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	<title>Arbeitsmarkt &#8211; politik-digital</title>
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		<title>Qualifizierung und Arbeitsmarkt &#8211; Neue Chancen für Geflüchtete in IT-Berufen?</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Constantin Estorff]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 17 Sep 2019 08:02:28 +0000</pubDate>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="wpb-content-wrapper"><div data-parent="true" class="vc_row row-container" id="row-unique-0"><div class="row limit-width row-parent"><div class="wpb_row row-inner"><div class="wpb_column pos-top pos-center align_left column_parent col-lg-12 single-internal-gutter"><div class="uncol style-light"  ><div class="uncoltable"><div class="uncell no-block-padding" ><div class="uncont" ><div class="uncode_text_column text-lead" ><p>Kann man unter den Geflüchteten neue, begeisterte Fachkräfte für IT-Berufe gewinnen? Diese Hoffnung haben momentan viele. Branchenübergreifend werden neue, gut ausgebildete IT-Fachkräfte benötigt, um die digitale Transformation zu stemmen. Doch wie realistisch ist das?</p>
</div><div class="uncode_text_column" ><p>Dies beschäftigt gerade viele Unternehmen, unter anderem Microsoft, das zu diesem Anlass zu einer Podiumsdiskussion nach Berlin eingeladen hat.</p>
<p>Doch zuerst ein paar Fakten: Ende 2018 haben knapp <a href="https://www.berlin-institut.org/fileadmin/user_upload/Von_individuellen_u_institutionellen_Huerden/Von_individuellen_u_institutionellen_Huerden_online.pdf">1,7 Millionen Schutzsuchende</a> in Deutschland gelebt. Die Zahlen der neu nach Deutschland gekommenen Geflüchteten hat zwar von <a href="https://mediendienst-integration.de/migration/flucht-asyl/zahl-der-fluechtlinge.html">745.000 Personen im Jahr 2015  auf etwa 185.000 Personen im Jahr 2018 abgenommen</a>, nichtsdestotrotz ist die Integration in den Arbeitsmarkt einer der akutesten, wichtigsten, aber auch schwersten Aufgaben für eine gelungene Integrationspolitik. Häufig sind Ausbildungsmöglichkeiten für Geflüchtete unerreichbar aufgrund fehlender Arbeitserlaubnis, einer zu niedrigeren Bildung oder nicht zuletzt aufgrund der bleibenden körperlichen und seelischen Schäden eines Bürgerkrieges. Trotzdem gab es 2018 allein in Deutschland <a href="https://de.statista.com/statistik/daten/studie/2903/umfrage/jahresdurchschnittswerte-des-bestands-an-offenen-arbeitsstellen/">knapp 800.000 offene Stellen</a>, von denen alleine <a href="https://www.bitkom.org/Presse/Presseinformation/82000-freie-Jobs-IT-Fachkraeftemangel-spitzt-sich-zu">82.000</a> auf die IT-Branche fallen. Damit die Geflüchteten dieses Leck im momentan ohnehin schwankenden Wachstumsdampfer Deutschland stopfen können, müssen Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft zusammenarbeiten.</p>
<p>Zur Podiumsdiskussion im Rahmen der Initiative #digitalfueralle waren die CDU-Bundestagsabgeordnete Antje Lezius, die Geschäftsführerin der <a href="https://www.redi-school.org/?lang=de">ReDI School of Digital Integration</a> Anne Kjær Riechert und Astrid Aupperle von Microsoft Deutschland eingeladen.</p>
<h3>Eine &#8220;klassische&#8221; Ausbildung ist billiger</h3>
<p>Anne Kjær Riechert hat sich mit der gemeinnützigen ReDi School of Digital Integration viel vorgenommen: IT-affine Geflüchtete den Einstieg in den deutschen Arbeitsmarkt zu erleichtern und damit Perspektiven abseits von Niedriglohn-Jobs schaffen. Nach eigenen Angaben nehmen bereits 550 Teilnehmer aus 51 verschiedenen Ländern teil, die von 350 Freiwilligen aus der IT-Branche in unterschiedlich anspruchsvollen Kursen unterrichtet werden. Das Problem: Zu viele Interessenten und zu hohe Hürden seitens der Behörden. Daran, dass man unter den Geflüchteten viele begeisterte IT-Fachkräfte gewinnen kann, scheint also was dran zu sein. Es sei Riechert zufolge trotzdem nicht einfach, selbst ein gemeinnütziges Projekt wie dieses umzusetzen. Eine Zertifizierung koste nicht nur viel Zeit und Geld, es werden auch seitens der Jobcenter Interessierte von einer Ausbildung in der ReDi-School mit dem Argument abgehalten, eine „klassische“ Ausbildung sei billiger. Deswegen und aufgrund einer geringen Flexibilität der Behörden in Bezug auf junge, agile Projekte, bei denen sich die Planung auch schnell ändern kann, richtet Riechert klare Verbesserungswünsche an die Politik. Wenig überraschend werden hier als Vorbild für die Berliner Behörden jene aus München genannt.</p>
<h3>Den Weg in die moderne Arbeitswelt unterstützen</h3>
<p>Die Digitalunternehmen haben am Fachkräftemangel natürlich am meisten zu leiden, weswegen sie zunehmend die <a href="https://www.zeit.de/2019/33/digitalisierung-schule-it-konzerne-kooperation">Digitalisierung der deutschen Bildungsinstitutionen selbst in die Hand nehmen</a>. Dabei sind sie entweder unterstützend im Zeichen des gesellschaftlichen Engagements tätig, wie Microsoft im Falle der ReDI-School oder statten auch ganze Schulen mit Smartboards und Tablets aus, wie beispielsweise Google, Samsung oder auch wieder Microsoft. Diese schnelle und effiziente Digitalisierung abseits des Digitalpakts muss selbstverständlich mit einer Markenbindung, die jetzt bereits in der Lehre beginnt, teuer gekauft werden.  Astrid Aupperle, Leiterin Gesellschaftliches Engagement bei Microsoft, weist jedoch im Laufe der Diskussion auf den geringen Veränderungswille in Schulen und Ausbildungsstätten hin; Angebote für Bildungsförderungen würden häufig nicht angenommen. Dabei wolle Microsoft die Teilhabe am Berufsleben in einer wandelnden Berufswelt sicherstellen und Betroffene auf dem Weg in die digitale Arbeitswelt unterstützen. In diesem Fall in Form des Engagements für die ReDI-School.</p>
<p>Dass Digitalkonzerne wie Microsoft ins Thema Bildung eingreifen ist dann wiederum mit Hinblick auf den eher größer werdenden Fachkräftemangel in der IT-Branche, den vielen nach Deutschland kommenden potentiellen Fachkräften und einer lahmenden staatlich organisierten Digitalisierung wieder nachvollziehbar.</p>
<h3>Anreize sollen über ein Belohnungssystem geschaffen werden</h3>
<p>Doch ist die Politik tatsächlich so taten- und vielleicht auch hilflos? Die CDU-Bundestagsabgeordnete Anne Lezius, Mitglied der Enquete-Kommission „Berufliche Bildung in der digitalen Arbeitswelt“, widerspricht. Auch die Politik habe die Relevanz der Digitalisierung der Bildungsinstitutionen für die Wirtschaft verstanden und die Rolle der Freiwilligen für die Umsetzung erkannt. Die Verwaltungsprobleme seien ebenso bekannt wie die wenig auf digitale Anforderungen ausgelegten Ausbildungen in den Berufsschulen und die <a href="https://www.tagesspiegel.de/berlin/digitalpakt-fuer-berlins-schule-257-millionen-euro-auf-der-hohen-kante/25001556.html">Probleme bei der Umsetzung des Digitalpaktes</a>. Aber man sei dran. Lezius verweist an dieser Stelle beispielhaft auf <a href="https://hochschulforumdigitalisierung.de/de/news/cdu-schlaegt-weiterbildungs-plattform-milla-vor">MILLA</a>. Bei diesem Projekt geht es darum, alle Benachteiligten bei der Berufs(weiter)bildung zu unterstützen. Umgesetzt wird dies mit einer Datenbank, die für jede individuelle Situation alle möglichen Weiterbildungsmöglichkeiten eingespeichert hat und es zudem ermöglicht, sich von überall aus bequem und digital weiterzubilden. Anreize sollen über ein Belohnungssystem geschaffen werden.</p>
<p>Aber was ist speziell mit den Geflüchteten? Selbstverständlich kann das Problem der großen Anzahl offener Stellen in der IT-Branche nicht allein durch Geflüchtete behoben werden. Nichtsdestotrotz gibt es auch von der Bundesregierung unterstützte Projekte, die bei der Diskussion unerwähnt blieben. Besonders interessant für den IT-Bereich wäre zum Beispiel die Initiative <a href="http://www.wir-gruenden-in-deutschland.de/">„Wir Gründen in Deutschland“</a>. Junge, geflüchtete Gründerinnen und Gründern werden hier bei der Gründung unterstützt.</p>
<p>Dass eine Weiterbildung wie die auf der ReDi School auch realistisch ist, konnte man im Anschluss der Diskussion sehen: Der Absolvent Zaid Zaim aus Syrien hat dank seiner Ausbildung vom IS zerstörte Ausgrabungsstätten  mit dem Mixed-Reality-System <em>HoloLens </em>digital nachgebaut.</p>
<p><strong>Photo by:</strong> <a href="https://unsplash.com/@herlifeinpixels?utm_source=unsplash&amp;utm_medium=referral&amp;utm_content=creditCopyText">Hannah Wei</a> on <a href="https://unsplash.com/@herlifeinpixels?utm_source=unsplash&amp;utm_medium=referral&amp;utm_content=creditCopyText">Unsplash</a></p>
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</div></div></div></div></div></div><div class="wpb_column pos-middle pos-center align_right column_parent col-lg-8 styleptrl--cc-module--col single-internal-gutter"><div class="uncol style-light"  ><div class="uncoltable"><div class="uncell no-block-padding" ><div class="uncont" ><div class="uncode_text_column" ><p><img decoding="async" class="alignnone size-medium wp-image-159021" src="https://www.politik-digital.de/wp-content/uploads/2020/05/CC-Lizenz-630x110111-305x53-1-300x52.png" alt="" width="300" height="52" srcset="https://www.politik-digital.de/wp-content/uploads/2020/05/CC-Lizenz-630x110111-305x53-1-300x52.png 300w, https://www.politik-digital.de/wp-content/uploads/2020/05/CC-Lizenz-630x110111-305x53-1.png 305w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></p>
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		<title>Schöne, neue Arbeitswelt?</title>
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		<dc:creator><![CDATA[admin]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 20 May 2014 13:22:21 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[Die Arbeitswelt ist im Wandel. Man spricht von einer neuen Generation von Menschen, die flexibel, mobil und selbstbestimmt arbeiten möchte. [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://politik-digital.de/wp-content/uploads/y.png"><img decoding="async" class="alignnone size-full wp-image-139810" alt="y" src="http://politik-digital.de/wp-content/uploads/y.png" width="636" height="299" /></a>Die Arbeitswelt ist im Wandel. Man spricht von einer neuen Generation von Menschen, die flexibel, mobil und selbstbestimmt arbeiten möchte. Die sogenannte „Generation Y“ gilt als innovativ und sinnsuchend, aber auch als verwöhnt und faul. Politik und Wirtschaft passen sich nur langsam diesen neuen Bedürfnissen an, um keine Wähler und Mitarbeiter zu verlieren. Und auch Arbeitnehmer nutzen die neuen Modelle nur zögerlich und arbeiten meist nicht weniger und effizienter &#8211; wie es der technologische Fortschritt verheißt &#8211; sondern sind überarbeitet bis hin zum Burnout.<br />
&#8220;Wir sind jung und brauchen das Glück&#8221;, schreibt die Journalistin und Autorin Kerstin Bund auf &#8220;<a href="http://www.zeit.de/2014/10/generation-y-glueck-geld" target="_blank" rel="noopener noreferrer">ZEIT Online</a>&#8220;. In ihrem Buch “Glück schlägt Geld. Generation Y: Was wir wirklich wollen” beschreibt sie, wie Karriere heute neu definiert wird. Die<a href="http://www.spiegel.de/karriere/berufsstart/generation-y-im-pressekompass-so-wird-sie-definiert-a-964518.html" target="_blank" rel="noopener noreferrer"> Generation Y</a> – Menschen, die nach der Generation X, also zwischen 1980 und 1995, geboren sind – schert sich nicht um traditionelle Statussymbole wie einen Kleinwagen, hohe Gehälter oder Boni. Sie ist vielmehr interessiert an Selbstbestimmung und Flexibilität. Immer mehr Menschen kündigen ihre Festanstellung, um in eigenen Projekten mit Gleichgesinnten zusammenzuarbeiten. Das gilt aber nicht nur für die 20-30-Jährigen, sondern auch für ältere Menschen, die zum Beispiel ein Jahr lang das Hamsterrad gegen ein Sabbatical tauschen oder eine Teilzeitbeschäftigung wählen, um mehr Zeit für die Familie oder Hobbies zu haben.<br />
Überlegungen zur neuen Arbeitswelt gibt es schon länger. Im Jahr 2006 gaben Sascha Lobo und Holm Friebe ein <a href="http://wirnennenesarbeit.de/index.html?nr=20060928113212" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Buch</a> mit dem Titel “Wir nennen es Arbeit – Die digitale Bohème oder intelligentes Leben jenseits der Festanstellung” heraus. Ihr zentrales Argument ist, dass das Internet eine “Individualisierung 2.0” mit sich bringe. Durch die Mobilisierung des Arbeitsplatzes und neue Geschäftsmodelle gibt es immer mehr Selbstständige, die mithilfe von digitalen Technologien in selbstgewählten Strukturen arbeiten. Manch einer nutzt das Internet, um komplett ortsunabhängig sein Geld zu verdienen. Auf einer <a href="http://www.dnx-berlin.de/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Konferenz</a> im Berliner betahaus berichteten “Digitale Nomaden” einen ganzen Tag lang darüber, wie man am besten an weißen Sandstränden online über die Runden kommt.<br />
Die neue Arbeitswelt findet jedoch zum großen Teil noch außerhalb der traditionellen Strukturen statt. Die meisten Unternehmen reagieren langsam auf den Umbruch und fühlen sich von den Veränderungen bedroht: „Für manche Personalchefs sind wir ein Albtraum: Sie halten uns für verwöhnt, selbstverliebt und größenwahnsinnig. Es heißt, wir seien schlecht darin, uns zu hinterfragen, aber groß darin, uns selbst zu überschätzen“, schreibt Bund in ihrem Artikel. Ob die Generation Y nun verantwortungsvoll und leistungsbereit oder fordernd und selbstgefällig ist – irgendwie muss auf diese Entwicklung reagiert werden.</p>
<h3>Wirtschaft und Politik hinken hinterher</h3>
<p>Die soziale Plattform für berufliche Vernetzung XING hat passend zur neuen Arbeitswelt ein Themen-Portal namens „<a href="https://spielraum.xing.com/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Xing spielraum</a>“ gestartet. Unter dem Motto „Besser leben. Anders arbeiten“ finden sich dort seit Anfang Mai Experten-Interviews, Best Practices und Tipps zur „Orientierung moderner Wissensarbeiter“. In einem <a href="https://spielraum.xing.com/2014/04/wir-brauchen-neuen-sinn-in-unserer-arbeit/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Interview</a> zum Thema „New Work“ sagt Ex-Telekom Vorstand Thomas Sattelberger auf „Xing spielraum“: „Ich glaube, dass durch den Wertewandel, der gekoppelt ist mit der Digitalisierung, immer mehr gesellschaftliche Teilbereiche auf Augenhöhe und damit demokratischer und teilhaberischer gestaltet werden.“ Sattelberger plädiert dafür, Begriffe wie „Personalkörper“ oder „Beschäftigte“ mit „Unternehmensbürger“ zu ersetzen. Damit zeige man, dass Menschen sich nicht nur passiv Arbeit nehmen, sondern ihr Kapital, ihre Fähigkeiten und Motivationen in ein Unternehmen investieren.<br />
Flexible Arbeitsmodelle sind in vielen Unternehmen nicht mehr die Ausnahme. BMW zum Beispiel notiert Arbeitsstunden seiner Mitarbeiter außerhalb des Büros und lässt sie dafür an anderen Tagen früher nach Hause gehen. Laut Bundeswirtschaftsministerium bieten bereits vier von fünf Firmen in Deutschland flexible Arbeitszeitmodelle an. Diese gelten jedoch vor allem für Menschen mit Familie. „In vielen Unternehmen gelten noch immer starre Arbeitszeiten und Präsenzpflichten. Statt Vertrauensarbeitszeit herrscht das Diktat der Stempeluhr“, kritisiert Sattelberger im Interview. Er beschreibt deutsche Konzerne als „erfolgsverwöhnte Ozeandampfer“, die herumschlingern und „nicht antwortfähig auf den disruptiven Wandel sind“. Wenn Unternehmen nicht umdenken, bekommen sie eventuell ein Personalproblem. Und auch das Innovationspotenzial kann leiden, wenn kritisch Hinterfragende aussortiert und angepasste Arbeitsbienen befördert werden. Dabei hat eine größere Souveränität der Mitarbeiter viele Vorteile. Studien haben ergeben, dass mehr Autonomie und Vertrauen Beschäftigte kreativer, produktiver und seltener krank anstatt faul macht.<br />
Wenn Unternehmen sich mit den Veränderungen noch schwer tun, wie reagiert dann die Politik? Obwohl einiges getan wird, vor allem im Bereich Vereinbarkeit von Beruf und Familie (wie zum Beispiel die Einführung des Elterngelds im Jahr 2007) , so gilt die Generation Y insgesamt als unpolitisch und hat keine eigene Lobby. Die heute 20- bis 30-Jährigen lassen sich politisch schwer einordnen und protestieren lieber im Internet als in den Institutionen. Wenn es eine Revolution der Arbeitswelt gibt, so ist sie still, schleichend und institutionell schlecht vertreten.</p>
<h3>Wie weit ist es mit der neuen Arbeit?</h3>
<p>Gleitzeit, Homeoffice, Elternzeit, Sabbatical,Teilzeit – alles beliebte und berechtigte Forderungen im modernen Arbeitsmarkt. Doch selbst wenn Unternehmen diese Optionen anbieten, werden sie oft nicht in Anspruch genommen.<br />
Häufig sind diese Konzepte noch nicht voll akzeptiert oder ausgereift. Homeoffice zum Beispiel erzeugt oft noch ein Gefühl des Kontrollverlusts beim Arbeitgeber &#8211; und die Angst der Heimarbeiter,von spontanen Besprechungen ausgeschlossen zu werden. Das Statistische Bundesamt stellte Anfang des Jahres fest, dass heute weniger Menschen von zuhause arbeiten als noch Mitte der Neunzigerjahre. Von Teilzeitbeschäftigten wird oft mehr erwartet als vereinbart und sie sitzen am Ende doch den ganzen Tag im Büro und machen einen schlecht bezahlten Vollzeitjob.<br />
Man darf auch nicht vergessen, dass nur ein kleiner Teil unserer Gesellschaft als Generation Y bezeichnet werden kann. Vielen fehlt es an Mut oder finanziellen Mitteln, um Neues auszuprobieren oder sich selbstständig zu machen. Um das neue Arbeitsmodell auszuweiten, müssen Unternehmen den Wunsch nach mehr Freiräumen und Selbstbestimmung institutionell umsetzen und Arbeitnehmer sich trauen, die neuen Möglichkeiten zu nutzen, um eine breitere Akzeptanz herzustellen. Die Flucht in die (oft prekäre) Selbstständigkeit durch mangelnde Alternativen des Arbeitgebers kann zur Seltenheit werden, wenn beide Seiten die neue Art zu arbeiten zur Normalität werden lassen.<br />
Bild: <a href="http://pixabay.com/en/signpost-migratory-character-62434/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Pixabay/Hans</a> <a href="http://creativecommons.org/publicdomain/zero/1.0/deed.en" target="_blank" rel="noopener noreferrer"><small>(CC0 1.0) </small></a><br />
<a href="http://politik-digital.de/wp-content/uploads/CC-Lizenz-630x11011.png"><img decoding="async" class="alignnone  wp-image-139428" alt="CC-Lizenz-630x1101" src="http://politik-digital.de/wp-content/uploads/CC-Lizenz-630x11011.png" width="441" height="77" /></a></p>
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		<title>Weniger Arbeit, mehr vom Leben?</title>
		<link>https://www.politik-digital.de/buecherreport/weniger_arbeit_mehr_vom_leben-112/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[admin]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 29 Jun 2007 07:48:25 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[von Susanne Kirner und Heinrich Oberreuter<b>Manch einer, der mitten im Erwerbsleben steht, hat schon mal ausgerufen: "Wenn ich nur weniger arbeiten müßte, dann hätte ich mehr vom Leben!" Stimmt diese Vermutung, daß weniger Arbeit ein Gewinn an Zufriedenheit und Lebensgenuß ist?]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>von Susanne Kirner und Heinrich Oberreuter<strong></strong><br />
<strong>Manch einer, der mitten im Erwerbsleben steht, hat schon mal ausgerufen: &#8220;Wenn ich nur weniger arbeiten müßte, dann hätte ich mehr vom Leben!&#8221; Stimmt diese Vermutung, daß weniger Arbeit ein Gewinn an Zufriedenheit und Lebensgenuß ist? Für die Arbeitslosen sicher nicht!</strong><br />
Wie paßt es zusammen, daß die einen schuldlos mit Arbeitsentzug &#8211; und damit mit knappen Finanzen und sinkendem Ansehen &#8211; geschlagen sind und andere viel, manchmal zuviel Arbeit haben? Solche Fragen stellten die Evagelische Akademie Tutzing und der Bayerische Rundfunk neun Persönlichkeiten. Die Antworten, die Sie gaben, sind in dem kürzlich im Olzog-Verlag erschienenen Bändchen vereinigt. Einer der Herausgeber, Heinrich Oberreuter, faßt in seinem einleitenden Beitrag die wissenschaftliche Diskussion der letzten 25 Jahre über Wertewandel, materielle und postmaterielle Wertorientierung und über die Zentralität der Arbeit für das Leben der Menschen zusammen. Er kommt in seiner fundierten Darlegung zu dem Schluß, daß die Arbeits-, die Freizeit- und die Familienorientierung in den letzten Jahrzehnten gleichermaßen gestiegen sind. Während andere traditionelle Bindungen abnehmen, steigt die Bedeutung der Arbeit an, weil nur sie Einkommen und soziale Sicherheit verschafft. Immerhin: die immateriellen Ansprüche an die Arbeit sind gestiegen: sie soll Spaß machen und Sinn haben. Oberreuters Beitrag hätte eine Bibliographie und ein wenig statistische Untermauerung z. B. durch Ergebnisse der empirische Sozialforschung gut getan. Solche &#8220;Zugaben&#8221; fehlen den Beiträgen aller Autoren, auch denen der beiden Arbeitgeber-vertretern, Georg Obermeier (VIAG AG) und Dieter Hundt (Bundesvereinigung der deutschen Arbeitgeberverbände). Beide erklären die Ausgangsfrage der Tagung und des Buches für unzutreffend. Obermeier spricht über die Globalisierung und die Rezepte, mit denen der deutsche Staat ihr seiner Meinung nach begegnen sollte: Privatisierung, Deregulierung, Steuersenkung und &#8220;Reform&#8221; des Sozialstaates. Was er anführt bzw. vorschlägt, ist nicht neu und zum Teil auch bedenkenswert &#8211; aber eigentlich doch etwas am Thema vorbei. Besonders dürftig ist aber der Beitrag Hundts. Auf die Ausgangsfrage antwortet er mit einem sturen &#8220;Weiter so&#8221;: &#8220;Arbeit bleibt das Zentrum unseres Lebens, unserer Arbeitsgesellschaft, ja unseres Lebenssinns.&#8221; Er richtet sein Augenmerk deswegen auf die Schaffung neuer Arbeitsplätze und schlägt dreierlei vor: Förderung von Innovationen, mehr Selbständigkeit und &#8220;Stärkung der Selbstverantwortung&#8221;. Unter Stärkung der Selbstverantwortung ist &#8211; man ahnt es schon &#8211; ein drastischer Rückbau des Sozialstaates zu verstehen, der nur noch eine sogenannte &#8220;Basissicherung&#8221; bieten soll. Ich frage mich oft: Was würde eigentlich der Philosoph Hans Jonas empfinden ob des inflationären Gebrauchs des Begriffs der Eigenverantwortung, wäre er nicht 1993 gestorben? Er, der ein konservativ-liberales Gegenmodell zum utopisch-kommunistischen &#8220;Prinzip Hoffnung&#8221; entwickelt hat: das Prinzip Verantwortung, welches in der Verantwortung für andere Menschen und für das Überleben der Erde besteht. Ich jedenfalls bin entsetzt über die Begiffsverwirrung, die aus dem noblen Prinzip der Hinwendung zum anderen und der Orientierung des eigenen Handelns an langfristigen Interessen der Menschheit ein Feigenblatt für Entsolidarisierung gemacht hat. Hundt behauptet, der Sozialstaat sei ein &#8220;Rundumsorglos-Paket&#8221;, das noch dazu nicht effizient sei: eine Behauptung, die eine empirische Analyse des EU-Statistikamtes EUROSTAT erst kürzlich widerlegt hat. Manche Mythen halten sich eben lange, wenn sie nur von starken Interessen gefördert werden.<br />
Auch der Vorsitzende der Gewerkschaft Nahrung-Genuß-Gaststätten (NGG), Möllenberg, vertritt in seinem Beitrag Interessen, die der Arbeitnehmer. Er lehnt ein amerikanisches Modell der Vollbeschäftigung, bei dem das obere Drittel der Gesellschaft so gut verdient, daß es das untere Drittel als Dienstboten anstellen können, ab. Beschäftigugschancen ergeben sich &#8211; so seine keynesianische Argumentation &#8211; vor allem aus der Stärkung der Binnennachfrage, also des Konsums durch steigende Arbeitseinkommen &#8211; denn Unternehmensgewinne und Export seien heute schon gut, ohne daß es deswegen Vollbeschäftigung gäbe. Möllenberg leugnet die Notwendigkeit von Arbeitszeitverkürzungen (bei mehr Arbeitszeitflexibilisierung) und mehr Teilzeitarbeit nicht. Obwohl er es nicht ausdrücklich sagt, scheint ihm, anders als den Unternehmervertretern, die Grundthese &#8220;weniger Arbeit, mehr vom Leben&#8221; wohl nicht unplausibel.Hans-Jörg Bullinger, Leiter des Fraunhofer-Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation, entlastet den Produktivitätsfortschritt von dem Vorwurf, zur Arbeitsplatzvernichtung zu führen. Während C. Christian von Weizsäcker die reine Lehre des Neoliberalismus von sich gibt (Der Sozialstaat ist schuld an der Arbeitslosigkeit), nimmt erst Warnfried Dettling, der Autor des letzten Beitrags, den Titel des Sammelbandes ernst und beschreibt die &#8220;Reformperspektive Bürgergesellschaft&#8221;. Ausgehend von der herrschenden Knappheit an bezahlter Arbeit und den gleichzeitig allerorten vorfindbaren sinnvollen Aufgaben, denkt er darüber nach, wie das bürgerschaftliche Engagement der Menschen gefördert werden kann: ein Engagement, das nötig ist, das auch vielen Menschen möglich ist und noch mehr Menschen möglich wäre, wenn geeignete Maßnahmen zur (organisatorischen, steuerlichen, finanziellen) Unterstützung ehrenamtlicher Tätigkeit ergriffen würden.<br />
Fazit: nur die Beiträge von Oberreuter und Dettling erfüllen im wesentlichen die Erwartungen, die der Titel weckt. Es fehlt eine Analyse empirischer Befunde über die Zufriedenheit von Menschen, die weniger arbeiten. Ein Blick nach Holland hätte da vielleicht einiges zutage gebracht. Auch eine Studie über die psychosozialen Auswirkungen der 28,8 -Stunden-Woche bei Volkswagen hätte diesen Band bereichert. Statt dessen ist dieser Band ein Spiegel der Diskussion über Globalisierung und Sozialstaat: umtriebige Funktionseliten greifen mit neoliberalen Argumenten den Sozialstaat an, welchen die Gewerkschaften im Bunde mit der Mehrheit der Bürger verteidigen. Allerdings kennt man dies zur Genüge und hat es anderswo schon besser gelesen.</p>
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			</item>
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		<title>&#8220;Es bestreitet niemand, dass es Umsetzungsprobleme gibt&#8221;</title>
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		<dc:creator><![CDATA[mullrich]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 14 May 2006 23:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Chattranscripte]]></category>
		<category><![CDATA[Hartz IV]]></category>
		<category><![CDATA[Ich-AG]]></category>
		<category><![CDATA[Ralf Brauksiepe]]></category>
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		<category><![CDATA[Arbeitsmarkt]]></category>
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					<description><![CDATA[<p class="fett">
Am Montag, 15. Mai,, war Dr. Ralf 
Brauksiepe, CDU-Bundestagsabgeordneter und Sprecher für Arbeit 
und Soziales der Unions-Fraktion zu Gast im tagesschau-Chat in Kooperation 
mit politik-digital.de. Er beantwortete Fragen zu den Korrekturen 
der Maßnahmen auf dem Arbeitsmarkt, Hartz IV Missbrauch und 
der Zukunft der Ich-AG.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p class="fett">
Am Montag, 15. Mai,, war Dr. Ralf<br />
Brauksiepe, CDU-Bundestagsabgeordneter und Sprecher für Arbeit<br />
und Soziales der Unions-Fraktion zu Gast im tagesschau-Chat in Kooperation<br />
mit politik-digital.de. Er beantwortete Fragen zu den Korrekturen<br />
der Maßnahmen auf dem Arbeitsmarkt, Hartz IV Missbrauch und<br />
der Zukunft der Ich-AG.<!--break-->
</p>
<p class="normal">
<b>Moderator:</b> Herzlich willkommen<br />
zum tageschau-Chat! Heute ist unser Chat-Gast Ralf Brauksiepe, CDU-Bundestagsabgeordneter<br />
und Sprecher für Arbeit und Soziales der Unions-Fraktion. Arbeitsmarkt<br />
und soziale Sicherung sind bei immer noch fast fünf Millionen<br />
Arbeitslosen weiterhin die Top-Themen und Herausforderungen an die<br />
Politik. Milliarden Euro fließen aus dem Bundeshaushalt für<br />
die Bewältigung dieser Probleme, sie scheinen aber kaum etwas<br />
zu bewirken. Wie immer darf es in unserem Chat um alle Themen gehen.<br />
Sie können Ihre Fragen jederzeit stellen, diese werden gesammelt<br />
und kommen alle in den großen Frage-Pool. Vielen Dank, Herr<br />
Brauksiepe, dass Sie ins ARD-Hauptstadtstudio gekommen sind. Beginnen<br />
wir mit dieser Frage:
</p>
<p>
<b>ursula meschede: </b>Haben Sie sich freiwillig gemeldet,<br />
als der Posten des Sprechers für Arbeit und Soziales vergeben<br />
wurde?
</p>
<p>
<b>Ralf Brauksiepe:</b> Es wird nicht gewartet, dass<br />
man sich meldet, sondern da gibt es natürlich Menschen in der<br />
Fraktionsführung, die sich Gedanken machen und auf mich zugekommen<br />
sind und mich gefragt haben, ob ich das machen möchte. Wenn<br />
man gefragt wird, ob man in diesem Kernbereich deutscher Politik,<br />
der über Erfolg oder Misserfolg der Regierung wesentlich mit<br />
entscheidet, Verantwortung übernehmen will, ist es klar, dass<br />
man eine solche Herausforderung annimmt. Ich habe das gern gemacht<br />
und habe viel Freude an meinem Amt.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Was qualifiziert einen für einen<br />
solchen Posten?
</p>
<p>
<b>Ralf Brauksiepe:</b> Da gibt es sicherlich unterschiedliche<br />
Zugangswege. Mein Zugang zu diesem Tätigkeitsfeld bestand insbesondere<br />
darin, dass ich in der vorherigen Legislaturperiode stellvertretender<br />
Vorsitzender der Arbeitnehmergruppe unserer Fraktion war, und seit<br />
einigen Jahren Führungsfunktionen in der CDA, der Arbeitnehmerorganisation<br />
der CDU, bekleide.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Grundsatzfrage und doch konkret:
</p>
<p>
<b>Der Koelner:</b> Was ist daran sozial, wenn ein Arbeitnehmer<br />
nach einem Jahr erst sein Hab und Gut verkaufen muss, um eine Sozialleistung<br />
zu erhalten?
</p>
<p>
<b>Ralf Brauksiepe:</b> Wenn es so wäre, wäre<br />
das nicht sozial, aber es ist auch nicht so. Wer aus dem Bezug von<br />
ALG I herausfällt, erhält zunächst noch für<br />
mehrere Jahre einen so genannten &quot;befristeten Zuschlag&quot;.<br />
Erst danach beginnt für diejenigen, die arbeitslos geworden<br />
sind, der Bezug des Arbeitslosengeldes II. In der früheren<br />
Sozialhilfe hat es auch Bedürftigkeitsprüfungen gegeben<br />
und demzufolge auch die Anrechnung eigenen Vermögens. Die Vermögensfreigrenzen,<br />
also das, was nicht verkauft werden muss, sind im neuen SGB II,<br />
also &quot;Hartz IV&quot;, deutlich höher als in der alten<br />
Sozialhilfe. Ich weiß, dass der öffentliche Eindruck<br />
ein völlig anderer ist. Aber Tatsache ist, dass Hartz IV hilfebedürftigen<br />
Menschen deutlich mehr lässt als die frühere Sozialhilfe.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Fällt der Zuschlag, den sie erwähnt<br />
haben, in Zukunft nicht weg?
</p>
<p>
<b>Ralf Brauksiepe:</b> Wir haben uns im Koalitionsvertrag<br />
ehrgeizige Ziele bei der Reform von Hartz IV gesetzt und sind zurzeit<br />
dabei, diese parlamentarisch umzusetzen. Leider müssen wir<br />
davon ausgehen, dass trotzdem die Haushaltsansätze für<br />
Hartz IV überschritten werden. Auch dies zeigt, dass wir für<br />
den betroffenen Personenkreis heute mehr Geld ausgegeben als je<br />
zuvor. Über die Wege, auf denen wir die vom Haushalt vorgegebenen<br />
Zielmarken erreichen, werden wir in der Koalition noch sprechen<br />
müssen.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Das heißt die Zuschläge<br />
fallen weg.
</p>
<p>
<b>Ralf Brauksiepe:</b> Es gibt zu diesem Thema bisher<br />
keinerlei Verabredung in der großen Koalition. Aber es ist<br />
klar, dass zusätzliche Einsparungen erforderlich sind, falls<br />
die bisherigen nicht ausreichen, um die im Haushalt vorgesehenen<br />
Ausgabengrenzen zu erreichen. Heute ist aber nicht der Zeitpunkt,<br />
um über einzelne Maßnahmen öffentlich zu spekulieren.
</p>
<p>
<b>Rodaj: </b>Warum werden die Stellen für Sozialbetrugs-Kontrolleure<br />
in vielen Städten aufgestockt, obwohl es keinerlei statistische<br />
Angaben zur Anzahl der Betrugsfälle gibt?
</p>
<p>
<b>Ralf Brauksiepe:</b> Es gibt natürlich Statistiken,<br />
die auf Fälle von Missbrauch hinweisen. Wir müssen mit<br />
dem knappen Geld, das von denjenigen erwirtschaftet wird, die täglich<br />
ihrer Arbeit nachgehen, sorgsam umgehen. Das sollte eine pure Selbstverständlichkeit<br />
sein. Weil wir sozial Schwachen helfen wollen, müssen wir gleichzeitig<br />
verhindern, dass sich Starke, die Hilfe nicht brauchen, gleichwohl<br />
als Schwache verkleiden.
</p>
<p>
<b>hollyday:</b> Durch eine schärfere Überwachung<br />
der ALG-Empfänger sollen ja unberechtigte Bezieher identifiziert<br />
und so Kosten gesenkt werden. Aber welche Summe wird eigentlich<br />
für die Überwachungsmaßnahmen benötigt? Und<br />
inwiefern ist das noch mit dem Datenschutz vereinbar?
</p>
<p>
<b>Ralf Brauksiepe:</b> Mit dem SGB II-Fortentwicklungsgesetz,<br />
das wir zurzeit im Bundestag beraten, werden die dazu erforderlichen<br />
Grundlagen geschaffen, wobei selbstverständlich die Erfordernisse<br />
des Datenschutzes beachtet werden. Es geht auch nicht darum, hier<br />
neues Personal einzustellen, sondern darum, den Menschen, die die<br />
Aufgabe haben, die vorhandenen Gelder dem Wunsch des Gesetzgebers<br />
entsprechend einzusetzen, auch in die Lage zu versetzen, den entsprechenden<br />
Mitteleinsatz effektiv zu kontrollieren.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> SGB-II-Fortentwicklungsgesetz ist besser<br />
bekannt als Hartz-IV-Optimierungsgesetz.
</p>
<p>
<b>Ralf Brauksiepe:</b> Meines Wissens ist im Zuge der<br />
üblichen Ressort-Abstimmung innerhalb der Bundesregierung vom<br />
Bundesjustizministerium der Begriff &quot;Optimierungsgesetz&quot;<br />
abgelehnt worden. In der Sache geht es um das Sozialgesetzbuch II,<br />
diese Bezeichnung ist mir im Regelfall lieber als der Hinweis auf<br />
einen früheren Funktionsträger eines deutschen Automobilkonzerns.
</p>
<p>
<b>joan:</b> Gibt es unabhängige Studien über<br />
die Auswirkung der Ein-Euro-Jobber auf den ersten Arbeitsmarkt?<br />
Ich bin sicher nicht allein mit dem Problem, dass man meinen Arbeitsplatz<br />
als &quot;nicht nötig &quot; und als potentielles Hartz-IV-Jobber-Gebiet<br />
&quot;vorgemerkt&quot; hat.
</p>
<p>
<b>Ralf Brauksiepe: </b>Natürlich wird auch die<br />
Auswirkung von Ein-Euro-Jobs evaluiert. Dabei muss man sehen, dass<br />
es sicherlich Verdrängungseffekte bzw. Probleme im konkreten<br />
Einzelfall gibt. Um diese zu minimieren, sind bei den Agenturen<br />
vor Ort entsprechende Gremien eingesetzt worden, die darauf achten<br />
sollen, dass mit diesem Instrument wirklich nur zusätzliche<br />
Beschäftigung geschaffen und keine bestehende Beschäftigung<br />
verdrängt werden soll. Auch wenn das sicher nicht in jedem<br />
Einzelfall gelingt, halte ich es vom Grundsatz her für richtig,<br />
diese Jobs zu organisieren. Denn Arbeit, die in Deutschland nicht<br />
erledigt wird, liegt doch zum Teil in wahrsten Sinne des Wortes<br />
&quot;auf der Straße&quot;. In meinem Wahlkreis haben es sich<br />
viele Parteigliederungen zur Gewohnheit gemacht, regelmäßige<br />
Müllsammelaktionen durchzuführen, weil den Kommunen das<br />
Geld für eine bessere Sauberhaltung ihrer Städte fehlt.<br />
Ich betone aber nochmals, dass wir sehr auf die Zusätzlichkeit<br />
dieser Arbeitsgelegenheiten achten müssen.
</p>
<p>
<b>Dennis D:</b> Ist es bei dem Problem &quot;Hartz IV<br />
&quot; nicht so, dass sich die große Koalition erst jetzt<br />
Gedanken macht, wo die Wahlen in Mecklenburg-Vorpommern im Herbst<br />
anstehen, wo die PDS als Protestpartei wegfällt und somit die<br />
NPD als einzige Partei von Hartz IV &quot;profitieren &quot; könnte?
</p>
<p>
<b>Ralf Brauksiepe:</b> Das ist völlig abwegig.<br />
Hartz IV ist von der rot-grünen Bundesregierung eingeführt<br />
worden und war von Anfang an ein Kompromiss, in den auch der Bundesrat<br />
einbezogen war. Natürlich muss auch die große Koalition<br />
untereinander und mit dem Bundesrat bei der Reform von Hartz IV<br />
Kompromisse schließen. Wir haben das Thema aber nicht erst<br />
jetzt entdeckt, sondern schon im November im Koalitionsvertrag ein<br />
umfangreiches Maßnahmenpaket festgelegt, das wir seitdem schrittweise<br />
abarbeiten. Es ist für uns ein Dauerthema, das wir nicht erst<br />
neu entdecken mussten.
</p>
<p>
<b>Husemann:</b> Hand aufs Herz, Herr Brauksiepe! Was<br />
wird Deutschland in zehn Jahren noch von den Verhältnissen<br />
auf dem amerikanischen Arbeitsmarkt unterscheiden?
</p>
<p>
<b>Ralf Brauksiepe: </b>Sehr viel. Wir werden auch in<br />
zehn Jahren noch ein soziales Sicherungssystem haben, das allen<br />
Menschen bei Krankheit die notwendige medizinische Versorgung gewährt<br />
und das mit der gesetzlichen Rente, die in der Bedeutung zwar tendenziell<br />
abnehmende, aber immer noch zentrale Säule der Alterssicherung<br />
in Deutschland darstellen wird. Gerade weil wir unsere sozialen<br />
Sicherungssysteme nicht über Bord werfen wollen, müssen<br />
wir aber auch bereit sein, sie fort zu entwickeln, auch wenn das<br />
häufig schwer fällt.
</p>
<p>
<b>Guapo:</b> Ist es nicht so, dass man sich bei den<br />
Kosten von Hartz IV völlig verrechnet hat und jetzt ein Missbrauchs-Szenario<br />
aufbaut? Vor allem zu Lasten der Empfänger?
</p>
<p>
<b>Ralf Brauksiepe:</b> Richtig ist, dass sich Rot-Grün<br />
bei den Kosten vollkommmen verkalkuliert hat. Aber es geht nicht<br />
darum, jetzt ein Missbrauchsszenario aufzubauen. Es gibt Missbrauchsfälle,<br />
die bekämpft werden müssen im Interesse der Beitrags-<br />
und Steuerzahler und der Hilfebedürftigen, die zu Recht Hilfe<br />
empfangen. Um nicht mehr und nicht weniger geht es.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Im Rückblick: Die Maßnahmen<br />
für die Gesetze Hartz I bis Hartz III sind wissenschaftlich<br />
begleitet und geprüft worden. Für viele neue Förderungsinstrumente<br />
fiel das Urteil vernichtend aus. Beispielsweise für die Leiharbeitsmodelle<br />
PSA (Personal-Service-Agenturen). Bei Hartz IV explodieren die Kosten.<br />
Gibt es einen Hauptgrund, warum der Politik immer wieder solche<br />
Fehler passieren? Betonung liegt auf Hauptgrund.
</p>
<p>
<b>Ralf Brauksiepe:</b> Nein, es gibt eine Fülle<br />
von Ursachen. Bei den Personalservice-Agenturen war es der politische<br />
Wille von Rot-Grün gegen unseren Willen dieses Instrument einzuführen.<br />
Es hat genügend Warnungen, nicht nur von unserer Seite, gegeben.<br />
Bei Hartz IV ist bisher ein wesentlicher Grund für den Kostenanstieg<br />
die Zunahme der Zahl der so genannten Bedarfsgemeinschaften. In<br />
meinem Landkreis hat sie im Jahr 2005 um ca. 60% zugenommen, und<br />
das ist kein Einzelfall. Die Kosten für Heizung und Wohnung<br />
sind gegenüber früher deutlich gestiegen, was nicht zuletzt<br />
damit zusammenhängt, dass das Verfahren für die Gewährung<br />
dieser Unterstützung für den Antragsteller leichter ist<br />
als beim früheren Wohngeld. Das sind aber nur zwei von zahlreichen<br />
Ursachen.
</p>
<p>
<b>tacko:</b> Sind nicht viele Elemente der Hartz-Gesetze<br />
vor allem auf Betreiben der Union im Bundesrat eingeführt worden?
</p>
<p>
<b>Ralf Brauksiepe:</b> Was die finanziellen Auswirkungen<br />
angeht, ist es der Union über den Bundesrat in der Tat gelungen,<br />
Schlimmeres zu verhindern. Was organisatorische Fragen angeht, gab<br />
es den Streit darüber, wer federführend für die Vermittlung<br />
der betroffenen Menschen in Arbeit zuständig sein sollte. Rot-Grün<br />
wollte eine zentralistische Lösung über die Bundesagentur<br />
für Arbeit, wir wollten die Federführung bei den Kommunen.<br />
Heraus gekommen ist als Kompromiss, eine Summe von 69 Optionskommunen<br />
auf der einen Seite sowie die &quot;Argen&quot; (Arbeitsgemeinschaften,<br />
Anm. der Redaktion), das heißt die Zusammenarbeit von BA und<br />
Kommunen als Regelfall auf der anderen Seite. Bei diesem Kompromiss<br />
gab und gibt es natürlich Schnittstellenprobleme, auf die wir<br />
ebenfalls mit dem SGB II-Fortentwicklungsgesetz reagieren.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Nach den bisherigen Erfahrungen: Sollte<br />
das Kommunenmodell bundesweit eingeführt werden?
</p>
<p>
<b>Ralf Brauksiepe:</b> In der großen Koalition<br />
haben wir uns darauf verständigt, in den nächsten Jahren<br />
nach dem bisher gefundenen Kompromiss weiter zu verfahren. Für<br />
CDU und CSU bleibt allerdings die Federführung bei den Kommunen<br />
weiterhin auf der Agenda.
</p>
<p>
<b>arzt-im-einsatz:</b> Wie plant die Regierung, die<br />
Mehrkosten für das ALG II zu finanzieren?
</p>
<p>
<b>Ralf Brauksiepe:</b> Wir haben insbesondere die Absicht,<br />
die Mehrkosten soweit wie möglich zu begrenzen. Alles andere<br />
muss im Zuge der zurzeit stattfindenden Haushaltsberatungen entschieden<br />
werden. Klar ist, dass die große Koalition fest entschlossen<br />
ist, nicht in ihrem ersten Amtsjahr mit einer Rekordneuverschuldung<br />
zu starten.
</p>
<p>
<b>bärchenbrueck: </b>Herr Brauksiepe: Wieso wird<br />
eigentlich nur geredet und gegen Betroffene entschieden, anstatt<br />
sich auch mal um die korrekte Umsetzung zu kümmern? Meist sind<br />
Mitarbeiter der Arge´s überfordert, haben keinerlei Sachkunde<br />
und lehnen erstmal ab. Selbst Richtersprüche lassen diese Menschen<br />
links liegen. Warum passiert da genauso viel wie bei &quot;Fördern&quot;,<br />
nämlich nichts außer heißer Luft?
</p>
<p>
<b>Ralf Brauksiepe: </b>Es bestreitet niemand, dass es<br />
Umsetzungsprobleme gibt. Diese zu beseitigen ist ja ein Ziel der<br />
jetzt laufenden Gesetzgebung. Darüber hinaus ist mein Eindruck,<br />
dass die Erfahrungen vor Ort sehr unterschiedlich sind und natürlich<br />
von konkret handelnden Personen abhängen. Wir wollen fördern<br />
und fordern verstärkt in Einklang bringen. Dabei muss auch<br />
klar sein: Das SGB-II bzw. Hartz IV regelt in erster Linie die Ansprüche<br />
für erwerbsfähige Hilfebedürftige. Es ist primär<br />
eine Grundsicherungs- und kein Arbeitsmarktförderungsinstrument.<br />
Wir können Menschen am besten fördern, indem wir die Rahmenbedingungen<br />
für wirtschaftliches Wachstum und damit zusätzliche Arbeitsplätze<br />
richtig stellen. Alle Prognosen der jüngsten Zeit bestärken<br />
uns in der Einschätzung, dass wir dabei auf dem richtigen Weg<br />
sind.
</p>
<p>
<b>peterhartz:</b> Was kommt nach der Ich-AG? Wird es<br />
ähnliche Existenzgründerunterstützung geben?
</p>
<p>
<b>m3:</b> Hallo. Wird die Ich AG fallen. Gibt es in<br />
Zukunft Förderung für Existenzgründung?
</p>
<p>
<b>Ralf Brauksiepe:</b> Die Ich-AG in der bestehenden<br />
Form läuft zum 30. Juni aus &#8211; das steht fest. Das Überbrückungsgeld<br />
als lange bewährtes Instrument der Existenzgründungsförderung<br />
ist zeitlich unbefristet. Wir haben uns in der großen Koalition<br />
darauf verständigt, Überbrückungsgeld und Ich-AG<br />
zu einem einheitlichen Instrument der Förderung von Existenzgründung<br />
aus Arbeitslosigkeit zusammen zu fassen. Daran arbeiten wir zurzeit.<br />
Ich hoffe, dass wir noch im Laufe dieses Sommers eine Nachfolgeregelung<br />
für die Ich-AG im Bundesgesetzblatt finden können.
</p>
<p>
<b>Moderator: </b>Ihr Kommentar zum Vorschlag zur Vereinfachung<br />
von:
</p>
<p>
<b>Surfer:</b> Es wäre nicht schlecht, wenn alle<br />
Hartz VI Empfänger einen festen Betrag 600 Euro erhalten würden.<br />
Teure Bürokratie fällt dann weg.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Ist das ALG II zu kompliziert?
</p>
<p>
<b>Ralf Brauksiepe:</b> Natürlich müssen wir<br />
die Bürokratiekosten begrenzen. Auch dem dient das laufende<br />
Gesetzgebungsverfahren. Allerdings verstehe ich den Hinweis auf<br />
die 600 Euro nicht. Wir haben gerade beschlossen, den so genannten<br />
&quot;Regelsatz&quot; im Osten auf das Westniveau von dann bundeseinheitlich<br />
345 Euro anzuheben. Es wäre vollkommen unmöglich, diesen<br />
auf 600 Euro anzuheben.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Zusammen mit Wohngeld käme das<br />
ungefähr auf einen durchschnittlichen Auszahlungsbetrag für<br />
allein stehende ALG-II-Empfänger hin &#8211; der liegt nach meinem<br />
Kenntnisstand nur etwas höher.
</p>
<p>
<b>Ralf Brauksiepe:</b> Wenn wir mit öffentlichen<br />
Mitteln sorgsam umgehen wollen, dann können wir natürlich<br />
nicht das Wohngeld pauschalieren sondern müssen es an den tatsächlich<br />
entstehenden Kosten für Unterkunft und Heizung ausrichten.<br />
Bürokratieabbau kann nicht bedeuten, das Geld der Steuerzahler<br />
ungeprüft pauschal auszugeben.
</p>
<p>
<b>SGBII-Fallmanager:</b> Wie stehen Sie zur der Problematik,<br />
dass offenbar bei der Hartz IV-Gesetzgebung vergessen worden ist,<br />
die Zusammenarbeit im Bereich der Ausbildungsplatzvermittlung zwischen<br />
Agentur für Arbeit und Optionskommunen festzuschreiben. Die<br />
gegenwärtige Situation führt dazu, dass auf dem Rücken<br />
der Betroffenen Animositäten zwischen der Agentur für<br />
Arbeit und Optionskommunen ausgelebt werden (können).
</p>
<p>
<b>Ralf Brauksiepe:</b> Uns ist das Problem bekannt.<br />
Ich muss aber noch mal an meine Feststellung erinnern, dass die<br />
Konstruktion der Argen und der Optionskommunen ein politischer Kompromiss<br />
war, der im Kern nicht zur Debatte steht. Es geht um die bessere<br />
Zusammenarbeit der Beteiligten. Dazu wollen wir diese im laufenden<br />
Gesetzgebungsverfahren verpflichten, soweit der Gesetzgeber dies<br />
überhaupt kann. Aber auch nach dieser gesetzlichen Verbesserung<br />
wird es natürlich nicht ohne den guten Willen der Verantwortlichen<br />
vor Ort gehen. Ich bin gern bereit, Fällen, wo Betroffene Opfer<br />
von Animositäten werden, nachzugehen.
</p>
<p>
<b>Miksch:</b> Ist es nicht ehrlich zu sagen, dass eine<br />
Vollbeschäftigung in diesem Arbeitssystem nicht mehr möglich<br />
ist? Wie reagiert man auf den stärkeren Globalisierungsdruck?
</p>
<p>
<b>Ralf Brauksiepe:</b> Wir halten am Ziel der Vollbeschäftigung<br />
fest. Dabei geht es mir nicht in erster Linie um abstrakte Zieldebatten.<br />
Wir müssen versuchen, so vielen Menschen wie möglich in<br />
Arbeit zu bringen. Und denjenigen, die keine Arbeit haben, die notwendige<br />
Hilfe zukommen zu lassen. Natürlich stellt uns die Globalisierung<br />
vor neue Herausforderungen. Aber wir nehmen die Vorteile der Globalisierung<br />
oft unbewusst und als selbstverständlich hin. Nach meiner Überzeugung<br />
birgt die Globalisierung mehr Chancen als Risiken.
</p>
<p>
<b>B?en: </b>Sie glauben also wirklich an eine mögliche<br />
Vollbeschäftigung?
</p>
<p>
<b>Ralf Brauksiepe:</b> Es gibt Nachbarländer in<br />
der Europäischen Union, die nahe an der Vollbeschäftigung<br />
sind. Ich sehe keinen Grund, warum das in Deutschland prinzipiell<br />
unmöglich sein sollte, zumal Wirtschaftswissenschaftler mittlerweile<br />
auch bei mehreren Prozent Arbeitslosigkeit gleichwohl von Vollbeschäftigung<br />
sprechen. Das kann natürlich nur ein Fernziel sein. Aber durch<br />
Aufgabe dieses Ziels werden wir sicherlich dem Nahziel einer deutlichen<br />
Reduzierung der Massenarbeitslosigkeit nicht näher kommen.
</p>
<p>
<b>hunti:</b> Was sehen Sie persönlich als derzeit<br />
größtes Problem in Deutschland?
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Bitte begrenzt auf Ihr Spezialgebiet:<br />
Arbeit und Soziales.
</p>
<p>
<b>Ralf Brauksiepe:</b> Die anhaltend hohe Arbeitslosigkeit<br />
mit all ihren Auswirkungen auf die Stabilität der sozialen<br />
Sicherungssysteme und den gesellschaftlichen Zusammenhalt insgesamt.<br />
Ich komme damit auf die Anfangsfrage zurück: Bei der Bekämpfung<br />
dieses Problems mitwirken zu können, ist die größte<br />
Herausforderung in meinem Amt.
</p>
<p>
<b>Moderator: </b>Das waren 60 Minuten Politik-Chat bei<br />
tagesschau.de und politik-digital.de. Vielen Dank für Ihr Interesse,<br />
und vielen Dank an Herrn Brauksiepe. Der nächste Chat ist an<br />
diesem Mittwoch. Dann diskutiert mit Ihnen die Grünen-Fraktionschefin<br />
Renate Künast ab dreizehn Uhr. Das Protokoll des Chats ist<br />
in Kürze zum Nachlesen auf den Seiten von tagesschau.de und<br />
politik-digital.de zu finden. Das tagesschau-Chat-Team wünscht<br />
noch einen schönen Tag.
</p>
<p>
<b>Ralf Brauksiepe:</b> Ich danke allen, die mitgemacht<br />
haben und wünsche noch einen schönen Tag und eine gute<br />
Woche.</p>
]]></content:encoded>
					
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			</item>
		<item>
		<title>&#8220;Arbeitgeber müssen mit Investitionen neue Arbeitsplätze schaffen&#8221;</title>
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		<dc:creator><![CDATA[mullrich]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 26 Apr 2006 23:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Chattranscripte]]></category>
		<category><![CDATA[Bundespolitik]]></category>
		<category><![CDATA[Gewerkschaft]]></category>
		<category><![CDATA[DGB]]></category>
		<category><![CDATA[Michael Sommer]]></category>
		<category><![CDATA[Arbeitsmarkt]]></category>
		<category><![CDATA[Mindestlohn]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>
<span class="fett"><span style="font-size: x-small">Am Donnerstag, 
den 27. April, war Michael Sommer, DGB-Vorsitzender, zu Gast im 
tagesschau-Chat <span style="font-size: x-small">in Kooperation mit politik-digital.de. 
</span>Er diskutierte mit den Usern über das Frühjahrsgutachten, 
Mindestlöhne und die Entwicklung des Arbeitsmarktes.</span></span>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>
<span class="fett"><span style="font-size: x-small">Am Donnerstag,<br />
den 27. April, war Michael Sommer, DGB-Vorsitzender, zu Gast im<br />
tagesschau-Chat <span style="font-size: x-small">in Kooperation mit politik-digital.de.<br />
</span>Er diskutierte mit den Usern über das Frühjahrsgutachten,<br />
Mindestlöhne und die Entwicklung des Arbeitsmarktes.</span></span><!--break-->
</p>
<p>
<span class="fett">Moderator: </span>Liebe Chatgemeinde, unser<br />
Gast im ARD-Hauptstadtstudio ist heute Michael Sommer, Chef des<br />
Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB). Wie immer versuchen wir, dem<br />
Chat Struktur zu geben und nach Themen zu sortieren. Deshalb keine<br />
Sorge, wenn eine Frage nicht sofort auftaucht. Herr Sommer, können<br />
wir beginnen?
</p>
<p>
<b>Michael Sommer:</b> Wir können beginnen.
</p>
<p>
<b>optimist:</b> Korrektur der Wachstumsprognosen nach<br />
oben (stärkstes Wachstum seit 2000), leichtes Sinken der Erwerbslosenquote<br />
im Vergleich zum Vorjahr: Ist das ein momentaner Höhenflug<br />
oder ein wirklicher Anlass zur Freude?
</p>
<p>
<b>Michael Sommer: </b>Es ist erstmal positiv, dass ganz<br />
offensichtlich die Konjunktur angekurbelt wird. Wir müssen<br />
das jetzt bestätigen. Neben vielem anderen erwarte ich von<br />
den Arbeitgebern, die Impulse aufzunehmen und ihrerseits mit Investitionen<br />
neue Arbeitsplätze zu schaffen. Im Übrigen gilt das alte<br />
Sprichwort: Eine Schwalbe macht noch keine Sommer.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Wird es jetzt nicht auch Zeit, dass<br />
sich die Gewerkschaften ein bisschen zurück nehmen mit ihren<br />
Lohnforderungen?
</p>
<p>
<b>Michael Sommer:</b> Im Gegenteil. Der Metallabschluss<br />
von drei Prozent kann mithelfen, die Binnenkonjunktur anzukurbeln,<br />
denn das erste Mal seit langer Zeit haben die Metaller mehr Geld<br />
als im Vorjahr.
</p>
<p>
<b>winter:</b> Glauben Sie wirklich an diese Prognosen?<br />
Da ist doch auch ganz viel Psychologie drin. Von vermeintlichen<br />
Aufschwüngen habe ich in den letzten Jahren immer wieder gehört,<br />
aber es wurde dann doch nie was raus. Oder ist das jetzt eine andere<br />
Situation?
</p>
<p>
<b>Michael Sommer:</b> Die Ökonomen haben schon<br />
relativ verlässliche Instrumente, um real die wirtschaftliche<br />
Entwicklung festzustellen. Und das sind ja auch keine Politiker,<br />
die vor Wahlen immer etwas anderes erzählen, als sie nach Wahlen<br />
zugeben müssen. Deswegen glaube ich schon, dass das Gutachten<br />
relativ realistisch die Lage widerspiegelt.
</p>
<p>
<b>lib-art:</b> Sind die Prognosen nicht auch ein Marketingtool,<br />
mit dem eben die Konjunktur ein bisschen Rückenwind erhalten<br />
soll?
</p>
<p>
<b>Michael Sommer:</b> Selbst wenn es so wäre und<br />
es würde klappen, wäre es doch gut. Wir sollten wirklich<br />
Interesse daran haben, die Lage zu verbessern und sie nicht schlecht<br />
zu reden. Ich bin kein Anhänger des Grauschleiers.
</p>
<p>
<b>june:</b> Wie erklären Sie sich dann die Diskrepanzen<br />
zwischen vorhergesagtem Wirtschaftswachstum und tatsächlichem?
</p>
<p>
<b>Michael Sommer:</b> Weil natürlich zusätzliche<br />
Impulse für die wirtschaftliche Entwicklung kommen, z.B. die<br />
Bereitschaft der Menschen mehr zu kaufen, und die Auftragseingänge<br />
der Importindustrie sind anscheinend wirklich gut. Das kann man<br />
nur bedingt vorher sagen und im Prinzip muss monatlich eine Vorhersage<br />
nachbearbeitet werden, weil das Leben an sich dynamisch ist.
</p>
<p>
<b>Aldi:</b> Die Prognosen für die Wirtschaft stehen<br />
alle auf &quot;Daumen nach oben&quot;. Wann wird sich dies voraussichtlich<br />
auf den Arbeitsmarkt auswirken?
</p>
<p>
<b>Michael Sommer:</b> Hoffentlich bald. Aber mir fehlt<br />
der Glaube. Eine deutliche Verbesserung wird es wirklich nur geben,<br />
wenn die Arbeitgeber in neue Produkte und Dienstleistungen investieren<br />
und neue Arbeit schaffen. Und da habe ich die Hoffnung, dass das<br />
insbesondere dem Mittelstand gelingen kann. Aber wie gesagt, das<br />
ist nur eine Hoffnung.
</p>
<p>
<b>Redkiller: </b>Herr Sommer, die Gewerkschaften sind<br />
an vielen Unternehmen beteiligt. Können Sie uns sagen, wie<br />
viele Arbeitsplätze dort geschaffen wurden?
</p>
<p>
<b>Michael Sommer:</b> Wir sind kaum noch an einem Unternehmen<br />
beteiligt, wir haben alle unsere Beteiligungen verkauft bzw. verkaufen<br />
müssen. Deswegen ist die Frage quantitativ kaum zu beantworten.<br />
Allerdings habe ich die Parole ausgeben: Bei jeder Stelle im Gewerkschaftsbereich<br />
zu versuchen, sie zu erhalten und nicht abzubauen.
</p>
<p>
<b>Aldi:</b> Welchen Zusammenhang sehen Sie zwischen<br />
Konjunktur und Mitgliedszahlen der Gewerkschaften?
</p>
<p>
<b>Michael Sommer:</b> Es gibt einen indirekten Zusammenhang<br />
in der Hinsicht, dass durch das Wachstum der Wirtschaft neue Arbeitsplätze<br />
und damit auch Organisationsmöglichkeiten für die Gewerkschaften<br />
geschaffen werden.
</p>
<p>
<b>malocher:</b> Die Streiks machen doch nur Arbeitsplätze<br />
kaputt. Warum heizen Sie das soziale Klima weiter an? Wollen sie<br />
Zustände wie in Paris?
</p>
<p>
<b>Michael Sommer:</b> Von Pariser Zuständen sind<br />
wir in Deutschland weit entfernt, sowohl was die Vorstädte<br />
angeht, als auch die Innenstädte. Und unsere Tarifforderungen<br />
sind alles andere als das Ende des Abendlandes.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> In Deutschland scheint das Thema Kündigungsschutz<br />
die Menschen kalt zu lassen. Kaum jemand geht auf die Straße,<br />
anders als in Frankreich. Hat der DGB ein Mobilisierungsproblem?
</p>
<p>
<b>Michael Sommer:</b> In dieser Frage ja, weil ganz<br />
offensichtlich ganz viele Menschen in Sachen Kündigungsschutz<br />
resigniert haben. Aber noch ist nicht aller Tage Abend. Wenn die<br />
Menschen begreifen, dass sie in jedem Beschäftigungsverhältnis<br />
zwei Jahre geheuert und gefeuert werden, werden sie sich auch wehren.
</p>
<p>
<b>htw:</b> Sind die Gewerkschaften noch zeitgemäß?<br />
Braucht unserer Gesellschaft, wie sie in der heutigen Form besteht<br />
und sich in Zukunft entwickeln wird, noch Gewerkschaften?
</p>
<p>
<b>Michael Sommer:</b> Ja, aber wahrscheinlich werden<br />
die Gewerkschaften sich genauso wandeln müssen, wie die Gesellschaft<br />
selbst. Das heißt, dass wir uns neben den klassischen Feldern<br />
wie Tarifpolitik und Mitbestimmung insbesondere um Fragen spezifischer<br />
Beratungsmöglichkeiten kümmern müssen. Die Idee gewerkschaftlicher<br />
Solidarität ist zeitlos. Im Vatikan hat es 2000 Jahre gedauert,<br />
bis es eine Gewerkschaft gab. Jetzt hat Benedikt XVI auch eine.
</p>
<p>
<b>matzek:</b> Wie erklären Sie sich die Tatsache,<br />
dass der Hauptteil von Betroffenen (Arbeitslose) in Deutschland<br />
kein Interesse am Protest hat?
</p>
<p>
<b>Michael Sommer:</b> In der Tatsache, dass die Leute<br />
hoffnungslos sind und resigniert haben. Und dagegen müssen<br />
wir angehen.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> &quot;Dagegen angehen&quot; klingt<br />
floskelhaft &#8211; wie konkret?
</p>
<p>
<b>Michael Sommer:</b> Wir müssen Arbeitslose organisieren,<br />
wir müssen ihre Interessen gegenüber der Politik vertreten<br />
und wir dürfen uns nicht widerstandslos mit der Existenz der<br />
Arbeitslosigkeit abfinden. Solange es Massenarbeitslosigkeit gibt,<br />
werden wir sie skandalisieren.
</p>
<p>
<b>Kaivanboxen:</b> Wo sehen Sie, Herr Sommer, die Grenzen<br />
des Vertretbaren für die Streikenden erreicht? Mein Vater streikt<br />
in Düsseldorf nun schon seit Wochen. Ihm nimmt dieser Streik<br />
mittlerweile mehr mit als die Arbeit es je getan hat.
</p>
<p>
<b>Michael Sommer:</b> Das kann nur die örtliche<br />
Streikleitung beantworten. Ich weiß, wie schwierig die Situation<br />
ist, wenn man lange Zeit streiken muss. In Düsseldorf haben<br />
die Beschäftigten von Gate Gourmet 150 Tage streiken müssen,<br />
bis sie erfolgreich waren. Wenn man einen Streik vorzeitig abbricht,<br />
macht er die Situation nicht besser, sondern für die Betroffenen<br />
schlechter. Deshalb müssen wir jede Unterstützung leisten,<br />
damit die Streikenden durchhalten können.
</p>
<p>
<b>hedon:</b> Herr Sommer, danke dass Sie sich im Chat<br />
den Fragen stellen! Das Image der Gewerkschaften ist seit Ihrer<br />
Amtszeit nicht besser geworden. Woran liegt das?
</p>
<p>
<b>Michael Sommer:</b> Ich glaube, dass das Klima für<br />
soziale Politik in diesem Land insgesamt sich verschlechtert hat<br />
und dass wir größere Schwierigkeiten haben, uns in Medien<br />
und Wissenschaft anständig zu platzieren. Und was mich selbst<br />
betrifft, nehme ich ihre Frage zum Anlass, weiter nachzudenken.
</p>
<p>
<b>mfrechen:</b> Wenn ich Sie richtig verstehe, ist die<br />
Aufweichung des Kündigungsschutzes, um es mit Ihren Wortes<br />
zu sagen, &quot;das Ende des Abendlandes &quot;. Aber ist Kündigungsschutz,<br />
so wie wir ihn haben, denn sozial gerecht? Provokant gesagt werden<br />
dadurch oft Leute geschützt, die es eigentlich gar nicht verdient<br />
haben, weil sie nicht mehr die Leistung bringen können oder<br />
bringen wollen, und Leute, die eigentlich höher motiviert und<br />
besser geeignet sind, werden geblockt.
</p>
<p>
<b>Michael Sommer:</b> Der Kündigungsschutz sagt<br />
nicht mehr und nicht weniger, als dass niemand willkürlich<br />
und ohne Begründung gekündigt werden darf. Wenn jemand<br />
schlecht arbeitet oder dauerhaft fehlt, ist jederzeit eine Kündigung<br />
möglich. Die Frage, ob Arbeitgeber davon Gebrauch machen, ist<br />
deren Problem. Unsere Aufgabe ist es, Menschen vor Willkür<br />
zu schützen.
</p>
<p>
<b>Physikstudent:</b> Der DGB behauptet immer, mehr Lohn<br />
würde zu mehr Kaufkraft und daher zu mehr Wirtschaftswachstum<br />
führen. Warum erhöhen dann nicht die Gewerkschaften ihre<br />
Lohnforderungen dramatisch?
</p>
<p>
<b>Michael Sommer:</b> Weil wir realistische Politik<br />
betreiben. Es nützt nichts, utopische Forderungen zu stellen<br />
und sie dann nicht umsetzen zu können.
</p>
<p>
<b>Ein Selbstständiger:</b> Wann werden Sie sich<br />
persönlich, Herr Sommer, für ein Ende der sinnlosen Streiks<br />
einsetzen? Erst dann, wenn die Streikkassen leer sind oder bereits<br />
dann, wenn Sie eingesehen haben, dass ihre Streikbemühungen<br />
ins Leere laufen? Es ist doch eine Unverschämtheit, dass vor<br />
dem Hintergrund von fünf Millionen Arbeitslosen für bezahlte<br />
Zigarettenpausen gestreikt wird!</p>
<p><b>Michael Sommer:</b> Ich empfehle Ihnen, mal einen Tag<br />
an einem Band zu arbeiten, mit Überkopfarbeit und hoher Lärmbelastung.<br />
Glauben Sie mir, Sie sind für jede kleine Pause dankbar. Im<br />
Übrigen sind unsere Streikkassen gut gefüllt, also keine<br />
Sorge.
</p>
<p>
<b>Erhan:</b> Herr Sommer, können Sie uns verraten,<br />
wie hoch Ihr Einkommen ist?
</p>
<p>
<b>Michael Sommer:</b> Ja. Ich verdiene im Monat 11.000<br />
Euro brutto und das 13,5-mal im Jahr.
</p>
<p>
<br />
<b>Ein Selbstständiger:</b> Was hat das Land denn<br />
von einem restriktiven Kündigungsschutz, der kleine Betriebe<br />
daran hindert, nach Bedarf einzustellen?
</p>
<p>
<b>Michael Sommer:</b> Kleine Betriebe dürfen heute<br />
schon nach Bedarf einstellen. Es geht um die Frage, ob man nach<br />
Bedarf oder Tagesform entlassen darf. Zu meinem Bedauern gilt der<br />
Kündigungsschutz für Betriebe bis zu 10 Beschäftigten<br />
nicht. Das sollte aber kein Tipp, sondern nur eine Information sein.
</p>
<p>
<b>Kassenpatient:</b> Was können Gewerkschaften<br />
in einer globalisierten Welt überhaupt noch ausrichten? Sind<br />
die Wirtschaftsvertreter nicht schon lange viel besser organisiert<br />
(Lobbyarbeit)?
</p>
<p>
<b>Michael Sommer:</b> Ja, aber so schlecht sind wir<br />
auch nicht. Wir haben gerade in den vergangenen Jahren unsere internationale<br />
Zusammenarbeit wesentlich gestärkt. Wir werden aus drei internationalen<br />
Gewerkschaftsbünden im November einen machen. Auch mit dem<br />
Ziel, unseren Einfluss auf internationale Organisationen wie die<br />
Weltbank, dem Internationalen Währungsfond, die Internationale<br />
Arbeitsorganisation wesentlich zu verstärken.
</p>
<p>
<b>UEK</b>: Was passiert denn jetzt eigentlich mit Ihrer<br />
Kollegin Engelen-Kefer? Nachdem schon die Nachfolger im Gespräch<br />
waren, ist jetzt wieder Ruhe auf dem Gebiet. Wäre es nicht<br />
gut, Frau Engelen für eine weitere Amtszeit zu gewinnen, weil<br />
sie dem DGB ja doch auch ein starkes Profil gegeben hat und in der<br />
Öffentlichkeit sehr beliebt ist?
</p>
<p>
<b>Michael Sommer:</b> Ursula Engelen-Kefer hat eine<br />
gute Arbeit geleistet. Dafür danken wir ihr. Aber sie wird<br />
Anfang Juli 63 Jahre alt und dann gilt auch für Menschen in<br />
Gewerkschaften die Weisheit aus dem Buch der Prediger: Alles hat<br />
seine Zeit.
</p>
<p>
<b>Juling:</b> Wie stehen Sie zu dem Thema Grundeinkommen?<br />
Sie haben sicher schon davon gehört. Kein Mensch bräuchte<br />
Existenzängste haben. Arbeitnehmer hätten eine stärkere<br />
Verhandlungsposition gegenüber den Arbeitgebern. Ein freier,<br />
flexibler Arbeitsmarkt würde entstehen, der seinen Namen auch<br />
verdient, da Angebot und Nachfrage unbeeinflusst aufeinander träfen<br />
und den Preis (Lohn) bilden würden. Die Gewerkschaften würden<br />
allerdings an Einfluss einbüßen.
</p>
<p>
<b>Michael Sommer:</b> Dass wir dieses Instrument für<br />
fragwürdig halten, hat mit ihrer letzten Feststellung nicht<br />
zu tun. Ein Grundeinkommen für jeden wäre a) sehr schwer<br />
zu finanzieren und b) wahrscheinlich auch ungerecht, weil die Leistung,<br />
die jemand bringt, der arbeitet, nicht mehr in einem angemessenem<br />
Verhältnis stehen würde zu dem, der nicht arbeitet. Und<br />
die Utopie des wissenschaftlichen Kommunismus, dass unsere Gesellschaft<br />
so produktiv ist, dass jeder im Reich der Freien leben kann, dürfte<br />
noch für Jahrtausende eine Utopie bleiben.
</p>
<p>
<b>Schtyle:</b> Was halten sie von der Einführung<br />
von Kombilohn-Modellen im Niedriglohnsektor?
</p>
<p>
<b>Michael Sommer:</b> Relativ wenig. Ich halte sie dann<br />
für denkbar und richtig, wenn man die Zeit befristet einsetzt<br />
und für besonders extreme Problemgruppen bei den Langzeitarbeitslosen.<br />
Konkret: es geht um die Gruppe der Über-50-Jährigen und<br />
der Unter-20-Jährigen. Für sie könnte ein zeitlich<br />
befristetes Kombilohnmodell durchaus die Brücke in die reguläre<br />
Beschäftigung sein.
</p>
<p>
<b>htw:</b> Was halten Sie davon, dass es mittlerweile<br />
eine Zwei-Klassen-Gesellschaft bei den Arbeitnehmern gibt: Gewerkschaftlich<br />
Organisierte und die, die zu Billiglöhnen arbeiten müssen?
</p>
<p>
<b>Michael Sommer:</b> Ergänzung zu Schtyle: Im<br />
Übrigen würde eine flächendeckende Einführung<br />
von Kombilöhnen nicht bezahlbar sein und nur dazu führen,<br />
dass die Arbeitgeber einen Teil ihrer Lohnverpflichtung an den Staat<br />
abdrücken würden.
</p>
<p>
Zu htw: Die Grenze der Zweiklassengesellschaft verläuft anders,<br />
weil wir auch im Bereich der Billiglöhne Gewerkschaftsmitglieder<br />
haben. Das gesellschaftliche Phänomen, dass wir Menschen haben,<br />
die von einer Vollzeitbeschäftigung nicht leben können,<br />
ist ein Skandal und muss beseitigt werden. Ich hoffe sehr, dass<br />
es gelingen wird, in diesem Jahr politisch eine klare Grenze nach<br />
unten zu ziehen, z.B. durch einen gesetzlichen Mindestlohn von 7,50<br />
Euro pro Stunde.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Wird das die Forderung des DGB-Bundeskongresses<br />
im Mai sein?
</p>
<p>
<b>Michael Sommer:</b> Ja.
</p>
<p>
<b>BobMailman:</b> Wie beurteilen Sie den Fall SAP, wo<br />
nun ein Betriebsrat mit Gewerkschaft eingeklagt wird? Im Vergleich<br />
steht SAP mit Mitarbeiterzufriedenheit und Gehältern auch ohne<br />
Gewerkschaft sehr gut da.
</p>
<p>
<b>Michael Sommer</b>: Das eine schließt das andere<br />
nicht aus. Man kann zufrieden sein und einen guten Betriebsrat haben.<br />
Das ist in den meisten Unternehmen auch der Fall. Bei SAP gibt es<br />
einen Arbeitgeber, der faktisch seit Existenz der Firma versucht,<br />
organisierte von ihm nicht zu kontrollierende Interessenvertretungen<br />
zu verhindern. Fragen Sie sich mal, warum der das tut. Doch mit<br />
Sicherheit nicht, um seinen Beschäftigten mehr Rechte zu geben.
</p>
<p>
<b>joste</b>: Sind 7,50 Euro Mindestlohn nicht zu niedrig<br />
im Vergleich mit anderen Ländern?
</p>
<p>
<b>Michael Sommer:</b> Ja und nein. Frankreich wird im<br />
Juni bei 8,15 Euro liegen. Da müssen wir auch irgendwann hinkommen.<br />
Aber wir sollten nicht vergessen, dass es Bereiche gibt, in denen<br />
heute millionenfach Menschen weniger haben als 4,50 Euro die Stunde.<br />
7,50 Euro wäre der Einstieg und dann geht es weiter.
</p>
<p>
<b>Arbeiter:</b> Kennen sie z.B. das &quot;Bocholter<br />
Modell &quot;, bei dem den Siemens Mitarbeitern bis zu 30 Prozent<br />
des Gehalts gekürzt wurde? Wie konnte das passieren, und wie<br />
kommt man da wieder heraus? Jeder kann sich mal selber ausrechnen,<br />
ob er mit 30 Prozent weniger Gehalt pro Monat noch zurechtkommt.
</p>
<p>
<b>Michael Sommer:</b> Das so genannte Bocholter-Modell<br />
war das Ergebnis einer miesen Erpressung, mit der Drohung von Werksschließung.<br />
Diesem Modell folgten viele Arbeitgeber nach und wir haben gelernt,<br />
dass wir uns dagegen wehren müssen. Die AEG in Nürnberg<br />
ist ein Musterbeispiel, wie man sich wehren kann. Und derzeit streiken<br />
hier in Berlin 600 Beschäftigte der Firma CNH, früher<br />
Ohrenstein und Koppel (Baumaschinen) für ihre Existenz. Und<br />
das heißt, für einen anständigen Arbeitsplatz bei<br />
anständiger Entlohnung.
</p>
<p>
<b>paul rewila:</b> Bei 7,50 Euro ist klar: Einfache<br />
Montagetätigkeiten gehen ab nach Osteuropa.
</p>
<p>
<b>Michael Sommer:</b> Bei 7,50 Euro ist klar: Dieser<br />
Lohn gilt für jeden, der in Deutschland beschäftigt wird.<br />
Kein gesetzlicher Mindestlohn in Deutschland kann verhindern, dass<br />
Arbeit ins Ausland verlagert wird. Der Verzicht übrigens auch<br />
nicht.
</p>
<p>
<b>DerBenutzer:</b> Viele Jugendliche haben in Frankreich<br />
keine Arbeit &#8211; viele Experten, auch Gewerkschaftler, führen<br />
das auf den hohen Mindestlohn zurück. Ist es denn dann überhaupt<br />
sinnvoll, einen generellen Mindestlohn einzuführen, wenn er<br />
Beschäftigung verhindert?
</p>
<p>
<b>Michael Sommer:</b> Ich kenne diese Experten nicht.<br />
Das Gegenteil ist der Fall. Der gesetzliche Mindestlohn in Frankreich<br />
oder Großbritannien hat auf mittlere Sicht nicht Arbeit verhindert,<br />
sondern Beschäftigung stabilisiert.
</p>
<p>
<b>TimS:</b> Herr Sommer, ist es nicht Zeit vom tot gerittenen<br />
Gaul der Erwerbsarbeit abzusteigen und neue Konzepte zu diskutieren<br />
und zu fördern? Wären Sie bereit für eine neue Sicht<br />
und einen Paradigmenwechsel, der auch Ihre Macht kosten könnte?
</p>
<p>
<b>Michael Sommer:</b> Ja, wenn Sie mir den Ersatzgaul<br />
beschreiben können.
</p>
<p>
<b>coogy:</b> Wenn auf dem deutschen Arbeitsmarkt weder<br />
genügend Fachkräfte noch Spargelstecher vorhanden sind,<br />
warum haben wir dann überhaupt Arbeitslosigkeit?
</p>
<p>
<b>Michael Sommer:</b> Weil Menschen in Arbeitslosigkeit<br />
entlassen wurden und teilweise ihre Qualifikation verloren haben.<br />
Wir haben über 60.000 arbeitslose Ingenieure, die mit jedem<br />
Monat Arbeitslosigkeit in der sich rapide ändernden Arbeitswelt<br />
ein Stück Qualifikation verlieren. Und was das Spargelstechen<br />
angeht: Wenn es anständig bezahlt wird, finden sie auch in<br />
Deutschland Spargelstecher. Und seitdem die polnische Regierung<br />
darauf besteht, für polnische Saisonarbeiter auf deutschen<br />
Spargelfeldern 30 Prozent Sozialversicherung nach Polen zu überweisen,<br />
hat sich das Weltbild manches deutschen Spargelbauers deutlich verändert.
</p>
<p>
<b>homeboy:</b> Wie sehen Sie die Zusammenarbeit mit<br />
der jetzigen Regierung, vor allem natürlich mit der SPD? Würden<br />
Sie sich da eine stärkere Unterstützung wünschen?
</p>
<p>
<b>gewerkschaftler:</b> Herr Sommer, wie ist das für<br />
Sie in einer Großen Koalition? Sie scheinen sich ja ganz gut<br />
arrangiert zu haben, nachdem Sie der SPD im Wahlkampf nicht wirklich<br />
unter die Arme greifen wollten und damit die Große Koalition<br />
mit verursacht haben?
</p>
<p>
<b>Michael Sommer:</b> Wir haben mit der Großen<br />
Koalition in weiten Bereichen die Möglichkeit vernünftig<br />
zusammenzuarbeiten. Und die politische Konstellation einer Großen<br />
Koalition ist nicht schlecht für uns. Dennoch, auch mit dieser<br />
Regierung werden wir Konflikte haben und austragen, von der Rente<br />
bis zum Kündigungsschutz. Und persönlich bin ich dem Wähler<br />
dankbar, dass er dem deutschen Volk Guido Westerwelle als Vizekanzler<br />
erspart hat.
</p>
<p>
<b>stefan_sys:</b> Die Wirtschaft arbeitet global, aber<br />
Gewerkschaften sind immer noch in erster Linie national tätig.<br />
Kann Gewerkschaftsarbeit so überhaupt wirkungsvoll sein?
</p>
<p>
<b>Michael Sommer:</b> Die nationale Gewerkschaftsarbeit<br />
stößt immer mehr an ihre Grenzen. Deshalb werden wir<br />
zwei internationale Projekte wesentlich vorantreiben: Die Zusammenarbeit<br />
der Gewerkschaften in der EU, die noch konkreter und noch ergebnisorientierter<br />
geführt werden muss. Aber unser Kampf gegen Lohndumping in<br />
der Dienstleistungsrichtlinie war ein deutlicher Hinweis, was wir<br />
machen müssen und was wir auch erfolgreich schaffen können.<br />
Noch schwieriger ist eine universelle Zusammenarbeit der Gewerkschaften,<br />
weil sie vor allem auch Solidaritätsarbeit für die Ärmsten<br />
der Armen ist. Aber auch hier machen wir Fortschritte.
</p>
<p>
<b>Moderator</b>: Kurz zurück zum Spargel:
</p>
<p>
<b>paul rewila:</b> Gegenargument: Wenn Spargelstechen<br />
in Deutschland &quot;anständig &quot; bezahlt wird, verliert<br />
der Spargelbauer auch noch seinen Job. Dann kaufen die Deutschen<br />
halt Spargel aus Griechenland.
</p>
<p>
<b>Michael Sommer:</b> Ich glaube, der deutsche Spargel<br />
ist so gut, dass die Deutschen auch bereit sind, zehn Cent mehr<br />
pro Pfund zu bezahlen. Und generell ist die Vorstellung, dass man<br />
Arbeit so billig machen muss wie Dreck, eine, die mit einer zivilisierten<br />
Welt nichts zu tun hat.
</p>
<p>
<b>weiss:</b> Wenn die Gewerkschaften nicht endlich etwas<br />
für ihre Senioren-Mitglieder tun, treten sie aus der Gewerkschaft<br />
aus. Allein bei Verdi sind über 400.000 Senioren organisiert.<br />
Diese Senioren könnten theoretisch eine eigene Gewerkschaft<br />
&#8211; wie in Italien und Spanien &#8211; gründen, um sich endlich Gehör<br />
zu verschaffen. In der DGB-Satzung werden die Senioren mit keiner<br />
Silbe erwähnt.
</p>
<p>
<b>Michael Sommer:</b> Das stimmt nicht ganz. Die Seniorenarbeit<br />
ist Teil des DGB. Aber im Unterschied zu Spanien oder Italien sind<br />
die Senioren genauso Gewerkschaftsmitglieder wie Arbeitslose oder<br />
Berufstätige. Denn sie haben zu den Interessen ihrer anderen<br />
Kollegen auch sehr enge Berührungspunkte. Ich glaube, dass<br />
eine Seniorengewerkschaft nicht wirklich eine bessere Interessenvertretung<br />
der Senioren bedeuten würde. Aber wir können unsere gewerkschaftliche<br />
Seniorenarbeit noch verbessern.
</p>
<p>
<b>Redeekers:</b> Der Weg zur Abschaltung der Kernkraftwerke<br />
in Deutschland hat den Strompreis in Deutschland unwahrscheinlich<br />
verteuert, Energie kostet in Deutschland mehr als anderswo in Europa.<br />
Dadurch werden mehr Jobs abgebaut und Arbeitnehmereinkommen reduziert,<br />
als durch andere politische Maßnahmen. Wo war da eigentlich<br />
der DGB?
</p>
<p>
<b>Michael Sommer:</b> Es sind ja kaum Atomkraftwerke<br />
bisher abgeschaltet wurden und die steigenden Strompreisen kommen<br />
vor allem von den gestiegenen Öl- und Gaspreisen. Und der DGB<br />
ist dort, wo es um Energieeinsparungen und die Nutzung neuer Energiequellen<br />
wie Windkraft geht.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Matthias Platzeck wollte das Verhältnis<br />
der SPD zu den<br />
Gewerkschaften entkrampfen. Jetzt kommt Kurt Beck. ändert das<br />
etwas für Sie?
</p>
<p>
<b>Michael Sommer:</b> Nein, ich glaube, dass wir auch<br />
mit Kurt Beck das Verhältnis der Gewerkschaften zur SPD wieder<br />
normalisieren können. Dennoch: Ich hätte gern mit Matthias<br />
Platzeck weiter gearbeitet.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Das waren 60 Minuten tagesschau-Chat.<br />
Herzlichen Dank an alle User für ihr Interesse und die Bitte<br />
um Verständnis an jene, die mit ihrer Frage heute nicht durchgekommen<br />
sind. Besonderen Dank an unseren Gast Michael Sommer, der sich die<br />
Zeit genommen hat, mit uns zu chatten.
</p>
<p>
<b>Michael Sommer:</b> Machen Sie es gut und unterstützen<br />
Sie die Gewerkschaften.</p>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://www.politik-digital.de/chattranscripte/quotarbeitgeber_muessen_mit_investitionen_neue_arbeitsplaetze_schaffenquot-145/feed/</wfw:commentRss>
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			</item>
		<item>
		<title>Dietmar Hexel DGB-Vorstand</title>
		<link>https://www.politik-digital.de/chattranscripte/dietmar_hexel_dgbvorstand-217/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[uheimann]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 30 Apr 2005 23:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Chattranscripte]]></category>
		<category><![CDATA[Bundespolitik]]></category>
		<category><![CDATA[Gewerkschaft]]></category>
		<category><![CDATA[DGB]]></category>
		<category><![CDATA[Arbeitsmarkt]]></category>
		<category><![CDATA[Dietmar Hexel]]></category>
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					<description><![CDATA[<span style="font-size: x-small">Am Sonntag, 1. Mai, war Dietmar Hexel, Mitglied im 
Bundesvorstand des Deutschen Gewerkschaftsbundes, zu Gast im tacheles.02 
Live-Chat von tageschau.de für &#34;Bericht aus Berlin&#34;. 
Dietmar Hexel beantwortete Fragen rund um das Thema Arbeit und zur 
Zukunft der Gewerkschaften.</span>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><span style="font-size: x-small">Am Sonntag, 1. Mai, war Dietmar Hexel, Mitglied im<br />
Bundesvorstand des Deutschen Gewerkschaftsbundes, zu Gast im tacheles.02<br />
Live-Chat von tageschau.de für &quot;Bericht aus Berlin&quot;.<br />
Dietmar Hexel beantwortete Fragen rund um das Thema Arbeit und zur<br />
Zukunft der Gewerkschaften.</span><!--break--></p>
<p class="normal">
<span style="font-size: x-small"><span class="fett">Moderator:</span><br />
Herzlich Willkommen zum tagesschau-Chat nach dem &quot;Bericht aus<br />
Berlin&quot;. Die SPD schwingt im Wahlkampf die Antikapitalisten-Keule,<br />
viele Arbeitnehmer geraten mit zunehmender Globalisierung immer<br />
mehr unter Druck, haben wir gerade im &quot;Bericht aus Berlin&quot;<br />
gesehen. Im ARD-Hauptstadtstudio begrüße ich zum Chat<br />
Dietmar Hexel, Mitglied im Bundesvorstand des Deutschen Gewerkschaftsbundes.<br />
Vor der ersten Frage noch eine Bemerkung: Ob Kapitalismus-Kritik<br />
oder Mindestlohn-Debatte, Sie können Fragen zu allen Themen<br />
stellen, die Sie interessieren. Wir sammeln die Fragen und stellen<br />
sie im Laufe unseres Chats.</span>
</p>
<p>
<span class="fett"><span style="font-size: x-small">Treo:</span></span><span style="font-size: x-small"><br />
Steuern wir auf einen Klassenkampf in der Gesellschaft zu?</span>
</p>
<p>
<span class="fett"><span style="font-size: x-small">Dietmar Hexel:</span></span><span style="font-size: x-small"><br />
Wir steuern auf jeden Fall auf eine Polarisierung zu, wenn die Unternehmen<br />
und ihre Verbände nicht ihre Politik ändern. Es ist nicht<br />
hinnehmbar, dass Unternehmen als ihren Zweck das Renditeziel nennen.<br />
Unternehmen haben die Aufgabe gute Produkte und Dienstleistungen<br />
herzustellen und damit auch dem Kunden und der Allgemeinheit zu<br />
dienen. Das ist verloren gegangen. Deshalb haben wir eine Polarisierung.</span>
</p>
<p>
<span class="fett"><span style="font-size: x-small">Hooker: </span></span><span style="font-size: x-small">Was<br />
sagen Sie zu den Äußerungen von FDP Chef Guido Westwelle?</span>
</p>
<p>
<span class="fett"><span style="font-size: x-small">Moderator:</span></span><span style="font-size: x-small"><br />
Ich denke, das bezieht sich auf die &quot;Heuschreckenplage&quot;.</span>
</p>
<p>
<span class="fett"><span style="font-size: x-small">Dietmar Hexel:</span></span><span style="font-size: x-small"><br />
Westerwelle hat nicht verstanden, was die Menschen im Lande bewegt.<br />
Mit Heuschrecken sind Phänomene gemeint, die die Menschen beunruhigen.<br />
Die Gewerkschaften haben die Menschen nicht beunruhigt. Wir haben<br />
manchmal sogar verzweifelt auf die Entwicklung hingewiesen. Gewerkschaften<br />
sind eine praktische Antwort auf den Kapitalismus und stellen ein<br />
Schutzschild gegen &quot;Heuschrecken&quot; dar.</span>
</p>
<p>
<span class="fett"><span style="font-size: x-small">Blumenfrau:</span></span><span style="font-size: x-small"><br />
Welche Taten werden der Kapitalismuskritik folgen? Oder war sie<br />
nur hohles Gepolter?</span>
</p>
<p>
<span class="fett"><span style="font-size: x-small">Dietmar Hexel: </span></span><span style="font-size: x-small">Sie<br />
darf kein hohles Gepolter bleiben. Es gibt mehrere Handlungsebenen.<br />
Jeder Aufsichtsrat, jeder Betriebsrat kann etwas tun, jedes Kommunalparlament,<br />
jedes Landesparlament, auch die Bundesregierung, z.B. beim Thema<br />
Finanzspekulation. Vor allem müssen wir uns natürlich<br />
europäisch aufstellen, um das frei floatende Finanzkapital<br />
in die Schranken zu weisen. Viele Unternehmen <br />
haben ein Problem mit den Rendite-Erwartungen. Sie sind eher an<br />
realem Unternehmenskapital interessiert. Den Konflikt zwischen Realkapital<br />
und Finanzkapital kann die Regierung zugunsten der Unternehmen beeinflussen.</span>
</p>
<p>
<span class="fett"><span style="font-size: x-small">Moderator:</span></span><span style="font-size: x-small"><br />
Was wäre ihrer nach konkret das Wichtigste, was die Bundesregierung<br />
sofort tun könnte / müsste?</span>
</p>
<p>
<span class="fett"><span style="font-size: x-small">Dietmar Hexel:</span></span><span style="font-size: x-small"><br />
Sie müsste Druck auf Brüssel, also auf die EU und auf<br />
alle Länder ausüben, dass die Steuergesetze in Europa<br />
harmonisiert werden. Zweitens müsste sie Vorschläge machen,<br />
wie weltweit neue Regeln für den Finanztransfer entstehen könnten.</span>
</p>
<p>
<span class="fett"><span style="font-size: x-small">Moderator:</span></span><span style="font-size: x-small"><br />
Kommentar von:</span>
</p>
<p>
<span class="fett"><span style="font-size: x-small">einefrau: </span></span><span style="font-size: x-small">Ich<br />
finde diese Diskussion pervers von der Seite der SPD und Gefolgschaft.<br />
Die schlimmsten Kapitalisten sitzen heute in der Bundesregierung.<br />
Wenn ein/e Arbeitslose/r 55-jährige/r mit Harz 3 so erniedrigt<br />
ist, wie die Leute, die nie gearbeitet haben und auch nicht arbeiten<br />
wollen, ist das mehr als ungerecht. Dann den Moralapostel spielen<br />
und die Kapitalisten beschimpfen: Das ist unmoralisch.</span>
</p>
<p>
<span class="fett"><span style="font-size: x-small">Dietmar Hexel: </span></span><span style="font-size: x-small">Ich<br />
kann nicht für die SPD sprechen. Für die Gewerkschaften<br />
sage ich: Wir haben sehr große Schwierigkeiten und auch langen<br />
Widerstand organisiert, dass Hartz IV keine negativen Folgen für<br />
Menschen hat, die z.B. lange gearbeitet haben. Wir bleiben dabei:<br />
Es ist nicht hinnehmbar, dass Arbeiter oder Angestellte nach dreißig<br />
oder vierzig Jahren Berufstätigkeit mit 55 arbeitslos werden<br />
und anschließend fast alles verlieren, was sie angespart haben.<br />
Das müssen wir ändern.</span>
</p>
<p>
<span class="fett"><span style="font-size: x-small">Katja Klee: </span></span><span style="font-size: x-small">Warum<br />
distanziert sich der DGB in NRW so stark von der SPD? Mit welcher<br />
Partei wollen Sie denn in Zukunft arbeiten???</span>
</p>
<p>
<span class="fett"><span style="font-size: x-small">Dietmar Hexel:</span></span><span style="font-size: x-small"><br />
Der DGB und die Gewerkschaften arbeiten nicht mit einer bestimmten<br />
Partei. Die Gewerkschaften arbeiten parteiübergreifend. Wir<br />
vertreten die Interessen von 7 Millionen Mitgliedern, die in verschiedenen<br />
Parteien organisiert sein können. Wir beurteilen Parteien nach<br />
ihrem Programm und ihrem konkreten Handeln.</span>
</p>
<p>
<span class="fett"><span style="font-size: x-small">Ökonom44:</span></span><span style="font-size: x-small"><br />
Die Marktmechanismen regeln den Markt nicht mehr. Aber auch der<br />
Einfluss der Gewerkschaften tendiert immer weiter gegen Null (sagen<br />
die Mitgliederzahlen). Wer kann die Diktatur der Unternehmen noch<br />
bremsen?</span>
</p>
<p>
<span class="fett"><span style="font-size: x-small">Dietmar Hexel: </span></span><span style="font-size: x-small">Der<br />
Einfluss der Gewerkschaften ist nicht nur von der Mitgliederzahl<br />
abhängig &#8211; aber natürlich auch. Deshalb ist es wichtig,<br />
Mitglied einer Gewerkschaft zu sein, wenn man gegen den unregulierten<br />
Kapitalismus ist. Kritisieren und schimpfen alleine hilft nicht.<br />
Historisch und aktuell sind Gewerkschaften gerade wegen des Kapitalismus<br />
entstanden. Sie sind organisierte Gegenmacht gegen die Macht und<br />
Willkür der Kapitalseite. Das Problem ist, dass wir dies im<br />
nationalen Maßstab nicht mehr ausreichend bekämpfen können.<br />
Die internationale Arbeit der Gewerkschaften, besonders in Europa<br />
wird deshalb wichtiger. Außer den Gewerkschaften sehe ich<br />
keine sozial starke Gegenbewegung der die Renditenjäger bremsen<br />
kann.</span>
</p>
<p>
<span class="fett"><span style="font-size: x-small">DwD:</span></span><span style="font-size: x-small"><br />
Was halten sie von den Meinungen, dass gerade die Gewerkschaften<br />
mit ihrer Politik Arbeitsplätze verhindern?</span>
</p>
<p>
<span class="fett"><span style="font-size: x-small">Dietmar Hexel:</span></span><span style="font-size: x-small"><br />
Das halte ich für völlig falsch. Wenn die Gewerkschaften<br />
nicht vor über zehn Jahren die 35 Stunden-Woche durchgesetzt<br />
hätten, gäbe es noch mehr Arbeitslose. Die Konkurrenz<br />
mit Billiglohnländern können wir uns nicht leisten. Gewerkschaften<br />
verhindern niemals neue Arbeitsplätze. Im Gegenteil: Wir fordern<br />
in den Aufsichtsräten regelmäßig die Investitionen<br />
zu erhöhen, Ausbildungsplätze zu schaffen und nicht den<br />
Gewinn zum größten Teil an die Aktionäre zu geben.<br />
Das Geld muss in den Unternehmen, und damit bei den Arbeitsplätzen<br />
bleiben.</span>
</p>
<p>
<span class="fett"><span style="font-size: x-small">miller-chr:</span></span><span style="font-size: x-small"><br />
Der Organisationsgrad der Gewerkschaften nimmt so gut wie überall,<br />
wie gerade bemerkt, ab. Wie wollen die Gewerkschaften ihr Vorgehen,<br />
insbesondere Streiks, allgemein und öffentlich rechtfertigen,<br />
wenn selbst ihre Mitglieder sich mehr und mehr davon distanzieren?</span>
</p>
<p>
<span class="fett"><span style="font-size: x-small">Dietmar Hexel:</span></span><span style="font-size: x-small"><br />
Die Mitglieder distanzieren sich nicht &#8211; sonst würden sie nicht<br />
streiken. Der Organisationsgrad in Deutschland ist je nach Branche<br />
unterschiedlich. Er beträgt zwischen 10 und 95 Prozent. Wir<br />
werden im Bereich der Stahlindustrie sehen, dass eine gut organisierte<br />
Belegschaft für ihre Interessen eintritt. Das Problem sind<br />
vor allem Kleinbetriebe, denken Sie an Frisöre, Hotelangestellte<br />
und Fleischereien. Dort sind die Gewerkschaften zwar auch organisiert,<br />
aber nicht immer stark genug. So wünschen wir uns realistische<br />
Vorschläge, dies zu ändern. Manche fordern Lohnnebenkosten-Senkung<br />
und meinen Weihnachts- oder Urlaubsgeld. Tatsache ist allerdings<br />
auch, dass die Sozialversicherungsbeiträge durch die deutsche<br />
Einheit sehr belastet sind. Die gesamte Abgabenquote für Sozialbeiträge<br />
ist allerdings in den letzten Jahren nicht besonders gestiegen.</span>
</p>
<p>
<span class="fett"><span style="font-size: x-small">Zugarbabe:</span></span><span style="font-size: x-small"><br />
Wie wäre es denn mit Unternehmenstarifverträgen statt<br />
Branchen?</span>
</p>
<p>
<span class="fett"><span style="font-size: x-small">Dietmar Hexel:</span></span><span style="font-size: x-small"><br />
Es gibt Unternehmenstarifverträge in vielen Firmen. Der Trend<br />
geht im Moment zu Haustarifverträgen. Das ist aber durchaus<br />
ein Problem, weil dann der Konflikt um Lohn und Leistung nicht mehr<br />
in der Branche ausgetragen wird, sondern in jedem Betrieb. Wir raten<br />
dazu nicht. Wir wollen beim Flächentarifvertrag bleiben, der<br />
sehr flexibel ist und auch Möglichkeiten für die Unternehmen<br />
offen lässt. Nebenbei: Es gibt ungefähr 66.000 Tarifverträge<br />
in der Bundesrepublik. Von einem Korsett für alle kann also<br />
nicht gesprochen werden. Wichtig ist: Immer mehr Betriebe haben<br />
keinen Tarifvertrag. Da werden dann Hungerlöhne gezahlt. Das<br />
müssen wir ändern.</span>
</p>
<p>
<span class="fett"><span style="font-size: x-small">helmutkohl:</span></span><span style="font-size: x-small"><br />
Die Gewerkschaften können, wie die Parteien, den Menschen keine<br />
Visionen mehr vortragen. Der Einzelne wird durch die Politik dazu<br />
gebracht, nur noch an sich zu denken. Alle jammern, besonders die<br />
CDU. Die Gewerkschaften sind alt und verstaubt, so mein Gefühl.<br />
Meinen sie das wird sich jemals ändern?</span>
</p>
<p>
<span class="fett"><span style="font-size: x-small">Dietmar Hexel: </span></span><span style="font-size: x-small">Aber<br />
sicher! Die Gewerkschaften sind überhaupt nicht verstaubt.<br />
Wir haben einen großen Zulauf an jungen Mitgliedern. Die zentrale<br />
Botschaft der Gewerkschaft ist: Solidarität statt Egoismus,<br />
Gerechtigkeit statt verschärfter Ungleichheit.</span>
</p>
<p>
<span class="fett"><span style="font-size: x-small">ibo:</span></span><span style="font-size: x-small"><br />
Ich glaube, wenn man extrem links wählt werden die Arbeitgeber<br />
mehr unter Druck geraten. Was sagen Sie dazu?</span>
</p>
<p>
<span class="fett"><span style="font-size: x-small">Dietmar Hexel:</span></span><span style="font-size: x-small"><br />
Ich weiß nicht, was Sie mit &quot;extrem links&quot; meinen.<br />
Die Geschichte lehrt uns, dass bisher extreme Parteien ein Problem<br />
nicht lösen konnten. Heute sind die Zusammenhänge einer<br />
Gesellschaft viel komplexer. Wir haben internationalen Handel und<br />
Produktion. Wir haben eine gigantisch große Produktivität.<br />
Zwischen 6,5 und acht Millionen Menschen in Deutschland arbeiten<br />
nicht. Trotzdem sind wir Exportweltmeister und produzieren eine<br />
Unmenge von Gütern. Ich sehe nicht, wie dies von einer extremen<br />
Partei gelöst werden könnte. Komplexe Situationen erfordern<br />
demokratische Dialoge. Einfache Antworten gibt es keine.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small"><br />
<span class="fett">Moderator:</span> Was halte Sie von der Wahlalternative<br />
Arbeit und soziale Gerechtigkeit WASG, die jetzt in NRW antritt?<br />
Nicht unbedingt extrem, aber neuer Mitspieler am linken Rand.</span>
</p>
<p>
<span class="fett"><span style="font-size: x-small">Dietmar Hexel:</span></span><span style="font-size: x-small"><br />
Ich würde sie als Mitspieler am linken Rand bezeichnen. Sie<br />
ist das Ergebnis eines Unbehagens, dass bestimmte Themen in den<br />
Parteien nicht mehr vorkommen. Allerdings zeigen die Äußerungen<br />
von Müntefering und auch von Gerald Weiss von der CDU, dass<br />
nicht vergessen wurde, wo den kleinen Leuten der Schuh drückt.</span>
</p>
<p>
<span class="fett"><span style="font-size: x-small">friedeauferden:</span></span><span style="font-size: x-small"><br />
Wird die Kapitalismuskritik den Wahlkampf in NRW noch einmal zu<br />
Gunsten der SPD umdrehen?</span>
</p>
<p>
<span class="fett"><span style="font-size: x-small">Dietmar Hexel:</span></span><span style="font-size: x-small"><br />
Ich bin kein Hellseher!</span>
</p>
<p>
<span class="fett"><span style="font-size: x-small">vollmerth:</span></span><span style="font-size: x-small"><br />
Halten Sie die Einführung von Höchstarbeitszeiten (25-30<br />
Wochenstunden) für wünschenswert? Das immer knappere Gut<br />
&#8216;Arbeit &#8216; muss doch auch gerecht verteilt werden!</span>
</p>
<p>
<span class="fett"><span style="font-size: x-small">Dietmar Hexel: </span></span><span style="font-size: x-small">Ich<br />
bin eher für einen Korridor. Arbeitszeiten von 25 bis 30 Stunden<br />
können dazu beitragen, das Problem von Arbeitslosigkeit einerseits<br />
und Produktivität andererseits zu lösen. Intelligentes<br />
Management und starke Betriebsräte haben dazu mit den Gewerkschaften<br />
bereits Vereinbarungen getroffen. Sie können das z.B. bei Rasselstein,<br />
einem Dosenhersteller, oder bei Siemens in Erlangen, aber auch in<br />
der chemischen Industrie besichtigen. In Zukunft werden wir alle<br />
wieder weniger arbeiten &#8211; auf den Lebenszeitraum bezogen.</span>
</p>
<p>
<span class="fett"><span style="font-size: x-small">Kugler:</span></span><span style="font-size: x-small"><br />
Macht denn nationale Gewerkschaftsarbeit noch Sinn? Wie wollen Sie<br />
denn Jobs, vor allem im niedrig qualifizierten Bereich in Deutschland<br />
erhalten, wenn die Spielregeln in anderen Ländern viel unternehmerfreundlicher<br />
sind. Wenn die Gewerkschaften in Zukunft noch Einfluss haben wollen,<br />
doch dann nur wenn sie international agieren?</span>
</p>
<p>
<span class="fett"><span style="font-size: x-small">Dietmar Hexel:</span></span><span style="font-size: x-small"><br />
Einerseits stimmt das. Deswegen haben wir unsere europäischen<br />
Aktivitäten verstärkt. Der nächste Schritt könnten<br />
zum Beispiel europäische Tarifverträge sein. Andererseits<br />
ist die Mehrheit der Arbeit nicht internationalisiert. Denken Sie<br />
einmal an Krankenschwestern, Altenpfleger, Schulen, alle öffentlichen<br />
Einrichtungen, die Warenhäuser und Fensterputzer. Also kurzum:<br />
alle Dienstleistungen, die wir hier direkt im Lande für ein<br />
angenehmes Leben brauchen. Sie können nicht ausgelagert werden<br />
und es gibt auch keinen Grund für Lohndumping in diesem Bereich.</span>
</p>
<p>
<span class="fett"><span style="font-size: x-small">fletho:</span></span><span style="font-size: x-small"><br />
Ich bin aus der Gewerkschaft ausgetreten, weil ich es nicht mehr<br />
aushalte, wie die Gewerkschaften in der Mittelmäßigkeit<br />
verharren. Arbeitslose sind den GEWs egal. Bereiche, in den Tarife<br />
nicht mehr gezahlt werden, geben sie verloren. Junge Menschen, die<br />
schon gar nichts anderes mehr kennen als Honorar- und Zeitverträge<br />
erreichen sie so jedenfalls überhaupt nicht.</span>
</p>
<p>
<span class="fett"><span style="font-size: x-small">Dietmar Hexel:</span></span><span style="font-size: x-small"><br />
Ich möchte Sie einladen, wieder einzutreten. Mittelmäßigkeit<br />
wird nicht besser, wenn gute Leute austreten. Wir werden in den<br />
Bereichen stärker, die Sie nennen: Zeitarbeiter, befristete<br />
Arbeitsverhältnisse, Job-Hopper, Freelancer im Internet-Bereich,<br />
freiberufliche Redakteure und andere. Aber Sie haben Recht: Das<br />
Hauptklientel von uns ist in den Betrieben. Aber wir lernen dazu.</span>
</p>
<p>
<span class="fett"><span style="font-size: x-small">fletho:</span></span><span style="font-size: x-small"><br />
Ihre &#8211; im Kern richtige &#8211; Verteidigung von Arbeitnehmerrechten trifft<br />
meine Lebensrealität so was von überhaupt nicht, dass<br />
sie mir wie ein Fossil aus alten Zeiten vorkommen. Ich würde<br />
gerne an Ihre Solidaritätsappelle glauben, aber meine Generation<br />
(30somethings) kann damit nichts anfangen; und zwar, weil wir es<br />
nicht gerecht finden, dass Tarife gezahlt werden und daher teilweise<br />
nicht eingestellt wird.</span>
</p>
<p>
<span class="fett"><span style="font-size: x-small">Moderator:</span></span><span style="font-size: x-small"><br />
Nachfrage an Fletho: In welcher Branche arbeiten/ arbeiteten Sie?</span>
</p>
<p>
<span class="fett"><span style="font-size: x-small">Dietmar Hexel: </span></span><span style="font-size: x-small">Zur<br />
ersten Frage: Vermutlich werden viele demnächst nicht in einem<br />
Job und schon gar nicht in einer Firma arbeiten. Darauf stellen<br />
sich Gewerkschaften ein. Wir brauchen eine neue Work-Life-Balance.<br />
Konkret: Es muss neue Produkte der Gewerkschaften geben, die auch<br />
für Betriebswechsler und für kurze Phasen der Arbeitslosigkeit<br />
sinnvoll sind. Wichtiger als bisher werden auf jeden Fall Weiterbildungsangebote,<br />
das Recht auf bezahlte Qualifikation und Tarifverträge über<br />
Arbeitsplatzsicherheit über den Betrieb hinaus.</span>
</p>
<p>
<span class="fett"><span style="font-size: x-small">fletho:</span></span><span style="font-size: x-small"><br />
Ich arbeite eigentlich in einer ganz gut gehenden Branche: Pharma.</span>
</p>
<p>
<span class="fett"><span style="font-size: x-small">Dietmar Hexel:</span></span><span style="font-size: x-small"><br />
Ja prima, was ist dann Ihre Klage? Ich weiß aber: Viele Pharmareferenten<br />
haben z.B. keine geregelten Arbeitszeiten oder fühlen sich<br />
überlastet. Die Arbeitszufriedenheit hat möglicherweise<br />
auch in der Pharmaindustrie abgenommen. Können Gewerkschaften<br />
für Sie etwas tun?</span>
</p>
<p>
<span class="fett"><span style="font-size: x-small">Ann Arbor:</span></span><span style="font-size: x-small"><br />
Ich arbeite in den Vereinigten Staaten. Hier werde ich nach Leistung<br />
bezahlt, es gibt exzellente Strukturen für berufstätige<br />
Eltern, als Arzt werde ich nicht sozialnivellierend wie eine Krankenschwester<br />
bezahlt. Was will ich eigentlich in Deutschland, Europa stirbt aus<br />
laut Geburtenrate. Alle halten sich mit endlosen Diskussionen und<br />
gegenseitigen Schuldzuweisungen auf anstatt wirklich etwas zu verändern.<br />
Ich denke: Wenn Arbeitnehmer ihre Arbeitsplätze sichern wollen,<br />
dann muss man mal vom &#8216;hohen Ross&#8217; runter in Deutschland oder der<br />
polnische, portugiesische, spanische Arbeitnehmer freut sich.</span>
</p>
<p>
<span class="fett"><span style="font-size: x-small">Moderator: </span></span><span style="font-size: x-small">Jammern<br />
wir zuviel?</span>
</p>
<p>
<span class="fett"><span style="font-size: x-small">Dietmar Hexel:</span></span><span style="font-size: x-small"><br />
Allgemein wünsche ich mir mehr Optimismus in Deutschland, von<br />
allen! Allerdings bin ich der Ansicht, dass es in den USA nicht<br />
unbedingt besser ist als in &quot;Old Europe&quot;. Die Spanne zwischen<br />
Arm und Reich ist noch viel größer. Es gibt jede Menge<br />
Suppenküchen, keine gesetzliche Krankenversicherung, kaum Schutz<br />
im Alter. Die amerikanische Bevölkerung ist geteilter Meinung,<br />
wie man das ändern soll. Sicher ist, Amerika ist keine Blaupause<br />
für Europa. Sie haben auch eine andere Geschichte und Kultur.</span>
</p>
<p>
<span class="fett"><span style="font-size: x-small">Gramaton86:</span></span><span style="font-size: x-small"><br />
Glauben sie nicht, dass zu viel Regulierung den Arbeitsmarkt zerstört?</span>
</p>
<p>
<span class="fett"><span style="font-size: x-small">Dietmar Hexel: </span></span><span style="font-size: x-small">lch<br />
glaube, dass der Arbeitsmarkt nicht überreguliert ist. Wir<br />
beklagen ja im Moment gerade den ungezügelten Kapitalismus.<br />
Wenn Sie Kapitalismus zähmen wollen, brauchen Sie Regeln und<br />
Regularien. Sonst herrscht Wildwest. Dort wo es Regelungen gibt,<br />
die nicht sinnvoll sind, werden die Gewerkschaften einverstanden<br />
sein, sie aufzuheben. Der Schutz der Arbeitnehmer vor Willkür<br />
und Macht muss jedoch gewahrt bleiben.</span>
</p>
<p>
<span class="fett"><span style="font-size: x-small">SibylleausmWedding:</span></span><span style="font-size: x-small"><br />
Die Neuregelung sei kontraproduktiv und schaffe mehr Bürokratie<br />
und Rechtsunsicherheit, sagt Arbeitgeberpräsident Hundt zum<br />
Thema Mindestlohn. Was meinen Sie?</span>
</p>
<p>
<span class="fett"><span style="font-size: x-small">Dietmar Hexel:</span></span><span style="font-size: x-small"><br />
Es gibt noch gar keine Regelung. Ich glaube, dass es auch sehr einfach<br />
zu regeln ist. Gefragt sind ja im ersten Schritt die Tarifparteien,<br />
also wir und die Arbeitgeber. Herr Hundt muss nicht unterschreiben,<br />
wenn er der Meinung ist, es sei bürokratisch.</span>
</p>
<p>
<span class="fett"><span style="font-size: x-small">Martin Weiss:</span></span><span style="font-size: x-small"><br />
Was halten Sie von dem Vorschlag Managergehälter per Gesetz<br />
von den Börsenkursen ihrer Unternehmen abzukoppeln?</span>
</p>
<p>
<span class="fett"><span style="font-size: x-small">Dietmar Hexel:</span></span><span style="font-size: x-small"><br />
Von dem Vorschlag halte ich nichts. Für die Managergehälter<br />
ist der Aufsichtsrat verantwortlich. Ich bin allerdings dafür,<br />
dass Manager keine Aktienoptionen bekommen und ihre Gehälter<br />
auch nicht nach dem Börsenkurs bemessen sind. Der Börsenkurs<br />
sagt über den wahren Wert eines Unternehmens nichts oder nicht<br />
viel aus. Die derzeitigen Managergehälter sind schon sehr hoch.<br />
Sie haben mit Leistung nichts mehr zu tun. Spätestens ab einer<br />
Million Euro pro Jahr &#8211; dafür muss eine Krankenschwester sechzig<br />
Jahre arbeiten &#8211; ist die Vergütung nicht mehr an Leistung gekoppelt,<br />
sondern nur noch Statussymbol. Jeder Aufsichtsrat muss nach dem<br />
Aktiengesetz entscheiden, was er für &quot;angemessen&quot;<br />
hält. Eine Nebenbemerkung: Der Begriff &quot;Angemessenheit&quot;<br />
kam 1931 ins Spiel. Der damalige Reichspräsident sah sich in<br />
Folge der Wirtschaftskrise veranlasst, die ausufernden Managergehälter<br />
zu begrenzen.</span>
</p>
<p>
<span class="fett"><span style="font-size: x-small">MamboGTT:</span></span><span style="font-size: x-small"><br />
Reden wir mal über die Chancen, die die Globalisierung mit<br />
sich bringt. Was für Vorteile hat Deutschland durch die Globalisierung?<br />
Und bitte: Keine pauschale Verteufelung!</span>
</p>
<p>
<span class="fett"><span style="font-size: x-small">Mut_zur_Lücke:</span></span><span style="font-size: x-small"><br />
Der internationale Wettbewerb reißt das Kartenhaus des deutschen<br />
Wohlfahrtsstaats ein. Die Angst der Deutschen vor der Veränderung<br />
ist verständlich. Aber ist sie Ihrer Meinung nach überhaupt<br />
begründet?</span>
</p>
<p>
<span class="fett"><span style="font-size: x-small">Dietmar Hexel:</span></span><span style="font-size: x-small"><br />
Die Globalisierung bringt für Deutschland große Chancen.<br />
Nicht umsonst sind wir Exportweltmeister. Auch die EU-Osterweiterung<br />
hat bisher überwiegend positive Effekte bei uns in Deutschland.<br />
Unsere Exportquote in diese Länder ist gestiegen. Das Hauptproblem<br />
bei der Globalisierung ist der unregulierte Finanzverkehr, gegen<br />
den auch nationale Regierungen oft wenig tun können. Zum Wohlfahrtsstaat:<br />
Das Bruttoinlandsprodukt in Deutschland steigt jedes Jahr. Seit<br />
50 Jahren fast kontinuierlich. Wieso sollten wir uns einen anständigen<br />
Wohlfahrtsstaat nicht leisten können? Wir müssen natürlich<br />
bedenken, dass die Wiedervereinigung eine riesige wirtschaftliche<br />
Leistung war. Das gesellschaftlich erwirtschaftete Produkt ist nicht<br />
gesunken! Wir leben nicht in Armut und haben auch keinen Anlass<br />
für eine Mangelverwaltung. Problematisch ist, dass die Spaltung<br />
in Arm und Reich, zugenommen hat. Viele Familien, vor allem Alleinerziehende<br />
sind arm geworden. 1,5 Millionen Kinder leben von Sozialhilfe. Ein<br />
Skandal, den wir in unserem Wohlfahrtsstaat nicht zulassen dürfen.<br />
Wir müssen allerdings intelligente, neue Finanzierungsmöglichkeiten<br />
schaffen &#8211; und, die es sich leisten können, müssen wieder<br />
Steuern zahlen.</span>
</p>
<p>
<span class="fett"><span style="font-size: x-small">Moderator: </span></span><span style="font-size: x-small">Und<br />
angesichts der schlechten SPD-Umfragenwerte noch ein Ratschlag für<br />
die Sozialdemokraten:</span>
</p>
<p>
<span class="fett"><span style="font-size: x-small">Barschel: </span></span><span style="font-size: x-small">Wäre<br />
es nicht in dieser Situation günstig für die SPD, Herrn<br />
Oskar Lafontaine aus dem Hut zu zaubern? Ein Mann, der das Volk<br />
versteht&#8230;</span>
</p>
<p>
<span class="fett"><span style="font-size: x-small">Dietmar Hexel:</span></span><span style="font-size: x-small"><br />
Ich kann der SPD keine Ratschläge geben. Ich finde nur, Oskar<br />
Lafontaine hat seine Chance gehabt. Er war Finanzminister, er hätte<br />
in der Verantwortung bleiben sollen.</span>
</p>
<p>
<span class="fett"><span style="font-size: x-small">Moderator:</span></span><span style="font-size: x-small"><br />
Das war eine Stunde Politik-Chat mit Dietmar Hexel vom DGB-Bundesvorstand.<br />
Vielen Dank für Ihr Interesse, vielen Dank, Herr Hexel, dass<br />
Sie zum Chatten gekommen sind. Der nächste Chat ist für<br />
den 12. Mai geplant. Dann werden wir ab 13:00 Uhr mit Ottmar Schreiner<br />
chatten, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft der Arbeitnehmer in<br />
der SPD und Kritiker vieler Reformvorhaben der rot-grünen Koalition.</span>
</p>
<p><span class="fett"><span style="font-size: x-small">Dietmar Hexel:</span></span><span style="font-size: x-small"><br />
Vielen Dank für die Fragen und Anregungen. Es hat mir Spaß<br />
gemacht. Denken Sie daran: Gewerkschaften sind eine praktische Antwort<br />
auf den ungezügelten Kapitalismus und gegen Heuschrecken!</span></p>
]]></content:encoded>
					
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			</item>
		<item>
		<title>Klaus Uwe Benneter über schwierige Zeiten</title>
		<link>https://www.politik-digital.de/chattranscripte/klaus_uwe_benneter_ueber_schwierige_zeiten-223/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[mfrost]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 06 Apr 2005 23:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Chattranscripte]]></category>
		<category><![CDATA[China]]></category>
		<category><![CDATA[Arbeitsmarkt]]></category>
		<category><![CDATA[Klaus Uwe Benneter]]></category>
		<category><![CDATA[Klaus-Uwe Benneter]]></category>
		<category><![CDATA[Waffenembargo]]></category>
		<category><![CDATA[Bundespolitik]]></category>
		<category><![CDATA[Landtagswahl]]></category>
		<category><![CDATA[SPD]]></category>
		<category><![CDATA[Nordrhein-Westfalen]]></category>
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					<description><![CDATA[Am Donnerstag, 7. April, war Klaus Uwe Benneter zu Gast im tacheles.02 
Live-Chat von tagesschau.de und politik-digital.de. Der SPD-Generalsekretär 
sprach über Arbeitsmarktreformen, die Aufhebung des Waffenembargos 
gegen China und seine Zuversicht für die Landtagswahl in NRW.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Am Donnerstag, 7. April, war Klaus Uwe Benneter zu Gast im tacheles.02<br />
Live-Chat von tagesschau.de und politik-digital.de. Der SPD-Generalsekretär<br />
sprach über Arbeitsmarktreformen, die Aufhebung des Waffenembargos<br />
gegen China und seine Zuversicht für die Landtagswahl in NRW.<!--break--></p>
<p class="normal">
<b>Moderator:</b> Herzlich Willkommen<br />
zum tacheles.02-Chat. Unsere Chat-Reihe wird von tagesschau.de und<br />
politik-digital.de veranstaltet und wird unterstützt von tagesspiegel.de.<br />
Zum Chat ist Klaus Uwe Benneter ins ARD-Hauptstadtstudio gekommen.<br />
Seit dem 21. März 2004 ist er Generalsekretär der SPD.<br />
Kann es losgehen?</p>
<p><b>Klaus-Uwe Benneter:</b> Ja.</p>
<p><b>Moderator:</b> Herr Benneter, ein beliebtes Spiel unter<br />
Journalisten ist, um eine Selbstbeschreibung zu bitten. Vielleicht<br />
heute einmal ausnahmsweise zu Beginn des Chats zwei Sätze auf<br />
die Frage: Wer ist Klaus Uwe Benneter?
</p>
<p>
<b>Klaus-Uwe Benneter:</b> Er ist ein engagierter Sozialdemokrat,<br />
der schon lange dabei ist und jetzt die Aufgabe hat, dafür<br />
zu sorgen, dass in dieser schwierigen politischen Phase die SPD<br />
die bestimmende gestaltende Kraft in Deutschland bleibt.</p>
<p><b>gerontologe:</b> Ihre linke Vergangenheit haben sie<br />
ja offensichtlich hinter sich gelassen &#8211; wie viel Platz bleibt in<br />
der Realpolitik für Visionen?</p>
<p><b>Klaus-Uwe Benneter:</b> Wir müssen Visionen haben<br />
und immer auch das Wünschbare mitdenken. Aber als führende<br />
Regierungspartei werden zuallererst aktuelle Lösungen von uns<br />
gefordert und die müssen wir liefern, ohne dabei unsere Wertvorstellungen<br />
und Visionen zu vergessen.</p>
<p><b>Schmusesuse:</b> Sie üben schon im Voraus Kritik<br />
an Dirk Niebel als FDP-Generalsekretär. Eine Rache für<br />
Ihren schweren Einstieg als Generalsekretär?
</p>
<p>
<b>Klaus-Uwe Benneter:</b> Ich habe keinen schweren Einstieg<br />
gehabt. Aber die Art und Weise, in der in der FDP ein neuer Generalsekretär<br />
zum Zuge kommt, hat meine Kritik sofort herausgefordert.</p>
<p><b>stenograf:</b> Herr Benneter, wie würden Sie Ihre<br />
Position als Generalsekretär beschreiben? Ausputzer oder Firstmover?</p>
<p><b>Klaus-Uwe Benneter:</b> Mal so mal so.</p>
<p><b>root:</b> Hallo Herr Benneter, wie sehen Sie die Chancen<br />
auf einen Sieg von Rot-Grün in NRW im Mai?
</p>
<p>
<b>Klaus-Uwe Benneter:</b> Gut, wir liegen da jetzt noch<br />
ein Stück zurück, aber sind alle voll motiviert. Deshalb<br />
werden wir am Ende die Nase vorne haben.</p>
<p><b>Moderator:</b> Das war die erwartete Antwort, aber:</p>
<p><b>aqes:</b> Was machen Sie nach der NRW-Wahl, die wahrscheinlich<br />
katastrophal für die SPD ausfällt?</p>
<p><b>Klaus-Uwe Benneter:</b> Ich weiß nicht, wer Sie<br />
zu dieser Beurteilung bringt. Wir werden deshalb die Nase vorne<br />
haben, weil den Wählerinnen und Wählern bis zum Wahltag<br />
klar werden wird, dass die bisherige Regierung in NRW vieles in<br />
dieser schwierigen Situation für die Menschen in NRW auf den<br />
Weg gebracht hat. Ganz deutlich wird bis dahin auch werden, worin<br />
der Unterschied zwischen Rot-Grün und Schwarz-Gelb besteht:<br />
Wir wollen wirtschaftliche Stärke mit den Menschen und unter<br />
Aufrechterhaltung des sozialen Zusammenhalts, Schwarz-Gelb will<br />
alles durchökonomisieren. Alles soll nur noch danach beurteilt<br />
werden, wie viel es kostet.</p>
<p><b>henker:</b> Auch das mit der NRW-Wahl ist Schönfärberei.<br />
Ich würde mir wünschen, dass Sie uns hier etwas ernster<br />
nehmen.</p>
<p><b>Klaus-Uwe Benneter:</b> Ich nehme Sie schon ernst.<br />
Sie müssen aber auch mir gestatten, dass ich die Zuversicht<br />
habe, mit unseren Vorstellungen die Wählerinnen und Wählern<br />
in NRW so klar und deutlich zu motivieren, dass sie am 22. Mai zur<br />
Wahl gehen und wegen der Unterschiede zu CDU/FDP uns ihre Stimme<br />
geben.</p>
<p><b>golum22:</b> In NRW sehen Sie einer großartigen<br />
Niederlage entgegen, sagen alle Umfragen, daran gibt es doch nichts<br />
zu deuteln. Wie wollen Sie das Blatt noch wenden?
</p>
<p>
<b>Klaus-Uwe Benneter:</b> Vor zwei Monaten sahen die<br />
Umfragen noch ganz anders aus und deshalb bin ich sicher, dass in<br />
anderthalb Monaten das Bild wieder anders aussieht. Wir werden das<br />
dadurch erreichen, dass wir die Wählerinnen und Wähler<br />
auf den Märkten, den Straßen, den Plätzen und an<br />
den Haustüren in NRW aufsuchen und ihnen den klaren Unterschied<br />
erläutern zwischen der Art und Weise wie wir der schwierigen<br />
Situation, insbesondere auf dem Arbeitsmarkt, beikommen wollen und<br />
wie CDU/FDP dies durch Abschaffung von Arbeitnehmerrechten, Eingriffe<br />
in die Tarifautonomie, Ausweitung der Arbeitszeiten angehen wollen.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Frage und als Erleichterung gleich<br />
auch ein Antwort-Vorschlag:</p>
<p><b>smsdd:</b> Nur darauf kann man doch nicht spekulieren.<br />
Es müssen Dinge geschehen, die die Wähler überzeugen.</p>
<p><b>NRW_wird_anders:</b> Wäre es für die SPD<br />
in NRW nicht hilfreich, wenn ein klares Nein zu Studiengebühren<br />
für das Erststudium hörbar wäre?
</p>
<p>
<b>Klaus-Uwe Benneter:</b> Das klare Nein zu Studiengebühren<br />
für ein Erststudium muss nicht nur in NRW, sondern in ganz<br />
Deutschland zu hören sein. So wollen wir das von der SPD. Rüttgers<br />
will Studiengebühren, die stellvertretende CDU-Bundesvorsitzende<br />
Schavan will dafür sogar das BAföG abschaffen und Rüttgers<br />
ist wie immer noch nicht recht entschieden.</p>
<p><b>golum22:</b> Falls die SPD die NRW-Wahl verliert &#8211;<br />
was passiert dann auf Bundesebene (und jetzt bitte nicht &quot;Wir<br />
werden nicht verlieren&quot;)?
</p>
<p>
<b>Klaus-Uwe Benneter:</b> Ein SPD-Generalsekretär<br />
ist nicht dazu da, sich in der Öffentlichkeit darüber<br />
zu verbreiten, was wäre wenn. Ansonsten bleibe ich dabei: Wir<br />
werden siegen.</p>
<p><b>GröVaz:</b> Sie sagen, Sie wollen die Menschen<br />
in NRW mit Ihren Reformen im Bereich „Arbeitsmarkt“<br />
gewinnen. Ist das nicht bislang ein Feld der völligen Erfolglosigkeit<br />
Ihrer Koalition?</p>
<p><b>Klaus-Uwe Benneter:</b> Wir haben die Arbeitsmarktreformen<br />
auf den Weg gebracht. Sie wirken jetzt ein paar Monate. Alle wissen,<br />
dass es Zeit erfordert, ein so riesiges soziales Umbauprogramm zu<br />
verwirklichen. Deshalb haben Sie noch etwas Geduld. Dann werden<br />
Sie feststellen, dass wir mit den Arbeitsmarktreformen gute Erfolge<br />
haben werden. Genau wie Sie dies auch nach einer gewissen Zeit jetzt<br />
bei den Gesundheitsreformen feststellen können.</p>
<p><b>smsdd:</b> Warum legen Sie und Ihre Partei nicht einfach<br />
mal alle Karten auf den Tisch? Man würde Ihnen mehr vertrauen<br />
und vielleicht auch Fehler verzeihen</p>
<p><b>GröVaz:</b> Warum fällt es der Politik generell<br />
und Ihrer Regierungskoalition dermaßen schwer, die Öffentlichkeit<br />
klar und wahrheitsgemäß über die Realität zu<br />
informieren, anstatt sich durch permanentes Schönfärben<br />
und unrealistische Haushaltsannahmen selbst zu diskreditieren?
</p>
<p>
<b>Klaus-Uwe Benneter:</b> Wir informieren umfassend.<br />
Wir haben durch die Zusammenlegung von Arbeitslosenhilfe und Sozialhilfe<br />
völlig selbstverständlich neue, höhere Arbeitslosenzahlen<br />
gehabt. Wir legen damit alle Karten auf den Tisch. Mit den fünf<br />
Millionen Arbeitslosen sind keine Arbeitslosen neu dazugekommen.<br />
Längst arbeitslose Menschen werden jetzt endlich mitgezählt<br />
und auch mitbetreut. Das ist gerade keine Schönfärberei,<br />
sondern Konfrontation mit den Realitäten.</p>
<p><b>roterknut:</b> Bei welchem Stand an Arbeitslosen hat<br />
es die derzeitige Regierung nicht mehr verdient wieder gewählt<br />
zu werden?
</p>
<p>
<b>Klaus-Uwe Benneter:</b> Die Regierung hätte es<br />
nur dann verdient, nicht wiedergewählt zu werden, wenn sie<br />
nicht alle Anstrengungen unternehmen würde, das Hauptproblem<br />
unserer heutigen Gesellschaft, die Massenarbeitslosigkeit, mit allen<br />
ihr zu Gebote stehenden Mitteln zu bekämpfen.</p>
<p><b>beppo3:</b> Die Wähler erwarten in Zeiten von<br />
Massenarbeitslosigkeit Führung. Warum glauben Sie, wird das<br />
Handeln der SPD derzeit gerade nicht als Führung wahrgenommen?<br />
Schuld der Medien? Oder Führungsschwäche in den eigenen<br />
Reihen?</p>
<p><b>Klaus-Uwe Benneter:</b> Diese Einschätzung kann<br />
ich nicht teilen. Der Bundeskanzler hat mit seiner Regierungserklärung<br />
und den darin genannten konkreten 20 Punkten klar und deutlich angegeben,<br />
was jetzt zu tun ist und wo es lang gehen muss. Teilweise sind dies<br />
Vorhaben, wozu (leider) CDU und CSU gebraucht werden. Die üben<br />
sich aber vorwiegend im Blockieren. Das führt dann gelegentlich<br />
in der Wahrnehmung dazu, dass angeblich Führungsstärke<br />
vermisst wird.</p>
<p><b>Moderator:</b> Kommentar von:</p>
<p><b>flocosmo:</b> Als frischer Uni-Absolvent in Volkswirtschaftslehre,<br />
Ex-Praktikant im BMWA und eigentlich überzeugter Rot-Grün<br />
Wähler tut es mir sehr leid, dass die Politik auf wirtschaftswissenschaftlichen<br />
Sachverstand nicht hört (z.B. Abschaffung des Kündigungsschutzes,<br />
Aufhebung der Übergangsfrist für osteuropäische Migranten<br />
und vieles andere mehr). Ich werde bei den nächsten Wahlen<br />
nicht mehr wählen gehen.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Hört die Politik nicht auf den<br />
Rat der Experten?</p>
<p><b>Klaus-Uwe Benneter:</b> Wir haben den Sachverständigenrat<br />
und wir haben auch sonst viele Experten, die sich gefragt und ungefragt<br />
zu Wort melden. Wenn es tatsächlich weiterführende Expertenvorschläge<br />
gibt, wird diesen durchaus gefolgt werden können. Gerade Ihr<br />
Beispiel &quot;Abschaffung des Kündigungsschutzes&quot; zeigt,<br />
wie wichtig es ist, auf die Experten zu hören: Die sagen nämlich,<br />
dass dies nichts mit einer Erhöhung der Beschäftigungszahlen<br />
zu tun hat. Die Untersuchungen zeigen auch, dass die Reformen des<br />
Kündigungsschutzes, die die rot-grüne Bundesregierung<br />
schon auf Vorschlag von Experten durchgeführt hat, richtig<br />
und ausreichend sind.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Kommentar von:</p>
<p><b>root:</b> Na ja, da muss ich dem Herrn Benneter schon<br />
ein wenig Deckung geben. Nicht alles, was Experten vorschlagen,<br />
ist auch sozial-demokratisch machbar.
</p>
<p>
<b>neueArmut:</b> Diese Regierung führt die Massen<br />
in die Arbeitslosigkeit und in eine bisher nie da gewesene Armut.<br />
Berührt das eigentlich jemanden, dessen Monatsgehalt ein zigfaches<br />
des Harz IV Trinkgeldes beträgt?</p>
<p><b>Klaus-Uwe Benneter:</b> Wir führen keine Massen<br />
in die Arbeitslosigkeit und auch nicht in die Armut. Meine gesamte<br />
politische Tätigkeit, Tag für Tag, ist darauf ausgerichtet,<br />
dass genau dies verhindert und bekämpft wird. Mich berühren<br />
die Schicksale von Armen und Arbeitslosen sehr wohl. Ich selbst<br />
stamme aus kleinen Verhältnissen und weiß sehr wohl,<br />
was es heißt, mit sehr wenig Geld leben zu müssen. Aber<br />
ich räume ein und behaupte das auch nicht von mir, dass es<br />
schon etwas anderes ist, darüber nur sehr weit zurück<br />
und abstrakt nachzudenken und nicht tatsächlich jeden Tag sehr<br />
arm leben und mit wenig Geld auskommen zu müssen.
</p>
<p>
<b>Markus Mann:</b> Müssen nicht auch endlich andere<br />
Kriterien her, an denen Unternehmen gemessen werden? Das Beispiel<br />
Deutsche Bank demonstriert ja, dass trotz hoher Gewinne tausende<br />
Menschen in die Arbeitslosigkeit entlassen werden. </p>
<p><b>Klaus-Uwe Benneter:</b> Die Deutsche Bank ist ein Musterbeispiel<br />
dafür, mit welchen globalen Schwierigkeiten wir heute umgehen<br />
müssen. Wir haben in Deutschland nur sehr eingeschränkte<br />
Möglichkeiten, noch auf ein verantwortlicheres Verhalten der<br />
Deutschen Bank einzuwirken. Deshalb müssen wir Wettbewerbsbedingungen<br />
in Deutschland schaffen, die auch verantwortungslosere Gestalten<br />
aus rein ökonomischen Gründen dazu bringen, in Deutschland<br />
zu investieren und hier Arbeitsplätze zu schaffen und zu erhalten.</p>
<p><b>Moderator:</b> Kommentar von:</p>
<p><b>micha_d:</b> Zu Herrn Benneters Verteidigung: Die Arbeitslosigkeit<br />
ist nicht erst seit der Regierung Schröder so hoch, allein<br />
die Umstrukturierungsmaßnahmen haben die wahre Lage offen<br />
gelegt.
</p>
<p>
<b>NRW_wird_anders:</b> Glauben Sie wirklich, dass die<br />
Regierung den 5,2 Millionen Arbeitlosen eine Perspektive bieten<br />
kann? Ist es nicht vielmehr so, dass alle sich im Verwalten der<br />
Arbeitslosigkeit üben?</p>
<p><b>Klaus-Uwe Benneter:</b> Weil sich die ehemalige Bundesanstalt<br />
für Arbeit überwiegend mit der Verwaltung von Arbeitslosen<br />
beschäftigt hat, haben wir sie zur Bundesagentur umgestaltet<br />
und fordern jetzt, dass diese Behörde sich zu einem Dienstleister<br />
mausert, der sich zuallererst darum kümmert, dass Arbeitslose<br />
passgenau vermittelt und betreut werden.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Und noch mal ein Kommentar:</p>
<p><b>indubio80:</b> Das muss mal gesagt werden: Wer behauptet,<br />
die Arbeitslosigkeit sei wegen der Regierung Schröder so hoch,<br />
der irrt. Sie ist wegen Schröder nicht noch höher. Die<br />
Arbeitslosenzahlen heute unterscheiden sich nicht wirklich von denen<br />
im Jahre 1998. Und wer Ahnung hat und ehrlich ist, nimmt dies auch<br />
zur Kenntnis.
</p>
<p>
<b>wiffelspitz:</b> Herr Wiedeking von Porsche hat darauf<br />
hingewiesen, dass die EU die Abwanderung von Arbeitsplätzen<br />
nach Osten stark subventioniert. Was gedenken Sie da zu tun? Besteht<br />
eine Handlungsoption?</p>
<p><b>Klaus-Uwe Benneter:</b> Wenn dem so sein sollte, mit<br />
Sicherheit. Ich wage die Ansicht von Herrn Wiedeking allerdings<br />
zu bezweifeln. Eine direkte Unterstützung gibt es mit Sicherheit<br />
nicht. Aber wenn auch auf diesem Umweg indirekt zu solchen Resultaten<br />
beigetragen würde, muss dies sofort unterbunden werden.</p>
<p><b>Djtilo:</b> Herr Benneter, glauben Sie, dass die Aussage<br />
von Herr Fischer Auswirkungen auf die Wahl in NRW haben wird?
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Gemeint sein dürfte die Aussage<br />
vor dem Visa-Untersuchungsausschuß.</p>
<p><b>Klaus-Uwe Benneter:</b> Ich gehe davon aus, dass Herr<br />
Fischer vor dem Visaausschuss die gesamte Problematik klar und überzeugend<br />
aus seiner Sicht und seiner Verantwortlichkeit darstellen wird und<br />
sich danach auch seine persönlichen Zustimmungswerte wieder<br />
in alte Höhen begeben werden. Ich bezweifle aber, dass das<br />
direkte Auswirkungen auf die NRW-Wahl haben wird. Die Menschen dort<br />
wissen, wo die entscheidenden Probleme liegen und dass hier Fehlentwicklungen<br />
aus der Vergangenheit von der CDU versucht werden zu skandalisieren.</p>
<p><b>Moderator:</b> Der Kanzler sieht die SPD durch die<br />
Visa-Affäre mehr geschädigt als die Grünen. Auch<br />
Ihre Meinung?
</p>
<p>
<b>Klaus-Uwe Benneter:</b> Unsere Anhänger lässt<br />
es nicht kalt, wenn bei der Einwanderung Fehler gemacht werden und<br />
Nachlässigkeiten erfolgen.
</p>
<p>
<b>tilmaenia:</b> Herr Benneter, wie kann ein Bundeskanzler<br />
verantworten, gerade zu einer Zeit, in der China Taiwan praktisch<br />
eine Kriegsandrohung vorlegt, über ein Ende des (wohl gerechtfertigten)<br />
Waffenembargos zu lamentieren? Natürlich können Sie nicht<br />
wissen, was genau Herr Schröders Intentionen bei dieser Frage<br />
sind, aber vielleicht gibt es ja einen (mir nicht bekannten) Grund<br />
für diese Position.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Vielleicht wissen Sie den Grund des<br />
Kanzlers ja doch.</p>
<p><b>Klaus-Uwe Benneter:</b> Das ist keine isolierte Position<br />
des Bundeskanzlers, auf eine Aufhebung des Waffenembargos gegenüber<br />
China hinzuwirken. Dies hat der EU-Rat im vergangenen Dezember einstimmig<br />
so beschlossen und gleichzeitig festgelegt, dass die EU Verhaltensrichtlinien<br />
für Rüstungsexporte präzisiert und damit verschärft<br />
werden soll. Der Bundeskanzler hält sich mit seiner Stellungnahme<br />
an diese Linie und macht deutlich, worum es uns allen gehen muss:<br />
Um die Verbesserung der Menschenrechtssituation in China. Dies erreichen<br />
wir nicht durch Symboldiskussionen, sondern hartnäckiges Nachfassen<br />
und Aufarbeiten. Dies erfolgt auf Veranlassung der rot-grünen<br />
Bundesregierung bereits seit mehreren Jahren im Rahmen des regelmäßigen<br />
deutsch-chinesischen Rechtsstaatsdialogs. Dort konfrontieren deutsche<br />
Experten, wie beispielsweise der Präsident der deutschen Rechtsanwaltskammer,<br />
mehrfach jährlich die Teilnehmer der chinesischen Seite mit<br />
allen Aspekten der Menschenrechtsentwicklung in China. Auf diese<br />
Weise konnte tatsächlich schon vielen Menschen geholfen werden.<br />
Deshalb, wenn es um Menschenrechte geht, müssen wir immer daran<br />
denken, wie wir am besten und am geeignetsten die tatsächliche<br />
Situation verbessern können und nicht nur über symbolische<br />
Maßnahmen diskutieren, die im Ergebnis weniger erfolgreich<br />
sein können.</p>
<p><b>Moderator:</b> Nachfrage:</p>
<p><b>donteatyellowsnow:</b> Wie ich lesen kann, sind Sie<br />
Meister im Verfassen von Politik-Floskeln. Aber auf die Frage, ob<br />
das Aufheben des Waffenembargos durch die Menschenrechtslage in<br />
China gerechtfertigt ist, haben Sie noch keine Antwort geben.
</p>
<p>
<b>Klaus-Uwe Benneter:</b> Die Einführung des Waffenembargos<br />
war vor 16 Jahren als Folge gravierender Menschenrechtsverletzungen<br />
durch die EU beschossen worden. Die gleiche EU hat jetzt einstimmig<br />
beschlossen, das weiterhin bestehende Menschenrechtsproblem in China<br />
anders anzugehen. Dies halte ich für richtig und bin überzeugt<br />
davon, dass dies den betroffenen Menschen und den Menschenrechten<br />
im Ergebnis mehr bringt.</p>
<p><b>Moderator:</b> Das waren 60 Minuten Politik-Chat mit<br />
Klaus Uwe Benneter. Vielen Dank Herr Benneter, dass Sie zu uns gekommen<br />
sind, vielen Dank an alle User für Ihr Interesse. Fragen an<br />
den SPD-&quot;General&quot; hätten wir noch reichlich. Der<br />
nächste Chat findet am Freitag, 15. April, statt. Dann wird<br />
Sigmar Gabriel, Mitglied im SPD-Parteivorstand und Oppositionsführer<br />
im niedersächsischen Landtag ab 13.00 Uhr unser Chat-Gast sein.<br />
Bis dahin wünscht tagesschau.de allen eine gute Zeit.
</p>
<p>
<b>Klaus-Uwe Benneter:</b> Vielen Dank für die vielen<br />
spannenden Fragen. Ich hoffe, ich habe bald einmal wieder Gelegenheit,<br />
Ihnen beim Chatten zur Verfügung zu stehen.</p>
]]></content:encoded>
					
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			</item>
		<item>
		<title>Prof. Rudolf Hickel zum Job-Gipfel</title>
		<link>https://www.politik-digital.de/chattranscripte/prof_rudolf_hickel_zum_jobgipfel-228/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[uheimann]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 19 Mar 2005 23:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Chattranscripte]]></category>
		<category><![CDATA[Bundespolitik]]></category>
		<category><![CDATA[Wirtschaftspolitik]]></category>
		<category><![CDATA[Arbeitsmarkt]]></category>
		<category><![CDATA[Rudolf Hickel]]></category>
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					<description><![CDATA[<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif">Am Sonntag, 20. 
März, sprach Professor Hickel im tagesschau.de Live-Chat von 
tagesschau.de und politik-digital.de über den Beschäftigungsgipfel 
und die aktuelle Wirtschaftspolitik der Bundesregierung.</span>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif">Am Sonntag, 20.<br />
März, sprach Professor Hickel im tagesschau.de Live-Chat von<br />
tagesschau.de und politik-digital.de über den Beschäftigungsgipfel<br />
und die aktuelle Wirtschaftspolitik der Bundesregierung.</span><!--break--></p>
<p class="normal">
<span class="fett">Moderator:</span> Herzlich Willkommen<br />
zum tacheles.02-Chat zum „Bericht aus Berlin“. Die Chat-Reihe<br />
tacheles.02 wird von tagesschau.de und politik-digital.de veranstaltet.<br />
In Bremen begrüße ich jetzt den Professor Rudolf Hickel,<br />
Direktor des Instituts für Arbeit und Wirtschaft an der Uni<br />
Bremen. Sind Sie bereit, Herr Hickel, können wir loslegen?
</p>
<p>
<span class="fett">Rudolf Hickel:</span> Ich bin gerne bereit!
</p>
<p>
<span class="fett">Moderator: </span>Ok, hier die erste Frage:
</p>
<p>
<span class="fett">amon:</span> Was meinen Sie denn, mit einer<br />
Vermögenssteuer zu erreichen, außer dass Kapital legal/illegal<br />
abwandert?
</p>
<p>
<span class="fett">Rudolf Hickel:</span> Die Vermögensteuer<br />
könnte ein Beitrag sein, Finanzmittel für die Bildungsinvestitionen<br />
zu gewinnen. Übrigens, das &#8216;Häusle &#8216; bliebe steuerfrei.
</p>
<p>
<span class="fett">Jason:</span> Herr Prof. Dr. Hickel, macht es<br />
nicht mehr Sinn, statt der Körperschaftssteuer die Lohnnebenkosten<br />
zu senken? Schafft das nicht eher Arbeitsplätze, wenn man die<br />
Arbeit billiger macht, statt die Unternehmensgewinne zu maximieren?
</p>
<p>
<span class="fett">Rudolf Hickel:</span> Die Senkung des Satzes<br />
der Körperschaftsteuer auf 19% halte ich nicht für sinnvoll.<br />
Kleinere und mittlere Unternehmen müssten für Investitionen<br />
in Arbeitsplätze steuerlich belohnt werden.
</p>
<p>
<span class="fett">Moderator: </span>Wo sollte der Steuersatz ihrer<br />
Ansicht nach liegen?
</p>
<p>
<span class="fett">Rudolf Hickel:</span> Der derzeitige Steuersatz<br />
von 25% ist auch im internationalen Vergleich akzeptabel. Wichtig<br />
ist die Mindestbesteuerung. Da hat der Bundeskanzler Recht. Viele<br />
Kapitalgesellschaften können frühere Verluste immer noch<br />
bis 60% mit heutigen Gewinnen verrechnen.
</p>
<p>
<span class="fett">TomBerlin:</span> Wäre es nicht auch sinnvoller<br />
die Eigenheimzulage abzuschaffen und in die Renovierung von Schulen<br />
zu stecken? Es hätte den Vorteil, dass dadurch das Handwerk<br />
weiterhin begünstigt würde?
</p>
<p>
<span class="fett">Rudolf Hickel:</span> Ich stimme Ihnen eindeutig<br />
zu. Die Eigenheimzulage sollte komplett abgeschafft werden. Gezielte<br />
Hilfen im Rahmen der Stadtentwicklung sind sinnvoll. Reparaturen<br />
von Schulen aus den Mitteln zu finanzieren, das ist sinnvoll!
</p>
<p>
<span class="fett">Andreas Thiel:</span> Sollte man die Mehrwertsteuer<br />
auf handwerkliche Produkte und Dienstleistungen senken, um der Ich-AG<br />
und dem Familienbetrieb unter die Arme zu greifen?
</p>
<p>
<span class="fett">Rudolf Hickel:</span> Ich stimme Ihnen zu. Mein<br />
Vorschlag ist, für Handwerker den ermäßigten Satz<br />
von 7% zuzulassen. Das ist auch ein Beitrag gegen Schwarzarbeit.
</p>
<p>
<span class="fett">Kampfwissenschaft:</span> Herr, Hickel: In den<br />
USA gibt es ein hohes Wirtschaftswachstum. Dort wird, trotz steigender<br />
Bevölkerungszahl, die Arbeitslosenquote gesenkt. Warum übernehmen<br />
wir nicht mehr Elemente des US-Wirtschaftssystems?
</p>
<p>
<span class="fett">Rudolf Hickel: </span>Das ist ein spannender<br />
Vorschlag. In der Tat, in den USA ist die Finanzpolitik expansiv<br />
ausgerichtet, allerdings für Militärausgaben. Wir Europäer<br />
können vor allem von der Geldpolitik à la Greenspan<br />
lernen. Die USA zeigt, die Wirtschaftspolitik Makroökonomie<br />
kann produktiv wirken
</p>
<p>
<span class="fett">Martin_Hoffmann:</span> Ich verstehe nicht,<br />
warum der Turbokapitalismus durch eine Steuersenkung weiter angefacht<br />
werden sollte &#8211; müssen sich die Unternehmen nicht umso &#8216;brutaler<br />
&#8216; verhalten, je mehr ihnen vom Gewinn abgezogen wird?
</p>
<p>
<span class="fett">Rudolf Hickel:</span> Ich denke, die Kausalität<br />
ist umgekehrt. Steuersenkungen erhöhen die Nettogewinne. Die<br />
fließen aber nicht in die Finanzierung neuer Arbeitsplätze.<br />
Im Gegenteil. Siehe nicht nur das Beispiel Deutsche Bank.
</p>
<p>
<span class="fett">frank37:</span> Körperschaftssteuer wie<br />
z. Zt. diskutiert ist ja das eine, wir wie viele kleinere Unternehmen<br />
sind eine GbR, stehen also u.a. auch voll in der Haftung, und ich<br />
habe das Gefühl dass dieser Bereich in den meisten Überlegungen<br />
in Berlin wenig Berücksichtigung findet
</p>
<p>
<span class="fett">Rudolf Hickel:</span> Zum Teil haben Sie Recht.<br />
Immerhin hat die Bundesregierung dafür gesorgt, dass die Gewerbesteuer<br />
bei den Personenunternehmen von der Einkommensteuer abgezogen werden<br />
kann. Der Bundeskanzler hat am Donnerstag angekündigt, dass<br />
die gesamte Gewerbesteuer komplett abziehbar wird. Das ist gut so.
</p>
<p>
<span class="fett">herakles:</span> Ist nicht das wirkliche Problem<br />
in Deutschland, das uns durch Rationalisierung und Einsatz von Maschinen<br />
und Computern die Arbeit ausgeht. Ist es nicht viel sinnvoller die<br />
noch vorhandene Arbeit aufzuteilen, auch wenn dies nicht bei vollem<br />
Lohnausgleich geschieht?
</p>
<p>
<span class="fett">Rudolf Hickel:</span> Sie treffen den Nagel<br />
auf den Kopf. Sie weisen damit auf ein ärgerliches Tabu hin.<br />
Im langfristigen Trend brauchen wir weniger Arbeit wegen der wachsenden<br />
Produktivität. Da müsste die Arbeitszeit intelligent gekürzt<br />
werden. Das Gegenteil prägt die Praxis.
</p>
<p>
<span class="fett">Wiberg:</span> Herr Prof. Hickel, ich vermisse<br />
in der eigentlich doch sehr ernsten Diskussion um die Frage wie<br />
man Arbeitsplätze schaffen könnte eine seriöse ANALYSE<br />
der Ursachen. Bevor man an Maßnahmen denkt muss eine Situationsanalyse<br />
erstellt und eine Strategie entwickelt werden. Dann erst geht es<br />
an die Maßnahmen. In den Medien wird bis zum Erbrechen über<br />
Patentrezepte gestritten, sei es Politikerrunden, z.B. auch der<br />
heutige Pressespiegel. Peinlich!
</p>
<p>
<span class="fett">Moderator: </span>Fehlt die Analyse oder nicht.<br />
Die Wissenschaftler sind sich ja auch nicht ganz, einig, was hilft<br />
oder nicht.
</p>
<p>
<span class="fett">Rudolf Hickel: </span>Das ist wohl wahr. Wir<br />
brauchen eine gute Ursachenanalyse. Aber ich muss die Politiker<br />
auch mal in Schutz nehmen. Die &#8216;mainstream economics&#8217; verkündet<br />
eine Rezeptur, die nicht viel hilft. Wer heute fordert, Löhne<br />
zu senken, der schwächt die Binnenwirtschaft. Unsere Wirtschaftswissenschaft<br />
hat große Probleme.
</p>
<p>
<span class="fett">Keynes:</span> Sie arbeiten ja auch in der &#8216;Arbeitsgruppe<br />
Alternative Wirtschaftspolitik &#8216; mit. Wen man sich deren jährliche<br />
Memoranden ansieht, muss man feststellen: Sie hatten in der Vergangenheit<br />
völlig Recht mit ihren Analysen. Ihre Politikvorschläge<br />
sind aber völlig anders als die praktizierten. Warum finden<br />
diese nicht viel mehr Gehör in der Öffentlichkeit, da<br />
man doch überprüfen kann, dass ihre Voraussagen wesentlich<br />
treffender waren?
</p>
<p>
<span class="fett">Rudolf Hickel:</span> Es ist besser, sich seine<br />
eigene Meinung zu bilden. Zu erst danke ich dem von mir hochgeschätzten<br />
Lord Keynes für den Hinweis. Keynes hat die Antwort gegeben.<br />
Was an Rezepten realisiert wird, ist immer eine Machtfrage. Ich<br />
habe den Eindruck, dass die Arbeitslosigkeit den Sozialstaats-Demonteuren<br />
ganz gut zu Pass kommt.
</p>
<p>
<span class="fett">Wiberg:</span> Was meinen Sie damit, &#8216;unsere<br />
Wirtschaftswissenschaft hat große Probleme?&#8217;
</p>
<p>
<span class="fett">Rudolf Hickel:</span> Danke für die Nachfrage.<br />
Ich sage es mal ganz deutlich: Die Empfehlungen meines Kollegen<br />
Sinns, Deutschland müsse ein Billiglohnland werden sind katastrophal.<br />
Da droht die beratende Wirtschaftswissenschaft zur größten<br />
Standortbelastung zu werden.
</p>
<p>
<span class="fett">dt16:</span> Herr Hickel, wenn wir unser Land<br />
mit Großbritannien, Frankreich oder anderen bedeutenden Wirtschaftsnationen<br />
vergleichen, muss fast immer festgestellt werden, dass die Menschen<br />
in (West-) Deutschland besser leben, aber immer unzufriedener sind<br />
und schon fast immer waren. Sind wir nicht einfach ein Volk von<br />
notorischen Jammerern?
</p>
<p>
<span class="fett">Rudolf Hickel:</span> Sicherlich sind wir Deutschen<br />
im Jammern gut. Aber mit Verlaub, ein Arbeitsloser, der per Zumutbarkeit<br />
in den Niedriglohnsektor gesteckt wird, der hat ja auch Grund zum<br />
Jammern. Gelegentlich habe ich den Eindruck, der Vorwurf vom ständigen<br />
Jammern machen diejenigen, die massiv die Lebensbedingungen der<br />
Beschäftigten verschlechtern.
</p>
<p>
<span class="fett">interesse:</span> Lohnerhöhungsdebatten<br />
sind doch Scheindebatten in Anbetracht der hohen Lohnnebenkosten.<br />
Die Lohnhöhe ist Ok, allerdings werden sie durch die Sozialabgaben<br />
belastet. Wäre es nicht auch bzgl. des Wandels der Beschäftigungslebensläufe<br />
der Menschen klüger und gerechter, die Sozialabgaben über<br />
die Steuer zu erheben?
</p>
<p>
<span class="fett">Rudolf Hickel:</span> Ihre Anregung finde ich<br />
aus zwei Gründen wichtig. Erstens werden die sozialen Risiken<br />
vielschichtig. Darauf müsste mit einer Grundsicherung reagiert<br />
werden. Zweitens können über ein allerdings gerechtes<br />
Steuersystem die Einkommensstarken und Vermögenden in die Finanzierung<br />
relativ stärker einbezogen werden.
</p>
<p>
<span class="fett">SFXartist: </span>Bundespräsident Köhler<br />
erklärt die BRD implizit zur einem Großbetrieb, wenn<br />
er Vorfahrt für Arbeitsplätze fordert. Aber Wirtschaft<br />
ist nur ein Teil der Gesellschaft. Die zentralen Prämissen<br />
für &#8216;nationale Betriebswirte&#8217; dürfen nicht aus den Wirtschaftswissenschaft<br />
kommen, sondern aus der Gesellschaftswissenschaft, oder? Wir müssen<br />
von konstant hohen Arbeitslosenzahlen ausgehen und dahingehend die<br />
Gesellschaft neu ordnen, stimmen Sie zu?
</p>
<p>
<span class="fett">Rudolf Hickel:</span> Auf Ihre Anmerkungen hin<br />
kann ich mich kurz fassen. Sie haben völlig Recht. Der Bundespräsident<br />
sollte einen strategischen Satz von Schröder am vergangnen<br />
Donnerstag übernehmen. Der soziale Zusammenhalt ist kein Luxusgut,<br />
sondern zentral für die Demokratie.
</p>
<p>
<span class="fett">Stockholm: </span>Ok, vielleicht kommt ja eine<br />
Frage von mir durch ;-). Herr Hickel, der Bundespräsident Köhler<br />
hat sehr grundsätzlich einen Niedergang der deutschen Ordnungsvorstellungen<br />
aus den 50er/60er Jahren beklagt. Halten Sie eine Wiederbelebung<br />
dieser Ordnung angesichts von hohem materiellen Wohlstand, Globalisierung,<br />
Europäisierung etc. für zeitgemäß?
</p>
<p>
<span class="fett">Moderator:</span> Es sind ne Menge Fragen, aber<br />
wie man sieht, man hat Chancen&#8230;
</p>
<p>
<span class="fett">Rudolf Hickel: </span>Ich finde, eine ernstgenommene<br />
Konzeption &#8216;Soziale Marktwirtschaft&#8217; taugt als Leitbild für<br />
die EU, wie überhaupt für die weltweite Wirtschaftsordnung.<br />
Dabei kommt es auf die beiden Säulen an: harter ökonomischer<br />
Wettbewerb plus Sozialstaat und ökologische Vorsorge. Von diesem<br />
Konzept hat sich der Bundespräsident leider verabschiedet.
</p>
<p>
<span class="fett">zuleser: </span>Ist Ihrer Ansicht nach die Erwartung<br />
ständigen Wirtschaftswachstums haltbar? Müssen wir uns<br />
nicht angesichts der demografischen Entwicklung und der Konkurrenz<br />
der Schwellenländer mittel- und langfristig eher auf ein Schrumpfen<br />
der Wirtschaft einstellen?
</p>
<p>
<span class="fett">Rudolf Hickel:</span> Die Frage bricht mit dem<br />
Wachstumstabu. Und das ist gut so: Unter dem Regime der Umweltkrise<br />
müssen wir endlich wieder fragen: Was soll, für wen wachsen.<br />
Ökologischer Umbau ist wichtig. Leider haben sich die Regierungsgrünen<br />
von dieser Aufgabe machtpolitisch verabschiedet.
</p>
<p>
<span class="fett">Udo Becker:</span> Wie aber den Spagat zwischen<br />
den Idealen der Sozialen Marktwirtschaft einerseits und der Realität<br />
der Globalisierung andererseits schaffen?
</p>
<p>
<span class="fett">Rudolf Hickel: </span>Darüber lohn sich<br />
ganz intensiv nachzudenken. Eine Antwort könnte sein: Es geht<br />
ja nicht um den Rückfall in nationalen Protektionismus. Die<br />
Globalisierung muss gestaltet werden. Und dazu bedarf es eines Leitbilds.<br />
Dazu taugt das Konzept sozial-ökologische Marktwirtschaft.<br />
Aber auch Wettbewerbspolitik gehört dazu &#8211; zur Bändigung<br />
der großen Multis (Microsoft etc.).
</p>
<p>
<span class="fett">Moderator:</span> noch mal konkret zu dem was<br />
helfen könnte:
</p>
<p>
<span class="fett">Stockholm:</span> Guten Abend aus Stockholm.<br />
Eine weitere Frage an Prof. Hickel: Kann die strukturelle Arbeitslosigkeit<br />
in Deutschland mittel- und langfristig durch Investitionen beseitigt<br />
werden? Welche Investitionen müssten das sein, in Straßen,<br />
Brücken und Gebäude oder andere?
</p>
<p>
<span class="fett">Rudolf Hickel: </span>Danke für die Nachfrage<br />
aus Stockholm. Hätten wir einen konjunkturellen Aufschwung,<br />
dann würden sich viele strukturelle Probleme am Arbeitsmarkt<br />
schnell auflösen. Wir brauchen eine öffentliche Investitionsinitiative<br />
auf die Gemeinden konzentriert. Diese Forderung der Gewerkschaften<br />
(ver.di/IGM) ist richtig. Die Investitionsfelder haben sie vortrefflich<br />
genannt.
</p>
<p>
<span class="fett">Moderator:</span> Das hat die kommende Frage<br />
vielleicht noch nicht ganz beantwortet, weil grundsätzlich:
</p>
<p>
<span class="fett">yves:</span> Verspricht Keynes Linderung auch<br />
bei strukturellen Problemen?
</p>
<p>
<span class="fett">Rudolf Hickel:</span> Die keynessche Wirtschaftspolitik<br />
setzt darauf, dass die effektive Nachfrage erhöht wird. Das<br />
Marktsystem führt dazu, dass wir etwa heute nicht über,<br />
sondern unter unseren Verhältnissen leben. Wir könnten<br />
mehr produzieren! <br />
Sicherlich müssen wir mit Bildung und Qualifizierung die strukturellen<br />
Voraussetzungen auf den Arbeitsmärkten verbessern. Das geht<br />
dann auf, wenn die effektive Nachfrage auch realisiert wird.
</p>
<p>
<span class="fett">taghawi-nejad: </span>Aber führen Investitionen<br />
zur Belebung der Wirtschaft nicht zu mehr Steuern und verhindern<br />
die Belebung der Wirtschaft dadurch?
</p>
<p>
<span class="fett">Rudolf Hickel:</span> In der Tat, sie haben<br />
Recht. Wir müssen uns sehr genau anschauen, wie wir diese Investitionsinitiative<br />
finanzieren. Mit höheren Steuern &#8211; das wäre ein Schuss<br />
in Ofen. Wir brauchen eine Vorfinanzierung über die Kreditaufnahme.<br />
Damit würde zugleich die riesige Liquidität abgeschöpft.
</p>
<p>
<span class="fett">Moderator: </span>Damit stiege die Neuverschuldung<br />
und die 3%-Grenze des EU-Stabilitätspaktes ist endgültig<br />
dahin. Spielt der für Sie keine Rolle mehr?
</p>
<p>
<span class="fett">Moderator: </span>Hätte ich noch ein bisschen<br />
gewartet, hier ist auch das gleiche von:
</p>
<p>
<span class="fett">Jason:</span> Angesichts des Stabilitätspaktes<br />
innerhalb der EU, wie wollen Sie ein Investitionsprogramm für<br />
mehr Arbeitsplätze, das wahrscheinlich zur Erhöhung der<br />
Verschuldung führen wird europapolitisch verkaufen? Ist da<br />
nicht ein neuer &#8216;blauer&#8217; Brief und Strafzahlungen vorprogrammiert?
</p>
<p>
<span class="fett">Rudolf Hickel: </span>Dank sei dem Weltökonomen<br />
Helmut Schmidt. Der hat in der neuesten Ausgabe der „Zeit<br />
„ alles dazu gesagt &#8211; was ich übrigens schon seit Jahren<br />
sage. Der Stabilitäts- und Wachstumspakt ist gegen Inflation<br />
gerichtet. Die haben wir aber nicht. Was wir haben, ist eine Beschäftigungskrise.<br />
Übrigens, mit einer Überschreitung von 3% durch Investitionen<br />
in die ökologische Infrastruktur leisten wir auch einen Beitrag<br />
für künftige Generationen. Die blauen Briefe darf es nicht<br />
mehr geben. Die EU muss überprüfen, welchen Beitrag die<br />
Mitgliedsländer zum Abbau der Arbeitslosigkeit leisten.
</p>
<p>
<span class="fett">tack:</span> Was meinen Sie, würde es einen<br />
Vorteil bringen das System der Niederlande in Deutschland zu übernehmen,<br />
immerhin hat es dort Erfolg gezeigt. Warum sollte es bei uns nicht<br />
klappen?
</p>
<p>
<span class="fett">lolo:</span> Grundproblem ist der vor sich hin<br />
dümpelnde Binnenmarkt. Die Bundesregierung hat durch die verschiedensten<br />
Maßnahmen, wie z.B. Hartz IV, massenhaft Kaufkraft aus dem<br />
Binnenmarkt genommen. Auch Gesundheitsreform, die Nichterhöhung<br />
der Renten u.a. befördern nicht die Binnenkaufkraft. Jetzt<br />
wird über eine Erhöhung der Mehrwertsteuer gesprochen.<br />
Wie ist Ihre Meinung?
</p>
<p>
<span class="fett">redpoint:</span> Wie beurteilen Sie die momentan<br />
diskutierte Idee der Mehrwertsteuererhöhung?
</p>
<p>
<span class="fett">Rudolf Hickel:</span> Bei nationalen Vergleichen<br />
bin ich skeptisch. Die hochgelobte Niederlande hat mittlerweile<br />
große Probleme. Das Setzen auf die Teilzeit hat zu Verlusten<br />
bei der internationalen Konkurrenzfähigkeit geführt. Als<br />
Exportland wäre dies für uns eine Katastrophe. Lolo, danke,<br />
Sie haben Recht. Das ist eine Ursache der stagnierenden Binnenwirtschaft.<br />
Ich kann nicht den sich abzeichnenden Kompromiss verstehen. Die<br />
Mehrwertsteuer wird im Prinzip auf die Preise der Endverbraucher<br />
überwälzt. Dann haben wir plötzlich ein Inflationsproblem.<br />
Und dagegen geht die Europäische Zentralbank massiv vor.
</p>
<p>
<span class="fett">Moderator:</span> etwas historisch aber dennoch:
</p>
<p>
<span class="fett">ls1407:</span> War es nicht ein großer<br />
Fehler, nur die monetäre Umstellung in EURO zu bewerkstelligen<br />
und dabei nicht weitere Einigungen wie Steuergleichheit etc?
</p>
<p>
<span class="fett">Rudolf Hickel:</span> Nein, die Europäische<br />
Währungsunion ist ein große Leistung. Übrigens ist<br />
der Euro nach innen stabil und er wertet gegenüber dem US-Dollar<br />
auf. Worauf es ankommt ist, dass die Finanzpolitik sich besser auf<br />
Beschäftigungsziele in der EU koordiniert. Noch ein Satz: Als<br />
Befürworter der Erweiterung der EU kommt es darauf an, soziale<br />
Mindeststandards und Steuerstandards durchzusetzen.
</p>
<p>
<span class="fett">lolo:</span> Wäre es volkswirtschaftlich<br />
nicht sinnvoller Hartz IV aufzugeben und zum früheren System<br />
Arbeitslosengeld und Arbeitslosenhilfe zurückzukehren?
</p>
<p>
<span class="fett">Rudolf Hickel: </span>Nach meiner Meinung war<br />
Harzt IV ein schwerer Fehler. Langzeitarbeitslose werden in den<br />
perspektivlosen Billiglohnsektor verfrachtet. Eine grundlegende<br />
Korrektur ist unvermeidbar.
</p>
<p>
<span class="fett">Moderator: </span>Die Frage wäre für<br />
Sie also beantwortet:
</p>
<p>
<span class="fett">Butty:</span> Laufen denn nun Rot-Grün<br />
in die falsche Richtung?
</p>
<p>
<span class="fett">Rudolf Hickel: </span>Es gibt bei der Arbeitsmarktreform<br />
auch positive Elemente. Dazu zähle ich den Versuch, die Arbeitsvermittlung<br />
personenbezogen zu gestalten. Rot-Grün hat 1998 mit einem hervorragenden<br />
Koalitionsvertrag begonnen. Die Ziele waren Arbeit, soziale Gerechtigkeit<br />
und Umwelt. Daran gemessen ist die Regierungskoalition nicht mehr<br />
zu erkennen. Aber es gibt noch massive Unterschiede: Kein Abbau<br />
der Mitbestimmung, keine weitere Deregulierung der Arbeitsmärkte.<br />
Das ist gut so!
</p>
<p>
<span class="fett">Moderator: </span>Problem Arbeitsmarkt-Export:
</p>
<p>
<span class="fett">brummelndehummel:</span> Die Unternehmen verlagern<br />
ihre Produktionsstätten ins Ausland, wenn man sie nicht von<br />
ihren Lasten befreit. Wie kann man Ihrer Meinung nach die zunehmende<br />
Verlagerung der Lasten von den Unternehmen auf die kleinen Leute<br />
begrenzen?
</p>
<p>
<span class="fett">Rudolf Hickel: </span>Zum Arbeitsmarkt-Export:<br />
Hier müssen wir in der EU für soziale Mindeststandards<br />
uns einsetzen. Da würde ich gerne ausführlichere Hinweise<br />
geben. Vielleicht können wir dies nachholen. Hier nur so viel:<br />
Noch profitiert die deutsche Wirtschaft auf der Ebene der Warenexporte<br />
&#8211; gerade nach Osteuropa. Es werden auch Arbeitsplätze in Deutschland<br />
durch die Vernetzung mit Standorten in Osteuropa gestärkt.
</p>
<p>
<span class="fett">rainer007:</span> was ist ihre Meinung nach<br />
als erstes und schnellstes zu tun um die Arbeitslosenzahl in Deutschland<br />
zu senken?
</p>
<p>
<span class="fett">Rudolf Hickel:</span> Drei Maßnahmenbündel:<br />
Ein öffentliches Investitionsprogramm, Arbeitszeitverkürzungen<br />
auf breiter Ebene und endlich der Hinweis, dass die Löhne zumindest<br />
im Ausmaß der Produktivität und Inflation steigen müssen<br />
(vgl. Bofinger, Horn, Flassbeck).
</p>
<p><span class="fett">Moderator: </span>Das war unser Chat zum „Bericht<br />
aus Berlin“, die Stunde ist um. Vielen Dank für Ihr Interesse,<br />
es gibt noch viele Fragen, offenbar müssen wir noch mal einen<br />
Chat mit Professor Hickel einplanen. Vielen Dank an Professor Hickel<br />
nach Bremen, dass Sie Zeit für den Chat hatten! Nun gibt es<br />
voraussichtlich erst einmal eine kleine Osterpause bei den Chats.<br />
Am 7.April haben wir den nächsten fest geplanten Termin. Dann<br />
stellt sich SPD-Generalsekretär Klaus Uwe Benneter der Diskussion.<br />
tagesschau.de wünscht allen noch einen schönen Abend!</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Müntefering: &#8221; Ich war sauer.&#8221;</title>
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		<dc:creator><![CDATA[uheimann]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 13 Mar 2005 22:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Die NRW-Wahl 2005 und die Folgen]]></category>
		<category><![CDATA[Chattranscripte]]></category>
		<category><![CDATA[Bundespolitik]]></category>
		<category><![CDATA[Landtagswahl]]></category>
		<category><![CDATA[SPD]]></category>
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		<category><![CDATA[Franz Müntefering]]></category>
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					<description><![CDATA[Am Montag, 14. März, war Franz Müntefering zu Gast 
im tacheles.02 Live-Chat, veranstaltet von tagesschau.de und politik-digital.de 
. Müntefering sprach über Arbeitslosigkeit, den Job-Gipfel 
und Mut zur Veränderung.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Am Montag, 14. März, war Franz Müntefering zu Gast<br />
im tacheles.02 Live-Chat, veranstaltet von tagesschau.de und politik-digital.de<br />
. Müntefering sprach über Arbeitslosigkeit, den Job-Gipfel<br />
und Mut zur Veränderung.<!--break--></p>
<p>
&nbsp;
</p>
<p>
<span class="fett"><span style="font-size: x-small">Moderator:</span></span><span style="font-size: x-small"><br />
Liebe Politik-Interessierte, willkommen im tacheles.02-Chat. Die<br />
Chat-Reihe tacheles.02 ist ein Format von tagesschau.de und politik-digital.de<br />
und wird unterstützt von tagesspiegel.de. Zum Chatten ist heute<br />
Franz Müntefering, Vorsitzender der SPD, ins ARD-Hauptstadtstudio<br />
gekommen. Herzlich willkommen, los geht’s gleich mit dieser<br />
Frage:</span>
</p>
<p>
<span class="fett">Wullhorst:</span>  Das war ja wohl nichts<br />
mit dem Versprechen des Kanzlers, Arbeitslosigkeit abzubauen. Wollte<br />
er sich nicht daran messen lassen?</p>
<p><span class="fett">Franz Müntefering:</span>  Das bleibt<br />
die wichtigste Aufgabe. Etwas ist erreicht, aber wir wissen, weitere<br />
Anstrengungen sind nötig in Bund, Ländern und Gemeinden<br />
und ganz besonders in der Wirtschaft, denn dort entstehen Arbeitsplätze.
</p>
<p>
<span class="fett">Moderator: </span> Herr Müntefering,<br />
haben Sie Verständnis dafür, wenn die Bürger der<br />
Regierung angesichts von 5,2 Millionen Arbeitslosen völliges<br />
Versagen vorwerfen?
</p>
<p>
<span class="fett">Franz Müntefering:</span>  Nein. Die<br />
Arbeitslosigkeit ist so hoch wie 1998 bei Helmut Kohl plus Statistik<br />
aus Hartz IV. Das ist bedrückend viel, aber kein Grund zur<br />
Resignation. Wir sind dabei, ganz besonders die Arbeitslosen unter<br />
25 Jahren an Qualifizierung und Beschäftigung heranzuführen.<br />
Das wird mit Hartz IV gehen wie mit der Krankenversicherung: Nach<br />
einem Jahr zeigt sich die positive Wirkung.
</p>
<p>
<span class="fett">baby5:</span>  Ok, mein Vater ist seit<br />
vielen Jahren arbeitslos. Das ist völliges Versagen oder, Herr<br />
Müntefering?
</p>
<p>
<span class="fett">Franz Müntefering:  </span>Fragt sich<br />
von wem. Vor allem Unternehmen müssen Arbeitsplätze schaffen<br />
und sie sichern. Die Politik muss Rahmenbedingungen setzten. Das<br />
haben wir z.B. mit der Steuerreform getan.
</p>
<p>
<span class="fett">Stan:</span>  Herr Müntefering, am<br />
22. Mai ist Landtagswahl in NRW. Wie ist diese Wahl bei desaströsen<br />
Umfragewerten noch zu gewinnen und was kann ich als Unterstützer<br />
der SPD dazu beitragen?
</p>
<p>
<span class="fett">Franz Müntefering: </span>Jede Wahl<br />
ist ein Unikat und hat ihre eigenen Regeln. Wer helfen will, muss<br />
argumentieren und den Menschen die politische Situation erläutern<br />
und klar machen, dass Peer Steinbrück als Ministerpräsident<br />
in einer schwierigen Phase der Umstrukturierung für NRW der<br />
richtige Mann ist. Wahlkampf heißt kämpfen und nicht<br />
mal abwarten.
</p>
<p>
<span class="fett">User Numer one:</span>  Herr Müntefering!<br />
Wenn die SPD die NRW-Wahl verliert, ist eine verlorene Bundestagswahl<br />
2006 nicht unrealistisch. Welche Ihrer unbequemen, aber notwendigen<br />
Anpassungen des sozialen Netzes würde die Union Ihrer Meinung<br />
nach rückgängig machen?
</p>
<p>
<span class="fett">Franz Müntefering:</span> Ihre Voraussetzung<br />
stimmt nicht, denn wir werden in NRW nicht verlieren. Die Union<br />
würde vor allem die Arbeitnehmerrechte schleifen: Weniger Kündigungsschutz,<br />
weniger Mitbestimmung, weniger Jugendarbeitsschutz. Und sie würde<br />
die solidarische Krankenversicherung in eine Kopfpauschale umwandeln.
</p>
<p>
<span class="fett">canto_libre:</span> Auf der SPD-Homepage schreiben<br />
Sie, die Sozialhilfeempfänger, die nun ALG II beziehen, hätten<br />
durch Hartz IV Zugang zu Förderungsmöglichkeiten. Könnten<br />
Sie einmal sagen, welche Förderung das sein soll?
</p>
<p>
<span class="fett">Franz Müntefering:</span> Alles, was<br />
das Arbeitsamt anbietet: Qualifizierung, Eingliederungshilfen&#8230;
</p>
<p>
<span class="fett">hallo_münte:</span> Halten Sie ein<br />
&quot;Konjunkturpaket&quot; für sinnvoll, um die deutsche Wirtschaft<br />
wieder auf &quot;Kurs&quot; zu bringen? Würden Sie ein erneutes<br />
Verfehlen der 3%-Defizitgrenze des Stabilitätspaktes in Kauf<br />
nehmen?
</p>
<p>
<span class="fett">Franz Müntefering:</span>  Entscheidend<br />
ist das Konzeptionelle und der lange Atem. Wir brauchen eine Erneuerung<br />
der Gesellschaft und der Wirtschaft, damit wir auch in Zukunft Wohlstandsland<br />
bleiben können. Konjunkturimpulse dürfen nicht kurzatmig<br />
sein, aber sie dürfen natürlich auch nicht ausgeschlossen<br />
werden. Denn Arbeit brauchen wir schnell und manche Arbeit, z.B.<br />
in den Gemeinden, wartet nur darauf, in Bewegung gesetzt zu werden.<br />
Da sind schnelle Impulse zur Schaffung von Arbeitsplätzen ganz<br />
wichtig.
</p>
<p>
<span class="fett">bLaNG:</span>  Nun steht mal wieder ein<br />
Spitzentreffen von Politikern der Opposition und der Regierung an.<br />
Als letztes Mal bei der Föderalismuskommission ein solches<br />
Zusammensitzen stattfand, war das Ergebnis enttäuschend und<br />
zementierte nur den Stillstand. Warum sollte das nun anders werden?
</p>
<p>
<span class="fett">Franz Müntefering:</span>  Gegenfrage:<br />
Warum sollte es wieder so ausgehen? Politik muss den Mut haben,<br />
Probleme immer wieder neu anzugehen. Jetzt geht es darum, die Agenda<br />
2010 zu bilanzieren und fortzuschreiben. Ich bin sicher, uns fällt<br />
eine Menge ein, was kurz- und langfristig sinnvoll ist. Dabei brauchen<br />
wir mit unserer Mehrheit im Bundestag auch die Unterstützung<br />
des Bundesrates, CDU und CSU dürfen dort nicht blockieren.
</p>
<p>
<span class="fett">Moderator: </span> War das bei der SPD<br />
eine Art Rollenspiel? Sie schimpfen gegen den Job-Gipfel und der<br />
Kanzler macht ihn?
</p>
<p>
<span class="fett">Franz Müntefering:</span>  Ich war<br />
sauer, weil die CDU/CSU uns die NPD anpappen wollte und weil sie<br />
Gerhard Schröder als Helfershelfer von Kinderschändern<br />
deklarierte. Da hört für mich der Spaß auf. Aber<br />
natürlich bleibt es im Interesse der Menschen unseres Landes,<br />
dass der Kanzler zum Gespräch bereit ist. Aus meiner Sicht<br />
wäre es gut gewesen, wenn Frau Merkel oder Herr Stoiber die<br />
Ausrutscher, die aus ihrer Partei kamen, klar gestellt hätten.
</p>
<p>
<span class="fett">Moderator:</span>  Also haben Sie sich<br />
zunächst geirrt?
</p>
<p>
<span class="fett">Franz Müntefering:</span> Nein. Meine Entrüstung<br />
über das Verhalten der Unionsspitze war richtig. Es bleibt<br />
aber wie gesagt vernünftig, sich jetzt wieder den politischen<br />
Problemen zuzuwenden und Lösungen zu suchen.
</p>
<p>
<span class="fett">Logo:</span>  Was können wir vom Reformgipfel<br />
erwarten? Sie waren ja anfangs dagegen&#8230;
</p>
<p>
<span class="fett">Franz Müntefering: </span> Dass beide<br />
Seiten gründlich die Möglichkeiten erörtern, Deutschland<br />
auch langfristig als Wohlstandsland zu sichern. Das erfordert konkretes<br />
Handeln heute, z.B. im Bereich Innovationen. Das erfordert aber<br />
auch Impulse für Beschäftigung heute.
</p>
<p>
<span class="fett">alexmmms:</span> Herr Müntefering, guten<br />
Tag. Das bisher Gesagte hört sich sehr nach Floskeln an. Welche<br />
konkreten Maßnahmen planen Sie denn noch in diesem Jahr?
</p>
<p>
<span class="fett">Franz Müntefering:</span>  Das mit<br />
den Floskeln ist eine Floskel. Die Entscheidung des Gipfels kann<br />
man nicht voraussagen. Am Donnerstag wird der Bundeskanzler aber<br />
in einer Regierungserklärung ausführlich über die<br />
wichtigen politischen Vorhaben der Bundesregierung informieren.
</p>
<p>
<span class="fett">Unke:</span> Was halten Sie vom 10-Punkte-Plan<br />
der CDU?
</p>
<p>
<span class="fett">Franz Müntefering:</span>  Das habe<br />
ich in der letzte Woche im Deutschen Bundestag gesagt: Die Senkung<br />
der Arbeitslosenversicherungsbeiträge kostet die Agentur für<br />
Arbeit 11 Milliarden Euro pro Jahr und ist deshalb kontraproduktiv<br />
in Bezug auf die Arbeitslosen. Ihnen könnte weniger Unterstützung<br />
als bisher gegeben werden. Im Übrigen will die CDU/CSU die<br />
Arbeitnehmerrechte drastisch zusammenstreichen. Das bringt keine<br />
Arbeit und ist sicher kein Fortschritt in Sachen Demokratie. Wir<br />
wollen das nicht. Im 10-Punkte-Programm von CDU/CSU fehlen alle<br />
wichtigen Ideen und Handlungsansätze, die jetzt wieder im Gespräch<br />
sind. Allerdings haben CDU und CSU auch vorgeschlagen, größere<br />
Strukturreformen im Bereich Steuern und Bildung noch vor der Bundestagswahl<br />
2006 voranzubringen. Das ist auch unsere Meinung. Nun muss sich<br />
herausstellen, was die Union im Konkreten meint.
</p>
<p>
<span class="fett">ob56:</span> Beide Seiten haben ihre Lieblingsspielzeuge.<br />
Die Union die Eigenheimzulage, die SPD den Kündigungsschutz.<br />
Klingt derzeit nicht danach, dass wirklich etwas passiert bei so<br />
einer Haltung.
</p>
<p>
<span class="fett">Franz Müntefering:  </span>Ich kann<br />
hier nur für die SPD sprechen. Arbeitnehmerrechte sind kein<br />
Spielzeug, sondern über die Jahrzehnte hart erkämpft.<br />
Und sie haben sich bewährt. Sie haben sozialen Frieden sichern<br />
geholfen und sie haben den Menschen relative Sicherheit gegeben.<br />
Arbeitnehmerrechte wie Kündigungsschutz, Betriebsverfassung<br />
und Mitbestimmung sind keine Belastung, sondern eine bewährte<br />
Form von Wirtschaftsdemokratie.
</p>
<p>
<span class="fett">Rollo:</span> Meinen Sie, ab Donnerstag<br />
wird ein Ruck durch Deutschland gehen?
</p>
<p>
<span class="fett">Franz Müntefering:</span>  Man darf<br />
nicht zu viel hineingeheimnissen, wie das einige leider schon wieder<br />
tun. Aber die Regierungserklärung und das Spitzengespräch<br />
sind besondere Ereignisse, die sicher ihre Wirkung haben. Ich bin<br />
zuversichtlich, dass sich aus diesem Donnerstag eine Reihe konkreter<br />
Maßnahmen ableiten wird. Das ist auch nötig. Deutschland<br />
braucht Zuversicht in seine Zukunftsfähigkeit. Die Agenda 2010<br />
ist der richtige Ansatz. Sie muss jetzt weiter vorangetrieben werden.
</p>
<p>
<span class="fett">Henrik: </span> Rot-Grün hatte in<br />
der letzten Woche die erste Abstimmungsniederlage im Bundestag.<br />
Sie können Ihren Kandidaten für den Wehrbeauftragten offensichtlich<br />
nicht einmal in der eigenen Fraktion durchsetzen. Sind das erste<br />
&quot;Zerfallserscheinungen&quot; der Koalition?
</p>
<p>
<span class="fett">Franz Müntefering: </span> Das glaube<br />
ich nicht und das hoffe ich nicht. Beides war aber außergewöhnlich<br />
und natürlich für mich unangenehm. Viele waren dann aber<br />
auch erschrocken. Und vielleicht hilft das sogar.
</p>
<p>
<span class="fett">strigga: </span>Denken Sie nicht, dass eine<br />
Senkung der Arbeitslosenzahlen auch durch Einschnitte in die Arbeitnehmerrechte<br />
erkauft werden muss, wenn es dadurch möglich wird, die Lohnkosten<br />
zu senken? Stichwort: Gewerkschaften, Bundesverfassungsgericht.<br />
Ich habe von vielen Firmen gehört, dass sie versuchen, ihren<br />
Personalstand niedrig zu halten, um einer Betriebsratsgründung<br />
entgegen zu wirken!
</p>
<p>
<span class="fett">Franz Müntefering: </span> Ich halte<br />
das für einen großen Irrtum. Es gibt tausendfach die<br />
Erfahrung, dass Gewerkschaften und Betriebsräte aktiv helfen,<br />
Betriebe zu stabilisieren und so Arbeitsplätze zu sichern oder<br />
neue zu schaffen. Arbeitgeber und Arbeitnehmer sollen sich in gleicher<br />
Augenhöhe begegnen. Das ist eine Frage der Würde des Menschen.<br />
Und das ist auch volkswirtschaftlich vernünftig. Es ist kein<br />
Zufall, dass Deutschland das Land mit den wenigsten Streiktagen<br />
war. Und das soll auch so bleiben. Im Übrigen sind befristete<br />
Beschäftigungen in erheblichem Maße möglich, was<br />
viele ignorieren, die den Kündigungsschutz gerne aus Prinzip<br />
weg hätten.
</p>
<p>
<span class="fett">Nevid:</span> Glauben Sie, dass die SPD ihrem<br />
Namen noch gerecht wird?
</p>
<p>
<span class="fett">Franz Müntefering: </span> Da bin<br />
ich ganz sicher. Das Soziale und das Demokratische sind unsere Sache.<br />
Aber &#8211; wie Willy Brandt schon gesagt hat &#8211; müssen wir immer<br />
auf der Höhe der Zeit sein und den Prozess der gesellschaftlichen<br />
Entwicklung begleiten und gestalten. Unsere Grundwerte Freiheit,<br />
Gerechtigkeit und Solidarität bleiben bestimmend für unser<br />
politisches Handeln. Wir machen auch Fehler, wohl wahr. Aber wer<br />
macht das nicht? Und im Vergleich zur politischen Konkurrenz können<br />
wir uns gut sehen lassen, auch was Augenmaß und Verantwortung<br />
in der Sache angeht.
</p>
<p>
<span class="fett">KeinBock:</span>  Warum denken Sie, treten<br />
immer mehr Mitglieder aus der SPD aus?
</p>
<p>
<span class="fett">Franz Müntefering:</span>  Die Zahl<br />
der Austritte ist Gott sei Dank wieder gesunken. Aber sie war Ende<br />
2003/Anfang 2004 in der Tat sehr hoch. Das hat natürlich etwas<br />
mit der Unzufriedenheit mit unserer Politik zu tun. Inzwischen hat<br />
sich da aber wieder einiges verändert. Es kommen neue junge<br />
Mitglieder und die Zustimmung zu den Grundlinien der Agenda 2010<br />
ist auch deutlich gestiegen. Ein Grundproblem bleibt allerdings,<br />
dass der Beitritt in große Organisationen nicht mehr so populär<br />
ist wie vor 30, 40 Jahren. Das gilt aber nicht nur für uns,<br />
sondern für alle Parteien, auch Gewerkschaften und Kirchen.<br />
Gut finde ich das nicht. Denn Demokratie braucht Organisationen,<br />
die sich für sie aktiv einsetzen.
</p>
<p>
<span class="fett">JusoMZ</span>: Wie können die Arbeitnehmerrechte<br />
in Deutschland verteidigt werden, wenn wir in zunehmendem Konkurrenzkampf<br />
mit dem Ausland stehen, wo gerade mit niedrigeren Arbeitnehmerrechten<br />
geworben wird? Selbst in Europa gibt es hierfür noch keine<br />
Lösung. Und gerade für die neuen Ostländer sind niedrige<br />
Standards ein verbreitetes Werbemittel. Zudem können diese<br />
Länder immer mehr in einem Punkt werben: Innere Sicherheit.
</p>
<p>
<span class="fett">Franz Müntefering: </span> Eine schwierige<br />
Problematik, das ist wahr. Aber wir kämpfen ja dafür,<br />
dass es besser wird und akzeptieren nicht mutlos unzureichende Verhältnisse<br />
in anderen Ländern. Gute Unternehmer wissen im Übrigen,<br />
wie wichtig Arbeitnehmerrechte in ihrem Betrieb sein können.<br />
Sie arbeiten mit ihrem Betriebsrat erfolgreich zusammen. So lassen<br />
sich manche auftretenden Probleme leichter lösen.
</p>
<p>
<span class="fett">Ole von Beust:</span> Warum haben Sie nicht<br />
den Mut zu einer großen Koalition, wie sie von den Menschen<br />
in diesem Lande wohl mehrheitlich herbeigesehnt wird? Die Menschen<br />
wollen keine Worthülsen mehr &#8211; sie wollen Taten.
</p>
<p>
<span class="fett">Franz Müntefering: </span> Was hat<br />
das mit der Großen Koalition zu tun?
</p>
<p>
<span class="fett">Hans Müller:</span>  Herr Müntefering,<br />
ist der jüngste Armutsbericht nicht ein Armutszeugnis für<br />
Rot-Grün?
</p>
<p>
<span class="fett">Franz Müntefering: </span> Die Armutsquote<br />
ist gestiegen, insbesondere sind Langzeitarbeitslose und alleinerziehende<br />
Frauen betroffen. Gerade für die tun wir zweierlei: Wir holen<br />
sie mit Hartz IV aus der Sackgasse der Sozialhilfe heraus und bringen<br />
sie wieder in die Vermittlung und damit an Beschäftigung heran.<br />
Zweitens gibt der Bund vier Milliarden Euro an die Gemeinden für<br />
den Ausbau der Ganztagsgrundschulen. Das erleichtert für diese<br />
Mütter die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Wir tun also<br />
etwas gegen das Armutsrisiko dieser Gruppe. Leider machen nicht<br />
alle Länder mit. Hessen z.B. hat die zur Verfügung gestellten<br />
Mittel für Ganztagsschulen fast völlig ungenutzt gelassen.<br />
Das ist konservative Politik von der schlechten Sorte.
</p>
<p>
<span class="fett">Moderator:</span>  Noch mal nachgefragt<br />
zum Thema &quot;Große Koalition&quot;: Zeigt der Jobgipfel<br />
nicht bereits, dass es die großen Parteien nur zusammen schaffen<br />
können?
</p>
<p>
<span class="fett">Franz Müntefering:</span>  Das Wort<br />
&quot;Jobgipfel&quot; ist mal wieder so eine Erfindung von Journalisten,<br />
mit der sie eigene Vorstellungen verbalisieren &#8211; geschenkt. Es kommt<br />
darauf an, dass Bundestag und Bundesrat sich nicht blockieren. Das<br />
ist keine Frage von „Großer Koalition“. Es wäre<br />
allerdings gut, wenn im Rahmen der bundesstaatlichen Ordnung unsere<br />
föderalen Strukturen modernisiert würden. Und vielleicht<br />
lässt sich auch dieses Thema jetzt neu in Bewegung setzen.
</p>
<p>
<span class="fett">Moderator: </span> Provokative Frage zum<br />
Arbeitsstil:
</p>
<p>
<span class="fett">Trans. P. Arentz:</span>  Herr Müntefering,<br />
über die Qualität ihrer Politik lässt sich streiten,<br />
aber warum sind sie HAndwerklich so schwach? Bei Ihnen klappt ja<br />
nichts auf Anhieb.
</p>
<p>
<span class="fett">Franz Müntefering:</span>  Das Wort<br />
&quot;handwerklich&quot; sollten sie sich noch einmal überlegen&#8230;<br />
Im Ernst: Die Entscheidungen sind komplex. Und dass im Gesetzgebungsverfahren<br />
Korrekturen möglich und manchmal auch nötig sind, halte<br />
ich für selbstverständlich. Ich finde uns da nicht auffällig.
</p>
<p>
<span class="fett">muli:</span>  Was hindert die SPD daran,<br />
Wahlen zu gewinnen?
</p>
<p>
<span class="fett">Franz Müntefering:  </span>Im Zweifelsfalle<br />
die unzureichende Wahlbeteiligung. Und sicher sind die Entscheidungen<br />
des letzten Jahres auch anstrengend gewesen und haben nicht sofort<br />
die nötige Zustimmung gefunden. Wir können da besser werden,<br />
dürfen aber die Bemühung nicht aufgeben, Politik für<br />
die Zukunft zu machen und nicht allen nach dem Mund zu reden. Politik<br />
hat auch die Aufgabe, inhaltlich zu führen.
</p>
<p>
<span class="fett">August:</span>  Es ist immer von Wirtschaftswachstum<br />
die Rede, Herr Müntefering. Glauben Sie nicht, dass es irgendwann<br />
eine Marktsättigung gibt, so dass kein Wirtschaftswachstum<br />
mehr möglich ist und man sich mit den hohen Arbeitslosenzahlen<br />
abfinden und insbesondere damit leben muss? Also dass man neue Strategien<br />
entwickeln muss, die nicht nur auf dem prognostizierten Wirtschaftswachstum<br />
basieren?
</p>
<p>
<span class="fett">Franz Müntefering:</span>  Das ist<br />
ein theoretisches Problem. Die Menschheit wächst rasant und<br />
braucht auch in Zukunft viele Produkte und Dienstleistungen. Wir<br />
können also noch mehr exportieren. Es gibt aber auch bei uns<br />
im Land viel Bedarf, der neu mobilisiert werden müsste, z.B.<br />
was den Substanzerhalt von öffentlichen Einrichtungen angeht:<br />
Schulen, Straßen, etc. Ein Mangel an Wachstumsbedarf kann<br />
ich nicht sehen.
</p>
<p>
<span class="fett">Hubert K.:</span>  Was spricht gegen die<br />
Einführung eines einjährigen Pflichtdienstes an der Gesellschaft<br />
&#8211; wahlweise bei der Bundeswehr oder in der Altenpflege &#8211; für<br />
alle Schulabgänger (männl. u. weibl.) zugunsten der Wehrgerechtigkeit<br />
und der ganzen Gesellschaft?
</p>
<p>
<span class="fett">Franz Müntefering:</span>  So etwas<br />
wird von einigen von uns auch diskutiert. Überwiegend sind<br />
wir aber der Meinung, dass sich die bisherigen Systeme &#8211; Wehrpflicht,<br />
Zivildienst, freiwilliges soziales Jahr &#8211; bewährt haben.
</p>
<p>
<span class="fett">julie:</span> Warum soll die Eigenheimpauschale<br />
abgeschafft werden? Die SPD hat sie geschaffen und das war gut so.<br />
Es ging Ihnen darum, auch geringer Verdienenden zu Wohneigentum<br />
zu verhelfen. Und nicht darum, den Wohnungsbau zu fördern.<br />
Ich bin sehr enttäuscht. Jetzt sollen wir also den Reichen<br />
mehr und länger Miete zahlen, damit diese noch reicher werden?<br />
Schade SPD!
</p>
<p>
<span class="fett">Franz Müntefering:  </span>Eigenheimzulage<br />
war vor allem wichtig in einer Zeit, in der Wohnungen knapp waren.<br />
Da hat sich viel verändert. Wir brauchen jetzt dieses Geld<br />
dringlicher für Investitionen in Forschung und Entwicklung,<br />
damit wir ein innovatives Land bleiben. Im Übrigen würde<br />
die Eigenheimzulage nur Schritt für Schritt auslaufen und nicht<br />
gekappt werden.
</p>
<p>
<span class="fett">patrick:</span>  Es wird immer von der<br />
Senkung der Unternehmenssteuer gesprochen. Wäre es nicht viel<br />
wichtiger, den Mittelstand massiv zu unterstützen? Große<br />
Konzerne haben in den letzten Jahren nur selten ihre Mitarbeiterzahl<br />
erhöht, der Mittelstand hingegen, wenn erfolgreich, viel öfter.
</p>
<p>
<span class="fett">Franz Müntefering: </span> Den Mittelstand<br />
entlasten wir gerade durch die Senkung der Einkommenssteuer, denn<br />
dort wird der Mittelstand besteuert. Die Senkung des Spitzensteuersatzes<br />
von 45 auf 42 Prozent kommt im Wesentlichen den kleinen Unternehmen<br />
zugute. Für dieses Jahr bedeutet das etwa 2 bis 3 Milliarden<br />
Euro Entlastung. Da passiert also schon etwas. Aber natürlich<br />
müssen die großen Unternehmen ihre steuerlichen Entlastungen<br />
nutzen, um Arbeit zu schaffen. Einige von ihnen können da wirklich<br />
besser werden.
</p>
<p>
<span class="fett">Moderator: </span> Zwei Fragen mit ähnlicher<br />
Stoßrichtung:
</p>
<p>
<span class="fett">HakanA:</span>  Hallo Herr Müntefering.<br />
Was halten Sie davon, dass zahlreiche Unternehmen wie die Deutsche<br />
Bank, trotz der Gewinne Stellen abbauen wollen? Finden Sie nicht,<br />
dass der Staat da mal eingreifen sollte?
</p>
<p>
<span class="fett">Fortuna:</span>  Mein Vater hat schon in<br />
den 60gern gesagt: „Wenn die Industrialisierung so weiter<br />
geht, müssen wir eine Maschinensteuer erheben.“ Nun haben<br />
die ganzen Erleichterungen, die die Wirtschaft bekommen hat, in<br />
keinster Weise zu den dafür versprochenen Arbeitsplätzen<br />
geführt. Muss man die Wirtschaft jetzt nicht endlich konkret<br />
FORDERN?
</p>
<p>
<span class="fett">Franz Müntefering:</span>  Das mit<br />
der Deutschen Bank finden wir natürlich nicht gut, können<br />
es aber leider nicht verhindern. Die Steigerung der Produktivität<br />
über Jahrzehnte hat in der Tat Arbeitsplätze, vor allem<br />
einfache, wegfallen lassen. Ohne sie wäre der Wohlstand allerdings<br />
nicht so gewachsen, denn die Produktivitätssteigerung bedeutet<br />
immer auch mittelfristig Senkung der Produktionskosten. Das ist<br />
ein Interessenkonflikt, aus dem man nicht leicht herauskommt. Für<br />
die langfristige Sicherung des Wohlstandes in unserem Land ist meines<br />
Erachtens die Verbesserung der Produktivität aber unvermeidlich<br />
gewesen.
</p>
<p>
<span class="fett">Moderator:</span>  Weil es um die Reichen<br />
geht, oder zumindest um die ehemals Reichen:<br />
Ein Wort zum BVB: Der Verein ist in seiner Existenz bedroht. Ein<br />
gutes Beispiel dafür, dass unsere Gesellschaft zwischen Größenwahn<br />
und Verunsicherung wankt und das rechte Maß verloren hat?
</p>
<p>
<span class="fett">Franz Müntefering: </span> Kann ja<br />
sein. Aber als Westfale wünsche ich dem BVB, dass er den Kopf<br />
oben behält und vor allem bald wieder genügend Tore schießt.<br />
Glück auf!
</p>
<p>
<span class="fett">Moderator: </span> Das war´s, unsere<br />
Chat-Stunde ist vorbei. Vielen Dank für das große Interesse<br />
und die äußerst zahlreich eingegangenen Fragen. Vielen<br />
Dank, Herr Müntefering, dass Sie zum Chatten gekommen sind.<br />
Das Protokoll des Chats finden Sie wie gewohnt zum Nachlesen auf<br />
den Seiten der Veranstalter. Das tacheles.02-Team wünscht allen<br />
noch einen schönen Tag!
</p>
<p>
<span class="fett">Franz Müntefering:</span>  Dann bedanke<br />
ich mich auch für die kritischen Fragen. Ich weiß, die<br />
Zeit ist anstrengend, Politik auch, aber ich bin sicher, wir machen<br />
das Beste daraus. Ich wünsche Ihnen alles Gute.</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Dieter Hundt über Arbeitsmarktreformen</title>
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		<dc:creator><![CDATA[uheimann]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 06 Mar 2005 23:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Chattranscripte]]></category>
		<category><![CDATA[BDA]]></category>
		<category><![CDATA[Dieter Hundt]]></category>
		<category><![CDATA[Arbeitgeber]]></category>
		<category><![CDATA[Arbeitsmarkt]]></category>
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					<description><![CDATA[Am Montag, 7. März, war Dieter Hundt, Präsident der BDA, 
von 12.30 bis 13.30 Uhr zu Gast im tacheles.02 Live-Chat von tagesschau.de 
und politik-digital.de. Mit den Teilnehmern sprach er über 
Arbeitsmarktreformen, Wirtschaftswachstum und die Bekämpfung 
von Schwarzarbeit.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Am Montag, 7. März, war Dieter Hundt, Präsident der BDA,<br />
von 12.30 bis 13.30 Uhr zu Gast im tacheles.02 Live-Chat von tagesschau.de<br />
und politik-digital.de. Mit den Teilnehmern sprach er über<br />
Arbeitsmarktreformen, Wirtschaftswachstum und die Bekämpfung<br />
von Schwarzarbeit.<!--break--> </p>
<p>
<b>Moderator:</b> Liebe Politik-Interessierte, herzlich<br />
willkommen im tacheles.02-Chat. Unsere Chat-Reihe ist ein Format<br />
von tagesschau.de und politik-digital.de und wird unterstützt<br />
von tagesspiegel.de. Im ARD-Hauptstadtstudio wartet jetzt Dieter<br />
Hundt, Präsident der Bundesvereinigung der deutschen Arbeitgeberverbände<br />
auf Ihre Fragen. Kann es losgehen, Herr Hundt?
</p>
<p>
<b>Dieter Hundt:</b> Jawohl.
</p>
<p>
<b>Lizzy:</b> Was halten Sie eigentlich von dem Briefwechsel<br />
zwischen Opposition und Regierung?
</p>
<p>
<b>Dieter Hundt:</b> Wenn dieser Briefwechsel zu konkreten<br />
Ergebnissen führt, die eine Verbesserung der wirtschaftlichen<br />
Rahmenbedingungen zur Folge haben, dann begrüße ich diese<br />
Aktivität natürlich. Ich bin auch der Meinung, dass wir<br />
schnell zu entsprechenden Ergebnissen kommen müssen, beispielsweise<br />
bei der Reform der Sozialversicherungssysteme; hinsichtlich eines<br />
nächsten Schrittes der Unternehmenssteuerreform oder &#8211; ganz<br />
wesentlich auch &#8211; beim Bürokratieabbau. Wenn ich mich allerdings<br />
an meine aktive Tätigkeit in der Tarifpolitik zurückerinnere,<br />
dann hätte ich mich, wenn ich mit den Gewerkschaften wirklich<br />
etwas erreichen wollte, nicht mit einem Brief an meine Partner gewandt,<br />
sondern versucht, mit ihnen im stillen Kämmerlein die aktuellen<br />
Fragen zu diskutieren.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> D.h. der Briefwechsel ist alles in<br />
allem eine überflüssige Aktion?
</p>
<p>
<b>Dieter Hundt:</b> Ich würde das nicht als überflüssig<br />
bezeichnen. Ich schmunzle eher etwas über die Vorgehensweise.<br />
Ich hoffe aber darauf, dass aus der Initiative doch noch ein Erfolg<br />
resultiert, den die deutsche Wirtschaft dringend benötigt,<br />
um zu mehr Wachstum zu kommen.
</p>
<p>
<b>gnfgfn:</b> Sie schlagen einen Reformgipfel vor. Wollen<br />
Sie eine Neuauflage der Konzertierten Aktion, nur am liebsten ohne<br />
die Gewerkschaften?
</p>
<p>
<b>Dieter Hundt:</b> Wir hatten in der Regierungsära<br />
Schröder das Bündnis für Arbeit, das ich und die<br />
deutschen Arbeitgeber sehr positiv begleitet haben. Bedauerlicherweise<br />
ist dieses vor zwei Jahren von Ver.di torpediert worden. Ich sehe<br />
aktuell keine Möglichkeit, dieses Bündnis wieder aufleben<br />
zu lassen. Jetzt sind vielmehr die verantwortlichen Institutionen,<br />
insbesondere die Bundesregierung, gefordert, weitere Reformen umzusetzen.<br />
Wobei ich an die Opposition appelliere, derartige Verbesserungen<br />
der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen im Bundestag nicht zu torpedieren.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Ganz konkret in Sachen Sozialreformen:
</p>
<p>
<b>Baum:</b> 345 Euro im Monat und man kann als ALG II-Empfänger<br />
noch nicht einmal von seinen laufenden Verträgen (z.B. Hausratsversicherung,<br />
etc.) zurücktreten. Nennen Sie das eine gelungene und ausgewogene<br />
Reform?
</p>
<p>
<b>Dieter Hundt: </b>Ich halte Harzt IV für eine<br />
wichtige und richtige Reform, die Zusammenlegung von Arbeitslosen-<br />
und Sozialhilfe war schon lange überfällig. Ich gehe davon<br />
aus, dass im weiteren Verlauf des Jahres, Harzt IV auch positive<br />
Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt hat und wir durch diese Reform<br />
insbesondere erreichen, dass die durchschnittliche Arbeitslosigkeit<br />
in der Zeitdauer in Deutschland reduziert wird. Wir haben in Deutschland<br />
eine durchschnittliche Dauer der Arbeitslosigkeit von 30 Wochen.<br />
Der EU-Durchschnitt liegt bei etwa 2/3 dieses Wertes. Mit Hartz<br />
IV besteht jetzt auch die Möglichkeit, die Arbeitswilligkeit<br />
von Arbeitslosen zu testen.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Nun wissen wir, dass die Art der Statistik<br />
die Arbeitslosigkeit stark beeinflusst. Wo liegt denn ihrer Meinung<br />
nach die Zahl &#8211; oder Quote &#8211; die erreicht werden kann?
</p>
<p>
<b>Dieter Hundt:</b> Wir hatten bedauerlicherweise im<br />
letzten Jahr, also vor Hartz IV, erneut einen Rekordwert in der<br />
Arbeitslosigkeit. Die aktuell erschreckende und hochgradig Besorgnis<br />
erregende Arbeitslosenzahl von über 5,2 Millionen Menschen<br />
ist auch auf statistische Effekte von Hartz IV und saisonale Entwicklungen<br />
zurückzuführen.<br />
Diese Begründung ändert allerdings nichts daran, dass<br />
Maßnahmen zur Reduktion von Arbeitslosigkeit in Deutschland<br />
allerhöchste Priorität haben müssen. Hartz IV allein<br />
wird die Probleme sicherlich nicht lösen. Ich gehe davon aus,<br />
dass wir im weiteren Verlauf des Jahres eine rückläufige<br />
Entwicklung der Arbeitslosenzahlen haben werden. Eine quantitative<br />
Prognose auszusprechen, halte ich allerdings für unseriös<br />
und nicht möglich. Wichtig erscheint mir dass wir auch zusätzliche<br />
Nischenmöglichkeiten nutzen. Ich denke dabei insbesondere an<br />
die verstärkte Besetzung des Niedriglohnsektors, den wir in<br />
Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern bisher zu wenig<br />
ausfüllen.
</p>
<p>
<b>erem:</b> Obwohl die BRD Exportweltmeister ist, wird<br />
immer über zu hohe Produktions-/Lohnkosten geklagt. Wie kann<br />
das sein, wenn die Kosten zu hoch sind? Wieso sind die Produkte<br />
mehr als nur konkurrenzfähig?
</p>
<p>
<b>Dieter Hundt:</b> Deutschland ist traditionell ein<br />
exportorientiertes Land. Wir haben unverändert hochwertige<br />
Produkte und Produktionsverfahren, die unter dem Label &quot;Made<br />
in Germany&quot; weltweit Anerkennung finden. Der zunehmend scharfe<br />
Wettbewerb in einer globalisierten Welt zwingt die deutschen Unternehmen<br />
aber permanent zu einer Reduktion ihrer Herstellkosten und damit<br />
ihrer Preise. Diesem Zwang werden die deutschen Unternehmen in zunehmendem<br />
Maße nur noch dadurch gerecht, dass immer größere<br />
Umfänge der Produktion in kostengünstigere Länder<br />
verlagert werden, um damit aus dem Kostenmix der inländischen<br />
und der ausländischen Fertigung den Wettbewerbsanforderungen<br />
zu entsprechen. Ich weise darauf hin, dass der inländische<br />
Wertschöpfungsanteil der deutschen Exporte in der Zwischenzeit<br />
auf etwa 60% zurückgegangen ist. D.h., mit unseren Exporterfolgen<br />
werden in ständig zunehmendem Umfang auch Arbeitsplätze<br />
im Ausland geschaffen.
</p>
<p>
<b>C.Sievers:</b> Wo liegt Ihres Erachtens das Hauptproblem<br />
bzgl. der Löhne? In der Hochlohnpolitik der Gewerkschaften<br />
oder in den durch die Wiedervereinigung zu hohen Sozialbeiträgen?
</p>
<p>
<b>Dieter Hundt:</b> Deutschland ist ein erfreulicherweise<br />
hoch entwickeltes Land, mit einer im internationalen Vergleich auf<br />
hohem Niveau befindlichen Infrastruktur, Kultur, Medizin und vielem<br />
anderen mehr. Und damit zwangsläufig ein Land mit vergleichsweise<br />
hohen Einkommen. Meine Hauptstoßrichtung, mit Blick auf eine<br />
Verbesserung der internationalen Konkurrenzfähigkeit der deutschen<br />
Wirtschaft, geht nicht primär in Richtung einer Reduktion unserer<br />
Bruttoeinkommen. Die entscheidenden Stellschrauben sind vielmehr<br />
eine Absenkung der im weltweiten Vergleich höchsten Lohnzusatz-Kosten.<br />
Ganz wesentlich bedingt auch durch unsere hohen Sozialversicherungsbeiträge<br />
und darüber hinaus eine Erhöhung der Arbeitszeiten.
</p>
<p>
Wenn wir Steuern und Abgaben reduzieren, verbessert dieses nicht<br />
nur die internationale Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen,<br />
sondern belässt unseren Beschäftigten auch mehr Netto<br />
für ihr Bruttoeinkommen. Und dieses ist wiederum die Voraussetzung<br />
dafür, dass der Einzelne mehr Eigenverantwortung und auch mehr<br />
Eigenvorsorge übernehmen muss. Natürlich belasten die<br />
Kosten der deutschen Wiedervereinigung unsere Sozialkassen und den<br />
Staatshaushalt zusätzlich. Ich bin aber der festen Meinung<br />
und Überzeugung, dass ein Land wie Deutschland mit unserem<br />
enormen wirtschaftlichen Potential diese historische Chance schultern<br />
muss und &#8211; vor allen Dingen &#8211; auch kann.
</p>
<p>
<b>AlterSchwedeähPole:</b> Was heißt für<br />
Sie internationale Wettbewerbsfähigkeit? Soll Deutschland sich<br />
an Osteuropa oder an Skandinavien orientieren?
</p>
<p>
<b>Dieter Hundt:</b> Für mich heißt internationale<br />
Wettbewerbsfähigkeit, dass wir uns auf den Weltmärkten<br />
erfolgreich betätigen und im Gegensatz zu den letzten vier<br />
Jahren ausreichend Aufträge und Beschäftigung nach Deutschland<br />
holen, um ein dem deutschen Wirtschaftspotential angemessenes Wachstum<br />
zu erzielen. Wir haben drei Jahre mit Nullwachstum hinter uns und<br />
im letzten Jahr ein bescheidenes Wirtschaftswachstum von bescheidenen<br />
1,5% erzielt. Mit dieser Entwicklung über einen Zeitraum von<br />
vier Jahren liegen wir in Europa auf einem hintersten Tabellenplatz,<br />
was unserem Wirtschaftspotential nicht angemessen ist. Auf dem Weg<br />
der Verbesserung der wirtschaftlichen Standortbedingungen können<br />
wir von anderen Ländern einiges lernen. Das gilt sowohl für<br />
die skandinavischen als auch die Benelux-Länder. Eine Kopie<br />
hilft nicht weiter. Wir müssen eine deutsche Lösung finden,<br />
wobei wir Erfahrungen in anderen Ländern durchaus mit berücksichtigen<br />
und nutzen sollten.
</p>
<p>
<b>Detlef2904:</b> Herr Hundt, wie sollen Langzeiterwerblose<br />
Eigenvorsorge leisten, die u.U. Arbeitsgelegenheiten, wie die sogenannten<br />
1-€-Jobs ausüben müssen?
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Ich will die Frage nachschieben: Schaffen<br />
wir uns mit Dauer-Niedriglöhnen nicht in ein paar Jahren eine<br />
neue Rentnerarmut? Die es heute weitgehend unbestritten nicht gibt.
</p>
<p>
<b>Dieter Hundt:</b> Zunächst einmal ist ja für<br />
die Sozialhilfe-Empfänger und auch die ALG-II-Empfänger<br />
eine Regelung vereinbart, wonach die Sozialversicherungsbeiträge<br />
nicht, oder nicht in vollem Umfang von den Betroffenen zu entrichten<br />
sind. Darüber hinaus muss die Zielrichtung von Hartz IV sein,<br />
diese Menschen verstärkt wieder in Beschäftigung zu bringen.<br />
Wir sollten dazu auch die bestehenden Anrechnungsregelungen verbessern,<br />
d.h. den Menschen, die eine zusätzliche Tätigkeit übernehmen,<br />
mehr von dem Zuverdienst zu lassen, um sie über diese Schiene<br />
wieder verstärkt in den Arbeitsprozess zu integrieren.<br />
Zur Frage der Niedriglöhne wiederhole ich, dass ich primär<br />
nicht anstrebe, die Entgelte, die Brutto-Entgelte, zu reduzieren,<br />
sondern dass wir über eine deutliche Reduktion der Lohnzusatzkosten<br />
und eine flexible Verlängerung der Arbeitszeiten, entsprechend<br />
der Beschäftigungssituation in den Unternehmen, unsere Arbeitskosten<br />
reduzieren und damit unsere Wettbewerbsfähigkeit verbessern.<br />
Wenn die Beschäftigten mehr Netto für ihr Brutto behalten<br />
können, ist die Voraussetzung für zusätzliche Eigenvorsorge<br />
verbessert, bzw. gegeben. Die Zielsetzung der deutschen Wirtschaft,<br />
bzw. der Arbeitgeber-Verbände, geht dahin, die paritätischen<br />
Versicherungssysteme auf eine Basissicherung zurückzuführen,<br />
die teilweise auch vom Arbeitsentgelt entkoppelt werden müssen<br />
und auf die der Einzelne dann auf Grund seiner individuellen Gegebenheiten<br />
Zusatzversorgungen gegen Krankheit, für Pflege und für<br />
das Alter aufsetzt.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Konkreter Vorschlag von:
</p>
<p>
<b>chillers:</b> Warum setzt sich niemand dafür<br />
ein, dass Schwarzarbeiter alle Ansprüche auf Sozialleistungen<br />
verlieren? Dadurch könnten die Steuerbelastungen und auf der<br />
anderen Seite die Schwarzarbeit sicher erheblich verringert werden.
</p>
<p>
<b>Dieter Hundt:</b> Unsere gemeinsame Zielsetzung von<br />
Wirtschaft und Politik ist, die Schwarzarbeit zurück zu führen.<br />
Deutschland liegt beklagenswerterweise mit seinem Volumen an Schwarzarbeit<br />
im internationalen Vergleich sehr hoch. Der Grund dafür liegt<br />
ganz entscheidend auch in unseren hohen Steuern und Abgaben. Wenn<br />
beispielsweise ein sozialversicherungspflichtig Beschäftigter<br />
fünf bis sechs Stunden arbeiten muss, um einen Monteur für<br />
die Reparatur seiner häuslichen Waschmaschine für eine<br />
Stunde bezahlen zu können, dann ist dies ein Missverhältnis,<br />
das zu Schwarzarbeit führt. Erfreulicherweise hat die in Deutschland<br />
jetzt eingeführte Möglichkeit der Mini-Jobs und der Ich-AGs<br />
im Verlauf des letzten Jahres bereits zu einer merklichen Reduktion<br />
des Umfangs an Schwarzarbeit geführt. Diese Entwicklung muss<br />
fortgesetzt und intensiviert werden, wozu es vor allen Dingen erforderlich<br />
ist, Steuern und Abgaben der Beschäftigten zu reduzieren.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Zweimal zum gleichen Thema:
</p>
<p>
<b>edeit:</b> Sehr geehrter Herr Hundt, eine Senkung<br />
der Lohnzusatzkosten bedeutet doch, dass diese Kosten von anderen<br />
getragen werden müssen &#8211; den Arbeitnehmern selber, oder die<br />
Leistungen der Krankenkassen werden reduziert. Eigenvorsorge mindert<br />
das zur Verfügung stehende Gehalt, die Binnennachfrage wird<br />
weiter sinken.
</p>
<p>
<b>Ulp:</b> Herr Hundt: Wie will die Wirtschaft einen<br />
Binnenmarkt aktivieren, wenn die Löhne runter müssen,<br />
Firmen ihren Sozialanteil streichen wollen, die Arbeitslosigkeit<br />
wegen der Wirtschaft zunimmt, die Industrie kaum noch Arbeitsplätze<br />
schafft? Denken Sie auch an die Demographie.
</p>
<p>
<b>Dieter Hundt:</b> Zunächst zu der Frage der Eigenvorsorge.<br />
Die Grundlage dafür muss dadurch geschaffen werden, dass den<br />
Beschäftigten von ihren Brutto-Einkommen mehr netto übrig<br />
bleibt, aus dem dann entsprechend den jeweils entsprechenden persönlichen<br />
Gegebenheiten Eigenverantwortung und Eigenvorsorge übernommen<br />
werden kann. Darüber hinaus bin ich entschieden auch der Meinung,<br />
dass bei den Sozialversicherungssystemen auf der Kostenseite Abstriche<br />
vorgenommen werden müssen. Es kann beispielsweise nicht sein,<br />
dass die Beitragszahler, also Unternehmer und Beschäftigte,<br />
jetzt jährlich etwa sieben Milliarden Euro für den sogenannten<br />
&quot;Aussteuerungsbetrag&quot; in der Arbeitslosen-Versicherung<br />
für die aus der Versicherungsleistung Arbeitslosengeld in die<br />
Fürsorgeleistung ALG-II übertretenden bezahlen müssen.<br />
Dieses ist eine Belastung der Beitragszahler zur Auffüllung<br />
von Löchern im Staatshaushalt. Das gleiche gilt für die<br />
Bezahlung von nachgeholten Hauptschul-Abschlüssen oder Reha-Massnahmen<br />
für Menschen, die noch nie in die Sozialversicherungen einbezahlt<br />
haben. Fazit also, mehr Eigenvorsorge durch erhöhte Netto-Entgelte<br />
für das jetzige Brutto, und Ausgabenreduktion der Sozialversicherungen.
</p>
<p>
<b>Dieter Hundt:</b> Zur zweiten Frage, Ankurbelung der<br />
Binnenkonjunktur:<br />
Hierfür gibt es nur einen Weg, und dieser liegt in einer Stärkung<br />
der Kaufkraft. Diese wiederum wird nur erreicht durch mehr Beschäftigung<br />
in Deutschland, die teilweise von Wissenschaftlern und insbesondere<br />
einzelnen Gewerkschaften verbreitete Mär, die Binnenkonjunktur,<br />
also den Konsum, durch stärkere Lohnerhöhungen zu intensivieren<br />
ist unsinnig. Durch derartige Maßnahmen erhöhen sich<br />
die Arbeitskosten der deutschen Wirtschaft und verschlechtert sich<br />
die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Unternehmen. Und dieses<br />
führt im Endeffekt zu weiterem Arbeitsplatzverlust und damit<br />
einer Schwächung der Kaufkraft. Im Moment wäre dringend<br />
erforderlich, die in weiten Kreisen der Bevölkerung vorherrschende<br />
Unsicherheit und teilweise auch Zukunftsangst abzubauen. Notwendig<br />
hierzu ist ein Gesamtkonzept, eine Vision mit der wir unseren Bürgerinnen<br />
und Bürgern klar aufzeigen, wo Deutschland steht, wo wir hin<br />
müssen und was uns dort erwartet. Ich bin überzeugt, wenn<br />
ein solches Gesamtkonzept von der Politik glaubhaft in die Öffentlichkeit<br />
gebracht wird, ist dies ein wesentlicher Schritt um die ständig<br />
steigende Sparquote verstärkt in Konsum umzuwandeln. Das die<br />
deutsche Bevölkerung wesentlich mehr bereit ist, Reformen,<br />
teilweise auch einschneidende Reformen zu akzeptieren, zeigt sich<br />
zig-tausendfach in den Unternehmen. Dort sind die Beschäftigten<br />
zu Zugeständnissen und auch Einschränkungen bereit, wenn<br />
ihnen dafür die Zusage gegeben wird, dass die Arbeitsplätze<br />
über längere Zeiträume sicher sind. Diese Entwicklung<br />
wird auch von den Belegschafts-Vertretern, den Betriebsräten,<br />
und &#8211; von Einschränkungen abgesehen -, von den Gewerkschaften<br />
mitgetragen, wofür ich den Betroffenen ausdrücklich meinen<br />
Respekt und meine Anerkennung ausspreche.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Noch mal konkret zu einem zunehmenden<br />
Problem:
</p>
<p>
<b>erem:</b> Beispielsweise Fleischer aus dem Ausland<br />
verdrängen durch Billiglöhne die im Inland tätigen<br />
Fleischer aus ihren Arbeitsplätzen. Man könnte den Eindruck<br />
gewinnen, dass die Bevölkerung der EU auf ein Lohnniveau drückt,<br />
dass dem der Länder der dritten Welt in etwa gleichkommt. Wie<br />
stehen sie zu der EU-Bestimmung, dass Betriebe aus den neuen Mitgliedstaaten<br />
deutschen Unternehmen ihre Dienstleistungen anbieten dürfen<br />
-und zwar zu deren Arbeitsbedingungen.
</p>
<p>
<b>Dieter Hundt:</b> Ich kann die Sorgen der betroffenen<br />
Beschäftigten nachvollziehen. Ich bin auch der Meinung, dass<br />
jeglichem Missbrauch Vorschub geleistet wird. Es sind im Verlauf<br />
der letzten Wochen Entwicklungen bekannt geworden, wonach deutsche<br />
Arbeitnehmer durch billigere ausländische Arbeitskräfte<br />
ersetzt worden sind. All dieses erfolgt im Rahmen der derzeitigen<br />
Gesetze und Regelungen und hat nichts mit der -in der Diskussion<br />
befindlichen-, neuen europäischen Dienstleistungsrichtlinie<br />
zu tun. Zu dieser Richtlinie hat die Bundesregierung eine Stellungnahme<br />
abgegeben, die in voller Übereinstimmung mit der Position der<br />
deutschen Wirtschaft liegt. Im Zusammenhang mit der Durchführung<br />
von Arbeiten in Deutschland durch ausländische Arbeitnehmer<br />
im Rahmen von Werkverträgen auf der Grundlage niedrigerer Entgelte,<br />
muss berücksichtigt werden, dass die Arbeitnehmerschutzrechte<br />
in Deutschland für diese ausländischen Arbeitskräfte<br />
voll inhaltlich gültig sind. Darüber hinaus müssen<br />
wir auch bedenken, dass, wenn diese Möglichkeit, Aufträge<br />
im Rahmen von Werkverträgen durch ausländische Arbeitskräfte<br />
abwickeln zu lassen, eingeschränkt wird, die Unternehmen die<br />
Möglichkeit nutzen werden, entsprechende Tätigkeiten in<br />
das kostengünstigere Ausland zu verlagern. Gerade Deutschland,<br />
als exportintensive Nation, die ganz entscheidend auf Exporterfolge<br />
angewiesen ist, sollte mit jeder Einschränkung hinsichtlich<br />
der Freizügigkeit von Dienstleistungen sehr zurückhaltend<br />
sein, weil eine derartige deutsche Politik die Gefahr beinhaltet,<br />
dass andere Länder Restriktionen auch im Zusammenhang von Importen<br />
von deutschen Waren festlegen.
</p>
<p>
<b>van de Laar:</b> Glauben Sie, Herr Dr. Hundt, dass<br />
die Gemeinden, die von Hartz IV profitieren, indem sie große<br />
Teile der Sozialhilfeabgaben einsparen, ihre Investitionen erhöhen<br />
und damit für Beschäftigung sorgen werden?
</p>
<p>
<b>Dieter Hundt:</b> Die Finanzsituation der deutschen<br />
Kommunen hat sich im Verlauf der letzten Jahre deutliche verschlechtert.<br />
Die Kommunen haben jetzt offensichtlich Leistungen auf die BfA verlagert,<br />
indem in offensichtlich größerem Umfang bisherige Sozialhilfe-Empfänger<br />
in ALG-II-Bezieher umgestuft wurden. Sofern es sich hierbei nicht<br />
um missbräuchliche Vorgehensweisen handelt, wird die Finanzsituation<br />
der Kommunen möglicherweise verbessert, und ich kann mir durchaus<br />
vorstellen, dass dann ggf. die Investitionstätigkeit im kommunalen<br />
Sektor in der Zukunft wieder etwas verbessert wird.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Das klingt nicht sehr optimistisch&#8230;
</p>
<p>
<b>Dieter Hundt:</b> Die Gesamtsituation der Kommunen<br />
ist angespannt. Es gilt dort das Gleiche wie für die gesamte<br />
deutsche Wirtschaft. Wir benötigen Kostenentlastungen, um wieder<br />
zu verstärkter Investitionstätigkeit in der vollen Breite<br />
zu kommen. Ich bin von Haus aus Optimist. Dieses muss ich als schwäbischer<br />
mittelständischer Unternehmer auch sein. Wir sind in Deutschland<br />
mit den im letzten Jahr eingeleiteten Reformen der Agenda 2010 auf<br />
dem richtigen Weg und erste Schritte vorangekommen. Wenn dieser<br />
Weg intensiv weiter beschritten wird, bestehen aus meiner Sicht<br />
gute Möglichkeiten die wirtschaftliche Situation zu verbessern<br />
und auch in Deutschland wieder zu angemessenem Wirtschaftswachstum<br />
und damit auch zu Beschäftigungsaufbau zu kommen. Wir dürfen<br />
allerdings die Hände nicht in den Schoß legen und bis<br />
zur nächsten Bundestagswahl warten. Schnelles Handeln ist gefordert!
</p>
<p>
<b>chillers:</b> Ich bin im elterlichen mittelständischen<br />
Industriebetrieb tätig. Aus meiner Erfahrung liegt das Problem<br />
nicht zu aller erst in den hohen Löhnen, sondern in unserem<br />
deutschen Bürokratismus und in der immer schlechter werdenden<br />
Bildung. Fachkräfte zu finden, die bereit sind flexibel die<br />
geforderten Anforderungen zu meistern, ist ein enormes Problem.
</p>
<p>
<b>studi246:</b> Sehr geehrter Herr Hundt! Warum nutzt<br />
man nicht die Chance und investiert jetzt endlich massiv in Bildung?<br />
So kann man wenigstens davon ausgehen, dass es in 5-10 Jahren wenigstens<br />
besser wird. Davor wird nichts passieren. Wie sie schon sagten werden<br />
ja auch die deutschen Arbeitnehmer immer mehr ersetzt. Man wäre<br />
also gut beraten endlich massiv in die Bildung zu investieren. Nur<br />
so können wir wieder wettbewerbsfähig werden.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Teilen Sie diese Einschätzung?
</p>
<p>
<b>Dieter Hundt:</b> Zunächst teile ich die Bemerkung,<br />
dass nicht unsere hohen Bruttolöhne das entscheidende Kriterium<br />
für unsere Wachstumsschwäche sind, sonder vielmehr unsere<br />
hohen Arbeitskosten, die ganz wesentlich durch die hohen deutschen<br />
Lohnzusatzkosten und die weltweit kürzesten Arbeitszeiten begründet<br />
sind. Eine weitere Behinderung für eine erfolgreiche Unternehmertätigkeit<br />
ist das hohe Maß an Bürokratie. Die Initiative Bürokratieabbau<br />
ist nachhaltig aufgefordert, hier Verbesserung in Form von Abbau<br />
von Gesetzen zu erreichen. Die deutsche Wirtschaft leidet darüber<br />
hinaus seit langem unter einer rückläufigen Entwicklung<br />
der schulischen Bildung. Eine immer größere Zahl junger<br />
Menschen bringt die schulischen Voraussetzungen für eine betriebliche<br />
Ausbildung nicht mit. Und darüber hinaus sind die Studienzeiten<br />
in Deutschland zu lang. Im Vergleich zu anderen Ländern treten<br />
die Deutschen um einige Jahre später in das Berufsleben ein.<br />
Ich behaupte, wir Deutschen sind nicht dümmer als andere Nationen<br />
und deshalb liegt es an unseren Regelungen und Regulierungen, dass<br />
wir unsere Studierenden nach kürzerer Studienzeit früher<br />
in das Berufsleben bringen.
</p>
<p>
Reformen im Bildungswesen, und zwar von der Grundschule bis zur<br />
Hochschule, sind als Notwendigkeit erkannt und zunehmend auch in<br />
der Umsetzung. Die Erkenntnisse der PISA-Studie haben uns hier erfreulicher-<br />
und bedauerlicherweise die Augen geöffnet. Es besteht auch<br />
Übereinstimmung, dass für unser Bildungssystem in größerem<br />
Umfang finanzielle Mittel zur Verfügung gestellt werden müssen.<br />
Hierzu sind allerdings an anderer Stelle Einsparungen notwendig.<br />
Für die Bildung wird beispielsweise in Deutschland gerade einmal<br />
etwa ein Sechstel des Aufwands der Sozialsysteme ausgegeben. Und<br />
darüber hinaus muss die Einführung von Studiengebühren,<br />
die ausschließlich den Hochschulen zur Verfügung gestellt<br />
werden müssen, einen Beitrag in Richtung einer Verbesserung<br />
der finanziellen Ausstattung der Hochschulen leisten.
</p>
<p>
<b>Hans-Peter:</b> Sehr geehrter Herr Hundt, die Lohnzusatzkosten<br />
ließen sich doch dadurch verringern, indem wir unsere differenzierten<br />
Systeme im Bereich der Krankenkassen und Rentenversicherungsträger<br />
verlassen. Wäre es nicht effektiver eine Kranken- und Rentenversicherung<br />
für alle zu haben, anstatt Hunderte von Institutionen mit eigenen<br />
Vorständen, Geschäftsstellen etc.?
</p>
<p>
<b>Dieter Hundt:</b> Ich plädiere grundsätzlich<br />
für Wettbewerb. Im Gesundheitswesen sollte dieser Wettbewerb<br />
allerdings deutlich ausgeweitet werden. In dieser Frage besteht<br />
im Übrigen auch Übereinstimmung zwischen Arbeitgebern<br />
und Gewerkschaften. Wir müssen den Wettbewerb im Gesundheitswesen<br />
auf allen Ebenen ausweiten. Ich kann beispielsweise nicht akzeptieren,<br />
dass es einer Krankenkasse nicht möglich sein soll, Vereinbarungen<br />
mit Ärzten, Arzneimittelherstellern oder Krankenhäusern<br />
für den Kreis ihrer Versicherten selbst abschließen zu<br />
können. Wettbewerb ist erfahrungsgemäß die Voraussetzung<br />
für Wirtschaftlichkeit.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Sie sprachen von einem Gesamtkonzept,<br />
einer Vision:
</p>
<p>
<b>Marc Frauendorf:</b> Glauben Sie, dass in der Politik<br />
die richtigen Leute sitzen, die einen entsprechenden beruflichen<br />
Hintergrund mitbringen, um ein Gesamtkonzept zu erstellen &#8211; klare<br />
Ziele zu definieren und den Menschen aufzeigen wie man diese Ziele<br />
auch erreichen kann. Bei Betrachtung der Biographien einzelner Politiker<br />
möchte ich das bezweifeln.
</p>
<p>
<b>Dieter Hundt:</b> Wir haben gewählte Volksvertreter,<br />
die die Aufgabe haben, dieses Gesamtkonzept, bzw. diese Vision realistisch<br />
zu erarbeiten und der Bevölkerung glaubhaft zu vermitteln.<br />
Ich habe keinen Grund, an der entsprechenden Qualifikation, zumindest<br />
der in der Politik verantwortlichen zu zweifeln. Trotzdem würde<br />
ich mir wünschen, dass mehr Menschen mit Erfahrungen aus der<br />
Wirtschaft sich für eine Mitarbeit in der Politik zur Verfügung<br />
stellen. Dies ist aber keine Kritik an der Politik sondern ein Appell<br />
an uns, die Verteter der Wirtschaft.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Das war&#8217;s, unsere Chat-Stunde ist vorbei.<br />
Vielen Dank für das große Interesse, vielen Dank, Herr<br />
Hundt, dass Sie zum Chatten gekommen sind. Das Protokoll des Chats<br />
finden Sie wie gewohnt zum Nachlesen auf den Seiten der Veranstalter.<br />
Der nächste Chat findet Morgen statt. Dann stellt sich Rezzo<br />
Schlauch, Grünen-Politiker und Staatssekretär im Ministerium<br />
für Wirtschaft und Arbeit, den Fragen. tagesschau.de wünscht<br />
allen noch einen schönen Tag!
</p>
<p>
<b>Dieter Hundt:</b> Ich bedanke mich für das enorme<br />
Interesse. Ich habe mich insbesondere über die außerordentlich<br />
sachliche Diskussion sehr gefreut. Ich wünsche allen Teilnehmern<br />
für die Zukunft alles Gute.
</p>
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</p>
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