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	<title>Christian Pfeiffer &#8211; politik-digital</title>
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	<title>Christian Pfeiffer &#8211; politik-digital</title>
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	<item>
		<title>&#8220;Zukunftsinvestition Jugend müsste der wichtigste Grundsatz in der Politik werden&#8221;</title>
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		<pubDate>Tue, 04 Apr 2006 23:00:00 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p class="fett">
Am Mittwoch, 5. April, war Christian 
Pfeiffer, Direktor des <span style="font-size: x-small">Kriminologischen Forschungsinstituts 
Niedersachsen e.V.</span> von 13.00 bis 14.00 Uhr zu Gast im tagesschau-Chat. 
Er beantwortete Fragen zur Gewalt an Schulen und den Problemen der 
Integration und den Auswirkungen des Medienkonsums.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p class="fett">
Am Mittwoch, 5. April, war Christian<br />
Pfeiffer, Direktor des <span style="font-size: x-small">Kriminologischen Forschungsinstituts<br />
Niedersachsen e.V.</span> von 13.00 bis 14.00 Uhr zu Gast im tagesschau-Chat.<br />
Er beantwortete Fragen zur Gewalt an Schulen und den Problemen der<br />
Integration und den Auswirkungen des Medienkonsums.<!--break-->
</p>
<p class="normal">
<b>Moderator:</b> Gast im tagesschau-Chat<br />
ist heute Christian Pfeiffer. Er leitet das Kriminologische Forschungsinstitut<br />
in Niedersachsen (KFN) und hat sich intensiv mit dem Thema Jugendkriminalität<br />
und dem Problem der Integration jugendlicher Migranten beschäftigt.<br />
Herr Pfeiffer chattet mit uns aus den Räumlichkeiten des KFN<br />
in Hannover. Können wir beginnen?
</p>
<p>
<b>Christian Pfeiffer:</b> Jederzeit.
</p>
<p>
<b>Brian Molko: </b>Guten Tag, Herr Prof. Pfeiffer. Die<br />
Hauptschule abschaffen, damit es keine Gewalt dort mehr gibt, klingt<br />
für mich wie die Arbeit abschaffen, damit es keine Arbeitslosen<br />
mehr gibt. Meinen Sie das ernsthaft?
</p>
<p>
<b>Christian Pfeiffer:</b> Ja, in der Hauptschule haben<br />
wir zumindest in Norddeutschland eine kontraproduktive Zusammenballung<br />
von Randgruppenkindern. Die innerfamiliäre Gewalt ist hoch,<br />
die Armut der Elternhäuser ausgeprägt. Jeder Zweite hat<br />
Migrations-Hintergrund mit der Folge der oft schwächeren Sprachkenntnisse.<br />
Aus dieser Kombination ergibt sich an vielen Hauptschulen ein Klima<br />
der Leistungsverweigerung, des Macho-Gehabes und der Gewalt. Wenn<br />
wir …(Liebe Leser von tagesschau.de: An dieser Stelle des<br />
Chats hat es leider ein technisches Problem gegeben. Deshalb ist<br />
das Chatprotokoll hier nicht vollständig. Dafür bitten<br />
wir um Entschuldigung.) …Mehrheit der Schüler leistungsmotiviert.<br />
Der Anteil der Mädchen wäre deutlich höher und die<br />
Schule hätte nicht das Stigma der &quot;Verliererschule&quot;.<br />
In Thüringen läuft das richtig gut.
</p>
<p>
<b>dieter:</b> Durch die Abschaffung der Hauptschulen<br />
wird sich die Qualität der anderen weiterführenden Schulen<br />
deutlich verschlechtern. Oder wollen Sie bestimmte schwache Klassen<br />
schaffen?
</p>
<p>
<b>Christian Pfeiffer:</b> Das Gegenteil ist richtig,<br />
wenn Sie den internationalen Vergleich der Pisa-Studie anschauen.<br />
Länder mit Gesamtschulen wie etwa Finnland, Kanada oder Neuseeland<br />
schneiden dort hervorragend ab, obwohl es die bei uns übliche<br />
Trennung nach der vierten Klasse gar nicht gibt. Noch entscheidender<br />
als die Zusammenführung von Haupt- und Realschule wäre<br />
freilich die Einrichtung der Ganztagschule. Natürlich dann<br />
eine, die nicht eine Kinderbewahranstalt mit Suppenküche wäre,<br />
sondern nach Mittag nur ein Motto kennt: Lust auf Leben wecken durch<br />
Sport, Kultur, soziales Lernen. Gegenwärtig ist der Nachmittag<br />
von männlichen Hauptschülern durch vier bis fünf<br />
Stunden Computerspielen und Fernsehen geprägt.
</p>
<p>
<b>grobi:</b> Sehr geehrter Herr Professor Pfeiffer,<br />
steuern wir amerikanischen Verhältnissen entgegen mit schuleigenen<br />
Sicherheitsdiensten, um Waffen aus den Schulen fernzuhalten und<br />
um Lehrer zu schützen?
</p>
<p>
<b>Christian Pfeiffer:</b> Nein, zum Glück nicht.<br />
auch wenn es die Öffentlichkeit nicht glauben will: Seit 1997<br />
geht die Gewalt an deutschen Schulen zurück. Die Versicherungen,<br />
denen Verletzungen auf Schulhöfen und Schulwegen, die ärztlichen<br />
Einsatz nötig machten, immer gemeldet werden, signalisieren<br />
klar: Pro tausend Kinder hatten wir seit 1997 einen Rückgang<br />
solcher schweren &quot;Raufunfälle&quot; um 27%. Unsere wiederholten<br />
Dunkelfeldstudien bestätigen das. Aber gleichzeitig sehen wir<br />
deutlich, dass es an Hauptschulen im Vergleich zu Gymnasien viermal<br />
so viel Intensivtäter der Gewalt gibt und im Vergleich zu Realschulen<br />
doppelt so viel.
</p>
<p>
<b>vechta:</b> Herr Pfeiffer, würden Sie die Hauptschule<br />
flächendeckend als &#8216;Verliererschule &#8216; kennzeichnen oder würden<br />
Sie die Hauptschule nur dort, wo sie große Probleme bereitet<br />
&#8211; besonders in städtischen Ballungsräumen &#8211; abschaffen?
</p>
<p>
<b>Christian Pfeiffer:</b> Ob sie eine &quot;Verliererschule&quot;<br />
ist, entscheidet der Arbeitsmarkt. In Norddeutschland haben wir<br />
leider inzwischen generell das Problem, dass Hauptschüler in<br />
der Konkurrenz mit Realschülern und Abiturienten bei Lehrstellenbewerbungen<br />
meist den Kürzeren ziehen. Ich gebe zu, in den Städten<br />
ist diese Situation noch schlimmer als auf dem Land. Aber es gibt<br />
nun einmal die Abstimmung mit den Füßen. Bundesweit nutzen<br />
nur noch 15 Prozent der deutschen Familien die Hauptschule. Nur<br />
im Süden ist das anders, weil dort die Laufbahnempfehlung der<br />
Grundschule bindend ist.
</p>
<p>
<b>PlusBildung:</b> Hallo. Was haben Sie vom kriminologischen<br />
Institut eigentlich mit Bildung zu tun? Mir fehlt da die Verbindung.
</p>
<p>
<b>Christian Pfeiffer:</b> Wir führen zurzeit die<br />
europaweit wohl größte Untersuchung zu der Frage durch,<br />
wie sich extensiver Medienkonsum auf Schulleistungen, Persönlichkeitsentwicklung<br />
und Gewaltverhalten von Kindern und Jugendlichen auswirkt. Insgesamt<br />
haben bis jetzt circa 30.000 Kinder und Jugendliche unseren Fragebogen<br />
ausgefüllt. Zwangsläufig ergeben sich daraus auch Erkenntnisse<br />
über die Schulen und die Bildungspolitik der Länder.
</p>
<p>
<b>Zeus:</b> Gibt es Unterschiede bei gewaltbereiten<br />
Jugendlichen ausländischer Herkunft und gewaltbereiten Jugendlichen<br />
deutscher Herkunft? Welche Rolle haben dabei Kinder von EU-Bürgern,<br />
die ja auch Ausländer sind?
</p>
<p>
<b>Christian Pfeiffer:</b> Kinder und Jugendliche mit<br />
türkischem, jugoslawischen oder russischem Familienhintergrund<br />
begehen nach eigenen Angaben weit häufiger Gewalttaten, als<br />
etwa einheimische Deutsche oder Kinder aus holländischen, englischen<br />
oder französischen Familien, die in Deutschland leben. Die<br />
Gründe für die ethnischen Unterschiede im Gewaltverhalten<br />
sind vielfältig: So fängt es schon damit an, dass im Alter<br />
von 10 die Migrantenkinder bereits zu 44% über die eigene Spielkonsole<br />
und zu gut der Hälfte über den eigenen Fernseher verfügen.<br />
Bei den Deutschen sind es &quot;nur&quot; 22 Prozent bzw. 32 Prozent.<br />
Je mehr aber die Kinder Zeit mit Fernsehen und hier insbesondere<br />
den gewaltorientierten Inhalten verbringen, umso schlechter fallen<br />
ihre Schulleistungen aus. Ein zweiter Faktor ist die bei den Migrantenfamilien<br />
doppelt so häufig anzutreffende Belastung durch Armut (Eltern<br />
arbeitslos oder Sozialhilfeempfänger). Ein dritter Faktor ist<br />
die in Migrantenfamilien weit höhere innerfamiliäre Gewalt.<br />
Letztere führt wiederum bei den Jungen zu einer starken Übernahme<br />
der vom Vater vorgelebten Macho-Kultur. Wenn man das unterbrechen<br />
will, fängt man am besten im Kindergarten an. Wenn der Mehmet<br />
mit Max und Moritz im Sandkasten spielt, so die deutsche Sprache<br />
lernt und Freundschaften schließt, läuft es gut. Wenn<br />
er dagegen gar keinen Kindergarten besucht oder einen, wo er nur<br />
mit Mustafa und Igor zusammentrifft, dann bleibt er in seiner isolierten,<br />
getrennten Welt und sein Lebensweg ist weniger chancenreich.
</p>
<p>
<b>Moderator: </b>Sind die gewalttätigen Schüler<br />
eigentlich eher Täter oder Opfer?
</p>
<p>
<b>Christian Pfeiffer:</b> Türkische Jugendliche<br />
als Beispiel sind im Alter von 15 nur zu 8,3 Prozent als Opfer in<br />
Erscheinung getreten. Die Opfer wiederum benannten sie aber zu 35<br />
Prozent als Täter. Der Anteil der türkischen Neuntklässler<br />
liegt bei 8,7 Prozent. Sie sind also <br />
bei den Tätern extrem überrepräsentiert und das im<br />
Übrigen nicht nur aus der Sicht der Opfer, sondern auch nach<br />
eigenen Angaben. Aber dies gilt eben nicht überall. In Oldenburg<br />
beispielsweise, weisen Türken eine nur halb so hohe Gewaltrate<br />
auf wie in Dortmund. Aber in Oldenburg sind sie von Beginn an sozial<br />
besser integriert. 90 Prozent der zehnjährigen türkischen<br />
Jungen gaben beispielsweise an, dass sie von deutschen Kindern zum<br />
Geburtstag eingeladen sind. In Dortmund waren es nur 29 Prozent.
</p>
<p>
<b>CDUwähler:</b> Was halten sie von folgendem Vorschlag:<br />
Die Hauptschulen bereiten auf das Handwerk vor, die Realschulen<br />
auf Angestelltenberufe und Gymnasien auf eine akademische Ausbildung.
</p>
<p>
<b>Christian Pfeiffer:</b> Das lässt sich auf keine<br />
Fall von oben steuern. Das Handwerk würde sich im Übrigen<br />
beklagen, wenn ihm die Realschüler und die Abiturienten nicht<br />
mehr zur Verfügung stehen. Angesichts der großen Leistungsdefizite,<br />
die viele Hauptschüler nun einmal aufweisen, bleibt nur der<br />
Weg, letztere besser auszubilden. Und damit sind wir wieder beim<br />
Ausgangspunkt. Das hat zumindest in Norddeutschland nur geringe<br />
Chancen, angesichts der aktuellen Zusammensetzung der Hauptschüler.
</p>
<p>
<b>bastarto:</b> Hallo Herr Pfeiffer. Kann es sein, dass<br />
die Strafen für Gewalttaten nicht hoch genug sind? Was halten<br />
sie davon, Jugendlichen mit Abschiebung zu drohen und das dann natürlich<br />
auch durchzuführen?
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Die Abschiebung setzt voraus, dass<br />
der Gewalttäter keinen deutschen Pass hat. Unsere Daten zeigen<br />
aber einen deutlichen Trend. Ein jedes Jahr wachsender Anteil der<br />
jungen Migranten hat die deutsche Staatsangehörigkeit. Im Übrigen<br />
fallen die Strafen in Deutschland bei Gewalttaten keineswegs zu<br />
milde aus. Und die Abschreckung durch die Justiz läuft im Übrigen<br />
primär über das Risiko des Erwischtwerdens durch die Polizei.<br />
Das aber hat sich ohnehin in den letzten Jahren ständig erhöht.<br />
Wir haben die beste Polizei, die es in Deutschland je gab. Auch<br />
das ist ein Grund dafür, dass die Jugendgewalt insgesamt betrachtet<br />
nicht mehr ansteigt. Zunehmende Zahlen bei Körperverletzungsdelikten<br />
sind Ausdruck davon, dass die jugendlichen Opfer erfreulicherweise<br />
immer häufiger den Mut haben, die Täter anzuzeigen. Kompliment<br />
an die Polizei, die hier an den Schulen erfolgreich vertrauensbildend<br />
gewirkt hat.
</p>
<p>
<b>Peter Lustig:</b> Warum geben sie hauptsächlich<br />
den PC-Spielen Schuld an den Vorfällen in Berlin?
</p>
<p>
<b>Christian Pfeiffer:</b> Das habe ich nicht getan.<br />
Es ist ein Bündel von Ursachen, was die Situation an der Rütli-Schule<br />
herbeigeführt hat: Die Zusammenballung von Problemkindern,<br />
die schlechten Perspektiven, die Absolventen dieser Schule auf dem<br />
Arbeitsmarkt haben, der öde, von Medienkonsum dominierte Nachmittag<br />
dieser Schüler, die familiär mitbedingte Macho-Kultur,<br />
die an der Schule das Unterrichten erheblich erschwert hat. Das<br />
Aufwachsen der Jugendlichen in getrennten Lebenswelten.
</p>
<p>
<b>Borges:</b> Finden sie es nicht etwas gewagt, einen<br />
Kausalzusammenhang zwischen exzessivem Videospielen und Gewalt-<br />
bzw. Kriminalitätsbereitschaft zu ziehen? Sollte man nicht<br />
viel mehr ein medienkompetentes Einfinden in ein zukünftig<br />
vollkommen digitalisiertes Lebensumfeld gerade über den Konsum<br />
digitaler Medien gezielt fördern?
</p>
<p>
<b>Christian Pfeiffer:</b> Unsere Forschungsbefunde sind<br />
nun einmal eindeutig. Selbst wenn wir alle Faktoren, die sonst Gewalt<br />
fördern, kontrollieren, also beispielsweise deutsche männliche<br />
Jugendliche nehmen, die aus einem Elternhaus ohne Arbeitslosigkeit<br />
und Armut kommen, und eine Realschule oder ein Gymnasium besuchen,<br />
dann zeigt sich klar: Wer oft Computerspiele spielt, die erst ab<br />
18 freigegeben sind, hat zum einen deutlich schlechtere Schulnoten<br />
im Vergleich zu denen, die nie solche Spiele konsumieren, und zum<br />
zweiten ist der regelmäßige Spieler solcher Gewaltexzesse<br />
im Vergleich zu der Gegengruppe mehr als doppelt so oft als Gewalttäter<br />
aktiv.
</p>
<p>
<b>ron1711:</b> Wie kommt man darauf, dass in der Hauptschule<br />
die Gewalt eskaliert, während alle Morde und grausamen Verbrechen<br />
der letzten Jahre in weiterführenden Schulen waren? Wird hier<br />
nicht mal wieder das schwächste Glied populistisch genutzt?
</p>
<p>
<b>Christian Pfeiffer:</b> Ich stimme hier Ihrer Einschätzung<br />
nicht zu. Aus dem einen Fall von Erfurt können Sie keine generelle<br />
These ableiten. Unsere Befragung zeigt auf der Basis von 17.000<br />
Neuntklässlern eindeutig, dass wir an Hauptschulen vier mal<br />
häufiger Intensivtäter der Gewalt haben, als an Gymnasien<br />
und doppelt so viele wie an Realschulen.
</p>
<p>
<b>Burgund:</b> Alle reden über die Schüler,<br />
aber niemand scheint mit ihnen zu reden. Haben Sie mal den direkten<br />
Kontakt zu Hauptschülern gesucht? Wenn ja, was haben diese<br />
Ihnen über ihre Wünsche erzählt?
</p>
<p>
<b>Christian Pfeiffer:</b> Ich habe regelmäßig<br />
direkten Kontakt zu Hauptschülern. Erst gestern hatte ich die<br />
Chance in Waldshut (Baden-Württemberg) vor über 200 Hauptschülern<br />
unsere Forschungsergebnisse zu Gewalt, aber auch zu den Integrationschancen<br />
von jungen Migranten darzustellen. Wer sich hierüber ausführlich<br />
informieren will, kann das im Übrigen auf unserer Homepage<br />
tun: www.kfn.de. Ein Thesenpapier mit elf Punkten zu Integration<br />
findet sich dann gleich auf meiner Seite. Aber zurück zu Ihnen:<br />
Die Hauptschüler haben die ganz normalen Wünsche von allen<br />
Jugendlichen. Sie wollen einen guten Job, später eine Familie<br />
gründen und anständig leben. Aber sie sind frustriert<br />
darüber, dass der Arbeitsmarkt ihnen wenige Chancen gibt und<br />
dass die Realschüler ihnen die besten Plätze wegnehmen.<br />
Deutlich ist spürbar: Sie haben Angst vor dem, was nach der<br />
Schule auf sie zukommt und flüchten sich in die Scheinwelt<br />
der Medien.
</p>
<p>
<b>Charly:</b> Ist der Beruf Hauptschullehrer in Brennpunkten<br />
überhaupt noch zumutbar?
</p>
<p>
<b>Christian Pfeiffer:</b> Ich habe großen Respekt<br />
vor den Lehrern, die sich diesen, bestimmt anstrengenden Job zumuten.<br />
Aber zum Glück ist es ja an den meisten Hauptschulen nicht<br />
so wie an der Rütli-Schule. Vor allem in ländlichen Regionen<br />
und in Süddeutschland sind die Verhältnisse durchaus noch<br />
gut steuerbar. Schwierig ist die Situation in norddeutschen Großstädten.
</p>
<p>
<b>Renate Krenz:</b> Welche Bedeutung hat die Tatsache,<br />
dass in Kindergärten und Grundschulen vorwiegend weibliche<br />
Fachkräfte arbeiten?
</p>
<p>
<b>Christian Pfeiffer:</b> Das war doch auch schon in<br />
den 60er und 70er Jahren weitgehend so. Viel problematischer ist<br />
für die Jungen, dass sich immer mehr Väter aus dem Staub<br />
machen und dass da zu Hause dann die Identifikationsfigur fehlt.<br />
Auch hier bieten sich Ganztagsschulen als konstruktive Antwort,<br />
wenn man an den Nachmittagen über Sporttrainer, Theaterlehrer<br />
und Sozialarbeiter auch viele männliche Bezugspersonen einschleusen<br />
könnte.
</p>
<p>
<b>dschungel:</b> Herr Prof. Pfeiffer, wie beurteilen<br />
sie die Diskussion der vergangenen Tage? Aus Problemschulen werden<br />
schnell Ausländerschulen. Daraus ergibt sich, wenn man die<br />
Springerpresse verfolgt, eine latente Ausländerfeindlichkeit<br />
&#8211; in Schlagzeilen und in der öffentlichen Meinung. Eine Frage,<br />
die sich daran anschließt: Welcher Weg sollte derzeit als<br />
erster beschritten werden, um nicht mit jeder Diskussion gleichzeitig<br />
auch zu diskriminieren?
</p>
<p>
<b>Christian Pfeiffer:</b> Wir sollten verstärkt<br />
nach solchen Ausländern Ausschau halten, die man als &quot;Perlen<br />
der Integration&quot; bezeichnen könnte. Es gibt doch sehr<br />
viele, die mit beiden Beinen in unserer Gesellschaft gelandet sind<br />
und respektable Berufe ausüben. Als Justizminister Niedersachsens<br />
hatte ich mich einmal deswegen gezielt auf die Suche gemacht und<br />
dann zu meiner Freude fünf Frauen und Männer aus Migrantenfamilien<br />
zu Richtern und Staatsanwälten berufen können- alle mit<br />
exzellenten Noten und starker Persönlichkeit. Die Resonanz<br />
in den ausländischen Medien war überwältigend. Es<br />
war spürbar, wie stolz beispielsweise die türkische Zeitung<br />
„Hürriyet“ war, dass sie eine halbe Seite über<br />
eine junge türkische Frau schreiben konnte, die es in Niedersachsen<br />
zur Richterin gebracht hat. Sogar die türkische Tagesschau<br />
hat über sie berichtet. Wir dürfen unsere aktuellen Vorschläge<br />
nicht nur an den Problemen orientieren, sondern sollten gerade auch<br />
die Biografie von erfolgreich integrierten Ausländern als Lehrstück<br />
begreifen.
</p>
<p>
<b>DAK: </b>Die Medien waren in ihrer Berichterstattung<br />
lange Zeit sehr zurückhaltend oder schon fast verleugnend manipulativ,<br />
wenn es um den Tatbestand misslungener Integration ging. Ist unser<br />
heutiges Problem nicht auch dadurch erst geworden was es ist, weil<br />
es seit 10 Jahren totgeschwiegen wurde? Was kann/muss man unternehmen,<br />
um dieses Thema zu enttabuisieren?
</p>
<p>
<b>Christian Pfeiffer:</b> Zuerst einmal auch an dieser<br />
Stelle ein Dank an die Lehrer der Rütli-Schule. Es gehörte<br />
viel Mut dazu, dass eigene Scheitern einzugestehen und die Verhältnisse<br />
ehrlich zu beschreiben. In den letzten Jahren hatten wir Wissenschaftler<br />
viel Gelegenheit, unsere Alarmrufe loszuwerden. Es ist also nicht<br />
so, dass die Medien sich uns verweigert hätten. Kritisch muss<br />
man allerdings bewerten, wie wenig die Politik aus den Vorschlägen<br />
gemacht hat, die beispielsweise der von Frau Prof. Süssmuth<br />
geleitete Migrationsrat der Bundesregierung, gestützt auf wissenschaftliche<br />
Gutachten, vorgelegt hatte.
</p>
<p>
<b>murat:</b> Herr Pfeiffer, glauben Sie wirklich nicht,<br />
dass das Problem in der Antihaltung der Deutschen gegen Ausländer<br />
liegt? Wenn der deutsche Vater sagt, spiele nicht mit Türken<br />
und so den Hass an seine Kinder weitergibt, verhalten sich diese<br />
dann so in der Schule und es kommt dann zur Gruppierung „Mehmets<br />
unter Mehmets“.
</p>
<p>
<b>Christian Pfeiffer: </b>Es ist leider oft genau anders<br />
herum. Deutsche Eltern schreiben mir, dass türkische Kinder<br />
bei Geburtstagseinladungen nein sagen mussten, weil ihre Eltern<br />
das nicht erlaubt haben. Natürlich gibt es auch deutsch Eltern,<br />
die ausländerfeindlich eingestellt sind. Aber das sind weniger<br />
als zehn Prozent. Die große Mehrheit ist offen dafür,<br />
dass ihre Kinder mit den Kindern aus Migrantenfamilien spielen,<br />
zusammen lernen und gut miteinander leben.
</p>
<p>
<b>Brussels1:</b> Geehrter Prof. Pfeiffer, wie viel Investitionen<br />
bräuchte es, um das Schulsystem ins 21ste. Jahrhundert zu führen?
</p>
<p>
<b>Christian Pfeiffer:</b> Deutschland wendet im Vergleich<br />
zu anderen europäischen Ländern nur einen sehr geringen<br />
Prozentsatz seines Bruttosozialprodukts für Bildung auf (ca.<br />
4%). In anderen Ländern ist das um ein Drittel bis zur Hälfte<br />
mehr. Zukunftsinvestition Jugend müsste eigentlich der wichtigste<br />
Grundsatz in der Politik werden, weil angesichts des Geburtenrückgangs<br />
unsere Kinder kostbarer sind als je zuvor. Wir können es uns<br />
einfach nicht leisten, dass zehn Prozent die Schule ohne Abschluss<br />
verlassen und dass ebenso zehn Prozent pro Jahr sitzen bleiben.<br />
Mit beiden Werten stehen wir in Europa mit an der Spitze. Eine zentrale<br />
Antwort wäre, die flächendeckende Einführung von<br />
Ganztagsschulen, wie sie alle führenden Pisa-Länder haben.
</p>
<p>
<b>markus1508:</b> Ist es nicht auch so, dass den Lehrern<br />
die Möglichkeit genommen wurde sich durchzusetzen? Ich selbst<br />
habe vor drei Jahren die Schule mit dem Abitur verlassen und schon<br />
damals wussten wir, dass der Lehrer uns eigentlich nichts anhaben<br />
kann, wenn wir schwänzen, oder uns &#8216;unterrichtskonform &#8216; verhalten.
</p>
<p>
<b>Christian Pfeiffer:</b> Gerade zum Schwänzen<br />
haben wir soeben eine Sonderauswertung durchgeführt. Sie zeigt<br />
klar: Dort, wo die Lehrer die Möglichkeiten der Schulordnung<br />
nutzen und über das Schwänzproblem intensiv mit Eltern<br />
und Schülern reden, haben wir ein niedriges Niveau. Eine Kultur<br />
des Wegschauens und ein laisier-faire dagegen fördern das Schwänzen<br />
nachhaltig. Es stimmt schlicht nicht, dass die Lehrer keine Möglichkeiten<br />
hätten, auf Fehlverhalten zu reagieren. Manche meiden aber<br />
leider die Anstrengung des Gegensteuerns.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Haben Sie den Eindruck, dass die Politiker<br />
angemessen auf die Situation reagieren, die durch die Rütli-Hauptschule<br />
offenbart wurde?
</p>
<p>
<b>Christian Pfeiffer:</b> Es überwiegen zu sehr<br />
die repressiven Töne, die Drohgebärden. Ich bin gespannt,<br />
ob der so genannte Integrationsgipfel hier eine differenziertere<br />
Antwort bringen wird. Und noch einmal verweise ich alle Neugierigen<br />
auf unser Elf-Punkte-Papier zur Integration von Migranten und zur<br />
Reduzierung der Gewalt: www.kfn.de
</p>
<p>
<b>Heloise1: </b>Gerade laufen in Baden-Württemberg<br />
die Grundschulempfehlungen. Was raten sie Eltern, deren Kinder in<br />
die Hauptschule müssen?
</p>
<p>
<b>Christian Pfeiffer:</b> Die Eltern haben ja dort nicht<br />
die Möglichkeit, das Kind einfach stattdessen zur Realschule<br />
zu schicken. Die Eingangsprüfungen schafft kaum jemand. Deswegen<br />
bleibt nur der Weg, das Kind konstruktiv zu begleiten und es darin<br />
zu stärken, dass es aus der Hauptschule heraus in die Realschule<br />
wechselt. Viele schaffen das. In Baden-Württemberg ist die<br />
Situation im Übrigen nicht mit der der Rütli-Schule vergleichbar.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Das waren 60 Minuten tagesschau-Chat.<br />
Herzlichen Dank für viele interessante Fragen, die wir leider<br />
nicht alle berücksichtigen konnten. Dennoch vielen Dank an<br />
alle, die mitgemacht haben. Besonderen Dank auch an Sie, Herr Pfeiffer,<br />
dass Sie heute Zeit für unsere User hatten. Nächster Gast<br />
bei uns ist Konrad Schily. Er ist MdB der FDP und wird am Donnerstag,<br />
den 6. April zum tagesschau-Chat ins ARD-Hauptstadtstudio kommen.<br />
Beginnen werden wir pünktlich um dreizehn Uhr.
</p>
<p><b>Christian Pfeiffer:</b> Ich danke für die vielen<br />
gescheiten Fragen.</p>
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