleichheit<br />
und mit mehr Gerechtigkeit einsetzt.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>werter:</b> Welche<br />
Grundwerte der Sozialdemokratie sehen Sie in Gefahr?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Florian Pronold:</b><br />
Ich befürchte, dass die Werte Solidarität und Gerechtigkeit<br />
eine andere Bedeutung bekommen, ähnlich wie Sie bisher von konservativen<br />
oder liberalen Politikern verwandt worden sind.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:</b><br />
Zurück zur Realpolitik:</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Realist:</b> Ist<br />
es sozial gerecht, wenn nicht mehr finanzierbare Sozialsysteme gegen die<br />
Wand gefahren werden und die Jüngeren dann trotz hoher Einzahlungen<br />
später kaum etwas bekommen?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Florian Pronold:</b><br />
Das ist nicht so. Bloß weil dieses Schreckensbild fast täglich<br />
von interessierten Kreisen an die Wand gemalt wird, hat es mit der Realität<br />
wenig zu tun. Unser Sozialstaat basiert darauf, dass die Erwerbstätigen<br />
für alle (!) nicht Erwerbstätigen aufkommen. Der zu verteilende<br />
Kuchen wird laufend größer, er wird nur immer ungerechter verteilt.<br />
Da liegt das Problem.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>mayer:</b> Die<br />
Reform der 400-Euro-Jobs nach den Vorschlägen von CDU und CSU erweist<br />
sich als Riesenerfolg: Nach ersten Schätzungen der zuständigen<br />
Bundesknappschaft in Cottbus sind seit dem vergangenen April rund 600.000<br />
neue Arbeitsverhältnisse im Niedriglohnsektor entstanden, davon circa<br />
30.000 im Privathaushalt. Was sagen Sie nun?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Florian Pronold:</b><br />
Dass ich diese Zahl nicht glaube. In den Privathaushalten sind wir davon<br />
ausgegangen, dass Schwarzarbeit in legale Arbeit übergeführt<br />
wird. Neue Jobs haben dort kaum Platz gegriffen. </span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Die NRW-Hasser:</b><br />
Wäre eine große Koalition nicht das Gebot, um eine echte Agenda<br />
&quot;Ich helfe Deutschland&quot; auf den Weg zu bekommen?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>moa:</b> Stichwort<br />
Bremen: Könnte eine Große Koalition auf Bundesebene die drängendsten<br />
Probleme nicht viel besser lösen als Rot-Grün contra Bundesrat?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Florian Pronold:</b><br />
Es kommt in erster Linie darauf an, was für eine Politik gemacht<br />
wird.<br />
Mir ist kein einziger aktueller Unionsvorschlag bekannt, der auch nur<br />
einen kurzen Gedanken an eine große Koalition rechtfertigen würde.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Die NRW-Hasser:</b><br />
Herr Pronold, was sagen Sie zu Herrn Steinbrück. Sind Sie persönlich<br />
ein Verfechter von Rot-Grün, oder kommt darauf an, dass genug rot<br />
dabei ist? Auch wenn etwas Gelb vielleicht die Stimmung in Berlin aufheizen<br />
würde?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Florian Pronold:</b><br />
Mein Problem ist, dass bei Grün viel zu viel Gelb ist.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:</b><br />
Noch mal zur Agenda:</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Smily:</b> Die<br />
Parteispitze wird doch von den Parteimitgliedern gestützt und gewählt.<br />
Denken Sie wirklich, dass eine Mitentscheidung der Parteimitglieder auf<br />
solche Art und Weise stattfinden muss??? Ich als kleines Gemeinderatsmitglied<br />
trage die Entscheidungen mit, und durch die Wahl meines Delegierten entscheide<br />
ich, oder etwa nicht?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Florian Pronold:</b><br />
Die Parteispitze hat 1993 dafür gesorgt, dass es überhaupt ein<br />
Mitgliederbegehren in der SPD gibt. Viele Kommunalgesetze sehen auch Bürgerentscheide<br />
vor. Als Stadtratsmitglied habe ich nicht den Eindruck, dass Bürgerentscheide<br />
schlechtere Ergebnisse bringen, als Gemeinderatsbeschlüsse.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:</b><br />
Wie viele SPD-Abgeordnete werden denn Ihrer Ansicht nach mit Nein stimmen,<br />
oder knicken am Ende wieder alle ein?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Florian Pronold:</b><br />
Das hängt davon ab, was auf dem Tisch liegt.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:</b><br />
Sie könnten es sich doch mal leisten, gegen den Kanzler zu stimmen.<br />
Die Agenda-Gesetze haben doch gute Chancen, dass auch Abgeordnete der<br />
Union zustimmen.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Florian Pronold:</b><br />
Die Union will die SPD von der Regierung wegbringen. Im Zweifelsfall wird<br />
es überhaupt keine Stimme von den Schwarzen geben. Wir brauchen eine<br />
eigene Mehrheit und die gibt es umso leichter, je mehr Kompromissfähigkeit<br />
auf allen Seiten da ist.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:</b><br />
Hat Sie Herr Müntefering in den vergangenen Tagen mal zum Thema &quot;Fraktionsdisziplin&quot;<br />
belehrt?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Florian Pronold:</b><br />
Nein. Disziplin ist ja auch nicht bedingungslose Gefolgschaft.<br />
sondern hat für mich sehr viel mit dem Prozess vor der Mehrheitsentscheidung<br />
in der Fraktion zu tun.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>moa:</b> Die Mehrheit<br />
der Deutschen will die Agenda 2010. Warum ignorieren Sie dies?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Florian Pronold:</b><br />
Die Mehrheit der Deutschen ist auch für Subventionsabbau. Als wir<br />
im Herbst das konkret in der Steuerpolitik angegangen sind, war die Mehrheit<br />
bei fast jeder Einzelmaßnahme dann für den Erhalt der Subventionen.<br />
Alle sind derzeit abstrakt für Reformen (ich übrigens auch).<br />
Die entscheidende Frage ist: Wie schauen die konkreten Schritte aus?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>moa:</b> Wenn Schröder<br />
wieder die Vertrauensfrage stellen würde &#8211; würden Sie sich dann<br />
zu einem Ja zur Agenda 2010 hinreißen lassen?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Florian Pronold:</b><br />
Keine andere Antwort als oben. Es kommt darauf an, was auf dem Tisch liegt.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:</b><br />
Was dann auf dem Tisch liegt, dürfte doch hinreichend klar sein,<br />
oder?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Florian Pronold:</b><br />
Ich wäre dem Moderator dankbar, wenn er mir die konkreten Gesetzesentwürfe<br />
geben würde weil bisher sind Sie noch nicht da.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>mitunterstützer:</b><br />
Sie sind in ihrem eigenen Landesverband nicht ganz unumstritten &#8211; wie<br />
haben die bayerischen Jusos eigentlich auf das Mitgliederbegehren reagiert?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Florian Pronold:</b><br />
Die bayerischen Jusos haben das Mitgliederbegehren ja eigentlich initiiert.<br />
In meinem Wahlkreis habe ich deutliche Unterstützung durch die örtliche<br />
Partei. Ansonsten führt ein Konflikt ja oft dazu, dass vorübergehend<br />
eine Polarisierung eintritt.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>AberHallo-Mann:</b><br />
Au Backe, mit der SPD geht es ja bergab. Herr Pronold, wollten Sie schon<br />
mal die Partei wechseln. Und wohin wären Sie gegangen?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Florian Pronold:</b><br />
Nein. Ich wollte noch nie die Partei wechseln. Ich kann mir nicht vorstellen,<br />
wie in Deutschland mehr Gerechtigkeit durchgesetzt werden soll, wenn die<br />
SPD dabei nicht die treibende Kraft ist.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Homopoliticus:</b><br />
Mir als eingefleischter Sozialdemokrat gefällt nicht, wie die CDU<br />
Politik macht. Sie blockiert alles, klar Sie ist die Opposition, aber<br />
kann Sie nicht einmal zusammenarbeiten? Was sagen Sie dazu?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Florian Pronold:</b><br />
Die Union wird bald im Bundesrat Zugeständnisse machen müssen.<br />
Ihre eigenen Länderhaushalte sind oft schon verfassungswidrig. Deshalb<br />
wird in der Steuerpolitik noch einiges an Bewegung geben.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:</b><br />
Die SPD verliert massiv an Mitgliedern, in Umfragen erreicht Sie nur noch<br />
25 Prozent. Wegen Leuten wie Ihnen, oder würden ohne Politiker wie<br />
Sie noch mehr von der Fahne gehen?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Florian Pronold:</b><br />
Das ist schwer zu beurteilen, wenn man es wirklich ernsthaft beantworten<br />
will, würde es mehr Raum brauchen. Ich bin deshalb aber auf den Start<br />
des Mitgliederbegehrens gekommen, weil ich in den Monaten zuvor viele<br />
aktive und langjährige SPD-Mitglieder vom Austritt abhalten musste,<br />
die über den Kurs und den Umgang innerhalb der SPD alles andere als<br />
begeistert waren.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Parteisoldat:</b><br />
Sehen Sie Ottmar Schreiner nach dem Rücktritt von Oskar Lafontaine<br />
als neuen Anführer der Parteilinken??? Oder wollen Sie diese Stelle<br />
einnehmen ???</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Florian Pronold:</b><br />
Es rettet uns kein höheres Wesen, kein Gott, kein Kaiser noch Tribun,<br />
uns aus dem Elend zu erlösen, können wir nur selber tun &#8211; so<br />
die Internationale.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>free__spd:</b><br />
Wie ist es so als mit Abstand junger Bundestagsabgeordneter? Werden Sie<br />
von den Alteingesessenen ernstgenommen?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Florian Pronold:</b><br />
Da müssten Sie die fragen, nicht mich.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:</b><br />
Aber in Ihrer Wahrnehmung?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Florian Pronold:</b><br />
Ich kann mich nicht beschweren.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:</b><br />
Eine letzte Frage:</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>ohrfeige:</b> Sitzen<br />
Sie eigentlich in irgendeinem Ausschuss? Wie Sieht ihre Arbeit im Bundestag<br />
aus, wenn Sie nicht gerade Mitgliederbegehren starten?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Florian Pronold:</b><br />
Ich bin Mitglied im Finanzausschuss und darüber hinaus &#8211; wenn ich<br />
es spöttisch ausdrücken darf &#8211; &quot;verteidige&quot; ich als<br />
Mitglied des Untersuchungsausschusses die Bundesregierung gegen den Vorwurf<br />
des Wahlbetruges.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:</b><br />
und eine allerletzte:</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>mitunterstützer:</b><br />
Gehört die eben zitierte &quot;Internationale&quot; nicht auch zu<br />
dem verstaubten Image der Jusos?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Florian Pronold:</b><br />
Die Frage ist ja nicht, ob etwas alt oder verstaubt ist, sondern richtig<br />
oder falsch.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:</b><br />
Liebe Politik-Interessierte, eine Stunde ist vorbei. Vielen Dank für<br />
Ihre Fragen, vielen Dank Herr Pronold, dass Sie ins ARD-Hauptstadtstudio<br />
gekommen sind. Den nächsten Chat gibt&#8217;s am kommenden Dienstag, 3.<br />
Juni, dann stellt sich Bundesfamilienministerin Renate Schmidt (SPD) von<br />
17.30 bis 18.30 Uhr Ihren Fragen. Wir freuen uns, wenn Sie wieder dabei<br />
sind. Einen schönen Abend wünscht das tacheles.02-Team.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Florian Pronold:</b><br />
Schönen Gruß an die rote Renate!</span></p>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://www.politik-digital.de/chattranscripte/quotmir_ist_kein_einziger_aktueller_unionsvorschlag_bekannt_der_auch_nur_einen_kurzen_gedanken_an_ei-302/feed/</wfw:commentRss>
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			</item>
		<item>
		<title>&#8220;Kein Konzept für eine Nachkriegsordnung&#8221;</title>
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		<dc:creator><![CDATA[espies]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 11 May 2003 23:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Chattranscripte]]></category>
		<category><![CDATA[Heidemarie Wieczorek-Zeul]]></category>
		<category><![CDATA[Irak]]></category>
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		<category><![CDATA[Entwicklungshilfe]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b><img src="http://www.politik-digital.de/salon/photos/Wieczorek-Zeul.jpg" alt="Heidemarie Wieczorek-Zeul" align="left" border="0" height="116" width="85" />Heidemarie 
Wieczorek-Zeul</b><b>, Entwicklungsministerin (SPD), </b><b>ist 
am 12. Mai 2003, zu Gast im tacheles.02 Live-Chat von tagesschau.de und 
politik-digital.de.</b></span> ]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b><img decoding="async" src="http://www.politik-digital.de/salon/photos/Wieczorek-Zeul.jpg" alt="Heidemarie Wieczorek-Zeul" align="left" border="0" height="116" width="85" />Heidemarie<br />
Wieczorek-Zeul</b><b>, Entwicklungsministerin (SPD), </b><b>ist<br />
am 12. Mai 2003, zu Gast im tacheles.02 Live-Chat von tagesschau.de und<br />
politik-digital.de.</b></span> <!--break--><br />
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><br />
<b>Moderator:</b> Herzlich willkommen liebe Politik-Interessierte! Heidemarie<br />
Wieczorek-Zeul, Ministerin für wirtschaftliche Zusammenarbeit und<br />
Entwicklung, ist ins ARD-Hauptstadtstudio gekommen. Für die kleine<br />
Verzögerung bitten wir um Nachsicht. Beginnen wir gleich mit der<br />
ersten User-Frage:</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Osimann:</b> Wie<br />
geht es weiter beim Aufbau im Irak? Deutschland wird doch keine Schnitte<br />
vom fetten Kuchen abbekommen, wie die CDU fordert?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Heidemarie Wieczorek-Zeul:</b><br />
Es geht erst mal darum, dass im Irak humanitär geholfen wird. Da<br />
ist nach wie vor eine dramatische Situation in Krankenhäusern. Der<br />
Wiederaufbau selbst sollte ja unter der Autorität der Vereinten Nationen<br />
stattfinden, da nur sie die Legitimität dafür haben. Unter den<br />
Bedingungen der UN-Autorität und mit entsprechendem Sicherheitsratbeschluss<br />
habe ich gesagt, dass wir auch bereit sind, zu helfen. Das hat mit der<br />
Frage von Aufträgen überhaupt nichts zu tun.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Frank Stöfferle:</b><br />
Die USA halten sich nicht an multilaterale Abkommen und begehen bei ihrer<br />
Entwicklungshilfe den Pfad der außenpolitischen Doktrin: Wer für<br />
uns ist, bekommt Geld. Ärgert Sie dieser Ansatz?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Heidemarie Wieczorek-Zeul:</b><br />
Es ist nicht ganz richtig, denn im Bezug auf die Entwicklungshilfe unterwerfen<br />
sie sich durchaus den international gemeinsam festgelegten Zielen. Aber<br />
andererseits handeln sie allein nach &quot;geostrategischen Gesichtspunkten&quot;<br />
&#8211; das schlägt manchmal den entwicklungspolitischen Zielsetzungen<br />
ins Gesicht.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Hanna:</b> Sie<br />
haben erklärt, dass Sie einen Schuldenerlass für den Irak für<br />
absurd halten. Wie stehen Sie zu den Krediten, die von Saddam Hussein<br />
für Waffen und Palastbauten aufgenommen wurden?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Heidemarie Wieczorek-Zeul:</b><br />
Man muss, glaube ich, zwei Sachen unterscheiden: Die eine ist, dass die<br />
internationale Gemeinschaft bei Ländern, die Diktaturen überwunden<br />
haben, neue Schuldenregelungen trifft, und das andere ist ein völliger<br />
Schuldenerlass. Der völlige Schuldenerlass ist bezogen auf ärmste<br />
hochverschuldete Entwicklungsländer, mit bestimmten Kriterien versehen,<br />
z.B. der verantwortlichen Regierungsführung und deshalb kann von<br />
allgemeinem Schuldenerlass in Bezug auf den Irak nicht geredet werden.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:</b><br />
Sie haben ihre Regierungserklärung im Mai mit einem Dank an die USA<br />
für die Befreiung Deutschlands vom Regime Hitlers begonnen. Obszön<br />
haben sie im April im Bundestag genannt, dass die USA zur Finanzierung<br />
des Irak-Kriegs einen Nachtragshaushalt von 75 Milliarden Dollar brauchen.<br />
Das sei 1,5 Mal so viel wie die Entwicklungshilfe weltweit. Kann man die<br />
Kosten eines Krieges gegen Entwicklungshilfe aufrechnen?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Heidemarie Wieczorek-Zeul:</b><br />
Ich habe am 8. Mai gesprochen &#8211; das ist der 58. Jahrestag von der Befreiung<br />
der Hitler-Barbarei &#8211; deshalb habe ich das zu Anfang gesagt. Was mich<br />
aber immer wieder empört ist, dass für Kriegsführung immer<br />
wieder in kürzester Zeit Milliarden von US-Dollar mobilisiert werden.<br />
z.B. die 80 Mrd. Dollar für den Irak-Krieg, dass man aber für<br />
die Bekämpfung der Armut für jeden zusätzlichen Dollar<br />
kämpfen muss.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Herbert Flötenmann:</b><br />
Haben Sie das Gefühl, die USA wollen sich im Irak auf Kosten der<br />
Entwicklungshilfe bereichern?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Heidemarie Wieczorek-Zeul:</b><br />
Nein, das ist überhaupt nicht der Punkt. Ich habe nur das Verhältnis<br />
von Mitteln für Krieg und Mitteln für Entwicklungszusammenarbeit<br />
gegeneinander gestellt.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Frank Stöfferle:</b><br />
Ich komme gerade aus den USA, habe dort studiert. Zahlreiche Stimmen sprechen<br />
davon, dass der Irak-Krieg auch eine Art &quot;Entwicklungshilfe&quot;<br />
war. Was sagen Sie einem solchen Menschen?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Heidemarie Wieczorek-Zeul:</b><br />
Dem Menschen sage ich, wer Entwicklungshilfe leisten will, soll Entwicklungshilfe<br />
leisten und nicht Krieg führen.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:</b><br />
Voraussetzung ist aber doch die Möglichkeit dazu, sprich ein Land,<br />
das mitmacht &#8230;</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Heidemarie Wieczorek-Zeul:</b><br />
Ja, aber auch da gilt, der Auftrag des UN-Sicherheitsrats war die Vernichtung<br />
von Massenvernichtungswaffen. Die Entwaffnung des Irak wäre ohne<br />
Krieg möglich gewesen. Dahinter steht natürlich die Frage, wie<br />
kriegt man in arabischen Ländern, die keine Demokratien sind, einen<br />
Veränderungsprozess in Gang. Ich bin auch der Meinung, dass ein Entwicklungsprozess<br />
die Menschen in den Ländern aktivieren muss und aktivieren sollte.<br />
Das ist der Ansatz, den wir in arabischen Ländern auch betreiben.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>BartSimpson:</b><br />
Auch wenn die USA nur beabsichtigen, den Irak zu einem Vasallenstaat umzuformen<br />
&#8211; glauben sie die Europäer können über Entwicklungshilfemaßnahmen<br />
verhindern, dass sich der Irak zum Vasallenstaat entwickelt, oder sehen<br />
sie eine solche Gefahr nicht ?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Heidemarie Wieczorek-Zeul:</b><br />
Zunächst mal muss alles getan werden, dass die irakische Bevölkerung<br />
selbst entscheiden kann. Jetzt geht es darum, den Frieden überhaupt<br />
erst herzustellen und deshalb ist der Prozess am besten auch durch die<br />
Vereinten Nationen zu begleiten.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:</b><br />
Eine in die Zukunft gerichtete Frage, sie kennen ja viele Länder<br />
und die politische Situation dort:</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>ernie:</b> Der<br />
Irak-Krieg als Friendensmission, um einem Land zu helfen! Wird diese Theorie<br />
auch in anderen Ländern (Nordkorea) umgesetzt?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Heidemarie Wieczorek-Zeul:</b><br />
Da geht es eben um die Auseinandersetzung, um das Konzept des sogenannten<br />
Präventivschlages und unsere Position ist klar: Krieg darf nicht<br />
wieder zu einem &quot;normalen&quot; Instrument von Politik werden. Im<br />
Übrigen haben ja die USA auch selbst eine unterschiedliche Strategie<br />
gegenüber Nordkorea eingeschlagen.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Frank Lohse:</b><br />
Welche Entwicklungshilfe hat denn Deutschland in den letzten Jahren im<br />
Irak geleistet?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Heidemarie Wieczorek-Zeul:</b><br />
In den letzten Jahren nicht mehr, denn da gab es ja die Sanktionen gegen<br />
den Irak. Was wir gemacht haben, ist die Unterstützung von Nichtregierungsorganisationen<br />
in den kurdischen Gebieten, die wir unterstützt haben. Wir haben<br />
im Übrigen über das Welternährungsprogramm der Vereinten<br />
Nationen dazu beigetragen, dass die Bevölkerung während der<br />
Sanktionen mit Lebensmitteln versorgt worden ist.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Ernie:</b> Sehen<br />
sie den Irak als zukünftigen demokratischen Staat, der alle anderen<br />
Staaten ringsherum &quot;ansteckt&quot;?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Heidemarie Wieczorek-Zeul:</b><br />
Ich glaube, dass man sich da mit Prognosen sehr zurückhalten sollte.<br />
Wichtig ist, dass der Irak Unterstützung auf dem Weg der Selbstbestimmung<br />
hat und ansonsten verweise ich auf die andere Antwort: Ein wichtiges Problem<br />
in den arabischen Staaten ist, dass Frauen stärker in der Gesellschaft<br />
und der Politik beteiligt werden, denn ein Teil der Defizite resultieren<br />
in diesen Ländern genau daraus.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:</b><br />
Der User mit dem passenden Nick-Name &quot;ultimatio ratio&quot; hat das<br />
als hypothetische Frage angekündigt, aber Fragen stellen kostet ja<br />
nichts &#8230;</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>ultima-ratio:</b><br />
Würde es dem irakischen Volk heute besser gehen, hätten nicht<br />
die USA Saddam Hussein beseitigt? Oder anders gefragt, wie wäre Ihre<br />
alternative Handlungsweise gegenüber den damals krassen Menschenrechtsverletzungen<br />
durch das irakische Regime gewesen?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Heidemarie Wieczorek-Zeul:</b><br />
Das haben wir eigentlich vorhin schon beantwortet. Unsere Perspektive<br />
war, eine Öffnung des Irak durch die Entwaffnung zu erreichen und<br />
damit Veränderungen in Gang zu setzen.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>BartSimpson:</b><br />
Nachdem bereits General Garner entlassen wurde und die aktuelle Nachrichtenlage<br />
weiter von &quot;Chaos&quot; im Irak spricht: Haben die USA aus ihrer<br />
Sicht überhaupt ein erfolgversprechendes Konzept zur Befriedung und<br />
Demokratisierung des Irak, das über Kontrollmaßnahmen, bei<br />
gleichzeitigem relativ geringen finanziellem Engagement, hinausgeht?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Heidemarie Wieczorek-Zeul:</b><br />
Das war ja unser Bedenken bei all den Plänen der amerikanischen Regierung:<br />
dass kein Konzept für eine Nachkriegsordnung bestand. Aber unabhängig<br />
davon ist es notwendig, einen politischen Prozess zu fördern, in<br />
dem alle Gruppen der Bevölkerung repräsentiert werden und in<br />
dem der Weg zur Selbstbestimmung für den Irak möglich wird.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:</b><br />
Weiß da die Ministerin Wieczorek-Zeul nicht noch ein bisschen mehr<br />
über die Pläne der USA?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Heidemarie Wieczorek-Zeul:</b><br />
Ich meine, das sind eigentlich Vermutungen, dass die Frage der Rohstoffsicherung<br />
eine Rolle gespielt hat. Auch deshalb ist es wichtig, dass bei den Beratungen<br />
im UN-Sicherheitsrat sichergestellt wird, dass die Verfügung über<br />
die Öl-Ressourcen nur bei der irakischen Bevölkerung selbst<br />
ist und solange es keine legitimierte irakische Regierung gibt, muss die<br />
Transparenz und die Kontrolle durch die internationale Gemeinschaft sichergestellt<br />
werden.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:</b><br />
Bis zum Jahr 2015 wollen sie den Anteil in extremer Armut lebenden Menschen<br />
um die Hälfte verringern. Derzeit müssen 1,2 Milliarden Menschen<br />
(!) mit weniger als einem US-Dollar pro Tag auskommen. Weltbank und der<br />
Internationale Währungsfonds berichten, dass die Bedingungen dafür<br />
immer schlechter werden. Wie groß ist die Chance, dass Sie das noch<br />
erreichen?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Heidemarie Wieczorek-Zeul:</b><br />
Dass es erreicht werden kann, ist möglich. Aber unter erschwerten<br />
Bedingungen, das sagt auch die Weltbank. Deshalb ist meine Forderung und<br />
meine Sorge, dass wir in eine Entwicklung geraten, in der wieder gerüstet<br />
wird und die Militärausgaben erhöht werden und dass es zu Lasten<br />
geht der Mittel, die zur Bekämpfung der Armut notwendig sind. Wenn<br />
wir die Ziele wirklich erreichen wollen, müssen wir alle Finanzmittel<br />
darauf konzentrieren. Vielleicht müssen wir das erweitern: Zugang<br />
zu Wasser, Zugang Energie (2,4 Mrd. Menschen haben weltweit keinen Zugang<br />
zu kommerzieller Energie).</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Zenzi:</b> Hallo,<br />
Frau Wieczorek-Zeul, ich glaube, Sie haben z.Zt. einen schweren Stand.<br />
Die Finanzen stehen schlecht. Ist es Ihnen überhaupt noch möglich,<br />
für Ihr Ressort Gelder für Projekte in Drittweltländern<br />
locker zu machen? Gibt es Beschränkungen, z.B. auf gewisse Regionen?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Heidemarie Wieczorek-Zeul:</b><br />
Es gibt keine Beschränkungen auf Regionen. Wir kooperieren mit Partnerländern<br />
unter drei Gesichtspunkten: Einmal unterstützen wir Länder,<br />
die sich besonders um verantwortliche Regierungsführung bemühen;<br />
zweitens arbeiten wir auch in Konfliktregionen, um ein Abgleiten zu verhindern<br />
und drittens in Länder, die nach Kriegen oder Bürgerkriegen<br />
den Neuanfang brauchen. Ansonsten gilt, dass Entwicklungszusammenarbeit<br />
die kostengünstigste Sicherheitspolitik ist. Übrigens auch für<br />
uns.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:</b><br />
Dennoch schlägt &quot;zenzi&quot; doch in die richtige Kerbe: bei<br />
30 Milliarden Neuverschuldung leidet doch auch ihr Etat.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Heidemarie Wieczorek-Zeul:</b><br />
Wir haben zugesagt, das wir die internationale Verpflichtung einhalten<br />
werden, schrittweise die Mittel für die Entwicklungszusammenarbeit<br />
zu erhöhen. Das ist genauso eine internationale Verpflichtung wie<br />
eine Verpflichtung in einem Bündnis und wir lösen unsere Verpflichtung<br />
ein. Vielleicht kann ich ergänzen: Das ist eine humanitäre Position,<br />
es ist aber auch im Interesse eines exportorientierten Landes wie der<br />
Bundesrepublik Deutschland.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:</b><br />
Kleiner Vorsatz: Das ach, ja von &quot;h.kurt&quot; bezog sich auf eine<br />
andere Frage, dennoch: die Ziele waren ja ursprünglich noch wesentlich<br />
höher gestellt:</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>h.kurt:</b> Ach<br />
ja, wie sieht es denn aus mit dem Ziel, 0.7 % des BIP als Entwicklungshilfe<br />
zu verplanen? Wird das in dieser Legislaturperiode erreicht? Wie sieht<br />
es im Rest Europas aus ?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:</b><br />
BIP = Bruttoinlandsprodukt.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Heidemarie Wieczorek-Zeul:</b><br />
Erstens steht das Ziel, zweitens haben wir gesagt, wir werden es schrittweise<br />
erreichen. Wir haben zugesagt, in dieser Legislaturperiode auf 0,33% zu<br />
erhöhen. Im Übrigen ist Deutschland in absoluten Zahlen der<br />
drittgrößte Geber von Entwicklungshilfe weltweit und Entwicklungsländer<br />
hätten im Übrigen weit mehr Einkommen und wären weit weniger<br />
auf Hilfe angewiesen, wenn die Industrieländer z.B. von ihren Agrarproduktsubventionen<br />
Abstand nehmen, mit denen sie den Entwicklungsländern unfaire Konkurrenz<br />
machen.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:</b><br />
Was würde ein Abbau der Handelshemmnisse denn für die angeschlagene<br />
deutsche Wirtschaft bedeuten?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Heidemarie Wieczorek-Zeul:</b><br />
Wir müssen ja sowieso die Agrarpolitik der EU reformieren &#8211; und zwar<br />
weg von der Subventionierung von Produkten und hin zu der Unterstützung<br />
in den ländlichen Regionen und indem wir Exportsubventionen auslaufen<br />
lassen. Deshalb würde von solchen Veränderungen die bäuerliche<br />
Landwirtschaft nicht benachteiligt.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:</b><br />
Noch einmal zu der Frage, wie Veränderungen herbeigeführt werden<br />
können: Sie haben die Frauen angesprochen. Dazu zwei Nachfragen:</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>ernie:</b> Nachfrage:<br />
es ist aber doch eine Glaubensfrage, dass Frauen in der Politik so wenig<br />
involviert sind. Kann man daran denn wirklich was ändern?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>BartSimpson:</b><br />
Aber führt z.B. eine von außen herbeigeführte schnelle<br />
Veränderung hin zu wesentlich mehr Frauenrechten (auch wenn es aus<br />
unserer Sicht wünschenswert ist) nicht zu weiteren Verwerfungen,<br />
die radikalen islamistischen Kräften Vorschub leisten?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Heidemarie Wieczorek-Zeul:<br />
</b>Die Frage der Notwendigkeit der Beteiligung von Frauen: da weist gerade<br />
der Arab Human Development Report der Vereinten Nationen darauf hin, das<br />
manche arabische Länder trotz Rohstoffen wirtschaftlich weit hinten<br />
liegen wegen der mangelnden Beteiligung von Frauen. Man kann generell<br />
sagen, dass die Bildung und Förderung von Frauen und Mädchen<br />
und der Zugang von Frauen zu Familienplanung den wichtigsten Schub zu<br />
Modernisierung von Ländern bedeuten. Dass natürlich immer auch<br />
die kulturelle Situation von Ländern beachtet werden muss, versteht<br />
sich von selbst.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:</b><br />
Liebe Politik-Interessierte, unsere Zeit ist leider vorbei. Herzlichen<br />
Dank für Ihre Fragen und herzlichen Dank an Frau Wieczorek-Zeul,<br />
dass Sie ins ARD-Hauptstadtstudio gekommen sind. Noch ein Terminhinweis:<br />
Am 22.Mai stellt sich der FDP-Vizefraktionschef und FDP-Finanzexperte<br />
Otto Solms Ihren Fragen. Das tacheles.02-Team wünscht allen noch<br />
einen schönen Abend.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Heidemarie Wieczorek-Zeul:</b><br />
Klasse, dass sie sich in den Themen so engagieren, bleiben sie dran.<br />
</span><span style="font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"> </span>
</p>
<p>
&nbsp;</p>
]]></content:encoded>
					
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			</item>
		<item>
		<title>&#8220;Die Vorschläge sind für unsere Ziele wenig tauglich&#8221;</title>
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		<dc:creator><![CDATA[espies]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 06 May 2003 23:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Chattranscripte]]></category>
		<category><![CDATA[Bundespolitik]]></category>
		<category><![CDATA[Bündnis 90/Die Grünen]]></category>
		<category><![CDATA[Finanzpolitik]]></category>
		<category><![CDATA[Agenda 2010]]></category>
		<category><![CDATA[Christine Scheel]]></category>
		<category><![CDATA[Nachtragshaushalt]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b><img src="http://www.politik-digital.de/salon/photos/cscheel.jpg" alt="Christine Scheel" align="left" border="0" height="105" width="84" />tacheles.02: 
</b> <b>Christine Scheel, Finanzexpertin der Grünen, am 07. 
Mai 2003, </b></span><span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>zu 
Gast im tacheles.02 Live-Chat von politik-digital.de und tagesschau.de</b>.</span>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b><img decoding="async" src="http://www.politik-digital.de/salon/photos/cscheel.jpg" alt="Christine Scheel" align="left" border="0" height="105" width="84" />tacheles.02:<br />
</b> <b>Christine Scheel, Finanzexpertin der Grünen, am 07.<br />
Mai 2003, </b></span><span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>zu<br />
Gast im tacheles.02 Live-Chat von politik-digital.de und tagesschau.de</b>.</span><!--break-->
</p>
<p>
<br />
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"> <b>Moderator:</b><br />
Herzlich willkommen im tacheles.02-Chat. tacheles.02 ist ein Format von<br />
tagesschau.de und politik-digital.de und wird unterstützt von tagesspiegel.de.<br />
Heute ist die Finanzexpertin der Grünen, Christine Scheel, zum chatten<br />
ins ARD-Hauptstadtstudio gekommen. Eine Stunde haben wir Zeit. Kann es<br />
losgehen, Frau Scheel?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Christine Scheel:</b><br />
Ja, ich bin bereit.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:</b><br />
Die Bundesanstalt für Arbeit braucht in diesem Jahr nach eigenen<br />
Angaben vermutlich einen Bundeszuschuss von bis zu 7,5 Milliarden Euro.<br />
Das ist noch weit mehr als bislang befürchtet, ursprünglich<br />
sollte es gar keinen Zuschuss geben. Als Vorsitzende des Bundestags-Finanzausschusses<br />
und Mitglied einer Regierungspartei muss Ihnen da doch der Schweiß<br />
ausbrechen. Im Haushalt ist das nicht vorgesehen, wie wollen Sie das auffangen?</span><span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"></p>
<p><b>Christine Scheel:</b> Wir werden wahrscheinlich die Neuverschuldung<br />
erhöhen müssen. Das hängt auch davon ab, wie die Steuerschätzung<br />
Mitte Mai ausfällt.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>steueroasenbewohner:</b><br />
Sind sie für eine moderate Schuldenaufnahme und für ein Konjunkturprogramm,<br />
das Arbeitsplätze schafft? Denn dann werden die staatlichen Steuereinnahmen<br />
steigen und die Schulden können wieder abgebaut werden, oder?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Christine Scheel:</b><br />
Wir geben in diesem Jahr rund 28 Mrd. Euro für Investitionen aus.<br />
Zudem gibt es für die Kommunen und die Bauindustrie verbilligte Kredite,<br />
in etwa 12 Mrd. Euro. Weitere Konjunkturprogramme würden die Schulden<br />
zu stark erhöhen.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Ricco:</b> Liebe<br />
Frau Scheel, hat die rot-grüne Regierung den Mittelstand ins steuerpolitische<br />
Aus katapultiert? Und rächt sich diese Strategie jetzt durch die<br />
neuesten Arbeitslosenzahlen?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Christine Scheel</b>:<br />
Nein. Wir sind nicht allein auf der Welt und stehen natürlich, was<br />
die Steuerbelastung betrifft und die Lohnnebenkosten, im internationalen<br />
Wettbewerb. Daher ist es für den Mittelstand wichtig, dass die Agenda<br />
2010 kommt und damit auch der Weg frei wird, die Sozialversicherungsbeiträge<br />
zu senken.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>gqgerqg:</b> Zu<br />
den Reformplänen: Nur, wenn es billiger wird, Arbeitnehmer zu bezahlen,<br />
stellen die Betriebe neu ein, oder?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Christine Scheel:</b><br />
Ja.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>tschudowsky:</b><br />
Sehr geehrte Frau Scheel. Was halten Sie von der Idee des DGB, die für<br />
2004 vorgesehenen Steuerentlastungen auf dieses Jahr rückwirkend<br />
vorzuziehen, um den Kommunen und den Bürgern mehr Geld in den Taschen<br />
zu lassen. Der DGB rechnet mit einem Wirtschaftswachstum von bis zu 1,5<br />
%. Wäre das nicht ein psychologisch wichtiges Signal, um die Wirtschaft<br />
wieder in Schwung zu bringen?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Christine Scheel:</b><br />
Ich kann mir nicht vorstellen, dass die kommunalen Haushalte, die Länder<br />
und der Bund bei so hohen Steuerausfällen noch verfassungskonforme<br />
Haushalte aufstellen könnten. Trotz der hohen Schuldensituation bleiben<br />
wir dabei, 2004 und 2005 die Steuern weiter zu senken.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:</b><br />
Was erwarten Sie sich von den Vorschlägen der Gewerkschaften, die<br />
morgen vorgestellt werden sollen. Werden diese Ihrer Meinung nach noch<br />
in die rot-grünen Reformpläne einfließen oder ist schon<br />
alles festgeklopft?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Christine Scheel:</b><br />
Die Vorschläge sind für unsere Ziele wenig tauglich.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:</b><br />
Das ist ein knappes, recht vernichtendes Urteil.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Christine Scheel:</b><br />
Selbstverständlich wird man über vernünftige Übergänge<br />
reden.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Ricco:</b> Liebe<br />
Frau Scheel, Hans Eichel sitzt auf leeren Kassen, der Kanzler auf Bergen<br />
von Arbeitslosen. Glauben Sie, dass die Agenda 2010 mehr sein kann als<br />
&quot;alter Wein in neuen Schläuchen&quot;?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Christine Scheel:</b><br />
Die Agenda 2010 ist nicht alles. Wichtig ist auch Bürokratieabbau,<br />
mehr Vertrauen der Bürger in die Politik und damit auch mehr Lust<br />
für Investitionen. Außerdem müssen wir die Eigenkapitalbasis<br />
der Unternehmen stärken und Selbstständigkeit mehr fördern.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:</b><br />
Noch mal zu den Gewerkschaftsvorschlägen:</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>eisernelady:</b><br />
Was sind vernünftige Übergänge?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Christine Scheel:</b><br />
Vernünftige Übergänge bedeutet, dass nicht jemand nach<br />
30 Jahren vom Arbeitslosengeld sofort in die Sozialhilfe rutscht.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:</b><br />
Mit Bezug auf tschudowskys Frage fragt:</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Ruben:</b> Wer<br />
spricht hier von 1,5 Prozent Wachstum. Zahlreiche Institute gehen wieder<br />
von einer Nullrunde aus. Ist da so eine Steuersenkungspolitik nicht ein<br />
gerade fatales Konzept?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Christine Scheel:</b><br />
Wir gehen derzeit von einem Wachstum von 0,5% aus. Wir orientieren uns<br />
steuerpolitisch im internationalen Kontext und daher ist es wichtig, um<br />
Deutschland als Investitionsstandort attraktiv zu halten, auch vernünftige<br />
Steuersätze zu haben.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:</b><br />
Am Montag sprachen Sie davon, dass man bei vier oder fünf Milliarden<br />
Euro Zuschuss für die Bundesanstalt für Arbeit &quot;sehr ernsthaft&quot;<br />
über einen Nachtragshaushalt nachdenken müsse. Bei 7,5 Milliarden,<br />
die jetzt veranschlagt werden und ihren vorsichtigen Äußerungen<br />
zum Wachstum, dann ist ein Nachtragshaushalt wohl Fakt?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Christine Scheel:</b><br />
Wir müssen noch die Steuerschätzung abwarten, bevor wir entscheiden,<br />
ob ein Nachtragshaushalt notwendig ist. Der Finanzminister hat noch einen<br />
Kreditermächtigungsrahmen von knapp 10 Mrd. Euro.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:</b><br />
Der Kreditrahmen dürfte nach Expertenmeinung mit den Bundesanstalt-für-Arbeit-Milliarden<br />
bereits weg sein &#8211; da höre ich jetzt mehr Finanzminister Eichel sprechen,<br />
als die grüne Finanzexpertin Christine Scheel.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Christine Scheel:</b><br />
Ich halte aufgrund einer guten Transparenz einen Nachtragshaushalt für<br />
die klarere Lösung.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>holger:</b> Warum<br />
kümmert man sich überhaupt noch um die Meinungen der Verbände?<br />
Sollte man sich nicht hinstellen und sagen: &quot;Was ihr wollt ist uns<br />
schnuppe. Ihr wollt eh nur Stillstand. Wir machen jetzt was wir für<br />
richtig halten. Basta!&quot;?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Christine Scheel:</b><br />
Wir sollten uns von der Lobbypolitik lösen, das stimmt. Politiker<br />
sind für das Gemeinwohl gewählt.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Bürger:</b><br />
Warum gehen Politiker nicht mit gutem Beispiel voran und verzichten einfach<br />
auf ihr Kindergeld. Dieses gilt auf für Besserverdienende.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Christine Scheel:</b><br />
Es steht jedem frei diese Summen zu spenden. Leider ist aufgrund der Rechtssprechung<br />
des Bundesverfassungsgerichtes eine Zahlung des Kindergeldes nur für<br />
niedrigere Einkommen rechtlich nicht möglich. Gesellschaftspolitisch<br />
hielte ich das allerdings für sinnvoll.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>eisernelady:</b><br />
Selbst wenn es der Bundesregierung gelingt, bis 2006 die Nettokreditaufnahme<br />
des Bundes auf Null zu senken, kommen wir jemals wieder von diesem Schuldenberg<br />
herunter?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:</b><br />
Gute Frage: 1291, 5 Milliarden Euro beträgt die Staatsverschuldung<br />
nach Angaben des Bundes der Steuerzahler am heutigen Mittwoch. Der rechnet<br />
so: Bei einer Schuldentilgung von 1 Milliarde Euro monatlich würde<br />
es 110 Jahre dauern bis die Schulden getilgt sind.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Christine Scheel:</b><br />
Ich befürchte, dass wir aufgrund der wirtschaftlichen Situation bis<br />
2006 die Nettokreditaufnahmen (NKA) nicht auf Null setzen können.<br />
Insgesamt wird deutlich, dass es zwingend ist, dass wir weiter Subventionen<br />
abbauen und sparen.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:</b><br />
Welche Subventionen sind nach ihrer Meinung als nächstes &quot;dran&quot;?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Christine Scheel:</b><br />
Die Steinkohlesubvention wird seit 1999 bis 2005 vertraglich um knapp<br />
50% abgebaut. Dies muss natürlich weiter gehen. Außerdem erwarte<br />
ich mit großer Spannung den Vorschlag der Ministerpräsidenten<br />
Koch und Steinbrück zum Subventionsabbau. Die größte Steuersubvention<br />
in Deutschland ist die Eigenheimzulage mit 9,5 Mrd. Euro pro Jahr.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>teuro22:</b> Ist<br />
die Vermögenssteuer die Lösung der staatlichen Finanzprobleme?<br />
Aber kaum gegen die CDU/CSU Opposition durchsetzbar?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Christine Scheel:</b><br />
Nein. Außerdem auch nicht durchsetzbar.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>bdi__:</b> Hans<br />
Eichel hat versprochen: Wir werden keine zusätzlichen neue Schulden<br />
machen. Aber die Konjunktur lahmt, die Arbeitslosenzahlen sind sehr hoch.<br />
Warum werden die Wohlhabenden und die Unternehmen nicht stärker in<br />
die Pflicht genommen?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Christine Scheel:</b><br />
Wir haben steuerliche Unternehmensgestaltungen begonnnen einzuschränken,<br />
damit auch große Konzerne wieder ihren Beitrag zum Steueraufkommen<br />
leisten. Kleine und mittelständische Unternehmen sind die, die Steuern<br />
zahlen und ausbilden. Wohlhabende haben höhere Steuersätze als<br />
Kleinverdiener.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:</b><br />
Eine kurze Spezialfrage:</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Ulrich:</b> Wird<br />
sich in der nächsten Zeit etwas beim Verlustvortrag bzw. Rücktrag<br />
ändern?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Christine Scheel:</b><br />
Es gibt 250 Mrd. Euro Verlustvorträge in deutschen Unternehmen.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:</b><br />
Verlustvortrag: Verrechnung von Gewinnen mit Schulden</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Christine Scheel:</b><br />
Ich finde, dass wir eine Begrenzung der Verlustverrechnung mit Gewinnen<br />
vornehmen sollten.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Ruben:</b> Frau<br />
Scheel, sie haben die Frage nach dem Mittelstand vorhin nicht beantwortet.<br />
Warum wird dem Mittelstand eine deutlich höhere steuerliche Belastung<br />
zugemutet als großen Lobbyisten wie VW?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Christine Scheel:</b><br />
Die Steuersätze für Körperschaften gelten für alle<br />
gleich. Personenunternehmen haben viele Vorteile, die sie in einer anderen<br />
Rechtsform nicht hätten, z.B. günstigere Erbschaftssteuer.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:</b><br />
Sind größere Unternehmen nicht im Vorteil? Sie könn(t)en<br />
ins Ausland ausweichen, haben große steuerrechtlichen Abteilungen.<br />
Spielt das eine wesentliche Rolle?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Christine Scheel:</b><br />
Ja. Allerdings sind wir dabei, dass Gewinne, die in Deutschland entstehen,<br />
auch in Deutschland versteuert werden.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>holger:</b> Was<br />
ist mit der unterschiedlichen steuerlichen Behandlung von Freiberuflern.<br />
Die müssen keine Gewerbesteuern zahlen. Wann wird das geändert?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Christine Scheel:</b><br />
Demnächst wird ein Gesetz zur Stabilisierung der Kommunalfinanzen<br />
vorgelegt. Bei allen Modellen der Sachverständigenkommission sind<br />
die Freiberufler mit einbezogen. Allerdings wird unterm Strich keine höhere<br />
steuerliche Belastung für die Selbstständigen entstehen.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>andrak:</b> Aber<br />
der Mittelstand hat auch viele Hemmklötze. Die leichte Betriebskündigung<br />
für Kleinbetriebe unter 4 Personen ist gut, doch leider haben davon<br />
Mittelständler mit 5 und mehr Personen nichts davon. Sie bleiben<br />
weiterhin geknebelt.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Christine Scheel:</b><br />
Aus diesem Grund wollen die Grünen mehr Flexibilität für<br />
Betriebe mit fünf und mehr Personen. Die genaue Ausgestaltung wird<br />
derzeit in der Koalition diskutiert.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>eisernelady:</b><br />
Wie genau können sie sagen, was eine Senkung des Spitzensteuersatzes<br />
den Staat kosten würde? Ich habe gelesen, dass sie keine aktuellen<br />
Zahlen haben, wie stark welche Einkommensgruppe von den Steuererleichterungen<br />
profitieren wird. Alles nur Spekulation?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Christine Scheel:</b><br />
Selbstverständlich gibt es Berechnungen des Finanzministeriums.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>33%:</b> Sind Steuersenkungen<br />
das richtige Mittel? Die OECD ermittelte für 2001, dass Deutschland<br />
mit 21,7% den niedrigsten Steueranteil am Bruttoinlandsprodukt in Europa<br />
hatte. Nur Japan und die USA sind niedriger. Ist diese staatliche Großzügigkeit<br />
gerecht(-fertigt)?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Christine Scheel:</b><br />
Das hängt auch damit zusammen, dass in Deutschland die Freibeträge<br />
für Familien mit Kindern in der Einkommenssteuer verankert sind.<br />
Darüber hinaus gibt es noch andere Komponenten, die, wenn man sie<br />
herausrechnen würde, uns ein Stück weiter nach oben katapultieren<br />
würden. Außerdem muss man die Steuer- und Abgabenbelastung<br />
gemeinsam betrachten. Bei den Abgaben liegen wir im internationalen Vergleich,<br />
leider an der Spitze.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:</b><br />
Selbst wenn es bei den Lohnkosten eine gewisse Senkung gibt, scheint mir<br />
das eine interessante Frage:</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Thomas Gramse:</b><br />
Sehen Sie denn durch die Osterweiterung der EU keine Gefahr für die<br />
deutsche Wirtschaft, wenn die Lohnnebenkosten unverändert hoch bleiben?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Christine Scheel:</b><br />
Wir können die Lohnnebenkosten natürlich nicht auf das Niveau<br />
der EU-Beitrittsländer senken. Deutschland hat zum Glück Wettbewerbsvorteile<br />
bei Bildung, Infrastruktur und Lieferungen just-in-time.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>bdi__:</b> Die<br />
erste Stufe der Steuerreform hat den Staat 30 Milliarden gekostet, aber<br />
die Binnennachfrage nicht belebt. Wurden da nicht die Falschen entlastet?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Christine Scheel:</b><br />
Wir senken den Tarif insgesamt ab, so dass alle Einkommen davon profitieren.<br />
Übrigens bedeuten höhere Steuersätze nicht automatisch<br />
höhere Steuereinnahmen. Wichtig ist die Steuergestaltung weiter einzuschränken<br />
und zu einer Vereinfachung zu kommen.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Ricco:</b> Liebe<br />
Frau Scheel, der Kanzler hat die Parole ausgeben: Wer gegen meine Agenda<br />
ist, ist gegen meine Regierung. Wie wollen die Grünen da dem Packet<br />
ihren Stempel aufdrücken?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Christine Scheel:</b><br />
Wir haben im Vorfeld der Regierungserklärung natürlich dem Bundeskanzler<br />
unsere Vorschläge vorgetragen und vieles ist davon in der Agenda<br />
2010 zu finden. Diese Agenda steht für die Koalitionsfraktionen.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator: </b>Natürlich<br />
kommt dennoch die Frage:</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>agenda007:</b><br />
Wird die Agenda innerhalb der Grünen zu einer Spaltung führen?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Christine Scheel:<br />
</b>Nee, niemals. Da haben wir schon schwierigere Debatten gehabt, siehe<br />
Außenpolitik.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:</b><br />
Also, die Grünen-Fraktion steht bei der Abstimmung über die<br />
Agenda 2010 hinter dem Kanzler?</span>
</p>
<p>
<b><span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif">Christine Scheel:</span></b><span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><br />
Na klar. Auch vor dem Kanzler übrigens.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:</b><br />
Und die SPD-Fraktion? Sie sitzen ja schließlich nahe bei einander,<br />
da müssten Sie das doch eigentlich wissen.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Christine Scheel:</b><br />
Zum Glück müssen wir nicht die Probleme der SPD-Fraktion klären.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:</b><br />
Immerhin wissen wir damit, dass die SPD-Fraktion noch Probleme hat. Und<br />
noch mal zu den Grünen:</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>33%:</b> Aber Herr<br />
Ströbele wird da doch anderer Meinung sein, oder gibt es das linke<br />
Gewissen in den Grünen nicht mehr und nur noch Neoliberale?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Christine Scheel:</b><br />
Es gibt nur Ordoliberale. Ich kenne in der Grünen Fraktion keinen<br />
Neoliberalen. Wir sind doch nicht die FDP.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>cypher:</b> Frau<br />
Scheel, wäre es Ihrer Meinung nach nicht sinnvoller sowohl die Rentenfinanzierung<br />
als auch die Gesundheitsvorsorge vollständig privat zu betreiben,<br />
um die Lohnnebenkosten endlich nachhaltig zu senken? Ist Ihrer Meinung<br />
nach eine vollständige Finanzierung aus Steuern der richtige Weg<br />
oder wollen Sie an der Finanzierung durch Arbeitgeber/Arbeitnehmer festhalten?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Christine Scheel:</b><br />
Wir wollen an der Umlagefinanzierung festhalten und gleichzeitig die individuelle<br />
Verantwortung stärker einbeziehen. Daher haben wir bei der Rente<br />
neben der gesetzlichen Altersvorsorge die private und betriebliche Komponente<br />
gestärkt. Bei der Gesundheitsvorsorge steht dies nun an, dass ein<br />
höherer Eigenbeitrag geleistet werden muss. Wie dies genau geschieht,<br />
ob durch Zuzahlungen oder andere Maßnahmen, ist noch nicht entschieden.<br />
Es gibt in Europa kein Land, das die Rente und Gesundheit rein privat<br />
finanzieren lässt. In der Schweiz gibt es sogar eine Bürgerversicherung,<br />
in die alle einbezahlen egal ob Beamte, Selbstständige oder abhängige<br />
Beschäftigte, und die hat auch einen Arbeitgeberanteil.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Beimel:</b> Frau<br />
Scheel, sind sie für oder gegen Ausstiegsklausel bei Flächentarifverträgen?<br />
Und glauben Sie, dass die Gewerkschaften auch die Arbeitslosen adäquat<br />
vertreten?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Christine Scheel:</b><br />
Ich habe nicht den Eindruck, dass sich die Gewerkschaften in den letzten<br />
Jahren um die Arbeitslosen gekümmert haben. In der Realität<br />
gibt es heute schon Ausstiegsklauseln. Ich halte viel von betrieblichen<br />
Bündnissen.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:</b><br />
Ein Vorwurf mit Verweis auf eine grundlegende grüne Handlungsmaxime:</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>agenda007:</b><br />
Und von Nachhaltigkeit hört man bei den Grünen nichts mehr.<br />
Auch Finanzpolitik darf spätere Generationen nicht mit Schulden belasten?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Christine Scheel:</b><br />
Das ist genau der Punkt. Wir haben den Begriff der Nachhaltigkeit von<br />
der Umweltpolitik auf die praktische Finanzpolitik und übrigens auch<br />
die Wirtschaftspolitik übertragen. Aus diesem Grund versuchen wir<br />
alles, um späteren Generationen Handlungsspielräume zu geben,<br />
d.h. Schulden vermeiden, wo immer es geht und eben nicht die Vorstellungen<br />
der Gewerkschaften umsetzen.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>ohhhe:</b> Ich<br />
habe gelesen, dass ihr Parteikollege hier im Chat letztes Jahr auf die<br />
Frage, warum Reformen so schwer seien, sagte: &quot; Ehrliche Antwort:<br />
weil Politiker d i e Besitzstandswahrer schlechthin sind. &quot; Sie auch?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:</b><br />
Ich weiß nicht, welcher Parteikollege von Frau Scheel das war, es<br />
gab eine Menge Chat’s, aber vorstellen kann ich es mir.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>ohhhe:</b> Es war<br />
Oswald Metzger!</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Christine Scheel:</b><br />
Es gibt viele Abgeordnete der Oppositionsparteien, die jede Forderung<br />
nach Mehrausgaben von Lobby-Verbänden bedienen wollen, damit sie<br />
ja keinen Wähler verlieren. Das ist eine falsche Politik und zudem<br />
unehrlich, denn in Regierungsverantwortung muss man sich entscheiden,<br />
ob man mehr Geld ausgeben und mehr Schulden machen oder die Linie der<br />
Haushaltskonsolidierung verfolgt. Ich persönlich bin für Konsolidierung,<br />
auch wenn es weh tut.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>DerWeise:</b> Wann<br />
gibt es endlich eine Steuergesetzgebung, die von normalen Menschen überblickt<br />
und verstanden werden kann?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Christine Scheel:</b><br />
Ich habe diese Hoffnung auch noch nicht aufgegeben. Allerdings haben wir<br />
in Deutschland ein über jahrzehnte gewachsenes Steuersystem, in dem<br />
alles &#8211; von der Wohnungsbauförderung über Kulturförderung<br />
bis hin zur Familienpolitik &#8211; im Steuerrecht geregelt ist. Daher brauchen<br />
wir einen gesellschaftspolitischen Konsens, alle Sondertatbestände<br />
aus dem Steuerrecht herauszunehmen. Da würden sich einige wundern.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:</b><br />
Liebe Politik-Interessierte, es gibt noch reichlich Fragen, leider ist<br />
unsere Zeit vorbei. Herzlichen Dank Frau Scheel, Herzlichen Dank an alle<br />
UserInnen für Ihr Interesse.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif">Noch zwei Terminhinweise:<br />
am Montag, 12. Mai kommt Entwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul<br />
von 18.00 bis 19.00 Uhr zum tacheles.02-Chat, am 22. Mai antwortet FDP-Vizefraktionschef<br />
Otto Solms von 17.00 bis 18.00 Uhr auf Ihre Fragen. Wir freuen uns, wenn<br />
Sie wieder dabei sind.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif">Die Transkripte aller<br />
tacheles.02-Chats finden Sie auf den Webseiten der Veranstalter tagesschau.de<br />
und politik-digital.de sowie des Unterstützers tagesspiegel.de. Das<br />
tacheles.02-Team wünscht allen noch einen angenehmen Abend.</span>
</p>
<p><span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Christine Scheel:</b><br />
Vielen Dank an alle Beteiligten. Die Zeit ist vergangen wie im Flug.</span></p>
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