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	<title>Flüchtlingshilfe &#8211; politik-digital</title>
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	<title>Flüchtlingshilfe &#8211; politik-digital</title>
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		<title>Digitale Flüchtlingshilfe: Gemeinsam sind wir stärker</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Carlotta Duken]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 29 Jul 2016 13:46:36 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[„GoVolunteer“, „ichhelfe.jetzt“ und „HelpTo“ sind die derzeit größten Initiativen der digitalen Flüchtlingshilfe, die Projekte und Freiwilligenarbeit zwischen Helfern und Hilfesuchenden [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://politik-digital.de/wp-content/uploads/Helfer-Allianz-1.jpg"><img fetchpriority="high" decoding="async" class="alignnone wp-image-149863 size-full" src="http://politik-digital.de/wp-content/uploads/Helfer-Allianz-1.jpg" alt="" width="636" height="388" /></a></p>
<p><strong>„GoVolunteer“, „ichhelfe.jetzt“ und „HelpTo“ sind die derzeit größten Initiativen der digitalen Flüchtlingshilfe, die Projekte und Freiwilligenarbeit zwischen Helfern und Hilfesuchenden vermitteln. Um Ressourcen besser zu bündeln und besser voneinander  zu lernen, soll es in Zukunft die „Helfer-Allianz“ geben. Im Interview erklären Malte Bedürftig (GoVolunteer), Mandy Pearson (ichhelfe.jetzt) und Daniel Wetzel (HelpTo) welchen Herausforderungen sie sich stellen müssen</strong></p>
<p><strong>politik-digital: </strong>Wie ist eure Bilanz über das letzte Jahr in der digitalen Flüchtlingshilfe? Wie haben sich Angebot und Herausforderungen geändert?</p>
<p><strong>Malte: </strong>Die Situation ist jetzt anders, als sie letzten Sommer war. Damals herrschte eine sehr große Euphorie und eine riesige Hilfsbereitschaft mitzumachen, was für uns (GoVolunteer) eine Initialzündung war. Diese wollten wir dafür nutzen, Freiwilligenarbeit auf eine große Basis zu stellen. Diese Mission hat sich eigentlich nicht für mich geändert. Heutzutage hat sich vielleicht die Stimmung geändert und der „Alles-wird-gut“ Traum, den viele damals hatten, hat sich in mehr Realismus verwandelt. Allerdings ist das nicht nur schlecht. Gerade in der Freiwilligenarbeit ist es so, dass sich auch im letzten Jahr eine Menge Leute so sehr hereingestürzt haben, dass man tatsächlich so etwas hatte wie „Helfer-Burnouts“ und Menschen auch an ihre Grenzen gestoßen sind. Insofern glaube ich, dass es im Prinzip sogar für diesen Bereich eine Art Gesundung ist, wenn man sagt jetzt können alle mal gucken, ob sie das balanciert in ihren Alltag einbauen können. Und wir haben eben auch das Ziel dabei, das auf mehr Schultern zu verteilen.  Mein Eindruck: die Leute, die damals Hilfsbereitschaft gezeigt haben, die sind auch jetzt noch dabei, auch wenn diese Energie vielleicht nach außen nicht mehr so sichtbar ist.</p>
<p><strong>Daniel: </strong>Hilfe war zunächst unkoordiniert: Sachspenden wurden irgendwo abgegeben, wo sie überhaupt nicht gebraucht wurden oder Leute nicht wussten, wo sie sich engagieren können. HelpTo hatte das Ziel, diese Hilfe besser zu koordinieren. Wir haben von Anfang an gesagt, dass Integration mehr als eine Sachspende ist:  Da geht es um Arbeit, um Wohnraum, um Begegnungsmöglichkeiten – es ist ein relativ breites Themenspektrum. Integrationsspezifische Themen werden nun wichtiger, Nachfragen nach Sachspenden gehen eher zurück oder werden konkreter.  Es gab also eine Veränderung. Bei uns wurden aus einem Portal, das sich auf nur eine Stadt bezog, insgesamt 79 Einzelportale. Der Bedarf ist also nach wie vor da – auch wenn es eher nicht mehr um die schnelle Flüchtlingshilfe geht, sondern um integrationsbegleitende Themen.</p>
<p><strong>politik-digital: </strong>Wie und wann genau fing die Kooperation zwischen „<a href="https://govolunteer.com/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">GoVolunteer</a>“,<a href="https://ichhelfe.jetzt/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">“ichhelfe.jetzt“</a> und „<a href="http://helpto.de/de" target="_blank" rel="noopener noreferrer">HelpTo</a>“ an?</p>
<p><strong> Malte: </strong>Im November letzten Jahres gab es bereits erste Gespräche über eine mögliche Zusammenarbeit. Es ging darum, zu verstehen, was der andere genau macht und ob es Möglichkeiten der konkreten Zusammenarbeit gibt. Bei uns dreien gab es sowohl eine inhaltliche Übereinstimmung, als auch den Willen und Bedarf, gemeinsam Kräfte zu bündeln.  Man hat nicht immer sofort die Kapazität das in die Tat umzusetzen. Jetzt wollen wir nicht zum fünften Mal dieselben Gespräche führen, sondern auch mal Taten folgen lassen. Beim Digitalen Flüchtlingsgipfel im Juni 2016 in Berlin haben wir dann einen Workshop zusammen gemacht. Dabei wurde nochmal sichtbar, dass es Bedarf und Nachfrage nach Zusammenarbeit gibt. Außerdem war klar, dass wir für unser Projekt Unterstützer brauchen, und es einen Synergieeffekt hat, wenn man noch mehr Leute dazu holt. Wir wollten also kein Exklusivitätsbündnis aufmachen, sondern wollten es für andere offen halten.</p>
<p><strong>politik-digital: </strong>Was sind die derzeitigen Herausforderungen in der Vermittlung des digitalen Ehrenamts und wie könnte eine Zusammenarbeit hier helfen?</p>
<p><strong> Malte</strong>: Grundsätzlich haben wir alle die Botschaft verinnerlicht, dass das hier kein Konkurrenzgeschäft ist. Es geht darum, möglichst viel Transparenz zu schaffen und den guten Projekten, den Leuten, die Hilfe brauchen und Hilfe anbieten, möglichst viel Reichweite zu bieten – das können wir zu dritt einfach besser als alleine.</p>
<p><strong> Daniel</strong>: Unsere Plattformen sind alle drei etwas unterschiedlich, haben alle ihre Stärken. Deswegen war für uns interessant zu gucken, wie man diese integrieren kann. Bei uns ist es relativ einfach: es gibt entweder eine Nachfrage nach einer bestimmten Dienstleistung, Hilfe oder Sachspende oder es gibt sie eben nicht. Nach diesem Nachfrage-Angebot Prinzip können Außenstehende gut sehen, wo Hilfe gebraucht wird. Wenn es aber das Bedürfnis von Leuten gibt, sich an einem bestimmten Ort zu engagieren, empfehlen wir diese aber gerne gezielt an „ichhelfe.jetzt“ weiter. Genauso haben wir kein Problem, jemandem GoVolunteer vorzuschlagen oder deren Projekte vorzustellen, wenn jemand sich stärker an die Organisation binden möchte und nach einem Community-Erlebnis sucht. Das wären zunächst die ersten konkreten Schritte der Zusammenarbeit.</p>
<p><strong>Mandy: </strong>Für uns war es seit Anfang des Jahres ganz wichtig, mit Organisationen direkt zusammenzuarbeiten, um herauszufinden was sich über die Zeit verändert hat. Am Anfang brauchten die Geflüchteten Kleidung oder Essen, jetzt sind es zum Beispiel spezielle Sach- und Zeitspenden wie Waschmaschinen und Integrationshilfen , die gesucht werden. In unserem Fall  haben wir uns mit Organisationen hingesetzt und haben geschaut, welche Unterstützung benötigt wird, vor allem von der technischen Seite, um die richtigen Helfer zu finden. Bei „Ichhelfejetzt“ stellen Ehrenamtliche ihre Hilfe ein und Organisationen fragen diese ab. Für uns ist wichtig, dass diese Abfrage sehr einfach funktioniert, weil sonst die Helfer nicht in Anspruch genommen werden, die warten und helfen wollen.</p>
<p><strong>politik-digital: </strong>Wie schafft man es, möglichst viele Menschen mit eurem Angebot zu erreichen? Zum Beispiel die ältere Generation, die gerne helfen und über Zeit verfügen, aber nicht mit dem Internet vertraut sind?</p>
<p><strong> Mandy: </strong>Die Nutzung von Internet und Smartphones in der älteren Generation steigt stetig. Wir wollen die Nutzbarkeit und  Einstellung als Helfer so einfach wie möglich gestalten, sodass das auch die Älteren navigieren können. Jeder Smartphone-User kann auf „Ich-helfe-jetzt“ ganz einfach zugreifen und ihre Hilfe einstellen, ohne großen Aufwand. Wir arbeiten aber auch mit Organisationen zusammen, die schwarze Bretter benutzen –  nutzen also auch lokale Wege.</p>
<p><strong>Malte</strong>: Als Online-Plattform kommen manchmal auch Anfragen, die wir als GoVolunteer nicht direkt abdecken, aber bei denen wir gerne weiterhelfen: Soll zum Beispiel ein Flüchtling abgeschoben werden und sucht nach Rechtsbeistand,  leiten wir ihn zu <a href="http://angehoert.org/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">angehört.org </a>weiter. Und so ist das zum Beispiel auch bei älteren Menschen oder Leuten, die im Digitalen noch nicht so viel Erfahrung haben &#8211; da hilft man ein bisschen nach. Ansonsten gibt es auch viele Leute, die bereits sehr stark im kontinuierlichen Ehrenamt drin sind. Da muss man sich einfach fragen: brauchen die uns überhaupt? Unsere Mission ist natürlich besonders auf Leute zuzugehen, die gerne was machen würden, aber bis jetzt noch nichts tun, weil die Hemmschwelle mangelnde Transparenz war oder sie einfach nicht wussten, wie man anfängt.</p>
<p><strong>Mandy</strong>: Diese Hemmschwelle zu überwinden ist ein wichtiger Punkt. Wir wollen die Menschen überzeugen, die helfen wollen, aber sich noch nicht überwunden haben. Für diese Menschen soll es einfach sein, zu finden, nach was sie suchen. Bei uns ist das so: der Helfer muss stellt einfach seine Fähigkeiten ein, und wird dann direkt selbst kontaktiert. Aus der Perspektive der Helfenden ist diese Hemmschwelle so sehr weit unten angesetzt.</p>
<p><strong>politik-digital: </strong>Eure gemeinsame Vision ist also, sich zunächst besser miteinander zu vernetzen und dann langfristig eine gemeinsame Plattform zu gestalten, die „Helfer-Allianz“. Wie sehen die nächsten Schritte in der Zusammenarbeit aus?</p>
<p><strong> Malte: </strong>Das ist noch ziemlich weit weg und man muss natürlich überlegen, was aus Nutzerperspektive Sinn macht. Wenn man tatsächlich komplementäre und unterschiedliche Angebote hat, macht es keinen Sinn, alles zusammen zu packen und es wird dadurch unübersichtlicher. Sondern man muss natürlich einen zentralen Zugangsweg haben – wie der genau technisch aussieht, wissen wir noch nicht genau.</p>
<p><strong>Daniel</strong>: Dafür ist es wichtig, sich mit anderen Menschen weiter auszutauschen. Wir haben heute bereits gesehen, wo die ersten Anknüpfungspunkte liegen. Es muss überlegt werden: kann man das realisieren und welche Ressourcen muss man dafür einsetzten. Es ist nicht das Ziel, dass es am Ende eine Plattform gibt, die alle anderen ersetzt. Es gibt verschiedene Angebote, die vielleicht in bestimmten Regionen etwas stärker engagiert sind und die einen bestimmten Fokus haben, und das soll auch weiterhin parallel existieren. Die meisten Initiativen in der digitalen Flüchtlingshilfe sind Vereine, die alle mit keinem großen Budget arbeiten und auf Unterstützung angewiesen sind. Wir glauben aber, dass es Sinn macht, an dieser Stelle zu überlegen: Welche Sachen kann man an irgendeiner Stelle vielleicht gemeinsam machen. Wenn man sich gut versteht und das gleiche Ziel hat, vielleicht gibt es am Ende eine gemeinsame Plattform – oder zumindest eine teilintegrierte. Das muss man einfach mal schauen, wie sich das entwickelt. Aber vorstellbar ist es auf jeden Fall. Für den Nutzer ist das an verschiedenen Stellen sinnvoll.</p>
<p><strong>politik-digital: </strong>Eine Zukunftsprognose: Wie relevant wird die digitale Flüchtlingshilfe in der Zukunft sein?</p>
<p><strong> Daniel: </strong>Am Ende macht unser Angebot einiges einfacher und hat konkrete Bewandtnis. Ich glaube schon, dass es auch in Zukunft sinnvoll ist, so etwas zu haben, da es regional unterschiedlich ja auch Angebote gibt, wo sich Leute vernetzen können. Man hat 1 Millionen Menschen in Deutschland aufgenommen. Zwar werden es dieses Jahr nicht ganz so viele, aber trotzdem ist es eine riesige Herausforderung und es geht um Fragen wie Integration. Auch wissen wir nicht, wie es weitergeht und ob es bald eine nächste Welle geben wird.</p>
<p><strong>Malte</strong>: Gerade in Deutschland gab es immer viel Ehrenamt und vieles was über Freiwilligenarbeit getragen wird. Allerdings hat es bisher noch nicht so einen automatischen Stellenwert, im alltäglichen Leben, wie es zum Beispiel in den USA der Fall ist, wo man bereits in der High School verpflichtende Ehrenamtsstunden ableisten muss. Diese Alltäglichkeit ist auch ein Ziel, dass wir alle verfolgen: Freiwilligenarbeit in der Kultur zu verankern und dass Ehrenamt etwas Selbstverständliches ist, das man auch mit seinem normalen Job vereinbaren kann. Das zu ermöglichen ist nicht einfach, gerade wenn diese Strukturen noch nicht so etabliert sind. Wenn wir also gemeinsam die Vision der „Helfer-Allianz“  verfolgen wollen, braucht es mehr Transparenz und einfache digitale Wege. Es ist eine unglaubliche Chance.</p>
<p>Titelbild: Die &#8220;Helfer-Allianz&#8221; von <a href="https://govolunteer.com/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">GoVolunteer</a></p>
<p><a href="http://politik-digital.de/wp-content/uploads/CC-Lizenz-630x11011.png" target="_blank" rel="noopener noreferrer"><img decoding="async" class="alignleft  wp-image-139428" src="http://politik-digital.de/wp-content/uploads/CC-Lizenz-630x11011.png" alt="CC-Lizenz-630x1101" width="441" height="77" /></a></p>
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		<title>Wenn der Staat versagt</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Robert Meyer]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 26 Oct 2015 11:38:44 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[Die Bewältigung der Flüchtlingswelle zeigt das Potential der Zivilgesellschaft – und gleichzeitig die Ohnmacht des Staates. Vor allem auf sozialen [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://politik-digital.de/wp-content/uploads/Teaser-Staat.jpg"><img decoding="async" class="alignnone size-full wp-image-147313" src="http://politik-digital.de/wp-content/uploads/Teaser-Staat.jpg" alt="A" width="639" height="280" /></a>Die Bewältigung der Flüchtlingswelle zeigt das Potential der Zivilgesellschaft – und gleichzeitig die Ohnmacht des Staates. Vor allem auf sozialen Plattformen organisieren sich zahlreiche Hilfsinitiativen für Asylsuchende. Mit Angeboten wie ich-helfe.nrw holt der Staat nun seinen Rückstand bei der Flüchtlingshilfe möglicherweise auf.</p>
<p>Die Flüchtlingshilfe in München braucht HelferInnen am Hauptbahnhof und in den Erstaufnahmeeinrichtungen in Erding und Dornach. An Winterjacken mangelt es auch. In Wilhelmshaven benötigen die Freiwilligen vor allem Kinderwägen und Tragetücher. Und die Aktionsgruppe Flüchtlingshilfe Welver (NRW) sucht dringend Bettwäsche, Wolldecken und Handtücher. Badelatschen wären aber auch praktisch.</p>
<p>So und so ähnlich lauten die Anzeigen auf den unzähligen Facebook-Seiten der örtlichen, über ganz Deutschland verteilten Flüchtlingshilfen. Die soziale Plattform bietet die Möglichkeit, die Bedarfslisten der HelferInnen ständig und jederzeit zu aktualisieren. Ein Vorteil für die Ehrenamtlichen, die hierdurch das bekommen, was auch wirklich gebraucht wird. Und ein Vorteil für die SpenderInnen, die somit keine unnötigen Einkäufe tätigen. Die Gesellschaft organisiert sich selbst. Solche Initiativen „von unten“ zeigen eindrücklich, dass der Staat mit dem Ansturm der Asylsuchenden anscheinend nicht zurechtkommt – die Zivilgesellschaft muss einspringen. Und dennoch gibt es genug Grund zu behaupten: der Staat wird hierdurch nicht obsolet. Langfristig wird er das Zepter wieder in die Hand nehmen.</p>
<h3>Wenn der Ausnahmefall eintritt</h3>
<p>Im Sommer und Herbst 2015 erlebt Deutschland eine bisher nie dagewesene Zahl von Asylsuchenden. Alleine bis Ende September gingen beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge 275.000 Erstanträge auf Asyl ein. Im Vergleich zum Vorjahr eine Steigerung um mehr als das Doppelte. Nicht einberechnet sind hierbei die Menschen, die sich zunächst nur als asylsuchend registriert haben, dem Schritt vor dem förmlichen Antrag beim Bundesamt für Migration. Insgesamt kamen so in den ersten acht Monaten des Jahres knapp 577.000 Asylsuchende nach Deutschland. Verlässliche Prognosen für die kommenden Monate sind dabei kaum möglich. Die Bundesregierung geht im Moment von bis zu 800.000 Asylanträgen 2015 aus. In diesem Jahr wird es also den größten Zustrom an Flüchtlingen in der Geschichte der Bundesrepublik geben.</p>
<p>Fast ein Viertel der Asylanträge stammt von Menschen, die aus Syrien geflohen sind. Der dortige Bürgerkrieg, der seit mittlerweile fast fünf Jahren tobt, ist eine der dringlichsten Ursachen für die derzeitigen Flüchtlingsströme nach Europa. Knapp elf Prozent der Anträge stammen derweil von Asylsuchenden aus Afghanistan und dem Irak. Vor allem bei diesen drei Staaten ist ein sprunghafter Anstieg der nach Deutschland kommenden Flüchtlinge zu verzeichnen.</p>
<h3>Wenn die Zivilgesellschaft in die Bresche springt</h3>
<p>Angesichts dieser noch nie dagewesenen Flüchtlingswelle lässt sich in einem Land, das seit einem Jahr Pegida und Co. erlebt, eine interessante Entwicklung beobachten: Es entsteht eine Welle der Solidarität. Überall engagieren sich BürgerInnen ehrenamtlich in bestehenden oder spontan gegründeten Flüchtlingsinitiativen. Sie stehen bei der Ankunft der Asylsuchenden bereit, versorgen sie mit dem Nötigsten und organisieren den weiteren Ablauf. Und das mit teilweise mehr als nur begrenzten Mitteln.</p>
<p>Dabei spielt vor allem der digitale Raum eine entscheidende Rolle. Auf Facebook entstehen zahlreiche Gruppen, in denen die Helferkreise sich organisieren, aber auch um Spenden bitten. Die soziale Plattform fungiert hierbei als eine Art „Schwarzes Brett“. Die BürgerInnen können sich jederzeit informieren, woran es bei ihnen vor Ort akut mangelt. München, Wilhelmshaven und Welver machen es vor.</p>
<h3>Wenn der Staat überfordert ist</h3>
<p>Aber halt, ist genau das nicht eigentlich Aufgabe der öffentlichen Verwaltung? Politisch Verfolgte genießen in Deutschland schließlich Asylrecht, so sagt es Artikel 16 des Grundgesetzes. Der Staat hat somit die Aufgabe, Asylanträge zu bearbeiten, Wohnraum für die Flüchtenden bereitzustellen sowie deren Existenzminimum zu sichern. Hierbei scheint es derzeit aber an allen Ecken und Enden zu hapern.</p>
<p>Die deutlich gestiegene Zahl an Asylanträgen stellt die betroffenen Behörden vor große Herausforderungen. Das zeigt sich vor allem in den mittlerweile extrem langen Bearbeitungszeiten für Asylanträge. Das Personal kommt nicht mehr hinterher: Beim Bundesamt für Migration sind bis zu 300.000 Anträge unbearbeitet. Aber nicht nur dort zeigt sich die Überforderung des Staates. Auch die deutschen Verwaltungsgerichte haben deutliche Probleme mit der unerwartet großen Flut an Flüchtlingen. „Wir bräuchten deutschlandweit rund 600 zusätzliche Richter, um die vielen Asylverfahren bewältigen zu können“, so zitiert <a href="http://www.spiegel.de/politik/deutschland/bundeslaender-registrierten-in-40-tagen-409-000-fluechtlinge-a-1058120.html" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Spiegel Online</a> den Vorsitzenden des Bundes Deutscher VerwaltungsrichterInnen Robert Segmüller.</p>
<h3>Wenn es an allem mangelt</h3>
<p>Auch bei der Bereitstellung von Wohnraum hat der Staat massive Probleme. Nachrichten über überfüllte Flüchtlingsunterkünfte sind an der Tagesordnung. Asylsuchende müssen teilweise in unbeheizten Zeltstädten, so wie aktuell in Hamburg, untergebracht werden. Die Bremische Bürgerschaft hat sogar ein Gesetz erlassen, das der Polizei die Beschlagnahmung von leerstehenden Immobilien zur Unterbringung von Flüchtlingen erlaubt. Selbst HelferInnen nehmen manchmal Flüchtlinge mit nach Hause, weil sie für die Nacht keine Unterkunft mehr bekommen haben.</p>
<p>Und selbst die Sicherung des Existenzminimums stellt den Staat vor große Probleme. Vor allem die Organisation sowie die Sammlung von Lebensmitteln und Produkten des täglichen Bedarfs sind nicht ausreichend geregelt. Besonders problematisch gestaltet sich das vor allem in Ballungsräumen wie Berlin, wo seit Wochen immer wieder zahlreiche Flüchtlinge vor dem Landesamt für Gesundheit und Soziales ausharren müssen. Ohne Spenden der Bevölkerung – Wasser, Nahrung, Zahnbürsten – wäre die Situation in Deutschland noch deutlich verzwickter. Eine agierende Zivilgesellschaft – ein resignierter Staat?</p>
<h3>Wenn die Routinen versagen</h3>
<p>Warum stellen diese Entwicklungen den Staat nun vor so große Herausforderungen? Vor allem die Länder und Kommunen sind für Betreuung und Unterbringung der Flüchtlinge zuständig. Doch denen mangelt es bekanntermaßen schon seit Langem an finanziellen Mitteln. Kurzfristig ist somit nicht genügend Geld für neuen Wohnraum oder mehr Personal vorhanden.</p>
<p>Durch seine langen Routinen und starren Regeln ist der Staat schon von Natur aus nicht für einen solchen Ausnahmefall gemacht. Und man stelle sich nur mal vor, der Staat würde für jeden erdenklichen Ausnahmefall vorplanen. Zum einen wäre der Aufschrei enorm, wenn beim Staat Hunderte Sachbearbeiter ohne Aufgabe herumsitzen würden, weil gerade kein Flüchtlingsstrom nach Deutschland kommt: Steuerverschwendung! Auf der anderen Seite hatte niemand diesen sprunghaften Anstieg der Flüchtlingszahlen wirklich erwartet. Aus diesem Grund gibt es vorerst auch nicht ausreichend Ressourcen, um dieser Aufgabe Herr zu werden. Institutionen sind eben nur für den Regelfall ausgelegt.</p>
<h3>Wenn die Zivilgesellschaft gestaltet</h3>
<p>An dieser Stelle kommen die HelferInnen aus München, Wilhelmshaven, Welver und vielen weiteren Orten ins Spiel: die Zivilgesellschaft übernimmt. Denn sie besitzt exakt jene Eigenschaft, die dem Staat in solchen Situationen abgeht: Flexibilität. Das Potential, das sie besitzt, zeigt sich dieser Tage, Wochen und Monate mehr als nur deutlich. Dort, wo der Staat momentan überfordert ist, greift die Zivilgesellschaft helfend ein. Tausende von Flüchtlingen erreichen jeden Tag den Münchner Hauptbahnhof? Alles klar, ehrenamtliche Helfer organisieren deren Ankunft und Versorgung direkt vor Ort. Viele wollen helfen, wissen aber nicht wann und wo? Alles klar, Facebook-Gruppen erleichtern die Organisation. Ein solcher Ausnahmefall, eine unerwartete Abweichung von den Routinen des Staates, zwingt die Zivilgesellschaft zur Improvisation.</p>
<p>Die Gestaltungskraft „von unten“ ist demzufolge für veränderte Situationen, für den Ausnahmezustand zuständig. Doch das größte Problem solch zivilgesellschaftlichen Engagements bleibt weiterhin ungelöst: Auf Dauer lässt sich ein solches Handeln meistens nicht gewährleisten. Bürgerinitiativen zerfallen, die Hilfsbereitschaft nimmt stetig ab. Und auch in der Flüchtlingsfrage kann sich niemand darauf verlassen, dass die Zivilgesellschaft den großen Organisationaufwand, auch wenn er dank digitaler Angebote wie Facebook deutlich einfacher geworden ist, auf lange Frist gesehen stemmen kann.</p>
<h3>Wenn der Staat wieder das Zepter in die Hand nimmt</h3>
<p>Nun kommt wiederum der Staat ins Spiel. Er wird durch einen solchen Ausnahmefall nicht bedeutungslos, denn nur zu Anfang sind Institutionen überfordert. Auf Dauer gesehen, wenn sich möglicherweise eine Routine einstellt, kann der Staat diese Aufgaben wieder übernehmen. Die ersten Hinweise auf eine solche Entwicklung kann man bereits beobachten. Zunehmend kommen die Routinen des Staates in Gang und beginnen mit der Problemlösung. Der Bund nimmt beispielsweise Geld in die Hand, um die klammen Länder und Kommunen gezielt bei der Bewältigung des Flüchtlingsstroms zu unterstützen, unter anderem mit einer monatlichen Pauschale für jeden Flüchtling in Höhe von 670 Euro.</p>
<p>Doch in erster Linie beginnt nun die Institutionalisierung der zivilgesellschaftlichen Organisation im Netz. Mit <a href="https://ich-helfe.nrw/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">ich-helfe.nrw</a> versucht die nordrhein-westfälische Landesregierung, den HelferInnen mit einer zentralen Organisationsplattform unter die Arme zu greifen. Eine einfache Übersicht für alle BürgerInnen und Ehrenamtlichen, die Hilfe anbieten oder suchen. „Um das Zusammentreffen von Hilfsangebot und Hilfsbedarf landesweit besser zu organisieren. Damit die Hilfe für die Flüchtlinge genau und schnell da ankommt, wo sie auch gebraucht wird“, so NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft. Auch Hessen hat ein ähnliches Portal eingerichtet, auf dem sich die BürgerInnen über Flüchtlingshilfe informieren können.</p>
<h3>Wenn Staat und Zivilgesellschaft zusammenwirken</h3>
<p>So gesehen ist die Flüchtlingswelle eine Abweichung von der Routine des Staates. Das zivilgesellschaftliche Engagement ist letztendlich also nur eine Übergangsphase, die zu Improvisationen zwingt. Bis Politik und Staat diesen Ausnahmefall institutionalisiert haben und wieder den üblichen Weg der Routinen gehen. Facebook und Co. sind dementsprechend für die kurzfristige Bewältigung solcher Situationen für die Zivilgesellschaft von Vorteil, vor allem bei der Organisation. Langfristig lassen sich solche Idee und Werkzeuge jedoch auch in staatliche Strukturen überführen. Die ersten Schritte sind mittlerweile getan: Ein Teil der Organisation kann nun auch auf staatlicher Ebene ablaufen. Was Personal und Wohnraum angeht, muss die Politik noch nachlegen. Bis dahin ist es wohl weiterhin an der Zivilgesellschaft, diesen Ausnahmefall zu bewältigen.</p>
<p>Zumindest gibt es jetzt auch für die kleine Aktionsgruppe für Flüchtlinge in Welver mit ich-helfe.nrw eine zentrale Plattform, auf der sie nach Hilfe suchen kann. Derzeit braucht die Initiative übrigens Deutschunterricht, Sportangebote und Arabisch-Dolmetscher. Und immer noch Badelatschen.</p>
<p><em>Siehe auch: Grande, Edgar, 2004: Politik gegen Institutionen? Die neuen Souveräne der Risikogesellschaft, In: A. Poferl/ N. Sznaider (Hrsg.), Ulrich Becks kosmopolitisches Projekt. Baden-Baden: Nomos, S. 137-148.</em></p>
<p>Bild: <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:A_line_of_Syrian_refugees_crossing_the_border_of_Hungary_and_Austria_on_their_way_to_Germany._Hungary,_Central_Europe,_6_September_2015.jpg" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Mstyslav Chernov</a> <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.en" target="_blank" rel="noopener noreferrer">CC BY-SA 4.0</a></p>
<p><img decoding="async" src="http://politik-digital.de/wp-content/uploads/CC-Lizenz-630x1101-305x53.png" alt="CC-BY-SA" width="305" height="53" /></p>
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			</item>
		<item>
		<title>Willkommensnetz: Flüchtlingshilfe vor Ort</title>
		<link>https://www.politik-digital.de/news/willkommensnetz-fluechtlingshilfe-vor-ort-147307/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Robert Meyer]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 23 Oct 2015 11:37:26 +0000</pubDate>
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		<category><![CDATA[Campact]]></category>
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		<category><![CDATA[Willkommensnetz]]></category>
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					<description><![CDATA[Ein neuer Vorstoß zur besseren Koordinierung von Flüchtlingshilfen: Campact e.V. startet mit seinem Willkommensnetz ein Online-Verzeichnis für lokale Flüchtlingshilfen in [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://politik-digital.de/wp-content/uploads/Karte-Willkommensnetz.jpg"><img decoding="async" class="alignnone size-full wp-image-147309" src="http://politik-digital.de/wp-content/uploads/Karte-Willkommensnetz.jpg" alt="Karte Willkommensnetz" width="640" height="280" /></a>Ein neuer Vorstoß zur besseren Koordinierung von Flüchtlingshilfen: Campact e.V. startet mit seinem Willkommensnetz ein Online-Verzeichnis für lokale Flüchtlingshilfen in Deutschland. Bisher haben sich rund 1.300 Hilfsinitiativen in die interaktive Karte eingetragen. Ziel des Projekts ist eine bessere Vernetzung von lokalen Initiativen mit BürgerInnen, die ihren Teil zur Bewältigung der Flüchtlingswelle beitragen möchten.</p>
<p>Ein schneller Überblick über die Flüchtlingsinitiativen vor Ort: das soll mithilfe des neuen <a href="https://willkommensnetz.campact.de/#!/containers/das-willkommensnetz" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Willkommensnetzes</a> der Bürgerbewegung <a href="https://www.campact.de/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Campact</a> deutlich einfacher werden. In einer deutschlandweiten Übersichtskarte werden sämtliche Flüchtlingshilfen, die sich selbstständig in die Karte eintragen und so auf sich aufmerksam machen können, angezeigt. Mit rund 1.300 eingetragenen Initiativen ist das Willkommensnetz die bundesweit größte Übersicht. Durch eine Mitmach-Funktion sind interessierte BürgerInnen darüber hinaus in der Lage, sich direkt bei ihrer lokalen Initiative zu melden und ihre Hilfe anzubieten. Ähnliche Angebote gibt es zwar auch schon von anderen Organisationen, beispielsweise die <a href="http://www.proasyl.de/de/ueber-uns/foerderverein/mitmachen/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Übersichtskarte</a> des Fördervereins <a href="http://www.proasyl.de/de/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">PRO ASYL</a>. Neu ist jedoch, dass die Einträge von den Flüchtlingshilfen im Willkommensnetz selbst gestaltet werden können. Die Karte lässt sich auch problemlos auf den Webseiten der lokalen Initiativen einbinden.</p>
<h3>BürgerInnen zum Engagement ermutigen</h3>
<p>Das Angebot, so Campact-Vorstand Günter Metzges, soll vor allem das bürgerliche Engagement fördern, ohne das die Flüchtlingswelle nicht bewältigt werden könne: „Die Aufnahme einer großen Zahl von Geflüchteten bringt langfristig große Chancen, kurzfristig aber auch erhebliche Herausforderungen für unser Land. Das fordert nicht nur den Staat, sondern uns alle: Nur durch ein bürgerschaftliches Engagement von vielen kann die Integration der zahlreichen neuen Mitbürger gelingen.“ Campaignerin Katharina Nocun ergänzt: „Neue Technologien machen es möglich, potentielle Helfer und lokale Initiativen so einfach und unkompliziert zu vernetzen wie noch nie. […] Das Willkommensnetz soll Menschen dazu ermutigen, sich einzubringen und lokale Initiativen bei sich vor Ort zu unterstützen.“</p>
<p>Der Verein machte schon mit einem Appell gegen Rassismus auf sich aufmerksam, der von mittlerweile über 185.000 Menschen unterschrieben wurde. Campact ist eine Nichtregierungsorganisation, die BürgerInnen eine Beteiligungsplattform im Netz bieten möchte. Laut eigenen Angaben sind derzeit über 1,7 Millionen Menschen bei Campact registriert. Der Verein setzt sich dabei für progressive Politik ein, unter anderem in den Bereichen Umweltschutz, Menschenrechte, direkte Demokratie und soziale Gerechtigkeit. Zuletzt kündigten sie gemeinsam mit Digitalcourage e.V. eine Verfassungsklage gegen die <a href="http://politik-digital.de/news/bundestag-beschliesst-vorratsdatenspeicherung-147222/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">kürzlich beschlossene Vorratsdatenspeicherung</a> an.</p>
<p>Bild: <a href="https://willkommensnetz.campact.de/#!/containers/das-willkommensnetz" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Screenshot</a></p>
<p><img decoding="async" src="http://politik-digital.de/wp-content/uploads/CC-Lizenz-630x1101-305x53.png" alt="CC-BY-SA" width="305" height="53" /></p>
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