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	<title>Bernhard Gertz &#8211; politik-digital</title>
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	<title>Bernhard Gertz &#8211; politik-digital</title>
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	<item>
		<title>&#034;Klügerer Militäreinsatz und mehr Aufbau&#034;</title>
		<link>https://www.politik-digital.de/chattranscripte/quotkluegerer_militaereinsatz_und_mehr_aufbauquot-2358/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Alina Barenz]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 17 Jul 2007 23:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Chattranscripte]]></category>
		<category><![CDATA[Bundespolitik]]></category>
		<category><![CDATA[Bundeswehr]]></category>
		<category><![CDATA[Afghanistan]]></category>
		<category><![CDATA[Bernhard Gertz]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>
<b><span class="fett">Am 17. Juli 2007 war Bernhard Gertz, der Vorsitzende
des Bundeswehrverbandes, im tagesschau-Chat in Kooperation mit politik-digital.de.
Er sprach über die Lage der deutschen Soldaten in Afghanistan,
nahm zu Einsätzen der Bundeswehr im Inneren Stellung und erklärte,
weshalb er eine reine Berufsarmee ablehnt.</span></b>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>
<b><span class="fett">Am 17. Juli 2007 war Bernhard Gertz, der Vorsitzende<br />
des Bundeswehrverbandes, im tagesschau-Chat in Kooperation mit politik-digital.de.<br />
Er sprach über die Lage der deutschen Soldaten in Afghanistan,<br />
nahm zu Einsätzen der Bundeswehr im Inneren Stellung und erklärte,<br />
weshalb er eine reine Berufsarmee ablehnt.</span></b><!--break-->
</p>
<p>
<b><b><b><b>Moderator: </b> </b><br />
</b></b> Willkommen im tagesschau-Chat! Im ARD-Hauptstadtstudio<br />
ist heute unser Gast der Vorsitzende des Bundeswehrverbandes, Bernhard<br />
Gertz. Der Verband vertritt die Interessen von rund 210.000 Mitgliedern.<br />
Oberst Gertz sagt man nach, dass er einer derjenigen ist, der am<br />
besten über die Stimmung der Truppe Bescheid weiß. Ein<br />
Fachmann also für alle Fragen in Sachen Bundeswehr. Jetzt geht<br />
es damit los:
</p>
<p>
<b>bernadette:</b> Wie offen können Sie über<br />
die Lage der deutschen Soldaten in Afghanistan sprechen?
</p>
<p>
<b><b>Bernhard Gertz:</b></b> Ich habe keinerlei<br />
Rücksichten zu nehmen, weil ich Gott sei Dank nicht der Bundesregierung<br />
angehöre. Deswegen gibt es von meiner Seite zu diesem Thema<br />
nur Klartext.
</p>
<p align="center">
<img fetchpriority="high" decoding="async" src="http://www.politik-digital.de/salon/photos/bgertz388x.jpg" alt="Berhard Gertz" height="372" width="378" /><br />
<i>Bernhard Gertz</i><br />
<i>Vorsitzender des Bundeswehrverbandes</i>
</p>
<p>
<b>Moderator: </b> Gab es wegen der klaren Worte schon<br />
mal Beschwerden aus der Bundesregierung?
</p>
<p>
<b>Bernhard Gertz:</b> Das gefällt nicht jedem,<br />
wenn Klartext gesprochen wird. Regierungen reden gern vom vollen<br />
Teil eines halbvollen Glases und lassen die Beschreibung des leeren<br />
Teils weg. Meine Aufgabe ist es, auch über den leeren Teil<br />
zu sprechen.
</p>
<p>
<b>Leutnant:</b> Wie häufig treffen sie auf Franz-Josef<br />
Jung und wie sehen solche Treffen aus?
</p>
<p>
<b>Bernhard Gertz:</b> Wir treffen uns wöchentlich.<br />
Entweder auf Verabredung &#8211; zum Beispiel wenn ich einen Termin erbitte,<br />
wird das regelmäßig kurzfristig organisiert. Oder wir<br />
laufen uns bei zahlreichen anderen Anlässen in Berlin über<br />
den Weg. In der vergangenen Woche etwa haben wir uns beim Focus-Fest,<br />
beim Bild-Fest und beim ZDF-Fest getroffen. Darüber hinaus<br />
telefonieren wir miteinander, wenn etwas zu besprechen ist.
</p>
<p>
<b>Moderator: </b> Für alle, die die Gebräuche<br />
in Berlin nicht kennen: Es gibt nicht jede Woche so viele Feierlichkeiten.<br />
Das ist so ein bisschen der Start in die Ferien.
</p>
<p>
<b>Sandbär: </b>Für den Einsatz in Afghanistan<br />
fordern Sie eine größere Beteiligung der zivilen Ressorts,<br />
wie zum Beispiel der Polizei. Ist es nicht sinnvoll, hier bereits<br />
vor Einsätzen wie in Afghanistan, Ex-Jugoslawien, Kongo und<br />
so weiter derartige Strukturen vorzubereiten? Und muss der „Lead<br />
&quot; dazu immer beim Militär liegen?
</p>
<p>
<b>Bernhard Gertz:</b> Erstens: Ja. Es wäre vorzuziehen,<br />
auch über verfügbare zivile Strukturen bereits zu Beginn<br />
eines Einsatzes entscheiden zu können. Für eine so genannte<br />
„Selbsttragende Sicherheitsstruktur“ in Afghanistan<br />
zum Beispiel ist nicht nur der Aufbau afghanischer Streitkräfte,<br />
sondern vor allem der Aufbau einer loyalen und in der Fläche<br />
präsenten afghanischen Polizei von herausragender Bedeutung.<br />
Dafür hat nicht das Militär die Lead-Funktion übernommen,<br />
sondern die Bundesrepublik Deutschland als so genannte Lead-Nation.<br />
Leider hat sie seit 2002 durchschnittlich nur etwa 40 Polizeiausbilder<br />
in Afghanistan zur Verfügung stellen können. Das war ein<br />
Tropfen auf den heißen Stein.
</p>
<p>
<b>Moderator: </b> Jetzt gibt es eine Verstärkung<br />
auf insgesamt 140 Ausbilder (mehrere Nationen beteiligen sich).<br />
Reicht das aus?
</p>
<p>
<b>Bernhard Gertz:</b> Leider reicht auch das bei weitem<br />
nicht aus. Afghanistan ist bekanntlich ein riesengroßes Land<br />
mit gleichzeitig miserabelsten Verkehrsverbindungen. Da muss man<br />
die Polizei in der Fläche präsent machen. Deswegen bräuchten<br />
wir sehr viel mehr Polizeiausbilder vor Ort. Zurzeit behelfen wir<br />
uns mit Notmaßnahmen. Eine solche Notmaßnahme besteht<br />
darin, dass 30 deutsche Feldjäger in Mazar-i-Sharif im Norden<br />
afghanische Polizisten ausbilden. Ich finde das ein ärgerliches<br />
Armutszeugnis für die Fähigkeit der Bundesrepublik, auch<br />
im Bereich der Polizeiausbildung belastbare Strukturen herzustellen.<br />
Vielleicht steht uns da der Föderalismus im Weg.
</p>
<p>
<b>Cpt: </b>Welche Möglichkeit hat der Bundeswehrverband,<br />
„Druck&quot; auf die Politik auszuüben, um deren Unkenntnis<br />
entgegen zu wirken? Und mehr Ausbildung und Stärkung der Zivilgesellschaft<br />
in Afghanistan zu erreichen?
</p>
<p>
<b>Moderator: </b> Oder kürzer ausgedrückt:
</p>
<p>
<b>remlb73: </b>Wer bremst?
</p>
<p>
<b>Bernhard Gertz:</b> Der Bundeswehrverband kann öffentlich<br />
Themen besetzen, über die die Regierung nicht gerne spricht.<br />
Das eigene Versagen wird von der Regierung selten thematisiert.<br />
Deswegen sorgen wir dafür, dass nicht nur über die militärische<br />
Seite Afghanistans gesprochen wird, sondern auch über die Mängel<br />
und Defizite beim Aufbau von Polizei und Justiz, bei der Bekämpfung<br />
von Drogenanbau und -handel, bei der Entwaffnung, Demilitarisierung<br />
und Reintegration ehemaliger Kämpfer und auf dem Feld der Verbesserung<br />
der Lebensbedingungen für die Menschen in Afghanistan. Die<br />
Staatengemeinschaft kennt diese Mängel und Defizite ganz genau,<br />
es fehlt aber an Konsequenzen. Nicht zuletzt, weil eine wirkungsvolle<br />
internationale Koordinierung aller zivilen Aufbaumaßnahmen<br />
bislang nicht stattfindet. Einen spezifischen „Bremser&quot;<br />
kann man nicht identifizieren. Allerdings besteht bei allen beteiligten<br />
Regierungen die Neigung, mehr über die Erfolge zu sprechen<br />
als über die Mängel und Defizite.
</p>
<p>
<b>joker: </b>Wie geht die Bundeswehr mit den „Warlords&quot;<br />
und deren privater Hausmacht um? Insbesondere wenn es um deren Einnahmen<br />
aus Erpressung und Drogenanbau geht?
</p>
<p>
<b>Bernhard Gertz:</b> Die Bundeswehr hat wenig Möglichkeiten<br />
eines unmittelbaren Vorgehens. Weil sie als Bestandteil der Isaf-Truppe<br />
nicht über exekutive Befugnisse verfügt. Polizei und Justiz<br />
sind Aufgabe des souveränen afghanischen Staates. Deshalb kann<br />
die Bundeswehr zum Beispiel keine Strafverfolgung für sich<br />
durchführen. Übrigens nicht einmal, wenn eigene Soldaten<br />
von Anschlägen betroffen gewesen sind. Sie kann helfen beim<br />
Aufbau loyaler Polizeikräfte, sie kann durch schnell sichtbare<br />
Maßnahmen des zivilen Aufbaus unter militärischem Schutz<br />
für eine Verbesserung der Lebensverhältnisse der Menschen<br />
sorgen und auf diesem Weg versuchen, das Vertrauen in die Zentralregierung<br />
zu stärken.
</p>
<p>
<b>Moderator: </b> Zur Erklärung: In Afghanistan<br />
gibt es zwei Missionen mit ausländischen Truppen: Isaf ist<br />
eine Unterstützungstruppe für den afghanischen Staat.<br />
OEF = Operation Enduring Freedom, diese Mission ist für die<br />
Bekämpfung von internationalen Terroristen zuständig.<br />
Für OEF waren bislang vor allem KSK-Spezialkräfte eingesetzt.<br />
Derzeit sind keine KSK-Soldaten in Afghanistan [KSK=Kommando Spezialkräfte,<br />
eine Spezialeinheit der Bundeswehr, Anm. der Redaktion]
</p>
<p>
<b>hansisch: </b>Unabhängig davon, dass es möglicherweise<br />
unbezahlbar ist: Welche Truppenstärke halten Sie in Afghanistan<br />
für notwendig, um tatsächlich die Sicherheit zu gewährleisten,<br />
die für zivile Aufbauhilfe erforderlich ist?
</p>
<p>
<b>Bernhard Gertz:</b> Ich bin überzeugt, dass die<br />
Zahl der Soldaten nicht entscheidend ist. Natürlich hätte<br />
der Isaf-Oberbefehlshaber gerne mehr Soldaten. Vor allem mit Spezialfähigkeiten,<br />
an denen regelmäßig Mangel herrscht, wie zum Beispiel<br />
Heeresflieger mit funktionstüchtigen Hubschraubern, Fernmelder,<br />
Spezialpioniere, Sanitäter . Entscheidend ist für mich,<br />
dass die Art und Weise der militärischen Kampfführung<br />
im Süden stärker Rücksicht nehmen müsste auf<br />
die Menschen. Natürlich schont es die eigenen Soldaten, wenn<br />
man bei Gegnerkontakt Luftverstärkung anfordert und den vermeintlichen<br />
oder tatsächlichen terroristischen Gegner mit Bomben bekämpft.<br />
Wenn dabei aber regelmäßig Zivilisten getötet werden,<br />
ist man mit dem Anspruch, eine Staats- und Gesellschaftsordnung<br />
errichten zu wollen, die auf dem Respekt vor der Menschenwürde<br />
gründet, nicht mehr glaubwürdig. Deshalb brauchen wir<br />
im Süden eine klügere Art und Weise des militärischen<br />
Vorgehens und entschieden viel mehr zivilen Aufbau.
</p>
<p>
<b>Rantanplan54:</b> Waren Sie schon persönlich<br />
in Afghanistan? Wenn ja, wie war Ihr Eindruck?
</p>
<p>
<b>Bernhard Gertz:</b> Ich habe einige Male die deutschen<br />
Stationierungsorte besucht, in Kabul, in Kundus und in Faizabad.<br />
Mein Eindruck war, dass man nach einem Flug von Deutschland über<br />
Usbekistan unmittelbar im Mittelalter landet. In einer Gesellschaftsordnung,<br />
die man erst verstehen muss, bevor man mit Rezepten versucht, die<br />
Lebensverhältnisse der Menschen zu verbessern. Man lernt auch<br />
ein Stück Demut. Man bewundert, wie Menschen unter so kargen<br />
Bedingungen zurecht kommen können. Man entdeckt, dass Langsamkeit<br />
auch eine Tugend sein kann und stellt fest, dass das Gespräch,<br />
dass der Kontakt mit den Menschen sehr viel wichtiger ist als martialisches,<br />
militärisches Auftreten.
</p>
<p>
<b>Moderator: </b> Zweimal vom gleichen User:
</p>
<p>
<b>liqmaster: </b>Wie geht die Bundeswehr mit diesen<br />
zivilen Opfern um, die ja durch die OEF verursacht wurden, aber<br />
dennoch den Druck vor Ort auf die Truppe erhöhen, da dadurch<br />
ja ein Misstrauen in der Bevölkerung aufgebaut wird.
</p>
<p>
<b>liqmaster: </b>Wie wird denn das Engagement der Deutschen<br />
außerhalb Kabuls von der zivilen Bevölkerung aufgenommen?
</p>
<p>
<b>Bernhard Gertz:</b> Die Deutschen befinden sich im<br />
Norden Afghanistans immer noch in einem ihnen freundschaftlich zugeneigten<br />
Umfeld. Dort ist also offenbar Vertrauen entstanden. Deshalb hat<br />
es ja auch in Kundus nach dem Selbstmordattentat auf die deutschen<br />
Soldaten am 19. Juni 2007 eine spontane Gegendemonstration gegeben.<br />
Im Süden ist die Situation grundlegend anders. Dort befinden<br />
sich unsere niederländischen Freunde &#8211; die im Ergebnis unser<br />
Rezept aus dem Norden zu kopieren versuchen &#8211; in einem feindseligen<br />
Umfeld, weil das militärische Vorgehen insbesondere der Amerikaner,<br />
Briten und Kanadier die Menschen gegen alle westlichen Soldaten<br />
aufgebracht hat. Bundesminister Dr. Franz-Josef Jung hat vor etwa<br />
sechs Wochen sowohl öffentlich als auch bei seinem folgenden<br />
Besuch in Washington die Zahl der so genannten „Kollateralschäden&quot;<br />
thematisiert. Ich fand das gut, denn nur, wenn man mit den Verbündeten<br />
darüber redet, kann man das Verhalten ändern.
</p>
<p>
<b>krauler: </b>Ich lebe in Großbritannien. Hier<br />
wird der Einsatz der Bundeswehr sehr kritisch bewertet. Das britische<br />
Militär fühlt sich bei seinen Kampfeinsätzen in den<br />
gefährlichsten Zonen wie Helmand von den Partnern allein gelassen.<br />
In der öffentlichen Diskussion wird der deutschen Afghanistan-Politik<br />
Lahmheit und zum Teil sogar Feigheit vorgeworfen. Mit welchen Argumenten<br />
kann man Ihres Erachtens solchen Vorhaltungen begegnen?
</p>
<p>
<b>Bernhard Gertz:</b> Diese Vorwürfe sind mir nicht<br />
unbekannt. Sie sind in leicht abgemilderter Form auch schon von<br />
britischen Parlamentariern in der NATO-Parliamentary Assembly erhoben<br />
worden.<br />
Dazu muss man feststellen, dass es die britische Regierung gewesen<br />
ist, die sich für den Einsatz im Süden entschieden hat.<br />
Die Bundesrepublik hat sich entschieden, ihre Truppen auf den Norden<br />
zu konzentrieren und stellt dort den regionalen Befehlshaber. Dass<br />
dort relative Ruhe und Stabilität herrschen, ist auch eine<br />
Folge des seit 2002 klug umgesetzten Konzepts der so genannten „Vernetzten<br />
Sicherheit“, bei der das Militär einen schützenden<br />
Rahmen für den zivilen Wiederaufbau stellt. Soldaten, die diese<br />
Aufgabe haben, können keine Kämpfer im klassischen Sinne<br />
sein. Sie müssen den Kontakt mit Menschen suchen, kommunizieren,<br />
erklären, überzeugen, auf Menschen zugehen. Diese Soldaten<br />
abzuziehen, um sie im Süden in einem militärischen Kampf<br />
einzusetzen, wäre töricht. Ich finde, jeder sollte die<br />
selbst gewählte Aufgabe nach besten Kräften erfüllen.<br />
Wir wären heute schon viel weiter im Norden und im Süden,<br />
wenn die Deutschen beim Polizeiaufbau als Lead-Nation nicht so versagt<br />
hätten und wenn Großbritannien als Lead-Nation bei der<br />
Bekämpfung des Drogenanbaus nicht so katastrophal gescheitert<br />
wäre.
</p>
<p>
<b>MartinSchneider: </b>Wie steht es um den Ausrüstungsstand<br />
der Bundeswehr in Afghanistan? Vor einiger Zeit war doch mal die<br />
Rede davon, dass Mangel an Fahrzeugen der „Humvee-Klasse&quot;<br />
herrscht, beziehungsweise die vorhandenen veraltet sind. Wie ist<br />
die sonstige Ausrüstungslage vor Ort? [Humvee= ein geländegängiges,<br />
vielseitig einsetzbares Fahrzeug, Anm. der Redaktion]
</p>
<p>
<b>Bernhard Gertz:</b> Inzwischen haben wir eine ausreichende<br />
Anzahl geschützter Fahrzeuge in Afghanistan. Der Anteil der<br />
geschützten Fahrzeuge am Gesamtfuhrpark der Bundeswehr liegt<br />
bei 45 Prozent. Regierung und Parlament haben in den letzten Jahren<br />
über das Instrument des so genannten „einsatzbedingten<br />
Sofortbedarfs“ Priorität auf die schnelle Beschaffung<br />
geschützter Fahrzeuge gelegt. Deswegen haben wir an dieser<br />
Stelle heute kein nennenswertes Problem mehr. Unsere Kommunikationstechnologie<br />
ist allerdings immer noch von vorgestern. Da hoffen wir darauf,<br />
dass die berühmte Herkules-Lösung eines Tages auch vollständige<br />
Interoperabilität mit unseren Verbündeten zulässt.
</p>
<p>
<b>Moderator: </b> Herkules = ein Großprojekt zur<br />
Verbindung aller Kommunikationstechnik der Bundeswehr, beziehungsweise<br />
deren Ersatz.
</p>
<p>
<b>Markus Wochnik:</b> Könnte eine reine Berufsarmee<br />
besser, schneller, effizienter auf die Herausforderungen solcher<br />
Auslandseinsätze reagieren? Wenn ja, warum?
</p>
<p>
<b>Bernhard Gertz:</b> Eine Berufsarmee hat regelmäßig<br />
das Problem, aus der Gesellschaft genügend qualifizierte Männer<br />
und Frauen für den soldatischen Dienst zu rekrutieren. Einsätze<br />
wie der in Afghanistan haben für junge Leute einen erheblichen<br />
Abschreckungswert. Da mag man sich gerade noch vorstellen, gegen<br />
einen zusätzlichen finanziellen Aufschlag den Grundwehrdienst<br />
von neun Monaten freiwillig auf dreizehn, höchstens 23 Monate<br />
zu verlängern, um in dieser Zeit einmal für vier Monate<br />
in den Auslandseinsatz zu gehen. Aber auf Dauer dabeibleiben will<br />
man nicht. <br />
Deswegen haben alle Berufsarmeen gerade im Bereich der Mannschaften<br />
und Unteroffiziere ein ganz erhebliches Rekrutierungsproblem. Gerade<br />
in Deutschland, vor dem Hintergrund unserer Geschichte, wird jedes<br />
Fehlverhalten von Bundeswehrsoldaten als besonders schwerwiegend<br />
betrachtet. Deswegen kann die Bundeswehr sich nicht leisten, mit<br />
Männern und Frauen in Einsätze zu gehen, die das Leitbild<br />
von Staatsbürgern in Uniform intellektuell nicht auszufüllen<br />
vermögen. In diesem Bereich hat die Wehrpflicht uns über<br />
Jahrzehnte gute Dienste geleistet. Entscheidend ist nicht, ob man<br />
eine reine Freiwilligenarmee hat oder eine Freiwilligenarmee mit<br />
einem begrenzten Umfang an Grundwehrdienstleistenden. Entscheidend<br />
ist, ob diese Armeen seriös finanziert sind in Personal, Betrieb<br />
und Investition. Auch eine unterfinanzierte Berufsarmee wird ihre<br />
Aufgaben nicht wirklich schultern können. Mir fehlt der Glaube,<br />
dass der deutsche Gesetzgeber eine Berufsarmee besser finanzieren<br />
würde, als die jetzige Bundeswehr.
</p>
<p>
<b>RegiBull: </b>Wenn von der Umstellung auf eine Berufsarmee<br />
geredet wird, kommt an dieser Stelle immer das Argument, dass eine<br />
Wehrpflichtarmee besser in der Bevölkerung und Demokratie verankert<br />
ist. Ich halte dieses Argument für verfehlt, da es den Berufssoldaten<br />
diese Fähigkeit de facto abspricht. Wie denken Sie darüber?<br />
Und sollte man im modernen Deutschland nicht ein wenig mehr Vertrauen<br />
in seine Soldaten haben?
</p>
<p>
<b>Bernhard Gertz:</b> Das ist in der Tat ein Argument<br />
von gestern oder vorgestern. Ich bin ziemlich sicher, dass meine<br />
Kameraden ihr demokratisches Selbstverständnis nicht an der<br />
Garderobe abhängen würden, wenn aus der Bundeswehr morgen<br />
eine Berufsarmee würde. Aber wenn nur noch die zur Armee kommen,<br />
die mit 18 oder 19 Jahren schon fest entschlossen sind, Soldat werden<br />
zu wollen, gewinnt die Armee ganz sicher ihren Nachwuchs aus einem<br />
wesentlich kleineren Spektrum der politischen und weltanschaulichen<br />
Orientierungen. In der Wehrpflichtarmee sind immer wieder Leute<br />
bei uns geblieben, die nie den Wunsch hatten, Soldat zu werden,<br />
dann aber festgestellt haben, dass auch ein System von militärischer<br />
Hierarchie, Befehl und Gehorsam und Disziplin viele spannende berufliche<br />
Entfaltungsmöglichkeiten bietet. Die Generation der heutigen<br />
militärischen Führung weist viele solche Persönlichkeiten<br />
auf. Die wären dann künftig nicht mehr da.
</p>
<p>
<b>Diablo: </b>Denken Sie, der Wehrdienst wird in Zukunft<br />
weiterhin so bestehen bleiben, oder könnte sich da etwas ändern?
</p>
<p>
<b>Bernhard Gertz:</b> In der SPD gibt es zurzeit eine<br />
intensive Diskussion über die Zukunft der allgemeinen Wehrpflicht.<br />
Die Partei hatte 2005 schon einmal damit begonnen, vor dem Hintergrund<br />
der vorgezogenen Bundestagswahl &#8211; den vorgesehenen Sonderparteitag<br />
aber abgesagt. In diesem Jahr werden viele Kräfte in der SPD<br />
auf eine Entscheidung in der Wehrpflichtfrage drängen. Vieles<br />
spricht dafür, dass sich ein Vorschlag durchsetzt, nachdem<br />
man zwar grundsätzlich an der allgemeinen Wehrpflicht festhalten<br />
will, jedoch nur noch diejenigen jungen Männer einberuft, die<br />
sich vorher freiwillig mit ihrer Einberufung einverstanden erklärt<br />
haben. Das wäre ganz sicher das Ende der klassischen Wehrpflicht<br />
in Deutschland, auch wenn die Schöpfer dieser Idee betonen,<br />
man werde für den Fall, dass es nicht genügen Freiwillige<br />
gäbe, auf die zwangsweise Einberufung zurückgreifen. Dieser<br />
Beteuerung glaube ich nicht. Ob in der Koalition darüber Einigkeit<br />
herzustellen ist, darf mit Fug bezweifelt werden.
</p>
<p>
<b>Moderator: </b> Stellvertretend für viele Fragen<br />
zu diese Thema:
</p>
<p>
<b>ijo: </b>Wo endet für Sie der Einsatzbereich<br />
der Bundeswehr im Inneren? Würden Sie am Status Quo rütteln?
</p>
<p>
<b>Bernhard Gertz:</b> Ich halte eine Veränderung<br />
der verfassungsrechtlichen Festlegungen für den Einsatz der<br />
Bundeswehr im Inneren nicht für geboten. Polizeiliche Gefahrenabwehr<br />
im Inland ist Polizeiaufgabe und nicht Aufgabe vom Militär.<br />
Es kann jedoch Situationen geben, in denen Fähigkeiten benötigt<br />
werden, über die die Polizei nicht verfügt. Beispiel:<br />
Ein Flugzeug mit ausschließlich Terroristen an Bord, das als<br />
Waffe benutzt zu werden droht, soll abgeschossen werden. Das kann<br />
nur die Luftwaffe. Der derzeitige Artikel 35 Absatz 2 des Grundgesetzes<br />
lässt aber für den Fall, dass die Bundeswehr um Amtshilfe<br />
bei der polizeilichen Gefahrenabwehr im Inland gebeten wird, auch<br />
für diese nur den Einsatz polizeilicher Waffen zu. Das heißt,<br />
die Luftwaffe müsste dann mit einer Pistole oder Maschinenpistole<br />
auf das Terroristenflugzeug schießen. In diesem Punkt scheint<br />
sich die Große Koalition über eine Wortlautänderung<br />
einig. Alle anderen Vorschläge von Herrn Schäuble lehnt<br />
der Bundeswehrverband genauso ab, wie alle anderen im Bundestag<br />
vertretenen Parteien mit Ausnahme von CDU und CSU.
</p>
<p>
<b>FatBaron:</b> „Polizeiliche Gefahrenabwehr im<br />
Inland ist Polizeiaufgabe und nicht Aufgabe vom Militär&#8230;&quot;<br />
Das ist sicher richtig, aber ist die Polizei denn gerüstet<br />
für den Fall von Anschlägen mit ABC-Waffen zum Beispiel?<br />
Müsste das nicht besser geregelt werden?
</p>
<p>
<b>Bernhard Gertz:</b> Es wäre nicht klug, bei der<br />
Polizei Fähigkeiten zu duplizieren, die bei den Streitkräften<br />
vorhanden sind. Eine solche technische Amtshilfe wie die Bereitstellung<br />
von Kapazitäten für die ABC-Abwehr ist auch verfassungsrechtlich<br />
viel weniger problematisch, weil es dabei nicht um den Einsatz von<br />
Waffen geht. Hier haben sich schon immer die Fähigkeiten der<br />
Polizei und der Streitkräfte ergänzt. Auch bei der Fußball-WM<br />
waren die ABC-Abwehrkräfte der Bundeswehr in Bereitschaft.
</p>
<p>
<b>Moderator: </b> Noch mal zu den Auslandseinsätzen:
</p>
<p>
<b>AnnaLena1: </b>An der Hilfe für Soldaten, die<br />
bei Einsätzen verletzt werden und dann dienstunfähig werden<br />
hat sich bis heute nichts geändert. Sie werden nach Ablauf<br />
eines Jahres entlassen! Warum schafft es der Bundeswehrverband nicht,<br />
für mehr Öffentlichkeit und somit für Druck auf die<br />
Verantwortlichen der Einsätze zu sorgen? Damit „einsatzversehrte&quot;<br />
Soldaten auch in Zukunft der Bundeswehr oder Bundeswehr-Verwaltung<br />
mit ihrem Fachwissen erhalten bleiben?
</p>
<p>
<b>Bernhard Gertz:</b> Zur Zeit befindet sich der Entwurf<br />
des so genannten „Einsatzweiterverwendungsgesetzes“<br />
in der Ressort-Abstimmung innerhalb der Bundesregierung. Über<br />
den Inhalt besteht bereits Einigkeit, nur die förmliche Prüfung<br />
durch das Bundesministerium für Justiz ist noch nicht abgeschlossen.<br />
Dieses Gesetz soll Soldaten, die im Einsatz verwundet worden sind<br />
und auch nach Abschluss der ärztlichen Behandlung mindestens<br />
50 Prozent Minderung der Erwerbsfähigkeit aufweisen einen Rechtsanspruch<br />
verschaffen, entweder auf Übernahme in das Dienstverhältnis<br />
eines Berufssoldaten oder auf ein Lebenszeitarbeitsverhältnis<br />
im Bundesdienst. Da dieser Entwurf von allen Fraktionen unterstützt<br />
wird, rechne ich damit, dass er noch in diesem Jahr Gesetz wird.<br />
Wir wollen ihn außerdem rückwirkend in Kraft gesetzt<br />
sehen, so dass alle zwischenzeitlich eingetretenen Härtefälle<br />
davon erfasst werden.
</p>
<p>
<b>Iratus: </b>Wie bewerten Sie die Vor- beziehungsweise<br />
Nachbereitung der Soldaten und Soldatinnen für den Auslandseinsatz<br />
aktuell? Wo und in welchen Bereichen sehen Sie dort noch Verbesserungsmöglichkeiten?
</p>
<p>
<b>Bernhard Gertz:</b> Aus der Mitgliederbefragung des<br />
Deutschen Bundeswehrverbandes, an der 45.000 Mitglieder teilgenommen<br />
haben, haben wir zwei Erkenntnisse gewonnen:<br />
Erstens: Parlament und Regierung gelingt es nicht, Soldaten die<br />
Sinnhaftigkeit ihrer Auslandseinsätze zu vermitteln. Zweitens:<br />
Die landeskundliche Einweisung in die spezifischen Verhältnisse<br />
im Einsatzland wird von den Soldaten mit großer Mehrheit als<br />
nicht ausreichend empfunden. In beiden Bereichen muss in der Tat<br />
in der Ausbildung vor dem Einsatz nachgearbeitet werden. Bei der<br />
Nachbereitung der Einsätze sollte dem Thema Posttraumatische<br />
Belastungsstörung noch stärkere Beachtung geschenkt werden<br />
als in der Vergangenheit.
</p>
<p>
<b>bwwb:</b> Was würden die Soldaten vor Ort am<br />
liebsten ändern, was sie jedoch aus rechtlichen oder Mandatsgründen<br />
nicht können?
</p>
<p>
<b>Bernhard Gertz:</b> Das hängt sehr von der spezifischen<br />
Situation ab, in der sich die Soldaten jeweils befinden. Da kann<br />
etwa der Wunsch aufkommen, die Verfolgung der Kundus-Attentäter<br />
anstelle der afghanischen Polizei selbst machen zu dürfen.<br />
Oder der Wunsch, technische Geräte zur Störung der Auslösung<br />
ferngelenkter Sprengsätze zu besitzen, von denen man gehört<br />
hat, dass es sie gibt und dass sie sich seit geraumer Zeit in der<br />
Erprobung befinden. Als ich im vergangenen Juli in Kinshasa unsere<br />
dort frisch eingetroffenen Eufor-Soldaten getroffen habe, hätten<br />
die am liebsten den Verantwortlichen, der in einer europaweiten<br />
Ausschreibung den Zuschlag an eine spanische Firma für den<br />
Aufbau eines Feldlagers vergeben hatte, auf den Mond geschossen.<br />
Das konnte ich gut verstehen. Im Übrigen sagt man von uns Soldaten,<br />
wenn wir nichts zu meckern hätten, seien wir nicht gesund.
</p>
<p><b>Moderator: </b> Das waren 60 Minuten tagesschau-Chat<br />
mit Bundeswehrverbands-Chef Bernhard Gertz. Herzlichen Dank, Oberst<br />
Gertz, dass Sie bei uns waren, herzlichen Dank an alle User für<br />
Ihr Interesse und die zahlreichen Fragen. Die waren bei weitem nicht<br />
alle zu schaffen. Das Protokoll ist in Kürze auf den Seiten<br />
der Veranstalter www.tagesschau.de und www.politik-digital.de zu<br />
finden. Wir wünschen allen Beteiligten noch einen schönen<br />
Tag!</p>
]]></content:encoded>
					
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			</item>
		<item>
		<title>&#8220;Eine Regierung die A sagt, muss auch B sagen&#8221;</title>
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		<dc:creator><![CDATA[hneymanns]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 15 Apr 2002 23:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Chattranscripte]]></category>
		<category><![CDATA[Bundeswehreinsatz]]></category>
		<category><![CDATA[Bundespolitik]]></category>
		<category><![CDATA[Bundeswehr]]></category>
		<category><![CDATA[Wehrpflicht]]></category>
		<category><![CDATA[Bernhard Gertz]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b><img src="http://www.politik-digital.de/salon/photos/bgerts.jpg" alt="Bernhard Gertz" align="left" height="108" width="80" />Bernhard 
Gertz ist zu Gast im tacheles.02-Chat von tageschau.de und politik-digital.de.</b></span>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b><img decoding="async" src="http://www.politik-digital.de/salon/photos/bgerts.jpg" alt="Bernhard Gertz" align="left" height="108" width="80" />Bernhard<br />
Gertz ist zu Gast im tacheles.02-Chat von tageschau.de und politik-digital.de.</b></span><!--break-->
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b><b>Moderator:</b></b><br />
Herzlich willkommen im tacheles.02-Chat. Die Bundeswehr ist in den<br />
vergangenen Monaten nicht aus den Schlagzeilen gekommen.<br />
Militär-Airbus, Strukturreform, der Streit in der Führungsspitze und<br />
die Wehrpflicht-Entscheidungen des Verfassungsgerichts haben für<br />
Diskussionen gesorgt. Für die kommenden 60 Minuten ist nun der<br />
Vorsitzende des Bundeswehrverbandes, Oberst Bernhard Gertz, unser<br />
Chat-Gast. tacheles.02 ist ein Format von tagesschau.de und<br />
politik-digital.de und wird unterstützt von tagesspiegel.de.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:</b> Sind Sie bereit, Herr Gertz?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Bernhard Gertz:</b> Ja, von mir aus kann´s losgehen.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:</b><br />
Heute hat sich der Europäische Gerichtshof mit der Wehrpflicht befasst.<br />
Eine Wehrpflicht nur für Männer verstoße gegen den<br />
Gleichheitsgrundsatz, argumentiert ein junger deutscher Wehrpflichtiger<br />
vor dem Luxemburger Gericht. Glauben Sie, dass die Wehrpflicht vor dem<br />
Gericht Bestand haben wird?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Bernhard Gertz:</b><br />
Nein, ich bin überzeugt, dass der Europäische Gerichtshof die<br />
Grundentscheidung des deutschen Verfassungsgebers respektieren wird,<br />
das heißt Wehrpflicht wird es in Deutschland auch künftig nur für<br />
Männer geben.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif">Michi: Ist eine Berufsarmee nicht sinnvoller als die Wehrpflicht?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Bernhard Gertz:</b><br />
Das kommt auf die Aufträge an, die Parlament und Regierung für eine<br />
Armee bereithalten. Besteht der Auftrag ausschließlich in<br />
Konfliktregulierung und Krisenbewältigung, bedarf es der Wehrpflicht<br />
nicht. Die Wehrpflicht kann sicherheitspolitisch nur begründet werden<br />
mit der Notwendigkeit, dass die Armee im Verteidigungsfall von einer<br />
Friedenspräsenzstärke auf einen wesentlich größeren Verteidigungsumfang<br />
aufwachsen muss. Das geht nur mit ausgebildeten Reservisten und die<br />
gewinnt man nur über die Wehrpflicht.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:</b> Eine Nachfrage: Laufen die Aufträge der Bundeswehr nicht immer mehr auf Konfliktregulierung hinaus?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Bernhard Gertz:</b><br />
Unser Grundgesetz sagt in Artikel 87a: &quot;Der Bund stellt Streitkräfte<br />
zur Verteidigung auf&quot;. Sinnstiftender Zweck für die Bundeswehr ist<br />
damit nicht Konfliktregulierung, sondern die Sicherung der<br />
territorialen Integrität der Bundesrepublik Deutschland: und das ist<br />
Verteidigung.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>andy: </b>wie stellen Sie sich denn eine optimale, gute Bundeswehr vor?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Bernhard Gertz:</b><br />
Die Armee sollte über ausreichend Einsatzkräfte verfügen, die im Kern<br />
aus Zeit- und Berufssoldaten besteht. Beide Gruppen müssen<br />
hochspezialisiert ausgebildet sein. Daneben braucht man für<br />
Einsatzkräfte allerdings stets auch Soldaten, die für Wach- und<br />
Sicherungsaufgaben herangezogen werden. Ein Beispiel: In Prizren im<br />
Kosovo bewachen deutsche Soldaten rund um die Uhr hinter Sandsäcken und<br />
einem Schützenpanzer Marder eine serbisch-orthodoxe Kirche sowie einige<br />
verbliebene serbische Familien. Für solche Aufgaben braucht man keinen<br />
Meister in der Kommunikationselektronik, sondern junge Männer, die ein<br />
einziges Mal mit in einen solchen Einsatz gehen, dafür spezifisch<br />
ausgebildet sind und es dann hinter sich haben. Diese jungen Männer<br />
gewinnen wir heute aus dem Potenzial der Grundwehrdienstleistenden. Sie<br />
leisten freiwillig länger Wehrdienst, im Schnitt 19,3 Monate.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:</b> Läuft das nicht auf die Zweiteilung der Armee in Spezialisten und Wehrpflichtige auf, wie das CDU-Chef Schäuble vorschlägt?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Bernhard Gertz:</b><br />
Wenn man ehrlich ist, hat es in der Bundeswehr schon immer eine<br />
Zweiteilung gegeben. Früher gab es Unterschiede zwischen dem Feldheer<br />
und dem Territorialheer, danach zwischen den Krisenreaktionskräften und<br />
den Hauptverteidigungskräften. Diese Unterschiede drückten sich aus in<br />
unterschiedlicher Ausbildung, Ausrüstung und Bewaffnung. Wichtig ist,<br />
dass solche unterschiedlichen Kräfte für unterschiedliche Aufgaben eine<br />
gemeinsame Identität aufweisen.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif">Michi: Sind sie für eine EU-Armee?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Bernhard Gertz:</b><br />
Das wäre der Königsweg. Eine EU-Armee würde nämlich einen weitgehenden<br />
Souveränitätsverzicht der Mitgliedsstaaten voraussetzen und im Ergebnis<br />
zu einer europäischen Arbeitsteilung auf dem Gebiet der Verteidigung<br />
führen, die auch unter ökonomischen Erwägungen anzustreben ist.<br />
Allerdings gibt es noch eine Reihe von Schwierigkeiten: der<br />
Souveränitätsverzicht fällt unseren britischen und französischen<br />
Partnern deutlich schwerer als uns, eine wirkliche Einigung auf<br />
gemeinsame außenpolitische Ziele und Interessen steht noch aus und<br />
schließlich haben etwa Staaten mit kolonialen oder postkolonialen<br />
Verpflichtungen militärische Sonderinteressen, die sich mit denen der<br />
Partner nicht immer in Einklang bringen lassen. Ich hoffe trotzdem,<br />
dass wir in dieser Frage Fortschritte machen.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:</b> Zu einem anderen Schwerpunkt: Die Bundeswehr steht unter anderem in Bosnien und Afghanistan:</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>quark: </b>mich<br />
würde interessieren, wie es die Bundeswehr denn jetzt in Afghanistan<br />
schafft. Von ihrem Verband hieß es doch immer, die Bundeswehr könne gar<br />
nicht länger da runter?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Bernhard Gertz:</b><br />
Wir befinden uns in einer Situation, in der wir die Belastbarkeit<br />
unserer Soldaten exzessiv ausnutzen. Wir sind gleichzeitig auf fünf<br />
verschiedenen sicherheitspolitischen Szenarien präsent mit derzeit rund<br />
10.500 Soldaten. Für keinen dieser Einsätze ist ein Ende absehbar,<br />
deswegen müssen zum Teil Soldaten, die erst im Dezember aus dem Kosovo<br />
zurück gekommen sind, jetzt schon wieder in den Einsatz. Was das für<br />
die Familien bedeutet, liegt klar auf der Hand. Deshalb sind wir jetzt<br />
schon über die Belastungsgrenze hinaus. Das sieht übrigens<br />
Bundesminister Scharping genauso wie ich.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:</b><br />
Wie unterschiedlich ist ihrer Ansicht nach die Sicherheitslage in den<br />
Gebieten. Ist Bosnien schon &quot;normal&quot;, Kabul aber gefährlich?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Bernhard Gertz:</b><br />
In Bosnien herrscht relative Ruhe, aber es gibt leider keinen echten<br />
Fortschritt im Sinne der Zielsetzung des Vertrages von Dayton, der ja<br />
ein friedliches zusammenleben der ehemaligen Bürgerkriegsparteien unter<br />
gemeinsamer Verwaltung zum Ziel hat. Deswegen ist die Lage nicht<br />
wirklich stabil. Kabul dagegen ist ein Pulverfass mit Zehntausenden<br />
nicht-entwaffneten ehemaligen Bürgerkriegs-Kombattanten. Ich halte die<br />
Lage dort für hochgefährlich.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Dani:</b> Sind Sie für einen Bundeswehreinsatz in Palästina/Israel unter UNO-Mandat?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Bernhard Gertz:</b><br />
Ich denke, die Bundesrepublik Deutschland sollte nicht sozusagen ein<br />
Bewerbungsschreiben abgeben. Wir sind leider von einem Friedenschluss<br />
in Palästina weiter denn je entfernt. Der Bundeskanzler hat<br />
wahrscheinlich Recht, dass die Konfliktparteien nur durch zumutbaren<br />
politischen Druck von außen auf eine friedliche Konfliktlösung zurück<br />
gebracht werden können. Ob es danach zu einem UN-Mandat kommt, ist<br />
völlig offen. Für mich steht jedenfalls fest, dass ein Einsatz<br />
deutscher Soldaten in einem solchen Rahmen nur dann diskutiert werden<br />
sollte, wenn Israelis und Palästinenser ihn gemeinsam wünschen.<br />
Deswegen besteht kein Anlass die Frage heute abschließend zu<br />
beantworten.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>charley: </b>Wie messen sie, ob ein Einsatz im Ausland ein Erfolg war oder nicht?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Bernhard Gertz:</b><br />
Man muss unterscheiden zwischen dem politischen Erfolg und dem<br />
militärischen Erfolg. Die UN-Blauhelmmission in Somalia beispielsweise<br />
in den Jahren 1993 und 1994 war politisch ein vollständiges Desaster,<br />
für die Bundeswehr aber eine gute Lerneinheit, um festzustellen was man<br />
an den Strukturen zu verändern hat, damit man in der Lage ist, über<br />
eine Entfernung von 5000 km deutsche Truppen logistisch zu unterstützen<br />
und sie im Einsatz zu führen. Ich will aber gerne zugeben, dass diese<br />
Lerneinheit deutlich zu teuer war. Bezogen auf den Balkankonflikt<br />
sollten sie Außenminister Fischer fragen, wie eigentlich die politische<br />
Strategie für eine Befriedung aussieht insbesondere für den Fall, dass<br />
die Truppen der EU und der NATO eines Tages zurückkehren sollten.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:</b> Zwischen den NATO-Staaten in Europa und dem Bündnispartner USA gibt es Spannungen. Kommen wir zur Entwicklung der NATO:</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Oli:</b> Wie zuverlässlich ist die USA als Partner in der Nato? Wollen die nicht alles alleine machen, nur bestimmen?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Bernhard Gertz:</b><br />
Aus der Sicht der Vereinigten Staaten sind die europäischen Verbündeten<br />
deutlich hinter den vereinbarten Zielen für die Entwicklung der<br />
Fähigkeiten des Bündnisses zurückgeblieben. Insbesondere richten die<br />
USA ihr Augenmerk darauf, dass die Europäer nach 1990 wesentlich<br />
weniger Geld für Verteidigung aufwenden, als die Vereinigten Staaten.<br />
Die Bundesrepublik Deutschland zum Beispiel wendet nur 1,1% vom<br />
Bruttoinlandsprodukt auf, die USA 3,3 Prozent. Diese Kluft führt<br />
teilweise zu der Ansicht, dass die europäischen Partner nicht in der<br />
Lage sind, seriöse Partner zu sein.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Häu:</b> Sehen sie für die finanzielle Situation der Bundeswehr Besserungschancen?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Bernhard Gertz:</b><br />
Als Realist weiß ich, dass jede Bundesregierung, die sich nach dem 22.<br />
September im Amt befinden wird, in der Pflicht steht, die<br />
volkswirtschaftlichen Rahmendaten Deutschlands entscheidend zu<br />
verbessern. Ganz Euro-Europa leidet darunter, dass die deutsche<br />
Volkswirtschaft die höchste Nettoneuverschuldung, die höchste<br />
Staatsschuld insgesamt, die geringste Wachstumsrate und eine imposante<br />
Arbeitslosenquote aufweist. Deshalb gibt es zur<br />
Haushaltskonsolidierungspolitik keine Alternative. Solange das so ist,<br />
wird es nur marginale Spielräume für eine Verbesserung der finanziellen<br />
Situation der Bundeswehr geben.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>andy: </b>Wie<br />
würden Sie denn die Finanzierungsprobleme der Bundeswehr lösen, im<br />
Moment ist ja eine Art Verständnis in der Bevölkerung wegen Afghanistan<br />
vorhanden, aber das kann sich ja auch wider ändern?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Bernhard Gertz:</b><br />
Es gibt eigentlich nur zwei Möglichkeiten: Entweder passt man die<br />
Finanzierung der vom Bundeskabinett am 14.6.2000 beschlossenen Struktur<br />
an &#8211; das würde bedeuten pro Jahr etwa 2,5 Milliarden Euro mehr &#8211; oder<br />
man passt die Struktur dem Haushaltsrahmen an &#8211; das würde bedeuten<br />
weniger Soldaten und Zivilbeschäftigte, aber auch weniger Fähigkeiten.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Uzi:</b> Sie fordern Kürzungen zugunsten der Bundeswehr? Wozu brauchen Sie mehr Geld?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Bernhard Gertz:</b><br />
Haushaltspolitik ist die Kunst der politischen Prioritätensetzung. Eine<br />
Regierung die A sagt, nämlich Soldaten in fünf Einsätze gleichzeitig<br />
schickt, muss auch B sagen, nämlich diese Einsätze seriös finanzieren.<br />
Wenn sie die Finanzierung nicht bereitstellen will, weil sie Eingriffe<br />
in andere Politikfelder scheut, dann muss sie darauf verzichten, der<br />
Bundeswehr ständig neue Aufgaben zu übertragen.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:</b> Noch einmal zurück zur Wehrpflicht:</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>M. Huck:</b> Wie rechtfertigen Sie den tiefen Eingriff in die individuelle Freiheit junger Menschen durch die allgemeine Wehrpflicht.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Bernhard Gertz:</b><br />
Ich bin davon überzeugt, dass dieser Eingriff nur dann gerechtfertigt<br />
werden kann, wenn es überzeugend sicherheitspolitisch begründet zu<br />
werden vermag. Nach 1990 ist diese Begründung kaum noch vermittelbar<br />
gewesen. Sie setzt ein ziemlich hohes Abstraktionsniveau voraus. Die<br />
sogenannte Zukunftskommission unter Vorsitz von Richard von Weizsäcker<br />
hat ihre Empfehlung, grundsätzlich an der allgemeinen Wehrpflicht<br />
festzuhalten, mit der sicherheitspolitischen Prognose-Unsicherheit<br />
begründet. Man müsse auch für das wenig wahrscheinlich gewordenen<br />
Risiko einer massiven militärischen Bedrohung solange Risikovorsorgen<br />
treiben, solange dieses Risiko nicht vollständig und dauerhaft<br />
ausschließbar sei. Dabei dürfe man nicht davon ausgehen, dass sich die<br />
positive sicherheitspolitischen Entwicklung der letzten zwölf Jahre in<br />
der Zukunft ungebrochen fortsetze. Ich persönlich halte diese<br />
Begründung nicht mehr für überzeugend. Deswegen muss auch aus meiner<br />
Sicht die Frage der Notwendigkeit der allgemeinen Wehrpflicht auf der<br />
Grundlage einer seriösen sicherheitspolitischen Risikoanalyse neu<br />
diskutiert werden. Dabei sind insbesondere die sogenannten<br />
asymmetrischen Gefahren, etwa durch massive Formen des internationalen<br />
Terrorismus mit zu betrachten.<br />
</span><span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><br />
<b>M. Huck:</b> Kann das nötige Wissen, in 9 Monaten, überhaupt vermittelt werden?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Bernhard Gertz:</b><br />
In neun Monaten kann man junge Männer sicher nicht umfassend für die<br />
kollektive Verteidigung im Bündnis ausbilden. Das sieht auch die<br />
derzeitige Wehrpflichtkonzeption nicht vor. Als zusätzliche Bausteine<br />
neben dem Grundwehrdienst haben die Reservistenkonzeption sowie ein<br />
sogenanntes Krisenausbildungsprogramm (nach einer Mobilisierung) in<br />
diesem Rahmen Bedeutung. Allerdings sind diese Bausteine bei der<br />
Zuweisung von Haushaltsmitteln sträflich vernachlässigt worden.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>melanie13:</b> Was halten Sie eigentlich von Frauen in der Bundeswehr?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Bernhard Gertz:</b><br />
Ich bin begeistert davon, dass wir im vergangenen Jahr 7.000<br />
Bewerbungen von qualifizierten jungen Frauen hatten. Der<br />
Bundeswehrverband hat lange dafür gekämpft, dass die Bundeswehr nicht<br />
eine reine Männerdomäne bleibt Das halte ich vor allem deshalb für<br />
wichtig, weil die Präsenz von Frauen in der Armee die gesellschaftliche<br />
Integration der Streitkräfte entscheidend verbessert.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Oli:</b> Warum ist der Ton in der Bundeswehr so autoritär? Das stört mich!</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Bernhard Gertz:</b><br />
Sie haben Recht: der Ton in einer Armee, die vom Leitbild vom<br />
Staatsbürger in Uniform geprägt wird, sollte eigentlich weniger<br />
autoritär sein. Ich habe allerdings Bereiche der Gesellschaft<br />
kennengelernt, in denen Machtausübung durch Vorgesetzte deutlich<br />
weniger begrenzt ist als in den Streitkräften.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:</b> Noch einmal zu einem Problem, das die Bundeswehr ebenfalls in die Schlagzeilen gebracht hat:</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>danman:</b><br />
Eine Frage: Thema Strahlenopfer bei den Radarkompanien. Eine Reihe von<br />
Krebsfällen bei Soldaten, die in mobilen Radarstationen Dienst hatten<br />
ist bekannt geworden. Die Bundeswehr hat sich in diesen Fällen nicht<br />
sehr kooperativ (z.B. Entschädigung der Opfer etc.) und<br />
aufklärungswillig gezeigt. Wie verhält sich die Bundeswehr heutzutage<br />
in solchen Fällen &#8211; haben sich die Dienstvorschriften und der Umgang<br />
mit kritischen Material und Gerät dahingehend verbessert?.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Bernhard Gertz:</b><br />
Wir haben ein echtes Problem, weil der Bundesminister zwar eine rasche<br />
unbürokratische und großzügige Lösung öffentlich angekündigt hat, diese<br />
Message bei seinen Beamten aber offensichtlich nicht angekommen ist.<br />
Die Administration der Bundeswehr definiert sich teilweise immer noch<br />
als Anspruchsabweisungsmaschine, statt der Verpflichtung zur Fürsorge<br />
zum Durchbruch zu helfen. Ich bin sehr enttäuscht darüber, dass der<br />
Deutsche Bundestag bisher meinem Vorschlag nicht gefolgt ist, in diesen<br />
Fällen durch Gesetz die Beweislast umzukehren. Dann nämlich wären wir<br />
wesentlich weiter. Ich werde allerdings an diesem Thema dranbleiben.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:</b><br />
Mit Bezug auf den Anfang ihrer Antwort: Der Bundesminister nimmt aber<br />
nun doch seine Aufgaben ernster, oder? Zumindest badet er nun laut<br />
&quot;Bunte&quot; in Akten und nicht mehr im Pool?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Bernhard Gertz:</b> Ich gönne dem Bundesminister sein privates Glück.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Oli:</b> Was erwarten sie von der nächsten Regierung an Weichenstellungen für die Zukunft?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Bernhard Gertz:</b><br />
Die nächste Regierung wird Bestandsaufnahme und Kassensturz machen<br />
müssen. Ich hoffe, dass sie sich als beratungsfähig erweisen wird. Wenn<br />
dies der Fall ist könnten wir zu realistischen Zukunftsperspektiven für<br />
die Menschen in der Bundeswehr kommen.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:</b> Eine grundsätzliche, daher sicher schwer zu beantwortende Frage zum Ende unseres Chats:</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>ines: </b>Glauben Sie denn, dass man heute Konflikte noch militärisch lösen kann?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Bernhard Gertz:</b><br />
Ganz sicher muss die Fähigkeit, insbesondere der europäischen Staaten,<br />
zur nicht-militärischen Konfliktprävention entscheidend verstärkt<br />
werden. Absichtserklärungen reichen da nicht aus. Vielmehr müssen<br />
konkrete Instrumente zur Konfliktprävention definiert werden. Die<br />
Erfahrung aus der jüngeren Vergangenheit stimmen nicht nicht besonders<br />
zukunftsfroh. Der Konflikt in Mazedonien etwa war prognostizierbar.<br />
Trotzdem ist es den Europäern nicht gelungen, in eineinhalb Jahren nach<br />
Ende des Kosovo-Luftkrieges soviel politischen Einfluss aus Mazedonien<br />
auszuüben, dass ein Bürgerkrieg vermieden werden konnte. Ich würde es<br />
vorziehen, wenn wir in Zukunft militärische Konfliktlösungen nur noch<br />
dann versuchen würden, wenn wir vorher alles zumutbare getan haben, um<br />
die Ursachen von Konflikten auszuräumen &#8211; statt die Symptome zu<br />
bekämpfen.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:</b><br />
Leider ist unsere Zeit schon wieder vorbei. Viele Fragen mussten<br />
unbeantwortet bleiben. Wir bedanken uns herzlich bei Oberst Gertz!</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Bernhard Gertz:</b> Herzlichen Dank und bis demnächst.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:</b><br />
Wir würden uns freuen, Sie bei unserem nächsten Chat wieder begrüßen zu<br />
dürfen. Am Dienstag, dem 23.April, zwei Tage nach der Landtagswahl in<br />
Sachsen-Anhalt, kommt der Generalsekretär der CDU, Laurenz Meyer, von<br />
20.15 bis 21.00 Uhr zum chatten. Im Namen der Veranstalter<br />
tagesschau.de und politik-digital.de sowie des Unterstützers<br />
tagesspiegel.de wünschen wir allen Beteiligten einen schönen Abend!</span></p>
]]></content:encoded>
					
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