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	<title>Berliner Unterwelten &#8211; politik-digital</title>
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	<title>Berliner Unterwelten &#8211; politik-digital</title>
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		<title>Berlin von unten</title>
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		<pubDate>Fri, 30 Jun 2000 23:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[News]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,helvetica"><b>An diesem Samstagnachmittag sind viele Menschen unterwegs in Berlin-Gesundbrunnen. 
Einige eilen in das gleichnamige Einkaufscenter oder suchen die nächste Parkbank im Humboldthain; 
andere lenken die Autolawine über die Badstraße. Was kaum einer von ihnen ahnt: Unter ihnen, namentlich 
im U-Bahnhof Gesundbrunnen, erstreckt sich eine der größten Bunkeranlagen Berlins, in die ein Häuflein 
Unerschrockener hinabsteigen wird.</b></span>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,helvetica"><b>An diesem Samstagnachmittag sind viele Menschen unterwegs in Berlin-Gesundbrunnen.<br />
Einige eilen in das gleichnamige Einkaufscenter oder suchen die nächste Parkbank im Humboldthain;<br />
andere lenken die Autolawine über die Badstraße. Was kaum einer von ihnen ahnt: Unter ihnen, namentlich<br />
im U-Bahnhof Gesundbrunnen, erstreckt sich eine der größten Bunkeranlagen Berlins, in die ein Häuflein<br />
Unerschrockener hinabsteigen wird.</b></span><!--break-->
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,helvetica">Der Verein &quot;Berliner Unterwelten&quot; hat einen kleinen Teil der Bunkeranlage gemietet und in aufwendiger Arbeit<br />
rekonstruiert. Ziel des Vereins ist die Erforschung und Dokumentation des Berliner Untergrunds. Um auch<br />
interessierte Außenstehende daran teilhaben zu lassen, veranstalten die unterweltbegeisterten Hauptstädter<br />
jeden ersten Samstag im Monat eine Führung durch die unterirdischen Räume, in denen sie eine Ausstellung zur<br />
Berliner Unterwelt aufbauen.<br />
</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,helvetica"><b>Kurioses in der Unterwelt</b><br />
</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,helvetica">Die Ausstellung selbst vermittelt einen knappen Überblick über die Hauptstadtunterwelt, darunter längst<br />
vergangene und vergessene Kuriositäten wie die Rohrpost. Nach Inbetriebnahme der ersten Rohrpostlinie vom<br />
Haupttelegraphenamt in der Oranienburger Straße zur Börse am Hackeschen Markt im Jahre 1865 wuchs das<br />
Streckennetz rasch auf 27 Linien. Die zusammengerechnet 120 Kilometer langen Leitungen verbanden fast 100<br />
Rohrpostämter. Nach einem ausgeklügelten Fahrplan waren die Leitungen jeweils im Viertelstundentakt befahrbar.<br />
Die Briefe wurden in spezielle Büchsen gepackt, 20 Büchsen bildeten dabei einen Zug, der in geschlossener<br />
Formation mit einer Geschwindigkeit von zehn Metern pro Sekunde durch die Leitungen sauste. 1944 wurden auf<br />
diese Weise mehr als 26 Millionen Sendungen verschickt. Durch den technischen Fortschritt der Nachkriegszeit<br />
allerdings verlor die Rohrpost ihre Bedeutung und wurde eingestellt.<br />
</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,helvetica">Die Teilung der Stadt im Kalten Krieg machte auch vor dem Untergrund nicht halt, was  die Ausstellung mit<br />
Grenzsicherungsanlagen in der Kanalisation und Geisterbahnhöfen belegt.  Begehbare Abwasserkanäle<br />
sicherten die DDR-Behörden mit speziellen Sperrgittern. Sie bestanden aus einem massiven Metallbolzen, der &#8211;<br />
mit Fett eingestrichen &#8211;  im Innern eines hohlen Stahlrohrs eingelassen war, so dass er sich drehte, falls jemand<br />
versuchen sollte, das Gitter durchzusägen. Zudem war der Bolzen mit einem Meldedraht gesichert.<br />
</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,helvetica">Die Geisterbahnhöfe der U-Bahn-Linien 6 und 8 sowie der S-Bahn-Linien 1 und 2 sind heute kaum noch<br />
vorstellbar. Diese Linien fuhren von Süden nach Norden, durchquerten dabei aber den Ostteil der Stadt.<br />
Die Bahnhöfe auf Ostberliner Gebiet waren hermetisch abgeriegelt, die Züge hielten dort nicht. Diese<br />
Geisterbahnhöfe beherbergten lediglich ein paar DDR-Grenzschützer, die den vorbeirasenden Zügen nachschauten.<br />
Die einzige Ausnahme war der Bahnhof Friedrichstraße, in dem sich ein Grenzübergang befand.<br />
</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,helvetica"><b>Geschichte der Anlage</b><br />
</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,helvetica">Der Ort dieser Ausstellung, die weit verzweigte Bunkeranlage, verdankt seine Entstehung dem Bau der Linie 8<br />
Ende der 20er Jahre. Aus technischen Gründen wurde sie besonders tief gebaut, so dass über den Gleisen Platz<br />
für Betriebs- und Wartungsräume war. Dazu existierten zahlreiche Nebenräume in dem Verkehrsknotenpunkt, an<br />
dem zwei S- und eine U-Bahn-Linie zusammentreffen.<br />
</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,helvetica">Im Zweiten Weltkrieg wurden diese Räume zu mehrgeschossigen Luftschutzanlagen umgebaut. Die kleinere<br />
Anlage im südlichen Bereich war offiziell für 1500 Menschen ausgelegt. Während der Bombenangriffe drängt sich<br />
allerdings meist mehr Menschen in den Bunker, denn Schutzräume waren damals knapp.<br />
</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,helvetica">Die Wandbeschriftung ist noch erhalten und weist jedem einzelnen Raum eine Nummer und eine vorgesehene<br />
Belegungszahl zu. Was für bizarre Szenen sich hier vor 60 Jahren abspielten, das ist heute schwer auszumachen.<br />
Während der Bombenangriffe verbrachten die Schutzsuchenden häufig mehrere Tage in den Bunkern, dabei war<br />
eine Belüftung nicht immer möglich. Der damit verbundene Sauerstoffmangel zwang die Menschen in der Anlage<br />
kontinuierlich festzustellen, wo sich noch Sauerstoff befand: Sie stellten daher Kerzen in verschiedenen Höhen<br />
auf. Mit zunehmender Aufenthaltsdauer und schwindendem Sauerstoff erloschen die Kerzen im unteren Bereich,<br />
so dass die Schutzsuchenden schlussendlich auf die Sitzbänke stiegen, um überhaupt noch atmen zu können.<br />
</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,helvetica">Von den üblichen Sprengungen nach Kriegsende blieb die Bunkeranlage verschont, weil sie in den Bahnhof<br />
integriert war. Einen kleinen Teil nutzten fortan die Berliner Verkehrsbetriebe, der Hauptteil der Anlage blieb<br />
ungenutzt und geriet in Vergessenheit, bis der Unterwelt-Verein ihn 1988 wieder entdeckte.<br />
</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,helvetica">Lediglich der nördliche Bereich wurde in den 70er Jahren zur Zivilschutzanlage  umgebaut. Dieser Teil der<br />
Anlage ist gut erhalten. Noch heute packt wohl jeden Besucher ein ungutes Gefühl, wenn er durch die<br />
Gasschleuse mit den schweren Stahltüren in den inneren Bereich kommt. Das radioaktive Tritium in der<br />
nachleuchtenden Farbe weist bei Dunkelheit mit Pfeilen den Weg durch die Gänge des verwinkelten Baus,<br />
jeder Türrahmen und jede Treppe  ist markiert; die Lüftungsanlage mit Sandfilter und Bleiverkleidung ruht in<br />
einem dunklen Gewölbe; Türen gibt es im Innern der Anlage nicht, da sie bei einer Explosion verkanten<br />
könnten &#8211; mit jedem Detail der Einrichtung komplettiert sich das Bild des Bunkers und macht den Kalten Krieg,<br />
seine Bedrohung noch einmal erfahrbar. Dieses Gefühl verstärkt sich noch, wenn dem Besucher bewusst wird:<br />
Ein Platz in diesem Bunker war purer Luxus, denn nur für jeden 125. Westberliner war Platz in den Schutzanlagen<br />
der geteilten Stadt!<br />
</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,helvetica"><b>Ungeklärte Nutzung</b><br />
</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,helvetica">Der Kalte Krieg ist bekanntlich Geschichte und nach Lage der Dinge werden Anlagen wie der<br />
Gesundbrunnen-Bunker heute nicht mehr gebraucht. Was soll also damit geschehen? Ihn zuzuschütten ist<br />
technisch nicht möglich, ohne die darunter liegende U-Bahn zu gefährden. Also muss er erhalten werden.<br />
Eine dauerhafte Nutzung gestaltet sich jedoch sehr schwierig: Das Bezirksamt Wedding lagerte hier seine<br />
Akten, verwarf dieses Vorhaben aber wieder. Die Räume waren zu schlecht aufgeteilt, die Brandgefahr war zu<br />
hoch. Geplant ist, unterirdische Bunkeranlagen instand zu halten, um sie bei Großveranstaltungen oder<br />
schweren Unglücken als Notlazarette zu nutzen.<br />
</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,helvetica">Darüber hinaus stellt sich die grundsätzlichere Frage, ob solche Anlagen nicht systematisch einer breiteren<br />
Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden müssten, da sie Zeugnisse der jüngsten Geschichte darstellen.<br />
Bis heute sind sie sichtbares Zeichen des Kalten Krieges oder der Nazizeit, deren Verklärung entgegengewirkt<br />
werden könnte durch die Dokumentation des Lebens unter der Erde während des Krieges.<br />
</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,helvetica">Erschwerend kommt hinzu, dass nicht feststeht, wie viele vergessene Tunnel und Bunker an welchem Ort im<br />
Erdreich schlummern. Nach Schätzungen befinden sich 40 Prozent der Bauwerke im Innenstadtbereich unter<br />
der Erde. Zugeschüttete oder teilweise gesprengte Bunker sind darunter, Tiefbauvorhaben aus der teilweise<br />
umgesetzten Planung der Nationalsozialisten für die Reichshauptstadt Germania; auch &quot;blinde&quot; U-Bahn-Tunnel<br />
und Bahnhöfe, die Anfang des Jahrhunderts für geplante Strecken gebaut wurden, aber ungenutzt blieben und<br />
vergessen wurden, harren ihrer Wiederentdeckung.<br />
</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,helvetica">Vielleicht trägt der Verein &quot;Berliner Unterwelten&quot; mit seiner Arbeit dazu bei, eine adäquate Lösung für das<br />
Problem des unterirdischen Erbes der Stadt zu finden.<br />
</span></p>
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