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	<title>mfrost &#8211; politik-digital</title>
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	<description>Information, Kommunikation, Partizipation</description>
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	<title>mfrost &#8211; politik-digital</title>
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		<title>SPD-Online-Wahlkampf: Das Internet als Baustein der Gesamtkampagne</title>
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		<pubDate>Wed, 10 Aug 2005 22:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Neuwahlen zum Bundestag 2005]]></category>
		<category><![CDATA[Wahlkampf]]></category>
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					<description><![CDATA[<p class="fett">
<b>Der Projektbereichsleiter “Online Wahlkampf“ der SPD, Sebastian Reichel, verrät, welche Strategie den Roten Wahlkampf im Netz bestimmt. Tritt der Online-Wahlkampf im Jahr 2005 endlich aus dem Schatten der Nicht-Beachtung?</b>  
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										<content:encoded><![CDATA[<p class="fett">
<b>Der Projektbereichsleiter “Online Wahlkampf“ der SPD, Sebastian Reichel, verrät, welche Strategie den Roten Wahlkampf im Netz bestimmt. Tritt der Online-Wahlkampf im Jahr 2005 endlich aus dem Schatten der Nicht-Beachtung?</b><br />
<!--break-->
</p>
<p><b>politik-digital.de:</b> Noch im letzten Wahlkampf galt das Internet lediglich als experimentelles Zusatzangebot. Welche Bedeutung misst die SPD dem Internetwahlkampf bei dieser Bundestagswahl zu?</p>
<p><b>Sebastian Reichel:</b> Wir arbeiten mittlerweile selbstverständlich mit dem Medium, nicht mehr experimentell. Es gibt Theorien, die sagen, dass sich das Internet mittlerweile als vierte Mediensäule etabliert hat. Das Internet ist für die Parteien mittlerweile ein normales Medium geworden, die Arbeit damit selbstverständlich, nicht experimentell. Das Internet ist natürlich ein Teil, ein Ausschnitt der Gesamtkampagne. Es gibt ja eine ganze Reihe an Kampagnenwegen und -bausteinen. Neben der Offline-Kampagne gibt es eben auch die Online-Kampagne, wo all die Möglichkeiten ausgeschöpft werden, die das Medium bietet. Ich würde das jetzt nicht gegeneinander ranken wollen. Das Internet ist ein integraler Bestandteil. Und das war es aus meiner Sicht schon 2002. Ich weiß aber nicht, wo diese Internetwahlkampfdiskussion hinführt. Ob man sagen muss, der Online-Wahlkampf ist völlig eigenständig zu führen. Das fände ich ein wenig absurd, da der Online-Wahlkampf immer ein Teil der Gesamtkampagne ist.</p>
<p><b>politik-digital.de:</b>Wie ergänzt in diesem Wahlkampf das Internet die Gesamtkampagne? Wie spielen die einzelnen Teile zusammen?</p>
<p><b>Sebastian Reichel:</b> Im Internet hat man ja bestimmte Möglichkeiten, die man mit den klassischen Medien oder im realen Leben nicht hat. Man erreicht mehr Menschen auf direktem Weg an den Massenmedien vorbei. Dieses Potenzial ergänzt, erweitert eine Kampagne, wenn man so sagen möchte. Natürlich finden sich auch alle Bestandteile, die ich in der realen Kampagne habe in der Onlineversion wieder: Plakate und dergleichen mehr. Man hat die Möglichkeit Inhalte multimedial aufzubereiten. Somit ist das Internet auch Dienstleistungsmedium für die reale Kampagne.</p>
<p><b>politik-digital.de:</b>Wie schlägt sich der Stellenwert des Internets nun im Gesamtbudget nieder?</p>
<p><b>Sebastian Reichel:</b> Zum Budget haben wir eine Regel: Es gibt eine Gesamtsumme, die Sie bereits kennen und die auch im Rechenschaftsbericht der Partei aufgeschlüsselt wird. Zu den Einzelbudgets machen wir keine Angaben.</p>
<p><b>politik-digital.de:</b>Franz Müntefering hat für dieses Jahr einen Wahlkampf mit viel Inhalt und dafür weniger Design angekündigt. Wie schlägt sich diese Ankündigung im Online-Auftritt der SPD nieder?</p>
<p><b>Sebastian Reichel:</b> Das können sie ja sehen an den Seiten, die wir bereits gestartet haben. Sie sind inhaltlich sehr ausführlich. Design spielt selbstverständlich bei der Darstellung der Inhalte eine wichtige Rolle.<br />
<br />
Alle Seiten sind sehr funktional aufgebaut. Wir versuchen uns zu konzentrieren, einen konzentrierten Wahlkampf auf www.spd.de als Dachmarke zu führen und dabei die Inhalte entsprechend den Möglichkeiten des Netzes anzupassen.</p>
<p><b>politik-digital.de:</b>Der Wunsch des Bundeskanzlers nach vorgezogenen Bundestagswahlen kam doch überraschend. Es ist auch noch möglich, dass der Wahltermin vom Bundesverfassungsgericht gekippt wird. Wie wirken sich diese Gegebenheiten auf Ihre Wahlkampfführung aus? Gibt es Konsequenzen für das Konzept?</p>
<p><b>Sebastian Reichel:</b> Parteien beschäftigen sich ja schon lange bevor überhaupt Wahlen beginnen mit ihren Wahlkampfkonzepten und dementsprechend haben wir auch schon frühzeitig angefangen, Konzepte für eine Onlinekampagne 2006 zu entwickeln. Die lagen alle bereits in der Schublade und konnten dann zur Ankündigung der Neuwahlen durch den Bundespräsidenten umgesetzt werden. Das ganze natürlich mit hoher Schlagzahl: Das heißt, ein Programm, das man sich für ein Jahr vorgenommen hatte, wird nun in drei Monaten absolviert. Man muss selbstverständlich etwas modifizieren. Viele Sachen, die vorstellbar waren, können nicht mehr umgesetzt werden, weil der zeitliche Rahmen zu eng ist.<br />
<br />
Da wir allerdings kontinuierlich mit dem Internet arbeiten, verfügen wir über etablierte Strukturen: Wir haben ein großes Netzwerk von ehrenamtlichen Helfern im Internet und gute technische Voraussetzungen. Das erleichtert natürlich die Arbeit zu einer Kampagne. Wir haben bis hier viel Engagement und Arbeitskraft in den Internetwahlkampf gesteckt, um das in einem kürzeren Zeitrahmen aus dem Boden stampfen zu können.</p>
<p>
<b>politik-digital.de:</b>Was sind die Trends, die die SPD in ihrem Online-Wahlkampf 2005 verfolgt? Gibt es neue Elemente in der Kampagne?</p>
<p><b>Sebastian Reichel:</b> Nahezu jeder, den sie fragen, wo er Informationen zur SPD sucht, wird ihnen www.spd.de antworten: Das ist quasi die Dachmarke und darauf vernetzen wir alle unsere Aktivitäten. Diese „Dachmarkenstrategie“ haben wir gegenüber 2002 verstärkt.<br />
<br />
Wir versuchen in diesem Wahlkampf auch verstärkt im und mit dem Internet zu mobilisieren. Dafür ist die Rote Wahlmannschaft gedacht. Und wir arbeiten auch mit Webblogs. Dort geht es nicht darum, dass wir sagen, wir müssen so viele Spitzenpolitiker wie irgend möglich in Blogs bekommen und das Ganze groß inszenieren. Es geht uns eher darum, ein großes Blognetzwerk von Leuten zu schaffen, die die SPD im Wahlkampf unterstützen wollen. Das findet sich jetzt abgebildet auf www.roteblogs.de.<br />
<br />
Es gibt eine Seite, auf der wir uns mit den politischen Konkurrenten auseinander setzen. Das gab es zwar auch 2002, aber wenn sie die Seite von damals www.nicht-regierungsfaehig.de und www.die-falsche-wahl.de zur jetztigen Wahl nebeneinander legen, wird da relativ schnell ein Unterschied klar. Natürlich gibt es auch wieder www.gerhardschroeder.de. Die Seite haben wir Anfang August gestartet.
</p>
<p><!--break--></p>
<p>
<b>politik-digital.de:</b> In der letzten Zeit haben Blogs auch für Parteien stark an Bedeutung gewonnen. Welche Vor- und Nachteile sehen Sie in diesem Medium?
</p>
<p>
<b>Sebastian Reichel:</b> Wenn sie so wollen, hatten sie lange Zeit ein oligopoles Internet mit wenigen Informationsknoten. Wenn man das auf Deutschland bezieht, hatte man www.google.de als zentrale Suchmaschine, außerdem www.spiegel.de, www.bild.de und die anderen großen Plattformen, die eigentlich das deutsche Internet dominierten. Ein Blog ist &#8211; dadurch dass die Technik an sich einfach ist &#8211; eine Möglichkeit für die Nutzer, das Internet wieder ein Stück weit zurückzuerobern. Und das in dezentraler Form.<br />
<br />
Internetforen haben den Nachteil, dass man sich schnell hinter Anonymität verstecken kann und die Diskussionskultur nicht immer konstruktiv verläuft. Ein Weblog hingegen ist etwas sehr Persönliches, bei dem man ein Stück weit die eigene Identität preisgeben muss. Das heißt, die Diskussionskultur in Weblogs folgt anderen Regeln als bisher und schafft so ganz andere Möglichkeiten der Teilhabe. Darüber hinaus erreicht man über Weblogs eine Vernetzung sehr viel schneller als über herkömmliche Seiten. Daher ist es für uns schon ein wichtiges Instrument.
</p>
<p>
<b>politik-digital.de:</b> Nach wie vor gilt der durchschnittliche online erreichbare Wähler als männlich, jung und überdurchschnittlich gebildet. Spricht die SPD auf ihren Seiten speziell diese Zielgruppe an oder sollen auch andere Gruppen erreicht werden?
</p>
<p>
<b>Sebastian Reichel:</b> Also, wenn man von der Nutzergruppe Internet spricht, dann spricht man ja von 50 oder 60 Prozent der Haushalte, die über einen Internetanschluss verfügen.<br />
<br />
Die Erfahrungen, die wir gemacht haben, sind andere &#8211; zumindest bei den Leuten, die für uns sichtbar sind, nämlich bei unseren Ehrenamtlichen, die mit dem Internet arbeiten, die wir mit dem Medium erreichen und die wir mit dem Medium in die Kampagne einbeziehen wollen und können. Da habe ich nicht das Gefühl, dass sie überdurchschnittlich jung, überdurchschnittlich männlich, überdurchschnittlich gebildet sind. Das meine ich natürlich im positiven Sinne, denn überdurchschnittlich gebildet sind sie alle! Da sind viele Frauen und gerade auch viele Ältere dabei. Es wird der Querschnitt der Partei abgebildet.<br />
<br />
Natürlich bietet es sich an, im Internet bestimmte Zielgruppen herauszusuchen und diese dann auch gezielt zu bedienen. Da es aber in der Kampagne generell um Stimmenmaximierung geht, um alle Wählerstimmen und alle Gruppen, die man erreichen kann, muss man diverse Strategien erarbeiten und genaue Ziel setzen. Man kann versuchen, Zielgruppen im Internet ausfindig zu machen und diese mit bestimmten Themen zu versorgen und über bestimmte Themenschienen zu informieren. Das passiert auch zum Teil, aber ich würde die Arbeit im Internet nicht darauf beschränken. Das Internet ist für uns mehr als das, was die Demographen erheben.
</p>
<p>
<b>politik-digital.de:</b> Über Weblogs hinaus: Welche Möglichkeiten zur Partizipation bietet die SPD in ihrem Online-Wahlkampf?
</p>
<p>
<b>Sebastian Reichel:</b> Die rote Wahlmannschaft (www.rote-wahlmannschaft.de) ist ja das zentrale Partizipationsangebot. Man kann sich registrieren lassen. Wir versuchen, diese Leute direkt in den Wahlkampf mit einzubeziehen, indem wir zum Beispiel über ihre Aktivitäten berichten. Wir bekommen auch viele E-Mails &#8211; das wäre jetzt das, was man direkt unter Kommunikation versteht &#8211; und greifen viel aus der Roten Wahlmannschaft auf. Wir versuchen, die Mitglieder direkt am Infostand vor Ort zu mobilisieren, die Leute zu involvieren und einzubeziehen. Das ist das zentrale Partizipationsangebot im Wahlkampf.<br />
<br />
Wenn man von Partizipation spricht, meint man zumeist die mittlerweile fast schon klassischen Instrumente: Chats und Foren. Wir haben das im Blick, wir schauen, ob wir Chats anbieten und in welcher Form. Aber da würde ich mich jetzt noch nicht festlegen wollen. Wenn allerdings Anfragen kommen, z.B. von www.politik-digital.de, dann entsprechen wir diesem zumeist. Viele unserer Spitzen machen das gerne. Franz Müntefering, zum Beispiel, ist ein begeisterter Chatter (http://www.politik-digital.de/salon/transcripte/fm%FCntefering05.shtml). Ob wir selbst Chats anbieten, ist für uns allerdings noch offen.<br />
<br />
Die zweite klassische Möglichkeit der Partizipation im Internet sind Internetforen. Das wird bei uns leider zur Zeit technisch überarbeitet. Deshalb wird es wohl in den nächsten Wochen nicht erreichbar sein. Wir bemühen uns aber die technischen Mängel, die vorhanden waren – die Software muss einfach mal überholt werden – abzustellen und die Foren wieder anzubieten. Aber ich denke, dass wir gerade durch die Blogs eine andere Form der Partizipation gefunden haben. Man könnte sich sogar überlegen, ob so eine Blogosphäre ein Forum nicht irgendwann ablösen könnte. Aber auch das würde ich offen lassen und noch keine abschließende Bewertung geben.
</p>
<p>
<b>politik-digital.de:</b> Das Internet bietet verschiedene Möglichkeiten zur direkten Unterstützung. Eine davon ist die Möglichkeit von Online-Spenden. Auch die SPD hat dieses Angebot auf ihren Seiten. Versprechen Sie sich hiervon einen großen Erfolg?
</p>
<p>
<b>Sebastian Reichel:</b> Die Verlinkung zu Online-Spenden haben wir seit längerer Zeit. Ich kann dazu eigentlich gar nicht so viel sagen, weil ich nicht in der Schatzmeisterei sitze. Natürlich ist es das Ziel, Spenden einzuwerben.
</p>
<p>
<b>politik-digital.de:</b> Von wem lassen Sie sich beraten, was den Online-Wahlkampf angeht? Können Sie dazu Angaben machen?
</p>
<p>
<b>Sebastian Reichel:</b> Wir arbeiten schon seit mehreren Jahren mit der Internetagentur A&amp;B Face2Net zusammen, die uns zu aller Zufriedenheit berät. Face2Net arbeitet viel an den Konzeptionen mit, erstellt selber Konzepte und setzt diese auch technisch um. Die Ergebnisse können sich sehen lassen. Wir haben 2002 einen sehr erfolgreichen Online-Wahlkampf geführt und sind auch diesmal einige Schritte voraus.
</p>
<p>
<b>politik-digital.de:</b> Somit kann man für den Wahlkampf eine Entwicklung entlang eines „roten Fadens“ ausmachen.
</p>
<p>
<b>Sebastian Reichel:</b> Ich glaube es ist auch von Vorteil in einem so kurzen Wahlkampf bestehende Strukturen wieder einzusetzen. Wir haben schon den Wahlkampf 2002 zusammen mit Face2Net bestritten. Das heißt nicht, dass wir das gleiche wiederholen. Auf das, was wir 2002 gemacht haben, kann man jetzt aufbauen, es weiterentwickeln und neue Sachen hinzufügen.
</p>
<p>
<b>politik-digital.de:</b> Zum Abschluss eine Frage zu den kommenden Projekten. Was können wir als nächstes von der SPD im Internetwahlkampf erwarten?
</p>
<p>
<b>Sebastian Reichel:</b> Wir sind da noch ein wenig am hin und her testen. Wir versuchen jetzt natürlich, die Roten Blogs weiterzutreiben und aus dem Instrument Blogs noch einiges mehr herauszuholen. Aber ich möchte vielleicht noch gar nicht so viel verraten.
</p>
<p>
<b>politik-digital.de:</b> Vielen Dank für dieses Gespräch.
</p>
<p>
Das Gespräch führte Michaela Frost für politik-digital.de.
</p>
<p class="fett">

</p>
<p>
&nbsp;</p>
]]></content:encoded>
					
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		<title>Stimmenfang per Videobotschaft</title>
		<link>https://www.politik-digital.de/die-nrw-wahl-2005-und-die-folgen/stimmenfang-per-videobotschaft-2979/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[mfrost]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 11 May 2005 22:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Die NRW-Wahl 2005 und die Folgen]]></category>
		<category><![CDATA[Landespolitik]]></category>
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					<description><![CDATA[Ende Mai wird in Nordrhein-Westfalen ein neuer Landtag gewählt. Ein Blick auf den Internetwahlkampf in NRW zeigt, dass das Netz weiter als Kommunikationsplattform zur Wählerbindung an Bedeutung gewinnt. politik-digital.de hat sich auf den Sites der kandidierenden Parteien umgesehen.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Ende Mai wird in Nordrhein-Westfalen ein neuer Landtag gewählt. Ein Blick auf den Internetwahlkampf in NRW zeigt, dass das Netz weiter als Kommunikationsplattform zur Wählerbindung an Bedeutung gewinnt. politik-digital.de hat sich auf den Sites der kandidierenden Parteien umgesehen.<!--break--> <span class="fett"></span></p>
<p>
&nbsp;
</p>
<p>
Mit der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen am 22. Mai steht die „kleine Bundestagswahl“ bevor. Gewinnt die CDU und mit ihr Jürgen Rüttgers, rückt die Kehrtwende im Bund in greifbare Nähe, so das Kalkül der Christdemokraten. Wird jedoch die jetzige Koalition aus Rot-Grün unter Ministerpräsident Peer Steinbrück bestätigt, soll daraus der dringend benötigte Schwung für die Politik der Bundesregierung werden. So stehen sich im Wahlkampf in Nordrhein-Westfalen die beiden Lager aus rot-grün und schwarz-gelb gegenüber und bestimmen auch die Auseinandersetzungen auf den Internetauftritten der Parteien. Wahlkampf in Nordrhein-Westfalen, das bedeutet vor allem den Versuch der Parteien, sich den Wählern modern und jugendlich zu präsentieren. Die extra für den Wahlkampf angelegten Websites und überarbeiteten Homepages bieten mehr als die üblichen Informationen zu Parteiprogrammen und Spitzenkandidaten. Mit einem „Mitmach-Center“, einem Weblog und einem Online-Spiel speziell für Jugendliche stechen SPD und Jusos aus den restlichen Wahlkampf-Angeboten im Netz hervor. Besonders beliebt bei den Parteien sind Videobotschaften, mit denen die Nutzer direkt angesprochen werden sollen.
</p>
<p>
<span class="fett">Die Spitzenkandidaten<br />
<br />
</span><br />
<br />
Ministerpräsident Peer Steinbrück hat sich Ansehen im Land erworben. Diesen Amtsbonus versucht die SPD zu nutzen. Beim Aufruf des persönlichen<br />
<a href="http://www.peer-steinbrueck.de" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Internetauftritts</a> des Ministerpräsidenten erscheint so zuerst der Aufruf, Peer Steinbrück bei seinem Wahlkampf zu unterstützen. Neben den nicht besonders innovativen Informationen zur Person des Ministerpräsidenten und zu seinen politischen Standpunkten verkündet der Landesvater sein Resümee für die einzelnen Wahlkampfwochen mit kurzen Videobotschaften in seinem<br />
<a href="http://www.peer-steinbrueck.de/videos/welcome.asp" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Tagebuch</a>.</p>
<p>Der Herausforderer,<br />
<a href="http://www.juergen-ruettgers.de/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Jürgen Rüttgers</a>, versucht diesen Startvorteil mit interaktiven und multimedialen Angeboten aufzuholen. Jürgen Rüttgers präsentiert sich „ganz persönlich“ und stellt dabei auch gleich noch seine Frau mit vor. Die Idee mit den Videobotschaften hat auch ihm gefallen und so versendet er ebenfalls Videobotschaften, die seine wichtigsten Wahlanliegen verdeutlichen. Aber mehr noch: Unter der Rubrik „<br />
<a href="http://www.juergen-ruettgers.de/04_unterstuetzer.php" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Bürger für Rüttgers</a>“ können sich „junge Menschen“, „Senioren“ und „Frauen“, auf Unterschriftenlisten eintragen und ihre Begeisterung für Jürgen Rüttgers öffentlich kund tun.
</p>
<p>
<span class="fett">Plakate kleben für die Genossen</span></p>
<p>Der Internetauftritt der<br />
<a href="http://www.nrwspd.de/landtagswahl/welcome.asp" target="_blank" rel="noopener noreferrer">SPD</a> zur Landtagswahl wird im personen-bezogenen Wahlkampf durch den Ministerpräsident bestimmt. Neben den Standardinformationen zu Parteiprogramm, Personen, Themen und Terminen sind einige interaktive Tools direkt an den Nutzer gerichtet. Um die Nutzer zu erreichen gibt es das „<br />
<a href="http://www.nrwspd.de/mitmach-center/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Mitmach-Center</a>“, das eCards und Wahlkampfaufrufe zum Versand bereit hält und Anregungen für den Wahlkampf vor Ort (beispielsweise ein Fragequiz für den Straßenwahlkampf) anbietet. Interessant erscheint die Möglichkeit, öffentlich Partys zur Wahl-kampfunterstützung über die Website der NRW-SPD zu planen und zu veröffentlichen, um Gleichgesinnte kennen zu lernen.</p>
<p>Ein weiteres Extra ist das offizielle<br />
<a href="http://blog.nrwspd.de/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Weblog</a> des SPD-Landesver-bandes NRW, das tagesaktuell geführte Online-Tagebuch zum Wahlkampf. Hier finden sich persönliche Beiträge von Mitarbeitern der Landes-SPD, aus den Wahlkampfteams, von Kolumnisten sowie Kommentartoren aus dem SPD-Umfeld, die von den Lesern kommentiert werden können. Damit sollen schnelle Informationen, Reaktionen und Diskussionen mit den Usern ermöglicht werden. Eine witzige Ergänzung der Seite ist das „<br />
<a href="http://www.nrwspd.de/landtagswahl/memorie.asp" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Schwarzmalermemorie</a>“, bei dem man Gesichter von NRW- und Bundes-CDU aufdecken kann.
</p>
<p>
Die Jusos setzen auf eine Mischung von Information und Unterhaltung auf einer für den Landtagswahlkampf entworfenen neuen Website. In ihrer „<br />
<a href="http://www.landtagswahl05.de/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">NRW Wahlkampf Zentrale</a>“ stellen sie die Kandidaten und Kandidatinnen vor, bieten Informationen rund um die Wahl, wobei unter der Rubrik „Erklär-Peer“ ein virtueller Peer Steinbrück politische Begriffe von A-Z erläutert. Direkt an den Nutzer geht der Wahlhilfeaufruf, der an bis zu sechs Freunde verschickt werden kann. Als Magnet der Seite dient jedoch das Spiel „<br />
<a href="http://www.landtagswahl05.de/wahlhelfer_main.html" target="_blank" rel="noopener noreferrer">NRW WahlhelferIn 2005</a>“. Als Wahlhelfer navigiert sich der Spieler durch Städte wie Münster oder Düsseldorf: „Beim virtuellen Plakate kleben kommen die Besucher auf lockere Art mit unserem Wahlprogramm in Kontakt“, sagt Alexander Bercht, Landesvorsitzender der NRW Jusos.
</p>
<p>
<span class="fett">Ein blauer Schal für die CDU</span></p>
<p>Unter<br />
<a href="http://www.nrwinteam.de" target="_self" rel="noopener noreferrer">www.nrwinteam.de</a> hat die nordrhein-westfälische CDU eine Seite für den Wahlkampf eingerichtet, die aufgrund ihres rot-grünen Designs auf den ersten Blick leicht irritiert. Hauptanliegen ist es, Unterstützer für den Wahlkampf zu akquirieren. Dazu gibt es Mitgliederanträge für das NR<br />
<i>Win</i>-Team aber auch Auforderungen, an Großveranstaltungen der CDU teilzunehmen oder Freunde als Unterstützer zu werben. Kennzeichen des NR<br />
<i>Win</i>-Teams ist ein blauer Schal, der direkt auf der Seite erworben werden kann und stark an den roten Heide-Schal in Schleswig-Holstein erinnert. Das blaue Gegenstück hat sich angeblich bereits zum Verkaufsschlager entwickelt, was jedoch nichts bedeuten muss, wie in Schleswig-Holstein deutlich wurde.</p>
<p>Weitere Informationen finden sich auf der Homepage der<br />
<a href="http://www.cdu-nrw.de/3086.php" target="_blank" rel="noopener noreferrer">NRW-CDU</a>. Die Verteilung der Themen auf die beiden Seiten erscheint etwas unübersichtlich. Das<br />
<a href="http://www.cdu-nrw.de/blog/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Weblog</a> zum Wahlprogramm der CDU befindet sich auf der Landesseite. Auf der Wahlkampfseite hingegen ist nicht einmal eine Verlinkung auf das Weblog zu finden. Das Weblog zeigt dauerhaft nur 3 (drei!) Einträge an. Nach Anmeldung bietet es die Möglichkeit, die zentralen Wahlkampfstatements der CDU in NRW zu kommentieren. Vom Format eines Weblogs, dass ja gerade durch seine Geschwindigkeit und damit Aktualität hervorsticht, ist somit leider nicht mehr viel übrig geblieben. Aber Weblog hört sich wohl einfach besser an als &quot;Forum mit der Kommentarmöglichkeit&quot;.
</p>
<p>
<span class="fett">Grüne Grashüpfer</span></p>
<p>Mit einem breiten Internetangebot warten auch die Grünen auf. Ihr pünktlich zur Wahl neu gestalteter Internetauftritt<br />
<a href="http://www.erste-wahl.de" target="_blank" rel="noopener noreferrer">www.erste-wahl.de</a> bietet neben den Standards ebenfalls ein Wahlkampfblog: „<br />
<a href="http://www.erste-wahl.de/Boerjes_Blog.boerjes_blog.0.html" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Börjes Blog</a>“. Hier bloggt Börje Wichert, der persönliche Referent der Landesvorsitzenden Britta Hasselmann und Frithjof Schmidt. Bei der Kommentarfunktion ist die CDU den Grünen einen Schritt voraus: die Möglichkeit für den Besucher, die veröffentlichten Beiträge zu kommentieren fehlt hier leider. Dafür können Interessierte direkt mit den Spitzenkandidaten der Grünen in Kontakt treten. Über ein<br />
<a href="http://chat.gruene-nrw.de/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Chatangebot</a> können die Nutzer ihre Fragen am 19. Mai direkt an Michael Vesper richten. Wie die beiden Spitzenkandidaten wenden sich auch die Landesvorsitzenden von den NRW-Grünen Britta Haßelmann und Frithjof Schmidt mit wöchentlichen Videobotschaften an die potenziellen Wähler, um die Vorzüge grüner Politik zu verdeutlichen. Als Unterhaltungsangebot haben die Grünen das Onlinespiel &#8216;<br />
<a href="http://www.erste-wahl.de/?eierjagd" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Eierjagt</a>&#8216; eingerichtet. Unter der Domain<br />
<a href="http://www.deine-gruen.de" target="_blank" rel="noopener noreferrer">www.DeineGruen.de</a> kann der Nutzer nach dem Vorbild des<br />
<a href="http://www.wahl-o-mat.de/nrw/verteiler.php" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Wahl-O-Mat</a> testen, ob die Standpunkte der Grünen der persönlichen Meinung entsprechen. Schließlich gibt es neben den Websites der Spitzenkandidaten<br />
<a href="http://www.baerbel-hoehn.de" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Bärbel Höhn</a> und<br />
<a href="http://www.michael-vesper.de" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Michael Vesper</a> noch die „<br />
<a href="http://www.gruene-grashuepfer.de/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Grünen Grashüpfer</a>“. Jugendliche, die die NRW-Grünen als freiwillige Wahlkampfhelfer unterstützen und auf einer eigenen, jugendlich aufgemachten Seite zum Mitmachen beim Flyerverteilen oder bei Großveranstaltungen auffordern.
</p>
<p>
<span class="fett">Gelb statt Grün</span></p>
<p>Unter<br />
<a href="http://www.gelbstattgruen.de" target="_blank" rel="noopener noreferrer">www.gelbstattgruen.de</a> hat die NRW-FDP eine Kampagnenseite nur für den Wahlkampf eingerichtet. Der Name ist Programm, stark textlastig findet man kaum Innovatives, sondern hauptsächlich Informationen und Statements gegen Grün und für Gelb. Die FDP verlinkt dabei auch auf eine Kolumne der<br />
<a href="http://www.ftd.de/me/cl/1110611608405.html" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Financial Times Deutschland</a>, die gegen die Grünen zu Felde zieht. Interaktive Tools sucht man vergebens, die Vorstellung, die Nutzer aktiv am Wahlkampf zu beteiligen, erschöpft sich in einem Formular zur Anforderung von mehr Informationen.</p>
<p>Etwas mehr Kommunikation bietet die zweite Seite der FDP,<br />
<a href="http://www.das-neue-nrw.de" target="_top" rel="noopener noreferrer">www.das-neue-nrw.de</a>, die die eigentliche Wahlkampfseite darstellt. Unter „Mitmachen“ kann der Nutzer unter anderem Mitglied der FDP werden, online spenden oder Anzeigen für die FDP sponsern. Ebenfalls kann man sich ein RSS-Newsfeed einrichten, um sich mit den Pressemitteilungen zum FDP-Wahlkampf versorgen zu lassen.
</p>
<p>
<span class="fett">Die Stimmung im Land</span></p>
<p>Die Stimmung in Nordrhein-Westfalen folgt der Unzufriedenheit mit der rot-grünen Regierungskoalition im Bund. Letzte Meinungsumfragen sehen schwarz-gelb mit sieben Prozentpunkten eindeutig vor dem jetzt regierenden rot-grünen Bündnis. Laut TNS Emnid in Bielefeld liegt die CDU Anfang Mai bei 45 Prozentpunkten und könnte zusammen mit der FDP, die derzeit sechs Prozent der Wählerstimmen auf sich vereinigen würde, die Mehrheit im Landtag erringen. Die SPD hingegen ist auf 34 Prozentpunkte abgesackt. Diese Stimmenverluste für die Koalition können auch die Grünen mit ihren zehn Prozent nicht ausgleichen. Jedoch geben sich die Genossen, wie nicht anders zu erwarten, kämpferisch. Mehr als ein Drittel aller Wähler entscheidet sich est in den letzten Tagen vor der Wahl. Darauf hoffen SPD und auch die Grünen.
</p>
<p>
&nbsp;</p>
]]></content:encoded>
					
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		<title>Klaus Uwe Benneter über schwierige Zeiten</title>
		<link>https://www.politik-digital.de/chattranscripte/klaus_uwe_benneter_ueber_schwierige_zeiten-223/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[mfrost]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 06 Apr 2005 23:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Chattranscripte]]></category>
		<category><![CDATA[Klaus-Uwe Benneter]]></category>
		<category><![CDATA[Waffenembargo]]></category>
		<category><![CDATA[Bundespolitik]]></category>
		<category><![CDATA[Landtagswahl]]></category>
		<category><![CDATA[SPD]]></category>
		<category><![CDATA[Nordrhein-Westfalen]]></category>
		<category><![CDATA[China]]></category>
		<category><![CDATA[Arbeitsmarkt]]></category>
		<category><![CDATA[Klaus Uwe Benneter]]></category>
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					<description><![CDATA[Am Donnerstag, 7. April, war Klaus Uwe Benneter zu Gast im tacheles.02 
Live-Chat von tagesschau.de und politik-digital.de. Der SPD-Generalsekretär 
sprach über Arbeitsmarktreformen, die Aufhebung des Waffenembargos 
gegen China und seine Zuversicht für die Landtagswahl in NRW.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Am Donnerstag, 7. April, war Klaus Uwe Benneter zu Gast im tacheles.02<br />
Live-Chat von tagesschau.de und politik-digital.de. Der SPD-Generalsekretär<br />
sprach über Arbeitsmarktreformen, die Aufhebung des Waffenembargos<br />
gegen China und seine Zuversicht für die Landtagswahl in NRW.<!--break--></p>
<p class="normal">
<b>Moderator:</b> Herzlich Willkommen<br />
zum tacheles.02-Chat. Unsere Chat-Reihe wird von tagesschau.de und<br />
politik-digital.de veranstaltet und wird unterstützt von tagesspiegel.de.<br />
Zum Chat ist Klaus Uwe Benneter ins ARD-Hauptstadtstudio gekommen.<br />
Seit dem 21. März 2004 ist er Generalsekretär der SPD.<br />
Kann es losgehen?</p>
<p><b>Klaus-Uwe Benneter:</b> Ja.</p>
<p><b>Moderator:</b> Herr Benneter, ein beliebtes Spiel unter<br />
Journalisten ist, um eine Selbstbeschreibung zu bitten. Vielleicht<br />
heute einmal ausnahmsweise zu Beginn des Chats zwei Sätze auf<br />
die Frage: Wer ist Klaus Uwe Benneter?
</p>
<p>
<b>Klaus-Uwe Benneter:</b> Er ist ein engagierter Sozialdemokrat,<br />
der schon lange dabei ist und jetzt die Aufgabe hat, dafür<br />
zu sorgen, dass in dieser schwierigen politischen Phase die SPD<br />
die bestimmende gestaltende Kraft in Deutschland bleibt.</p>
<p><b>gerontologe:</b> Ihre linke Vergangenheit haben sie<br />
ja offensichtlich hinter sich gelassen &#8211; wie viel Platz bleibt in<br />
der Realpolitik für Visionen?</p>
<p><b>Klaus-Uwe Benneter:</b> Wir müssen Visionen haben<br />
und immer auch das Wünschbare mitdenken. Aber als führende<br />
Regierungspartei werden zuallererst aktuelle Lösungen von uns<br />
gefordert und die müssen wir liefern, ohne dabei unsere Wertvorstellungen<br />
und Visionen zu vergessen.</p>
<p><b>Schmusesuse:</b> Sie üben schon im Voraus Kritik<br />
an Dirk Niebel als FDP-Generalsekretär. Eine Rache für<br />
Ihren schweren Einstieg als Generalsekretär?
</p>
<p>
<b>Klaus-Uwe Benneter:</b> Ich habe keinen schweren Einstieg<br />
gehabt. Aber die Art und Weise, in der in der FDP ein neuer Generalsekretär<br />
zum Zuge kommt, hat meine Kritik sofort herausgefordert.</p>
<p><b>stenograf:</b> Herr Benneter, wie würden Sie Ihre<br />
Position als Generalsekretär beschreiben? Ausputzer oder Firstmover?</p>
<p><b>Klaus-Uwe Benneter:</b> Mal so mal so.</p>
<p><b>root:</b> Hallo Herr Benneter, wie sehen Sie die Chancen<br />
auf einen Sieg von Rot-Grün in NRW im Mai?
</p>
<p>
<b>Klaus-Uwe Benneter:</b> Gut, wir liegen da jetzt noch<br />
ein Stück zurück, aber sind alle voll motiviert. Deshalb<br />
werden wir am Ende die Nase vorne haben.</p>
<p><b>Moderator:</b> Das war die erwartete Antwort, aber:</p>
<p><b>aqes:</b> Was machen Sie nach der NRW-Wahl, die wahrscheinlich<br />
katastrophal für die SPD ausfällt?</p>
<p><b>Klaus-Uwe Benneter:</b> Ich weiß nicht, wer Sie<br />
zu dieser Beurteilung bringt. Wir werden deshalb die Nase vorne<br />
haben, weil den Wählerinnen und Wählern bis zum Wahltag<br />
klar werden wird, dass die bisherige Regierung in NRW vieles in<br />
dieser schwierigen Situation für die Menschen in NRW auf den<br />
Weg gebracht hat. Ganz deutlich wird bis dahin auch werden, worin<br />
der Unterschied zwischen Rot-Grün und Schwarz-Gelb besteht:<br />
Wir wollen wirtschaftliche Stärke mit den Menschen und unter<br />
Aufrechterhaltung des sozialen Zusammenhalts, Schwarz-Gelb will<br />
alles durchökonomisieren. Alles soll nur noch danach beurteilt<br />
werden, wie viel es kostet.</p>
<p><b>henker:</b> Auch das mit der NRW-Wahl ist Schönfärberei.<br />
Ich würde mir wünschen, dass Sie uns hier etwas ernster<br />
nehmen.</p>
<p><b>Klaus-Uwe Benneter:</b> Ich nehme Sie schon ernst.<br />
Sie müssen aber auch mir gestatten, dass ich die Zuversicht<br />
habe, mit unseren Vorstellungen die Wählerinnen und Wählern<br />
in NRW so klar und deutlich zu motivieren, dass sie am 22. Mai zur<br />
Wahl gehen und wegen der Unterschiede zu CDU/FDP uns ihre Stimme<br />
geben.</p>
<p><b>golum22:</b> In NRW sehen Sie einer großartigen<br />
Niederlage entgegen, sagen alle Umfragen, daran gibt es doch nichts<br />
zu deuteln. Wie wollen Sie das Blatt noch wenden?
</p>
<p>
<b>Klaus-Uwe Benneter:</b> Vor zwei Monaten sahen die<br />
Umfragen noch ganz anders aus und deshalb bin ich sicher, dass in<br />
anderthalb Monaten das Bild wieder anders aussieht. Wir werden das<br />
dadurch erreichen, dass wir die Wählerinnen und Wähler<br />
auf den Märkten, den Straßen, den Plätzen und an<br />
den Haustüren in NRW aufsuchen und ihnen den klaren Unterschied<br />
erläutern zwischen der Art und Weise wie wir der schwierigen<br />
Situation, insbesondere auf dem Arbeitsmarkt, beikommen wollen und<br />
wie CDU/FDP dies durch Abschaffung von Arbeitnehmerrechten, Eingriffe<br />
in die Tarifautonomie, Ausweitung der Arbeitszeiten angehen wollen.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Frage und als Erleichterung gleich<br />
auch ein Antwort-Vorschlag:</p>
<p><b>smsdd:</b> Nur darauf kann man doch nicht spekulieren.<br />
Es müssen Dinge geschehen, die die Wähler überzeugen.</p>
<p><b>NRW_wird_anders:</b> Wäre es für die SPD<br />
in NRW nicht hilfreich, wenn ein klares Nein zu Studiengebühren<br />
für das Erststudium hörbar wäre?
</p>
<p>
<b>Klaus-Uwe Benneter:</b> Das klare Nein zu Studiengebühren<br />
für ein Erststudium muss nicht nur in NRW, sondern in ganz<br />
Deutschland zu hören sein. So wollen wir das von der SPD. Rüttgers<br />
will Studiengebühren, die stellvertretende CDU-Bundesvorsitzende<br />
Schavan will dafür sogar das BAföG abschaffen und Rüttgers<br />
ist wie immer noch nicht recht entschieden.</p>
<p><b>golum22:</b> Falls die SPD die NRW-Wahl verliert &#8211;<br />
was passiert dann auf Bundesebene (und jetzt bitte nicht &quot;Wir<br />
werden nicht verlieren&quot;)?
</p>
<p>
<b>Klaus-Uwe Benneter:</b> Ein SPD-Generalsekretär<br />
ist nicht dazu da, sich in der Öffentlichkeit darüber<br />
zu verbreiten, was wäre wenn. Ansonsten bleibe ich dabei: Wir<br />
werden siegen.</p>
<p><b>GröVaz:</b> Sie sagen, Sie wollen die Menschen<br />
in NRW mit Ihren Reformen im Bereich „Arbeitsmarkt“<br />
gewinnen. Ist das nicht bislang ein Feld der völligen Erfolglosigkeit<br />
Ihrer Koalition?</p>
<p><b>Klaus-Uwe Benneter:</b> Wir haben die Arbeitsmarktreformen<br />
auf den Weg gebracht. Sie wirken jetzt ein paar Monate. Alle wissen,<br />
dass es Zeit erfordert, ein so riesiges soziales Umbauprogramm zu<br />
verwirklichen. Deshalb haben Sie noch etwas Geduld. Dann werden<br />
Sie feststellen, dass wir mit den Arbeitsmarktreformen gute Erfolge<br />
haben werden. Genau wie Sie dies auch nach einer gewissen Zeit jetzt<br />
bei den Gesundheitsreformen feststellen können.</p>
<p><b>smsdd:</b> Warum legen Sie und Ihre Partei nicht einfach<br />
mal alle Karten auf den Tisch? Man würde Ihnen mehr vertrauen<br />
und vielleicht auch Fehler verzeihen</p>
<p><b>GröVaz:</b> Warum fällt es der Politik generell<br />
und Ihrer Regierungskoalition dermaßen schwer, die Öffentlichkeit<br />
klar und wahrheitsgemäß über die Realität zu<br />
informieren, anstatt sich durch permanentes Schönfärben<br />
und unrealistische Haushaltsannahmen selbst zu diskreditieren?
</p>
<p>
<b>Klaus-Uwe Benneter:</b> Wir informieren umfassend.<br />
Wir haben durch die Zusammenlegung von Arbeitslosenhilfe und Sozialhilfe<br />
völlig selbstverständlich neue, höhere Arbeitslosenzahlen<br />
gehabt. Wir legen damit alle Karten auf den Tisch. Mit den fünf<br />
Millionen Arbeitslosen sind keine Arbeitslosen neu dazugekommen.<br />
Längst arbeitslose Menschen werden jetzt endlich mitgezählt<br />
und auch mitbetreut. Das ist gerade keine Schönfärberei,<br />
sondern Konfrontation mit den Realitäten.</p>
<p><b>roterknut:</b> Bei welchem Stand an Arbeitslosen hat<br />
es die derzeitige Regierung nicht mehr verdient wieder gewählt<br />
zu werden?
</p>
<p>
<b>Klaus-Uwe Benneter:</b> Die Regierung hätte es<br />
nur dann verdient, nicht wiedergewählt zu werden, wenn sie<br />
nicht alle Anstrengungen unternehmen würde, das Hauptproblem<br />
unserer heutigen Gesellschaft, die Massenarbeitslosigkeit, mit allen<br />
ihr zu Gebote stehenden Mitteln zu bekämpfen.</p>
<p><b>beppo3:</b> Die Wähler erwarten in Zeiten von<br />
Massenarbeitslosigkeit Führung. Warum glauben Sie, wird das<br />
Handeln der SPD derzeit gerade nicht als Führung wahrgenommen?<br />
Schuld der Medien? Oder Führungsschwäche in den eigenen<br />
Reihen?</p>
<p><b>Klaus-Uwe Benneter:</b> Diese Einschätzung kann<br />
ich nicht teilen. Der Bundeskanzler hat mit seiner Regierungserklärung<br />
und den darin genannten konkreten 20 Punkten klar und deutlich angegeben,<br />
was jetzt zu tun ist und wo es lang gehen muss. Teilweise sind dies<br />
Vorhaben, wozu (leider) CDU und CSU gebraucht werden. Die üben<br />
sich aber vorwiegend im Blockieren. Das führt dann gelegentlich<br />
in der Wahrnehmung dazu, dass angeblich Führungsstärke<br />
vermisst wird.</p>
<p><b>Moderator:</b> Kommentar von:</p>
<p><b>flocosmo:</b> Als frischer Uni-Absolvent in Volkswirtschaftslehre,<br />
Ex-Praktikant im BMWA und eigentlich überzeugter Rot-Grün<br />
Wähler tut es mir sehr leid, dass die Politik auf wirtschaftswissenschaftlichen<br />
Sachverstand nicht hört (z.B. Abschaffung des Kündigungsschutzes,<br />
Aufhebung der Übergangsfrist für osteuropäische Migranten<br />
und vieles andere mehr). Ich werde bei den nächsten Wahlen<br />
nicht mehr wählen gehen.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Hört die Politik nicht auf den<br />
Rat der Experten?</p>
<p><b>Klaus-Uwe Benneter:</b> Wir haben den Sachverständigenrat<br />
und wir haben auch sonst viele Experten, die sich gefragt und ungefragt<br />
zu Wort melden. Wenn es tatsächlich weiterführende Expertenvorschläge<br />
gibt, wird diesen durchaus gefolgt werden können. Gerade Ihr<br />
Beispiel &quot;Abschaffung des Kündigungsschutzes&quot; zeigt,<br />
wie wichtig es ist, auf die Experten zu hören: Die sagen nämlich,<br />
dass dies nichts mit einer Erhöhung der Beschäftigungszahlen<br />
zu tun hat. Die Untersuchungen zeigen auch, dass die Reformen des<br />
Kündigungsschutzes, die die rot-grüne Bundesregierung<br />
schon auf Vorschlag von Experten durchgeführt hat, richtig<br />
und ausreichend sind.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Kommentar von:</p>
<p><b>root:</b> Na ja, da muss ich dem Herrn Benneter schon<br />
ein wenig Deckung geben. Nicht alles, was Experten vorschlagen,<br />
ist auch sozial-demokratisch machbar.
</p>
<p>
<b>neueArmut:</b> Diese Regierung führt die Massen<br />
in die Arbeitslosigkeit und in eine bisher nie da gewesene Armut.<br />
Berührt das eigentlich jemanden, dessen Monatsgehalt ein zigfaches<br />
des Harz IV Trinkgeldes beträgt?</p>
<p><b>Klaus-Uwe Benneter:</b> Wir führen keine Massen<br />
in die Arbeitslosigkeit und auch nicht in die Armut. Meine gesamte<br />
politische Tätigkeit, Tag für Tag, ist darauf ausgerichtet,<br />
dass genau dies verhindert und bekämpft wird. Mich berühren<br />
die Schicksale von Armen und Arbeitslosen sehr wohl. Ich selbst<br />
stamme aus kleinen Verhältnissen und weiß sehr wohl,<br />
was es heißt, mit sehr wenig Geld leben zu müssen. Aber<br />
ich räume ein und behaupte das auch nicht von mir, dass es<br />
schon etwas anderes ist, darüber nur sehr weit zurück<br />
und abstrakt nachzudenken und nicht tatsächlich jeden Tag sehr<br />
arm leben und mit wenig Geld auskommen zu müssen.
</p>
<p>
<b>Markus Mann:</b> Müssen nicht auch endlich andere<br />
Kriterien her, an denen Unternehmen gemessen werden? Das Beispiel<br />
Deutsche Bank demonstriert ja, dass trotz hoher Gewinne tausende<br />
Menschen in die Arbeitslosigkeit entlassen werden. </p>
<p><b>Klaus-Uwe Benneter:</b> Die Deutsche Bank ist ein Musterbeispiel<br />
dafür, mit welchen globalen Schwierigkeiten wir heute umgehen<br />
müssen. Wir haben in Deutschland nur sehr eingeschränkte<br />
Möglichkeiten, noch auf ein verantwortlicheres Verhalten der<br />
Deutschen Bank einzuwirken. Deshalb müssen wir Wettbewerbsbedingungen<br />
in Deutschland schaffen, die auch verantwortungslosere Gestalten<br />
aus rein ökonomischen Gründen dazu bringen, in Deutschland<br />
zu investieren und hier Arbeitsplätze zu schaffen und zu erhalten.</p>
<p><b>Moderator:</b> Kommentar von:</p>
<p><b>micha_d:</b> Zu Herrn Benneters Verteidigung: Die Arbeitslosigkeit<br />
ist nicht erst seit der Regierung Schröder so hoch, allein<br />
die Umstrukturierungsmaßnahmen haben die wahre Lage offen<br />
gelegt.
</p>
<p>
<b>NRW_wird_anders:</b> Glauben Sie wirklich, dass die<br />
Regierung den 5,2 Millionen Arbeitlosen eine Perspektive bieten<br />
kann? Ist es nicht vielmehr so, dass alle sich im Verwalten der<br />
Arbeitslosigkeit üben?</p>
<p><b>Klaus-Uwe Benneter:</b> Weil sich die ehemalige Bundesanstalt<br />
für Arbeit überwiegend mit der Verwaltung von Arbeitslosen<br />
beschäftigt hat, haben wir sie zur Bundesagentur umgestaltet<br />
und fordern jetzt, dass diese Behörde sich zu einem Dienstleister<br />
mausert, der sich zuallererst darum kümmert, dass Arbeitslose<br />
passgenau vermittelt und betreut werden.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Und noch mal ein Kommentar:</p>
<p><b>indubio80:</b> Das muss mal gesagt werden: Wer behauptet,<br />
die Arbeitslosigkeit sei wegen der Regierung Schröder so hoch,<br />
der irrt. Sie ist wegen Schröder nicht noch höher. Die<br />
Arbeitslosenzahlen heute unterscheiden sich nicht wirklich von denen<br />
im Jahre 1998. Und wer Ahnung hat und ehrlich ist, nimmt dies auch<br />
zur Kenntnis.
</p>
<p>
<b>wiffelspitz:</b> Herr Wiedeking von Porsche hat darauf<br />
hingewiesen, dass die EU die Abwanderung von Arbeitsplätzen<br />
nach Osten stark subventioniert. Was gedenken Sie da zu tun? Besteht<br />
eine Handlungsoption?</p>
<p><b>Klaus-Uwe Benneter:</b> Wenn dem so sein sollte, mit<br />
Sicherheit. Ich wage die Ansicht von Herrn Wiedeking allerdings<br />
zu bezweifeln. Eine direkte Unterstützung gibt es mit Sicherheit<br />
nicht. Aber wenn auch auf diesem Umweg indirekt zu solchen Resultaten<br />
beigetragen würde, muss dies sofort unterbunden werden.</p>
<p><b>Djtilo:</b> Herr Benneter, glauben Sie, dass die Aussage<br />
von Herr Fischer Auswirkungen auf die Wahl in NRW haben wird?
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Gemeint sein dürfte die Aussage<br />
vor dem Visa-Untersuchungsausschuß.</p>
<p><b>Klaus-Uwe Benneter:</b> Ich gehe davon aus, dass Herr<br />
Fischer vor dem Visaausschuss die gesamte Problematik klar und überzeugend<br />
aus seiner Sicht und seiner Verantwortlichkeit darstellen wird und<br />
sich danach auch seine persönlichen Zustimmungswerte wieder<br />
in alte Höhen begeben werden. Ich bezweifle aber, dass das<br />
direkte Auswirkungen auf die NRW-Wahl haben wird. Die Menschen dort<br />
wissen, wo die entscheidenden Probleme liegen und dass hier Fehlentwicklungen<br />
aus der Vergangenheit von der CDU versucht werden zu skandalisieren.</p>
<p><b>Moderator:</b> Der Kanzler sieht die SPD durch die<br />
Visa-Affäre mehr geschädigt als die Grünen. Auch<br />
Ihre Meinung?
</p>
<p>
<b>Klaus-Uwe Benneter:</b> Unsere Anhänger lässt<br />
es nicht kalt, wenn bei der Einwanderung Fehler gemacht werden und<br />
Nachlässigkeiten erfolgen.
</p>
<p>
<b>tilmaenia:</b> Herr Benneter, wie kann ein Bundeskanzler<br />
verantworten, gerade zu einer Zeit, in der China Taiwan praktisch<br />
eine Kriegsandrohung vorlegt, über ein Ende des (wohl gerechtfertigten)<br />
Waffenembargos zu lamentieren? Natürlich können Sie nicht<br />
wissen, was genau Herr Schröders Intentionen bei dieser Frage<br />
sind, aber vielleicht gibt es ja einen (mir nicht bekannten) Grund<br />
für diese Position.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Vielleicht wissen Sie den Grund des<br />
Kanzlers ja doch.</p>
<p><b>Klaus-Uwe Benneter:</b> Das ist keine isolierte Position<br />
des Bundeskanzlers, auf eine Aufhebung des Waffenembargos gegenüber<br />
China hinzuwirken. Dies hat der EU-Rat im vergangenen Dezember einstimmig<br />
so beschlossen und gleichzeitig festgelegt, dass die EU Verhaltensrichtlinien<br />
für Rüstungsexporte präzisiert und damit verschärft<br />
werden soll. Der Bundeskanzler hält sich mit seiner Stellungnahme<br />
an diese Linie und macht deutlich, worum es uns allen gehen muss:<br />
Um die Verbesserung der Menschenrechtssituation in China. Dies erreichen<br />
wir nicht durch Symboldiskussionen, sondern hartnäckiges Nachfassen<br />
und Aufarbeiten. Dies erfolgt auf Veranlassung der rot-grünen<br />
Bundesregierung bereits seit mehreren Jahren im Rahmen des regelmäßigen<br />
deutsch-chinesischen Rechtsstaatsdialogs. Dort konfrontieren deutsche<br />
Experten, wie beispielsweise der Präsident der deutschen Rechtsanwaltskammer,<br />
mehrfach jährlich die Teilnehmer der chinesischen Seite mit<br />
allen Aspekten der Menschenrechtsentwicklung in China. Auf diese<br />
Weise konnte tatsächlich schon vielen Menschen geholfen werden.<br />
Deshalb, wenn es um Menschenrechte geht, müssen wir immer daran<br />
denken, wie wir am besten und am geeignetsten die tatsächliche<br />
Situation verbessern können und nicht nur über symbolische<br />
Maßnahmen diskutieren, die im Ergebnis weniger erfolgreich<br />
sein können.</p>
<p><b>Moderator:</b> Nachfrage:</p>
<p><b>donteatyellowsnow:</b> Wie ich lesen kann, sind Sie<br />
Meister im Verfassen von Politik-Floskeln. Aber auf die Frage, ob<br />
das Aufheben des Waffenembargos durch die Menschenrechtslage in<br />
China gerechtfertigt ist, haben Sie noch keine Antwort geben.
</p>
<p>
<b>Klaus-Uwe Benneter:</b> Die Einführung des Waffenembargos<br />
war vor 16 Jahren als Folge gravierender Menschenrechtsverletzungen<br />
durch die EU beschossen worden. Die gleiche EU hat jetzt einstimmig<br />
beschlossen, das weiterhin bestehende Menschenrechtsproblem in China<br />
anders anzugehen. Dies halte ich für richtig und bin überzeugt<br />
davon, dass dies den betroffenen Menschen und den Menschenrechten<br />
im Ergebnis mehr bringt.</p>
<p><b>Moderator:</b> Das waren 60 Minuten Politik-Chat mit<br />
Klaus Uwe Benneter. Vielen Dank Herr Benneter, dass Sie zu uns gekommen<br />
sind, vielen Dank an alle User für Ihr Interesse. Fragen an<br />
den SPD-&quot;General&quot; hätten wir noch reichlich. Der<br />
nächste Chat findet am Freitag, 15. April, statt. Dann wird<br />
Sigmar Gabriel, Mitglied im SPD-Parteivorstand und Oppositionsführer<br />
im niedersächsischen Landtag ab 13.00 Uhr unser Chat-Gast sein.<br />
Bis dahin wünscht tagesschau.de allen eine gute Zeit.
</p>
<p>
<b>Klaus-Uwe Benneter:</b> Vielen Dank für die vielen<br />
spannenden Fragen. Ich hoffe, ich habe bald einmal wieder Gelegenheit,<br />
Ihnen beim Chatten zur Verfügung zu stehen.</p>
]]></content:encoded>
					
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			</item>
		<item>
		<title>Prälat Karl Jüsten zur Papstnachfolge</title>
		<link>https://www.politik-digital.de/chattranscripte/praelat_karl_juesten_zur_papstnachfolge-225/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[mfrost]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 04 Apr 2005 23:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Chattranscripte]]></category>
		<category><![CDATA[Religion]]></category>
		<category><![CDATA[Karl Jüsten]]></category>
		<category><![CDATA[Katholische Kirche]]></category>
		<category><![CDATA[Konklave]]></category>
		<category><![CDATA[Papst]]></category>
		<category><![CDATA[Vatikan]]></category>
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					<description><![CDATA[Am Dienstag, 5. April, war Prälat Dr. Karl Jüsten zu Gast 
im tacheles.02 Live-Chat von tagesschau.de und politik-digital.de. 
Jüsten stellte sich den Fragen rund um den Tod von Papst Johannes 
Paul II., die anstehende Papstwahl und mögliche Kirchenreformen.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Am Dienstag, 5. April, war Prälat Dr. Karl Jüsten zu Gast<br />
im tacheles.02 Live-Chat von tagesschau.de und politik-digital.de.<br />
Jüsten stellte sich den Fragen rund um den Tod von Papst Johannes<br />
Paul II., die anstehende Papstwahl und mögliche Kirchenreformen.<!--break--></p>
<p class="normal">
<span class="fett"><span style="font-size: x-small">Moderator:</span></span><span style="font-size: x-small"><br />
Liebe Politik-Interessierte, willkommen im tacheles.02-Chat. Die<br />
Chat-Reihe tacheles.02 ist ein Format von tagesschau.de und politik-digital.de<br />
und wird unterstützt von tagesspiegel.de. Zum Chat ist heute<br />
der Leiter des katholischen Büros der deutschen Bischöfe,<br />
Prälat Karl Jüsten ins ARD-Hauptstadtstudio gekommen.<br />
Herr Jüsten, sind Sie bereit für den 60-Minuten-Chat mit<br />
unseren Usern?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small"><span class="fett">Karl Jüsten:</span> Ja.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small"><b>Fritzchen:</b> Hallo Herr Jüsten,<br />
wie sehen Sie die Chancen für Kardinal Ratzinger, wenn man<br />
bedenkt, dass die Kirche einen älteren Papst will, der nicht<br />
allzu viele Veränderungen macht und das Werk von Johannes Paul<br />
II. fortsetzen soll?</span>
</p>
<p>
<span class="fett"><span style="font-size: x-small">Karl Jüsten:</span></span><span style="font-size: x-small"><br />
Ich glaube Kardinal Ratzinger wird wichtig sein für das Konklave,<br />
aber ich glaube nicht, dass er selbst Ambitionen hat auf dieses<br />
Amt, denn er hat in der Vergangenheit schon häufiger Papst<br />
Johannes Paul II. darum gebeten, ihn von der Bürde seines bisherigen<br />
Amtes zu befreien.</span>
</p>
<p>
<span class="fett"><span style="font-size: x-small">Zugbringer:</span></span><span style="font-size: x-small"><br />
Muss der nächste Papst sich weiter auf die weltlichen Bedürfnisse<br />
der Bevölkerung einlassen?</span>
</p>
<p>
<span class="fett"><span style="font-size: x-small">Karl Jüsten:</span></span><span style="font-size: x-small"><br />
Ja, der Papst muss sich schon deshalb darauf einlassen, da er für<br />
Frieden und Gerechtigkeit in der Welt eintritt. Viele Menschen leben<br />
in bitterster Armut. Da muss er sich Gehör verschaffen, um<br />
diese Nöte zu beheben.</span>
</p>
<p>
<span class="fett"><span style="font-size: x-small">Zugbringer:</span></span><span style="font-size: x-small"><br />
Was ist Ihr Rat für den nächsten Papst um die Kirchenaustritte<br />
zu stoppen und in Kircheneintritte zu verwandeln?</span>
</p>
<p>
<span class="fett"><span style="font-size: x-small">Karl Jüsten:</span></span><span style="font-size: x-small"><br />
Das ist eine schwierige Frage. Wenn wir das in Deutschland selber<br />
wüssten, dann hätten wir damit sicher schon angefangen.<br />
Aber ich glaube, es ist besonders wichtig, die Kirche mit einem<br />
menschenfreundlichen Antlitz zu vertreten. Wenn er eine solche Ausstrahlung<br />
hat und darüber hinaus die Menschen mit seiner Botschaft auch<br />
im Herzen erreicht, dann kann er viel bewegen. Sicher muss er auch<br />
einige neue Antworten finden auf Fragen, die die Menschen unserer<br />
Zeit umtreiben.</span>
</p>
<p>
<span class="fett"><span style="font-size: x-small">Moderator:</span></span><span style="font-size: x-small"><br />
Nachfrage zu Kardinal Ratzinger:</span>
</p>
<p>
<span class="fett"><span style="font-size: x-small">fritzchen:</span></span><span style="font-size: x-small"><br />
Muss denn Ratzinger selbst Ambitionen haben, oder ist es nicht vielmehr<br />
ein &#8216;MUSS &#8216; wenn er vorgeschlagen werden sollte? Kann er sich dessen<br />
entziehen? Wissen auch die anderen Kardinäle, dass Kardinal<br />
Ratzinger &#8216;nicht will&#8217;, und nehmen sie darauf Rücksicht?</span>
</p>
<p>
<span class="fett"><span style="font-size: x-small">Karl Jüsten:</span></span><span style="font-size: x-small"><br />
Jeder ist frei das Amt anzunehmen oder auch nicht. Und jeder der<br />
weiß, welche Bürde dieses Amt mit sich bringt, wird sich<br />
gut überlegen ob er auf Grund seines Alters und seiner Kraft<br />
sich das zumuten möchte. Es ist ja noch nicht ausgemacht, dass<br />
es ein alter Kardinal werden soll. Wenn es ein Deutscher werden<br />
sollte, wovon allerdings nur wenige ausgehen, dürfen wir in<br />
Deutschland stolz sein.</span>
</p>
<p>
<span class="fett"><span style="font-size: x-small">Moderator:</span></span><span style="font-size: x-small"><br />
Apropos Alter:</span>
</p>
<p>
<span class="fett"><span style="font-size: x-small">GertFroebe552:</span></span><span style="font-size: x-small"><br />
Meine Frage: Besteht bei den langen Amtszeiten des Papstes nicht<br />
die Gefahr, dass die Kirche sich nicht schnell genug reformieren<br />
und sich dem Zeitgeist nicht mehr anpassen kann?</span>
</p>
<p>
<span class="fett"><span style="font-size: x-small">Karl Jüsten: </span></span><span style="font-size: x-small">Nicht<br />
alle Päpste haben ein so lange Amtszeit gehabt wie der letzte.<br />
Ein langes Pontifikat hat die Chance, dass der Amtsinhaber mit langem<br />
Atem in der Kirche wirken kann. Ein älterer Papst, der vielleicht<br />
davon ausgeht, dass aufgrund seiner Lebenszeit die Amtszeit kürzer<br />
bemessen ist, wird vielleicht schneller auf die Umsetzung seiner<br />
Ideen pochen. So hat z.B. Johannes XXIII, der schon zu Beginn seines<br />
Papstamtes um seine labile Gesundheit wusste, das Zweite Vatikanische<br />
Konzil einberufen, das die Kirche erheblich veränderte. Die<br />
Wirksamkeit eines Papstes bemisst sich also nicht nach der Länge<br />
des Pontifikats.</span>
</p>
<p>
<span class="fett"><span style="font-size: x-small">Moderator: </span></span><span style="font-size: x-small">Kommen<br />
wir zu inhaltlichen Fragen?</span>
</p>
<p>
<span class="fett"><span style="font-size: x-small">Arkonia: </span></span><span style="font-size: x-small">Meinen<br />
sie nicht auch, dass es endlich einmal Zeit wird, besonders für<br />
den nächsten Papst, die Rolle der Frau in der katholischen<br />
Kirche zu ändern?</span>
</p>
<p>
<span class="fett"><span style="font-size: x-small">Karl Jüsten:</span></span><span style="font-size: x-small"><br />
Sie fragen nicht enggefügt auf die Übernahme des Priesteramtes<br />
für Frauen. Bei dieser Frage tut sich die Kirche in der Tat<br />
schwer, weil sie nicht aus dem Blickwinkel der Geschlechtergerechtigkeit<br />
beantwortet wird, sondern aus theologischen Gründen. Im Sinne<br />
der Geschlechtergerechtigkeit müsste die Frage sicher anders<br />
beantwortet werden, denn die Kirche tritt für die Geschlechtergerechtigkeit<br />
ein. Deshalb muss auch sicher noch mehr daran getan werden, die<br />
Rolle der Frau neben dem Priesteramt neu zu klären. Da, glaube<br />
ich, ist in der Tat noch ein großer Spielraum. In Deutschland<br />
könnten z. B. viele Führungspositionen schon jetzt problemlos<br />
auch von Frauen begleitet werden. Da bleibt noch viel zu tun.</span>
</p>
<p>
<span class="fett"><span style="font-size: x-small">Moderator:</span></span><span style="font-size: x-small"><br />
Aber die Frauen sind doch nicht geweiht? Deshalb sind sie weiter<br />
von wichtigen Dingen ausgeschlossen.</span>
</p>
<p>
<span class="fett"><span style="font-size: x-small">Karl Jüsten:</span></span><span style="font-size: x-small"><br />
Das stimmt. Dieses Problem müssen wir aushalten.</span>
</p>
<p>
<span class="fett"><span style="font-size: x-small">Moderator:</span></span><span style="font-size: x-small"><br />
Es gibt noch weitere Felder zu beackern? Stichwort Zölibat.</span>
</p>
<p>
<span class="fett"><span style="font-size: x-small">Lutwin:</span></span><span style="font-size: x-small"><br />
Ist davon auszugehen, dass ein neuer Papst den doch konservativen<br />
Kurs seines Vorgängers weiter verfolgt, oder wird es Reformen<br />
geben, etwa in Form der Abschaffung des Zölibats?</span>
</p>
<p>
<span class="fett"><span style="font-size: x-small">Karl Jüsten:</span></span><span style="font-size: x-small"><br />
Den bisherigen Papst einfach nur als konservativ zu bezeichnen,<br />
halte ich für zu kurz. Aber er hat sicher in Fragen, die die<br />
Kirche im Inneren betreffen, einen Kurs gefahren der auf das Bewahren<br />
der Errungenschaften des Zweiten Vatikanischen Konzils ausgerichtet<br />
war. Manche in der Kirche wünschen sich, dass man über<br />
das, was in diesem Konzil gewünscht war, hinausgeht. Und da<br />
schauen wir mal, ob der neue Papst das auch so sieht.</span>
</p>
<p>
<span class="fett"><span style="font-size: x-small">Dfbdb:</span></span><span style="font-size: x-small"><br />
Für die Gleichberechtigung spricht: Vor Gott sind alle Menschen<br />
gleich. Was spricht theologisch dagegen?</span>
</p>
<p>
<span class="fett"><span style="font-size: x-small">Karl Jüsten:</span></span><span style="font-size: x-small"><br />
Im Chat ist es nicht so einfach eine komplizierte Frage einfach<br />
zu beantworten, aber ich werde mich bemühen: Nach Auffassung<br />
des Lehramtes hat Jesus in seiner Nachfolge neben Jüngerinnen<br />
und Jüngern die Apostel berufen. Die Apostel waren beauftragt<br />
die Kirche zu führen, die nach der Himmelfahrt Jesu entstand.<br />
Die Apostel wiederum haben als ihre Nachfolge die so genannten Episkopen<br />
(Bischöfe) berufen. Wegen der schnell wachsenden Gemeinden<br />
haben sie sich zur Hilfe so genannte Presbyteroi (Priester) hinzugezogen,<br />
die sie dazu auch weihten. Neben den Priestern gab es immer auch<br />
Diakone. Es ist unwahrscheinlich, dass unter den Bischöfen<br />
und Priestern Frauen waren. Für die Diakone lässt sich<br />
das nicht so einfach sagen. Deshalb sagt die Kirche, dass für<br />
das Amt des Bischofs und des Priesters nur Männer ausgewählt<br />
werden können. Beim Diakonamt ist es zur Zeit Praxis. Viele<br />
Wissenschaftler und die Würzburger Synode von 1972 sagen, dass<br />
das Amt des Diakons auch für Frauen offen stehen kann. Da können<br />
wir mal sehen, wie das so weitergeht.</span>
</p>
<p>
<span class="fett"><span style="font-size: x-small">Harold1977:</span></span><span style="font-size: x-small"><br />
Kann/Darf ein neuer Papst überhaupt von grundsätzlichen<br />
Lehrmeinungen wie der Frauenordination oder z.B. dem gemeinsamen<br />
Abendmahl abweichen?</span>
</p>
<p>
<span class="fett"><span style="font-size: x-small">Karl Jüsten:</span></span><span style="font-size: x-small"><br />
Können darf der Papst, denn das lehrt ja das Dogma der Unfehlbarkeit.<br />
Aber er ist natürlich an das gebunden, was die Kirche immer<br />
schon gelehrt hat. An der Friedensethik der Kirche kann man sehen,<br />
dass sich eine Sichtweise auch schon mal ändern kann. So war<br />
die Kirche immer für das Ideal des Friedens, glaubt aber in<br />
früheren Zeiten, dass dieser auch durch einen Krieg hergestellt<br />
werden kann. Und der jetzige Papst hat das korrigiert, indem er<br />
gesagt hat: Krieg ist immer eine Niederlage für die Menschheit.</span>
</p>
<p>
<span class="fett"><span style="font-size: x-small">28:</span></span><span style="font-size: x-small"><br />
Ist es nicht so, dass über neunzig Prozent aller Katholiken<br />
jeden Tag ganz bewusst gegen Kirchengesetze verstoßen, weil<br />
sie nicht anders können und wollen? Bei aller Zuneigung zum<br />
verstorbenen Papst: Ist die Kirche innen nicht völlig hohl?<br />
Hat sie überhaupt noch ein Volk?</span>
</p>
<p>
<span class="fett"><span style="font-size: x-small">Karl Jüsten:</span></span><span style="font-size: x-small"><br />
Ob 90 Prozent aller Katholiken täglich gegen Kirchengebote<br />
verstoßen, weiß ich nicht. Aber selbst wenn dem so wäre<br />
gilt in der Kirche der Grundsatz: Die Kirche liebt nicht die Sünde<br />
aber den Sünder/die Sünderin. Also man kann guten Gewissens<br />
mit der Kirche sein und wissen, dass man nicht alle Gebote einhält.</span>
</p>
<p>
<span class="fett"><span style="font-size: x-small">Moderator: </span></span><span style="font-size: x-small">Zum<br />
Dialog der Kulturen und Religionen:</span>
</p>
<p>
<span class="fett"><span style="font-size: x-small">Ichausberlin: </span></span><span style="font-size: x-small">Was,<br />
meinen Sie, wird die Haltung des neuen Papstes gegenüber anderen<br />
Religionen sein. Johannes Paul II. hat da ja wohl weitestgehend<br />
Neuland betreten. Wird sich die Dialogkultur, die er initiiert hat,<br />
fortsetzen lassen?</span>
</p>
<p>
<span class="fett"><span style="font-size: x-small">Karl Jüsten:</span></span><span style="font-size: x-small"><br />
Ich gehe davon aus, dass der künftige Papst das so machen wird.<br />
Wichtig ist allerdings auch, dass er alle Mitglieder der Kirche<br />
und insbesondere alle Menschen der Christenheit weltweit davon überzeugt,<br />
dass das der einzige Weg ist, um friedlich miteinander zu leben.</span>
</p>
<p>
<span class="fett"><span style="font-size: x-small">Moderator:</span></span><span style="font-size: x-small"><br />
Muss der nächste Pontifex nicht vor allem den Dialog mit dem<br />
Islam suchen?</span>
</p>
<p>
<span class="fett"><span style="font-size: x-small">Karl Jüsten: </span></span><span style="font-size: x-small">Ja.<br />
Allerdings wird in Deutschland nicht genügend wahrgenommen<br />
wie viele Strömungen es im Islam gibt. Der Islam kennt keine<br />
Autorität wie den Papst und deshalb ist es schwer für<br />
ihn, einen geeigneten Partner zu finden. Aber diese Frage ist ja<br />
nicht nur eine Frage des Papstes, sondern aller Christen. Jeder<br />
sollte an dem Ort, an dem er lebt, den Dialog mit gläubigen<br />
Muslimen führen.</span>
</p>
<p>
<span class="fett"><span style="font-size: x-small">Moderator:</span></span><span style="font-size: x-small"><br />
Etwas Literaturkritik:</span>
</p>
<p>
<span class="fett"><span style="font-size: x-small">verboomen:</span></span><span style="font-size: x-small"><br />
Ich habe das Buch &#8216;Wir klagen an &#8216; gelesen. Es war in Italien Anfang<br />
2000 ein Bestseller. Die nackte Wahrheit über den Vatikan wurde<br />
dargestellt. Einer der Autoren, Luigi Marinelli, hat viele Probleme<br />
mit dem Vatikan gehabt. Das Buch handelt von Cliquen, die Macht<br />
haben und entscheiden, wer der nächste Papst wird. Man redet<br />
nie darüber in den Medien, aber das Verlangen nach Änderungen<br />
in den Machenschaften im Vatikan existiert.</span>
</p>
<p>
<span class="fett"><span style="font-size: x-small">Karl Jüsten:</span></span><span style="font-size: x-small"><br />
Über mögliches Fehlverhalten in Vatikan wird, wenn es<br />
denn zu Tage tritt, recht breit in den Medien berichtet. Das es<br />
dann doch nicht so oft vorkommt kann ja vielleicht auch daran liegen,<br />
dass der Vatikan doch besser ist als in solchen Büchern behauptet<br />
wird. <br />
Aber ich bin mit ihnen der Meinung, wenn durch Vertreter der Kirche<br />
Fehler gemacht werden, dann soll das auch offen gelegt werden und<br />
die Schuldigen müssen auch auf jeden Fall zur Rechenschaft<br />
gezogen werden.<br />
Aber als Kirche können wir ja nicht von den Gläubigen<br />
erwarten, dass sie sich an die Maßstäbe unserer Moral<br />
halten und die Verantwortlichen können sich vor der Moral drücken.<br />
So geht es nicht.</span>
</p>
<p>
<span class="fett"><span style="font-size: x-small">Lehmer:</span></span><span style="font-size: x-small"><br />
Was halten Sie von der Darstellung der Papstwahl in dem Roman von<br />
Dan Brown &#8216;Illuminati &#8216; &#8211; auch wenn die Verschwörungstheorien<br />
nicht im Sinne der Kirche sein dürften, haben so doch Millionen<br />
Leser etwas über Kirchengeschichte erfahren, oder? Sind Sie<br />
auch für den Boykott des Buches?</span>
</p>
<p>
<span class="fett"><span style="font-size: x-small">Karl Jüsten: </span></span><span style="font-size: x-small">Bücher<br />
dieser Art haben den Charme, dass sie immer etwas über den<br />
Vatikan berichten, was zutrifft. Aber wie das bei Romanen so ist,<br />
entspringt auch manches, was darin beschrieben wird, der Phantasie.<br />
Aber ich bin grundsätzlich dagegen, das Bücherlesen zu<br />
verbieten. Wir haben das Recht auch Quatsch zu schreiben.</span>
</p>
<p>
<span class="fett"><span style="font-size: x-small">Moderator:</span></span><span style="font-size: x-small"><br />
Nachfrage zum Dialog mit dem Islam:</span>
</p>
<p>
<span class="fett"><span style="font-size: x-small">chilla:</span></span><span style="font-size: x-small"><br />
Was ist mit dem Dialog mit Extremisten. Der Papst hat ja in der<br />
Vergangenheit viel Takt und Verständnis gezeigt. Wird das so<br />
bleiben?</span>
</p>
<p>
<span class="fett"><span style="font-size: x-small">Karl Jüsten:</span></span><span style="font-size: x-small"><br />
Mit Extremisten jedweder Art tun wir uns schwer einen Dialog zu<br />
führen, weil sie in der Regel nicht dialogfähig sind.<br />
Wenn sie das auf den Islam beziehen, dann muss ich mich schützend<br />
vor die meisten Gläubigen dieser Religion stellen, denn es<br />
gibt nur eine kleine Minderheit, die extremistisch ist.</span>
</p>
<p>
<span class="fett"><span style="font-size: x-small">nicht_katholisch:</span></span><span style="font-size: x-small"><br />
Würden sie sich vom neuen Papst auch erhoffen, dass er so &#8216;gnadenlos<br />
&#8216; mit Kritikern umgeht wie es Johannes Paul II: das mit dem Theologen<br />
Hans Küng gemacht hat?</span>
</p>
<p>
<span class="fett"><span style="font-size: x-small">Karl Jüsten:</span></span><span style="font-size: x-small"><br />
Die Bewertung, ob das gnadenlos war, sei dahin gestellt. Herr Küng<br />
hatte ein ordentliches Lehrverfahren gehabt. Dass er selbst mit<br />
dem Ergebnis nicht zufrieden war, liegt sicher nicht nur am Papst.<br />
Küng hat die Gelegeheit gehabt, seine Position zu erläutern.<br />
Kardinal Lehmann hat immer wieder darauf verwiesen, dass Küng<br />
ein faires Verfahren hatte. Es gibt sicher immer wieder theologische<br />
Fragen, die in der Kirche kontrovers diskutiert werden. Und es kann<br />
immer wieder vorkommen, dass ein Theologe irrt. Da muss ein künftiger<br />
Papst auch das Recht haben, das so zu benennen. Allerdings gebe<br />
ich gerne zu, dass in Stilfragen manches besser sein kann. Und ich<br />
würde mich auch freuen, wenn ein Dialog mit kritischen Theologen<br />
geführt wird.<br />
Denn Wissenschaft besteht auch darin, dass man mal über etwas<br />
Neues denkt ohne das gleich mit Denkverboten zu belegen.</span>
</p>
<p>
<span class="fett"><span style="font-size: x-small">Moderator:</span></span><span style="font-size: x-small"><br />
Zur Dritten Welt:</span>
</p>
<p>
<span class="fett"><span style="font-size: x-small">verboomen:</span></span><span style="font-size: x-small"><br />
Der Vatikan hat eine doppelte Politik der Dritten Welt gegenüber.<br />
Er ist gegen die Globalisierung, unterstützt aber gleichzeitig<br />
Diktaturen wie Chile oder früher Spanien und sogar Waffenlieferungen.<br />
Halten Sie diese Politik für bibeltreu und klug?</span>
</p>
<p>
<span class="fett"><span style="font-size: x-small">Karl Jüsten:</span></span><span style="font-size: x-small"><br />
Solche Politik, die sie da beschreiben, hat der letzte Papst nie<br />
betrieben. Im Gegenteil er ist weltweit für die Menschenrechte<br />
die Demokratie und den Frieden eingetreten und stand immer auf der<br />
Seite der Unterdrückten und Entrechteten.</span>
</p>
<p>
<span class="fett"><span style="font-size: x-small">Moderator:</span></span><span style="font-size: x-small"><br />
Kommen wir gegen Ende wieder zu Ablauffragen:</span>
</p>
<p>
<span class="fett"><span style="font-size: x-small">Ichausberlin:</span></span><span style="font-size: x-small"><br />
Stichwort Strategie oder Profilierung. Mit welchen Schritten wird<br />
der neue Papst in die Öffentlichkeit treten? Gibt es ein &#8216;Protokoll&#8217;,<br />
das es einzuhalten gilt? An wen, meinen Sie, wird sich der neue<br />
Papst anfänglich in erster Linie wenden?</span>
</p>
<p>
<span class="fett"><span style="font-size: x-small">Karl Jüsten:</span></span><span style="font-size: x-small"><br />
Nachdem er gewählt ist, wird er auf dem Petersplatz zur Öffentlichkeit<br />
treten. Dieser Gang wird sicher begleitet durch Gebete. Der neue<br />
Papst kann dort sicher schon einige auch persönliche und politische<br />
oder auch theologische Worte sagen. Aber es wäre eine Überforderung<br />
für ihn, wenn er schon dabei auf eine Art Regierungsprogramm<br />
festgestellt würde. Das braucht dann sicher noch etwas Zeit,<br />
denn er wird ja sicher nicht damit rechnen, wenn er ins Konklave<br />
reingeht, dass er als Papst rausgeht.</span>
</p>
<p>
<span class="fett"><span style="font-size: x-small">krak le chevalier:</span></span><span style="font-size: x-small"><br />
Was, wenn der Islam irgendwann die Vormachtstellung in Europa einnimmt?<br />
Gibt es eine christliche Legitimation sich dagegen zu stellen oder<br />
müssen wir tatenlos zusehen, praktisch neutestamentarisch handeln?</span>
</p>
<p>
<span class="fett"><span style="font-size: x-small">Karl Jüsten: </span></span><span style="font-size: x-small">Die<br />
Frage, ob das Christentum mehr als Religion bleibt, ist eine Frage<br />
der inneren Kraft der Christen. Wenn wir diese Kraft nicht mehr<br />
aufbringen, was ich bedauern würde, dann wären wir ja<br />
selbst schuld, wenn andere Religionsgemeinschaften oder Ideologien<br />
vordringen.</span>
</p>
<p>
<span class="fett"><span style="font-size: x-small">Dieter Fischer:</span></span><span style="font-size: x-small"><br />
Es gibt leider vielerorts die Meinung, dass die päpstliche<br />
Nachfolge schon vor der Wahl feststeht. Diese Meinung hat wohl auch<br />
ihre Ursache in dem undurchdringlichen Zusammenhalt des Vatikans.<br />
Wie überraschend ist dann ein Ergebnis, das eigentlich nicht<br />
wirklich unerwartet kommt. &#8211; Sprich, wie hoch (gering) ist die Chance<br />
einen z.B. afrikanischen Papst zu bekommen?</span>
</p>
<p>
<span class="fett"><span style="font-size: x-small">Karl Jüsten: </span></span><span style="font-size: x-small">Die<br />
letzten Päpste waren eigentlich immer Überraschungspäpste,<br />
mit Ausnahme vielleicht von Paul den VI. Deshalb ist vielleicht<br />
auch das Konklave für Überraschungen gut. In Italien werden<br />
zur Zeit 60 Kardinale als zukünftige Päpste gehandelt,<br />
darunter auch Afrikaner. Ich persönlich kann mir gut vorstellen,<br />
dass es diesmal ein Nichteuropäer wird. Für den afrikanischen<br />
Kontinent wäre eine solche Wahl sicher ein Signal des Aufbruchs<br />
&#8211; und das wäre gut. Denn in Europa und in der westlichen Welt<br />
insgesamt wird der afrikanische Kontinent in der Außenpolitik<br />
viel zu stark vernachlässigt.</span>
</p>
<p>
<span class="fett"><span style="font-size: x-small">thomas.musik:</span></span><span style="font-size: x-small"><br />
Welchen Kardinälen räumen Sie mehr Chancen ein, aus ihren<br />
Reihen den Papst zu stellen? Denen der Kurie oder denen der Welt<br />
(also mit Bischofssitz)?</span>
</p>
<p>
<span class="fett"><span style="font-size: x-small">Karl Jüsten:</span></span><span style="font-size: x-small"><br />
Die Kurienkardinäle sind vor allem für die &quot;Regierungsgeschäfte&quot;<br />
des Vatikans verantwortlich, die anderen sind Leiter einer Diözese<br />
als Bischöfe. Es muss nicht so sein das ein Kurienkardinal<br />
von vornherein keinen pastoralen Blick hat, wie umgekehrt einem<br />
Ortsbisschoff nicht von vornherein unterstellt werden darf, er könne<br />
die Kurie nicht führen. Es hängt also mehr von der Persönlichkeit<br />
ab, als von der Funktion, ob jemand geeignet ist oder nicht.</span>
</p>
<p>
<span class="fett"><span style="font-size: x-small">Moderator:</span></span><span style="font-size: x-small"><br />
In Sachen Papstwahl gibt es immer noch &quot;Ungläubige&quot;:</span>
</p>
<p>
<span class="fett"><span style="font-size: x-small">zool667: </span></span><span style="font-size: x-small">Waren<br />
die letzten Päpste Überraschungen für das Volk oder<br />
auch eine Überraschung für die katholische Kirche als<br />
Organisation?</span>
</p>
<p>
<span class="fett"><span style="font-size: x-small">Karl Jüsten:</span></span><span style="font-size: x-small"><br />
Wenn es eine Überraschung für das Volk ist, dann ist es<br />
auch eine Überraschung für die Organisation. Denn so weit<br />
ist die Organisation doch nicht vom Volk entfernt.</span>
</p>
<p>
<span class="fett"><span style="font-size: x-small">Verboomen: </span></span><span style="font-size: x-small">Das<br />
Christentum hat sich nach Süd-Amerika verschoben. Gibt es nicht<br />
die Gefahr, dass das Christentum in Europa und das Christentum in<br />
Süd-Amerika sich von einander sehr trennen, innerhalb des Katholizismus?</span>
</p>
<p>
<span class="fett"><span style="font-size: x-small">Karl Jüsten:</span></span><span style="font-size: x-small"><br />
Das ist sicher eine der großen Aufgaben des Papstes, die Kirche<br />
zusammenzuhalten und zu verhindern, dass die Kirche auseinander<br />
driftet. Er hat deshalb den Titel &quot;Pontifex Maximus&quot; –<br />
Brückenbauer. So muss er die Brücke zwischen den Kontinenten<br />
immer wieder schlagen.</span>
</p>
<p>
<span class="fett"><span style="font-size: x-small">Sumo:</span></span><span style="font-size: x-small"><br />
Der Vatikan besteht ja nicht nur aus EINEM Menschen. Wie wird sich<br />
die Machtstruktur des Vatikans durch die Einführung eines neuen<br />
Papstes verändern? Ist das so wie in der Politik?</span>
</p>
<p>
<span class="fett"><span style="font-size: x-small">Karl Jüsten:</span></span><span style="font-size: x-small"><br />
Da mahlen die Mühlen der Kirche meistens etwas langsamer. Das<br />
hat den Vorteil, dass es zunächst einmal in der Kirche weitergeht.<br />
Aber ich kann mir vorstellen, dass der Papst neue Akzente setzen<br />
möchte und das dann auch tut.</span>
</p>
<p>
<span class="fett"><span style="font-size: x-small">Sammy80:</span></span><span style="font-size: x-small"><br />
Wie empfanden Sie die Berichterstattung der Medien über den<br />
sterbenden Papst?</span>
</p>
<p>
<span class="fett"><span style="font-size: x-small">Karl Jüsten:</span></span><span style="font-size: x-small"><br />
Die Berichterstattung über den sterbenden Papst war das beherrschende<br />
Thema der letzten Tage. Das was ich mitbekommen habe, fand ich sehr<br />
seriös &#8211; wobei die öffentlich-rechtlichen gründlicher<br />
waren als die privaten. Aber bei aller Liebe zur ARD war das ZDF<br />
manchmal noch besser. Was mich allerdings störte, war dass<br />
die Echo-Preisverleihung auf RTL so weiterlief als wäre nichts<br />
gewesen, nur unterbrochen durch kleine Flashs. Da sieht man doch,<br />
wie banal das ist, was manchmal über den Sender läuft.<br />
Hervorragend fand ich die Reaktion von Phoenix. Dieser Sender leistete<br />
sich den Luxus, einfach nur Glocken läuten zu lassen.</span>
</p>
<p>
<span class="fett"><span style="font-size: x-small">Ires diae:</span></span><span style="font-size: x-small"><br />
Herr Dr. Jüsten, wie bewerten Sie die Tatsache, dass erst nach<br />
dem Tod des Papstes eine solche Begeisterung für seine Person,<br />
seine Taten und für die Kirche &#8216;aufflammt &#8216;?</span>
</p>
<p>
<span class="fett"><span style="font-size: x-small">Karl Jüsten: </span></span><span style="font-size: x-small">Es<br />
hängt sicher mit unserer Neigung zusammen, dass wir Menschen,<br />
die uns ans Herz gewachsen sind, im Tod so in Erinnerung bewahren,<br />
wie wir ihn vor allen Dingen mochten. Das ist so bei unseren nächsten<br />
Angehörigen, das erleben wir aber besonders bei herausragenden<br />
Persönlichkeiten. So erinnere ich mich an den Tod von Mutter<br />
Teresa, als die Trauer weltweit auch sehr groß war. Aber der<br />
Papst hat sicher in besonderer Weise die Herzen der Menschen angerührt,<br />
weil der die Menschen an seinem Leben immer hat teilnehmen lassen.<br />
Wenn er froh war, zeigte er seine Freude, wenn er traurig war seine<br />
Trauer, wenn er sich ärgerte zeigte er seine Wut. Und er ließ<br />
uns sogar teilhaben an seinem Sterben. Er tat das ohne Voyeurismus<br />
zu provozieren und darin war er sicher &#8211; verglichen mit anderen<br />
Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens &#8211; einzigartig.</span>
</p>
<p>
<span class="fett"><span style="font-size: x-small">Moderator: </span></span><span style="font-size: x-small">Unsere<br />
Zeit ist bereits um. Vielen Dank an alle User für das große<br />
Interesse. Etliche Fragen sind leider unbeantwortet geblieben. Vielen<br />
Dank, Prälat Jüsten, dass Sie sich Zeit für den Chat<br />
genommen haben. Das Transkript dieses Chats finden Sie auf den Seiten<br />
der Veranstalter. Den nächsten Chat gibt es am Montag, den<br />
7. April, ab 3.00 Uhr mit SPD-Generalsekretär Klaus Uwe Benneter.<br />
Am 14. April ist die Grünen-Vorsitzende Claudia Roth im Chat.<br />
Das tacheles.02-Team wünscht allen noch einen angenehmen Tag!</span>
</p>
<p>
<span class="fett"><span style="font-size: x-small">Karl Jüsten: </span></span><span style="font-size: x-small">Auf<br />
Wiedersehen und danke für die interessanten und kritischen<br />
Fragen.</span></p>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://www.politik-digital.de/chattranscripte/praelat_karl_juesten_zur_papstnachfolge-225/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>0</slash:comments>
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Schaar fordert Datenschutz-Audit-Gesetz</title>
		<link>https://www.politik-digital.de/chattranscripte/schaar-fordert-datenschutz-audit-gesetz-3694/</link>
					<comments>https://www.politik-digital.de/chattranscripte/schaar-fordert-datenschutz-audit-gesetz-3694/#respond</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[mfrost]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 28 Sep 2004 16:05:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Chattranscripte]]></category>
		<category><![CDATA[Bundesdatenschutzbeauftragter]]></category>
		<category><![CDATA[Peter Schaar]]></category>
		<category><![CDATA[Datenschutz]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://www.politik-digital.de/uncategorized/schaar-fordert-datenschutz-audit-gesetz-3694/</guid>

					<description><![CDATA[Peter Schaar, Bundesbeauftragter für den Datenschutz, war am 28. September 2004 zu Gast im tacheles.02  Live-Chat von tagesschau.de und politik-digital.de.
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Peter Schaar, Bundesbeauftragter für den Datenschutz, war am 28. September 2004 zu Gast im tacheles.02  Live-Chat von tagesschau.de und politik-digital.de.<br />
<!--break--></p>
<p>
<b>Moderator:</b> Liebe Politik-Interessierte herzlich willkommen im tacheles.02-Chat. Die Chat-Reihe tacheles.02 ist ein Format von tagesschau.de und politik-digital.de und wird unterstützt von tagesspiegel.de und von sueddeutsche.de. Heute ist der Datenschutzbeauftragte des Bundes, Peter Schaar ins ARD-Hauptstadtstudio gekommen. Herzlich willkommen, Herr Schaar, können wir beginnen?
</p>
<p>
&nbsp;
</p>
<p>
<b><b></b></b><b><b></b></b>
</p>
<p>
<b><b>Peter Schaar:</b></b> Ja! Ich bin begierig auf die Fragen der Chatteilnehmer.
</p>
<p>
<b>JustusJonas:</b> „Verbraucherschutz<br />
und Wirtschaftspolitik sind keine Gegensätze, sondern ergänzen sich&quot; sagt Staatssekretär Berninger. Wie sehen Sie das?
</p>
<p>
<b><b>Peter Schaar:</b></b> Ich sehe das genauso. Datenschutz ist ein Bestandteil des Verbraucherschutzes. Ein guter Datenschutz kann auch ein Verkaufsargument sein und sich für das Unternehmen auszahlen.
</p>
<p>
<b>neddee:</b> Beim Einkaufen im Internet bin ich vor lauter Gütesiegeln etwas verwirrt. Sollte man nicht ein einheitliches, staatlich zertifiziertes Gütesiegel einführen, so eine Art TÜV<br />
für den Bereich eCommerce?
</p>
<p>
<b><b>Peter Schaar:</b></b> Auf jeden Fall sollte man einen Qualitätsstandard für Gütesiegel festlegen. So weit der Datenschutz betroffen ist, brauchen wir ein Datenschutz-Audit-Gesetz, in dem die Einzelheiten für solche Gütesiegel festgelegt werden.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Was ist für Sie der zentrale Punkt eines solchen Gütesiegels?
</p>
<p>
<b><b>Peter Schaar:</b></b> Am wichtigsten ist für mich, dass durch einen unabhängigen Gutachter festgestellt wird, dass bei einem Angebot, z.B. bei einem Internetshop, die Datenschutzgesetze beachtet werden. Wichtig ist aber auch die Gewährleistung der technischen Sicherheit, z.B. durch Verschlüsselung der übertragenen Daten.
</p>
<p>
<b>biene_01:</b> Wie kann man sicherstellen, dass meine persönlichen Daten bei der Einführung von RFID-Produktkennzeichnungen nicht mit persönlichen Daten aus anderen Quellen verknüpft werden?
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> RFID = Die Strichcode-Version auf den Waren als Funkversion. Diese können also mit einem Funkscanner erfasst werden.
</p>
<p>
<b><b>Peter Schaar:</b></b> Das ist eine große Herausforderung für den Datenschutz. Bisher decken die Datenschutzgesetze RFID-Chips nur unvollständig ab. Ich wünsche mir, dass eine Kennzeichnungspflicht für RFID eingeführt wird, damit der Kunde sehen kann, in welchen Produkten RFIDs sind.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Das klingt nach einer Warnung vor der &quot;Benutzung&quot; solcher Produkte.
</p>
<p>
<b>Peter Schaar:</b> Ich will nicht generell vor RFIDs warnen, aber die Einsatzbedingungen müssen so gestaltet werden, dass der Daten- und Verbraucherschutz gewährleistet werden. Dazu gehört auch die Möglichkeit, dass die RFIDs beim Verlassen des Geschäfts deaktiviert werden. Sonst könnte der Inhalt der RFIDs unbemerkt von irgendwelchen Dritten ausgelesen werden.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Mythos oder schon ein Stück Wirklichkeit:</p>
<p><b>Norbert:</b> Gibt es eine zentrale Datenbank, in der alle Informationen der Bürger gesammelt werden? Wie sicher ist diese Datenbank vor Hackern?
</p>
<p>
<b>Peter Schaar:</b> Bisher gibt es eine solche umfassende Bürgerdatenbank nicht, aber es gibt eine Vielzahl von Datenbanken in denen jede Bürgerin und jeder Bürger gespeichert werden und die in immer stärkeren Maße vernetzt werden. Jetzt soll eine einheitliche Steueridentifikationsnummer<br />
eingeführt werden. Bereits jeder Säugling soll eine solche Steuerungsnummer erhalten, die ihn bis ans Grab begleitet. Ich stehe diesem Vorhaben kritisch gegenüber.
</p>
<p>
<b>chungas_Revenge:</b> Stimmt es, das RFID auch für Ausweise genutzt werden soll?
</p>
<p>
<b>Peter Schaar:</b> Das ist richtig. Die ICAO, das Gremium, das Pass- und Ausweisdokumente international normiert, sieht vor, dass RFID-Chips in Reisedokumenten verwendet und dass biometrische Merkmale auf ihnen gespeichert werden.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Verwendet die heute schon jemand?
</p>
<p>
<b>Peter Schaar:</b> Bisher hat meines Wissens kein Staat diese Lösung realisiert. Ich sehe hier auch erhebliche Datenschutz- und Datensicherheitsrisiken. So muss verhindert werden, dass diese Daten unbemerkt ausgelesen und gespeichert werden.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Verstehe ich das richtig, bei einer solchen Lösung laufe ich durch eine Tür und bekomme gar nicht mit, dass meine Anwesenheit und Identität erfasst wurde?
</p>
<p>
<b>Peter Schaar:</b> Richtig. Das könnte passieren, falls keine angemessenen technischen Sicherungen eingebaut werden. Und die ICAO konnte sich bisher noch nicht auf einen einheitlichen Sicherheitsstandard einigen.
</p>
<p>
<b>println:</b> Der Staat möchte ja immer mehr Daten erfassen. Helfen diese Daten Ihrer Meinung nach wirklich bei der Verbrechensbekämpfung?
</p>
<p>
<b>Peter Schaar:</b> Diese Frage kann man sicher nicht generell beantworten. Bei jeder einzelnen Maßnahme muss geprüft werden, ob sie geeignet ist. Häufig werden solche Vorschläge aber veröffentlicht, ohne vorher angemessen geprüft zu haben, ob die vorgeschlagenen Maßnahmen wirklich geeignet und effizient sind. Zumindest im Nachhinein ist eine Erfolgskontrolle wichtig. So warte ich immer noch auf eine abschließende Bewertung der Rasterfahndung nach dem 11. September 2001.
</p>
<p>
<b>Dr. Jones:</b> Herr Schaar, Ihren Antworten entnehme ich, dass Sie die Entwicklungen zu diesem Thema auch mit großer Sorge verfolgen. Was können Sie als Datenschutzbeauftragter aber dagegen tun? Haben Sie überhaupt die Macht, Dinge zu verhindern? Wenn nicht, welche rechtlichen Grundlagen müssten dafür geschaffen werden? Das hielte ich für eine interessante Diskussion&#8230;&#8230;..!!!
</p>
<p>
<b>Peter Schaar:</b> Formelle Einflussmöglichkeiten wie Verbote haben die Datenschutzbeauftragte nicht, aber man sollte den informellen Einfluss nicht unterschätzen. Es gibt mehrere Beispiele, die belegen, dass die Kritik und die Vorschläge des Datenschutzes berücksichtigt wurden. Voraussetzung dafür ist jedoch, dass der Datenschutz auch öffentlich wahrgenommen wird.
</p>
<p>
<b>wahrheit:</b> Sollte man Ihrer Meinung nach ein Grundrecht auf Datenschutz in das Grundgesetz aufnehmen?
</p>
<p>
<b>Peter Schaar:</b> Das ist bereits bei der Verfassungsdiskussion 1990 versucht worden. Leider hat sich dafür keine Zwei-Drittelmehrheit im Bundestag gefunden. Allerdings besteht auch derzeit kein Zweifel daran, dass das Recht auf informelle Selbstbestimmung ein Grundrecht ist, auch wenn es nicht explizit im Grundgesetz erwähnt wird.
</p>
<p>
<b>chungas_Revenge:</b> Gibt es eine Stelle/Möglichkeit, wo man Daten, die über mich gespeichert sind, abrufen kann?
</p>
<p>
<b>Peter Schaar:</b> Jeder hat das Recht, Auskunft über seine Daten zu erhalten. Allerdings muss er sich dann an die verschiedenen Stellen wenden, bei denen er eine Datenspeicherung vermutet.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Ein sehr konkretes Problem. Berührt Sie das als Datenschützer auch?
</p>
<p>
<b>chatter1:</b> Was kann/muss ein OTTO NORMALVERBRAUCHER jetzt tun, um sicherzugehen, dass keine Datensicherheitsprobleme bei meinem privaten PC (online banking) auftreten?
</p>
<p>
<b>Peter Schaar:</b> Darauf habe ich leider auch keine befriedigende Antwort. Auf jeden Fall sollte das System sicherheitsmäßig auf den neuesten Stand gebracht werden, z.B. indem Sicherheitspatches eingespielt werden. Natürlich hat sich herumgesprochen, dass ein aktueller Virenscanner verwendet werden muss.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Wird auf Seiten der Banken nach ihrer Kenntnis alles Nötige getan?
</p>
<p>
<b>Peter Schaar:</b> Die Banken haben ein eigenes Interesse daran, die Sicherheit der Transaktionen zu gewährleisten. Das schließt allerdings nicht aus, dass in einzelnen Fällen Sicherheitsrisiken bestehen.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> In der Webcam ist heute der Wurm drin, sorry, ich kann versichern, Herr Schaar sitzt hier.
</p>
<p>
<b>oli:</b> Dürfen Banken Auskunft über meine Vermögenssituation geben?
</p>
<p>
<b>Peter Schaar:</b> Die Banken unterliegen den vertraglich zugesicherten Bankgeheimnis. Grundsätzlich dürfen sie solche Informationen nur mit Einwilligung des Kunden geben. Allerdings müssen sie bestimmten staatlichen Stellen, insbesondere den Finanzämtern, auf Anfrage Auskunft erteilen.
</p>
<p>
<b>tausendsassa:</b> Ab heute werden Deutsche, die in die USA fliegen, biometrisch erfasst. Wie sieht die Zukunft in Deutschland aus? Wird die Biometrie auf längere Sicht auch bei uns zum Alltag gehören?
</p>
<p>
<b>Peter Schaar:</b> Ob sich die Biometrie im Alltag durchsetzt wird sich noch zeigen. Sicher ist aber, dass auch die deutschen Pässe in Zukunft biometrische Daten enthalten werden. Ich frage mich allerdings, ob sich mit der Biometrie wirklich so viel mehr Sicherheit erreichen lässt, wie sich das manche Befürworter vorstellen.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> In den USA gibt es derzeit für die Datensammelwut kaum noch Grenzen. Wenn man schon von Flugpassagieren aus dem Ausland vor Reiseantritt auch noch Telefonnummer und eMail-Adresse haben will (das letztere mitgelesen werden können, ist ja kein Geheimnis): Sehen Sie eine Chance, dass das wieder auf ein &quot;normales Maß&quot; zurückgeht, oder ist das künftig der &quot;Standard&quot;.
</p>
<p>
<b>Peter Schaar:</b> Ich sehe, dass bereits jetzt das Pendel in der USA in die andere Richtung zu schwingen beginnt. So hat der Kongress die Mittel für besonders besorgniserregende Datensammelprojekte gestrichen.
</p>
<p>
<b>Pete_S:</b> Wenn Sie entscheiden könnten: Was wären Ihre wichtigsten Änderungen der momentanen Gesetzeslage?
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Ich nehme an, das bezieht sich auf Deutschland.
</p>
<p>
<b>Peter Schaar:</b> Zunächst brauchen wir ein Informationszugangsgesetz, durch das die Transparenz des Verwaltungshandels verbessert wird. Wichtig ist für mich auch eine Reform des Bundesdatenschutzgesetzes durch die die Regelungen vereinfacht werden.
</p>
<p>
<b>Olaf78:</b> Besteht die Gefahr, dass der Datenschutz bei einer Verwaltungsmodernisierung beschnitten wird?
</p>
<p>
<b>Peter Schaar:</b> Durch bestimmte e-Government-Projekte wird die Vernetzung der verschiedenen Verwaltungszweige dramatisch verstärkt. Hier kommt es darauf an, über Zugriffsbeschränkungen den Datenschutz gleichwohl sicher zu stellen. Einen gläsernen Bürger darf es nicht geben.
</p>
<p>
<b>Pete_S:</b> Mal anders herum: Was halten Sie denn von mehr Transparenz in der öffentlichen Verwaltung gegenüber den zahlenden Bürgern? Stichwort: Informationsfreiheitsgesetz.
</p>
<p>
<b>Peter Schaar:</b> Ich bin ein Befürworter des Informationsfreiheitsgedankens. Die Verwaltung muss dem Steuerzahler / Bürger gegenüber mit offenem Visier agieren. Die Informationsgesetze einiger Bundesländer und im Ausland haben sich bewährt.
</p>
<p>
<b>martin_kunz:</b> Sehen sie nicht die Gefahr, dass durch überhöhte Datenschutzrichtlinien die gewünschten Rationalisierungsanstrengungen in Bereichen der öffentlichen Verwaltung nicht oder nur schwer zu erreichen sind?
</p>
<p>
<b>Peter Schaar:</b> Ich sehe im Gegenteil im Datenschutz die Chance, die Datenströme auf das erforderliche Maß zu begrenzen. Eine unstrukturierte und übertriebene Informationsflut ist für<br />
rationelles Verwaltungshandeln nicht gerade förderlich.
</p>
<p>
<b>Norbert: </b>Die Staatskassen sind leer und die Wirtschaft hat sicherlich großes Interesse an personenbezogenen Daten für zielgerichtete Werbung. Gibt es da einen Schutz vor &quot;schwarzen Schafen&quot;?
</p>
<p>
<b>Peter Schaar:</b> Zum einen besteht ja die Möglichkeit, sich an die Datenschutzbeauftragten zu wenden, wenn man in seinen Rechten beeinträchtigt ist. Zum anderen sollte man mit seinen persönlichen Daten bewusst vorsichtig umgehen.
</p>
<p>
<b>Olaf78:</b> Herr Schaar, es gibt Überlegungen, das Recht auf Kryptographie zu beschränken. Halten Sie dies für gerechtfertigt?
</p>
<p>
<b>Peter Schaar:</b> Ich halte diese Debatte, die alle Jahre wieder aufkommt, für völlig überflüssig. Diejenigen, die man damit treffen will, nämlich kriminelle und terroristische Banden, halten sich an solche Vorgaben ohnehin nicht. Der gesetzestreue Normal-User würde jedoch in seiner Sicherheit beschränkt.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Noch mal zu den so begehrten &quot;wirtschaftstauglichen &quot; Personendaten:
</p>
<p>
<b>stefan:</b> Was kann ich gegen &quot;Adressenverkäufer&quot; machen. Gibt es da eine rechtliche Grundlage?
</p>
<p>
<b>Peter Schaar:</b> Sie können der Verwendung ihrer Daten für Werbezwecke widersprechen. Außerdem können sie sich in eine sog. &quot;Robinsonliste&quot; eintragen lassen. Dies bietet zwar keinen vollständigen Schutz, reduziert jedoch den Umfang der Verarbeitung ihrer Daten für Werbezwecke.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Zweimal zum gleichen Thema:
</p>
<p>
<b>FJS:</b> Welche Gefahren sehen Sie durch die Videoüberwachung zentraler Verkehrspunkte? Bringt sie nicht auch mehr Sicherheit?
</p>
<p>
<b>Petra:</b> Wie viele Überwachungskameras an öffentlichen Plätzen gibt es bereits in Deutschland?
</p>
<p>
<b>Peter Schaar:</b> Niemand kennt eine genaue Zahl der Überwachungskameras; es gibt ja auch keine Registrierungspflichten. Ich halte es für akzeptabel, wenn an bestimmten gefährlichen und gefährdeten Orten Videoüberwachung stattfindet. Aber eine generelle Videoüberwachung des öffentlichen Raumes wäre mit dem Datenschutz unvereinbar.
</p>
<p>
<b>Dr. Jones:</b> Ist es wahr, dass die Schilder, die auf Videoüberwachung hindeuten, nach einer gewissen Zeit abgenommen werden dürfen?
</p>
<p>
<b>Peter Schaar:</b> Nein. Wie kommen Sie auf diese Idee?
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Noch mal ein Nachtrag zur Robinsonliste:
</p>
<p>
<b>stefan:</b> Robinsonliste: Wo kann ich mich da eintragen?
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> geht das auch online?
</p>
<p>
<b>Peter Schaar:</b> Nähere Informationen über die Robinsonlisten erfahren Sie beim virtuellen Datenschutzbüro unter www.datenschutz.de. Dort erhalten Sie auch die Anschriften der Datenschutzaufsichtbehörden.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Hier die Antwort zur Videoüberwachung:
</p>
<p>
<b>Dr. Jones:</b> Weil in S die Schilder von der Stadt überklebt werden, obwohl keine Kameras deinstalliert wurden.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> S= Stuttgart, wenn ich das richtig mitbekommen habe.
</p>
<p>
<b>Peter Schaar:</b> In diesem Fall rege ich an, dass Sie sich mit dem zuständigen Datenschutzbeauftragten in Verbindung setzen. Er wird dieser Angelegenheit nachgehen.
</p>
<p>
<b>Juni_Schmitz:</b> Gibt es einen Datenschutzbeauftragten auf europäischer Ebene? Hier fallen doch auch immer mehr Daten an &#8211; oder?
</p>
<p>
<b>Peter Schaar:</b> Ja, es gibt seit diesem Jahr einen europäischen Datenschutzbeauftragten. Auch seine Anschrift erfahren sie beim virtuellen Datenschutzbüro.
</p>
<p>
<b>merlion:</b> Was halten sie von Google GMail dem eMail-Dienst der größten Suchmaschine? Dort werden alle eMails automatisiert überprüft und aus den gefilterten Inhalten wird ein Werbeprofil erstellt, welches dann angezeigt wird neben der eMail.
</p>
<p>
<b>Peter Schaar:</b> Die Datenschutzbeauftragten der EU-Staaten werden sich Morgen damit beschäftigen. Für mich stellt sich die Frage, ob dieser Dienst mit dem Fernmeldegeheimnis vereinbar ist. Denn die Daten sollen ja für andere Zwecke, hier für Werbezwecke, verwendet werden, ohne dass der Kommunikationspartner des GMail-Kunden dies weiß oder beeinflussen könnte.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Wie lautet ihre Forderung an Google?
</p>
<p>
<b>Peter Schaar:</b> Auf jeden Fall müssen die Kunden vollständig über den Umgang mit ihren Daten informiert werden. Außerdem sollten sie die Möglichkeit haben, die Auswertung ihrer E-Mails fallweise zu verhindern, z.B. wenn es sich um besonders sensible Daten handelt.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Haben Sie als Datenschutzbeauftragter der EU Möglichkeiten für Sanktionen, falls das nicht passiert?
</p>
<p>
<b>Peter Schaar:</b> Wir bereiten eine Stellungnahme vor und gehen davon aus, dass Google unsere Vorschläge umsetzt.
</p>
<p>
<b>martin_kunz:</b> Auf welchem Gebiet sehen Sie zukünftig ihren Hauptaufgabenbereich? In der Kontrolle der von staatlicher Seite gesammelten Daten oder in der Beschränkung der Nutzung gesammelter Daten im (privat)wirtschaftlichen Umfeld globalisierter Konzerne?
</p>
<p>
<b>Peter Schaar:</b> Hier gibt es kein entweder oder, zumal die Verarbeitung persönlicher Daten durch öffentliche und private Stellen immer stärker vernetzt wird.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Noch mal zum Thema Passagierdaten für die US-Behörden in Sachen Terrorismusbekämpfung:
</p>
<p>
<b>yeti:</b> Eine Nachfrage zu den USA: Weshalb haben die Europäer (EU) hier die Datenweitergabe an die US-Behörden nicht blockiert?
</p>
<p>
<b>Peter Schaar:</b> Ich stehe der Position der EU in dieser Frage sehr kritisch gegenüber. Das Abkommen mit den USA über die Weitergabe von Passagierdaten wird ja aufgrund einer Klage des Europäischen Parlaments derzeit durch den Europäischen Gerichtshof überprüft.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Noch ein weites Feld:
</p>
<p>
<b>tsidb: </b>Wie sehen Sie den zukünftigen Schutz genetischer Daten? Könnte man nicht ein System wie bei der neuen Patientenchipkarte einführen?
</p>
<p>
<b>Peter Schaar:</b> Wir brauchen dringend ein Gentest-Gesetz, dass den Umgang mit genetischen Informationen regelt. Insbesondere muss es verboten werden, dass Arbeitgeber oder Versicherungen Gendaten zur Voraussetzung eines Vertragsabschlusses machen.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Fanpost:
</p>
<p>
<b>Dr. Jones:</b> @ Peter Schaar: Danke für Ihren bisherigen Einsatz! Da hat der NormaloBürger noch etwas Hoffnung, dass wir nicht in 25 Jahren nicht bei 1984 angelangt sind&#8230;
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Das war’s, unsere Chat-Stunde ist um, vielen Dank für ihr Interesse. Vielen Dank Herr Schaar, dass Sie sich Zeit für unsere User genommen haben. Das Transkript dieses<br />
Chats gibt es wie immer auf den Seiten der Veranstalter. Das tacheles.02-Team wünscht allen Beteiligten einen schönen Tag.
</p>
<p class="fett">
&nbsp;</p>
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		<title>Open Source in der Bundesverwaltung</title>
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		<pubDate>Wed, 23 Jun 2004 23:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Chattranscripte]]></category>
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					<description><![CDATA[<b>Ute Vogt<!-- #EndEditable --> 
im BMI-Chat am <!-- #BeginEditable "chat_datum" -->24.06.2004</b>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><b>Ute Vogt<!-- #EndEditable --><br />
im BMI-Chat am <!-- #BeginEditable "chat_datum" -->24.06.2004</b><!--break--><b><!-- #EndEditable --><br />
</b><br />
<!-- #BeginEditable "chat" --> </p>
<p>
<b>Moderator:</b> Liebe Open Source-Freunde und Skeptiker, herzlich<br />
willkommen im Live-Chat, veranstaltet vom Bundesministerium des Innern.<br />
Unser heutiger Gast ist die Parlamentarische Staatssekretärin Ute<br />
Vogt, die direkt vom Business- und Behördenkongress im Rahmen der<br />
Software-Messe &quot;LinuxTag 2004&quot; in Karlsruhe chattet. Das heutige<br />
Thema: Open Source Software in der Verwaltung. Guten Tag Frau Vogt.<br />
Wir haben 60 Minuten Zeit. Sind Sie bereit?
</p>
<p>
<b><img decoding="async" src="http://www.politik-digital.de/salon/photos/uvogt2.jpg" align="left" height="148" width="100" />Ute Vogt:</b><br />
Ja, klar.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Sie sagen, Open Source Software (OSS) sei ein wichtiger<br />
Innovationsfaktor für den Standort Deutschland. Können Sie<br />
das bitte näher ausführen?
</p>
<p>
<b>Ute Vogt:</b> OSS gibt die Chance, viele unterschiedliche Ideen<br />
im Wettbewerb zu entwickeln &#8211; Weg vom Monopol hin zur Vielfalt.
</p>
<p>
<b>Max99:</b> Welche Vorteile bringt Open Source Software<br />
in der Bundesverwaltung?
</p>
<p>
<b>Ute Vogt:</b> Kommunikation kann zwischen unterschiedlichen Systemen<br />
organisiert werden. Häufig sind die Lösungen kostengünstiger<br />
und vorhandene Systeme müssen nicht komplett erneuert und vereinheitlicht<br />
werden, sondern können aufeinander abgestimmt werden. Außerdem<br />
lässt sich OSS auf die Bedürfnisse der Verwaltung anpassen,<br />
z.B. zur Gewährleistung der Sicherheit.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Nachfrage zur Vielfalt:
</p>
<p>
<b>Wiener:</b> Brauchen Behörden nicht statt mehr IT-Vielfalt<br />
wenige Standards, um den Austausch zu erleichtern?
</p>
<p>
<b>Ute Vogt:</b> Ja, wir müssen uns auf offene Standards verständigen.<br />
Die einzelnen Systeme und ihre Hersteller können und sollen durchaus<br />
unterschiedlich sein. Wichtig sind gemeinsame Standards für die<br />
Kommunikation und Transaktion.
</p>
<p>
<b>Ruudi:</b> Vielfalt in der Software-Landschaft von Behörden<br />
durch OSS? Ist die IT-Struktur von Behörden nicht eh schon sehr<br />
heterogen und untereinander inkompatibel? Wird das nicht verstärkt?
</p>
<p>
<b>Ute Vogt:</b> Entscheidend ist, dass nicht wenige große Anbieter<br />
den Markt beherrschen und damit am Ende Preise und Gestaltung der Dienstleistung<br />
dominieren. Vielfalt empfinde ich als positiv und Wettbewerb natürlich<br />
auch.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Sie sprachen Standards an. Gibt es da erste Ergebnisse?
</p>
<p>
<b>Ute Vogt:</b> Die Behörden und Wirtschaft sind sich darüber<br />
einig, dass die Zukunft in der XML-Technologie liegt. Entsprechende<br />
Standardisierungsvorhaben finden Sie z.B. im Rahmen der eGovernment-Initiative<br />
Deutschland Online. Einheitliche Standards und Architekturen gibt u.a.<br />
das SAGA-Papier aus dem BMI (Innenministerium) vor, das auch von vielen<br />
Ländern und Gemeinden angewendet wird.
</p>
<p>
<b>OnoSendai:</b> Gibt es so etwas wie SAGA auch für<br />
Dateiformate wie .doc oder .xls?
</p>
<p>
<b>Ute Vogt:</b> SAGA definiert als offenen Standard für offenen<br />
Dokumentenaustausch das PDF-Format. Die deutsche Verwaltung hat sich<br />
darauf geeinigt, künftig grundsätzlich ein offenes Dokumentenformat<br />
zu verwenden. Welches dies sein wird, wird z.Zt. in vielen Gremien diskutiert.<br />
Auch die Länder sind dabei und natürlich die europäische<br />
Ebene.
</p>
<p>
<b>Georg F.:</b> Welche Probleme tauchen bezüglich der<br />
Kompatibilität von Dateiformaten auf? Gibt es nicht bei OSS Probleme<br />
der Kommunikation zwischen den Behörden.
</p>
<p>
<b>Ute Vogt:</b> Natürlich gibt es auch diese Probleme. Deswegen<br />
wollen wir ja gerade auf ein gemeinsames offenes Format kommen. Dieses<br />
muss aber auch von allen akzeptiert werden.
</p>
<p>
<b>Zuhörer:</b> Welche Vorteile haben die Bürger,<br />
wenn die Verwaltung mit Linux arbeitet?
</p>
<p>
<b>Ute Vogt:</b> Der Zugang ist von unterschiedlichen Systemen aus<br />
möglich und wir sparen Steuergelder.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Gibt es Zahlen wie viel?
</p>
<p>
<b>Ute Vogt:</b> Wir haben noch keine Gesamtzahlen, da die Ersparnisse<br />
auf unterschiedlichen Ebenen zustande kommen (Bundesbehörden, Länder,<br />
Kommunen). Ich empfehle, zur Erkundung von konkreten Zahlen jeweils<br />
bei einem konkreten Projekt nachzufragen.
</p>
<p>
<b>heidelberger:</b> Nachfrage zur Antwort zu Zuhörer:<br />
Dass wir Steuern sparen, merkt der Bürger aber nicht direkt, Sie<br />
bekommen (oder haben?) da ein Vermittlungsproblem.
</p>
<p>
<b>Ute Vogt:</b> Viele Bürger haben das Problem, dass sie denken,<br />
sie würden Steuern nur für Politiker zahlen. In Wirklichkeit<br />
sind wir gewählt, um die Ausgabenschwerpunkte zu setzen. Was wir<br />
an Steuergeldern ausgeben, kommt in Form von Kindergärten, Schulen,<br />
Straßenbau, Polizei und eben auch in Form konkreter Unterstützung<br />
für moderne Kommunikationstechnik zu den Bürgern zurück.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Weitere Fragen zum Thema Kosten:
</p>
<p>
<b>EugenH.:</b> Gerne wird behauptet, Linux sei günstiger<br />
als Microsoft. Haben sie die Erfahrung auch gemacht beim Bund?
</p>
<p>
<b>Ute Vogt:</b> Es gelten auch im Bund die Gesetze der Marktwirtschaft.<br />
Mehr Wettbewerb führt auch im Bezug auf große Anbieter zu<br />
besseren Preisen.
</p>
<p>
<b>JFiedler:</b> Was ist teurer? Proprietäre Software<br />
oder die Mitarbeiterschulung für OSS?
</p>
<p>
<b>Ute Vogt:</b> Für proprietäre Software muss man auch Schulungen<br />
machen, die konkreten Kosten hängen vom Produkt und von den Kenntnissen<br />
der Mitarbeiter ab.
</p>
<p>
<b>Troll34:</b> Linux und Co. sind doch Expertensysteme.<br />
Für den Serverbereich mögen diese gut geeignet sein, aber<br />
der typische Büronutzer ist doch damit total überfordert.
</p>
<p>
<b>Ute Vogt:</b> Das kann ich nicht bestätigen. Ich empfehle einen<br />
Besuch beim LinuxTag, hier finden Sie Oberflächen, die Sie mit<br />
einfachen Grundkenntnissen unmittelbar benutzen können.
</p>
<p>
<b>HJB:</b> Sehr geehrte Frau Vogt, meinen Sie wirklich,<br />
dass die Microsoft-Produkte in der Verwaltung durch Open Source-Produkte<br />
ersetzt werden können? Die Mehrzahl der Nutzer ist es gewohnt,<br />
privat sowie dienstlich mit Microsoft-Produkten zu arbeiten (zumindest<br />
in der Bw-Verwaltung). Jede Umstellung würde die Mehrzahl der Nutzer<br />
verunsichern. Servermäßig würde ich OSS schon eher einsetzen.
</p>
<p>
<b>Ute Vogt:</b> Es geht nicht darum, grundsätzlich alle Microsoft-Produkte<br />
zu ersetzen. Ziel der Bundesregierung ist es, Vielfalt zu gewährleisten.<br />
Wir streben größtmöglichste Herstellerunabhängikeit<br />
an. Viele Behörden können ohne Probleme OSS einführen.
</p>
<p>
<b>ernst:</b> Gibt es einen politischen Willen, nun nicht<br />
mehr von einem Monopol aus Amerika abhängig zu sein?
</p>
<p>
<b>Ute Vogt:</b> Die Herkunft von Software spielt in einer globalen<br />
Welt bei aufgeschlossenen Menschen hoffentlich keine Rolle mehr. Aber<br />
auch Deutschland will sein großes Know-How bei Software-Lösungen<br />
einbringen. Dazu braucht es Chancengleichheit.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Dazu passend die Frage von:
</p>
<p>
<b>HAnnelore:</b> Ist die „Feindschaft“ zwischen<br />
Microsoft und Linux-Anhängern nicht kontraproduktiv? Sollte man<br />
nicht besser zusammenarbeiten?
</p>
<p>
<b>Ute Vogt:</b> Ja.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Das war deutlich.
</p>
<p>
<b>Berger:</b> Linux wird eher im Server-Bereich eingesetzt.<br />
Plant der Bund auch bei Desktops OSS einzusetzen?
</p>
<p>
<b>Ute Vogt:</b> Ja, im Justizministerium und auch bei der Bundesbeauftragten<br />
für die Stasiunterlagen werden die Arbeitsplätze bereits auf<br />
Linux gestaltet. Allein in der Behörde der Bundesbeauftragten betrifft<br />
das ca. 2000 Arbeitsplätze.
</p>
<p>
<b>BSDFan:</b> Können Sie ein Beispiel angeben, wo man<br />
abhängig von MS-Produkten war und sich dies nachteilig auswirkte?
</p>
<p>
<b>Ute Vogt:</b> Fragen Sie mal bei der Stadt Schwäbisch Hall.<br />
Der dortige Oberbürgermeister Pelgrim wird sicher gerne über<br />
die Geschichte der Linuxeinführung in seiner Stadt Auskunft geben.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Zwei Nachfragen zur Kostenfrage:
</p>
<p>
<b>Tux:</b> Aber wenn man langfristig plant, ist Linux doch<br />
preiswerter. Schulungen müssen nur einmal bezahlt werden. MS-Software<br />
muss alle drei Jahre neu gekauft werden.
</p>
<p>
<b>Ute Vogt:</b> Das ist auch mein Eindruck.
</p>
<p>
<b>rudolf:</b> Also schafft man mit staatlichen Mitteln einen<br />
neuen Markt. Können Sie dem Bürger mit wirklichen Zahlen dieses<br />
Experiment plausibel machen? Warum sollte der Bürger dies bezahlen,<br />
wenn man nicht wirklich davon überzeugt ist?
</p>
<p>
<b>Ute Vogt:</b> Wir schaffen keinen neuen Markt, sondern wir geben<br />
dem Wettbewerb eine Chance. Und es wundert mich schon, dass aus manchen<br />
Bereichen der Wirtschaft, die sonst immer nach Wettbewerb schreit, in<br />
diesem Fall so große Ängste formuliert werden.
</p>
<p>
<b>clara:</b> Ich stelle mir die Frage, ob nicht der Aufwand<br />
zur Pflege bei offenen Systemen viel höher ist. Sind sie anderer<br />
Meinung?
</p>
<p>
<b>Ute Vogt:</b> Das kommt auf das jeweilige Produkt an.
</p>
<p>
<b>Lamer:</b> Da OSS kostenlos ist, kostet es doch Arbeitsplätze<br />
unserer Programmierer hier?
</p>
<p>
<b>Ute Vogt:</b> OSS ist nicht kostenlos, sondern Lizenzkosten-frei.<br />
Verdient wird selbstverständlich auch im diesem Bereich, und zwar<br />
über Dienstleistungen.
</p>
<p>
<b>Bebop:</b> Wie gehen Sie mit der Angst um, freie Software<br />
könnte Arbeitsplätze kosten? Immerhin kostet sie ja nicht!
</p>
<p>
<b>Ute Vogt:</b> Wir sind der Meinung freie Software schafft Arbeitsplätze.<br />
Sowohl bei kleinen als auch bei großen Unternehmen.
</p>
<p>
<b>WannaBeWizzard:</b> Gibt es eigentlich genug Anbieter<br />
zu OSS in Deutschland? Ist das Angebot an Schulungen etc. ausreichend<br />
oder besteht dort Bedarf? Lohnen Sich da Firmengründungen?
</p>
<p>
<b>Ute Vogt:</b> Auf dem LinuxTag lässt sich besichtigen, dass<br />
sich Firmengründungen lohnen. Es gibt bereits eine Anbietervielfalt<br />
und natürlich entsprechende Schulungen. Aber für neue Ideen<br />
ist immer noch Platz. Dass ist ja der Sinn des kreativen Wettbewerbs.
</p>
<p>
<b>OSSHacker:</b> Werden Sie die Weiterentwicklung von OpenSourceSoftware<br />
fördern?
</p>
<p>
<b>Ute Vogt:</b> Wir stecken kein Geld in Programmierungen neuer Produkte,<br />
sondern unterstützen Projekte und vorhaben. Dabei wird OSS auch<br />
auf die Bedürfnisse der Verwaltung angepasst. Damit wird natürlich<br />
auch Weiterentwicklung vorangetrieben. Produkte und Dienstleistungen<br />
sollen vom Markt kommen.
</p>
<p>
<b>Pierre:</b> Wie viele Arbeitsplätze möchte der<br />
Bund im Bereich OSS schaffen, bzw. gibt es angestrebte Zahlen?
</p>
<p>
<b>Ute Vogt:</b> Die Zahl ist nicht festgelegt, da jedes Ministerium<br />
und jede Behörde dies für sich selbst bestimmt.
</p>
<p>
<b>Rab:</b> Wie können Kommunen von der Erfahrungen<br />
des Bundes bei OSS profitieren? Die Probleme vor Ort sind doch ganz<br />
anders?
</p>
<p>
<b>Ute Vogt:</b> Der Bund versteht sich als Koordinator. Wir können<br />
nicht alle Erfahrungen selbst gemacht haben. Aber wir vermitteln Kontakte,<br />
z.B. OSS-Kompetenzzentrum auf der Website www.kbst.bund.de.
</p>
<p>
<b>rudolf:</b> Sie sprachen vorhin die europäische Ebene<br />
an. Wie sieht die Entwicklung in den anderen EU-Staaten derzeit aus?
</p>
<p>
<b>Ute Vogt:</b> Sehr unterschiedlich. Es gibt auch Staaten, die uns<br />
bereits etwas voraus sind, z.B. die Niederlande. Insgesamt sind sich<br />
die Europäer einig, mehr Open Source einzusetzen und offene Standards<br />
zu fördern. Dazu gab es gestern hier in Karlsruhe auch die Konferenz<br />
der Vertreter der Europäischen OSS-Kompetenzcenter.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Neues Thema:
</p>
<p>
<b>Arne:</b> Wie ist der Zusammenhang zwischen OSS und Softwarepatenten?<br />
Wie kommt das zusammen: Einerseits fördert der Staat OSS und auf<br />
der andere Seite muss er Gesetze in genau die andere Richtung exekutieren?
</p>
<p>
<b>Ute Vogt:</b> Noch muss überhaupt kein Gesetz exekutiert werden.<br />
Derzeit wird auf europäischer Ebene eine Richtlinie diskutiert,<br />
um die Rechtslage zu vereinheitlichen.
</p>
<p>
<b>URSUS:</b> Wie stehen die Chancen, Software-Patente auf<br />
EU-Ebene zu verhindern?
</p>
<p>
<b>Ute Vogt:</b> Es geht nicht darum, die Richtlinie zu verhindern,<br />
sondern sie so zu gestalten, dass Software als solche nicht ohne weiteres<br />
zu patentieren ist. Als nächstes kommt es auf die Entscheidung<br />
des Europäischen Parlamentes an. Leider haben sich die Mehrheitsverhältnisse<br />
nach den Europawahlen verändert und wir wissen noch nicht, wie<br />
das neue Parlament sich äußern wird. Bisher war das EP für<br />
eine enge Beschränkung der Patentierung. Ich hoffe, dass diese<br />
Position auch beibehalten wird, denn dann wird weiter über die<br />
Details der Richtlinie verhandelt.
</p>
<p>
<b>kalug:</b> Was ist Ihre Position zu Softwarepatenten?<br />
Werden Sie an der Demonstration gegen Sowftarepatente teilnehmen?
</p>
<p>
<b>Ute Vogt:</b> Ganz ohne Softwarepatente wird es auf europäischer<br />
Ebene nicht gehen. Für mich ist entscheidend, dass Interoperabilität<br />
bewahrt wird, die Offenlegung von Schnittstellen in jedem Fall gesichert<br />
bleibt und der Grundgedanke der freien Software sich in der Richtlinie<br />
wiederfindet. Damit bin ich für eine enge Beschränkung der<br />
Patentierungsmöglichkeiten. Damit möchte ich nicht nur den<br />
OpenSource Bereich schützen, sondern auch die deutschen Software-Entwickler<br />
insgesamt.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Weitere Themen:
</p>
<p>
<b>Timmi:</b> Wie steht es mit der Sicherheit von Open-Source<br />
Betriebssystemen wie BSD oder Linux. Sind diese wirklich sicherer gegenüber<br />
Viren, Dialern und Hackerangriffen?
</p>
<p>
<b>Ute Vogt:</b> OSS-Lösungen sind nicht per se sicherer. Aber<br />
durch individuelle Lösungen kann Sicherheit besser implementiert<br />
werden. Bei Angriffen bietet die Vielfalt einen Schutz vor Massenschäden.
</p>
<p>
<b>Bebop:</b> Wie sieht es mit der Archivierung von Daten<br />
aus, gibt es da Probleme mit OSS oder MS?
</p>
<p>
<b>Ute Vogt:</b> Damit sind wir wieder beim Thema offenes Dokumentenformat<br />
&#8211; Wir brauchen hier eine Einigung aller Beteiligten.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Nachfrage zur Migration zu OSS:
</p>
<p>
<b>SlashChatter:</b> Welche Schwierigkeiten bei der Umstellung<br />
auf OSS treten denn auf? Sie meinten Justiz-Ministerium und Stasibehörde<br />
würden umsteigen.
</p>
<p>
<b>Ute Vogt:</b> Es gibt die üblichen Probleme, die es immer gibt,<br />
wenn man Systeme grundsätzlich neu installiert. Erfahrungen und<br />
Probleme sind im Migrationsleitfaden des BMI dokumentiert. Download<br />
unter www.kbst.bund.de.
</p>
<p>
<b>heidelberger:</b> Fördern Sie denn den Einsatz von<br />
Open Source auch wirklich aktiv genug, mal ganz selbstkritisch? Auf<br />
Ihrem Schreibtisch steht doch sicher auch ein Gerät mit Microsoft-Software,<br />
oder?
</p>
<p>
<b>Ute Vogt:</b> Mein Arbeitsplatz im Ministerium hat in der Tat Microsoft-Software.<br />
Aber viele Server laufen auch in unserem Haus auf Linux. Es geht uns<br />
nicht um ein Entweder &#8211; Oder, sondern um Chancengleichheit und Vielfalt<br />
für alle Beteiligten.
</p>
<p>
<b>Bünde:</b> Welche persönlichen Erfahrungen haben<br />
sie mit Open Source? Etwa mit ihrem PC?
</p>
<p>
<b>Ute Vogt:</b> In meinem eigenen PC ist wie bereits ausgeführt<br />
noch keine Open Source. Aber ich habe Anwendungen bereits auf kommunaler<br />
Ebene getestet.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Vorletzte Frage:
</p>
<p>
<b>Polizei:</b> Microsoft ist ja erstmalig auch auf dem Linuxtag<br />
vertreten. Besuchen sie auch deren Stand und führen Gespräche?
</p>
<p>
<b>Ute Vogt:</b> Microsoft habe ich bereits auf der Cebit besucht.<br />
Bei meinem heutigen LinuxTag-Besuch hatte ich andere Schwerpunkte. Aber<br />
das hat keinen tieferen politischen Grund. Wir grenzen nicht aus, sondern<br />
erweitern schlicht das Angebot.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Zum Abschluss der 60 Minuten:
</p>
<p>
<b>ketkar:</b> Wie hat Ihnen die Messe heute gefallen?
</p>
<p>
<b>Ute Vogt:</b> Prima.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Liebe Linux-Freunde und Skeptiker, liebe Frau Vogt,<br />
ganz herzlichen Dank für Ihre Teilnahme am Live-Chat. Leider ist<br />
eine Stunde schon vorbei, danke für die vielen Fragen und Ihre<br />
Antworten. Leider können nicht alle beantwortet werden. Weitere<br />
Informationen finden sie im Internet unter www.kbst.bund.de oder www.staat-modern.de.<br />
Der Chat wurde von politik-digital.de durchgeführt. Wir wünschen<br />
allen einen schönen Tag und viel Spaß beim Linuxtag.
</p>
<p>
<b>Ute Vogt:</b> Vielen Dank für das Interesse. Bringen Sie sich<br />
weiter in dem Thema ein und vergessen nicht, dass die politischen Rahmenbedingungen<br />
entscheidend sind für Entwicklungen in Deutschland und Europa.<br />
Und dass Sie durch Teilnahme an Wahlen Einfluss nehmen können!
</p>
<p><!-- #EndEditable --> </p>
<p>
&nbsp;</p>
]]></content:encoded>
					
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			</item>
		<item>
		<title>Steuer, Bürokratie und EU</title>
		<link>https://www.politik-digital.de/chattranscripte/steuer_buerokratie_und_eu-200/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[mfrost]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 09 Jun 2004 23:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Chattranscripte]]></category>
		<category><![CDATA[Bundespolitik]]></category>
		<category><![CDATA[Steuer]]></category>
		<category><![CDATA[Finanzpolitik]]></category>
		<category><![CDATA[Steuerrecht]]></category>
		<category><![CDATA[Karl Heinz Däke]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://www.politik-digital.de/uncategorized/steuer_buerokratie_und_eu-200/</guid>

					<description><![CDATA[<b>Karl Heinz Däke<!-- #EndEditable --> 
im tacheles.02-Chat am <!-- #BeginEditable "chat_datum" -->10.06.2004</b>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><b>Karl Heinz Däke<!-- #EndEditable --><br />
im tacheles.02-Chat am <!-- #BeginEditable "chat_datum" -->10.06.2004</b><!--break--><b><!-- #EndEditable --><br />
</b><br />
<!-- #BeginEditable "chat" --> <!-- #EndEditable --> </p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif">Moderator: Liebe Steuerzahlende<br />
und nicht Steuerzahlende Politik-Interessierte, herzlich willkommen<br />
im tacheles.02-Chat. Die Chat-Reihe tacheles.02 ist ein Format von tagesschau.de<br />
und politik-digital.de und wird unterstützt von tagesspiegel.de<br />
und von sueddeutsche.de. Im ARD-Hauptstadtstudio begrüße<br />
ich heute Karl Heinz Däke, Präsident des Bundes der Steuerzahler. </p>
<p><b>Moderator:</b> Kann es losgehen?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Karl Heinz Däke:</b><br />
Es kann losgehen,</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b><img decoding="async" src="http://www.politik-digital.de/salon/photos/khdaeke.jpg" align="left" height="153" width="180" />Damokles:</b><br />
Wo muss der Steuerabbau angesetzt werden? Bei uns in Deutschland? Oder<br />
müssen wir nicht weiter gehen und auch in der EU Steuerabbau betreiben?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Karl Heinz Däke:</b><br />
Es gibt gerade bei den neuen Beitrittsländern der EU, die wesentlich<br />
geringere Steuersätze haben als wir in Deutschland, z.B. in Estland<br />
und Lettland. Daran müssen wir uns in Zukunft orientieren.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Hydra:</b> Das<br />
Wehklagen über den Fall Vodafone sagt weniger über das britische<br />
Unternehmen aus, als über viele deutsche Politiker. Sie kennen<br />
die eigenen Gesetze nicht, oder?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Karl Heinz Däke:</b><br />
Sie haben Recht. Diejenigen, die heute schreien, &quot;Haltet den Dieb!&quot;,<br />
sind diejenigen, die die Gesetze beschlossen haben, die Vodafone in<br />
Anspruch nimmt.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Beckham:</b><br />
Wer trägt in der causa Vodafone die politische Verantwortung?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Karl Heinz Däke:</b><br />
Die politische Verantwortung tragen Bundestag und Bundesrat, denn dort<br />
sind die Gesetze beraten und beschlossen worden. Insgesamt herrscht<br />
aber gerade auf dem Gebiet der Unternehmensbesteuerung seit 2000 ein<br />
heilloses Durcheinander. Fast in jedem Jahr kam es zu Gesetzesänderungen.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Treudumm:</b><br />
Nutzen weitere Konzerne Abschreibungen auf den Wert von Tochterfirmen<br />
dazu, um ihre Steuerlast zu mindern? Kennen sie weitere?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Karl Heinz Däke:</b><br />
Die Teilwertabschreibungen werden von vielen Unternehmen und Konzernen<br />
in Anspruch genommen und zwar immer dann, wenn es heftige Kursverluste<br />
gegeben hat. Unser Steuerrecht sieht nun einmal vor, dass dann, wenn<br />
der bilanzierte Wert eines Wirtschaftsgutes über längere Zeit<br />
hinter dem aktuellen Marktwert zurückbleibt, der dann angepasst<br />
werden muss. Firmen wie Eon und Telekom haben es genauso getan wie Vodafone,<br />
nur nicht in der Höhe.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:</b><br />
Teilweise bereits beantwortet, dennoch:</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Robert_T:</b><br />
In NRW hätten die Finanzämter alleine dem Telekom-Konzern<br />
für das Jahr 2002 unterm Strich 2,847 Milliarden Euro Körperschafts-<br />
und Gewerbeertragssteuern erstattet, lese ich. Stimmt das und was sagen<br />
sie dazu?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Karl Heinz Däke:</b><br />
Das ist möglich, dass Sie das gelesen haben und es ist auch möglich,<br />
dass es zu diesen Erstattungen gekommen ist. Ich persönlich weiß<br />
davon nichts.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:</b><br />
Der CDU-Vizevorsitzende Christoph Böhr hat in Sachen Vodafone erklärt,<br />
wenn es eine Möglichkeit für eine rückwirkende Änderung<br />
des Steuerrechts gebe, solle man das tun. Guter Vorschlag?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Karl Heinz Däke:</b><br />
Vor einer rückwirkenden Änderung des Steuerrechts kann ich<br />
nur warnen. Zurzeit werden von den Finanzgerichten rückwirkende<br />
Steuergesetze bereits für verfassungswidrig gehalten und dem Bundesverfassungsgericht<br />
zur Entscheidung vorgelegt. Eine &quot;Lex Vodafone&quot; darf es nicht<br />
geben, auch wenn auf den ersten Blick vieles dafür spricht, ein<br />
solches Gesetz zu fordern. Besser wäre es, das Steuerrecht grundlegend<br />
zu reformieren, dass heißt, zu vereinfachen und die Steuersätze<br />
zu senken.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>petraB:</b> Hat<br />
Vodafone bereits nach heute geltendem Recht Missbrauch steuerlicher<br />
Gestaltungsmöglichkeiten begangen?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Karl Heinz Däke:</b><br />
Nein, auch nach heutigem Recht nicht. Zwar ist das Steuerrecht in den<br />
letzten Jahren geändert worden, z. B. bei den Teilwertabschreibungen<br />
und bei der Mindestbesteuerung, aber Vodafone hätte sich wahrscheinlich<br />
heute nach dem heute geltenden Recht gerichtet.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Blocky:</b> Jahrelang<br />
haben sowohl Union als auch FDP jede Beschränkung der steuerlichen<br />
Gestaltungsmöglichkeiten der Firmen als verkappte Steuererhöhung<br />
oder Standortbeschädigung diffamiert und blockiert. Jetzt wird<br />
gefordert &#8211; erkennen sie da eine klare Linie?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Karl Heinz Däke:</b><br />
Nein, ich erkenne keine klare Linie. In Zukunft sollten solche scheinheiligen<br />
Debatten vermieden werden. Nachtrag zu Vodafone: Zahlreiche Vorschläge<br />
zur Gewinnermittlung und Teilwertabschreibung sind in der Vergangenheit<br />
geändert worden, um steuerlichen Missbrauch einzudämmen. Bei<br />
der ganzen Debatte muss man aber auch bedenken, dass bei Kursgewinnen<br />
die Unternehmen höhere Steuern zahlen müssen. Wer also fordert,<br />
dass Kursverluste nicht mehr von den Unternehmensgewinnen abgezogen<br />
werden dürfen, muss auch zulassen, dass Kursgewinne nicht der Besteuerung<br />
unterliegen.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:</b><br />
Zweimal zur Unionslinie:</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Burger:</b> Ist<br />
die Linie der Union unklar, wo doch Merz einen Vorschlag gemacht hat?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Steuermann:</b><br />
Wie beurteilen Sie die Ernsthaftigkeit der Steuerreformpläne der<br />
Union? Auf der einen Seite fordert Sie &#8211; wie jeder &#8211; Steuervereinfachung<br />
und den Abbau von Steuervergünstigungen. Auf der anderen Seite<br />
setzt sie sich für die Beibehaltung der Privilegien für Lebensversicherungen<br />
ein und sorgt mit dem erzielten Kompromiss für eine weitere Komplizierung<br />
des Steuerrechts.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Karl Heinz Däke:</b><br />
Leider sind die Steuerreformvorschläge der Union zurzeit wieder<br />
in die Schubladen gewandert. Das muss aber nicht heißen, dass<br />
die Diskussion demnächst nicht wieder angeschoben wird, z.B. vom<br />
Bund der Steuerzahler. Bei dem Stichwort Steuervereinfachung darf man<br />
nicht übersehen, dass es einige Vorschriften weiterhin im Steuerrecht<br />
geben muss, die einer gerechten, dem Leistungsfähigkeitsprinzip<br />
folgender Besteuerung, Rechnung tragen müssen. Erträge aus<br />
Lebensversicherungen unterliegen über einen Zeitraum von 12 Jahren<br />
der Geldentwertung. Deshalb dürfen sie auch nicht in voller Höhe<br />
besteuert werden. Ähnlich verhält es sich auch bei Zinseinkünften,<br />
z.B. aus Sparvermögen. Der Vorschlag von Minister Clement, den<br />
Sparerfreibetrag abzuschaffen war deshalb &quot;voll daneben&quot;.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator: </b>Es<br />
gibt eine ganz Reihe von Vorschlägen für eine große<br />
Steuerreform. Die meisten erweisen sich als nicht richtig durchdacht.<br />
Den Bierdeckel-Vorschlag von Friedrich Merz haben die Länderfinanzminister<br />
über alle Parteigrenzen hinweg als nicht finanzierbar verworfen.<br />
Zu groß wären die Steuerausfälle für den Bund.<br />
Wie weit kann denn eine Steuerreform reichen.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Karl Heinz Däke:<br />
</b>Eine große Steuerreform muss drei Voraussetzungen erfüllen:<br />
sie muss das Steuerrecht vereinfachen, sie muss für niedrige Steuersätze<br />
und für mehr Gerechtigkeit sorgen. Eine Steuerreform ohne zusätzliche<br />
Entlastung der Steuerzahler bei weitgehender Vereinfachung wird keine<br />
Akzeptanz finden. Wir brauchen einen Eingangssteuersatz mit 15 Prozent<br />
und einen Spitzensteuersatz von 35 Prozent, der aber bei einem Ledigen<br />
erst ab 60.000 Euro zu versteuernden Einkommen wirksam wird. Bei diesem<br />
Tarif, einem linear progressiv Tarif, wird es für alle Steuerzahler<br />
zu Entlastungen von insgesamt 48 Milliarden Euro Brutto kommen. Davon<br />
werden 10 Milliarden Euro durch die Streichung von Steuervergünstigungen<br />
erzielt, 14 bis 15 Milliarden Euro durch zu erwartende Mehreinnahmen<br />
in Folge erhöhten Wachstums. 8 Mrd. sind bereits vorfinanziert<br />
durch das Streichen von Steuervergünstigungen im Jahr 2004. Der<br />
dann noch offene Finanzierungsbetrag kann nur durch Kürzungen und<br />
Ausgabenbegrenzungen auf allen Ebenen gegenfinanziert werden. Jeder<br />
der glaubt, eine Steuersenkung ließe sich ohne die Kürzung<br />
der öffentlichen Ausgaben völlig finanzieren, irrt.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator: </b>Die<br />
Frage nach der Zeit:</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>werter: </b>Wo<br />
bleibt denn die Steuerreform? Was glauben sie, wie lange das dauert?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Karl Heinz Däke:</b><br />
Wir brauchen so schnell wie möglich eine umfassende Steuerreform.<br />
Voraussetzung dafür ist aber, dass sich Bundestag und Bundesrat<br />
in dieser Frage einig sind. Das sehe ich zurzeit leider nicht. Realistisch<br />
gesehen kann es erst 2007 zu einer umfassenden Steuerreform kommen,<br />
also nach der nächsten Bundestagswahl.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>ThomasM2:</b><br />
Als Besserverdienender bezahle ich mittlerweile 5 mal(!) mehr Steuern<br />
als meine Frau, welche die Hälfte von dem verdient, was ich verdiene.<br />
Wird das nach der Steuerreform noch schlimmer?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Karl Heinz Däke:<br />
</b>Haben Sie da wirklich richtig gerechnet?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:</b><br />
Aktuell, weil am Sonntag ist ja Europawahl:</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Delphi: </b>Ist<br />
Bürokratie nicht eine Hydra? Wenn wir in Deutschland Bürokratie<br />
abbauen, wächst sie doppelt so schnell in Brüssel. Was kann<br />
der EU-Bürger gegen diesen Irrsinn tun?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Karl Heinz Däke:</b><br />
Er kann von den Politiker und den Eurokraten fordern, dass nicht alles<br />
per EU-Verordnung geregelt wird, wie z.B. der Krümmungsgrad einer<br />
Banane oder der Zuckergehalt von Bonbons. Auf der anderen Seite müssen<br />
sich auch die Bürger davor hüten, von der Politik nicht für<br />
alles, was nicht geregelt ist, Gesetze und Verordnungen zu fordern.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Zeus: </b>Seit<br />
Jahren schreibt sich die Bundesregierung den Abbau bürokratischer<br />
Hindernisse auf die Fahnen. Wo sind die Ergebnisse? Sehen sie welche?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Karl Heinz Däke:<br />
</b>Nein. </span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Metam:</b> Wo<br />
liegen die größten Einsparpotentiale in der staatlichen Bürokratie?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Karl Heinz Däke:</b><br />
Die größten Einsparpotentiale liegen eindeutig beim Personal<br />
und dort wiederum, so hart es auch klingen mag, in den neuen Bundesländern.<br />
So hat der Bund der Steuerzahler schon seit längerem die jährliche<br />
Verringerung des Personalbestandes um 1 Prozent gefordert und strenge<br />
Zurückhaltung bei Besoldungs- und Tarifsanpassungen. Eine verstärkte<br />
Leistungsorientierung der Besoldung, verstärkte Eindämmungen<br />
von Frühpensionierungen, schrittweise Abbau von Sonderzuwendungen<br />
(13. Monatspension) und Absenkung des Versorgungsniveaus für Beamte<br />
sowie in der Zusatzversorgung der Angestellten und Arbeiter.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Chapui:</b> Auch<br />
Kürzungen der Ost-Förderung? Weil Subvention?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Karl Heinz Däke:</b><br />
Die Subventionsgewährung in den neuen Bundesländern darf in<br />
Zukunft nur noch ganz gezielt sein. Eine Sonderwirtschaftszone Ost,<br />
z.B. mit Sondersteuervergünstigungen, ist ebenfalls verfehlt. Helfen<br />
kann der Wirtschaft die Weitergewährung von Investitionszulagen,<br />
aber nur unter der Voraussetzung, dass neue Arbeitsplätze geschaffen<br />
werden und nicht gleichzeitig an anderer Stelle Arbeitsplätze abgebaut<br />
werden.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Bszirske:</b><br />
Werden Ihnen da nicht die Gewerkschaften ins Gesicht springen?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Karl Heinz Däke:<br />
</b>Das haben sie bereits getan.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Nero:</b> Brauchen<br />
wir nicht gerade in der jetzigen wirtschaftlichen Depression große<br />
staatliche Maßnahmen, um die Wirtschaft zu beleben?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Karl Heinz Däke:</b><br />
Wenn Sie unter staatlichen Maßnahmen eine noch höhere Neuverschuldung<br />
verstehen, dann sage ich eindeutig: Nein. Wir brauchen eine umfassende<br />
Steuer- und Abgabenentlastung und mehr Zutrauen in uns selber. Immerhin<br />
ist Deutschland noch die größte Exportnation der Welt. Was<br />
wir da schaffen, müsste auch nach innen möglich sein.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator: </b>Eine<br />
Steuer- und Abgabenentlastung kosten den armen Finanzminister Hans Eichel<br />
aber noch mehr Geld. Dann reißt Deutschland wieder das 3-Prozent-Kriterium<br />
des EU-Stabilitätspaktes. Sollen wir das in Kauf nehmen?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Karl Heinz Däke:<br />
</b>Nein, das müssen wir nicht in Kauf nehmen. Nach wie vor nimmt<br />
der Staat, also Bund, Länder und Gemeinden, nicht zu wenig ein,<br />
er gibt zu viel aus. Bedenken Sie bitte auch, dass nach der neuesten<br />
Steuerschätzung zwischen 2004 und 2007 das Steueraufkommen &#8211; und<br />
jetzt halten Sie sich fest &#8211; nicht sinken, sondern um 50 Milliarden<br />
Euro ansteigen wird. Unter dieser Voraussetzung und weiteren Einsparungen<br />
bei Bund, Länder und Gemeinden ist eine große Steuerreform<br />
finanzierbar, ohne dass Herr Eichel mit einem weiteren blauen Brief<br />
aus Brüssel rechnen muss.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator: </b>Kommentar<br />
von: </span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Rummenigge:</b><br />
Sollten wir uns nicht einmal an die Reagan’sche Steuerreform erinnern?<br />
Ein voller Erfolg: Wegfall aller Subventionen und einem Spitzensteuersatz<br />
von 28 Prozent!</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Karl Heinz Däke:</b><br />
Die Reagen&#8217;sche Steuerreform ist auch heute noch Vorbild für die<br />
Diskussion in Deutschland.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Sommerwind: </b>Zur<br />
Steuerreform: Ist es ihr Ziel, möglichst alle Ausnahmen zu beseitigen<br />
und dementsprechend die Steuersätze zu senken? Dann wären<br />
sie ja ein Liberaler?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Karl Heinz Däke:</b><br />
Ich bin dafür, dass die Bürgerinnen und Bürger ihr Steuerrecht<br />
verstehen, ihre Steuererklärung so einfach wie möglich ist<br />
und sie vor allem nur die Steuern bezahlen müssen, die dem Staat<br />
auch wirklich zustehen. Wenn Sie das als liberal bezeichnen, warum nicht.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Nordländer:<br />
</b>Sie sprechen von radikalen Veränderungen im Steuerrecht, welche<br />
erst nach der nächsten Bundestagswahl durchführbar erscheinen.<br />
Doch wird eine neue Bundesregierung wirklich die Kraft besitzen, sich<br />
gegen die Übermacht der Lobbyisten (Gewerkschaften, Unternehmerverbände,<br />
u.ä.) mit Subventionsstreichungen durchzusetzen?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Karl Heinz Däke:</b><br />
Auch die Lobbyisten müssen erkennen, dass man nicht beides haben<br />
kann: Niedrige Steuersätze und Steuervergünstigungen und Steuersubventionen.<br />
Aber ich bin doch zuversichtlich, dass diese Einsicht bei allen einkehrt.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Salinga: </b>Wird<br />
der Bund und werden die Länder überhaupt in der Lage sein,<br />
ihre Schulden ohne eine mittel- bis langfristig höhere Steuerbelastung<br />
der Bürger abbauen zu können? Droht nicht sonst irgendwann<br />
der Kollaps (oder der gesellschaftliche Unfrieden, weil der Staat nicht<br />
mehr in der Lage ist, soziale Leistungen zu erbringen, die eine Gesellschaft<br />
stabilisieren?)</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Karl Heinz Däke:</b><br />
Vorrangiges Ziel muss es zunächst sein, die Neuverschuldung auf<br />
Null zu reduzieren. Der Staat wird auch weiterhin soziale Leistungen<br />
erbringen können, aber es fragt sich, ob das überhaupt in<br />
dem Maße notwendig ist wie heute. Selbst der Bundesfinanzminister<br />
hat ja festgestellt, dass wir über unsere Verhältnisse leben.<br />
Ein Nachtrag: Jährlich werden nach unserer Schätzung 30 Milliarden<br />
Euro an Steuergeldern zum Fenster hinausgeworfen. Würde der Staat<br />
absolut sparsam und wirtschaftlich mit unseren Steuergeldern umgehen,<br />
hätten wir weniger Sorgen.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator: </b>Wie<br />
bereits gesagt, Sie sind ja nicht nur &quot;zuständig&quot; für<br />
Steuern und Steuerreformen, sondern auch für die Verschwendung<br />
von Steuern:</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>bmilrer</b>:<br />
Thema Verschwendung: Maut-Pleite und Hartz-Verzögerungen, die viel<br />
Geld kosten. Hat die Verschwendung zugenommen? Besonders bei Großprojekten,<br />
wie die Jobbörse des Bundesarbeitsministeriums?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Karl Heinz Däke:</b><br />
In der letzten Zeit ist in der Tat eine größere Anzahl von<br />
Verschwendungsfällen bekannt geworden, die es in dem Ausmaß<br />
und in der Häufigkeit früher nicht gegeben hat. Denken Sie<br />
z.B. auch an den Lausitzring, die Chipfabrik in Frankfurt/Oder oder<br />
den Cargolifter.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:</b><br />
Damit ist unsere Chat-Stunde vorbei, vielen Dank für die zahlreichen<br />
Fragen. Herzlichen Dank, Herr Däke, dass Sie zu uns gekommen sind.<br />
Das Transkript dieses Chats finden Sie wie alle anderen auch auf den<br />
Seiten der Veranstalter. Der nächste Chat findet am Dienstag, 15.<br />
Juni um 12.00 Uhr statt. Chat-Gast ist dann der ARD-Korrespondent in<br />
Kairo, Reinhard Baumgarten. Reinhard Baumgarten ist Experte für<br />
die Region, vor allem auch für den Sudan und Saudi-Arabien, die<br />
zuletzt besuchte. Das tacheles.02-Team wünscht allen Beteiligten<br />
einen schönen Tag. </span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Karl Heinz Däke:</b><br />
Vielen Dank für die vielen interessanten Fragen. Mich erreichen<br />
Sie unter info@steuerzahler.de.</span></p>
]]></content:encoded>
					
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			</item>
		<item>
		<title>Türkei-Beitritt zur EU und Volksabstimmungen</title>
		<link>https://www.politik-digital.de/chattranscripte/tuerkei-beitritt-zur-eu-und-volksabstimmungen-203/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[mfrost]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 07 Jun 2004 23:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Chattranscripte]]></category>
		<category><![CDATA[Europa]]></category>
		<category><![CDATA[Europapolitik]]></category>
		<category><![CDATA[CDU]]></category>
		<category><![CDATA[Europawahl]]></category>
		<category><![CDATA[Europäische Union]]></category>
		<category><![CDATA[EU-Erweiterung]]></category>
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		<category><![CDATA[Hartmut Nassauer]]></category>
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					<description><![CDATA[<b>Hartmut Nassauer<!-- #EndEditable --> 
im europathemen.de-Chat am <!-- #BeginEditable "chat_datum" -->08.06.2004</b>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><b>Hartmut Nassauer<!-- #EndEditable --><br />
im europathemen.de-Chat am <!-- #BeginEditable "chat_datum" -->08.06.2004</b><!--break--><b><!-- #EndEditable --><br />
</b><br />
<!-- #BeginEditable "chat" --> <!-- #EndEditable --> </p>
<p>
<br />
<b>Moderator:</b> Sehr geehrte Damen und Herren, herzlich willkommen<br />
im Chat von Europathemen, dem Projekt der Bundeszentrale für politische<br />
Bildung zur Europawahl. Durch die Kooperation mit dem Fernsehsender<br />
arte wird dieser Chat zudem in französischer Sprache angeboten.<br />
Unser heutiger Gast in der Redaktion von www.europathemen.de in Gießen<br />
ist der Spitzenkandidat der CDU-<b><img decoding="async" src="http://www.politik-digital.de/salon/transcripte/photos/hnassauer2.jpg" alt="Hartmut Nassauer, Hessens Europa-Spitzenkandidat" title="Hartmut Nassauer, Hessens Europa-Spitzenkandidat" align="left" height="166" width="180" /></b>Hessen<br />
fürs Europäische Parlament, Hartmut Nassauer. Herr Nassauer<br />
ist seit 1994 Mitglied im Europäischen Parlament und bekleidete<br />
vorher verschiedene politische Ämter in Hessen. Einer seiner Themenschwerpunkte<br />
ist der Beitritt der Türkei zur EU – um dieses Thema soll<br />
es heute gehen. Wir freuen uns, dass Sie sich die Zeit nehmen, Herr<br />
Nassauer! </p>
<p>Eine erste Frage von mir vorweg, Herr Nassauer. Sie sprechen sich derzeit<br />
gegen einen Beitritt der Türkei in die EU aus. Sie schreiben: &quot;Die<br />
Aufnahme der Türkei in die EU würde deren Integrationsfähigkeit<br />
bei weitem überfordern.&quot; Gleichzeitig werden Sie zitiert mit<br />
den Worten: &quot;Wir benötigen dringend eine privilegierte Partnerschaft<br />
mit der Türkei an der Seite der Europäischen Union.&quot;<br />
Warum sind Sie gegen einen Beitritt? Und was wären die Eckpunkte<br />
einer &quot;privilegierten Partnerschaft&quot;?
</p>
<p>
<b>Hartmut Nassauer:</b> Die EU hat zum 1. Mai zehn neue Mitglieder<br />
in einem Schritt aufgenommen. Sie wird viele Jahre benötigen, um<br />
diese neuen Mitglieder zu integrieren. Ihre Erweiterungsfähigkeit<br />
ist auf absehbare Zeit ausgeschöpft, die Aufnahme eines so großen<br />
Landes wie der Türkei würde die Erweiterungsfähigkeit<br />
der Union bei weitem überfordern. Deswegen plädiere ich für<br />
eine privilegierte Partnerschaft der Türkei an der Seite der EU,<br />
mit der alle gegenseitig interessierenden Fragen bilateral zwischen<br />
EU und Türkei gelöst werden können.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Nochmals die Nachfrage: Was ist eine privilegierte<br />
Partnerschaft?
</p>
<p>
<b>Hartmut Nassauer:</b> Auf allen wichtigen Politikfeldern –<br />
Außenpolitik, Sicherheitspolitik, Terrorismusbekämpfung,<br />
Wirtschaftsbeziehungen – und allen Verhandlungskapiteln der Beitrittsverhandlungen<br />
stimmen EU und Türkei gemeinsame Positionen ab und entwickeln darüber<br />
hinaus gemeinsame Institutionen zur Handhabung dieser Partnerschaft,<br />
wie gemeinsame parlamentarische Ausschüsse und Regierungsausschüsse.<br />
Das ist das Gerüst.
</p>
<p>
<b>Gabriel:</b> Mein Traum ist ohne Einschränkung durch ganz Europa<br />
zu reisen und überall mit einer Währung bezahlen zu können.<br />
Warum versuchen Sie dies mit Äußerungen gegen die Türkei<br />
und neue Mitgliedstaaten zu verhindern? Haben diese kein Recht beizutreten?<br />
Mit ihren Äußerungen nehmen Sie diesen Staaten doch alle<br />
Ambitionen und Hoffnungen!
</p>
<p>
<b>Hartmut Nassauer:</b> Die EU muss Grenzen haben. Sonst kann sie<br />
nicht funktionieren. Unser Ziel ist eine politische Union, die auf wichtigen<br />
Politikfeldern gemeinschaftliche Positionen unter Hintanstellung bisheriger<br />
nationaler Positionen entwickelt und nach Außen vertritt. Deswegen<br />
kann die EU nicht beliebig groß werden, der EU-Vertrag begrenzt<br />
sie ausdrücklich auf europäische Staaten.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Noch kurz zu der Frage mit den &quot;Hoffnungen&quot;?
</p>
<p>
<b>Hartmut Nassauer:</b> Ich teile die Hoffnung, dass die Europäische<br />
Union nicht nur ihre originären Ziele wie Friedenssicherung erfüllt,<br />
sondern auch den Binnenmarkt mit den vier Freiheiten Freizügigkeit<br />
für Menschen, Waren, Dienstleistungen, Kapital, verwirklicht.
</p>
<p>
<b>Übersetzerin: Antoine:</b> Versetzen Sie sich in die Lage eines<br />
Deutschen türkischer Abstammung, eines &quot;Türken der zweiten<br />
Generation&quot;: Würden Sie am nächsten Sonntag in der Situation<br />
nicht eine Protestwahl gegen die Parteien machen, die sich gegen den<br />
EU-Beitritt der Türkei stellen?
</p>
<p>
<b>Hartmut Nassauer:</b> Ich kenne viele Deutsche türkischer Abstammung<br />
und viele türkische Mitbürger die große Vorbehalte gegen<br />
einen Beitritt der Türkei zur EU haben. Im übrigen geht es<br />
bei dieser Wahl nicht nur um die Türkei-Frage, sondern um eine<br />
Fülle anderer politischer Fragen, die auch türkisch-stämmige<br />
Deutsche aus Sicht ihrer politischen Haltung entscheiden werden.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Eine weitere Frage der gleichen Nutzerin:
</p>
<p>
<b>Übersetzerin: Antoine:</b> Kann man die Beitrittskandidatur<br />
der Türkei aus wirtschaftlichen Erwägungen abweisen und gleichzeitig<br />
den Beitritt von zehn anderen Ländern akzeptieren, die historisch<br />
Europa weniger nah stehen?
</p>
<p>
<b>Hartmut Nassauer:</b> Zunächst glaube ich nicht, dass die zehn<br />
neuen Mitgliedsländer Europa etwa weniger nah stehen als die Türkei.<br />
Zum anderen will ich die Gelegenheit einmal nutzen, nachdrücklich<br />
zu betonen, dass ich ein Freund der Türkei bin, sie für ein<br />
überaus wichtiges Land für Deutschland und die EU halte, in<br />
der Türkei einen immer verlässlichen Freund der Deutschen<br />
sehe und schon deswegen an einem guten Verhältnis zur Türkei<br />
sehr interessiert bin. Ich möchte die Beziehungen lediglich anders<br />
regeln als durch eine Mitgliedschaft in der EU.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Eine Nachfrage des Nutzers &quot;Europa-Freund&quot;:
</p>
<p>
<b>Europa-Freund:</b> &quot;auf absehbare zeit ausgeschöpft&quot;<br />
– das heißt Sie sind auch gegen den Beitritt Rumäniens<br />
und Bulgariens 2007?
</p>
<p>
<b>Hartmut Nassauer:</b> Wir haben Rumänien und Bulgarien den<br />
Beitritt angeboten, sobald sie die Bedingungen erfüllen. Beides<br />
muss gelten – sowohl das Angebot, wie die Forderung, dass die Beitrittsbedingungen<br />
erfüllt werden. Deswegen mache ich den Beitritt nicht am Jahr 2007,<br />
sondern an der Erfüllung der Kriterien fest.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Und? Glauben Sie, dass die Kriterien erfüllt<br />
werden?
</p>
<p>
<b>Hartmut Nassauer:</b> Die bisherigen Fortschrittsberichte der Kommission<br />
belegen nicht zwingend, dass insbesondere Rumänien in den nächsten<br />
zwei Jahren auf allen Feldern, die in 31 Kapiteln verhandelt werden,<br />
den notwendigen Fortschritt erreicht. Das ist nicht ausgeschlossen,<br />
aber es bleibt abzuwarten.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Zurück zur Türkei-Frage:
</p>
<p>
<b>Theo:</b> Sie geben ja vor, das nächste EP werde über<br />
den Beitritt der Türkei entscheiden, obwohl viele Parlamentarier<br />
sagen, dass dieser Prozess sich noch über die nächsten zehn<br />
bis fünfzehn Jahre erstrecken wird. Machen Sie den Wählern<br />
nicht etwas vor, indem Sie mit falschen Vorgaben Ihren Wahlkampf führen?
</p>
<p>
<b>Hartmut Nassauer:</b> Das am 13. Juni zu wählende Parlament<br />
hat im Oktober Stellung zu nehmen zu dem Vorschlag der Kommission, Beitrittsverhandlungen<br />
mit der Türkei aufzunehmen. Anders als die Entscheidung des Parlaments<br />
über einen Beitritt selbst ist diese Stellungnahme nicht verbindlich,<br />
wohl aber von politischem Gewicht. Deswegen ist es notwendig, in diesem<br />
Wahlkampf über den Türkei-Beitritt zu reden. Man sollte auch<br />
darauf hinweisen, dass die EU noch mit keinem Land Beitrittsverhandlungen<br />
aufgenommen hat, die nicht irgendwann mit dem Beitritt beendet worden<br />
sind. Schon deswegen wäre die Aufnahme von Verhandlungen ein gewichtiges<br />
Signal.
</p>
<p>
<b>Davala:</b> Was halten Sie für das stärkste Argument der<br />
Befürworter eines Türkei-Beitritts? Welches ist das schwächste?
</p>
<p>
<b>Hartmut Nassauer:</b> Wie bei jeder wichtigen Frage gibt es Pro<br />
und Kontra. Für mich ist herausragend wichtig, die Partnerschaft<br />
mit der Türkei, die Einbindung der Türkei in die westliche<br />
Sicherheitsallianz, die gemeinsame Bekämpfung des internationalen<br />
Terrorismus, die Unterstützung der Türkei in ihrer Brückenfunktion<br />
nach Asien und in die islamische Welt. Am wenigsten entscheidend ist<br />
die Frage der wirtschaftlichen Beziehungen.
</p>
<p>
<b>altemur:</b> Welche nicht erfüllten Bedingungen sind es, die<br />
Ihrer Meinung nach gegen eine Mitgliedschaft der Türkei sprechen?
</p>
<p>
<b>Hartmut Nassauer:</b> Bedingung für die Aufnahme von Beitrittsverhandlungen<br />
sind die so genannten Kopenhagener Kriterien. Sie erfordern eine gefestigte<br />
stabile Demokratie ohne maßgeblichen Einfluss des Militärs,<br />
einen funktionierenden Rechtsstaat, zum Beispiel ohne Folterpraktiken<br />
in den Gefängnissen, die Garantie der Menschenrechte, den Schutz<br />
von Minderheiten in ihrer kulturellen Eigenart und eine dem Wettbewerbsdruck<br />
standhaltende marktwirtschaftliche Ordnung.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Sie hatten vorhin gesagt, dass Sie die Beziehungen<br />
zur Türkei anders regeln wollten als durch einen EU-Beitritt. Hierzu<br />
eine Nachfrage:
</p>
<p>
<b>Europa-Freund:</b> Zu dem &quot;anders regeln&quot; &#8211; warum denn<br />
*jetzt* der Sinneswandel? In der Vergangenheit haben sich alle CDU-Bundesregierungen<br />
nicht so deutlich positioniert.
</p>
<p>
<b>Hartmut Nassauer:</b> Zur Vergangenheit: Die EWG hat 1963 mit der<br />
Türkei ein Assoziationsabkommen geschlossen und als Perspektive<br />
den Beitritt zur damaligen Wirtschaftsgemeinschaft eröffnet. Inzwischen<br />
ist die EWG zur politischen Union geworden oder auf dem Wege dort hin,<br />
womit sich die Bedingungen der gegenseitigen Annäherung verändert<br />
haben. Es ist richtig, und übrigens auch bedauerlich, dass die<br />
Türkei in der Vergangenheit den Eindruck haben konnte, insbesondere<br />
unter Hinweis auf die Kopenhagener Kriterien, hingehalten zu werden.<br />
Viele dachten eigentlich &quot;nein&quot;, haben aber gesagt, &quot;ja,<br />
wenn die Kopenhagener Kriterien erfüllt sind&quot; und dabei verschwiegen,<br />
dass sie die Erfüllung dieser Kriterien in absehbarer Zeit gar<br />
nicht für möglich hielten. Immerhin hat Bundeskanzler Helmut<br />
Kohl auf dem Europäischen Gipfel in Luxemburg 1997 zu einem EU-Beitritt<br />
der Türkei so entschieden und eindeutig &quot;nein&quot; gesagt,<br />
dass seit diesem Zeitpunkt das Verhältnis zwischen vielen maßgebenden<br />
türkischen Politikern und den Unionsparteien in Deutschland ziemlich<br />
unfreundlich geworden ist.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Ich möchte mal eine Frage zwischenschieben,<br />
die offenbar en masse gleich lautend gestellt wird, vermutlich handelt<br />
es sich um eine Schülergruppe irgendwo in einem Schul-Computerraum<br />
😉
</p>
<p>
<b>asddsa:</b> Warum beschäftigen sich die Politiker im Wahlkampf<br />
für das Europäische Parlament mit regionalen Themen?
</p>
<p>
<b>ScHüLeR01:</b> Warum beschäftigen sich das europäische<br />
Parlament mit nur regionalen Themen?
</p>
<p>
<b>tai1b:</b> Warum beschäftigen sich die Parteien im Europa-Wahlkampf<br />
mit Bundesthemen anstatt mit Themen die wichtig für die EU sind?
</p>
<p>
<b>Hartmut Nassauer:</b> Wir beschäftigen uns mit allen Themen,<br />
die für die Entscheidung am kommenden Sonntag von Belang sind.<br />
Wir als Europapolitiker gehen dabei in erster Linie auf europäische<br />
Themen ein, dazu gehört zum Beispiel, wie die Stellung der Bundesrepublik<br />
Deutschland sich unter der rot-grünen Bundesregierung in den vergangenen<br />
Jahren in Europa verschlechtert hat, zum Beispiel was Wirtschaftswachstum<br />
und Haushaltsstabilität anlangt. Viele Wähler werden –<br />
völlig zu Recht – die Gelegenheit der Wahl am Sonntag nutzen,<br />
um der rot-grünen Bundesregierung ein &quot;Zwischenzeugnis&quot;<br />
auszustellen, und es wird – wiederum völlig zu Recht –<br />
nicht brillant ausfallen.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Nochmals eine Person aus der mutmaßlichen Schülergruppe:
</p>
<p>
<b>hbs tai1b:</b> Wir haben uns die Wahlplakate der Parteien angesehen<br />
und finden, dass sie sich wenig mit dem Europa-Parlament und der Bedeutung<br />
der Wahl beschäftigen, sondern dass eher bundespolitische Themen<br />
dominieren. Das gilt besonders auch für die CDU. Wie kommt das<br />
?
</p>
<p>
<b>Hartmut Nassauer:</b> Plakate können eigentlich nur transportieren,<br />
dass überhaupt eine Wahl stattfindet. Die sachliche Auseinandersetzung<br />
muss hinter den Plakatparolen stattfinden. Wenn die CDU sagt: Europa<br />
kann man nicht mit links machen, dann ist damit nicht nur die politische<br />
Richtung gemeint, sondern auch unser Vorwurf, dass die Bundesregierung<br />
das Gewicht Deutschlands in Europa weder in angemessener Weise eingebracht<br />
noch erfolgreich genutzt hat.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> &quot;Plakate können eigentlich nur transportieren,<br />
dass überhaupt eine Wahl stattfindet.&quot; Dann sollte der nächste<br />
Wahlkampf also alleine von der Bundeszentrale für politische Bildung<br />
durchgeführt werden, Herr Nassauer?
</p>
<p>
<b>CDUFAN2:</b> Aber müssen Sie nicht auch informieren?
</p>
<p>
<b>Hartmut Nassauer:</b> Es ist nicht zu übersehen, dass europäische<br />
Wahlkämpfe in einem anderen Klima stattfinden als nationale Auseinandersetzungen.<br />
Europäische Wahlen sind zu unserem Bedauern weit weniger personalisiert.<br />
Als Abgeordneter hat man zum Beispiel keinen festen Wahlkreis, in dem<br />
man sich zunächst um eine Kandidatur bewirbt und dann um das Mandat.<br />
Vor allem gibt es keinen &quot;Kanzlerkandidaten&quot; bei der Wahl<br />
zum Europäischen Parlament. Stellen Sie sich vor, es ist Bundestagswahl<br />
und es gibt keinen Kanzlerkandidaten. Dann wäre auch das Interesse<br />
an der Bundestagswahl maßgeblich gemindert. Im übrigen sind<br />
die Europa-Wahlkämpfe mindestens in den Veranstaltungen weitaus<br />
informativer, weil mehr Information vermittelt wird als politischer<br />
Schlagabtausch, veranstaltet.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Die Nutzer bleiben kritisch und bitten um Präzisierung:
</p>
<p>
<b>josua:</b> Das ist keine Antwort auf die gestellte Frage, warum<br />
die bundespolitischen Themen bei ihnen so eine wichtige Rolle spielen.
</p>
<p>
<b>Hartmut Nassauer:</b> Die bundespolitischen Themen spielen bei den<br />
Wählern eine unübersehbare Rolle, völlig zu Recht, wie<br />
übrigens auch bei Landtags- und Kommunalwahlen. Das ist keine Besonderheit<br />
der Europawahl. Jede Wahl transportiert aktuelle politische Befindlichkeit<br />
und die ist auch jetzt stark bundespolitisch geprägt angesichts<br />
der massiven und berechtigten Kritik an der Politik der rot-grünen<br />
Bundesregierung. Das dürfen auch Europa-Wahlkämpfer nicht<br />
unterdrücken.
</p>
<p>
<b>tOrWaRtTiTaNkAhN:</b> Stimmt. Es geht nicht nur um die Türkei-Frage.<br />
Ich finde, die CDU richtet ihren Wahlkampf ums Europa-Parlament viel<br />
zu sehr an der deutschen nationalen Politik aus. Sollte es nicht so<br />
etwas wie eine &quot;Ethik pro Europa&quot; aller Parteien geben, damit<br />
die wichtige Wahl zum EP nicht nur zu einem Stimmungstest für die<br />
Bundesrepublik verkommt?
</p>
<p>
<b>Hartmut Nassauer:</b> Es gibt in grundsätzlichen europäischen<br />
Fragen – Notwendigkeit eines Verfassungsvertrages, Bewältigung<br />
der Erweiterung – stabile Gemeinsamkeiten zwischen den Parteien,<br />
die auch im Wahlkampf debattiert werden, aber es gibt daneben ein aktuelles<br />
politisches Klima, das auch im Europa-Wahlkampf nicht kurzerhand ausgeblendet<br />
werden kann. Im übrigen rede ich in meinen Veranstaltungen zu 90<br />
Prozent über Europa und allenfalls zu 10 Prozent über bundespolitische<br />
Verknüpfungen – und habe damit bei meinen Zuhörern keine<br />
Probleme.
</p>
<p>
<b>Moderator: </b>So, ich möchte dennoch noch einmal auf das Thema<br />
Türkei und Erweiterung zu sprechen kommen, weil hierzu noch einige<br />
Fragen vorliegen&#8230;
</p>
<p>
<b>Davala:</b> Kann ein Türkei-Beitritt Europas Sicherheit stärken?
</p>
<p>
<b>Hartmut Nassauer:</b> Die enge Zusammenarbeit der Türkei mit<br />
der EU in allen Sicherheitsfragen ist von hoher Bedeutung, kann aber<br />
anders gewährleistet werden als nur durch einen Beitritt. Wir haben<br />
ja auch in den Jahrzehnten des Kalten Krieges in überaus angespannten<br />
Situationen sicherheitspolitische Gemeinsamkeit mit der Türkei<br />
praktiziert. Es kommt eher auf gemeinsame Positionen an, als auf die<br />
Einbindung der Türkei in die EU.
</p>
<p>
<b>Übersetzerin</b><b>: Adélaide:</b> Waren Sie schon einmal<br />
in der Türkei um sich eine Meinung über das Land bilden zu<br />
können?
</p>
<p>
<b>Hartmut</b> <b>Nassauer:</b> Ich bin ungefähr zehn Mal in der<br />
Türkei gewesen, sehr intensiv vor allem seit 1995, im Zusammenhang<br />
mit der Ratifizierung der Zoll-Union der Türkei mit der EU, dafür<br />
haben damals CDU und CSU gekämpft, während Sozialdemokraten<br />
und Grüne die Ratifizierung der Zoll-Union mit der Türkei<br />
unter Hinweis auf die Menschenrechts- und Demokratie-Defizite abgelehnt<br />
haben. Ich kenne das Land und seine Menschen, und ich schätze beide<br />
sehr.
</p>
<p>
<b>Davala:</b> Europa reicht so weit wie die Fußball-Champions-League.<br />
Was halten Sie von dieser Grenzziehung?
</p>
<p>
<b>Hartmut</b> <b>Nassauer:</b> Ich schätze die Champions-League,<br />
aber nicht ihre definitorische Kompetenz.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> 😉
</p>
<p>
<b>Übersetzerin: Pierre:</b> Haben Sie nur offizielle Reisen in<br />
die Türkei gemacht, oder auch mal im privaten Rahmen?
</p>
<p>
<b>Hartmut</b> <b>Nassauer:</b> Ich habe auch private Reisen in die<br />
Türkei unternommen.
</p>
<p>
<b>tOrWaRtTiTaNkAhN: </b>Ist es nicht so, dass alle wirtschaftlichen<br />
Ziele im Hinblick auf die Türkei erreicht sind, eine Beitritt also<br />
aus Sicht der Wirtschaft nicht notwendig ist und die CDU deswegen die<br />
&quot;Polemik-Karte Überfremdung&quot; spielt?
</p>
<p>
<b>Hartmut</b> <b>Nassauer:</b> In Hinblick auf ihre wirtschaftliche<br />
Entwicklung ist die Türkei bei 22 Prozent des EU-Durchschnitts<br />
angelangt. Hier ist für Entwicklung noch viel Raum.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Ich möchte nun auf ein anderes heißes<br />
Thema kommen, zu dem auch Sie, Herr Nassauer, in der Vergangenheit Stellung<br />
genommen haben: Diäten im EP. Es gab den Vorwurf dass Sitzungsgelder<br />
unberechtigterweise ausgezahlt wurden. Hierzu eine Frage:
</p>
<p>
<b>Jochen1975NRW:</b> Sehr geehrter Herr Nassauer, was wird die EVP-Fraktion<br />
gegen die zu hohen Spesenabrechnungen einiger Abgeordneter unternehmen?
</p>
<p>
<b>Hartmut</b> <b>Nassauer:</b> Für Kostenerstattungen ist zunächst<br />
jeder Abgeordnete persönlich verantwortlich. Unabhängig davon<br />
fordert die EVP-Fraktion ein Abgeordneten-Entschädigungs-Gesetz<br />
für das Europäische Parlament und damit eine Reform aller<br />
Kostenerstattungsregelungen.
</p>
<p>
<b>Moderator: </b>Sie haben ja auch die Bild-Zeitung für ihre<br />
Berichterstattung in der Sache kritisiert – was ist die Rolle der<br />
Medien in solchen Fällen?
</p>
<p>
<b>Hartmut</b> <b>Nassauer:</b> Die Medien sollen durchaus alle Entschädigungs-<br />
und Kostenerstattungs-Fragen kritisch durchleuchten. Es ist völlig<br />
klar, dass Abgeordnete rechenschaftspflichtig sind für öffentliche<br />
Gelder, die sie beziehen. Ich habe Berichterstattung kritisiert, die<br />
falsch, unvollständig oder auch entstellend war, nicht zuletzt<br />
nach dem Motto von Johannes Rau: &quot;Eine halbe Lüge ist schon<br />
eine Lüge. Eine halbe Wahrheit aber keine Wahrheit&quot;.
</p>
<p>
<b>lef:</b> Warum wird die Spesenabrechnung der Abgeordneten nicht<br />
einfach transparenter gestaltet? Zum Beispiel über das Internet?
</p>
<p>
<b>Hartmut Nassauer:</b> Alle deutschen Europa-Abgeordneten haben in<br />
der letzten Sitzung in dieser Legislatur eine neue Kostenerstattungsregelung<br />
gefordert, die transparent und nachvollziehbar ist. Wir werben nachdrücklich<br />
für eine Mehrheit für unsere Forderungen im Europäischen<br />
Parlament.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Neues Thema:
</p>
<p>
<b>Tobschall:</b> Ich möchte meine Frage zur stärkeren Beteiligung<br />
der Bevölkerung (Volksabstimmungen / Referenden ) bei wichtigen<br />
europäischen Fragen (Europäische Verfassung, Einführung<br />
einer europäischen Währung, Beitritt neuer Mitglieder usw.<br />
) wiederholen. Sind Sie für Volksabstimmungen bei solchen Entscheidungen?
</p>
<p>
<b>Hartmut</b> <b>Nassauer:</b> Ich könnte mir eine Volksabstimmung<br />
als entscheidenden Akt für das Inkrafttreten einer Verfassung vorstellen.<br />
In Europa diskutieren wir aber gegenwärtig nicht über eine<br />
Verfassung, sondern über einen Verfassungsvertrag zwischen allen<br />
Mitgliedstaaten. Grundsätzlich glaube ich, dass sich in unserem<br />
System der politischen Entscheidung die repräsentative Methode<br />
bewährt hat, die den Bürgerinnen und Bürgern aufgibt,<br />
Parlamente zu wählen, die für politische Entscheidungen im<br />
einzelnen zuständig sind.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Zwei ähnliche Fragen auf einmal:
</p>
<p>
<b>josua:</b> Ich finde, dass es nicht nur dort ein Demokratiedefizit<br />
gibt, so können die Wähler zum kommenden Sonntag hin, die<br />
EU-Parteien durch Nicht-Wahl bestrafen oder mit Wahl belohnen? Welche<br />
Möglichkeiten sehen sie dieses Problem zu lösen?
</p>
<p>
<b>Leif:</b> Was kann man Ihrer Meinung nach gegen die geringe Wahlbeteiligung<br />
tun?
</p>
<p>
<b>Hartmut</b> <b>Nassauer:</b> Wählen ist bei uns ein Recht und<br />
keine Pflicht (anders als zum Beispiel in Belgien). Man kann sich bei<br />
uns mit Politik befassen, man muss aber nicht. Wer Politik links liegen<br />
lässt und auch nicht wählt, überlässt die politische<br />
Entscheidung anderen – und muss deren Entscheidungen akzeptieren.<br />
Im übrigen mache ich die Erfahrung, dass eine zunehmende Zahl von<br />
Menschen von europäischen Entscheidungen unmittelbar betroffen<br />
ist und daraus auch den Schluss zieht, sich zu beteiligen. Ich möchte<br />
prognostizieren: Je mehr betroffen sind, je mehr werden auch wählen<br />
gehen. Letztlich muss das jeder für sich selbst entscheiden.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Noch zwei Fragen, dann kommen wir zum Schluss:
</p>
<p>
<b>teuro3:</b> Im Spiegel lese ich: &quot;Das EU-Parlament gilt als<br />
Abstellgleis für Politiker aus der zweiten Reihe und als Ort, wo<br />
über Bananenkrümmungen und Ü-Ei-Verordnungen gestritten<br />
wurde.&quot; Ärgert sie eine solche Einschätzung? Oder treffen<br />
sie im Wahlkampf auf ähnliche Einschätzungen der Bürger?
</p>
<p>
<b>Hartmut</b> <b>Nassauer:</b> Mich ärgert diese Einstellung<br />
schon lange nicht mehr (1994 ist sie mir gelegentlich begegnet), sie<br />
spricht mehr gegen den, der sie äußert als gegen Europa.<br />
Im Europäischen Parlament werden ganz unstreitig wesentliche politische<br />
Entscheidungen gefällt, und der Altersdurchschnitt liegt inzwischen<br />
keineswegs unter dem nationaler Parlamente. Meine jüngsten Fraktionskollegen<br />
sind unter 30 Jahre alt.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Es gib nur einen Rudi Völler, wie Sie wissen.<br />
Und nur einen Lothar Matthäus, wie wir gerade erfahren haben. Daher<br />
zum Abschluss diese Frage:
</p>
<p>
<b>Davala:</b> Welche Bedeutung hat die Fußball-EM für Europas<br />
Identität?
</p>
<p>
<b>Hartmut</b> <b>Nassauer:</b> Auch Fußball ist ein Stück<br />
gelebtes und erfahrenes Europa. Mit seinen Leidenschaften, seinem Engagement<br />
und seinem Wettbewerb gehört Fußball zu Europa.
</p>
<p>
<b>Moderator: </b>Liebe Chatterinnen und Chatter! Die Stunde ist bereits<br />
wieder um. Wir möchten uns bei allen Gästen im Namen von Europathemen<br />
der Bundeszentrale für Politischen Bildung und dem Fernsehsender<br />
Arte herzlich für die Teilnahme an diesem Chat bedanken. Ganz besonders<br />
haben wir uns gefreut, dass Sie, Herr Nassauer, sich die Zeit genommen<br />
haben, den Nutzern Rede und Antwort zu stehen. Vielen Dank auch an die<br />
Übersetzerinnen, die uns hier für diesen zweisprachigen Chat<br />
zur Seite standen! Wir hoffen, es war für alle Beteiligten interessant<br />
und wünschen einen schönen Tag.
</p>
<p>
<b>Hartmut</b> <b>Nassauer:</b> Einen wunderschönen guten Tag<br />
und vielen herzlichen Dank</p>
]]></content:encoded>
					
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			</item>
		<item>
		<title>Gentechnik und Agrarreform</title>
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		<dc:creator><![CDATA[mfrost]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 26 May 2004 23:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Chattranscripte]]></category>
		<category><![CDATA[Agrarpolitik]]></category>
		<category><![CDATA[Subvention]]></category>
		<category><![CDATA[Renate Künast]]></category>
		<category><![CDATA[Gentechnik]]></category>
		<category><![CDATA[Verbraucherschutz]]></category>
		<category><![CDATA[Bundespolitik]]></category>
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					<description><![CDATA[<p style="margin-bottom: 0cm">
<b>Renate Künast 
(Grüne) <!-- #EndEditable --> im tacheles.02-Chat am <!-- #BeginEditable "chat_datum" -->27.05.2004</b>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="margin-bottom: 0cm">
<b>Renate Künast<br />
(Grüne) <!-- #EndEditable --> im tacheles.02-Chat am <!-- #BeginEditable "chat_datum" -->27.05.2004</b><!--break--><b><!-- #EndEditable --><br />
</b><br />
<!-- #BeginEditable "chat" -->
</p>
<p>
<br />
<b>Moderatorin:</b> Liebe Politik-Interessierte, willkommen im tacheles.02-Chat.<br />
Die Chat-Reihe tacheles.02 ist ein Format von tagesschau.de und politik-digital.de<br />
und wird unterstützt von tagesspiegel.de und von sueddeutsche.de.<br />
Zum Chat ist heute die Bundesverbraucherministerin, Renate Künast,<br />
ins ARD-Hauptstadtstudio gekommen. Frau Künast, sind Sie bereit<br />
für den 60-Minuten-Chat mit unseren Usern?
</p>
<p>
<b><img decoding="async" src="http://www.politik-digital.de/salon/photos/rkuenast.jpg" align="left" height="110" width="80" />Renate<br />
Künast:</b> Ich bin bereit und voller Erwartung ob der Fragen,<br />
die da kommen.
</p>
<p>
<b>bayer:</b> Was macht ihre Gentechniknovelle? Wird sie<br />
von der Union in bekannter Blockade-Manier im Bundesrat verwässert?
</p>
<p>
<b>Renate Künast:</b> Die Opposition versucht das, aber wir werden<br />
das nicht zulassen. Ich meine das die Haftungsregeln und die Mindestanforderungen<br />
zum Schutz der Nachbarn sehr zentrale Regelungen sind und die werden<br />
wir uns von der Opposition nicht raus verhandeln lassen.
</p>
<p>
<b>rübe1:</b> Warum sind sie gegen Gentechnik-Freilandversuche?<br />
Deutschland will doch innovativ sein?
</p>
<p>
<b>Renate Künast:</b> Versuche finden in Deutschland seit vielen<br />
Jahren statt. Bei unserem Gentechnikgesetz geht es darum, die Landwirte,<br />
die schon da sind, auch zu schützen, weil konventionelle und Ökobauern<br />
ihre Produkte ja vermarkten wollen, ohne eine Gentechnik-Kennzeichnung<br />
draufzuschreiben. Genau diesen offenen Bereich regeln wir.
</p>
<p>
<b>nabuler:</b> Wird der Schutz von Naturschutzgebieten vor<br />
gentechnisch veränderter Organismen (GVO) bleiben oder im Gerangel<br />
um einen Kompromiss mit der Union geopfert?
</p>
<p>
<b><img decoding="async" src="http://www.politik-digital.de/salon/transcripte/photos/rkuenast1.jpg" align="right" height="181" width="200" />Renate<br />
Künast:</b> Da fragt immer jemand nach Opfern. Ich würde lieber<br />
die Frage haben, wen man unterstützen kann. Jetzt lautet unser<br />
Vorschlag, dass in ökologisch sensiblen Gebieten eine Entscheidung<br />
der regionalen Naturschutzbehörden erfolgen muss. Und ich glaube,<br />
dass aus den Regionen schon sehr viel Druck auf die Bundesländer<br />
kommt, diese Regel auch zu halten. Wir haben jetzt nämlich 33 gentechnikfreie<br />
Zonen, ein Großteil davon ist in ökologisch sensiblen Gebieten.
</p>
<p>
<b>leckerland:</b> Genmais-Anbau: Die Rahmenrichtlinie 2001/18/EG<br />
der EU verlange ein öffentlich zugängliches Anbauregister.<br />
Stimmt das und gibt es so eins in Deutschland? Wenn nicht, warum?
</p>
<p>
<b>Renate Künast:</b> Es muss ein öffentlich zugängliches<br />
Standort-Register eingeführt werden. Das ist schon Basis, um überhaupt<br />
eine wissenschaftliche Begleitung machen zu können. Wir wollen<br />
sie auch nutzen als Auskunftsregister für den Nachbarbauern. Das<br />
ist Bestandteil unseres Gesetzes.
</p>
<p>
<b>Moderatorin:</b> Der Deutsche Bauernverband fordert klare Regelungen<br />
für den Anbau von gentechnisch veränderten Pflanzen. Sie hätten<br />
es versäumt, die EU-Freisetzungsrichtlinie rechtzeitig 2002 in<br />
nationales Recht umzusetzen. Stimmt der Vorwurf?
</p>
<p>
<b>Renate Künast:</b> Richtig ist, dass die Umsetzungsfrist im<br />
Oktober 2002 lag. Ich wurde 2003 zuständig und habe es sofort angepackt.<br />
Aber in Richtung Bauernverband ist natürlich die Frage zu stellen,<br />
warum sie mein Gesetz jetzt nicht vehement unterstützen. Der Bauernverband<br />
muss doch eigentlich die Interessen der Bauern vertreten. Und die sagen<br />
zu 70 Prozent, sie wollen keine Gentechnik und sie brauchen Schutzregeln<br />
für ihren Betrieb.
</p>
<p>
<b>H.Direske foodwatch:</b> Für echte Wahlfreiheit der<br />
Verbraucher müsste auch der Gentechnik-Futtereinsatz auf Endprodukten<br />
deklariert werden. Werden Sie sich dafür einsetzen?
</p>
<p>
<b>Renate Künast:</b> Ich werde mich wieder dafür einsetzen.<br />
Wir haben es nämlich versucht, aber die Europäische Kommission<br />
hat argumentiert, dass sich die gentechnische Veränderung nicht<br />
in Fleisch, Milch oder Käse nachweisen lässt. Deshalb sei<br />
das nach den internationalen Kennzeichnungsregeln nicht zulässig.<br />
Also müssen wir jetzt weiter forschen.
</p>
<p>
<b>grünertag:</b> Ist ihr Gesetz ein Gentechnik-Verhinderungsgesetz?
</p>
<p>
<b>Renate Künast:</b> Das ist ein Gesetz gegen die schleichende<br />
Dominanz von Gentechnik, und es soll sicherstellen, dass die Bauern,<br />
die keine Gentechnik anwenden wollen, auch noch eine Chance haben.
</p>
<p>
<b>jägerauskurpfalz:</b> Die Geheimhaltung der Standorte<br />
von Genmais-Anbau ist ein umweltpolitischer Skandal. Was werden sie<br />
dagegen unternehmen? Oder haben sie die genehmigt?
</p>
<p>
<b>Renate Künast:</b> Dieser Versuch ist federführend von<br />
Sachsen-Anhalt betrieben worden und die Vereinbarung, die die mit den<br />
Saatgutunternehmen geschlossen haben, sieht keine Bekanntgabe der Standorte<br />
vor. Im Augenblick versuchen die Agrarminister der Länder, und<br />
offenbar sogar der Bauernverband, doch noch zu einer Veröffentlichung<br />
zu kommen. Für die Zukunft kann das neue Gentechnikgesetz diese<br />
Probleme lösen (Standortregister).
</p>
<p>
<b>Moderatorin:</b> Wenn es so durchkommt. Wie stehen die Chancen,<br />
dass die Union in Ihrem Sinne mit Ihnen verhandelt?
</p>
<p>
<b>Renate Künast:</b> Ja, die CDU-Länder haben ja vorgeschlagen,<br />
statt unserer Standortregelungen einen Standortfond einzurichten. Aber<br />
sie haben sich im Bundesrat nicht getraut, eine gesetzliche Regelung<br />
vorzuschlagen. Danach sollen die Hersteller einen angemessenen Beitrag<br />
zahlen und der Rest soll aus dem Bundesetat kommen. Das ist natürlich<br />
ein unsittlicher Antrag. Aus meinem Etat zahle ich nichts. Dann müsste<br />
ich ja auch für alle anderen Produzenten Haftungsrisiken übernehmen.<br />
Es wird also schwierig.
</p>
<p>
<b>cami:</b> Der Verbraucher greift im Supermarkt in der<br />
Regel zum billigsten Produkt, es interessiert nur der Preis. Ihre Ziele<br />
werden am Geiz des Verbrauchers scheitern und damit werden auch viele<br />
landwirtschaftliche Betriebe, die in Deutschland viele Wettbewerbsnachteile<br />
haben, &quot;pleite&quot; gehen. Warum verschließen Sie ihre Augen<br />
vor der Realität?
</p>
<p>
<b>Renate Künast:</b> Es gibt zwei Märkte, die wachsen. Der<br />
Billigmarkt und der Markt hoher Qualität, bzw. Ökomarkt. Der<br />
Fragesteller hat Recht, dass sich die Verbraucher hier oft kurios verhalten.<br />
Einige kaufen billig, billig, und fragen dann erstaunt, wo die Arbeitsplätze<br />
geblieben sind. Beides geht natürlich nicht zusammen. Wenn die<br />
WTO-Verhandlungen erfolgreich abgeschlossen sind, werden wir noch mehr<br />
Konkurrenz bei den Agrarprodukten haben. Die deutsche Landwirtschaft<br />
muss also ihren Teil des Marktes finden. Meines Erachtens können<br />
das nur Qualitätsprodukte sein oder nachwachsende Rohstoffe.
</p>
<p>
<b>kristin:</b> Werden Bioprodukte dann nicht noch teurer<br />
oder werden gentechnische Produkte kostspieliger sein?
</p>
<p>
<b>Renate Künast:</b> Das wird davon abhängen, wer den Aufwand<br />
zu zahlen hat. Ich meine, dass der, der eine neue Technologie auf den<br />
Markt bringt, auch die Verpflichtung hat, den anderen zu schützen.<br />
Also müssen die Gentechnikanbauer Abstandsregeln einhalten und<br />
gegebenenfalls Schadensersatz zahlen. Eines sehen wir natürlich<br />
alle: Dass hier große Lobbys am Werk sind.
</p>
<p>
<b>User27:</b> Thema Verbraucherschutz/Information: Wieso<br />
kann man zwar den Abfüllort/Verpackungsort eines Produktes feststellen,<br />
aber nicht den Herstellungsort? Vor allem bei wenig verarbeiteten Produkten<br />
wäre das sehr sinnvoll. Z.B. wird Fleisch einfach nochmals in Deutschland<br />
umgepackt, damit es „deutsch&quot; ist.
</p>
<p>
<b>Renate Künast:</b> Der ganze Kennzeichnungsbereich bei den<br />
Lebensmitteln muss meiner Meinung nach klarer geregelt werden. Die EU<br />
will ja gerne die Regionen stärken. Und Herkunftsbezeichnungen<br />
international verankern. Dann muss man dem Produkt auch ansehen, wo<br />
es tatsächlich herkommt. Leider hat die Europäische Kommission<br />
hier gerade Ideen, alles hinter einer europäischen Herkunft zu<br />
verstecken. Dem werden wir nicht zustimmen.
</p>
<p>
<b>Agrarhandel:</b> GVO-Freiheit soll vom Handel und den<br />
Landwirten garantiert werden. Wie soll das funktionieren, wenn noch<br />
nicht mal die Saatguthersteller eine GVO-Freiheit garantieren? Ganz<br />
abgesehen von den noch nicht festgelegten Grenzwerten.
</p>
<p>
<b>Moderatorin:</b> GVO heißt gentechnisch veränderte Organismen.
</p>
<p>
<b>Renate Künast:</b> Der sehr wichtige noch offene Punkt im Bereich<br />
GVO ist die Frage der Schwellenwerte für Saatgut. Wir wollen diese<br />
bei der Nachweisgrenze festgelegt sehen. Das ist Voraussetzung dafür,<br />
dass die Landwirte tatsächlich unter den Schwellenwerten für<br />
Lebensmittel bleiben können. Diese Nachweisgrenze wird im Augenblick<br />
noch innerhalb der Kommission in Brüssel sehr strittig diskutiert.
</p>
<p>
<b>fleischer:</b> In Brandenburg gab es doch den Skandal<br />
um verseuchtes Futtermittel? Aber die Justiz konnte wenig machen, da<br />
die Gesetze kaum Strafen vorsehen. Unglaublich, werden sie das ändern?
</p>
<p>
<b>Renate Künast:</b> Leider kann ich nicht auch noch die Rolle<br />
der Staatsanwältin übernehmen. Meine Mitarbeiter sehen die<br />
Lücke, die die Staatsanwälte gesehen haben, nicht. Trotzdem<br />
werten wir deren Gutachten aus und überlegen dann, mit dem Bundesministerium<br />
für Justiz, ob Änderungen nötig und möglich sind.<br />
Aber bitte nicht vergessen, dass der Fehler viel früher liegt.<br />
Der Fehler ist da entstanden, wo keine hinreichende Kontrolle der Lagerstätte<br />
erfolgt ist. Das versteht kein Mensch, dass eine Halle, von der alle<br />
in der Umgebung wissen, dass sie in der DDR ein Lager für gefährliche<br />
Pflanzenschutzmittel war, ohne Kontrollen zur Lagerung für Getreide<br />
genutzt werden kann.
</p>
<p>
<b>strikt4:</b> Frau Künast, haben sie schon mal gentechnisch<br />
veränderte Lebensmittel gegessen?
</p>
<p>
<b>Renate Künast:</b> Ich weiß es nicht, es gab ja keine<br />
Kennzeichnung.
</p>
<p>
<b>Moderatorin:</b> Stichwort Agrarsubventionen:
</p>
<p>
<b>zeus:</b> Kurz vor den EU-Wahlen werden sie sicher die<br />
Agrarsubventionen nicht ansprechen, aber werden sie da einschreiten<br />
und den Irrsinn stoppen?
</p>
<p>
<b>Renate Künast:</b> Wir haben gerade in der Beratung in Bundestag<br />
und Bundesrat eine grundlegende Änderung der Agrarsubvention. Dann<br />
wird es in Zukunft in Deutschland in den Regionen einheitliche Flächenprämien<br />
geben und es wird nicht mehr der bevorzugt, der bestimmte Produkte anbaut<br />
oder besonders viele Tiere hält. Außerdem gibt es konkrete<br />
Umweltauflagen, bei deren Nichteinhaltung Geld zurück gefordert<br />
werden kann. Das sind eigentlich alles Selbstverständlichkeiten,<br />
ich will dieses am 9. Juli dann endlich durch den Bundesrat kriegen.<br />
Das wäre dann ein Grund zu feiern.
</p>
<p>
<b>Imanuell:</b> Frau Ministerin, bleiben Sie auch heute<br />
noch bei Ihrer Aussage, dass bis 2010 rund 20 Prozent der landwirtschaftlichen<br />
Fläche ökologisch bewirtschaftet wird?
</p>
<p>
<b>Renate Künast:</b> Ich bleibe dabei, und esse darauf einen<br />
Ökokeks &#8211; wenn es davon einen hier gäbe. Im Juni diskutieren<br />
wir in Brüssel einen europäischen Aktionsplan zur Förderung<br />
des Ökolandbaus. Das ist also auch eine gute Unterstützung.
</p>
<p>
<b>klausi:</b> Frau Ministerin, ich frage mich, wie glaubwürdig<br />
Ihre Politik noch ist, wenn Sie durch grundsätzlich sinnvolle Verordnungen<br />
und Gesetzte Tierschutz verordnen, diese aber im grenznahen Bereich<br />
nicht mehr greifen (Beispiel: Legehennen an der Tschechischen Grenze.)<br />
Wie reagiert die deutsche bzw. europäische Politik darauf?
</p>
<p>
<b>Renate Künast:</b> Wir haben den Tierschutz ins Grundgesetz<br />
geschrieben. Und ich glaube, dass allein daraus eine gute Begründung<br />
abzuleiten ist, warum es in Deutschland in Zukunft keine Käfige<br />
mehr geben soll, bei denen eine Legehenne so viel Platz hat wie ein<br />
Din-A4-Blatt. Damit gehen wir der EU einen Schritt voran. Was wir natürlich<br />
tun müssen, ist die Verbraucher aufzuklären, z.B. über<br />
die Kennzeichnung von Eiern, um so den Konsum von Nicht-Käfig-Eiern<br />
zu steigern.
</p>
<p>
<b>boogyboy:</b> Ist es nicht kurios, dass die Landwirtschaftsminister<br />
sich in der Leghennenhaltung auf die &quot;Kleinvolière&quot;<br />
als Zukunftsmodell geeinigt haben, obwohl bisher keine Kriterien für<br />
diese Haltungsform festgelegt wurden?
</p>
<p>
<b>Renate Künast:</b> Wir haben eine gesetzliche Regelung, die<br />
sagt dass die Käfige in Deutschland abgeschafft werden. Einige<br />
Bundesländer haben versucht, dieses Gesetz über den Bundesrat<br />
wieder zu kippen. Weil ich dieses nicht unterschrieben habe, hatten<br />
meine Kollegen den kleinen Zwang, sich mit mir über zukünftige<br />
Gestaltungen zu einigen. So ist der Begriff &quot;Kleinvolière&quot;<br />
entstanden, der zwei Aussagen hat: Erstens, die Länderminister<br />
werden nicht wieder versuchen, das Käfigverbot zu kippen und zweitens,<br />
sie wollen mit uns konstruktiv eine Haltungsform entwickeln, die eben<br />
den Tieren mehr Bewegungsmöglichkeiten bietet, als ein Käfig.<br />
Das ist doch schon einmal eine Vereinbarung, auch wenn es für die<br />
Fachleute noch viel zu entwickeln gibt.
</p>
<p>
<b>H.Direske foodwatch:</b> Wann beginnt die Agrarwende in<br />
der konventionellen Landwirtschaft? Wann kommen Instrumente wie Stickstoff-<br />
oder Pestizidabgaben, um wenig umweltfreundliche Produktionsweisen zu<br />
verteuern?
</p>
<p>
<b>Renate Künast:</b> Die Agrarwende kommt nicht mit einem Donnerschlag<br />
sondern mit vielen Einzelschritten. Wir haben Förderkriterien verändert,<br />
z.B. bezahlen wir kein Geld mehr für Hühnerkäfige. Wir<br />
wollen am 9. Juli das neue Fördersystem verabschieden. Dann wird<br />
der Unterschied zwischen Mais und Grünland endlich aufgelöst.<br />
Und wir werden auch ein Pestizidminimierungsprogramm vorstellen. Änderungen,<br />
z.B. der Düngeverordnung, sind schon auf dem Weg.
</p>
<p>
<b>Moderatorin:</b> Zum Abschluss dieses Komplexes:
</p>
<p>
<b>rolando:</b> Werden Sie weiterhin für Insellösungen<br />
in der EU sein? Ich denke dabei an die Legehennenhaltung, Gentechnik,<br />
Tierschutz. Unseren Nachbarländer wird das sicher nur Recht sein,<br />
ihnen öffnet sich ein ansehnlicher Markt, unsere Erzeuger gehen<br />
dabei vor die Hunde. Frau Ministerin ich glaube Sie haben die Zeichen<br />
der Zeit noch nicht erkannt?
</p>
<p>
<b>Renate Künast:</b> Ich habe am letzten Freitag auf der Landesbauernversammlung<br />
in Brandenburg einen anderen Eindruck bekommen. Die Bauern, gerade die<br />
jüngeren, richten sich längst an den neuen Bedingungen aus<br />
und sehen auch Chancen. Die sieht ja selbst Herr Stoiber. Der zwar im<br />
Bundesrat das Erneuerbare Energien-Gesetz blockiert, aber den chinesischen<br />
Ministerpräsidenten als erstes auf einen Bauernhof führte,<br />
um die neue, mit rot-grünen Geldern bezahlte Biogas-Anlage zu besichtigen.
</p>
<p>
<b>Moderatorin:</b> Nun kommen wir zum Thema Handytarife bei Kindern<br />
und Jugendlichen:
</p>
<p>
<b>dan11:</b> Sie fordern spezielle Handy Tarife für<br />
Jugendliche wegen der zum Teil hohen Verschuldung. Die Industrie lebt<br />
doch ganz gut von der SMS-Sucht mancher Jugendlicher &#8211; wollen Sie von<br />
gesetzgebender Seite einwirken?
</p>
<p>
<b>Renate Künast:</b> Wir haben angefangen, überhaupt in<br />
diesem Bereich Telekommunikation Regeln einzuziehen, damit, angefangen<br />
beim Internet, die Menschen überhaupt erkennen, dass sie gerade<br />
einen Vertrag abschließen, der Geld kostet. Allein für den<br />
nationalen Bereich bei den Handys Regelungen zu erlassen, dauert nicht<br />
nur Zeit sondern würde viele Angebote auf dem Markt gar nicht mit<br />
einschließen wenn sie nicht aus Deutschland kommen. Deshalb ein<br />
allererster Schritt, die Forderung an die Anbieter in Deutschland, spezielle<br />
Tarife für Kinder anzubieten. Die wollen ja auf lange Zeit Gewinne<br />
machen und sie müssen wissen, die zunehmende Verschuldung bei Kindern<br />
kann sich auch einmal gegen sie richten.
</p>
<p>
<b>Moderatorin:</b> Aber werden Sie sich für ein Gesetz stark<br />
machen?
</p>
<p>
<b>Renate Künast:</b> Punkt eins ist, die Forderung einen Tarif<br />
für Kinder anzubieten. Punkt zwei: Wir haben ja Schutzregeln für<br />
Kinder im BGB. Jetzt müssen wir analysieren, ob das ausreicht für<br />
diese Technologien. Dann müssen wir mit den anderen Ressorts gegebenenfalls<br />
neue Regeln passgenau für diese Technologien entwickeln.
</p>
<p>
<b>Moderatorin:</b> Zuwanderung: Haben sich die Grünen beim Zuwanderungskompromiss<br />
nicht über den Tisch ziehen lassen?
</p>
<p>
<b>Renate Künast:</b> Wahr ist, dass Angela Merkel und Stoiber<br />
eine wahre Kommunikationsblase entwickelt haben, in der nichts ist als<br />
heiße Luft. Wir haben den quälenden Prozess erst einmal gestoppt.<br />
Und mit dem Kanzler ein konkretes Angebot entwickelt. Auf dieses rot-grüne<br />
Angebot ist Stoiber eingegangen, als angeboten wurde, dass für<br />
Integrationsmaßnahmen der Bund aufkommt. Da auch die Wirtschaft<br />
eine Modernisierung des Rechtes fordert, blieb wohl Frau Merkel nichts<br />
anderes übrig, als ja zu sagen. Das ist meine Sicht der Dinge.
</p>
<p>
<b>Moderatorin:</b> Schily, Beckstein und Müller arbeiten nun<br />
an den Details. Hat Ihr Verhandlungsführer Volker Beck denn nun<br />
Einflussmöglichkeiten?
</p>
<p>
<b>Renate Künast:</b> Die CDU suggeriert hier etwas, das nicht<br />
stattfinden wird. Der Kanzler hat die Punkte vorgelegt, und nur aus<br />
denen wird ein Gesetz gemacht. Da ist nichts nachzuverhandeln.
</p>
<p>
<b>Moderatorin:</b> Letzte Frage:
</p>
<p>
<b>kevin.lomax:</b> Sehr geehrte Frau Künast, grundsätzlich<br />
&#8211; welches Verbraucherbild haben sie? Das des aufgeklärten mündigen,<br />
oder das des schutzbedürftigen, die Übersicht verloren habender?
</p>
<p>
<b>Renate Künast:</b> Das des informierten Bürgers. Voraussetzung<br />
ist natürlich, dass er Zugang zu Informationen hat. Deshalb fördern<br />
wir ja Kennzeichnungen und werden das Verbraucherinformationsgesetz<br />
neu auflegen. Aber es gibt natürlich auch Schutzsituationen, die<br />
übrigens das deutsche Recht schon lange kennt. Deshalb gibt es<br />
ja Regeln für minderjährige, gegen Wucher und z.B. spezielle<br />
Regeln für Haustürgeschäfte.
</p>
<p>
<b>Moderatorin:</b> Unsere Zeit ist bereits um. Vielen Dank<br />
an alle User für das große Interesse. Etliche Fragen sind<br />
leider unbeantwortet geblieben. Vielen Dank, Frau Künast, dass<br />
Sie sich Zeit für den Chat genommen haben. Das Transkript dieses<br />
Chats finden Sie auf den Seiten der Veranstalter. Das tacheles.02-Team<br />
wünscht allen noch einen angenehmen Tag!
</p>
<p>
<b>Renate Künast:</b> Ich danke für die Fragen und begebe<br />
mich gleich in den Bundestag, wo das Gentechnikgesetz, über das<br />
hier gechattet wurde, in erster Lesung diskutiert wird.</p>
]]></content:encoded>
					
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			</item>
		<item>
		<title>Europa und Gentechnik</title>
		<link>https://www.politik-digital.de/chattranscripte/europa_und_gentechnik-208/</link>
					<comments>https://www.politik-digital.de/chattranscripte/europa_und_gentechnik-208/#respond</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[mfrost]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 23 May 2004 23:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Chattranscripte]]></category>
		<category><![CDATA[Angelika Zahrnt]]></category>
		<category><![CDATA[Bund für Umwelt und Naturschutz Gentechnik]]></category>
		<category><![CDATA[Verbraucherschutz]]></category>
		<category><![CDATA[Europa]]></category>
		<category><![CDATA[Europapolitik]]></category>
		<category><![CDATA[Europäische Union]]></category>
		<category><![CDATA[Umweltpolitik]]></category>
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					<description><![CDATA[<b>Angelika Zahrnt (BUND)<!-- #EndEditable --> 
im europathemen-Chat am <!-- #BeginEditable "chat_datum" -->24.05.2004</b>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><b>Angelika Zahrnt (BUND)<!-- #EndEditable --><br />
im europathemen-Chat am <!-- #BeginEditable "chat_datum" -->24.05.2004</b><!--break--><b><!-- #EndEditable --><br />
</b><br />
<!-- #BeginEditable "chat" --> </p>
<p>
<b><b>Moderator:</b></b> Sehr geehrte Damen und Herren, herzlich<br />
willkommen im Chat von Europathemen und Arte! Unser heutiger Gast ist<br />
eine der zentralen Personen in der deutschen Debatte um Umweltschutz<br />
und Nachhaltigkeit. Wir freuen uns, Dr. Angelika Zahrnt, Vorsitzende<br />
des BUND seit 1998, bei uns begrüßen zu dürfen. Der<br />
BUND feierte im Jahr 2000 seinen 25. Geburtstag und dürfte damit<br />
einer der ältesten Umweltschutzorganisationen in Deutschland sein.<br />
Er hat über 365.000 Mitglieder und ist damit der größte<br />
Umweltverband Deutschlands. Wir sind gespannt auf Ihre Fragen, liebe<br />
Chatter und Chatterinnen. Wir freuen uns, dass Sie sich die Zeit nehmen,<br />
Frau Zahrnt! Können wir beginnen?
</p>
<p>
<b><b><img decoding="async" src="http://www.politik-digital.de/salon/photos/azahrnt.jpg" alt="Angelika Zahrnt, BUND-Vorsitzende" align="left" height="113" width="82" />Angelika<br />
Zahrnt:</b></b> Ja, gerne.
</p>
<p>
<b><b>Moderator:</b></b> Schön! Steigen wir gleich ein<br />
mit einer Frage einer französischen Chatterin!
</p>
<p>
<i><i>Übersetzung:</i></i> <b>Antoine:</b> Viele Franzosen<br />
wollen keine gentechnisch manipulierten Lebensmittel konsumieren, denn<br />
sie denken, dass sie dadurch auf lange Sicht gesundheitliche Risiken<br />
eingehen. Das beeinflusst die Produzenten und Händler, die mehr<br />
und mehr die GMO aus ihrem Sortiment verbannen. Glauben Sie nicht, dass<br />
das Gesetz von Angebot und Nachfrage reichen wird, um die GMO aus den<br />
Regalen der Supermärkte verschwinden zu lassen?
</p>
<p>
<b><b>Moderator:</b></b> (GMO = Gentechnisch modifizierte<br />
Organismen)
</p>
<p>
<b><b>Angelika Zahrnt:</b></b> Es ist sehr wichtig, dass<br />
wir jetzt ein Gesetz haben zur Kennzeichnung von Produkten, die gentechnisch<br />
modifizierte Organismen enthalten, denn nur dadurch haben die Verbraucherinnen<br />
und Verbraucher überhaupt die Chance, zwischen Produkten ohne Gentechnik<br />
und solchen mit Gentechnik zu entscheiden. Noch besser ist es allerdings,<br />
wenn die Macht der Verbraucher schon im Vorfeld wirksam ist und wir<br />
wegen der Ablehnung der Gentechnik durch die Verbraucher – wie<br />
sie in Umfragen dokumentiert ist – dazu kommen, dass Lebensmittelunternehmen<br />
Produkte mit Gentechnik gar nicht erst in ihr Sortiment aufnehmen.
</p>
<p>
<b><b>Moderator:</b></b> Wir bleiben für eine Weile<br />
bei der Gentechnik, zu diesem Thema liegen bereits einige Fragen vor:
</p>
<p>
<b>Jürgen:</b> Reicht die gesetzliche Vorschrift der<br />
Kennzeichnungspflicht für genmanipulierte Lebensmittel aus?
</p>
<p>
<b><b>Angelika Zahrnt:</b></b> Zum einen denken wir, dass<br />
die Kennzeichnungspflicht nicht streng genug ist. Der Grenzwert sieht<br />
jetzt so aus, dass ein Anteil von 0,9 Prozent einer Zutat gentechnisch<br />
verändert sein darf. Das ist für uns zu hoch. Was auch problematisch<br />
ist: dass tierische Produkte nicht gekennzeichnet werden, also Fleisch,<br />
Eier, Milch, bei denen die Tiere mit gentechnisch veränderten Futtermitteln<br />
gefüttert worden sind.
</p>
<p>
<b>kjd:</b> Kennzeichnung von Gentechnik-Essen: Wie läuft<br />
das derzeit in der Praxis? Gut oder schlecht?
</p>
<p>
<b><b>Angelika Zahrnt:</b></b> Es läuft gut. Und zwar,<br />
weil es bei uns derzeit noch fast keine Produkte gibt, die den Grenzwert<br />
überschreiten. Es gibt einige Produkte, in denen gentechnisch veränderte<br />
Organismen enthalten sind, wie zum Beispiel Cornflakes oder Sojamehl;<br />
diese sind aber schon seit 1997 gekennzeichnet. In diesen Produkten<br />
sind die gentechnisch veränderten Organismen direkt im Produkt<br />
nachweisbar. Neu in der Regelung vom April ist, dass nun auch Produkte<br />
gekennzeichnet werden müssen, die zum Beispiel aus Gen-Raps produziert<br />
worden sind, wo aber das Produkt, zum Beispiel das Öl, durch den<br />
Verarbeitungsprozess keine nachweisbaren gentechnisch veränderten<br />
Organismen mehr enthält. Dass wir bisher so wenig Genprodukte auf<br />
dem Markt haben, ist eindeutig ein Erfolg der klaren Ablehnung der Verbraucherinnen<br />
und Verbraucher und der Politik der Umwelt- und Verbraucherverbände.
</p>
<p>
<b><b>Moderator:</b></b> Das Thema spielt natürlich<br />
auch auf EU-Ebene eine Rolle:
</p>
<p>
<b>June21:</b> Nach EU-Regelung müssen Lebensmittel<br />
mit genveränderten Inhaltsstoffen speziell gekennzeichnet werden.<br />
Reicht das?
</p>
<p>
<b><b>Angelika Zahrnt:</b></b> Darüber haben wir eben<br />
gesprochen. Die Regelung ist EU-weit gültig. Die Grenzwerte sind<br />
uns wie gesagt zu hoch, und die Kennzeichnungspflicht muss auch auf<br />
tierische Produkte ausgeweitet werden – damit die Verbraucher<br />
die Wahl haben, sich für Milchprodukte und Fleisch zu entscheiden,<br />
bei denen auch in den Futtermitteln keine Gentechnik ist. Und damit<br />
für eine gentechnikfreie Landwirtschaft.
</p>
<p>
<b><b>Moderator:</b></b> Eine Frage eines weiteren franz.<br />
Nutzers:
</p>
<p>
<i>Übersetzung:</i> <b>Adélaide:</b> Gibt es<br />
eine europäische Koordinierung der Anti-GMO-Bewegungen?
</p>
<p>
<b>Angelika Zahrnt:</b> Ja, wir arbeiten europaweit zusammen. Der BUND<br />
gehört zu der internationalen Umweltbewegung Friends of the Earth,<br />
Amis de la Terre. Wir haben eine europaweite Kampagne gegen Gentechnik<br />
und arbeiten auch mit anderen Umweltverbänden in Europa zusammen.
</p>
<p>
<b>nicht-wisser:</b> Guten Abend. Frau Zahrnt, lässt<br />
sich in Sachen GVO überhaupt noch etwas wesentliches zurückdrehen<br />
oder muss jetzt nur noch &quot;umgegangen&quot; und Schaden begrenzt<br />
werden?
</p>
<p>
<b>Angelika Zahrnt:</b> An den derzeitigen Gesetzen kann man wohl kurzfristig<br />
nichts Wesentliches ändern. Aber es gibt verschiedene wichtige<br />
Möglichkeiten zu handeln. Wegen des Widerstands der Verbraucher<br />
und Verbraucherinnen haben Gentechnikprodukte auf dem Markt keine Chance.<br />
Das führt die Lebensmittelanbieter dazu, diese Produkte zu meiden<br />
und es führt die Saatgut-Produzenten von gentechnisch veränderten<br />
Saatgut in große wirtschaftliche Schwierigkeiten in Europa. Außerdem<br />
gibt es die Möglichkeit, möglichst viele Bauern zu überzeugen,<br />
kein gentechnisch verändertes Saatgut anzuwenden und sich in gentechnikfreien<br />
Regionen zusammenzuschließen und mit dieser Gentechnikfreiheit<br />
dann auch zu werben. Das Argument, man könne sowieso nichts mehr<br />
machen, die Sache sei gelaufen, man könne der Gentechnik nicht<br />
entgehen – ist ganz stark ein Argument der Industrie, um den Widerstand<br />
zu brechen und eine fatalistische Stimmung zu erzeugen. Aber diese Rechnung<br />
ist nicht aufgegangen.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Die Macht der Verbraucher in allen Ehren, aber als<br />
wirkliche Pressure-Group hat sich die Gruppe der Verbraucher noch nicht<br />
hervorgetan. Welche positiven Beispiele von &quot;Verbraucher-Macht&quot;<br />
durch Konsumverzicht kennen Sie bislang? Meistens verhallen diese Boykott-Aufrufe<br />
ja ungehört. (Beispiele gerne auch jenseits der Gentechnik und<br />
dem Fruchtboykott Südafrikas)
</p>
<p>
<b>Angelika Zahrnt:</b> Es gibt in der Gentechnik ein ganz gutes Beispiel<br />
für einen Verbraucherboykott: Die Firma Nestlé hat 1998<br />
versucht, einen Gen-Knabberriegel mit dem schönen Namen &quot;Butterfinger&quot;<br />
groß herauszubringen. Gerade für Jugendliche. Das ist auf<br />
Grund der Kampagnen und Aufklärung gründlich danebengegangen.<br />
Die Riegel sind in den Regalen geblieben, und Nestlé hat sie<br />
vom Markt genommen. Auch in anderen Bereichen gibt es positive Beispiele:<br />
Die Kennzeichnung von Teppichen, die mit Kinderarbeit hergestellt wurden<br />
oder von Fußbällen und auch die Clean-Clothes-Kampagne für<br />
eine Kleidung, die unter fairen Bedingungen in den Dritte-Welt-Ländern<br />
hergestellt wurden, zeigen bei den deutschen Herstellern, die ihre Produkte<br />
von dort beziehen, durchaus Wirkung, indem sie sich für bessere<br />
Arbeitsbedingungen bei ihren Zulieferern einsetzen.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Eine Nachfrage zur &quot;Macht der Regelungen&quot;,<br />
die zu Ihrer Antwort passt:
</p>
<p>
<b>Einemann4:</b> Die Forderung, dass Konsumgüter, die<br />
in die EU importiert werden, gleichen Sicherheitsstandards entsprechen,<br />
wie jene, die in der EU produziert werden, gleicht doch einem Einfuhrstopp.<br />
Wie soll man solche Sicherheitsstandards zum Beispiel in Dritte-Welt-Ländern<br />
prüfen? Und die USA würden dies sicherlich nur als Vorwand<br />
sehen, sich von der Konkurrenz abzuschotten.
</p>
<p>
<b>Angelika Zahrnt:</b> Das ist die Auseinandersetzung zwischen der<br />
Forderung nach hohen Standards im Gesundheits- und Umweltbereich und<br />
dem Argument, dass hiermit der Wettbewerb behindert würde. Mit<br />
diesem Argument sind die USA vor die Welthandelsorganisation WTO gezogen,<br />
um das Moratorium, das heißt das zeitweilige Verbot zur Einfuhr<br />
gentechnisch veränderte Produkte in die EU, zu verhindern. Nach<br />
unserer Auffassung müssen auch Produkte aus Entwicklungsländern<br />
die gleichen Verbrauchsstandards erfüllen. Wir Industrieländer<br />
müssen aber gleichzeitig mit finanzieller Unterstützung dazu<br />
beitragen, dass diese Produkte in den Entwicklungsländern in dieser<br />
Qualität auch produziert werden und die Kontrolle durchgeführt<br />
werden können. Es gibt auch ein weiteres Beispiel, das diesen Konflikt<br />
deutlich macht: die EU hat ein Verbot für die Einfuhr von Rindfleisch<br />
ausgesprochen, das mit Hormonen produziert wurde, wie das in den USA<br />
üblich ist. Weil die EU die gesundheitlichen Risiken für nicht<br />
abgeklärt hält. Auch dies betrachten die USA als eine Wettbewerbsbeschränkung.<br />
Wir finden es richtig, dass die EU diese Entscheidung so getroffen hat,<br />
denn in diesem sensiblen Bereich der Gesundheit ist eine vorsorgende<br />
Politik wichtig und die Gefahren sind nicht abschätzbar. Außerdem<br />
brauchen wir das Hormonfleisch nicht, das herkömmlich ist von bester<br />
Qualität.
</p>
<p>
<i>Übersetzung:</i> <b>Adélaide:</b> Kürzlich<br />
gab es in Frankreich einen nationalen Tag der Mobilmachung gegen die<br />
GMO. Die Militanten dagegen schienen besorgter über die Risiken<br />
in den Nahrungsmitteln durch die GMO, als über die Risiken in der<br />
Umwelt. Was denken Sie darüber?
</p>
<p>
<b>Angelika Zahrnt:</b> Es gibt beide Risiken: für die Gesundheit<br />
der Menschen, zum Beispiel durch Allergien oder eine mögliche Schwächung<br />
der Immunabwehr. Aber es gibt auch die Risiken für die Biodiversität,<br />
das heißt die Artenvielfalt, wenn gentechnisch veränderte<br />
Pflanzen sich in der Natur auskreuzen, das heißt andere Arten<br />
damit verändert werden. Und wenn andere Tiere diejenigen Schädlinge<br />
fressen, die durch den Verzehr von gentechnisch veränderten Pflanzen<br />
gestorben sind.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Eine Nachfrage:
</p>
<p>
<b>Jürgen:</b> Zum Thema Rindfleisch: War es nicht beim<br />
Thema BSE so, dass die Diskussion nur eine Weile aktuell war und dann<br />
aus den Medien verschwand? Glauben Sie nicht, dass dies beim Thema Genmanipulation<br />
genauso sein wird?
</p>
<p>
<b>Angelika Zahrnt:</b> Es ist nicht so, dass das Thema BSE folgenlos<br />
gewesen wäre. Das Futtermehl das BSE verursacht hat, ist inzwischen<br />
aus dem Futtertrog verschwunden, und so setze ich darauf, dass die Bewegung<br />
gegen Gentechnik dazu führt, dass Genprodukte gar nicht erst in<br />
unseren Lebensmittelmärkten auftauchen. Genauer gesagt: bei dem<br />
Futtermittel handelt es sich um Tiermehl, das von Tierkadavern erzeugt<br />
wurde und das mit der Verursachung von BSE in Verbindung gebracht wurde.<br />
So genau weiß das ja immer noch niemand.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Nochmal zu Futtermitteln, vielleicht können<br />
Sie die folgende Frage, die ein wenig in den Bereich geht, der bereits<br />
beantwortet wurde, noch einmal konkretisieren. Vor allem hinsichtlich<br />
der Strafmöglichkeiten&#8230;
</p>
<p>
<b>ratz:</b> Lebensmittelrecht: Deutschland will das verbessern<br />
– ist das nötig? Ich erinnere mich an verseuchtes Futtermittel,<br />
aber dass das geahndet wurde, habe ich nicht gehört?
</p>
<p>
<b>Angelika Zahrnt:</b> Im neuen Gentechnik-Gesetz steht, dass Produkte,<br />
die Gentechnik enthalten, aber nicht gekennzeichnet sind, mit bis zu<br />
50.000 Euro Strafe belegt werden. Bei den Futtermitteln gab es Skandale,<br />
die aber tatsächlich rechtlich nicht zu den notwendigen rechtlichen<br />
Konsequenzen geführt haben. Deswegen brauchen wir eine Verschärfung<br />
der Gesetzgebung, vor allem aber intensivere Kontrollen und eine umfassende<br />
Auskunftspflicht, vor allem der Futtermittelindustrie, gegenüber<br />
Verbrauchern und vor allem Landwirten. Die Futtermittelindustrie möchte<br />
sich nicht in die Karten sehen lassen und verspricht Selbstkontrolle<br />
– wie die funktioniert, haben wir in der Vergangenheit gesehen.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Wie wahrscheinlich ist es denn, dass die nun möglichen<br />
Strafen wirklich angewendet werden? Und: Ist für einen Großproduzenten<br />
von Futtermitteln die Strafe von 50.000 Euro nicht eine Größe,<br />
die man fast schon kalkulatorisch locker in die betriebswirtschaftliche<br />
Planung schreiben kann?
</p>
<p>
<b>Angelika Zahrnt:</b> Wir finden auch, dass 50.000 Euro eine zu geringe<br />
Summe sind, und wir denken, dass der wirtschaftliche Schaden, den ein<br />
solcher Skandal verursachen würde, größer ist und, wir<br />
als Umweltverbände werden uns große Mühe geben, dass<br />
solche Verstöße auch entsprechend angeprangert werden und<br />
zu einem Imageschaden werden.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Hier die Bitte um einen Kommentar:
</p>
<p>
<b>ratz:</b> Welchen Kurs schlägt die Politik gerade<br />
ein: Pro Verbraucher oder Pro Wirtschaft? Ist das zu vereinbaren?
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Vielleicht kann man das auch getrennt beantworten<br />
– nach nationaler und EU-Ebene?
</p>
<p>
<b>Angelika Zahrnt:</b> Das ist schwer zu beantworten. Pro Verbraucher<br />
und pro Wirtschaft sind in einem engen Clinch. In der BRD kann man das<br />
identifizieren mit Frau Künast gegen Wirtschaftsminister Clement,<br />
in der Klimapolitik zwischen dem Umweltminister Trittin und wieder Clement.<br />
Auch auf europäischer Ebene sieht das ähnlich aus: Die Umweltkommissarin<br />
Frau Wallström muss sich mit der Binnenmarktkommission/Wirtschaftskommission<br />
heftig auseinandersetzen. Im Augenblick weht der Verbraucher- und Umweltpolitik<br />
ein heftiger Gegenwind entgegen. Aber die Wähler/innen können<br />
bei der Europawahl sich entscheiden, ob sie für Kandidaten stimmen,<br />
für die Gesundheit und Umwelt wichtig sind.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Wir bleiben bei der Gentechnik, da dies die meisten<br />
Fragen hier betrifft.
</p>
<p>
<b>Michael:</b> Gibt es Studien darüber, wie viele Menschen<br />
nachweislich durch genmanipulierte Lebensmittel an Allergien oder ähnlichem<br />
erkrankt sind?
</p>
<p>
<b>Angelika Zahrnt:</b> Es gibt bisher keine breit angelegten Studien<br />
und auch keine Untersuchungen, weil die Hersteller von gentechnisch<br />
veränderten Pflanzen kein Interesse daran haben und in den USA,<br />
wo diese gentechnisch veränderte Produkte schon längere Zeit<br />
auf dem Markt sind, schon längere Zeit solche Studien nicht in<br />
Auftrag gegeben werden. Es gab aber einen Vorfall, wo gentechnisch veränderte<br />
Pflanzen, die nur für Futtermittel in den USA zugelassen waren,<br />
dann doch in Produkten, die von Menschen verzehrt wurden, auftauchten<br />
und im Verdacht standen, Allergien erzeugt zu haben. Diese Pflanzen<br />
wurden in einer aufwändigen Rückholaktion aus den Supermärkten<br />
zurückgeholt.
</p>
<p>
<i>Übersetzung:</i> <b>Sophie:</b> Frau Zahrnt, in Frankreich<br />
sind die Verbände der Landwirte sehr stark. Jeder kennt José<br />
Bové. Wie sieht es in Deutschland aus. Gibt es eine Zusammenarbeit<br />
zwischen den Landwirtschaftsverbänden und dem BUND?
</p>
<p>
<b>Angelika Zahrnt:</b> Auch in Deutschland ist José Bové<br />
sehr bekannt, er war letztes Jahr in Berlin. Auch in Deutschland gibt<br />
es bei dem Thema Gentechnik ein breites Bündnis von Umweltverbänden,<br />
Landwirtschaftsverbänden, Kirchen und Verbraucherverbänden.
</p>
<p>
<b>Caulfield:</b> Die nationale Sensibilität ist beim<br />
Thema Umwelt oder Gentechnologie ziemlich unterschiedlich stark ausgeprägt.<br />
Kann man auf europäischer Ebene dennoch eine gemeinsame Umweltpolitik<br />
betreiben?
</p>
<p>
<b>Angelika Zahrnt:</b> Beim Thema Gentechnik ist die Ablehnung in<br />
der gesamten EU sehr groß, etwa drei Viertel der Verbraucher/innen<br />
lehnen sie ab. Bei anderen Umweltthemen ist das sicher unterschiedlich,<br />
und deshalb ist es manchmal auch schwierig, innerhalb der EU gemeinsame<br />
Regelungen zu finden. Aber die Umweltverbände bemühen sich<br />
auch in allen europäischen Ländern, das Umweltbewusstsein<br />
weiter zu verstärken und in Brüssel Druck zugunsten fortschrittlicher<br />
Umweltpolitik zu machen.
</p>
<p>
<b>acker:</b> Es gibt viele wohlklingende Konzepte: Präventiver<br />
Verbraucherschutz, Öko-Anbau. Aber wer kann sich teure Ökoprodukte<br />
leisten? Das ist ein Wohlstandsthema.
</p>
<p>
<b>Angelika Zahrnt:</b> Es stimmt, dass derzeit Produkte aus ökologischen<br />
Anbau teurer sind, aber nur deshalb, weil bei den herkömmlichen<br />
Produkten die Umweltkosten nicht einbezogen sind, zum Beispiel die Kosten,<br />
die die Wasserwerke haben, wenn sie Pestizide wieder aus dem Wasser<br />
herausholen müssen. Außerdem können Verbraucher sich<br />
eine ökologische Ernährung durchaus leisten, auch bei geringen<br />
Budget: wenn sie ihre Ernährung umstellen und zum Beispiel weniger<br />
Fleisch und mehr Gemüse essen, was außerdem gesünder<br />
ist. Weiter möchte ich daran erinnern, dass unsere Lebensmittel<br />
in den letzten Jahrzehnten immer billiger geworden sind. So hat ein<br />
durchschnittlicher Haushalt 1962 36 Prozent seines Einkommens für<br />
Ernährung ausgegeben. Heute sind es nur noch 13 Prozent. Das gilt<br />
für Deutschland. In Frankreich ist die Bereitschaft, für gute<br />
qualitätsvolle Lebensmittel mehr auszugeben, deutlich höher<br />
als bei uns.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Noch einmal kurz zu Europa, danach bereits die letzte<br />
Frage:
</p>
<p>
<b>Jürgen:</b> Ist Europas Verbraucherpolitik für<br />
den Wähler transparent genug?
</p>
<p>
<b>Angelika Zahrnt:</b> Die Verbraucherpolitik in Europa muss transparenter<br />
werden. Und das Europäische Parlament muss in diesem Bereich mehr<br />
Entscheidungen haben.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Noch mal zum Abschluss der Nutzer Jürgen:
</p>
<p>
<b>Jürgen:</b> Zu welcher Ernährung haben Sie Ihre<br />
Kinder erzogen? Waren Sie erfolgreich?
</p>
<p>
<b>Angelika Zahrnt:</b> Ich habe mich relativ früh entschlossen,<br />
ganz konsequent nur im Naturkostladen einzukaufen oder bei einer Demeter-Bäuerin,<br />
die alle 14 Tage Nahrungsmittel vorbeibringt. Die Kinder haben bei einem<br />
Einkauf öfter protestiert, weil sie fanden, dass das im Naturkostladen<br />
doch viel zu teuer sei und man für das Geld doch besser Eis oder<br />
Spielzeug kaufen könnte, wie mir mein Jüngster vorgerechnet<br />
hat. Außerdem sahen sie lange Zeit nicht ein, warum es bei uns<br />
Erdbeeren nur im Mai und Juni gibt – und nicht schon in Februar.<br />
In der Zwischenzeit sind beide erwachsen, recht gesundheitsbewusst und<br />
von den Vorteilen einer gesunden Ernährung überzeugt. Was<br />
mich freut.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Liebe Chatterinnen und Chatter! Die Stunde ist bereits<br />
wieder um. Wir möchten uns bei allen Gästen im Namen von Europathemen<br />
der Bundeszentrale für Politischen Bildung und dem Fernsehsender<br />
Arte herzlich für die Teilnahme an diesem Chat bedanken. Ganz besonders<br />
haben wir uns gefreut, dass Sie, Frau Zahrnt, sich die Zeit genommen<br />
haben, den Nutzern Rede und Antwort zu stehen. Vielen Dank auch an die<br />
Übersetzerinnen, die uns hier für diesen zweisprachigen Chat<br />
zur Seite standen! Wir hoffen, es war für alle Beteiligten interessant!
</p>
<p>
<b>Angelika Zahrnt:</b> Auch mich hat es gefreut, bei diesem Chat dabei<br />
zu sein, und ich möchte gerne noch eine Werbung machen für<br />
unsere Agrarwende des BUND. Schauen Sie doch einmal auf unsere Website<br />
vorbei: <a href="http://www.politik-digital.de/salon/transcripte/www.bund.net" target="_blank" rel="noopener noreferrer">www.bund.net</a> <br />
Dort sehen Sie, was uns die Agrarwende bringen kann. Schöne Landschaft,<br />
gesunde, gentechnikfreie Ernährung und artgerechte Tierhaltung.<br />
Und nicht vergessen: Bei der Europawahl wählen gehen und vorher<br />
die Kandidaten und Kandidatinnen nach ihrer Einstellung zur Gesundheit,<br />
Umwelt- und Verbraucherschutz befragen!
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Zum Beispiel im wahl-o-mat der Bundeszentrale für<br />
Politische Bildung 😉</p>
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