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	<description>Information, Kommunikation, Partizipation</description>
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		<title>Zoten für alle Welt</title>
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		<dc:creator><![CDATA[pglotz]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 01 Jan 1970 00:00:00 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,helvetica"><b>Was die live übertragene Mondlandung fürs
Fernsehen war, ist der Starr-Report für das
Internet ­ die große Medien-Wende</b></span>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><span style="font-size: x-small; font-family: Arial,helvetica"><b>Was die live übertragene Mondlandung fürs<br />
Fernsehen war, ist der Starr-Report für das<br />
Internet ­ die große Medien-Wende</b></span><!--break--></p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,helvetica"><br />
Große Medien-Wenden (wie die, die von den<br />
beweglichen Lettern des Johannes Gutenberg<br />
ausgelöst wurde) setzen sich in vielen revolutionären<br />
Einzelschritten durch, die die Zeitgenossen nicht sofort<br />
als revolutionär erkennen. Das ist heute nicht anders<br />
als zu Gutenbergs Zeiten. Am vergangenen<br />
Wochenende war es so weit: Die Publikation des<br />
Starr-Reports im Internet ist einer der großen<br />
Durchbrüche in die Computer-Galaxis. Das Internet<br />
wird zum Massenmedium.  </span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,helvetica">               Nachdem bekannt geworden war, dass der mit bizarren<br />
Details aus dem Intimleben von Präsident Clinton<br />
gespickte 445- Seiten-Wälzer des Oberanklägers<br />
Kenneth Starr auf Beschluss des Kongresses ins Netz<br />
gestellt worden sei, verwies das Leitmedium unserer<br />
Zeit ­ immer noch das Fernsehen ­ gebannt auf den<br />
neuen Konkurrenten, das Netz der Netze, den großen<br />
Prototyp künftiger Punkt-zu-Punkt-Kommunikation: das<br />
Internet.  </span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,helvetica">               Die CNN-Korrespondentin Sandy Crowley blätterte<br />
aufgeregt in den Intranet-Seiten des Kongresses,<br />
öffnete Hyperlinks und meldete bald darauf, der Report<br />
läge auch auf der Homepage von CNN. Damit begann<br />
der break-through day: Mit 340 000 Zugriffen in der<br />
Minute meldete CNN einen neuen Rekord. Bald hatten<br />
4 Millionen Menschen allein auf den Server des<br />
Kongresses zugegriffen. Fotokopierläden machten<br />
Extragewinne; sie verlangten 40 Dollar für eine Kopie<br />
des Dokuments. Ein Wunder, dass das Netz nicht<br />
zusammenbrach. Am Ende hatten sich unendlich viel<br />
mehr Menschen die Information, nach der sie gierten,<br />
besorgt, als dies auf konventionellem Wege geschehen<br />
wäre. Wer lässt sich solche ­ dazu noch anrüchige ­<br />
Papierstapel schon per Post ins Haus schicken?  </span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,helvetica">               Kein Zweifel, dass der Kongress eine bewusste<br />
Entscheidung getroffen hatte. Schon vor einiger Zeit<br />
hatte man mit einem vergleichbaren Coup schlagartig<br />
Publizität erreicht: Man stellte 39 000 Seiten<br />
Geheimdokumente der Zigaretten-Industrie ins Netz.<br />
Auch hier war das, was man früher ,die Auflage&quot;<br />
nannte, sensationell: 500 000.  </span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,helvetica">               Die Amerikaner sind Medienoptimisten. Sie halten den<br />
Menschen für aufklärbar. Endlich seien die Bürger, so<br />
Christopher Feola vom American Press-Institute, nicht<br />
mehr auf die traditionellen Medien angewiesen, um sich<br />
ihr eigenes Urteil in einem so schwer wiegenden<br />
Prozess wie einem (möglichen)<br />
Amtsenthebungsverfahren gegen einen Präsidenten zu<br />
bilden. Die Publikation des Starr-Reports im Internet ist<br />
ein Ausfluss des amerikanischen Radikalismus in<br />
Sachen Meinungsfreiheit.  </span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,helvetica">               Natürlich hat diese Entscheidung des Kongresses<br />
auch scharfe Kritik ausgelöst. Es sei mehr als pervers,<br />
die Sexgewohnheiten eines Menschen ­ und sei es der<br />
amerikanische Präsident ­ minutiös zu dokumentieren<br />
und dann millionenfach zu verbreiten. Die erotischen<br />
Abenteuer Bill Clintons als primäre Quelle unmittelbar<br />
verfügbar zu machen, und zwar für neugierige<br />
Erotomanen genauso wie für die zuständigen<br />
Staatsanwälte oder Saddam Hussein, sei eine ganz<br />
und gar verwerfliche Zerstörung der Privatsphäre. Die<br />
neuartige Technik der computervermittelten<br />
Kommunikation fördere die Demokratie nicht etwa,<br />
sondern zerstöre sie.  </span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,helvetica">               Diese Kritik ist falsch adressiert. Für ,pervers&quot; mag<br />
man erklären, dass das politische System der<br />
Vereinigten Staaten 40 Millionen Dollar dafür<br />
aufwendet, um einen Tugendterroristen wie Kenneth<br />
Starr in die Lage zu versetzen, das Privatleben des<br />
Präsidenten auszuforschen. Clinton ist ein tüchtiger<br />
Politiker und gleichzeitig ein untreuer Ehemann und<br />
geschmackloser Maniac. Besser so als umgekehrt.<br />
Das Interesse freier (und kapitalistisch organisierter)<br />
Medien am Privatleben prominenter Figuren der<br />
Zeitgeschichte kann man nur schwer unterbinden,<br />
wenn man die Meinungs- und Pressefreiheit nicht<br />
einschränken will. Dass man die Ausforschung des<br />
Privatlebens von Politikern aber auch noch mit<br />
Millionen von Dollar fördert, ist die falsche Konsequenz<br />
aus den schlechten Erfahrungen, die die USA im<br />
Watergate-Skandal gemacht haben. Vielleicht sollte<br />
man in Washington den Kerl in die Wüste schicken,<br />
der in seinem Bericht 164-mal das Kürzel ,Sex&quot;,<br />
64-mal den Begriff ,Genital&quot;, 62-mal das Wort ,Brüste&quot;,<br />
23-mal ,eine Zigarre&quot; und nur 15-mal den Terminus<br />
,Impeachment&quot; erwähnt hat.  </span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,helvetica">               Es macht aber keinen Sinn, das Internet zu<br />
verdammen, weil es auch fragwürdige Dokumente<br />
blitzschnell und millionenfach verbreiten kann. Mit Hilfe<br />
von Satelliten lassen sich Truppenbewegungen von<br />
Aggressoren schon im ersten Ansatz entlarven. Mit<br />
ihren Personalcomputern konnten oppositionelle<br />
Studenten die Brutalitäten der indonesischen Polizei<br />
zeitgleich ihren Kommilitonen in Berkeley übermitteln.<br />
Aber natürlich kann man mit Satelliten auch<br />
Industriespionage betreiben und Personalcomputer für<br />
Kinderpornografie benutzen. Gesellschaften sollten<br />
eine Kommunikationskultur entwickeln, die die<br />
Menschen befähigt, mit den schnellen Medien der<br />
Computer-Galaxis sinnvoll umzugehen. Die pathetische<br />
Verurteilung der neuen Medien aber nützt gar nichts.<br />
Ja, man kann sie sowohl zur Aufklärung als auch zur<br />
Desinformation benutzen. Das allerdings war bei den<br />
Einblatt-Drucken und den moralischen<br />
Wochenschriften nicht anders.  </span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,helvetica">               Die modernen Gesellschaften müssen sich damit<br />
abfinden, dass sie inzwischen ,Medien&quot;, also<br />
technische Instrumente, geschaffen haben, die<br />
unendlich wirksamer sind als ihre Vorläufer in<br />
vergangenen Jahrhunderten. Das gilt für Cruisemissiles<br />
wie fürs Internet. Nicht Kulturkritik ist angesagt,<br />
sondern das systematische Bemühen um<br />
Medienkompetenz. Im Übrigen ist das amerikanische<br />
Vertrauen in die Urteilsfähigkeit der Bürger allemal<br />
demokratischer als der europäische Ekel vor der<br />
Neugier und dem Zerstreuungsbedürfnis der Menschen. </span>
</p>
<p><span style="font-size: x-small; font-family: Arial,helvetica">               Die politische Kultur wird von der großen<br />
Medien-Wende allerdings nachhaltig verändert, das ist<br />
wahr. Die Welt wird, ob wir das schön finden oder<br />
nicht, transparenter, die schweigenden, ehrfürchtigen<br />
Massen bekommen einen Rückkanal und werden<br />
freche Fragen stellen. Möglicherweise muss man<br />
Präsidenten wählen, die während ihrer Amtszeit die<br />
Badezimmer ihrer Amtssitze nur zum Baden benutzen.<br />
Wahrscheinlich wird in der Zukunft kommunikative<br />
Kompetenz wichtiger sein als Scharfsinn und Bildung.<br />
Es hat aber wenig Zweck, darüber zu greinen und zu<br />
jammern. Wenigstens das könnte man von Karl Marx<br />
gelernt haben: Auch die allermoralischsten Wünsche<br />
werden am ökonomischen Mechanismus und an der<br />
technischen Innovation zu Schanden.</span></p>
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