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	<title>sfuhrmann &#8211; politik-digital</title>
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	<item>
		<title>Landtagswahl im Saarland</title>
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		<dc:creator><![CDATA[sfuhrmann]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 25 Aug 2004 23:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[News]]></category>
		<category><![CDATA[E-Democracy]]></category>
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					<description><![CDATA[<p class="fett">
<br />
Über 800.000 Saarländer sind aufgerufen, am 5. September ihren neuen Landtag zu wählen. Insgesamt zehn Parteien treten beim Kampf um die 51 Sitze an. Mit dem Urnengang beginnt ein Reigen von Landtags- und Kommunalwahlen, der - glaubt man manchen Politikern - über das Schicksal Bundeskanzler Schröders und der Berliner rot-grünen Koalition entscheiden könnte. Ein Bericht über den Internetwahlkampf.
</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p class="fett">
<br />
Über 800.000 Saarländer sind aufgerufen, am 5. September ihren neuen Landtag zu wählen. Insgesamt zehn Parteien treten beim Kampf um die 51 Sitze an. Mit dem Urnengang beginnt ein Reigen von Landtags- und Kommunalwahlen, der &#8211; glaubt man manchen Politikern &#8211; über das Schicksal Bundeskanzler Schröders und der Berliner rot-grünen Koalition entscheiden könnte. Ein Bericht über den Internetwahlkampf.
</p>
<p><!--break--></p>
<p class="normal">
Laut ZDF-Politbarometer vom 20. August käme die CDU auf 50 Prozent, die SPD auf 31 Prozent, die Grünen auf sechs Prozent. Die FDP würde drei Prozent erreichen und die Vielzahl der sonstigen Parteien zusammen zehn Prozent.
</p>
<p>
<b>SPD im freien Fall – Lafontaine mindert SPD-Chancen</b><br />
<br />
Den Sozialdemokraten droht eine weitere schwere Schlappe: Nach 44,4 Prozent bei der letzten Wahl droht ihnen ein erdrutschartiger Verlust von gut 13 Prozentpunkten. Offenbar ist der ehemalige SPD-Parteichef Oskar Lafontaine mitverantwortlich für die Talfahrt der Saargenossen. Laut Forsa sehen 58 Prozent der Saarländer ihn als Belastung für die SPD. In sozialdemokratischen Reihen zeigt sich das gleiche Bild: 58 Prozent der SPD-Anhänger sind der Ansicht, dass sein Verhalten den Chancen der Saargenossen schadet.
</p>
<p>
<b>Der Wahlkampf im Internet</b><br />
<br />
Der saarländische Ministerpräsidenten Peter Müller (CDU) kann bei der Landtagswahl mit der absoluten Mehrheit rechnen. Könnten die Saarländer direkt ihren Ministerpräsident wählen, würde jeder Zweite den amtierenden Landesvater wählen. Ein Blick auf die<br />
<a href="http://www.cdu-saar.de/content/pages/home.htm" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Hauptseite</a> der Saar-CDU zeigt: Müller steht im Mittelpunkt des Wahlkampfes, mehrere Fotos zeigen sein Konterfei. Die Partei will mit seinem Amtsbonus punkten. Der Internetauftritt soll „modern“ und „newsorientiert“ sein. Die „News“ allerdings kommen zu kurz. Hilfreich ist eine Guided-Tour, auf der Peter Müller den Nutzer durch die Internetseite führt.
</p>
<p>
Auf seiner<br />
<a href="http://www.peter-mueller.de/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">persönlichen Seite</a> menschelt es sehr. Er verrät, daß er schon immer gern Klarinette gespielt habe und die „Herr der Ringe“ Saga schon vor dem gleichnamigen Film toll fand. Müllers Homepage will modern aussehen. Mehrere Texte sind wenig lesefreundlich gestaltet. Die ersten Fotos dreier Rubriken zeigen einen unscharfen Ministerpräsidenten. Ist das modern?
</p>
<p>
<img decoding="async" src="/edemocracy/wahlkampf/mueller_zukunftstor.jpg" alt="Peter Müller schreitet durchs Tor der Zukunft" align="left" height="197" width="150" />Zurück auf der Hauptseite heißt die CDU-Saar den Bürger willkommen zum Event-Wahlkampf, dessen Auftaktveranstaltung sich „Vision 2.0“ nennt. Auf einem Foto schreitet Ministerpräsident Müller durch einen Bogen aus Schwarzlichtlampen, daß laut Bildbeschriftung „das Tor zur Zukunft“ darstelle. Siegesgewiß läutet die CDU-Saar mit einer Lasershow die „zweite Zukunft ein“. Unter dem Motto „&#8230; Fortsetzung folgt“ präsentiert sie ihr Programm &quot;Politik in drei Dimensionen&quot;: Das klingt modern.
</p>
<p>
<b>SPD – sich stark machen</b><br />
<br />
Die SPD wirbt um ihre Wähler auf einem eigens eingerichteten<br />
<a href="http://www.starkmachen.de" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Wahlkampfportal</a>. Herausforderer Heiko Maas möchte vor allem sich und seine Partei „stark machen“, denn das hat sie laut Umfragewerten auch bitter nötig.
</p>
<p>
Die<br />
<a href="http://www.spd-saar.de/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Startseite der SPD</a> hält eine Bannersammlung bereit, die auf die SPD-Kampagnen verweisen. Die mit roten Rosen gestaltete Seite besitzt als einzige Parteiseite ein Forum. Mutig, angesichts der Proteste gegen Hartz IV. Hier muß die Saar-SPD ausbaden, was die Bundes-SPD verbockt hat.
</p>
<p>
Ein Banner verweist auf die persönliche Homepage des Herausforderers, die mit großflächigen Fotos gestaltet ist. In freundschaftlichen Worten kommt der „Mensch“ dem Nutzer näher. Das Ziel dieser Seiten: Eine enge Bindung zum potenziellen Wähler schaffen. Eine Personifizierung und Emotionalisierung der Politik, wie sie bereits zur Bundestagswahl 2002 zu beobachten war. Nur: Maas wird es schwer haben. Er tritt als junger Politiker gegen einen mit Amtsbonus ausgestatteten, amtierenden Ministerpräsidenten an und muß die Bundespolitik Schröders verteidigen. Darüber hinaus zweifelt Maas, ob die Wahlkampfhilfe des Querulanten Lafontaine ihm nicht mehr schadet als nützt: «Lafontaine hat uns nicht geholfen», zitiert ihn die Neue Züricher Zeitung (NZZ).
</p>
<p>
<b>Grüne können es in den Landtag schaffen</b><br />
<br />
Die Umfragewerte für die Grünen sagen einen Zugewinn von knapp drei Prozentpunkten auf insgesamt sechs Prozent der Stimmen vorher. Damit würden Bündnis90/Die Grünen nach 1994 zum zweiten Mal ins Landesparlament einziehen.</p>
<p><img decoding="async" src="/edemocracy/wahlkampf/gruene_rasen.jpg" alt="Grüner Rasen statt Spitzenkandidaten" height="165" width="289" /><br />
<br />
Grüner Rasen statt eines Spitzenkandidaten begrüßt den Bürger auf der<br />
<a href="http://www.countdown2004.de/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Wahlkampfplattform der Grünen</a>. Die Partei setzt nicht auf einen personalisierten Wahlkampf, sondern auf Programmatik. Sie verzichtet auf der Startseite auf Fotos der Kandidaten und wirbt stattdessen mit 10 politischen Forderungen. Am 24. August – 10 Tage vor der Wahl – waren die Kandidaten noch nicht abzurufen, die Seite befand sich noch im Aufbau. Kurz vor Redaktionsschluß sind nun unter dem sperrigen Begriff „Landesliste“ die Kandidaten zu sehen, sie werden mit kurzem Text und Foto vorgestellt.
</p>
<p>
Auflockernd wirkt die Spieleecke, die dem Nutzer eine Möglichkeit bietet, den textlastigen Seiten zu entfliehen. Der Kinospot der Grünen liegt zum Download bereit. Ein Abstecher über den Terminkalender lohnt sich. Amüsant: Neben der politischen Agenda und Wahlveranstaltungen sind die Olympischen Sommerspiele in Athen und die Rollski Weltmeisterschaften vermerkt.
</p>
<p>
<b>FDP ohne Internetwahlkampf</b><br />
<br />
Wer nicht Müller, Maas oder die Grünen wählen will, könnte auf die Idee kommen, die Liberalen seien eine Alternative. Wer ist der Spitzenkandidat und wie lautet das Programm? Klar – ein Blick ins Internet klärt schnell die Fragen – sollte man meinen. Aber mitnichten. Denn der Mut scheint die Saar-Liberalen verlassen zu haben, zumindest im Internet.<br />
<a href="http://www.fdpsaar.de/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Die Hauptseite des Landesverbandes</a> verrät auf den ersten Blick kaum etwas über die bevorstehende Wahl: Kein eingängier Wahlslogan und keine Wahl-Sonderseite. Zwei Fotos ohne Bildunterschrift verweisen auf die Seiten von Jorgo Chatzimarkakis, der kürzlich in die Europapolitik ging, und auf Landeschef Christoph Hartmann, der ein Bundestagsmandat inne hat. Wer ist der Spitzenkandidat? Chatzimarkakis Seite erweist sich als veraltet, letzte „aktuelle“ Einträge sind auf Anfang Juni datiert. Landeschef Hartmann führt zwar auf seiner Seite Homepage einen Weblog, eine tagesaktuelle Form der Homepage. Doch der letzte Eintrag ist vom 10. August: „Besuch von Conny“. Ein Link auf den obligatorischen „Wahl-O-Mat“ der Bundeszentrale für politische Bildung verweist noch am deutlichsten auf die bevorstehende Wahl. Kampf um jede Stimme? Im Internet jedenfalls nicht. Laut Forsa würden sich die Liberalen zwar leicht auf vier Prozent verbessern, der Sprung über die Fünf-Prozent-Hürde ist unsicher.
</p>
<p>
<b>Die Protestwelle wird größer</b><br />
<br />
Gefahr drohe vom politischen Rand, vor allem von der rechtsradikalen NPD, die mit einer Mischung von linken und fremdenfeindlichen Parolen für sich werbe und nun das Protestpotenzial voll ausschöpfe, schreibt die NZZ. Auf ihrer<br />
<a href="http://www.npd-saar.de" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Internetseite</a> beruft sich die NPD auf Umfragewerte des ZDF, wonach die sonstigen Parteien einen Zuspruch von 10 Prozent erhalten. Welche Parteien darunter fallen, ist jedoch nicht aufgeschlüsselt. Zumindest zur Kommunalwahl 2004 fielen landesweit nur 1,2 Prozent der Stimmen auf die rechte Partei. Daher ist ein Sprung über die 5 Prozent-Hürde nicht zu erwarten. Trotzig behauptet die NPD: „Wir sind die echte Opposition!“
</p>
<p>
&nbsp;</p>
]]></content:encoded>
					
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			</item>
		<item>
		<title>Zur US-Wahl und Europa</title>
		<link>https://www.politik-digital.de/chattranscripte/zur-us-wahl-und-europa-185/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[sfuhrmann]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 02 Aug 2004 23:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Chattranscripte]]></category>
		<category><![CDATA[Europa]]></category>
		<category><![CDATA[Europapolitik]]></category>
		<category><![CDATA[Bündnis 90/Die Grünen]]></category>
		<category><![CDATA[Europawahl]]></category>
		<category><![CDATA[Europäische Union]]></category>
		<category><![CDATA[Reinhard Bütikofer]]></category>
		<category><![CDATA[Europäische Verfassung]]></category>
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					<description><![CDATA[<b>Reinhard Bütikofer<!-- #EndEditable --> 
im europathemen.de-Chat am <!-- #BeginEditable "chat_datum" -->03.08.2004</b>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><b>Reinhard Bütikofer<!-- #EndEditable --><br />
im europathemen.de-Chat am <!-- #BeginEditable "chat_datum" -->03.08.2004</b><!--break--><b><!-- #EndEditable --><br />
</b><br />
<!-- #BeginEditable "chat" --> </p>
<p>
<b>Moderator:</b> Liebe EU-Freunde und Kritiker: Herzlich willkommen<br />
zum letzten Europathemen-Chat! Europathemen ist das Internetangebot<br />
der Bundeszentrale für politische Bildung zur Europawahl. Der Chat<br />
wird von politik-digital.de in Berlin durchgeführt. Wir begrüßen<br />
unseren heutigen Gast Reinhard Bütikofer, Bundesvorsitzender von<br />
Bündnis 90 / Die Grünen. Wir haben 60 Minuten Zeit. Herr Bütikofer<br />
sitzt im Berliner Büro von politik-digital.de. Kann es losgehen,<br />
Herr Bütikofer?
</p>
<p>
<b><img decoding="async" src="http://www.politik-digital.de/salon/photos/buetikofer.gif" align="left" height="106" width="80" />Reinhard<br />
Bütikofer:</b> Ja, es kann losgehen.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Direkt zwei Fragen &#8211; ein Thema:
</p>
<p>
<b>KarlK:</b> Sie waren in Boston beim Parteitag der US-Demokraten<br />
und haben die Wahl Kerrys zum Präsidentschaftskandidaten live erlebt.<br />
Welche Eindrücke haben sie gesammelt?
</p>
<p>
<b>trier:</b> Ich habe gehört, Sie waren auf dem Parteitag der<br />
Demokraten in den USA. Was haben Sie für Erfahrungen sammeln können?
</p>
<p>
<b>Reinhard Bütikofer:</b> Die Demokraten haben nach diesem Parteitag<br />
ihre Chancen verbessert die Wahlen im November zu gewinnen. Wenn Kerry<br />
Präsident würde, würde er zwar keine Kehrtwende in der<br />
amerikanischen Außenpolitik einschlagen, aber er würde auf<br />
mehr internationale Zusammenarbeit setzen, weniger auf Alleingänge<br />
der USA. Für mich war es der zweite demokratische Parteitag. Ich<br />
hatte auch den Eindruck, daß Umwelt- und Energiepolitik diesmal<br />
eine größere Rolle spielten als vor vier Jahren.
</p>
<p>
<b>Livestream:</b> Kürzlich waren Sie auf der Parteitag der amerikanischen<br />
Demokraten in Boston. Was lässt sich davon für den Wahlkampf<br />
zu Hause übernehmen? Haben wir hier zukünftig auch Luftballons,<br />
Flaggen und Konfetti zu erwarten?
</p>
<p>
<b>Reinhard Bütikofer:</b> Das was die Amerikaner so an Inszenierung<br />
bieten, wünsche ich mir nicht unbedingt für einen grünen<br />
Parteitag. Ich glaube, daß unsere Qualitäten mehr darin liegen,<br />
dass in den Parteitagen mehr offene Auseinandersetzungen stattfinden.
</p>
<p>
<b>dada:</b> Denken Sie, daß sich die Außenpolitik der<br />
USA bei einer Wahl Kerrys ändern würde und wo sehen Sie positive<br />
Ansätze?
</p>
<p>
<b>Reinhard Bütikofer:</b> Von Kerry kann man erwarten, daß<br />
er bei der internationalen Klimapolitik wieder aktiv wird. Vielleicht<br />
auch, dass er sich nicht total gegen den Internationalen Strafgerichtshof<br />
stellt wie Bush. In der Irakpolitik sehe ich keine unmittelbare Veränderung<br />
voraus. Kerry kritisiert zwar von heute aus, dass die Amerikaner durch<br />
die Administration Bush hinters Licht geführt worden seien, aber<br />
er hat sich gehütet einen sofortigen Rückzug zu diskutieren.
</p>
<p>
<b>Mors:</b> Ist es denn taktisch klug, so klar Stellung zu beziehen<br />
im amerikanischen Wahlkampf?
</p>
<p>
<b>Reinhard Bütikofer:</b> Wir können uns sicherlich nicht<br />
aussuchen, wer amerikanischer Präsident ist und müssen im<br />
Zweifel mit jeder Administration die Zusammenarbeit suchen. Aber es<br />
macht aus europäischer Sicht einen Unterschied mit welcher Energie<br />
solche Zusammenarbeit von Washington aus betrieben wird. Da habe ich,<br />
ganz ohne den amerikanischen Wählern etwas vorsagen zu wollen,<br />
eine klare Priorität.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Noch 2 Fragen zu den USA, dann nach Europa:
</p>
<p>
<b>Claudi:</b> In Amerika gibt es nur zwei Parteien. Was halten Sie<br />
von dem System? Funktioniert es besser als unseres?
</p>
<p>
<b>Reinhard Bütikofer:</b> Es gibt in Amerika mehr Parteien, z.B.<br />
gibt es auch dort die Grünen.<br />
Die haben allerdings nach dem US-Wahlsystem auf nationaler Ebene noch<br />
keine Chance, auf der Ebene einzelner Staaten oder großer Städte<br />
schon. In San Francisco scheiterte vor wenigen Monaten ein grüner<br />
Kandidat nur knapp im Rennen um das Amt des Oberbürgermeisters.<br />
Insgesamt finde ich unser System des Verhältniswahlrechts besser.
</p>
<p>
<b>Yucher:</b> Was würde sich im Verhältnis der USA zu Europa<br />
ändern, wenn Kerry Präsident würde?
</p>
<p>
<b>Reinhard Bütikofer:</b> Bush folgte polemisch gesagt dem Motto:<br />
Zusammenarbeit mit den Europäern, wo unbedingt nötig, alleine<br />
vorgehen, wo möglich. Kerry würde das umdrehen und zunächst<br />
einmal die multilaterale Zusammenarbeit suchen.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Themenwechsel: Europa-Wahl und die Folgen.
</p>
<p>
<b>Tannenzapf:</b> Das EU-Wahlergebnis in Deutschland war für<br />
die Grünen gut, aber europaweit nicht: der grüne Anteil im<br />
neuen Parlament schrumpft damit von 7,2 auf 5,7 Prozent. (4. stärkste<br />
Fraktion) Ein Machtverlust, oder?
</p>
<p>
<b>Reinhard Bütikofer:</b> Im letzten Parlament waren wir nur<br />
die fünftstärkste Fraktion, da haben wir also einen Platz<br />
aufgeholt. Wir haben diesmal deswegen einen geringeren Prozentsatz erreicht,weil<br />
es in den zehn Beitrittsländern nirgends, ausser in Malta, eine<br />
starke grüne Partei gab.Machtverlust oder Machtgewinn hängt<br />
aber nicht nur von den Zahlen ab. Ich habe den Eindruck, wir haben eine<br />
personell sehr starke Fraktion in Brüssel.
</p>
<p>
<b>aus Bremen:</b> Bei den Eurogreens wird künftig noch öfter<br />
deutsch gesprochen: Mit 13 von 42 Abgeordneten stellen die Wahlsieger<br />
aus der Bundesrepublik nun die mit Abstand größte Gruppe,<br />
werden sie also die Fraktionsspitze und die Führung in der frisch<br />
gegründeten europäischen Grünen Partei stellen und dominieren?
</p>
<p>
<b>Reinhard Bütikofer:</b> Einer der in Deutschland gewählten<br />
Abgeordneten, Daniel Cohn-Bendit,<br />
ist für zwei Jahre Ko-Vorsitzender der Fraktion, aber insgesamt<br />
sind die Führungspositionen ausgewogen verteilt. Den Ausschußvorsitz<br />
der den Grünen im EP zustand, für Menschenrechte, hat zum<br />
Beispiel eine französische Abgeordnete.
</p>
<p>
<b>Pyro:</b> Wer kennt schon die EU-Abgeordnete der Grünen in<br />
Deutschland? Außer Cohn-Bendit alle unbekannt. Gilt weiter das<br />
Motto: „Hast du einen Opa, schick ihn nach Europa!“?
</p>
<p>
<b>Reinhard Bütikofer:</b> Von unseren deutschen Abgeordneten<br />
waren auch vor der Wahl viele schon gut bekannt. Ich nenne mal Cem Özdemir,<br />
Michael Cramer aus Berlin, Rebecca Harms aus Niedersachsen, Angelika<br />
Beer, Heide Rühle, alles fachkundige, erprobte Abgeordnete.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Aber die Wahlbeteiligung war wieder niedrig, was<br />
muss da getan werden?
</p>
<p>
<b>Reinhard Bütikofer:</b> Leider haben viele Parteien gar keinen<br />
Europawahlkampf geführt, sondern die Europawahl zum Anlass genommen,<br />
für nationale Parteienpolemik. Und wenn sie über Europa gesprochen<br />
haben, dann haben sie oft so getan als sei Europa weniger Chance als<br />
Bedrohung. Die Union zum Beispiel hat vor allem gegen einen möglichen<br />
Beginn von Aufnahmeverhandlungen mit der Türkei polemisiert und<br />
Europa ansonsten rechts liegen lassen. Auch die Medien haben sich nicht<br />
eben viel Mühe gegeben die Europawahl ins Zentrum der Berichterstattung<br />
zu rücken. Insofern kann man die Verantwortung nicht nur bei den<br />
Wählerinnen und Wählern abladen.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Frage von Regina: Würden Sie das nicht 2009<br />
ähnlich machen, wenn sie in der Opposition wären?
</p>
<p>
<b>Reinhard Bütikofer:</b> Wir haben dies auch schon vor zehn<br />
Jahren anders gemacht, als wir noch in der Opposition waren. Wir machen<br />
es anders, weil wir überzeugt davon sind, dass die Herausbildung<br />
einer eigenständigen europäischen Dimension unserer Demokratie<br />
ein historischer Schritt wäre.
</p>
<p>
<b>Skeptikerin:</b> Im Europaparlament herrscht doch eine große<br />
Koalition. Wie können die Grünen da Einfluss nehmen?
</p>
<p>
<b>Reinhard Bütikofer:</b> Es stimmt, dass die zwei größten<br />
Fraktionen, Europäische Volkspartei und Sozialisten eine große<br />
Koalition gebildet haben, um den Parlamentspräsidenten unter sich<br />
auszumachen. In den Sachdebatten allerdings wird ihnen das nicht so<br />
einfach gelingen, wie an dieser Stelle, wo es um Posten ging. Und auch<br />
bei der Präsidentenwahl zeigten sich schon Risse in der großen<br />
Koalition. Der Pole Geremek, den wir und die Liberalen unterstützt<br />
haben, bekam mehr Stimmen als diese beiden Fraktionen haben.
</p>
<p>
<b>Jurgen the German:</b> Wie kann man die Politik Brüssels (und<br />
Straßburgs) transparenter vermitteln?
</p>
<p>
<b>Reinhard Bütikofer:</b> Ein Schritt wäre, dass die nationalen<br />
Parlamente frühzeitiger mit dem Europäischen Parlament zusammenarbeiten.<br />
Bisher werden europäische Entscheidungen auf nationaler Ebene oft<br />
erst dann diskutiert, wenn in Brüssel schon Entscheidungen gefallen<br />
sind.
</p>
<p>
<b>Trepöt:</b> Wenn die EU-Parlamentarier im September ihre Arbeit<br />
aufnehmen, wird das Parlament weiterhin zwischen drei Städten pendeln<br />
&#8211; Brüssel, Luxemburg und Straßburg. Ist das nicht viel zu<br />
teuer?
</p>
<p>
<b>Reinhard Bütikofer:</b> Es ist teuer, zugegeben. Aber es ist<br />
einer der notwendigen Kompromisse, die Europa ermöglicht haben,<br />
dass das Parlament zwei Arbeitsorte hat. In Luxemburg tagt es nicht.<br />
Dort sind andere Institutionen angesiedelt.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Viele Fragen zum Thema:
</p>
<p>
<b>robert:</b> Hallo, ziehen sie es in Betracht doch für ein nationales<br />
Referendum zur EU-Verfassung zu sein, da eine Grundgesetzänderung<br />
bezüglich einer Volksabstimmung jetzt mit Hilfe der Union machbar<br />
wäre?
</p>
<p>
<b>Patrizia:</b> Wären Sie für eine Volksabstimmung zur Europäischen<br />
Verfassung?
</p>
<p>
<b>Reinhard Bütikofer:</b> Am liebsten wäre mir eine europaweite<br />
Volksabstimmung zur Frage der Verfassung, zeitgleich in allen Ländern.<br />
Da könnten dann die Europäer gemeinsam über ihre neue<br />
Verfassung entscheiden. Vielleicht ist es ja noch möglich den Ministerrat<br />
davon zu überzeugen, einer solchen Idee zu folgen. Wenn es dazu<br />
nicht kommt, können wir den Weg in Deutschland für eine Volksabstimmung<br />
dadurch frei machen, dass ein entsprechendes Gesetz in Bundestag und<br />
Bundesrat jeweils mit 2/3 Mehrheit beschlossen wird.
</p>
<p>
<b>Jannes:</b> Kanzler Schröder ist gegen eine Volksabstimmung<br />
zur EU-Verfassung. Protestieren sie dagegen?
</p>
<p>
<b>Reinhard Bütikofer:</b> Joschka Fischer ist auch dagegen und<br />
Jürgen Trittin auch und Frau Merkel und Herr Schäuble und<br />
viele andere. Ich bin nicht deren Meinung, meine Partei auch nicht.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Der Ministerrat wird entscheiden, sehen sie da noch<br />
Chancen?
</p>
<p>
<b>Reinhard Bütikofer:</b> Die Tatsache, dass neun oder zehn Länder<br />
sich schon für einen Volksentscheid entschieden haben, bedeutet<br />
auch für die anderen einen gewissen Druck. Wenn es in Deutschland<br />
parteiübergreifend dazu käme, dass Volksentscheide auf Bundesebene<br />
möglich werden, würde das noch mal verstärkend wirken.<br />
Aber bisher hat die CSU schon oft von Volksentscheid geredet und dann<br />
gegenüber der CDU gekniffen und bei der FDP war es auch nur ein<br />
Teil, der in der letzten Legislaturperiode einem entsprechenden rot-grünen<br />
Gesetz zustimmen wollte. Westerwelle war dagegen.
</p>
<p>
<b>dada:</b> Sehen Sie eine Mehrheit für eine Grundgesetzänderung,<br />
damit eine Abstimmung über die EU-Verfassung stattfinden kann?<br />
Oder ist es doch eher das Sommerloch, das hier debattiert?
</p>
<p>
<b>Reinhard Bütikofer:</b> Ich sehe die Mehrheit noch nicht. Im<br />
Bundestag gäbe es die 2/3 Mehrheit, wenn neben SPD und Grünen<br />
auch FDP und CSU mitmachen würden. Im Herbst werden wir ja sehen.<br />
Im Bundesrat geht es nicht ohne Mittun der CDU. Aber wir werden das<br />
Thema nach dem Sommer im Bundestag zur Abstimmung stellen.
</p>
<p>
<b>Jurgen the German:</b> Sollten / müssten die Bürger die<br />
Verfassung lesen, bevor sie darüber abstimmen?
</p>
<p>
<b>Reinhard Bütikofer:</b> In der Demokratie darf man sogar abstimmen,<br />
wenn man sich keine Gedanken gemacht hat oder sich nicht informiert<br />
hat. Aber besser wäre es schon.
</p>
<p>
<b>stud_du:</b> Ist die europäische Verfassung nicht zum Scheitern<br />
verurteilt, wenn da alle Länder zustimmen müssen, müsste<br />
ja nur eine Abstimmung schiefgehen. Das scheint problematisch, gerade<br />
wenn man auf die bisherigen Erfahrungen zurückblickt&#8230;
</p>
<p>
<b>Reinhard Bütikofer:</b> Es ist gut möglich, dass es in<br />
der ersten Ratifizierungsrunde nicht 25 mal „Ja“ heißt.<br />
Das war beim Nizza-Vertrag auch so. Das war beim Maastricht-Vertrag<br />
so. Europa ist oft genug erst durch Krisen weitergekommen. Aber ich<br />
bin optimistisch.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Themenwechsel zu anderen Politikfeldern:
</p>
<p>
<b>trier:</b> Was sagen Sie zu Schilys Vorstoß, Auffanglager<br />
in Afrika zu errichten? Eigentlich ein Vorschlag mit humanem Ansatz,<br />
oder?
</p>
<p>
<b>Vogelfrei:</b> Schilys Vorschläge zu Flüchtlingslagern<br />
in Nordafrika verstoßen möglicherweise gegen die Genfer Flüchtlingskonvention.<br />
Was halten Sie davon?
</p>
<p>
<b>Reinhard Bütikofer:</b> Schilys Vorschlag ist nicht gut. Das<br />
haben ja mehrere Vertreter der Grünen, einschließlich Joschka<br />
Fischer, schon deutlich gemacht. Mich wundert allerdings, dass hier<br />
zum Teil so getan wird, als ginge es um ein Thema der nationalen Politik.<br />
Schily müsste ja für seine Vorstellung nicht nur uns Grüne<br />
überzeugen, sondern seine europäischen Kollegen. Die sind<br />
bisher auch anderer Meinung als er. Leider also etwas viel Sommerlochtheater.
</p>
<p>
<b>Mörkeldorf:</b> Wie schätzen Sie die Gefahren des Terrorismus<br />
in Europa und speziell Deutschland ein?
</p>
<p>
<b>Reinhard Bütikofer:</b> Niemand kann sich einhundertprozentig<br />
gegen die Gefahren des internationalen Terrorismus gefeit fühlen.<br />
Das haben die Anschläge in Madrid im März deutlich gezeigt.
</p>
<p>
<b>Jever:</b> Sicherheit und Terrorismus: Arbeiten die nationalen Sicherheitsbehörden<br />
nicht zu wenig grenzüberschreitend zusammen?
</p>
<p>
<b>Reinhard Bütikofer:</b> Auf der Ebene der praktischen Zusammenarbeit<br />
im Rahmen bestehender rechtlicher Regelungen liegt manches im Argen.
</p>
<p>
<b>JanineW.:</b> Im tacheles.02-Chat vom März 2003 sagten Sie<br />
auf eine der Fragen nach dem Irakkrieg &quot;Mir käme es darauf<br />
an, dass aus diesem Konflikt die EU gestärkt und einiger hervorginge.&quot;<br />
Ist dies aus ihrer heutigen Sicht geschehen?
</p>
<p>
<b>Reinhard Bütikofer:</b> Die Antwort ist &quot;ja&quot;. Die<br />
EU hat sich unter dem Druck der Auseinandersetzung um den Irakkrieg<br />
zu einer gemeinsamen Sicherheitsstrategie durchgerungen, die sich von<br />
derjenigen der USA deutlich unterscheidet, die auf Prävention setzt,<br />
statt auf militärische Präemption.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Nachfrage zur Sicherheit:
</p>
<p>
<b>SchwAlb:</b> Aber Al Quaida hat Europa erst letzte Woche den Krieg<br />
erklärt. Hat sich die Situation jetzt nicht nochmal geändert?
</p>
<p>
<b>Reinhard Bütikofer:</b> Ich bitte um Entschuldigung, aber mich<br />
stört ein bisschen die Wortwahl. Diese Terroristen können<br />
nicht &quot;Krieg erklären&quot; oder Frieden anbieten. Wie hoch<br />
die Bedrohung konkret ist, diese Einschätzung überlasse ich<br />
den Sicherheitsbehörden.
</p>
<p>
<b>trandont:</b> In der vorletzten Ausgabe der Zeit war zu lesen, dass<br />
viele Länder die Errichtung von neuen Atomkraftwerken planen und<br />
es nur noch eine Frage der Zeit ist, bis sich die Verhältnisse<br />
in Deutschland vom Ausstieg in einen Wiedereinstieg in die Energieversorgung<br />
mittels dieser Kraftwerke ändern. Wie sehen Sie das?
</p>
<p>
<b>Reinhard Bütikofer:</b> Ich sehe das anders. Nichts ist einfach<br />
eine Frage der Zeit. Entscheidend ist, wofür wir uns einsetzen.<br />
Mit uns Grünen wird es den Ausstieg aus dem Ausstieg sicherlich<br />
nicht geben. Dafür müssten die Wählerinnen und Wähler<br />
schon Schwarz-Gelb an die Regierung bringen. Die haben das versprochen.<br />
Vielleicht keine der schlechtesten Gründe für die Fortsetzung<br />
von Rot-Grün.
</p>
<p>
<b>Iris:</b> Die 147 Mitgliedsstaaten der WTO einigen sich nach zähen<br />
Verhandlungen auf ein Rahmenabkommen. Zu den Kernpunkten zählen<br />
der Subventionsabbau in der westlichen Agrarwirtschaft und die Öffnung<br />
der Märkte in den Entwicklungsländern. Wie bewerten sie den<br />
Kompromiss? Hat Europa nicht zu wenig angeboten?
</p>
<p>
<b>Reinhard Bütikofer:</b> Ich bewerte den Kompromiss positiv.<br />
Er ist positiv, er ist auch dadurch möglich geworden, dass Brasilien<br />
gegen europäische Zuckersubventionen auf dem Klageweg vorgegangen<br />
ist. Aber bisher handelt es sich um weit weniger als ein Abkommen. Da<br />
bleibt viel zu tun.
</p>
<p>
<b>katharina:</b> Die Menschen in den Beitrittsstaaten haben die Euphorie<br />
verloren – Ernüchterung macht sich breit, lese ich. Ist das<br />
auch ihr Eindruck?
</p>
<p>
<b>Reinhard Bütikofer:</b> Ich glaube, diese Bewertung ist zu<br />
pauschal. Viele Menschen in den Beitrittsstaaten hatten unrealistisch<br />
hohe Hoffnungen. Aber auch wenn sich in manchen Ländern nationalpopulistische<br />
Bewegungen zeigen, die Mehrheit der Menschen hat sich nirgends für<br />
eine Alternative zum Europa der Integration gewinnen lassen. Bloß<br />
dürfen wir uns nicht auf den Lorbeeren von gestern ausruhen. Die<br />
europäische Einigung ist ein offener Prozess und dieser Prozess<br />
wird nur stabil zu halten sein wenn wir ihn demokratischer absichern.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Letzte Frage:
</p>
<p>
<b>Grünfink:</b> Was muss man gegen die geschrumpfte Wahlbeteiligung<br />
tun? Sie sinkt seit der ersten Parlamentswahl kontinuierlich ab, lag<br />
2004 EU-weit nur bei 45,5 Prozent (1999: 49,8 %).
</p>
<p>
<b>Reinhard Bütikofer:</b> Was kann man als Einzelner tun? Zum<br />
Beispiel sich dafür einsetzen, dass europäische Debatten in<br />
unserer Öffentlichkeit, also in Zeitungen, in Fernsehen und Radio<br />
eine größere Rolle spielen. Wie sollen die Menschen gewonnen<br />
werden für ein Parlament abzustimmen, von dem sie wenig mitbekommen,<br />
obwohl es immer wichtiger wird, durch die Verfassung nochmal wichtiger<br />
wird und wesentlich mehr Fragen entscheidend beeinflusst, als den meisten<br />
von uns gegenwärtig ist. Warum muss es dabei bleiben, dass in den<br />
meisten Zeitungen darüber bestenfalls einmal im Monat etwas zu<br />
lesen ist?
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Liebe Europa-Freunde, leider ist die Zeit schon vorbei<br />
&#8211; vielen Dank an Sie, Herr Bütikofer, dass Sie sich die Zeit für<br />
den Chat genommen haben und an alle Chatter für die vielen Fragen.<br />
Ich wünsche allen noch einen schönen Sommertag.
</p>
<p>
<b>Reinhard Bütikofer:</b> Danke mir hat es auch Spaß gemacht!
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Europathemen ist das Internetangebot der Bundeszentrale<br />
für politische Bildung. Es wird in Zusammenarbeit mit ARTE Multimedia<br />
und www.netzeitung.de am Zentrum für Medien und Interaktivität<br />
der Universität Gießen erstellt. Der Chat wurde von politik-digital.de<br />
in Berlin durchgeführt. Weitere Informationen zum Thema Europa<br />
und die Chat-Transkripte aller Europa-Chats finden Sie hier: www.europathemen.de.</p>
]]></content:encoded>
					
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		<item>
		<title>Verbraucherschutz und Gentechnik</title>
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		<dc:creator><![CDATA[sfuhrmann]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 29 Jul 2004 23:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Chattranscripte]]></category>
		<category><![CDATA[Europa]]></category>
		<category><![CDATA[Europapolitik]]></category>
		<category><![CDATA[Herta Däubler-Gmelin]]></category>
		<category><![CDATA[Europäische Union]]></category>
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		<category><![CDATA[SPD]]></category>
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					<description><![CDATA[<b>Herta Däubler-Gmelin<!-- #EndEditable --> 
im europathemen.de-Chat am <!-- #BeginEditable "chat_datum" -->29.07.2004</b>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><b>Herta Däubler-Gmelin<!-- #EndEditable --><br />
im europathemen.de-Chat am <!-- #BeginEditable "chat_datum" -->29.07.2004</b><!--break--><b><!-- #EndEditable --><br />
</b><br />
<!-- #BeginEditable "chat" --> </p>
<p>
<b>Moderator:</b> Herzlich willkommen im Chat von europathemen.de,<br />
dem Projekt der Bundeszentrale für Politischen Bildung und des<br />
Zentrums für Medien und Interaktivität an der Uni Gießen<br />
zur Europawahl. Dieser Chat wird von politik-digital.de durchgeführt.<br />
Heute ist bei uns die SPD-Politikerin Herta Däubler-Gmelin zu Gast,<br />
Mitglied des Bundestages, Ministerin der Justiz a.D. und Vorsitzende<br />
des Auschusses für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft<br />
im Deutschen Bundestag. Frau Däubler-Gmelin ist Schirmherrin verschiedenster<br />
karitativer Einrichtungen und des &quot;virtuellen Ortsvereins der SPD&quot;.
</p>
<p>
<b><img decoding="async" src="http://www.politik-digital.de/salon/photos/hdaeublergmelin.jpg" alt="Herta Däubler-Gmelin (SPD), MdB und Bundesjustizministerin a.D." align="left" height="124" width="92" />Herta<br />
Däubler-Gmelin:</b> Guten Tag an Alle. <b></p>
<p>Moderator:</b> Eine erste Frage von mir als Moderator zum Thema Gentechnik.<br />
Vor dem Chat erreichten uns auch schon einige Fragen zum Thema. Auf<br />
einer Internetseite sind Sie Patin einer Frage, die Internetnutzer zur<br />
Debatte einlädt. Die Frage lautet: &quot;Gibt es gute Jobs künftig<br />
nur noch für Leute mit passenden Genen?&quot;. Die Frage wird im<br />
angeschlossenen Forum heiß diskutiert. Frau Däubler-Gmelin,<br />
ist das ein Zukunfts-Horror-Szenario oder glauben Sie, dass es wirklich<br />
so weit kommen kann?
</p>
<p>
<b>Herta Däubler-Gmelin:</b> Nun, es kann wirklich so weit kommen,<br />
die Auswahl von Leuten für gute Jobs läuft heute schon. Wir<br />
wissen auch, dass die echten und vermeintlichen Segnungen in Zusammenhang<br />
mit der humanen Gentechnik nicht nur von Ethikbewussten eingesetzt werden,<br />
wenn es sich wirtschaftlich lohnt. Bei uns allerdings werden wir das<br />
hoffentlich verhindern können.
</p>
<p>
<b>Peri:</b> Welche Gefahren sehen Sie in der Forschung mit embryonalen<br />
Stammzellen und deren Einsatz?
</p>
<p>
<b>Herta Däubler-Gmelin:</b> Hallo, Peri. Zunächst die, dass<br />
menschliches Leben &quot;vernutzt&quot; und verbraucht wird &#8211; zu Experimenten,<br />
die man mit tierischen Embryonen auch machen könnte,<br />
dann sehe ich die Gefahr, dass die Möglichkeiten der adulten Stammzellen<br />
nicht ausreichend finanziert werden, obwohl es da große Chancen<br />
gibt. Im übrigen sind wohl Gefahren der Selektion &quot;geeigneter&quot;<br />
oder gewollter Eigenschaften nicht von der Hand zu weisen und das gibt<br />
dann auch Probleme mit dem sozialen Umgang mit Behinderungen.
</p>
<p>
<b>schmitt:</b> Wird es in Zukunft verbrauchende Embryonalforschung<br />
in Deutschland geben?
</p>
<p>
<b>Herta Däubler-Gmelin:</b> Hallo, Schmitt: Wir befinden uns<br />
ja im Zustand eines Kompromisses, dem Stammzellen-Gesetz, das sich bewährt<br />
hat, so das Bundeskabinett am Mittwoch. Also es soll nicht erweitert<br />
werden. Ein bisschen Verbrauch ist es dennoch, auch wenn die embryonalen<br />
Stammzelllinien an ein bestimmtes Datum geknüpft sind und aus dem<br />
Ausland kommen. Aber, interessant ist vor allem, dass auch die forschende<br />
Wirtschaft und die Forschung selbst keine Gründe für eine<br />
Erweiterung des Gesetzes vorbringen kann.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Zwei Fragen, die in die gleiche Richtung zielen:
</p>
<p>
<b>MTB:</b> &quot;Ohne Patente auf DNA-Sequenzen gibt es keine neuen<br />
Arzneimittel&quot;. Wie stehen Sie in zur Frage der Bio-Patente?
</p>
<p>
<b>clara:</b> Sollte sich ein Unternehmen Teile des menschliche Erbgut<br />
patentieren lassen können?
</p>
<p>
<b>Herta Däubler-Gmelin:</b> Danke für beide Fragen. Ich<br />
halte in solchen Fällen Verfahrenspatente für angemessen,<br />
also keine im eigentlichen (technischen) Sinne &#8211; Stoffpatente. Das ist<br />
aber in Europa noch umstritten, deshalb muss die Biopatentrichtlinie<br />
geändert werden.
</p>
<p>
<b>Huber:</b> Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte<br />
erklärte kürzlich, dass das Recht auf Leben offenbar nicht<br />
für Menschen vor der Geburt gilt (Klage einer Französin)?<br />
Ihre Meinung?
</p>
<p>
<b>Herta Däubler-Gmelin:</b> Lieber Herr Huber, das betrifft etwas<br />
anderes. In Straßburg ging es um die Reichweite der Europäischen<br />
Menschenrechtskonvention und die Richter haben erklärt (richtig!),<br />
dass dort über den umstrittenen Beginn menschlichen Lebens nichts<br />
enthalten ist und &#8211; wichtig!! &#8211; dass es darüber in Europa keinen<br />
Konsens gibt.
</p>
<p>
<b>ager:</b> Ist der Schutz eines Embryos in der EU Verfassung ausreichend<br />
verankert?
</p>
<p>
<b>Herta Däubler-Gmelin:</b> Ager, in der EU-Verfassung ist das<br />
nicht ausdrücklich verankert &#8211; das war offensichtlich unter den<br />
Beteiligten nicht zu machen.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Nachfrage zur Antwort auf Herrn Huber:
</p>
<p>
<b>Reus:</b> Wie ist denn die Reichweite definiert? Fehlt ein Konsens?
</p>
<p>
<b>Herta Däubler-Gmelin:</b> Reus, nein, die Reichweite ist nicht<br />
definiert. Wenn es Sie interessiert, schauen Sie doch bitte in die Biokonventionen<br />
des Europarates, die als Zusatzprotokolle zur Europäischen Menschenrechtskonvention<br />
(EMRK) fungieren.
</p>
<p>
<b>Sunder:</b> In vielen Fragen der Gentechnik gibt es einen breiten<br />
öffentlichen Diskurs. Wie schwer ist es in diesen Fragen fachlich<br />
immer auf dem Laufenden zu sein. Sind nicht sehr auf Ihre Berater angewiesen?
</p>
<p>
<b>Herta Däubler-Gmelin:</b> Lieber Sunder, Berater sind immer<br />
gut, selbst zu lesen allerdings noch viel besser. Man kann sich mit<br />
Hilfe des Internets ganz ordentlich auf dem laufenden halten, Französisch<br />
und Englisch ist allerdings von Vorteil.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Zum nächsten Thema: Lebensmittel.
</p>
<p>
<b>aus_Köln:</b> Wahlfreiheit bei gentechnisch veränderten<br />
Lebensmitteln ist ja schön und gut, aber ist das nicht auch für<br />
manche zu schwer, weil sie zum Beispiel auf die Preise schauen müssen<br />
oder einfach keine zwei Stunden Zeit für den Einkauf haben?
</p>
<p>
<b>Herta Däubler-Gmelin:</b> ausköln, nun ja. Einen Tod muss<br />
der Hase sterben. Ich finde, man sollte schon für bedachten und<br />
überlegten Einkauf werben.
</p>
<p>
<b>Morole:</b> Wie weit sind die Forschungen zu den Gefahren von gentechnisch<br />
veränderten Lebensmitteln? Das ist doch bei jedem einzelnen Produkt(-zusatz)<br />
anders, also gar nicht zu überblicken?
</p>
<p>
<b>Herta Däubler-Gmelin:</b> Morole, es gibt hier Grundsatzfragen<br />
und viele, viele Details, zu den Grundsatzfragen gehören die nach<br />
gesundheitlichen Schäden (wenig bekannt, es gibt kaum Auswertungen<br />
von Langzeitversuchen) &#8211; die Schäden am Boden (Bakterien&#8230;) sind<br />
auch wenig bekannt. Und an der Umwelt (hier sind sogar noch die Methoden<br />
umstritten), über die Verträglichkeit bei Tieren wird auch<br />
noch gestritten und die Frage nach den sozialen Auswirkungen (Indien,<br />
Argentinien&#8230;) stellen sich ebenfalls.
</p>
<p>
<b>Freidel:</b> Wie werden Gesundheitsgefahren von Lebensmitteln denn<br />
erforscht? Ist es nicht so, dass diese teilweise eben nicht exakt nachgewiesen<br />
werden können, zum Beispiel Elektrosmog?
</p>
<p>
<b>Herta Däubler-Gmelin:</b> Freidel, so ist das halt mit neuen<br />
Methoden oder Möglichkeiten: Die Frage stellt sich, ob man alles<br />
zulassen soll bis zum Beweis der konkreten Schädlichkeit, das kann<br />
dann furchtbar große Schäden mit sich bringen (Thalyomide),<br />
oder ob man sorgfältige Untersuchungen, auch langfristige verlangt,<br />
bevor etwas zugelassen wird. Ich plädiere dafür, das Schadenspotential<br />
und die gewollte Verbreitung zu sehen und zu würdigen. Bei uns<br />
tendiert die Öffentlichkeit auf jeden Fall in die zweite Richtung,<br />
schon wegen der Erfahrungen mit BSE.
</p>
<p>
<b>ole_berlin:</b> Wieder und wieder gibt es Skandale mit verseuchten<br />
Lebensmitteln (zum Beispiel Salmonellen) &#8211; sobald es einmal ruhig geworden<br />
ist, kommt der nächste Skandal. Sind die gesetzlichen Strafen und<br />
Reglements nicht abschreckend genug?
</p>
<p>
<b>Herta Däubler-Gmelin:</b> Ole, verseuchte Lebensmittel sind<br />
eigentlich einfach: Da ist eine Schädigung nachweisbar und jemand<br />
zu schädigen ist verboten. Dennoch gibt es Schlampereien und Betrügereien.<br />
Das ist aber nicht auf Lebensmittel begrenzt, sonst gäbe es die<br />
Justiz nicht seit tausenden von Jahren.
</p>
<p>
<b>Don:</b> Haben Sie überhaupt Einfluss auf Lebensmittelüberwachung<br />
und -kontrolle oder werden die wichtigen Entscheidungen eh in Brüssel<br />
entschieden?
</p>
<p>
<b>Herta Däubler-Gmelin:</b> Don, Brüssel entscheidet viele<br />
Grundsatzfragen, setzt also Standards, die dann national umgesetzt oder<br />
ausgefüllt werden müssen. Die Lebensmittelüberwachung<br />
geschieht durch die Bundesländer und deren Behörden.
</p>
<p>
<b>Raps:</b> Zeigt das Thema nicht, dass auf nationaler Ebene andere<br />
Ansichten vorherrschen, als auf EU-Ebene? Hat Deutschland schärfere<br />
Gesetze als die EU? Ein Thema wo die Bürger das Gefühl bekommen,<br />
sie werden nicht gehört!
</p>
<p>
<b>Herta Däubler-Gmelin:</b> Raps, das sehe ich nicht so, jedenfalls<br />
nicht durchgehend. Bei der Saatgut-Kennzeichnung allerdings haben Sie<br />
Recht. Da müssen wir &#8211; international vernetzt &#8211; noch arbeiten.<br />
Aber sonst, gibt es auch aus Brüssel ordentliche Vorgaben. Das<br />
Problem der Lebensmittelüberwachung kommt von den Ländern.
</p>
<p>
<b>Rainer:</b> Wenn wir über Lebensmittelkontrolle sprechen, ich<br />
denke wir haben sehr gute Gesetze, aber: wenn ein Restaurant nur alle<br />
drei Jahre kontrolliert wird und auch noch weiß wann, dann kann<br />
von einer wirksamen Kontrolle nicht die Rede sein, oder?
</p>
<p>
<b>Herta Däubler-Gmelin:</b> Rainer, das können Probleme<br />
sein. Auch die Termine, das Geld, die ausgebildeten Kontrolleure, die<br />
Organisation können Fehlerquellen sein. Das lassen wir uns im Ausschuss<br />
des Bundestages regelmäßig berichten.
</p>
<p>
<b>abi1999:</b> Inwieweit darf die EU eigentlich in die Lebensmittelüberwachung<br />
eingreifen? Was sollte eher national, und eher lokal geregelt werden?
</p>
<p>
<b>Herta Däubler-Gmelin:</b> Abi, die Ausführung von EU-Gesetzen<br />
und von nationalen Gesetzen passiert bei uns in den Bundesländern,<br />
die das, soweit sie es vernünftig machen, lokal organisieren.
</p>
<p>
<b>abi1999:</b> Bei der Wahl im Supermarkt, gibt es da eigentlich irgendwelche<br />
deutlichen Embleme/Zertifikate, auf die man achten kann oder muss man<br />
das Kleingedruckte lesen?
</p>
<p>
<b>Herta Däubler-Gmelin:</b> Abi, das Kleingedruckte zu lesen,<br />
empfiehlt sich immer! Aber es gibt die Kennzeichnungspflicht, es müssen<br />
also zum Beispiel bei Gentechnik-Veränderungen klare Hinweise lesbar<br />
sein. Zertifikate, die also bestimmte Methoden oder Reinheiten (zum<br />
Beispiel Bio) aber nicht alles kennzeichnen, gibt es auch.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Wenn Sie für sich Maultaschen einkaufen, dann<br />
stellt sich doch sicher für Sie auch folgendes Problem:
</p>
<p>
<b>PöleP:</b> Wie soll der Verbraucher bei dem ganzen Biosiegeln<br />
die es mittlerweile gibt, beurteilen können, welche gut und welche<br />
nur Imagemarken sind?
</p>
<p>
<b>Herta Däubler-Gmelin:</b> Zunächst zu meinen Maultaschen:<br />
ich brauche Fleisch &#8211; da gilt das Gebot der Rückverfolgbarkeit.<br />
Das ist in Supermärkten bei verpacktem Fleisch kontrollierbar,<br />
mein Metzger (Fleischer) kennt seine Tiere noch persönlich. Ich<br />
brauche Eier, da gilt das Gleiche (außer, dass jetzt in der heißen<br />
Zeit zusätzlich die Kühlkette stimmen muss). Bei anderen Fragen<br />
ist es gut, sich den genauen Inhalt eines Siegels oder Zertifikats einmal<br />
anzuschauen. Dann weiß man, was es sagt und was nicht. Wie gesagt,<br />
informierte Verbraucher sind nicht nur die Besten, sondern essen auch<br />
am besten.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Und? Gibt es zu viele Gütesiegel?
</p>
<p>
<b>Herta Däubler-Gmelin:</b> Es gibt viele unterschiedliche, das<br />
ist wahr. Aber wer sich informiert, steigt durch.Wer das nicht tut,<br />
muss es lernen.
</p>
<p>
<b>abi1999:</b> Aber was ist mit den Bio-Siegeln, gibt es irgendwo<br />
eine staatliche Garantie? Oder muss ich einfach einem Siegel vertrauen?
</p>
<p>
<b>Herta Däubler-Gmelin:</b> Abi, Bio-Siegel sind meist Selbstzertifikate<br />
der Wirtschaft, die aber unter staatlicher Beteiligung an Kontrollprozesse<br />
angebunden sind. Auf Deutsch: Man kriegt sie oder behält sie nur,<br />
wenn man in überprüfbare Kontrollprozesse eingebunden ist.
</p>
<p>
<b>TreterPe: </b>Was tun Sie für die Förderung von Bioläden<br />
oder regionalen Einkaufsgenossenschaften?
</p>
<p>
<b>Herta Däubler-Gmelin:</b> Zunächst, selbst dort einkaufen,<br />
dann für sie werben &#8211; je mehr desto besser.
</p>
<p>
<b>Susanne:</b> Kann denn ein Preis von zwei bis drei Euro für<br />
ein Kilo Fleisch in den Discountern gesund sein?
</p>
<p>
<b>Herta Däubler-Gmelin:</b> Susanne, schwierig. Nun kann ein<br />
Discounter ja einige Waren subventionieren (Kampfpreise&#8230;). Meine Landwirtfreunde<br />
sagen mir allerdings, dass es einfach nicht möglich ist, ein gutes<br />
Tier unter akzeptablen Bedingungen, gentechnikfrei ernährt, zu<br />
diesem Preis anzubieten.
</p>
<p>
<b>Eidl:</b> Nicht alle Menschen können sich teure Bio-Produkte<br />
leisten. Sollten solche Produkte nicht staatlich gefördert werden?
</p>
<p>
<b>Herta Däubler-Gmelin:</b> Eidl, wahr! Allerdings geben Leute<br />
heute für Firlefanz viel mehr Geld aus. Der Anteil des Haushaltseinkommens,<br />
der für Essen ausgegeben wird, ist heute wesentlich geringer als<br />
vor circa 30 Jahren.
</p>
<p>
<b>Rainer:</b> Ich denke, Sie habe recht, dennoch: Heutzutage soll<br />
Essen schnell und billig sein. Supermärkte mit Wahlfreiheit verschwinden<br />
und machen den Discountern Platz. Kann ich da noch wählen?
</p>
<p>
<b>Herta Däubler-Gmelin:</b> Rainer, das macht in der Tat große<br />
Probleme. Wir sollten die Möglichkeiten der regionalen Erzeuger<br />
viel bewusster nutzen (Wochenmärkte, Hofverkäufe, Läden<br />
in Dörfern &#8230;)
</p>
<p>
<b>Lecker:</b> Müssen die Agrarsubventionen nicht stärker<br />
abgebaut werden? Und damit die Preise für Fleisch steigen?
</p>
<p>
<b>Herta Däubler-Gmelin:</b> Lecker, durch die GAP (Gemeinschafts-Agrar-Politik)<br />
der EU kommt es in den nächsten Jahren zu einem erheblichen Umbau<br />
und der zwangsläufigen Senkung von Agrarsubventionen. Es soll nicht<br />
mehr Masse, sondern Qualität und Klasse subventioniert werden.<br />
Ich finde es wichtig, dass nicht die kleinen Familienbetriebe, die wir<br />
auch aus Umwelt- und Sozialaspekten dringend brauchen, vollends durch<br />
den Wettbewerb vernichtet werden.
</p>
<p>
<b>Webchatter:</b> Was sagen sie denn zu den Tiertransporten quer durch<br />
Europa?
</p>
<p>
<b>Herta Däubler-Gmelin:</b> Webchatter: Problem! Hier arbeiten<br />
wir an vernünftigen kürzeren Gesamtzeiten und besseren Transportbedingungen<br />
im Bereich der EU. Das Problem der konzentrierten Schlachthöfe<br />
stellt sich hier übrigens auch.
</p>
<p>
<b>Vox:</b> Sind Sie für eine Stärkung der regionalen Landwirtschaft<br />
und des regionalen Konsums, bei dem der Kunde besser nachvollziehen<br />
kann, was sie/er kauft und deutsche Verbraucherpolitik auch Einfluss<br />
hat? Wenn ja, wie setzen Sie sich dafür ein?
</p>
<p>
<b>Herta Däubler-Gmelin:</b> Vox, ja! Persönlich und auch<br />
werblich (Interviews, Chats, Gesetzesinitiativen &#8230;).
</p>
<p>
<b>Dino:</b> Mit der Agrarwende soll ein Umsteuern in der Agrarpolitik<br />
eingeleitet werden, wie kann das funktionieren, wenn die notwendige<br />
Transparenz nicht geschaffen wird, um die Macht wirklich in die Hände<br />
der Verbraucher zu legen
</p>
<p>
<b>Herta Däubler-Gmelin:</b> Dino, könnten Sie bitte näher<br />
sagen, was genau Sie meinen?
</p>
<p>
<b>Yorim:</b> Würde man ausschließlich auf Bioprodukte setzen,<br />
könnten diese dann billiger angeboten werden?
</p>
<p>
<b>Herta Däubler-Gmelin:</b> Yorim, es kommt halt darauf an, wer<br />
&quot;man&quot; ist. Aber schauen Sie mal in Ihrer Umgebung nach, es<br />
gibt auch hier genossenschaftliche Organisationen, die auf den Preis<br />
schauen.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Nachfrage zu kleinen Betrieben in der EU (Antwort<br />
auf Webchatter):
</p>
<p>
<b>KLM:</b> Aber wo in der EU gibt es noch kleine Betriebe? Und sollte<br />
das nicht der Markt regeln anstatt die Politik?
</p>
<p>
<b>Herta Däubler-Gmelin:</b> KLM, bei uns in Deutschland gibt<br />
es hauptsächlich im Süden kleinere Betriebe. Im Norden und<br />
im Osten haben wir auch riesige Industrie-Landwirtschaft. Ich vertraue<br />
dem Markt nicht blind. Der hat einfach keinen Sinn für die Erhaltung<br />
der Umwelt, für Nachhaltigkeit und soziale Beziehungen.
</p>
<p>
<b>Kirschblüte:</b> Worin sehen Sie den dringendsten Handlungsbedarf<br />
deutscher Verbraucherschutzpolitik?
</p>
<p>
<b>Herta Däubler-Gmelin:</b> Kirschblüte, danke, wenn auch<br />
etwas allgemein. Ich halte Transparenz und klare Rechte für den<br />
Verbraucher für sehr wichtig, und auch, dass man sich wehren kann,<br />
wenn etwas versprochen, aber nicht eingehalten wird.
</p>
<p>
<b>KristinaW.:</b> Zu verbraucherfreundlicher Politik gehören<br />
nicht nur Lebensmittel. Wie sieht es mit der Förderung von ÖPNV<br />
oder noch besser der Deutschen Bahn (Umweltschutz) aus?
</p>
<p>
<b>Herta Däubler-Gmelin:</b> Kristina, Förderung des ÖPNV<br />
ist ein Gebot der Klugheit! Die Bundesbahn ist sehr wichtig, die macht,<br />
glaube ich, große Anstrengungen.
</p>
<p>
<b>Olivia:</b> Nahezu kein Fall von Verbaucherschutz, der in Deutschland<br />
vor Gericht kam, (ein Fall zum Beispiel Verwendung billigsten Materials<br />
bei dem Hausbau für eine lungenkranke Frau) wurde zu Gunsten der<br />
Ankläger entschieden, weil oft große Firmen auf der Anklagebank<br />
saßen. Wie wollen Sie hier die Verbraucher stärken?
</p>
<p>
<b>Herta Däubler-Gmelin:</b> Olivia, bitte etwas präziser:<br />
Heute finden täglich tausende von Verbraucherschutzprozessen statt,<br />
viele mit sehr gutem Ausgang für die Verbraucher/Kläger. Ich<br />
selbst habe auch schon zahlreiche gewonnen.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Nochmal ÖPNV:
</p>
<p>
<b>Arbeitsloser,34:</b> Verbraucherpolitik: Gehört dazu nicht<br />
auch das besonders ÖPNV und die Deutsche Bahn günstiger werden?<br />
Das kann sich doch keiner mehr leisten.
</p>
<p>
<b>Herta Däubler-Gmelin:</b> Richtig, Allerdings werden Ihnen<br />
die Betreiber vorrechnen, dass sie zum einen ordentlich wirtschaften<br />
müssen, zum anderen billiger seien als ein Auto. Ich finde allerdings<br />
auch, dass hier die Öffentliche Hand die Subventionierung der Strasse<br />
stärker auf die Schiene verlagern sollte (jetzt werden alle Autofahrer<br />
schreien).
</p>
<p>
<b>Probst:</b> Mehr Wettbewerb heißt das Motto, die Realität<br />
ist eine andere: Auf den großen Märkten Telekommunikation,<br />
Bahn und Post haben zum Großteil in staatlicher Hand liegende<br />
Unternehmen die Vormachtsstellung. Die Verbraucher haben das Nachsehen.<br />
Wollen wir den Wettbewerb oder nicht?
</p>
<p>
<b>KLM:</b> Ergänzung zu Probst: Energiekonzerne!
</p>
<p>
<b>Herta Däubler-Gmelin:</b> Probst, ich halte Wettbewerb für<br />
richtig, &#8211; da , wo er hingehört. Allerdings kann er halt auch soziale<br />
Beziehungen kaputtmachen und wichtige andere Aspekte, wie Nachhaltigkeit,<br />
Qualität, Menschlichkeit torpedieren. Das können wir nicht<br />
zulassen. KLM: Energiekonzerne, hier sehen wir, wie wichtig schnelle<br />
staatliche Preiskontrolle ist. Da wird viel Verbraucher unfreundlicher<br />
Gewinn gemacht.
</p>
<p>
<b>Webchatter:</b> Welche Lobby hat mehr Einfluss in Brüssel?<br />
Die der Industrie oder die der Verbraucherschützer?
</p>
<p>
<b>Herta Däubler-Gmelin:</b> Webchatter, gute Frage. Das ist in<br />
Brüssel wie in Berlin oder in den Landeshauptstädten: Wirtschaftlich<br />
starke Lobbyisten haben immer ein Prä vor schwer organisierbaren<br />
Verbraucherinteressen.
</p>
<p>
<b>LuckyL:</b> Stimmen Sie in Fragen des Verbraucherschutzes mit Ihren<br />
Partei-Kollegen überein?
</p>
<p>
<b>Herta Däubler-Gmelin:</b> LuckyL, häufig. In wichtigen<br />
Fragen schon.
</p>
<p>
<b>raffneck:</b> Wie definieren Sie Nachhaltigkeit im Bereich Verbraucherschutz?
</p>
<p>
<b>Herta Däubler-Gmelin:</b> Raffneck, Nachhaltigkeit heißt<br />
im Prinzip hier nichts anderes als in anderen Bereichen. Definierbar<br />
vielleicht so: Berücksichtigung der Produktionsbedingungen ( soziale<br />
Beziehungen), der Umweltbedingungen ( Schädlichkeit vermeiden),<br />
aber auch etwa des Energieverbrauchs ( Art und Menge), aber auch des<br />
anfallenden Mülls und dessen Gefährlichkeit, Energieverbrauch.<br />
Wichtig sind auch die Transportfaktoren, die mit einem Lebensmittel<br />
verbunden sind. Deshalb schmecken regional frische Lebensmittel nicht<br />
nur besser, sondern sind auch gesellschaftlich bekömmlicher.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Nochmal zu Rechtsschutz und Verbraucherschutz:
</p>
<p>
<b>Olivia:</b> Konkretisierung: Ich kenne andere Fälle, in denen<br />
große Firmen mit mehreren Anwälten die Sache einfach ausgesessen<br />
haben. Gibt es Ansprechpartner für die Betroffenen?
</p>
<p>
<b>Herta Däubler-Gmelin:</b> Olivia, die gibt es, können<br />
aber nur konkret im Einzelfall genannt werden. Es ist am besten, Sie<br />
schreiben mir: Mail herta.daeubler-gmelin@bundestag.de
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Nochmal kurz zurück zu Gentechnik:
</p>
<p>
<b>pisa:</b> Im Bezug auf die Gentechnik: Ist der Verbraucher zu ängstlich<br />
geworden, ja, fast technikfeindlich oder sagen Sie, es gibt begründete<br />
Zweifel an der Verträglichkeit dieser Technik mit Mensch und Umwelt?
</p>
<p>
<b>Herta Däubler-Gmelin:</b> Pisa, ich halte von solchen Bezeichnungen<br />
wie ängstlich nichts. Denken Sie nur an die Anfänge der Methode,<br />
die dann zu BSE geführt hat. Das Problem ist, dass viele Menschen<br />
und Tiere Genveränderungen zu sich nehmen und keiner langfristig<br />
weiß, was daraus wird. Bei Boden und Umwelt gibt es noch deutlichere<br />
Probleme, bei den sozialen Beziehungen ganz brennende. Im übrigen<br />
würde ich ( Schaden- Risiken-Nutzen-Abwägung) und viele sich<br />
leichter tun, wenn es darum ginge, etwa in Trockengebieten durch genveränderte<br />
Pflanzen den Hunger zu bekämpfen ( oder in Eisgebieten, oder speziellen<br />
anderen Problemzonen). Das findet jedoch nicht statt. Im Augenblick<br />
drücken die großen Chemo-Agrarier bei Soja (Tierfutter) und<br />
Mais ( dito) in den Markt, weil es bei tierischen Produkten ( noch)<br />
keine Kennzeichnungspflicht gibt. Geldverdienen reicht mir nicht aus,<br />
um Risiken zu konterkarieren.
</p>
<p>
<b>Reus:</b> Freiland Versuche: Gibt es ein Register wo alle Versuche<br />
verzeichnet sind? Greenpeace klagt da gerade, oder?
</p>
<p>
<b>Herta Däubler-Gmelin:</b> Reus, nach dem Gentechnik-Neuordnungsgesetz<br />
dürfen solche Versuche nicht grundsätzlich geheimgehalten<br />
werden. Im Augenblick muss die Info noch eingeklagt werden.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Neues Thema: Europäische Union, unterschiedliche<br />
Themenbereiche:
</p>
<p>
<b>Sommerloch:</b> Was sagen sie zur geringen Wahlbeteiligung bei den<br />
EU-Wahlen und dem schlechten Abschneiden ihrer SPD?
</p>
<p>
<b>Herta Däubler-Gmelin:</b> Sommerloch, beides ist sehr ärgerlich,<br />
nicht nur im Sommerloch.
</p>
<p>
<b>Moore:</b> Sind sie für eine Volksabstimmung zur EU-Verfassung<br />
oder teilen sie die Ansicht, dass das die Verfassung untersagt?
</p>
<p>
<b>Herta Däubler-Gmelin:</b> Moore, ich habe mich schon häufig<br />
zu Volksbegehren und Volksentscheid (national) eingesetzt (unter klaren<br />
Bedingungen, die in der Verfassung verankert sein müssen).<br />
Ich bin für eine EU-weite Volksabstimmung über die EU-Verfassung,<br />
halte allerdings den jetzt gewählten Weg von einigen national veranstalteten<br />
für außerordentlich bedenklich. Da wird das Gleiche passieren,<br />
was bei der EU-Wahl vor sich ging: Es wird nicht nach europäischen<br />
Fragen, sondern nach interner nationaler Kritik abgestimmt befürchte<br />
ich.</p>
<p><b>roter:</b> Warum will Schröder keine Abstimmung zur Verfassung?<br />
Verstehen sie das?
</p>
<p>
<b>Herta Däubler-Gmelin:</b> Roter, ich hätte gerne eine<br />
EU-weite Abstimmung in allen 25 Mitgliedsstaaten. Ob wir eine nationale<br />
machen sollten, bezweifle ich, weil das eine punktuelle Sonderlösung<br />
wäre und &#8211; wahrscheinlich &#8211; der Opposition dazu genutzt würde,<br />
innenpolitische Aspekte wahlentscheidend zu machen. Ärgerlich,<br />
aber vorhersehbar. Der richtige Weg wäre, die EU-Verfassung würde<br />
mit einer neuen Bestimmung versehen oder die Staatsspitzen würden<br />
sich verabreden, in der ganzen EU eine Abstimmung zu machen.
</p>
<p>
<b>Plebs:</b> Halten sie die „Pro Volksabstimmung“-Aussagen<br />
von Stoiber und Westerwelle für reine PR?
</p>
<p>
<b>Herta Däubler-Gmelin:</b> Plebs, ja.
</p>
<p>
<b>Plebs:</b> Also eine EU-weite Abstimmung? Teuer und langwierig?
</p>
<p>
<b>Herta Däubler-Gmelin:</b> Plebs, weder noch. Warum sollte eine<br />
EU- Volksabstimmung teuerer sein als nationale in den Mitgliedsstaaten?<br />
Langwieriger als der jetzige Ratifikationsprozess wäre das auch<br />
nicht.
</p>
<p>
<b>Barolo:</b> Wie finden sie das Geschacher um den Posten des nächsten<br />
Kommissionspräsidenten?
</p>
<p>
<b>Herta Däubler-Gmelin:</b> Barolo, warum benutzen Sie das Wort<br />
&quot;Geschacher&quot;? Das ist ein ganz normaler Auswahlprozess. Ich<br />
finde, wir sollten aufpassen, schon mit den Bezeichnungen nicht unbedingt<br />
der Massenpresse zu erliegen.
</p>
<p>
<b>Perse:</b> Sind sie für einen Beitritt der Türkei?
</p>
<p>
<b>Herta Däubler-Gmelin:</b> Perse, ich bin dafür, endlich<br />
einzuhalten, was der Türkei seit Adenauer und Kohl versprochen<br />
wurde: Dann die Verhandlungen über einen Beitritt zur EU aufzunehmen,<br />
wenn bestimmte Bedingungen (Rechtsstaatlichkeit, Abschaffung von Folter<br />
und Todesstrafe &#8230;) erfüllt sind. Das könnte Ende des Jahres<br />
so weit sein, wir sollten indes die Bewertung durch die EU abwarten.
</p>
<p>
<b>Ukr:</b> Sollte die Erweiterung im Osten weitergehen? Wenn ja, welche<br />
Länder?
</p>
<p>
<b>Herta Däubler-Gmelin:</b> Ukr, es ist sicherlich klug, nicht<br />
gleich an weitere Erweiterungen zu denken, sondern jetzt erst einmal<br />
auf Konsolidierung. Wichtig ist, dass die EU die guten Beziehungen zu<br />
ihren Nachbarn, also insbesondere auch Russland und Ukraine, wahrnimmt.<br />
Da gibt es auch gute Abkommen, die alle auf der EU-Website abzurufen<br />
sind.
</p>
<p>
<b>Fisch:</b> Sollte die EU mehr Engagement beim Wiederaufbau im Irak<br />
zeigen?
</p>
<p>
<b>Herta Däubler-Gmelin:</b> Fisch, da müssen einige Voraussetzungen<br />
erfüllt sein (UNO-Beschluss, Bitte der autonomen Irak-Regierung,<br />
Ende der US-Besatzung&#8230;.), aber einzeln kann man und sollte man den<br />
Menschen dort helfen.
</p>
<p>
<b>RalfRichter:</b> Die Europäische Kommission stellt der palästinensischen<br />
Autonomiebehörde in diesem Jahr 65 Millionen Euro zur Verfügung.<br />
Trotz Korruption?
</p>
<p>
<b>Herta Däubler-Gmelin:</b> RalfRichter, die EU ist auch der<br />
härteste Kontrolleur der Administration. Das hilft. Und die Menschen<br />
in Palästina brauchen die Hilfe dringend &#8211; sie leiden ja nicht<br />
nur unter dem Unrecht, sondern richtig materielle Not.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Letzte Frage:
</p>
<p>
<b>Quaratino:</b> Sie zitieren auf ihrer Website Willy Brandt &quot;Politik<br />
sei dann richtig und gut, wenn sie dazu diene, Menschen mit großen<br />
Sorgen und großen Belastungen beides ein bisschen leichter zu<br />
machen.&quot; Tut das die heutige Politik?
</p>
<p>
<b>Herta Däubler-Gmelin:</b> Quaratino, gute Frage, aber sehr<br />
allgemein. Sie tut es in einiger Hinsicht, bei anderen Fragen &#8211; so vermute<br />
ich &#8211; stimme ich Ihrer Kritik zu. Aber der Satz von Willy Brandt ist<br />
wichtig für Politiker. Oder sollte es wenigstens sein.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Liebe Mitwirkende, Fragesteller, sehr geehrte Frau<br />
Däubler-Gmelin! Unsere Zeit ist leider schon wieder um. Ich bedanke<br />
mich im Namen der Bundeszentrale für politische Bildung für<br />
die vielen Fragen und natürlich bei Ihnen, Frau Däubler-Gmelin,<br />
dass Sie sich zum Internet-Austausch bereit erklärt haben. Ich<br />
hoffe, es hat Ihnen Spaß gemacht! Nächste Woche ist Herr<br />
Bütikofer zu Gast im Chat!
</p>
<p>
&nbsp;</p>
]]></content:encoded>
					
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			</item>
		<item>
		<title>Volksabstimmung und EU-Verfassung</title>
		<link>https://www.politik-digital.de/chattranscripte/volksabstimmung_und_euverfassung-187/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[sfuhrmann]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 17 Jul 2004 23:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Chattranscripte]]></category>
		<category><![CDATA[Europawahl]]></category>
		<category><![CDATA[Europäische Union]]></category>
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					<description><![CDATA[<b>Alexander Alvaro<!-- #EndEditable --> 
im europathemen.de-Chat am <!-- #BeginEditable "chat_datum" -->17.07.2004</b>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><b>Alexander Alvaro<!-- #EndEditable --><br />
im europathemen.de-Chat am <!-- #BeginEditable "chat_datum" -->17.07.2004</b><!--break--><b><!-- #EndEditable --><br />
</b><br />
<!-- #BeginEditable "chat" --> </p>
<p>
<b><b>Moderator:</b></b> Liebe EU-Freunde und Kritiker: Herzlich<br />
willkommen im Europathemen-Chat! Europathemen ist das Internetangebot<br />
der Bundeszentrale für politische Bildung zur Europawahl. Wir begrüßen<br />
unseren heutigen Gast Alexander Alvaro (FDP), Europa-Abgeordneter. Wir<br />
haben 60 Minuten Zeit – Herr Alvaro ist uns aus Düsseldorf<br />
zugeschaltet. Kann es losgehen, Herr Alvaro?
</p>
<p>
<b><b><img decoding="async" src="http://www.politik-digital.de/salon/photos/aalvaro.jpg" align="left" height="105" width="76" />Alexander<br />
Alvaro:</b></b> Gerne.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Wunderbar, zwei Fragen ein Thema:
</p>
<p>
<b>curie:</b> Waren Sie von Ihrer Wahl ins Parlament überrascht?<br />
Sieben deutsche Liberale haben es geschafft, Ihr Listenplatz war 6.<br />
Knapp, oder?
</p>
<p>
<b>horaz: </b>Nachdem die letzten zwei Europawahlen für<br />
die Liberalen verloren gingen – waren Sie vom guten Wahlergebnis<br />
(6,1 %) überrascht?
</p>
<p>
<b>Alexander Alvaro:</b> In Anbetracht des Endergebnisses war der Platz<br />
Nr. 6 nun nicht sehr knapp. Hinsichtlich des tatsächlichen Einzuges<br />
der FDP bin ich nicht wirklich sehr überrascht, aber begeistert.<br />
Die Umfragen haben uns im Vorfeld ein vergleichbares Ergebnis bescheinigt,<br />
aber als Kandidat ist man vielleicht etwas pessimistischer. Ich denke,<br />
die Tatsache, dass die FDP euroapolitische Themen aufgegriffen hat und<br />
im Wahlkampf die motivierteste Partei war, ist ein Grund für dieses<br />
gute Ergebnis.
</p>
<p>
<b>EUro-Fan:</b> Hallo Herr Alvaro, wie haben Sie den Einzug<br />
der Liberalen in das Europäische Parlament eigentlich gefeiert?
</p>
<p>
<b>Alexander Alvaro:</b> Nach einem Glas Rotwein bin ich leider völlig<br />
K.O. eingeschlafen.
</p>
<p>
<b>seneca:</b> Gibt es eine EU-FDP oder wie heißt die<br />
liberale EU-Fraktion? Bezeichnend, dass ich die Namen nicht kenne, oder?
</p>
<p>
<b>Alexander Alvaro:</b> Es ist wirklich ein Problem, dass die europäischen<br />
Fraktionen eher unbekannt sind. Die Liberale Fraktion nennt sich ALDE<br />
(Alliance of Liberals and Democrats for Europe).
</p>
<p>
<b>trier:</b> Bundeskanzler Gerhard Schröder hat sich<br />
für eine rasche Ratifizierung des europäischen Verfassungsvertrags<br />
durch den Bundestag ausgesprochen. Ist das das Aus für eine Volksabstimmung?
</p>
<p>
<b>Alexander Alvaro:</b> Zur Verfassung: Die Bundesregierung und die<br />
Koalition sehen sich offenbar nicht in der Lage, die Menschen in Deutschland<br />
über die Verfassung zu informieren, und dies wäre eine Grundvoraussetzung<br />
für eine vernünftige Volksabstimmung. Nachdem jetzt auch Frankreich<br />
ein Referendum durchführen möchte, und somit zehn Staaten<br />
ihre Bürger fragen, muss sich die Bundesregierung fragen lassen,<br />
ob es nicht Zeit wird, umzudenken. Will Rot-Grün ein Europa der<br />
Bürger, dann muss es die deutsche Bevölkerung fragen.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Sehen Sie noch Chancen für eine Volksabstimmung<br />
in Deutschland?
</p>
<p>
<b>Alexander Alvaro:</b> Kaum. Da scheint die Koalition stur zu bleiben.<br />
Wir als FDP-Europa-Abgeordnete und die FDP als Ganzes werden dennoch<br />
weiterhin dafür werben.
</p>
<p>
<b>EUro-Fan:</b> Na, laut Grundgesetz ist eine Volksabstimmung<br />
doch gar nicht möglich. Wie wollen Sie das Grundgesetz denn so<br />
schnell ändern?
</p>
<p>
<b>Alexander Alvaro:</b> Schnell würde das nicht gehen. Muss es<br />
auch nicht, sondern vernünftig. Die Franzosen werden ihr Referendum<br />
erst Mitte nächsten Jahres durchführen.
</p>
<p>
<b>Rotwein&amp;Rothändle:</b> Die Referenden sind doch<br />
aber nur nationalstaatlich organisiert. Wäre es nicht sinnvoller<br />
eine europaweite, zeitgleiche Abstimmung zu organisieren?
</p>
<p>
<b>Alexander Alvaro:</b> Ich denke nicht, dass es aus unbedingt sinnvoller<br />
wäre, aber zumindest wäre es der Anfang einer gemeinsamen<br />
europäischen Identität, wenn alle Bürger Europas am gleichen<br />
Tag über ihre Verfassung abstimmen würden.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Nachfragen zu den &quot;geringen&quot; Chancen:
</p>
<p>
<b>kcssg:</b> Was kann man tun, um da noch aktiv zu werden?<br />
Volksbegehren?
</p>
<p>
<b>Alexander Alvaro:</b> Ein Volksbegehren ist im Grundgesetz leider<br />
auch nicht vorgesehen, aber es besteht natürlich die Möglichkeit,<br />
Druck auf ihre gewählten Vertreter auszuüben, und diejenigen<br />
zu unterstützen, die für eine Volksabstimmung werben und kämpfen.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Letzte Frage zum Thema:
</p>
<p>
<b>skeptiker:</b> Wie kann es sein Herr Alvaro, dass in Deutschland<br />
im Bezug auf Volksabstimmungen noch immer ein Denken des 19. Jhdts.<br />
herrscht? Wie erklären Sie sich das?
</p>
<p>
<b>Alexander Alvaro:</b> Möglicherweise haben wir in Deutschland<br />
ein falsches Politikverständnis entwickelt. In meinen Augen ist<br />
der, der Politik macht, derjenige, der die Vorstellungen seiner Bürger<br />
in die Realität umsetzt. Sozusagen eine Art &quot;Moderator&quot;.<br />
Heutzutage scheut sich der Großteil der Politik aber leider, der<br />
notwendigen Aufklärungspflicht gegenüber den Bürgern<br />
nachzukommen.
</p>
<p>
<b>karl32:</b> Was halten Sie davon, dass der Gottesbezug<br />
aus der Präambel der EU-Verfassung gestrichen wurde?
</p>
<p>
<b>Alexander Alvaro:</b> Das halte ich für richtig. Die Europäische<br />
Union baut selbstverständlich auch auf dem religiösen Erbe<br />
auf. Ein expliziter Gottesbezug würde aber der Vielfalt –<br />
der religiösen Vielfalt – Europas nicht ausreichend Rechnung<br />
tragen.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Sie sprechen eine europäische Identität<br />
an – kann die Türkei EU-Mitglied werden?
</p>
<p>
<b>Alexander Alvaro:</b> Kann sie grundsätzlich schon. Aber nicht<br />
heute und nicht morgen, ich denke, übermorgen wäre der Zeitpunkt,<br />
wenn sichergestellt ist, dass die EU in der Lage ist, die Aufnahme der<br />
Türkei zu bewältigen und die Türkei die Kopenhagener<br />
Kriterien erfüllt.
</p>
<p>
<b>Rotwein&amp;Rothändle: </b>Was verstehen Sie denn<br />
unter &quot;europäischer Identität&quot;? Nach ihrer Logik<br />
müssten ja alle Europawahlen das ominöse &quot;Wir-Gefühl&quot;<br />
stärken. Aber die Wähler sehen das scheinbar anders. Wie sind<br />
sonst die starken Zugewinne der Europa-Gegner zu bewerten?
</p>
<p>
<b>Alexander Alvaro:</b> Unter europäischer Identität verstehe<br />
ich das gemeinsame Bewusstsein der Bürger Europas, trotz aller<br />
kulturellen und sprachlichen Unterschiede, eine gemeinsame Gesellschaft<br />
bilden zu wollen. Dass die Menschen sich jüngst vielfach von der<br />
EU – nicht Europa – abwenden, ist auf die fehlende Kommunikation<br />
des eigentlichen Sinns und Handelns der EU zurückzuführen.<br />
Dies muss man erkennen und ändern, wenn das politische Projekt<br />
EU nicht gefährdet werden soll.
</p>
<p>
<b>traumschiff:</b> Wie sieht es dann mit Ukraine, Weißrussland,<br />
Georgien aus. Passen die auch noch rein in die EU?
</p>
<p>
<b>Alexander Alvaro:</b> Ich denke, dass zu diesen Staaten zur Zeit<br />
kein Diskussionsbedarf besteht. Keiner der Staaten hat eine offizielle<br />
Anfrage gestellt, Mitglied zu werden.
</p>
<p>
<b>locke:</b> Die politische Farbenlehre war in Europa immer<br />
schon komplizierter als die in Deutschland. Ein Grund für die Wahlenthaltung?
</p>
<p>
<b>Alexander Alvaro:</b> Nein, denke ich nicht. Vielmehr war die mangelnde<br />
Kenntnis über die EU und die Abstraktheit der EU das Problem. Würden<br />
Sie etwas wählen, dass sie zwar vielleicht kennen, aber nicht verstehen?
</p>
<p>
<b>abi1999:</b> War die Wahl ein Dämpfer für die<br />
etablierten Volksparteien?
</p>
<p>
<b>Alexander Alvaro:</b> Wenn Sie sich deren Wahlergebnisse anschauen:<br />
Und ob! Beide &quot;großen&quot; Parteien haben bei der Europawahl<br />
deutlich Stimmen abgeben müssen.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Zwei Fragen, ein Thema:
</p>
<p>
<b>wallraff:</b> &quot;Hast Du einen Opa, schick ihn nach<br />
Europa&quot;, ist ein bekanntes (Vor-)Urteil. Wie fühlen Sie sich<br />
da?
</p>
<p>
<b>nero:</b> Europa-Abgeordnete sind ja nicht gerade bekannt<br />
bei den Wählern. Wie fühlen Sie sich da, und wie vermitteln<br />
Sie den Wählern das sperrige Thema Europa?
</p>
<p>
<b>Alexander Alvaro:</b> Zu &quot;Opa in Europa&quot;: Gerade bei den<br />
Abgeordneten der neuen Staaten – zumindest in unserer Fraktion<br />
– wäre ich stolz, wenn einer von denen mein Opa wäre.<br />
Mindestens fünf Ex-Außenminister, ehemalige Ministerpräsidenten<br />
und noch amtierende Minister gehören unserer Fraktion an sowie<br />
der Mitbegründer der Solidarnosc und liberale Kandidat für<br />
das Amt des Präsidenten des Europa-Parlaments Bronislaw Geremek<br />
sind dabei. Das ist großartig! Deutschland hat leider zu spät<br />
erkannt, wie wichtig Europa ist, aber mit diesen Menschen zusammenarbeiten<br />
zu dürfen, ist einmalig. Wenn ich den Bürgern in Deutschland<br />
Europa näher bringen möchte, dann muss ich zum einen auch<br />
am Ort präsent sein – gerade außerhalb des Wahlkampfes<br />
– und zum anderen muss ich ihnen erst mal die Basics erklären,<br />
damit ein Verständnis für die Funktionsweise des Parlaments<br />
erwächst. Es ist wie in der Mathematik: Das Einmaleins kommt vor<br />
der Kurvendiskussion.
</p>
<p>
<b>EUro-Fan:</b> Wollen Sie sich als JuLi insbesondere um<br />
die Belange der Jugendlichen kümmern, oder interessieren Sie auch<br />
andere Themen/Politikfelder?
</p>
<p>
<b>Alexander Alvaro:</b> Als deutsche FDP-Abgeordnete haben wir besondere<br />
Schwerpunkte bezüglich der Arbeit in Deutschland gesetzt. Ich werde<br />
deswegen im besonderen versuchen, Menschen meines Alters zu erreichen,<br />
deren Zukunft mehr denn je durch die EU beeinflusst wird. Im Parlament<br />
möchte ich aber gerne in zwei Ausschüssen arbeiten: erstens<br />
Civil liberties, Justice and Home Affairs und zweitens Legal Affairs.<br />
Allerdings steht die Ausschussvergabe leider noch nicht endgültig<br />
fest.
</p>
<p>
<b>claasen:</b> Was sagen Sie zum neuen EU-Parlamentspräsidenten?<br />
Werden Sie ihn wählen?
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Den spanischen Sozialdemokraten José Borrell?
</p>
<p>
<b>Alexander Alvaro:</b> Es gibt mehrere Kandidaten. Welcher ist gemeint?
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Ich vermute Borrell.
</p>
<p>
<b>Alexander Alvaro:</b> Borell werde ich nicht wählen. Ich werde<br />
Professor Bronsilaw Geremek wählen. Er ist aufgrund seiner Biographie<br />
und seines politischen Werdegangs der einzig wählbare Kandidat.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Vom Parlament zur Kommission:
</p>
<p>
<b>clara:</b> Hat der designierte EU-Kommissionspräsident<br />
José Manuel Durão Barroso sich bei den Liberalen schon<br />
vorgestellt, und wie finden Sie ihn?
</p>
<p>
<b>Alexander Alvaro:</b> Ja, er hat sich bei uns vorgestellt und uns<br />
Rede und Antwort gestanden. Er hat durchaus einige vernünftige<br />
Ansichten und Vorstellungen, wenn es um die politische Arbeit der Kommission<br />
geht. Aber ich habe mich noch nicht entschieden, ob ich ihn unterstützen<br />
werde. Die Anhörung ist noch relativ frisch, und ich muss für<br />
mich erst mal die Pros und Cons gewichten.
</p>
<p>
<b>katharina:</b> Wie finden Sie das Geschacher um den Posten<br />
des nächsten Kommissionspräsidenten?
</p>
<p>
<b>Alexander Alvaro:</b> Grauenvoll! Dass ein so hervorragender Mann<br />
wie Verhofstat ins Aus bugsiert wurde ist eine Schande.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Zu aktuellen Themen:<br />
clay: Was sagen Sie zu Plänen der Brüsseler EU-Kommission,<br />
nach denen sich der deutsche Nettobeitrag bis 2013 auf über zehn<br />
Milliarden Euro verdoppeln könnte?
</p>
<p>
<b>Alexander Alvaro:</b> Ich halte das in der jetzigen Zeit nicht für<br />
hilfreich, obwohl sicher über die Beitragszahlung gesprochen werden<br />
muss. Allerdings muss dann auch alles auf den Tisch. So halte ich es<br />
für notwendig, in dem Zusammenhang auch über den so genannten<br />
&quot;Briten-Rabatt&quot; zu diskutieren.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Sind Sie für die Abschaffung des &quot;Britten-Rabatts&quot;?
</p>
<p>
<b>Alexander Alvaro:</b> Ich denke, dass der &quot;Briten-Rabatt&quot;<br />
sich mit Blick auf die britische Situation wohl überlebt haben<br />
müsste.
</p>
<p>
<b>Eduardo:</b> Sollte der Beitrag aller Nettozahler-Länder<br />
wie Deutschland begrenzt werden?
</p>
<p>
<b>Alexander Alvaro:</b> Sorry, ich verstehe die Frage nicht ganz.<br />
Der EU-Haushalt ist gedeckelt, und die Beitragszahlungen sind auf bestimmte<br />
Summen festgesetzt.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> O.k. – neue Frage: Die Finanzplanung der Europäischen<br />
Union für 2007 bis 2013 stößt in Deutschland, Frankreich<br />
und Großbritannien auf Ablehnung. Der von der Kommission vorgelegte<br />
Vorschlag, die EU-Ausgaben von 100 Mrd. Euro in diesem Jahr bis auf<br />
150 Mrd. Euro im Jahr 2013 zu steigern, gehe weit über das vertretbare<br />
Maß hinaus, hieß es im Bundesfinanzministerium. Wie sehen<br />
Sie das?
</p>
<p>
<b>Alexander Alvaro:</b> Ich stimme im Endergebnis mit dem Ministerium<br />
überein. Es ist nicht immer eine Frage der verfügbaren Summe,<br />
sondern vielmehr stellt sich die Frage nach einer vernünftigen<br />
Ausgabenpolitik. Es ist meines Erachtens ein Fehler, dass der Großteil<br />
des Haushalts in den Agrarbereich fließt, der Unsummen verschlingt.<br />
Ich denke aber, dass in Anbetracht der jetzigen Größe der<br />
Union eine Erhöhung notwendig ist, aber nicht in dem vorgeschlagenen<br />
Rahmen.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Aber Frankreich wird seinen Agrar-Topf verteidigen.<br />
Wer wird weniger bekommen? Der Osten?
</p>
<p>
<b>Alexander Alvaro:</b> Fraglich ist doch, ob Frankreich diesen erfolgreich<br />
wird verteidigen können. Die Zeiten, in denen Europa bedingungslos<br />
den Interessen Deutschlands und Frankreichs folgte, sind nicht mehr<br />
vorhanden. Frankreich wird sich gut überlegen müssen, wie<br />
viel auf dem Spiel steht und wie viel Schaden Politik mit der Brechstange<br />
in Europa anrichten könnte.
</p>
<p>
<b>Probst: </b>Schwere Schlappe für Hans Eichel: &quot;Der<br />
Europäische Gerichtshof hat einen Beschluss annulliert, mit dem<br />
der deutsche Finanzminister und Amtskollegen das EU-Defizitverfahren<br />
gegen Deutschland gestoppt hatten&quot;. Ist das ein gutes Signal für<br />
sie?
</p>
<p>
<b>Alexander Alvaro:</b> Ja. Das ist ein hervorragendes Signal. Es<br />
ist ein Erfolg, weil hierdurch klargestellt worden ist, dass der Stabilitätspakt<br />
kein Gummipakt ist, sondern ein starkes Instrument der Union. Außerdem<br />
ist der Beliebigkeit von Einmischungen des Finanzministers Einhalt geboten<br />
worden, Verträge nach Gusto auszulegen. Dieser Fall hat gezeigt,<br />
dass die EU kein zahnloser Tiger mehr ist, und der lateinische Satz<br />
&quot;pacta sunt servanda&quot; auch heute noch Gültigkeit besitzt.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Themenwechsel, bevor wir gleich zum Schluss kommen<br />
müssen:<br />
Gerd Lange: Werden Sie sich für die Entwickler einsetzen, damit<br />
wir es nicht mit Software-Patenten wie in Amerika zu tun bekommen?
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Stichwort Software-Patente.
</p>
<p>
<b>Alexander Alvaro:</b> Ich halte nicht viel von generellen Software<br />
Patenten, die – zumindest in Deutschland – meisten Probleme<br />
lassen sich über das Urheberrecht lösen.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Liebe Europa-Freunde, leider ist die Zeit schon<br />
vorbei vielen Dank an Sie, Herr Alvaro, dass Sie sich die Zeit für<br />
den Chat genommen haben und an alle Chatter für die vielen Fragen.<br />
Ich wünsche allen noch einen schönen Sommertag 😉
</p>
<p>
<b>Alexander Alvaro:</b> Ich danke Ihnen für die Möglichkeit.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Europathemen ist das Internetangebot der<br />
Bundeszentrale für politische Bildung. Es wird in Zusammenarbeit<br />
mit ARTE Multimedia und www.netzeitung.de am Zentrum für Medien<br />
und Interaktivität der Universität Gießen erstellt.<br />
Der Chat wurde von politik-digital.de in Berlin durchgeführt. Weitere<br />
Informationen zum Thema Europa finden Sie hier: www.europathemen.de<br />
Der nächste Termin: 29.07. (Do) 10.30-11.30 Uhr, Herta Däubler-Gmelin,<br />
Bundesministerin der Justiz a.D. &#8211; im Europathemen Live-Chat.</p>
]]></content:encoded>
					
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			</item>
		<item>
		<title>Rolle der Kirche in Zeiten der Krise</title>
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		<dc:creator><![CDATA[sfuhrmann]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 13 Jul 2004 23:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Chattranscripte]]></category>
		<category><![CDATA[Bundespolitik]]></category>
		<category><![CDATA[Evangelische Kirche]]></category>
		<category><![CDATA[Religion]]></category>
		<category><![CDATA[Wolfgang Huber]]></category>
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					<description><![CDATA[<b>Wolfgang Huber<!-- #EndEditable --> 
im tacheles.02-Chat am <!-- #BeginEditable "chat_datum" -->13.07.2004</b>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><b>Wolfgang Huber<!-- #EndEditable --><br />
im tacheles.02-Chat am <!-- #BeginEditable "chat_datum" -->13.07.2004</b><!--break--><b><!-- #EndEditable --><br />
</b><br />
<!-- #BeginEditable "chat" --> </p>
<p>
<b>Moderatorin:</b> Liebe Politik-Interessierte, willkommen im tacheles.02-Chat.<br />
Die Chat-Reihe tacheles.02 ist ein Format von tagesschau.de und politik-digital.de<br />
und wird unterstützt von tagesspiegel.de und von sueddeutsche.de.<br />
Zum Chat ist heute der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland,<br />
Bischof Wolfgang Huber, ins ARD-Hauptstadtstudio gekommen. Bischof Huber,<br />
sind Sie bereit für den 60-Minuten-Chat mit unseren Usern?
</p>
<p>
<b><img decoding="async" src="http://www.politik-digital.de/salon/photos/whuber1.jpg" alt="Wolfgang Huber, Ratsvorsitzender der EKD" align="left" height="161" width="195" />Wolfgang<br />
Huber:</b> Ich freue mich darauf sehr. Ich bin gespannt welche Fragen<br />
und Themen von den Beteiligten kommen werden.
</p>
<p>
<b>Claudia Hultsch:</b> Die Kirche verliert immer mehr Mitglieder.<br />
Wie erklären Sie sich diese Entwicklung?
</p>
<p>
<b>Wolfgang Huber:</b> Glücklicherweise kann ich darauf hinweisen,<br />
dass die Zahl der Kirchenaustritte in den letzten Jahren zurückgegangen<br />
ist. Die Zahl der Eintritte ist dagegen gewachsen. Und ich bin davon<br />
überzeugt, dass das Interesse an Religion weiter wachsen wird.
</p>
<p>
<b>Kaiser:</b> Was sind die Herausforderungen an die evangelische<br />
Kirche im 21. Jahrhundert?
</p>
<p>
<b>Wolfgang Huber:</b> Den Menschen den Glauben verständlich machen<br />
und sie in ihrem Leben begleiten. Wir stehen als Kirche vor einer missionarischen<br />
Herausforderung und wir müssen sogleich öffentlich für<br />
die Würde des Menschen eintreten.
</p>
<p>
<b>paxa:</b> Was sagen sie zur 40-Stunden-Debatte? Unsozial<br />
aus ihrer Sicht? Und bald Sonntagsarbeit?
</p>
<p>
<b>Wolfgang Huber:</b> Die 40-Stunden-Debatte finde ich nicht unsozial.<br />
Bei allen Debatten über die Arbeitszeit ist für mich entscheidend,<br />
ob Arbeitsplätze dadurch sicherer werden. Im einen Fall muss man<br />
dafür die Arbeitszeit verkürzen, im anderen verlängern.<br />
Bei der Sonntagsarbeit bin ich strikt: Nur wo unbedingt nötig.
</p>
<p>
<b>bergeb:</b> CDU und Union wollen weniger Feiertage. Ist<br />
das mit der Kirche vereinbar?
</p>
<p>
<b>Wolfgang Huber:</b> Wir mussten schon auf einen Feiertag verzichten,<br />
jedenfalls auf seinen staatlichen Schutz: Den Buß- und Bettag.<br />
Das war ein Fehler, den man nicht wiederholen soll.
</p>
<p>
<b>werjour:</b> Warum nimmt die evangelische Kirche nicht<br />
deutlich und vernehmlich Stellung zu sozialen Fragen? Warum und womit<br />
rechtfertigen Sie, Herr Huber, das jetzt anlaufende „Verelendungsprogramm“<br />
namens Hartz IV?
</p>
<p>
<b>Wolfgang Huber:</b> Zu sozialen Fragen haben wir immer deutlich<br />
Stellung genommen. Das „Wirtschafts- und Sozialwort“ von<br />
1997 ist dafür nach wie vor der richtige Rahmen. Vor unsozialen<br />
Auswirkungen von Hartz IV habe ich von Anfang an gewarnt. Auch weiterhin<br />
werde ich das tun. Aber man muss sich klar machen: Soziale Gerechtigkeit<br />
gilt auch für die nächste Generation. Und deshalb kommen wir<br />
um Reformen nicht herum.
</p>
<p>
<b>ekdfan:</b> Hartz IV: Sind die Maßnahmen sozial<br />
ausgewogen? Oder trifft es die Schwachen, die sich nicht wehren können?
</p>
<p>
<b>Wolfgang Huber:</b> Es gibt Element, die die Schwachen treffen:<br />
Ältere Arbeitslose, Rentner mit geringem Einkommen, kinderreiche<br />
Familien zum Beispiel. In all diesen Fällen muss &quot;nachgebessert&quot;<br />
werden.
</p>
<p>
<b>wolf.e:</b> Hartz: Ist die Zumutbarkeits-Regelung zumutbar?
</p>
<p>
<b>Wolfgang Huber:</b> Grundsätzlich muss man Arbeit fördern<br />
und nicht Arbeitslosigkeit, deswegen ist eine erweiterte Zumutbarkeit<br />
für mich grundsätzlich richtig. Aber es gibt Fälle, in<br />
denen sie falsch angewandt wird – beispielsweise dann, wenn jemand<br />
für eine ganz kurzfristige Tätigkeit den bisherigen Wohnort<br />
aufgeben soll.
</p>
<p>
<b>Moderatorin:</b> Wir bekommen viele Fragen zum Thema Zuwanderung,<br />
Integration, Immigration &#8211; Stichwort, Flüchtlinge vor Italien.<br />
Wo zeigt sich in Europa das „christliche Gesicht“, wenn<br />
es um Immigration geht?
</p>
<p>
<b>Wolfgang Huber:</b> Human und &quot;christlich&quot; bleibt Europa<br />
nur solange, bis Menschen, die verfolgt werden oder in Not sind, auch<br />
aufgenommen werden können. Das verlangt auch die Genfer Flüchtlingskonvention.<br />
Dabei muss es auch bleiben.
</p>
<p>
<b>Moderatorin:</b> Warum, glauben Sie, meldet sich der Vatikan nicht<br />
zu Wort?
</p>
<p>
<b>Wolfgang Huber:</b> Ich kann das von hier aus nicht beurteilen,<br />
ob dies wirklich stimmt. Gerade in Menschenrechtsfragen habe ich den<br />
Vatikan in der Regel als recht deutlich erlebt. Als Beispiel nenne ich<br />
die Stellung zum Irakkrieg.
</p>
<p>
<b>trond4:</b> Unterstützen Sie eigentlich Hilfsmaßnahmen<br />
im Irak und in Afghanistan?
</p>
<p>
<b>Wolfgang Huber:</b> Ja. Ich hoffe Sie auch. Ich halte in beiden<br />
Ländern die wirtschaftliche Stabilisierung für eine wichtige<br />
Voraussetzung für eine politische Stabilisierung und in beiden<br />
Ländern haben viele Menschen, vor allem Frauen und Kinder, so sehr<br />
gelitten, dass man ihnen von Herzen eine bessere Zukunft wünschen<br />
möchte.
</p>
<p>
<b>Moderatorin:</b> Eine Frage zur Türkei:
</p>
<p>
<b>carlos:</b> Wie stehen Sie zum Beitrittswunsch der Türkei<br />
in die EU?
</p>
<p>
<b>Wolfgang Huber:</b> Voraussetzungen in der Türkei sind dafür<br />
nur teilweise gegeben. Und die EU würde sich damit übernehmen.<br />
Sie muss nämlich erst einmal die jetzige Erweiterung verkraften.
</p>
<p>
<b>Moderatorin:</b> Aber müsste nicht gerade die christliche Kirche<br />
eigentlich ein Zeichen der Toleranz setzen, wenn die Politik sich schwer<br />
tut?
</p>
<p>
<b>Wolfgang Huber:</b> Das ist für mich kein Problem der Toleranz.<br />
Toleranz müssen wir im eigenen Land, wie gegenüber anderen<br />
Ländern üben. Auch unabhängig davon, ob sie zur EU gehören.<br />
Aber dasselbe gilt natürlich auch umgekehrt. Von der Türkei<br />
muss &#8211; wenn sie zur EU gehören will &#8211; erwartet werden, dass Christen<br />
dort die gleiche Religionsfreiheit haben wie Muslime. Und sie sollte<br />
sich auch mit ihrer eigenen Vergangenheit, vor allem dem Völkermord<br />
an den Armeniern, anders auseinandersetzen, als das bisher der Fall<br />
ist.
</p>
<p>
<b>interesse82:</b> Schönen guten Tag. Der Zusammenhalt<br />
der EU basiert meiner Meinung nach hauptsächlich darauf, dass es<br />
ein allgemeines Werteverständnis unter den Mitgliedstaaten gibt.<br />
Mit dem möglichen Beitritt der Türkei stelle ich mir die Frage,<br />
ob die Grundwerte des Abendlandes mit der komplett verschiedenen Moral<br />
des Islam in Frage gestellt werden. Wie sehen sie das Thema Islam insgesamt<br />
in Europa und in der globalisierten Weltpolitik?
</p>
<p>
<b>Wolfgang Huber:</b> Ich glaube nicht, dass es nur eine Spielart<br />
des Islam gibt. Man darf den Islam nicht insgesamt mit dem Islamismus<br />
gleichsetzen. Aber von diesem muss man sich klar abgrenzen und darf<br />
der kritischen Auseinandersetzung nicht ausweichen. Zur europäischen<br />
Werteordnung gehört auch, dass religiöse Ziele nicht mit staatlichen<br />
Gewaltmitteln durchgesetzt werden dürfen. Alle muslimischen Gesprächspartner<br />
frage ich deshalb immer wieder, wie sie zum säkularen Charakter<br />
von Staat und Recht stehen.
</p>
<p>
<b>Moderatorin:</b> Stichwort Europäische Verfassung:
</p>
<p>
<b>R?6:6,17-18:</b> Welche Konsequenzen ziehen Sie aus dem<br />
Streichen des &quot;Gottesbezuges&quot; bei der EU-Verfassung?
</p>
<p>
<b>Wolfgang Huber:</b> Die Diskussion über die christlichen Wurzeln<br />
Europas muss weitergehen. Die Verfassungsdiskussion hat dabei sehr geholfen,<br />
auch wenn nicht alle Vorschläge aufgenommen worden sind, die wir<br />
dazu gemacht haben. Sehr wichtige Vorschläge wurden aber aufgenommen.<br />
Die religiösen Wurzeln Europas sind ausdrücklich genannt.<br />
Die Wertbindung der Verfassung ist deutlich. Die besondere Stellung<br />
der Kirchen und Religionsgemeinschaften wird respektiert. Das ist viel<br />
mehr, als insbesondere Frankreich ursprünglich zugestehen wollte.
</p>
<p>
<b>schade:</b> Denken sie, dass der Gottesbezug andere Religionen<br />
diskriminiert hätte ?
</p>
<p>
<b>Wolfgang Huber:</b> Nein. Für andere Religionen wäre er<br />
sowieso offen gewesen. Aber in dem Formulierungsvorschlag, den ich selbst<br />
dafür gemacht habe, wäre er unmittelbar mit dem Respekt vor<br />
der Freiheit des Gewissens verbunden gewesen. Damit wären auch<br />
Nicht-Glaubende nicht in ihrer Gewissensfreiheit beeinträchtigt<br />
worden.
</p>
<p>
<b>Moderatorin:</b> Ist das neue Europa nicht mehr laizistisch als<br />
christlich?
</p>
<p>
<b>Wolfgang Huber:</b> Das ist ja kein Gegensatz. Frankreich ist nicht<br />
dadurch unchristlich, dadurch dass es laizistisch ist. Der Laizismus<br />
ist eine bestimmte Ordnung des Verhältnisses von Staat und Kirche,<br />
die ich nicht für gut halte, weil die öffentliche Bedeutung<br />
von Religion und Kirche dabei nicht richtig zur Geltung kommt. Aber<br />
wie christlich ein Land ist, liegt an den Christen und nicht an der<br />
Rechtsordnung.
</p>
<p>
<b>nikola:</b> Wie sehen sie die Position Frankreichs in<br />
diesen Fragen allgemein? Das Kopftuchverbot war dort gar kein Thema.<br />
Religion ist Privatsache und hat im Staatsdienst nix zu suchen.
</p>
<p>
<b>Wolfgang Huber:</b> Das Kopftuchverbot war ein Riesenthema. Der<br />
französische Laizismus hat es sogar ermöglicht, Schülerinnen<br />
das Kopftuch zu verbieten, aber das war sehr umstritten. Und die Gefahr<br />
des Laizismus besteht darin, die Freiheit von der Religion wichtiger<br />
zu nehmen, als die Freiheit zur Religion. Sie gehört aber zur Religionsfreiheit<br />
dazu.
</p>
<p>
<b>schade:</b> Wie haben sie ihre Haltung im Kopftuchstreit<br />
begründet ?
</p>
<p>
<b>Wolfgang Huber:</b> Ich habe mich nur auf Menschen im öffentlichen<br />
Dienst, insbesondere Menschen in pädagogischen Aufgaben bezogen.<br />
Sie sind zur Mäßigung verpflichtet. Dazu gehört auch<br />
die Zurückhaltung darin, die eigene politische oder religiöse<br />
Überzeugung zur Schau zu stellen. Wer das nicht akzeptiert, begründet<br />
damit Zweifel an seiner Eignung, insbesondere für den Lehrerberuf.<br />
Deshalb sollte es schon auf Grund des Beamtenrechts möglich sein,<br />
jemanden in diesem Fall vom Zugang zum Lehrerberuf auszuschließen.<br />
Davon abgesehen muss das Recht, das Kopftuch zu tragen, natürlich<br />
unangetastet bleiben.
</p>
<p>
<b>Moderatorin:</b> Was würden Sie dazu sagen, wenn diese unpräzise<br />
Debatte (das Kopftuch muss ja kein religiöses Symbol sein) dazu<br />
führen könnte, jegliche religiösen Symbole aus den Klassenzimmern<br />
zu verbannen?
</p>
<p>
<b>Wolfgang Huber:</b> Das ist von vorne bis hinten falsch. Das Kopftuch<br />
ist nämlich überhaupt kein religiöses Symbol. Das Tragen<br />
des Kopftuches ist unter Umständen eine religiös bestimmte<br />
Handlung. Und diese Handlung muss darauf geprüft werden, ob sie<br />
mit anderen Pflichten vereinbar ist. Die ganze Debatte über religiöse<br />
Symbole ist dagegen völlig falsch. Ein religiöses Symbol wäre<br />
für Muslime z.B. der Schriftzug &quot;Allah&quot; oder das Abbild<br />
der &quot;Kaaba&quot; in Mekka. Aber ein Kopftuch ist so wenig ein Symbol<br />
wie ein T-Shirt. Das Kreuz im Klassenzimmer ist vom Bundesverfassungsgericht<br />
insofern verboten worden, als es von Staats wegen aufgehängt wird<br />
und einzelne Schüler oder ihre Eltern das nicht akzeptieren. Das<br />
ist aber etwas ganz anderes, als ob jemand persönlich das Recht<br />
hat, ein kleines Kreuz zu tragen.
</p>
<p>
<b>Moderatorin:</b> Kommen wir zurück zum Islam:
</p>
<p>
<b>gemini:</b> Sie fragen alle Muslime zu ihrem Verhältnis<br />
von Staat und Religion, auf der anderen Seite plädieren Sie aber<br />
für einen Gottesbezug in der europäischen Verfassung. Ist<br />
das gerade für einen Muslim nicht widersprüchlich?
</p>
<p>
<b>Wolfgang Huber:</b> Auch der Muslim würde sich doch über<br />
den Gottesbezug in der Verfassung freuen – unabhängig von<br />
der schwierigen Frage, ob Christen und Muslime denselben Gott bekennen<br />
bzw. dasselbe Gottesbild haben. Aber die Frage an ihn heißt, ob<br />
Er dem Bekenntnis von Christen, Juden oder auch der Haltung von Atheisten<br />
das gleiche Recht im Staat zuerkennt. Zu unserer europäischen Verfassung<br />
gehört, dass die Staatsangehörigkeit und die staatsbürgerlichen<br />
Rechte vom religiösen Bekenntnis unabhängig sind. Daran ändert<br />
auch ein Gottesbezug, wie wir ihn ja im deutschen Grundgesetz haben,<br />
nichts.
</p>
<p>
<b>nicole justin:</b> Ein Gottesbezug in der Verfassung hätte<br />
für Konsequenzen, dass die Kirchen weiterhin in Europa steuerlichen<br />
Vorteilen haben. Oder?
</p>
<p>
<b>Wolfgang Huber:</b> Nein. Die Kirchensteuer wäre in Deutschland<br />
auch dann weiterhin möglich, wenn es keinen Gottesbezug gäbe.<br />
Und in anderen Ländern würde sie nicht durch den Gottesbezug<br />
automatisch eingeführt. Der Gottesbezug sollte ja in die Präambel,<br />
die den Rahmen der Verfassung bildet und den geistigen Horizont beschreibt.<br />
Die Präambel führt nicht automatisch zu rechtlichen Ansprüchen,<br />
also auch nicht zu finanziellen Ansprüchen der Kirchen.
</p>
<p>
<b>Moderatorin:</b> Anderes Thema:
</p>
<p>
<b>Öli:</b> Ist die Kirche nicht rückständig,<br />
wenn sie die Modernisierung der Gesellschaft, z.B. die Toleranz gleichgeschlechtlicher<br />
Ehen, nicht nachvollzieht?
</p>
<p>
<b>Wolfgang Huber:</b> Ich halte die Gleichsetzung zwischen Ehen und<br />
gleichgeschlechtlichen Ehegemeinschaften nicht für modern, sondern<br />
für falsch. Aber unsere Kirche hat sich dafür eingesetzt,<br />
dass auch für gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften Verlässlichkeit<br />
und wechselseitige Verantwortung gestärkt werden – aber in<br />
einer Weise, die auch weiterhin den Unterschied zwischen beiden Lebensformen<br />
gelten lässt.
</p>
<p>
<b>Moderatorin:</b> Vielleicht eine Unterstellung, die aber mutmaßlich<br />
von vielen geteilt wird:
</p>
<p>
<b>MeltinPot:</b> Warum ist die Kirche nicht in der Lage,<br />
die Pluralität der Gesellschaft und der Bedürfnisse der Menschen<br />
zu berücksichtigen?
</p>
<p>
<b>Wolfgang Huber:</b> Wenn die Kirche nicht die Bedürfnisse der<br />
Menschen berücksichtigt – und das kommt leider schon deshalb<br />
vor, weil die Bedürfnisse verschieden sind, und die Arbeit der<br />
Kirche nicht immer gleich gut ist – dann bin ich traurig. Aber<br />
Gleichgültigkeit gegenüber der Pluralität würde<br />
ich mir nicht vorwerfen lassen. Es gehört gerade zur Pluralität<br />
der Gesellschaft, dass die kirchliche Stimme in ihr deutlich wahrnehmbar<br />
ist.
</p>
<p>
<b>Moderatorin:</b> Nach dem Sex-Skandal in Österreich sprach<br />
der Bischof von St. Pölten, Kurt Krenn, im Zusammenhang mit den<br />
ihm gezeigten Bildern von „Bubenstreichen“. Ist ein solcher<br />
Kirchenvertreter Ihrer Ansicht nach noch tragbar?
</p>
<p>
<b>Wolfgang Huber:</b> Ich habe den neusten Skandal in Österreich<br />
noch nicht genau verfolgen können. Aber ich muss ehrlich zugeben,<br />
dass ich über Äußerungen von Bischof Krenn schon häufiger<br />
den Kopf geschüttelt habe. Das würde ich auch sagen , wenn<br />
er ein evangelischer Bischof wäre. Und bei sexuellen Übergriffen<br />
ist in meinen Augen jede Art von Verharmlosung falsch.
</p>
<p>
<b>Benjamin Lassiwe:</b> Vor einer Woche hat der Europäische<br />
Gerichtshof für Menschenrechte erklärt, dass das Recht auf<br />
Leben offenbar nicht für Menschen vor der Geburt gilt. Wie gehen<br />
Sie als Bioethiker, der vehement gegen die verbrauchende Embryonenforschung<br />
protestiert, mit einem solchen Urteil um?
</p>
<p>
<b>Wolfgang Huber:</b> Das Urteil muss ganz genau geprüft werden.<br />
Denn bei solchen Urteilen reicht es nicht, auf die Schlagzeilen zu reagieren.<br />
In die Diskussion darüber werden wir unsere Grundposition deutlich<br />
einbringen, dass die Menschenwürde Bedeutung für das menschliche<br />
Leben von Anfang an hat.
</p>
<p>
<b>Moderatorin:</b> Es schließt sich der Kreis zum Anfang. Die<br />
Reformen beschäftigen uns weiter.
</p>
<p>
<b>Asteriscus:</b> Welche Antwort haben Sie auf Stichworte<br />
wie Vergreisung der Gesellschaft, leere Kassen und Sozialreform?
</p>
<p>
<b>Wolfgang Huber:</b> Das sind viele Stichworte aufs Mal. Mit der<br />
Vergreisung der Gesellschaft will ich mich gar nicht abfinden, sondern<br />
gerade heute Mut zu Kindern machen. Reformpolitik ist deswegen für<br />
mich nicht nur Rentenpolitik, sondern vor allem Familienpolitik. Und<br />
hinsichtlich der Kassen wird man in Zukunft fragen müssen, welche<br />
Aufgaben aus den Beiträgen der Arbeitnehmer und welche aus Steuern<br />
finanziert werden müssen. Aber das ist eine sehr kurze Antwort<br />
auf eine sehr lange Frage.
</p>
<p>
<b>Moderatorin:</b> Wir kommen zum Schluss. Manchmal muss ja auch Lob<br />
sein &#8211; dazu die Fanpost:
</p>
<p>
<b>Fizzyfrog:</b> Ich wollte Ihnen nur mal sagen, dass ich<br />
Sie sehr schätze und froh bin, dass die evangelische Kirche in<br />
Deutschland durch sie vertreten ist.
</p>
<p>
<b>Wolfgang Huber:</b> Darüber freue ich mich sehr. Und bedanke<br />
mich herzlich bei allen, die sich so intensiv beteiligt haben.
</p>
<p>
<b>Moderatorin:</b> Unsere Zeit ist bereits um. Vielen Dank an alle<br />
User für das große Interesse. Etliche Fragen sind leider<br />
unbeantwortet geblieben. Vielen Dank, Bischof Huber, dass Sie sich Zeit<br />
für den Chat genommen haben. Das Transkript dieses Chats finden<br />
Sie auf den Seiten der Veranstalter. Das tacheles.02-Team wünscht<br />
allen noch einen angenehmen Tag!
</p>
<p>
<b>Wolfgang Huber:</b> Ich hoffe einige Fragen konnten ein Stück<br />
weit geklärt werden.
</p>
<p>
&nbsp;</p>
]]></content:encoded>
					
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			</item>
		<item>
		<title>Reform des Beamtenrechts</title>
		<link>https://www.politik-digital.de/chattranscripte/reform_des_beamtenrechts-189/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[sfuhrmann]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 07 Jul 2004 23:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Chattranscripte]]></category>
		<category><![CDATA[Bundespolitik]]></category>
		<category><![CDATA[Beamtenrecht]]></category>
		<category><![CDATA[Beamter]]></category>
		<category><![CDATA[Peter Heesen]]></category>
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					<description><![CDATA[<b>Peter Heesen<!-- #EndEditable --> 
im tacheles.02-Chat am <!-- #BeginEditable "chat_datum" -->07.07.2004</b>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><b>Peter Heesen<!-- #EndEditable --><br />
im tacheles.02-Chat am <!-- #BeginEditable "chat_datum" -->07.07.2004</b><!--break--><b><!-- #EndEditable --><br />
</b><br />
<!-- #BeginEditable "chat" --> </p>
<p>
<b>Moderator:</b> Liebe Politik-Interessierte, herzlich willkommen<br />
im tacheles.02-Chat. Die Chat-Reihe tacheles.02 ist ein Format von tagesschau.de<br />
und politik-digital.de und wird unterstützt von tagesspiegel.de<br />
und von sueddeutsche.de. Heute ist der Präsident des Deutschen<br />
Beamtenbundes, Peter Heesen, ins ARD-Hauptstadtstudio gekommen. Der<br />
DBB vertritt als Spitzenorganisation nicht nur Beamte, sondern auch<br />
Angestellte des öffentlichen Dienstes. Kann es losgehen, Herr Heesen?
</p>
<p>
<b><img decoding="async" src="http://www.politik-digital.de/salon/transcripte/photos/pheesen.jpg" alt="Peter Heesen, Präsident des Deutschen Beamtenbundes" align="left" height="150" width="200" />Peter Heesen:</b><br />
Ja.
</p>
<p>
<b>Freier: </b>Thema 40-Stunden-Woche: Ob wünschenswert<br />
oder nicht, warum sollen ausgerechnet die Beamten verschont bleiben?
</p>
<p>
<b>Peter Heesen:</b> Die Beamten sind ja nicht verschont. In allen<br />
Bundesländern haben die Beamten ja schon die 40-Stunden Woche oder<br />
gar mehr. Manche Bundesländer sind gar bei 42 und der Bund wird<br />
auch auf 40 gehen. Allerdings: Die Absenkung auf 38,5 haben die Beamten<br />
1987 bis 1989 durch Lohnverzicht erkauft. Deshalb sagen wir: Für<br />
jede Anhebung der Arbeitszeit muss eine Gegenleistung geboten werden.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Wie könnte eine solche Gegenleistung aussehen?
</p>
<p>
<b>Peter Heesen:</b> Nun, die Gegenleistung könnte darin bestehen,<br />
dass die Mittel, die eingespart werden, für eine leistungsorientierte<br />
Bezahlung der Beamten eingesetzt werden. Wir verhandeln gerade mit Bundesinnenminister<br />
Schily über eine Reform des Beamtenrechtes, die eine solche Leistungsbezahlung<br />
einschließt. Wenn also 40-Stunden Woche &#8211; dann die Einsparung<br />
für die Bezahlung von Leistung.
</p>
<p>
<b>martina:</b> Warum gibt es jetzt keine Proteste, so wie<br />
Anfang der 90er, als in Hessen die verkürzte Arbeitszeit für<br />
Beamte abgelehnt wurde?
</p>
<p>
<b>Peter Heesen:</b> Wir sind der Auffassung, dass das, was im Augenblick<br />
beabsichtigt ist, zunächst einmal mit der Politik im Gespräch<br />
geklärt werden soll. Verhandeln hat Vorrang vor protestieren, deshalb<br />
sprechen wir auch mit Otto Schily über die Frage, wie man eine<br />
Arbeitszeiterhöhung vernünftig kompensieren kann.
</p>
<p>
<b>polze:</b> Siemens Arbeiter bekommen nur eine Gegenleistung:<br />
den Arbeitsplatz &#8211; der ist ihnen doch sicher, was also noch alles?
</p>
<p>
<b>Peter Heesen:</b> Beamte haben keine Arbeitskampfmöglichkeiten.<br />
Sie unterliegen dem verfassungsrechtlichen Streikverbot. Auf dieser<br />
Basis ist Verhandeln unsere Sache und dabei muss sichergestellt werden,<br />
dass der Öffentliche Dienst attraktiv bleibt, damit wir bestmögliche<br />
Dienstleistungen für Bürger und Staat erbringen können.<br />
Je weniger wir attraktiv sind, desto weniger haben wir die Chance, guten<br />
Nachwuchs zu gewinnen.
</p>
<p>
<b>Morlon:</b> Rainer Brüderle sagt, dass im internationalen<br />
Vergleich zu kurz gearbeitet wird und tritt für die Abschaffung<br />
starrer Tarifregelungen ein. Wo liegen denn die Gemeinsamkeiten zwischen<br />
FDP und DBB?
</p>
<p>
<b>Peter Heesen:</b> Die Frage ist eine Frage, die sich mit der Flexibilisierung<br />
von Arbeitszeit auseinandersetzt. Wir haben der Politik den Vorschlag<br />
gemacht, eine Flexibilisierung vor allem der Wochenarbeitszeit einzuführen,<br />
damit auf der einen Seite insbesondere unsere Mitarbeiterinnen Familie<br />
und Beruf besser in Einklang bringen können, und wir auf der anderen<br />
Seite zu längeren Öffnungszeiten bei den Ämtern kommen.<br />
In diesem Punkt stimmen also FDP und DBB vollkommen überein. Aber<br />
nicht nur in diesem Punkt!
</p>
<p>
<b>NenaO:</b> Haben sie Nachwuchssorgen, weil Bezahlung und<br />
Arbeit nicht attraktiv sind?
</p>
<p>
<b>Peter Heesen:</b> Ja. Wir haben bereits jetzt Nachwuchssorgen in<br />
einigen Bereichen des öffentlichen Dienstes, dazu zählen der<br />
Lehrerbereich, der Bereich der inneren Sicherheit, aber auch die Berufe<br />
der Technik. Viele Stellen können wir in diesen Bereichen derzeit<br />
nicht besetzen. An den Schulen ist die Situation derzeit so dramatisch,<br />
dass die Kultusministerkonferenz eine Initiative für den Lehrerberuf<br />
gestartet hat. Eine solche Werbekampagne zeigt die außergewöhnliche<br />
Situation, und diese wird auf Grund der Überalterung der Lehrerkollegien<br />
und trotz Rückgangs der Schülerzahlen in den kommenden Jahren<br />
noch schwieriger.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Im Bereich Schule &#8211; Lehrer sind ja auch meist Beamte<br />
&#8211; liegen die Probleme aber vor allem bei den fehlenden Finanzen der<br />
Länder!
</p>
<p>
<b>Peter Heesen:</b> Natürlich sind die Länder im Augenblick<br />
in schwieriger Finanzsituation, aber ich rede von freien Stellen, die<br />
auf Grund des Nachwuchsmangels nicht besetzt werden können, d.h.<br />
von Stellen, die die Länder in ihren Haushalten eingestellt haben<br />
und für die daher das Geld da ist.
</p>
<p>
<b>Mering:</b> Fehlende Lehrer &#8211; bei schlechten Pisa Noten:<br />
Wie soll Deutschland da aufholen?
</p>
<p>
<b>Gerber V.:</b> Warum haben dann Lehramtsanwärter<br />
in Bayern Angst, nicht übernommen zu werden?
</p>
<p>
<b>Peter Heesen:</b> Es gibt einige Bereiche, in denen sich die Nachwuchsfrage<br />
weniger scharf stellt. Dazu zählt der Bereich der Grundschullehrämter,<br />
auch in Bayern. Dagegen haben wir für die berufsbildenden Schulen,<br />
Gymnasien, Realschulen, Hauptschulen und die Sonderschulen wachsenden<br />
Bedarf. Ich kann Lehramtsanwärtern für den Grundschulbereich<br />
nur raten, die Studien für eine weitere Lehrbefähigung zu<br />
erweitern.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Noch mal zu dem, was den Beamten zum richtigen Beschäftigtendasein<br />
fehlt:
</p>
<p>
<b>DBB:</b> O.k., keine Arbeitskampfmöglichkeiten, aber<br />
Bummel-Streik geht doch oder? Manchmal hat man auf dem Amt das Gefühl,<br />
das einige das eh tun.
</p>
<p>
<b>Mering:</b> Nachfrage Streiks: Aber Ihr Vize Ondracek<br />
hat doch von Streik gesprochen, lese ich auf ihrer Internetseite?
</p>
<p>
<b>Peter Heesen:</b> Das ist nicht richtig. Wir stehen auf dem Boden<br />
der Verfassung und sagen ganz eindeutig: So lange diese Verfassung gilt<br />
und die Rechte der Beamten aus dieser Verfassung nicht tangiert werden,<br />
lehnen wir jeden Streik kategorisch ab, weil wir die Funktionsfähigkeit<br />
des Staates erhalten wollen. Wir sagen allerdings, wenn die Verfassung<br />
geändert wird und die Beamtenrechte gekippt werden, wie es z.B.<br />
die NRW-Landesregierung will, dann werden wir selbstverständlich<br />
das Streikrecht für uns in Anspruch nehmen, denn dann gibt es keine<br />
Beamten mehr. Im Übrigen sind Alltagserfahrungen auf dem Amt, wenn<br />
sie wie Bummelstreik aussehen, kein Streik, sondern eher ein Beleg für<br />
eine in der Tat vorhandene Demotivation bei vielen Beschäftigten.<br />
Das müssen wir ändern &#8211; wir gemeinsam &#8211; Gewerkschaft und Politik.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Das Berufsbeamtentum-&quot;Problem&quot; war die<br />
Frage von:
</p>
<p>
<b>Ram:</b> Was sagen sie zu den Plänen Peer Steinbrücks,<br />
dem Ministerpräsidenten von NRW (SPD), der die Abschaffung des<br />
Berufsbeamtentums fordert?
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Aber ernsthaft zu erwarten ist die Abschaffung des<br />
Berufsbeamtentums doch nicht &#8211; oder sehen Sie dafür ernsthaft eine<br />
Mehrheit im Bundestag? Es klingt &#8211; auf beiden Seiten &#8211; ein bisschen<br />
nach Schattenfechten!?
</p>
<p>
<b>Peter Heesen:</b> Ich sehe dafür wie Sie weder eine Mehrheit<br />
im Bundestag noch im Bundesrat &#8211; das habe ich Peer Steinbrück auch<br />
ganz offen gesagt und die Regierung in NRW aufgefordert, statt einer<br />
aussichtslosen Revolution mit uns dem DBB gemeinsam eine Weiterentwicklung<br />
des Beamtenrechtes zu machen. Leider ist Peer Steinbrück zu stur,<br />
um ein solchen vernünftigen Weg zu beschreiten. Aber wir machen<br />
dasselbe mit Otto Schily, bundesweit und bundeseinheitlich, und damit<br />
wird dann diese Reform auch in NRW ankommen.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Otto Schily ist mal wieder taktisch schlauer &#8211; oder<br />
ist das Einsicht in die Notwendigkeit?
</p>
<p>
<b>Peter Heesen:</b> Das ist keine Frage der Taktik, weder bei Otto<br />
Schily noch bei uns. Voran kommen wir nur durch Dinge, die wir gemeinsam<br />
verabreden, durch ein hohes Maß an Konsens, durch konkrete Zusammenarbeit<br />
von Arbeitgebern und Arbeitnehmern. Ich wünschte mir, dass alle<br />
Arbeitgeber und auch alle Gewerkschaften dies so sähen, denn wir<br />
müssen endlich einen Weg heraus finden aus der Misere unseres Landes.<br />
Das ist besser, als immer nur die Misere zu beklagen.
</p>
<p>
<b>föderalia:</b> Herr Heesen, was halten Sie denn von<br />
den Vorschlägen einiger Mitglieder der Föderalismuskommission,<br />
die Landesbeamtenregelungen ganz den Ländern zu überlassen?
</p>
<p>
<b>Peter Heesen:</b> Dahinter steht die Idee vom Wettbewerbsföderalismus.<br />
Im Wettbewerb treten können aber nur Konkurrenten, die gleiche<br />
Startbedingungen haben. Ein Blick auf die Finanzsituation unserer Länder<br />
zeigt, wie unterschiedlich die Finanzkraft der Länder ist. Bei<br />
diesem Wettbewerb würden deshalb die vielen finanzschwachen Länder<br />
auf der Strecke bleiben, vor allem bei der Gewinnung von Personalnachwuchs.<br />
Zudem sollten jene, die diesen Wettbewerbsföderalismus fordern,<br />
sich darüber im Klaren sein, dass sie bei dem angestrebten Wettbewerb<br />
nur Einfluss haben auf die Ausgabenseite. Nicht auf die Einnahmenseite<br />
ihrer Haushalte, denn die Steuergesetzgebung wird auch zukünftig<br />
ausschließlich in den Händen des Bundes liegen. Wir wollen<br />
den Ländern jedoch insofern entgegenkommen, als wir bei der in<br />
Arbeit befindlichen Reform des Beamten- und Bezahlungsrechtes Gestaltungsspielräume<br />
schaffen für regionale Gestaltungsmöglichkeiten.
</p>
<p>
<b>Morcheeba:</b> Ist es nicht ein falsches Verständnis<br />
von Föderalismus, diesen als Wettbewerb zu betrachten?
</p>
<p>
<b>Peter Heesen:</b> Dem kann ich nur zustimmen. Denn die staatlichen<br />
Institutionen sind Dienstleister der Bürger für solche Leistungen,<br />
die ausdrücklich nicht den Wettbewerb privater Anbieter vorbehalten<br />
sind. Deshalb kritisieren wir ja auch das Gerede vom Wettbewerbsföderalismus.<br />
Hier wird Unfug vorbereitet. Weder die Polizeien noch die Finanzverwaltungen<br />
der Länder stehen im Wettbewerb zu einander, sondern haben einen<br />
gemeinsamen Auftrag für das Staatsganze. Mich erschreckt dabei<br />
vor allem eines: Was, wie Sie, viele Bürger im Lande wissen, haben<br />
manche unserer Politiker bis heute nicht verstanden.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Noch mal zurück zum festen Arbeitsplatz: Ein<br />
fester Arbeitsplatz ist heute Geld wert daher:
</p>
<p>
<b>Gerber V.:</b> Wie viel EURO ist Ihnen die lebenslange<br />
Versorgung durch den Staat wert?
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Muss nicht trotz bereits geleisteter Einsparungen<br />
von den Beamten noch etwas getan werden- beim Gehalt?
</p>
<p>
<b>Peter Heesen:</b> Wir haben seit 1990 allein im Beamtenbereich über<br />
39 Mrd. Euro eingespart. Durch den Abbau von Stellen und damit einhergehende<br />
Arbeitsverdichtung durch Kürzungen bei Einkommen und Pensionen,<br />
durch Fortfall von Nebenleistungen. All diese Vorleistungen werden sofort<br />
vergessen, wenn sie erbracht sind. Wir haben also den großen Vorteil<br />
eines sicheren Arbeitsplatzes, den alle unsere Beschäftigten zu<br />
schätzen wissen also vielfach bezahlt. Man kann deshalb nicht jede<br />
weitere Kürzung mit der Sicherheit des Arbeitsplatzes begründen.
</p>
<p>
<b>Eisberg:</b> Wieso liegen die Beamtenpensionen weit über<br />
den Renten für alle anderen Arbeitnehmer?
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Tun sie das?
</p>
<p>
<b>Peter Heesen:</b> Die Beamtenpensionen sind Bruttozahlungen. Im<br />
Gegensatz zu den Rentnern muss der Beamte seine Pension voll versteuern.<br />
Der optische Vergleich führt deshalb in die Irre. Nach Steuerabzug<br />
unterscheiden sich die Beamtenpensionen zumindest in den vielen unteren<br />
Einkommensgruppen von der Nettorente überhaupt nicht. Ausnahme<br />
sind die höheren Einkommensgruppen. Das aber hat seine Ursache<br />
darin, dass im Rentenrecht die Beitragsbemessungsgrenze bei der Zahlung<br />
in die Rentenkasse zugleich eine Obergrenze darstellt für die spätere<br />
Auszahlung aus der Rentenkasse.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Die Pensionslasten sind &#8211; gerade für die Länder<br />
&#8211; ein Problem. Auch hier wurde schon einiges getan, dennoch &#8211; weil es<br />
einfach Geld bringt, müssen nicht auch die Pensionäre mehr<br />
beitragen?
</p>
<p>
<b>hiwi:</b> Berlin ist mehr als pleite. Das Urlaubsgehalt<br />
und 13. Monatsgehalt werden dennoch an alle Beamten ausgezahlt. Warum<br />
helfen sie nicht mit, Berlin vor dem Ruin zu bewahren?
</p>
<p>
<b>Peter Heesen:</b> Berlin hat in der Tat akute Finanzprobleme, die<br />
aber hausgemacht sind. Berlin hat niemals die Umstellung geschafft von<br />
der subventionierten Insel West-Berlin auf ein normales Bundesland.<br />
Zudem hat Berlin mehr als andere Bundesländer Kürzungen beim<br />
Weihnachts- und Urlaubsgeld für die Beamten bereits verfügt<br />
und die Arbeitszeit für Beamte auf 42 Stunden angehoben.
</p>
<p>
Was die Entwicklung der Pensionsausgaben betrifft, so kann ich mit<br />
einem guten Stück Stolz darauf hinweisen, dass der DBB diese Frage<br />
als erste angegangen ist und einen Lösungsvorschlag gebracht hat,<br />
der ein partielles Umschwenken der Beamtenversorgung auf ein kapitalgedecktes<br />
Verfahren zum Gegenstand hatte. Seit 1998 &#8211; und damit noch deutlich<br />
vor Riesters Rentenreform &#8211; führen wir pro Jahr 0,2 % der Einkommenszuwächse<br />
Jahr für Jahr in wachsende Versorgungsfonds von Bund, Ländern<br />
und Gemeinden ab. Anders als die Rentenversicherung wollen wir deshalb<br />
in der Zukunft immer größere Anteile von Beamtenpensionen<br />
aus Erträgen dieses Kapitalvermögens finanzieren. Dieser Weg<br />
ist der einzig richtige für alle Alterssicherungssysteme: Ein Mixtur<br />
aus Umlageverfahren und Kapitaldeckungsverfahren. Ich bin deshalb sicher,<br />
dass die Beamtenversorgung für die Zukunft besser aufgestellt ist<br />
als die Rentenversicherung. Zudem ist die Versorgungshöhe für<br />
alle Beamten um 3,25 Prozentpunkte abgesenkt worden. Was weitere gewaltige<br />
Einsparungen zur Folge haben wird. Wir haben also ein großes Stück<br />
unserer Hausaufgaben bereits gemacht.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Sind die Einsparungen, die die Beamten in den vergangenen<br />
Jahren bereits gebracht haben, einfach nur schlecht verkauft worden?<br />
In der Öffentlichkeit scheint die Kritik ganz klar zu überwiegen.
</p>
<p>
<b>Peter Heesen:</b> Einsparungen im Beamtenbereich sind so eine Art<br />
Gesellschaftsspiel geworden, weil für den Gesetzgeber bei schlechter<br />
Haushaltssituation der unmittelbare Zugriff dort am leichtesten ist<br />
und manche Politiker tun das auch deshalb so gerne, weil sie dabei immer<br />
auf den Beifall breiter Bevölkerungskreise hoffen. Da sind wir<br />
nun am Ende der Möglichkeiten angelangt. Deshalb werden wir in<br />
Zukunft über andere Möglichkeiten der Einsparungen öffentlich<br />
und laut nachdenken müssen. Ich will auf ein Beispiel hinweisen:<br />
Die öffentliche Hand subventioniert pro Jahr jeden Arbeitsplatz<br />
im Steinkohlebergbau mit 78.500 Euro. Das ist eine unvorstellbare Summe,<br />
die noch dazu in einen Technologiebereich hineingepumpt wird, der unser<br />
Land nicht voran bringt. Würde man jedem Kumpel 50.000 Euro pro<br />
Jahr auf die Hand geben und ihm sagen: Du brauchst nicht mehr unter<br />
Tage fahren, kämen alle diese Menschen finanziell gut zu recht<br />
und der Staat würde vernünftige Einsparungen machen. Auch<br />
andere Bereiche von Subventionen müssen stärker unter die<br />
Lupe genommen werden.
</p>
<p>
<b>bambies:</b> Einige Berufsgruppen waren früher notwendiger<br />
Weise Beamte. Dass dies heute auch noch so ist, schadet den heute noch<br />
rein hoheitlich tätigen Beamten. Wo bitte ist ein Förster<br />
heute noch tatsächlich hoheitlich tätig. Vor meiner Polizeitätigkeit<br />
war ich Forstbeamter bei der Bayerischen Staatsforstverwaltung. Aufgrund<br />
des Beamtentums und der Ewigen Besitzstandswahrung wird diese Verwaltung<br />
endlich langsam aufgelöst.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Wo kann also der Beamte wegfallen &#8211; zugunsten Angestellten<br />
oder der privaten Dienstleistung?
</p>
<p>
<b>Peter Heesen:</b> Diese Frage hat damit zu tun, welche Aufgaben<br />
des Staates hoheitlicher Natur sind. Beim Förster ist diese hoheitliche<br />
Tätigkeit immer noch evident. Der Förster hat Polizeigewalt<br />
im Wald, ist schusswaffenberechtigt, er greift also im klassischen Sinne<br />
der alten preußischen Hoheitsverwaltung, wenn es notwendig ist<br />
in das Leben und die Rechte von Menschen ein. Da gibt es also eigentlich<br />
keine Debatte. Spannender ist die Frage in anderen Bereichen des öffentlichen<br />
Dienstes, nämlich bei dem was wir soziale Daseinsvorsorge nennen.<br />
Auch die Gegner des Berufsbeamtentums räumen ein, dass wir in dieser<br />
klassischen Eingriffsverwaltung Beamte brauchen, aber sie bestreiten<br />
dies für die Daseinsvorsorge. Wir verweisen aber darauf, dass die<br />
Väter und Mütter des Grundgesetzes in die Verfassung nicht<br />
nur den Rechtsstaat hineingeschrieben haben, sondern auch den Sozialstaat<br />
verankert haben. Der große Unterschied zur Weimarer Republik ist<br />
folglich, dass der Staat sowohl Rechts- als auch Sozialstaat ist. Alle<br />
sozialstaatlichen Aufgaben &#8211; dazu gehört z.B. die Arbeitsverwaltung,<br />
die Fürsorge &#8211; sind deshalb hoheitliche Aufgaben im Sinne unseres<br />
Grundgesetzes. Deshalb müssen diese hoheitlichen Aufgaben in der<br />
Regel auch von Beamten wahrgenommen werden.
</p>
<p>
<b>WorkerClass:</b> Warum widersetzt sich der Beamtenbund<br />
der Zusammenarbeit mit dem DGB? Wäre es sinnvoll, gegen die Einsparungen<br />
gemeinsam zu agieren?
</p>
<p>
<b>Peter Heesen:</b> Wir widersetzen uns nirgendwo einer Zusammenarbeit<br />
mit vernünftigen Kräften für vernünftige Dinge….
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Gehört Herr Bsirske zu den vernünftigen<br />
Kräften?
</p>
<p>
<b>Peter Heesen:</b> …. Wir haben in den letzten Jahren und Monaten<br />
verschiedentlich gemeinsam mit dem DGB gegen ungerechtfertigte Sparmaßnahmen<br />
demonstriert, u.a. in Düsseldorf, in Baden-Württemberg, in<br />
Hamburg. Und ich habe persönlich gute Kontakte zu den Gewerkschaftsführern<br />
des DGB von Michael Sommer bis Frank Bsirske, denn uns verbindet die<br />
Vertretung der Interessen unserer Mitglieder. Allerdings sind wir der<br />
Auffassung, dass diese Interessen durch gewerkschaftliche Beton-Politik<br />
auf Dauer nicht gut vertreten werden. Wir suchen deshalb den Dialog<br />
mit der Arbeitgeberseite und kämpfen für zukunftsgerichtete<br />
Reformen, die Perspektiven für unsere Beschäftigten schaffen.<br />
Ich wünschte mir sehr, dass ein solcher Weg zwischen den Gewerkschaftsführern<br />
in Deutschland konsensfähig wird.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Einfache Frage: Wer hat das bessere Verhältnis<br />
zu Otto Schily, Sie oder Frank Bsirske?
</p>
<p>
<b>Peter Heesen:</b> Ganz einfache Antwort: Ich. Aber darauf bilde<br />
ich mir nichts ein, sondern sehe es als eine Chance.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Noch ein anderes Thema, weil Beamte auch Verwalter<br />
der Informationen sind &#8211; vor allem für uns Journalisten 😉
</p>
<p>
<b>ifgler:</b> Rot-Grün planen endlich die Einführung<br />
eines Informationsfreiheitsgesetzes? Sind sie dafür oder dagegen?
</p>
<p>
<b>Peter Heesen:</b> Ich halte sehr viel davon, dass die Freiheit der<br />
Presse einen ganz hohen Stellenwert hat, weil die Presse in einer funktionsfähigen<br />
Demokratie unverzichtbar ist. Vieles, was wir leider auch in diesem<br />
Staate haben, bis hin zur Korruption, bedarf der permanenten kritischen<br />
Prüfung und Aufdeckung. Hier haben die Journalisten in Deutschland<br />
immer gute Arbeit geleistet und diese gute Arbeit braucht unser Staat<br />
auch zukünftig. Ich sehe allerdings mit einem gewissen Missvergnügen,<br />
dass einige wenige die Grenzen zwischen dem, was die Öffentlichkeit<br />
wissen muss und dem was nur die Privatsphäre von Menschen betrifft,<br />
die in der Öffentlichkeit stehen, nicht immer eingehalten werden.<br />
Das ist schade, kann aber nicht durch Gesetze geregelt werden, sondern<br />
nur durch die Selbstverpflichtung eines jeden einzelnen, der seine Berufsaufgabe<br />
verantwortungsbewusst wahrnimmt.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Das war eine Stunde Chat, vielen Dank für Ihr<br />
Interesse. Vielen Dank Herr Heesen, dass sie sich die Zeit genommen<br />
haben. Der nächste Chat: Am nächsten Dienstag, 13. Juli um<br />
13 Uhr: Unser Chat-Gast dann: Der Ratsvorsitzende der Evangelischen<br />
Kirche in Deutschland, Bischof Wolfgang Huber.</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Reformen und 40-Stunden-Woche</title>
		<link>https://www.politik-digital.de/chattranscripte/reformen_und_40stundenwoche-192/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[sfuhrmann]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 29 Jun 2004 23:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Chattranscripte]]></category>
		<category><![CDATA[Bundespolitik]]></category>
		<category><![CDATA[Hans-Olaf Henkel]]></category>
		<category><![CDATA[Arbeitsmarkt]]></category>
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					<description><![CDATA[<b>Hans-Olaf Henkel<!-- #EndEditable --> 
im tacheles.02-Chat am <!-- #BeginEditable "chat_datum" -->29.06.2004</b>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><b>Hans-Olaf Henkel<!-- #EndEditable --><br />
im tacheles.02-Chat am <!-- #BeginEditable "chat_datum" -->29.06.2004</b><!--break--><b><!-- #EndEditable --><br />
</b><br />
<!-- #BeginEditable "chat" --> </p>
<p>
<b><b>Moderator:</b></b> Liebe Politik-Interessierte, herzlich willkommen<br />
im tacheles.02-Chat. Die Chat-Reihe tacheles.02 ist ein Format von tagesschau.de<br />
und politik-digital.de und wird unterstützt von tagesspiegel.de<br />
und von sueddeutsche.de. Im ARD-Hauptstadtstudio begrüße<br />
ich Hans-Olaf Henkel, Präsident des Bundes der Wissenschaftsgemeinschaft<br />
Gottfried Wilhelm Leibniz und von 1995 bis 2001 Präsident des Bundes<br />
der Deutschen Industrie.
</p>
<p>
<b><img decoding="async" src="http://www.politik-digital.de/salon/photos/hohenkel3.jpg" align="left" height="136" width="140" />M.B.:</b><br />
Warum sollen in Zeiten zunehmender Arbeitslosigkeit die Menschen noch<br />
mehr arbeiten? Wird die Situation dadurch nicht verschärft?
</p>
<p>
<b><b>Hans-Olaf Henkel:</b></b> Im Gegenteil. Der Hauptgrund für<br />
die Misere am Arbeitsmarkt sind die Arbeitskosten pro Stunde. Es gibt<br />
zwei Möglichkeiten diese zu beeinflussen: Entweder sie senken die<br />
Löhne oder sie erhöhen die Anzahl der Stunden. Suchen sie<br />
sich aus, was sie wollen!
</p>
<p>
<b>Monsun:</b> Was halten Sie von einvernehmlichen Lösungen &#8211;<br />
wie z.B. das VW-Modell &quot;5000mal5000&quot;, um die wirtschaftlichen<br />
Probleme zu lösen? Entziehen solche Pauschallösungen wie die<br />
40-Stunden-Woche den Arbeitnehmern nicht ihre Mitgestaltungsmöglichkeiten?
</p>
<p>
<b><b>Hans-Olaf Henkel:</b></b> Da ist was dran. Ich bin schon seit<br />
vielen Jahren davon überzeugt, dass wir das Monopol von Arbeitgeberverbänden<br />
und Gewerkschaften brechen müssen. So wie in anderen Ländern<br />
auch sollten Betriebsräte und Betriebsleitungen die Möglichkeit<br />
haben, selbst zu entscheiden wie lange gearbeitet und was gezahlt wird.
</p>
<p>
<b>Solon:</b> Einmal angenommen: Sie hätten heute Regierungsverantwortung,<br />
was wäre ihre erste Maßnahme?
</p>
<p>
<b><b>Hans-Olaf Henkel:</b></b> Das Betriebsverfassungsgesetz würde<br />
ich entsprechend der vorhergehenden Antwort ändern. Diese Reform<br />
bringt die nötige Flexibilität in die Betriebe und sie kostet<br />
nichts.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Das heißt Ende des Flächentarifvertrags?
</p>
<p>
<b>Hans-Olaf Henkel:</b> Nein. Die Möglichkeit, die nicht anwenden<br />
zu müssen.
</p>
<p>
<b>Studentsince2000:</b> Ich finde es irgendwie schwer verständlich,<br />
warum Manager ihre Löhne erhöhen, wir aber darauf verzichten<br />
sollen? Können wir die Manager nicht ins Ausland verlagern?
</p>
<p>
<b>Hans-Olaf Henkel:</b> Wenn wir die Manager nicht marktgerecht bezahlen,<br />
dann gehen sie in der Tat ins Ausland.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Was ist marktgerecht? War Vodafone marktgerecht?
</p>
<p>
<b>Hans-Olaf Henkel:</b> Schwer zu sagen. Ich bin der Meinung, dass<br />
in der letzten Zeit am Markt vorbei, also zu viel von Aufsichtsräten<br />
für ihre Vorstände genehmigt wurde.
</p>
<p>
<b>Attac:</b> Inwiefern spielt die Globalisierung eine Rolle? Müssen<br />
wir in den nächsten Jahren unseren Lebensstandard senken, da der<br />
dafür notwendige hohe Lohn nicht konkurrenzfähig ist?
</p>
<p>
<b>Hans-Olaf Henkel:</b> Auch wenn das politisch völlig inkorrekt<br />
ist: So wie die Dinge stehen, werden wir zwar nicht die Löhne senken,<br />
aber Lebensstandard zumindest relativ im Vergleich zu anderen Ländern<br />
verlieren. War das deutsche Pro-Kopf-Einkommen vor 20 Jahren an der<br />
Spitze in Europa, ist es inzwischen auf dem viertletzten Platz der alten<br />
EU (15 Länder) gelandet. Es werden uns noch mehr Volkswirtschaften<br />
überholen, weil wir nicht auf die Globalisierung vorbereitet wurden.
</p>
<p>
<b>Hinz:</b> Im Prinzip stimme ich zu, dass der Flächentarifvertrag<br />
gelockert und das Arbeitsrecht generell stark dereguliert wird, kein<br />
Problem, das muss gemacht werden. Ich frage mich allerdings immer, wie<br />
es &quot;Top&quot;-Manager an ihre Top-Position mit Top-Gehalt geschafft<br />
haben, wenn vielen von ihnen offenbar jedes Gespür für symbolische<br />
Handlungen und Vorbildfunktion fehlt! Wie geht das? Das sind doch Eigenschaften,<br />
die jeder gute Chef oder Konzernleiter im Blut haben muss!
</p>
<p>
<b>Hans-Olaf Henkel:</b> Ich gebe Ihnen völlig Recht, kann aber<br />
nicht erkennen, dass es heute in der Wirtschaft mehr schwarze Schafe<br />
gibt als früher, dass es in der Wirtschaft mehr schwarze Schafe<br />
gibt als in anderen Teilen der Gesellschaft und dass es in der deutschen<br />
Wirtschaft mehr schwarze Schafe gibt als in anderen Volkswirtschaften.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Dennoch, ich sehe hinter der Frage auch: Brauchen<br />
wir wieder mehr Unternehmer-Persönlichkeiten oder ist das mit der<br />
Globalisierung vorbei?
</p>
<p>
<b>Hans-Olaf Henkel:</b> Wir brauchen eher mehr und es gibt massenhaft.<br />
Nur weiß niemand, welcher Unternehmensgründer der Grundig,<br />
der Borgward oder der Schliecker von morgen wird. Übrigens alle<br />
diese Firmen, &quot;klassische Unternehmerpersönlichkeiten&quot;<br />
haben sie mal gegründet, sind inzwischen pleite oder irrelevant<br />
geworden.
</p>
<p>
<b>SaoPaulo:</b> &quot;Lebensstandard zumindest relativ im Vergleich<br />
zu anderen Ländern verlieren&quot;, warum spricht das kein Politiker<br />
offen aus. Dann fängt jeder Bürger an zu rotieren! Wird aber<br />
immer nur von &quot;Strukturtralalals&quot; gesprochen, versteht das<br />
kein Mensch. Dementsprechend haben wir keine Reaktion sondern Stagnation.<br />
Muss die Politik offener sprechen?
</p>
<p>
<b>Hans-Olaf Henkel:</b> Ich sehe zwei große Themenfelder: Erstens<br />
die Politik und meine Kollegen in der Wirtschaft vorneweg, aber auch<br />
andere gesellschaftliche Vorbilder müssen mehr für die Aufklärung<br />
wirtschaftspolitischer Zusammenhänge tun. Zweitens: wir müssen<br />
unser politisches Entscheidungssystem der Globalisierung anpassen. Unsere<br />
1948 unter alliierter Oberaufsicht entstandene Verfassung wimmelt voller<br />
Blockaden. Das war in den ersten Dekaden nach dem Krieg ein Vorteil,<br />
man nannte diesen &quot;Stabilität&quot;. In Zeiten des raschen<br />
technologischen Wandels, der zunehmenden Globalisierung, der demographischen<br />
Veränderung ist aus diesem Vorteil ein Nachteil geworden: &quot;Unbeweglichkeit&quot;.<br />
Deshalb müssen wir, so wie andere Länder auch, für eine<br />
&quot;Reform unserer Reformfähigkeit&quot; werben.
</p>
<p>
<b>Gibro34:</b> Wie sehen Sie die reale Machtverteilung in der BRD<br />
zwischen Politik und Wirtschaft (z.B. in Prozent)?
</p>
<p>
<b>Hans-Olaf Henkel:</b> Auf diese Frage kann ich in Prozenten nicht<br />
antworten. Klar ist, dass die Politik die Standortbedingungen in Deutschland<br />
über die letzten Jahre zu Lasten der Wettbewerbsfähigkeit<br />
unserer Wirtschaft und damit unserer Gesellschaft dramatisch verschlechtert<br />
hat. Mit anderen Worten: Die Wirtschaft hat offensichtlich viel zu wenig<br />
Einfluss, denn hätte sie welchen gehabt, hätte das nicht passieren<br />
können. Die wahre Macht haben solche, die das Reformtempo der gesamten<br />
Gesellschaft bestimmen, und das sind ganz offensichtlich bis zu diesem<br />
Zeitpunkt die Gewerkschaften gewesen.
</p>
<p>
<b>Kapitalist:</b> Nach Darstellung des Instituts für Arbeitsmarkt-<br />
und Berufsforschung (IAB) ist in Deutschland die 40 Stunden Woche bereits<br />
Alltag. Passt dies zu ihren Beobachtungen?
</p>
<p>
<b>Hans-Olaf Henkel:</b> Könnte sein. Ich kenne sehr viele Leute,<br />
die 50, 60 Stunden und mehr arbeiten. Und es gibt natürlich auch<br />
solche, die viel weniger arbeiten. Man muss volkswirtschaftlich die<br />
Arbeitslosen mit hinein rechnen. Wenn wir das tun, dann stellen wir<br />
fest, dass die 82 Millionen Deutschen bei nur 25 Millionen Beschäftigten<br />
ca. 600 Stunden im Durchschnitt im Jahr arbeiten. Und damit weitaus<br />
weniger als jedes andere OECD-Land.
</p>
<p>
<b>Gewerkschaft:</b> Wer wurde nicht auf die Globalisierung vorbereitet?<br />
Die Firmen oder der Bürger oder der Staat? Wenn es die Arbeitnehmer<br />
betrifft, hätten diese Ihrer Meinung nach schon seit 5 Jahren länger<br />
arbeiten sollen?
</p>
<p>
<b>Hans-Olaf Henkel:</b> Die Wirtschaft ist im Prinzip auf die Globalisierung<br />
vorbereitet, nicht umsonst sind wir immer noch Export-Vizeweltmeister.<br />
Aber diese &quot;Vorbereitung&quot; findet oft zu Lasten der Gesellschaft<br />
statt: Durch die Auslagerung von Arbeitsplätzen ins Ausland. Was<br />
die Arbeitszeit betrifft, so liegt der Fehler länger als 5 Jahre<br />
zurück. Wir hätten damals nicht als einziges Land der Welt<br />
die 35-Stunden-Woche einführen dürfen.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Nachfrage zu ihrer Rechnung in Sachen Beschäftigung:
</p>
<p>
<b>purzelzwerg:</b> Wäre es dann nicht besser, wenn alle nur 20<br />
Stunden arbeiten und damit Vollbeschäftigung herrscht?
</p>
<p>
<b>Hans-Olaf Henkel:</b> Wie wär’s mit 10 Stunden, dann hätten<br />
wir eine noch vollere Beschäftigung! Nochmal: Arbeitskosten werden<br />
grundsätzlich als Kosten pro Stunde kalkuliert. Wenn sie nur noch<br />
20 Stunden pro Woche arbeiten, und niemand wäre bereit, nur noch<br />
die Hälfte dabei zu verdienen, würden sie die Arbeitskosten<br />
verdoppeln, und damit keinen einzigen Arbeitsplatz mehr einrichten können.<br />
Resultat: Alle wären arbeitslos. Es gibt einen empirisch nachweisbaren<br />
Zusammenhang zwischen der Höhe der Arbeitszeit und der Beschäftigung.
</p>
<p>
<b>Tina M.:</b> Erhöhung der Arbeitszeit bei gleichzeitiger Erhöhung<br />
der Barriere einen Kita-Platz während der Arbeitslosigkeit zu bekommen<br />
wirft die Frauen aus dem Arbeitsmarkt wieder raus. Ich finde die reformierten<br />
Tendenzen in Deutschland mehr als fragwürdig und heiße sie<br />
in den Kontexten, in denen sie vorgenommen werden, nicht gut.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Tun wir zuwenig für die Frauen?
</p>
<p>
<b>Hans-Olaf Henkel:</b> Ja.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Was wäre das wichtigste, was da getan werden<br />
müsste &#8211; ein Beispiel?
</p>
<p>
<b>Hans-Olaf Henkel:</b> Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass<br />
schon die Eltern darauf achten müssen, ihre Mädchen genauso<br />
zu fordern und zu fördern wie die Jungen.
</p>
<p>
<b>Doha:</b> Damit es im Osten vorangeht, muss der Kurs geändert<br />
werden. Das meint der Leiter des &quot;Gesprächskreises Ost&quot;,<br />
von Dohnanyi. Ihre Meinung?
</p>
<p>
<b>Hans-Olaf Henkel:</b> Ich habe mit Herrn von Dohnanyi in den letzten<br />
Wochen oft darüber gesprochen. Wir sind einer Meinung. Allerdings<br />
hätte ich mir gewünscht, dass er meinen Vorschlag, das Tarifkartell<br />
im Osten auf 10 Jahre begrenzt außer Kraft zu setzen, stärker<br />
unterstützt hätte. Und was die traurige Tatsache betrifft,<br />
dass wir im Osten von 1000 Beschäftigten nur einen Wissenschaftler<br />
haben (im Westen 4, in Japan 8), so hätte ich mir ein deutlicheres<br />
Eintreten für eine Forschungsförderung der mittelständischen<br />
Industrie gewünscht.
</p>
<p>
<b>Frodo2:</b> Warum verlagern Unternehmen ihre Produktion beispielsweise<br />
nach Ungarn und nicht nach Ostdeutschland, wo de facto bereits ähnlich<br />
günstige Bedingungen vorhanden sind. Sind die Ostdeutschen nicht<br />
qualifiziert genug?
</p>
<p>
<b>Mr. Willpower:</b> In Ostdeutschen Bundesländern (z.B. Sachsen)<br />
leben mehr Menschen von staatlichen Transferleistungen als von Eigenleistungen.<br />
Wie lange können wir uns das noch leisten? Ihr Vorschlag zur Beendung<br />
der Stillstandskrise?
</p>
<p>
<b>Hans-Olaf Henkel:</b> Zum ersten Teil: Die Bedingungen sind völlig<br />
unterschiedlich. Ein Investor in Ungarn ist nicht mit der Tatsache konfrontiert,<br />
dass bald die ostdeutschen Löhne dasselbe Niveau wie die westdeutschen<br />
bekommen sollen. Die Lohnzusatzkosten sind ein Bruchteil derjenigen<br />
von Ost- und Westdeutschland, die Unternehmensteuern ebenfalls. Also:<br />
An der Qualifikation liegt es gar nicht, sondern nur an den Standortbedingungen.<br />
Zum zweiten Teil: Wir müssen den ostdeutschen Bundesländern<br />
mehr Freiheiten geben, ihre eigenen Geschicke in die Hände nehmen<br />
zu können, z.B. soll jedes Bundesland entscheiden, ob es am westdeutschen<br />
Tarifkartell festhalten will, soll jedes Bundesland entscheiden wie<br />
hoch es seine Unternehmen besteuern möchte, wie lange seine Läden<br />
geöffnet werden dürfen, mit welcher Bürokratie man die<br />
Wirtschaft belastet. Ähnliches gibt es auch in anderen föderal<br />
organisierten Ländern, wie z.B. der Schweiz oder den USA. Mit anderen<br />
Worten: Der Wettbewerb zwischen kleineren Einheiten führt immer<br />
zu einem stärkeren Ganzen.
</p>
<p>
<b>GE:</b> Der US-Technologiekonzern General Electric (GE) sieht Deutschland<br />
als Wachstumsmarkt an und eröffnet ein Forschungszentrum in München.<br />
Ist Deutschland besser als wir meinen?
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Oder Bayern?
</p>
<p>
<b>Hans-Olaf Henkel:</b> Ich bin selbst im internationalen Beirat von<br />
GE und habe mich intensiv beim Firmenchef in Deutschland und USA für<br />
diese Ansiedlung eingesetzt. Mit Sicherheit ist Deutschland ein attraktiver<br />
Markt, hat immer noch attraktive Universitäten, wie z.B. die Münchner<br />
Universität, auf deren Gelände dieses Forschungszentrum gebaut<br />
wurde. Aber leider handelt es sich bei dieser Entscheidung um eine Ausnahmeentscheidung,<br />
denn ich sehe andererseits wie deutsche Unternehmen dazu gezwungen werden,<br />
ihre Forschungsabteilungen zum Thema Gentechnik, Pflanzenzüchtung,<br />
Stammzellentechnik, Kerntechnik, ins Ausland verlagern. Eine spezifisch<br />
deutsche Ideologie treibt wieder einmal wertvolle Arbeitsplätze<br />
und Existenzen aus dem Lande.
</p>
<p>
<b>Gewerkschaft:</b> Wie viele Zuschüsse oder Steuererleichterungen<br />
hat GE bekommen? Und von wem?
</p>
<p>
<b>Hans-Olaf Henkel:</b> So weit ich weiß, keine.
</p>
<p>
<b>Schlauer:</b> Siemens verlagert Forschung und Entwicklung ins Ausland<br />
(Asien), weil es billiger ist. Macht das Schule und wo bleibt die soziale<br />
Verantwortung.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Über soziale Verantwortung haben wir schon geredet,<br />
aber in der Tat: Macht Siemens mit dem Beispiel Handy-Werken (längere<br />
Arbeitszeit für Standorterhaltung) den Vorreiter?
</p>
<p>
<b>Hans-Olaf Henkel:</b> Siemens bleibt gar nichts anderes übrig.<br />
Oder sind Sie als Konsument bereit, für ein Handy gleicher Qualität<br />
nur deshalb mehr zu bezahlen, weil es aus Deutschland ist? Ich könnte<br />
den Spieß umdrehen: Wo bleibt die soziale Verantwortung des Konsumenten?<br />
Aber im Ernst: Diese Entscheidung der Unternehmen oder der Konsumenten<br />
haben mit &quot;sozialer Verantwortung&quot; nichts zu tun. Sozial verantwortlich<br />
handelt die Regierung nur dann, wenn sie Bedingungen schafft, die eine<br />
Verlagerung von Arbeitsplätzen unnötig macht.
</p>
<p>
<b>Wuppertal:</b> Wäre nicht mehr Teilzeit für alle ein besseres<br />
Modell? Gerade z.B. bei Wissensarbeit in High-Tech-Unternehmen. Umfragen<br />
haben gezeigt, dass die Mitarbeiter häufig mehr Freizeit wünschen.
</p>
<p>
<b>Hans-Olaf Henkel:</b> Ich habe ein ganz andere Beobachtung, dass<br />
gerade in diesen neuen Branchen der Wunsch besteht, wesentlich länger<br />
zu arbeiten als nur 35 Stunden pro Woche. Und vor allem zu Zeitpunkten,<br />
die man sich selbst aussuchen möchte. Also: Warum arbeiten wir<br />
am PC nicht mal um 8 Uhr abends zu Hause und stehen dafür später<br />
auf? Moderne Unternehmen müssen ein Umfeld schaffen, wo so etwas<br />
möglich ist. Im Übrigen: Wenn sie einem Amerikaner erzählen,<br />
dass in Deutschland die 35-Stunden-Woche eingeführt wurde, kommt<br />
der zu dem Schluss, ganz Deutschland arbeitet schon auf Teilzeit.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Die 35-Stunden-Woche gilt allerdings für die<br />
meisten Branchen nicht. Nachfrage von:
</p>
<p>
<b>purzelzwerg:</b> Sollen alle Beschränkungen für den Wissenschaftsstandort<br />
Deutschland aufgehoben werden? Sollte beispielsweise die Genforschung<br />
ohne Schranken möglich sein? Auch wenn dies gegen die breite Meinung<br />
der Bevölkerung ist?
</p>
<p>
<b>Hans-Olaf Henkel:</b> Natürlich nicht. Wieso glauben Sie, dass<br />
es keine Beschränkungen in Belgien, der Schweiz oder in den USA<br />
gibt? Die Frage ist, ob man zunächst die Chancen neuer Techniken<br />
sieht oder von Anfang an nur die Risiken.
</p>
<p>
<b>Humbol:</b> Das neue Zuwanderungsgesetz verbessert nach Ansicht<br />
von Bundesforschungsministerin Edelgard Bulmahn die internationale Wettbewerbsfähigkeit<br />
Deutschlands. Stimmen sie dem zu?
</p>
<p>
<b>Hans-Olaf Henkel:</b> Ich war selbst in der Zuwanderungskommission<br />
und habe mich sehr darüber geärgert, dass es drei Jahre brauchte,<br />
um so ein Gesetz zu verabschieden. Wir hätten das Punktesystem,<br />
was in unseren Vorschlag noch enthalten war, drin lassen sollen. Leider<br />
hat die CDU/CSU es wohl aus rein populistischen Gründen heraus<br />
verhandelt. Wenn das noch drin gewesen wäre, könnte ich der<br />
Ministerin vorbehaltlos zustimmen.
</p>
<p>
<b>AusSpasswurdeErnst:</b> Sie sprechen über das Versagen der<br />
Politik und der Gewerkschaften. Was ist mit der restriktiven Kreditpolitik<br />
deutscher Banken, die mittelstandsfeindlich ist?
</p>
<p>
<b>Hans-Olaf Henkel:</b> Ich bin bzw. war noch nie verantwortlich für<br />
den Bankensektor in Deutschland, kenne die Kritik des Mittelstandes,<br />
teile sie aber nicht. Durch &quot;Basel II&quot; sind auch deutsche<br />
Kreditinstitute gezwungen, ihre Kredite nach der Bonität ihrer<br />
Kunden zu vergeben und nicht wie früher nach einem Durchschnitt<br />
aller Kunden.
</p>
<p>
<b>Pierer:</b> Am Mittwoch könnte die US-Notenbank Fed die Leitzinsen<br />
erhöhen. Gut für Deutschland?
</p>
<p>
<b>Hans-Olaf Henkel:</b> Langfristig ja, weil die letzten Hoffnungen<br />
auf eine laxe Kreditpolitik der EZB schwinden werden. Das heißt,<br />
wir müssen weiterhin an den strukturellen Reformen arbeiten, anstatt<br />
einen kurzfristigen Ausweg über billige Kredite zu suchen. Kurzfristig,<br />
und ich frage mich ob er das wohl schon ahnt, wird das den Haushalt<br />
von Finanzminister Eichel weiter unter Druck setzen. Denn angesichts<br />
der hohen Schulden, die wir haben, wird er mehr für Zinsen aufwenden<br />
müssen, als er heute plant.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Frage an den ehemaligen IBM-Manager, der sie viele<br />
Jahre waren:
</p>
<p>
<b>Eftimin:</b> Herr Henkel, glauben Sie mittelfristig an einen erneuten<br />
Boom in der IT-Wirtschaft?
</p>
<p>
<b>Hans-Olaf Henkel:</b> Nicht an einen Boom, aber ich bin davon überzeugt,<br />
dass die Informations- und Kommunikations-Industrie ca. doppelt so schnell<br />
wachsen wird, wie das Bruttosozialprodukt.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Was bleibt davon in Deutschland hängen?
</p>
<p>
<b>Hans-Olaf Henkel:</b> Zu wenig, denn wir haben seit vielen Jahren<br />
in dieser Branche ein wachsendes Leistungsbilanzdefizit, d.h. im Gegensatz<br />
zum Gesamtbild der deutschen Wirtschaft, importieren wir viel mehr als<br />
wir exportieren.
</p>
<p>
<b>Carina:</b> Was bedeutet für Sie Gerechtigkeit?
</p>
<p>
<b>Hans-Olaf Henkel:</b> Für mich ist Gerechtigkeit genauso wichtig<br />
wie Freiheit. Aber ich habe etwas gegen die deutsche Definition der<br />
&quot;sozialen Gerechtigkeit&quot;. Diese bedeutet ein ewiges Umverteilen<br />
innerhalb der heutigen Wählergeneration, also sozusagen auf der<br />
horizontalen Achse. Die deutsche &quot;soziale Gerechtigkeit&quot; ist<br />
aber höchst ungerecht auf der vertikalen Achse: D.h. wir bereichern<br />
uns schamlos zu Lasten zukünftiger Generationen. Während wir<br />
Nachhaltigkeit im Umweltschutz auf überzeugende Art und Weise praktizieren<br />
(wir hinterlassen unseren Kindern sauberere Flüsse, klarere Seen<br />
und mehr Wälder), sind wir überhaupt nicht nachhaltig, wenn<br />
unsere Sozialpolitiker gar nichts dabei finden, wenn wir neue Kredite<br />
aufnehmen müssen, die unsere Kinder abzahlen sollen. Wenn wir immer<br />
mehr für das &quot;Soziale&quot; ausgeben und damit unseren Kindern<br />
marode Sozialversicherungssysteme hinterlassen. Wenn wir viel zu wenig<br />
für Investitionen in Bildung, Forschung und Entwicklung ausgeben,<br />
von denen unsere Kinder mal leben sollen. Deshalb meine These: Ein viel<br />
zu viel an &quot;sozialer Gerechtigkeit&quot; hat ein viel zu wenig<br />
an Generationengerechtigkeit produziert. Unsere Generation sollte sich<br />
dafür schämen.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Unsere 60 Minuten Chat sind vorbei, vielen Dank für<br />
das große Interesse. Herzlichen Dank, Herr Henkel, dass Sie sich<br />
die Zeit zum chatten genommen haben. Das Transkript dieses Chats finden<br />
Sie wie gewohnt auf den Seiten der Veranstalter. Der nächste Chat<br />
findet am Mittwoch, 07. Juli um dreizehn Uhr statt. Chat-Gast ist dann<br />
der Vorsitzende des Deutschen Beamtenbundes, Peter Heesen. Das tacheles.02-Team<br />
wünscht allen Beteiligten einen schönen Tag.</p>
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