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	<title>Bundespolitik &#8211; politik-digital</title>
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	<title>Bundespolitik &#8211; politik-digital</title>
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	<item>
		<title>FDP-Bundestagsfraktion veröffentlicht den Digitalisierungsmonitor 2019</title>
		<link>https://www.politik-digital.de/news/fdp-bundestagsfraktion-veroeffentlicht-den-digitalisierungsmonitor-2019-156532/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Constantin Estorff]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 21 Aug 2019 16:07:16 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[News]]></category>
		<category><![CDATA[Bundespolitik]]></category>
		<category><![CDATA[FDP]]></category>
		<category><![CDATA[E-Government]]></category>
		<category><![CDATA[Wissensgesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Digitalisierungsmonitor]]></category>
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					<description><![CDATA[]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="wpb-content-wrapper"><div data-parent="true" class="vc_row row-container" id="row-unique-0"><div class="row limit-width row-parent"><div class="wpb_row row-inner"><div class="wpb_column pos-top pos-center align_left column_parent col-lg-12 single-internal-gutter"><div class="uncol style-light"  ><div class="uncoltable"><div class="uncell no-block-padding" ><div class="uncont" ><div class="uncode_text_column text-lead" ><p>Laut einer beim Meinungsforschungsinstitut Forsa in Auftrag gegebenen Studie bewerten die Deutschen die Digitalisierung an sich überwiegend positiv. Insgesamt sehen 43% der Befragten ausschließlich Vorteile, weitere 53% sowohl Vor- als auch Nachteile bei Digitalisierung allgemein.</p>
</div><div class="uncode_text_column" ><p>Laut einer beim Meinungsforschungsinstitut Forsa in Auftrag gegebenen Studie bewerten die Deutschen die Digitalisierung an sich überwiegend positiv. Insgesamt sehen 43% der Befragten ausschließlich Vorteile, weitere 53% sowohl Vor- als auch Nachteile bei Digitalisierung allgemein.</p>
<p>Trotz der schwächelnden wirtschaftlichen Konjunktur sorgen sich fast 90% der Befragten im Hinblick auf die Digitalisierung nicht um ihren Arbeitsplatz. Ganz im Gegenteil: 81% der Befragten erhoffen sich von der Digitalisierung Erleichterungen am Arbeitsplatz – 12% mehr als im Jahr zuvor. Sie stehen dem Arbeitsplatz 2.0 damit sehr positiv gegenüber.</p>
<p>Der Politik wird hingegen größtenteils ein mangelhaftes Handeln bescheinigt. So denken fast 90%, dass die Politik die Bevölkerung nicht genügend auf die Digitalisierung vorbereitet. Der Anteil der Befragten, der über Verbindungsprobleme bei der mobilen Internetnutzung klagt, hat dagegen sogar seit 2018 zugenommen.</p>
<p>Beim Thema Bildung ist man ebenfalls optimistisch: 74% meinen, dass die digitale Bildung vor allem Chancen bietet. Auffällig ist hier allerdings, dass drei von vier der 18- bis 29-Jährigen skeptisch gegenüber der möglichst frühen Nutzung von digitalen Lehrmethoden sind – beim Thema Digitalisierung scheinen die Jungen besonnener zu sein.</p>
<p>Das Thema Mobilität stellt den letzten Abschnitt der Studie dar. Es stellt sich heraus, dass ein großer Teil der Deutschen noch immer kritisch gegenüber Sharing-Modellen ist, vor allem für Autos. Hingegen könnten sich in Deutschlands Metropolen mit 47% immerhin fast die Hälfte der Befragten vorstellen, bei gegebenem Angebot Flugtaxis zu nutzen.</p>
<p>Zur Erhebung der Studie 1007 zufällig gezogene über 18-Jährige Bürgerinnen und Bürger telefonisch im Juni 2019 befragt. Die Abweichungen liegen bei höchstens 3%.</p>
<p>Zu der vollständigen Studie gelangen Sie <a title="Digitalisierungsmonitor 2019" href="https://www.fdpbt.de/sites/default/files/2019-08/PDF-Digitalisierungsmonitor-2019_Druck.pdf" target="_blank" rel="noopener noreferrer">hier.</a></p>
<p><span class="c-message__body" dir="auto"><strong>Bild:</strong> <a href="https://pixabay.com/de/photos/laptop-computer-pc-notebook-gr%C3%BCn-2055522/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Laptop</a> by Goumbik via Pixabay</span></p>
</div></div></div></div></div></div><script id="script-row-unique-0" data-row="script-row-unique-0" type="text/javascript" class="vc_controls">UNCODE.initRow(document.getElementById("row-unique-0"));</script></div></div></div><div data-parent="true" class="vc_row styleptrl--cc-module has-bg need-focus style-color-gyho-bg limit-width boxed-row row-container" id="row-unique-2"><div class="row unequal col-no-gutter single-top-padding single-bottom-padding single-h-padding row-parent"><div class="wpb_row row-inner"><div class="wpb_column pos-middle pos-center align_left column_parent col-lg-4 styleptrl--cc-module--col single-internal-gutter"><div class="uncol style-light"  ><div class="uncoltable"><div class="uncell no-block-padding  unradius-std" ><div class="uncont" ><div class="uncode_text_column" ><p>Text: <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">CC-BY-SA 3.0</a></p>
</div></div></div></div></div></div><div class="wpb_column pos-middle pos-center align_right column_parent col-lg-8 styleptrl--cc-module--col single-internal-gutter"><div class="uncol style-light"  ><div class="uncoltable"><div class="uncell no-block-padding" ><div class="uncont" ><div class="uncode_text_column" ><p><img decoding="async" class="alignnone size-medium wp-image-159021" src="https://www.politik-digital.de/wp-content/uploads/2020/05/CC-Lizenz-630x110111-305x53-1-300x52.png" alt="" width="300" height="52" srcset="https://www.politik-digital.de/wp-content/uploads/2020/05/CC-Lizenz-630x110111-305x53-1-300x52.png 300w, https://www.politik-digital.de/wp-content/uploads/2020/05/CC-Lizenz-630x110111-305x53-1.png 305w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></p>
</div></div></div></div></div></div><script id="script-row-unique-2" data-row="script-row-unique-2" type="text/javascript" class="vc_controls">UNCODE.initRow(document.getElementById("row-unique-2"));</script></div></div></div>
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			</item>
		<item>
		<title>Telefax hui &#8211; E-Mail pfui</title>
		<link>https://www.politik-digital.de/news/telefax-hui-e-mail-pfui-4668/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[admin]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 03 Dec 2009 09:21:44 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[News]]></category>
		<category><![CDATA[Bundespolitik]]></category>
		<category><![CDATA[Studie]]></category>
		<category><![CDATA[Bürgerkontakt]]></category>
		<category><![CDATA[Bundesministerium]]></category>
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					<description><![CDATA[Wer sich mit Fragen über die Regierungsarbeit, einem Autogrammwunsch an den Minister oder der Bitte nach Informationsmaterial an ein Bundesministerium wendet, sollte das gute alte Telefax benutzen - dann ist die Chance auf eine Antwort am höchsten. Das hat eine Studie von politik-digital.de ergeben.
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Wer sich mit Fragen über die Regierungsarbeit, einem Autogrammwunsch an den Minister oder der Bitte nach Informationsmaterial an ein Bundesministerium wendet, sollte das gute alte Telefax benutzen &#8211; dann ist die Chance auf eine Antwort am höchsten. Das hat eine Studie von politik-digital.de ergeben.<br />
<!--break--> </p>
<p>
Sieger in der Kurzstudie, in der 14 Ministerien sowie das Kanzleramt mit fiktiven Bürgeranfragen angeschrieben wurden, um die Reaktionsfähigkeit zu testen, ist das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) mit 119 von 210 Punkten (56,7%). Auf den Plätzen zwei und drei landen das Bundesfamilienministerium (BMFSFJ) (55,2%) und das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) mit 54,8% der maximal möglichen Punktzahl in der Gesamtwertung.
</p>
<p>
<b>Schnell, gut und persönlich</b>
</p>
<p>
Wie schnell, gut und persönlich kommunizieren die Bundesministerien mit dem Bürger? Das war die Frage, die mit der Untersuchung beantwortet werden sollte. Ministerien sind als wesentlicher Teil der Regierung die Orte, an denen politische Entscheidungen auf Bundesebene nicht nur vorbereitet, sondern auch umgesetzt werden. Bei Fragen zum politischen Handeln sind daher die Ministerien eine wichtige Adresse für Anfragen der Bürger.
</p>
<p>
<img decoding="async" src="/wp-content/uploads/20091203_Studie_Ranking.jpg" alt="Gesamtergebnis Studie" title="Gesamtergebnis Studie" width="468" height="401" />
</p>
<p>
Enttäuschend war der Befund bei der E-Mail-Kommunikation. Nur die Hälfte aller E-Mail-Anfragen wurden in dem vierwöchigen Testzeitraum überhaupt beantwortet und wenn, dann in sehr kurzer Form. Die meisten Antworten erhielten die Bürger, die ihre Anfrage per Telefax gestellt haben. Das zeigt, dass viele Ministerien die Möglichkeiten der neuen Medienkanäle immer noch nicht erkannt haben. Selbst der Testsieger BMZ erhielt nur 56,7 Prozent der maximal zu erreichenden Punktzahl.
</p>
<p>
<b>Der Bürger ist Kunde</b>
</p>
<p>
Abgeschlagen auf dem letzten Platz landete das Bundesumweltministerium mit nur 41 von 210 möglichen Punkten. Ministerien sollten den Bürger als Kunden begreifen und sich an Unternehmen der Wirtschaft orientieren, denn hier geht es um die Außenwirkung und damit auch gegen Politikverdrossenheit.
</p>
<p>
politik-digital.de hatte bereits im Jahr 2006 das Kommunikationsverhalten der Bundesministerien auf eine ähnliche Weise überprüft. Sieger wurde damals das Auswärtige Amt, welches dieses Mal nur auf einen besseren Mittelplatz kam. Der diesjährige Sieger BMZ kam 2006 abgeschlagen auf den letzten Platz.
</p>
<p>
Die gesamte Studie steht im Anhang dieses Textes als PDF-Download kostenlos zur Verfügung.</p>
]]></content:encoded>
					
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			</item>
		<item>
		<title>Doppelchat: Tag des Dialogs</title>
		<link>https://www.politik-digital.de/projekt/doppelchat-tag-des-dialogs-4124/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Friederike Günther]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 04 Nov 2008 16:41:04 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Projekt]]></category>
		<category><![CDATA[ProDialog]]></category>
		<category><![CDATA[Bundesfamilienministerium]]></category>
		<category><![CDATA[Projektvorstellung]]></category>
		<category><![CDATA[Bundesumweltministerium]]></category>
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		<category><![CDATA[Bundespolitik]]></category>
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		<category><![CDATA[Familienpolitik]]></category>
		<category><![CDATA[Energiepolitik]]></category>
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					<description><![CDATA[Am Tag des Dialogs am 11. November sind ab 11 Uhr zwei Vertreter aus Bundesministerien zu Gast im Chat der Initiative ProDialog. <a href="http://www.t88198792.de/chat/index.php?cid=196&#38;id=prodialog#" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Diskutieren Sie hier aktuelle Fragen der Bundespolitik!</a> ]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Am Tag des Dialogs am 11. November sind ab 11 Uhr zwei Vertreter aus Bundesministerien zu Gast im Chat der Initiative ProDialog. <a href="http://www.t88198792.de/chat/index.php?cid=196&amp;id=prodialog#" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Diskutieren Sie hier aktuelle Fragen der Bundespolitik!</a> <!--break--></p>
<p>
Wie können politische Inhalte besser vermittelt und drängende Fragen der Bürgerinnen und Bürger besser beantwortet werden? Um das herauszufinden, hat die Initiative ProDialog den Tag des Dialogs ins Leben gerufen. Am 11. November können Sie gleich zu zwei wichtigen Themen mitreden:
</p>
<p>
<b>Das sind die Gäste:</b>
</p>
<p>
11-12 Uhr: Franzjosef Schafhausen, Bundesumweltministerium zum Thema „Bleibt Energie bezahlbar? Explodierende Energiepreise als umweltpolitische Herausforderung“
</p>
<p>
12-13 Uhr: Dr. Thomas Metker, Bundesfamilienministerium zum Thema „Wem hilft was? Unterstützung und Mittelverteilung in der deutschen Familienpolitik“</p>
]]></content:encoded>
					
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			</item>
		<item>
		<title>&#034;Streik wird Druck auf Mehdorn erhöhen&#034;</title>
		<link>https://www.politik-digital.de/chattranscripte/streik-wird-druck-auf-mehdorn-erhoehen-2350/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Daniel Seifert]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 30 Jul 2007 23:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Chattranscripte]]></category>
		<category><![CDATA[Bundespolitik]]></category>
		<category><![CDATA[Gewerkschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Bahn]]></category>
		<category><![CDATA[Streik]]></category>
		<category><![CDATA[Claus Weselsky]]></category>
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					<description><![CDATA[<p class="teaser">
<span class="fett">Am Montag, 30. Juli, war Claus Weselsky, stellvertretender
</span><span class="fett">Bundesvorsitzender der Gewerkschaft Deutscher
Lokomotivführer (GDL) ,Gast im tagesschau-Chat in Kooperation
mit politik-digital.de. </span><span class="fett">Er sprach über
die Verhandlungsunwilligkeit von Bahn-Chef Mehdorn und ob bzw. wann
die GDL die Bahn lahmlegen will.</span>
</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p class="teaser">
<span class="fett">Am Montag, 30. Juli, war Claus Weselsky, stellvertretender<br />
</span><span class="fett">Bundesvorsitzender der Gewerkschaft Deutscher<br />
Lokomotivführer (GDL) ,Gast im tagesschau-Chat in Kooperation<br />
mit politik-digital.de. </span><span class="fett">Er sprach über<br />
die Verhandlungsunwilligkeit von Bahn-Chef Mehdorn und ob bzw. wann<br />
die GDL die Bahn lahmlegen will.</span>
</p>
<p><!--break--></p>
<p>
&nbsp;
</p>
<p>
<b><b>Moderatorin: </b></b>Herzlich willkommen<br />
im tagesschau-Chat. Wir begrüßen heute im ARD-Hauptstadtstudio<br />
Claus Weselsky. Er ist stellvertretender Bundesvorsitzender der<br />
Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL), die ihre Mitglieder<br />
gerade über weitere Tarifstreiks abstimmen lässt. Liebe<br />
User, nutzen Sie die Gelegenheit, ihre Fragen rund um die Bahn an<br />
unseren Experten zu richten. Herr Weselsky, können wir beginnen?<br />
<b><b><br />
Claus Weselsky: </b></b>Ja, das können wir.
</p>
<p align="center">
<img decoding="async" src="http://www.politik-digital.de/salon/photos/cweselsky85.jpg" alt="Claus Weselsky" height="120" width="85" /><br />
<i>Claus Weselsky</i><br />
<i>stellv. Bundesvorsitzender Gewerkschaft Dt. Lokomotivführer</i>
</p>
<p>
<b>jani: </b>Jetzt lesen wir schon seit Wochen von<br />
den unterbezahlten Lokführern, ohne je eine Summe zu erfahren.<br />
Was verdient ein Lokführer durchschnittlich und warum ist das<br />
verglichen mit anderen Berufen zu wenig?<b></p>
<p>Claus Weselsky: </b>Lokführer verdienen 1970 Euro Anfangsgehalt<br />
und nach spätestens sechs Jahren 2142 Euro brutto. Das bedeutet<br />
für einen Alleinstehenden in der Steuerklasse 1, 1450 Euro<br />
netto, wobei hier circa 150 Euro Zulagen und Zuschläge bereits<br />
eingerechnet sind. Nach unserer Auffassung widerspiegelt dieses<br />
Einkommen keinesfalls den verantwortungsvollen Beruf einerseits<br />
und die Arbeit im Schicht- und Wechseldienst andererseits. Wir gehen<br />
von einer 41-Stunden-Woche derzeit aus und unsere Kollegen haben<br />
Dienstbeginn zu jeder Tages- und Nachtzeit, auch über das Wochenende.<b></p>
<p>fritzmann: </b>Es würde mich doch interessieren wie die<br />
GDL Ihre überzogene Forderung von mindestens 31 Prozent &#8211; nach<br />
oben alles offen &#8211; erklärt. Die Begründung mit der Verantwortung<br />
und Wechseldienste et cetera sind für mich nicht ausreichend,<br />
da wohl jeder Beschäftigte bei der Bahn eine Verantwortung<br />
hat damit dieses Unternehmen funktioniert. Netto ausgezahlte 1500<br />
Euro plus Zulagen sind kein Hungerlohn sondern ein guter Verdienst.<b></p>
<p>Claus Weselsky: </b>Jeder andere bei der Bahn ist nach<br />
unserer Auffassung auch nicht adäquat vergütet. Wir sind<br />
der Überzeugung, dass die Lohnerhöhung von 4,5 Prozent,<br />
die für alle anderen Eisenbahner Gültigkeit haben, beim<br />
Lokführer oder Zugbegleiter 95 Euro brutto, 60 Euro netto Einkommenserhöhung<br />
bewirken. Das ist nach unserer Auffassung eine zusätzliche<br />
Tankfüllung im Monat, die nicht ausreichend ist, um die Aufwendungen<br />
des Klientels auszugleichen. Darüber hinaus ist die Arbeit<br />
des Fahrpersonals, also Lokführer und Zugbegleiter, eine sehr<br />
spezielle, die nach unserer Auffassung auch eine differenzierte<br />
Einkommensbetrachtung beinhalten muss. <br />
Es ist uns in der Vergangenheit nicht gelungen, im Benehmen mit<br />
den anderen Gewerkschaften bei der Bahn diese Spezialitäten<br />
umzusetzen, beziehungsweise das Einkommensniveau dieser beiden Berufsgruppen<br />
entsprechend der Anforderungen zu erhöhen<b>.</p>
<p>Walimba: </b>Warum sind die anderen Gewerkschaften auf<br />
das Bahn-Angebot eingegangen? Was unterscheidet Lokführer von<br />
Schaffnern?<b></p>
<p>Claus Weselsky: </b>Die anderen Gewerkschaften haben eine<br />
Forderung von sieben Prozent erhoben, nach einer intensiven Mitgliederbefragung<br />
und im Ergebnis 4,5 Prozent abgeschlossen, was die GDL als hervorragendes<br />
Ergebnis bewertet, weil damit 63 Prozent der Forderungshöhe<br />
im Abschluss erreicht worden ist. Die anderen Bahngewerkschaften<br />
haben den Tarifabschluss als Meilenstein in der Geschichte der Bahn<br />
bezeichnet, was wir akzeptieren, jedoch nicht als befriedigend in<br />
der Einkommenshöhe für das Fahrpersonal betrachten. Die<br />
GDL fordert auch für Zugbegleiter eine Einkommensverbesserung<br />
in ihrer Zielstellung auf 2180 Euro brutto und für Lokführer<br />
2500 Euro brutto als Einstiegsgehalt. Zugbegleiter und Servicemitarbeiter<br />
sind zwei weitere Beschäftigtengruppen, die wir in unsere Tarifforderungen<br />
eingebunden haben, weil sie von ihren Arbeitszeiten und ihrer Tätigkeit<br />
her dem Fahrpersonal zugerechnet werden. Sie sind wie Lokführer<br />
während ihrer Arbeitszeit auf dem Zug unterwegs, übernachten<br />
auswärts und verbringen somit noch einen hohen Anteil ihrer<br />
Freizeit nicht bei ihren Familien, sondern in Hotels irgendwo in<br />
der Republik.<b></p>
<p>kutscher: </b>Wie sehen sie das Verhältnis zur Transnet?<br />
Entbrennt da nicht ein &quot;Bruderkampf &quot;?<b></p>
<p>Claus Weselsky:</b> Bruderkampf kann nicht entbrennen, weil<br />
wir nicht verwandt sind. Die landläufige Meinung ist hier,<br />
dass Einigkeit stark macht und deshalb alle drei Gewerkschaften<br />
nur gemeinsam etwas erreichen können. Wir mussten im Laufe<br />
der Jahre erkennen, dass wir die Interessen des Fahrpersonals in<br />
einer gemeinsamen Tarifwelt nicht entsprechend vertreten beziehungsweise<br />
durchsetzen konnten. Im Jahre 2002 haben die anderen Bahngewerkschaften<br />
einen so genannten Ergänzungstarifvertrag unterzeichnet, der<br />
nur das Fahrpersonal negativ belasten sollte. Dabei sollten die<br />
KollegInnen bis zu 18 Schichten im Jahr ohne Entgeltausgleich mehr<br />
arbeiten.<br />
Wir haben dies erfolgreich verhindern können, die Ergänzungstarifverträge<br />
abgewehrt und seitdem kristallisiert sich heraus, dass sich gerade<br />
die Zugbegleiter immer mehr der GDL zuwenden, weil sie hier ihre<br />
Lobby sehen. Eine Interessenvertretung, die den speziellen Anforderungen<br />
Rechnung trägt. Dies führte im Ergebnis dazu, dass die<br />
GDL 2006 entschieden hat, einen eigenständigen Fahrpersonaltarifvertrag<br />
für diese drei Beschäftigtengruppen zu schaffen und ihn<br />
in der Tarifrunde 2007 im Verhandlungswege umzusetzen. Wären<br />
wir mit den anderen beiden Gewerkschaften nach wie vor in einem<br />
Boot, würde das Fahrpersonal diese 4,5 Prozent bereits als<br />
Abschluss haben und wir wären nicht in der Lage, zum Beispiel<br />
unsere Arbeitszeitkomponenten in diese Tarifrunde einzubringen,<br />
weil die beiden anderen Gewerkschaften sehr frühzeitig entschieden<br />
haben, eine ausschließliche Entgeltrunde in 2007 zu tarifieren.<b></p>
<p>Moderatorin: </b>Hier kommen zwei ähnliche Fragen:<b></p>
<p>BennyBeimer:</b> Bei uns in der Ecke fährt die Ostdeutsche<br />
Eisenbahn GmbH (ODEG). Mir ist nicht bekannt, dass die GDL hier<br />
auch 31 Prozent gefordert hätte. Ein Verwandter von mir ist<br />
dort Lokführer und verdient jetzt schon viel weniger als bei<br />
der Bahn. Spaltet die GDL jetzt auch ihre eigene Klientel in A-<br />
und B-Lokführer?<b></p>
<p>Schlafwagen1: </b>Hallo Herr Weselsky, warum bekommen wir Lokführer<br />
bei Veolia Verkehr deutlich weniger Geld als die Lokführer<br />
bei der Deutschen Bahn AG und warum fordern Sie nicht für uns<br />
31 Prozent, sondern nur für die Lokführer, die ohnehin<br />
viel mehr bekommen als wir?<b></p>
<p>Claus Weselsky:</b> Die GDL hat erst jetzt in der Tarifrunde<br />
2007 begonnen, auf Grund ihrer Mitgliederstärke einen Tarifvertrag<br />
mit dem Arbeitgeber ODEG einzufordern. Wir müssen leider feststellen,<br />
dass sowohl bei ODEG als auch bei Veolia Verkehr die Transnet bei<br />
der Entstehung beider Unternehmen Tarifverträge abgeschlossen<br />
hat, die 20 Prozent unter dem Niveau der Deutschen Bahn AG lagen.<br />
Erst mit Durchsetzung unserer Tarifmacht waren wir in der Lage,<br />
dieses Tarifniveau Stück für Stück anzuheben und<br />
dem der Deutschen Bahn AG anzugleichen. Wir müssen akzeptieren,<br />
das dies ein sehr langwieriger Prozess ist, begründet in der<br />
dramatischen Absenkung am Beginn dieser Tarifverträge. Wir<br />
gehen nicht davon aus, dass wir 31 Prozent bei der Deutschen Bahn<br />
AG abschließen, wollen allerdings auf dem Verhandlungswege<br />
eine signifikante Erhöhung der Einkommen erreichen. Im Nachgang<br />
wird die GDL auch bei allen anderen Wettbewerbern das Tarifniveau<br />
erneut anheben und dem des Branchenführers angleichen. Hier<br />
unterscheidet sich die Zielstellung unserer Gewerkschaft signifikant<br />
von der der Transnet, weil wir davon überzeugt sind, dass ein<br />
Branchenführer, der 80 Prozent des Eisenbahnverkehrs in Deutschland<br />
bewältigt, auch den Ton beim Tarifniveau angeben muss. Der<br />
andere Weg wäre, das Tarifniveau bei der Deutschen Bahn AG<br />
abzusenken und dem der Wettbewerber anzugleichen. Dies versucht<br />
die Deutsche Bahn AG uns seit längerem einzureden, was sicherlich<br />
aus Arbeitgebersicht auch verständlich ist. Wir jedoch sehen<br />
unseren Auftrag in der Verbesserung der Arbeits- und Einkommensbedingungen<br />
des Fahrpersonals und deshalb ist die Richtschnur unseres Handelns<br />
von einem Aufwärtstrend geprägt und nicht von einem ruinösen<br />
Lohndumping mit dem Ziel, den Marktwert für Lokführer<br />
und Zugbegleiter nach unten zu korrigieren<b>.</p>
<p>kohert: </b>Schneidet sich die GDL nicht in ihr eigenes Fleisch<br />
mit drastischen Lohnerhöhungswünschen? Vollautomatische<br />
Züge, also Züge ohne Lokführer, sind doch inzwischen<br />
nur noch ein Investitionsproblem. Nun würde die Investition<br />
sich noch schneller amortisieren, Lokführer würden kaum<br />
noch gebraucht. Wie gehen Sie mit dieser Situation um?<b></p>
<p>Claus Weselsky: </b>Erstens sind wir der Überzeugung,<br />
dass die Automatisierung von Zügen nur in kleinen, stark abgegrenzten<br />
Bereichen möglich ist. Darüber hinaus wird es auf Dauer<br />
auf dem Streckennetz der Bundesrepublik Deutschland Lokomotivführer<br />
geben, weil hier tatsächlich die Höhe der Investition<br />
in keinem Verhältnis zum Einsparungseffekt der Personalkosten<br />
steht. Wenn man weiß, dass die Personalkosten im Fahrbetrieb<br />
zwischen sieben und 13 Prozent zu den Gesamtkosten liegen, kann<br />
man nicht von einer signifikanten Größe der Einsparungen<br />
ausgehen, die diese Investition rechtfertigen würde. Außerdem<br />
haben wir festgestellt, dass in der Vergangenheit der Arbeitgeber<br />
immer dann Rationalisierungsmaßnahmen durchgeführt hat,<br />
wenn er der Auffassung war, dass es sich für ihn rechnet. Dabei<br />
haben wir in den vergangenen Jahren seit 1990 233.000 Arbeitsplätze<br />
bei den deutschen Bahnen abgebaut. Auch dieses Rationalisierungspotenzial<br />
ging zu Lasten von Lokomotivführern und Zugbegleitern. In dieser<br />
Zeit haben wir 21.000 Lokführer bei der Deutschen Bahn AG abgebaut.<br />
Dies wurde zum überwiegenden Teil durch Leistungsverdichtung,<br />
Optimierung der Umläufe und Dienstpläne geschaffen. Auch<br />
dies ist für uns ein Grund, das Einkommensniveau der Rationalisierung<br />
anzupassen, weil das Fahrpersonal wesentlich intensiver während<br />
ihrer Arbeitszeit in Anspruch genommen wird.<b></p>
<p>Svenne: </b>Die GDL sagt ja wohl eindeutig, dass ihre Forderungen<br />
dadurch finanziert werden sollen, dass die anderen Beschäftigten<br />
weniger kriegen. Das finde ich, auf Deutsch gesagt, Scheiße!<br />
<b></p>
<p>Claus Weselsky: </b>Dies sagt die GDL nicht. Ich verweise an<br />
der Stelle auf meine Aussagen am Beginn des Chats. Für uns<br />
ist der 4,5-prozentige Abschluss unantastbar, ohne das wir ihn akzeptieren<br />
und für das Klientel Fahrpersonal ein höheres Einkommen<br />
fordern. Bei einer Gewinnmarge von 2,5 Milliarden Euro brutto und<br />
1,3 Milliarden Euro bereinigtem Ergebnis, ist unsere feste Überzeugung,<br />
dass für das Fahrpersonal eine höhere Einkommensgewährung<br />
möglich ist. Darüber hinaus verweisen wir gern auf die<br />
in 2006 und 2007 stattgefundenen Einkommenserhöhungen im Bereich<br />
der Vorstandsgehälter und des Aufsichtsrates. Der Vorstand<br />
hat sich in 2006 eine Einkommenserhöhung von 62 Prozent gegönnt,<br />
der Aufsichtsrat sage und schreibe 288 Prozent höhere Vergütungen.<br />
Wir gehen davon aus, dass in diesem Licht unsere 31 Prozent, die<br />
wir auch nicht im Verhandlungswege umsetzen werden und wollen, nahezu<br />
bescheiden anmuten. Die Unternehmensgewinne in dieser Republik steigen<br />
enorm und wir sind der Überzeugung, dass für unser Klientel<br />
auch ein Stück Teilhabe dabei sein muss. Wenn die anderen Gewerkschaften<br />
überzeugt sind, dass ihre Mitglieder nur sieben Prozent wollten<br />
und mit 4,5 Prozent mehr als zufrieden sind, können wir diese<br />
Einschätzung keinesfalls teilen, weil unsere Tarifforderungen<br />
nicht in der Funktionärsebene entstanden sind, sondern auf<br />
den Forderungen unserer Mitglieder aufgebaut wurden. Insoweit möchten<br />
wir an dieser Stelle auch die Mär von einem Funktionärsstreit<br />
und einem Organisationsstreit mit anderen Gewerkschaften beerdigen,<br />
denn das was wir tun, ist schlicht und ergreifend der Wille unserer<br />
Mitglieder, dem wir unserer Satzung entsprechend Rechnung tragen.<b></p>
<p>Milzbrand: </b>Stichwort Streik: Was hat die Urabstimmung<br />
über Ja oder Nein bislang ergeben? Ist die 75-Prozent-Hürde<br />
schon übersprungen?<b></p>
<p>Claus Weselsky: </b>Wir haben erst am Donnerstag vorige<br />
Woche die Schreiben an unsere Mitglieder versandt, welche dann am<br />
Freitag oder am Samstag sicherlich in deren Post angekommen sind.<br />
Deshalb ist es derzeit zu früh, am ersten Tage des Rücklaufes.<br />
Hier gesicherte Zahlen herauszugeben wäre schlichtweg unseriös.<br />
Wir erwarten jedoch im Rücklauf eine deutliche Überschreitung<br />
der 75 Prozent. Der Rücklauf der Urabstimmung wird am 3. August<br />
abgeschlossen, am 6. August haben wir ausgezählt und werden<br />
das Ergebnis der Öffentlichkeit mitteilen.<b></p>
<p>MBudnik: </b>Mal eine ganz praktische Frage. Wann ist eigentlich<br />
mit den ersten Streiks zu rechnen?<b></p>
<p>Claus Weselsky: </b>Wir werden nach der Auszählung der<br />
Urabstimmung im Hause GDL in Frankfurt unsere Strategie festlegen.<br />
Die Öffentlichkeit wird mindestens 24 Stunden vor jeder Aktion<br />
von uns über die Medien informiert, auch wenn wir als Gewerkschaft<br />
dadurch einen strategischen Nachteil haben, denn der Arbeitgeber<br />
nutzt die lange Vorlaufzeit, um hier bestimmte Züge mit Lokführern<br />
und Zugbegleitern zu besetzen, die sich im Beamtenstatus befinden<br />
und nicht streiken dürfen beziehungsweise, die den anderen<br />
Bahngewerkschaften angehören. Man kann davon ausgehen, dass<br />
in der Woche nach dem 6. August mit Streikaktionen zu rechnen ist<br />
&#8211; unter der Voraussetzung, dass die Urabstimmung ein deutliches<br />
Votum für diese Arbeitskämpfe hergibt. Wir sind bestrebt,<br />
diese Arbeitskampfmaßnahmen, soweit es möglich ist, nicht<br />
auf dem Rücken der Reisenden auszutragen &#8211; dabei sind uns jedoch<br />
natürlich Grenzen gesetzt. Wenn dieser Arbeitgeber nicht bereit<br />
ist &#8211; was er jederzeit könnte &#8211; mit uns über den eigenständigen<br />
Tarifvertrag und entsprechende Einkommens- und Arbeitszeitverbesserungen<br />
zu verhandeln, wird es uns jedoch nicht gelingen, die Reisenden<br />
aus diesem Arbeitskampf herauszuhalten. Wir möchten an dieser<br />
Stelle ganz deutlich herausstellen, dass es der Arbeitgeber in der<br />
Hand hat, diese Arbeitskampfmaßnahmen abzuwenden. Für<br />
uns ist es das letzte Mittel, was uns zur Verfügung steht,<br />
mit dem wir sehr sorgsam umgehen werden. Für den Arbeitgeber<br />
bedeutet es nichts anderes als auf unsere Forderungen einzugehen,<br />
mit uns über den eigenständigen Tarifvertrag zu verhandeln.<br />
Wer hier nur Nein sagt, muss auch die volle Verantwortung für<br />
das übernehmen, was nach der Urabstimmung folgt. Unsere Forderungen<br />
jedenfalls sind weder rechtswidrig noch unverschämt, denn wir<br />
haben zu jeder Zeit erkennen lassen, dass unser Tarifabschluss eben<br />
nicht bei 31 Prozent liegen wird. Wenn wir jedoch vom Arbeitgeber<br />
keine Verhandlungen angeboten bekommen, sind wir auch außer<br />
Stande, diese Tarifforderungen im Wege der Verhandlung auf ein vernünftiges<br />
Maß zu reduzieren.<b></p>
<p>Schopf: </b>Was machen Sie, wenn Sie trotz wochenlangem Streik<br />
die Forderung nicht bekommen?<b></p>
<p>Claus Weselsky: </b>Man ist erst am Ende des Prozesses weiser<br />
als am Beginn. Wir gehen davon aus, dass sich der Druck auf den<br />
Arbeitgeber, auf Herrn Mehdorn, im Falle unserer Streikmaßnahmen<br />
enorm erhöhen wird. Der Arbeitskampf ist ein legales Mittel,<br />
tarifliche Ziele zu verfolgen und sie durchzusetzen. Der Druck sowohl<br />
aus der Wirtschaft als auch vom Eigentümer Bund wird sich nicht<br />
gegen die GDL richten, sondern gegen den Arbeitgeber, der seine<br />
starre Haltung mit nichts begründen kann, außer dass<br />
er nicht will.<b></p>
<p>Moderatorin: </b>Themenwechsel:<b></p>
<p>hert: </b>Sehen Sie Vorteile für Lokführer durch<br />
die Privatisierung? Oder sind sie akut dagegen?<b></p>
<p>Claus Weselsky:</b> Wir sehen derzeit die Bahn als nicht börsenfähig.<br />
Darüber hinaus sind wir der Überzeugung, dass im Falle<br />
der Kapitalprivatisierung das Netz ohne Einschränkung beim<br />
Eigentümer Bund zu bleiben hat. Die Privatisierung fand ja<br />
bereits 1994 statt und hat uns einen enormen Arbeitsplatzabbau gebracht.<br />
Nach unserer Einschätzung wird die nunmehr bevorstehende Kapitalprivatisierung<br />
den Rationalisierungsdruck erhöhen, weil Investoren immer auf<br />
ihre Rendite bedacht sind und mit diesem Unternehmen Gewinne erzielen<br />
wollen. Dabei &#8211; dessen sind wir uns sicher &#8211; wird sich der Druck<br />
auf die Arbeitnehmer nochmals erhöhen und die Lohnabschlüsse<br />
der Zukunft könnten entsprechend bescheidender ausfallen. Eine<br />
Gewerkschaft ist nach unserer Einschätzung an keiner Stelle<br />
daran interessiert, das Unternehmen oder nur Teile von Unternehmen<br />
an strategische Investoren zu veräußern. Es gibt genügend<br />
Beispiele in der deutschen Wirtschaft, die aufzeigen, welche Folgen<br />
das hat. Insoweit kritisieren wir auch die Position der anderen<br />
Bahngewerkschaften, welche die Kapitalprivatisierung gutheißen<br />
und damit auch den ansteigenden Druck auf die Arbeitnehmer akzeptieren.<b></p>
<p>kutscher: </b>Bekommen wir bei einer Privatisierung nicht so<br />
schlimme Verhältnisse wie in England? Dort ist doch das ganze<br />
Schienennetz marode.
</p>
<p>
<b>Claus Weselsky:</b> England dient dem Grunde nach<br />
nicht als Vergleich, weil hier als absoluter Fehler bei der Privatisierung<br />
auch das Schienennetz an private Investoren veräußert<br />
wurde. Genau das will die GDL keinesfalls, denn in England haben<br />
die Privatinvestoren keinerlei Unterhaltungsinvestitionen mehr getätigt,<br />
sondern nur die Gewinne aus dem Netz gezogen, um anschließend<br />
das marode Netz wieder dem Eigentümer Staat zur Verfügung<br />
zu stellen, der nun Milliarden investieren muss, um den Eisenbahnverkehr<br />
wieder sicher zu machen. Nach unserer Einschätzung sollte das<br />
über Jahrzehnte gewachsene Volksvermögen nicht genau in<br />
dem Moment an private Kapitalgeber verschleudert werden, in dem<br />
das Unternehmen beginnt, Gewinne abzuwerfen. Milliarden an Steuergeldern<br />
wurden investiert, um das Unternehmen und den Eisenbahnverkehr in<br />
Deutschland in einen hervorragenden Zustand zu versetzen. Man kann<br />
dies mit einem kurzen Satz darlegen, der lautet: Verluste werden<br />
sozialisiert und mit Steuergeldern finanziert, Gewinne werden privatisiert,<br />
so dass strategische Investoren zukünftig Einnahmen aus diesem<br />
Unternehmen generieren können, das von den Steuergeldern erst<br />
lebensfähig gemacht wurde. Für uns ist an dieser Stelle<br />
auch die politische Zielrichtung nicht nachvollziehbar, dass, um<br />
Geld zu beschaffen, Teile des Unternehmens verkauft werden müssen<br />
und der Bund sich mit einer geringen Summe des Erlöses abspeisen<br />
lässt, während anschließend Milliardensummen in<br />
die Taschen privater Investoren fließen werden.</p>
<p><b>Moe83:</b> Haben sie mit den Bedenken nicht einfach<br />
nur Angst, dass Besitzstände wegfallen und es neue Konkurrenz<br />
für die Bahn gibt, das heißt, einen Druck auf die Kosten,<br />
was sie treffen würde? Sie wollen doch damit eine Sonderstellung<br />
behalten, die kaum jemand in der Industrie hat.</p>
<p><b>Claus Weselsky:</b> Die GDL hat keine Angst vor der<br />
Privatisierung, weil wir entgegen dem allgemeinen Trend innerhalb<br />
der Deutschen Bahn AG eben nicht nur 20 bis 22 Prozent gewerkschaftlich<br />
organisierte Mitglieder haben, sondern aufgrund unserer Mitgliedernähe<br />
und spezifischen Tarifpolitik weit über 75 Prozent aller Lokführer<br />
bei der Deutschen Bahn AG organisieren. Wir sehen uns an dieser<br />
Stelle sehr gut gerüstet, was die Durchsetzung der Mitgliederinteressen<br />
betrifft und haben weder Angst vor diesem Arbeitgeber mit dem 100-prozentigem<br />
Eigentümer Bund oder den Investoreninteressen. Nach unserer<br />
Überzeugung liegt die entscheidende Komponente in der Mitgliedernähe,<br />
der spezifischen Interessenvertretung und damit einhergehend in<br />
einem hohen Organisationsgrad beim Fahrpersonal der DB AG.</p>
<p><b>MBudnik:</b> Kann die GDL sich eine Beteiligung an<br />
der Bahn vorstellen?
</p>
<p>
<b>Claus Weselsky:</b> Auch darüber kann man nachdenken.<br />
Es ist zunehmend festzustellen, dass auch von Seiten der Politik<br />
die so genannte Mitarbeiterbeteiligung immer mehr in den Vordergrund<br />
gestellt wird. Aus unserer Sicht hat solch eine &quot;Volksaktie&quot;<br />
jedoch nur Wert, wenn die Mitarbeiter auch tatsächlich die<br />
Geschicke des Unternehmens beeinflussen können und darüber<br />
hinaus ihre Anlagen auch tatsächlich als sicher eingestuft<br />
werden können. Denn die GDL verwendet nicht eigenes Geld, sondern<br />
es handelt sich immer um Mitgliederbeiträge, mit denen wir<br />
sehr sorgsam umzugehen haben. An dieser Stelle verweisen wir auf<br />
die Entwicklung bei Enron. In diesem Unternehmen war die gesamte<br />
betriebliche Altersvorsorge der Beschäftigten in Aktien entstanden.<br />
Es standen Millionenwerte zu Buche, die über Nacht verschwunden<br />
sind, weil der Vorstand mit Rosstäuschertricks und Bilanzfälschung<br />
gearbeitet hat. Wir können uns deshalb eine Beteiligung an<br />
der Deutschen Bahn AG nur vorstellen, wenn vom Gesetzgeber die entsprechenden<br />
Rahmenbedingungen geschaffen werden, die das Anlagevermögen<br />
der Mitarbeiter und unserer Gewerkschaft entsprechend schützen.<br />
Moderatorin: Hier zum Schluss noch ein paar Sympathiebekundungen:</p>
<p><b>Leipzig3000:</b> Lieber Herr Weselsky, ich bin nur<br />
zufällig auf diesen Chat aufmerksam geworden. Nun nutze ich<br />
gleich die Gelegenheit, Ihnen Mut zu machen. Sie kämpfen für<br />
eine gute Sache! Ein Lokführer, der verantwortlich für<br />
hunderte Menschenleben oder Millionenwerte ist, sollte auch verantwortungsgerecht<br />
bezahlt werden. Über einen Streik wäre ich zwar verärgert,<br />
würde ihn aber in Kauf nehmen. Viel Glück!</p>
<p><b>Toneli:</b> Der Streik ist voll berechtigt. Die Bahn<br />
soll Geld für gerechte Entlohnung einsetzen, statt den Aktionären,<br />
die NICHTS tun, hinzuschmeißen.</p>
<p><b>lok57:</b> Lokführer sind total unterbezahlt!<br />
Macht mal richtig Dampf!</p>
<p><b>Claus Weselsky:</b> Wir bedanken uns ausdrücklich<br />
an dieser Stelle für die große Sympathie und Akzeptanz<br />
unserer Tarifpolitik. Wir versprechen, unser Möglichstes zu<br />
tun, die Reisenden zu schonen, um einerseits die hohen Sympathiewerte<br />
zu erhalten und andererseits auch zu dokumentieren, dass wir mit<br />
unserer Tarifmacht, die nun einmal beim Fahrpersonal wesentlich<br />
größer ist als beim Büroangestellten, auch sehr<br />
sorgsam umgehen. Es liegt nicht in unserem Interesse, Arbeitskämpfe<br />
zu führen, sondern wir wollen auf dem Verhandlungswege Ergebnisse<br />
erzielen. Wir bedanken uns recht herzlich für die rege Teilnahme<br />
und die Möglichkeit, in diesem modernen Medium unser Tun zu<br />
begründen und auch zu rechtfertigen.</p>
<p><b>Moderatorin:</b> Das war unser tagesschau-Chat bei<br />
tagesschau.de und politik-digital.de. Vielen Dank für Ihr Interesse<br />
und vielen Dank an Herrn Weselsky. Das Protokoll des Chats ist in<br />
Kürze zum Nachlesen auf den Seiten von tagesschau.de und politik-digital.de<br />
zu finden. Das tagesschau-Chat-Team wünscht noch einen schönen<br />
Tag!</p>
]]></content:encoded>
					
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			</item>
		<item>
		<title>Schulen bereiten schlecht auf Arbeit vor</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Daniel Seifert]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 25 Jul 2007 23:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Chattranscripte]]></category>
		<category><![CDATA[Ausbildung]]></category>
		<category><![CDATA[Fachkräftemangel]]></category>
		<category><![CDATA[Ausbildungsplatz]]></category>
		<category><![CDATA[Martin Wansleben]]></category>
		<category><![CDATA[Bildungspolitik]]></category>
		<category><![CDATA[Bundespolitik]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>
<b><span class="fett">Am Donnerstag, 26. Juli, war Dr. Martin Wansleben,
der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertags
(DIHK), zu Gast im tagesschau-Chat in Kooperation mit politik-digital.de.
Er sprach über die Ausbildungsplatzsituation in Deutschland,
Anforderungen der Arbeitswelt und Ursachen des Fachkräftemangels.</span></b>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>
<b><span class="fett">Am Donnerstag, 26. Juli, war Dr. Martin Wansleben,<br />
der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertags<br />
(DIHK), zu Gast im tagesschau-Chat in Kooperation mit politik-digital.de.<br />
Er sprach über die Ausbildungsplatzsituation in Deutschland,<br />
Anforderungen der Arbeitswelt und Ursachen des Fachkräftemangels.</span></b><!--break-->
</p>
<p>
<b><b><b><b>Moderator:</b></b></b><br />
</b> Herzlich willkommen im tagesschau-Chat. Heute ist Dr.<br />
Martin Wansleben zu uns ins ARD-Hauptstadtstudio gekommen. Er ist<br />
Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertags.<br />
Dieser beklagt Fachkräfte- und Nachwuchsmangel für die<br />
deutsche Wirtschaft. Gleichzeitig werden wieder tausende Jugendliche<br />
in diesem Jahr keine Lehrstelle finden. Liebe User, nutzen Sie die<br />
Gelegenheit, mit unserem Experten darüber zu diskutieren.
</p>
<p>
<b>Steffen_1:</b> Was halten sie von einem Grundrecht<br />
auf Ausbildung?
</p>
<p align="center">
<img decoding="async" src="http://www.politik-digital.de/salon/photos/mwansleben85x.jpg" alt="Martin Wansleben" height="120" width="85" /><br />
<i>Dr. Martin Wansleben</i><br />
<i>Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und<br />
Handelskammertags</i>
</p>
<p>
<b> Martin Wansleben:<span class="normal"> </span></b><span class="normal">Ausbildung<br />
setzt immer voraus, dass sich diejenigen, die ausgebildet werden<br />
wollen und sollen, auch selbst engagieren. Ein Grundrecht auf Ausbildung<br />
würde allzu sehr eine Scheinwelt vorgaukeln. Wir setzen uns<br />
deshalb sehr dafür ein, dass jeder, der kann und will, eine<br />
Chance auf Ausbildung erhält. Das ist auch die Kernverpflichtung<br />
im Ausbildungspakt. Haben Sie selbst konkrete Ausbildungsprobleme,<br />
bei denen wir Ihnen helfen können? Bitte melden Sie sich dann.<br />
</span>
</p>
<p>
<b>F_Dreimann:</b> Was können Schulen und Unternehmen<br />
konkret unternehmen, um Schüler wieder mehr für Fach-<br />
und Ausbildungsberufe zu begeistern?
</p>
<p>
<b>Martin Wansleben:<span class="normal"> </span></b>Vielfach<br />
hat Schule das Problem, dass Fächer sehr theoretisch behandelt<br />
werden. Wichtig ist deshalb, im Unterricht auch schwierige theoretische<br />
Fragen anhand ganz praktischer Beispiele zu erklären. Hier<br />
können Unternehmen zusätzlich helfen: durch Mitarbeiterinnen<br />
und Mitarbeiter, die in die Klassen gehen, durch Unterrichtsstunden<br />
im Unternehmen und/oder durch Betriebspraktika. Im Rahmen der Aktion<br />
&quot;Schule und Wirtschaft&quot; geschieht hier eine Fülle.<br />
Wenn Ihre Schule noch keinen konkreten Unternehmenskontakt hat,<br />
wenden Sie sich bitte unter Bezug auf diesen Internetchat an Ihre<br />
regionale <a href="http://www.ihk.de/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">IHK</a>.
</p>
<p>
<b>luiseambaum:</b> Sollten die Unternehmen Ihrer Meinung<br />
nach mehr in die Lehrplanung an den Haupt- und Realschulen einbezogen<br />
werden? Gibt es Unternehmer, die daran Interesse hätten?
</p>
<p>
<b>Martin Wansleben:</b> Sie treffen den Nagel auf den<br />
Kopf! Die Brücke zwischen Schule und Unternehmen ist entscheidend.<br />
Es gibt viele Unternehmen, die daran Interesse haben. Auch immer<br />
mehr Schulen öffnen sich für die Kooperation mit Unternehmen,<br />
aber diese Zusammenarbeit bezieht sich wohl eher auf die konkrete<br />
Ausgestaltung von Unterricht und weniger auf die Gestaltung von<br />
Lehrplänen. Hier ist zuallererst die Kultusverwaltung gefordert.<br />
Wir werben allerdings sehr dafür, sowohl bei Unternehmen, als<br />
auch bei Schulen. Auch wenn es schon viele Kontakte gibt, kann und<br />
sollte da noch einiges geschehen.
</p>
<p>
<b>Moderatorin:</b> Hier kommen zwei Fragen die<br />
in die gleiche Richtung zielen:
</p>
<p>
<b>Prome:</b> Spielt das Kriterium „Zeugnis“<br />
immer noch eine so prägende Schlüsselrolle ?
</p>
<p>
<b>Starek:</b> Warum verlangen Firmen einen immer<br />
höheren Abschluss für eine „minderwertigere Arbeit“<br />
(Bezug auf Abschluss)? Eine zu große Auswahl? Zu schlechte<br />
Erfahrungen?
</p>
<p>
<b>Martin Wansleben:</b> Das Zeugnis ist nun mal<br />
der einzige Leistungsnachweis, der da ist. Häufig macht man<br />
allerdings die Erfahrung, dass ein Zeugnis den Menschen nicht wirklich<br />
gerecht wird. Im Rahmen des Ausbildungspaktes hat die Wirtschaft<br />
deshalb die so genannten Einstiegsqualifizierungen eingeführt.<br />
Sie helfen auch Schülerinnen und Schülern mit schlechteren<br />
Zeugnissen durch Bewährung in der betrieblichen Praxis, den<br />
Einstieg in die betriebliche Ausbildung zu finden. Wissenschaftliche<br />
Studien zeigen, dass wir hier eine Übernahmequote von knapp<br />
70 Prozent erreichen. <br />
Und an Starek: Je teurer wir sind, desto besser müssen wir<br />
sein. Oder andersherum: Unseren relativ hohen Lebensstandard können<br />
wir in Deutschland und auf den Märkten der Welt nur durch bessere<br />
Produkte und Leistungen verdienen. Das ist der Grund, warum wir<br />
alle stets danach trachten und trachten müssen, besser zu werden.<br />
Das setzt auch die Unternehmen im Wettbewerb gehörig unter<br />
Druck. Am Ende gilt aber auch: Wenn man zu hohe Qualifikationen<br />
fordert, frustriert man Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit zu<br />
leichter Arbeit.
</p>
<p>
<b>Heinz21:</b> Wieso werden Auszubildende zunehmend<br />
als billigste Arbeitskräfte missbraucht und an anderer Stelle<br />
kommen dann die Klagen über einen angeblichen Fachkräftemangel?
</p>
<p>
<b>Martin Wansleben:</b> Die Wirtschaft hat im Rahmen<br />
des Ausbildungspaktes seit 2004 trotz miserabler Konjunktur und<br />
sinkender Beschäftigung die Anzahl der Ausbildungsplätze<br />
erhöht. Ein Großteil des Fachkräftemangels ist auch<br />
darauf zurück zu führen, dass wir zu wenig Hochschulabsolventen<br />
im Bereich der Ingenieur- und Naturwissenschaften haben. Hier muss<br />
noch viel geschehen &#8211; betriebliche Ausbildung soll im betrieblichen<br />
Alltag stattfinden. Das ist ihre spezifische Qualität. Missbrauch<br />
sollte nicht stattfinden. Wenn Sie diesbezüglich Beschwerden<br />
haben, wenden Sie sich bitte an den Ausbildungsberater Ihrer regionalen<br />
IHK.
</p>
<p>
<b>florentine:</b> In welchen Ausbildungsbereichen<br />
gibt es denn die größten Defizite an Bewerbern? Wo hingegen<br />
kann die Nachfrage der Unternehmen mit ausreichend geeigneten Kandidaten<br />
befriedigt werden?
</p>
<p>
<b>Martin Wansleben:</b> Probleme haben insbesondere<br />
die Unternehmen, die in sehr anspruchsvollen Ausbildungsberufen<br />
ausbilden, zum Beispiel im IT- und Medienbereich. Aber auch in Berufen<br />
wie den Mechatronikern und den Industriekaufleuten. Auf der anderen<br />
Seite gibt es aber auch Ausbildungsplätze, bei denen das Ausbildungsniveau<br />
weniger hoch ist und die dennoch frei bleiben, wie zum Beispiel<br />
im Nahrungsmittelhandwerk, Metzger, Bäcker et cetera.
</p>
<p>
<b>Moderatorin:</b> Warum bleiben diese frei?
</p>
<p>
<b>Martin Wansleben:</b> Offensichtlich finden Jugendliche<br />
diese Berufe zu wenig attraktiv, zum Beispiel wegen Arbeitszeiten<br />
oder Arbeitsbedingungen. Immer mehr wollen „Weiße-Kragen-Berufe“<br />
und nicht den „Blaumann“. Ich empfehle deshalb dringend<br />
zu mehr Flexibilität, zu weniger Vorurteilen. Wichtig ist zunächst<br />
einmal der Einstieg in die konkrete Ausbildung. Eine Ausbildung<br />
erleichtert es allemal, seinen Weg im Arbeitsleben zu finden.
</p>
<p>
<b>Moderatorin:</b> Noch einmal zwei ähnliches Fragen:
</p>
<p>
<b>Herr Gonzo:</b> Kann man denn mit nur einer Ausbildung<br />
überhaupt noch Karriere machen? Unternehmen stellen doch nur<br />
noch High Potentials ein. Zum Teil kommt man doch nicht mal mehr<br />
mit Abitur und/oder Studium weit?
</p>
<p>
<b>Prakti:</b> Kann man nicht Angestellte ohne Hochschulabschluss<br />
noch offensiver nachschulen, so dass sie Positionen von Akademikern<br />
übernehmen können?
</p>
<p>
<b>Martin Wansleben:</b> Die betriebliche Ausbildung<br />
oder das Hochschulstudium können immer nur der Einstieg ins<br />
Berufsleben sein. Entscheidend für das Weiterkommen sind das<br />
Engagement des Einzelnen und seine Bereitschaft und Fähigkeit<br />
ständig, ob im Rahmen von Weiterbildungen oder im betrieblichen<br />
Alltag, hinzu zu lernen. Keine Ausbildung gibt einem heute die Garantie<br />
für Karriere. Umgekehrt gilt allerdings auch: Wer gut ist,<br />
findet seinen Weg, ob in der jetzigen Firma oder woanders. Der DIHK<br />
setzt sich sehr dafür ein, dass diejenigen, die eine betriebliche<br />
Ausbildung durchlaufen haben, bei entsprechender Eignung nachher<br />
auch studieren können oder zum Beispiel über entsprechende<br />
Weiterbildungskurse den Titel „Bachelor Professional“<br />
erhalten.
</p>
<p>
<b>KTG:</b> Die Berufsinformation auf meinem Gymnasium<br />
lässt ziemlich zu wünschen übrig. Vor allem bekommen<br />
wir wenige Infos über Ausbildungsjobs, alles konzentriert sich<br />
aufs Studium. Sollte sich hier nicht was ändern?
</p>
<p>
<b>Martin Wansleben:</b> Meine drei Söhne haben<br />
leider dieselben Erfahrungen gemacht.<br />
Mein Rat: bei der regionalen IHK oder auch bei der <a href="http://www.arbeitsagentur.de/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Bundesagentur<br />
für Arbeit</a> finden Sie eine Fülle von Erstinformationen.<br />
Für alle weitergehenden Fragen stehen die dortigen Berater<br />
gerne zur Verfügung.
</p>
<p>
<b>needajob:</b> Welche Qualifikationen fehlen den erfolglosen<br />
Bewerbern auf eine Ausbildung am häufigsten? Könnte unser<br />
Schulsystem diese in seiner gegenwärtigen Form vermitteln oder<br />
halten sie eine neue Bildungsreform für zwingend nötig?
</p>
<p>
<b>Martin Wansleben:</b> Die Frage triff voll ins Schwarze.<br />
Die Eltern müssen sich mehr um die Bildung der Kinder kümmern.<br />
Wir brauchen bessere Kindergärten. Wir brauchen bessere Schulen.<br />
Wir brauchen aber auch Jugendliche, die wissen: Ohne Fleiß<br />
kein Preis! Bezüglich der von den Unternehmen festgestellten<br />
Defizite machen wir regelmäßig Umfragen. Die Unternehmen<br />
sehen Defizite beim mündlichen und schriftlichen Ausdrucksvermögen<br />
und den elementaren Rechenfertigkeiten. Hier sind in der Tat die<br />
Schulen gefragt. Leider gibt es aber auch immer wieder viel zu viele<br />
Jugendliche, die nicht so gerne aufstehen, und die bestimmte Berührungsängste<br />
haben mit der Regelmäßigkeit des betrieblichen Alltags.
</p>
<p>
<b>Moderatorin:</b> Früher war alles besser?
</p>
<p>
<b>Martin Wansleben:</b> Ein tolles Lied von den Wise<br />
Guys, das alles auf den Punkt bringt!
</p>
<p>
<b>Hape_2:</b> Halten Sie deutsche Jugendliche für<br />
zu unflexibel im europäischen Vergleich?
</p>
<p>
<b>Martin Wansleben:</b> In der Regel sind trotz aller<br />
bekannter Mängel die meisten deutschen Schulen besser als in<br />
vielen anderen europäischen Ländern. Die Ausgangssituation<br />
für deutsche Jugendliche ist also gar nicht so schlecht und<br />
alle Statistiken zeigen, dass Jugendliche mit abgeschlossener betrieblicher<br />
Ausbildung (Lehre) bessere Chancen haben, als die Jugendlichen in<br />
den meisten europäischen Nachbarländern. Gerade aber in<br />
den kleineren, so genannten Reformstaaten, also in den baltischen<br />
Staaten, Ungarn, Tschechien, Slowakei et cetera, wissen die Jugendlichen<br />
sehr unmittelbar, dass sie sich zusätzlich anstrengen müssen.<br />
Wenn man das sieht, wird deutlich, dass sich auch bei uns manch<br />
eine/r mehr anstrengen könnte.
</p>
<p>
<b>die jugend von heute:</b> Woher kommt das denn, das<br />
Jugendliche mit der Arbeitswelt „Berührungsängste“<br />
haben? Wer hat hier versagt?
</p>
<p>
<b>Martin Wansleben:</b> Die Arbeitswelt steht nun mal<br />
für den „Ernst des Lebens“. Diese Arbeitswelt kommt<br />
zudem zu wenig in der Schule vor und ist zu sehr unbekannt. Außerdem<br />
gibt es viel zu viele Erwachsene, die glauben, es wäre richtig,<br />
über ihre Arbeit zu schimpfen. So kommt schon mal die Zuversicht<br />
für die Kinder zu kurz. Mein Rat: Nicht bange machen lassen!<br />
Nach der Schule war für mich das Leben einfacher!
</p>
<p>
<b>die jugend von heute:</b> Aber das war doch früher<br />
nicht wirklich anders? Oder meinen Sie, dass früher das Leben<br />
allgemein härter war und die Jugendlichen einen harten Alltag<br />
also schon gewöhnt waren?
</p>
<p>
<b>Martin Wansleben:</b> Hören Sie sich bitte den<br />
Song von den Wise Guys an. Da wird alles beantwortet: Nur nicht<br />
den Sprüchen auf den Leim gehen, dass früher alles besser<br />
war. Übrigens waren wir in Deutschland noch nie so reich wie<br />
jetzt, hatten noch nie so gute Autos, konnten noch nie so komfortabel<br />
Reisen et cetera. Und das kann ja wohl nicht zustande kommen, wenn<br />
wir schlechter wären oder schlechter arbeiten.
</p>
<p>
<b>KTG:</b> Nach Pisa und einigen anderen Studien ist<br />
in Deutschland die soziale Kluft zwischen armen und reichen Schülern,<br />
also auch bei denen, die sich später um Ausbildungsplätze<br />
bewerben, sehr hoch. Bessere Chancen haben Schüler aus besseren<br />
Familien. Wie könnten Politik und Wirtschaft hier gegensteuern?
</p>
<p>
<b>Martin Wansleben:</b> Das Hauptthema ist die<br />
Frage der Betreuung der Kinder durch die Familien. Da wir anders<br />
als zum Beispiel in Skandinavien oder Frankreich für Kleinkinder<br />
weniger Institutionen haben wie Kindergärten, Horte, Krippen<br />
et cetera, ist die individuelle Situation in der Familie schicksalsbestimmender.<br />
Deshalb müssen sich die Eltern mehr anstrengen und deshalb<br />
brauchen wir eine bessere zusätzliche Kinderbetreuung. Dafür<br />
setzt sich der DIHK sehr ein. Mit Kinderbetreuung darf dabei nicht<br />
nur gemeint sein, die Kinder bloß zu verwahren. Wichtig ist,<br />
die Kinder sehr frühzeitig zu fördern.
</p>
<p>
<b>hauke07:</b> Welche Programme unterhält denn<br />
die IHK, um Jugendlichen, die keine Ausbildungsstelle bekommen,<br />
zu helfen?
</p>
<p>
<b>Martin Wansleben:</b> Allen Jugendlichen, die<br />
bis Ende September noch keine Lehrstelle gefunden haben, werden<br />
von den IHKs und den Arbeitsagenturen zu einer gemeinsamen Nachvermittlung<br />
eingeladen. Diese gibt es flächendeckend in ganz Deutschland.<br />
In den letzten Jahren ist es fast vollständige gelungen, jedem<br />
der dort erschienenen Jugendlichen ein Angebot zu machen. Leider<br />
nehmen nur rund 60 Prozent der Eingeladenen diese Chance wahr. In<br />
Berlin waren es im letzten Jahr sogar nur ein Drittel.
</p>
<p>
<b>theObserver:</b> Wenn Sie Fachkräftemangel beklagen<br />
&#8211; warum engagieren sie sich dann nicht stärker in der Förderung<br />
von Studenten/Azubis in den fehlenden Bereichen? Wie wäre es<br />
mit Stipendien für Ingenieur-Studenten?
</p>
<p>
<b>Martin Wansleben:</b> Immer mehr Unternehmen suchen<br />
gerade den Kontakt zu Ingenieur-Studenten. Nicht wenige bieten sogar<br />
die finanzielle Unterstützung, dann allerdings gegen konkrete<br />
Leistungsverpflichtungen. Und die Verpflichtung, nachher auch im<br />
Unternehmen zu arbeiten. <br />
Außerdem wird das Angebot an dualen Studiengängen (Berufsakademien)<br />
immer umfassender. Hier erhalten die Studenten analog zur Ausbildungsvergütung<br />
sogar regelmäßig ihr Geld.
</p>
<p>
<b>SunshineReggae:</b> Sie haben den Pläne<br />
des Arbeitsministeriums begrüßt, den deutschen Arbeitsmarkt<br />
für EU-Bürger bereits vor 2009 zu öffnen. Was planen<br />
Sie zu tun, damit dieses Thema nicht im Sand verläuft?
</p>
<p>
<b>Martin Wansleben:</b> Sie können sicher<br />
sein: Wir bleiben dran! Die Pläne der Bundesregierung sind<br />
bereits eine erste Antwort auf unser Drängen &#8211; aber auch auf<br />
die Daten und Fakten, die wir liefern.<br />
Angesichts der positiven Erfahrungen vieler unserer Nachbarn und<br />
angesichts unserer demographischen Situation gibt es zu offenen<br />
Grenzen für Fach- und Führungskräfte aus aller Welt<br />
keine Alternative.
</p>
<p>
<b>hert:</b> Mit welchen Zahlen würden sie den Mangel<br />
an Fachkräften aktuell beziffern? Ist dieser Bereich akut kritisch<br />
zu bewerten? Warum?
</p>
<p>
<b>Martin Wansleben:</b> Die Anzahl der Arbeitsplätze<br />
ist nicht fix. Je schneller wir die Fachkräftelücke schließen<br />
könnten, desto schneller könnten die Unternehmen ihre<br />
Aufträge hier in Deutschland abarbeiten. Desto mehr könnte<br />
Deutschland vom weltweiten Boom profitieren. Desto mehr Arbeitsplätze<br />
würden entstehen. Wir haben in Bayern eine Umfrage gemacht,<br />
die zeigt, dass je internationaler Unternehmen agieren, desto größer<br />
der Prozentsatz der Unternehmen ist, die freie Stellen nicht mehr<br />
besetzen können. Allein für Bayern schätzen wir auf<br />
Basis dieser Umfrage den akuten Fachkräftemangel auf 24.000.<br />
In diesem Jahr haben 980.000 Jugendliche die Schulen verlassen &#8211;<br />
nur 800.000 Kinder sind eingeschult worden. Da kommt noch einiges<br />
auf uns zu!
</p>
<p>
<b>KH:</b> In wie weit hat die Industrie es versäumt,<br />
rechtzeitig adäquate Ausbildungsgänge (zum Beispiel Studium<br />
inklusive Ausbildung) anzubieten, um einem drohenden Fachkräftemangel<br />
zu begegnen?
</p>
<p>
<b>Martin Wansleben:</b> Die Ursachen für den Fachkräftemangel<br />
sind leider sehr vielfältig. Wenn ich meine eigenen Erfahrungen<br />
und die Erfahrungen meiner Kinder zugrunde lege, drängt sich<br />
mir der Eindruck auf, dass gerade die Schulen vor technischen und<br />
naturwissenschaftlichen Fächern eher abschrecken, als die Jugendlichen<br />
dazu zu motivieren. Die Wirtschaft wirbt seit Jahren für mehr<br />
Fachkräfte, aber Eines ist auch völlig unbestritten: In<br />
den hinter uns liegenden schlechten Jahren mussten viele Unternehmen<br />
Arbeitsplätze abbauen, um selbst zu überleben. Das hinterlässt<br />
seine Spuren. Umso wichtiger ist, dass jetzt die Politik und wir<br />
alle dran bleiben, die endlich wieder positive wirtschaftliche Entwicklung<br />
in Deutschland und Europa zu stabilisieren.
</p>
<p>
<b>Moderatorin:</b> Eine Stunde tagesschau-Chat ist schon<br />
wieder vorüber. Ein Dank an unsere User für die vielen<br />
Fragen, die wir leider nicht alle stellen konnten. Herr Wansleben,<br />
möchten Sie noch ein Schlusswort an die User richten?
</p>
<p>
<b>Martin Wansleben:</b> Auch wenn manches im ersten<br />
Blick nicht so ganz einfach erscheint, steckt in den Meisten von<br />
uns mehr als wir denken. Deshalb mein Rat: sich einbringen, jeden<br />
Tag von neuem dran bleiben und zur Aufmunterung empfehle ich &quot;Nie<br />
mehr zweite Liga&quot; (von welcher Gruppe wohl?).
</p>
<p>
<b>Moderatorin:</b> Vielen Dank für Ihr Interesse<br />
und vielen Dank an Herrn Wansleben. Das Protokoll des Chats ist<br />
in Kürze zum Nachlesen auf den Seiten von tagesschau.de und<br />
politik-digital.de zu finden. Das tagesschau-Chat-Team wünscht<br />
noch einen schönen Tag!</p>
]]></content:encoded>
					
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			</item>
		<item>
		<title>&#034;Klügerer Militäreinsatz und mehr Aufbau&#034;</title>
		<link>https://www.politik-digital.de/chattranscripte/quotkluegerer_militaereinsatz_und_mehr_aufbauquot-2358/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Alina Barenz]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 17 Jul 2007 23:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Chattranscripte]]></category>
		<category><![CDATA[Bundespolitik]]></category>
		<category><![CDATA[Bundeswehr]]></category>
		<category><![CDATA[Afghanistan]]></category>
		<category><![CDATA[Bernhard Gertz]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://www.politik-digital.de/uncategorized/quotkluegerer_militaereinsatz_und_mehr_aufbauquot-2358/</guid>

					<description><![CDATA[<p>
<b><span class="fett">Am 17. Juli 2007 war Bernhard Gertz, der Vorsitzende
des Bundeswehrverbandes, im tagesschau-Chat in Kooperation mit politik-digital.de.
Er sprach über die Lage der deutschen Soldaten in Afghanistan,
nahm zu Einsätzen der Bundeswehr im Inneren Stellung und erklärte,
weshalb er eine reine Berufsarmee ablehnt.</span></b>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>
<b><span class="fett">Am 17. Juli 2007 war Bernhard Gertz, der Vorsitzende<br />
des Bundeswehrverbandes, im tagesschau-Chat in Kooperation mit politik-digital.de.<br />
Er sprach über die Lage der deutschen Soldaten in Afghanistan,<br />
nahm zu Einsätzen der Bundeswehr im Inneren Stellung und erklärte,<br />
weshalb er eine reine Berufsarmee ablehnt.</span></b><!--break-->
</p>
<p>
<b><b><b><b>Moderator: </b> </b><br />
</b></b> Willkommen im tagesschau-Chat! Im ARD-Hauptstadtstudio<br />
ist heute unser Gast der Vorsitzende des Bundeswehrverbandes, Bernhard<br />
Gertz. Der Verband vertritt die Interessen von rund 210.000 Mitgliedern.<br />
Oberst Gertz sagt man nach, dass er einer derjenigen ist, der am<br />
besten über die Stimmung der Truppe Bescheid weiß. Ein<br />
Fachmann also für alle Fragen in Sachen Bundeswehr. Jetzt geht<br />
es damit los:
</p>
<p>
<b>bernadette:</b> Wie offen können Sie über<br />
die Lage der deutschen Soldaten in Afghanistan sprechen?
</p>
<p>
<b><b>Bernhard Gertz:</b></b> Ich habe keinerlei<br />
Rücksichten zu nehmen, weil ich Gott sei Dank nicht der Bundesregierung<br />
angehöre. Deswegen gibt es von meiner Seite zu diesem Thema<br />
nur Klartext.
</p>
<p align="center">
<img decoding="async" src="http://www.politik-digital.de/salon/photos/bgertz388x.jpg" alt="Berhard Gertz" height="372" width="378" /><br />
<i>Bernhard Gertz</i><br />
<i>Vorsitzender des Bundeswehrverbandes</i>
</p>
<p>
<b>Moderator: </b> Gab es wegen der klaren Worte schon<br />
mal Beschwerden aus der Bundesregierung?
</p>
<p>
<b>Bernhard Gertz:</b> Das gefällt nicht jedem,<br />
wenn Klartext gesprochen wird. Regierungen reden gern vom vollen<br />
Teil eines halbvollen Glases und lassen die Beschreibung des leeren<br />
Teils weg. Meine Aufgabe ist es, auch über den leeren Teil<br />
zu sprechen.
</p>
<p>
<b>Leutnant:</b> Wie häufig treffen sie auf Franz-Josef<br />
Jung und wie sehen solche Treffen aus?
</p>
<p>
<b>Bernhard Gertz:</b> Wir treffen uns wöchentlich.<br />
Entweder auf Verabredung &#8211; zum Beispiel wenn ich einen Termin erbitte,<br />
wird das regelmäßig kurzfristig organisiert. Oder wir<br />
laufen uns bei zahlreichen anderen Anlässen in Berlin über<br />
den Weg. In der vergangenen Woche etwa haben wir uns beim Focus-Fest,<br />
beim Bild-Fest und beim ZDF-Fest getroffen. Darüber hinaus<br />
telefonieren wir miteinander, wenn etwas zu besprechen ist.
</p>
<p>
<b>Moderator: </b> Für alle, die die Gebräuche<br />
in Berlin nicht kennen: Es gibt nicht jede Woche so viele Feierlichkeiten.<br />
Das ist so ein bisschen der Start in die Ferien.
</p>
<p>
<b>Sandbär: </b>Für den Einsatz in Afghanistan<br />
fordern Sie eine größere Beteiligung der zivilen Ressorts,<br />
wie zum Beispiel der Polizei. Ist es nicht sinnvoll, hier bereits<br />
vor Einsätzen wie in Afghanistan, Ex-Jugoslawien, Kongo und<br />
so weiter derartige Strukturen vorzubereiten? Und muss der „Lead<br />
&quot; dazu immer beim Militär liegen?
</p>
<p>
<b>Bernhard Gertz:</b> Erstens: Ja. Es wäre vorzuziehen,<br />
auch über verfügbare zivile Strukturen bereits zu Beginn<br />
eines Einsatzes entscheiden zu können. Für eine so genannte<br />
„Selbsttragende Sicherheitsstruktur“ in Afghanistan<br />
zum Beispiel ist nicht nur der Aufbau afghanischer Streitkräfte,<br />
sondern vor allem der Aufbau einer loyalen und in der Fläche<br />
präsenten afghanischen Polizei von herausragender Bedeutung.<br />
Dafür hat nicht das Militär die Lead-Funktion übernommen,<br />
sondern die Bundesrepublik Deutschland als so genannte Lead-Nation.<br />
Leider hat sie seit 2002 durchschnittlich nur etwa 40 Polizeiausbilder<br />
in Afghanistan zur Verfügung stellen können. Das war ein<br />
Tropfen auf den heißen Stein.
</p>
<p>
<b>Moderator: </b> Jetzt gibt es eine Verstärkung<br />
auf insgesamt 140 Ausbilder (mehrere Nationen beteiligen sich).<br />
Reicht das aus?
</p>
<p>
<b>Bernhard Gertz:</b> Leider reicht auch das bei weitem<br />
nicht aus. Afghanistan ist bekanntlich ein riesengroßes Land<br />
mit gleichzeitig miserabelsten Verkehrsverbindungen. Da muss man<br />
die Polizei in der Fläche präsent machen. Deswegen bräuchten<br />
wir sehr viel mehr Polizeiausbilder vor Ort. Zurzeit behelfen wir<br />
uns mit Notmaßnahmen. Eine solche Notmaßnahme besteht<br />
darin, dass 30 deutsche Feldjäger in Mazar-i-Sharif im Norden<br />
afghanische Polizisten ausbilden. Ich finde das ein ärgerliches<br />
Armutszeugnis für die Fähigkeit der Bundesrepublik, auch<br />
im Bereich der Polizeiausbildung belastbare Strukturen herzustellen.<br />
Vielleicht steht uns da der Föderalismus im Weg.
</p>
<p>
<b>Cpt: </b>Welche Möglichkeit hat der Bundeswehrverband,<br />
„Druck&quot; auf die Politik auszuüben, um deren Unkenntnis<br />
entgegen zu wirken? Und mehr Ausbildung und Stärkung der Zivilgesellschaft<br />
in Afghanistan zu erreichen?
</p>
<p>
<b>Moderator: </b> Oder kürzer ausgedrückt:
</p>
<p>
<b>remlb73: </b>Wer bremst?
</p>
<p>
<b>Bernhard Gertz:</b> Der Bundeswehrverband kann öffentlich<br />
Themen besetzen, über die die Regierung nicht gerne spricht.<br />
Das eigene Versagen wird von der Regierung selten thematisiert.<br />
Deswegen sorgen wir dafür, dass nicht nur über die militärische<br />
Seite Afghanistans gesprochen wird, sondern auch über die Mängel<br />
und Defizite beim Aufbau von Polizei und Justiz, bei der Bekämpfung<br />
von Drogenanbau und -handel, bei der Entwaffnung, Demilitarisierung<br />
und Reintegration ehemaliger Kämpfer und auf dem Feld der Verbesserung<br />
der Lebensbedingungen für die Menschen in Afghanistan. Die<br />
Staatengemeinschaft kennt diese Mängel und Defizite ganz genau,<br />
es fehlt aber an Konsequenzen. Nicht zuletzt, weil eine wirkungsvolle<br />
internationale Koordinierung aller zivilen Aufbaumaßnahmen<br />
bislang nicht stattfindet. Einen spezifischen „Bremser&quot;<br />
kann man nicht identifizieren. Allerdings besteht bei allen beteiligten<br />
Regierungen die Neigung, mehr über die Erfolge zu sprechen<br />
als über die Mängel und Defizite.
</p>
<p>
<b>joker: </b>Wie geht die Bundeswehr mit den „Warlords&quot;<br />
und deren privater Hausmacht um? Insbesondere wenn es um deren Einnahmen<br />
aus Erpressung und Drogenanbau geht?
</p>
<p>
<b>Bernhard Gertz:</b> Die Bundeswehr hat wenig Möglichkeiten<br />
eines unmittelbaren Vorgehens. Weil sie als Bestandteil der Isaf-Truppe<br />
nicht über exekutive Befugnisse verfügt. Polizei und Justiz<br />
sind Aufgabe des souveränen afghanischen Staates. Deshalb kann<br />
die Bundeswehr zum Beispiel keine Strafverfolgung für sich<br />
durchführen. Übrigens nicht einmal, wenn eigene Soldaten<br />
von Anschlägen betroffen gewesen sind. Sie kann helfen beim<br />
Aufbau loyaler Polizeikräfte, sie kann durch schnell sichtbare<br />
Maßnahmen des zivilen Aufbaus unter militärischem Schutz<br />
für eine Verbesserung der Lebensverhältnisse der Menschen<br />
sorgen und auf diesem Weg versuchen, das Vertrauen in die Zentralregierung<br />
zu stärken.
</p>
<p>
<b>Moderator: </b> Zur Erklärung: In Afghanistan<br />
gibt es zwei Missionen mit ausländischen Truppen: Isaf ist<br />
eine Unterstützungstruppe für den afghanischen Staat.<br />
OEF = Operation Enduring Freedom, diese Mission ist für die<br />
Bekämpfung von internationalen Terroristen zuständig.<br />
Für OEF waren bislang vor allem KSK-Spezialkräfte eingesetzt.<br />
Derzeit sind keine KSK-Soldaten in Afghanistan [KSK=Kommando Spezialkräfte,<br />
eine Spezialeinheit der Bundeswehr, Anm. der Redaktion]
</p>
<p>
<b>hansisch: </b>Unabhängig davon, dass es möglicherweise<br />
unbezahlbar ist: Welche Truppenstärke halten Sie in Afghanistan<br />
für notwendig, um tatsächlich die Sicherheit zu gewährleisten,<br />
die für zivile Aufbauhilfe erforderlich ist?
</p>
<p>
<b>Bernhard Gertz:</b> Ich bin überzeugt, dass die<br />
Zahl der Soldaten nicht entscheidend ist. Natürlich hätte<br />
der Isaf-Oberbefehlshaber gerne mehr Soldaten. Vor allem mit Spezialfähigkeiten,<br />
an denen regelmäßig Mangel herrscht, wie zum Beispiel<br />
Heeresflieger mit funktionstüchtigen Hubschraubern, Fernmelder,<br />
Spezialpioniere, Sanitäter . Entscheidend ist für mich,<br />
dass die Art und Weise der militärischen Kampfführung<br />
im Süden stärker Rücksicht nehmen müsste auf<br />
die Menschen. Natürlich schont es die eigenen Soldaten, wenn<br />
man bei Gegnerkontakt Luftverstärkung anfordert und den vermeintlichen<br />
oder tatsächlichen terroristischen Gegner mit Bomben bekämpft.<br />
Wenn dabei aber regelmäßig Zivilisten getötet werden,<br />
ist man mit dem Anspruch, eine Staats- und Gesellschaftsordnung<br />
errichten zu wollen, die auf dem Respekt vor der Menschenwürde<br />
gründet, nicht mehr glaubwürdig. Deshalb brauchen wir<br />
im Süden eine klügere Art und Weise des militärischen<br />
Vorgehens und entschieden viel mehr zivilen Aufbau.
</p>
<p>
<b>Rantanplan54:</b> Waren Sie schon persönlich<br />
in Afghanistan? Wenn ja, wie war Ihr Eindruck?
</p>
<p>
<b>Bernhard Gertz:</b> Ich habe einige Male die deutschen<br />
Stationierungsorte besucht, in Kabul, in Kundus und in Faizabad.<br />
Mein Eindruck war, dass man nach einem Flug von Deutschland über<br />
Usbekistan unmittelbar im Mittelalter landet. In einer Gesellschaftsordnung,<br />
die man erst verstehen muss, bevor man mit Rezepten versucht, die<br />
Lebensverhältnisse der Menschen zu verbessern. Man lernt auch<br />
ein Stück Demut. Man bewundert, wie Menschen unter so kargen<br />
Bedingungen zurecht kommen können. Man entdeckt, dass Langsamkeit<br />
auch eine Tugend sein kann und stellt fest, dass das Gespräch,<br />
dass der Kontakt mit den Menschen sehr viel wichtiger ist als martialisches,<br />
militärisches Auftreten.
</p>
<p>
<b>Moderator: </b> Zweimal vom gleichen User:
</p>
<p>
<b>liqmaster: </b>Wie geht die Bundeswehr mit diesen<br />
zivilen Opfern um, die ja durch die OEF verursacht wurden, aber<br />
dennoch den Druck vor Ort auf die Truppe erhöhen, da dadurch<br />
ja ein Misstrauen in der Bevölkerung aufgebaut wird.
</p>
<p>
<b>liqmaster: </b>Wie wird denn das Engagement der Deutschen<br />
außerhalb Kabuls von der zivilen Bevölkerung aufgenommen?
</p>
<p>
<b>Bernhard Gertz:</b> Die Deutschen befinden sich im<br />
Norden Afghanistans immer noch in einem ihnen freundschaftlich zugeneigten<br />
Umfeld. Dort ist also offenbar Vertrauen entstanden. Deshalb hat<br />
es ja auch in Kundus nach dem Selbstmordattentat auf die deutschen<br />
Soldaten am 19. Juni 2007 eine spontane Gegendemonstration gegeben.<br />
Im Süden ist die Situation grundlegend anders. Dort befinden<br />
sich unsere niederländischen Freunde &#8211; die im Ergebnis unser<br />
Rezept aus dem Norden zu kopieren versuchen &#8211; in einem feindseligen<br />
Umfeld, weil das militärische Vorgehen insbesondere der Amerikaner,<br />
Briten und Kanadier die Menschen gegen alle westlichen Soldaten<br />
aufgebracht hat. Bundesminister Dr. Franz-Josef Jung hat vor etwa<br />
sechs Wochen sowohl öffentlich als auch bei seinem folgenden<br />
Besuch in Washington die Zahl der so genannten „Kollateralschäden&quot;<br />
thematisiert. Ich fand das gut, denn nur, wenn man mit den Verbündeten<br />
darüber redet, kann man das Verhalten ändern.
</p>
<p>
<b>krauler: </b>Ich lebe in Großbritannien. Hier<br />
wird der Einsatz der Bundeswehr sehr kritisch bewertet. Das britische<br />
Militär fühlt sich bei seinen Kampfeinsätzen in den<br />
gefährlichsten Zonen wie Helmand von den Partnern allein gelassen.<br />
In der öffentlichen Diskussion wird der deutschen Afghanistan-Politik<br />
Lahmheit und zum Teil sogar Feigheit vorgeworfen. Mit welchen Argumenten<br />
kann man Ihres Erachtens solchen Vorhaltungen begegnen?
</p>
<p>
<b>Bernhard Gertz:</b> Diese Vorwürfe sind mir nicht<br />
unbekannt. Sie sind in leicht abgemilderter Form auch schon von<br />
britischen Parlamentariern in der NATO-Parliamentary Assembly erhoben<br />
worden.<br />
Dazu muss man feststellen, dass es die britische Regierung gewesen<br />
ist, die sich für den Einsatz im Süden entschieden hat.<br />
Die Bundesrepublik hat sich entschieden, ihre Truppen auf den Norden<br />
zu konzentrieren und stellt dort den regionalen Befehlshaber. Dass<br />
dort relative Ruhe und Stabilität herrschen, ist auch eine<br />
Folge des seit 2002 klug umgesetzten Konzepts der so genannten „Vernetzten<br />
Sicherheit“, bei der das Militär einen schützenden<br />
Rahmen für den zivilen Wiederaufbau stellt. Soldaten, die diese<br />
Aufgabe haben, können keine Kämpfer im klassischen Sinne<br />
sein. Sie müssen den Kontakt mit Menschen suchen, kommunizieren,<br />
erklären, überzeugen, auf Menschen zugehen. Diese Soldaten<br />
abzuziehen, um sie im Süden in einem militärischen Kampf<br />
einzusetzen, wäre töricht. Ich finde, jeder sollte die<br />
selbst gewählte Aufgabe nach besten Kräften erfüllen.<br />
Wir wären heute schon viel weiter im Norden und im Süden,<br />
wenn die Deutschen beim Polizeiaufbau als Lead-Nation nicht so versagt<br />
hätten und wenn Großbritannien als Lead-Nation bei der<br />
Bekämpfung des Drogenanbaus nicht so katastrophal gescheitert<br />
wäre.
</p>
<p>
<b>MartinSchneider: </b>Wie steht es um den Ausrüstungsstand<br />
der Bundeswehr in Afghanistan? Vor einiger Zeit war doch mal die<br />
Rede davon, dass Mangel an Fahrzeugen der „Humvee-Klasse&quot;<br />
herrscht, beziehungsweise die vorhandenen veraltet sind. Wie ist<br />
die sonstige Ausrüstungslage vor Ort? [Humvee= ein geländegängiges,<br />
vielseitig einsetzbares Fahrzeug, Anm. der Redaktion]
</p>
<p>
<b>Bernhard Gertz:</b> Inzwischen haben wir eine ausreichende<br />
Anzahl geschützter Fahrzeuge in Afghanistan. Der Anteil der<br />
geschützten Fahrzeuge am Gesamtfuhrpark der Bundeswehr liegt<br />
bei 45 Prozent. Regierung und Parlament haben in den letzten Jahren<br />
über das Instrument des so genannten „einsatzbedingten<br />
Sofortbedarfs“ Priorität auf die schnelle Beschaffung<br />
geschützter Fahrzeuge gelegt. Deswegen haben wir an dieser<br />
Stelle heute kein nennenswertes Problem mehr. Unsere Kommunikationstechnologie<br />
ist allerdings immer noch von vorgestern. Da hoffen wir darauf,<br />
dass die berühmte Herkules-Lösung eines Tages auch vollständige<br />
Interoperabilität mit unseren Verbündeten zulässt.
</p>
<p>
<b>Moderator: </b> Herkules = ein Großprojekt zur<br />
Verbindung aller Kommunikationstechnik der Bundeswehr, beziehungsweise<br />
deren Ersatz.
</p>
<p>
<b>Markus Wochnik:</b> Könnte eine reine Berufsarmee<br />
besser, schneller, effizienter auf die Herausforderungen solcher<br />
Auslandseinsätze reagieren? Wenn ja, warum?
</p>
<p>
<b>Bernhard Gertz:</b> Eine Berufsarmee hat regelmäßig<br />
das Problem, aus der Gesellschaft genügend qualifizierte Männer<br />
und Frauen für den soldatischen Dienst zu rekrutieren. Einsätze<br />
wie der in Afghanistan haben für junge Leute einen erheblichen<br />
Abschreckungswert. Da mag man sich gerade noch vorstellen, gegen<br />
einen zusätzlichen finanziellen Aufschlag den Grundwehrdienst<br />
von neun Monaten freiwillig auf dreizehn, höchstens 23 Monate<br />
zu verlängern, um in dieser Zeit einmal für vier Monate<br />
in den Auslandseinsatz zu gehen. Aber auf Dauer dabeibleiben will<br />
man nicht. <br />
Deswegen haben alle Berufsarmeen gerade im Bereich der Mannschaften<br />
und Unteroffiziere ein ganz erhebliches Rekrutierungsproblem. Gerade<br />
in Deutschland, vor dem Hintergrund unserer Geschichte, wird jedes<br />
Fehlverhalten von Bundeswehrsoldaten als besonders schwerwiegend<br />
betrachtet. Deswegen kann die Bundeswehr sich nicht leisten, mit<br />
Männern und Frauen in Einsätze zu gehen, die das Leitbild<br />
von Staatsbürgern in Uniform intellektuell nicht auszufüllen<br />
vermögen. In diesem Bereich hat die Wehrpflicht uns über<br />
Jahrzehnte gute Dienste geleistet. Entscheidend ist nicht, ob man<br />
eine reine Freiwilligenarmee hat oder eine Freiwilligenarmee mit<br />
einem begrenzten Umfang an Grundwehrdienstleistenden. Entscheidend<br />
ist, ob diese Armeen seriös finanziert sind in Personal, Betrieb<br />
und Investition. Auch eine unterfinanzierte Berufsarmee wird ihre<br />
Aufgaben nicht wirklich schultern können. Mir fehlt der Glaube,<br />
dass der deutsche Gesetzgeber eine Berufsarmee besser finanzieren<br />
würde, als die jetzige Bundeswehr.
</p>
<p>
<b>RegiBull: </b>Wenn von der Umstellung auf eine Berufsarmee<br />
geredet wird, kommt an dieser Stelle immer das Argument, dass eine<br />
Wehrpflichtarmee besser in der Bevölkerung und Demokratie verankert<br />
ist. Ich halte dieses Argument für verfehlt, da es den Berufssoldaten<br />
diese Fähigkeit de facto abspricht. Wie denken Sie darüber?<br />
Und sollte man im modernen Deutschland nicht ein wenig mehr Vertrauen<br />
in seine Soldaten haben?
</p>
<p>
<b>Bernhard Gertz:</b> Das ist in der Tat ein Argument<br />
von gestern oder vorgestern. Ich bin ziemlich sicher, dass meine<br />
Kameraden ihr demokratisches Selbstverständnis nicht an der<br />
Garderobe abhängen würden, wenn aus der Bundeswehr morgen<br />
eine Berufsarmee würde. Aber wenn nur noch die zur Armee kommen,<br />
die mit 18 oder 19 Jahren schon fest entschlossen sind, Soldat werden<br />
zu wollen, gewinnt die Armee ganz sicher ihren Nachwuchs aus einem<br />
wesentlich kleineren Spektrum der politischen und weltanschaulichen<br />
Orientierungen. In der Wehrpflichtarmee sind immer wieder Leute<br />
bei uns geblieben, die nie den Wunsch hatten, Soldat zu werden,<br />
dann aber festgestellt haben, dass auch ein System von militärischer<br />
Hierarchie, Befehl und Gehorsam und Disziplin viele spannende berufliche<br />
Entfaltungsmöglichkeiten bietet. Die Generation der heutigen<br />
militärischen Führung weist viele solche Persönlichkeiten<br />
auf. Die wären dann künftig nicht mehr da.
</p>
<p>
<b>Diablo: </b>Denken Sie, der Wehrdienst wird in Zukunft<br />
weiterhin so bestehen bleiben, oder könnte sich da etwas ändern?
</p>
<p>
<b>Bernhard Gertz:</b> In der SPD gibt es zurzeit eine<br />
intensive Diskussion über die Zukunft der allgemeinen Wehrpflicht.<br />
Die Partei hatte 2005 schon einmal damit begonnen, vor dem Hintergrund<br />
der vorgezogenen Bundestagswahl &#8211; den vorgesehenen Sonderparteitag<br />
aber abgesagt. In diesem Jahr werden viele Kräfte in der SPD<br />
auf eine Entscheidung in der Wehrpflichtfrage drängen. Vieles<br />
spricht dafür, dass sich ein Vorschlag durchsetzt, nachdem<br />
man zwar grundsätzlich an der allgemeinen Wehrpflicht festhalten<br />
will, jedoch nur noch diejenigen jungen Männer einberuft, die<br />
sich vorher freiwillig mit ihrer Einberufung einverstanden erklärt<br />
haben. Das wäre ganz sicher das Ende der klassischen Wehrpflicht<br />
in Deutschland, auch wenn die Schöpfer dieser Idee betonen,<br />
man werde für den Fall, dass es nicht genügen Freiwillige<br />
gäbe, auf die zwangsweise Einberufung zurückgreifen. Dieser<br />
Beteuerung glaube ich nicht. Ob in der Koalition darüber Einigkeit<br />
herzustellen ist, darf mit Fug bezweifelt werden.
</p>
<p>
<b>Moderator: </b> Stellvertretend für viele Fragen<br />
zu diese Thema:
</p>
<p>
<b>ijo: </b>Wo endet für Sie der Einsatzbereich<br />
der Bundeswehr im Inneren? Würden Sie am Status Quo rütteln?
</p>
<p>
<b>Bernhard Gertz:</b> Ich halte eine Veränderung<br />
der verfassungsrechtlichen Festlegungen für den Einsatz der<br />
Bundeswehr im Inneren nicht für geboten. Polizeiliche Gefahrenabwehr<br />
im Inland ist Polizeiaufgabe und nicht Aufgabe vom Militär.<br />
Es kann jedoch Situationen geben, in denen Fähigkeiten benötigt<br />
werden, über die die Polizei nicht verfügt. Beispiel:<br />
Ein Flugzeug mit ausschließlich Terroristen an Bord, das als<br />
Waffe benutzt zu werden droht, soll abgeschossen werden. Das kann<br />
nur die Luftwaffe. Der derzeitige Artikel 35 Absatz 2 des Grundgesetzes<br />
lässt aber für den Fall, dass die Bundeswehr um Amtshilfe<br />
bei der polizeilichen Gefahrenabwehr im Inland gebeten wird, auch<br />
für diese nur den Einsatz polizeilicher Waffen zu. Das heißt,<br />
die Luftwaffe müsste dann mit einer Pistole oder Maschinenpistole<br />
auf das Terroristenflugzeug schießen. In diesem Punkt scheint<br />
sich die Große Koalition über eine Wortlautänderung<br />
einig. Alle anderen Vorschläge von Herrn Schäuble lehnt<br />
der Bundeswehrverband genauso ab, wie alle anderen im Bundestag<br />
vertretenen Parteien mit Ausnahme von CDU und CSU.
</p>
<p>
<b>FatBaron:</b> „Polizeiliche Gefahrenabwehr im<br />
Inland ist Polizeiaufgabe und nicht Aufgabe vom Militär&#8230;&quot;<br />
Das ist sicher richtig, aber ist die Polizei denn gerüstet<br />
für den Fall von Anschlägen mit ABC-Waffen zum Beispiel?<br />
Müsste das nicht besser geregelt werden?
</p>
<p>
<b>Bernhard Gertz:</b> Es wäre nicht klug, bei der<br />
Polizei Fähigkeiten zu duplizieren, die bei den Streitkräften<br />
vorhanden sind. Eine solche technische Amtshilfe wie die Bereitstellung<br />
von Kapazitäten für die ABC-Abwehr ist auch verfassungsrechtlich<br />
viel weniger problematisch, weil es dabei nicht um den Einsatz von<br />
Waffen geht. Hier haben sich schon immer die Fähigkeiten der<br />
Polizei und der Streitkräfte ergänzt. Auch bei der Fußball-WM<br />
waren die ABC-Abwehrkräfte der Bundeswehr in Bereitschaft.
</p>
<p>
<b>Moderator: </b> Noch mal zu den Auslandseinsätzen:
</p>
<p>
<b>AnnaLena1: </b>An der Hilfe für Soldaten, die<br />
bei Einsätzen verletzt werden und dann dienstunfähig werden<br />
hat sich bis heute nichts geändert. Sie werden nach Ablauf<br />
eines Jahres entlassen! Warum schafft es der Bundeswehrverband nicht,<br />
für mehr Öffentlichkeit und somit für Druck auf die<br />
Verantwortlichen der Einsätze zu sorgen? Damit „einsatzversehrte&quot;<br />
Soldaten auch in Zukunft der Bundeswehr oder Bundeswehr-Verwaltung<br />
mit ihrem Fachwissen erhalten bleiben?
</p>
<p>
<b>Bernhard Gertz:</b> Zur Zeit befindet sich der Entwurf<br />
des so genannten „Einsatzweiterverwendungsgesetzes“<br />
in der Ressort-Abstimmung innerhalb der Bundesregierung. Über<br />
den Inhalt besteht bereits Einigkeit, nur die förmliche Prüfung<br />
durch das Bundesministerium für Justiz ist noch nicht abgeschlossen.<br />
Dieses Gesetz soll Soldaten, die im Einsatz verwundet worden sind<br />
und auch nach Abschluss der ärztlichen Behandlung mindestens<br />
50 Prozent Minderung der Erwerbsfähigkeit aufweisen einen Rechtsanspruch<br />
verschaffen, entweder auf Übernahme in das Dienstverhältnis<br />
eines Berufssoldaten oder auf ein Lebenszeitarbeitsverhältnis<br />
im Bundesdienst. Da dieser Entwurf von allen Fraktionen unterstützt<br />
wird, rechne ich damit, dass er noch in diesem Jahr Gesetz wird.<br />
Wir wollen ihn außerdem rückwirkend in Kraft gesetzt<br />
sehen, so dass alle zwischenzeitlich eingetretenen Härtefälle<br />
davon erfasst werden.
</p>
<p>
<b>Iratus: </b>Wie bewerten Sie die Vor- beziehungsweise<br />
Nachbereitung der Soldaten und Soldatinnen für den Auslandseinsatz<br />
aktuell? Wo und in welchen Bereichen sehen Sie dort noch Verbesserungsmöglichkeiten?
</p>
<p>
<b>Bernhard Gertz:</b> Aus der Mitgliederbefragung des<br />
Deutschen Bundeswehrverbandes, an der 45.000 Mitglieder teilgenommen<br />
haben, haben wir zwei Erkenntnisse gewonnen:<br />
Erstens: Parlament und Regierung gelingt es nicht, Soldaten die<br />
Sinnhaftigkeit ihrer Auslandseinsätze zu vermitteln. Zweitens:<br />
Die landeskundliche Einweisung in die spezifischen Verhältnisse<br />
im Einsatzland wird von den Soldaten mit großer Mehrheit als<br />
nicht ausreichend empfunden. In beiden Bereichen muss in der Tat<br />
in der Ausbildung vor dem Einsatz nachgearbeitet werden. Bei der<br />
Nachbereitung der Einsätze sollte dem Thema Posttraumatische<br />
Belastungsstörung noch stärkere Beachtung geschenkt werden<br />
als in der Vergangenheit.
</p>
<p>
<b>bwwb:</b> Was würden die Soldaten vor Ort am<br />
liebsten ändern, was sie jedoch aus rechtlichen oder Mandatsgründen<br />
nicht können?
</p>
<p>
<b>Bernhard Gertz:</b> Das hängt sehr von der spezifischen<br />
Situation ab, in der sich die Soldaten jeweils befinden. Da kann<br />
etwa der Wunsch aufkommen, die Verfolgung der Kundus-Attentäter<br />
anstelle der afghanischen Polizei selbst machen zu dürfen.<br />
Oder der Wunsch, technische Geräte zur Störung der Auslösung<br />
ferngelenkter Sprengsätze zu besitzen, von denen man gehört<br />
hat, dass es sie gibt und dass sie sich seit geraumer Zeit in der<br />
Erprobung befinden. Als ich im vergangenen Juli in Kinshasa unsere<br />
dort frisch eingetroffenen Eufor-Soldaten getroffen habe, hätten<br />
die am liebsten den Verantwortlichen, der in einer europaweiten<br />
Ausschreibung den Zuschlag an eine spanische Firma für den<br />
Aufbau eines Feldlagers vergeben hatte, auf den Mond geschossen.<br />
Das konnte ich gut verstehen. Im Übrigen sagt man von uns Soldaten,<br />
wenn wir nichts zu meckern hätten, seien wir nicht gesund.
</p>
<p><b>Moderator: </b> Das waren 60 Minuten tagesschau-Chat<br />
mit Bundeswehrverbands-Chef Bernhard Gertz. Herzlichen Dank, Oberst<br />
Gertz, dass Sie bei uns waren, herzlichen Dank an alle User für<br />
Ihr Interesse und die zahlreichen Fragen. Die waren bei weitem nicht<br />
alle zu schaffen. Das Protokoll ist in Kürze auf den Seiten<br />
der Veranstalter www.tagesschau.de und www.politik-digital.de zu<br />
finden. Wir wünschen allen Beteiligten noch einen schönen<br />
Tag!</p>
]]></content:encoded>
					
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			</item>
		<item>
		<title>&#034;Integrationsgipfel kommt 50 Jahre zu spät&#034;</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Daniel Seifert]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 11 Jul 2007 23:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Chattranscripte]]></category>
		<category><![CDATA[Chat]]></category>
		<category><![CDATA[Ausländerpolitik]]></category>
		<category><![CDATA[Zuwanderungsgesetz]]></category>
		<category><![CDATA[Integration]]></category>
		<category><![CDATA[Lale Akgün]]></category>
		<category><![CDATA[Bundespolitik]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>
<b><span class="fett">Am Donnerstag, 12. Juli 2007, war Dr. Lale Akgün,
SPD-Integrationsexpertin und Bundestagsabgeordnete zu Gast im tagesschau-Chat
in Kooperation mit politik-digital.de. Sie sprach über den
Integrationsgipfel am 12. Juli 2007, das neue Zuwanderungsgesetz
und ihr Verständnis von Integration.</span></b>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>
<b><span class="fett">Am Donnerstag, 12. Juli 2007, war Dr. Lale Akgün,<br />
SPD-Integrationsexpertin und Bundestagsabgeordnete zu Gast im tagesschau-Chat<br />
in Kooperation mit politik-digital.de. Sie sprach über den<br />
Integrationsgipfel am 12. Juli 2007, das neue Zuwanderungsgesetz<br />
und ihr Verständnis von Integration.</span></b><!--break-->
</p>
<p>
<b><b><b>Moderator: </b> </b></b>Herzlich<br />
willkommen im tagesschau-Chat. Heute begrüßen wir im<br />
ARD-Hauptstadtstudio die SPD-Bundestagsabgeordnete Dr. Lale Akgün.<br />
Sie ist Integrationsexpertin ihrer Partei und selbst im Ausland<br />
geboren und zwar in Istanbul. Der heutige Integrationsgipfel schlägt<br />
hohe Wellen: Einige türkische Verbände werfen der Bundesregierung<br />
Diskriminierung beim Familiennachzug vor. Integration, ein Thema,<br />
das viel Stoff zur Diskussion in unserem Chat bietet. Frau Akgün,<br />
können wir beginnen?</p>
<p><b><b>Lale Akgün:</b></b> Ja.
</p>
<p align="center">
<img decoding="async" src="http://www.politik-digital.de/salon/photos/laguen390x.jpg" alt="Dr. Lale Akgün" height="350" width="381" /><br />
<i>Dr. Lale Akgün</i><br />
<i>SPD-Integrationsexpertin und Bundestagsabgeordnete</i>
</p>
<p><b>bora:</b> Finden Sie auch, dass die türkischen<br />
Verbände endlich mal Rückgrat zeigen? Die Bundesregierung<br />
hat sich auch bei der Gestaltung der Gesetzesvorlage nicht mit den<br />
Verbänden beraten, wieso sollen die es jetzt umgekehrt tun<br />
und der Kanzlerin ein Alibi für eine integrationsfreundliche<br />
Politik liefern. Im Tagesgeschäft interessiert es die Kanzlerin<br />
herzlich wenig, was die Migranten möchten und brauchen. Es<br />
geht nur um Stimmen für die nächste Wahl.</p>
<p><b>Lale Akgün:</b> Nun, im Vorfeld wurden die Verbände<br />
im Rahmen einer Anhörung zur Änderung des Zuwanderungsgesetzes<br />
eingeladen und ihre Meinung wurde auch eingeholt. Dass sie sich<br />
zum Gesetz kritisch äußern, kann ich nachvollziehen und<br />
auch verstehen. Aber ein Boykott ist kein gutes Mittel. Und die<br />
von ihnen geäußerte Forderung, im Nachhinein das Gesetz<br />
zu ändern, ist natürlich nicht möglich. </p>
<p><b>BrigitteStenzel:</b> Trifft es nicht zu, dass es für<br />
Menschen, etwa aus dem ostanatolischen Bergland, im Vergleich zu<br />
anderen Staatsbürgern eine unzumutbare Erschwernis ist, wenn<br />
sie in ihrer Heimatregion nicht nur Deutsch lernen sollen, sondern<br />
dort auch noch ihre Prüfung ablegen müssen?</p>
<p><b>Lale Akgün:</b> Für mich ist es nicht hinnehmbar,<br />
dass die Ehen von Menschen aus verschiedenen Ländern verschieden<br />
behandelt werden. Es kann nicht sein, dass der Ehegattennachzug<br />
unterschiedlich behandelt wird, weil die Ehe unter dem Schutz des<br />
Grundgesetzes steht.</p>
<p><b>necesin: </b>Wird durch das neue Zuwanderungsgesetz<br />
nicht jede türkische Ehe unter einen Generalverdacht gestellt?</p>
<p><b>Lale Akgün:</b> Sie meinen sicherlich die viel<br />
gescholtenen Zwangsehen. Ich bin der Überzeugung, dass man<br />
mit dem Gesetz, wie es jetzt vorliegt, Zwangsehen nicht verhindern<br />
kann. Dafür hätte es im Gesetz anderer Maßnahmen<br />
bedurft. Im Übrigen weiß kein Mensch in Deutschland,<br />
wie viele Zwangsehen geschlossen werden. Deshalb wäre es ganz<br />
wichtig, jetzt wo die Bundesregierung ja Geld für die Integration<br />
in die Hand nehmen will, eine größere, und ich unterstreiche<br />
&#8211; eine wissenschaftlich fundierte Studie &#8211; zu dem Thema Zwangsehen<br />
in Auftrag zu geben.</p>
<p><b>Moderator: </b> Wie kann man Zwangsehen verhindern?</p>
<p><b>Lale Akgün:</b> Um Zwangsehen zu verhindern oder<br />
Menschen zu helfen, die von Zwangsehen betroffen sind, hätten<br />
folgende Regelungen ins Gesetz aufgenommen werden müssen. Erstens:<br />
Für Frauen, die nach Deutschland zwangsverheiratet werden,<br />
wären vor allem aufenthaltsrechtliche Erleichterungen unter<br />
Ausbau von niederschwelligen Beratungsangeboten wichtig. Zweitens:<br />
Für Frauen, die ins Ausland zwangsverheiratet werden, wäre<br />
die Verlängerung des Rückkehrrechts dringend notwendig<br />
gewesen. Das heißt, dass ihre Aufenthaltserlaubnis nicht erlischt<br />
und sie die Chance haben, nach Deutschland zurück zu kommen.</p>
<p><b>cevher:</b> Manche Frauen versuchen, die deutsche Sprache<br />
zu erlernen. Aber wie soll das gehen, wenn die Umgebung nur türkisch<br />
spricht und sich die Deutschen, besonders in Großstädten,<br />
vor einem Kontakt scheuen oder sich mit Vorurteilen distanzieren?</p>
<p><b>Lale Akgün:</b> Sie haben aber einen wunderschönen<br />
Namen &#8211; übersetzt bedeutet er &quot;Juwel&quot; &#8211; und Sie haben<br />
einen ganz wichtigen Punkt angesprochen. Den Erwerb der deutschen<br />
Sprache vergleiche ich gerne mit dem Erwerb des Führerscheins.<br />
Man muss üben, üben, üben! Bei der Sprache geht das<br />
eben nur durch Kontakte und das ist wiederum die gesellschaftliche<br />
Seite der Integration. Menschen müssen sich kennen lernen.<br />
Dann verstehen sie, dass wir nicht so unterschiedlich sind, sondern<br />
dass wir sehr viel mehr Gemeinsamkeiten haben, gerade Frauen. Besonders<br />
Frauen könnte der Kontakt über die Kinder leichter fallen,<br />
als es im Moment der Fall ist, wenn beide Seiten mehr Interesse<br />
zeigen würden.</p>
<p><b>saw:</b> Was halten Sie davon die Männer ausländischer<br />
und deutscher Abstammung, die eine so genannte „Importbraut“<br />
(ob aus der Türkei oder aus Indonesien) heiraten, zu einer<br />
&quot;Eheaufklärung“ zu verpflichten, bei der ihnen die<br />
Rechte der Ehefrau in Deutschland klar gemacht werden?</p>
<p><b>Lale Akgün:</b> Ich glaube, wir sollten Menschen<br />
überhaupt viel mehr über die Ehe- und Familiengründung<br />
erzählen. Ich habe immer für Elternschulen plädiert,<br />
wo jungen Paaren die Verantwortung des Eltern-Werdens bewusst gemacht<br />
werden könnte. Man könnte durchaus Ihren Gedanken aufgreifen<br />
und auf Standesämtern jungen Menschen Aufklärungsmaterial<br />
an die Hand geben, beispielsweise über Eheschließung,<br />
Verantwortung in der Ehe und auch Scheidung. Aber das ist ein weites<br />
Feld.</p>
<p><b>Christoph Dowe:</b> Was sagen Sie zu der Absage türkischer<br />
Vertreter beim Integrationsgipfel?</p>
<p><b>Lale Akgün:</b> Ich kann ihre Beweggründe,<br />
die dazu geführt haben, nachvollziehen, aber halte den Schritt<br />
nicht für richtig.</p>
<p><b>Moderator: </b> Welchen Schritt hätten Sie vorgeschlagen?</p>
<p><b>Lale Akgün:</b> Ich hätte ihnen vorgeschlagen,<br />
dass sie auf jeden Fall im Gespräch bleiben, wobei ich insgesamt<br />
nicht von dem Gipfel überzeugt bin. Aber das ist eine andere<br />
Sache. Ich bin von dem Gipfel nicht überzeugt, weil es 50 Jahre<br />
nach Beginn der Arbeitsmigration nach Deutschland zu spät ist<br />
für Gipfel und wir mit anderen Instrumenten arbeiten müssen.<br />
Aber da die Verbände ja anscheinend von dem Gipfel beim ersten<br />
Mal begeistert waren, hätten sie auch an dem zweiten teilnehmen<br />
müssen.</p>
<p><b>xxxx77:</b> Warum wird heute mehr über Integration<br />
gesprochen? Die Migranten gibt es seit mehr als 20 Jahren. Als Sie<br />
hierher kamen, mussten Sie keine Sprachkenntnisse nachweisen, keiner<br />
wollte dass Sie Deutsch können-deswegen hat man Sie doch vernachlässigt?<br />
Kann es sein, dass die Politik einfach gescheitert ist, und jetzt<br />
ein Sündenbock gesucht wird?</p>
<p><b>Lale Akgün:</b> Auch ich bin der Meinung, dass<br />
Integrationspolitik viel früher hätte anfangen müssen.<br />
Und ich muss auch heftig widersprechen, dass die zweite und dritte<br />
Generation viel schlechter integriert ist, als die erste. Als die<br />
ersten Gastarbeiter in Gastarbeiterwohnheimen gelebte haben und<br />
keinerlei Kontakt zur deutschen Bevölkerung hatten, hat keiner<br />
von Parallelgesellschaften gesprochen. Dabei waren das eher Parallelgesellschaften,<br />
weil die Kontakte sich nur auf die Arbeitswelt beschränkt haben.<br />
Heute, wo wir viel weiter sind in der Integration der Menschen,<br />
Menschen in allen gesellschaftlichen Gruppierungen anzutreffen sind,<br />
spricht jeder von &quot;Parallelgesellschaften&quot;. Leider wird<br />
bei uns, was Integration angeht, die Stimme der Wissenschaft viel<br />
zu wenig gehört. Die deutschen Integrationswissenschaftler<br />
würden jedem bestätigen, dass wir so schlecht nicht sind,<br />
was Integrationserfolge in unserem Land angeht.</p>
<p><b>yen150:</b> Mein Vater hat als koreanischer Bergarbeiter<br />
neben türkischen Kollegen unter Tage gearbeitet. Er sprach<br />
damals auch kein Deutsch, trotzdem sind Asiaten der Zweiten und<br />
Dritten Generation voll integriert. Auch wir haben unsere Parallelgesellschaft,<br />
unsere eigenen Bräuche. Warum gelingt die Integration bei einigen<br />
Gruppen, bei anderen nicht? Die Voraussetzungen sind doch dieselben?</p>
<p><b>Lale Akgün:</b> Dafür müssten wir erst<br />
einmal darüber sprechen, was Integration ist. Wir haben auf<br />
der einen Seite Integration, die durch knallharte Fakten belegbar<br />
ist, wie zum Beispiel Bildung, Arbeitsplatz, Einkommen, Wohnort,<br />
gesellschaftliche Stellung. Auf der anderen Seite haben wir die<br />
&quot;gefühlte&quot; Integration. Die meisten Menschen gehen<br />
davon aus, dass zum Beispiel Muslime schlechter zu integrieren sind<br />
als Nicht-Muslime. Leider wird da nicht genug hinterfragt. Und als<br />
Beispiel werden immer soziale Brennpunkte in den Großstädten<br />
angeführt, die inzwischen jeder Bundesbürger kennt: Berlin-Neukölln,<br />
Duisburg-Marxloh und Hamburg-Willhelmsburg. Diese Stadtteile sind<br />
zum Synonym für nicht gelungene Integration geworden. Und da<br />
die meisten Menschen in diesen Stadtteilen nie gewesen sind, wird<br />
ihr Bild von diesen Stadtteilen meist durch die Medien geprägt.<br />
So entstehen die Bilder von der Nicht-Integration der Zugewanderten:<br />
Kopftuchfrauen mit vielen Kindern, heruntergekommene Häuser,<br />
bärtige Männer, Kebapbuden.</p>
<p><b>Zadam:</b> Das Problem vieler Ausländer in Deutschland<br />
ist der Spagat zwischen zwei Ländern. Bei mir ist das Polen<br />
und Deutschland. Ich habe mich für Europa als Lösung meines<br />
Problems entschieden und sehe mich nicht als Deutschen oder Polen,<br />
sondern als Europäer. Wären die Türken in Deutschland<br />
in der Lage, sich als Europäer zu fühlen, obwohl Ihnen<br />
von fast allen Staaten gesagt wird, dass sie nicht dazugehören?</p>
<p><b>Lale Akgün:</b> Ich glaube, Sie haben für<br />
sich eine gute Lösung gefunden, nämlich die Synthese zwischen<br />
zwei Ländern als Europäer. Übrigens machen das sehr<br />
viele junge Menschen, indem sie die lokale Ebene für sich beanspruchen<br />
(&quot;Ich bin Kölner, Berliner usw.!&quot;) und eben die supranationale<br />
als Europäer. Warum sollen sich Türken nicht als Europäer<br />
fühlen? Europäer zu sein, ist ein &quot;state of mind&quot;.<br />
Man kann durchaus ein guter Europäer sein, ohne dass das Ursprungsland<br />
der Eltern in der EU ist.</p>
<p><b>elle:</b> Frau Akgün, bitte nicht auf die Medien<br />
schimpfen! Was tun Sie persönlich um Ihren Landsleuten die<br />
Integration in UNSERE Gesellschaft näher zu bringen?</p>
<p><b>Lale Akgün:</b> Wer sind denn meine Landsleute?<br />
Ich bin mit neun Jahren nach Deutschland gekommen und bin jetzt<br />
53 Jahre alt. Das heißt, ich lebe seit 44 Jahren in Deutschland.<br />
Ich bin deutsche Staatsbürgerin und sitze als Volksvertreterin<br />
im Deutschen Bundestag.</p>
<p><b>Tomasz:</b> Inwieweit spielt die Religion eine Rolle?<br />
Ich kenne viele Polen und Russen, auch Aussiedler, die Christen<br />
oder Atheisten sind, aber in diesem Land weder willkommen noch integriert<br />
sind und auch keine Lust haben, sich hier zu Hause zu fühlen.<br />
Ist das ein anderes Problem, als das von jungen Muslimen?</p>
<p><b>Lale Akgün:</b> Nein. Natürlich nicht! Ich<br />
glaube auch nicht, dass es die Gruppe der jungen Muslime gibt. Junge<br />
Muslime sind eine genauso weit gefächerte Gruppe wie andere<br />
Religionsgemeinschaften auch. Ich glaube, es wäre zu kurz gegriffen,<br />
Menschen nur über ihre Religion zu definieren, genauso wie<br />
es zu kurz greift, sich selbst nur über Religion zu definieren.<br />
Die Identität und das Bewusstsein werden durch viele Faktoren<br />
mitbestimmt. Eine sehr wichtige Rolle spielt dabei die soziale Frage,<br />
aber auch die Zugehörigkeit zu unterschiedlichen Milieus.</p>
<p><b>Moderator: </b> Noch einmal zur Politik und dem Integrationsgipfel:</p>
<p><b>GenosseKoeln:</b> Hallo Lale, wie werden die Migranten<br />
vertreten, die nicht religiös sind. Gibt es da ausreichend<br />
Beteiligung für atheistische, unreligiöse Menschen, die<br />
sich nicht mit und über die islamische Religion identifizieren<br />
bzw. definieren? Gruß aus Köln.</p>
<p><b>Lale Akgün:</b> Gruß nach Köln zurück!<br />
Ich freue mich immer, wenn sich Leute aus meiner Heimatstadt melden.<br />
Ich glaube, es ist an der Zeit, dass sich Migranten in der Gesellschaft<br />
über die Gruppen Gehör verschaffen, die ihnen gesellschaftlich<br />
entsprechen. Wir brauchen keine weiteren Migrantenvereine, weil<br />
dies wiederum nur eine Dimension wäre, nämlich, dass man<br />
irgendwann mal, oder die Eltern, &quot;migriert&quot; sind. Das<br />
reicht aber nicht für den Zusammenhalt und schafft wieder neue<br />
Separierungen. Also rein in die Parteien, Vereine, Sportclubs, überall<br />
da wo Menschen zusammenkommen!</p>
<p><b>elle:</b> Unter &quot;Ihren Landsleuten&quot; verstehe<br />
ich zunächst die Türken, falls Sie aus der Türkei<br />
stammen. Frau Akgün, Sie haben meine Frage nach Ihrem persönlichen<br />
Einsatz für eine Integration der Türken in UNSERE Gesellschaft<br />
nicht beantwortet.</p>
<p><b>Lale Akgün:</b> Falls ich es noch nicht erwähnt<br />
haben sollte: Meine Eltern stammen wirklich aus der Türkei.<br />
Und ich bin auch in Istanbul geboren. Aber als glühende Anhängerin<br />
des republikanischen Denkens gehört diese Gesellschaft uns<br />
allen. Wir sind alle Teil dieser Gesellschaft. Und wir müssen<br />
allen helfen, die aus dieser Gesellschaft herausfallen und des-integriert<br />
sind. Das sind sozial Benachteiligte, Bildungsarme, also alle, die<br />
es in dieser Gesellschaft schwer haben. Ich bin Sozialdemokratin<br />
und es ist meine Aufgabe, all diesen oben erwähnten Menschen<br />
die Chance zu geben, in der Gesellschaft anzukommen. Wenn Sie nach<br />
meinem persönlichen Hintergrund fragen sollten, so kann ich<br />
Ihnen sagen, dass ich 15 Jahre als Psychologin in den sozialen Brennpunkten<br />
der Großstadt Köln gearbeitet habe!</p>
<p><b>Moderator: </b> Zum Thema Chancengleichheit:</p>
<p><b>Gärtnerin:</b> Wie kann erreicht werden, dass<br />
Lehrer/innen auch Kindern mit Migrationshintergrund eine Empfehlung<br />
für eine höherer Schule geben? Ich habe selbst mehrfach<br />
erlebt, dass mit dem Hinweis fehlender Unterstützung nur eine<br />
Hauptschulempfehlung gegeben wurde.</p>
<p><b>Lale Akgün:</b> Sie sprechen ein sehr schwieriges<br />
Thema an: Das Thema, dass Kinder mit Migrationshintergrund bei gleichen<br />
Voraussetzungen nicht gleich gefördert werden. Dazu bedarf<br />
es bei der Lehrerausbildung mehr interkultureller Kompetenz! Wir<br />
brauchen auch mehr Unterstützung für die Lehrer. Ich glaube<br />
nämlich, dass Lehrerinnen und Lehrer, Pädagoginnen und<br />
Pädagogen sehr viel im Bereich der Integrationsarbeit geleistet<br />
haben, dass sie aber auch oft allein gelassen wurden. In diesem<br />
Zusammenhang müsste man aber auch über unser dreigliedriges<br />
Schulsystem reden und darüber nachdenken, ob es geeignet zur<br />
Förderung sozial benachteiligter Kinder ist.</p>
<p><b>BrigitteStenzel:</b> Glauben Sie daran, dass es in<br />
Deutschland in der Zukunft einen deutschen Bundeskanzler mit Migrationshintergrund<br />
geben wird?</p>
<p><b>Lale Akgün:</b> Warum nicht? Gerade haben wir<br />
in Frankreich einen Präsidenten mit Migrationshintergrund bekommen.<br />
Und es war im Wahlkampf kein einziges Mal Thema. Ich finde Sarkozy<br />
ist ein gutes Beispiel für gelungene Integration. 😉</p>
<p><b>Moderator: </b> Wir sind leider schon wieder am Ende<br />
unserer Zeit angelangt. Herzlichen Dank unseren Usern, die viele<br />
und interessante Fragen gestellt haben. Leider kamen nicht alle<br />
zum Zug. Frau Akgün, möchten Sie noch ein Schlusswort<br />
an die User richten?</p>
<p><b>Lale Akgün:</b> Ich freue mich, dass sich so viele<br />
Menschen in unserem Land für die Fragen der Zuwanderung und<br />
Integration interessieren und ich freue mich auch, dass so viele<br />
qualifizierte Fragen gestellt worden sind. Das zeigt mir, dass wir<br />
die Integrationsfrage nicht so pessimistisch angehen müssen!</p>
<p><b>Moderator: </b> Das war unser tagesschau-Chat bei tagesschau.de<br />
und politik-digital.de. Vielen Dank für Ihr Interesse und vielen<br />
Dank an Frau Akgün. Das Protokoll des Chats ist in Kürze<br />
zum Nachlesen auf den Seiten von tagesschau.de und politik-digital.de<br />
zu finden. Das tagesschau-Chat-Team wünscht noch einen schönen<br />
Tag!</p>
]]></content:encoded>
					
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			</item>
		<item>
		<title>&#034;Ein NPD-Verbot muss gut vorbereitet sein&#034;</title>
		<link>https://www.politik-digital.de/chattranscripte/quotein_npdverbot_muss_gut_vorbereitet_seinquot-518/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[admin]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 08 Jul 2007 23:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Chattranscripte]]></category>
		<category><![CDATA[NPD]]></category>
		<category><![CDATA[Harald Ringstorff]]></category>
		<category><![CDATA[Bundespolitik]]></category>
		<category><![CDATA[Landespolitik]]></category>
		<category><![CDATA[SPD]]></category>
		<category><![CDATA[Mecklenburg-Vorpommern]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>
<span class="fett">Am Montag, den, 9. Juli, war Harald Ringstorff,
Ministerpräsident von Mecklenburg-Vorpommern, zu Gast im tagesschau-Chat
in Kooperation mit politik-digital.de. Er sprach überdie Wirtschaft
im Bundesland, über Probleme mit der NPD und darüber,
wie die große Koalition auf Landesebene funktioniert.</span>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>
<span class="fett">Am Montag, den, 9. Juli, war Harald Ringstorff,<br />
Ministerpräsident von Mecklenburg-Vorpommern, zu Gast im tagesschau-Chat<br />
in Kooperation mit politik-digital.de. Er sprach überdie Wirtschaft<br />
im Bundesland, über Probleme mit der NPD und darüber,<br />
wie die große Koalition auf Landesebene funktioniert.</span><!--break-->
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Liebe Freunde Mecklenburg-Vorpommerns,<br />
liebe Politik-Interessierte, herzlich willkommen im tagesschau-Chat.<br />
Gast ist heute der Ministerpräsident von Mecklenburg-Vorpommern,<br />
Harald Ringstorff (SPD). Das Land regiert der promovierte Chemiker<br />
zusammen mit der CDU. Im Gegensatz zum Bund kann Herr Ringstorff<br />
allerdings auch Rot-Rot gut &#8211; von 1998 bis 2006 bestimmte eine Koalition<br />
aus PDS und SPD in Schwerin die Politik. Viele Probleme sind die<br />
gleichen geblieben, noch immer liegen die neuen Länder wirtschaftlich<br />
hinter den alten zurück. Leuchtturm-Politik, Tourismusförderung,<br />
Investitionsförderung &#8211; sind das die Instrumente, wie man den<br />
Osten zukunftstauglich macht? Natürlich sind den Themen wie<br />
immer keine Grenzen gesetzt. Jetzt einen schönen guten Tag<br />
nach Schwerin! Vielen Dank, Herr Ministerpräsident, dass Sie<br />
Zeit für den Chat haben und gleich die Frage: Alles technisch<br />
ok, können wir beginnen?</p>
<p><b>Harald Ringstorff:</b> Ich denke, wir können beginnen.
</p>
<p align="center">
<img decoding="async" src="http://politik-digital.de/salon/photos/hringstorff85x.jpg" alt="Hans-Gert Pöttering" height="120" width="85" /><br />
<i>Harald Ringstorff</i><br />
<i>Ministerpräsident Mecklenburg-Vorpommern</i>
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Starten wir damit: Zwei Fragen zum<br />
Thema Jung und Alt:</p>
<p><b>Luibk:</b> Wie wollen Sie die Abwanderung junger Menschen<br />
aufhalten? Und wie bekommt man das Problem in den Griff, in altersschwachen<br />
Regionen die Infrastruktur aufrechtzuerhalten (Straßen/Abwasserkanal)?</p>
<p><b>teichtier</b>: Wenn man Medienberichten glauben darf,<br />
wandern ja vor allem junge, gut ausgebildete Menschen aus dem Osten<br />
ab, vor allem Frauen. Wie kann Mecklenburg-Vorpommern für diese<br />
Gruppe attraktiver werden?
</p>
<p>
<b>Harald Ringstorff:</b> Es ist tatsächlich ein<br />
Problem aller ostdeutschen Bundesländer, dass es einen Bevölkerungsverlust<br />
gibt, der aus einem Abwanderungsüberschuss besteht. Es wandern<br />
also mehr Leute ab, als zuwandern. Es ist auch richtig, dass, wie<br />
es in der Frage schon anklang, mehr junge Menschen abwandern als<br />
ältere. Zum zweiten gibt es einen Sterbeüberschuss. Die<br />
Zahl der Geburten ist nach der Wende stark rückläufig<br />
gewesen und bewegt sich jetzt auf bundesdeutschem Durchschnittsniveau.<br />
Tatsache ist auch, dass mehr junge Frauen als Männer abgewandert<br />
sind. Inzwischen gehen die Wanderungsverluste zurück. Das hat<br />
sicherlich damit zu tun, dass im eigenen Land zunehmend attraktivere<br />
Arbeitsplätze angeboten werden können. Zum Beispiel in<br />
der Medizintechnik, in der Biotechnologie, aber auch im Informations-<br />
und Kommunikationssektor. Und &#8211; was für junge Leute auch sehr<br />
wichtig ist &#8211; das Einkommensniveau steigt, wenn auch langsam. Durch<br />
weitere Anstrengungen zur Ansiedlung neuer Firmen und weitere Förderung<br />
junger, vor allem technologieorientierter Firmen, wird Mecklenburg-Vorpommern<br />
zunehmend attraktiver. Einzelnen Firmen gelingt es schon, aus Mecklenburg-Vorpommern<br />
abgewanderte junge Leute wieder zurück zu holen durch das Angebot<br />
attraktiver Arbeitsplätze. </p>
<p><b>Heathcliff:</b> Moderne Infrastruktur, niedrigere Mieten<br />
und Lebenshaltungskosten (zum Beispiel sind Versicherungen im Osten<br />
vielfach billiger): Ist daher ein niedrigeres Lohngefüge nicht<br />
gerechtfertigt?</p>
<p><b>Harald Ringstorff:</b> Ich glaube nicht, dass die Lebenshaltungskosten<br />
insgesamt wesentlich niedriger sind im Osten. Sicherlich sind die<br />
Mieten in einigen Teilen des Ostens niedriger und auch Dienstleistungen<br />
sind teilweise kostengünstiger, aber Energiekosten, Wasser-,<br />
Abwassergebühren sind fast flächendeckend im Osten teurer,<br />
sodass man nicht generell von niedrigeren Lebenshaltungskosten im<br />
Osten sprechen kann. Allerdings, wenn ich Hamburg mit Schwerin vergleiche,<br />
kommt man sicherlich in Schwerin mit 10 Prozent weniger Einkommen<br />
genauso gut hin wie in Hamburg mit 10 Prozent mehr.</p>
<p><b>pfanni:</b> Auf welche Wirtschaftsbereiche hat sich<br />
Mecklenburg-Vorpommern spezialisiert? </p>
<p><b>Harald Ringstorff:</b> Mecklenburg-Vorpommern hat seine<br />
traditionellen Wirtschaftszweige fit gemacht für die Zukunft.<br />
Da haben wir einmal die maritime Verbundwirtschaft mit hochproduktiven<br />
Werften, eine moderne Hafeninfrastruktur mit zunehmend besseren<br />
Hinterlandanbindungen und einem schon beachtlichen Netzwerk von<br />
Zulieferfirmen. Ein zweites traditionelles Standbein ist der Tourismus.<br />
Wir sind Tourismusland Nummer eins im Deutschlandtourismus und haben<br />
in diesem Bereich eine Infrastruktur auf neuestem Stand, die, verbunden<br />
mit besten naturräumlichen Voraussetzungen &#8211; sauberster Luft,<br />
sauberstem Wasser und vielfältigen kulturellen Angeboten &#8211;<br />
immer mehr Gäste anzieht. Das dritte traditionelle Standbein<br />
ist die Landwirtschaft. Sie ist hochproduktiv, die produktivste<br />
in ganz Deutschland. Auf Basis dieser Primärproduktion in der<br />
Landwirtschaft hat sich eine sehr moderne und wettbewerbsfähige<br />
Ernährungsgüterindustrie bei uns angesiedelt. Neue Standbeine<br />
sind die Biotechnologie und Medizintechnik. Hier existiert ein Netzwerk<br />
„Biocon-Valley&quot;, aber auch die Informations- und Kommunikationstechnologie<br />
bietet inzwischen viele Arbeitsplätze. Außerdem hat sich<br />
das Bundesland Mecklenburg-Vorpommern zum Ziel gesetzt, Gesundheitsland<br />
Nummer eins in Deutschland zu werden und dazu einen Masterplan entwickelt.
</p>
<p>
<b>matu.:</b> Die Ansiedlung neuer Firmen passiert doch<br />
letztendlich nur im Speckgürtel und in den großen Städten<br />
an der Küste, was ist mit den ländlichen Gebieten wo teilweise<br />
Dörfer fast leer stehen?</p>
<p><b>Harald Ringstorff:</b> Es trifft natürlich zu,<br />
dass entlang der neuen Infrastruktur sich Firmen besonders gern<br />
ansiedeln, beispielsweise an der A20 oder der A24. Aber auch in<br />
ländlichen Regionen tut sich einiges. Als Beispiel nenne ich<br />
die Gießerei Torgelow im Uecker-Randow-Kreis, die eine rasante<br />
Entwicklung nimmt. Außerdem befinden sich Standorte der Ernährungsgüterindustrie<br />
durchaus auch im ländlichen Raum. Und die Landwirte selbst<br />
haben ein neues Standbein entdeckt: Die Produktion alternativer<br />
Energien (Biogas, Biodiesel).
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Noch ist der Wettbewerb zwischen den<br />
Ländern ja noch nicht per Föderalismuskommission verankert.<br />
Aber hier schon die Frage:</p>
<p><b>Leopoldus: </b>Was für einen Vorteil sehen Sie<br />
in Mecklenburg-Vorpommern im direkten Vergleich gegen Bayern?
</p>
<p>
<b>Harald Ringstorff:</b> Zurzeit sehe ich noch keine<br />
Vorteile, wenn ich von einem absehe: der Küstenlage. Bayern<br />
besitzt keine Hafenstandorte. Hafenstandorte sind für viele,<br />
gerade exportorientierte Firmen von immensem Vorteil, insbesondere<br />
dann, wenn sie Großanlagen bauen wie beispielsweise die Firma<br />
Liebherr Großkrananlagen oder die Firma Nordex in Rostock<br />
Windkraftanlagen. Außerdem wüsste ich nicht, dass Bayern<br />
1500km Küstenlinie mit herrlichen Sandstränden hat. Aber<br />
im Prinzip ist es sicherlich noch so, dass wir noch weitere Anstrengungen<br />
unternehmen müssen, um wirtschaftlich weiter voran zu kommen.<br />
Noch sind wir Nehmerland im Länderfinanzausgleich, wie der<br />
gesamte Osten. Darüber täuschen auch einige schon vorhandene<br />
Leuchttürme nicht hinweg.
</p>
<p>
<b>chatter:</b> Wie lange muss der Westen noch dem Osten<br />
mit Strukturhilfen unter die Arme greifen? Von der Infrastruktur<br />
her (vor allem Straßen) liegt der Osten schon vor dem Westen,<br />
wenn man sich die maroden Verkehrswege einmal ansieht.
</p>
<p>
<b>Harald Ringstorff: </b>Ich weiß nicht, ob das<br />
überall zutrifft, das der Osten schon vor dem Westen liegt,<br />
aber eine vernünftige Infrastruktur ist natürlich Voraussetzung<br />
für Firmenansiedlungen. Und ich erinnere daran, dass Bayern<br />
über 30 Jahre Nehmerland im Länderfinanzausgleich war.<br />
So lange sind wir es noch nicht.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Das ist jetzt ein bisschen ein Blick<br />
in die Glaskugel, aber wer sollte eine fundierte Schätzung<br />
abgeben können, wenn nicht ein Praktiker aus der Politik:</p>
<p><b>Stralsunder:</b> Welchen Zeitrahmen sieht die Politik<br />
in Mecklenburg-Vorpommern bis sich der Osten und der Westen Deutschlands<br />
wirtschaftlich auf Augenhöhe begegnen können?
</p>
<p>
<b>Harald Ringstorff:</b> Ich glaube, die Frage kann<br />
man nur schwer beantworten, denn auch im Westen bestehen große<br />
Unterschiede zwischen den einzelnen Regionen. Bis 2019 gilt noch<br />
der Solidarpakt II und ein Solidarpakt III wird es nicht geben.<br />
Sicherlich werden dann etliche Regionen in Ostdeutschland mit Regionen<br />
im Westen gleichgezogen haben. Das gilt aber nicht für den<br />
Osten insgesamt.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Nachfrage zum Thema Tourismus:</p>
<p><b>matu.: </b>Der Nachteil am Tourismus ist aber leider,<br />
dass er stark saisonbedingt schwankt. Im Sommer zu wenig Arbeitskräfte<br />
im Winter zu viel.
</p>
<p>
<b>Junner2003:</b> Sie sprachen zuvor vom Tourismus als<br />
zweites Standbein. Dies wird immer gern als Wirtschaftsfaktor Mecklenburg-Vorpommerns<br />
dargestellt. Da diese Branche sehr saisonbedingt ist, kann man doch<br />
nur gemäßigt von einem Arbeitnehmer-fördernden Prozess<br />
dieser Branche sprechen, oder?
</p>
<p>
<b>Harald Ringstorff:</b> Es ist so, dass der Tourismus<br />
immer noch saisonbedingt ist, aber es gelingt uns zunehmend, die<br />
Saison zu verlängern durch Angebote für Gesundheitstourismus,<br />
aber auch durch kulturelle Angebote. Auf dem Weg zum Gesundheitsland<br />
Nummer eins wollen wir die Saisonabhängigkeit noch weiter verringern.<br />
Inzwischen kann man allerdings in Mecklenburg-Vorpommern auch schon<br />
Ski fahren, wenn auch nur in der Halle. Sicherlich ist es so, dass<br />
Mecklenburg-Vorpommern vom Tourismus allein nicht leben kann. Ich<br />
habe den Tourismus auch nur als eines von drei traditionellen Standbeinen<br />
der Wirtschaft in Mecklenburg-Vorpommern genannt. Trotzdem sehen<br />
wir im Tourismusbereich noch weiteres Entwicklungspotenzial. Gerade<br />
auch in ländlichen Regionen.</p>
<p><b>Ossi Online:</b> Wie sehen Sie denn Mecklenburg-Vorpommern<br />
im Vergleich mit den anderen Ost-Bundesländern? Steht es gut<br />
da oder eher nicht?
</p>
<p>
<b>Harald Ringstorff:</b> Ich glaube, Mecklenburg-Vorpommern<br />
steht recht gut da, obwohl die Ausgangsposition nicht besonders<br />
gut war. Es gelingt uns zunehmend, unsere Wirtschaftsstruktur zu<br />
verbreitern, wir haben ein starkes Wachstum in der gewerblichen<br />
Wirtschaft, der Infrastrukturausbau ist gut vorangekommen und es<br />
ist uns zum Beispiel gelungen, im Jahr 2006 einen ausgeglichenen<br />
Haushalt vorzulegen, was auch in den kommenden Jahren der Fall sein<br />
wird. Einen ausgeglichenen Haushalt haben außer Mecklenburg-Vorpommern<br />
bisher nur Bayern und Sachsen vorgelegt.</p>
<p><b>Dunstger:</b> Was halten Sie von dem Modell eines Oststaates,<br />
beziehungsweise Nordstaates, in dem mehrere ostdeutsche Bundesländer<br />
zusammengelegt werden?</p>
<p><b>labben1,:</b> Was halten sie von einem Nordstaat mit<br />
Hamburg als Hauptstadt?
</p>
<p>
<b>Harald Ringstorff:</b> Beide Fragen sind schon sehr<br />
häufig diskutiert worden, bisher gibt es keine Mehrheiten in<br />
der Bevölkerung für derartige Vorhaben. Ich weiß<br />
nicht, ob sich das in der Perspektive ändern wird. Wir unternehmen<br />
Anstrengungen, um Mecklenburg-Vorpommern als eigenes Bundesland<br />
zu erhalten, sind aber dabei, stärker mit anderen Bundesländern<br />
zu kooperieren um zu Kosteneinsparungen zu kommen. So wird es zum<br />
Beispiel demnächst eine gemeinsame Sitzung von Kabinettsmitgliedern<br />
der Hansestadt Hamburg, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern<br />
geben, um über weitere Kooperationsmöglichkeiten zu reden.<br />
Oder, um es an einem ganz konkreten Beispiel festzumachen: Die norddeutschen<br />
Ministerpräsidenten haben gemeinsam ein Gespräch bei Minister<br />
Tiefensee gehabt, um die wichtigsten Verkehrsprojekte in gesamt<br />
Norddeutschland vorzustellen und für ihre schnelle Realisierung<br />
zu werben.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Vielleicht mal allgemeiner gefragt:<br />
Sind 16 Bundesländer nötig oder geht es auch mit weniger?
</p>
<p>
<b>Harald Ringstorff:</b> Ich nehme an, dass es auch<br />
mit weniger gehen würde. Dazu muss es aber politische Mehrheiten<br />
geben und die sehe ich zurzeit nicht.
</p>
<p>
<b>academili:</b> Sie regieren ja im Kleinen in einer<br />
Großen Koalition &#8211; wie fällt Ihr Vergleich mit der Bundesregierung<br />
aus?
</p>
<p>
<b>Harald Ringstorff:</b> Wir regieren noch nicht so<br />
lange in der Großen Koalition wie im Bund in dieser Konstellation<br />
regiert wird. Bisher läuft die Regierungsarbeit bei uns weitestgehend<br />
unaufgeregt und konfliktfrei und ich hoffe im Interesse des Landes,<br />
dass das auch so bleibt. Sicher müssen in solch einer Konstellation<br />
beide Koalitionspartner auch kompromissfähig sein.</p>
<p><b>heartCore:</b> Warum haben Sie die Zusammenarbeit mit<br />
der Linken abgebrochen? Denken Sie, dass diese Mecklenburg-Vorpommern<br />
nicht vorwärts gebracht hat? Dabei ist doch unter dieser Legislaturperiode<br />
die Arbeitslosigkeit beispielsweise zurückgegangen oder?
</p>
<p>
<b>Harald Ringstorff:</b> Es trifft zu, dass die Arbeitslosigkeit<br />
insbesondere zum Ende der letzten Legislaturperiode zurückgegangen<br />
ist und dass wir in der Koalition mit der PDS erfolgreich Investorenwerbung<br />
betrieben und einige wichtige Reformvorhaben angestoßen haben.<br />
Trotzdem waren wir der Meinung, dass man zum Regieren in Mecklenburg-Vorpommern<br />
stabile Mehrheiten braucht und Rot-Rot hätte derzeit nur eine<br />
Stimme Mehrheit.
</p>
<p>
<b>jakobine:</b> Seit 2006 sitzen Abgeordnete der rechtspopulistischen<br />
NPD im Landtag von Mecklenburg-Vorpommern &#8211; wie geht das Landesparlament<br />
damit um? Behindern die NPDler Ihre Arbeit?<br />
dickn: Wie erklären Sie sich den Erfolg der NPD und wie sieht<br />
Ihre Strategie aus, diesen zu hemmen?
</p>
<p>
<b>Harald Ringstorff:</b> Es ist in der Tat so, dass<br />
einige Abgeordnete der NPD im Landtag sitzen und versuchen, die<br />
parlamentarische Arbeit zu stören. Es gibt einen Kompromiss<br />
der demokratischen Parteien zum Umgang mit der NPD, um nicht auf<br />
deren Provokationen hereinzufallen. Der NPD ist an spektakulären<br />
öffentlichen Auftritten gelegen. Sacharbeit in Ausschüssen<br />
wird nicht geleistet. Es gibt im Land zunehmend Bündnisse gegen<br />
Rechts, die Landesregierung hat beschlossen, Zentren für Demokratie<br />
und Toleranz einzurichten, um die Arbeit gegen die NDP zu unterstützen.<br />
Es ist so, dass die NPD versucht, ihre Kräfte jeweils auf ein<br />
Bundesland zu konzentrieren und so nach und nach in die Parlamente<br />
mehrerer Bundesländer einzuziehen. Ich hoffe, dass durch entschlossenes<br />
Handeln aller Demokraten in der nächsten Legislaturperiode<br />
keine NPD-Abgeordneten mehr im Landtag sitzen werden.</p>
<p><b>JoergT:</b> Sind Sie dafür, die NPD zu verbieten?</p>
<p><b>Harald Ringstorff:</b> Es ärgert mich schon, dass<br />
die NPD auch Steuergelder erhält. Sie ist eine Partei, die<br />
die freiheitlich-demokratische Grundordnung beseitigen will, das<br />
wird ganz offen ausgesprochen. Ein neues Verbotsverfahren muss jedoch<br />
sehr gut vorbereitet werden. Ein zweites Scheitern darf es in diesem<br />
Punkt nicht geben.</p>
<p><b>Moderator:</b> Aber Sie befürworten ein zweites<br />
Verbotsverfahren?</p>
<p><b>Harald Ringstorff:</b> Wenn es gut vorbereitet ist<br />
und die Fachleute zu der Auffassung kommen, dass das Risiko des<br />
Scheiterns entsprechend klein ist, bin ich der Auffassung, dass<br />
ein zweiter Anlauf gewagt werden sollte.</p>
<p><b>walserfamily:</b> Sind Sie der Meinung, dass die demokratischen<br />
Parteien sich einig genug sind um dieser „Bedrohung&quot;<br />
entschlossen zu begegnen? Oder könnte man hier noch mehr zusammenarbeiten?
</p>
<p>
<b>Harald Ringstorff:</b> Ich habe schon gesagt, dass<br />
die demokratischen Parteien in Mecklenburg-Vorpommern in dieser<br />
Frage sehr eng zusammenarbeiten. Allerdings muss man noch mehr darauf<br />
aufmerksam machen, dass es sich bei der NPD tatsächlich um<br />
eine Bedrohung unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung<br />
handelt.</p>
<p><b>ThomasHH:</b> Sie haben eine lange Erfahrung als Regierungschef<br />
einer rot-roten Koalition. Sehen Sie dafür auch eine Chance<br />
auf Bundesebene, möglicherweise ergänzt durch die Grünen?</p>
<p><b>Harald Ringstorff:</b> Diese Chance sehe ich auf Bundesebene<br />
nicht. Vor allen Dingen die außenpolitischen Positionen der<br />
Linken sind mit unseren Positionen nicht vereinbar und würden<br />
Deutschland außenpolitisch in die Isolation treiben.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Das betont auch Außenminister<br />
Steinmeier immer wieder. Glauben Sie nicht an eine Kompromissfähigkeit<br />
der Linken? So was kommt ja manchmal erst mit dem ersten konkreten<br />
Angebot.<br />
Harald Ringstorff: Ich kenne keine solchen Kompromissangebote der<br />
Linken und ich halte nicht viel von Diskussionen nach dem Motto<br />
„Wenn der Pott nun aber ein Loch hat &#8230;&quot;.
</p>
<p>
<b>samo:</b> War es Ihr Ernst, dass auch weitere G8-Gipfel<br />
in Mecklenburg-Vorpommern stattfinden sollten? Fanden Sie die Bilder<br />
von Polizeiaufgebot und Demonstranten denn so vorteilhaft für<br />
das Bundesland?</p>
<p><b>Harald Ringstorff:</b> Es sind viele Bilder von friedlichen<br />
Demonstranten und von der schönen Küste Mecklenburg-Vorpommerns<br />
in die Welt gegangen. Daran ändert auch nichts, dass es vor<br />
Beginn des Gipfels bei der Sonnabend-Demonstration in Rostock Ausschreitungen<br />
gegeben hat. Es hat sowohl im Vorfeld des Gipfels als auch während<br />
des Gipfels und danach Journalistenreisen durch Mecklenburg-Vorpommern<br />
gegeben, durch die unser Bundesland international bekannter geworden<br />
ist. Lieber wäre es mir natürlich gewesen, wenn Gewaltbilder<br />
überhaupt nicht über den Bildschirm gegangen wären,<br />
das heißt, es wäre mir lieber gewesen, wenn alles friedlich<br />
verlaufen wäre.
</p>
<p>
<b>Moderator</b>: Bemerkung von:
</p>
<p>
<b> ui</b>: &#8230;und Bilder von Tornados, die friedliche<br />
Demonstranten fotografieren wollten.<br />
<b><br />
Moderator:</b> Und Frage von:</p>
<p><b>kaulomart:</b> Inwiefern waren Ihnen die Maßnahmen<br />
zum Einsatz der Bundeswehr rund um Heiligendamm während des<br />
G8-Gipfels im Vorhinein bekannt und wie weit haben Sie ihnen zugestimmt?</p>
<p><b>Harald Ringstorff:</b> Es sind keine Tornados eingesetzt<br />
worden, um Demonstranten zu filmen oder Kfz-Kennzeichen festzustellen.<br />
Die Tornados sind eingesetzt worden, um Erddepots und Veränderungen<br />
der Oberflächenstruktur sichtbar zu machen. Das war, glaube<br />
ich, wichtig, denn nach dem 11. September 2001 ist gerade bei solchen<br />
politischen Veranstaltungen wie dem G8-Gipfel höchste Alarmstufe<br />
angesagt. Weil man mit terroristischen Anschlägen rechnen muss.<br />
Zu den konkreten Hilfeersuchen an die Bundeswehr hat es keine Kabinettsbefassung<br />
gegeben.</p>
<p><b>Moderator:</b> Das war&#8217;s, die tagesschau-Chat-Stunde<br />
ist schon wieder vorbei. Das Protokoll mit allen Fragen und Antworten<br />
folgt zum Nachlesen und für alle, die den Chat nicht verfolgen<br />
konnten in Kürze auf den Seiten www.tagesschau.de und www.politik-digital.de.<br />
Vielen Dank an alle User für Ihr Interesse und noch einmal<br />
vielen Dank nach Schwerin an Ministerpräsident Ringstorff!<br />
Noch ein Terminhinweis: Am Donnerstag lädt Kanzlerin Angela<br />
Merkel zum Nationalen Integrationsgipfel nach Berlin. Wir haben<br />
aus diesem Anlass die SPD-Bundestagsabgeordnete Lale Akgün<br />
zum Chatten eingeladen und freuen uns, wenn Sie ab dreizehn Uhr<br />
dabei sind. tagesschau.de und politik-digital.de wünschen allen<br />
Beteiligten noch einen schönen Abend!</p>
]]></content:encoded>
					
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			</item>
		<item>
		<title>&#034;Kernkraft senkt die Energie-Emissionen&#034;</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Alina Barenz]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 02 Jul 2007 23:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Chattranscripte]]></category>
		<category><![CDATA[Bundespolitik]]></category>
		<category><![CDATA[Studie]]></category>
		<category><![CDATA[Umweltpolitik]]></category>
		<category><![CDATA[Energiepolitik]]></category>
		<category><![CDATA[Klimaschutz]]></category>
		<category><![CDATA[Michael Schlesinger]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://www.politik-digital.de/uncategorized/quotkernkraft_senkt_die_energieemissionenquot-520/</guid>

					<description><![CDATA[<p>
<span class="fett"> Am 3. Juli 2007 war der Energie-Experte Michael
Schlesinger vom Prognos-Insitut zu Gast im tagesschau-Chat in Kooperation
mit politik-digital.de. <span style="font-family: Arial,Helvetica,sans-serif">Für
den Energiegipfel der Bundesregierung am 3. Juli 2007 hat sein Institut
die Zukunft von Energiepolitik und Klimaschutz durchgerechnet -
inklusive Weiternutzung der Atomkraft.</span></span>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>
<span class="fett"> Am 3. Juli 2007 war der Energie-Experte Michael<br />
Schlesinger vom Prognos-Insitut zu Gast im tagesschau-Chat in Kooperation<br />
mit politik-digital.de. <span style="font-family: Arial,Helvetica,sans-serif">Für<br />
den Energiegipfel der Bundesregierung am 3. Juli 2007 hat sein Institut<br />
die Zukunft von Energiepolitik und Klimaschutz durchgerechnet &#8211;<br />
inklusive Weiternutzung der Atomkraft.</span></span><!--break-->
</p>
<p>
<b><b><b>Moderatorin: </b></b></b><br />
Herzlich willkommen im tagesschau-Chat. Heute ist Michael Schlesinger<br />
zu uns ins ARD-Hauptstadtstudio gekommen. Er ist Direktor und Chefökonom<br />
des Prognos-Institutes und hat für den heutigen Energiegipfel<br />
der Bundesregierung Zukunftsszenarien entwickelt. Für Sie,<br />
liebe User, eine gute Gelegenheit, Fragen rund um die Energie an<br />
einen Experten zu richten. Herr Schlesinger, ich begrüße<br />
Sie, können wir beginnen?
</p>
<p>
<b><b>Michael Schlesinger:</b></b> Können<br />
wir. 
</p>
<p align="center">
<img decoding="async" src="http://www.politik-digital.de/salon/photos/mschlesinger85x.jpg" alt="Michael Schlesinger" align="absmiddle" height="120" width="85" /><br />
<i> Michael Schlesinger,<br />
Direktor und Chefökonom des Prognos-Institutes </i>
</p>
<p>
<br />
<b> kohlenstoff:</b> Es gibt ja wohl drei Szenarien in<br />
ihrer Studie. Können Sie die mal beschreiben?
</p>
<p>
<b><b>Michael Schlesinger:</b></b> Also die<br />
Szenarien beruhen zunächst mal &#8211; das sollte man vorweg sagen<br />
&#8211; auf der Annahme, dass die Wirtschaft in Deutschland mit 1,7 Prozent<br />
pro Jahr wächst, dass die Bevölkerung leicht zurückgeht<br />
bis zum Jahr 2020 und dass die Zahl der privaten Haushalte noch<br />
etwas ansteigt. <br />
Dann war es eine ganz wichtige Vorgabe, dass sich die Energieproduktivität<br />
&#8211; das ist eine Größe, die angibt, wie viel Bruttoinlandsprodukt<br />
pro Energieeinheit man erwirtschaften kann &#8211; zwischen 1990 und 2020<br />
verdoppelt. Das ist ein Ziel, das auch im Koalitionsvertrag (KV)<br />
festgelegt ist. Und das bedeutet dann, dass sich zwischen 2005 und<br />
2020 die Energieproduktivität jedes Jahr um drei Prozent steigern<br />
muss. <br />
Eine weitere Annahme ist, dass der Ölpreis bis 2015 zurückgeht<br />
und dann wieder ansteigt. 2020 sind es dann so etwa 50 US-Dollar<br />
pro Barrel. Das zweite Szenario hatte einen stärkeren Ausbau<br />
der erneuerbaren Energie (EE) als Vorgabe und im dritten Szenario<br />
ist die Laufzeit der Kernkraftwerke verlängert worden, also<br />
anders als in der Vereinbarung zwischen Bundesregierung und Kraftwerkswirtschaft<br />
vorgesehen.
</p>
<p>
<b><b>Moderatorin: </b> </b>Gab es signifikante<br />
Unterschiede in den Ergebnissen?
</p>
<p>
<b>Michael Schlesinger:</b> Zunächst mal geht in<br />
allen Szenarien der Energieverbrauch zurück und die CO2-Emissionen<br />
gehen zurück. Zwischen dem ersten Szenario (KV) und dem zweiten<br />
(EE) sind die Unterschiede bei den CO2-Emissionen nicht allzu gravierend.<br />
Zwischen 1990 und 2020 gehen die Treibhausgas-Emissionen im Szenario<br />
KV um 39 Prozent zurück und im Szenario EE um 42 Prozent und<br />
im Szenario mit den verlängerten Laufzeiten der Kernkraftwerke<br />
(KKW) ist der Rückgang 45 Prozent. Also sieht man schon Unterschiede<br />
zwischen den Szenarien.
</p>
<p>
<b>Bernd58: </b>Welches Energiekonzept würden Sie<br />
sich für Deutschland wünschen?
</p>
<p>
<b>Michael Schlesinger:</b> Also einmal brauchen wir<br />
für Deutschland einen breiten Energiemix, das heißt,<br />
wir brauchen sowohl Kohle, Gas und erneuerbare Energien. Bei der<br />
Kernkraft muss man politisch entscheiden, ob die Risiken getragen<br />
werden sollen. Und wir brauchen ein Energiekonzept, dass die Verbesserung<br />
der Energieeffizienz zum Ziel setzt, weil sich damit gleich mehrere<br />
Fliegen mit einer Klappe schlagen lassen.
</p>
<p>
<b>Holgi:</b> Welche Argumente liefert ihre Studie den<br />
Atomkraftbefürwortern (oder den Gegnern)?
</p>
<p>
<b>Michael Schlesinger:</b> Den Befürwortern liefern<br />
sie Ergebnisse, dass die Energieemissionen weiter gesenkt werden<br />
können und die Energieversorgung und die Stromversorgung insgesamt<br />
billiger ist als in den anderen Szenarien. Den Gegnern der Kernenergie<br />
liefert die Studie das Argument, dass man auch ohne Kernenergie<br />
rund 40 Prozent CO2-Emissionsreduktion erreichen kann, allerdings<br />
immer unter der Voraussetzung, dass die Energieproduktivität<br />
um drei Prozent pro Jahr steigt, was nach meiner Einschätzung<br />
sehr ambitioniert ist.
</p>
<p>
<b>Dipl.-Phys. MH: </b>Die fossilen Brennstoffe werden<br />
in absehbarer Zeit nicht mehr zur Verfügung stehen, gibt es<br />
eigentlich wirkliche (nicht politische) Alternativen zum Atom?
</p>
<p>
<b>Calvin:</b> Ist es wirklich sinnvoll, deutsche AKWs<br />
zu schließen und dann Strom eventuell aus Nachbarländern<br />
einzukaufen, die schlechtere Sicherheit in den AKWs haben?
</p>
<p>
<b>Michael Schlesinger:</b> Man kann da sehr viele Argumente<br />
abwägen. Letztlich kann man das aus wissenschaftlicher Sicht<br />
nicht eindeutig belegen. Was man festhalten kann, ist, dass, wie<br />
die Szenarien gezeigt haben, sich die Emissionen leichter reduzieren<br />
lassen und dass man Strom kostengünstiger produzieren kann.<br />
Nun sind mit der Kernkraft Risiken verbunden. Zum einen entstehen<br />
Abfälle und zum anderen gibt es das Risiko im Betrieb. Und<br />
letztlich müssen diese Risiken gegen Vorteile abgewogen werden.<br />
Das kann im Grunde nur in einem gesellschaftlichen Prozess passieren.
</p>
<p>
<b>thomasK: </b>Haben Sie auch eine sinnvolle Lösung<br />
für die Lagerung des Atommülls?
</p>
<p>
<b>Michael Schlesinger:</b> Ich habe da keine sinnvolle<br />
Lösung. Man kann nur schwer absehen, ob es eine geben wird.<br />
Es sind eben die beiden Risiken und das Lagerungsrisiko, das man<br />
dabei bedenken muss.
</p>
<p>
<b>Moderatorin: </b> In der Studie werden Voraussetzungen<br />
gemacht, zum Beispiel ein Wirtschaftswachstum von 1,7 Prozent jährlich<br />
bis 2020. Mit Blick auf das schlechte Wachstum noch vor ein paar<br />
Jahren ist das ganz schön viel. Wie belastbar sind die Aussagen<br />
noch, wenn das Wirtschaftswachstum weniger stark ausfällt?
</p>
<p>
<b>Michael Schlesinger:</b> 1,7 Prozent sind gemessen<br />
an der Vergangenheit wirklich viel, kann man sagen. Aber es ist<br />
nicht ausgeschlossen, dass es so kommt. Man muss zwei Effekte sehen:<br />
Wenn die Wirtschaft langsamer wächst, bedeutet das weniger<br />
Energieverbrauch. Auf den zweiten Blick relativiert sich das ein<br />
bisschen. Und zwar deshalb, weil bei schwachem Wirtschaftswachstum<br />
weniger investiert wird und auch weniger Einkommen zur Verfügung<br />
steht. Das bedeutet dann beispielsweise, dass in der Industrie neue<br />
Anlagen nicht in Betrieb genommen werden, die Energie einsparen,<br />
dass Gebäude nicht isoliert werden oder dass Sprit schluckende<br />
Autos länger gefahren werden. Aber wenn man mal alles zusammen<br />
nimmt, glaube ich, dann wäre bei weniger Wirtschaftswachstum<br />
der Energieverbrauch niedriger. Auf jeden Fall, wenn man drei Prozent<br />
als Vorgabe hat.
</p>
<p>
<b>Grolle:</b> Sie waren vermutlich beim Energiegipfel.<br />
Wie war denn die Stimmung dort zwischen Industrie und Politik?
</p>
<p>
<b>Michael Schlesinger:</b> Ich will das nicht im Einzelnen<br />
darlegen, aber ich fand die Stimmung konstruktiv. Ich hatte nach<br />
der Presseberichterstattung im Vorfeld erwartet, dass dort mehr<br />
Konfrontation entsteht.
</p>
<p>
<b>MalleP:</b> Bleibt das Klimaschutzziel beim Energiegipfel<br />
wirklich ein frommer Wunsch?
</p>
<p>
<b>Michael Schlesinger:</b> Das Klimaschutzziel ist aus<br />
meiner Sicht ganz wichtig, auch beim Gipfel. Es ist auch immer wieder<br />
betont worden.
</p>
<p>
<b>Truko: </b>Kann die Bundesregierung an den Stromkonzernen<br />
vorbei regulieren? Das sind doch Global Player!
</p>
<p>
<b>Michael Schlesinger:</b> Die Bundesregierung kann<br />
natürlich im Rahmen ihrer Kompetenzen die Regeln für den<br />
Strommarkt aufstellen. Da ist man ja auch dabei und die Regulierungsbehörde<br />
geht ja jetzt mehr in die Richtung, die Preise im Strombereich nach<br />
unten zu bringen und den Wettbewerb zu stärken. Insofern denke<br />
ich, dass die Politik da eine wichtige Rolle spielt.
</p>
<p>
<b>Moderatorin: </b> Utz Claasen, Chef des Energiekonzerns<br />
EnBW hält gar nichts vom Ziel, beim Energieverbrauch jährlich<br />
drei Prozent effektiver zu werden. Das sei eine Illusion, meinte<br />
er im „Bericht aus Berlin“. Woher kommt diese Skepsis<br />
und der Widerstand der Energieerzeuger?
</p>
<p>
<b>Michael Schlesinger:</b> Diese drei Prozent sind einfach<br />
ein sehr hohes Ziel. Wenn man mal in die Vergangenheit schaut, lag<br />
dieser Wert eher so im Bereich ein bis zwei Prozent und um diese<br />
drei Prozent zu erreichen, müssten in allen Bereichen (Haushalte,<br />
Industrie, Fahrzeuge, &#8230;) sehr viele Maßnahmen ergriffen<br />
werden, die zur Effizienzsteigerung beitragen. Das ist technisch<br />
zwar möglich, aber es gibt doch zahlreiche Hemmnisse, die dem<br />
entgegenstehen. Vielleicht dazu ein Beispiel: Wenn heute ein Hausbesitzer<br />
sein Gebäude isoliert, also auf den neuesten Stand bringt,<br />
dann kann er die daraus resultierenden Energieeinsparungen seinen<br />
Mietern nur zum Teil weitergeben. Da besteht noch ein großes<br />
Hemmnis. Das so genannte Vermieter-Mieter-Dilemma. Oft ist es auch<br />
so, dass beispielsweise der Verbraucher gar nicht weiß, wo<br />
er Energie einsparen kann. Und das es sich im Einzelfall auch rechnet.<br />
Dass es billiger ist, ein teureres Gerät zu kaufen und nachher<br />
weniger Energiekosten zu haben. Beispiel ist die Energiesparleuchte.
</p>
<p>
<b>kkkk-lllll: </b>Wie sehen Sie das Energieeinspar-Verhalten<br />
der Bürger? Und bringt das überhaupt was im Vergleich<br />
zu dem, was die Industrie sparen kann?
</p>
<p>
<b>Michael Schlesinger:</b> Bei den privaten Haushalten<br />
wird ein Großteil der Energie für die Gebäudeheizung<br />
gebraucht. Da kann man jede Menge einsparen. Das würde aber<br />
bedeuten, dass, wenn Gebäude saniert werden, man dann auch<br />
eine energetische Sanierung durchführen müsste. Also beispielsweise<br />
die Außendämmung verbessern, das Dach vernünftig<br />
dämmen, Kellerdecke und so weiter. Und dann idealerweise auch<br />
noch eine Heizanlage einbauen, die der modernsten Technik entspricht<br />
und auf das nur wenig Energie verbrauchende Gebäude abgestimmt<br />
ist. Genauso könnte man dadurch sparen, dass man sparsame Waschmaschinen<br />
kauft oder auch dadurch, dass man sich ein kleineres Auto anschafft.<br />
Ich glaube, dass es im Bereich der privaten Haushalte ein ganz enormes<br />
Einsparpotenzial gibt und ein Teil davon kann schon durch reine<br />
Verhaltensänderung realisiert werden.
</p>
<p>
<b>Moderatorin: </b> Hier kommt mehr ein Kommentar als<br />
eine Frage:
</p>
<p>
<b>uranbob: </b>Energiesparen ist ja eine feine Sache,<br />
doch wächst der tägliche Stromverbrauch doch auch seit<br />
den letzten Jahren.
</p>
<p>
<b>Michael Schlesinger:</b> Das stimmt. Ein Grund dafür<br />
ist sicherlich, dass die Ausstattung mit Kommunikationsgeräten<br />
zunimmt. Das führt zu einem höheren Verbrauch, selbst<br />
wenn die Geräte an sich effizienter sind. Gerade weil das so<br />
ist, müsste mehr darauf geachtet werden, dass man energiesparende<br />
Geräte kauft und auch da gibt es ja Kampagnen der deutschen<br />
Energieagentur, die auch dort Informationen für die Verbraucher<br />
bereitstellt. Das tun im Übrigen auch Energieversorger und<br />
in der EU wird an diesem Thema auch intensiv gearbeitet.
</p>
<p>
<b>troll: </b>Mit welchen Maßnahmen wird die Industrie<br />
auf die ehrgeizigen Klimaschutzziele der Regierung reagieren? Welche<br />
Kosten sind zu erwarten?
</p>
<p>
<b>Michael Schlesinger:</b> Es gibt Branchen, zum Beispiel<br />
die Stahlindustrie, da gibt es einfach physikalische Grenzen für<br />
die Absenkung des Energieverbrauchs. Dann gibt es viele Unternehmen<br />
und Branchen, in denen spielt die Energie als Kostenfaktor keine<br />
so große Rolle. Und gerade dort gibt es sicherlich noch Potenzial,<br />
das man ausschöpfen kann, um Energie einzusparen. Beispiele<br />
dafür sind elektronisch geregelte Antriebe oder Pumpen, Benutzung<br />
von Druckluft oder aber auch die Abwärmenutzung. Da gibt es<br />
schon Potenziale, die letztlich nicht unbedingt mit Kostensteigerungen<br />
verbunden sind. Aber die Frage ist für ein Unternehmen immer:<br />
Soll es lieber in Markterweiterung investieren oder Energieeinsparung.<br />
Und da steht die Energieeinsparung in Konkurrenz mit anderen und<br />
vielleicht rentableren Investitionen.
</p>
<p>
<b>klotzz: </b>Die Wirtschaft sagt, der ganze Klimaschutzkram<br />
bremst die wirtschaftliche Entwicklung. Sie sind ja Ökonom.<br />
Ist das nachvollziehbar?
</p>
<p>
<b>Michael Schlesinger:</b> Auch da muss man ganz stark<br />
differenzieren. Es gibt sicherlich Unternehmen, für die ist<br />
der Klimaschutz mit Mehrkosten verbunden. Und das kann dann bei<br />
diesen Unternehmen auch dazu führen, dass sie langsamer wachsen<br />
oder die Produktion verlagern. Aber ebenso gibt es Unternehmen,<br />
die Vorteile aus dem Klimaschutz haben. Denken Sie beispielsweise<br />
an Hersteller von Dämmmaterial für Gebäude oder die<br />
Hersteller von Windkraftanlagen oder Solarzellen. Ich denke insgesamt<br />
führt Klimaschutz nicht zu langsamerem Wachstum &#8211; aber zu Umstrukturierungen<br />
in der Wirtschaft. Und sie kann den Strukturwandel beschleunigen.
</p>
<p>
<b>Helios:</b> Wird es, falls Deutschland seine ambitionierten<br />
Klimaschutzvorhaben in die Tat umsetzt, nicht zu einer massiven<br />
Abwanderung einiger Industriezweige kommen?
</p>
<p>
<b>Michael Schlesinger:</b> Man muss schon sehen, dass,<br />
wenn Deutschland sehr anspruchsvolle Klimaziele verfolgt, man sich<br />
nicht zu weit von den anderen Ländern entfernen darf. Denn<br />
wenn das der Fall wäre, wenn also Produktion nur verlagert<br />
wird, ist dem Klima damit weltweit nicht geholfen. Deswegen ist<br />
es wichtig, auf diesen Abstand zu achten und die anderen Länder<br />
mitzuziehen. Das ist letztlich wieder eine Frage der Politik, wie<br />
beispielsweise innerhalb der EU Klimaschutzziele verteilt werden.<br />
Und ganz wichtig ist es, gerade auch die Entwicklungsländer<br />
hier einzubinden, weil von dort die stärksten Steigerungsraten<br />
bei den Emissionen zu erwarten sind.
</p>
<p>
<b>loggoo:</b> Wie sieht das eigentlich in anderen Ländern<br />
aus? Werden da solche Diskussionen auch geführt? Haben Sie<br />
dazu mal Studien gemacht?
</p>
<p>
<b>Michael Schlesinger:</b> Studien haben wir nicht gemacht,<br />
aber man bekommt so einiges mit. Wenn man sich mal anschaut, wie<br />
die Klimaschutzerfolge in anderen Ländern sind: Deutschland<br />
und England sind auf dem Weg, die Ziele zu erreichen, bei den anderen<br />
Ländern sieht es nicht so gut aus. Ich denke auch, dass die<br />
Energieversorgung in vielen anderen Ländern weniger unter dem<br />
Aspekt des Klimaschutzes gesehen wird, als mehr unter dem der Versorgungssicherheit.<br />
Deswegen ist auch da eine Diskussion um die Steigerung der Energieproduktivität<br />
ganz wichtig, weil die dazu beiträgt, auch die Abhängigkeit<br />
zu verringern.
</p>
<p>
<b>Moderatorin: </b> Sie haben die EU schon erwähnt,<br />
aber noch einmal konkret:
</p>
<p>
<b>Falbala: </b>Welche Rolle spielt eigentlich die EU<br />
bei den Klimaschutzbestrebungen?
</p>
<p>
<b>Michael Schlesinger:</b> Die EU treibt ja den Klimaschutz<br />
auch ganz klar mit voran. Sie hat sich jetzt auch sehr anspruchsvolle<br />
Ziele gesetzt, sowohl was die Effizienz angeht, als auch was die<br />
erneuerbaren Energien angeht. Dahinter steht letztlich Klimaschutz<br />
und die Verringerung der Abhängigkeit. Insofern kommt der EU<br />
eine wichtige Rolle beim Klimaschutz zu.
</p>
<p>
<b>Dipl.-Phys. MH:</b> Die Wirtschaft? Die Stromkonzerne<br />
sind an einem Haartrockner mit fünf Watt genauso interessiert<br />
wie die Mineralölkonzerne am Drei-Liter-Auto. Sie als Ökonom<br />
wissen das sehr viel besser als ich. Aber wäre es nicht sinnvoll,<br />
sich mal die drei Kurven anzusehen: Stromerzeugung: Kosten, Umweltbelastung<br />
und mögliche Gefahren &#8211; rein mathematisch muss es für<br />
die drei Kurven ein gemeinsames Minimum geben.
</p>
<p>
<b>Michael Schlesinger:</b> Natürlich ist es so,<br />
dass Stromkonzerne Strom verkaufen wollen und Mineralölkonzerne<br />
Öl. Aber ich glaube nicht, dass das einem wirksamen Klimaschutz<br />
entgegen steht. Man braucht nur ein Zwischenglied, das ist dieses<br />
so genannte Contracting. Dabei verkauft Ihnen der Stromkonzern zum<br />
Beispiel nicht mehr den Strom, sondern dass ihr Gebäude beleuchtet<br />
ist. Dann wird er im eigenen Interesse dort Energiesparleuchten<br />
einsetzen, weil das im Zweifel günstiger ist, als den Strom<br />
zu liefern. Letztlich verdient dann der Stromkonzern daran, dass<br />
er die Dienstleistung „Licht&quot; verkauft und nicht mehr<br />
den Strom. In die Richtung müsste aus meiner Sicht noch viel<br />
mehr gedacht und gemacht werden.
</p>
<p>
<b>mule: </b>Was halten Sie von dem Vorgehen der Japaner,<br />
nachdem der Markt sich immer nach dem sparsamsten zur Verfügung<br />
stehenden Elektrogerät richten muss?
</p>
<p>
<b>Michael Schlesinger:</b> Das ist ein sehr anspruchsvolles<br />
Vorgehen. Mit dem man auch hier den Energieverbrauch stärker<br />
absenken kann, als es zur Zeit mit den üblichen Maßnahmen<br />
der Fall ist. Wir haben ja heute nur diese Kennzeichnung von Elektrogeräten<br />
nach Effizienzklassen und der Verbraucher entscheidet sich dann<br />
nicht immer für das effizienteste Gerät.
</p>
<p>
<b>Moderatorin: </b> Noch mehr Technik:
</p>
<p>
<b>bigTom2000: </b>Kann man auf lange Sicht auf Energie<br />
aus Fusionsreaktoren hoffen oder ist die Forschung noch zu weit<br />
am Anfang, um darüber genaueres sagen zu können? Und wie<br />
umweltfreundlich und wirtschaftlich wäre diese Technologie<br />
einzuschätzen?
</p>
<p>
<b>Michael Schlesinger:</b> Wir sind heute noch sehr<br />
weit davon entfernt, dass das wirklich wirtschaftlich nutzbar wäre.<br />
Innerhalb der nächsten 50 Jahre ist von dieser Seite sicherlich<br />
kein Beitrag zur Energieversorgung zu erwarten, was danach kommt,<br />
ist kaum einzuschätzen, aber ich bin da sehr skeptisch.
</p>
<p>
<b>Moderatorin: </b> Noch einmal zum Energiesparen im<br />
Kleinen:
</p>
<p>
<b>muftoni: </b>Wie sehen Sie die Ökobilanz bezüglich<br />
dem Kauf neuer, energiesparender Autos/Geräte gegenüber<br />
dem „Aufbrauchen&quot; existierender?
</p>
<p>
<b>Michael Schlesinger:</b> Es ist schon sinnvoll, ein<br />
Auto, nachdem es zehn oder zwölf Jahre alt ist, auszutauschen.<br />
Es muss ohnehin irgendwann technisch ausgetauscht werden. Dann sollte<br />
man auf ein möglichst energieeffizientes umsteigen. Wann jetzt<br />
unter Berücksichtigung der Emission und des Energieverbrauchs<br />
bei der Produktion der Fahrzeuge der günstigste Zeitpunkt ist,<br />
kann ich beim besten Willen nicht sagen.
</p>
<p>
<b>Frutzlbub: </b>Tragen nicht die Konzerne am meisten<br />
zur Energieverschwendung bei, indem sie Produkte mit Verfallsdatum<br />
produzieren (zum Beispiel Kühlschränke mit beabsichtigt<br />
niedriger Lebensdauer) und so eine Wegwerfgesellschaft erzeugen?
</p>
<p>
<b>Michael Schlesinger:</b> Ich denke, es gibt ja schon<br />
Produkte auf dem Markt, die deutlich länger halten als andere.<br />
Diese Produkte haben meist auch einen höheren Preis. Und die<br />
entscheidende Frage ist jetzt, ob der Verbraucher bereit ist, beim<br />
Kauf eines Gerätes eben das teurere zu wählen, das dann<br />
länger hält. Es ist ganz schwer zu sagen, ob nun eher<br />
die Industrie oder der Verbraucher schuld ist. Denn letztlich stellt<br />
die Industrie das her, was der Verbraucher nachfragt und wenn sich<br />
der Verbraucher letztlich für das bessere Gerät entscheidet,<br />
wird es langfristig auch bei der Industrie zu einem gewissen Umschwenken<br />
führen. Das setzt immer voraus, dass der Verbraucher die Möglichkeit<br />
und die Bereitschaft hat, mehr auszugeben.
</p>
<p>
<b>Moderatorin: </b> Zurück zu Ihrer Studie. „Sonntag&quot;<br />
will wissen:
</p>
<p>
<b>sonntag:</b> Sie haben die Szenarien für den<br />
heutigen Gipfel entwickelt. Wer sind die Auftraggeber?
</p>
<p>
<b>Michael Schlesinger:</b> Auftraggeber war das Wirtschaftsministerium<br />
und die Szenarien sind in einem größeren Kreis zwischen<br />
Wirtschaftsministerium, Umweltministerium und Bundeskanzleramt abgestimmt<br />
worden.
</p>
<p>
<b>Eindringling: </b>Halten Sie die Ergebnisse der <a href="http://www.ipcc.ch/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">IPCC</a>-Berichte<br />
für so gesichert, dass man sie als feste Grundlage der Energiepolitik<br />
ansehen kann [Das IPCC ist eine zwischenstaatliche Sachverständigengruppe<br />
über Klima-Änderungen, Anm. d. Red.] Es wurde ja massive<br />
Kritik an der Arbeitsweise des IPCC laut.
</p>
<p>
<b>Michael Schlesinger:</b> Im IPCC-Bericht steht, dass<br />
die Klimaveränderung unterwegs ist. Da gibt es dann Spannweiten,<br />
die zeigen, wie das Klima sich verändern wird in Abhängigkeit<br />
vom Treibhausgasausstoß. Ich bin jetzt nicht der Klimaexperte,<br />
aber ich denke, dass vieles darauf hindeutet, dass an den Studien<br />
etwas dran ist. Und dass man, wenn man Vorsorge betreibt, als verantwortungsvoller<br />
Politiker auch auf diese Studien achten sollte und Klimaschutz als<br />
eine wichtige Aufgabe begreift.
</p>
<p>
<b>Mondragon:</b> Herr Schlesinger, was wäre Ihre<br />
erste Maßnahme in der Energiepolitik?
</p>
<p>
<b>Michael Schlesinger:</b> Für ganz wichtig halte<br />
ich eine verbesserte Gebäudequalität. Als politische Maßnahme<br />
steht dahinter meist eine bessere Information und wahrscheinlich<br />
auch ein Förderprogramm, das mehr Investition in energiesparende<br />
Gebäude auslöst. Aber ich glaube, jeder sollte sich auch<br />
die Frage stellen, welches die erste Maßnahme für ihn<br />
persönlich ist beim Energiesparen. Das fängt mit so einfachen<br />
Dingen an wie das Licht ausschalten, wenn man den Raum verlässt,<br />
Energiesparlampen zu benutzen oder bei kurzen Wegen statt des Autos<br />
das Fahrrad zu benutzen.
</p>
<p>
<b>Moderatorin: </b> Hier kommen von „alma&quot;<br />
zwei Fragen auf einmal:
</p>
<p>
<b>alma:</b> Inwieweit können Sie mit Ihrem Wissen<br />
Einfluss auf die politischen Entscheidungsträger in der Energiepolitik<br />
ausüben? Ich habe bei Umweltminister Gabriel das Gefühl,<br />
Wahlversprechen seien die höhere Maßgabe. Warum hält<br />
die SPD wider besseren Wissens am Ausstieg aus der Atomenergie fest?
</p>
<p>
<b>Michael Schlesinger:</b> Die Einflussmöglichkeit<br />
auf die Politik ist begrenzt. Wobei ich schon denke, dass die Ergebnisse<br />
von Studien und Gutachten von der Politik beachtet werden. Denn<br />
diese Szenarien zeigen auf, wohin bestimmte Maßnahmen und<br />
Handlungen führen. Und ich glaube, es ist für die Politik<br />
auch wichtig, die Folgen des Handelns zu kennen. Was dann nicht<br />
mehr zu beeinflussen ist, ist, welchen Stellenwert bestimmte Maßnahmen<br />
im gesamten politischen Kontext bekommen.
</p>
<p>
<b>sonntag: </b>In der Diskussion und Ihren Szenarien<br />
wird bei der Energieversorgung von monopolartigen Energiekonzernen<br />
ausgegangen. Wäre es nicht auch sinnvoll darüber nachzudenken,<br />
welchen Beitrag die lokalen Energieanbieter (Stadtwerke) leisten<br />
könnten? So zum Beispiel durch Kraft-Wärme-Kopplung, BHKWS<br />
[Blockheizkraftwerke, Amn. d. Red.] , Nahwärmenetze und so<br />
weiter.
</p>
<p>
<b>Michael Schlesinger:</b> Wir haben ja in den Szenarien<br />
schon angenommen, dass die Kraft-Wärme-Kopplung eine deutlich<br />
größere Bedeutung erhält als heute. So steigt der<br />
Anteil des durch KWK-Anlagen hergestellten Stroms in den Szenarien<br />
bis 2020 auf 23 Prozent, heute sind wir so bei zwölf bis12,5<br />
Prozent. Insofern ist so ein Aspekt schon in gewisser Weise berücksichtigt.<br />
Aber es wurde keine fundamental andere Versorgungsstruktur unterstellt,<br />
als das heute der Fall ist.
</p>
<p>
<b>werdas:</b> Sind die Unterschiede zwischen den Szenarien<br />
überhaupt relevant? Fünf Milliarden zwischen erneuerbaren<br />
Energien und Kernkraftwerken sind doch gar nicht so viel?
</p>
<p>
<b>Michael Schlesinger:</b> Fünf Milliarden sind<br />
erstmal fünf Milliarden. Im Hinblick auf die Haushalte ist<br />
es nicht so viel (ca. 100 Euro pro Haushalt und Jahr). Wenn man<br />
es ins Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt setzt, ist der Unterschied<br />
nicht allzu gravierend.
</p>
<p>
<b>hawi: </b>Auf tagesschau.de wird gefragt, welcher<br />
Energiemix am sinnvollsten ist? Was denken Sie?
</p>
<p>
<b>Michael Schlesinger:</b> Langfristig werden die erneuerbaren<br />
Energien sicherlich eine größere Rolle spielen als heute,<br />
das ist gar keine Frage. Wenn wir bis zum Jahr 2020 gucken, dann<br />
wird der ganz überwiegende Teil des Energiebedarfs nach wie<br />
vor durch fossile Energien gedeckt werden. Und bei denen ist wichtig,<br />
dass man auch hier die Quellen diversifiziert, das heißt,<br />
einen Mix aus Öl, Gas und Kohle hat. Das zum einen, um sich<br />
gegen Preisrisiken abzusichern und zum anderen, um die Versorgungssicherheit<br />
zu gewährleisten.
</p>
<p>
<b>Moderatorin: </b> Wir sind leider schon wieder am<br />
Ende unserer Zeit angelangt. Herzlichen Dank unseren Usern, die<br />
viele und interessante Fragen gestellt haben. Leider kamen nicht<br />
alle zum Zug. Herr Schlesinger, möchten Sie noch ein Schlusswort<br />
an die User richten?
</p>
<p>
<b>Michael Schlesinger:</b> Ich habe das schon kurz erwähnt:<br />
Ich glaube, dass man nicht unbedingt auf die Politik warten muss,<br />
um Energie zu sparen sondern jeder bei sich anfangen kann und sollte<br />
und wir alle dazu beitragen, das Klima zu schützen.
</p>
<p><b>Moderatorin: </b> Das war unser tagesschau-Chat bei<br />
tagesschau.de und politik-digital.de. Vielen Dank für Ihr Interesse<br />
und vielen Dank an Herrn Schlesinger. Das Protokoll des Chats ist<br />
in Kürze zum Nachlesen auf den Seiten von tagesschau.de und<br />
politik-digital.de zu finden. Das tagesschau-Chat-Team wünscht<br />
noch einen schönen Tag!</p>
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			</item>
		<item>
		<title>&#034;Kleinliches Gezänk in Großer Koalition&#034;</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Alina Barenz]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 01 Jul 2007 23:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Chattranscripte]]></category>
		<category><![CDATA[FDP]]></category>
		<category><![CDATA[Dirk Niebel]]></category>
		<category><![CDATA[Bundespolitik]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>
<span class="fett"> Am 2. Juli 2007 war Dirk Niebel, Generalsekretär
der FDP, zu Gast im tagesschau-Chat in Kooperation mit politik-digital.de.
<span style="font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><span class="normal">Er
wünscht sich eine stabile Zweierkoalition, hält Die Linke
für eine Gefahr und will das Klima mithilfe der Kernenergie
schützen.</span></span></span>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>
<span class="fett"> Am 2. Juli 2007 war Dirk Niebel, Generalsekretär<br />
der FDP, zu Gast im tagesschau-Chat in Kooperation mit politik-digital.de.<br />
<span style="font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><span class="normal">Er<br />
wünscht sich eine stabile Zweierkoalition, hält Die Linke<br />
für eine Gefahr und will das Klima mithilfe der Kernenergie<br />
schützen.</span></span></span><!--break-->
</p>
<p>
<b><b>Moderatorin:</b></b> Herzlich willkommen<br />
im tagesschau-Chat. Heute ist FDP-Generalsekretär Dirk Niebel<br />
zu uns ins ARD-Hauptstadtstudio gekommen. Bundeshaushalt, Koalitionsfrage,<br />
Mindestlohn: Wie immer ist der Chat offen für Fragen zu allen<br />
Themen, die unsere User interessieren. Herr Niebel, ich begrüße<br />
Sie, können wir beginnen?
</p>
<p>
<b><b>Dirk Niebel:</b></b> Gerne, hallo.</p>
<p><b>Merle:</b> Auch wenn es eine Steilvorlage ist: Wo sind<br />
Ihrer Meinung nach die größten Schwachpunkte der Großen<br />
Koalition?</p>
<p><b>Dirk Niebel:</b> Oh, wie lange haben wir Zeit? 😉<br />
Diese so genannte Große Koalition sollte eigentlich ihre großen<br />
Mehrheiten im Bundestag und Bundesrat dazu nutzen, die Probleme<br />
der Menschen zu lösen. Stattdessen verliert sie sich in kleinlichem<br />
Gezänk und weicht auf Nebenthemen aus.
</p>
<p align="left">
<img decoding="async" src="http://www.politik-digital.de/salon/photos/niebel_original.jpg" alt="Dirk Niebel" align="absmiddle" height="293" width="379" /><br />
<i> Dirk Niebel, Generalsekretär der FDP</i>
</p>
<p>
<b>NRWler:</b> Die Arbeitslosenzahlen fallen, anscheinend<br />
gibt es einen Wirtschaftsaufschwung &#8211; irgendwas muss die große<br />
Koalition also richtig gemacht haben, oder?</p>
<p><b>Dirk Niebel:</b> Dass die Arbeitslosenzahlen fallen,<br />
ist gut, und dass die Wirtschaft wächst, ist auch gut. Wenn<br />
man aber weiß, dass die Weltwirtschaft seit fünf Jahren<br />
brummt, ist es doch ziemlich spät gewesen, dass der Aufschwung<br />
uns erreicht hat. Sich jetzt auszuruhen und zu meinen, alles würde<br />
von selbst gut werden oder bleiben, wäre ein großer Fehler.<br />
Gerade jetzt müsste diese Regierung die Weichen für die<br />
notwendigen Veränderungen stellen, die es uns ermöglichen,<br />
auch in einer zu befürchtenden Konjunkturflaute, die irgendwann<br />
kommen wird, erfolgreich zu bleiben.</p>
<p><b>Neutronenhülse:</b> Wie lange geben Sie der großen<br />
Koalition noch?</p>
<p><b>Dirk Niebel:</b> Ich befürchte, die halten durch<br />
bis zum bitteren Ende. Ähnlich wie die beiden Boxer in der<br />
letzten Runde, die sich stützen, weil sie alleine nicht mehr<br />
auf den Beinen stehen können. Wenn es schneller rum wäre,<br />
umso besser.</p>
<p><b>Thomas51:</b> Wer wäre Ihr Koalitionstraumpartner,<br />
falls es zu Neuwahlen kommt?</p>
<p><b>Dirk Niebel:</b> Unsere Koalitionspartner sind die<br />
Bürgerinnen und Bürger. Wir wollen so stark werden wie<br />
irgend möglich. Unser Ziel bei Neuwahlen wäre eine stabile<br />
Zweierkonstellation.</p>
<p><b><b>Moderatorin:</b></b> Man hat aber schon<br />
den Eindruck, die FDP ist in der Koalitionsfrage auf die Union fixiert.<br />
Die schaut sich aber auch woanders um, zum Beispiel bei den Grünen.<br />
Steigt in Ihren Reihen langsam Panik hoch?</p>
<p><b>Dirk Niebel:</b> Wenn Herr Schäuble meint, dass<br />
er, weil die Grünen mit Herrn Schily schon einschlägige<br />
Erfahrungen haben, die Bürgerrechte mit den Grünen noch<br />
weiter einschränken kann, muss er diesen Weg wohl gehen. Wir<br />
wollen eine bessere Regierung für Deutschland. Dafür braucht<br />
man eine starke FDP.</p>
<p><b>werwiewas: </b>Was ist denn Ihre Meinung zu einem Bündnis<br />
von SPD und Linkspartei?</p>
<p><b>Dirk Niebel:</b> Was Herr Wowereit seit sechs Jahren<br />
in Berlin praktiziert und gerade dieses Wochenende als Modell für<br />
Deutschland erklärt hat, ist eine große Gefahr für<br />
unser System. Was in über 80 Jahren in mehr als 70 Ländern<br />
der Welt mit mehr als 20 Milliarden Probanden immer wieder zu den<br />
gleichen Ergebnissen geführt hat, nämlich den Bankrott<br />
des Staates und dem Ruf der Menschen nach Freiheit, ist für<br />
eine deutsche Regierung nicht zukunftsfähig.</p>
<p><b>smarty: </b>Gibt es eine strukturelle linke Mehrheit<br />
in Deutschland und wenn ja, welche Funktion hat dann die FDP?</p>
<p><b>Dirk Niebel:</b> Es gibt keine strukturelle linke Mehrheit<br />
in Deutschland. Aber es ist richtig, dass bei abnehmender Wahlbeteiligung<br />
der Grad der Mobilisierung der eigenen Wählerschaft wahlentscheidender<br />
wird als in der Vergangenheit. Die Aufgabe der FDP ist, deutlich<br />
zu machen, dass die Alternative zu einer bürgerlich liberalen<br />
Gesellschaft etwas ist, was 17 Millionen Menschen in diesem Land<br />
bereits leidvoll kennengelernt haben.</p>
<p><b>bn998:</b> Herr Niebel, Sie haben auf die Frage der<br />
Moderatorin hinsichtlich der Panik um die Ämter nicht beantwortet!</p>
<p><b>Dirk Niebel:</b> Überhaupt keine Panik, keine<br />
Sekunde lang. Im Gegenteil: Schwarz-grüne Überlegungen<br />
führen eher zu einer Stärkung der Wählerschaft der<br />
FDP.</p>
<p><b>Moderatorin:</b> Zur aktuellen Innenpolitik:</p>
<p><b>frink75:</b> Wie positioniert sich die FDP bei den<br />
aktuellen Vorschlägen aus der großen Koalition zu Investivlöhnen<br />
auf der einen und Deutschlandfonds auf der anderen Seite?</p>
<p><b>Dirk Niebel:</b> Wir waren immer der Ansicht, dass<br />
Mitarbeiterbeteiligung positiv zu bewerten ist. Allerdings ist der<br />
so genannte Deutschlandfond der SPD eine absolute Luftnummer. Wer<br />
in Fonds investieren möchte, kann das schon heute am Finanzmarkt,<br />
ohne, dass ein womöglich von Gewerkschaftsfunktionären<br />
verwaltetes Bürokratiemonster gebildet werden muss. Die Schaffung<br />
einer neuen Steuersubvention durch die Union ist auch nicht hilfreich.<br />
Vernünftig ist es, Arbeitnehmer am Erfolg des Betriebes zu<br />
beteiligen, ohne den Betrieb für die Zukunft zu belasten. Das<br />
bedeutet: Erfolgsabhängige Lohnkomponenten, die auch zum Teil<br />
im eigenen Betrieb investiert werden, fördern die Bindung der<br />
Arbeitnehmer an das Unternehmen, verbessern die Eigenkapitalquote<br />
des Betriebes, ohne, wie zum Beispiel Tariflohnerhöhungen,<br />
die auch in wirtschaftlich schlechten Jahren mitgetragen werden<br />
müssen, Arbeitsplätze zu gefährden.</p>
<p><b>Redondo:</b> Was halten Sie von der Mindestlohndebatte,<br />
beziehungsweise einem Mindestlohn?</p>
<p><b>Dirk Niebel:</b> Mindestlöhne sind maximaler Unsinn.<br />
Sind sie zu niedrig, wirken sie nicht. Sind sie zu hoch, vernichten<br />
sie Arbeitsplätze in der legalen Wirtschaft. Richtig wäre,<br />
über Mindesteinkünfte zu diskutieren, wie die FDP das<br />
mit ihrem Bürgergeldsystem, also einem Steuer- und Transfersystem<br />
aus einem Guss, seit vielen Jahren tut.</p>
<p><b>Moderatorin:</b> Kein Mindestlohn, sondern Bürgergeld,<br />
in dem alle sozialen Hilfen des Staates zusammengefasst sind. Was<br />
macht da den großen Unterschied?</p>
<p><b>Dirk Niebel:</b> Der entscheidende Unterschied ist,<br />
dass Menschen in die Lage versetzt werden, durch ihre eigene Arbeit<br />
ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Wenn produktivitätsorientierte<br />
Löhne gezahlt werden, haben gerade Geringqualifizierte bessere<br />
Chancen, wieder einsteigen zu können. Wenn diese Löhne<br />
zu einem vernünftigen Leben nicht ausreichen, soll es aus den<br />
ohnehin vorhandenen steuerfinanzierten Sozialleistungen einen direkten<br />
Steuerzuschuss für den Arbeitnehmer geben. Das erhöht<br />
den Anreiz zur Arbeitsaufnahme und verringert Mitnahmeeffekte, wie<br />
sie bei anderen Modellen, wie zum Beispiel beim Kombilohn, garantiert<br />
stattfinden würden.</p>
<p><b>jungundfrei:</b> Stichwort Arbeitslosigkeit: Ist es<br />
Ihrer Meinung nach ein realistisches Ziel, die Zahl der Arbeitslosen<br />
auf unter eine Million Menschen zu drücken?</p>
<p><b>Dirk Niebel:</b> Das politische Ziel muss nach wie<br />
vor Vollbeschäftigung sein. Die Frage der Realisierbarkeit<br />
beantwortet sich durch die Stellung der Rahmenbedingungen. Hier<br />
werfe ich dieser Bundesregierung Arbeitsverweigerung vor &#8211; siehe<br />
oben.</p>
<p><b>ass: </b>Wo sind Ihrer Meinung nach die Milliardenüberschüsse<br />
der Bundesanstalt für Arbeit am besten aufgehoben?</p>
<p><b>Dirk Niebel:</b> Bei den Beitragszahlern. Alles, was<br />
die Bundesagentur zuviel an Geld hat, hat sie Arbeitnehmern und<br />
Arbeitgebern vorher zuviel weggenommen. Die Möglichkeit, die<br />
Beiträge zur Arbeitslosenversicherung zu senken, besteht schon<br />
seit Anfang des Jahres. Bei einem Beitragssatz von 3,5 Prozent hätten<br />
Arbeitnehmer mehr vom selbstverdienten Geld übrig und Arbeitgeber<br />
könnten leichter einstellen, wenn es weniger kostet.</p>
<p><b>jungundfrei:</b> Stichwort Sozialstaat: Wo sehen Sie<br />
noch Änderungsbedarf?</p>
<p><b>Dirk Niebel:</b> Die sozialen Sicherungssysteme müssen<br />
generationengerecht und zukunftssicher gestaltet werden. Das bedeutet<br />
bei der Pflegeversicherung einen gleitenden Einstieg hin zur Kapitaldeckung,<br />
bei der Rentenversicherung neben einer Stärkung der privaten<br />
Altersvorsorge einen flexiblen Renteneintritt bei Wegfall aller<br />
Hinzuverdienstgrenzen als Alternative zum starren Renteneintrittsalter.<br />
Bei der gesetzlichen Krankenversicherung brauchen wir einen dritten<br />
Weg zwischen Bürgerzwangsversicherung und Kopfpauschale. Unser<br />
Privatmodell sichert eine gute Gesundheitsversorgung zu bezahlbaren<br />
Preisen in der Zukunft. Last but not least muss die Vereinbarkeit<br />
von Familie und Beruf und die Stärkung des Bildungssystems<br />
insbesondere auch im frühkindlichen Bereich eine Daueraufgabe<br />
der Politik bleiben.</p>
<p><b>Moderatorin:</b> Hier kommt ein Kompliment:</p>
<p><b>montagsmaler: </b>Ich finde es sehr gut, dass Sie in<br />
letzter Zeit auch die soziale Komponente stärker betonen. Viele<br />
Freunde, die vorher stark FDP-skeptisch waren, sehen das ebenso.<br />
Werden Sie es schaffen, auch diesen Flügel stärker zu<br />
betonen &#8211; so wie in den letzten Monaten?</p>
<p><b>Dirk Niebel:</b> Die sozialpolitische Ausrichtung der<br />
FDP hat immer den Menschen in den Mittelpunkt gestellt. Auch unsere<br />
Vorschläge in der Steuer-, Finanz- und Wirtschaftspolitik dienen<br />
letztlich der Verbesserung der Lebenssituation der einzelnen Bürgerinnen<br />
und Bürger. Dass dieser ganzheitliche Ansatz jetzt deutlicher<br />
wahrgenommen wird, freut mich.</p>
<p><b>S.Hennecke:</b> Also Vollbeschäftigung ist aus<br />
volkswirtschaftlicher Sicht sicher Unsinn, aber wie wollen Sie konkret<br />
das Ausbildungsniveau in Deutschland erhöhen (Stichwort Autonomie<br />
von Bildungseinrichtungen)?</p>
<p><b>Dirk Niebel:</b> Die Stärkung autonomer Bildungseinrichtungen<br />
ist eine langjährige Forderung der Liberalen. Das beginnt mit<br />
Wahlfreiheit im vorschulischen Bereich (Stichwort Betreuungsgutscheine),<br />
Wahlfreiheit im schulischen Bereich (Wegfall der Schulamtsbezirke)<br />
und Autonomie der Hochschulen. Dazu gehört im Bereich der beruflichen<br />
Bildung die deutlich verbesserte Durchlässigkeit der Bildungsgänge,<br />
aber auch eine weit größere Modularisierung der Ausbildungsberufe.</p>
<p><b>Fiwi_Bochum:</b> Ich arbeite als wissenschaftlicher<br />
Mitarbeiter an der Ruhr-Universität Bochum. Seit einem Semester<br />
zahlen unsere Studierenden Studiengebühren. Leider dürfen<br />
die Gelder nicht für zusätzliche Mitarbeiter, Professoren<br />
oder technische Ausstattung verwendet werden, sondern im Wesentlichen<br />
nur für Tutorien und Bibliotheken. Leider verlieren die Gebühren<br />
damit jeglichen Sinn, denn die Lehre wird nicht verbessert. Wie<br />
konnte es zu dieser Fehlsteuerung kommen?</p>
<p><b>Dirk Niebel:</b> Studienentgelte, die etwas anderes<br />
sind als Gebühren, geben den Studierenden Nachfragemacht und<br />
verbessern die Kapitalausstattung der Bildungseinrichtung. Die Details<br />
der NRW-Hochschulfinanzierung sind mir nicht bekannt, ich weiß<br />
aber, dass das Hochschulfreiheitsgesetz von Nordrhein-Westfalen<br />
in der Fachwelt als Meilenstein für eine verbesserte Autonomie<br />
der Bildungseinrichtungen angesehen wird. Der Einstieg in Studienentgelte,<br />
die der Bildungseinrichtung unmittelbar zugute kommen, also nicht<br />
an klebrigen Fingern von Länderfinanzministern hängen<br />
bleiben, war überfällig und wird mittelfristig zu deutlich<br />
verbesserten Angeboten für die Studierenden führen.</p>
<p><b>Moderatorin:</b> Zwei Fragen zur Schulpolitik:</p>
<p><b>kanone:</b> Stichwort Bildung: Wie stehen Sie zu der<br />
frühen Selektion von Schulkindern im deutschen Bildungssystem?</p>
<p><b>mitvielenfragen:</b> Wie steht die FDP zu der Zusammenlegung<br />
von Haupt- und Realschulen in einzelnen Bundesländern &#8211; halten<br />
Sie dies für den richtigen Weg?</p>
<p><b>Dirk Niebel:</b> Die Schulpolitik ist in der Kompetenz<br />
der jeweiligen Bundesländer und auch die Qualität der<br />
jeweiligen Schulen variiert von Land zu Land sehr stark. In meinem<br />
Bundesland Baden-Württemberg sehen wir bereits den Kindergarten<br />
nicht nur als Betreuungsstätte sondern als Bildungsstätte<br />
an. Die Stärkung der frühkindlichen Bildung hat bei uns<br />
schon deshalb einen hohen Stellenwert, weil die Startchancen der<br />
Kinder dadurch verbessert werden. In Baden-Württemberg haben<br />
wir uns gerade jetzt für eine Stärkung der Hauptschule<br />
im dreigliedrigen Schulsystem entschieden, weil wir der Ansicht<br />
sind, dass sie breiten Bevölkerungsschichten mehr Grundlagenbildung<br />
mitgeben muss, als das in der Vergangenheit oftmals der Fall war.</p>
<p><b>Moderatorin:</b> Themenwechsel:</p>
<p><b>Mehdorn: </b>Wie stehen Sie angesichts der Streiks<br />
zum Thema Bahn-Börsengang?</p>
<p><b>Dirk Niebel:</b> Ich bin nach wie vor für den<br />
Börsengang der Bahn, allerdings bin ich auch nach wie vor für<br />
die Trennung von Netz und Betrieb. Die Zurverfügungstellung<br />
des Bahnnetzes soll eine staatliche Aufgabe bleiben, allerdings<br />
muss jeder, der Züge fahren lassen kann, dann auch einen gleichen,<br />
diskriminierungsfreien Zugang bekommen. Nur so wird der Wettbewerb<br />
auf der Schiene sich zum Besten für den Verbraucher entwickeln<br />
können.</p>
<p><b>Moderatorin:</b> Haben Sie keine Angst vor Qualitätsverlust?</p>
<p><b>Dirk Niebel:</b> Das Gegenteil ist der Fall. Wie sie<br />
schon heute feststellen können, sind Qualität und Service<br />
privater Anbieter auf den von der Deutschen Bahn AG aufgegebenen<br />
Strecken um ein vielfaches höher, als bei der Staatsbahn.</p>
<p><b>wiwi:</b> Mit Bezug auf Ihre Antwort zum Bahn-Börsengang:<br />
Wäre das Halten der Netze in staatlicher Hand nach ihrer Ansicht<br />
auch eine Lösung für Strom und Telefonnetze?</p>
<p><b>Dirk Niebel:</b> Nein, weil hier der Wettbewerb insbesondere<br />
bei der Telekommunikation dazu geführt hat, dass sich, im Gegensatz<br />
zum Monopolanbieter Bahn, die besten technologischen Entwicklungen<br />
durchsetzen konnten.</p>
<p><b>ole: </b>Bahn bedeutet Mobilität für alle,<br />
ist auch am umweltverträglichsten. Glauben Sie, dass dies das<br />
Ziel eines international agierenden Logistikkonzerns sein würde?<br />
Haben wir es hier nicht eher mit einer hoheitlichen Aufgabe zu tun?</p>
<p><b>Dirk Niebel:</b> Hoheitliche Aufgaben sind innere und<br />
äußere Sicherheit, Justiz und Finanzverwaltung. Als Aufgabe<br />
der Daseinsvorsorge kann das Vorhalten des Bahnnetzes durch den<br />
Staat die Voraussetzung für diskriminierungsfreien Zugang jedes<br />
geeigneten Betreibers sein. Es ist nicht Aufgabe des Staates, internationale<br />
Logistikbetriebe zu unterhalten. Die Expansion der Deutschen Bahn<br />
AG in diesen Bereich unterstreicht nochmal die Notwendigkeit der<br />
Privatisierung.</p>
<p><b>Moderatorin: </b>Zu einer hoheitlichen Aufgabe &#8211; Sicherheit:</p>
<p><b>Andreas25:</b> Nach den jüngsten Terrorakten in<br />
London und Glasgow und den Gerüchten über mögliche<br />
Anschläge der Taliban in Deutschland dürfte die Sicherheitslage<br />
sehr angespannt sein. Wie steht die FDP zu Einsätzen der Bundeswehr<br />
im Inneren? Sollte die Bundeswehr nicht auch zur Sicherung öffentlicher<br />
Plätze und Gebäude eingesetzt werden?</p>
<p><b>Dirk Niebel:</b> Die Trennung von innerer und äußerer<br />
Sicherheit ist nicht nur historisch sondern auch praktisch zu begründen.<br />
Soldaten sind keine Hilfspolizisten und wenn Planstellen bei der<br />
Polizei nicht besetzt werden, müssen die Innenminister sich<br />
das vorhalten lassen, dürfen aber nicht nach dem Militär<br />
schreien. Notwendig ist es, bürgerliche Freiheitsrechte und<br />
den berechtigten Wunsch nach Sicherheit mit Augenmaß abzuwägen.<br />
Selbst in totalitären Staaten gibt es keine absolute Sicherheit.<br />
Es gibt aber auch keine Freiheit ohne Sicherheit, so dass der Abwägungsprozess<br />
das politisch Entscheidende ist.</p>
<p><b>marc lichtenberg: </b>Herr Niebel, Bundestrojaner hin<br />
oder her &#8211; Herr Schäuble will den Beweis für die Unschuld<br />
von dem einzelnen Bürger, anstatt der Beweispflicht des Staates.<br />
Wie geht das mit der FDP zusammen?</p>
<p><b>Dirk Niebel:</b> Überhaupt nicht. Die Unschuldsvermutung<br />
in der Strafprozessordnung ist ein Fundament unserer Rechtsordnung.<br />
Beim öffentlich-rechtlichen Wurm, also dem Ausspähen von<br />
privaten Computern, wird die Terrorismusbekämpfung bestimmt<br />
nicht gestärkt. Erstens würden Terroristen jeden Computer<br />
wahrscheinlich nur einmal benutzen, zweitens müsste die Software<br />
dem Staat einen Zugang offen halten, der innerhalb kürzester<br />
Zeit auch jedem zweitklassigen Hacker bekannt wäre. Betroffen<br />
wären wieder mal die ganz normalen Bürger, die gegenüber<br />
dem Staat auch ein Recht auf Privatheit haben. Deswegen lehnen wir<br />
Online-Durchsuchungen kategorisch ab.</p>
<p><b>Hauptgefreiter: </b>Sie sind doch auch Soldat gewesen:<br />
Was würde die FDP in Sachen Bundeswehr anders machen?</p>
<p><b>Dirk Niebel:</b> Seit vielen Jahren sind wir der Ansicht,<br />
dass die Bundeswehr zu einer freiwilligen Armee umgebaut werden<br />
muss. Die Wehrform richtet sich nach der außenpolitischen<br />
Bedrohungslage und den verteidigungspolitischen Notwendigkeiten.<br />
Beides hat sich seit dem Kalten Krieg deutlich geändert. Darüber<br />
hinaus ist die Dienstgerechtigkeit nicht gegeben, wenn nur gut ein<br />
Drittel eines Jahrgangs zu irgendeinem Zwangsdienst herangezogen<br />
wird. Die Bundeswehr muss als Freiwilligenarmee für die aktuellen<br />
sicherheitspolitischen Fragestellungen ausgerüstet und ausgebildet<br />
werden, um mit weniger Soldaten als heute eine höhere Einsatzfähigkeit<br />
als heute zu erhalten.</p>
<p><b>Moderatorin:</b> Da sind wir beim Haushalt. Der FDP-Haushaltsexperte<br />
Otto Fricke schlägt vor, bei der Bundeswehr zu sparen. Geben<br />
Sie ihm Recht?</p>
<p><b>Dirk Niebel:</b> Eine Freiwilligenarmee, wie wir sie<br />
fordern, würde nicht billiger, aber effizienter werden. Durch<br />
die damit einhergehende Strukturveränderung würde es auch<br />
Auswirkungen auf die Truppenverwaltung und die Ausstattung der Streitkräfte<br />
geben. Mit einer Konzentration auf die Kernaufgaben einer Armee<br />
und der weiteren Nachfrage nicht-militärspezifischer Aufgaben<br />
bei privaten Anbietern kann die Kostenstruktur der Streitkräfte<br />
deutlich verbessert werden.</p>
<p><b>Moderatorin:</b> Noch ein weiteres aktuelles Thema:</p>
<p><b>joe333:</b> Stichwort Energiepolitik. Nach den aktuellen<br />
Atomkraftwerk-Störfällen in Krümmel und Brunsbüttel<br />
stellt sich wieder mal die Ausstiegsfrage. Wie sehen Sie die künftige<br />
Energiepolitik?</p>
<p><b>Dirk Niebel:</b> Die Tatsache, dass von interessierten<br />
Kreisen der Brand eines Transformatorhäuschens zu einem kerntechnischen<br />
Störfall umgedeutet wird, ist geradezu putzig. Wenn Umweltminister<br />
Trittin auch nur einen einzigen Anhaltspunkt für irgendeinen<br />
Sicherheitsmangel bei einem Kernkraftwerk gefunden hätte, wäre<br />
dies garantiert sofort abgestellt worden. Übrigens zu recht.<br />
Wir brauchen für die Zukunft einen vernünftigen Energiemix,<br />
wobei die Kerntechnologie als Übergangstechnologie nicht nur<br />
aus wirtschaftlichen sondern vor allem aus umweltpolitischen Erwägungen<br />
dazugehört. Klimaschutz ohne Kerntechnologie wird zumindest<br />
für einen Übergangszeitraum schwer zu realisieren sein.<br />
Energieeffizienz, Forschung in bessere Speichertechnologien zur<br />
Erhöhung der Grundlastfähigkeit regenerativer Energien<br />
und die Energieforschung müssen Hand in Hand gehen.</p>
<p><b>Moderatorin:</b> Wir kommen schon langsam zum Ende.<br />
Es gibt auch Interesse an Partei-Interna:</p>
<p><b>montagsmaler: </b>Warum beschränken Sie sich bei<br />
der Außendarstellung nur auf den Generalsekretär und<br />
Herrn Westerwelle &#8211; andere Parteien, auch kleine, zeigen mehr Experten<br />
vor oder tun zumindest so, als ob sie das könnten.</p>
<p><b>Dirk Niebel:</b> Wir beschränken uns in keiner<br />
Weise. Wir haben viele hervorragende Experten für alle Politikfelder<br />
und versuchen bei Medienanfragen diese auch möglichst zu positionieren.<br />
Leider ist es oftmals so, dass Anfragen zum Beispiel an den Vorsitzenden<br />
gehen und wenn dieser jemand anderen anbietet, der mindestens genauso<br />
gut und vielleicht mit noch mehr Detailkenntnis bei Fachfragen zur<br />
Verfügung stehen würde, lautet die Antwort oft &quot;Den<br />
kennt ja keiner.&quot; Wie aber soll denn derjenige bekannt werden,<br />
wenn viele Medienvertreter vielleicht auch wegen der Quote lieber<br />
auf die bekannten Gesichter zurückgreifen?</p>
<p><b>Moderatorin:</b> Das lassen wir jetzt mal so stehen.<br />
Aber eine weitere Frage: Die FDP muss sich derzeit von vielen Seiten<br />
einen Vorwurf gefallen lassen. Der lautet: &quot;Geschlossen wie<br />
nie, aber langweilig.&quot; Tödliche Gefahr für eine Partei,<br />
oder?</p>
<p><b>Dirk Niebel:</b> Ich glaube, die Beurteilung der Medienvertreter<br />
und der Bevölkerung geht hier weit auseinander. Die Medien<br />
lieben den Streit, die Menschen die Geschlossenheit.</p>
<p><b>Moderatorin:</b> Das soll das Schlusswort sein. 60<br />
Minuten tagesschau-Chat sind vorüber. Einmal mehr bitten wir<br />
um Nachsicht, dass wir nicht alle Fragen unserer User stellen konnten.<br />
Vielen Dank für Ihr Interesse. Auch herzlichen Dank an Sie,<br />
Herr Niebel, dass Sie heute Zeit für uns hatten. Das Chat-Protokoll<br />
finden Sie in Kürze auf tagesschau.de und politik-digital.de.</p>
<p><b>Dirk Niebel:</b> Danke schön. Einen ergebnisorientierten<br />
Arbeitstag wünsche ich noch.</p>
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