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	<title>Außenpolitik &#8211; politik-digital</title>
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	<title>Außenpolitik &#8211; politik-digital</title>
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		<title>Digitale Diplomatie: Außenpolitik im Wandel</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Carlotta Duken]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 13 Jul 2016 13:26:42 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[News]]></category>
		<category><![CDATA[Auswärtiges Amt]]></category>
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					<description><![CDATA[Schweden und Dänemark trollen sich auf Twitter, Israel schickt Snapchats und Finnland kreiert eigene Emojis –Digitalisierung trifft auf Diplomatie. Während [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://politik-digital.de/wp-content/uploads/auswärtiges-amt-hellblau.jpg"><img fetchpriority="high" decoding="async" class="alignnone wp-image-149719 size-full" src="http://politik-digital.de/wp-content/uploads/auswärtiges-amt-hellblau.jpg" alt="Auswärtiges Amt" width="640" height="280" /></a><br />
Schweden und Dänemark trollen sich auf Twitter, Israel schickt Snapchats und Finnland kreiert eigene Emojis –Digitalisierung trifft auf Diplomatie. Während „eDiplomacy“ mehr Möglichkeiten für Transparenz und Dialog mit der Bevölkerung eröffnet, stellt es Staaten auch vor neue Herausforderungen und Risiken.</p>
<p>Diplomatie galt bislang als Kunst des bedachten Verhandelns und Vermittelns. Diplomatisches Geschick im 21. Jahrhundert bedeutet jedoch auch, Schritt zu halten mit dem Tempo gesellschaftlicher Veränderungen, die sich nun einmal überwiegend online abspielen. Lässt sich deutsche Außenpolitik in 140 Zeichen erklären? Wahrscheinlich nicht. Doch obwohl wichtige Gespräche und Verhandlungen weiterhin hinter verschlossenen Türen stattfinden, ergänzen soziale Medien nun die Palette diplomatischer Werkzeuge.</p>
<p>Unter „Digital Diplomacy“ oder „eDiplomacy“ versteht man die Nutzung neuer Kommunikationswege, um diplomatische Ziele zu erreichen. Die Studie <a href="http://twiplomacy.com/blog/twiplomacy-study-2016/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">&#8220;Twiplomacy&#8221;</a> (2016)  fand heraus, dass Twitter als beliebtestes Medium insgesamt 793 Twitter-Accounts von Regierungen und Staatschefs umfasst, die sich auf 173 Länder verteilen. Weitere beliebte Netzwerke sind Facebook, genutzt von 169 Ländern, gefolgt von YouTube, Instagram und anderen Plattformen wie Google+, LinkedIn oder Snapchat.</p>
<p>Kein Land kann es sich leisten, das Potenzial von Social Media für außenpolitische Zwecke zu ignorieren. Als erstes Land erkannten das die USA, die bereits früh in digitale Technologien ihrer Auslandsvertretungen investierten. Als Pioniere der digitalen Diplomatie brachte das amerikanische Außenministerium im Jahr 2006 ein eigenes „Diplopedia“ auf den Weg, eine komprimierte Online-Sammlung von diplomatischem Wissen, das den Austausch und die Erweiterung von Informationen erleichterte und beschleunigte.  Auch das Auswärtige Amt verstärkt seine Präsenz im Netz und zählt derzeit etwa 365,000 Twitter-Anhänger. Seit diesem Jahr hat es sogar einen Instagram Account, der von Frank-Walter Steinmeier mit einem <a href="http://www.shz.de/deutschland-welt/netzwelt/freshness-ist-alles-frank-walter-steinmeier-wird-hip-auf-instagram-id13910057.html" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Video</a> und den Begrüßungsworten „Hey Ladies and Gentlenerds“ eingeweiht wurde.</p>
<h3>Was Digitale Diplomatie wirklich verändert</h3>
<p>Wie wirksam ist eDiplomacy tatsächlich? Für Außenministerien und Diplomaten bedeutet eine Social Media Präsenz zunächst, die eigene Sichtbarkeit und somit Relevanz für den Normalbürger zu erhöhen. Wenn also der derzeitige deutsche Botschafter in London über Twitter der Wimbledon Gewinnerin Serena Williams gratuliert oder wenn Barack Obama zu einer „Ask Me Anything“ Session auf Reddit einlädt, macht sie das nicht nur sympathisch, sondern beweist auch Mediengeschick und Bürgernähe. Neben ihrer traditionellen Rolle als Regierungsbeauftragte werden Diplomaten durch neue Medien zu Bürgerbeauftragten. Es entsteht ein Dialog mit der Zivilgesellschaft, den die konventionelle Diplomatie nicht kennt.</p>
<p>Letztendlich profitieren – im Idealfall &#8211; beide Seiten von diesem Dialog: Bürger können mitdiskutieren, kritisieren und vielleicht sogar politischen Einfluss nehmen; Botschaften verstehen eher die Sorgen und Bedenken der jeweiligen Landesbevölkerung und können eigene Informationen effektiver verbreiten, ohne den Umweg über die Presse zu nehmen. Die Nutzweise digitaler Medien variiert dabei stark: während einige Länder vor allem das eigene Land bewerben und kulturelle Botschaften verbreiten, propagieren andere die politische Sichtweise der Regierung. Allerdings gibt es noch andere Situationen, in denen sich Plattformen wie Twitter und Facebook bezahlt machen können. In Krisensituationen wie zum Beispiel 2012 bei dem Hurrikane Sandy machten viele Botschaften von sozialen Medien Gebrauch, um mit der Diaspora ihres Landes Kontakt aufzunehmen, und dessen Wohlbefinden zu überprüfen.</p>
<p>Fraglich bleibt, wie viel mehr Kommunikation und Interaktion durch diese neuen Formen der digitalen Diplomatie geschaffen werden. Zwar kann jetzt jedermann dem Außenminister seine Meinung tweeten, unklar ist aber, ob dies politische Auswirkungen hat. Viel mehr verdienen soziale Medien ihren Wert für die Diplomatie in ihrer Rolle als Stimmungsbarometer der Gesellschaft. Sowohl im außenpolitischen als auch im nationalen Kontext hat die Netzmeinung Bedeutung, zum Beispiel, um sozial-politisches Konfliktpotenzial bereits im Vorfeld zu analysieren. Im Gegenzug können Staaten jedoch auch das undemokratische Potenzial der neuen Medien nutzen, um Propaganda und Falschinformationen zu verbreiten oder Meinungen zu unterdrücken.</p>
<h3>Neue Herausforderungen: schnell, authentisch, präzise</h3>
<p>Die Nutzung neuer Medien verlangt auch Anpassungsfähigkeit: Gilt traditionelle Diplomatie doch als Kunst der besonnenen Worte, verlangen Twitter und Co. hingegen nach Schnelligkeit und Schlagfertigkeit. Michael Roth, der Staatsminister für Europa im Auswärtigen Amt, sagte in einem Interview auf <a href="http://blog.telekom.com/2015/12/17/diplomatie-braucht-trotz-internet-geschuetzte-raeume/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Netzgeschichten</a>, dass er „viel stärker als früher mit Wünschen, Forderung und Kritik konfrontiert wird“. Dass die Möglichkeit der schnellen Reaktionsfähigkeit auch neue Herausforderungen mit sich bringt, bewies der unglückliche Fehler der Russischen Botschaft aus London, die im Mai diesen Jahres als Foto für einen <a href="https://twitter.com/russianembassy/status/730701444823826432" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Tweet</a> über einen mit chemischen Waffen geladenen Lastwagen der Extremisten in Aleppo ein Screenshot aus einem Computer-Spiel verwendeten und anschließend viel Spott dafür ernteten.</p>
<p>Neue Medien bedeuten auch eine neue, junge Zielgruppe mit anderen Interessen und Sprachgebrauch. Der Grat zwischen hipp, authentisch und doch präzise und politisch korrekt ist schmal. Nach dem Brexit erhielt folgender Tweet  des Auswärtigen Amts vor allem positive Reaktionen: „<a href="https://twitter.com/AuswaertigesAmt/status/746422386598223872?ref_src=twsrc%5Etfw" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Wir gehen jetzt in einen irischen Pub und betrinken uns. Ab morgen arbeiten wir dann wieder für ein besseres <span style="text-decoration: line-through;">#</span>Europa. Versprochen!</a>“</p>
<p>Noch aber befinden sich die meisten Länder im Frühstadium ihrer digitalen Kommunikation. Das derzeitige Online-Angebot ausländischer Vertretungen ist bereits riesig, aber dadurch oft unübersichtlich. Während manche Botschaften mit eigenen Accounts arbeiten, sind es in anderen Fällen spezifische Programme oder Einzelpersonen der Regierung, die auf Twitter oder Facebook auftreten. Auch an den richtigen Medienstrategien mangelt es so manchen Botschaften, da verschiedenen Plattformen ihre eigenen Zielgruppen haben und damit einhergehend daher auch individuelle Taktiken verlangen. In der Nutzung neuer digitaler Plattformen für Auslandsvertretungen ist Deutschland im Ländervergleich nur Mittelmaß und liegt hinter den skandinavischen Ländern und Großbritannien. Laut Anja Türkan, der Digital Diplomacy Expertin des Auswärtigen Amts, hängt das schlechte Abschneiden unter anderem mit den relativ strikten Hierarchien im Auswärtigen Amt zusammen, die den digitalen Wandel in Deutschlands Außenpolitik entschleunigen.</p>
<h3>Risiken und Zukunft der eDiplomacy</h3>
<p>Ganz ohne Risiken funktioniert die digitale Reform der Diplomatie leider nicht. Die Öffentlichkeit im Netz verlangt nach schnellen Reaktionen und klaren Antworten. Das ist Neuland für die konventionelle Diplomatie, die sonst höchstüberlegt und unter vier Augen über die Bühne geht. Dass man sich in ungewohntem Terrain auch schneller Fehler leistet, zeigen Beispiele diplomatischer Fauxpas im Internet, wie der erwähnte Tweet der Russischen Botschaft oder aber das per Photoshop bearbeitete <a href="http://www.telegraph.co.uk/news/worldnews/asia/india/12032546/Narendra-Modi-photoshopped-image-of-Chennai-floods-visit-goes-viral.html" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Twitter-Bild des Indischen Premieministers</a>. Gleichzeitig besteht die Gefahr für Staaten, Opfer von Datenleaks zu werden, zum Beispiel durch Enthüllungsseiten wie WikiLeaks, die bereits 2010 für die Veröffentlichung von mehr als 250.000 sensibler diplomatischer Aufzeichnungen der USA verantwortlich war.</p>
<p>Und eine Frage bleibt natürlich: wie genau misst man nun den Erfolg digitaler Diplomatie? Das amerikanische Außenministerium beeindruckt mit etwa 3 Millionen Followern im internationalen Vergleich, folgt selbst aber nicht mehr als 450. Ist die Zahl der Follower oder die Menge der Verknüpfungen ein besserer Maßstab für gute eDiplomacy? Momentan scheint es zu früh, um die Ergebnisse und Folgen digitaler Diplomatie abzusehen. Das Grundwesen der Diplomatie bleibt nichtöffentlich und diskret – daran konnten auch Twitter und Facebook nichts ändern. Jedoch wird auch die Außenpolitik sich dem digitalen Wandel nicht entziehen können und twitternde Botschafter sind wohl nur der Anfang.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><span class="licensetpl_attr">Titelbild: Auswärtiges Amt by </span><a href="http://politik-digital.de/"><span class="licensetpl_attr">politik-digital.de</span></a><span class="licensetpl_attr"> licenced <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">CC-BY-SA</a><br />
</span></p>
<p><a href="http://politik-digital.de/wp-content/uploads/CC-Lizenz-630x11011.png" target="_blank" rel="noopener noreferrer"><img decoding="async" class="alignleft  wp-image-139428" src="http://politik-digital.de/wp-content/uploads/CC-Lizenz-630x11011.png" alt="CC-Lizenz-630x1101" width="441" height="77" /></a></p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>&#8220;Olympiaboykott wäre wirkungslos&#8221;</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Stephanie Torge]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 18 Mar 2008 16:34:29 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Chattranscripte]]></category>
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					<description><![CDATA[Am Dienstag, 18.3.08, war Eberhard Sandschneider, China-Experte und Direktor des Forschungsinstitutes der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) zu Gast im tagesschau-Chat in Kooperation mit politik-digital.de. Er sprach über die Aufstände in Tibet und die Rolle der chinesischen Regierung.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Am Dienstag, 18.3.08, war Eberhard Sandschneider, China-Experte und Direktor des Forschungsinstitutes der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) zu Gast im tagesschau-Chat in Kooperation mit politik-digital.de. Er sprach über die Aufstände in Tibet und die Rolle der chinesischen Regierung.<!--break--> </p>
<p>
<b></b>
</p>
<p>
<b>Moderatorin</b>: Herzlich willkommen im tagesschau-Chat. Im ARD-Hauptstadtstudio ist heute Prof. Dr. Eberhard Sandschneider zu Gast. Er ist China-Experte und Direktor des Forschungsinstitutes der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik. Liebe User, nutzen Sie die Gelegenheit, um ihre Fragen zu den massiven Aufständen in Tibet an unseren Experten zu richten. Herr Sandschneider, herzlich willkommen &#8211; können wir beginnen?
</p>
<p>
<b>Eberhard Sandschneider</b>: Selbstverständlich, ich freue mich auf die Fragen.
</p>
<div style="text-align: center">
<img decoding="async" src="/wp-content/uploads/sandschneider300.jpg" alt="Eberhard Sandschneider" title="Eberhard Sandschneider" width="181" height="234" /> 
</div>
<div style="text-align: center">
<i>Eberhard Sandschneider, Direktor der DGAP</i>
</div>
<p class="MsoNormal">
<span style="color: #000000"><br />
</span>
</p>
<p>
<b>Moderatorin:</b> Gleich zu Beginn eine der beliebtesten Fragen aus der Vor-Chat-Phase:
</p>
<p>
<b>salkw:</b> Wie kommt China dazu, einen Anspruch auf Tibet zu erheben?
</p>
<p>
<b>Eberhard Sandschneider:</b> China hat unmittelbar nach der Errichtung der Volksrepublik im Jahr 1949 und in den beiden anschließenden Jahren Tibet militärisch erobert und erhebt seither einen Souveränitätsanspruch, der von der internationalen Staatengemeinschaft auch nicht in Frage gestellt wird. Erst vor wenigen Wochen hat der deutsche Außenminister die Zugehörigkeit Tibets zum chinesischen Staatsgebiet ausdrücklich bestätigt. Die Kritik des Westens richtet sich eher gegen Menschenrechtsverletzungen und gegen den Umgang Chinas mit der tibetischen Kultur.
</p>
<p>
<b>dedda:</b> Was ist an Tibet so bedrohlich für China?
</p>
<p>
<b>Eberhard Sandschneider:</b> Tibet selbst ist gar nicht bedrohlich für China, aber die Unabhängigkeitsbestrebungen sind eine große Herausforderung für Chinas Interesse, seine nationale Souveränität und seine interne Stabilität zu wahren.
</p>
<p>
<b>F_Wüchner:</b> Der Zeitpunkt für den Aufstand ist geschickt gewählt. China steht wegen der Olympischen Spiele unter den Augen der Weltöffentlichkeit und kann nicht zu hart auf die Proteste reagieren. Denken Sie, dass auch andere &quot;Separatisten&quot; wie die Uighuren oder die taiwanesische Unabhängigkeitsbewegung, die Gunst der Stunde nutzen und die chinesische Regierung unter Druck setzen werden?
</p>
<p>
<b>Eberhard Sandschneider:</b> Das ist zumindest die Befürchtung der Regierung in Peking. Wir sollten nicht vergessen, dass am kommenden Samstag in Taiwan Präsidentschaftswahlen stattfinden, die aus Pekinger Sicht ebenfalls mit großer Aufmerksamkeit und zum Teil auch mit Sorge betrachtet werden. Die chinesische Regierung hat mittlerweile begriffen, dass die Olympiade nicht nur ein großes sportliches Ereignis &#8211; mit dessen Hilfe man das Image des Landes international aufpolieren kann &#8211; sein wird, sondern dass es auch vielfältige Versuche gibt, Kritikpunkte des Westens bei dieser Gelegenheit in besonderer Weise insbesondere in unseren Medien in den Mittelpunkt zu stellen. Selbstverständlich wissen die Vertreter tibetischer Exilorganisationen, dass die hohe internationale Aufmerksamkeit auf der Olympiade für sie ein idealer zeitlicher und sachlicher Zusammenhang ist, um ihre eigenen Forderungen in die internationale Aufmerksamkeit zu bringen.
</p>
<p>
<b>Lukas Uhde:</b> Halten Sie einen Boykott der Spiele für angemessen? Und würde er in China überhaupt etwas bewirken?
</p>
<p>
<b>Eberhard Sandschneider:</b> Erstens würde ein solcher Boykott nichts für die Menschen in Tibet bewirken. Er würde auch die chinesische Regierung nicht zu einer Änderung ihrer Haltung bringen. Bestenfalls könnten diejenigen, die das Bedürfnis empfinden, &quot;etwas zu tun&quot;, sich damit trösten, es den Chinesen wieder einmal gezeigt zu haben. Diese Form von Gutmenschentum hilft uns in keiner Weise weiter. Ich halte es für problematisch, wenn wir bei jeder Frage in der wir mit China kritisch diskutieren müssen, gleich zu maximalen Drohgebärden greifen und die Drohung mit einem Olympiaboykott wäre eine solche Gebärde.
</p>
<p>
<b>kgohde:</b> Hätte man die Olympischen Spiele überhaupt an China vergeben dürfen? Nach dem Massaker am Platz des himmlischen Friedens 1989 wurde sich doch auch ungeheuer empört. Aber die schnelllebige Zeit heilt ja bekanntlich alle Wunden.
</p>
<p>
<b>Eberhard Sandschneider:</b> Ihr Eindruck ist richtig. Die internationale Öffentlichkeit hat spätestens nach 1992 zu Business-as-usual im Umgang mit China zurückgefunden. Verlockende wirtschaftliche Rahmenbedingungen haben sehr schnell vergessen lassen, wie entsetzt wir über die Ereignisse des 4. Juni 1989 waren. Auf der anderen Seite darf man nicht vergessen, dass auch das ein sehr medial gesteuertes Ereignis war, das vor laufenden Fernsehkameras abgelaufen ist. In vielen anderen Fällen, wo es keine Präsenz westlicher Kameras gab, haben wir zum Teil gar nicht wahrgenommen, dass durchaus vergleichbare Polizei- und Militäreinsätze in China stattgefunden haben. Dass China die olympischen Spiele erhalten hat, ist aus meiner Sicht völlig in Ordnung. Es ist bei uns eine weit verbreitete Fehlannahme, durch Druck, Kritik oder Drohen mit Sanktionen in China selbst politische Veränderungen herbeiführen zu können. Die Erfahrung zeigt, dass ein schwieriger und langwieriger aber im Grundsatz konstruktiver Dialog am Ende eher zum Erfolg führt, als wenn man China ausgrenzt. Und wir dürfen nicht vergessen, dass der wirtschaftliche Erfolg des Landes auch dazu geführt hat, dass das Selbstbewusstsein, mit dem China international auftritt, mindestens genauso schnell gewachsen ist wie das Bruttosozialprodukt des Landes.
</p>
<p>
<b>StudentsForAFreeTibet:</b> Warum ist die Deutsche Regierung so zurückhaltend, was Verurteilungen der chinesischen Innenpolitik betrifft?
</p>
<p>
<b>Eberhard Sandschneider:</b> Weil solche Verurteilungen nichts verändern in China. Es ist relativ einfach mit wohlklingenden Reden Fehlentwicklungen in China an den Pranger zu stellen. Das heißt aber nicht, dass sich deshalb in China und für die Menschen in China etwas verändert. Noch einmal: Wem daran gelegen ist, der ist gut beraten, einen schwierigen aber konstruktiven Dialog mit China zu pflegen.
</p>
<p>
<b>Lichtwolf:</b> Was kann ich als Einzelperson tun, was kann Deutschland als Nation tun, um Druck auf China auszuüben bzw. irgendetwas gegen die Menschenrechtsverletzungen zu tun?
</p>
<p>
<b>Eberhard Sandschneider:</b> Als Einzelperson können Sie wenig tun, um nicht zu sagen gar nichts. Selbst Deutschland als Nation hat nur begrenzte Möglichkeiten, unmittelbar Druck auf China auszuüben. Nach aller Erfahrung ist es am Ende auch erfolgversprechender, nicht den Versuch zu machen, mit Druck zu arbeiten, sondern China selbst an seinen eigenen Interessen zu packen und auf der Ebene an einer Verbesserung der Situation zu arbeiten.
</p>
<p>
<b>Moderatorin:</b> Noch eine Frage aus der Vor-Chat-Phase:
</p>
<p>
<b>Lotta:</b> Die chinesische Regierung geht mit aller Härte gegen tibetische Demonstranten vor. Trotz einseitiger Berichterstattung seitens der Regierung: Wie schätzen Sie die Haltung bzw. die Stimmung in der chinesischen Bevölkerung diesbezüglich ein?
</p>
<p>
<b>Eberhard Sandschneider:</b> Wir wissen wenig über das, was die allgemeine Bevölkerung in China über große politische Zusammenhänge denkt. Die Größe des Landes macht es auch unwahrscheinlich, dass insbesondere die vielen Millionen Menschen, die auf dem Lande leben, über größere politische Zusammenhänge genauer informiert sind. Gerade in Fragen Tibets ist die offizielle Informationspolitik nach wie vor entweder zurückhaltend oder sehr propagandistisch. Das wenige, was wir an Reaktionen haben, deutet darauf hin, dass die chinesische Regierung sich auf die Unterstützung der Bevölkerung verlassen kann, wenn es um die Aufrechterhaltung der nationalen Einheit aber auch um das Anwachsen des internationalen Gewichtes Chinas geht. Nach allem was wir wissen, wird die überwiegende Mehrheit der hanchinesischen Bevölkerung sich uneingeschränkt für einen Verbleib Tibets im chinesischen Staatsgebiet aussprechen.
</p>
<p>
<b>Horst:</b> Welche Reaktion würden Sie der deutschen Bundesregierung empfehlen, wenn die VR China gewalttätige Demonstrationen in Deutschland für eine Unabhängigkeit &#8211; sagen wir: Bayerns &#8211; unterstützen würde?
</p>
<p>
<b>Eberhard Sandschneider:</b> Im Zweifelsfall dieselbe Reaktion, die auch China zeigt: Die deutsche Bundesregierung müsste sich mit allem Nachdruck eine Einmischung in die inneren Angelegenheiten Deutschlands verbieten. Im Übrigen ist Ihr Hinweis durchaus berechtigt: Wenn es am 1. Mai in Kreuzberg randalierende Demonstranten gibt, die Schaufenster einschlagen und Fahrzeuge anzünden, greift auch in Deutschland die Staatsgewalt mit aller Konsequenz durch. Ihre Frage ist insofern hilfreich, als dass sie zeigt, wie wichtig es ist, nicht nur besserwisserisch nach China zu schauen sondern gelegentlich mal auch in den eigenen Spiegel.
</p>
<p>
<b>Lichtwolf:</b> Ich weiß von in Deutschland lebenden Chinesen, dass sie die Gewaltanwendung gegenüber den Tibetern keinesfalls befürworten. Doch es scheint extrem starke Desinformation oder zumindest zu wenig Information in China selbst zu bestehen, so dass die meisten chinesischen Bürger nicht viel von der wirklichen Situation wissen. Wie wäre es möglich, in China selbst einen Austausch über die &quot;Tibetfrage&quot; zu erwirken, vor allem, da es Ausländern nicht möglich scheint, dort zu wirken, und im Land selbst alle solchen Bemühungen zensiert werden?
</p>
<p>
<b>Eberhard Sandschneider:</b> Dafür bleiben die Möglichkeiten bedauerlicherweise mit Sicherheit sehr begrenzt. Ihre Vermutung ist zunächst richtig, dass es nur sehr wenig verlässliche Informationen gerade über Tibet in der chinesischen Presse gibt. Jeder chinesische Bürger aber der es wagt, sich an dieser Stelle zu engagieren, muss damit rechnen, dass er seinerseits in Konflikt mit der chinesischen Polizei gerät. Insofern sind die Hürden für zivilgesellschaftliches Engagement dieser Art in China sehr hoch. Das ist bedauerlich für ein besseres Verständnis für Tibet aber umgekehrt genau im Interesse der Regierung, der es um die Aufrechterhaltung von Stabilität und Ordnung als oberstes Ziel geht.
</p>
<p>
<b>maximax:</b> Welchen Rang haben militärische / strategische Überlegungen innerhalb von Chinas Beweggründen, Tibet für sich zu beanspruchen? Dabei wäre auch ein kurzer Anriss der aktuellen Sichtweise der chinesischen Führung vom Verhältnis zu Indien interessant.
</p>
<p>
<b>Eberhard Sandschneider:</b> Selbstverständlich sind militärstrategische Überlegungen Teil von Chinas Anspruch auf Tibet, aber eben nur ein Teil. Bezeichnenderweise sind sich die politischen Eliten in China und Taiwan, bei allem was sie ansonsten trennt, durchaus einig in der Frage, ob Tibet Teil des chinesischen Staatsgebietes ist. Das Verhältnis zu Indien ist für China ein besonders wichtiges, weil es in der Vergangenheit von hohen Spannungen gekennzeichnet war und in den letzten Jahren gerade auch in Anbetracht der wirtschaftlichen Entwicklung in beiden Ländern enorm an Bedeutung gewonnen hat. Zwar toleriert die indische Regierung den Sitz der exiltibetischen Regierung in Daramsalah, aber in der vergangenen Woche wurde ein Protestmarsch, der von dort bis zur Olympiade nach Lhasa führen sollte, nach 56 Kilometern von indischen Polizeikräften gestoppt. Es ist nicht im Interesse Indiens, China an dieser sehr sensitiven Stelle mehr als nötig zu irritieren. Umgekehrt respektiert die chinesische Regierung, wenn auch mit Zähneknirschen, die Tatsache, dass der Dalai Lama in Nordindien eine Zufluchtsstätte gefunden hat.
</p>
<p>
<b>Moderatorin:</b> Bevor wir zum Dalai-Lama kommen. Hier ein Einwurf zu Ihrem Kreuzberg-Tibet-Vergeich:
</p>
<p>
<b>zuschauer11:</b> Anmerkung: Bei den Randalen am 1. Mai in Kreuzberg gibt es aber keine Presse-Zensur!
</p>
<p>
<b>Eberhard Sandschneider:</b> Ich habe Kollegen an der Freien Universität, die das entschieden anders sehen.
</p>
<p>
<b>peter_kraus:</b> Welche Folgen wird ein möglicher Rücktritt des Dalai Lama haben?
</p>
<p>
<b>Eberhard Sandschneider:</b> Ein möglicher Rücktritt des Dalai Lama könnte sich nur auf seine weltlichen Funktionen beziehen. Er ist und bleibt Zeit seines Lebens der geistliche Führer des tibetischen Buddhismus. Ein Nachfolger kann nur auf dem Wege der Suche nach einer Reinkarnation nach seinem Tode gefunden werden. Da er selbst in den letzten Jahren zwar als Repräsentant Tibets aber nicht als Politiker im eigentlichen Sinne aufgetreten ist, muss man seinen Hinweis auf einen möglichen Rücktritt eher als ein Signal an die gewaltbereiten Gruppen in der tibetischen Bevölkerung werten, seinem Aufruf zur Gewaltlosigkeit zu folgen. Das zeigt auch ein wenig die Schwierigkeit, in der er sich befindet, da seine Politik der Gewaltlosigkeit offensichtlich gerade unter der jüngeren tibetischen Bevölkerung nicht mehr zwangsläufig geteilt wird.
</p>
<p>
<b>frokli:</b> Gibt es Tibeter die die Invasion der Chinesen gut fanden?
</p>
<p>
<b>Eberhard Sandschneider:</b> Es gibt auch in Tibet Menschen, die mit den chinesischen Behörden zusammenarbeiten, insofern ihren Frieden mit Peking gemacht haben und daraus auch wirtschaftliche und sonstige Vorteile ziehen. Ein Abzug Chinas wäre für diese Bevölkerungsgruppe ein gewaltiger Positionsverlust. Insofern darf man nicht davon ausgehen, dass es eine klare Zweiteilung gibt: Auf der einen Seite die Bevölkerung Tibets und auf der anderen Seite Hanchinesen, bzw. die Regierung Chinas in Peking. Die unterschiedlichen Interessen und Gruppierungen in Tibet sind sehr viel differenzierter, als es uns auf den ersten Blick erscheint.
</p>
<p>
<b>Moderatorin:</b> Zweimal eine ähnliche Frage:
</p>
<p>
<b>chrisitan m:</b> China verweist immer mit ganz alten Landkarten darauf, dass Tibet schon vor langer Zeit Teil des alten chinesischen Reiches war. Ist dies korrekt oder Propaganda?
</p>
<p>
<b>dingo:</b> Gehörte Tibet nicht bis Ende des 19.Jahrhunderts zu China?
</p>
<p>
<b>Eberhard Sandschneider:</b> Das ist immer eine Frage der Sichtweise. Das chinesische Reich in seinen gewaltigen Ausmaßen hat sich tatsächlich zu Zeiten bis an die Grenzen des heutigen Tibet erstreckt. Aber nicht immer war der Durchgriff der chinesischen Staatsgewalt letztendlich gesichert. Die Tibetfrage unterscheidet sich an dieser Stelle kaum von anderen Souveränitätsproblemen, wie wir sie in vielen Teilen der Welt sehen. Taiwan beispielsweise behauptet bis heute, nur sieben Jahre offiziell zu China gehört zu haben &#8211; in all den anderen Jahren war es entweder japanische Kolonie oder de facto eigenständig und verweigert deshalb die Anerkennung der Zugehörigkeit zu China. Aus chinesischer Sicht sieht das genau umgekehrt aus. Am Ende geht es um harte machtpolitische Fragen. Seit der Eroberung Tibets Anfang der 50er Jahre durch die Volksbefreiungsarmee hat niemand im Westen oder generell in der internationalen Staatengemeinschaft den Anspruch Chinas auf Tibet in Frage gestellt. Die Kritik bezieht sich immer nur auf kulturelle und menschenrechtliche Aspekte.
</p>
<p>
<b>logienchen:</b> Wie stark sind denn andere &quot;separatistische&quot; Bewegungen in China. Sind die ernsthaft eine Bedrohung für die Stabilität des Landes?
</p>
<p>
<b>Eberhard Sandschneider:</b> Neben den Problemfällen Tibet und Taiwan muss man an dieser Stelle insbesondere die nördlich von Tibet gelegene Provinz Xin-Jiang nennen, die mehrheitlich von Uighuren bewohnt wird, die in Anbetracht der Entwicklungen in Zentralasien nach dem Zusammenbruch der UdSSR ebenfalls immer wieder Sezessionsbestrebungen zeigen. Für die chinesische Regierung sind dies durchaus ernst zu nehmende Problemfälle, die aus vielerlei Gründen die innere und äußere Stabilität des Landes bedrohen können. Deshalb versucht Peking, eine Politik zu betreiben, die entsprechende Tendenzen schon im Keime erstickt. Indem man einerseits versucht, diese Regionen am Wirtschaftswachstum möglichst teilhaben zu lassen. Andererseits mit härtesten Kontrollschritten reagiert, wenn es zu Unruhen und Aufständen kommt.
</p>
<p>
<b>gornach:</b> In den letzten Tagen konnte man des Öfteren chinesische Offizielle im Fernsehen sehen, die sich zu den Vorfällen in China geäußert haben. Warum war darunter auch häufiger der chinesische Außenminister, es handelt sich doch um eine innerchinesische Angelegenheit?
</p>
<p>
<b>Eberhard Sandschneider:</b> Eine bemerkenswert gelungene Frage, die der chinesischen Regierung ein klein wenig auf die Finger schlägt. Eigentlich dürfte sich in dieser Frage der chinesische Außenminister nicht zu Wort melden. Da sich seine Stellungnahmen im Kontext der Sitzungen des nationalen Volkskongresses bewegt haben, an dem die gesamte chinesische Regierung teilnimmt, müsste man aus chinesischer Sicht offensichtlich darauf verweisen, dass die internationale Kritik an den Vorgängen in Tibet eine Frage der außenpolitischen Imagepflege ist. Insofern darf sich dann auch der Außenminister zu Wort melden.
</p>
<p>
<b>Xuesheng:</b> Inwiefern verzerrt der Dalai Lama Ihrer Meinung nach die Darstellung der tibetischen Meinung in der westlichen Presse? Seine gemäßigte Position widerspricht den Ansichten radikaler &quot;Free Tibet&quot;-Aktivisten. Gewalttätige Ausschreitungen auf Seiten der Tibeter erscheinen uns Westlern dadurch unrealistisch.
</p>
<p>
<b>Eberhard Sandschneider:</b> Der Dalai Lama ist dieser Tage in einem deutschen Presseorgan als &quot;Popstar der Besinnlichkeit&quot; bezeichnet worden. Wie immer Sie zu dieser Charakterisierung stehen, man muss ihm zugestehen, dass er bei aller Anerkennung der unbestritten Integrität seiner Persönlichkeit über ein perfektes Marketing verfügt. Er hat es geschafft, im Westen als &quot;der&quot; Repräsentant Tibets und der tibetischen Sache wahrgenommen zu werden. Selbst dort, wo es in der tibetischen Exilgemeinde andere Auffassungen gibt, ist sein persönliches Renommee sehr hoch. Aber trotzdem ist es eine zu einfache Perspektive, alle Fragen zur Entwicklung in Tibet ausschließlich auf den Dalai Lama zu konzentrieren. Wir haben gelegentlich im Westen die Neigung hochkomplexe schwierige Zusammenhänge in China auf einfache Perspektiven zu reduzieren. Der freundlich lächelnde Dalai Lama ist dafür ein ausgesprochen geeigneter Sympathieträger.
</p>
<p>
<b>chrisitan m:</b> Wird China in Zukunft die Ansiedlung von Han-Chinesen in Tibet forcieren, um die eigentlichen Tibeter noch mehr zur &quot;Minderheit im eigenen Land&quot; zu machen? Wie sind generell die Zukunftsaussichten von Tibet, das ja genau zwischen China und Indien liegt?
</p>
<p>
<b>Eberhard Sandschneider:</b> Zur ersten Frage heißt die Antwort: Ja. Verstärkte Ansiedlungen ethnischer Chinesen in Tibet war immer ein Bestandteil der Stabilisierungspolitik Pekings bis zu dem Punkt, dass die Sorgen der Exiltibeter, dass sie allmählich zu einer Minderheit werden, sicherlich berechtigt sind. Das gilt auch für Fragen der Wahrung kultureller Integrität bis hin zur Praktizierung der tibetischen Sprache. Insofern sind die Befürchtungen um den Bestand der tibetischen Kultur &#8211; auch wenn man nicht von einem kulturellen Genozid sprechen möchte, wie es der Dalai Lama jetzt tut &#8211; mehr als berechtigt. Zu den Zukunftaussichten von Tibet: Trotz seiner strategischen Lage zwischen zwei schnell wachsenden Schwellenländern wird dies voraussichtlich kaum zu einer Verbesserung der Situation Tibets beitragen. Die politische aber auch geografische Situation macht es sehr schwierig, vom Transit beider Länder zu profitieren. Innerhalb Chinas hat sich die ökonomische Situation Tibets zwar verbessert, aber das Land gehört immer noch zu den mit Abstand ärmsten Regionen in China. Die strategische Mittellage zwischen China und Indien wird daran vermutlich nichts ändern.
</p>
<p>
<b>PhilippD:</b> Ich habe in der ostchinesischen Provinz Zhejiang studiert, wobei ich oft von chinesischen Studenten die Meinung hörte, Tibet sei durch die Armee &quot;befreit&quot; worden. Wovon Sie befreit wurde, konnte jedoch niemand sagen. Denken Sie dies ist ein Lippenbekenntnis gegenüber der offiziellen Meinung, oder tatsächlich die eigene Überzeugung vieler, auch gebildeter Chinesen?
</p>
<p>
<b>Eberhard Sandschneider:</b> Selbst gebildete Chinesen &#8211; wenn sie mit Ausländern sprechen &#8211; müssen auf die Sprachwahl achten. Der Begriff &quot;Jiefang&quot; den sie gehört haben, kennen sie wahrscheinlich aus der offiziellen chinesischen Sprache als den Kernbegriff für das Jahr 1949 und die Befreiung Chinas von der Herrschaft von der Kuomintang. Seither wird der in allen offiziellen Reden verwendet, wenn es um Machtergreifung der kommunistischen Partei in China geht. Insofern ist der Teil der offiziellen Politiksprache und diesen Ausdruck haben ihre chinesischen Gesprächspartner ihnen gegenüber verwendet.
</p>
<p>
<b>duranyr:</b> Wie sieht es denn in der Zeit nach dem jetzigen Dalai Lama aus? China versucht ja schon seit einiger Zeit auf die Personen, die die Neu-Inkarnation bestimmen, Einfluss auszuüben.
</p>
<p>
<b>Eberhard Sandschneider:</b> Das ist Kern der chinesischen Strategie im Umgang mit diesem Problem. Der jetzige Dalai Lama ist 72 Jahre alt. China wartet auf seinen Tod, um danach die Suche nach seiner Reinkarnation bestimmen zu können. Ein Vorbild ließ sich schon vor einigen Jahren bei der Suche nach dem zweithöchsten Religionsführer &#8211; dem Panchen-Lama &#8211; beobachten. Der von den tibetischen Würdenträgern ausgesuchte Kandidat ist seit Jahren verschwunden, ohne dass man weiß, wo sich sein genauer Aufenthaltsort befindet. Die Spekulation die nächste Reinkarnation zu kontrollieren, gehört mittlerweile offen ausgesprochen zu den klaren strategischen Zielen der chinesischen Regierung.
</p>
<p>
<b>Moderatorin:</b> Ihr Vergleich lässt die User nicht los:
</p>
<p>
<b>zuschauer11:</b> Zum Thema Pressefreiheit bei den Krawallen in Kreuzberg wüsste ich schon gern, was mit Herrn Sandschneiders Anmerkung gemeint ist? Aber das gehört vermutlich nicht in diesen Chat…
</p>
<p>
<b>howie:</b> Sie vergleichen das Vorgehen der chinesischen Sicherheitskräfte mit einem Polizeieinsatz am 1.Mai in Berlin. Verharmlosen sie da nicht? Schließlich wird in demokratischen Staaten eben nicht scharf geschossen.
</p>
<p>
<b>Eberhard Sandschneider:</b> Wie das so ist mit Vergleichen: Man kann Dinge hineinlesen, die dann dafür sorgen, dass diese Vergleiche auch hinken. Bemerkenswerterweise reagieren Sie offensichtlich auf Sachverhalte, die ihnen näher liegen, als China in besonderer Weise, was nur verständlich ist. Mein Vergleich war ganz einfach: Man kann China selbstverständlich für harte Polizeieinsätze kritisieren. Aber die wenigen Bilder, die wir aus Tibet gesehen haben, zeigen nicht nur prügelnde und schießende Soldaten, sondern auch randalierende und brandschatzende Demonstranten. Kein Staat der Welt kann es sich leisten, in seinen Großstädten Demonstrationen mit einem so hohen Gewaltpotenzial ablaufen zu lassen, ohne polizeilich oder entsprechend militärisch einzugreifen. Ich versuche also eigentlich nur, Sie einzuladen, einen Perspektivwechsel vorzunehmen, um hoffentlich zu dem Ergebnis zu kommen, dass einseitige Sichtweisen nicht weiterhelfen und eine ausschließlich kritische Sicht auf das Vorgehen der chinesischen Kräfte durchaus auch an der Sache vorbeigehen kann. Dabei weiß ich sehr wohl um das Risiko, dass Sie mir jetzt unterstellen können, mich als Sachwalter chinesischer Interessen zu präsentieren. Das tue ich mit Sicherheit nicht. Aber ich habe in meiner Arbeit mit China immer wieder die Erfahrung gemacht, dass es manchmal sehr hilfreich ist, bestimmte Positionen, die man selbstverständlich zu China einnimmt, einen Augenblick &quot;zurückzuübersetzen&quot; auf vergleichbare Situationen in Deutschland, um begreifen zu können, wie unterschiedliche Perspektiven auch zu unterschiedlichen Ergebnissen führen. Insofern hat mir vorhin der Bezug zu Bayern gut gefallen.
</p>
<p>
<b>harrystuttgart:</b> China wird als zukünftige Weltmacht betrachtet. Vielleicht sogar als die weltweite Nummer 1. Wie wird sich die Weltgemeinschaft in politischer, wirtschaftlicher und militärischer Hinsicht mit einer kommunistischen Weltmacht (auch als weltweite Nr. 1) entwickeln? Erleben wir einen neuen &quot;kalten Krieg&quot; im Bereich der Wirtschaft und der Militarisierung?
</p>
<p>
<b>Eberhard Sandschneider:</b> Das ist eine der spannendsten und am heftigsten diskutierten Fragen in den gegenwärtigen Strategiedebatten. Aus westlicher Sicht sind wir im Augenblick eindeutig überfordert mit der Frage, wie wir künftig mit einem Land umgehen, das wirtschaftlich erfolgreich ist, immer mehr zu einem Wettbewerber und Rivalen von uns wird, aber gleichzeitig keine demokratischen Strukturen aufweist. Vor dem Aufstieg Chinas waren wir mit einer solchen Herausforderung nicht konfrontiert und jetzt tun wir uns sehr schwer, plausible Antworten zu finden. Eines haben die letzten Monate aber in verstärkter Weise gezeigt: Die Zeiten sind vorbei, in denen sich China vom Westen schulmeistern lässt. Das Land ist dank seiner wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit politisch stark genug, etwa in Afrika enormen Zuspruch für eine Entwicklungspolitik zu finden, die mit unseren Vorstellungen wenig zu tun hat und tut gleichzeitig im technologischen &#8211; auch im militärischen &#8211; Bereich alles, um besser in der Lage zu sein, auch seine eigenen Interessen aktiv zu vertreten. Ein neuer kalter Krieg mit China kann unmöglich in unserem Interesse sein. Insofern wird kein Weg daran vorbeiführen, Wege des konstruktiven Dialoges mit China zu finden, die es erlauben &#8211; bei allen Interessenunterschieden &#8211; trotzdem gemeinsame Lösungswege zu entwickeln. Keines der drängenden globalen Probleme lässt sich ohne China lösen. Im Gegenteil: In der Regel ist China sowohl Teil des Problems als auch Teil der Lösung. Das muss Grundlage für unsere Chinapolitik sein.
</p>
<p>
<b>Moderatorin:</b> Noch einmal zu den Olympischen Spielen:
</p>
<p>
<b>Lennart:</b> Gestern Abend gab es einen, wie ich finde, ziemlich guten Kommentar in der Tagesthemen. Dort wurde dazu aufgerufen, von einem Olympia-Boykott abzusehen (wenn auch die Aussagen des IOCs und der Sportler zu dürftig sind) und aus den Olympischen Spielen politische Spiele zu machen. Dies soll geschehen, indem unangenehme Fragen gestellt werden von Journalisten, Fans und der Politprominenz. Meinen Sie, dass das realistisch ist? Wird man tatsächlich die Olympischen Spiele politisieren können (klar, alles ist politisch, gehen wir davon aus, dass es unterschiedliche Stufen von Politisierung gibt) oder sind die Organisatoren so geschickt und können unangenehme Fragen verhindern?
</p>
<p>
<b>Eberhard Sandschneider:</b> Wenn Sie jemals versucht haben, einem offiziellen chinesischen Vertreter eine unangenehme Frage zu stellen, werden Sie vermutlich erfahren haben, wie geschickt die Flucht in leere Worthülsen mittlerweile in China praktiziert wird. Das ändert nichts an der Tatsache, dass ihre Vermutung, dass die Olympiade nicht nur zu Jubelspielen genutzt wird, sondern gerade auch von westlichen Journalisten das Ausleuchten kritischer Aspekte in der Entwicklung Chinas sehr wahrscheinlich ist. Schon jetzt hat man den Eindruck, dass fast jeder westliche Journalist, der etwas von sich hält, im Vorfeld der Olympiade nach China reist, um mit kritischen Berichterstattungen zurückzukommen. Auch die chinesische Regierung hat längst begriffen, dass ihr Ziel, die Olympiade für einen gewaltigen Imagegewinn des Landes zu nutzen, alles andere als einfach zu erreichen ist. Im Augenblick dominieren eher die Risiken für den Imageverlust als die Chancen für den Imagegewinn. Das weiß man in Peking und für alle sensitiven Fragen werden für offizielle Sprecher der Verantwortlichen längst die Worthülsen festgelegt und produziert, mit denen sie sich dann auseinandersetzen müssen.
</p>
<p>
<b>Moderatorin:</b> Wir haben während des Chats eine Umfrage bei den Usern angestellt: War die Vergabe der Olympischen Spiele an China ein Fehler?- 71 Prozent haben &quot;ja&quot; gesagt, 29 Prozent &quot;nein&quot;. Ist dieses Ergebnis eine Mode-Erscheinung? War die Meinung der Deutschen aus Ihrer Sicht vor einigen Jahren noch anders?
</p>
<p>
<b>Eberhard Sandschneider:</b> Wir beobachten im Augenblick in Deutschland eine bemerkenswerte Trendwende. Aus dem China-Hype den wir noch vor einigen Jahren hatten, ist längst China-Angst geworden. Das Land ist uns insgesamt unheimlich, weil es sich schnell entwickelt, weil wir nicht wissen, was das letztendlich an unmittelbaren Konsequenzen für uns hat. Obwohl wir ahnen und zum Teil auch schon erleben, dass Dinge, die in China passieren, auf unser tagtägliches Leben unmittelbar Einfluss haben. Das gilt für den Erhalt von Arbeitsplätzen genauso wie für das berühmte &quot;Made in China&quot;, das man auf Kleidungsstücken in unseren Kaufhäusern findet. Ich bin fest davon überzeugt, dass es keinen Sinn macht, vor China Angst zu haben. Auch in China werden die Bäume nicht in den Himmel wachsen. Das Land hat zwar einen beeindruckenden Entwicklungsweg hinter sich aber auch Probleme angehäuft im sozialen, wirtschaftlichen und ökologischen Bereich, die gewaltig sind und zumindest ähnlich tief greifenden Herausforderungen führen, wie die Situation derzeit in Tibet. Letztendlich ist das, was China tut, aus der Sicht der chinesischen Regierung legitim. Das Land entwickelt sich in Konkurrenz und zum Teil auch in Rivalität zum Westen. Wir würden das genauso tun, wenn wir es nur könnten. Es ist zu billig, an dieser Stelle nur China zu kritisieren anstatt uns die Frage zu stellen, was wir tun müssen, um den globalen Herausforderungen, denen wir gegenüberstehen, begegnen zu können. Ich verstehe das Bauchgefühl, die Olympiade besser nicht an China zu geben. Aber noch einmal: Dieses Land einzubinden &#8211; auch indem man es zum Teil eines solchen sportlichen Großereignisses macht &#8211; ist langfristig sinnvoller als jetzt kurzfristig darüber nachzudenken, wie man mit emotionaler Betroffenheit auf die Ereignisse in Tibet reagieren kann.
</p>
<p>
<b>Moderatorin:</b> Das war eine Stunde tagesschau-Chat. Herzlichen Dank, Herr Prof. Sandschneider, dass Sie sich Zeit für die Diskussion mit den Usern von tagesschau.de und politik-digital.de genommen haben. Dankeschön auch an unsere User für die vielen Fragen, die wir leider nicht alle stellen konnten. Das tagesschau.de-Team wünscht allen noch einen schönen Tag.
</p>
<p>
<b>Eberhard Sandschneider:</b> Ganz herzlichen Dank für die vielen spannenden Fragen und viel Spaß beim Nachdenken über Kreuzberg!</p>
]]></content:encoded>
					
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		<title>&#034;Die Türkei sollte in die Europäische Union&#034;</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Alina Barenz]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 22 Jul 2007 23:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Chattranscripte]]></category>
		<category><![CDATA[Ulrich Pick]]></category>
		<category><![CDATA[Außenpolitik]]></category>
		<category><![CDATA[Türkei]]></category>
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					<description><![CDATA[Am 23. Juli 2007 war Ulrich Pick, ARD-Korrespondent in Istanbul, im tagesschau-Chat in Kooperation mit politik-digital.de. Er sprach über die künftige Außenpolitik der Türkei
unter dem wiedergewählten Premier Erdogan und darüber, dass eine demokratische Türkei die Brücke zwischen Orient und Okzident sein könne.
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Am 23. Juli 2007 war Ulrich Pick, ARD-Korrespondent in Istanbul, im tagesschau-Chat in Kooperation mit politik-digital.de. Er sprach über die künftige Außenpolitik der Türkei<br />
unter dem wiedergewählten Premier Erdogan und darüber, dass eine demokratische Türkei die Brücke zwischen Orient und Okzident sein könne.<br />
<!--break--></p>
<p>
<b>Moderator:</b><br />
Herzlich Willkommen im tagesschau-Chat! Einen Tag nach der Parlamentswahl in der Türkei ist unser Chat-Gast heute ARD-Korrespondent Ulrich Pick. Er chattet aus Istanbul, einen schönen guten Tag dorthin und herzlichen Dank, dass Sie heute zwischen der aktuellen Berichterstattung Zeit für den tagesschau-Chat eingeplant haben. Die erste Frage:
</p>
<p>
<b>Martin36: </b>Merhaba nach Istanbul! Herr Pick, man<br />
liest bei uns immer von der „islamisch ausgerichteten“<br />
AKP von Recep Erdogan. Was soll man sich darunter vorstellen? Wo<br />
liegen die Unterschiede zu den Parteien atatürkscher Prägung?
</p>
<p align="center">
<img decoding="async" src="/salon/photos/upick230x.jpg" alt="Ulrich Pick" height="292" width="230" /><br />
<i>Ulrich Pick</i><br />
<i>ARD-Korrespondent in Istanbul</i>
</p>
<p>
<b>Ulrich Pick:</b> Unter islamisch ausgerichtet versteht<br />
man &#8211; quasi in Parallele zur christlichen Ausrichtung der C-Parteien<br />
in Deutschland &#8211; einen politischen Impuls aus der Religion. Wobei<br />
die AKP keine Sharia einführen möchte, sondern eher religiös-soziale<br />
Aspekte in den Vordergrund stellt. Zudem will sie das enge Korsett<br />
der atatürkschen Vorgaben ausweichen. Das heißt konkret:<br />
die Religion, die Atatürk quasi aus dem Alltag gestrichen hatte,<br />
ein wenig aufwerten. Zudem ist es wichtig zu wissen, dass es gerade<br />
die islamisch-konservative AKP es ist, die die Rechte der nicht-christlichen<br />
Minderheiten stärken will.
</p>
<p>
<b>döner:</b> Ich denke, dass der Sieg der AKP im<br />
Wesentlichen auf dem Wunsch der Mehrheit der Bevölkerung nach<br />
Stabilität, Kontinuität und Fortschritt resultiert. Die<br />
Konkurrenten sind sich einfach zu uneinig; sie sind in alten Kadern<br />
verflochten und stehen mit Filz und Korruption in Verbindung. Die<br />
AKP ist gegebenenfalls intellektuell unterbelichtet, aber jedenfalls<br />
pragmatisch und absolut am Ball.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Teilen Sie diese Einschätzung?
</p>
<p>
<b>Ulrich Pick:</b> In der Tat, die AKP scheint die einzige<br />
Partei zu sein, die wirklich gut aufgestellt ist, was für eine<br />
gut laufende Demokratie eigentlich bedauerlich ist. Und so muss<br />
man sagen, dass die Türkei eigentlich darunter leidet, dass<br />
sie keine Opposition hat. Was Filz und Korruption betrifft, so findet<br />
man sie in allen Parteien &#8211; also auch in der AKP &#8211; dort aber am<br />
wenigsten.
</p>
<p>
<b>cumali uyan:</b> Wir als Ausländer in Deutschland<br />
betrachten diesen Wahlsieg, auch wenn die AKP religiös-konservativ<br />
angesehen sein mag, als Sieg des Volkes gegenüber des ultra-nationalistisch<br />
geprägten Militärs. Sehen Sie das auch so?
</p>
<p>
<b>Ulrich Pick:</b> Ich teile ihre Meinung, weil ich<br />
den Eindruck habe, dass zahlreiche Menschen, die eigentlich keine<br />
AKP-Stammwähler sind (also religiös orientiert) sich kräftig<br />
geärgert haben über die Putschandrohung der Militärs<br />
gegenüber der Kandidatur von Außenminister Gül als<br />
Staatspräsident. So gesehen war die Wahl meines Erachtens eine<br />
Gegen-Intervention des Volkes mit Blick auf die „Mitternachtserklärung“<br />
der Militärs am 27. April.
</p>
<p>
<b>Guenther:</b> Mich würde interessieren, wie Sie<br />
heute, einen Tag nach der Wahl, die Stimmung im Lande charakterisieren<br />
würden. Denken Sie die Lage hat sich nun mit dem eindeutigen<br />
Votum entspannt, oder sehen sie durchaus noch Gefahr im Sinne einer<br />
Einmischung des Militärs?
</p>
<p>
<b>Ulrich Pick: </b>Ich denke, dass gerade die kemalistischen<br />
Kräfte (CHP, Militärs &#8230; also das alte Establishment)<br />
erst noch am Verdauen sind. Wir müssen aber abwarten, wie die<br />
jetzt anstehende Wahl zum neuen Staatspräsidenten (also die<br />
Wiederholung) ausgehen wird. Wenn Erdogan und seine Bewegung klug<br />
sind, wird man einen Kompromisskandidaten aufstellen. Damit kann<br />
man diese Klippe umschiffen, hält das Militär ruhig und<br />
hat dann freie Fahrt für den Rest der eigenen politischen Agenda.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Zweimal nachgefragt:
</p>
<p>
<b>rullermunk2:</b> Was meinen Sie, wie die Generäle<br />
bzw. das Militär reagieren, wenn Gül erneut als Präsidentschaftskandidat<br />
ins Rennen geschickt wird?
</p>
<p>
<b>Beni: </b>Ist eine erneute Kandidatur Außenminister<br />
Güls zu erwarten?
</p>
<p>
<b>Ulrich Pick:</b> Ich denke, dass Gül nicht wieder<br />
antreten wird. Zwar hat Erdogan letzte Woche gesagt, dass er weiterhin<br />
DER Kandidat der AKP sein wird. Aber wie gesagt, er wäre klug<br />
beraten, einen Kompromisskandidaten zu finden, zumal die AKP ihn<br />
nicht alleine wählen kann. Die AKP hat 342 Sitze im Parlament.<br />
Der neue Kandidat braucht 367. Somit braucht Erdogan Unterstützung
</p>
<p>
<b>Leon-Ist: </b>Was hat das Militär eigentlich<br />
gegen einen Staatspräsidenten Gül?
</p>
<p>
<b>Ulrich Pick: </b>Das ist mit guten Argumenten schwer<br />
zu erklären. Es ist als Erstes seine Vergangenheit. Gül<br />
war auch mal Islamist wie Erdogan. Und zum Zweiten trägt seine<br />
Gattin den &quot;Türban &quot;, also das eng gebundene Kopftuch.<br />
Und das ist ein (im Wortspiel!!!) rotes Tuch für die Generäle,<br />
weil sie darin den religiösen Verrat an der atatürkischen<br />
Kulturrevolution wittern. Allerdings liegen sie damit nicht auf<br />
der Welle des Volkes. Gül ist zurzeit der beliebteste Politiker<br />
im Land.
</p>
<p>
<b>Martin36:</b> Woher kommt eigentlich die starke Stellung<br />
des Militärs in der Türkei?
</p>
<p>
<b>Ulrich Pick:</b> Beim Aufbau der Republik Türkei<br />
wurde das Militär von Atatürk als die stabilisierende<br />
Macht schlechthin installiert. Immerhin war Atatürk selbst<br />
ein Berufssoldat. Aber wir sollten nicht vergessen, dass das Militär<br />
viermal geputscht hat (1960, 71, 80, 97). Und die Türkei einen<br />
großen Schritt in Richtung Demokratie gemacht hat.
</p>
<p>
<b>der kleine prinz: </b>Sehen Sie die Gefahr eines Militärputsches?
</p>
<p>
<b>Ulrich Pick:</b> Nein! Sollte jetzt das Militär<br />
&#8211; wie auch immer &#8211; einen Putschversuch vornehmen, wäre dies<br />
ein Putsch gegen das eigene Volk, das gestern sehr souverän<br />
abstimmt hat. Und somit der Anfang vom Ende seines Einflusses.
</p>
<p>
<b>Martin36:</b> War es in der türkischen Vergangenheit<br />
wirklich so, dass die Religion, der Islam, aus dem öffentliche<br />
Leben (zumindest dem „staatlich geordneten“) herausgehalten<br />
wurde? Wenn ja: Wird sich daran mittelfristig etwas ändern?
</p>
<p>
<b>Ulrich Pick: </b>Immer wieder wird das Modell der<br />
Türkei laizistisch genannt, dem ist aber nicht so. Ein richtiger<br />
Laizismus ist eine Trennung von Religion und Staat wie in Frankreich.<br />
In der Türkei war die Religion stets dem Staat untergeordnet.<br />
Das erkennen sie daran, dass 95 Prozent aller islamischen Vorbeter<br />
staatliche Beamte sind. Unter Atatürk &#8211; und das betrifft nochmals<br />
ihre Frage &#8211; wurden zahlreiche Moscheen geschlossen, die religiösen<br />
Schulen (Medresen) auch und offiziell die Sufi-Bruderschaften verboten.<br />
Diese Sicht von Religion wirkt bei vielen Kemalisten noch nach bis<br />
heute, allerdings nicht bei der Mehrheit, wie das Wahlergebnis zeigt.
</p>
<p>
<b>Moderator: </b>Zu den unabhängigen Kandidaten,<br />
die ins Parlament gewählt wurden:
</p>
<p>
<b>Guenther27: </b>Welchen Einfluss, Herr Pick, können<br />
Ihrer Meinung nach die der DTP angehörenden kurdischen Unabhängigen<br />
im neuen Parlament ausüben?
</p>
<p>
<b>gezer:</b> Was ist mit dem kurdischen Abgeordneten,<br />
werden sie wieder verhaftet, wie es in der Vergangenheit geschehen<br />
ist?
</p>
<p>
<b>Ulrich Pick:</b> Hier müssen wir wirklich abwarten.<br />
Sollten sich die Kurden nicht provokativ zeigen (leider liegt die<br />
Schmerzgrenze hier oft sehr niedrig) könnten sie eine Bereicherung<br />
sein. Der bei den ersten Hochrechnungen angenommene Fall, sie könnten<br />
Zünglein an der Waage spielen, wenn es um die Zwei-Drittel-Mehrheit<br />
geht, ist nicht eingetreten.
</p>
<p>
<b>torres: </b>Welche Partei wurde denn von der jüngeren<br />
Generation, also den Erstwählern, am stärksten gewählt?
</p>
<p>
<b>Ulrich Pick:</b> Darüber gibt es noch keine genauen<br />
Analysen.
</p>
<p>
<b>neco: </b>Vor den Wahlen wurden in den türkischen<br />
Medien immer wieder unzufriedene Menschen gezeigt. Die Cumhuriyet-Versammlungen,<br />
das Wiedererstarken der Nationalisten, die hohe Arbeitslosigkeit<br />
vor allem bei der jungen Bevölkerung; das alles waren Anzeichen<br />
für eine Schwächung der AKP. Ist aus diesem Hintergrund<br />
die Wahl als paradox zu bezeichnen, oder wurde der Puls der Bevölkerung<br />
falsch dargestellt?
</p>
<p>
<b>Ulrich Pick: </b>Wenn sie die Massendemos in Ankara,<br />
Istanbul und anderswo meinen, muss man schon genau hingucken. Diese<br />
Demos waren beeindruckend groß, aber die Gruppen waren sehr,<br />
sehr unterschiedlich. Man konnte Gewerkschafter finden, engagierte<br />
Frauenverbände, aber auch EU-Gegner und Anti-USA-Demonstranten.<br />
So gesehen waren sich diese Mengen nur einig in dem, was sie NICHT<br />
wollten, nämlich die AKP &#8211; nicht aber in dem, was sie wollten.<br />
Mit anderen Worten: Hier war begründeter Protest, aber kein<br />
klarer, positiv geformter politischer Wille zu sehen, der das Land<br />
vorwärts bringt.
</p>
<p>
<b>mischa: </b>Inwieweit hat sich die AKP personell und<br />
inhaltlich verändert? Kann man sagen, dass es mehr moderate<br />
Kräfte dort gibt?
</p>
<p>
<b>Ulrich Pick:</b> Das ist selbst für einen Korrespondenten<br />
sehr schwierig zu sagen. Klar ist, dass Erdogan den so genannten<br />
„Milli-Görüs-Flügel“ der Islamisten gestutzt<br />
hat. Das hat die Partei in Richtung Mitte gebracht. Auch sind Gül<br />
und Erdogan durchaus als relativ liberal zu bezeichnen. Aber es<br />
gibt leider auch immer wieder Meldungen von der so genannten Basis,<br />
die doch sehr streng religiös klingen. Wahrscheinlich wird<br />
sich die Partei weiter wandeln. Hoffentlich hin zu mehr Liberalität.
</p>
<p>
<b>Martin36: </b>Auf die Frage von mischa: Kann man sagen,<br />
dass sich Erdogans politische Ausrichtung geändert hat oder<br />
ist sie nur Fassade?
</p>
<p>
<b>Ulrich Pick:</b> Wir wissen alle, das Erdogan ein<br />
strenger Islamist war. Wir haben auch entsprechende Reden bei uns<br />
im ARD-Archiv. Aber wenn Erdogan wirklich einen Gottesstaat gewollt<br />
hätte, dann hätte er schon die Möglichkeit gehabt,<br />
an einigen Stellen strengere Regeln einzuführen. Meine Meinung<br />
ist: Ich nehme Erdogan seinen bekundeten Wandel ab (wir hatten in<br />
Deutschland auch einen Außenminister, der früher Polizisten<br />
verprügelt hat). Allerdings bin ich sehr sensibel bei der Beobachtung.<br />
Allerdings halte ich das Experiment eines demokratischen politischen<br />
Islams für hochinteressant.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Zwei Fragen zu den Minderheiten:
</p>
<p>
<b>Beni: </b>Betreff der Stärkung der nicht-christlichen<br />
Minderheiten: Tatsache ist aber doch, dass sowohl die Minderheitenrechte<br />
von muslimischen Minoritäten als auch der nicht-muslimischen<br />
Minoritäten faktisch weiter diskriminiert werden, trotz der<br />
Reformen im Zuge des nationalen Programms zur Anpassung an den Acquis<br />
(der gemeinsame Rechtsrahmen der Europäische Union, Anm. der<br />
Redaktion), oder nicht?
</p>
<p>
<b>horst95:</b> Wie sieht es eigentlich mit der Positionierung<br />
der AKP zu den Attentaten an Dink und an den weiteren Christen aus?<br />
Waren das AKP-nahe Attentäter oder kamen sie wie auch häufig<br />
behauptet aus dem Lager der MHP?
</p>
<p>
<b>Ulrich Pick:</b> Es stimmt, dass die Erdogan-Regierung<br />
bislang nicht eingelöst hat, dass sie die Rechte der Christen<br />
und Alleviten verbessern wollte. Somit ist es jetzt höchste<br />
Zeit dafür. Zum Mord an Hrant Dink hat sich leider keine Partei<br />
solidarisch geäußert. Was die Morde an Christen in Malatya<br />
betrifft, gab es nur einen Politiker, der sich bei der deutschen<br />
Botschaft entschuldigt hat: der Minderheitenbeauftragte (so etwas<br />
gibt es!) der AKP.
</p>
<p>
<b>tzalk:</b> Die Wahl wurde oft (auch bei tagesschau.de)<br />
islamisch-konservativ gegen säkular-laizistisch genannt. Könnte<br />
man zutreffender pro-europäisch und nationalistisch oder wirtschaftliberal<br />
und staatsdirigistisch sagen?
</p>
<p>
<b>Ulrich Pick: </b>Das kann man so sagen. Sie markieren<br />
damit die klaren Trennungslinien. Allerdings fahren wir in Europa<br />
ja so wahnsinnig auf das Stichwort „Islam“ ab.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Von den vielen Fragen zur EU mal drei:
</p>
<p>
<b>tatatata:</b> Was für einen Einfluss hat der<br />
Wahlausgang auf die Orientierung der Türkei in Richtung Europa?
</p>
<p>
<b>Caius:</b> Welchen Einfluss auf die Verbindung zu<br />
EU hat Erdogans Sieg?
</p>
<p>
<b>JuliNie: </b>Wird sich der aktuelle Wahlausgang auf<br />
das Verhältnis Türkei-EU einen Einfluss haben? Wird das<br />
Verhältnis nicht verkompliziert?
</p>
<p>
<b>Ulrich Pick:</b> Das ist ein weites Feld. Meines Erachtens<br />
dürfte die Fahrt der Türkei in Richtung Brüssel jetzt<br />
wieder an Fahrt gewinnen. Der Wahlsieg dürfte hierbei Erdogan<br />
mehr Spielraum geben. Das ist hochinteressant bei der Zypernfrage,<br />
denn hier wäre Erdogan in der Vergangenheit gerne weiter gegangen<br />
als das Militär. Er hat aber aus „patriotischer Solidarität“<br />
den harten Vorstellungen der Militärs die Stange gehalten.<br />
Das könnte sich jetzt ändern, denn sein Spielraum ist<br />
ja durch seinen Sieg gewachsen. Was aber auch noch wichtig ist:<br />
Die Türken (die ja nicht europafeindlicher sind als vor 3 Jahren)<br />
wollten von der EU, dass sie die Republik am Bosporus nicht mit<br />
zweierlei Maß misst. Darunter leidet man hier sehr.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Nachfrage zu Erdogan und Zypern:
</p>
<p>
<b>SWISS: </b>Auch im Hinblick auf die Zypern-Problematik?<br />
Das Volk hat die AKP-Politik mit dieser Wahlentscheidung gestärkt,<br />
das heißt, keine Zugeständnisse, bevor nicht die EU die<br />
Isolation des Nordens der Insel aufhebt!
</p>
<p>
<b>Ulrich Pick:</b> Das ist die offizielle Version. Wie<br />
gesagt: Erdogan dürfte sich mit dem Wahlsieg flexibler zeigen.<br />
Aber auch die EU hat ihre Versprechen an Nordzypern noch nicht eingelöst.
</p>
<p>
<b>bahabln:</b> Zur Zypernfrage: Hat Erdogan, wie Sie<br />
schreiben aus „patriotischer Solidarität“ sich<br />
zurückgehalten, oder doch eher, weil auch er über die<br />
nicht eingehaltenen Zusagen der EU verärgert war; wie zum Beispiel<br />
kein alleiniger EU-Beitritt von Südzypern, wenn dem Annan-Plan<br />
nicht zugestimmt wird (Südzypern stimmte dem Plan nicht zu),<br />
oder die schrittweise Aufhebung der Isolierung von Nordzypern?
</p>
<p>
<b>Ulrich Pick:</b> Ich denke, das war eine Mischung<br />
aus unterschiedlichen Gründen. So wie Sie schreiben. Generell<br />
aber gilt: Erdogan und Talat (Nordzypern) sind zu mehr bereit als<br />
die Kemalisten. Und die haben jetzt noch mehr an Einfluss verloren.
</p>
<p>
<b>astore1: </b>Wie groß ist in Ihren Augen die<br />
Chance, dass die jetzt im Parlament vertretenen Kurden mit ihrer<br />
Fraktion die Politik für den Südosten der Türkei<br />
beeinflussen können?
</p>
<p>
<b>Ulrich Pick: </b>Das ist zur Stunde noch nicht auszumachen.<br />
Sie sind in einer interessanten Position, dürften aber mit<br />
Argusaugen begutachtet werden. Also abwarten!
</p>
<p>
<b>Rotor: </b>Was bedeutet es, dass die Kurden im Parlament<br />
jetzt eine eigene Fraktion bilden können?
</p>
<p>
<b>Ulrich Pick: </b>Auch das ist noch nicht konkret zu<br />
sagen. Aber emotional dürfte dies wohltuend für zahlreiche<br />
Kurden sein. Sie haben sich zu oft ausgegrenzt gefühlt &#8211; bislang.
</p>
<p>
<b>Moderator: </b>Zwei Kommentare von:
</p>
<p>
<b>melex: </b>Stellen Sie sich einmal vor, die Türken<br />
würden in Deutschland eine Fraktion bilden können. Ich<br />
denke, dass bedeutet es!
</p>
<p>
<b>bahabln:</b> Man sollte betonen, dass auch früher<br />
schon immer Kurden als Abgeordnete im Parlament waren. Es wird der<br />
Eindruck erweckt, dass dies ein Phänomen neuerer Zeit wäre!
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Und eine Frage von:
</p>
<p>
<b>SWISS: </b>zu astore1: Gerade im Hinblick, dass die<br />
DTP als politischer Ableger der PKK betrachtet wird und sich bis<br />
dato nicht von der PKK distanziert hat? Schürt das nicht neue<br />
Konflikte?
</p>
<p>
<b>Ulrich Pick:</b> Es stimmt, dass ethnische Kurden<br />
stets im Parlament waren, zumindest seitdem man öffentlich<br />
von Kurden reden darf (1991). Aber dezidiert prokurdische Abgeordnete<br />
gibt es als Parteienformation seit Anfang der 90er nicht mehr. Leider<br />
stimmt es, dass die DTP ein zwielichtiges Verhalten zeigt. Einerseits<br />
betont sie lange nötige Minderheitenrechte, andererseits fehlt<br />
die klare Distanzierung zur PKK.
</p>
<p>
<b>athena:</b> Das Aufeinandertreffen der Ultranationalen<br />
und der Kurden dürfte im Parlament Gegenstand einer hitzigen<br />
Debatte werden. Wird sich Erdogan als Vermittler der beiden sehen?
</p>
<p>
<b>Ulrich Pick: </b>Keine Ahnung. Ich bin mal gespannt.
</p>
<p>
<b>mischa:</b> Noch mal zur Kurdenfrage: Wird sich das<br />
Militär mit einem Einmarsch in den Nordirak durchsetzten? Was<br />
für Folgen hätte das für die Region?
</p>
<p>
<b>Ulrich Pick:</b> Die AKP-Mehrheitsfraktion hat ihre<br />
Zustimmung für dieses riskante Unterfangen in den letzten Wochen<br />
versagt. Und so dürfte und sollte es hoffentlich auch in Zukunft<br />
sein.
</p>
<p>
<b>Martin36:</b> In fast allen Meldungen der deutschen<br />
Medien (nicht nur in „populistischen“, auch z.B. bei<br />
ARD und ZDF) meint man immer einen skeptischen, kritischen Unterton<br />
gegenüber der AKP und Erdogan heraus zu hören? Woher kommt<br />
diese „Angst“? Können Sie als Insider sich die<br />
erklären?
</p>
<p>
<b>Ulrich Pick: </b>Leider haben wir zu wenig Ahnung<br />
vom Islam. Daraus hat sich eine große und zum Teil unbegründete<br />
Islam-Skepsis entwickelt, teilweise sogar eine Islamophobie. Das<br />
finde ich sehr bedauerlich. Gerade die Erdogan-Regierung könnte<br />
zeigen (wenn sie ihren Worten treu bleibt), dass die Türkei<br />
eine Brücke zwischen Orient und Okzident sein kann. Nicht mit<br />
Angst, aus der Skepsis und Ablehnung wächst.
</p>
<p>
<b>klaus schmidt: </b>Ist überhaupt eine Integration<br />
einer islamisch ausgerichteten Türkei in ein christliches Europa<br />
denkbar, oder hat sich die Türkei mit der Wahl selbst diesen<br />
Eintritt auf absehbare Zeit unmöglich gemacht?
</p>
<p>
<b>Ulrich Pick: </b>Dafür sollte die EU endlich<br />
einmal sich selbst beantworten, was sie eigentlich ist. Eine Wirtschaftsgemeinschaft,<br />
ein rein geografisches Gebilde, ein Christenclub &#8211; das alles ist<br />
offen. Wenn sie meine Meinung wissen wollen: Ich halte es angesichts<br />
der prekären Weltlage und der Spannungen mit islamistischen<br />
Strömungen für Europa und die Integration von Muslimen<br />
für wichtig, dass &#8211; wenn das Experiment Erdogan klappt &#8211; die<br />
Türkei in die EU sollte. Das zeigte, dass nicht die Religion<br />
das Verbindende ist, sondern gemeinsame Menschenrechte und Demokratieverständnis.<br />
Allerdings hat die Türkei auf ihrem Weg in die (wie auch immer<br />
geartete EU) noch einen steinigen Weg vor sich. Erdogan wird, wenn<br />
er es ernst meint, keine Langeweile bekommen.
</p>
<p><b>Moderator:</b> Das war´s, unser tagesschau-Chat<br />
ist vorbei. Herzlichen Dank nach Istanbul an Herrn Pick, dass Sie<br />
sich Zeit genommen haben! Herzlichen Dank an alle User für<br />
Ihr Interesse! Das Protokoll gibt es wie gewohnt in Kürze auf<br />
den Seiten der Veranstalter www.tagesschau.de und www.politik-digital.de<br />
zu finden. Das tagesschau.de-team wünscht allen noch einen<br />
schönen Tag!</p>
]]></content:encoded>
					
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			</item>
		<item>
		<title>Franzosen wollten im Wahlkampf mitreden</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Alina Barenz]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 22 Jul 2007 23:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Chattranscripte]]></category>
		<category><![CDATA[Frankreich]]></category>
		<category><![CDATA[Wahlkampf]]></category>
		<category><![CDATA[Präsidentschaftswahl]]></category>
		<category><![CDATA[Außenpolitik]]></category>
		<category><![CDATA[Kerstin Plehwe]]></category>
		<category><![CDATA[Mario Voigt]]></category>
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					<description><![CDATA[Am Montag, den 23. Juli, beantworteten Kerstin Plehwe, Vorsitzende der Initiative ProDialog, und der Politikberater Mario Voigt von Blueberry Consulting im ProDialog-Chat Fragen der User zum Dialog mit den Wählern im Französischen Präsidentschaftswahlkampf.
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Am Montag, den 23. Juli, beantworteten Kerstin Plehwe, Vorsitzende der Initiative ProDialog, und der Politikberater Mario Voigt von Blueberry Consulting im ProDialog-Chat Fragen der User zum Dialog mit den Wählern im Französischen Präsidentschaftswahlkampf.<br />
<!--break--></p>
<p>
<b>Moderator:</b> Herzlich willkommen zum ProDialog-Chat! Thema ist am heutigen Montag das politische Marketing am Beispiel des Frankreichwahlkampfes unter anderem mit Blogs, Communities und Co. Zu Gast im Chat sind die Kommunikationsexpertin Kerstin Plehwe, Vorsitzende der Initiative ProDialog, und der Politikberater Mario Voigt von Blueberry Consulting Frau Plehwe, Herr Voigt, sind Sie bereit?<img decoding="async" src="/salon/photos/kplehweuvoigttest.jpg" alt="Mario Voigt und Kerstin Plehwe" align="right" height="113" width="151" />
</p>
<p>
<b>Mario Voigt:</b> Ja.
</p>
<p>
<b>Kerstin Plehwe: </b>Ja, mit Freude.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Hier die erste Frage:
</p>
<p>
<b>go_figure:</b> Warum immer wieder der Hype ums Internet? Sarkozy gewann wegen der besseren Strategie und klareren Botschaft, oder?
</p>
<p>
<b>Mario Voigt: </b>Technik und Botschaften gehen Hand in Hand. Richtig ist, dass Sarkozy erfolgreich über Themen wir Integration und Einwanderung emotionalisiert hat. Gleichzeitig hat er es geschickt verstanden, den modernen Internetwahlkampf in das enge Dach französischer Wahlkampfregulierung einzubinden: „Message over mechanics&quot;.
</p>
<p>
<b>Kerstin Plehwe:</b> Und um auf das Thema Hype zu kommen: Genau darum soll es eigentlich nicht gehen. Für Deutschland wird es darauf ankommen, jenseits des Hype die Chance des Internets für den politischen Dialog mit dem Wähler zu nutzen.
</p>
<p align="center">
<img decoding="async" src="/salon/photos/KplehweImChat390.jpg" alt="Kerstin Plehwe und Rik Spirka" height="251" width="372" /><br />
<i>Tipper Rik Spirka mit Kerstin Plehwe während des Live-Chats</i>
</p>
<p>
<b>Moderator: </b>An den letzten Satz von Herrn Voigt fügt sich diese Frage an:
</p>
<p>
<b>Wahlkämpfer: </b>Lässt sich über Internet-Kampagnen tatsächlich die Wahlbeteiligung steigern? Sind die inhaltlichen Aussagen und Programme der Kandidaten/Parteien nicht relevanter als das Übermittlungsmedium?
</p>
<p>
<b>Kerstin Plehwe: </b>Auch wenn aus Frankreich keine wissenschaftlichen Zahlen vorliegen, die beweisen, dass die Wahlbeteiligung dank des Interneteinsatzes gesteigert wurde, so wissen wir aus vorangegangenen Studien, dass sich Wählermobilisierungen über die Dialogmedien Brief, Internet und Telefon deutlich steigern lassen.
</p>
<p>
<b>Mario Voigt: </b>Wer heutzutage effektiv kommunizieren will, muss eine person-to-person-Kommunikation aufbauen. Nur so können Botschaften durch das Informationsdickicht gelangen. Dabei ist das Internet das effektivste und kostengünstigste Medium.
</p>
<p>
<b>daniel: </b>Haben Sie untersucht, inwieweit der Einsatz moderner Wahlkampfmittel inhaltliche Aussagen der Kandidaten ersetzen konnte?
</p>
<p>
<b>Mario Voigt:</b> Im Präsidentschaftswahlkampf 2007 vertrauten knapp 42 Prozent dem Fernsehen, 33 Prozent der nationalen Presse und 21 Prozent dem Internet. Gerade die höher qualifizierten Meinungsmacher nutzten das Internet und die nationale Presse.
</p>
<p align="center">
<img decoding="async" src="/salon/photos/MvoigtImChat390x.jpg" alt="Mario Voigt" height="305" width="372" /><br />
<i>Mario Voigt verfolgt den Live-Chat am Computer</i>
</p>
<p>
<b>Moderator: </b>Eine Frage, die sich direkt mit der<a href="http://www.prodialog.org/content/dialogwissen" target="_blank" rel="noopener noreferrer"> Studie</a> beschäftigt („Moderner Wahlkampf und politisches Marketing am Beispiel der Präsidentschaftswahlen in Frankreich<br />
2007&quot;):
</p>
<p>
<b>Audrey: </b>Wie sind Sie für Ihre Studie methodisch vorgegangen? Welche Quellen haben Sie genutzt?
</p>
<p>
<b>Kerstin Plehwe: </b>Es wurden sowohl eine Medienrecherche als auch intensive Interviews mit den relevanten Wahlkämpfern geführt und erste wissenschaftliche Studien zum Beispiel zum Internetverhalten herangezogen. Die Studie ist übrigens für Interessierte kostenlos unter<a href="http://www.prodialog.org/" target="_blank" rel="noopener noreferrer"><br />
www.prodialog.org</a> abrufbar.
</p>
<p>
<b>Mario Voigt: </b>Diese Studie leistet einen wichtigen Beitrag, moderne Wahlkampfmöglichkeiten, die sich auch für Deutschland ergeben können, vergleichend im französischen<br />
Präsidentschaftswahlkampf beobachten zu können.
</p>
<p>
<b>stift:</b> Glauben Sie, die Wahl der Medien war entscheidend für den Ausgang der Wahl?
</p>
<p>
<b>Mario Voigt: </b>Unterschiedliche soziale Gruppen haben ein unterschiedliches Medienverhalten. Dies gilt besonders in einem stark regulierten Medienmarkt wie in Frankreich. Für das Internet gesprochen, finden sich dort besonders hochqualifizierte und sozial aktive Menschen, die daher für die Wahlkampfplaner wichtige Kommunikatoren waren.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Okay, wir haben zwei Sorten von Fragen verstärkt hier: Die einen fragen nach Übertragbarkeit der Studie auf andere Länder, die anderen Fragen wollen genaueres<br />
über den französischen Wahlkampf wissen. Wir fangen mal mit dem Frankreich-Wahlkampf an, um die Basis-Infos zu haben:
</p>
<p>
<b>SecretAgentMan:</b> Welche neuen Phänomene gibt es im französischen Internetwahlkampf?
</p>
<p>
<b>Mario Voigt</b>: Es gibt eine sehr starke Konzentration auf web-basierte Video- und Fernsehangebote. Sarkozy schuf 17 eigene Kanäle unter einer Internetdomain, die sowohl ihn als Person, sein Programm als auch die Auseinandersetzung mit der Gegnerin beinhalteten. Quasi für jeden Geschmack ein Angebot. Damit umging Sarkozy den sehr stark normierten Fernsehwahlkampf und schuf einen eigenständigen TV-Kanal.
</p>
<p>
<b>Kerstin Plehwe: </b>Spannend ist auch, dass beide Kandidaten das Thema Partizipation intensiv in ihrem Wahlkampf eingebettet haben. Ségolène sprach sogar von der partizipativen Demokratie.
</p>
<p>
<b>Fiona.fr:</b> Setzt ein Wahlkampf, der auf Dialogkommunikation und Online-Partizipation basiert, nicht eine partizipative politische Kultur voraus (wie sie in Frankreich verfassungsrechtlich verankert, in Deutschland jedoch begrenzt ist)? Wie glaubwürdig wären daher partizipative Elemente in deutschen Wahlkämpfen?
</p>
<p>
<b>Kerstin Plehwe:</b> Wir sehen parteienübergreifend auch in Deutschland den Trend zur Nutzung stärkerer partizipativer Elemente. Auch wenn die politische Kultur hierzulande sicher anders als in England oder Frankreich ist, so weiß doch die Politik, dass nur über eine Kommunikation, die Vertrauen schafft und Wähler stärker einbindet, erfolgreiche politische Kommunikation in der Zukunft gewährleistet werden kann.
</p>
<p>
<b>Mario Voigt:</b> Ein Beispiel: In Frankreich existierten rund 40.000 Blogs zum Thema „Präsidentschaftswahlkampf&quot;. In Frankreich existiert eine reichhaltige Kultur an politischer Teilhabe und Kommentierung. Die Bürger wollen mitreden und Dialog zu den politisch Handelnden aufbauen. Das Internet kann dazu eine mögliche Brücke sein.
</p>
<p>
<b>globblo:</b> Royal hat mehr auf Partizipation gesetzt als Sarkozy &#8211; es scheint ihr nichts genützt zu haben. Oder hat es ihr sogar geschadet?
</p>
<p>
<b>Kerstin Plehwe:</b> Meiner Meinung nach lagen bei Frau Royal andere Ursachen vor, zum Beispiel der interne Rückhalt in der Partei, Schwächen im Bereich Außenpolitik et cetera. Nichtsdestotrotz haben ihre politischen Gegner versucht, ihr hohes Maß an partizipativen Elementen als eigene Einfallslosigkeit darzustellen. Dennoch sehen wir auch beim Gewinner eine so hohe Zuwendung zum Dialog mit den Bürgern über alle Kanäle, dass deutlich wird, dass Partizipation und Dialog heutzutage unumgänglich<br />
sind.
</p>
<p>
<b>Mario Voigt:</b> Royal hat es nicht verstanden, dem Wähler ein klares inhaltliches Profil anzubieten. Sarkozy hat zwar polarisiert, aber er hat auch mobilisiert &#8211; durchaus eine Lektion für Deutschland.
</p>
<p>
<b>uncle benz: </b>Hat Royal vielleicht einfach zu lange gewartet, bis sie ein ausgearbeitetes Programm präsentiert hat? Die Wähler mitentscheiden zu lassen ist ja ganz schön,<br />
aber gehörten zu den vertrauensbildenden Maßnahmen nicht auch eigene Standpunkte?
</p>
<p>
<b>Kerstin Plehwe: </b>Guter Punkt und hier ist sicherlich einer der Kritikpunkte an der Strategie von Frau Royal.
</p>
<p>
<b>Mario Voigt: </b>Wer keinen eigenen Standpunkt hat, kann auch kein eigenes Angebot formulieren. Gerade als Sozialistin musste sie bestimmte soziale Themen ansprechen, die in ihrem Konzept von partizipativer Demokratie durchaus zu kurz kamen. Als Lektion kann man daher verstehen, eigene Angebote formulieren, aber trotzdem ein Höchstmaß an Beteiligung und Einbindung von Bürgern ermöglichen.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Ein großer Teil der Fragen, die jetzt hier eingehen, fragen nach der Übertragbarkeit des französischen Wahlkampfes auf die Situation in Deutschland. Zunächst Frau Plehwe: Ist es übertragbar?
</p>
<p>
<b>Kerstin Plehwe:</b> Wie immer im Leben ist eine Eins-zu-Eins-Kopie nicht möglich und auch nicht sinnvoll. Aber ein genaues Hinsehen auf die bereits angesprochenen spannenden Elemente der Dialogmedien-Nutzung lohnt schon. Man darf auch nicht vergessen, dass Frankreich eine Rekordwahlbeteiligung verzeichnen konnte, wir in Deutschland aber immer weitere Tiefpunkte in der Wahlbeteiligung zu verzeichnen haben. Deswegen kommen auch wir Deutschen um die Umsetzung der Grunderkenntnis, dass Dialog mobilisiert, nicht herum.
</p>
<p>
<b>Moderator: </b>Herr Voigt, wollen Sie ergänzen?
</p>
<p>
<b>Mario Voigt:</b> Der französische Wahlkampf lehrt uns für die deutsche Perspektive vier Dinge: Erstens: Message over mechanics &#8211; Polarisierung und Emotionalisierung durch Themen und Person steigert das Interesse und die Wahlbeteiligung. Zweitens: Es kommt zu einer Konvergenz der Medien. Der kostengünstige Kommunikationskanal Internet bietet neue Möglichkeiten, alte Formate wie das Fernsehen zu erweitern. Drittens: Eine Vermittlung von Lebensstilen der Kandidaten trägt zur Personalisierung bei. Ob in zahlreichen selbst geschriebenen Büchern oder durch die Kamera ins Web übertragen: Die Kandidaten wählen geschlossene Kommunikationskanäle, um sich selbst vorzustellen. Viertens: Ein response-orientierter Dialogaufbau ermöglicht Hightech mit Hightouch, wo sich Online- und Offlinebereich gegenseitig ergänzen.
</p>
<p>
<b>Kerstin Plehwe:</b> &#8230; und sogar gegenseitig verstärken. Darüber gibt es auch entsprechende Studien.
</p>
<p>
<b>Moderator: </b>Nochmal Vergleich Deutschland-Frankreich:
</p>
<p>
<b>Knietschig:</b> Lassen sich die Voraussetzungen in Bezug auf Internetwahlkampf (Breitbandanschlüsse, Internetnutzung) vergleichen? Wer hatte die bessere Ausgangsposition für einen Internet-gestützten Wahlkampf?
</p>
<p>
<b>Moderator: </b>Übrigens zum gleichen Thema auch diese Frage:
</p>
<p>
june: Wie unterscheiden sich denn französische von deutschen Internetnutzern? Können Sie dazu was sagen?
</p>
<p>
<b>Mario Voigt: </b>Frankreich und Deutschland haben annähernd vergleichbare Voraussetzungen. Richtig ist, dass in Frankreich der Grad der Internetbeteiligung etwas höher liegt: Etwa 3,5 Millionen Franzosen betreiben regelmäßig ein Blog. Die Franzosen sind mit rund 150.000 regelmäßigen Nutzern in Second Life eine der größten drei Communities<br />
(zusammen mit den USA und Deutschland).
</p>
<p>
<b>Kerstin Plehwe: </b>Unterschiedlich sind auch die Parteien und die Nutzung ihrer Webseiten zu betrachten. In Deutschland, so zeigt eine aktuelle dimap-Studie, schneiden die Parteien leider schlecht bei denen ab, die politische Informationen im Internet suchen. Nur drei Prozent besuchen dafür die Webseiten der Parteien, das ist in Frankreich anders.
</p>
<p>
<b>Moderator: </b>Zwei Fragen zur Besonderheit des französischen Wahlkampfes und den auferlegten Sende-Restriktionen:
</p>
<p>
<b>sarko:</b> Laut Ihrer Studie sind in Frankreich die Möglichkeiten für einen Wahlkampf über Fernsehen und Print viel stärker reguliert als in Deutschland. Was könnte deutsche Politiker animieren, das Internet stärker für den Wahlkampf zu nutzen, wenn sie hier ihre Positionen übers TV verbreiten können und damit auch mehr potentielle Wähler erreichen?
</p>
<p>
<b>feunzt: </b>Das Internet ist in Frankreich auch deshalb so wichtig gewesen, weil es so restriktive Möglichkeiten gibt, für eine Partei zu werben. So ist die Zahl der Plakate und TV-Werbezeit streng reglementiert; im Internet ist das noch nicht der Fall. Ist das Internet deshalb so wichtig gewesen?
</p>
<p>
<b>Kerstin Plehwe: </b>Vollkommen richtig, genau das zeigt auch das Ergebnis der Studie, die ProDialog in Zusammenarbeit mit Blueberry erstellt hat.
</p>
<p>
<b>Mario Voigt: </b>Deutsche Politiker werden nach eigenständigen Möglichkeiten suchen, an den konventionellen Medien vorbei direkte Kommunikation zu betreiben. Dabei ist das Internet die kostengünstigste Alternative, die zudem einen response-orientierten Dialogaufbau ermöglicht.
</p>
<p>
<b>Moderator: </b>Ein Kapitel der Studie beschäftigt sich auch mit Massen-Mailversendungen:
</p>
<p>
<b>globblo:</b> Direct Mail geht in Frankreich nicht, schreiben Sie in ihrer Studie. Wie ist das in Deutschland?
</p>
<p>
<b>Kerstin Plehwe: </b>In Deutschland ist das anders. Auch deswegen gewinnen die Parteien zunehmend Vertrauen in die Dialogformen Brief, Telefon und Internet.
</p>
<p>
<b>Mario Voigt: </b>Ohne diese direkte Kommunikation werden Parteien in Zukunft nicht effektiv mit ihren Wählern kommunizieren können, da die Streuungsverluste im Fernsehmarkt<br />
zu groß und zu teuer geworden sind.
</p>
<p>
<b>globblo:</b> Nochmal zu Direct Mailings: Deutsche Parteien haben hier noch Berührungsängste. Warum? Haben Adresshändler dem Thema ein „unseriös &quot;-Image verschafft?
</p>
<p>
<b>Mario Voigt: </b>Die deutschen Parteien sehen Direct Mailings als sinnvolle Ergänzung des bisherigen Kommunikationsmixes an. Zudem nutzen sie es schon in der regelmäßigen Mitgliederkommunikation.
</p>
<p>
<b>feunzt: </b>Was ist besser für Parteien: Daten für Mailings selber sammeln oder im großen Stil kaufen?
</p>
<p>
<b>Kerstin Plehwe:</b> Am sinnvollsten ist sicherlich eine Mischung. Innerhalb der Partei gibt es vielfältige Möglichkeiten der Datengenerierung. Aber auch außerhalb gibt es wertvolle Quellen zur Anreicherung und Erweiterung der Basis an Interessierten.
</p>
<p>
<b>Mario Voigt: </b>Deutsche Parteien kommen in vielfältigen Veranstaltungsformen mit dem Bürger in Dialog. Insofern wäre es nachlässig, nicht einen dauerhaften Kontakt mit einer Adressgewinnung aufzubauen. Zugleich können große Adressanbieter wie die Deutsche Post oder Schober Information Group spannende und wichtige Zusatzlieferanten sein.
</p>
<p>
<b>jockl-g:</b> Gibt es denn Parteien, die schon ein bisschen weiter sind in Deutschland als andere &#8211; in Sachen elektronischer Wahlkampf?
</p>
<p>
<b>Mario Voigt: </b>Die Frage überlasse ich Frau Plehwe als „überparteiliche&quot; Chat-Diskutantin gern 😉
</p>
<p>
<b>Kerstin Plehwe:</b> Man sieht quer durch die Parteienlandschaft spannende und auch erste viel versprechende Ansätze .So haben zum Beispiel die Grünen bereits bei der letzten Bundestagswahl Partizipation im Hinblick auf die Parteiprogrammgestaltung ermöglicht, die FDP hat intensiv die verschiedensten Dialogmöglichkeiten zur Stärkung des Bürgerfonds genutzt, die CDU wiederum hat für die jungen Zielgruppen bei der letzten Wahl hoch innovative mobile Dialogangebote initiiert.
</p>
<p>
<b>Mario Voigt:</b> Doch noch ein kurzer Einwurf: Die CDU hat bereits im Wahlkampf 2002 mit <a href="http://wahlfakten.de/" target="_blank" rel="noopener noreferrer"> wahlfakten.de</a> eine internetbasierte Rapid-Response-Zentrale gehabt. Das haben sich sogar die amerikanischen Wahlkämpfer abgeschaut.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Zum Schluss noch diese:
</p>
<p>
<b>melone: </b>Herr Voigt, was empfehlen Sie den deutschen Parteien für den nächsten Bundestagswahlkampf angesichts der Ergebnisse der Studie?
</p>
<p>
<b>Mario Voigt: </b>Mut zur Emotionalisierung. Vertrauen in moderne Techniken. Und das Bewusstsein, dass der Bürger an der Politik teilhaben will.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Wo sehen Sie die Zukunft des Wahlkampfes, Frau Plehwe?
</p>
<p>
<b>Kerstin Plehwe:</b> Ich kann die drei Punkte von Herrn Voigt nur bestätigen. Und aus der Kenntnis der Parteien heraus um den Punkt „Mut zum Inhalt&quot; ergänzen. Dialog braucht Inhalt und Kontinuität. In beiden Bereichen ist in Deutschland noch viel Luft nach oben.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Liebe Nutzer! Wir kommen zum Ende dieses Chats. Die Stunde ist schon wieder vorbei. Herzlichen Dank für Ihre Fragen! Das Transkript wird auf der Seite <a href="http://www.prodialog.org/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">www.prodialog.org</a> sowie auf der Seite www.politik-digital.de veröffentlicht, so dass Sie weitere interessiere Personen darauf hinweisen können. Sehr geehrte Frau Plehwe, sehr geehrter Herr Voigt: Auch an Sie ein herzliches Dankeschön dafür, dass Sie eine Stunde lang Fragen beantworteten! Ein kurzes Schlusswort?
</p>
<p>
<b>Kerstin Plehwe:</b> Vielen Dank an alle Chatbesucher und unseren Moderator. Wir bleiben jetzt zunächst im beginnenden amerikanischen Wahlkampf mit unserem Wahlkampfblog am Ball.
</p>
<p>
<b>Mario Voigt: </b>Herzlichen Dank für die interessanten Fragen und für die rege Beteiligung! Es hat sich gezeigt, dass es in Deutschland ein hohes Interesse an modernen Wahlkampfformen gibt. Ich würde mich freuen, weiter mit Ihnen im Dialog zu bleiben. Herzlichen Dank an das Team von politik-digital.de!
</p>
<p>
<b>Kerstin Plehwe: </b>Natürlich gerne auch bei einer der nächsten Live-Veranstaltungen der Initiative ProDialog!</p>
]]></content:encoded>
					
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			<slash:comments>0</slash:comments>
		
		
			</item>
		<item>
		<title>&#034;Briten wollen keinen Schauspieler mehr&#034;</title>
		<link>https://www.politik-digital.de/chattranscripte/quotbriten_wollen_keinen_schauspieler_mehrquot-524/</link>
					<comments>https://www.politik-digital.de/chattranscripte/quotbriten_wollen_keinen_schauspieler_mehrquot-524/#respond</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Alina Barenz]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 25 Jun 2007 23:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Chattranscripte]]></category>
		<category><![CDATA[Silke Engel]]></category>
		<category><![CDATA[Großbritannien]]></category>
		<category><![CDATA[Außenpolitik]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://www.politik-digital.de/uncategorized/quotbriten_wollen_keinen_schauspieler_mehrquot-524/</guid>

					<description><![CDATA[<p>
<span class="fett"> Am 26. Juni 2007 war Silke Engel, ARD-Korrespondentin
in London, zu Gast im tagesschau-Chat in Kooperation mit politik-digital.de.
Sie erwartet von dem Blair-Nachfolger Gordon Brown einen ernsthafteren
Regierungsstil. Das britische Verhältnis zu Deutschland werde
jedoch distanziert bleiben, vermutet Engel.</span>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>
<span class="fett"> Am 26. Juni 2007 war Silke Engel, ARD-Korrespondentin<br />
in London, zu Gast im tagesschau-Chat in Kooperation mit politik-digital.de.<br />
Sie erwartet von dem Blair-Nachfolger Gordon Brown einen ernsthafteren<br />
Regierungsstil. Das britische Verhältnis zu Deutschland werde<br />
jedoch distanziert bleiben, vermutet Engel.</span><!--break-->
</p>
<p>
<b><b>Moderatorin:</b></b> Liebe Politik-Interessierte, herzlich<br />
willkommen zum tagesschau-Chat. Unser Gast ist heute Silke Engel,<br />
Korrespondentin im ARD-Studio London. Auf der Insel vollzieht sich<br />
gerade ein Machtwechsel: Tony Blair tritt am 27. Juni als britischer<br />
Premierminister ab, sein Schatzkanzler Gordon Brown folgt ihm nach.<br />
Silke Engel ist ganz nah am Geschehen. Nutzen Sie die Gelegenheit<br />
und stellen Sie ihre Fragen rund um Großbritannien! Frau Engel,<br />
können wir beginnen?<img decoding="async" src="http://www.politik-digital.de/salon/photos/sengel85x.jpg" alt="Silke Engel" align="right" border="0" height="120" width="85" />
</p>
<p>
<b><b>Silke Engel:</b></b> Auf geht&#8217;s!</p>
<p><b>Moderatorin:</b> Viel Interesse an der Person Brown:
</p>
<p>
<b>DBeck:</b> Was sagt die englische Presse zu Brown?<br />
Gibt es schon einen Spitznamen für ihn?
</p>
<p>
<b>Silke Engel:</b> Brown hat viele Spitznamen: brummiger Analytiker,<br />
mürrischer Schotte.
</p>
<p>
<b>Britannia:</b> Hat eigentlich die Queen schon auf<br />
Brown reagiert?
</p>
<p>
<b>Silke Engel:</b> Noch überhaupt nicht. Das hat jedoch nichts zu<br />
sagen. Die Queen hält sich da traditionell raus.
</p>
<p>
<b>Dr. Kaiser:</b> Brown gilt im Gegensatz zu Blair als<br />
spröde und uncharismatisch. Kann er Labour aus der Vertrauenskrise<br />
führen?
</p>
<p>
<b>Silke Engel:</b> Viele Briten hoffen das. So charismatisch Blair ist,<br />
er war vielen nicht substanziell genug. Diese Bodenhaftung soll<br />
Brown den Sozialdemokraten zurückgeben. Außerdem erhoffen<br />
sich die Briten weniger Medienhype, weniger Schauspielerei und statt<br />
dessen ernsthaftere Politik. Die neuen Akzente beziehen sich vor<br />
allem auf das Soziale in Großbritannien. Die öffentliche<br />
Gesundheitsversorgung soll besser werden; die Bildung hat sich Brown<br />
vorgenommen. Vor allem aber soll die Regierung nicht von oben herab<br />
regieren, sondern das Volk mitnehmen und die Entscheidungen transparenter<br />
machen.
</p>
<p>
<b>tricky:</b> Was sind die wichtigsten Anliegen der<br />
neuen Brown-Regierung? Was wird sich am meisten verändern?
</p>
<p>
<b>Silke Engel:</b> Vor allem der Regierungsstil wird sich ändern.<br />
Inhaltlich ist zunächst kein „Linksruck“ zu erwarten.<br />
Gleichwohl will Brown mehr auf Werte setzen und Labour die Seele<br />
zurückgegeben.
</p>
<p>
<b>neoblair: </b>Was hat Europa in Bezug auf Gordon Brown<br />
zu erwarten? Wird der schleichende Abschied der Briten von Europa<br />
nun manifestiert?
</p>
<p>
<b>Silke Engel:</b> Bisher galt Brown immer als europaskeptischer im Vergleich<br />
zu Blair.
</p>
<p>
<b>Moderatorin:</b> In welchen Punkten vor allem?
</p>
<p>
<b>Silke Engel:</b> Was die Finanzpolitik angeht: Brown ist ein Verfechter<br />
des freien, harten Wettbewerbs. Da lässt er sich nicht reinreden.<br />
Außerdem haben die Briten Angst vor zu vielen Regelungen aus<br />
Brüssel. Da halten sich die Briten zurück. Sie haben eher<br />
zu Hause Probleme. Weil Presse und Opposition ein Referendum fordern.
</p>
<p>
<b>Divus:</b> Was ist mit dem EU-Beitritt der Türkei?<br />
Wie wird die Haltung Browns sein?
</p>
<p>
<b>Silke Engel:</b> Brown hat sich dazu bisher zurückgehalten. Erweiterungsfragen<br />
werden in London momentan gar nicht diskutiert.
</p>
<p>
<b>Moderatorin:</b> Eine Nachfrage:
</p>
<p>
<b>ms. singer:</b> Was verstehen Sie denn unter „Labour<br />
die Seele zurückgeben&quot;?
</p>
<p>
<b>Silke Engel:</b> Blair wurde vorgeworfen, schnelllebig auf alles aufgesprungen<br />
zu sein. Dadurch hat er traditionelle, sozialdemokratische Werte<br />
über Bord geworfen. Aber Brown will diese Werte wie soziale<br />
Gerechtigkeit, Chancengleichheit, eine gerechtere Verteilung des<br />
Wohlstandes wieder stärker in den Mittelpunkt seiner Politik<br />
rücken.
</p>
<p>
<b>neoblair: </b>Wird Labour mit Brown an der Spitze<br />
mehrheitsfähig bleiben oder ist ein konservativer turn around<br />
(„Wende“, Anm. d. Red.) zu erwarten?
</p>
<p>
<b>Silke Engel:</b> Das hängt davon ab, ob Brown den momentanen Vertrauensvorschuss<br />
gut nutzen kann. Wenn er tatsächlich alles wahr macht, was<br />
er ankündigt, dann gelingt es. Also: ein Kabinett mit Talenten<br />
errichten und Debatten zulassen, auch wenn sie mal der großen<br />
Linie der Partei widersprechen wie in der Irak-Politik. Denn die<br />
Briten wollen Entscheidungen und keinen Schauspieler mehr. Die Konservativen<br />
haben zwar einen besseren Entertainer an der Spitze. Aber keiner<br />
weiß, wofür die Tories inhaltlich stehen. Wenn Brown<br />
also tatsächlich inhaltliche Argumente dagegensetzt, dann fällt<br />
seine etwas hölzerne Persönlichkeit nicht so ins Gewicht.<br />
Momentan zeigen Umfragen jedenfalls, dass Brown ankommt, auch wenn<br />
er nicht immer lächelt.
</p>
<p>
<b>derreimers: </b>Traditionell steht Großbritannien<br />
den USA sehr nah. Hat sich Brown in letzter Zeit zu dem anstehenden<br />
Wahlkampf in den USA geäußert? Welche Auswirkungen sind<br />
auf die Beziehung zur Bush-Regierung zu erwarten?
</p>
<p>
<b>Silke Engel:</b> Grundsätzlich sieht sich Brown als Transatlantiker.<br />
Er holt sich viele Anregungen aus den USA, vor allem im Ökonomischen.<br />
Gleichzeitig aber hat er betont, dass sich an den internationalen<br />
Verpflichtungen vorerst nichts ändert. Das heißt: Die<br />
britischen Soldaten im Irak und in Afghanistan bleiben erst einmal.<br />
Und sie verdienen die Unterstützung der britischen Regierung.<br />
Aber Brown räumte auch Fehler ein in der Irak-Politik: Auch<br />
die Geheimdienste haben nicht alles richtig gemacht, sagte er. Da<br />
will er künftig darauf achten, dass so etwas wie mit den vorgeschobenen<br />
Massenvernichtungswaffen nicht mehr vorkommt. Ansonsten jedoch hält<br />
er sich mit konkreten Plänen zur Außenpolitik und zu<br />
dem Verhältnis zu Bush zurück.
</p>
<p>
<b>Divus:</b> Sollten die USA einen neuen „Präventivschlag&quot;<br />
umsetzen (beispielsweise gegen den Iran), wird Brown sie „uneingeschränkt&quot;<br />
unterstützen, wie sein Vorgänger es tat?
</p>
<p>
<b>Silke Engel:</b> Er wird skeptischer sein, nicht sofort Unterstützung<br />
zusagen. Aber er wird auch keine politische Linie neben den Amerikanern<br />
fahren.
</p>
<p>
<b>freundderfreiheit: </b>Ist Brown nicht ebenfalls wie<br />
Blair schon „ausgepowert&quot;? Immerhin ist er genauso lange<br />
wie Blair an der Regierung.
</p>
<p>
<b>Silke Engel:</b> Das ist ein Problem seiner künftigen Politik.<br />
Er kann nicht alles von der Regierung Blair über Bord werfen,<br />
weil er ja selbst beteiligt war. Gleichzeitig will er neue Akzente.<br />
Und diesen Spagat den Briten zu verkaufen, dürfte nicht immer<br />
leicht sein. Auch betont er immer die offenen Debatten, dass er<br />
lernen und zuhören will. Das hätte er auch schon unter<br />
Blair machen können. Da ist er mit den Eigenschaften jedoch<br />
weniger aufgefallen. Insofern muss Brown seinen Ankündigungen<br />
Taten folgen lassen, sonst hat er schnell verspielt.
</p>
<p>
<b>Moderatorin:</b> Zwischenfrage zum Charakter Blairs: Sie haben ihn<br />
in einem Kommentar als engagierten, mitreißenden Überredungskünstler<br />
und Populisten bezeichnet. Wie kommen Sie zu diesem Urteil?
</p>
<p>
<b>Silke Engel:</b> Tony Blair ist meiner Erfahrung nach ein begnadeter<br />
Redner. Der kann sich auf eine Bühne stellen und alle sofort<br />
in seinen Bann ziehen. Das heißt aber nicht, dass seine Argumente<br />
alle schlüssig sind. Insofern redet er gut, oft achtet er jedoch<br />
mehr auf die Rhetorik als auf den Inhalt. Das belegen alle Kampagnen,<br />
die er gestartet hat. Populistisch deshalb, weil er oft den Zeitgeist<br />
nimmt, um seine Politik zu vermarkten &#8211; er lud Popstars nach Downing<br />
Street ein und so weiter. Inhaltlich aber hat er oft nicht Wort<br />
gehalten. Beispiel Irak-Krieg: Die Massenvernichtungswaffen waren<br />
vorgeschoben. Beispiel EU-Verfassung: Mal hat Blair ein Referendum<br />
angekündigt, mal war es wieder nicht nötig. Er hat seine<br />
Ansichten oft still und heimlich geändert.
</p>
<p>
<b>sketcher:</b> Ist das so eine Art Mentalitätswechsel<br />
in der britischen Politik? Weg von den immer lächelnden Charismatikern,<br />
hin zu einer neuen Ernsthaftigkeit?
</p>
<p>
<b>Silke Engel:</b> Auf jeden Fall.
</p>
<p>
<b>Hermann54:</b> Was wird eigentlich jetzt aus dem deutsch-britischen<br />
Verhältnis? Mehr Herzlichkeit?
</p>
<p>
<b>Silke Engel:</b> Das glaube ich kaum. Brown kann mit Europa generell<br />
und den Deutschen im Besonderen wenig anfangen. Das mag vor allem<br />
an seinen mangelnden Sprachkenntnissen liegen. Es bleibt so wie<br />
es ist, denke ich.
</p>
<p>
<b>Melvin:</b> Wie werden denn Angela Merkel und Gordon<br />
Brown miteinander auskommen?
</p>
<p>
<b>Silke Engel:</b> Bisher hatte Brown ja noch nicht so viel Gelegenheit,<br />
direkt mit Angela Merkel zu sprechen. Blair und Merkel haben sich<br />
immer sehr gut verstanden. Und seit dem G8-Gipfel wird die zupackende,<br />
pragmatische Art der deutschen Bundeskanzlerin sehr gelobt in der<br />
britischen Presse. Was Brown allerdings gegen den Strich gehen dürfte,<br />
ist Merkels Einsatz für ein engeres Europa. Da sind die Positionen<br />
nach wie vor weit auseinander.
</p>
<p>
<b>Croy:</b> Brown hat 2003 gesagt: „Meine Schlussfolgerung<br />
ist die folgende: Wenn sich anhand unserer fünf wirtschaftlichen<br />
Kriterien herausstellt, dass ein Beitritt zum Euro gut für<br />
den Erhalt von britischen Arbeitsplätzen, gut für die<br />
Wirtschaft und für künftigen Wohlstand ist, dann ist es<br />
aus ökonomischer Sicht und im nationalen Interesse richtig,<br />
der gemeinsamen Währung beizutreten.&quot; Wie steht er heute<br />
zum Euro?
</p>
<p>
<b>Silke Engel:</b> Genauso ablehnend. Hier in Großbritannien geht<br />
keiner davon aus, dass der Beitritt zur Eurozone näher gerückt<br />
ist. Es wird nach wie vor auf die Kriterien verwiesen, ohne dass<br />
sie bewertet werden. Das heißt: Es läuft für Großbritannien<br />
auch ohne Euro hervorragend. Daher braucht man die Einheitswährung<br />
nicht. Und der Bevölkerung ist das gerade recht.
</p>
<p>
<b>Moderatorin:</b> Wahnfried fragt noch mal allgemein:
</p>
<p>
<b>Wahnfried:</b> Wie sehen denn Browns britische Perspektiven<br />
für Europa aus?
</p>
<p>
<b>Silke Engel:</b> Dazu äußert er sich nicht konkret. Nur<br />
Allgemeinplätze, dass Europa wichtig ist und dass Großbritannien<br />
weiter eine Brückenfunktion einnimmt. Das heißt, dass<br />
er dafür sorgen will, dass die Beziehungen zwischen Amerika<br />
und dem Kontinent besser werden. Ansonsten aber wenig Konkretes.<br />
Auch die in Zeitungen gefeierte neue Achse Paris-London &#8211; die ist<br />
hier überhaupt kein Thema.
</p>
<p>
<b>Moderatorin:</b> Zur Innenpolitik:
</p>
<p>
<b>Azim1:</b> Wie sind die Ansichten Browns zur Integrationspolitik<br />
und Minderheitenreligionen?
</p>
<p>
<b>Silke Engel:</b> Brown will die Chancengleichheit erhöhen und<br />
zugleich die Migranten mit seiner Politik beim Verstand und beim<br />
Herzen packen. So hat er es wörtlich ausgedrückt. Damit<br />
Extremisten in der britischen Gesellschaft keine Chancen mehr haben.<br />
Außerdem plädiert er für besseren Englischunterricht<br />
bei den Zuwanderern, der auch zur Pflicht werden soll. Überhaupt<br />
ist Bildung in dem Zusammenhang der Schlüssel. Denn nach jüngsten<br />
Studien sind es gar nicht die Einwanderer, die arbeitslos sind und<br />
an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden, sondern vielmehr<br />
Briten aus der ehemaligen Arbeiterklasse, der Unterschicht. Die<br />
leben oft über Generationen von Sozialhilfe.
</p>
<p>
<b>Neilpryde: </b>Wird Gordon Brown versuchen, die Mittelklasse<br />
in Großbritannien zu stärken? Wo er doch, wie ich hörte,<br />
die letzten Jahre daran arbeitete, Labour der betreffenden Schicht<br />
näher zu bringen?
</p>
<p>
<b>Silke Engel:</b> Brown muss die Mittelschicht bei der Stange halten<br />
und zugleich zu den Wurzeln der Sozialdemokraten zurückkehren.<br />
Aber es ist eine Legende, dass Brown so viel linker eingestellt<br />
ist als Blair. Immerhin hat Brown eingeführt, dass staatliche<br />
Projekte für private Geldgeber geöffnet werden. Er drängt<br />
wie zuletzt bei dem EU-Gipfel auf den harten, ungeschützten<br />
Wettbewerb.
</p>
<p>
<b>lotsenboot:</b> In London steht an jeder Ecke eine<br />
Kamera wegen der Furcht vor Terroranschlägen – obwohl,<br />
die Kameras gab&#8217;s ja auch schon früher. Wird das eigentlich<br />
in Großbritannien noch diskutiert oder ist das allgemein akzeptiert?
</p>
<p>
<b>Silke Engel:</b> CCTV stört die Briten gar nicht (CCTV bedeutet<br />
„Closed Circuit Television“ und beschreibt die Videoüberwachung<br />
von öffentlichen Räumen oder des Verkehrs, Anm. d. Red.).<br />
Die große Mehrheit sagt: Wenn es der Verbrechensbekämpfung<br />
dient, warum nicht.
</p>
<p>
<b>lotsenboot:</b> Wir haben in Deutschland ja eine hübsche<br />
Mindestlohn-Debatte. Wie finden die Briten die Erfahrungen, die<br />
sie bislang damit gemacht haben? Und kann man den Mindestlohn dort<br />
mit dem hier vergleichen?
</p>
<p>
<b>Silke Engel:</b> Seit es den Mindestlohn hier gibt, ist man weitgehend<br />
zufrieden damit. Und zwar von allen Seiten. Eine Debatte darüber<br />
gibt es nicht. Allerdings herrscht auch Kritik, gerade durch die<br />
vielen Zuwanderer, die den Mindestlohn umgehen, um überhaupt<br />
einen Job zu finden. Sie arbeiten oft länger oder unter der<br />
Hand für weniger Geld &#8211; trotz der Kontrollen. Trotzdem lassen<br />
sich Deutschland und Großbritannien nicht wirklich vergleichen.<br />
Denn in Großbritannien wächst seit Jahren die Wirtschaft<br />
und die Arbeitslosigkeit ist weit niedriger als in Deutschland.<br />
Hier wird der Mindestlohn also nicht als Instrument gesehen, um<br />
Langzeitarbeitslose zu zwingen, wieder einen Job anzunehmen. Aber<br />
Schwarzmarkt und schlecht qualifizierte Arbeitnehmer, das gibt es<br />
auch hier.
</p>
<p>
<b>gb100: </b>Welche Rolle spielt es, dass Brown Schotte<br />
ist?
</p>
<p>
<b>Silke Engel:</b> Das erhöht die Skepsis bei vielen Nicht-Schotten.<br />
Spannend wird auch beobachtet, wie sich Schottland nach den gerade<br />
erst abgeschlossenen Regionalwahlen behauptet. Grundsätzlich<br />
sind viele misstrauisch einerseits, andererseits aber fordern viele<br />
auch, den London-Zentralismus aufzubrechen. Und dafür kann<br />
Brown als Schotte als gutes Beispiel gelten.
</p>
<p>
<b>Moderatorin:</b> Zurück ins Ausland. Blair bekommt einen neuen<br />
Job. Dazu Fragen:
</p>
<p>
<b>Nahost:</b> Was kann Blair eigentlich in Nahost als<br />
Gesandter bewirken? Durch die Teilnahme am Irak-Krieg ist doch da<br />
sicher viel Vertrauen und Sympathie verspielt.
</p>
<p>
<b>Silke Engel:</b> Das verwundert in London auch viele, dass ausgerechnet<br />
der „Kriegstreiber&quot; Blair jetzt neuer Friedensmissionar<br />
werden soll. Gleichzeitig aber ist er ein hervorragender Diplomat,<br />
der verhandeln kann, der Ausdauer hat, auch wenn es mal schwierig<br />
wird. Seine Rolle als Friedensstifter hat er in Nordirland unter<br />
Beweis gestellt. Insofern hofft auch London, dass Blair etwas bewirken<br />
kann im Nahen Osten. Aber es gibt auch viele, die ernsthaft um seine<br />
Sicherheit fürchten.
</p>
<p>
<b>Mat3.0:</b> Welche Initiative kann man von Gordon<br />
Brown in der Krise im Nahen Osten erwarten, insbesondere wo ihm<br />
mit Tony Blair nun ein alter Bekannter (und Widersacher) als verlängerter<br />
Arm (oder Klumpfuß) zur Verfügung steht?
</p>
<p>
<b>Silke Engel:</b> Brown wird sich erst einmal zurückhalten und<br />
sich schrittweise an die Außenpolitik herantasten. Aber in<br />
der Tat ist er „not amused&quot;, bei Nahost-Verhandlungen<br />
auf Blair zu treffen. Er befürchtet, dass ihm reinregiert wird,<br />
was Brown gar nicht leiden kann. Der hat am liebsten alles unter<br />
Kontrolle. Aber seine Prioritäten sind zunächst innenpolitische<br />
Fragen.
</p>
<p>
<b>Moderatorin:</b> Wie sieht denn Browns Auslandsreiseplan aus? Wen wird<br />
er als erstes besuchen?
</p>
<p>
<b>Silke Engel:</b> Der genaue Reiseplan steht noch nicht fest. Zunächst<br />
wird er erst einmal seine neue Regierungsmannschaft ernennen.
</p>
<p>
<b>Moderatorin:</b> Da interessieren sich noch zwei für Browns royale<br />
Gesinnung:
</p>
<p>
<b>Azim1: </b>Wie steht Brown zum Königshaus?
</p>
<p>
<b>lemieux66:</b> Ist er jemand, der dem Empire nachweint?
</p>
<p>
<b>Silke Engel:</b> Brown ist der Sohn eines Predigers. Er ist pflichtbewusst<br />
und will seinem Land dienen. Da zeigt er eine ähnliche Demut<br />
wie die Queen. Dem Empire weint er zwar keine Träne nach. Aber<br />
er ist stolz auf die britische Geschichte und versucht, im modernen<br />
Großbritannien so etwas wie Nationalstolz, also „Britishness&quot;<br />
zu etablieren. Denn weil so viele Nationen hier zusammenleben, gibt<br />
es für manche nichts, was die Nation zusammenhält. Da<br />
möchte Brown gerne was für tun und Werte schaffen, mit<br />
denen sich alle Briten &#8211; egal welchen Ursprungs &#8211; identifizieren<br />
können.
</p>
<p>
<b>Moderatorin:</b> Unsere Zeit ist um, herzlichen Dank nach London an<br />
Silke Engel. Auch ein herzliches Dankeschön an die Chat-Teilnehmer<br />
und ihre Fragen. Leider konnten wir sie nicht alle stellen.</p>
]]></content:encoded>
					
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			</item>
		<item>
		<title>&#034;Sarkozy geht es in erster Linie um Macht.&#034;</title>
		<link>https://www.politik-digital.de/chattranscripte/quotsarkozy_geht_es_in_erster_linie_um_machtquot-496/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[admin]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 06 May 2007 23:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Chattranscripte]]></category>
		<category><![CDATA[Nicolas Sarkozy]]></category>
		<category><![CDATA[Frankreich]]></category>
		<category><![CDATA[Präsidentschaftswahl]]></category>
		<category><![CDATA[Ulrich Wickert]]></category>
		<category><![CDATA[Außenpolitik]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>
<b><span class="fett"> Am 7. Mai war Ulrich Wickert, der ehemalige
ARD-Frankreich-Korrespondent, im tagesschau-Chat in Zusammenarbeit
mit politik-digital.de. Er sprach über seine Erwartungen an
die französische Außenpolitik unter Sarkozy, die Folgen
für die Europäische Union und die Haltung der Franzosen
zu ihrem neuen Präsidenten.</span></b>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>
<b><span class="fett"> Am 7. Mai war Ulrich Wickert, der ehemalige<br />
ARD-Frankreich-Korrespondent, im tagesschau-Chat in Zusammenarbeit<br />
mit politik-digital.de. Er sprach über seine Erwartungen an<br />
die französische Außenpolitik unter Sarkozy, die Folgen<br />
für die Europäische Union und die Haltung der Franzosen<br />
zu ihrem neuen Präsidenten.</span></b><!--break-->
</p>
<p>
<b>Moderator</b>: Herzlich willkommen zum tagesschau-Chat<br />
in Kooperation mit politik-digital.de. Wohin wird der neue französische<br />
Präsident das Land steuern? Wie steht es um die Europapolitik?<br />
Und wie nimmt die Bevölkerung das Wahlergebnis auf? Sie können<br />
Ihre Fragen gerne jetzt schon stellen, der langjährige ARD-Frankreich-Korrespondent<br />
Ulrich Wickert wird sie von 17.00 bis 18.00 Uhr an dieser Stelle<br />
beantworten. <img decoding="async" src="http://www.politik-digital.de/salon/photos/uwickert85x.jpg" alt="Ulrich Wickert" align="right" height="125" width="85" />
</p>
<p>
<b>Ulrich Wickert:</b> Hallo liebe User, hier ist Ulrich<br />
Wickert. Ich bin eben gerade aus Paris zurückgekommen, wo ich<br />
den zweiten Wahlgang miterlebt habe. Ich bin jetzt gespannt auf<br />
Ihre Fragen.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Hallo Herr Wickert, schön, dass<br />
Sie da sind! Die ersten Fragen beziehen sich auf das deutsch-französische<br />
Verhältnis:
</p>
<p>
<b>akira:</b> Hallo Herr Wickert, wie, denken Sie, werden<br />
sich die Beziehungen Frankreichs zu Deutschland mit dem neuen Präsidenten<br />
entwickeln?
</p>
<p>
<b>eggi:</b> Wie wird sich die deutsch-französische<br />
Partnerschaft im Rahmen der EU entwickeln?
</p>
<p>
<b>DTH07:</b> Was glauben Sie, in welchem politischen<br />
Verhältnis zukünftig Deutschland und Frankreich agieren<br />
werden? Wird die Achse Berlin &#8211; Paris bleiben oder sich verlagern?
</p>
<p>
<b>Renni</b>: Wird das Verhältnis zwischen Deutschland<br />
und Frankreich jetzt erschwert?
</p>
<p>
<b>Wickert:</b> Wenn es um die Zukunft des deutsch-französischen<br />
Verhältnisses geht und die Einstellung des neuen Präsidenten,<br />
dann muss man wahrscheinlich unterscheiden zwischen dem, was er<br />
bisher gesagt hat, und dem, was er als Präsident wirklich umsetzen<br />
wird. In den letzten Jahren hat er sich immer wieder kritisch über<br />
die deutsch-französische Sonderstellung in Europa geäußert.<br />
Und im Wahlkampf hat er äußerst unfreundliche Aussagen<br />
über Deutschland gemacht, indem er sagte, Frankreich habe ja<br />
die Endlösung nicht erfunden. Er wollte damit sicherlich Stimmen<br />
bei den Rechtsradikalen einfangen. Jetzt hat Nicolas Sarkozy angekündigt,<br />
seine erste Auslandsreise werde nach Berlin führen. Das lässt<br />
darauf hoffen, dass er die Tradition seiner Vorgänger wahren<br />
wird.
</p>
<p>
<b>IGM:</b> Wäre für Deutschland nicht ein<br />
Sieg von Royal besser gewesen? So hätten Frau Merkel und Frau<br />
Royal eher „unter Frauen&quot; Angelegenheiten klären<br />
können.
</p>
<p>
<b>Wickert:</b> Das glaube ich nicht. Denn Frau Royal<br />
ist nicht als Frau in den Wahlkampf gegangen, sondern als eine moderne<br />
Politikerin, die zum Beispiel das Internet ganz bewusst für<br />
ihren Wahlkampf eingesetzt hat. Sicherlich steht sie in einigen<br />
Punkten Frau Merkel näher. Sie ist einmal Umweltministerin<br />
gewesen und hätte in den Fragen der alternativen Energie sich<br />
mit Angela Merkel besser verstanden.
</p>
<p>
<b>Kritzel:</b> Wohin steuert Frankreich jetzt außenpolitisch?
</p>
<p>
<b> Wickert:</b> Das wird man erst nach einigen Monaten<br />
feststellen können. Denn Nicolas Sarkozy hat im Wahlkampf zu<br />
erkennen gegeben, dass er noch kein außenpolitisches Konzept<br />
erarbeitet hat. Um sich von dem scheidenden Präsidenten Jacques<br />
Chirac zu distanzieren, hat er sich bei George Bush als Politiker<br />
eingeführt, der nicht wie Chirac ein kritischer Gegenspieler<br />
sein will.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Unsere User machen sich dennoch Gedanken,<br />
vor allem um die Zukunft der EU:
</p>
<p>
<b>mainzel:</b> Wie steht Sarkozy denn zur EU als Staatenbund?<br />
Wird er eher Motor oder Bremse bei der Erstellung einer neuen europäischen<br />
Verfassung sein?
</p>
<p>
<b>SAS:</b> Wie schätzen sie die Beziehungen Sarkozys<br />
zu Merkel ein? Und wie sieht es aus mit seiner transatlantischen<br />
Position? Wird er, ähnlich wie Chirac, weiter eher mit Europa<br />
zusammen arbeiten, oder doch auch die USA bevorzugen?
</p>
<p>
<b>ulle:</b> Was denken Sie: Wird es mit Sarkozy eine<br />
Europäische Verfassung geben?
</p>
<p>
<b>Wickert:</b> Sarkozy hat nach seinem Besuch bei George<br />
Bush erfahren müssen, dass er damit bei seinen französischen<br />
Wählern nicht unbedingt auf Zustimmung stößt. Er<br />
möchte sehr schnell in Europa Frankreich wieder als starke<br />
Macht einführen. Deshalb hat er vorgeschlagen, von dem Minimalvertrag<br />
auszugehen, wie ihn auch Frau Merkel vorsieht. Dieser Minimalvertrag<br />
soll nach seiner Vorstellung in Frankreich nicht mehr dem Volk vorgelegt<br />
werden, sondern vom Parlament gebilligt werden. Erweiterungen der<br />
Europäischen Union sieht er skeptisch. Sarkozy spricht sich<br />
gegen die Aufnahme der Türkei aus und will auch die Verhandlungen<br />
mit der Türkei so bald wie möglich einschränken.<br />
Ganz wie Angela Merkel spricht er von einer privilegierten Partnerschaft,<br />
die man der Türkei anbieten solle.
</p>
<p>
<b>mainzel:</b> Wie steht Sarkozy zur französischen<br />
Atommacht? Werden wir &#8211; wie schon bei seinem Vorgänger &#8211; zeitnah<br />
am Anfang seiner Amtszeit eine Demonstration der Stärke durch<br />
einen Atomtest erleben?
</p>
<p>
<b>Trinity:</b> Wird sich die bisher defensive Atompolitik<br />
Frankreichs ändern?
</p>
<p>
<b>Wickert:</b> Sarkozy wird sicherlich keine Atomtests<br />
anordnen. Aber es ist davon auszugehen, dass er die französische<br />
Atomverteidigung nicht abschaffen wird. Sie gehört zu der Ausstattung<br />
Frankreichs als besondere Macht in Europa.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Eine Nachfrage zur EU:
</p>
<p>
<b>CaHaas:</b> Steht Sarkozy für ein „Europa<br />
der zwei Geschwindigkeiten&quot;?
</p>
<p>
<b>Wickert:</b> Sarkozy steht für ein Europa der<br />
zwei Geschwindigkeiten. Er kann sich vorstellen, dass es ein Kerneuropa<br />
der Sechs gibt, die enger miteinander zusammenarbeiten. Und diese<br />
Sechs sind Deutschland, Frankreich, Spanien, Italien, Großbritannien<br />
und Polen.
</p>
<p>
<b>sigfried:</b> Wird sich Frankreich in militärischen<br />
Fragen und Beiträgen verändern?
</p>
<p>
<b>Wickert:</b> Sarkozy hat bisher nicht zu erkennen<br />
gegeben, dass er die Verteidigungspolitik Frankreichs grundsätzlich<br />
verändern will. Er hat allerdings im Unterschied zu Jacques<br />
Chirac erklärt, er sei dagegen, dass das Waffenembargo gegen<br />
China aufgehoben wird. Wahrscheinlich wird er auch in der Nahostpolitik<br />
eine andere Position einnehmen, da er anders als Chirac weniger<br />
von den arabischen Staaten beeinflusst ist. Er wird starke Beziehungen<br />
zu Israel aufbauen.
</p>
<p>
<b>Spezi:</b> Chirac kann mit einem atomaren Iran leben.<br />
Sarkozy auch?
</p>
<p>
<b>Wickert: </b>Sarkozy wird eher die Position Deutschlands<br />
einnehmen und natürlich Amerikas, die verhindern wollen, dass<br />
der Iran eine Atombombe baut.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Themenwechsel in die Innenpolitik.<br />
Besonders die Probleme in den Vorstädten beschäftigen<br />
die User:
</p>
<p>
<b>Frankentaler:</b> Wie wird Sarkozy innenpolitisch<br />
mit den Jugendlichen umgehen? Behält er seine als Minister<br />
praktizierte harte Linie bei? Wie will er die Integration von Jugendlichen<br />
in die Gesellschaft schaffen?
</p>
<p>
<b>MarLau:</b> Viele Franzosen fürchten mehr „sozial<br />
Kälte&quot; durch Sarkozys Präsidentschaft. Werden sich<br />
die Gräben, die sich angedeutet haben, verfestigen oder wird<br />
es gelingen sie zu überwinden?
</p>
<p>
<b>Christiane:</b> Wie beurteilen Sie die Zukunftschancen<br />
der Immigranten in Frankreich unter der neuen Regierung? Können<br />
Sie sich vorstellen, dass der neue Präsident, zum Beispiel<br />
insbesondere in den Pariser Vorstädten, neue Wege beschreiten<br />
wird? Wenn ja, welche könnten das Ihrer Meinung nach sein?<br />
Herzliche Grüße von einer Ihrer Verehrerinnen (die sie<br />
noch immer in den Tagesthemen vermisst&#8230;).
</p>
<p>
<b>Wickert:</b> Sarkozy weiß, dass er mit der Banlieue<br />
ein großes Problem hat. Gestern Nacht sind ja schon mehr als<br />
200 Autos in Brand gesteckt worden. Er wird allerdings eine ganz<br />
konsequente Einwanderungspolitik durchführen. Er hat angekündigt,<br />
ein Ministerium für Immigration und französische Identität<br />
einzurichten. Das bedeutet, Frankreich wird bestimmen, wer in Zukunft<br />
„gewünscht&quot; und wer unerwünscht ist. Er hat<br />
gestern Abend schon klar gesagt: Unerwünscht werden diejenigen<br />
sein, die die Rechte der Frau nicht respektieren, die die Mehrehe<br />
praktizieren oder die ihre Töchter beschneiden lassen. Die<br />
Banlieue ist aber erst einmal ein soziales Problem. Und es ist notwendig,<br />
für die Jugendlichen ein Arbeitsprogramm zu erstellen.
</p>
<p>
<b>sigfried:</b> Ich habe mich beeindruckt gezeigt, als<br />
Herr Sarkozy als einziger Präsidentschaftskandidat bei den<br />
Unruhen in den französischen Vororten sich auf Polizeistationen<br />
die Nächte um die Ohren geschlagen hat. Warum haben die anderen<br />
Kandidaten dieses Verhalten kritisiert von außerhalb? Und<br />
ist diese Tat nicht Sarkozy hoch anzurechnen, unabhängig davon,<br />
was er in diesen Nächten gesagt hat?
</p>
<p>
<b>Wickert:</b> Sarkozy hat dies als Innenminister getan,<br />
ist allerdings in den letzten Monaten nicht mehr in der Banlieue<br />
erschienen, weil er befürchtet hat, dass dies zu Unruhen führen<br />
würde.
</p>
<p>
<b>teilzeit:</b> Wie beurteilen Sie die Proteste nach<br />
Bekanntwerden des Wahlergebnisses in Paris? Woher kam diese Aufgebrachtheit?
</p>
<p>
<b>Wickert:</b> Ich würde diese Proteste nicht überschätzen.<br />
Solche Unruhen gibt es immer zu festen Daten. Die Polizei hat heute<br />
erklärt, es seien nicht mehr Autos angesteckt worden als am<br />
letzten Silvester oder am letzten Nationalfeiertag.
</p>
<p>
<b>mainzel:</b> Welche Themen wurden von Sarkozy bei<br />
diesen Wahlen besonders „heiß&quot; diskutiert?<br />
Welche wird er demnach als erstes umsetzen müssen/wollen?
</p>
<p>
<b>Wickert:</b> Als erstes hat Sarkozy die Sicherheit<br />
der Bürger hervorgehoben. Und er will sobald wie möglich<br />
strengere Gesetze für Wiederholungstäter einführen.<br />
Wer zum dritten Mal verurteilt wird, der soll mit der Höchststrafe<br />
rechnen müssen. Als zweites hebt Sarkozy hervor, dass es wichtig<br />
ist, die Wirtschaft wieder anzukurbeln. &#8230; und dazu macht er einen<br />
Vorschlag, die staatlich festgelegte 35-Stunden-Woche aufzuweichen.<br />
Das heißt, Überstunden sollen in Zukunft nicht mehr bezahlt<br />
werden, sondern steuerfrei sein und auch von Seiten der Arbeitgeber<br />
befreit werden von Sozialabgaben. Allerdings werden die Überstunden<br />
von Angestellten sowieso nicht bezahlt, und Empfänger des Mindestlohnes<br />
zahlen meist keine Steuern.
</p>
<p>
<b>Jan2007:</b> Wie sieht es mit der Wirtschaftspolitik<br />
aus? Wird Sarkozy weitere Anstrengungen unternehmen, um die Handelsbeziehungen<br />
zu Deutschland und anderen EU-Ländern weiter zu verbessern?
</p>
<p>
<b>Wickert: </b>In der Wirtschaftspolitik will sich Sarkozy<br />
„liberal&quot; zeigen. Aber ob das in der Wirklichkeit auch<br />
so sein wird, stelle ich in Frage, denn bisher hat er dies nicht<br />
getan. Als die deutsche Firma Siemens die französische Firma<br />
Alstom kaufen wollte, hat Sarkozy dies verhindert.<br />
Da ist er wahrscheinlich doch noch sehr stark französischer<br />
Zentralist.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Zwei Fragen zu Airbus:
</p>
<p>
<b>Christoph5:</b> Wie steht Sarkozy Deutschland gegenüber<br />
(vielleicht gerade in dem schwelenden Richtungsstreit bei EADS,<br />
allgemein wirtschaftspolitisch)? Im Wahlkampf äußerte<br />
er sich, dass er französische Interessen hart vertreten will.
</p>
<p>
<b>ulle:</b> Ist das Thema Airbus mit Sarkozy für<br />
die deutschen Standorte besser oder schlechter geworden?
</p>
<p>
<b>Wickert:</b> Auch was Airbus betrifft, ist Sarkozy<br />
„Franzose&quot;. Er hält die Doppelspitze für nicht<br />
notwendig und da hat er wahrscheinlich Recht. Aber er meint natürlich<br />
damit, dass an der Spitze ein Franzose sitzen soll, und kein Deutscher.
</p>
<p>
<b>caspate</b>: Bildungspolitisch hat sich Sarkozy eine<br />
Menge vorgenommen. Wie will er das marode und nicht mehr zeitgemäße<br />
Bildungssystem Frankreichs denn nun reformieren?
</p>
<p>
<b>Wickert:</b> Sarkozy will den Universitäten mehr<br />
Freiheit geben, was ja sicherlich notwendig ist. Aber er sieht nicht<br />
vor, das ganze System der Eliteschulen zu verändern.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Noch eine Nachfrage zur 35-Stunden-Woche:
</p>
<p>
<b>mainzel:</b> Machen die Franzosen die „Aufweichung&quot;<br />
der 35-Stunden-Woche mit? Man hat beim Konsum der tagesschau/tagesthemen<br />
eher das Gefühl, den Franzosen ist die 35-Stunden-Woche heilig.
</p>
<p>
<b>Wickert:</b> In Frankreich warnen gerade diejenigen,<br />
die für Ségolène Royal gestimmt haben, dass es<br />
zu einem heißen Herbst kommen könnte, wenn Sarkozy bei<br />
seinen Gesetzesvorhaben zur 35-Stunden-Woche die Gewerkschaften<br />
nicht in die Diskussion mit einbezieht. Die 35-Stunden-Woche ist<br />
den Franzosen sicherlich heilig, insbesondere deswegen, weil in<br />
Frankreich ein ungewöhnlich großer Teil der Beschäftigten<br />
sich im Staatsdienst befinden.
</p>
<p>
<b>hamma13:</b> Sarkozy plant zudem, Steuern und Sozialabgaben<br />
zu senken. Zukünftig soll keiner mehr als 50 Prozent seines<br />
Einkommens an den Staat abgeben müssen. Wird der Sozialstaat<br />
Frankreich darunter leiden? Wird es zu spürbaren Einbußen<br />
bei staatlichen Serviceleistungen kommen?
</p>
<p>
<b>Wickert:</b> Im Wahlkampf hat Sarkozy verkündet,<br />
dass die Steuern auf unter 50 Prozent gesenkt werden sollen. Er<br />
will zusätzlich die Erbschaftssteuer fast ganz abschaffen und<br />
nur für die ganz großen Vermögen noch einen kleinen<br />
Steuersatz beibehalten. Er hat allerdings nicht präzisiert,<br />
wie er dies finanzieren will und wo er Sozialleistungen kürzen<br />
wird.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Nun ein Blick in die Zukunft:
</p>
<p>
<b>Manfred Klose:</b> Glauben Sie, dass die Wahlen im<br />
Juni ähnlich knapp ausfallen werden, oder sich dort denn eine<br />
größere Mehrheit für Sarkozy abzeichnen wird? (Falls<br />
die UMP diese Wahlen überhaupt gewinnt?)
</p>
<p>
<b>fl:</b> Wie schätzen Sie die Chancen der Parti<br />
Socialiste bei den Parlamentswahlen ein? Viele Franzosen könnten<br />
sich eine Cohabitation wünschen, um Sarkozy zu „zügeln&quot;.<br />
Ist das realistisch, beziehungsweise wünschenswert?
</p>
<p>
<b>Wickert: </b>Die Franzosen hassen die Cohabitation.<br />
Deswegen gehe ich davon aus, dass die UMP als Partei von Nicolas<br />
Sarkozy bei den Parlamentswahlen eine große Mehrheit erhalten<br />
wird. Das entspricht auch dem republikanischen Verhalten der Franzosen.<br />
Immer wieder hat der neu gewählte Präsident bei den anschließenden<br />
Parlamentswahlen die Mehrheit erhalten.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Und noch eine Personalfrage:
</p>
<p>
<b>PainAuChocolat:</b> Ist schon bekannt, wer Premierminister<br />
werden könnte?
</p>
<p>
<b>hamma13:</b> Wer wird ihrer Ansicht nach neuer Premierminister?
</p>
<p>
<b>Wickert: </b>Höchstwahrscheinlich wird François<br />
Fillon der französische Premierminister.
</p>
<p>
<b>gagmaus:</b> Kann man sagen, Frankreich sei gespalten<br />
in zwei etwa gleich starke, unversöhnliche Lager, ähnlich<br />
wie die USA?
</p>
<p>
<b>Wickert:</b> Der Wahlausgang zeigt, dass Frankreich<br />
aus zwei Lagern besteht, von denen das konservative eigentlich immer<br />
das größere ist. Aber ich halte es für falsch, von<br />
unversöhnlichen Lagern zu sprechen. Das zeigt die Verteilung<br />
der Stimmen, zum Beispiel des Blocks von François Bayrou.<br />
40 Prozent der Stimmen gingen zu Sarkozy, 40 Prozent zu Ségolène<br />
Royal und 20 in die Enthaltung.
</p>
<p>
<b>JanE: </b>Mich würde interessieren, inwieweit<br />
die „Rechte&quot; in Frankreich mit der „Rechten&quot;<br />
in Deutschland vergleichbar ist. Anders gefragt: Ist es so, dass<br />
das politische Spektrum in Frankreich generell nach links „verschoben&quot;<br />
ist, sodass die UMP und Nicolas Sarkozy in Deutschland eher zur<br />
politischen Mitte gehören würden?
</p>
<p>
<b>Wickert:</b> Die Rechte in Deutschland ist meines<br />
Erachtens eine „linkere Rechte&quot; als die Rechte in Frankreich.<br />
Man darf nicht vergessen, dass vor fünf Jahren der rechtsradikale<br />
Jean-Marie Le Pen in die Stichwahl gekommen ist und fast 20 Prozent<br />
der Stimmen erhielt. Auch dieses Mal haben 3,8 Millionen Franzosen<br />
Le Pen ihre Stimme gegeben. Es ist nicht verwunderlich, dass Nicolas<br />
Sarkozy ursprünglich in Edmund Stoiber seinen deutschen Partner<br />
gesucht hat. Denn der liegt ihm inhaltlich sicherlich näher<br />
als Angela Merkel.
</p>
<p>
<b>Nevid:</b> Ist Sarkozy ein so erzkonservativer Politiker,<br />
wie man gemeinhin annimmt, oder gibt es bei ihm kleine liberale<br />
Inseln?
</p>
<p>
<b>Wickert:</b> Es ist sehr schwierig, Nicolas Sarkozy<br />
politisch einzuschätzen. Wer seine politische Laufbahn studiert,<br />
wird feststellen: In allererster Linie geht es ihm um die Macht.<br />
Und er hat die Wahlen vor fünf Jahren genau studiert, um die<br />
jetzigen Wahlen zu gewinnen. Dazu gehörte, dass er sich in<br />
manchen Bereich (Sicherheit, französische Identität) erzkonservativ<br />
zeigen musste, um die Stimmen der extremen Rechten zu erhalten.<br />
Er verspricht allerdings, mit der Macht „liberaler&quot; umzugehen<br />
als seine Vorgänger. Er will die Besetzung von wichtigen Posten<br />
von der Zustimmung des Parlamentes abhängig machen. Und sogar<br />
die Besetzung der wichtigsten Kommission im Parlament, nämlich<br />
des Finanzausschusses, einem Oppositionsführer zu überlassen.<br />
Er hat angekündigt, in seinem Kabinett, das aus nur 15 Ministern<br />
bestehen soll (die Hälfte Frauen), auch Politiker des liberalen<br />
Lagers zu berücksichtigen.
</p>
<p>
<b>Daniel24: </b>Frankreichs Wahlbeteiligung war ja enorm<br />
hoch. Woran lag das? Konnten die Kandidaten so begeistern oder lag<br />
es daran, dass nach zwölf Jahren Chirac Abwechslung auf dem<br />
Programm stand?
</p>
<p>
<b>mat: </b>Glauben Sie, dass Frankreich nun wieder „politischer&quot;<br />
geworden ist, was die hohe Wahlbeteiligung vermuten lassen könnte?<br />
Oder ist nach dieser polarisierten Wahl wieder schnell von einer<br />
Normalisierung auszugehen?
</p>
<p>
<b>Wickert:</b> Die Wahlbeteiligung im zweiten Wahlgang<br />
lag in Frankreich immer zwischen 79 und 87 Prozent in den letzten<br />
40 Jahren. Bei dieser Wahl kann man beobachten, dass alle Franzosen<br />
von einem wahren Wahlfieber gepackt waren. In den letzten Wochen<br />
gab es kein anderes Gesprächsthema als eben diese Wahl. Vergleichbar<br />
war es mit dem Fußballfieber in Deutschland im letzten Sommer.<br />
Frankreich hat mit dieser Wahl gezeigt, dass die Staatsbürger<br />
immer sehr politisch denken.
</p>
<p>
<b>Burgunder:</b> Gibt es eine Neu-Ausrichtung dieses<br />
politischen Spektrums mit einer neuen Mitte oder bleibt es beim<br />
Rechts-Links Schema?
</p>
<p>
<b>Wickert:</b> Vermutlich bleibt es eher bei dem Rechts-Links-Schema.<br />
Das hat auch mit dem französischen Wahlsystem zu tun. Denn<br />
wenn es bei Präsidentschaftswahlen um ein Rennen zwischen zwei<br />
Personen geht, dann ist es ein Entweder-Oder-System. Sarkozy und<br />
Ségolène Royal hatten beide angekündigt, das<br />
Wahlrecht ein wenig zu verändern und eine kleine Dosis Verhältniswahlrecht<br />
einzuführen. Dies könnte einer Partei in der Mitte helfen.<br />
Aber nach dem jetzigen Wahlrecht sieht es so aus, dass es sehr schwierig<br />
sein wird für François Bayrou, eine „unabhängige<br />
Fraktion der Mitte&quot; zu bilden. Denn Abgeordnete, die sich im<br />
Wahlkampf nicht für die Mehrheit des Präsidenten erklären,<br />
werden von Sarkozy als Gegner angesehen und kaum Chancen haben,<br />
gewählt zu werden.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Damit kommen wir zur Verliererin der<br />
gestrigen Wahl:
</p>
<p>
<b>Pololitikschauer: </b>Was wird Royal jetzt unternehmen?
</p>
<p>
<b>Alex66:</b> Wie sieht Ihrer Meinung nach die politische<br />
Zukunft Ségolène Royals aus? Wird sie, ähnlich<br />
wie in Deutschland bei verlorenen Bundeskanzlerwahlen, auf das Abstellgleis<br />
ausmanövriert, oder war dieser Wahlgang ein Sprungbrett für<br />
einen neuen, erfolgreichen Anlauf in fünf Jahren?
</p>
<p>
<b>Wickert:</b> Die Schlacht hat schon begonnen. Gestern<br />
Abend haben sowohl Laurent Fabius wie auch Dominique Strauss-Kahn<br />
Ségolène Royal zur großen Verliererin erklärt<br />
und klargemacht, dass jetzt die Zeit der Abrechnung gekommen ist.<br />
Strauss-Kahn hat verkündet, dass die Sozialistische Partei<br />
endlich ihr „Godesberg&quot; nachholen müsse. Und er<br />
stünde dafür zur Verfügung. Da Ségolène<br />
Royal dies aber vermutet hat, trat sie sehr kurz nach Bekanntgabe<br />
des Ergebnisses schon vor die Fernsehkameras und hat ihre Unterstützer<br />
aufgerufen, nicht nachzugeben, denn jetzt gelte es zuerst, die Parlamentswahl<br />
zu gewinnen und dann die Partei zu erneuern.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Einige Zuschauer interessieren sich<br />
noch für Ihre Meinung, Herr Wickert:
</p>
<p>
<b>regent:</b> Welcher Präsidentschaftskandidat<br />
war Ihr ganz persönlicher Favorit? Wen hätten Sie gewählt?
</p>
<p>
<b>sigfried:</b> Wer wäre ihrer Meinung nach der<br />
oder die beste Präsident/in für Frankreich?
</p>
<p>
<b>Wickert:</b> Hätte ich vor der Urne im ersten<br />
Wahlgang gestanden, dann hätte ich lange gezögert und<br />
wahrscheinlich François Bayrou meine Stimme gegeben. Und<br />
hätte ich gestern wieder vor der Urne gestanden, dann hätte<br />
ich vielleicht bis zur Schließung des Wahllokals gezögert,<br />
ob ich mich enthalten soll oder nicht. Und so ging es ja auch dem<br />
ein oder anderen Franzosen.
</p>
<p>
<b>sabine:</b> Haben Sie die Wahlen direkt in Paris verfolgt?<br />
Wie reagierten die Franzosen auf den Wahlsieg von Nicolas Sarkozy?
</p>
<p>
<b>Guckland:</b> Wie haben Sie die Stimmung im Pariser<br />
Zentrum gestern Abend erlebt? War diese typisch für den zweiten<br />
Wahlgang oder wurde das Ergebnis eher ungewöhnlich groß<br />
gefeiert?
</p>
<p>
<b>Wickert: </b>Am Samstagnachmittag traf ich in einem<br />
Bistro in Belleville durch Zufall schon Leute, die sagten, am Sonntagabend<br />
um sechs stehen wir auf der Bastille und das werden dann diejenigen<br />
gewesen sein, die sich dort mit der Polizei ein kleines Scharmützel<br />
geliefert haben. Auf dem „Place de la Concorde“ haben<br />
sich dagegen diejenigen versammelt, die sich über den Sieg<br />
von Nicolas Sarkozy freuten, und sie haben bis weit über Mitternacht<br />
gefeiert. Die Anhänger der Sozialisten haben sich in der Rue<br />
de Solferino getroffen und sind aber bald auseinander gegangen.<br />
Als ich nach Mitternacht noch in einem Bistro in St. Germain einen<br />
Absacker trank, zogen einige wenige Jugendliche mit Plakaten durch<br />
das Viertel. Aber ansonsten herrschte eine Stimmung wie sonst auch<br />
jeden Sonntagabend.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Nun die letzten zwei Fragen. Auch diese<br />
gehen direkt an Ulrich Wickert:
</p>
<p>
<b>Alias2: </b>Warum gerade Bayrou und nicht eines der<br />
größeren Lager am Rand?
</p>
<p>
<b>MarLau:</b> Sie meinen also, dass einige Franzosen<br />
erst am Wahltag ihre Entscheidung getroffen haben?
</p>
<p>
Wickert: Am Rand gab es keine größeren Lager. Und ich<br />
weiß von französischen Freunden, dass sie ihre Entscheidung<br />
erst am Wahltag getroffen haben. Das hat damit zu tun, dass Sarkozy<br />
in den Umfragen am Freitag bei 55 Prozent lag, und das war manchen<br />
Leute zu viel, denn sie sagten, das sei nicht gut für „Sarkos&quot;<br />
Ego, wenn er einen solch großen Sieg erringe.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Das waren 60 Minuten tagesschau-Chat<br />
bei tagesschau.de und politik-digital.de. Vielen Dank Ulrich Wickert,<br />
dass Sie sich Zeit genommen haben. Herzlichen Dank an alle Teilnehmer<br />
für Ihr Interesse und die zahlreichen Fragen, die wir wie immer<br />
leider nicht alle beantworten konnten. Das Protokoll des Chats ist<br />
wie immer in Kürze zum Nachlesen auf den Seiten von tagesschau.de<br />
und politik-digital.de zu finden. Wir wünschen Ihnen allen<br />
noch einen angenehmen Tag und bis zum nächsten Mal!
</p>
<p>
<b>Wickert:</b> Vielen Dank für die vielen Fragen<br />
und auch das eine oder andere liebe persönliche Wort. Und wenn<br />
es nicht zu früh wäre, würde ich Ihnen eine geruhsame<br />
Nacht wünschen. Ihr Ulrich Wickert.</p>
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		<item>
		<title>&#034;Putin ist amtsmüde&#034;</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Alina Barenz]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 01 May 2007 23:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Chattranscripte]]></category>
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		<category><![CDATA[Russland]]></category>
		<category><![CDATA[Pressefreiheit]]></category>
		<category><![CDATA[Stephan Stuchlik]]></category>
		<category><![CDATA[Wladimir Putin]]></category>
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					<description><![CDATA[<b>Am 2. Mai 2007 war der Moskau-Korrespondent der ARD, Stephan Stuchlik, zu Gast im tagesschau-Chat in Kooperation mit politik-digital.de. Er berichtete, wie es um die Freiheit der Presse und die Demokratie in Russland bestellt ist, wie der Kreml sich selbst sieht und wie die Russen zu ihrem Präsidenten stehen.</b>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><b>Am 2. Mai 2007 war der Moskau-Korrespondent der ARD, Stephan Stuchlik, zu Gast im tagesschau-Chat in Kooperation mit politik-digital.de. Er berichtete, wie es um die Freiheit der Presse und die Demokratie in Russland bestellt ist, wie der Kreml sich selbst sieht und wie die Russen zu ihrem Präsidenten stehen.</b><br />
<!--break--></p>
<p>
<b>Moderator:</b> Liebe Politik- und Russland-Interessierte, herzlich willkommen zum tagesschau-Chat. Unser Gast ist heute Stephan Stuchlik. Stephan Stuchlik ist seit 2005 Fernsehkorrespondent für die ARD in Russland und die früheren Mitgliedstaaten der Sowjetunion. Ein riesiges Berichtsgebiet, in dem es an vielen Stellen brodelt. Gerade erst hat Putin den KSE-Vertrag zur Rüstungskontrolle in Europa ausgesetzt. In Sachen US-Raketenabwehr fährt er einen Konfrontationskurs. Zugleich schwindet in Putins Reich die Pressefreiheit. Journalistenmorde werden nicht aufgeklärt und die Arbeit ausländischer Korrespondenten wird immer gefährlicher. Stephan Stuchlik selbst wurde erst vor wenigen Tagen Opfer russischer Polizeigewalt. Wir freuen uns auf Ihre Fragen zu allen Themen, Sie können diese jederzeit stellen. Wir versuchen, ein bisschen nach Themen zu ordnen.<br />
Nach Moskau die Frage an Herrn Stuchlik, können wir beginnen?
</p>
<p>
<img decoding="async" src="/salon/photos/sstuchlik85x.jpg" alt="Stephan Stuchlik" align="right" height="120" width="85" />
</p>
<p>
<b>Stephan Stuchlik:</b> Herzliche Grüße aus<br />
Moskau, es kann losgehen!
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Zweimal zur täglichen Arbeit:
</p>
<p>
<b>lupus:</b> Wie frei kann man als ausländischer<br />
Korrespondent aus Moskau berichten? Gibt es Einschränkungen?
</p>
<p>
<b>raureif:</b> In Russland soll unter Putin die Pressefreiheit<br />
wieder eingeschränkt worden sein. Wie macht sich das in der<br />
journalistischen Realität bemerkbar?
</p>
<p>
<b>Stephan Stuchlik:</b> Wir können in Moskau eigentlich<br />
noch relativ frei Bericht erstatten, wenn man das etwa vergleicht<br />
mit anderen Staaten unseres Berichtsgebietes, wie Usbekistan oder<br />
Turkmenistan. Was schlimmer geworden ist, sind die alltäglichen<br />
Behinderungen durch immer neue Formulare, Drehgenehmigungen et cetera.
</p>
<p>
<b>moritz:</b> Was muss ich als Journalist in Russland<br />
tun, bis ich in meiner Freiheit eingeschränkt werde?
</p>
<p>
<b>Stephan Stuchlik:</b> Es gibt viele Möglichkeiten,<br />
aber im Grunde genommen kann man sagen: Je näher man der tatsächlichen<br />
Macht kommt (Politik) oder den tatsächlichen Entscheidern in<br />
der Wirtschaft, desto unangenehmer kann (nicht muss) die Situation<br />
werden. Informationen von Menschen aus dem Kreml abzuzapfen oder<br />
ein großes Portrait über Gazprom zu drehen, bringt enorme<br />
Schwierigkeiten mit sich!
</p>
<p>
<b>Betty:</b> Morgen ist ja Tag der Pressefreiheit &#8211;<br />
Wird man in Moskau da in irgendeiner Form drauf eingehen?
</p>
<p>
<b>Stephan Stuchlik:</b> Es wird die üblichen kleinen<br />
Grüppchen von Menschenrechtlern und aufrechten Kollegen geben,<br />
die daran erinnern, aber ansonsten: Fehlanzeige. Um das einzuordnen,<br />
muss man sich allerdings auch ansehen, wie viele Leute in Deutschland<br />
wohl morgen diesen Tag begehen werden.
</p>
<p>
<b>center:</b> Gibt es Unterschiede, wie russische und<br />
wie ausländische Journalisten von der Polizei und Sicherheitskräften<br />
behandelt werden?
</p>
<p>
<b>Stephan Stuchlik:</b> Als ausländischer Journalist<br />
ist man in gewisser Hinsicht privilegiert. Während ich nach<br />
meiner Verhaftung in Sankt Petersburg nach 20 Minuten wieder auf<br />
freiem Fuß war (deutscher Pass), saß der Kollege aus<br />
Russland meines Wissens noch zwei Tage in Haft. Kurz gesagt: man<br />
stellt, denke ich, für die Mächtigen im Land prinzipiell<br />
weniger direkte Gefahr dar, kann also freier berichten als die russischen<br />
Kollegen und ist ein bisschen durch seinen eigenen Staat (in meinem<br />
Fall Deutschland), seine Wirtschaftsbeziehungen zu Russland und<br />
natürlich seine Institutionen geschützt.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Wie sieht es da speziell mit den deutschen<br />
Journalisten aus. Ist es ein Vorteil oder ein Nachteil, Journalist<br />
aus Deutschland zu sein &#8211; vielleicht im Vergleich mit einem US-Kollegen?
</p>
<p>
<b>Stephan Stuchlik:</b> Man wird als Deutscher im Prinzip<br />
in Russland wesentlich netter behandelt als ein Amerikaner (trotz<br />
des Zweiten Weltkrieges et cetera). Was den Status der Journalisten<br />
angeht dagegen, wird vom Kreml einmal die Kiste „Ausland &quot;<br />
aufgemacht, man kommt hinein, ob Deutscher, ob Amerikaner &#8211; egal<br />
&#8211; und muss fortan mit den Vor- und Nachteilen dieses Status leben.<br />
Ein amerikanischer Kollege bekommt nicht automatisch schneller ein<br />
Kreml-Interview als die deutsche Presse. Umgekehrt können wir,<br />
glaube ich, auch nicht behaupten, in irgendeiner Form privilegiert<br />
behandelt zu werden. Also der Amerikaner wird vielleicht eine etwas<br />
rauere Antwort auf der Pressekonferenz bekommen als ich, aber da<br />
liegt der Unterschied dann eben im Ton.
</p>
<p>
<b>Joerg85:</b> Warum wurden Sie in Sankt Petersburg<br />
verhaftet?
</p>
<p>
<b>Stephan Stuchlik:</b> Gute Frage, ich habe nichts<br />
anderes getan, als die Situation beobachtet. Wir waren noch nie<br />
gern gesehen auf Demonstrationen und es geht da immer etwas ruppiger<br />
ab. Man kommt schon mal mit blauen Flecken nach Hause. Aber dieses<br />
Mal hatten die Sicherheitskräfte einen Gang hochgeschaltet:<br />
alte Frauen, Kinder et cetera &#8211; und ich hatte den Eindruck, dass<br />
irgendjemand oben gesagt hat: „Und wenn es da einen Journalisten<br />
miterwischen sollte, auch kein Beinbruch“. Einen offiziellen<br />
Grund der Verhaftung habe ich trotz mehrfacher Nachfrage nie erfahren.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Sie sind bei der Demonstration verletzt<br />
worden, ist das richtig? Reagiert man da mit einer Anzeige oder<br />
gar nicht?
</p>
<p>
<b>Stephan Stuchlik:</b> Ich bin richtig „durch<br />
die Mühle gedreht worden&quot; und habe eine Gehirnerschütterung,<br />
sowie mehrere Schrammen im Gesicht und am Bauch davongetragen. Nichts,<br />
was man nicht in drei Tagen auskurieren könnte, aber natürlich<br />
ist das kein Umgang mit Pressevertretern. Daher werde ich wahrscheinlich<br />
zusammen mit meinem Kollegen Wenja Sacharow, dem Tontechniker, der<br />
ebenfalls überrannt wurde, eine Anzeige erstatten.
</p>
<p>
<b>zuschauerin:</b> Ist man sich im Kreml darüber<br />
im Klaren, welchen Imageschaden Bilder von prügelnden Polizisten,<br />
die Gewalt gegen Journalisten ausüben, zur Folge haben?
</p>
<p>
<b>Stephan Stuchlik:</b> Ich bin immer unsicher, was<br />
die Frage der Außenwirkung angeht. Zum einen beschäftigt<br />
der Kreml teure Imagefirmen, zum anderen habe ich beständig<br />
den Eindruck, dass vor Ort nur nach innen- und sicherheitspolitischen<br />
Maßstäben gehandelt wird. Da geht man auch schon einmal<br />
&#8211; wie ich gesehen habe &#8211; mit 30 Sicherheitskräften mit Helm<br />
und Schlagstöcken auf fünf Demonstranten los, die nichts<br />
anderes tun, als gegen das Warenimportverbot aus Georgien zu demonstrieren.<br />
Ein PR-mäßiger Albtraum, das läuft natürlich<br />
auf allen Kanälen. Trotzdem passiert so etwas in schöner<br />
Regelmäßigkeit. Die Reaktion des Auslands auf die Übergriffe<br />
in Moskau und Sankt Petersburg allerdings haben allem Anschein nach<br />
sogar den Kreml aufgeschreckt!
</p>
<p>
<b>gdztdz:</b> Inwieweit wird die Haltung Moskaus in<br />
Hinsicht auf die Pressefreiheit und den momentanen politischen Kurs<br />
von der breiten Bevölkerung akzeptiert?
</p>
<p>
<b>Stephan Stuchlik:</b> Die überwiegende Mehrheit<br />
der Bevölkerung unterstützt den Kurs von Präsident<br />
Putin. Dazu gehört auch, dass man das sehr einseitig ausgerichtete<br />
Fernseh- und Informationsprogramm in Russland als normal empfindet<br />
und die Abwesenheit anderer Meinung als der des Kreml überwiegend<br />
nicht vermisst. Bei genauerem Nachfragen kann man natürlich<br />
sehen, dass alle wissen, wie das Spiel mit den Kreml-Medien im Moment<br />
läuft. Aber solange die aktuelle Regierung für eine stabile<br />
Situation im Land und ein mäßiges Wirtschaftswachstum<br />
sorgt, das auch beim Einzelnen hängen bleibt, solange verschiebt<br />
man die Frage der freien Information auf unbestimmte Zeit in die<br />
Zukunft, so mein Eindruck.
</p>
<p>
<b>zippel:</b> Ist es jemals anders gewesen? Oder hat<br />
es berechtigte Hoffnung gegeben, dass sich die Situation Richtung<br />
Demokratie hätte nachhaltig verbessern können?
</p>
<p>
<b>Stephan Stuchlik:</b> Ich kann da leider nicht aus<br />
erster Hand antworten, da ich erst 18 Monate in Russland arbeite.<br />
Aber wenn ich Berichte meiner Kollegen aus dem Archiv sehe, die<br />
zu Anfang der ersten Amtszeit von Präsident Jelzin gearbeitet<br />
haben, also Anfang der 90iger Jahre, dann hat man (das persönliche<br />
Gespräch mit den Kollegen verfestigt diesen Eindruck) schon<br />
das Gefühl, dass die Vielzahl der politischen Meinungen im<br />
Land, die Aufbruchstimmung, die damals neue Verfassung, die Beschneidung<br />
der Rechte des Geheimdienstes und so weiter, zu einer Situation<br />
geführt haben, aus der durchaus eine Demokratie hätte<br />
werden können, wie es der westlichen Definition entspricht.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Die vergangenen 18 Monate sind ja mit<br />
Blick auf das Ende von Putins Präsidentschaft eine wichtige<br />
Zeit. Haben Sie den Eindruck, dass sich die harte Haltung des Kreml<br />
in der Zeit noch verschärft hat?
</p>
<p>
<b>Stephan Stuchlik:</b> Innenpolitisch werden mit Sicherheit<br />
harte Zeiten auf alle zukommen. Es scheint auch im Kreml eine Unsicherheit<br />
über den Kurs nach Putin zu geben. Das merkt auch die kleine,<br />
zersplitterte Opposition und versucht, mit Märschen und Demonstrationen<br />
den Keil anzusetzen. Das ist relativ aussichtslos, aber die Reaktionen,<br />
die der Staat darauf gezeigt hat, werden härter und härter.<br />
Das betrifft in der Folge dann auch: Einbringen neuer Sicherheitsgesetze,<br />
Veränderung der Strukturen von Gewaltentrennung und so weiter.
</p>
<p>
<b>Trotzki:</b> Wer wird wohl der Nachfolger von Putin?<br />
Welche Auswirkung wird das haben und welche weitere Rolle wird Putin<br />
spielen?
</p>
<p>
<b>mike_kaily:</b> Putin muss demnächst seinen Platz<br />
räumen und es wird ein neuer Präsident gewählt. Kann<br />
dies an der Situation etwas ändern? Muss man eventuell sogar<br />
mit einer Verschlechterung der Situation rechen?
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Und noch einer dazu:
</p>
<p>
<b>Joerg85:</b> Können Sie einschätzen, wie<br />
und ob sich Russland nach der Ära Putin verändern wird?
</p>
<p>
<b>Stephan Stuchlik:</b> Lieber Trotzki, wenn ich den<br />
Nachfolger kennen würde, könnte ich in Wettbörsen<br />
einen Haufen Geld verdienen. Man gibt dem ehemaligen Verteidigungsminister<br />
Iwanow sehr gute Chancen. Gehandelt werden unter anderem auch noch<br />
der Chef der nationalen Projekte, Medwedjew und immer noch, immer<br />
noch, Putin selbst (Dazu müsste man die Verfassung ändern!).<br />
Was den Kurs angeht, so muss man nach allem, was man jetzt beobachten<br />
kann, damit rechnen, dass Putin alles tut, um seinen Kurs auf absehbare<br />
Zeit zu zementieren: Re-Verstaatlichung wichtiger Wirtschaftszweige,<br />
Beschneidung bürgerlicher Freiheiten, Disziplinierung eventuell<br />
nach Autonomie strebender Landesteile. Ein Russland, dass nach außen<br />
stark auftritt und in dem alles Wichtige im Innern ausschließlich<br />
vom Kreml kontrolliert wird.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Die Frage war natürlich auch schon<br />
da, ich hoffe, die Frage zwei stellt sich nicht wirklich.
</p>
<p>
<b>centech:</b> Hallo Herr Stuchlik. Sagen Sie, ist es<br />
wahrscheinlich, dass Putin die Verfassung ändern wird und damit<br />
sein Amt verlängern könnte? Und sollte man, sollte es<br />
so kommen, nicht gewarnt vor einem möglichen Krieg sein?
</p>
<p>
<b>Stephan Stuchlik:</b> Putin wird in diesem unwahrscheinlichen<br />
Falle die Verfassung sicher nicht selbst ändern, sondern von<br />
anderen ändern lassen. Viel ist geschrieben worden, was zu<br />
solch einer Situation führen könnte. Es gibt Spekulationen,<br />
dass es, wie Sie geschrieben haben, irgendwo einen Konflikt geben<br />
könnte, der das Eingreifen des Präsidenten qua Notstandsverordnung<br />
nötig machte, was ihn außerhalb der Verfassung setzen<br />
und ihm damit die Möglichkeit geben könnte, noch einmal<br />
anzutreten. Das halte ich für hochspekulativ und sehr verschwörungstheoretisch.<br />
Ich persönlich habe den Eindruck, dass Putin selbst auch amtsmüde<br />
ist. Aber wer das alles genau wüsste, könnte, wie gesagt,<br />
auf Wettbörsen einen Haufen Geld verdienen.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Zwei Raketenfragen:
</p>
<p>
<b>mk83:</b> Bekommen Sie eigentlich mit, wie die Bevölkerung<br />
auf die von Amerika vorangetriebene Installation des Raketenabwehrprogramms<br />
reagiert? Wie wird das innerhalb Russlands propagiert?
</p>
<p>
<b>J.K.:</b> Guten Tag. Ist Putins außenpolitisches<br />
Gebaren, insbesondere gegenüber den Raketenplänen der<br />
USA, begründet? Oder dient dies eher zur Ablenkung von innenpolitischen<br />
Problemen?
</p>
<p>
<b>Stephan Stuchlik:</b> Solche außenpolitischen<br />
Kraftakte macht man, denke ich, immer mit innenpolitischer Wirkung.<br />
Es gibt jedoch eines, was man in Europa zum Teil, in Amerika noch<br />
gar nicht begriffen hat. Wie Putin sagte: Wir haben nach dem Ende<br />
des Kalten Krieges unseren Verteidigungsgürtel im Westen (Polen,<br />
Tschechien et cetera) komplett aufgegeben und es zugelassen, dass<br />
ihn der Westen für sich einnimmt (NATO-Beitritte). Wir können<br />
aber nicht so einfach zusehen, wie man das jetzt auch noch mit Raketen<br />
aufrüstet. Zu deutsch: Der russische Komplex, von Westen umzingelt<br />
zu sein, von den Amerikanern vorgeführt zu werden, ist, meiner<br />
Meinung nach, wesentlich schlimmer als die Angst vor dem eigentlichen<br />
System.
</p>
<p>
<b>Steve_0:</b> Wie sollte die NATO in der gegenwärtigen<br />
Situation reagieren?
</p>
<p>
<b>Stephan Stuchlik:</b> Den Amerikanern erst einmal<br />
klarmachen, dass sie nicht einfach bilateral bestimmen können,<br />
wie auf NATO-Gebiet Raketensysteme stationiert werden (das hat man<br />
ja an der NATO vorbei vereinbart, also Tschechien mit USA, Polen<br />
mit USA et cetera). Und nachdem das Ganze zum NATO-Projekt geworden<br />
ist, das Thema im NATO-Russland-Rat auf den Tisch legen. Dafür<br />
wurden solche Instrumente ja geschaffen. Einseitige, halbherzige<br />
Angebote der Amerikaner, wie wir sie letzte Woche hier erlebt haben,<br />
bringen keinen Millimeter weiter.
</p>
<p>
<b>raureif:</b> Wie ist die öffentliche Stimmung<br />
in Russland? Teilt die Bevölkerung die „Angst &quot;<br />
vor dem Raketenspiegel und unterstützt sie Putins Positionen?
</p>
<p>
<b>Stephan Stuchlik:</b> Reale Angst haben, wie gesagt,<br />
weder der Kreml noch die Bevölkerung. Es geht eher um diesen<br />
„Alle-gegen-uns&quot;-Reflex, der Jahrzehnte alt ist. Immer<br />
wieder treten hier Experten auf, die relativ überzeugende Argumente<br />
dafür vorlegen, warum der Raketenschirm niemanden etwas bringt.<br />
Auch nicht den Amerikanern! Und da liegt der Schluss nahe, die Amerikaner<br />
wollten dadurch nur demonstrieren, dass sie jetzt die Hoheit über<br />
die ehemaligen Ostblockstaaten haben. Das will man sich natürlich<br />
so nicht bieten lassen.
</p>
<p>
<b>Anna:</b> Entwickelt sich dadurch auch in der Bevölkerung<br />
eine starke Anti-Amerika-Haltung?
</p>
<p>
<b>Stephan Stuchlik:</b> Die Anti-Amerika-Haltung ist<br />
schon seit dem Abtritt Clintons auf Rekordhöhen und sie ist<br />
besorgniserregend, in allen Bevölkerungsschichten etwa gleich<br />
hoch.
</p>
<p>
<b>askan:</b> Müssen wir Angst vor einem zweiten<br />
Kalten Krieg haben?
</p>
<p>
<b>Stephan Stuchlik:</b> Wenn man den Kalten Krieg definiert<br />
als „Misstrauen plus Aufrüstung&quot; dann ist ein Anfang<br />
gemacht. Nur man kann den Prozess, denke ich, noch stoppen. Und<br />
im Gegensatz zu früher ist die Welt multipolar geworden, also<br />
es reden sicher die Europäer und andere (Indien, China et cetera)<br />
auch noch ein Wort mit, wenn es um Rüstung auf der Welt geht.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Thema Nationalstolz, in Russland und<br />
anderswo:
</p>
<p>
<b>Newstiger:</b> Wie reagiert die russische Bevölkerung<br />
eigentlich auf den in letzter Zeit gezeigten „Nationalstolz&quot;<br />
(extreme Reaktion auf das Versetzen des Denkmals in Tallinn, starkes<br />
Auftreten gegen die amerikanischen Abwehr-Raketen, Ausländerfeindlichkeit<br />
gegen Georgier)? Sind da alle einer Meinung oder gibt es dazu auch<br />
kritische Stimmen?
</p>
<p>
<b>jaybee:</b> Wie präsent sind die Auseinandersetzungen<br />
in Estland in den russischen Medien und wie ist die Wahrnehmung<br />
der Ereignisse bei der Bevölkerung?
</p>
<p>
<b>Stephan Stuchlik:</b> Estland ist für die russischen<br />
Medien, das heißt also auch für den Kreml, seit Monaten<br />
das Thema Nummer eins. Bei allem Verständnis für die Leiden<br />
der Esten unter der sowjetischen Besatzung, muss man das Vorgehen<br />
in Tallinn zumindest als undiplomatisch bezeichnen. Man kann zumindest<br />
den Punkt verstehen, dass die Russen sagen: „Umsetzen des<br />
Denkmals, das ginge gerade noch, aber in einer Nacht- und Nebelaktion<br />
&#8230; und dann auch noch unsere Soldaten umbetten, die Estland vom<br />
Faschismus befreit haben. Ist das eigentlich pietätvoll?“<br />
Der Verlust der russischen Gemeinschaft in Estland, der Verlust<br />
des Einflusses ist sicher auch so ein „Nach-Kalter-Krieg-Phantomschmerz“.<br />
Die Reaktionen in Moskau sind aber mindestens so übertrieben<br />
wie die politischen Vorgänge in Tallinn.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Noch mal zu den Medien, wir sind ja<br />
online, daher:
</p>
<p>
<b>Sergej:</b> Ist Internet das einzige Medium in Russland,<br />
wo so etwas wie Meinungsfreiheit herrscht?
</p>
<p>
<b>Stephan Stuchlik:</b> Meinungsfreiheit ist in Russland<br />
relativ. Ich vermute, dass auch das Internet überwacht wird,<br />
wie vieles andere auch (da sind die Russen und die Vorschläge<br />
von Herrn Schäuble gar nicht weit auseinander). Aber richtig<br />
eingegriffen in dieses System wurde noch nicht (Zensur oder ähnliches).<br />
Wir alle wissen aber, dass man etwa Blogs mit Spam-Mail et cetera<br />
lahmlegen kann, Rechner von außen überlasten, und von<br />
solchen Fällen haben mir Oppositionelle erzählt.
</p>
<p>
<b>bommel:</b> Welche russischen Medien verteidigen denn<br />
vehement ihre Freiheit gegen die Gleichschaltung?
</p>
<p>
<b>Stephan Stuchlik:</b> Es gibt keine Zeitungen, Radiosender<br />
oder TV-Stationen, für die das einfach so im Ganzen gilt. Es<br />
gibt Inseln, die eine oder andere Sendung, der eine oder andere<br />
Autor et cetera. Viele Kollegen arbeiten nicht unter direkter Zensur<br />
oder so. Sie müssen fürchten, den Besitzern ihrer Medien<br />
nicht zu gefallen, ihre Arbeit zu verlieren. Die Besitzer sind in<br />
vielen Fällen Kreml-nahe reiche Russen.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Und weil der Klimawandel hier so viele<br />
gerade bewegt, noch ein ganz anders Thema:
</p>
<p>
<b>Wolfgang S.:</b> Erst mal schönen Gruß<br />
nach Moskau von einem ehemaligen Mitbewohner aus Brüsseler<br />
Zeiten. Dann die Frage: Nach der Ratifizierung des Kyoto-Protokolls<br />
durch Russland gab es eine gewisse Hoffnung, dass es mit der Umweltpolitik<br />
dort aufwärts geht. Wie sieht es derzeit aus?
</p>
<p>
<b>Stephan Stuchlik:</b> Grüße nach Brüssel!<br />
Die Anstrengungen Russlands, die Klimapolitik zu verbessern, sind<br />
mickrig und werden meist als taktische Maßnahmen gegen unliebsame<br />
Firmen eingesetzt. Wirkliche Verbesserungsprogramme sind rar und<br />
meiner Meinung nach in den seltensten Fällen ernst gemeint.<br />
Wie Russland die Kyoto-Vorgaben erfüllen will, ist mir vollständig<br />
schleierhaft. Das sagen übrigens auch namhafte Umweltorganisationen.<br />
Unterschreiben heißt noch lang nicht umsetzen.
</p>
<p><b>Moderator:</b> Unsere Zeit ist um, herzlichen Dank<br />
nach Moskau an Herrn Stuchlik für den Chat. Und Respekt vor<br />
Ihrer Tipp-Geschwindigkeit, das war wirklich Tempo! Herzlichen Dank<br />
an alle Teilnehmer für Ihr Interesse und die zahlreichen Fragen,<br />
die wir wie immer leider nie alle schaffen. Das Protokoll des tagesschau-Chats<br />
ist in Kürze auf den Seiten von tagesschau.de und politik-digital.de<br />
zu finden. Allen Beteiligten wünschen tagesschau.de und politik-digital.de<br />
noch einen angenehmenTag.</p>
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			</item>
		<item>
		<title>&#034;Nordkorea wird seine Atomwaffen niemals aufgeben&#034;</title>
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		<dc:creator><![CDATA[admin]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 15 Feb 2007 23:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Chattranscripte]]></category>
		<category><![CDATA[Internationale Politik]]></category>
		<category><![CDATA[Außenpolitik]]></category>
		<category><![CDATA[Mario Schmidt]]></category>
		<category><![CDATA[Martin Fritz]]></category>
		<category><![CDATA[Nordkorea]]></category>
		<category><![CDATA[Kernwaffe]]></category>
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					<description><![CDATA[<span class="fett">Am
16.2. waren die Korrespondenten Martin Fritz und Mario Schmidt aus
dem ARD-Büro in Tokio zu Gast im tagesschau-Chat in Kooperation
mit politik-digital.de. Sie sprachen über Nordkoreas Atomwaffenprogramm
und berichteten über ihre Besuche in einem der abgeschottetsten
Ländern der Welt.</span>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><span class="fett">Am<br />
16.2. waren die Korrespondenten Martin Fritz und Mario Schmidt aus<br />
dem ARD-Büro in Tokio zu Gast im tagesschau-Chat in Kooperation<br />
mit politik-digital.de. Sie sprachen über Nordkoreas Atomwaffenprogramm<br />
und berichteten über ihre Besuche in einem der abgeschottetsten<br />
Ländern der Welt.</span><!--break--></p>
<p class="normal">
<b>Moderator:</b> Liebe Politikinteressierte,<br />
herzlich willkommen im tagesschau-Chat. Heute sind die Asien-Korrespondenten<br />
der ARD, Mario Schmidt und Martin Fritz, zu Gast im Chat. Die beiden<br />
haben Nordkorea diverse Male bereist und als &quot;sehr mysteriöses<br />
Land mit vielen Rätseln&quot; beschrieben. Am Tag des 65. Geburtstages<br />
von Diktator Kim Jong Il und nur wenige Tage, nachdem sich Nordkorea<br />
zum Stopp seinen Atomwaffenprogramms bereit erklärt hat, chatten<br />
sie mit uns aus der japanischen Hauptstadt Tokio. Herr Schmidt,<br />
Herr Fritz, tragen Sie heute eine &quot;Kimjongilia&quot; im Knopfloch?
</p>
<p>
<b>Mario Schmidt:</b> Gibt es leider in Japan nicht.
</p>
<p>
<b>Martin Fritz:</b> Geht leider nicht, ich trage einen<br />
Pullover.
</p>
<p align="center">
<img decoding="async" src="http://www.politik-digital.de/salon/transcripte/photos/schmidtfritz.jpg" height="225" width="300" /><br />
<i><br />
Die ARD-Korrespondenten Mario Schmidt (links) und <br />
Martin Fritz haben Nordkorea mehrfach bereist.</i>
</p>
<p>
<b>cafetero:</b> Wie ist die aktuelle Einigung mit Nordkorea<br />
zu beurteilen?
</p>
<p>
<b>Mario Schmidt:</b> Schwierig, ein erster Schritt,<br />
mehr nicht. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Nordkorea das Atomwaffenprogramm<br />
wirklich aufgeben will.
</p>
<p>
<b>Martin Fritz:</b> Zunächst kann sich die Lage<br />
etwas entspannen, aber die nächsten Verhandlungen werden zeigen,<br />
wie ernst Nordkorea es wirklich mit der Abrüstung meint.
</p>
<p>
<b>uwe ernst:</b> Worauf führen Sie das Einlenken<br />
der Regierung im Atomstreit zurück?
</p>
<p>
<b>Martin Fritz:</b> Ein großer Faktor dürfte<br />
der Druck von China gewesen sein. China war sehr verärgert<br />
über den Atomtest. Es hat Nordkorea offenbar massiv unter Druck<br />
gesetzt, eine diplomatische Lösung zu suchen.
</p>
<p>
<b>Mario Schmidt:</b> Vielleicht will Nordkorea nur Zeit<br />
gewinnen. Kim Jong Il wartet auf das Ende der Bush-Regierung. Er<br />
hofft, mit der neuen Regierung einen besseren Deal aushandeln zu<br />
können.
</p>
<p>
<b><b>Moderator:</b></b> Ist es denn wirklich<br />
ein Einlenken? Kritiker sprechen auch von einem Einknicken von George<br />
W. Bush.
</p>
<p>
<b>Mario Schmidt:</b> Ich glaube, dass die USA sich tatsächlich<br />
mehr auf den Iran konzentrieren. Die Haltung gegenüber Nordkorea<br />
ist viel milder.
</p>
<p>
<b>Martin Fritz:</b> Das kann man tatsächlich so<br />
sehen. Die USA haben viele Konzessionen gemacht, die sie bis Ende<br />
letzten Jahres abgelehnt haben. Aber Nordkorea bekommt erst mal<br />
nur 50.000 Tonnen Heizöl und Diesel, die übrigen 950.000<br />
Tonnen fließen erst, wenn alle Atomprogramme offen gelegt<br />
sind. Insofern würde ich nicht von einem Kotau sprechen.
</p>
<p>
<b>hagbart:</b> Was beinhaltet der gerade ausgehandelte<br />
Abrüstungsplan Nordkoreas?
</p>
<p>
<b>Martin Fritz:</b> Die Einzelheiten sehen so aus: Einmotten<br />
des Atomreaktors von Yongbyon und der Wiederaufbereitungsanlage,<br />
dafür gibt es 50.000 Tonnen Schweröl. Offenlegung der<br />
Atomprogramme danach für weitere 950.000 Tonnen Schweröl.<br />
Ungeklärt ist die Frage, wie viel Atomwaffen Nordkorea hat<br />
und ob es sie wirklich abgeben will.
</p>
<p>
<b>Mario Schmidt:</b> Eine Nagelprobe wird sein, ob Nordkorea<br />
erklärt, dass es ein geheimes Uranprogramm hat. Bislang behauptet<br />
Nordkorea, es habe nur ein Plutoniumprogramm. Die USA sehen das<br />
anders.
</p>
<p>
<b>Master Of Desater:</b> Hätten die USA nicht eine<br />
wesentlich bessere Verhandlungsposition, wenn gegen alle Länder<br />
mit Atomwaffen (Indien, Pakistan, Israel) gleichermaßen konsequent<br />
vorgegangen würde?
</p>
<p>
<b>Mario Schmidt:</b> Jeder Fall ist anders. Auf Nordkorea<br />
Einfluss auszuüben ist komplizierter. Gezielte Angriffe gegen<br />
Atomanlagen sind zum Beispiel unmöglich. Man weiß nicht,<br />
wo sie sind. Außerdem könnte es schlimme Vergeltungsschläge<br />
gegen Südkoreas Hauptstadt Seoul geben. Die Lage könnte<br />
sofort eskalieren.
</p>
<p>
<b>Martin Fritz:</b> So hart wie Nordkorea verhandelt<br />
wohl kein Land. Es hat nur sein Atomprogramm zu verkaufen und will<br />
deshalb so viel wie möglich dafür rausschlagen.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Zwei Fragen im Block&#8230;
</p>
<p>
<b>max43:</b> Wie wahrscheinlich ist es, dass Nordkorea<br />
all seine Atomwaffen tatsächlich aufgibt und nicht hinter den<br />
Kontrollen der Internationalen Atombehörde weiter forscht und<br />
baut, ähnlich wie der Iran?
</p>
<p>
<b>hagbart:</b> Wie glaubwürdig ist die ausgehandelte<br />
Atomvereinbarung?
</p>
<p>
<b>Martin Fritz:</b> Ich bin der festen Überzeugung,<br />
dass Nordkorea seine Atomwaffen niemals aufgeben wird. Wir waren<br />
im November da und haben überall gehört, wie stolz die<br />
Menschen auf den Atomtest waren. Wie kann die Führung ihrem<br />
Volk verkaufen, dass es diese Superwaffe wieder abgibt? Das ist<br />
eigentlich unmöglich.
</p>
<p>
<b>Mario Schmidt:</b> Nordkorea hat die Vereinbarung<br />
von 1994 mit den USA gebrochen. Diesmal spricht für die Einhaltung,<br />
dass die Vereinbarung mit fünf Staaten getroffen wurde.
</p>
<p>
<b>Master Of Desater:</b> Warum war China über den<br />
Atomtest verärgert?
</p>
<p>
<b>Mario Schmidt:</b> China hat Nordkorea öffentlich<br />
aufgefordert, keinen Test zu machen. China stand danach als ziemlich<br />
machtlos dar. Der Einfluss von China auf Nordkorea wird seitdem<br />
bezweifelt.
</p>
<p>
<b>Martin Fritz:</b> China fürchtet sich vor einem<br />
atomaren Wettrüsten vor seiner Haustür. Wenn Nordkorea<br />
nuklear bewaffnet ist, könnten auch Südkorea, Japan und<br />
Taiwan nach der Bombe greifen. Das wäre ein Alptraum für<br />
Peking.
</p>
<p>
<b>DennisL:</b> Hinsichtlich der Vergangenheit: Welche<br />
Gründe hat Nordkorea, sich an die Abmachungen der letzten Sechsergespräche<br />
zu halten?
</p>
<p>
<b>Martin Fritz:</b> Nordkorea ist wirtschaftlich am<br />
Ende und abhängig von Hilfe aus China und Südkorea. Beide<br />
Länder haben deutlich gemacht, dass sie Nordkorea nicht mehr<br />
weiter unterstützen, wenn es auf dem Atomkurs bleibt.
</p>
<p>
<b>Mario Schmidt:</b> Wenn Nordkorea auch diese Vereinbarung<br />
bricht, gilt das Land endgültig als unglaubwürdig.
</p>
<p>
<b>jockl:</b> Gilt es inzwischen eigentlich als gesichert,<br />
dass das wirklich ein Atomtest war?
</p>
<p>
<b>Mario Schmidt:</b> Ja, es war ein Atomtest, aber wohl<br />
nur ein Bömbchen. Vermutlich haben sich die Nordkoreaner einen<br />
größeren Knall versprochen. Es war kurz vor einer Blamage<br />
wie bei der Taepondong 2 &#8211; Rakete, die kurz nach dem Start explodierte.
</p>
<p>
<b>Martin Fritz:</b> Eben weil der Test eigentlich nicht<br />
erfolgreich war, muss man damit rechnen, dass Nordkorea irgendwann<br />
noch mal einen Test machen wird, um der Welt zu beweisen, dass es<br />
tatsächlich Atommacht ist. Diesen Status möchte das Land<br />
auf jeden Fall erringen.
</p>
<p>
<b>raisingirl:</b> Die ganzen Drohungen Nordkoreas &#8211;<br />
alles nur Bluff oder hat Kim Jong Il wirklich soviel Macht?
</p>
<p>
<b>Mario Schmidt:</b> Ja, ich glaube, er hat nichts zu<br />
befürchten im Land. Das Militär ist auf seiner Seite.<br />
Die Bevölkerung kann sich gegen ihn nicht erheben. Sie ist<br />
komplett überwacht. Nordkorea ist nicht zu vergleichen mit<br />
anderen kommunistischen Staaten. Die Kontrolle durch Geheimdienste<br />
ist unbeschreiblich. Kein Mensch kann seine Stadt zum Beispiel ohne<br />
Erlaubnis verlassen. Für etwa 40 Familien gibt es einen Blockwart,<br />
der täglich Bericht erstattet, was die Leute gemacht haben,<br />
mit wem sie sich getroffen haben. Bei Verdacht werden die Leute<br />
aus der Stadt geschickt oder ins Arbeitslager.
</p>
<p>
<b>Martin Fritz:</b> Kim Jong Il war sehr clever. Er<br />
hat die Parteidiktatur in eine Militärdiktatur umgewandelt.<br />
Das Militär ist sehr stolz auf seine Bombe. Auch aus diesem<br />
Grund dürfte es schwer für Kim sein, die Bombe am Verhandlungstisch<br />
wieder aufzugeben. Das könnte ihn die Unterstützung des<br />
Militärs kosten.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Nochmal zwei Fragen im Block&#8230;
</p>
<p>
<b>basti07:</b> Mein Endruck ist, dass die Gefahr, die<br />
von Nordkorea ausgeht, stark überschätzt wird. Die Armee<br />
ist doch größtenteils marode und auf dem Stand der 50er<br />
Jahre. Könnte es eine Atombombe überhaupt irgendwo hinbringen?<br />
Hat es die Trägersysteme?
</p>
<p>
<b>hugo:</b> Stimmt es, dass Nordkorea Mittelstreckenraketen<br />
besitzt, die somit die Westküste Amerikas erreichen könnten?
</p>
<p>
<b>Mario Schmidt:</b> Vermutlich kann Nordkorea die Bomben<br />
noch nicht auf Raketen stecken. Aber vielleicht könnte es eine<br />
Bombe aus dem Flugzeug abwerfen. Von Pjöngjang bis zur Millionenstadt<br />
Seoul sind es nur 300 Kilometer.
</p>
<p>
<b>Martin Fritz:</b> Die größte Gefahr ist<br />
weniger ein Angriff mit Raketen auf die USA, wobei die bisherigen<br />
Raketen bisher nur den Rand von Alaska oder die Inseln von Hawaii<br />
erreichen können. Die größte Gefahr aus amerikanischer<br />
Sicht ist, dass Nordkorea sein atomares Knowhow an andere Länder<br />
wie den Iran und Syrien verkauft oder sogar Plutonium an Terrorgruppen<br />
verscherbelt. Das ist die rote Linie für Washington, die auf<br />
keinen Fall überschritten werden darf.
</p>
<p>
<b>Mario Schmidt:</b> Nordkoreas Armee ist total marode,<br />
aber man weiß wenig über den tatsächlichen Zustand,<br />
ein Großteil der Anlagen ist unterirdisch. 50 Kilometer von<br />
Seoul entfernt steht genug Artillerie, um Seoul in Schutt und Asche<br />
zu legen.
</p>
<p>
<b>joefox842001:</b> Was, meinen Sie, wird die USA machen,<br />
sollte Nordkorea doch ein geheimes Uranprogramm haben? Kann man<br />
davon ausgehen, dass die USA etwas militärisch gegen Nordkorea<br />
unternehmen werden?
</p>
<p>
<b>Mario Schmidt:</b> Nein, die USA werden nie militärisch<br />
gegen Nordkorea vorgehen. Nordkorea könnte jeden Angriff sofort<br />
vergelten. Es gibt unzählige Kanonen in Grenznähe. Eine<br />
militärische Option gibt es nicht. Da sind sich alle Experten<br />
einig.
</p>
<p>
<b>Martin Fritz:</b> Man sollte davon ausgehen, dass<br />
Nordkorea mit allen Wasser gewaschen ist und mit allen Finten arbeitet.<br />
Ein geheimes Urananreicherungsprogramm war der Auslöser für<br />
die jetzige Atomkrise, die Amerikaner werden diesen Streit nicht<br />
ohne Grund begonnen haben. Aber Beweise wurden bisher nicht vorgelegt.<br />
Das könnte aber in den nächsten Verhandlungsrunden passieren.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Nochmal zwei Fragen&#8230;
</p>
<p>
<b>hugo:</b> Was für ein Interesse hat China an<br />
Nordkorea?
</p>
<p>
<b>jan2:</b> Ist China nicht mit Abstand Nordkoreas größter<br />
Handelspartner, beziehungsweise hätte die stärkste Sanktionsmacht?
</p>
<p>
<b>Mario Schmidt:</b> China ist zum einen ein traditioneller<br />
Bruderstaat und hat das Land im Korea-Krieg verteidigt. Zum anderen<br />
hat China große Angst, es könnte eine Wiedervereinigung<br />
mit Süden geben unter südkoreanischer Führung. Aufgrund<br />
des Bündnisses von Südkorea mit den USA hätte China<br />
Amerika dann an seiner Grenze. Das will es überhaupt nicht.
</p>
<p>
<b>Martin Fritz:</b> China und Nordkorea waren einst<br />
so eng befreundet wie &quot;Lippen und Zähne&quot;. Es gibt<br />
weiterhin einen Beistandspakt, der China verpflichtet, bei einem<br />
Angriff auf Nordkorea Pjöngjang beizustehen. In den letzten<br />
Jahren hat es sehr viel Geld in Nordkorea investiert, um die Wirtschaft<br />
anzukurbeln. Damit will man Flüchtlingsströme über<br />
die Grenzflüsse vermeiden. Jenseits der Grenze leben nämlich<br />
zwei Millionen koreanischstämmige Menschen, bei denen die Nordkoreaner<br />
schon seit Jahren oft Zuflucht finden.
</p>
<p>
<b>nozzy:</b> Würde man Korea zutrauen, sich auf<br />
einen Krieg einzulassen?
</p>
<p>
<b>Martin Fritz:</b> Die Paranoia in Pjöngjang gegenüber<br />
den USA ist groß. Man darf nicht vergessen, dass Nordkorea<br />
im Korea-Krieg von amerikanischen Bomben systematisch in Schutt<br />
und Asche gelegt wurde. Die heutige Führung hat den Krieg nur<br />
unterirdisch überlebt. Während des Krieges haben die Amerikaner<br />
überlegt, Nordkorea mit Atombomben anzugreifen. Diese Angst<br />
sitzt bis heute sehr tief. Deshalb gibt es kein Vertrauen gegenüber<br />
den USA.
</p>
<p>
<b>Mario Schmidt:</b> Gute Frage. Wenn das Regime am<br />
Ende ist, ist nicht auszuschließen, dass es wild um sich schießt.<br />
Es ist reine Spekulation. Aber auszuschließen ist es nicht,<br />
dass das Regime andere mit in den Abgrund ziehen würde.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Erneut zwei Fragen zusammen&#8230;
</p>
<p>
<b>Zuhörer2:</b> Wird sich mit dem Tod Kim Jong<br />
Ils Grundlegendes ändern?
</p>
<p>
<b>Hi Dung Gu:</b> Gibt es schon einen Nachfolger für<br />
Kim Jong Il?
</p>
<p>
<b>Mario Schmidt:</b> Das hängt davon ab, wann er<br />
stirbt. Stirbt er überraschend schnell, ohne einen Nachfolger<br />
ausgewählt zu haben, entsteht ein Machtvakuum. Dann ist alles<br />
möglich. Er hat drei Söhne, einer davon wird wohl sein<br />
Nachfolger. Aber über sie ist so wenig bekannt, dass es reine<br />
Spekulation ist, was nach Kim Jong Il kommen könnte.
</p>
<p>
<b>Martin Fritz:</b> Die Nachfolge ist bisher ungeklärt.<br />
Kim ließ vor zwei Jahren erklären, sein Vater Kim Il<br />
Sung habe gesagt, sein Sohn und sein Enkel sollten sein Werk vollenden.<br />
Das würde bedeuten, die Dynastie ginge weiter. Aber in Südkorea<br />
gibt es auch Stimmen, die eine erneute Nachfolge innerhalb der Familie<br />
für unmöglich halten. Dafür sei Nordkorea innenpolitisch<br />
nicht stabil genug.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Kommen die Söhne von Kim Jong<br />
Il in Frage?
</p>
<p>
<b>Mario Schmidt:</b> Ja, eigentlich kommen nur die drei<br />
Söhne in Frage. Der älteste Sohn heißt Jong-nam,<br />
er ist eigentlich nicht mehr geeignet, nachdem er 2001 in Japan<br />
festgenommen wurde &#8211; er wollte nach Disneyland. Das war sehr peinlich<br />
für Nordkorea&#8230; Die besten Karten hat im Moment Chon-chol,<br />
er ist vermutlich 25 Jahre alt. Man weiß wenig über ihn,<br />
aber er hat wohl bereits Regierungsämter. Sollte Kim Jong Il<br />
bald sterben, wäre er jedoch vermutlich zu unerfahren, um sich<br />
gegen Partei und Militär behaupten zu können. Kim Jong<br />
Il sagt, er könne noch lange regieren. In Nordkorea darf die<br />
Nachfolge offiziell nicht thematisiert werden. Absolutes Tabu.
</p>
<p>
<b>Martin Fritz:</b> Andererseits gilt er als Favorit<br />
seines Vaters. Als Jong-nam geboren wurde, soll Kim nachts mit einem<br />
Autokorso durch Pjöngjang gefahren und ein Hupkonzert veranstaltet<br />
haben. Er scheint seinem Vater ziemlich ähnlich: Übergewichtig,<br />
dem Luxus, dem guten Essen nicht abgeneigt. Die letzten drei Jahre<br />
soll er im chinesischen Glücksspielerparadies Macao in einem<br />
5-Sterne-Hotel gelebt haben.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Ein bisschen Klatsch&#8230;
</p>
<p>
<b>DennisL:</b> Wurde der mittlere Sohn nicht letztes<br />
Jahr in Japan beim Besuch eines Eric-Clapton- Konzerts gefilmt?
</p>
<p>
<b>Mario Schmidt:</b> Das Konzerte war in Europa, ein<br />
japanisches Team hat ihn angeblich mit einer Frau gefilmt.
</p>
<p>
<b>Martin Fritz:</b> Je weniger man weiß, desto<br />
mehr wird spekuliert.
</p>
<p>
<b>Hi Dung Gu:</b> Habt ihr schon mal mit Kim Jong Il<br />
gesprochen?
</p>
<p>
<b>Mario Schmidt:</b> Wir haben ein guten Zugang, aber<br />
das ist unvorstellbar. Wir würden es sehr gerne tun. Fragen<br />
hätten wir reichlich. Diplomaten bekommen ihn zu sehen, können<br />
aber auch nicht mit ihm sprechen. Das nordkoreanische Volk kennt<br />
seine Stimme übrigens auch nicht wirklich. Die Nachrichten<br />
zeigen meist nur Fotos.
</p>
<p>
<b>Martin Fritz:</b> Kim Jong Il hat nur eine einzige<br />
Pressekonferenz gegeben. Das war für südkoreanische Journalisten<br />
beim innerkoreanischen Gipfel 2000. Aber sonst gilt in Nordkorea:<br />
Journalisten sind die schlimmsten Menschen. Das haben wir bei unseren<br />
Reisen mehrmals gehört. Ein Interview mit ihm ist deshalb so<br />
gut wie unmöglich.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Gibt es irgendein logisch nachvollziehbares<br />
Ziel, das Diktator Kim Jong Il abseits des eigenen Überlebens<br />
verfolgt?
</p>
<p>
<b>Mario Schmidt:</b> Nein, er will überleben, darum<br />
geht es. Sein Problem ist doch: Sollte sich das Land auch nur ansatzweise<br />
öffnen, könnte die Bevölkerung Vergleiche ziehen.<br />
Die Menschen würden sehen, wie schlecht es ihnen im Vergleich<br />
mit anderen Ländern geht. Sie würden sehen, dass sie betrogen<br />
werden, dass Südkoreaner nicht mehr in Hütten wohnen,<br />
sondern wohlhabend sind. Davor hat er Angst, denn irgendwann würde<br />
die Bevölkerung fragen, warum es anderen so gut geht. Und sie<br />
würden sehen, dass Amerika nicht an allem Schuld ist.
</p>
<p>
<b>Martin Fritz:</b> Es gab angeblich mal eine Überlegung<br />
der europäischen Botschafter in Pjöngjang, Kim Jong Il<br />
ein Auslandsexil anzubieten. Man kam angeblich auf folgende Idee:<br />
Eine Villa am Schwarzen Meer mit vielen Frauen, viel Wein und vielen<br />
Hollywood-Filmen. Auf jeden Fall heißt es, Kim habe Angst<br />
davor, so zu enden wie Ceaucescu in Rumänien, nämlich<br />
vom eigenen Geheimdienst hingerichtet zu werden.
</p>
<p>
<b>*raisingirl:</b> Wie groß ist die Distanz zwischen<br />
dem Luxusleben des &quot;geliebten Führers&quot; und den Menschen<br />
auf der Straße?
</p>
<p>
<b>Mario Schmidt:</b> Ein Problem. Niemand kann ganz<br />
genau sagen, wie üppig der &quot;geliebte Führer&quot;<br />
lebt. Kein ausländischer Beobachter war je in seinen Palästen.<br />
Es gibt einzelne Stimmen, denen man glauben kann oder nicht. Ich<br />
habe mal Kim Jong Ils ehemaligen Privatkoch kennen gelernt. Demnach<br />
lebt er tatsächlich ein wunderbares Leben. Auf der Höhe<br />
der Hungersnot in den 90er Jahren hat er sich Fisch einfliegen lassen,<br />
während die Bevölkerung gestorben ist.
</p>
<p>
<b>Martin Fritz:</b> Der Abstand ist unvorstellbar groß.<br />
Kim soll in den achtziger und neunziger Jahren der beste Kunde einer<br />
großen französischen Cognacbrennerei gewesen sein. Bei<br />
seiner Zugreise nach Moskau vor einigen Jahren ließ er sich<br />
Hummer aus Europa einfliegen. Dagegen leben viele Menschen vor allem<br />
in den abgelegeneren Gebieten bis heute von Grassuppe. Diese Menschen<br />
gehören in der nordkoreanischen Einteilung oft zu den Gruppen,<br />
die als nicht wichtig für das Regime eingestuft werden und<br />
deshalb bei Arbeit und Essensverteilung gezielt benachteiligt werden.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Hier kommen drei Fragen zum gleichen<br />
Thema&#8230;
</p>
<p>
<b>kerstin:</b> Wieso gibt es keinerlei Putschversuche?<br />
Werden zum Beispiel die Eliten auch so strikt überwacht? Oder<br />
gibt es keine bzw. sind sie zufrieden?
</p>
<p>
<b>mdms:</b> Gibt es eigentlich in irgendeiner Form eine<br />
Opposition in Nordkorea?
</p>
<p>
<b>nikolaus12:</b> Gibt es eigentlich eine Opposition<br />
in Nordkorea?
</p>
<p>
<b>Martin Fritz:</b> Revolutionen sind in der Geschichte<br />
fast immer von Mittelschichten ausgelöst worden, also Gruppen,<br />
die bereits etwas hatten und Angst hatten, diesen Besitz zu verlieren.<br />
Diese Gruppe ist in Nordkorea offenbar noch vergleichsweise klein.<br />
Allerdings gab es letztes Jahr Gerüchte, dass es erstmals zu<br />
einer Protestdemonstration gekommen sein soll. Die Demonstranten<br />
waren Händler, die davon leben, dass sie in andere Gebiete<br />
fahren, Waren einkaufen und auf Märkten verkaufen. Diese Gruppe<br />
ist während der letzten Jahre ziemlich reich geworden und auch<br />
zahlenmäßig gewachsen. Von ihr könnte eine Gefahr<br />
ausgehen. Vermutlich deswegen versucht das Regime neuerdings, die<br />
Märkte stärker zu regulieren. Reis wird zum Beispiel seit<br />
dem Herbst wieder vom Staat verteilt.
</p>
<p>
<b>Mario Schmidt:</b> Vergleich DDR: Dort konnte man<br />
sich treffen, in Kneipen, Kirchen, wo auch immer. In Nordkorea würde<br />
schon der Ansatz einer Versammlung Gleichgesinnter scheitern. Die<br />
Überwachung ist unvorstellbar. Man kann nicht einfach am Wochenende<br />
eine Nachbarstadt besuchen. Wenn man Besuch bekommt, wird das vom<br />
Geheimdienst registriert. Die Menschen verschwinden so schnell samt<br />
Familien in Arbeitslagern, so schnell kann man gar nicht gucken.<br />
Die Opposition sitzt im Ausland. Flüchtlinge. Es gibt Internetseiten<br />
und Radiosender. Jedes kritische Wort ist lebensgefährlich.
</p>
<p>
<b>raschputin:</b> Konnten Sie erleben, wie der Alltag<br />
eines typischen Nordkoreaners aussieht?
</p>
<p>
<b>Mario Schmidt:</b> Ja und nein. Die Leute, die uns<br />
präsentiert werden, wurden vorher ausgewählt, aber wir<br />
konnten bei unserem letzten Besuch erstmals Wohnungen besuchen.<br />
Darin konnte man leben. Aber wir wissen, dass es vielen wesentlich<br />
schlechter geht.
</p>
<p>
<b>Martin Fritz:</b> Bei Interviews bekommen wir häufig<br />
vorgestanzte politische Formeln zu hören. Das liegt daran,<br />
dass der Nordkoreaner ein Drittel des Tages mit ideologischer Schulung<br />
und Kontrolle verbringt. Wir wissen deshalb gar nicht, was die Menschen<br />
wirklich denken. Das werden wir wohl erst dann erfahren, wenn sie<br />
keine Angst mehr zu haben brauchen, ihre Meinung frei zu äußern.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Stimmt es, dass die Nordkoreaner sich<br />
durch Reisen nach China inzwischen ein sehr viel besseres Bild von<br />
ihrem eigenen Land machen können?
</p>
<p>
<b>Mario Schmidt:</b> Ja, auf jeden Fall, aber das betrifft<br />
nur die Elite. Es gibt Gegenden in Nordkorea, die sind so abgeschottet,<br />
dass sie überhaupt keine Ahnung vom Rest der Welt haben. Wir<br />
reden von Millionen von Menschen. In der Grenzregion zu China ist<br />
es anders. Dort haben einige sogar Handys aus China und können<br />
heimlich mit Südkorea telefonieren. Diese Leute wissen, wie<br />
es im Rest der Welt aussieht.
</p>
<p>
<b>Martin Fritz:</b> In letzter Zeit ist der Strom der<br />
Flüchtlinge über die Grenze stark zurückgegangen.<br />
Die Grenze wird viel stärker kontrolliert als früher.<br />
Viele Informationen sickerten eine Zeitlang über das nordkoreanische<br />
Mobiltelefonnetz ins Netz. Als die Führung merkte, dass die<br />
Zahl der Handys explosionsartig anwuchs, hieß es plötzlich,<br />
das Netz müsse repariert werden. Alle mussten ihre Handys abgeben.<br />
Seitdem dürfen nur noch ganz ausgewählte Nordkoreaner<br />
und Ausländer mobil telefonieren.
</p>
<p>
<b>kts:</b> Wäre Südkorea eine Wiedervereinigung<br />
überhaupt recht in Anbetracht der gesellschaftlichen und nicht<br />
zuletzt der wirtschaftlichen Lage?
</p>
<p>
<b>Martin Fritz:</b> Südkoreas Präsident Roh<br />
hat mir selbst in einem Interview gesagt, die deutsche Wiedervereinigung<br />
sei für ihn ein abschreckendes Beispiel. Das Problem: Das Verhältnis<br />
Südkorea zu Nordkorea bei der Bevölkerung ist zwei zu<br />
eins, bei Deutschland war es West zu Ost vier zu eins. Wirtschaftlich<br />
gesehen ist der Abstand Süd- zu Nordkorea 20 zu eins. Eine<br />
Wiedervereinigung wäre deshalb für Südkorea viel<br />
zu teuer. Man schiebt sie so weit wie möglich in die Zukunft<br />
und will Nordkorea bis dahin wirtschaftlich hoch päppeln.
</p>
<p>
<b>Mario Schmidt:</b> Südkorea hat panische Angst<br />
vor der Wiedervereinigung. Wir kennen die deutschen Probleme. Aber<br />
zu den wirtschaftlichen Problemen kommen noch andere: Die Sprachen<br />
haben sich unterschiedlich entwickelt. Mir hat ein Flüchtling<br />
gesagt, sie wusste nicht, was ein Parfum ist. Die Nordkoreaner sind<br />
durch Jahrzehnte ideologischer Schulung gegangen. Wie will man die<br />
Menschen in eine moderne Wirtschaft und Gesellschaft eingliedern?<br />
Das kann Jahre dauern.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Gibt es, was die Wiedervereinigungsfrage<br />
angeht, unter den südkoreanischen Parteien ähnliche Kontroversen<br />
wie einst in der Bundesrepublik vor der Wiedervereinigung?
</p>
<p>
<b>Mario Schmidt:</b> Es gibt die offizielle Version:<br />
Pro Wiedervereinigung, wir sind ein Volk. Aber die inoffizielle<br />
lautet anders: Bitte Nordkorea, brich nicht zusammen, zumindest<br />
nicht so schnell.
</p>
<p>
<b><b>Martin Fritz:</b></b> Südkorea ist<br />
politisch zweigeteilt: Die Generationen über 40 haben noch<br />
Gefühle für den Norden, oft auch verwandtschaftliche Beziehungen.<br />
Die jungen Leute unter 40 sehen Nordkorea als fernes Land und wollen<br />
ihr gutes Leben nicht durch die Wirtschaftsprobleme nach einer Wiedervereinigung<br />
verlieren.
</p>
<p>
<b>kts:</b> Wie würde das Regime reagieren, wüsste<br />
es von diesem Chat und Ihren Aussagen? Würde das Ihre Beziehungen<br />
beschädigen oder gar eine Gefahr für Sie darstellen?
</p>
<p>
<b><b>Mario Schmidt:</b></b> Wir hatten bislang<br />
keine Probleme, trotz äußerst kritischer Berichterstattung.<br />
Wenn wir aus dem Land berichten, versuchen wir auch den normalen<br />
Alltag der Menschen zu zeigen. Was sind ihre Sorgen, ihre Freuden?<br />
Aber natürlich leben wir immer mit dem Risiko, dass ein falscher<br />
Satz an der falschen Stelle uns zum Verhängnis wird. Das heißt,<br />
wir bekommen kein Visum mehr.
</p>
<p>
<b>Martin Fritz:</b> Wir bekommen zwar anders als viele<br />
oft ein Visum, aber wir mussten uns dafür nicht verbiegen.<br />
Bis jetzt haben wir immer gesagt, was wir sagen wollten und dabei<br />
wird es auch bleiben, selbst wenn wir keine Einreisegenehmigung<br />
mehr bekommen.
</p>
<p>
<b>Anni:</b> Kim Jong Il wird ja heute offiziell 65.<br />
Ich habe aber gehört, dass er eigentlich schon ein Jahr älter<br />
sein soll. Warum verschweigt er sein wahres Geburtsdatum?
</p>
<p>
<b>Martin Fritz:</b> Nach offizieller Geschichtsschreibung<br />
ist er am 16. Februar 1942 geboren. Angeblich in einem Dorf am Fuß<br />
des heiligen koreanischen Berges Paekdu. Dabei soll ein Stern über<br />
dem Berg aufgegangen sein, eine Parallele zum Neuen Testament und<br />
Jesu Geburt. Russische Historiker haben aber nachgewiesen, dass<br />
Kim Jong Il in einem Lager der nordkoreanischen Kommunisten in der<br />
Sowjetunion zur Welt gekommen ist. Das passt natürlich nicht<br />
zur offiziellen Hagiographie.
</p>
<p>
<b>Mario Schmidt:</b> Auf jeden Fall wird heute groß<br />
gefeiert. Was die Menschen wirklich von ihrem &quot;lieben Führer&quot;<br />
halten, wir wissen es nicht. Eine der großen Fragen.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Unser Chat ist um, vielen Dank für<br />
Ihr Interesse und die zahlreichen Fragen &#8211; auch wenn manche unbeantwortet<br />
geblieben sind. Herzlichen Dank, Herr Schmidt und Herr Fritz, dass<br />
Sie sich für den Chat Zeit genommen haben. Das Transkript dieses<br />
Chats finden Sie auf den Seiten der Veranstalter. Nächster<br />
Chatgast wird Oskar Lafontaine, Fraktionschef der Linkspartei, am<br />
28. Februar von 13 bis 14 Uhr sein. tagesschau.de wünscht allen<br />
Beteiligten noch einen schönen Tag. Herr Fritz und Herr Schmidt,<br />
Ihnen gehört das letzte Wort.
</p>
<p>
<b>remember:</b> Danke für den schönen und<br />
informativen Chat!
</p>
<p>
<b>Martin Fritz:</b> Nordkorea ist weit weg und schwer<br />
zu verstehen. Wir hoffen, wir konnten ein bisschen zum Verständnis<br />
beitragen.
</p>
<p>
<b>Mario Schmidt:</b> Es ist schwer, über Nordkorea<br />
zu berichten. Aber dort leben viele Menschen, die ein Interesse<br />
an anderen Ländern haben. Ich hoffe sehr, dass es eine Öffnung<br />
in irgendeiner Form geben wird. Auf jeden Fall freue ich mich sehr<br />
über das große Interesse an dem Land.
</p>
<p><!-- #EndEditable --></p>
<p>
<!-- Content --></p>
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		<title>&#8220;Erwachsene Politiker haben keine Lust mehr auf Cowboy-Diplomatie&#8221;</title>
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		<pubDate>Wed, 06 Dec 2006 23:00:00 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[Am 7. Dezember war Christiane Meier, ARD-Korrespondentin in Washington, zu Gast im tagesschau-Chat in Kooperation mit politik-digital.de. Sie diskutierte mit den Nutzern über US-Präsident Bush, den Bericht der Baker-Kommission, und die Reaktionen in den US-Medien.
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Am 7. Dezember war Christiane Meier, ARD-Korrespondentin in Washington, zu Gast im tagesschau-Chat in Kooperation mit politik-digital.de. Sie diskutierte mit den Nutzern über US-Präsident Bush, den Bericht der Baker-Kommission, und die Reaktionen in den US-Medien.<br />
<!--break--> </p>
<p>
<b>Moderator:</b> Herzlich willkommen zu 45 Minuten tagesschau-Chat. Unser Gast ist heute die ARD-Korrespondentin in Washington, Christiane Meier. Sie wird aus der Hauptstadt der Vereinigten Staaten mit uns chatten. Der Anlass ist hochaktuell: Wir wollen über eine mögliche Wende in der Nahost-Politik der USA sprechen, nachdem in diesen Tagen der Bericht der Baker-Kommission vorgelegt wurde. Frau Meier, können wir beginnen?
</p>
<p>
<b>Christiane Meier:</b> Allzeit bereit, also auch jetzt!
</p>
<p>
<b>GvD2:</b> Guten Tag Frau Meier, die Baker-Kommission stellte gestern ihre Ergebnisse vor. Was glauben Sie? Wird Präsident Bush seine Irak-Strategie ändern und in welche Richtung wird es gehen?
</p>
<p>
<b>Christiane Meier:</b> Präsident Bush muss sich auf jeden Fall zu der Studie verhalten, denn er bekommt enormen Druck aus der eigenen Partei. Allerdings wird er erst noch abwarten, wie die Studien aus dem Pentagon und dem State Department ausfallen. Was er dann tun wird, ist völlig offen.
</p>
<p>
<b>Opensuse:</b> Welche Rolle/Bedeutung nimmt Herr Baker denn in den USA ein? Ist er auch sonst ein politischer Gegner Bushs?
</p>
<p>
<b>Christiane Meier:</b> James Baker ist im Gegenteil ein alter Freund der Familie und hat bei der ersten Wahl &#8211; Sie erinnern sich, „hanging chats“ &#8211; Bush gerettet. Auch diesmal soll er Bush Jr. helfen, aus der verfahrenen Situation herauszukommen. Aber da er ein Freund seines Vaters ist, reagiert Bush skeptisch. Sie wissen schon, die Rivalität zwischen Vater und Sohn.
</p>
<p>
<b>Sonnenfirnis:</b> Ist der Bericht der Baker-Kommission Ihrer Meinung nach das offizielle Dokument für das politische Versagen von Präsident Bush?
</p>
<p>
<b>Christiane Meier:</b> So zumindest legt es die Opposition aus und man muss sagen, dass auch die Mehrzahl der Reaktionen in diese Richtung geht. Schließlich war dies eine überparteiliche Kommission, die politischer Vorteilsnahme unverdächtig ist.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Es gibt in den US-Medien aber doch auch scharfe Kritik. Ich hörte, es sei von einem &quot;warmen Aufguss&quot; die<br />
Rede?!
</p>
<p>
<b>Christiane Meier:</b> Vielen geht die Kommission nicht weit genug. Ein alter Hase in der Politik sagte zynisch, der Berg habe eine Maus geboren. Andererseits gibt es auch viel Kritik für die Forderung nach einem diplomatischen Ansatz unter Einbeziehung von Syrien und Iran, also Kritik von beiden Seiten und das ist ja meist<br />
kein schlechtes Zeichen.
</p>
<p>
<b>Iraqi Freedom:</b> Inwieweit dringt es bei der amerikanischen Bevölkerung durch, dass Bush mit der Irak-Studie einen ziemlich harten Schlag ins Gesicht bekommen hat?
</p>
<p>
<b>Christiane Meier:</b> Es ist nicht zu überhören und zu übersehen, denn die amerikanischen Fernsehsender sowie sämtliche Zeitungen berichten ausführlichst darüber.
</p>
<p>
<b>Niller:</b> Welche Konsequenzen kann ein solcher Bericht realistischer Weise nach sich ziehen?
</p>
<p>
<b>Christiane Meier:</b> Zumindest muss der Präsident, der ja auch der Oberkommandierende der Truppen ist, der Realität ins Auge sehen und seine optimistischen Durchhalteparolen sind jetzt obsolet. Andererseits eröffnet dies einen überparteilichen Dialog und den hat es hier in ernsthafter Form lange nicht mehr gegeben.
</p>
<p>
<b>lukas.h.l.:</b> Kann Bush die Kommission einfach ignorieren, was meinen Sie?
</p>
<p>
<b>Christiane Meier:</b> Theoretisch ja, denn die Kommission hat nur beratende Funktion. Aber die politische Realität erzwingt hier in Washington eine durchdachte Reaktion, denn sowohl Senat wie Abgeordnetenhaus beschäftigen sich jetzt damit.
</p>
<p>
<b>kuscheltier:</b> Die Baker-Kommission schlägt vor, dass die US-Truppen sich zurückziehen sollen. Aber ist das nicht gerade der Fehler? Man kann doch so ein zerrüttetes Land nicht einfach so sich selbst überlassen!
</p>
<p>
<b>Christiane Meier:</b> Das ist auch nicht der Plan. Der Vorschlag geht im Kern eher dahin, die irakischen Truppen zu unterstützen und die Kampftruppen zu reduzieren. Davon verspricht man sich wohl, die Provokation herunterzufahren und die Verantwortung an die irakischen Truppen und die irakische Regierung weiterzugeben.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Zwei Fragen mit gleicher Richtung im Doppelpack:
</p>
<p>
<b>Mximus:</b> Wie bewerten denn die Medien den Bericht? In welche Richtung gehen sie?
</p>
<p>
<b>georg123:</b> Wie setzen sich die großen (CNN, FOX, ABC&#8230;) mit dem Bericht auseinander? Wird kritisch argumentiert oder einfach nur patriotisch salutiert?
</p>
<p>
<b>Christiane Meier:</b> Gute Frage! Die Medien berichten weitgehend objektiv und laden derzeit sämtliche Mitglieder der Kommission zu weitergehenden Diskussionen ein. Patriotisch salutiert wird in letzter Zeit deutlich weniger. Außer vielleicht bei FOX, die in dieser Hinsicht konstant sind.
</p>
<p>
<b>matsche:</b> Frau Meier, werden Sie als Deutsche angesprochen, dass Schröder mit seiner Haltung doch Recht behalten hat?
</p>
<p>
<b>Christiane Meier:</b> Das liegt schon zu lange zurück. An Schröder erinnert man sich kaum noch, aber ich habe schon während des Irakkriegs viele Reaktionen von Amerikanern erlebt, die sich bei Deutschland für die ablehnende Haltung bedankt haben. Und es liegt mir wirklich am Herzen mal zu sagen, dass wirklich viele &#8211; vielleicht die Hälfte der Amerikaner &#8211; keineswegs mit diesem Krieg einverstanden waren &#8211; ganz anders, als es in Deutschland manchmal wahrgenommen wird. Aber das &quot;andere Amerika&quot; war frustriert<br />
und manchmal zu still.
</p>
<p>
<b>maeper:</b> Was bringen eigentlich die Gegner des Baker-Berichts der Kommission entgegen? Welche Argumente haben sie?
</p>
<p>
<b>Christiane Meier:</b> Kommt drauf an, von welcher Seite sie kommen. Die Konservativen sind entsetzt, dass man jetzt mit Syrien und Iran verhandeln soll, die ja aus der Sicht von Bush zur Achse des Bösen gehören. Und die Demokraten fürchten, dass der Plan zu spät kommt und noch immer zu halbherzig ist.
</p>
<p>
<b>ichbinsschonwieder:</b> Ist Bush überhaupt gewillt sich anzupassen, da er doch nicht wieder gewählt werden kann?
</p>
<p>
<b>Christiane Meier:</b> Wer weiß das schon. Aber inzwischen muss er sich ja um seine Legacy, sein Vermächtnis, kümmern. Er will sicher nicht als gescheiterter Präsident in die Geschichte eingehen. Deshalb könnte es sein, dass er versucht, möglichst gesichtswahrend einen Ausstieg zu finden. In der Deckung der Baker-Kommission.
</p>
<p>
<b>ElGrande:</b> Wie kann es sein, dass die Kommission erst jetzt, Jahre nach dem Einzug in den Irak, so viel Aufmerksamkeit erregt? Stand Bush nicht schon unlängst vorher unter Handlungsdruck?
</p>
<p>
<b>Christiane Meier:</b> Stimmt, aber diesmal sind es eben die weisen alten Männer und eine Frau, deren Glaubwürdigkeit außer Frage steht und die Kommission ist eben überparteilich. Außerdem haben viele lange die Augen vor der Wirklichkeit verschlossen. Schließlich hat ihnen ja die Regierung gesagt, dass alles gut ist.
</p>
<p>
<b>Werderfan:</b> Welchen Einfluss haben die &quot;Europäer&quot; auf Bush? Wird nur Blair ernst genommen?
</p>
<p>
<b>Christiane Meier:</b> Blair ist natürlich der engste Verbündete und deshalb automatisch ernst zu nehmen. Aber auch die anderen werden jetzt wieder gehört, denn man braucht Europa dringend. Und außerdem hat das State Department ohnehin andere Prioritäten. Dort ist der Gesprächsfaden zu Europa nie abgerissen. Dennoch: Am Ende entscheidet Amerika über amerikanische Interessen und ganz ohne das zu verbrämen.
</p>
<p>
<b>Werderfan:</b> Was verlangen die USA von Deutschland im Bezug auf den Irak?
</p>
<p>
<b>Christiane Meier:</b> Am Liebsten mehr! Aber sie wissen, dass es von deutscher Seite keine Kampftruppen gibt. Deshalb richten sich die Begehrlichkeiten eher auf zivile Aufbaumaßnahmen und Geld. Aber diese Frage kann sicher Minister Steinmeier gut beantworten. Der trifft sich ja morgen mit Condi Rice.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Noch mal ein Doppelpack:
</p>
<p>
<b>Hans Albers:</b> Sind die USA und die Briten jetzt eigentlich immer noch so gut befreundet?
</p>
<p>
<b>zusch@uer:</b> Wie steht es denn jetzt um das Verhältnis zwischen Großbritannien und den USA?
</p>
<p>
<b>Christiane Meier:</b> Bush und Blair halten zusammen. Müssen sie auch, denn sie haben das ja gemeinsam begonnen. Dennoch gibt es eben Unterschiede, wie man mit der Situation umgeht. Blair scheint der Kommission sehr zuzuneigen. Er wurde im Vorfeld auch befragt. Vielleicht will er jetzt nicht mehr Bushs Pudel sein. Mal sehen, was die beiden gleich in der Pressekonferenz zu sagen haben.
</p>
<p>
<b>noneed4names:</b> Sehen die Neocons eigentlich Ihr Konzept der neuen Weltordnung und des Krieges gegen den Terror als gescheitert an oder den Irak lediglich als Problem der Umsetzung?
</p>
<p>
<b>Christiane Meier:</b> Die Neocons haben sich aus der Öffentlichkeit so ziemlich verabschiedet. Seit sie gesehen haben, dass es nicht so gut läuft. Aber ihr Argument ist, dass die Idee stimmt, nur die Umsetzung dilettantisch war.
</p>
<p>
<b>zuvielglühwein:</b> Ist diese ganze Baker-Geschichte nicht ein reines PR-Spektakel? Auch die Diskussion um den Rückzug der Truppen? Nach dem Wahldebakel muss Bush ja schließlich sein Image ändern &#8211; die Wahl hat ja gezeigt, dass viele Amerikaner den Rückzug fordern.
</p>
<p>
<b>Christiane Meier:</b> Glaube ich nicht. Die Situation ist ja nun mal wirklich dramatisch. Erwachsene Politiker haben keine Lust mehr auf Cowboy-Diplomatie, wie die Kritiker das nennen. Jetzt sehen auch die Republikaner die Zeit gekommen, echte Lösungen zu finden. Anderenfalls müssen sie nämlich um ihre Wiederwahl und die Macht fürchten.
</p>
<p>
<b>JohnDillinger:</b> Inwieweit wird jetzt schon wieder Wahlkampf im Hinblick auf die Präsidentschaftswahlen 2008 getrieben?
</p>
<p>
<b>Christiane Meier:</b> Ich suche nach einer guten Beschreibung. Der Wahlkampf ist nämlich schon so richtig in Gang. Die Präsidentschaftskandidaten versuchen sich zu sortieren und ihre Chancen abzuschätzen. Schließlich muss man jetzt schon Geld sammeln. Also: Ja, der Wahlkampf hat begonnen.
</p>
<p>
<b>James75:</b> Gibt es einen potenziellen republikanischen Bush-Nachfolger? Also einen vermeintlichen Erben?
</p>
<p>
<b>Christiane Meier:</b> McCain sieht sich wohl in dieser Rolle. Aber ob er eine Chance hat, ist noch gar nicht abzusehen. Giuliani scheint ebenfalls nachzudenken. Einen richtigen Favoriten kann man noch nicht erkennen.
</p>
<p>
<b>bufdi:</b> Mal eine allgemeinere Frage: Schätzen Sie Gates eigentlich als gute Besetzung als Verteidigungsminister ein? Oder nur eine Marionette in Bushs Kabinett? Mit seinem Kommissionsbericht hat er ja eigentlich sehr viel Selbstbewusstsein, wenn man das so nennen kann, bewiesen.
</p>
<p>
<b>Christiane Meier:</b> Er gilt als recht unabhängiger Kopf und hat bei seinen Anhörungen offenbar einen guten Eindruck auch auf die politischen Gegner gemacht. Die Demokraten haben große Hoffnungen, dass er sich nicht zur Marionette machen lässt. Schließlich hat er ja auch schon seine Meinung zum Krieg gesagt: Er ist nicht zu gewinnen. Also ein Ansatz, der im Gegensatz zu Bushs Einschätzung steht.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Bitte die Antwort auf Deutsch:
</p>
<p>
<b>gudstm:</b> What do you believe are Hillary Clinton&#8217;s chances of becoming the first US female President?
</p>
<p>
<b>Christiane Meier:</b> Sie hat sicher große Chancen innerhalb der demokratischen Partei. Allerdings scheint die republikanische Seite extrem skeptisch zu sein und auch die wichtigen Wähler der Mitte sind eher vorsichtig. Sie polarisiert sehr stark, aber ist nicht völlig chancenlos.
</p>
<p>
<b>Bubbi:</b> Verliert die Christliche Rechte in Amerika an Einfluss?
</p>
<p>
<b>Christiane Meier:</b> Ja. Aber auch deshalb, weil sie das so will. Man fühlt sich von Bush nicht gut genug behandelt und sogar als Stimmvolk benutzt, seit ein Insider darüber berichtet hat, wie das Weiße Haus über sie denkt.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Letzte Frage, noch mal zu Hillary Clinton.
</p>
<p>
<b>noneed4names:</b> Bezieht sich diese Skepsis auf eine Frau oder diese Frau?
</p>
<p>
<b>Christiane Meier:</b> Diese Frau. Für die Demokraten ist sie großartig und die Skandale mit Bill zählen nicht. Für die Republikaner ist Bill Clinton ein großer Ballast. Sie wollen einfach nie wieder einen oder eine Clinton im Weißen Haus.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Das war unser tagesschau-Chat für heute. Wir bedanken uns bei allen, die mitgemacht haben. Unsere Bitte um Verständnis an jene, die wir mit ihrer Frage nicht berücksichtigen konnten. Unser besonderer Dank gilt Christiane Meier, die sich für uns Zeit zum Chatten genommen hat. Ihnen allen wünschen wir noch einen schönen Tag.
</p>
<p>
<b>Christiane Meier:</b> War mir ein Vergnügen!
</p>
<p>
&nbsp;</p>
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		<pubDate>Wed, 08 Nov 2006 23:00:00 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[Am Donnerstag, 9. November 2006 war Johannes Kahrs, SPD-Bundestagsabgeordneter, zu Gast im tagesschau-Chat in Kooperation mit politik-digital.de. Er diskutierte mit den Nutzern über den Libanon-Einsatz der Bundeswehr und sprach sich für den Erhalt der Wehrpflicht aus.
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Am Donnerstag, 9. November 2006 war Johannes Kahrs, SPD-Bundestagsabgeordneter, zu Gast im tagesschau-Chat in Kooperation mit politik-digital.de. Er diskutierte mit den Nutzern über den Libanon-Einsatz der Bundeswehr und sprach sich für den Erhalt der Wehrpflicht aus.<br />
<!--break--> </p>
<p>
<b>Moderator:</b> Herzlich willkommen zu 60 Minuten tagesschau-Chat. Zu Gast im ARD-Hauptstadtstudio ist heute Johannes Kahrs. Er ist SPD-Bundestagsabgeordneter und unter<br />
anderem Mitglied des Verteidigungsausschusses. Darüber hinaus zählt er zu den Sprechern des Seeheimer Kreises in der SPD. Vielen Dank, dass Sie gekommen sind, Herr Kahrs. Unsere Leser werden Ihnen Fragen aus allen Politikbereichen stellen. Können wir beginnen?
</p>
<p>
<b>Johannes Kahrs:</b> Jawoll.
</p>
<p>
<b>tobenglisch:</b> Guten Tag Herr Kahrs. Wie ist die Stimmung momentan im Verteidigungsausschuss? Ich kann mir nicht vorstellen, dass der Libanon-Einsatz ein zu kritisches Thema für die große Koalition werden könnte. Da sehe ich eher beim möglichen EU-Beitritt der Türkei Probleme. Wird letzteres auch in &quot;ihrem&quot; Ausschuss intensiv behandelt?
</p>
<p>
<b>Johannes Kahrs:</b> Da ich Vollmitglied im Haushaltsausschuss bin, werden wir uns garantiert mit dem EU-Beitritt beschäftigen. Insbesondere, da ich als stellvertretender Vorsitzender der deutsch-türkischen Parlamentariergruppe ein großer Verfechter des EU-Beitritts der Türkei bin.
</p>
<p>
<b>Ayhan:</b> Hallo vielleicht die erste Frage: Was ist der Zweck der deutschen Soldaten im Libanon, wollen sie Israel schützen?
</p>
<p>
<b>Johannes Kahrs:</b> Erstens sind wir nicht im Libanon, sondern Teil einer Koalition und haben den Aufgabenbereich Verhinderung des Schmuggels &#8211; sind also nur mit Marine anwesend. Hauptaufgabe unseres Einsatzes ist es, Waffenschmuggel in den Libanon zu unterbinden und dadurch die libanesische Zentralregierung zu stützen.
</p>
<p>
<b>jeanclaud:</b> Wie rechtfertigen Sie den Libanoneinsatz<br />
nach den letzten Zwischenfällen mit der israelischen Luftwaffe?
</p>
<p>
<b>Johannes Kahrs:</b> Wichtig ist hier die große<br />
Linie, die ist weiterhin unstrittig. Probleme gibt es am Anfang<br />
eines jeden Einsatzes für alle Beteiligten. Die haben wir hoffentlich<br />
auch mittlerweile mit den Israelis geklärt.
</p>
<p>
<b>Zauberlehrling:</b> Seit wann wussten Sie von der<br />
Sechs-Meilen-Regelung? Warum wurde die Öffentlichkeit nicht<br />
früher davon in Kenntnis gesetzt?
</p>
<p>
<b>Johannes Kahrs:</b> Die Sechs-Meilen-Regelung war<br />
für mich nie ein wesentlicher Punkt, da uns der zuständige<br />
Kommandeur der Bundesmarine versichert hat, zu jeder Zeit seinen<br />
Auftrag durchführen zu können.
</p>
<p>
<b>Markus22:</b> Herr Kahrs, in der Bevölkerung<br />
werden Auslandseinsätze der Bundeswehr zur Zeit eher kritisch<br />
betrachtet. Während im Haushalt nach wie vor Lücken klaffen<br />
und Steuererhöhungen anstehen, leistet sich der Staat mehrere<br />
Einsätze parallel. Warum muss eigentlich immer die Bundesrepublik<br />
mit ihrer außenpolitischen Verantwortung in Vorschuss treten?<br />
Gibt es keine europäischen Alternativen?
</p>
<p>
<b>Johannes Kahrs:</b> Die europäischen Staaten<br />
sind fast alle in unterschiedlichen Auslandseinsätzen engagiert.<br />
Ich halte es allerdings auch für wichtig, Auslandseinsätze<br />
auch einmal zu beenden. Deswegen haben wir darauf gedrungen, den<br />
Kongo-Einsatz wie vertraglich beschlossen zu beenden und den Einsatz<br />
in Bosnien herunterzufahren und auch in absehbarer Zeit zu beenden.
</p>
<p>
<b>ganoven_ede:</b> In letzter Zeit gab es zahlreiche<br />
Diskussionen über das Libanon-Mandat der Bundeswehr (Stichwort<br />
Sechs-Meilen-Zone). Kaum eine Rolle spielte jedoch bisher in der<br />
öffentlichen Diskussion die grundsätzliche Kritik, dass<br />
die Bundeswehr materialtechnisch gar nicht entsprechend ausgerüstet<br />
sei, um effizient Waffenschmuggel zu unterbinden (z.B. wegen Schiffen,<br />
die eher für die Ostsee geeignet sind und nicht schnell genug<br />
sind etc.). Wie ist Ihre Meinung dazu?
</p>
<p>
<b>Johannes Kahrs:</b> Die Bundesmarine kann mit dem<br />
vorhandenen Gerät den Einsatz ausführen, so der zuständige<br />
Kommandeur vor Ort. Wir haben keinen Grund, an seiner Aussage zu<br />
zweifeln. Gleichzeitig wurden vor einigen Jahren Ersatz für<br />
die Schnellboote geordert. Die ersten fünf Korvetten werden<br />
jetzt nach und nach an die Bundesmarine übergeben.
</p>
<p>
<b>setare:</b> Bitte antworten Sie auf die Frage, seit<br />
wann Sie von der Sechs-Meilen-Regelung wussten und warum die Bevölkerung<br />
nicht früher informiert wurde.
</p>
<p>
<b>Johannes Kahrs:</b> Als Mitglied des Haushaltsausschusses<br />
war ich grundsätzlich für diesen Einsatz und hatte im<br />
Rahmen der Benachrichtigung aller Kollegen im Bundestag Kenntnis<br />
von der Sechs-Meilen-Zone. Ich habe dies aber nie als Problem angesehen.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Können Sie verstehen, dass jetzt<br />
über die Ablösung von Verteidigungsminister Jung spekuliert<br />
wird?
</p>
<p>
<b>Johannes Kahrs:</b> Ich glaube, dass die Diskussion<br />
unfair ist. Der Minister ist neu, hat sehr schnell zwei neue Auslandseinsätze<br />
im Parlament beschlossen bekommen und einen weiteren in Afghanistan,<br />
der zunehmend schwierig wird. Ich stimme nicht in allen Fragen mit<br />
ihm und seiner Einschätzung überein, z.B. betreffend des<br />
Einsatzes im Kongo oder der Fragen des Einsatzes von deutschen Bodentruppen<br />
im Libanon. Dies rechtfertig jedoch meines Erachtens keine Ablösung.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Würden Sie Geld darauf verwetten,<br />
dass Jung die kommenden sechs Monate im Amt übersteht?
</p>
<p>
<b>Johannes Kahrs:</b> Kleine Beträge ja. Eine Kiste<br />
naturtrüben Apfelsaft wäre ich bereit zu verwetten.
</p>
<p>
<b>mokka:</b> Mal ehrlich, hundert Millionen Euro und<br />
wir fahren vor dem Libanon spazieren, während die Hisbollah<br />
ihre Waffen über Land transportiert. Wie kann man so was vor<br />
dem Steuerzahler verantworten?
</p>
<p>
<b>Johannes Kahrs:</b> Wir sind als Teil einer Koalition<br />
mit dem Aufgabenbereich auf See beauftragt. Franzosen und Italiener<br />
sind u.a. im Südlibanon im Einsatz, um die Aufgabe dort durchzuführen.<br />
Auch hier gilt: Der Mix macht es.
</p>
<p>
<b>Harrypotter:</b> Haben Sie gedient?
</p>
<p>
<b>Johannes Kahrs:</b> Jawohl, Major der Reserve, deutsche<br />
Panzergrenadiertruppe. Glück auf!
</p>
<p>
<b>Andriko:</b> Der Libanoneinsatz wird bis 2007 mit<br />
ca. 193 Millionen Euro zu Buche schlagen (SPIEGEL), für den<br />
Wiederaufbau des Libanon stellt die Bundesregierung knapp 40 Millionen<br />
Euro zur Verfügung: Können Sie mir diese Verhältnis<br />
erklären?
</p>
<p>
<b>Johannes Kahrs:</b> Wir sind Teil einer Koalition<br />
und die Länder, die sich am Truppeneinsatz beteiligen. Die<br />
sind in der Regel weniger am Wiederaufbau beteiligt <br />
als die Länder, die sich nicht mit Truppenteilen beteiligen.<br />
Auch hier macht es der Mix.
</p>
<p>
<b>rskorb:</b> Herr Kahrs, falls die Bundesmarine ein<br />
Schmugglerschiff aufbringt und dieses Schiff sich unter Umständen<br />
wehrt, darf dann mit Waffengewalt eingegriffen werden?
</p>
<p>
<b>Johannes Kahrs:</b> Ja.
</p>
<p>
<b>-Simon Haber-:</b> Würde die Bundeswehr durch<br />
die Aufhebung der Wehrpflicht nicht um einiges schlagkräftiger?
</p>
<p>
<b>student81:</b> Sehr geehrter Herr Kahrs, ist die Wehrpflichtigenarmee<br />
im Angesicht der wachsenden internationalen Aufgaben noch zeitgemäß<br />
für Deutschland?
</p>
<p>
<b>Johannes Kahrs:</b> Erstens: Ich bin ein großer<br />
Verfechter der Wehrpflicht, da die Bundeswehr dadurch eine qualitativ<br />
hochwertige Armee ist. Zweitens werben wir unter den Wehrpflichtigen<br />
über 50 Prozent unserer Zeit- und Berufssoldaten. Drittens<br />
stellen sich freiwillig länger dienende Wehrpflichtige &#8211; 20<br />
Prozent der Soldaten – in den Einsatz.
</p>
<p>
<b>golfer:</b> Nach der US-Wahl gestern: Muss Deutschland<br />
jetzt auch in den Irak? Merkel wird ja bestimmt nicht wie Schröder<br />
bei einer Anfrage ablehnen.
</p>
<p>
<b>Johannes Kahrs:</b> Die große Koalition wird<br />
nur Beschlüsse in Übereinstimmung treffen. Einem Einsatz<br />
der Bundeswehr im Irak wird die SPD nicht zustimmen.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Was denken Sie, wird sich nach Bushs<br />
Schlappe im Irak verändern?
</p>
<p>
<b>Johannes Kahrs:</b> Die Amerikaner werden ihre Strategie<br />
im Irak überdenken müssen und entweder mit stärkeren<br />
Truppeneinsatz für den inneren Frieden im Irak sorgen, damit<br />
das „Nation-Building“ gelingt, oder sich in einem schrittweisen<br />
Verfahren aus dem Irak zurückziehen. Wobei ich nicht weiß,<br />
was dann passieren würde und ob dies gut wäre.
</p>
<p>
<b>JH:</b> Könnte man die Bundeswehr nicht zu einer<br />
Friedenstruppe entwickeln, die eine passive Rolle mit Waffen pflegt<br />
und sich auf die Abwendung von Auswirkungen diverser Natur und Industriekatastrophen<br />
spezialisiert?
</p>
<p>
<b>Johannes Kahrs:</b> So etwas haben wir schon, es nennt<br />
sich Technisches Hilfswerk und wird dafür auch benutzt. Ich<br />
halte es auch nach wie vor für notwendig, eine Bundeswehr zu<br />
unterhalten.
</p>
<p>
<b>babyblue:</b> Wie können Sie als Verteidigungsexperte<br />
mit Ihrem Gewissen vereinbaren, Spenden von Rüstungskonzernen<br />
erhalten zu haben?
</p>
<p>
<b>Johannes Kahrs:</b> Zu dem Zeitpunkt, als mein Kreisverband<br />
Spenden erhalten hat, war ich nicht für den Bereich Verteidigung<br />
zuständig.
</p>
<p>
<b>mecklenburgvorpommern:</b> Sehr geehrter Herr Kahrs,<br />
Deutschland genießt in vielen Ländern der Welt einen<br />
relativ guten Ruf, da es sich aus vielen vergangenen Konflikten<br />
mehr oder weniger herausgehalten hat. Glauben Sie nicht, dass nun<br />
durch die massive Beteiligung der Bundeswehr in allen Teilen der<br />
Welt dieser Ruf und die damit einhergehende Macht als &quot;Vermittlerrolle&quot;<br />
für immer verloren gehen könnte?
</p>
<p>
<b>Johannes Kahrs:</b> Wir sind als BRD immer in unterschiedlichen<br />
Koalitionen und wenn immer möglich mit UN-Mandat im Einsatz<br />
und haben das Ziel, in den jeweiligen Staaten, insbesondere im Bereich<br />
„Nation-Building“, zu helfen. Daher haben wir nach meiner<br />
Erfahrung insbesondere ein großes Ansehen. Weiterhin hat allerdings<br />
auch die Ablehnung am Einsatz im Irak unsere Position deutlich verbessert.
</p>
<p>
<b>mze:</b> Denken Sie, dass das Vertrauen in westliche<br />
Truppen gesunken ist angesichts der regelmäßigen Enthüllungen<br />
in den Medien?
</p>
<p>
<b>-Simon Haber-:</b> Wurde die &quot;Todeskopfaffäre&quot;<br />
nicht überbewertet?
</p>
<p>
<b>Johannes Kahrs:</b> Ich glaube, dass diese Totenkopfaffäre<br />
ein Fall für die örtlichen Disziplinarvorgesetzten ist,<br />
deren Aufgabe es ist, solchen Unsinn disziplinarrechtlich zu würdigen.<br />
Für den Ruf der Bundeswehr ist dies nie gut, lässt sich<br />
aber nur schwer bei einer Armee von 250.000 Mann dauerhaft vermeiden.<br />
So bedauerlich das auch ist.
</p>
<p>
<b>Markus22:</b> Eine Frage zum weltpolitischen Status<br />
der Bundesrepublik: Vor einiger Zeit wurde über einen dauerhaften<br />
Sitz Deutschlands im Weltsicherheitsrat beraten. Soweit ich mich<br />
erinnere, wurde dieser Vorstoß zunächst verworfen. Müssten<br />
am Ende solcher Einsätze nicht politische Zugeständnisse<br />
stehen? Oder was haben uns die ständigen Ratsmitglieder voraus?
</p>
<p>
<b>Johannes Kahrs:</b> Ständige Ratsmitglieder sind<br />
stärker in UN-Entscheidungen eingebunden. Gleichzeitig haben<br />
sie natürlich auch eine größere Verpflichtung, an<br />
den Einsätzen der Vereinten Nationen teilzunehmen. Daher kann<br />
ich beide Standpunkte in dieser Frage sehr gut nachvollziehen.
</p>
<p>
<b>olivius2000:</b> Ist es für eine Partei, insbesondere<br />
der SPD, nicht generell problematisch, Spenden der Rüstungsindustrie<br />
zu bekommen?
</p>
<p>
<b>Johannes Kahrs:</b> Prinzipiell können sich Parteien<br />
entsprechende Regelungen geben. Die SPD hat dies bisher noch nicht<br />
getan. Ich halte es für wichtig, dass dies immer analog der<br />
gesetzlichen Regeln geschieht.
</p>
<p>
<b>SIHa:</b> Wie können Sie es verantworten, dass<br />
wir Truppen in Usbekistan stationiert haben und so die dortige Diktatur<br />
unterstützen?
</p>
<p>
<b>Johannes Kahrs:</b> Die Bundeswehr unterhält<br />
nur ein kleines Kontingent in Usbekistan. Dies hat mehr mit der<br />
logistischen Unterstützung für Afghanistan zu tun.
</p>
<p>
<b>Leser1:</b> Hallo Herr Kahrs. Haben Sie eine Erklärung<br />
dafür, warum Peter Struck immer wieder gegen seinen Nachfolger<br />
schießt?
</p>
<p>
<b>Johannes Kahrs:</b> Ich habe persönlich nicht<br />
das Empfinden, dass Peter Struck gegen seinen Nachfolger schießt,<br />
sondern merke an jeder Ecke, dass er der Bundeswehr sehr verbunden<br />
ist und sie auch unterstützt.
</p>
<p>
<b>zuh?:</b> Gibt es ein spezielles Ressort &quot;Nation-Building&quot;<br />
in der Bundeswehr, wenn doch ein nicht geringer Teil der Aufgaben<br />
der Bundeswehr in den Bereich des „Nation-Building“<br />
fällt?
</p>
<p>
<b>Johannes Kahrs:</b> Es gibt innerhalb der Bundeswehr<br />
zuständige Einheiten, die für diesen Bereich zuständig<br />
sind und auch den Einsatz der Nichtregierungs­Organisationen<br />
koordinieren. Ich halte es für wichtig, dass wir künftig<br />
im Deutschen Bundestag nicht mehr den Einsatz der Bundeswehr beschließen,<br />
sondern künftig das Engagement als ganzes. Dies würde<br />
bedeuten, dass sowohl das Ministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit<br />
(Entwicklungshilfe) als auch das Innen- und Außenministerium<br />
genauso ihre Kräfte auf Auslandseinsätze richten müssen<br />
wie die Bundeswehr.
</p>
<p>
<b>mze:</b> Wie stehen sie zu einem &quot;Nation-Building&quot;<br />
in Tschetschenien?
</p>
<p>
<b>Johannes Kahrs:</b> Ich glaube, dass ein „Nation-Building“<br />
in Tschetschenien notwendig ist. Ich glaube aber nicht, dass sich<br />
die Bundeswehr daran beteiligen sollte, da wir derzeit an genug<br />
Auslandseinsätzen beteiligt sind.
</p>
<p>
<b>u3 member:</b> Was passiert, wenn all die vielen Bundeswehreinsätze<br />
zu viele Opfer fordern und es in Deutschland zu einer Art „Amerika-Irak-Situation“<br />
kommt? Die Leute haben genug von den Einsätzen. Darf die Bundeswehr<br />
sich auch von ihrem Mandat zurückziehen bzw. Aufgaben nicht<br />
nachkommen, wenn es zu innenpolitischen Unruhen kommt?
</p>
<p>
<b>Johannes Kahrs:</b> Über den Einsatz der Bundeswehr<br />
im Ausland entscheidet der Deutsche Bundestag, also die gewählten<br />
Bundestagsabgeordneten. Die Bundeswehr ist eine Parlamentsarmee.<br />
Die Verantwortung liegt beim Parlament und deshalb glaube ich, dass<br />
es gar nicht erst zu dieser Situation kommen wird.
</p>
<p>
<b>Keetenheuve2:</b> Hallo Herr Kahrs, die SPD wirkt<br />
auf mich als eine in sich zerrissene Partei &#8211; hier die Traditionalisten,<br />
die in altlinker Manier sich für Unterdrückte und Arme<br />
einsetzen (bzw. die, die sie dafür halten) und auf der anderen<br />
Seite Pragmatiker, die sich ein bisschen links von der CDU positionieren<br />
wollen. Wie lange hält die SPD diesen Spagat noch aus?
</p>
<p>
<b>Johannes Kahrs:</b> Ich kann diese Einschätzung<br />
so nicht teilen. Als Volkspartei deckt die SPD immer ein Spektrum<br />
innerhalb der Bevölkerung ab, dass mindestens 50 Prozent der<br />
Bürgerinnen und Bürger anspricht und ansprechen muss.<br />
Dadurch entstehen immer wieder auch parteiinterne Konflikte. Das<br />
ist normal und Teil der demokratischen Auseinandersetzung. Das macht<br />
uns so lebendig und gut.
</p>
<p>
<b>töfte:</b> Möchten Sie Rot-Grün zurück?
</p>
<p>
<b>Johannes Kahrs:</b> Wenn ich mir das wünschen<br />
dürfte, gerne. Der Wähler hat leider anders entschieden.<br />
Insbesondere dann, wenn ich Gerhard Schröder als Bundeskanzler<br />
zurückbekomme.
</p>
<p>
<b><b>Moderator:</b></b> Wie steht es mit der<br />
FDP als künftigen Partner?
</p>
<p>
<b>Johannes Kahrs:</b> Über Koalitionen sollte man<br />
nach und nicht vor Wahlen sprechen. Wichtig ist, dass wir soviel<br />
wie möglich sozialdemokratische Inhalte durchsetzen können.<br />
Ich persönlich glaube daher, dass Rot-Grün ein Erfolgsmodell<br />
war.
</p>
<p>
<b>töfte:</b> Wie stehen Sie zu Schröders Memoiren?
</p>
<p>
<b>Johannes Kahrs:</b> Halte ich für lesenswert<br />
und gut. Es ruft in mir die Erinnerung an die Erfolge aber auch<br />
turbulenten Zeiten der rot-grünen Koalition hervor.
</p>
<p>
<b>golfer:</b> Sind die sinkenden Arbeitslosenzahlen<br />
nicht auf die Ergebnisse der rot-grünen Koalition zurückzuführen<br />
und nicht auf die der neuen Regierung?
</p>
<p>
<b>Johannes Kahrs:</b> Die derzeitige Wirtschaftslage<br />
ist natürlich ein Ergebnis der rot-grünen Reformen. Reformen<br />
brauchen immer einige Zeit, bis sie wirken. Das sieht man jetzt.
</p>
<p>
<b>Henrik Hoppenstedt:</b> Sehr geehrter Herr Kahrs,<br />
das Gerangel um den EU-Beitritt der Türkei ist nach wie vor<br />
nicht geklärt. Befürworten Sie eine vollständige<br />
Aufnahme oder eine privilegierte Partnerschaft?
</p>
<p>
<b>Johannes Kahrs:</b> Ich bin ein überzeugter Anhänger<br />
eines gleichberechtigten Beitritts der Türkei in die EU. Analog<br />
der Bedingungen, die für alle Länder gelten. So schwierig<br />
das für die Türkei auch sein mag.
</p>
<p>
<b>kurtur:</b> Sehr geehrter Herr Kahrs, wann wird endlich<br />
die Bundeswehr gegen linke Demonstranten eingesetzt? In Hamburg<br />
zeigt sich ja, dass man mit Wasserwerfern nicht mehr weiterkommt!
</p>
<p>
<b>Johannes Kahrs:</b> Wir Sozialdemokraten lehnen den<br />
Einsatz der Bundeswehr im Inneren ab. Weiterhin glaube ich, dass<br />
ein Hamburger Senat unter Führung von Matthias Petersen mit<br />
seiner guten sozialdemokratischen Politik verhindern würde.
</p>
<p>
<b>samba:</b> Gestern haben die Wirtschaftsweisen der<br />
Bundesregierung eher schwache Ergebnisse zugeordnet. Sehen Sie das<br />
auch so? Kann die Regierung zu ihrer Anfangsstärke zurückfinden?
</p>
<p>
<b>Johannes Kahrs:</b> Die Wirtschaftsweisen ändern<br />
ihre Meinung viel zu häufig und sind meiner Meinung nach kein<br />
Indikator für das Land. Ich halte mich da lieber an die realen<br />
Zahlen und die werden wöchentlich besser. Glück auf.
</p>
<p>
<b>Maserati:</b> Glauben Sie, dass die Bundeswehr tatsächlich<br />
Weihnachten wieder aus dem Kongo zurück ist? So, wie Herr Jung<br />
es angekündigt hat?
</p>
<p>
<b>Johannes Kahrs:</b> Herr Jung hat das dem Bundestag<br />
so zugesagt und wir gehen davon aus, dass er sich an sein Wort hält.<br />
Alles andere würden wir missbilligen.
</p>
<p>
<b>Marian233:</b> Wo sehen Sie, als Mitglied des Seeheimer<br />
Kreises, die Zukunft der SPD? Kann die SPD die Partei der Mitte<br />
werden und somit langfristig die CDU überflüssig machen?
</p>
<p>
<b>Johannes Kahrs:</b> Ich glaube, dass die SPD als linke<br />
Volkspartei, als Partei der abhängig Beschäftigten, gut<br />
aufgestellt ist. Wir sind als Anwalt der normalen Arbeitnehmerinnen<br />
und Arbeitnehmer unverzichtbar.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Das war unser tagesschau-Chat für<br />
heute. Wir bedanken uns bei allen, die mitgemacht haben. Unsere<br />
Bitte um Verständnis an jene,S die wir mit ihrer Frage nicht<br />
berücksichtigen konnten. Unser besonderer Dank gilt Johannes<br />
Kahrs, der sich die Zeit genommen hat, zum Chatten ins ARD-Hauptstadtstudio<br />
zu kommen. Ihnen allen wünschen wir noch einen schönen<br />
Tag.
</p>
<p>
<b>Johannes Kahrs:</b> Ich bedanke mich auch für<br />
die rege Teilnahme und empfehle, bei jeder Bundestagswahl ihr Kreuz<br />
bei der SPD zu machen. Glück auf!
</p>
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<p>
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