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	<title>Deutscher Presserat &#8211; politik-digital</title>
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	<title>Deutscher Presserat &#8211; politik-digital</title>
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	<item>
		<title>Germanwings-Flugs 4U9525: Namensnennung war berechtigt</title>
		<link>https://www.politik-digital.de/news/germanwings-flugs-4u9525-namensnennung-war-berechtigt-145957/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Julie Rothe]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 04 Jun 2015 16:11:26 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[News]]></category>
		<category><![CDATA[Pressefreiheit]]></category>
		<category><![CDATA[Deutscher Presserat]]></category>
		<category><![CDATA[Persönlichkeitsrechte]]></category>
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					<description><![CDATA[Nach dem vorsätzlich verursachten Absturz des Germanwings-Fluges 4U9525 Ende März in den französischen Alpen erhielt der Deutsche Presserat mehr als [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://politik-digital.de/wp-content/uploads/2869495050_de88b7266d_z.jpg"><img fetchpriority="high" decoding="async" class="alignleft wp-image-145958 size-full" src="http://politik-digital.de/wp-content/uploads/2869495050_de88b7266d_z.jpg" alt="Druckerpresse" width="638" height="299" /></a><br />
Nach dem vorsätzlich verursachten Absturz des Germanwings-Fluges 4U9525 Ende März in den französischen Alpen erhielt der Deutsche Presserat mehr als 400 Beschwerden wegen der Berichterstattung der Medien über die Tragödie und die Veröffentlichung des Klarnamens sowie des Fotos des Co-Piloten. In den letzten beiden Tagen haben die Beschwerdeausschüsse des Presserats die vorliegenden Meldungen diskutiert und bewertet.</p>
<p>Der 24. März war ein schwarzer Tag für die deutsche Luftfahrt. Eine Passagiermaschine der Lufthansa-Tochter Germanwings stürzte auf dem Flug von Barcelona nach Düsseldorf in den französischen Alpen ab, dabei kamen alle Insassen ums Leben. Nach dem Unglück gelangten die Ermittlungsbehörden schnell zu der Erkenntnis, dass die Maschine absichtlich durch den Co-Piloten des Fluges zum Absturz gebracht worden war. Zwischen dem Entsetzen über die Tat und die Trauer mit den Angehörigen der Opfer mischte sich nach dem Absturz des Germanwings-Fluges <a href="http://politik-digital.de/reaktionen-auf-4u9525-facebook-als-kondolenzbuch-und-pranger" target="_blank" rel="noopener noreferrer">lautstarke Kritik am Umgang der Medien</a> mit den persönlichen Informationen des Co-Piloten.</p>
<p>Beim Deutschen Presserat gingen in den Tagen nach dem Absturz 430 Beschwerden über die Berichterstattung der Print und Onlinemedien über das Unglück ein. Die meisten Beschwerden beanstandeten die Veröffentlichung von Fotos des Co-Piloten ohne Unkenntlichmachung sowie des Klarnamens des Täters. Nach zweitägiger Diskussion kamen die <a href="http://www.presserat.de/presserat/news/pressemitteilungen/">Beschwerdeausschüsse jetzt zu der Bewertung</a>, dass es sich in diesem besonderen Fall um eine „außergewöhnlich schwere Tat, die in ihrer Art und Dimension einzigartig ist“, handelt und eine Veröffentlichung von Informationen über den Täter im öffentlichen Interesse war. Die Nennung des Nachnamens war deshalb gerechtfertigt ab dem Zeitpunkt, als die Staatsanwaltschaft in Marseille in einer Pressekonferenz erklärte, dass von einem absichtlich herbeigeführten Absturz ausgegangen werden kann. Die Veröffentlichung des vollen Namens in der internationalen Presse  ist hingegen nicht ausschlaggebend für die Bewertung, da in Deutschland ausschließlich der deutsche Pressekodex maßgeblich für die Einschätzung ist. Auch die Frage, ob der erweiterte Selbstmord des Piloten eine besondere Zurückhaltung von Seiten der Presse erfordert hätte, wies der Presserat mit Verweis auf die große Opferzahl zurück.</p>
<p><strong>Persönlichkeitsrechte der Opfer wurden vereinzelt missachtet</strong></p>
<p>Der Beschwerdeausschuss rügte BILD und BILD Online für einen schweren Verstoß gegen den Pressekodex für die Veröffentlichung von Fotos und Namen von Opfern des Absturzes und stellte klar, dass dies nur dann gerechtfertigt sei, wenn es sich bei den Opfern um berühmte Persönlichkeiten handelt oder eine ausdrückliche Zustimmung durch die Angehörigen erteilt wurde. Eine Berühmtheit liegt aber dann nicht vor, wenn das öffentliche Interesse nur aus der Tatsache erwachsen sei, dass es sich bei dem Opfer um einen Insassen des Fluges gehandelt hat.</p>
<p>Für die Veröffentlichung von Informationen und persönlichen Details über die Angehörigen des Co-Piloten wurde die Rheinische Post gerügt, BILD Online erhielt eine Missbilligung. Durch zu viele eindeutige Details sei eine Identifizierung der Freundin sowie der Eltern des Piloten für einen erweiterten Personenkreis möglich geworden und somit die Persönlichkeitsrechte der betroffenen Personen verletzt worden.</p>
<p>Die Bewertung des Presserats macht deutlich, dass der Grat zwischen guter und ausführlicher Berichterstattung und Sensationsjournalismus sehr schmal ist und in erster Linie der Schutz von Opfern, deren Angehörigen, aber auch der Angehörigen der Täter eine grundlegende Pflicht von Journalisten ist. Die Würde der Opfer und ihrer Angehörigen und deren Persönlichkeitsrechte sind schützenswerter als die Steigerung von Auflage und Klickzahlen mit vermeintlichen Exklusivinformationen zu Lasten der Betroffenen.</p>
<p>Bild: <a href="https://www.flickr.com/photos/ooocha/2869495050/http://" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Marion Doss</a></p>
<p>&nbsp;</p>
<p><a href="http://politik-digital.de/wp-content/uploads/CC-Lizenz-630x11011.png" target="_blank" rel="noopener noreferrer"><img decoding="async" class="alignleft  wp-image-139428" src="http://politik-digital.de/wp-content/uploads/CC-Lizenz-630x11011.png" alt="CC-Lizenz-630x1101" width="441" height="77" /></a></p>
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			</item>
		<item>
		<title>&#8216;Manchmal muss man grausame Fotos zeigen&#8217;</title>
		<link>https://www.politik-digital.de/news/manchmal-muss-man-grausame-fotos-zeigen-5347/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Julia Wilde]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 28 Jul 2011 15:35:23 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[News]]></category>
		<category><![CDATA[Norwegen]]></category>
		<category><![CDATA[Deutscher Presserat]]></category>
		<category><![CDATA[Bild.de]]></category>
		<category><![CDATA[Berichterstattung]]></category>
		<category><![CDATA[Focus]]></category>
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					<description><![CDATA[Über den Terroranschlag in Oslo und auf Utoya wurde bereits ausführlich berichtet. An den deutschen Pressekodex sowie den Schutz von Opfern und Angehörigen hielten sich bei der Berichterstattung nur wenige Journalisten. 
<p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Über den Terroranschlag in Oslo und auf Utoya wurde bereits ausführlich berichtet. An den deutschen Pressekodex sowie den Schutz von Opfern und Angehörigen hielten sich bei der Berichterstattung nur wenige Journalisten. </p>
<p>
<!--break-->
</p>
<p>
Der 22 Juli 2011 wird für immer ein schwarzer Tag in der Geschichte Norwegens und Europas sein. Mindestens 76 Menschen verloren an diesem Tag ihr Leben, für ihre Angehörigen und Freunde sowie für die ganze Nation und Europa wird die Welt wohl für immer eine andere sein.
</p>
<p>
Nationale und internationale Medien waren bereits kurz nach dem Bombenanschlag in Oslo vor Ort und berichteten über die fürchterlichen Ereignisse. Innerhalb kürzester Zeit waren auf YouTube Videos aus dem Regierungsviertel zu sehen, auf bild.de wurde ein „Liveticker“ eingerichtet. Mit diesem konnte man in Echtzeit verfolgen, wie Familien um ihre Kinder bangten, die auf der Insel Utoya von einem zu dem Zeitpunkt noch unbekannten Attentäter verfolgt, bedroht und getötet wurden. Wenige Minuten nach der Tat veröffentlichten die ersten Online-Newsportale Bilder von der Insel, von Verletzten und in manchen Fällen auch von Toten. Es wurden verzweifelte Angehörige interviewt, die noch nicht wussten, ob ihre Kinder noch lebten. Andere Medien mutmaßten bereits während der Ereignisse, dass fundamentalistische Islamisten für die Tat verantwortlich seien. Als bekannt wurde, dass ein Norweger, der anti-muslimische Ideologien verfolgte, für die Tat verantwortlich war, wurden Bilder des Täters in Kampfmontur veröffentlicht. Am Tag nach dem Anschlag wurden sein an wirrer Ideologie, Brutalität und Perversion kaum zu übertreffendes Pamphlet und ein dazugehöriges YouTube Video veröffentlicht. In einigen Online-Artikeln wurde auch in Deutschland auf das sogenannte Manifest verlinkt.
</p>
<p>
Die Frage bleibt, ob die Veröffentlichungen in dieser Form nötig waren. Haben deutsche Medien richtig reagiert, sind Journalisten und Redakteure ihrer ethischen Verantwortung nachgekommen? Kann man in Zeiten der digitalen, immer schneller werdenden Berichterstattung überhaupt noch erwarten, dass sich Reporter darauf besinnen, das Wohl der Opfer und Angehörigen über den Sensationswert einer Nachricht zu stellen?
</p>
<p>
Wenn man sich den Pressekodex des deutschen Presserats genauer ansieht, scheint es, als hätten einige Medien gegen diesen in zahlreichen Fällen verstoßen.
</p>
<p>
Ziffer 4:„Bei der Recherche gegenüber schutzbedürftigen Personen ist besondere Zurückhaltung geboten. Dies betrifft vor allem Menschen, die sich nicht im Vollbesitz ihrer geistigen oder körperlichen Kräfte befinden oder einer seelischen Extremsituation ausgesetzt sind, aber auch Kinder und Jugendliche. Die eingeschränkte Willenskraft oder die besondere Lage solcher Personen darf nicht ausgenutzt werden.“
</p>
<p>
In der Extremsituation in Oslo und Utoya war gegenüber den jugendlichen Opfern und ihren Angehörigen keine besondere Zurückhaltung geboten.
</p>
<p>
In Ziffer 11 des Kodex wird genauer beschrieben, wie sich die Presse im Falle einer „Sensationsberichterstattung“ zu verhalten hat, im Besonderen wird auf den Jugendschutz eingegangen.
</p>
<p>
„Unangemessenen sensationell ist eine Darstellung, wenn in der Berichterstattung der Mensch zum Objekt, zu einem bloßen Mittel, herabgewürdigt wird. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn über einen sterbenden oder körperlich oder seelisch leidenden Menschen in einer über das öffentliche Interesse und das Informationsinteresse der Leser hinausgehenden Art und Weise berichtet wird. Bei der Platzierung bildlicher Darstellungen von Gewalttaten und Unglücksfällen auf Titelseiten beachtet die Presse die möglichen Wirkungen auf Kinder und Jugendliche.“
</p>
<p>
Bilderreihen, wie auf Fokus Online erschienen, zeigen trauernde und schwer verletzte Menschen. Ist es tatsächlich im öffentlichen Interesse, dieses Leid zu verfolgen? Ella Wassink, Sprecherin des Deutschen Presserats, äußerte sich dazu gegenüber politik-digital.de: „Manchmal muss man grausame Fotos zeigen, vielleicht auch um Verständnis zu wecken und um das ganze Ausmaß zu erklären“.
</p>
<p>
Der Pressekodex sagt jedoch etwas anderes: „Die Berichterstattung über Unglücksfälle und Katastrophen findet ihre Grenze im Respekt vor dem Leid der Opfer und den Gefühlen von Angehörigen. Die vom Unglück Betroffenen dürfen grundsätzlich durch die Darstellung nicht ein zweites Mal zum Opfer werden.“
</p>
<p>
Diskussionswürdig ist auch die Darstellung des Täters in den Medien. Das erklärte Ziel des Norwegers war es, möglichst viel Aufmerksamkeit und Medienpräsenz zu erlangen. Auf die Frage, ob es nicht unangemessen sei, inszenierte Bilder und das Manifest des Täters zu veröffentlichen, antwortete Ella Wassink vom Presserat: „Ich denke einfach, dass es in diesem Fall ganz klar zu dem Hintergrund gehört. Diese Tat ist so unfassbar, dass man natürlich nach Erklärungen sucht und die Medien darüber berichten müssen“.
</p>
<p>
Es ist richtig, dass Medien die offensichtlichen Informationen über den Täter der Öffentlichkeit nicht vorenthalten sollten. Dennoch setzt der Kodex auch hier eine klare Grenze:
</p>
<p>
„Die Veröffentlichung so genannter Verbrecher-Memoiren verstößt gegen die publizistischen Grundsätze, wenn Straftaten nachträglich gerechtfertigt oder relativiert werden, die Opfer unangemessen belastet und durch eine detaillierte Schilderung eines Verbrechens lediglich Sensationsbedürfnisse befriedigt werden.“
</p>
<p>
Auch das 1515 Seiten lange sogenannte Manifest des Täters wurde in der Online Ausgabe des <a href="http://www.tagesspiegel.de/medien/zur-leser-debatte-um-das-breivik-manifest/4437518.html" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Tagesspiegel</a> verlinkt. Diese Maßnahme der Redaktion führte zu einer hitzigen Diskussion auf der Website, da sich viele Leser die Frage stellten, ob man eine unbegreifbare Tat dadurch verstehen kann, indem man die wirren Ideologien des Täters analysiert bzw. zugänglich macht. Die Frage, welchen und wie viel Raum der Täter dadurch bekommt, muss gestellt werden. Und auch die, ob Eltern und Angehörige von Opfern eine von den Medien durchgeführte Psychoanalyse des Täters lesen wollen oder sollten,  die ausgerechnet diesen wieder in den <a href="http://www.wuv.de/nachrichten/medien/norwegen_und_das_medien_massaker_ein_taeter_darf_nicht_abgebildet_werden" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Fokus rückt</a>.
</p>
<p>
Es ist schwieriger geworden, die steigende Zahl der publizierenden Journalisten und Autoren mit Moralappellen zu erreichen. Ella Wassink vom Presserat erklärt, dass der Presserat nicht jeden im Netz agierenden „selbsternannten Journalisten“ auf seine moralische Verantwortung hinweisen könne. „Die Journalisten, die eine entsprechende Ausbildung haben, sind sich des Pressekodex in der Regel bewusst“, so Wassink.<br />
Dennoch druckte die Bild-Zeitung fünf Tage nach der Tat einen SMS-Dialog zwischen einer verzweifelten Mutter und ihrer auf der Insel um ihr Leben bangende Tochter ab.
</p>
<p>
Christoph Bieber ist Professor für Ethik in Politikmanagement und Gesellschaft an der Universität Duisburg-Essen. Er ist der Ansicht, dass die meisten Journalisten und Redaktionen sich durchaus Gedanken darüber machen, was publiziert wird und was nicht. Da aber die Publikationshoheit der Medien derzeit durch das Internet verloren gehe, „wird vielleicht versucht werden, Bilder oder weitere Materialien zurückzuhalten, doch lässt sich dadurch die Verbreitung problematischer Inhalte nicht verhindern. Sobald Informationen in digitaler Form vorliegen, werden sie auch veröffentlicht werden – die Frage ist allerdings, von wem und in welchem Rahmen.“ Auch Ella Wassink meint, dass der Presserat keine Qualitätsminderung im Journalismus erkennen kann, wenn es darum geht, den Pressekodex einzuhalten. „Zumindest können wir das anhand unserer Beschwerden, auch wenn die steigend sind, nicht unbedingt belegen.“
</p>
<p>
Christoph Bieber findet, dass zumindest die Qualitätsmedien sich mit den Attentaten in Norwegen angemessen auseinandersetzen: „Gerade die Qualitätszeitungen bieten auch viele gute Interpretationsangebote, die zum besseren Verständnis der Ereignisse beitragen können.“ Er hält es generell nicht für falsch, dass solche Analysen angeboten würden, „es muss aber darüber diskutiert werden, wie weit Journalisten gehen dürfen und wie die Berichterstattung auszusehen hat. Es ist eben ein großer Unterschied, ob über das Manifest berichtet, daraus zitiert wird, es einen Link zum Volltext gibt oder sogar die Datei zum Download bereit gestellt wird“.
</p>
<p>
Um besser auf Verstöße gegen journalistische Leitlinien und Selbstverpflichtungen reagieren zu können, schlägt Bieber die Errichtung einer Online-Plattform vor, auf der Hinweise zum fragwürdigen Umgang mit Nachrichten und Bildern gesammelt werden. Frei nach dem Vorbild des „GuttenPlag Wiki“ ginge es hier um eine Plattform zur öffentlichen Kollaboration. Bislang nimmt der Presserat Beschwerden über ein Online-Formular entgegen, ein für alle einsehbares Wiki wäre ein Schritt in Richtung mehr Transparenz.
</p>
<p>
Bieber nennt hier auch das Leitprinzip der „sousveillance“, der Beobachtung von unten, im Gegensatz zum klassischen Überwachungsmodell durch eine zentrale Institution („surveillance“). Somit könne jeder Einzelne, dem ethische Verstöße in der Presse auffallen, nicht nur seinen Unmut darüber im Netz äußern, sondern „diese Empörung auf einer Plattform bündeln und kanalisieren“. Seiner Ansicht nach wäre das ein erfolgversprechendes Angebot für den ethischen Umgang mit Informationen in einer vernetzten Medienlandschaft. „Solche Maßnahmen sind in Zukunft erfolgversprechender, als die klassische Vorgehensweise des Presserats als Institution, die sich zu einem Thema äußert und dann hofft, dass diese Empfehlungen dementsprechend umgesetzt werden.“
</p>
<p>
Im Fall der Anschläge von Oslo bleibt bei der Berichterstattung ein übler Nachgeschmack. In diversen Fällen wurde gegen den Pressekodex verstoßen, um Verkaufs- oder Klickzahlen zu steigern. Es bleibt aber zu hoffen, dass die Diskussion über den Umgang mit solchen Ereignissen in den Medien jetzt beginnt, um zukünftig das Wohl der Opfer und Angehörigen stärker in den Mittelpunkt zu stellen.</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Blogs können Massenmedien kontrollieren</title>
		<link>https://www.politik-digital.de/chattranscripte/blogs-koennen-massenmedien-kontrollieren-3620/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[admin]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 16 Oct 2007 23:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Chattranscripte]]></category>
		<category><![CDATA[Massenmedien]]></category>
		<category><![CDATA[Weblog]]></category>
		<category><![CDATA[Medien]]></category>
		<category><![CDATA[Blog]]></category>
		<category><![CDATA[BILDblog]]></category>
		<category><![CDATA[tagesschau.de]]></category>
		<category><![CDATA[Deutscher Presserat]]></category>
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					<description><![CDATA[<p class="teaser">
Am Mittwoch, 17. Oktober, war Stefan Niggemeier, Diplom-Journalist und Mitbegründer des BILDblog, zu Gast im tagesschau-Chat in Kooperation mit politik-digital.de. Er erklärte, ob der Deutsche Pressrat noch wirkungsvoll ist und wie Weblogs Massenmedien beeinflussen können.
</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p class="teaser">
Am Mittwoch, 17. Oktober, war Stefan Niggemeier, Diplom-Journalist und Mitbegründer des BILDblog, zu Gast im tagesschau-Chat in Kooperation mit politik-digital.de. Er erklärte, ob der Deutsche Pressrat noch wirkungsvoll ist und wie Weblogs Massenmedien beeinflussen können.
</p>
<p><!--break--></p>
<p>
&nbsp;
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Guten Tag und herzlich willkommen im<br />
tagesschau-Chat. Heute zu Gast im ARD-Hauptstadtstudio ist Stefan<br />
Niggemeier, freier Medienjournalist und Bildblogger – jenes<br />
Blog, das durch seine kritischen &quot;Notizen über eine große<br />
deutschen Boulevardzeitung&quot; zum meistgelesenen Weblog in Deutschland<br />
avancierte. Wir wollen im tagesschau-Chat in Kooperation mit politik-digital<br />
heute über Missstände im Journalismus chatten, Kontrollinstanzen<br />
wie den Deutschen Presserat hinterfragen und über die Möglichkeiten<br />
von kleinen Weblogs diskutieren, im großen Medienkonzert mitzuspielen.<br />
Herr Niggemeier, können wir loslegen?
</p>
<p>
<b>Stefan Niggemeier:</b> Ich bin bereit und gespannt.<br />
Hallo zusammen!
</p>
<p align="center">
<img decoding="async" src="http://www.politik-digital.de/salon/photos/sniggemeier85x.jpg" alt="Stefan Niggemeier" height="120" width="85" /><br />
<i>Stefan Niggemeier, <br />
Medienjournalist</i>
</p>
<p>
<b>Maddin: </b>Warum gibt es zu wenig richtig investigativen<br />
Journalismus in Deutschland, warum werden nur Agenturmeldungen als<br />
Neuigkeiten verbreitet?
</p>
<p>
<b>Stefan Niggemeier:</b> Vor allem natürlich, weil<br />
es billiger ist. Es kostet viel mehr Geld, selbst zu recherchieren,<br />
als Agenturmeldungen einzukaufen. Erschwerend kommt aber auch eine<br />
gewisse Bequemlichkeit hinzu. Manchmal habe ich schon auch das Gefühl,<br />
dass deutsche Journalisten nicht einmal fünf Minuten investieren,<br />
selbst etwas nachzugucken.
</p>
<p>
<b>mr_raspberry:</b> Fehlt es den Medien an Fachjournalisten?<br />
Gerade wenn man in einem Bereich arbeitet (z.B. IT) fällt oft<br />
auf, dass ein Umstand nur unzureichend oder manchmal sogar falsch<br />
wiedergegeben wird. Und wie soll eine Kontrolle solch spezifischer<br />
Artikel durch den Presserat überhaupt möglich sein, denn<br />
eventuell wirkt durch die falsche Aussage ein Artikel sogar geschäftsschädigend.
</p>
<p>
<b>Stefan Niggemeier:</b> Ja, bestimmt täte es den<br />
Medien gut, wenn es nicht nur Generalisten unter den Journalisten<br />
gäbe, die sich mit allem ein bisschen auskennen und mit nichts<br />
wirklich. Ich glaube, das ist schon deshalb wichtig, weil es auf<br />
Seiten von Lobbyorganisationen solche Spezialisierungen gibt. Da<br />
gibt es sicher ein ungutes Ungleichgewicht. Aber der Presserat ist<br />
bestimmt überfordert damit. Aber der ist ja schon mit kleineren<br />
Problemen überfordert 😉
</p>
<p>
<b>Wolf:</b> Der Deutsche Presserat beschäftigt<br />
sich ausschließlich mit Printmedien und verfügt über<br />
keine echten Sanktionsmittel. Für TV, Hörfunk und Internet<br />
gibt es sogar gar keine aktiven Kontrollinstanzen. Dabei sind Verstöße<br />
gegen Pressekodex und Presserecht in allen Medienformen an der Tagesordnung.<br />
Sollte man Medieninhalte nicht intensiver kontrollieren und Verstöße<br />
gegen Kodex und Recht härter sanktionieren, um ein Mindestmaß<br />
an Qualität zu sichern?
</p>
<p>
<b>Stefan Niggemeier:</b> Klare Antwort: Ja. Aber sobald<br />
es dann an die Frage geht, wie genau das geschehen soll, wer kontrolliert<br />
und was die Sanktionen wären, wird es natürlich knifflig.<br />
Das System der freiwilligen Selbstkontrolle haben wir ja auch deshalb<br />
in Deutschland, weil es gute Gründe gibt, den Staat aus der<br />
Kontrolle der Medien herauszuhalten. Für TV und Radio gibt<br />
es Kontrollinstanzen; am größten ist der Bedarf wohl<br />
im Online-Bereich, wo man zum Beispiel sieht, dass die Trennung<br />
von Werbung und Redaktion fast gar nicht existiert.
</p>
<p>
<b>Plümmo:</b> Sind Blogs eine wirksamere Kontrollinstanz<br />
als der Presserat?
</p>
<p>
<b>Stefan Niggemeier:</b> Alles ist eine wirksamere Kontrolle<br />
als der Presserat. Im Ernst: Ich glaube, die schärfste Waffe<br />
ist die Öffentlichkeit. Davon macht der Presserat kaum Gebrauch.<br />
Insofern können Blogs schon sehr wirksam sein, weil sie dafür<br />
sorgen, dass Fehler und Missstände von vielen Leuten wahrgenommen<br />
werden.
</p>
<p>
<b>jjev: </b>Braucht der Presserat ein eigenes Watchblog<br />
(wie Bildblog)?
</p>
<p>
<b>Stefan Niggemeier: </b>Sehr gute Idee. Bei Bildblog<br />
dokumentieren wir (quasi nebenbei) ja schon häufiger die Schwächen<br />
und Probleme des Presserates. Aber das wäre wunderbar, wenn<br />
sich jemand darauf spezialisieren würde. Und, jede Wette: Es<br />
hätte Wirkung!
</p>
<p>
<b>Gregor:</b> Wenn Sie beschreiben, dass richtige Recherche<br />
selbst für Massenmedien zu teuer ist, glauben Sie dann an die<br />
Möglichkeit, dass (private) Blogs eine Besserung bringen können?
</p>
<p>
<b>Stefan Niggemeier: </b>Gute Frage. Ersetzen können<br />
Blogs die Massenmedien nicht, und gerade die aufwändige Recherche<br />
ist zumindest theoretisch etwas, wo sie nicht mithalten können.<br />
Ich glaube aber, dass Blogs Massenmedien antreiben können,<br />
besser zu werden. Und wenn es darum geht, tatsächlich vor Ort<br />
zu sein, als Betroffener zu berichten oder in einem Spezialgebiet<br />
in die Tiefe zu gehen, da können Blogs schon eine Bereicherung<br />
sein. Und auch ein Ansporn für Massenmedien, sich nicht die<br />
Butter vom Brot nehmen zu lassen.
</p>
<p>
<b>weltbuehner</b>: Kann wirklich Kontroverses in den<br />
führenden Printmedien überhaupt thematisiert werden? Oder<br />
gibt es hier eine Art &quot;verordnete Selbstzensur&quot;, die dem<br />
einzelnen Journalisten vergleichsweise wenig Freiräume lässt?
</p>
<p>
<b>Stefan Niggemeier:</b> Eine &quot;verordnete Selbstzensur&quot;<br />
würde ich nicht sagen, aber es gibt schon die Schere im Kopf.<br />
Am gefährlichsten ist wohl so eine Art Seilschaft unter den<br />
führenden Medien im Land, wo die Chefredakteure gegenseitig<br />
eine Art Nichtangriffspakt geschlossen haben. Medienkritik hat es<br />
seit ein paar Jahren &#8211; seit der großen Zeitungskrise mit vielen<br />
Entlassungen &#8211; besonders schwer. Die Überzeugung, dass es gut<br />
ist, wenn Medien sich gegenseitig kritisieren, hat es seitdem schwer.
</p>
<p>
<b>Michael: </b>Reagiert der Presserat eigentlich noch<br />
auf Kritik? Oder ist das eher eine eingefahrene Maschinerie, wo<br />
keiner dem anderen die Hand abhackt?
</p>
<p>
<b>Stefan Niggemeier:</b> Nach meiner Erfahrung reagiert<br />
der Presserat auf Kritik nur genervt. Seine Mittel sind sehr begrenzt,<br />
und irgendwie hat er sich in dem Gefühl eingekuschelt, dass<br />
es gut und wichtig ist, dass es ihn gibt, und dass er lieber niemandem<br />
wirklich wehtut.
</p>
<p>
<b>herbaliser: </b>Wenn man dem Presserat &quot;Zahnlosigkeit&quot;<br />
bescheinigt, auf welche Weise sollte er denn Ihrer Meinung nach<br />
zubeißen können, damit es dem Gebissenen auch wehtut?
</p>
<p>
<b>Stefan Niggemeier:</b> Wie gesagt: Vor allem schon<br />
durch Öffentlichkeit. Dadurch, dass die eigenen Entscheidungen<br />
viel detaillierter öffentlich gemacht werden, auch die vielen<br />
&quot;Hinweise&quot; und &quot;Missbilligungen&quot;, die ausgesprochen<br />
werden und die im Gegensatz zu &quot;Rügen&quot; nicht abgedruckt<br />
werden müssen. Wenn man im Detail zum Beispiel dokumentieren<br />
könnte, wie oft &quot;Bild&quot; gegen das Gebot verstößt,<br />
bei Selbstmorden extrem zurückhaltend zu berichten, hätte<br />
das schon eine Wirkung. Dafür bräuchte man noch nicht<br />
einmal über Geldstrafen o.ä. nachdenken.
</p>
<p>
<b>Janus:</b> Bild-Zeitung lesen, ja oder nein? Auf der<br />
einen Seite erfährt man so etwas, darüber, was ein Großteil<br />
der Bundesbürger liest und damit denkt; auf der anderen Seite<br />
unterstützt man mit dem Lesen (auch wenn es nur online ist)<br />
das System Bild-Zeitung.
</p>
<p>
<b>Stefan Niggemeier:</b> Lesen als Journalist: unbedingt<br />
ja! &quot;Bild&quot; hat immer noch über elf Millionen Leser<br />
täglich &#8211; das ist eine Größe, die sonst nur noch<br />
&quot;Wetten dass&quot; und Fußball erreichen. Man muss &quot;Bild&quot;<br />
als Journalist, Politiker, Unternehmer etc. lesen, um zu wissen,<br />
was diese Leute bewegt, welche Themen &quot;Bild&quot; setzt usw.<br />
Wenn man aber nicht beruflich davon betroffen ist: Finger weg von<br />
dem Blatt 🙂
</p>
<p>
<b>oportugues:</b> Machen Sie mit Ihrem gut gemeinten<br />
Bildblog nicht auch indirekt Werbung für die Bild-Zeitung?
</p>
<p>
<b>Stefan Niggemeier:</b> Nein. In einem Punkt allerdings<br />
sind wir der Meinung von &quot;Bild&quot;: &quot;Bild&quot; ist<br />
wichtig, hat Macht und Einfluss. Diesen Eindruck verstärken<br />
wir vielleicht noch durch unsere Beschäftigung mit &quot;Bild&quot;.<br />
Nur insofern ist es vielleicht &quot;Werbung&quot;. Aber im übrigen<br />
würde ich es &quot;Aufklärung&quot; nennen: Weil wir doch<br />
zeigen, wie fehlerhaft, irreführend und verantwortungslos diese<br />
Zeitung ist.
</p>
<p>
<b>tomtom:</b> Haben Sie das Gefühl, dass sie bei<br />
der Bild-Zeitung eine Veränderung der journalistischen Arbeit<br />
erreicht haben. Falls nein, hoffen Sie auf längere Sicht diese<br />
Wirkung zu erzielen?
</p>
<p>
<b>Stefan Niggemeier:</b> Ich glaube nicht, dass wir<br />
da eine große Wirkung erreicht haben. Das ist aber auch nicht<br />
unser Ziel. &quot;Bild&quot; ist, wie sie ist, weil sie so sein<br />
will. Weil ihr die Wahrheit im Zweifelsfall egal ist. Wir zielen<br />
mit Bildblog nicht auf &quot;Bild&quot;, sondern die Leser, die<br />
Öffentlichkeit. Wollen deren Wahrnehmung von &quot;Bild&quot;<br />
verändern. Eine Ausnahme gibt es vielleicht doch: Wenn man<br />
sich Bild.de anguckt, gibt es da viel weniger Schleichwerbung als<br />
vor ein, zwei Jahren. Vielleicht haben wir daran mit unserer ausführlichen<br />
Berichterstattung zu dem Thema, doch auch einen Anteil .
</p>
<p>
<b>enigma:</b> Beim Studentenjob letzten Sommer am Fließband<br />
einer großen Firma lasen die Arbeiter um mich herum allesamt<br />
ernsthaft die Bild. Keiner würde die Zeitung anzweifeln oder<br />
hatte gar von Bildblog gehört. Wie kann man diese Hauptzielgruppe<br />
der Zeitung erreichen, um Bild zu schwächen? Für den Blog<br />
ist eine gewisse Grundbildung vonnöten, aber wer diese hat,<br />
wird sowieso keine Bild lesen&#8230;
</p>
<p>
<b>Stefan Niggemeier:</b> Das glaube ich nicht. &quot;Bild&quot;<br />
wird nicht nur von den Dummen gelesen. Heerscharen von Journalisten<br />
z.B. glauben, was in &quot;Bild&quot; steht, und schreiben es ab.<br />
Wie man die Masse der Leute erreichen kann, die vielleicht auch<br />
nicht im Internet unterwegs sind? Ich weiß es nicht. Aber<br />
es gibt Bildblog-Leser, die uns erzählen, wie sie einzelne<br />
Einträge ausdrucken und ihren Kollegen in der Mittagspause<br />
hinlegen. Es ist nicht völlig hoffnungslos.
</p>
<p>
<b>Michael:</b> Ich habe früher die Bücher<br />
von Günter Walraff in Bezug auf die Bildzeitung gelesen. Vergleicht<br />
man diese sehr alten Artikel und ihre Machart mit den Blogs von<br />
Ihnen, habe ich das Gefühl, dass Bild sich in seiner Berichterstattung<br />
nicht verändert hat. Sehen Sie das auch so?
</p>
<p>
<b>Stefan Niggemeier: </b>Ja. Ich glaube, &quot;Bild&quot;<br />
ist weniger ideologisch als früher, etwas mehr pragmatisch.<br />
Aber was die Methoden angeht, die Art, wie &quot;Bild&quot; Tatsachen<br />
verdreht, da wundert es mich auch immer wieder, wie wenig sich anscheinend<br />
verändert hat. Was den Umgang mit Personen angeht, mit Persönlichkeitsrechten,<br />
mit Prominenten und Nicht-Prominenten, die Opfer von &quot;Bild&quot;<br />
werden, da hat sich wenig verändert.
</p>
<p>
<b>montagsmaler:</b> Was halten Sie vom Leserbeirat der<br />
Bildzeitung?
</p>
<p>
<b>Stefan Niggemeier:</b> Ein schöner PR-Gag.
</p>
<p>
<b>hemabe:</b> Warum werden auf Bildblog aber auch manchmal<br />
im privaten Blog keine Kommentare erlaubt?
</p>
<p>
<b>Stefan Niggemeier:</b> Ich sehe in meinem Blog, was<br />
nur ungefähr ein Zehntel so viel Leser hat wie Bildblog, wie<br />
viel Arbeit das macht, die Kommentare zu moderieren. Ich habe mehrere<br />
Verfahren, wo eine Firma gegen mich vorgeht, wegen Kommentaren,<br />
die Leute bei mir abgegeben haben. Das wäre extrem wichtig<br />
bei Bildblog, wo es ja auch fast immer um heikle Themen gibt, und<br />
extrem mühsam. Und am Ende weiß ich gar nicht, ob die<br />
Leser so viel davon hätten: Wer liest sich das wirklich durch,<br />
die Hunderte Kommentare, die oft unter Artikeln bei großen<br />
Medien stehen? Entsteht da wirklich eine fruchtbare Diskussion?<br />
Ich bin mir nicht sicher.
</p>
<p>
<b>John:</b> Finden Sie es problematisch, dass durch<br />
den Bildblog der Eindruck erweckt wird, dass all das was im Bildblog<br />
nicht erwähnt wird, seine Richtigkeit hat &#8211; obwohl es auch<br />
nur daran liegen kann, dass dem Bildblog für Recherchen Kapazitäten<br />
fehlten?
</p>
<p>
<b>Stefan Niggemeier:</b> Ja, wenn Leute das so wahrnehmen,<br />
ist das ein Problem. Ich zucke auch immer zusammen, wenn ich irgendwo<br />
lese &quot;Da werden alle Fehler von &quot;Bild&quot; aufgelistet&quot;<br />
oder so. Wir werden oft gefragt, was denn der schlimmste &quot;Bild&quot;-Fehler<br />
war. Und wir antworten immer: Im Zweifelsfall der, den wir gar nicht<br />
entdeckt haben. Gerade von den wirklich schlimmen Geschichten, wo<br />
irgendeinem Nicht-Prominenten unrecht geschieht, der sich aber nicht<br />
wehrt, erfahren wir ja oft nicht.
</p>
<p>
<b>guest: </b>Glauben Sie wirklich, dass Bildleser glauben,<br />
was in der Bild steht? Ist es nicht eher so, dass die Leute die<br />
Zeitung nur als Unterhaltung sehen?
</p>
<p>
<b>Stefan Niggemeier:</b> Ich bin sicher, dass &quot;Bild&quot;-Leser<br />
glauben, was in &quot;Bild&quot; steht. Wie gesagt: Journalisten<br />
glauben es. Politiker glauben es, und ändern sogar Gesetze<br />
deswegen. An der Leserbriefspalte in &quot;Bild&quot; sieht man,<br />
wie Leute es glauben. Bestimmt gibt es auch das Unterhaltungsbedürfnis,<br />
und ich glaube, dass &quot;Bild&quot;-Artikel über die bevorstehende<br />
Apokalypse durch Marsmenschen auch keine Massenpanik auslösen<br />
würde, sondern eher Massenschmunzeln. Aber auch da gibt es<br />
sicher Leute, die sagen: Gut, dass es eine Zeitung gibt, die uns<br />
die Wahrheit sagt über die Bedrohung durch Außerirdische.
</p>
<p>
<b>Philipp: </b>Könnten Sie sich vorstellen, sich<br />
mit BILD-Chef Kai Diekmann mal &quot;auf ein Bier&quot; zu treffen?
</p>
<p>
<b>Stefan Niggemeier:</b> Klar. Ich kann mir nur nicht<br />
vorstellen, dass das irgendetwas ändern würde.
</p>
<p>
<b>mikethebike:</b> Oma sagt: Wenn das nicht stimmt,<br />
was in der Bild steht, wieso stand das dann auch in Tageszeitung<br />
xy? Womit sie nicht ganz unrecht hat. Ist das Problem nicht primär<br />
die Bild, sondern die anderen Medien, die dauernd ungeprüft<br />
abschreiben und Bild ständig zitieren?
</p>
<p>
<b>Stefan Niggemeier:</b> Absolut. Wir schreiben das<br />
auch inzwischen häufig dazu, wenn andere Medien irgendwelchen<br />
Unsinn von &quot;Bild&quot; weiter tragen oder sogar noch weiter<br />
verdrehen.
</p>
<p>
<b>Rudi:</b> Wovon lebt eigentlich ein Blogger?
</p>
<p>
<b>Stefan Niggemeier: </b>In den meisten Fällen<br />
vermutlich von einem Beruf, der mit dem Bloggen nichts zu tun hat.<br />
Bei Bildblog leben wir inzwischen von Werbung. Das ist nicht üppig,<br />
aber es reicht. Und sogar mein privates Blog wirft inzwischen etwas<br />
Einnahmen durch Anzeigen ab.
</p>
<p>
<b>scp:</b> Wie schätzen Sie im Hinblick auf zahlreiche<br />
Abmahnungen und der Rechtsprechung des Hamburger Landgerichtes (insbesondere<br />
im Bezug auf die Call-In-TV Debatte), die Zukunft der Pressefreiheit<br />
in Deutschland ein? Darf man wirklich über alles berichten<br />
oder gilt das nur so lange, wie man sich einen guten Anwalt leisten<br />
kann?
</p>
<p>
<b>Stefan Niggemeier:</b> Schwierig. Im Moment habe ich<br />
eher das Gefühl, dass man ohne Geld für den Anwalt sich<br />
sehr zurückhalten muss. Ich habe aber die Hoffnung, dass sich<br />
die Rechtsprechung da noch ausdifferenziert. Natürlich ist<br />
es richtig, dass in Blogs nicht andere Gesetze gelten als sonst.<br />
Natürlich darf ich niemanden beleidigen oder Unwahres über<br />
ihn berichten. Aber ich habe auch das Gefühl, dass es im Moment<br />
in Deutschland zu leicht ist, auch nur unliebsame Berichte im Internet<br />
durch Abmahnungen zu unterdrücken.
</p>
<p>
<b>Mimi: </b>Wie fanden Sie die Reaktion der deutschen<br />
Print- und Online-Medien auf den &quot;Eva-Herman-Skandal&quot;?<br />
Hat sich hier nicht so etwas wie eine öffentliche Kontrollinstanz<br />
entwickelt (in Internetforen, Blogs, Leserkommentaren et cetera)?
</p>
<p>
<b>Stefan Niggemeier:</b> Das ist schwierig in ein paar<br />
Sätzen zu beantworten. Aber tatsächlich ist es frappierend,<br />
wie massiv sich die Verteidiger von Eva Herman in Kommentaren, Foren<br />
etc. zu Wort gemeldet haben. Ich gebe zu, mir ist das in diesem<br />
Fall eher unheimlich, weil ich glaube, dass der Eindruck falsch<br />
ist, dass man in Deutschland einfach nichts über das Dritte<br />
Reich sagen darf. Aber es ist sicher gut, wenn Journalisten, die<br />
oft in einer eigenen Medienwelt leben, merken, wenn sich die Sicht<br />
in dieser Welt drastisch von der außerhalb unterscheidet.
</p>
<p>
<b>Gregor Keuschnig:</b> Gestern hat eine Politikerin<br />
(Frau von der Leyen) eine Laudatio auf eine noch aktive Journalistin<br />
(Frau Will) gehalten. Geht so was nicht schon zu weit?
</p>
<p>
<b>Stefan Niggemeier:</b> Weiß ich nicht. Ist sicher<br />
nicht ideal. Andererseits passiert es ja in aller Öffentlichkeit.<br />
Da finde ich den Gedanken bedrohlicher, was Journalisten und Politiker<br />
im Verborgenen miteinander auskungeln.
</p>
<p>
<b>satyricon:</b> Hat das Bild des unabhängigen<br />
Journalisten noch viel mit der Realität zu tun &#8211; angesichts<br />
der zunehmenden Konzentration des Medienmarktes und der Gebundenheit<br />
von Medien an wirtschaftliche und politische Interessen?
</p>
<p>
<b>Stefan Niggemeier:</b> Viel mit der Realität<br />
zu tun hatte das Bild des unabhängigen Journalisten vermutlich<br />
noch nie. Wirtschaftliche Zwänge, politische Einflüsse<br />
etc. gab es schon immer. Ja: Ich habe auch das Gefühl, dass<br />
das gerade eher schlechter als besser wird. Aber da bietet das Internet<br />
mit seinen Publikationsmöglichkeiten ja wirklich Alternativen.<br />
Früher hätten wir mit so was wie Bildblog nie 50.000 Leute<br />
täglich erreichen können. Die Chance, dass Dinge an die<br />
Öffentlichkeit kommen, die die klassischen Medien mehr oder<br />
weniger bewusst nicht veröffentlichen, steigt dadurch. Sowohl<br />
was die großen Skandale angeht, als auch &quot;kleine&quot;<br />
Dinge irgendwo vor Ort, die die Lokalzeitung lieber verschweigen<br />
würde.
</p>
<p>
<b>Lotus:</b> Viele PR-Agenturen haben längst erkannt,<br />
dass Redakteure aufwändige Recherchen aus unterschiedlichen<br />
Gründen vermeiden. Wie groß bewerten Sie die Gefahr,<br />
dass Berichterstattung zukünftig von dem Geschick bezahlter<br />
Öffentlichkeitsarbeit abhängt? Reicht es aus, an die Eigenverantwortlichkeit<br />
der Journalisten zu appellieren?
</p>
<p>
<b>Stefan Niggemeier:</b> Die Gefahr ist sicherlich groß.<br />
Und natürlich reicht ein Appell an die Journalisten nicht aus.<br />
Sie müssen auch die Mittel bekommen, sich dem zu entziehen:<br />
Durch eine gute Ausbildung, gute Bezahlung, Zeit, Dinge nachzurecherchieren.
</p>
<p>
<b>Christoph B: </b>Halten Sie den Ansatz von Google<br />
für Richtig, eine Kombination von Blog und Nachrichtenübermittlung<br />
anzubieten, bei der Blogger, aber auch Betroffene selbst die News<br />
kommentieren können?
</p>
<p>
<b>Stefan Niggemeier:</b> Das ist zwiespältig, das<br />
müsste man sehen, wie das in der Praxis funktioniert. Ich finde<br />
grundsätzlich die Idee nicht schlecht, dass Betroffene widersprechen<br />
können, wenn über sie in den Medien berichtet wird. Aber<br />
natürlich vergrößert das auch die Gefahr, dass die<br />
Leute desinformiert werden. Ich glaube, die beste Antwort darauf<br />
wäre, dass Medien selbst den Betroffenen die Möglichkeit<br />
zur Widerrede einräumen. Korrekturspalten einführen usw.
</p>
<p>
<b>mr_raspberry: </b>Haben die Nachrichtenagenturen zu<br />
viel Macht in der Medienlandschaft bekommen?
</p>
<p>
<b>metroskop:</b> Die Themen liegen doch massenweise<br />
auf der Straße &#8211; warum gibt es trotzdem in allen Medien so<br />
eine ungeheure dpa- und Bild-Hörigkeit?
</p>
<p>
<b>Stefan Niggemeier:</b> Ja, ich glaube, die Abhängigkeit<br />
von Nachrichtenagenturen ist viel zu groß, und Online wird<br />
das alles gerade noch schlimmer. Weil es so bequem ist: Man kauft<br />
sich die Inhalte ein, und kann ohne eigene journalistische Kompetenz<br />
ein Portal aufbauen, das aussieht wie eine eigene Nachrichtenseite.<br />
Noch schlimmer wird es, wenn sich da nicht nur Agentur- und schnell<br />
umstrickte &quot;Bild&quot;-Meldungen, sondern auch noch PR-Berichte<br />
mischen.
</p>
<p>
<b>Abul ben Bulatsch:</b> Haben anspruchsvolle Tageszeitungen<br />
in Deutschland eine Zukunft oder wird sich der Markt hier zum Nachteil<br />
der Pressefreiheit stark konzentrieren?
</p>
<p>
<b>Stefan Niggemeier: </b>Ich bin sicher, dass anspruchsvolle<br />
Tageszeitungen eine Zukunft haben (wobei es fast egal ist, ob die<br />
dann auf Papier erscheinen oder in irgendeiner Form digital). Ich<br />
glaube, dass genau das die Chance ist für die etablierten Medien:<br />
Dass sie dadurch, dass sie Leute beschäftigen, die sich auskennen,<br />
ihnen die Zeit geben, gründlich zu recherchieren, das ganze<br />
so redigieren, dass es verständlich und gut zu lesen ist, und<br />
das alles mit Inhalten, die relevant sind, dass sie dadurch ihre<br />
Existenzberechtigung beweisen.
</p>
<p>
<b>yingyang:</b> Wenn man die Meinungs- und Kommentarseiten<br />
in den großen Tageszeitungen liest, bekommt man oft den Eindruck<br />
von uniformer &quot;Urteilsbildung&quot;, speziell zu brisanten<br />
Themen, die an deutsch-historisch bedingte Tabus rühren (Rechtsextremismus,<br />
Israelfeindlichkeit et cetera). Auf einer Blog-Seite eines &quot;Welt&quot;-Journalisten<br />
las ich kürzlich, dass man empfindlichen Karriereeinbußen<br />
rechnen muss, schreibt man abseits des politisch korrekten Mainstreams.<br />
Teilen Sie diese Ansicht? Ist die freie Meinungsäußerung<br />
in Gefahr, gegen andere (geringere) Rechtsgüter, wenn sie der<br />
Meinungsfreiheit im Wege stehen, aufgewogen zu werden?
</p>
<p>
<b>Stefan Niggemeier:</b> Ich weiß nicht, ob das<br />
wirklich so ist. Sicher gibt es viele Leute, die offenbar glauben,<br />
sie müssten sich anpassen, um erfolgreich zu sein. Aber ich<br />
habe auch das Gefühl, dass es viele Leute gibt, die gerade<br />
dadurch prominent sind und beachtet werden, dass sie sich darauf<br />
spezialisiert haben, gegen den Strom zu schwimmen. Henryk M. Broder<br />
ist ein Beispiel dafür. Ich bin oft anderer Meinung als er.<br />
Aber er ist auch ein Beleg dafür, dass es sich auszahlt, zu<br />
provozieren, Leute aus ihrer bequemen Haltung zu reißen. Das<br />
ist gut.
</p>
<p>
<b>Schabroenkel:</b> Sie haben in Ihrem Blog schon oft<br />
über Call-in-TV-Anbieter berichtet. Die augenfälligen<br />
Verstöße der Anbieter bestehen aber nach wie vor mit<br />
unveränderter Häufigkeit. Werden Sie sich weiter um dieses<br />
Thema kümmern, oder lassen Sie sich durch Abmahnungen etc.<br />
einschüchtern? Sehen Sie überhaupt eine Chance auf &quot;Besserung&quot;?
</p>
<p>
<b>Stefan Niggemeier:</b> Ich bin auch bei dem Thema<br />
jemand, der unerschütterlich daran glaubt, dass es hilft, Dinge<br />
öffentlich zu machen. Das ist mühsam, insbesondere wenn<br />
die Kontrollinstanzen so träge verkrustete Bürokratien<br />
sind wie die Landesmedienanstalten. Also, einschüchtern lasse<br />
ich mich nicht. Im Gegenteil: Jede Abmahnung weckt bei mir auch<br />
die Lust, der Sache weiter auf den Grund zu gehen. Aber richtig<br />
ist auch: Wenn man mal sieht, wie teuer und zeitaufwändig es<br />
ist, sich mit solchen Rechtsstreitigkeiten rumzuschlagen, ist das<br />
schon ernüchternd.
</p>
<p>
<b>mikethebike:</b> Wissen Sie, ob auch andere (Boulevard-)Medien<br />
und Journalisten Bildblog nutzen, sozusagen als Vorinstanz, die<br />
aufzeigt, welche &quot;Fakten&quot; gleich aus einer Geschichte<br />
aussortiert werden kann? Oder besteht da eher kein Interesse, da<br />
eine Geschichte dadurch &quot;totrecherchiert&quot; werden könnte?
</p>
<p>
<b>Stefan Niggemeier:</b> Das weiß ich nicht. Ich<br />
glaube, wir werden von sehr, sehr vielen Journalisten gelesen, gerade<br />
von denen, die viel mit Boulevardthemen zu tun haben. Es gibt auch<br />
einzelne Beispiele, wo die gerade daraus ein Thema gemacht haben,<br />
dass &quot;Bild&quot; falsch lag. Aber ob wir wirklich die Vorrecherche<br />
ersetzen können, wage ich zu bezweifeln.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Unsere Zeit ist gleich um. Zeit für<br />
eine letzte Frage:
</p>
<p>
<b>rosid:</b> Warum hat Ihr Blog keine Katzenbilder?
</p>
<p>
<b>Stefan Niggemeier:</b> Die Kollegen hier sagen, ich<br />
muss erstmal die Frage erklären. &quot;Katzenbilder&quot; sind<br />
(oder waren) so der klassische Blog-Inhalt. Oder jedenfalls das,<br />
was Blog-Gegner glauben, woraus Blogs im Allgemeinen bestehen (von<br />
wegen: total irrelevanter privater Mist). Also: Ich hab Schafbilder<br />
im Blog! Schafbilder sind viel toller als Katzenbilder, weil Schafe<br />
viel toller sind als Katzen. Punkt.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Eine Stunde tagesschau-Chat ist leider<br />
schon wieder um. Wir bedanken uns bei unseren Usern für die<br />
zahlreichen Fragen und freuen uns, Sie beim nächsten Chat wieder<br />
begrüßen zu dürfen. Unser besonderer Dank gilt Stefan<br />
Niggemeier, der sich die Zeit genommen hat.</p>
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