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	<title>Gesine Schwan &#8211; politik-digital</title>
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	<title>Gesine Schwan &#8211; politik-digital</title>
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	<item>
		<title>&#8220;Ich bin keineswegs chancenlos&#8221;</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Christian Jung]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 11 Mar 2009 08:20:17 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Chattranscripte]]></category>
		<category><![CDATA[Gesine Schwan]]></category>
		<category><![CDATA[Bundespräsidentenwahl]]></category>
		<category><![CDATA[SPD]]></category>
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					<description><![CDATA[Am Dienstag dem 10. März 2009 war die SPD-Kandidatin für das Bundespräsidentenamt Gesine Schwan zu Gast im tagesschau-Chat in Zusammenarbeit mit politik-digital.de. Sie beantwortete Fragen der Chatter zu ihren Wahlchancen, ihren Vorhaben im Fall der Wahl und zur aktuellen Finanzkrise.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Am Dienstag dem 10. März 2009 war die SPD-Kandidatin für das Bundespräsidentenamt Gesine Schwan zu Gast im tagesschau-Chat in Zusammenarbeit mit politik-digital.de. Sie beantwortete Fragen der Chatter zu ihren Wahlchancen, ihren Vorhaben im Fall der Wahl und zur aktuellen Finanzkrise.<!--break--></p>
<p>
&nbsp;
</p>
<p>
<b>Moderatorin</b>: Herzlich Willkommen beim<br />
tagesschau-Chat im ARD-Hauptstadtstudio. Mein Name ist Corinna Emundts.<br />
Ich darf Gesine Schwan herzlich begrüßen, die bereits zum zweiten Mal<br />
nominiert ist als Kandidatin für das Bundespräsidentenamt. Derzeit ist<br />
sie viel im Land unterwegs, sie hält fünf Grundsatzreden über<br />
Gesellschaft, Demokratie und Globalisierung, die letzte davon in der<br />
Paulskirche in Frankfurt. Dazwischen liegen viele Termine auf Einladung<br />
von Abgeordneten und Verbänden. Frau Schwan, vielen Dank, dass Sie für<br />
die Diskussion mit den Lesern von tagesschau.de und politik-digital.de<br />
Zeit haben &#8211; sind Sie bereit?
</p>
<p>
<a href="http://www.tagesschau.de/interaktiv/chat/chatprotokoll482-magnifier_pos-1.html" onclick="windowOpen('/interaktiv/chat/chatprotokoll482-magnifier_pos-1.html',820,700,1,1);return false;" title="Zur Fotostrecke des Beitrages [neues Fenster]"><br />
</a><b>Gesine Schwan</b>: Gerne! Schönen Dank für die Einladung!
</p>
<p>
<b>Moderatorin</b>: Mit welcher Frage werden Sie bei Ihren Auftritten besonders oft konfrontiert? Was treibt die Menschen im Lande um?
</p>
<p>
<b>Gesine Schwan</b>:<br />
Das hat sich im Laufe der Monate geändert. Zur Zeit ist sehr häufig die<br />
Frage nach der Krise im Mittelpunkt. Aber dann ergibt sich daraus auch<br />
die Frage nach der Aufgabe einer Bundespräsidentin in einer solchen<br />
Krise.
</p>
<p>
<b>Moderatorin</b>: Welche Fragen kommen zur Krise?
</p>
<p>
<b>Gesine Schwan</b>:<br />
Auch die Frage, oder ganz vornehmlich, was das denn eigentlich für eine<br />
Krise sei und vor allen Dingen, ob man absehen kann, wie das sich<br />
weiter gestalten wird. Diese Frage steht auch im Zusammenhang mit der<br />
Frage, was kann Staat, was kann Politik machen und natürlich auch: Wie<br />
können wir uns dagegen wappnen?
</p>
<p>
<b>Moderatorin</b>: Auch hier im Chat sind viele Fragen dazu eingetroffen:
</p>
<p>
<b>Fraenkel:</b><br />
Werte Frau Schwan, wie könnte das Spannungsverhältnis von Konflikt und<br />
Konsens oder auch von Gewinnstreben und Stabilität in Vertrauen<br />
umgesetzt werden?
</p>
<p>
<img decoding="async" src="/wp-content/uploads/gschwan.jpg" align="left" height="274" width="180" /><b>Gesine Schwan</b>: Das sind<br />
sozusagen alles Stichworte, an denen mir sehr liegt. Wir brauchen einen<br />
klaren politischen Rahmen für die Märkte. Sie müssen durchsichtig sein,<br />
der Wettbewerb muss gesichert werden. Das ist in einer globalisierten<br />
Wirtschaft sehr viel schwieriger als zur Zeit der sozialen<br />
Marktwirtschaft, als die Politik noch im Nationalstaat die Rahmendaten<br />
setzen konnte. Das geht heute nicht mehr.
</p>
<p>
Aber wenn wir die<br />
Bürgerbeteiligung, die sich überall ja doch durchaus zeigt &#8211; und das in<br />
einer gegenläufigen Tendenz zu den negativen Umfrageergebnissen zu<br />
Parteiendemokratie und Parteien &#8211; wenn wir also die Bürgerbeteiligung<br />
etwa in Nicht-Regierungsorganisationen ernster nehmen, mit einbeziehen<br />
&#8211; und zwar als diejenigen, die die wirtschaftliche Tätigkeit stärker<br />
noch kontrollieren, aber auch neue Koalitionen bilden können für neue<br />
Projekte &#8211; und wenn wir den Privatunternehmen auch ihre politische<br />
Verantwortung immer wieder klar machen, dann können wir durch<br />
Transparenz sowohl der Bürgerbeteiligung als auch der Politik der<br />
Privatunternehmen Vertrauen stärken. Vertrauen ist in meiner Sicht kein<br />
blindes Vertrauen. Das ist kein Vertrauen &#8211; das ist Leichtsinn. Aber<br />
wenn die Geschehnisse durchsichtig sind, wenn auch Kritik geübt werden<br />
kann, dann wächst auch Vertrauen.
</p>
<p>
<b>Aelmstee:</b><br />
Durch die Finanzkrise wird die Kinderarmut laut aktueller<br />
Berichterstattung noch weiter ansteigen. Mit welchen Mitteln wollen Sie<br />
die Lebenssituation dieser Kinder verbessern?</p>
<p><b>Gesine Schwan</b>:<br />
Ich habe über diese Statistiken zur Kinderarmut auch gerade in meinem<br />
letzten Vortrag in Essen in der Zeche-Zollverein gesprochen. Dieser<br />
Vortrag hatte das Thema &quot;Arbeit, Anerkennung, Zusammenhalt&quot;. Und in der<br />
Tat, durch die Krise auf den Finanzmärkten droht die Armut, die<br />
insbesondere Kinderarmut ist, noch größer zu werden. Letzte Meldungen<br />
über Hartz-IV-Empfänger und Hartz IV-Sätze zeigen, dass gerade<br />
alleinerziehende Mütter oder Väter wenig Chancen haben, aus den<br />
Hartz-IV-Sätzen heraus zu kommen und mit diesen Sätzen, auch den<br />
Kindersätzen, nicht zurecht kommen.
</p>
<p>
Ich denke, da haben auch<br />
Gerichte darauf hingewiesen, dass sich da etwas ändern muss, dass diese<br />
erhöht werden müssen. Aber ich denke, dass auch gerade durch<br />
öffentliche Unterstützung von Kinderbetreuung, Bildung und Erziehung<br />
die alleinerziehenden Väter und Mütter die Chance bekommen müssen,<br />
wieder in Arbeit zu kommen. Denn unter den Hartz-IV-Empfängern haben am<br />
ehesten kinderlose Erwachsene und Ehepaare die Chance, wieder<br />
berufstätig zu werden.
</p>
<p>
<b>Moderatorin</b>: Ist das eine Bankrotterklärung für die Politik der vergangenen Jahre?
</p>
<p>
<b>Gesine Schwan</b>:<br />
Nein, das ist keine Bankrotterklärung. Das zeigt, wie schwierig es ist,<br />
aus einer hohen Arbeitslosigkeit heraus zu kommen und wie abhängig eine<br />
solche Maßnahme von einer Vielfalt von Akteuren ist, die sie auch gut<br />
ausführen müssen. Man hatte aus Beispielen aus Skandinavien gelernt, wo<br />
eine bessere Weiterbildung und Zuordnung von Arbeitslosen zu offenen<br />
Stellen durchaus Erfolg hatte. In Deutschland bleibt da sehr viel zu<br />
tun, weil die Dimension auch viel größer war und wohl auch die<br />
Kooperationsbereitschaft der Akteure, die an dieser Maßnahme beteiligt<br />
waren, noch verbessert werden muss.
</p>
<p>
<b>Moderatorin</b>: Sollte ein Bundespräsident oder eine Bundespräsidentin Fehler von Regierungspolitik benennen?</p>
<p><b>Gesine Schwan</b>:<br />
Nein, die Person hat sich nicht zu beteiligen &#8211; nach meinem Verständnis<br />
&#8211; an Einzelkritik, an operativer Politik, an Regierungs- oder<br />
Oppositionspolitik. Warum eigentlich nur Regierungspolitik? Aber vom<br />
Bundespräsidentenamt aus sollten Grundsätze, die hinter<br />
Einzelentscheidungen stehen, herausgearbeitet werden und damit eine<br />
öffentliche Debatte über Punkte und bessere Politik angeregt werden.<br />
Das verlangt einen deutlich analytischen Zugang, den ich gegenüber<br />
einer vorschnellen Moralisierung klar bevorzuge.
</p>
<p>
<b>Manager:</b><br />
Sehr geehrte Frau Schwan, was halten Sie von der Idee der<br />
Verstaatlichung von Banken und Unternehmen in Krisenzeiten? Ist der<br />
Staat der bessere Unternehmer?</p>
<p><b>Gesine Schwan</b>:<br />
Ich meine schon, dass Steuerunterstützung auch eine gewisse Kontrolle<br />
für die Steuerzahler braucht. Aber ich halte nichts davon, Banken und<br />
Unternehmen generell zu verstaatlichen. Wenig spricht dafür, dass auf<br />
Dauer staatliche Bürokratien einfallsreicher, flexibler und<br />
gemeinwohlorientierter auf dem Wirtschaftsmarkt handeln als private<br />
Unternehmer. Allerdings müssen für private Unternehmen klare<br />
Rahmendaten gelten, auch im Sinne und im Dienste nachhaltiger Politik.<br />
Es darf nicht, wie bisher und im Unterschied zu früheren<br />
Unternehmerphilosophien, die kurzfristige Gewinnmaximierung allein auch<br />
auf Kosten etwa der Umwelt und beispielsweise der sozialen Situation<br />
der Mitarbeiter im Vordergrund stehen. Überhaupt ist ein Unternehmen<br />
nicht einfach ein Ort, an dem Rendite gemacht wird. Rendite muss sein,<br />
das ist richtig. Aber eben nicht nur. Sondern ein Unternehmen ist auch<br />
eine Organisation, in der Menschen arbeiten, die davon abhängen &#8211;<br />
ebenso wie die Umwelt. Das muss wieder mehr beachtet werden, auch durch<br />
eine zukunftsgewandte Mitbestimmung.
</p>
<p>
<b>JH:</b> Sie<br />
sprechen von Bürgerbeteilung. Glauben Sie, dass Bürgerbegehren und<br />
Referenden Deutschland wirklich demokratischer gestalten können?<br />
Letztendlich sind es doch vor allem Interessengruppen, die die<br />
Hauptakteure der direkten Demokratie sind.
</p>
<p>
<b>Gesine Schwan</b>:<br />
Die Kräftigung der Demokratie hängt sicher nicht nur von Abstimmungen<br />
und Plebisziten ab. Dass sich Bürger versammeln, um ein politisches<br />
Projekt zu verfolgen, kann durchaus durch Interessen motiviert werden.<br />
Sie sind in einer pluralistischen Demokratie nichts schlechtes. Auch<br />
Partikularinteressen haben ihre prinzipielle Berechtigung. Aber sie<br />
müssen sich öffentlich diskutieren lassen und dürfen sich nicht hinter<br />
Parolen des Gemeinwohls verstecken. Die Bürgerbeteiligung, die ich<br />
meine, bezieht sich vor allen Dingen auf gemeinnützige NGOs. Die<br />
Engländer nennen das &quot;advocacy organizations&quot;. Da machen sich<br />
Bürgerinitiativen zu Anwälten gerade auch für solche sozialen Gruppen,<br />
die es alleine noch nicht schaffen, sich zu Gehör zu bringen.
</p>
<p>
<b>hallo:</b><br />
Einmal abgesehen von der Wirtschaft, wie beurteilen Sie die aktuelle<br />
Bildungssituation in Deutschland und das &quot;Gefälle&quot; zwischen den<br />
Bundesländern? Was haben Sie für Verbesserungsvorschläge?
</p>
<p>
<b>Gesine Schwan</b>:<br />
Ich weiß nicht genau, worauf die Frage des Gefälles abzielt. Vielleicht<br />
auf Ergebnisse der PISA-Studie. Die PISA-Studie zeigt, dass innerhalb<br />
Deutschlands das sogenannte Gefälle gar nicht so groß ist, dass es aber<br />
erheblich besteht etwa im Unterschied zu den skandinavischen Ländern.<br />
In meiner Sicht beruht der Erfolg der skandinavischen Ländern nicht nur<br />
auf ihren Hochschulstrukturen &#8211; also etwa darauf, dass sie die jungen<br />
Menschen sehr lange beieinander lassen und nicht so früh auseinander<br />
sortieren, wie das in Deutschland geschieht &#8211; sondern vor allem auf<br />
einer ganz anderen Einstellung zu Kindern und zur Bildung.
</p>
<p>
Sie<br />
wollen die unterschiedlichen Talente fördern, sie wollen die Kinder<br />
stärken in ihrer Individualität und in der Vielfalt ihrer Begabungen<br />
ermutigen, vielmehr als das in Deutschland üblich ist. Dadurch haben<br />
sie dann auch im Durchschnitt bessere Ergebnisse in den Gebieten wie<br />
Rechnen, Lesen, Texte verstehen, die ja nur einen kleinen Teil von<br />
Bildung ausmachen. Die Bejahung der Kinder und ihrer auch ganz<br />
individuellen Lernvorgänge ist das Entscheidende.
</p>
<p>
<b>Dreamdancer:</b> Wie schafft unsere Gesellschaft einen notwendigen Paradigmenwechsel in der Bildungspolitik?
</p>
<p>
<b>Gesine Schwan</b>:<br />
Das ist sicher eine Frage auch der öffentlichen Debatte. Ich beobachte<br />
eine Kluft zwischen denen, die beruflich wirklich mit Bildung zu tun<br />
haben, denen gute Lernergebnisse der Kinder am Herzen liegen und die<br />
meines Erachtens alle eher der skandinavischen Philosophie zuneigen,<br />
und denen, die öffentlich-bildungspolitisch argumentieren, die nicht<br />
immer in der täglichen Berührung mit Bildung sind und sehr<br />
oberflächliche Elite-Parolen von sich geben. Um hier einen<br />
Paradigmenwechsel zu erreichen, müssen wir gerade die Erzieherinnen und<br />
Lehrer ernster nehmen, die an ihrem Geschäft wirklich hängen, und<br />
müssen auch die empirischen Ergebnisse, etwa in Skandinavien, genauer<br />
zur Kenntnis nehmen. Ich würde als Bundespräsidentin gern zu einer<br />
derartigen öffentlichen Debatte beitragen.
</p>
<p>
<b>Moderatorin</b>: Eine Nachfrage zum &quot;Bildungsgefälle&quot;:
</p>
<p>
<b>Claudi:</b> Ist die Frage nicht einfach, auf welche Art und Weise man versuchen möchte, dieses Gefälle abzubauen?
</p>
<p>
<b>Gesine Schwan</b>:<br />
Wenn man ein Gefälle abbauen will, muss man genau verstehen, worum es<br />
sich dabei handelt. Deshalb habe ich auf die PISA-Ergebnisse<br />
hingewiesen. Nach meinen Erfahrungen sind die Kinder, die in den<br />
vermutlich angesprochenen südlichen Bundesländern aufwachsen und zur<br />
Schule gehen, nicht grundsätzlich besser gebildet als die im Norden.<br />
Man klammert sich da an Zensuren und nachdem ich etwa 35 Jahre<br />
unterrichtet habe, weiß ich, was ich davon zu halten habe.
</p>
<p>
<b>Moderatorin</b>: Die folgende Frage ist zugleich eine, die viele User vorab für besonders wichtig bewertet haben.
</p>
<p>
<b>Balduin:</b><br />
Nach den Stimmenverhältnissen in der Bundesversammlung sind Sie<br />
chancenlos bei der Wahl des Bundespräsidenten. Warum kandidieren Sie<br />
dennoch?
</p>
<p>
<b>Gesine Schwan</b>: Die Rechnung ist falsch.<br />
Ich bin keineswegs chancenlos. Union und FDP, die sich bisher zur<br />
Unterstützung des Amtsinhabers positiv erklärt haben, haben 606 Stimmen<br />
&#8211; das ist keine absolute Mehrheit. Alle anderen Stimmverhältnisse sind<br />
unklar und ganz generell gehe ich auch davon aus, dass Union und FDP<br />
ebenso wenig geschlossen abstimmen wie im Jahre 2004. Überhaupt<br />
unterliegen Bundespräsidentenwahlen, die geheim sind, keinem<br />
Fraktionszwang.
</p>
<p>
Und es hat bei diesen, wo es um die Wahl einer<br />
Persönlichkeit geht, nie eine genaue Übereinstimmung zwischen der Zahl<br />
der Fraktionsmitglieder und der Zahl der jeweils entsprechend<br />
abgegebenen Stimmen gegeben. 2004 hat Horst Köhler 18 Stimmen weniger<br />
bekommen, als ihm zugestanden hätten. Ich habe neun Stimmen mehr<br />
bekommen, als mir nach dem Fraktionskalkül zugestanden hätten. Das ist<br />
also, wie Sie sehen, keine verlässliche Grundlage.
</p>
<p>
<b>Holger11:</b> Weshalb wollen Sie Präsidentin werden?
</p>
<p>
<b>Gesine Schwan</b>:<br />
Das Amt des Bundespräsidenten, der Bundespräsidentin, hat ein großes<br />
Potenzial, das ich nutzen möchte, um zu helfen, dass Deutschland in<br />
eine bessere Zukunft geht. Die Macht in diesem Amt liegt nicht in<br />
politischen Einzelentscheidungen oder in Kommentaren dazu, liegt auch<br />
nicht in einer allgemeinen Kritik an demokratischer Politik, sondern<br />
darin, diese durchsichtiger zu machen, damit auch für die Bürgerinnen<br />
und Bürger verständlicher, sodass sie sich weniger abwenden und<br />
umgekehrt kompetent kritisieren können. Sie liegt darüber hinaus darin,<br />
die anstehenden Zukunftsfragen zum Thema zu machen und öffentliche<br />
Debatten anzuregen, damit Politik auf eine möglichst gut informierte<br />
und nachdenkliche Gesellschaft bauen kann.
</p>
<p>
Die Macht des<br />
Bundespräsidenten oder der Bundespräsidentin ist also eine kulturelle,<br />
sie soll nach unserem Grundgesetz die Menschen in der Demokratie<br />
zusammenführen, soll Orientierung hinsichtlich des Gemeinwohls geben &#8211;<br />
und das ist sehr viel in diesen Zeiten.
</p>
<p>
<b>Gelke:</b> Fühlen Sie sich bei Ihrer Kandidatur ausreichend von den eigenen Parteikollegen unterstützt ?
</p>
<p>
<a href="http://www.tagesschau.de/interaktiv/chat/chatprotokoll482-magnifier_pos-2.html" onclick="windowOpen('/interaktiv/chat/chatprotokoll482-magnifier_pos-2.html',820,700,1,1);return false;" title="Zur Fotostrecke des Beitrages [neues Fenster]"><br />
</a><b>Gesine Schwan</b>: Es gab eine Zeit, wo ich mich<br />
von der Parteizentrale nicht zureichend unterstützt gefühlt habe,<br />
während gleichzeitig die Bundestagsabgeordneten mich mit Einladungen<br />
geradezu überschütteten und ich in der gesamten Bundesrepublik &#8211; sowohl<br />
in der SPD als auch darüber hinaus &#8211; viel Beifall fand. Das wird auch<br />
sichtbar daran, dass jetzt fast zwei Drittel, also 64 Prozent der<br />
Bundesbürger, meine Kandidatur unterstützen und ausdrücklich nicht<br />
wollen, dass ich sie zurückziehe &#8211; selbst 52 Prozent der Unionswähler<br />
denken so nach einer Forsa-Umfrage. Die Parteiorganisation im<br />
Willy-Brandt-Haus ist inzwischen zu einem wunderbaren Unterstützer<br />
geworden. Ich bin dafür sehr dankbar und glaube, dass dies auch<br />
insgesamt sehr hilfreich ist.
</p>
<p>
<b>Ju-Ke:</b> Sehr<br />
geehrte Frau Schwan, wie ist es vereinbar, dass Die Linke einerseits<br />
vom Verfassungsschutz beobachtet wird, aber andererseits die mögliche<br />
zukünftige Bundespräsidentin um deren Stimmen wirbt?
</p>
<p>
<b>Gesine Schwan</b>:<br />
Mir ist nicht bekannt, dass Die Linke ganz generell vom<br />
Verfassungsschutz beobachtet wird. Das ist, glaube ich, in einigen<br />
Bundesländern der Fall, in anderen nicht. Im übrigen sagt das<br />
Grundgesetz nicht, dass eine Beobachtung durch den Verfassungsschutz<br />
eine grundgesetzwidrige Partei bedeutet. Dies kann nur das<br />
Bundesverfassungsgericht entscheiden. Ein solcher Antrag ist nicht<br />
gestellt worden. Hinter der Linken stehen etwa fünf Millionen Wähler<br />
und es leuchtet mir nicht ein, dass diese Wählerinnen und Wähler von<br />
der Wahl der Bundespräsidentin bzw. des Bundespräsidenten, die<br />
natürlich indirekt erfolgt, ausgeschlossen werden. Die<br />
Bundespräsidentin bzw. der Bundespräsident soll die Menschen in<br />
Deutschland zusammenführen, nicht spalten.
</p>
<p>
<b>Ohne Namen:</b> Das bedeutet, Sie würden sich in einem eventuellen zweiten Wahlgang von der Linken wählen lassen?
</p>
<p>
<b>Gesine Schwan</b>:<br />
Ja, das habe ich von vornherein angekündigt, genauso wie von<br />
Mitgliedern aller anderen Bundestagsfraktionen. Die Mitglieder der<br />
rechtsextremen Parteien haben schon klar erklärt, dass sie mich nicht<br />
wählen wollen &#8211; darüber bin ich froh.
</p>
<p>
<b>Otto:</b> Aber hat die Linke eine solche Zustimmung nicht an Bedingungen geknüpft?
</p>
<p>
<b>Gesine Schwan</b>:<br />
Sie hat öffentlich manchmal Bedingungen aufgestellt. Diese Bedingungen<br />
sind nicht erfüllt worden und ich habe keine an mich gestellte<br />
Bedingung erfüllt. Ich habe auch in der Fraktion der Linken begründet,<br />
warum ich das auch in Zukunft nicht tun werde. Wenn man mich also<br />
wählt, dann zu den Bedingungen die bekannt sind.
</p>
<p>
<b>Wovi:</b> Was können Sie besser als Herr Köhler?
</p>
<p>
<b>Gesine Schwan</b>:<br />
Ich habe keinen Anlass, mich mit Herrn Köhler zu vergleichen, das<br />
obliegt den Wählerinnen und Wählern. Ich denke, dass ich durch meine<br />
jahrelange Tätigkeit in der Wissenschaft einen guten analytischen<br />
Zugang zur Politik habe. Ich denke auch, dass ich sehr viel praktische<br />
Erfahrung mit Politik habe und deswegen die vielen informellen<br />
Faktoren, die in der Politik wirken, auch gut kenne. Ich habe seit<br />
Jahrzehnten an öffentlichen politischen Debatten teilgenommen, sodass<br />
alle die Stimmigkeit, auch die über die Jahrzehnte gegebene Kohärenz,<br />
meiner Vorstellung überprüfen können. Und schließlich meine ich, dass<br />
ich auch als Frau Kompetenzen und Erfahrungen in das Amt bringen<br />
könnte, die dem Amt und die Deutschland gut tun können.
</p>
<p>
<b>MB:</b> Warum glauben Sie, braucht Deutschland jetzt einen weiblichen Bundespräsidenten?
</p>
<p>
<b>Gesine Schwan</b>:<br />
Ich spüre, dass überall im Lande von Männern und Frauen dieser Wunsch<br />
geäußert wird. Wenn man bedenkt, dass bisher nur Männer diese Funktion<br />
ausgeübt haben, wenn man auch bedenkt, dass Frauen in<br />
Führungspositionen eine durchaus gute Figur machen, scheint mir<br />
plausibel, dass dieses Amt jetzt auch von einer Frau ausgeübt werden<br />
sollte.
</p>
<p>
<b>Kiwisabi:</b> Denken Sie, dass Frauen in<br />
Deutschland mehr Führungspositionen übernehmen sollten? Inwiefern sehen<br />
Sie Ihr Geschlecht als Bonus für die Aufgaben, die Sie bewältigen<br />
werden müssen?
</p>
<p>
<b>Gesine Schwan</b>: Ja, ich denke ganz<br />
eindeutig, dass Frauen mehr Führungspositionen übernehmen sollten. Und<br />
ich sehe in der Art, wie Frauen aufwachsen und vielfach leben, auch<br />
einen Bonus. Denn in Führungspositionen muss man Menschen nicht nur<br />
führen, sondern auch zusammenführen. Man muss in erster Linie an dem<br />
Gelingen von Projekten und guten Beziehungen interessiert sein, nicht<br />
daran, andere zu überflügeln oder ins Abseits zu stellen. Viele<br />
Umfragen zeigen, dass Frauen aufgrund ihrer Sozialisation gerade dafür<br />
gut disponiert sind, Beziehungen zu pflegen und zugunsten einer<br />
gemeinsamen Sache zu motivieren und mobilisieren.
</p>
<p>
<b>medea:</b> Sehr geehrte Frau Schwan, wenn Sie an<br />
die Situation von Frauen und Mädchen in unserer Gesellschaft und<br />
international denken &#8211; sehen Sie Themen und Arbeitsschwerpunkte, die<br />
Sie als Bundespräsidentin besonders einbringen und anregen würden?
</p>
<p>
<b>Gesine Schwan</b>:<br />
Ein Themenschwerpunkt ist sicher, dass die Forderung &quot;Gleicher Lohn für<br />
gleiche Arbeit&quot; besonders schlecht erfüllt ist. In der letzten<br />
diesbezüglichen Umfrage sind wir &#8211; glaube ich  &#8211; das vorvorletzte<br />
Schlusslicht der OECD-Länder. Darüber hinaus ist überhaupt dem Gedanken<br />
der Partnerschaftlichkeit in Beruf und Familie sehr viel Aufmerksamkeit<br />
zu widmen. Die Rollenvorstellungen, die wir mit Frauen und Männern<br />
verbinden, sollten deutlich aufgelockert werden. Beide sollen die<br />
Möglichkeit haben, Familien- und Berufsarbeit auszuüben. Das ist sowohl<br />
für die Kinder als auch für den Fortbestand unserer Gesellschaft von<br />
großer Bedeutung. Es würde auch die Aufgabe der Pflege, der Fürsorge,<br />
die bisher eine typische Frauenaufgabe ist, für Männer zugänglicher und<br />
üblicher machen. Das wäre ein deutlicher Gewinn.
</p>
<p>
<b>JTF:</b><br />
Ist es nicht obsolet in aufgeklärten Zeiten zu fragen, ob ein Amt von<br />
einer Frau oder von einem Mann ausgeübt wird? Ist eine Frau &quot;per se&quot;<br />
ein besserer Mensch?
</p>
<p>
<b>Gesine Schwan</b>: Eine Frau ist &quot;per se&quot;<i> </i>kein<br />
besserer Mensch, aber im Durchschnitt haben Frauen eben andere<br />
Sozialisationen, Prioritäten und dadurch auch Fähigkeiten als Männer.<br />
Gerade die überbordende Konkurrenzkultur, in der wir leben und die<br />
meines Erachtens zur gegenwärtigen dramatischen Krise beigetragen hat,<br />
wird von Frauen in der Regel erheblich weniger geschätzt als von<br />
Männern. Hier könnten Frauen in Führungspositionen ein gutes<br />
Gegengewicht bilden.
</p>
<p>
<b>Jacobo:</b> Sehr geehrte Frau<br />
Schwan, denken Sie, dass die &quot;überbordende Konkurrenzkultur&quot; der Männer<br />
eine wichtige Ursache dieser Finanzkrise ist?
</p>
<p>
<b>Gesine Schwan</b>:<br />
Ich habe gesagt, dass die überbordende Konkurrenzkultur eine wichtige<br />
Ursache ist. Damit nehme ich nicht generell alle Männer in Haft. Aber<br />
es gibt Hinweise darauf, dass Männer mehr Wert legen auf Konkurrenz als<br />
Frauen. Es gibt aber auch sehr kooperative Männer. In meinem Team<br />
arbeiten lauter solche Männer.
</p>
<p>
<b>Shilka:</b> Wie wichtig ist Ihnen die Familienpolitik?
</p>
<p>
<b>Gesine Schwan</b>:<br />
Familienpolitik ist mir überaus wichtig, vor allen Dingen der Wandel<br />
hin zu partnerschaftlichen Familien, in denen sowohl Familienarbeit als<br />
auch Berufstätigkeit von Männern und Frauen ausgeübt wird. Dazu ist es<br />
nötig, die &quot;Rush-Hour&quot; in unserem Leben &#8211; etwa zwischen dem 25. und dem<br />
50. Lebensjahr &#8211; zu entlasten. Männer und Frauen sollten in dieser Zeit<br />
beide weniger arbeiten müssen und den Höhepunkt ihrer Karriere in die<br />
Zeit danach legen. Wir werden alle älter &#8211; und auch gesünder älter.<br />
Führungsaufgaben verlangen Lebenserfahrung. Wir könnten eine sehr viel<br />
organischere Arbeitsbiographie haben, als das bisher der Fall ist.
</p>
<p>
<b>Veronika:</b> Was muss denn Ihres Erachtens geschehen, um die Geburtenrate in Deutschland wieder nach oben zu bringen?
</p>
<p>
<b>Gesine Schwan</b>:<br />
Die Geburtenrate war bis Mitte 2008 gestiegen und ist nach neuesten<br />
Ergebnissen seit Ende 2008 wieder gefallen. Das könnte ein Indiz dafür<br />
sein, dass für sie die allgemeine Krise wichtiger ist als einzelne<br />
familienpolitische Maßnahmen. Dennoch bin ich für familienpolitische<br />
Maßnahmen, die die von mir beschriebene partnerschaftliche<br />
Familienpolitik begünstigt.
</p>
<p>
<b>Moderatorin</b>: Wobei<br />
Anfang 2008 noch wenige Menschen die Krise heraufziehen sahen &#8211; sodass<br />
die seit Herbst bekannte Wirtschafts- und Finanzkrise die sinkende<br />
Geburtenrate Ende 2008 also noch nicht beeinflusst haben dürfte.
</p>
<p>
<b>Gesine Schwan</b>:<br />
Ja, das ist richtig. Dennoch: Zumindest seit Frühjahr waren die<br />
Anzeichen auch ausgesprochen stärker für die Krise, aber natürlich noch<br />
nicht so eklatant wie im Herbst. Ein anderes Zeichen dafür, dass die<br />
allgemeinen Lebensumstände und die Perspektive eine große Rolle<br />
spielen, ist im Abfall der Geburtenrate in Ostdeutschland zu sehen.<br />
Aber wie gesagt, ich bin ja nicht gegen, sondern für Familienpolitik<br />
und glaube aber auch, dass solche Maßnahmen nur langfristig wirken.
</p>
<p>
<b>Janosch74:</b> Frau Schwan! Wie stehen sie grundsätzlich zum Thema bedingungsloses Grundeinkommen?
</p>
<p>
<b>Alfa:</b><br />
Sehr geehrte Frau Schwan, Stichwort Bürgerbeteiligung: Vor kurzem haben<br />
über 50.000 Menschen die Online-Petition zum bedingungslosen<br />
Grundeinkommen unterzeichnet. Es herrscht eine rege und fundierte<br />
Diskussion zu diesem Thema im Internet. Würden Sie eine Diskussion im<br />
Bundestag unterstützen?
</p>
<p>
<b>Gesine Schwan</b>: Das muss<br />
der Bundestag natürlich allein entscheiden. Ich habe mich immer wieder<br />
mit der Frage des Grundeinkommens befasst. Das ist zunächst eine alte<br />
Idee, die etwa in Schweden schon in den 30er, 40er, 50er Jahren<br />
diskutiert worden ist. So, wie sie gegenwärtig präsentiert wird, bin<br />
ich ihr gegenüber sehr skeptisch, denn sie würde in dieser Form die<br />
Gesellschaft teilen in solche, die auf einem sehr niedrigem Niveau<br />
leben und sich im Grunde an gesellschaftlichem und politischem Leben<br />
nicht beteiligen können, weil sie nicht in Arbeit stehen, und anderen,<br />
die dann ohne Rücksicht auf soziale Probleme nach dem Ellenbogenprinzip<br />
leben würden. Nach meiner Überzeugung ist Arbeit eine wichtige,<br />
unverzichtbare Dimension des menschlichen Lebens. Sie schafft<br />
Selbstsicherheit und Anerkennung von Anderen, die wir brauchen.<br />
Allerdings nur, wenn sie so organisiert wird, dass Menschen darin auch<br />
einen Sinn erkennen können. Darüber hinaus kann man Arbeit, Anerkennung<br />
und auch gesellschaftlichen Zusammenhalt nicht trennen. Ich habe<br />
darüber am Sonntag in der Zeche-Zollverein einen Vortrag im Rahmen<br />
meiner Demokratie-Reise gehalten, den sie im Internet in einigen Tagen<br />
nachlesen können.
</p>
<p>
<b>Dasparadoxon:</b> Viele, die in Arbeit stehen, beteiligen sich nicht an beidem.
</p>
<p>
<b>Gesine Schwan</b>:<br />
Die Arbeitslosigkeit ist unser Hauptproblem. Wir können sie nicht durch<br />
ein bedingungsloses Grundeinkommen abtun, sondern müssen erkennen, dass<br />
Menschen, die nicht in Arbeit sind, sich auch nicht am<br />
gesellschaftlichen Leben und an der Demokratie beteiligen können &#8211; wozu<br />
sie aber nach unserem Grundgesetz ein Recht haben und worauf wir auch<br />
zum Gelingen der Demokratie angewiesen sind.
</p>
<p>
<b>Bench:</b><br />
Sehr geehrte Frau Prof. Schwan, Sie haben ja einen Blog auf Ihrer<br />
Website und verschicken regelmäßig Newsletter. Werden Sie auch als<br />
Bundespräsidentin weiter über das Netz mit den Bürgern kommunizieren?<br />
Der jetzige Bundespräsident nutzt diese Mittel ja weniger.
</p>
<p>
<b>Gesine Schwan</b>:<br />
Wenn ich in das Amt käme, würde ich das ganz eindeutig tun. Schon jetzt<br />
ist das für mich ein wichtiges Mittel, in den direkten Austausch mit<br />
den Bürgern zu kommen. Wobei ich insbesondere an den Informationen, die<br />
ich von den Bürgern erhalte, interessiert bin und an ihrer Meinung.<br />
Auch das jetzige Chatten ist ein Teil dieser Kommunikationsweise und<br />
ich meine, dass nicht zuletzt Präsident Obama zeigte, wie wichtig<br />
offene Kommunikation auch durch das Internet ist. Mir gefällt da zum<br />
Beispiel besonders gut, dass Obama über das Internet den Bürgern einen<br />
leichteren Zugang zu Regierungsdokumenten und Gesetzen verschaffen will.
</p>
<p>
<b>Moderatorin</b>: Spielt das Internet eine spürbar größere Rolle als 2004 im Bundespräsidentenwahlkampf?
</p>
<p>
<b>Gesine Schwan</b>:<br />
Nein, es gibt keinen Bundespräsidentenwahlkampf, sondern es gibt eine<br />
Kandidatur &#8211; damals wie heute &#8211; und das Internet spielt heute eine<br />
größere Rolle und die Kandidatur dauert dieses Mal viel länger als<br />
damals. Das ist auch die Voraussetzung für eine intensivere<br />
Internet-Kommunikation.
</p>
<p>
<b>Ben:</b> Was sind Ihre Hauptziele, wenn Sie zur Bundespräsidentin gewählt würden?
</p>
<p>
<b>Gesine Schwan</b>:<br />
Ich möchte das Amt nutzen, um Deutschland zu einer besseren Zukunft zu<br />
verhelfen. Ich möchte die Bürger dazu ermutigen, selbst aktiver zu<br />
werden und dadurch auch die Demokratie zu stärken &#8211; etwa in<br />
Bürgerinitiativen. Ich möchte für einen Paradigmenwechsel in der<br />
Bildung sorgen, soweit mir das in dem Amt möglich ist. Vor allen Dingen<br />
muss es wirklich gleiche Bildungschancen für alle geben. Ich möchte<br />
öffentliche Debatten stärken, damit wir alle miteinander die<br />
Zusammenhänge besser durchschauen, in denen wir sowohl innerhalb<br />
Deutschlands als auch international leben, die für unsere nächsten<br />
Weichenstellungen wichtig sind. Ich möchte zur Verständigung im Land<br />
und unseres Landes in Europa und in der Welt beitragen.
</p>
<p>
<b>Micuintus:</b><br />
Frau Schwan, Sie waren an der Gründung des Seeheimer-Kreises mit<br />
beteiligt und gehören zu dem konservativen Flügel der SPD. Herr Köhler<br />
ist CDU-Mitglied, aber was seine Wertevorstellungen betrifft ist er<br />
sehr liberal. Warum treten Sie für die SPD und Herr Köhler für die CDU<br />
an? Müsste es nicht eher umgekehrt sein?
</p>
<p>
<b>Gesine Schwan</b>:<br />
Wo Herr Köhler antreten will, das muss er wissen. Meine Werte stehen<br />
über 30 Jahren in der öffentlichen Debatte. Ich habe einmal lachend<br />
gesagt, ich bin eine sozialdemokratisch-liberale Konservative oder eine<br />
konservativ-liberale Sozialdemokratin. Das ist ja gerade der Grund,<br />
warum ich über Parteigrenzen hinweg wählbar bin. Mein Profil ist<br />
durchaus klar und man kann es auch auf meiner Webseite in Bezug auf<br />
meine verschiedenen politischen und anderen Positionen nachlesen.<br />
Liberalität, das wird man dort auch sehen, gehört zu meinen Grundwerten<br />
in der Demokratie.
</p>
<p>
<b>Moderatorin</b>: Nebenbei haben<br />
wir bei unseren Usern im Chat eine Umfrage gemacht (natürlich nicht<br />
repräsentativ): Hat Gesine Schwan Chancen, Bundespräsidentin zu werden?<br />
46 Prozent sagen ja, 54 Prozent sagen nein. Frau Schwan, möchten Sie<br />
darauf reagieren?
</p>
<p>
<b>Gesine Schwan</b>: Ich denke, dass die 46 Prozent sich bis zum Mai erheblich erhöht haben werden.
</p>
<p>
<b>Yabin:</b><br />
Sehr geehrte Frau Schwan, guten Tag &#8211; hier bei mir ist schon Abend. Ich<br />
bin ein chinesischer Germanistikstudent und bin fast ein Schuljahr in<br />
Deutschland als Fremdsprachenassistent geblieben. Ich unterrichtete am<br />
Gymnasium Chinesisch. Was halten Sie denn von dem Austausch unter<br />
jungen Leuten aus verschiedenen Ländern? Und was wollen Sie in Zukunft<br />
zur Freundschaft zwischen den deutschen und ausländischen Studenten<br />
beitragen? Danke!
</p>
<p>
<b>Gesine Schwan</b>: Davon halte ich natürlich sehr<br />
viel. Als Präsidentin der Europa-Universität Viadrina habe ich diesen<br />
Austausch intensiv gefördert, der auch in allen Studiengängen<br />
vorgesehen war. Noch mehr Wert möchte ich darauf legen, dass junge<br />
Menschen mehrere Sprachen lernen, damit sie nicht nur für kurze Zeit im<br />
Ausland sind, sondern auch die Kultur im Ausland gut verstehen.
</p>
<p>
<b>Mitja:</b><br />
Liebe Frau Schwan, glauben Sie, als Bundespräsidentin hat man die<br />
Aufgabe die Demokratie zu schützen? Wie wollen Sie speziell bei jungen<br />
Leuten für mehr Interesse an der Demokratie und der Politik allgemein<br />
werben?
</p>
<p>
<b>Gesine Schwan</b>: Ich war gerade gestern an<br />
einer Schule und habe dort zwei Stunden lang mit jungen Menschen<br />
diskutiert. Das war eine überaus lebendige Diskussion. Menschen aus<br />
verschiedenen Ländern kamen da zusammen, die alle vorzüglich Deutsch<br />
sprachen, und ich habe den Eindruck, dass die Bereitschaft bei jungen<br />
Menschen zum Engagement allgemein viel stärker ist, als behauptet wird.
</p>
<p>
<br />
<b>Moderatorin</b>: Eine persönliche Frage zum Schluss:
</p>
<p>
<b>Der Zuschauer:</b><br />
Liebe Frau Schwan, die Studierenden an der Viadrina und zuvor auch am<br />
OSI haben stets Ihr großes Temperament geschätzt, mit dem Sie an die<br />
Themen herangegangen sind. Könnte Ihnen genau dieses Temperament in<br />
bestimmten staatstragenden Situationen, in denen Sie sich als<br />
Bundespräsidentin mal befinden können, zum Nachteil oder gar zum<br />
Verhängnis werden? Zurückhaltung ist ja nicht gerade Ihre Stärke.
</p>
<p>
<b>Gesine Schwan</b>:<br />
Ich weiß nicht, wovon diese Person spricht. Ich bin von den<br />
Studentinnen und Studenten geradezu gefeiert worden bei meinem<br />
Abschied  &#8211; und zwar in mehreren Zeremonien. Dasselbe ist mir auch<br />
immer wieder begegnet am Otto-Suhr-Institut. Ich sehe auch keinen<br />
Gegensatz zwischen staatstragend sein und Temperament haben. Das<br />
wichtigste ist, glaube ich, dass man auch Humor in dieses Amt trägt. Da<br />
können wir Deutschland noch eine Menge lernen. In dieser Hinsicht ist<br />
zum Beispiel auch Heinemann ein Vorbild für mich, der einen<br />
hintergründigen Humor hatte. Mit Temperament und Humor ist ein solches<br />
Amt, glaube ich, auch zu führen.
</p>
<p>
<b>Moderatorin</b>:<br />
Das war eine gute Stunde hier im tagesschau-Chat. Herzlichen Dank,<br />
Gesine Schwan, dass Sie sich Zeit für die Diskussion mit den Lesern von<br />
tagesschau.de und politik-digital.de genommen haben. Ein Dankeschön<br />
auch an unsere User für die vielen interessanten Fragen, die wir leider<br />
nicht alle stellen konnten. Das tagesschau.de-Team wünscht allen noch<br />
einen schönen Tag.</p>
<p><b>Gesine Schwan</b>: Ich bedanke<br />
mich sehr herzlich für diesen Chat, auch bei Ihnen, Frau Emundts, und<br />
insbesondere bei den vielen Usern, die sich beteiligt haben und mir<br />
sehr viele interessante Fragen gestellt haben, über die ich auch weiter<br />
nachdenken werde.</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Donald Tusk will Polen der EU näherbringen</title>
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		<dc:creator><![CDATA[admin]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 21 Oct 2007 23:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Chattranscripte]]></category>
		<category><![CDATA[Wahl]]></category>
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					<description><![CDATA[<p class="teaser">
Am Montag, den 22. Oktober, war Gesine Schwan zu Gast im tagesschau-Chat in Kooperation mit politik-digital.de. Einen Tag nach den vorgezogenen Parlamentswahlen in Polen sprach sie über die Erwartungen an den neuen Regierungschef Donald Tusk und Polens Verhältnis zur EU.
</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p class="teaser">
Am Montag, den 22. Oktober, war Gesine Schwan zu Gast im tagesschau-Chat in Kooperation mit politik-digital.de. Einen Tag nach den vorgezogenen Parlamentswahlen in Polen sprach sie über die Erwartungen an den neuen Regierungschef Donald Tusk und Polens Verhältnis zur EU.
</p>
<p><!--break--></p>
<p>
&nbsp;
</p>
<p>
<b>Moderatorin:</b> Herzlich willkommen im tagesschau-Chat.<br />
Heute ist Gesine Schwan, Politikwissenschaftlerin und Koordinatorin<br />
für die deutsch-polnischen Beziehungen, zu uns ins ARD-Hauptstadtstudio<br />
gekommen. Wie bewertet die Expertin den Wahlausgang in Polen? Was<br />
bedeutet er für das deutsch-polnische Verhältnis? Liebe<br />
User, nutzen Sie die Gelegenheit, um Gesine Schwan Ihre Fragen zu<br />
stellen!<br />
Frau Schwan, ich begrüße Sie. Können wir beginnen?
</p>
<p>
<b>Gesine Schwan:</b> Gerne.
</p>
<p align="center">
<img fetchpriority="high" decoding="async" src="/wp-content/uploads/old_images/salon/photos/gschwanneu.JPG" alt="Gesine Schwan" height="295" width="269" /><br />
<i>Gesine Schwan,<br />
Koordinatorin für die deutsch-polnische Zusammenarbeit</i>
</p>
<p>
<b>GE:</b> Welche Bevölkerungsgruppen in Polen stimmen<br />
für welche Parteien und welche Gruppen haben sich jetzt von<br />
Kaczynski abgewandt?
</p>
<p>
<b>Gesine Schwan:</b> Man hat bei den letzten Wahlanalysen<br />
festgestellt, dass insbesondere die Bürger in Ost- und in Südpolen,<br />
dabei die Älteren und die Katholischen für die Brüder<br />
Kaczynski votiert haben. Die jüngeren, die Bürger in großen<br />
Städten und im dynamischeren Westpolen sind eher Anhänger<br />
der Bürgerplattform (PO). Und die jetzige Wahl zeichnet sich<br />
wohl nicht so sehr dadurch aus, dass sich Bürger abgewandt<br />
haben, sondern dass sehr viel mehr Bürger an der Wahl teilgenommen<br />
haben, die dann für die PO gestimmt haben. Die Wahlbeteiligung<br />
ist eindrücklich gestiegen, von 40 auf knapp 55 Prozent.
</p>
<p>
<b>Objezierze:</b> Gibt es große Unterschiede im<br />
Wahlverhalten zwischen der Jugend und dem Alter?
</p>
<p>
<b>Gesine Schwan:</b> Jedenfalls in der inhaltlichen<br />
Option. Die Jüngeren sind in der Regel eher pro-europäisch<br />
und zukunftsorientiert, die Älteren hängen verständlicherweise<br />
mehr an der Vergangenheit, das heißt politisch eher im konservativen<br />
Bereich.
</p>
<p>
<b>Ulrich Lenze:</b> Warum ist die Wahlbeteiligung in<br />
Polen so relativ niedrig?
</p>
<p>
<b>Gesine Schwan: </b>Sie ist in allen mittelosteuropäischen<br />
Transformationsländern niedrig. Da sind 55 Prozent schon eine<br />
ganze Menge. Die Bevölkerungen versprechen sich in der Regel<br />
noch nicht viel von demokratischen Regierungen und in Polen gibt<br />
es das besondere historische Problem, dass Polen seit dem Ende des<br />
18. Jahrhunderts als Nationalstaat nur zwischen den beiden Weltkriegen<br />
und nach 1989 bestanden hat. Alle anderen Regierungen waren fremdländische<br />
Besatzungen, die die Gesellschaft nicht anerkannte und die sie versuchte<br />
zu unterlaufen.
</p>
<p>
<b>Janka:</b> Welche Änderung der polnischen Außenpolitik<br />
ist zu erwarten, wenn Tusk die Wahl gewinnt?
</p>
<p>
<b>Gesine Schwan:</b> Tusk hat selbst erklärt, dass<br />
er das Verhältnis zur Europäischen Union und zu Deutschland<br />
verbessern will und dass er die polnischen Truppen so früh<br />
wie möglich aus dem Irak abziehen möchte. Im Gespräch<br />
mit dem Ministerpräsidenten Kaczynski hat er den Vorwurf, pro-deutsch<br />
zu sein, damit gekontert, dass er auch pro-italienisch, pro-europäisch<br />
und pro-russisch sei, weil er in der internationalen Politik Kooperation<br />
der Konfrontation vorzieht.
</p>
<p>
<b>frankfurt-fan</b>: Wissen Sie etwas über das<br />
Verhältnis von Merkel zu Tusk?
</p>
<p>
<b>Gesine Schwan:</b> Soweit ich informiert bin, haben<br />
sie sich zwar öfter getroffen, aber noch nicht ausführlich<br />
ausgetauscht. Insgesamt erscheint das persönliche Verhältnis<br />
gut.
</p>
<p>
<b>karin: </b>Welche neuen Perspektiven ergeben sich<br />
durch die Wahl in Bezug auf deutsch-polnische Beziehungen? Wie profitieren<br />
wir davon?
</p>
<p>
<b>Gesine Schwan:</b> Die wichtigste Perspektive ist<br />
in meiner Sicht, dass Polen und Deutschland gemeinsam europäische<br />
Projekte voranbringen können. Erfahrungsgemäß gelingt<br />
es am besten, sich zu verständigen, wenn man gemeinsame Ziele<br />
hat. Und von einem gelingenden Europa haben alle etwas, auch die<br />
Deutschen.
</p>
<p>
<b>ganowski:</b> Wie schaffen wir es, Deutschland besser<br />
für den „unbekannten Nachbarn“ Polen und seine<br />
(historisch berechtigten?) Belange zu sensibilisieren?
</p>
<p>
<b>Gesine Schwan: </b>Vor allen Dingen indem wir &#8211; was<br />
schon jetzt erfreulich häufig geschieht &#8211; gemeinsame Initiativen<br />
starten. Es gibt 600 Städtepartnerschaften zwischen Deutschland<br />
und Polen. Und wenn sich Deutsche und Polen gegenseitig ihr Leben<br />
erzählen, dann ist das in der Regel der wirksamste Geschichtsunterricht.<br />
Damit werden auch Deutsche sensibel für die für Polen<br />
sehr schwierige Vergangenheit im 20. Jahrhundert und auch umgekehrt<br />
für Leid, das nach 1945 von Deutschen erfahren worden ist.
</p>
<p>
<b>Alfred: </b>Die deutsch-französischen Beziehungen<br />
haben sich nach 1945 auch verbessert, nachdem das deutsch-französische<br />
Jugendwerk gegründet wurde. Gibt es im Verhältnis zu Polen<br />
ähnliche Projekte zur binationalen Jugendarbeit?
</p>
<p>
<b>Gesine Schwan:</b> Es gibt ein deutsch-polnisches<br />
Jugendwerk, das aus der Erfahrung des deutsch-französischen<br />
Jugendwerks gegründet worden ist, und beide arbeiten auch zusammen.<br />
In der letzten Zeit hat das deutsch-polnische Jugendwerk es schwer<br />
gehabt, eine stabile finanzielle Grundlage zu bekommen. Ich hoffe,<br />
dass mit der neuen polnischen Regierung auch hier eine deutliche<br />
Besserung eintritt.
</p>
<p>
<b>andiew:</b> Nach meinen Erfahrungen ist die Sprache<br />
ein Problem für die deutsch-polnischen Beziehungen. Viele Polen<br />
sprechen deutsch, aber nur wenige Deutsche polnisch. Warum wird<br />
in Deutschland nicht verstärkt Polnisch in Schulen als Fremdsprache<br />
angeboten?
</p>
<p>
<b>Gesine Schwan: </b>Das wird schon sehr viel mehr angeboten<br />
als vor zehn Jahren. Es gibt deutliche Aktivitäten und ich<br />
hoffe, dass das Lehrbuch für Polnisch als dritte Fremdsprache<br />
bald verwendet werden kann. Im Grenzbereich, etwa in Brandenburg,<br />
aber auch in Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern, finden wir eine<br />
Reihe von deutsch-polnischen Schulprojekten und deutsch-polnische<br />
Kindergärten finden auch in letzter Zeit von Deutschen mehr<br />
Zulauf. Aber insgesamt bleibt hier eine viel zu große Asymmetrie.
</p>
<p>
<b>AM:</b> Viel wichtiger als die deutsch-polnischen<br />
Beziehungen ist doch wohl die Frage: Wie wird sich die mögliche<br />
neue Regierung zu Russland und USA verhalten? Vor allen Dingen im<br />
Zusammenhang mit der Stationierung des US- Raketenabwehrsystems?
</p>
<p>
<b>Gesine Schwan:</b> Dieses Raketenabwehrsystem ist<br />
zur Zeit ja Gegenstand einer intensiven Diskussion zwischen Russland<br />
und Amerika. Vermutlich wird sich daraus auch für die polnische<br />
Regierung eine neue Situation ergeben. Tusk hat deutlich gemacht,<br />
dass er das Verhältnis zu Russland verbessern will und umgekehrt<br />
steht er dem militärischen Engagement Polens im Irak eher kritisch<br />
gegenüber. Das deutet darauf hin, dass die Differenzen zur<br />
deutschen Regierung geringer werden könnten.
</p>
<p>
<b>social sciences osnabrýck:</b> Ist der Wahlsieg<br />
von Donald Tusk Ihrer Meinung nach eine Chance für Polen, auf<br />
dem Parkett der internationalen Politik wieder ernst genommen werden<br />
kann? Insbesondere nach den schlechten Erfahrungen mit den Kaczynskis?
</p>
<p>
<b>Gesine Schwan:</b> Die internationale Politik hat<br />
Polen nicht zuletzt wegen der prononcierten Politik der Kaczynskis<br />
in den letzten beiden Jahren mehr zur Kenntnis genommen als vorher.<br />
Das folgte der Regel, dass Konflikt immer mehr Aufmerksamkeit weckt<br />
als Kooperation. Insofern hatten die Brüder ein Körnchen<br />
Wahrheit für sich, wenn sie sich einer Reihe von Entscheidungen<br />
entgegen stellten. Vor 2005 hatte Polen international anerkannte,<br />
bemerkenswerte Außenminister und auch der erste Außenminister<br />
der PiS-Regierung, Meller, ist ein sehr angesehener Mann. Polen<br />
ist also durchaus auch auf dem internationalen Parkett anerkennt<br />
gewesen und es steht zu erwarten, dass das mit der neuen Regierung<br />
erneut so sein wird.
</p>
<p>
<b>Chris:</b> Steigen nach dem Wahlsieg von Herrn Tusk<br />
wirklich die Chancen auf die Umsetzung des Entwurfes zur EU-Verfassung?<br />
Wie stark sind die Möglichkeiten von den konservativen Kräften<br />
dieses zu blockieren noch einzuschätzen?
</p>
<p>
<b>Gesine Schwan:</b> Die Lissabon-Konferenz ist ja schon<br />
sehr weit gekommen und ich sehe nicht, wo jetzt da noch Widerstände<br />
von Polen zu erwarten sind.
</p>
<p>
<b>struzynski: </b>Gibt es nicht eine Möglichkeit<br />
von Seiten der EU, die neue polnische Regierung auf eine Art willkommen<br />
zu heißen, dass die polnischen Bürger sich mehr in der<br />
Mitte Europas fühlen, wo sie ja eigentlich tatsächlich<br />
sind?
</p>
<p>
<b>Gesine Schwan: </b>Willkommen heißen ist glaube<br />
ich immer eine gute Geste, zumal gegenüber einem Land, dessen<br />
Menschen überaus gastfreundlich sind. Aber es wäre ein<br />
Irrtum anzunehmen, dass sich die Polen nicht schon als Europäer<br />
fühlten. Alle Abstimmungen der letzten Zeit haben gezeigt,<br />
dass die Polen in größerer Zahl der EU zustimmen als<br />
die meisten anderen Mitglieder der Union.
</p>
<p>
<b>andiew:</b> Besteht die Gefahr, dass es der PiS nutzen<br />
könnte, wenn die gesamte internationale Gemeinschaft ihren<br />
Abgang befeiert? Immerhin ist es eine grobe Einmischung in die Inneren<br />
Angelegenheiten Polens und das gibt das der PiS nicht einen Trumpf<br />
in die Hand?
</p>
<p>
<b>Gesine Schwan:</b> Ich glaube auch, dass es nicht<br />
sehr klug wäre, den Abgang der PiS-Regierung zu feiern, jedenfalls<br />
nicht außerhalb Polens. Im Übrigen muss sich auch eine<br />
demokratisch gewählte Regierung wie die PiS-Regierung, die<br />
eine durchaus konfrontative Politik geführt hat, auch darauf<br />
einstellen, dass sie eine entsprechende internationale Reaktion<br />
erfährt.
</p>
<p>
<b>michal:</b> Welche Bedeutung hat die Niederlage anti-deutscher<br />
Liga der Polnischen Familien (LPR)?
</p>
<p>
<b>Gesine Schwan:</b> Sie zeigt ein weiteres Mal wie<br />
erstaunlich gering trotz der Leiderfahrungen im 20. Jahrhundert<br />
die anti-deutschen Gefühle in Polen sind. Sowohl die Liga der<br />
polnischen Familien als auch die Selbstverteidigung (Samoobrona)<br />
sind jeweils unter zwei Prozent geblieben.
</p>
<p>
<b>Moderatorin:</b> Wo wir schon bei einzelnen Parteien<br />
sind:
</p>
<p>
<b>KaHolz: </b>Wie schätzen sie die Frauenpartei<br />
„Polska jest kobieta“ ein?
</p>
<p>
<b>Gesine Schwan:</b> Das war eine interessante Initiative,<br />
den in Polen noch nicht sehr verbreiteten Feminismus öffentlich<br />
wirksamer einzubringen.
</p>
<p>
<b>juroli:</b> Wie denken Sie, Frau Schwan, wird sich<br />
die Situation der polnischen Frauen nach dem Regierungswechsel verändern?
</p>
<p>
<b>Gesine Schwan:</b> Wenn wir z.B. sehen, dass eine<br />
der wichtigen Politikerinnen in der Bürgerplattform die Bürgermeisterin<br />
von Warschau ist, die auch schon mal Vorsitzende der polnischen<br />
Nationalbank war, dann können wir wohl daraus schließen,<br />
dass die Bürgerplattform versucht, eine moderne, partnerschaftliche<br />
Familie zu stärken. Ich bin aber nicht über genaue familienpolitische<br />
Vorstellungen informiert.
</p>
<p>
<b>einherz: </b>Das politische und gesellschaftliche<br />
Klima Schwulen gegenüber scheint eines der schärfsten<br />
in Europa überhaupt zu sein. Wird dies von irgendeiner polnischen<br />
Partei thematisiert? Rechnen Sie damit, dass der Ausgang der Wahl<br />
eine Einfluss auf die Situation Schwuler und Lesben in Polen haben<br />
wird?
</p>
<p>
<b>Gesine Schwan:</b> Jedenfalls hat sich die gegenwärtige<br />
Regierung, insbesondere die Liga der polnischen Familien, auf diesem<br />
Gebiet sehr kritisch und abweisend engagiert, während mir derartiges<br />
von der Bürgerplattform nicht bekannt ist. Es könnte also<br />
auch in der Öffentlichkeit liberaler werden.
</p>
<p>
<b>KaHolz:</b> Hat mit der neuen Regierung das schon<br />
seit langem verhandelte Gleichstellungsgesetz eine Chance?
</p>
<p>
<b>Gesine Schwan</b>: Das kann ich im Moment nicht beurteilen.<br />
Aber grundsätzlich sehe ich die Bedingungen dafür jetzt<br />
als sehr viel besser gegeben an als vorher.
</p>
<p>
<b>hallo89:</b> Viele Polen scheinen mit Minderheiten<br />
Problemen zu haben &#8211; Homosexuelle, et cetera. Auch in Russland gibt<br />
es diese Entwicklung. Ist das typisch für nachwende-osteuropäische<br />
Staaten?
</p>
<p>
<b>Gesine Schwan:</b> Mein Eindruck ist, dass die Polen<br />
mit Minderheiten nicht mehr Probleme haben als die Deutschen. Im<br />
Gegenteil, es hat unter allen Regierungen z.B. polnisch-ukrainische<br />
Aussöhnungsakte gegeben und man kann nicht sagen, dass die<br />
Polen den in Polen verbliebenen, ursprünglich deutschen Mitbürgern<br />
negativer gegenüber stünden als die Deutschen den Polen<br />
gegenüber.
</p>
<p>
<b>Moderatorin</b>: Ein kleines Lob zwischendurch:
</p>
<p>
<b>Rainer:</b> Sehr geehrte Frau Schwan, ich komme gerade<br />
hier rein und möchte Ihnen ganz herzlich danken für Ihre<br />
Geduld und Ihre Arbeit für die PL-D Angelegenheiten.
</p>
<p>
<b>Gesine Schwan:</b> Ich danke für dieses Lob und<br />
freue mich darüber. 🙂
</p>
<p>
<b>Maddl:</b> Mit welchen deutschen Parteien ist die<br />
PO und der wahrscheinliche Koalitionspartner, die PSL, vergleichbar?
</p>
<p>
<b>Gesine Schwan:</b> Die PO ist vermutlich am ehesten<br />
mit der CDU vergleichbar und eine analoge zur PSL haben wir in der<br />
deutschen Geschichte nicht. Das hängt mit der unterschiedlichen<br />
Sozialstruktur in Deutschland und Polen zusammen. Angesichts des<br />
größeren Prozentsatzes an Bauern in Polen im Vergleich<br />
zu Deutschland hat die Bauernpartei (nicht die Lepper-Partei!) immer<br />
ein deutliches Gewicht gehabt. Aber es gibt keine analoge deutsche<br />
Partei.
</p>
<p>
<b>CoNNi:</b> Wie sicher wird eine neue Koalition sein?<br />
Oder ist es möglich, dass schnell eine weitere Regierungskrise<br />
ausbricht?
</p>
<p>
<b>Gesine Schwan:</b> Das ist nach dieser Wahl wenig<br />
wahrscheinlich, weil die Mehrheit unerwartet stabil ausgefallen<br />
ist. Wenn die Bürgerplattform auf eine Koalition mit beiden<br />
kleineren Parteien, also auch mit dem Mitte-Links-Bündnis,<br />
angewiesen wäre, hätte es sicher mehr Probleme gegeben.<br />
Ich rechne hier mit einer stabilen vierjährigen Regierungsperiode.
</p>
<p>
<b>CoNNi:</b> Wie sehr wird durch die Wahl die Position<br />
von Präsident Lech Kaczynski geschwächt?
</p>
<p>
<b>Gesine Schwan:</b> Der Präsident in Polen hat<br />
eine andere Stellung als in Deutschland. Er hat ausdrücklich<br />
das Recht, insbesondere in der internationalen Politik und in der<br />
Sicherheitspolitik, entscheidend mitzubestimmen. Dieses Vetorecht<br />
wird aber angesichts der Wahlergebnisse nicht besonders wirksam<br />
werden, weil es mit der Mehrheit der Regierungsparteien und des<br />
Mitte-Links-Bündnisses &#8211; das sich vermutlich nicht mit dem<br />
Staatspräsidenten zusammentun wird &#8211; im Sejm überstimmt<br />
werden kann. Der polnische Staatspräsident hatte schon in den<br />
vergangenen Jahren eine deutlich geringere Zustimmung als seine<br />
Vorgänger in ihrer Amtszeit. Diese Zustimmung wird sich vermutlich<br />
noch weiter verringern. Es sei denn, die Regierung macht erhebliche<br />
Fehler und verhilft auf diese Weise dem Staatspräsidenten zu<br />
mehr Popularität.
</p>
<p>
<b>S.Lehner:</b> Wie sind eigentlich die wahrscheinlich<br />
kommenden Aktionen der Kaczynski-Brüder einzuschätzen?<br />
Werden sie versuchen, die gegenwärtige Regierung anzufechten<br />
oder zumindest zu behindern und wie stehen dabei ihre Chancen?
</p>
<p>
<b>Gesine Schwan:</b> Jaroslaw Kaczynski, der amtierende<br />
Premierminister hat eine scharfe Opposition angekündigt. Es<br />
steht zu erwarten, dass er versuchen wird, sich mit seinem Bruder<br />
abzustimmen, der aber von seinem Vetorecht angesichts der Mehrheitsverhältnisse<br />
im Sejm nicht viel Gebrauch machen kann. Möglicherweise schlägt<br />
der Staatspräsident, wenn er einer anderen Regierung gegenüber<br />
steht als der seines Bruders, auch neue, etwas versöhnlichere<br />
Wege ein.
</p>
<p>
<b>nexon: </b>Wann ist die nächste Wahl des Präsidenten<br />
vorgesehen?
</p>
<p>
<b>Gesine Schwan:</b> Nach meiner Erinnerung steht die<br />
nächste Präsidentenwahl 2010 an.
</p>
<p>
<b>HolyHP:</b> Sehr geehrte Frau Schwan, wie ist eigentlich<br />
ihr persönliches Verhältnis zu den Kaczynski-Brüdern?
</p>
<p>
<b>Gesine Schwan:</b> Ich kenne Jaroslaw Kaczynski persönlich<br />
gar nicht. Lech Kaczynski habe ich einige Male persönlich getroffen<br />
und ihn, insbesondere aber seine durchaus lebendige Frau, als sehr<br />
freundlich und umgänglich erfahren.
</p>
<p>
<b>Oliver Petzoldt: </b>Nehmen Sie an, dass unter einer<br />
neuen Regierung die jungen Leute aus Polen motiviert werden können,<br />
in Ihrem Heimatland zu arbeiten, oder geht der akademische Ausverkauf<br />
Polens weiter?
</p>
<p>
<b>Gesine Schwan:</b> Es war ein wichtiger Punkt der<br />
Wahlprogrammatik von Tusk, die jungen Polen, die ins Ausland gegangen<br />
waren, wieder zurück zu holen. Ob das gelingt, wird ganz wesentlich<br />
von der Wirtschaftsentwicklung abhängen, aber auch das allgemeine<br />
öffentliche Klima spielt eine wichtige Rolle. Und da könnte<br />
Tusk jungen Polen und Polinnen im Ausland attraktiver erscheinen<br />
als die bisherige Regierung.
</p>
<p>
<b>Moderatorin:</b> Frau Schwan, wir haben während<br />
des Chats eine Umfrage unter den Chatteilnehmern gestartet und gefragt,<br />
wer überhaupt schon einmal in Polen war. Das Ergebnis 47 Prozent<br />
JA &#8211; 52 Prozent NEIN. Überrascht Sie das? Zeugt das von ausreichendem<br />
Interesse am Nachbarland?
</p>
<p>
<b>Gesine Schwan:</b> 47 Prozent ist eine durchaus große<br />
Zahl im Vergleich zu den Zahlen die wir sonst kennen. Die letzten<br />
Umfragen haben zu meiner Freude gezeigt, dass eine Mehrheit der<br />
Deutschen Polen sympathisch findet und zwar je jünger, desto<br />
sympathischer. Und die Sympathie hat auch nochmal zugenommen, wenn<br />
die Menschen in Polen waren und Polen aus eigener Anschauung kannten.<br />
Wenn wirklich die Hälfte der Deutschen schon mal in Polen gewesen<br />
wäre, würde vieles besser sein. Aber dieses Ergebnis überrascht<br />
mich nicht sehr, weil die Fragen doch von Interesse und Kenntnis<br />
zeugen.
</p>
<p>
<b>Frau Holle:</b> Frau Schwan, sehen Sie Chancen, den<br />
Austausch zwischen deutschen und polnischen Universitäten zu<br />
verstärken? Gibt es Programme, die den Austausch ohne gute<br />
Kenntnisse der jeweils anderen Sprache ermöglichen?
</p>
<p>
<b>Gesine Schwan:</b> Natürlich ist ein Austausch<br />
nur letztlich sinnvoll, wenn man die Sprache des Nachbarlandes versteht.<br />
Aber in beiden Ländern gibt es Programme in den Hochschulen,<br />
die auf Englisch unterrichtet werden. Das könnte dann ein gemeinsamer<br />
Nenner sein. Zwar lernen 2,5 Millionen Polen in jeder Kohorte Deutsch,<br />
aber nur 15.000 Deutsche Polnisch. Die Zahl der Deutschen, die Polnisch<br />
lernen, nimmt aber erkennbar zu und ein Aufenthalt im Nachbarland<br />
hat gute Chancen, verstärktes Interesse für die Sprachen<br />
zu wecken.
</p>
<p>
<b>nexon: </b>Also, ich gehe im Sommersemester 2008 nach<br />
Krakau und das klappt ganz hervorragend.
</p>
<p>
<b>Gesine Schwan: </b>Na wunderbar, herzlichen Glückwunsch!
</p>
<p>
<b>kati: </b>Glauben Sie, dass sich die alltägliche<br />
Situation von polnischen Bürgern in Deutschland verbessert?<br />
Wie sieht es aus mit den Arbeitschancen für hier ausgebildete<br />
polnische Studenten?
</p>
<p>
<b>Gesine Schwan</b>: Die völlige Befreiung von<br />
Einschränkungen werden wir möglicherweise erst im Jahr<br />
2011 haben, aber sie sind schon jetzt in vielen Bereichen durchaus<br />
gut. Ich wünschte mir, die Einschränkung würde völlig<br />
aufgehoben. Gerade in den deutsch-polnischen Grenzgebieten hat sich<br />
die Unternehmerseite für die Aufhebung aller Einschränkungen<br />
ausgesprochen. Insgesamt sind die Chancen von Polinnen und Polen<br />
deswegen sehr gut, weil sie oft vorzüglich ausgebildet, sehr<br />
initiativbereit und erfindungsreich sind. Und darüber hinaus<br />
meistens sehr fleißig.
</p>
<p>
<b>Maddl:</b> Tusk hatte vor allem junge Wähler.<br />
Wie wird sich die Situation der Rentner verbessern, die immer noch<br />
mit mickrigen Renten überleben müssen, während die<br />
Löhne und Preise steigen?
</p>
<p>
<b>Gesine Schwan:</b> Tusk hat zugesagt, die Gehälter<br />
und nach meiner Erinnerung auch die Renten im Öffentlichen<br />
Dienst zu verbessern. Er will das Wirtschaftswachstum sehr ankurbeln.<br />
Dabei kann es leicht passieren, dass dann auch die Preise steigen.<br />
Das hängt von der konkreten Wirtschaftspolitik und vom Weltmarkt<br />
ab.
</p>
<p>
<b>Moderatorin:</b> Eine Stunde tagesschau-Chat sind<br />
schon wieder vorbei. Dankeschön an unsere User für die<br />
vielen Fragen, die wir leider nicht alle stellen konnten. Frau Schwan,<br />
möchten Sie noch ein Schlusswort an die User richten?
</p>
<p>
<b>Gesine Schwan:</b> Ich freue mich über das gezielte<br />
und informierte Interesse und auch über die häufig erkennbare<br />
zugrundeliegende Sympathie zu Polen und auch für das deutsch-polnische<br />
Verhältnis. Das kommt unseren beiden Ländern zugute und<br />
wärmt mir das Herz. 🙂
</p>
<p>
<b>Moderatorin: </b>Vielen Dank für Ihr Interesse<br />
und vielen Dank an Frau Schwan. Das Protokoll des Chats ist in Kürze<br />
zum Nachlesen auf den Seiten von tagesschau.de und politik-digital.de<br />
zu finden.</p>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://www.politik-digital.de/chattranscripte/donald-tusk-will-polen-der-eu-naeherbringen-3621/feed/</wfw:commentRss>
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			</item>
		<item>
		<title>&#8220;Diskussion um Wettbewerbsfähigkeit muss sich ändern&#8221;</title>
		<link>https://www.politik-digital.de/chattranscripte/quotdiskussion_um_wettbewerbsfaehigkeit_muss_sich_aendernquot-224/</link>
					<comments>https://www.politik-digital.de/chattranscripte/quotdiskussion_um_wettbewerbsfaehigkeit_muss_sich_aendernquot-224/#respond</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[mfrost]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 05 May 2004 23:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Chattranscripte]]></category>
		<category><![CDATA[Bundespolitik]]></category>
		<category><![CDATA[Gesine Schwan]]></category>
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					<description><![CDATA[<b>Gesine Schwan<!-- #EndEditable --> 
im tacheles.02-Chat am <!-- #BeginEditable "chat_datum" -->6.05.2004</b>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><b>Gesine Schwan<!-- #EndEditable --><br />
im tacheles.02-Chat am <!-- #BeginEditable "chat_datum" -->6.05.2004</b><!--break--><b><!-- #EndEditable --><br />
</b><br />
<!-- #BeginEditable "chat" --> </p>
<p>
<b>Moderatorin:</b> Liebe Politik-Interessierte, willkommen<br />
im tacheles.02-Chat. Die Chat-Reihe tacheles.02 ist ein Format von tagesschau.de<br />
und politik-digital.de und wird unterstützt von tagesspiegel.de<br />
und von sueddeutsche.de. Zum Chat ist heute die Kandidatin von SPD und<br />
Grünen für die Nachfolge von Bundespräsident Johannes<br />
Rau, Gesine Schwan, ins ARD-Hauptstadtstudio gekommen. Frau Schwan,<br />
sind Sie bereit für den 60-Minuten-Chat mit unseren Usern?
</p>
<p>
<b><img decoding="async" src="http://www.politik-digital.de/salon/photos/gschwan.jpg" alt="Gesine Schwan" align="left" height="111" width="85" />Gesine<br />
Schwan:</b> Ja, sehr gern.
</p>
<p>
<b>Moderatorin:</b> Nach Ihrem wochenlangen Präsentations-Marathon:<br />
Wie stehen die Chancen für die Frau nach Rau? Wie viele Stimmen<br />
von der Gegenseite haben Sie schon sicher?
</p>
<p>
<b>Gesine Schwan:</b> Das kann ich überhaupt nicht sagen.<br />
Erstens spreche ich mit niemand von der Gegenseite, weil sich das auch<br />
für dieses Amt nicht gehört. Ich glaube aber nach wie vor,<br />
dass ich gute Chancen habe. Aber keine Seite kann von sicheren Stimmen<br />
ausgehen.
</p>
<p>
<b>tatjana:</b> Denken Sie, dass Herr Köhler ein guter<br />
Bundespräsident wäre?
</p>
<p>
<b><img decoding="async" src="http://www.politik-digital.de/salon/transcripte/photos/gschwan.jpg" alt="Gesine Schwan beim Chat" align="left" height="224" width="300" />Gesine<br />
Schwan:</b> Ich kenne Herrn Köhler nicht und würde mich<br />
nicht gerne dazu äußern.
</p>
<p>
<b>gwqiefikwqgfiu:</b> Wie werben Sie um die fehlenden Stimmen<br />
in der Bundesversammlung und wo sollen sie herkommen?
</p>
<p>
<b>Gesine Schwan:</b> Ich werbe durch meine öffentlichen<br />
Auftritte: Ich sage, was ich in dem Amt machen möchte und warum<br />
meine Vorstellungen gerade in der jetzigen Zeit wichtig sind, um den<br />
Vertrauensverlust in demokratische Politik überhaupt und auch in<br />
Deutschland wieder beheben zu helfen.
</p>
<p>
<b>wwwbürger:</b> Es war noch nie eine Frau Bundespräsidentin<br />
und es gibt zahlreiche Stimmen, dass endliche eine Frau dieses Amt bekleiden<br />
sollte. Glauben Sie, dass das ein gewisser Bonus für ihre Kandidatur<br />
ist und entscheidender sein könnte als die inhaltliche Auseinandersetzung<br />
mit Herrn Köhler?
</p>
<p>
<b>Gesine Schwan:</b> Das es ein Bonus ist, glaube ich bestimmt.<br />
Weiter hilft mir etwa, dass ich gute Berufserfahrungen mit Ostdeutschland<br />
habe, dass ich mich für ein versöhnliches Verhältnis<br />
mit Polen und Frankreich im Zuge der EU-Erweiterung engagiere. Das alles<br />
können auch Gründe sein, weswegen man mich auch wählen<br />
kann.
</p>
<p>
<b>Moderatorin:</b> Aber konkret noch mal zum Frauenbonus:
</p>
<p>
<b>sumsum:</b> Worin sehen Sie die Stärken einer Frau<br />
in diesem Amt?
</p>
<p>
<b>Gesine Schwan:</b> Die meisten Frauen, zumal wenn sie<br />
berufstätige Mütter sind, haben Erfahrungen in unterschiedlichen<br />
Lebensbereichen, sind trainiert, flexibel und verständnisvoll,<br />
die verschiedensten Lebensbereiche und Interessen zusammenzuführen<br />
und miteinander zu versöhnen. Meistens ist ihre Hauptaufgabe zu<br />
integrieren und das ist auch eine zentrale Aufgabe des Bundespräsidentenamtes.
</p>
<p>
<b>Moderatorin:</b> Nachgehakt:
</p>
<p>
<b>Platoniker:</b> Aber ist es nicht so, dass die SPD unbedingt<br />
eine Frau wollte und dass Sie vor allem deshalb Kandidatin wurden, weil<br />
es eine Frau sein sollte? Finden Sie es nicht schade, nur deshalb als<br />
Kandidatin ausgewählt worden zu sein? Oder ist es doch anders?
</p>
<p>
<b>Gesine Schwan:</b> Es ist klar, dass Gerhard Schröder<br />
mich vorgeschlagen hat, weil ich eine Frau bin, aber nicht nur, weil<br />
ich eine Frau bin. Sondern auch weil er mir als Gesine Schwan zutraut,<br />
ebenso wie die SPD und die Grünen, dieses Amt überzeugend<br />
und ermutigend zu erfüllen. Das stört mich nicht.
</p>
<p>
<b>TG:</b> Sie geben sich sehr diplomatisch, aber was genau<br />
zeichnet Sie gegenüber Herrn Köhler aus? Immerhin ist er auf<br />
dem internationalen Parkett sehr versiert und kennt es lange genug.
</p>
<p>
<b>Gesine Schwan:</b> Ich äußere mich zu mir und<br />
kenne das internationale Parkett sehr gut. Ich habe in verschiedenen<br />
Ländern studiert und unterrichtet, Vorträge gehalten und zwar<br />
sowohl zu dem jetzt besonders wichtigen Bereich von Wissenschaft, Bildung<br />
und Forschung, als auch zu allgemeineren politischen Themen, die gerade<br />
in ihrer Breite zum Aufgabenbereich des Bundespräsidentenamtes<br />
gehören.
</p>
<p>
<b>dreispitz:</b> Was halten Sie von der Umfrage der Financial<br />
Times Deutschland, dass 43 Prozent der Befragten lieber Köhler<br />
und 34 Prozent lieber Sie als Nachfolgerin hätten? Gibt ihnen das<br />
zu denken?
</p>
<p>
<b>Gesine Schwan:</b> Nein, das gibt mir gar nicht zu denken,<br />
wenn ich umgekehrt sehe, dass meine Medienpräsenz laut Medientenor<br />
zunächst sehr viel geringer war, weil viele Medien sich vorrangig<br />
für die Person interessieren, die man vorab für den Gewinner<br />
hält. Inzwischen ist meine Medienpräsenz erheblich größer<br />
geworden. Aber letztlich kommt es auf diese Medienumfrage auch nicht<br />
an.
</p>
<p>
<b>Moderatorin:</b> Kommen wir zur Sachebene:
</p>
<p>
<b>danman8853:</b> Sollten Sie die Wahl gewinnen &#8211; welche<br />
Themen packen Sie als erstes an?
</p>
<p>
<b>Gesine Schwan:</b> Das Thema &quot;Die Reformpolitik in<br />
Deutschland und Europa&quot; in einen Horizont zu stellen, der wirkliche<br />
Fortschritte verspricht und die Menschen wieder ermutigt. Auf diese<br />
Weise zu erneutem Grundkonsens zu verhelfen, dank dessen das Vertrauen<br />
in demokratische Politik zukommen kann.
</p>
<p>
<b>georg-michael:</b> Frau Schwan, was halten Sie von der<br />
aktuellen Politik des internationalen Währungsfond? Um auf Unterschiede<br />
im politischen Zugang mit ihrem Kontrahenten Herrn Köhler zu kommen?
</p>
<p>
<b>Gesine Schwan:</b> Ich habe als Bundespräsidentin<br />
nicht die Aufgabe, mich zu Einzelpolitikern von internationalen Organisationen<br />
zu äußern. Und deshalb tue ich das als Kandidatin auch nicht.<br />
Ich bitte auch um Verständnis dafür, dass ich mich nur zu<br />
meiner Person und nicht zu Vergleichen äußere. Sie würden<br />
eine Art des Wahlkampfes eröffnen, die mit dem Amt des Bundespräsidenten<br />
oder der Bundespräsidentin nicht vereinbar ist.
</p>
<p>
<b>Moderatorin:</b> Hintergrund Zuwanderungsgesetz und Bundesratstheater.<br />
Bundespräsident Rau unterschreibt zwar das Gesetz nach langem Zögern,<br />
macht aber den Weg dafür nach Karlsruhe frei.
</p>
<p>
<b>niels:</b> Würden Sie als Bundespräsidentin<br />
Gesetze, die Sie für falsch halten nicht unterschreiben, das Amt<br />
also auch politisch nutzen?
</p>
<p>
<b>Gesine Schwan:</b> Dazu habe ich nicht das verfassungsmäßige<br />
Recht, das würde ich also auch nicht tun: der Bundespräsident/<br />
die Bundespräsidentin haben kein inhaltliches Kontrollrecht, sondern<br />
nur die Aufgabe, das demokratische Zustandekommen der Gesetze zu prüfen<br />
und ggf. anzumahnen.
</p>
<p>
<b>bobbele:</b> Und darüber hinaus: Wird es möglich<br />
sein, auch einen positiven Einfluss auf die Funktionäre in Politik,<br />
Wirtschaft und Gesellschaft zu nehmen, so dass es wieder einen echten<br />
Dialog und eine Orientierung nach vorne und zum Wohl des gesellschaftlichen<br />
Ganzen geben kann?
</p>
<p>
<b>Gesine Schwan:</b> Ja, ich bin ganz begeistert über<br />
diese Frage, weil sie genau trifft, was ich meine.
</p>
<p><a title="direktwahl" name="direktwahl" id="direktwahl"></a></p>
<p>
<a title="direktwahl" name="direktwahl" id="direktwahl"></a><b>Moderatorin:</b> Wir haben viele Fragen zur Direktwahl:
</p>
<p><a title="direktwahl" name="direktwahl" id="direktwahl"></a>        </p>
<p>
<a title="direktwahl" name="direktwahl" id="direktwahl"></a><b>EUler:</b> Sie sprechen sich ja gegen eine Direktwahl<br />
des Bundespräsidenten aus. Warum?
</p>
<p><a title="direktwahl" name="direktwahl" id="direktwahl"></a>        </p>
<p>
<a title="direktwahl" name="direktwahl" id="direktwahl"></a><b>Gesine Schwan:</b> Ich habe großes Vertrauen in<br />
die Wählerinnen und Wähler, meine Absage an die Direktwahl<br />
bedeutet also kein Misstrauen in die Gesellschaft. Der wichtigste Grund,<br />
weswegen ich mich gegen eine Direktwahl ausspreche, liegt darin, dass<br />
die Person im Amt de facto eine erheblich größere Macht bekäme,<br />
die sie in Konkurrenz zur Bundesregierung bringen würde &#8211; und das<br />
kann nicht gut gehen. Der Bundespräsident oder die Präsidentin<br />
könnte Politikvorschläge machen, ohne dafür die parlamentarische<br />
Unterstützung beibringen zu müssen. Sie könnte die Bundesregierung,<br />
wenn sie dem nicht folgt, in große Bedrängnis bringen, ohne<br />
selbst für die Politik dann verantwortlich sein zu müssen.<br />
Das würde das Vertrauen in demokratische Politik schwächen.
</p>
<p><a title="direktwahl" name="direktwahl" id="direktwahl"></a>        </p>
<p>
<a title="direktwahl" name="direktwahl" id="direktwahl"></a><b>Nobbi:</b> Gesine, wäre es aber doch nicht besser,<br />
das Volk entscheiden zu lassen, damit solch ein unsägliches Gezerre,<br />
wie von der Union und FDP gezeigt, aufhört in Zukunft?
</p>
<p><a title="direktwahl" name="direktwahl" id="direktwahl"></a>        </p>
<p>
<a title="direktwahl" name="direktwahl" id="direktwahl"></a><b>Gesine Schwan:</b> Durch eine direkte Wahl würde<br />
der Einfluss der Parteien, die ja den Wahlkampf gestalten müssten,<br />
noch sehr viel größer. Das Gezerre würde zum Alltag<br />
des Wahlkampfes und bekäme dem Amt nicht.
</p>
<p><a title="direktwahl" name="direktwahl" id="direktwahl"></a>        </p>
<p>
<a title="direktwahl" name="direktwahl" id="direktwahl"></a><b>Moderatorin:</b> Zurück zu den Reformen, die dieses<br />
Land und unsere User beschäftigen:
</p>
<p><a title="direktwahl" name="direktwahl" id="direktwahl"></a>        </p>
<p>
<a title="direktwahl" name="direktwahl" id="direktwahl"></a><b>nasebohne:</b> Frau Schwan, eigentlich sind die Aufgaben<br />
des Bundespräsidenten eng begrenzt. Ich würde mir wünschen,<br />
dass zukünftig von dort &#8211; so wie bobbele das wohl auch meint &#8211;<br />
die unterstützenden Anregungen kommen, die unser Land wieder nach<br />
vorne bringen. Meinen Sie nicht auch, dass diese Aufgabe dem Amt durchaus<br />
zustände?
</p>
<p><a title="direktwahl" name="direktwahl" id="direktwahl"></a>        </p>
<p>
<a title="direktwahl" name="direktwahl" id="direktwahl"></a><b>Gesine Schwan:</b> Ja natürlich. So habe ich sie<br />
auch vorgeschlagen. Konkret geht es darum, die größeren Zusammenhänge<br />
und die Herausforderungen auf die Politik antworten muss, so klar und<br />
unparteiisch wie möglich, öffentlich verständlich zu<br />
machen, so dass es der Gesellschaft leichter fällt, sich in der<br />
Analyse und dann in der politischen Entscheidung besser zu orientieren.<br />
Auch das Formulieren von Gemeinsamkeiten des langfristigen wohlverstandenen<br />
Interesses der verschiedenen Gruppen gehört dazu.
</p>
<p><a title="direktwahl" name="direktwahl" id="direktwahl"></a>        </p>
<p>
<a title="direktwahl" name="direktwahl" id="direktwahl"></a><b>Frank Farenski:</b> Sie haben in vielen Interviews bereits<br />
viele politische Fragen erörtert. Allerdings haben Sie noch keine<br />
Aussagen zum beispiellosen Sozialabbau dieser Bundesregierung gemacht.<br />
Wie ist ihre Position dazu? Zum Beispiel zur Abschaffung der Arbeitslosenhilfe.
</p>
<p><a title="direktwahl" name="direktwahl" id="direktwahl"></a>        </p>
<p>
<a title="direktwahl" name="direktwahl" id="direktwahl"></a><b>Gesine Schwan:</b> Ich habe, und das betrifft diese Frage<br />
nur scheinbar indirekt, in Wirklichkeit direkt, darauf hingewiesen,<br />
dass die gesamte öffentliche Diskussion in Sachen Wettbewerbsfähigkeit<br />
Deutschland, sich ändern muss. Der jetzt im Mittelpunkt stehende<br />
Bereich der Senkung von Arbeits- und Sozialversicherungskosten, kann<br />
unsere Wettbewerbsfähigkeit letztlich nicht sichern. Wir müssen<br />
uns stattdessen auf die intelligente Erneuerung von Produkten und Produktionsverfahren<br />
konzentrieren und damit eine realistische Perspektive für erneuten<br />
Wohlstand gegen einen Wettbewerb nach unten eröffnen. Gegenwärtig<br />
geht es immer nur um Versicherungsabbau und damit kommen wir auf die<br />
Dauer nicht weiter.
</p>
<p><a title="direktwahl" name="direktwahl" id="direktwahl"></a>        </p>
<p>
<a title="direktwahl" name="direktwahl" id="direktwahl"></a><b>Moderatorin:</b> Dazu passt das Stichwort Europa:
</p>
<p><a title="direktwahl" name="direktwahl" id="direktwahl"></a>        </p>
<p>
<a title="direktwahl" name="direktwahl" id="direktwahl"></a><b>FreisingerJuso:</b> Wie beurteilen Sie die Wettbewerbsfähigkeit<br />
Deutschlands im Zuge der Osterweiterung?
</p>
<p><a title="direktwahl" name="direktwahl" id="direktwahl"></a>        </p>
<p>
<a title="direktwahl" name="direktwahl" id="direktwahl"></a><b>Gesine Schwan:</b> In dem Maße, wie wir das Feld<br />
der intelligenten Produktionserneuerung in den Mittelpunkt stellen,<br />
beurteile ich sie sehr gut. Dann können wir zum Beispiel die niedrigeren<br />
Produktionskosten in Polen nutzen, um in Deutschland durch eine bessere<br />
polnische Kaufkraft und durch die finanzielle Stützung von Produktionsinnovationen<br />
zukunftsfähige Arbeitsplätze aufbauen und sichern. So kann<br />
die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands in Kooperation mit den Ländern<br />
der erweiterten EU gestärkt werden.
</p>
<p><a title="direktwahl" name="direktwahl" id="direktwahl"></a>        </p>
<p>
<a title="direktwahl" name="direktwahl" id="direktwahl"></a><b>EUler:</b> Wie sehen sie die Wahrnehmungslücken zur<br />
EU Erweiterung in der Bevölkerung bezüglich Chancen und Risiken?<br />
Nimmt die Politik die Ängste der Bevölkerung ernst genug?<br />
Mich stören die vielen Sonntagsreden der Politiker.
</p>
<p><a title="direktwahl" name="direktwahl" id="direktwahl"></a>        </p>
<p>
<a title="direktwahl" name="direktwahl" id="direktwahl"></a><b>Gesine Schwan:</b> Das kann ich gut verstehen: mich stören<br />
Sonntagsreden auch. Nur wenn wir neue realistische Perspektiven für<br />
die Herausforderungen der Globalisierung und Weltarbeitsteilung finden<br />
und zeigen, gewinnen wir das Vertrauen der Menschen in die Erweiterung<br />
der EU. Wir nehmen die Ängste und Sorgen ernst, indem wir erklären<br />
und auch praktizieren, dass gerade die EU als großer Politikbereich<br />
und als großer Markt die Chance bietet (anders als die Nationalstaaten),<br />
die Herausforderungen produktiv und mit der Aussicht auf die Erneuerung<br />
von Wohlstand anzugehen.
</p>
<p><a title="direktwahl" name="direktwahl" id="direktwahl"></a>        </p>
<p>
<a title="direktwahl" name="direktwahl" id="direktwahl"></a><b>Moderatorin:</b> Noch konkreter:
</p>
<p><a title="direktwahl" name="direktwahl" id="direktwahl"></a>        </p>
<p>
<a title="direktwahl" name="direktwahl" id="direktwahl"></a><b>Platoniker:</b> Als Präsidentin der Viadrina stehen<br />
Sie ja mit Osteuropa in gutem Kontakt. Wie wollen Sie als Bundespräsidentin<br />
die Aussöhnung mit Osteuropa mitgestalten und dazu beitragen, dass<br />
noch mehr Osteuropäerinnen in das gemeinsame Europa integriert<br />
werden?
</p>
<p><a title="direktwahl" name="direktwahl" id="direktwahl"></a>        </p>
<p>
<a title="direktwahl" name="direktwahl" id="direktwahl"></a><b>Gesine Schwan:</b> Die Bundespräsidentin kann durch<br />
öffentliche Reden für gegenseitiges Verständnis sorgen.<br />
Sie kann sich über spezielle Engpässe besonders informieren<br />
und dazu auch längerfristige Vorschläge machen. Sie kann den<br />
Jugendaustausch stärken helfen und zukunftsfähige Beispiele<br />
der Integration auf ökonomischem wie kulturellem Gebiet öffentlich<br />
zur Nachahmung empfehlen.
</p>
<p><a title="direktwahl" name="direktwahl" id="direktwahl"></a>        </p>
<p>
<a title="direktwahl" name="direktwahl" id="direktwahl"></a><b>HerrPhil:</b> Frau Schwan, wie stehen sie dazu, dass es<br />
nun Masseneinwanderung nach Deutschland geben soll, während schon<br />
jetzt Millionen keine Arbeit finden können? Vergangene Einwanderer<br />
haben sich nicht integriert, soll unsere Gesellschaft weiter zersplittert<br />
und von Kriminalität zerrüttet werden?
</p>
<p><a title="direktwahl" name="direktwahl" id="direktwahl"></a>        </p>
<p>
<a title="direktwahl" name="direktwahl" id="direktwahl"></a><b>Gesine Schwan:</b> Erstens: die Zahlen sprechen nicht<br />
von einer Masseneinwanderung. Je konkreter die Aussicht auf die Erweiterung<br />
der EU wurde, desto mehr sind z.B. in ihre Heimat zurückgekehrt,<br />
weil sie dort bessere Lebenschancen sehen. Aus Ihrer Frage spricht große<br />
Angst, ich kann sie verstehen, aber sie ist kein guter Ratgeber für<br />
kluge und zukunftsfähige Politik. Es ist falsch, Kriminalität<br />
oder Desintegration in unserer Gesellschaft einfach in ursächlichen<br />
Zusammenhang mit Ausländern zu stellen. Sie sägen mit solchen<br />
irreführenden Analysen, wie sie leider auch von öffentlichen<br />
Politikern/Innen vorgetragen werden, an dem Ast, an dem wir alle in<br />
Deutschland, Europa und darüber hinaus sitzen.
</p>
<p><a title="direktwahl" name="direktwahl" id="direktwahl"></a>        </p>
<p>
<a title="direktwahl" name="direktwahl" id="direktwahl"></a><b>Evren:</b> Können Sie ihre Position bezüglich<br />
einer möglichen EU-Mitgliedschaft der Türkei darstellen?
</p>
<p><a title="direktwahl" name="direktwahl" id="direktwahl"></a>        </p>
<p>
<a title="direktwahl" name="direktwahl" id="direktwahl"></a><b>Gesine Schwan:</b> Jede Entscheidung zur Türkei enthält<br />
Risiken. Die EU hat der Türkei die Aussicht auf Aufnahme versprochen.<br />
Es ist gut, Versprechen auch in der Politik zu halten. Wenn wir diese<br />
Aussicht wieder zurückziehen, entmutigen wir die Anstrengungen<br />
in der Türkei, die darauf zielen, die politischen und wertmäßigen<br />
Standards der EU im eigenen Land einzuführen und zu sichern. Wir<br />
verlieren dann auch die Chance, dass ein großes Land mit einer<br />
überwiegend islamischen Bevölkerung sich mit unserer Hilfe<br />
demokratisiert. Aber auch, das Angebot Verhandlungen über den Beitritt<br />
aufzunehmen &#8211; nur darum geht es zur Zeit &#8211; muss die Risiken im Blick<br />
behalten, die mit einer Aufnahme der Türkei in die EU verbunden<br />
wären, wenn sich die Türkei nicht wirklich die politischen<br />
und demokratischen Standards der EU zu eigen macht. Ich bin für<br />
Perspektive der Aufnahme von Beitrittsverhandlungen in Abwägung<br />
der beiden Risiken, die ich genannt habe &#8211; und der Chancen.
</p>
<p><a title="direktwahl" name="direktwahl" id="direktwahl"></a>        </p>
<p>
<a title="direktwahl" name="direktwahl" id="direktwahl"></a><b>El Azul:</b> Was halten sie generell von einer weiteren<br />
Erweiterung der EU? Oder sollte davor erst eine weitere Vertiefung kommen?
</p>
<p><a title="direktwahl" name="direktwahl" id="direktwahl"></a>        </p>
<p>
<a title="direktwahl" name="direktwahl" id="direktwahl"></a><b>Gesine Schwan:</b> Die alte Diskussion darüber, ob<br />
Erweiterung oder Vertiefung sich gegenseitig ausschließen oder<br />
auch ergänzen können, kann nicht mit einem abschließenden<br />
Satz beurteilt werden. Sicher sollte die Erweiterung schrittweise um<br />
neue Verfahren der internen politischen Verständigung einzuüben<br />
und zu sichern. Aber es ist umgekehrt im Interesse auch der bisherigen<br />
Mitglieder der EU, dass die sie umgebenden Länder sich politisch<br />
und ökonomisch stabilisieren und dafür ist die Perspektive<br />
der EU-Mitgliedschaft ganz zentral.
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<a title="direktwahl" name="direktwahl" id="direktwahl"></a><b>Moderatorin:</b> Kommen wir zurück nach Deutschland.<br />
Stichwort Bildung: Alle fordern Bewegung in der Bildung. Sie leben Bildung<br />
jeden Tag. Sagen Sie doch mal, was wir im Bildungssektor wirklich dringend<br />
brauchen?
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<a title="direktwahl" name="direktwahl" id="direktwahl"></a><b>Gesine Schwan:</b> Im gesamten Bildungssektor, vom Kindergarten<br />
bis zum Ende der universitären Ausbildung, brauchen wir erstens<br />
einen Einstellungswandel. Bildung gelingt, wenn sie als Anstrengung<br />
der Personen verstanden wird, zu der die Jüngeren auch ermutigt<br />
und in die Lage versetzt werden müssen. Der englische Begriff für<br />
diese Pädagogik nennt sich &quot;Empowerment&quot;. In Deutschland<br />
baut man vielfach noch zu sehr auf das Motiv des Drucks und des Ausschlusses<br />
derer, die keinen Erfolg haben. Und das ist nicht gut für den Bildungserfolg.<br />
Zweitens braucht man in allen Bereichen eine sehr viel bessere Finanzierung,<br />
damit Bildung, die sich in erster Linie auf persönliche Beziehungen<br />
zwischen Lernenden und Lehrenden stützt, auch intensiv erfolgen<br />
kann. Drittens braucht es strukturelle Veränderungen, die aber<br />
ein weites Feld sind.
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<a title="direktwahl" name="direktwahl" id="direktwahl"></a><b>Herr Kuhnt2:</b> Wie sollte Ihrer Meinung nach der Bildungsraum<br />
an unseren Hochschulen ausgestaltet sein (Stichwort Studiengebühren<br />
&amp; Elitenbildung)?
</p>
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<a title="direktwahl" name="direktwahl" id="direktwahl"></a><b>Gesine Schwan:</b> Es gibt mehrere Gründe, die dafür<br />
ins Feld geführt werden, Studiengebühren einzuführen.<br />
Wenn sich der Status der Universitäten nicht ändert, würden<br />
Studiengebühren nicht zur besseren Ausstattung der Universitäten<br />
beitragen, weil sie von den Finanzministern kurz danach wieder vom Budget<br />
abgezogen würden. Sie können dazu beitragen, dass die Kosten<br />
von Bildung besser ins Bewusstsein treten können. Aber als vorrangige<br />
Motivation zu studieren, finde ich sie nicht sehr geeignet. Vielfach<br />
legen sie auch den Gedanken nahe, das Bildung eine Ware ist, die man<br />
kaufen kann (einschl. der guten Zensuren) und nicht das Ergebnis individueller<br />
persönlicher Anstrengungen.
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<a title="direktwahl" name="direktwahl" id="direktwahl"></a><b>HerrPhil:</b> Frau Schwan, eine provokante Frage, aber<br />
trotzdem von Interesse: Was sagen Sie dazu, dass in Deutschland intelligente<br />
Frauen keine Kinder mehr kriegen, während Sozialhilfeempfängerinnen<br />
statistisch gesehen die meisten Kinder bekommen und für ihr unverantwortliches<br />
Verhalten auch noch vom Staat subventioniert werden? Soll so eine kommende<br />
Bildungselite entstehen, wenn Akademikerinnen überwiegend kinderlos<br />
bleiben?
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<a title="direktwahl" name="direktwahl" id="direktwahl"></a><b>Gesine Schwan:</b> Sie binden in Ihrem zwei Dinge zusammen,<br />
die ursächlich nichts miteinander zu tun haben. Das akademisch<br />
gebildete Frauen heute zu 40 Prozent keine Kinder mehr haben, halte<br />
ich für eine sehr negative Erscheinung, die nicht an den Frauen,<br />
sondern an dem Umstand liegt, dass Wirtschaft und Politik für die<br />
Vereinbarkeit von Beruf und Kindern in einer partnerschaftlichen Familie<br />
&#8211; ich unterstreiche partnerschaftlich &#8211; gegenwärtig kaum vereinbar<br />
sind. Viele Frauen erlauben sich zu ihrem eigenen Unglück keine<br />
Kinder, weil sie dann de facto ihren Beruf aufgeben müssen. Hier<br />
sind weitgehende mentale und politische Veränderungen nötig.
</p>
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<a title="direktwahl" name="direktwahl" id="direktwahl"></a><b>BlueMonk:</b> Um an den Begriff des &quot;Empowerments&quot;<br />
anzuknüpfen: welche Wege sehen Sie, Frau Schwan, Mütter zu<br />
&quot;empowern&quot;, ihren Beruf weiter zu verfolgen? Sind ausländische<br />
Modelle wie in Frankreich für Sie interessant?
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<p><a title="direktwahl" name="direktwahl" id="direktwahl"></a>        </p>
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<a title="direktwahl" name="direktwahl" id="direktwahl"></a><b>Gesine Schwan:</b> Ja. öffentliche Hilfen bei der<br />
Kinderbetreuung sind sehr nötig. Aber das Problem reicht viel weiter.<br />
Die Wirtschaft muss akzeptieren, dass junge Menschen Familien gründen<br />
wollen und nicht als bindungslose flexible Arbeitskräfte verwendet<br />
werden dürfen. Das Familienleben gelingt nur, wenn die Karrierehöhepunkte<br />
für Männer und Frauen in einem Lebensabschnitt verlegt werden<br />
können, in dem Kinder so weit erwachsen sind, dass die Eltern sich<br />
ihrem Beruf stärker widmen können.
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<p><a title="direktwahl" name="direktwahl" id="direktwahl"></a>        </p>
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<a title="direktwahl" name="direktwahl" id="direktwahl"></a><b>Sonnenschein:</b> Wie sieht es am 23 Mai mit den Stimmen<br />
der PDS aus? Bekommen Sie genügend Unterstützung?
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<a title="direktwahl" name="direktwahl" id="direktwahl"></a><b>Gesine Schwan:</b> Ich habe bisher Gespräche mit<br />
zwei Landtagsfraktionen geführt, und ihnen meine Vorstellungen<br />
vorgetragen. Nach den Diskussionen habe ich den Eindruck, dass ich hier<br />
mit großer Unterstützung rechnen kann. Mit den PDS-Wählern<br />
in der Bundesversammlung werde ich noch sprechen.
</p>
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<a title="direktwahl" name="direktwahl" id="direktwahl"></a><b>Bergmann:</b> Für den Fall, dass Sie nicht zur Bundespräsidentin<br />
gewählt werden, streben sie dann ein Amt in der Politik an?
</p>
<p><a title="direktwahl" name="direktwahl" id="direktwahl"></a>        </p>
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<a title="direktwahl" name="direktwahl" id="direktwahl"></a><b>Gesine Schwan:</b> Nein.
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<p><a title="direktwahl" name="direktwahl" id="direktwahl"></a>        </p>
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<a title="direktwahl" name="direktwahl" id="direktwahl"></a><b>asda:</b> Frau Schwan, Sie haben bald Geburtstag. Was<br />
wünschen Sie sich?
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<p><a title="direktwahl" name="direktwahl" id="direktwahl"></a>        </p>
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<a title="direktwahl" name="direktwahl" id="direktwahl"></a><b>Gesine Schwan:</b> Dass ich genügend Vernunft und<br />
Kraft erhalte und bewahren kann, um die Aufgaben zu erfüllen, die<br />
der liebe Gott mir zugedacht hat.
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<p><a title="direktwahl" name="direktwahl" id="direktwahl"></a>        </p>
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<a title="direktwahl" name="direktwahl" id="direktwahl"></a><b>Moderatorin:</b> Unsere Zeit ist bereits um. Vielen Dank<br />
an alle User für das große Interesse. Etliche Fragen sind<br />
leider unbeantwortet geblieben. Vielen Dank, Frau Schwan, dass Sie sich<br />
Zeit für den Chat genommen haben. Das Transkript dieses Chats finden<br />
Sie auf den Seiten der Veranstalter. Den nächsten Chat gibt es<br />
am Donnerstag, den 13. Mai, ab 13.00 Uhr mit dem CSU-Generalsekretär<br />
Markus Söder. Das tacheles.02-Team wünscht allen noch einen<br />
angenehmen Tag!
</p>
<p><a title="direktwahl" name="direktwahl" id="direktwahl"></a>        </p>
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<a title="direktwahl" name="direktwahl" id="direktwahl"></a><b>Gesine Schwan:</b> Ich danke allen sehr herzlich für<br />
die sehr unterschiedlichen interessierten Fragen, die mir eine Menge<br />
Anstöße gegeben haben, weiter nachzudenken.</p>
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