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	<title>Gesundheitssystem &#8211; politik-digital</title>
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	<title>Gesundheitssystem &#8211; politik-digital</title>
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	<item>
		<title>Brauchen wir die elektronische Gesundheitskarte?</title>
		<link>https://www.politik-digital.de/netzstandpunkte/elektronische-gesundheitskarte-120835/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[admin]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 06 Sep 2012 13:50:47 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Netzstandpunkte]]></category>
		<category><![CDATA[Elektronische Gesundheitskarte]]></category>
		<category><![CDATA[Krankenkasse]]></category>
		<category><![CDATA[Datenschutz]]></category>
		<category><![CDATA[Datensicherheit]]></category>
		<category><![CDATA[Gesundheitssystem]]></category>
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					<description><![CDATA[Vor rund acht Jahren wurde die Einführung der elektronischen Gesundheitskarte (eGK) beschlossen. Im Oktober vergangenen Jahres fiel der Startschuss. Seitdem [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Vor rund acht Jahren wurde die Einführung der elektronischen Gesundheitskarte (eGK) beschlossen. Im Oktober vergangenen Jahres fiel der Startschuss. Seitdem sammeln die Krankenkassen eifrig die Fotos ihrer Versicherten und verschicken die neuen Plastikkarten. Zielvorgabe des Gesetzgebers: Bis Jahresende sollen 70 Prozent der Krankenversicherten das neue Ausweisdokument in ihren Händen halten.</p>
<p>Von Anfang an gilt die elektronische Gesundheitskarte als umstritten. Seit Beginn der Diskussion gibt es heftige Auseinandersetzungen zwischen Ärzten, Politikern und Datenschützern. Einer der größten Kritikpunkte ist die Datensicherheit. Während das Gesundheitsministerium und die beteiligten Hard- und Softwareunternehmen stets auf höchste Sicherheitsstandards verweisen, äußern Kritiker ihre Bedenken. Sie fürchten Datenmissbrauch und beklagen eine Entwicklung hin zum gläsernen Patienten.</p>
<p>Offen scheint zudem die Zukunft des ambitionierten IT-Großprojektes. Während die Gesundheitskarte zur Zeit noch über vergleichsweise wenige Funktionen verfügt – auf ihrem Speicherchip werden bislang nur Stammdaten wie Name, Geburtsdatum, Anschrift und Versichertendaten gespeichert &#8211; könnte sich das bald ändern. Denn die Karte verfügt über das technische Rüstzeug, Informationen wie Rezepte, Arztbriefe oder die elektronische Patientenakte zu verwalten. Damit könnte ihr eine Schlüsselrolle auf dem Weg in ein digital vernetztes Gesundheitswesen zukommen.</p>
<p>Innovation oder Sicherheitsrisiko &#8211; brauchen wir überhaupt die elektronische Gesundheitskarte? politik-digital.de hat bei Dennis Romberg, Aktivist beim Bürgerrechte- und Datenschutzverein <a title="Homepage FoeBuD e.V." href="http://www.foebud.org/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">FoeBuD e.V.</a>, und bei Prof. Dr. Arno Elmer, Geschäftsführer der<a title="Homepage gematik GmbH" href="http://www.gematik.de/cms/de/startseite/index.jsp" target="_blank" rel="noopener noreferrer"> gematik GmbH</a> -Gesellschaft für Telematikanwendungen der Gesundheitskarte- nachgefragt und beide um einen Kommentar gebeten. Für Herrn Romberg birgt die neue Gesundheitskarte ein erhebliches Missbrauchsrisiko. Prof. Elmer sieht diese Gefahr nicht. Für ihn könne die neue Karte sogar Datenschutz und Datensicherheit stärken.</p>
<br/><div class="subcolumns">
             <div class="c75l">
               <div class="subcl">
                 <div class="entry-content-position">
                   </p>
<h2>Pro-Standpunkt Arno Elmer</h2>
<p>Das Ziel der elektronischen Gesundheitskarte (eGK) ist es, mit bewährten Techniken die Qualität der Patientenversorgung zu verbessern. Dabei geht es vor allem darum, den Datenschutz und die Datensicherheit zu stärken, nicht zu schwächen. Denn bislang findet der Informationsaustausch im Gesundheitswesen oftmals unverschlüsselt auf dem Postweg oder per E-Mail und Fax statt. Das Risiko, dass dadurch Unterlagen verloren gehen, zu spät kommen oder gar in falsche Hände gelangen, ist unbestreitbar hoch. Gerade die eGK stellt sicher, dass der Versicherte stets Herr seiner Daten ist und es auch bleibt. Er entscheidet, welche medizinischen Daten von wem gelesen und genutzt werden dürfen. Der Versicherte kann die Karte sogar nur als Versicherungsnachweis verwenden.</p>
<p>Patientendaten sind äußerst sensible Daten, deren Sicherheit für uns an erster Stelle steht – zumal wir gesetzlich dazu verpflichtet sind. Außerdem arbeitet die gematik GmbH intensiv unter anderem mit dem Bundesdatenschutzbeauftragten und dem Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik zusammen. Umso mehr sind wir immer wieder erstaunt darüber, wie viele Gerüchte über die Gesundheitskarte in der Öffentlichkeit kursieren. Schlagzeilen wie „Alles auf eine Karte“ sind schlicht und einfach falsch. Die eGK ist vor allem als Zugangsschlüssel zur Telematikinfrastruktur konzipiert. In dieser werden die medizinischen Daten der Versicherten – auf freiwilliger Basis – gespeichert. Bevor die Daten die Arztpraxis verlassen, werden sie aufwendig verschlüsselt. Um diese wieder entschlüsseln zu können, muss die eGK eingelesen und die PIN des Versicherten eingegeben werden. Auch ist der Abruf der Daten nur möglich, wenn der Arzt seinen Heilberufsausweis in das Lesegerät steckt und ebenfalls seine PIN eingibt.</p>
<p>Die verschlüsselten medizinischen Daten werden anonymisiert auf verschiedenen anwendungsspezifischen Serversystemen gespeichert. Ein erfolgreicher Hackerangriff auf ein solches System brächte dem Angreifer also keine verwertbaren Daten: Er würde nur sehr stark verschlüsselte Daten finden, die er nicht entschlüsseln und keinem bestimmten Versicherten zuordnen kann. An dieser Stelle möchte ich nachdrücklich betonen, dass keinerlei Daten von Versicherten bei der gematik gespeichert werden.</p>
<p>Noch ist der Unterschied zur bisherigen Krankenversichertenkarte klein. Doch das wirklich Neue – neben dem Foto auf der Kartenvorderseite – kommt: Zurzeit befinden wir uns im Vergabeverfahren für die Erprobung des sogenannten Online-Rollout (Stufe 1). Durch die Online-Anbindung können unter anderem beim Einlesen der eGK die Verwaltungsdaten des Versicherten automatisch aktualisiert werden. Damit entfällt der Austausch der Karte etwa nach einem Umzug des Versicherten. Wenn der Online-Rollout im kommenden Jahr in zwei Testregionen erprobt wurde, beginnt – in Abstimmung mit den Gesellschaftern der gematik – der bundesweite Rollout. Die Gesundheitskarte wird zudem derzeit technisch dafür vorbereitet, weitere medizinische Anwendungen wie etwa die Überprüfung der Arzneimitteltherapiesicherheit zu ermöglichen.</p>
<h2>Contra-Standpunkt Dennis Romberg</h2>
<p>Sechs Jahre IT-Großprojekt, viele Pannen, Sicherheitslücken und immer noch kein Ende. Die elektronische Gesundheitskarte (eGK) ist nach ihrer geplanten Einführung 2006 immer wieder verschoben und verkleinert worden. Von der urpsrünglichen Idee, alle Krankendaten, Diagnosen, Behandlungen und Rezepte zentral zu speichern, ist die Politik vorläufig wieder abgerückt – zum Glück. Was ist übrig geblieben? Eine nutzlose elektronische Versichertenkarte, die zusätzlich ein Foto enthält, aber nicht viel mehr als unsere alte Versichertenkarte kann. Warum also eine neue, milliardenteure IT-Struktur schaffen? Das Geld für die neuen Lesegeräte und die neue Infrastruktur fehlt am Ende bei der Verbesserung der medizinischen Versorgung selbst.</p>
<p>Alle Anwendungen, die über die reinen Stammdaten hinaus gehen, sind noch freiwillig. Das ist gut so, denn diese Anwendungen bergen ein erhebliches Missbrauchsrisiko. Gleichzeitig rechnet sich die elektronische Gesundheitskarte für die Krankenkassen nur, wenn möglichst viele Versicherte die Zusatzdienste – wie die elektronische Patientenakte – nutzen und ihre Datenschutzbedenken über Bord werfen.<br />
Denn erst wenn ein großer Teil der Versicherten die Zusatzdienste nutzt, stellen sich gegenüber dem alten System Kostenersparnisse ein.</p>
<p>Die Krankenkassen werden also viel daran setzen, dass die Versicherten genau das tun müssen. Wenn mir etwa das elektronische Rezept schmackhaft gemacht wird, um einen Bonus zu bekommen. Oder weil ich nur in den günstigen Tarif komme, wenn ich alle meine Diagnosen zentral speichern lasse. Schon jetzt bedrängen Krankenkassen ihre Versicherten, den ersten Schritt zu tun und ein Foto für die eGK einzuschicken. Datenschutz von Patientendaten darf jedoch keine Frage von Bonusprämien sein!</p>
<p>Die elektronische Gesundheitskarte verbessert die Qualität der medizinischen Versorgung nicht. Effizienzdenken und Einsparpotenziale standen bei ihrer Entwicklung im Mittelpunkt – statt dem Wohl der Patientinnen und Patienten. Das ist auch ein Grund, warum der deutsche Ärztetag die Karte bereits für gescheitert erklärt hat. Leichtsinnig sollen Millionen Datensätze zentral abrufbar gemacht werden – und solche Daten wecken immer Begehrlichkeiten. Oder können durch Fehlverhalten verloren gehen.</p>
<p>Großbritannien (wo Patientendatensätze verloren gingen und im Internet auftauchten) und Tschechien haben ihre IT-Großprojekte im Bereich des Gesundheitswesen spektakulär für gescheitert erklärt – nachdem bereits mehrere Millarden Euros verschwendet waren. Statt noch mehr Geld in sinnlose IT-Projekte zu stecken, muss die medizinische Versorgung wieder an oberster Stelle der Finanzierung stehen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>
                 </div>
               </div>
             </div>
]]></content:encoded>
					
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			</item>
		<item>
		<title>Internet revolutioniert das Gesundheitssystem</title>
		<link>https://www.politik-digital.de/buecherreport/internet_revolutioniert_das_gesundheitssystem_0-74/</link>
					<comments>https://www.politik-digital.de/buecherreport/internet_revolutioniert_das_gesundheitssystem_0-74/#respond</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[admin]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 29 Jun 2007 07:44:25 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Bücherreport]]></category>
		<category><![CDATA[E-Commerce]]></category>
		<category><![CDATA[Rezension]]></category>
		<category><![CDATA[Gesundheitssystem]]></category>
		<category><![CDATA[E-Health]]></category>
		<category><![CDATA[Gesundheitsinformation]]></category>
		<category><![CDATA[Prävention]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://www.politik-digital.de/uncategorized/internet_revolutioniert_das_gesundheitssystem_0-74/</guid>

					<description><![CDATA[<p><b>Der Soziologe und Gesundheitsökonom Frederik Tautz beschreibt        in seinem Einführungswerk &#8222;E-Health und die Folgen&#8220;        Auswirkungen der Gesundheitskommunikation im Netz auf unser Gesundheitssystem</b></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Der Soziologe und Gesundheitsökonom Frederik Tautz beschreibt in seinem Einführungswerk „E-Health und die Folgen“ Auswirkungen der Gesundheitskommunikation im Netz auf unser Gesundheitssystem</strong><br />
Mit dem Internetboom Mitte der 1990-er Jahre beginnen Laien erstmalig im WWW nach gesundheitsrelevanten Informationen zu suchen. Die Informationsfülle im Netz entspricht dem Wissensbedarf der Patienten, die sich häufig unzureichend von ihrem Arzt beraten fühlen. Zwar bedienen auch die traditionellen Massenmedien, wie Rundfunk und Printmedien, den Wunsch ihrer Rezipienten nach Gesundheitsthemen, aber die spezifischen Eigenheiten des Internets entfalten eine größere Wirkung: Weltweite Informationen stehen zur Verfügung, Online-Berichte sind nicht an Sendezeiten gebunden, der User bestimmt über Hyperlinks selbst, wie tief er sich mit einem Thema auseinandersetzen möchte.<br />
Damit erfüllt das Internet nicht nur Kriterien eines Massenmediums, sondern auch Merkmale interpersonaler Kommunikation. Ähnlich wie beim Telefon, kann z. B. per eMail exklusiv mit einer Person kommuniziert werden.<br />
<strong>E-Health</strong><br />
Die Verbindung Internet &#8211; Medizin ist älter als „E-Health“. Erstmals 1997 taucht der Begriff E-Health in der Wirtschaft auf. Eine eindeutige Definition existiert nicht, jedoch soll die Wortschöpfung vermitteln, dass mit dem Zusammenspiel etwas Neues mit Chancen und Risiken entsteht.<br />
<strong>Veränderungen im Gesundheitswesen</strong><br />
Die Gesundheitskommunikation im Internet trifft auf einen veränderten Gesundheitsbegriff. Da Menschen heute nicht mehr an akuten Krankheiten, wie etwa einer Lungenentzündung, sterben, sondern an chronisch-degenerativen Leiden, definieren sich Gesundheit und Krankheit nicht länger als absolute Zustände, sondern als ein Kontinuum. Die Medizin entwickelt sich weg von kurativer Behandlung hin zu Prävention. Hier ist die Mitarbeit des Patienten entscheidend. Auch wird Gesundheit subjektiv unterschiedlich empfunden, so dass die bevormundende Arzt-Patient Beziehung überholt ist.<br />
<strong>Vorteile der Gesundheitskommunikation im Netz</strong><br />
Viele Patienten wünschen sich detailliertere Informationen von ihrem Arzt, trauen sich aber häufig nicht, nachzufragen. Die besondere Struktur des WWW ermöglicht diesen Patienten nach ihren individuellen Bedürfnissen selbst nach weiterführenden Materialien zu suchen.<br />
Gerade bei der Vermittelung von Präventionsmaßnahmen entscheidet die persönliche Ansprache über Erfolg und Misserfolg. Interaktive Anwendungen im Netz befolgen diese Forderung und führen wegen ihrer Anonymität zu besseren Ergebnissen. Insbesondere für den Bereich der Selbsthilfegruppen kann das Internet unterstützend wirken. Die Hemmschwelle im anonymen Netz ist niedriger, räumliche Entfernungen sind kein Hinderungsgrund mehr.<br />
Schließlich kann das Internet allgemein zu einer besser aufgeklärten Bevölkerung beitragen.<br />
<strong>Nachteile der Gesundheitskommunikation im Netz</strong><br />
Das Internet verlang einen aktiven Konsumenten, der sich seine Information selbst sucht. Die traditionellen Redakteursaufgaben werden an den User abgegeben. Viele sind damit jedoch überfordert. Erschwerend hinzukommt, dass keine einheitlichen Qualitätsstandards für Content existieren. Schließlich ist das Internet kein Massenmedium – und wird es wohl wegen einer beachtlichen Anzahl Offliner auch nie werden.<br />
<strong>Auswirkungen des Internet</strong><br />
Mit Hilfe einer Expertenbefragung stellt Tautz sieben Thesen über die zukünftige Entwicklung von E-Health auf:<br />
&#8211; Hausärzte werden künftig ihre Patienten bei der Internetrecherche nach geeigneten Information unterstützen.<br />
&#8211; Die Arzt-Patienten Beziehung entwickelt sich zu einer wirklichen Partnerschaft mit gegenseitiger Kompetenzanerkennung<br />
&#8211; Patienten suchen im Netz nach möglichen Therapien und wählen ihren behandelten Arzt danach aus<br />
&#8211; Seriöse Angebote im Internet zu Gesundheitsthemen werden von einer großen Öffentlichkeit genutzt. In der Folge verbessert sich die allgemeine Gesundheitsprävention.<br />
&#8211; Die meisten realen Selbsthilfegruppen werden durch Online-Angebote ersetzt.<br />
&#8211; Bei leichten Erkrankungen suchen die Menschen Hilfe im Internet.<br />
&#8211; Eine offizielle Institution oder Regulierungsbehörde prüft die Online-Angebote zum Thema Gesundheit.<br />
„E-Health und die Folgen“ ist ein gelungenes Einstiegswerk in die Thematik. Frederik Tautz überzeugt durch seine klare und unkomplizierte Ausdrucksweise. Zahlreiche Verweise auf empirische Untersuchungen unterstützen die eigenen Schlussfolgerungen des Autors.<br />
&nbsp;</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Internet revolutioniert das Gesundheitssystem</title>
		<link>https://www.politik-digital.de/buecherreport/internet_revolutioniert_das_gesundheitssystem-29/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Redaktion politik-digital.de]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 29 Jun 2007 07:41:38 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Bücherreport]]></category>
		<category><![CDATA[E-Health]]></category>
		<category><![CDATA[Gesundheitsinformation]]></category>
		<category><![CDATA[Prävention]]></category>
		<category><![CDATA[E-Commerce]]></category>
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		<category><![CDATA[Gesundheitssystem]]></category>
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					<description><![CDATA[<p><b>Der Soziologe und Gesundheitsökonom Frederik Tautz beschreibt        in seinem Einführungswerk &#8222;E-Health und die Folgen&#8220;        Auswirkungen der Gesundheitskommunikation im Netz auf unser Gesundheitssystem</b></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Der Soziologe und Gesundheitsökonom Frederik Tautz beschreibt in seinem Einführungswerk „E-Health und die Folgen“ Auswirkungen der Gesundheitskommunikation im Netz auf unser Gesundheitssystem</strong><br />
Mit dem Internetboom Mitte der 1990-er Jahre beginnen Laien erstmalig im WWW nach gesundheitsrelevanten Informationen zu suchen. Die Informationsfülle im Netz entspricht dem Wissensbedarf der Patienten, die sich häufig unzureichend von ihrem Arzt beraten fühlen. Zwar bedienen auch die traditionellen Massenmedien, wie Rundfunk und Printmedien, den Wunsch ihrer Rezipienten nach Gesundheitsthemen, aber die spezifischen Eigenheiten des Internets entfalten eine größere Wirkung: Weltweite Informationen stehen zur Verfügung, Online-Berichte sind nicht an Sendezeiten gebunden, der User bestimmt über Hyperlinks selbst, wie tief er sich mit einem Thema auseinandersetzen möchte.<br />
Damit erfüllt das Internet nicht nur Kriterien eines Massenmediums, sondern auch Merkmale interpersonaler Kommunikation. Ähnlich wie beim Telefon, kann z. B. per eMail exklusiv mit einer Person kommuniziert werden.<br />
<strong>E-Health</strong><br />
Die Verbindung Internet &#8211; Medizin ist älter als „E-Health“. Erstmals 1997 taucht der Begriff E-Health in der Wirtschaft auf. Eine eindeutige Definition existiert nicht, jedoch soll die Wortschöpfung vermitteln, dass mit dem Zusammenspiel etwas Neues mit Chancen und Risiken entsteht.<br />
<strong>Veränderungen im Gesundheitswesen</strong><br />
Die Gesundheitskommunikation im Internet trifft auf einen veränderten Gesundheitsbegriff. Da Menschen heute nicht mehr an akuten Krankheiten, wie etwa einer Lungenentzündung, sterben, sondern an chronisch-degenerativen Leiden, definieren sich Gesundheit und Krankheit nicht länger als absolute Zustände, sondern als ein Kontinuum. Die Medizin entwickelt sich weg von kurativer Behandlung hin zu Prävention. Hier ist die Mitarbeit des Patienten entscheidend. Auch wird Gesundheit subjektiv unterschiedlich empfunden, so dass die bevormundende Arzt-Patient Beziehung überholt ist.<br />
<strong>Vorteile der Gesundheitskommunikation im Netz</strong><br />
Viele Patienten wünschen sich detailliertere Informationen von ihrem Arzt, trauen sich aber häufig nicht, nachzufragen. Die besondere Struktur des WWW ermöglicht diesen Patienten nach ihren individuellen Bedürfnissen selbst nach weiterführenden Materialien zu suchen.<br />
Gerade bei der Vermittelung von Präventionsmaßnahmen entscheidet die persönliche Ansprache über Erfolg und Misserfolg. Interaktive Anwendungen im Netz befolgen diese Forderung und führen wegen ihrer Anonymität zu besseren Ergebnissen. Insbesondere für den Bereich der Selbsthilfegruppen kann das Internet unterstützend wirken. Die Hemmschwelle im anonymen Netz ist niedriger, räumliche Entfernungen sind kein Hinderungsgrund mehr.<br />
Schließlich kann das Internet allgemein zu einer besser aufgeklärten Bevölkerung beitragen.<br />
<strong>Nachteile der Gesundheitskommunikation im Netz</strong><br />
Das Internet verlang einen aktiven Konsumenten, der sich seine Information selbst sucht. Die traditionellen Redakteursaufgaben werden an den User abgegeben. Viele sind damit jedoch überfordert. Erschwerend hinzukommt, dass keine einheitlichen Qualitätsstandards für Content existieren. Schließlich ist das Internet kein Massenmedium – und wird es wohl wegen einer beachtlichen Anzahl Offliner auch nie werden.<br />
<strong>Auswirkungen des Internet</strong><br />
Mit Hilfe einer Expertenbefragung stellt Tautz sieben Thesen über die zukünftige Entwicklung von E-Health auf:<br />
&#8211; Hausärzte werden künftig ihre Patienten bei der Internetrecherche nach geeigneten Information unterstützen.<br />
&#8211; Die Arzt-Patienten Beziehung entwickelt sich zu einer wirklichen Partnerschaft mit gegenseitiger Kompetenzanerkennung<br />
&#8211; Patienten suchen im Netz nach möglichen Therapien und wählen ihren behandelten Arzt danach aus<br />
&#8211; Seriöse Angebote im Internet zu Gesundheitsthemen werden von einer großen Öffentlichkeit genutzt. In der Folge verbessert sich die allgemeine Gesundheitsprävention.<br />
&#8211; Die meisten realen Selbsthilfegruppen werden durch Online-Angebote ersetzt.<br />
&#8211; Bei leichten Erkrankungen suchen die Menschen Hilfe im Internet.<br />
&#8211; Eine offizielle Institution oder Regulierungsbehörde prüft die Online-Angebote zum Thema Gesundheit.<br />
„E-Health und die Folgen“ ist ein gelungenes Einstiegswerk in die Thematik. Frederik Tautz überzeugt durch seine klare und unkomplizierte Ausdrucksweise. Zahlreiche Verweise auf empirische Untersuchungen unterstützen die eigenen Schlussfolgerungen des Autors.<br />
&nbsp;</p>
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			</item>
		<item>
		<title>&#034;Macht der Pharmaindustrie wird sinken&#034;</title>
		<link>https://www.politik-digital.de/chattranscripte/quotmacht_der_pharmaindustrie_wird_sinkenquot-494/</link>
					<comments>https://www.politik-digital.de/chattranscripte/quotmacht_der_pharmaindustrie_wird_sinkenquot-494/#respond</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Alina Barenz]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 14 May 2007 23:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Chattranscripte]]></category>
		<category><![CDATA[Ellis Huber]]></category>
		<category><![CDATA[Bundespolitik]]></category>
		<category><![CDATA[Gesundheitspolitik]]></category>
		<category><![CDATA[Gesundheitssystem]]></category>
		<category><![CDATA[Arzt]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>
<b><span class="fett"> Ellis Huber, der ehemalige Präsident der
Ärztekammer Berlin, war am 15. Mai 2007 zu Gast im tagesschau-Chat
in Kooperation mit politik-digital.de. Er sprach über die prekäre
Lage der Ärzte, die Schnittmengen von Ökonomie und Medizin
und die</span><span class="fett"> Zukunft des deutschen Gesundheitssystems.</span></b>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>
<b><span class="fett"> Ellis Huber, der ehemalige Präsident der<br />
Ärztekammer Berlin, war am 15. Mai 2007 zu Gast im tagesschau-Chat<br />
in Kooperation mit politik-digital.de. Er sprach über die prekäre<br />
Lage der Ärzte, die Schnittmengen von Ökonomie und Medizin<br />
und die</span><span class="fett"> Zukunft des deutschen Gesundheitssystems.</span></b><!--break-->
</p>
<p>
<b>Moderator</b>: Liebe Politik-Interessierte, herzlich<br />
willkommen zum tagesschau-Chat. Unser Gast im ARD-Hauptstadtstudio<br />
ist heute Ellis Huber, der ehemalige Präsident der Ärztekammer<br />
Berlin. Vielen Dank fürs Kommen, Herr Huber. Heute soll es<br />
um das deutsche Gesundheitssystem gehen. Können wir beginnen?<img decoding="async" src="http://www.politik-digital.de/salon/photos/ehuber85x.jpg" alt="Ellis Huber" align="right" height="120" width="85" />
</p>
<p>
<b>Ellis Huber:</b> Ja. Gerne.
</p>
<p>
<b>flinkerfeder:</b> Welche Therapie würden Sie<br />
als Arzt dem Gesundheitssystem verordnen?
</p>
<p>
<b>Ellis Huber:</b> Voraussetzung aller Therapie ist<br />
eine vernünftige Diagnose. Das Krankheitssymptom im Gesundheitswesen<br />
der BRD ist ein Misstrauen aller gegeneinander und die mangelnde<br />
Zusammenarbeit zwischen Krankenkassen, Ärzten, Krankenhäusern<br />
und der Gesundheitspolitik. Das Misstrauen führt zu einer aufgeblähten<br />
Bürokratie und die mangelnde Kooperation zu einer Vergeudung<br />
der Geldmittel. Meine Therapie ist ein neuer Geist der Kooperation<br />
zwischen allen Beteiligten und Vertrauen zwischen ihnen und auch<br />
zwischen Dienstleistern und Patienten, indem wir die Verhältnisse<br />
transparent machen und zeigen, was wirklich ist. Und das Ziel gemeinsam<br />
verfolgen, das da ist: Preiswerte Gesundheit für alle Bürgerinnen<br />
und Bürger.
</p>
<p>
<b>dingenskirchen:</b> Woher kommt denn dieses Misstrauen<br />
zwischen Krankenkassen, Ärzten und Lobby?
</p>
<p>
<b>Ellis Huber:</b> Die Geldmittel, die im Rahmen der<br />
gesetzlichen Versicherung zur Verfügung stehen, sind begrenzt.<br />
Zur Zeit geben die Menschen 2.200 Euro pro Jahr und Kopf in diesen<br />
Solidartopf.<br />
Ärzte und Krankenhäuser sollten nun möglichst preiswert<br />
die Gesundheitsversorgung organisieren. In Wirklichkeit organisieren<br />
sie maximale Medizin. Die Krankenkassen müssen nun dieser Bedingung<br />
ein solidarisches Miteinander in großen Bevölkerungsgruppen<br />
kultivieren. In der Realität versuchen sie aber, hilfsbedürftige<br />
Menschen eher auszugrenzen. Die fehlende Kooperation zwischen Dienstleistern<br />
und Krankenkassen führt dazu, dass jede Seite die jeweils andere<br />
für den Schlamassel verantwortlich macht. Das führt zu<br />
einer Krankheit des Misstrauens. Die Hälfte der Geldmittel<br />
von 2.200 Euro pro Jahr und Bürger fließt inzwischen<br />
in Prozeduren und Richtungen und Verhaltensweisen, die nicht heilen,<br />
nicht pflegen und nicht helfen. Und diese Ressourcenvergeudung kann<br />
nur beendet werden, wenn ein Geist des Aufbruchs und des Gemeinsamen<br />
Einzug hält.
</p>
<p>
<b>Husten:</b> Wie schlecht ist es um das deutsche Gesundheitssystem<br />
tatsächlich bestellt? Stehen wir nicht im internationalen Vergleich<br />
noch ganz gut da, mit gesetzlicher Krankenkasse und so weiter?
</p>
<p>
<b>Ellis Huber:</b> Wir zählen zu den reichsten<br />
Ländern der Welt. Im Vergleich zu den USA ist es bei uns noch<br />
ganz ordentlich. Mein Ziel ist es, das Know how und die Management-Kunst<br />
so zu entwickeln, dass wir in Deutschland in der Lage sind, effizient<br />
und effektiv große Bevölkerungsgruppen gut zu versorgen.<br />
Ein Volkswagen der Gesundheitsversorgung für Bevölkerungsgruppen,<br />
also ein Versorgungssystem, das robust, zuverlässig, preiswert<br />
läuft und läuft und läuft, wäre ein Exportschlager,<br />
denn das braucht die ganze Welt. Es ist an der Zeit, mit der Jammerei<br />
aufzuhören und endlich die Chancen zu sehen. Wir können<br />
auf der Basis des vorhandenen Gesundheitswesens eine deutlich bessere<br />
und preiswertere Versorgung ermöglichen, wenn wir mit dem kleinkarierten<br />
Gezänk zwischen den Beteiligten und der gruppenegoistischen<br />
Pfründewirtschaft endlich aufhören.
</p>
<p>
<b>Applebeacher:</b> Wird sich die Demografieverschiebung,<br />
also das Älterwerden unserer Gesellschaft, sehr negativ auf<br />
das Gesundheitssystem auswirken und wenn ja, was können wir<br />
dagegen machen, ohne die Beiträge ins Unermessliche steigen<br />
zu lassen?
</p>
<p>
<b>Ellis Huber:</b> Die demografische Entwicklung ist<br />
ein Problem. Wenn der Anteil der älteren Menschen insgesamt<br />
zunimmt, werden auch mehr Mittel gebraucht, um die Versorgungsaufgabe<br />
sicherzustellen. Aber das Alter ist keine Krankheit. Heute 80-jährige<br />
Menschen sind so rüstig und vital wie die 65-jährigen<br />
vor 30 Jahren. Fachkompetente Prävention und Gesundheitsförderung<br />
ermöglicht, dass Menschen relativ rüstig und lebenstüchtig<br />
alt werden und im hohen Alter nach einer kurzen Phase des Leidens<br />
dann auch würdig sterben. Teuer wird es, wenn wir die Einsamkeit<br />
von alten Menschen, den Verlust von Lebenssinn und die Ausgrenzung<br />
als medizinisches Problem behandeln. Die Einsamkeit mit Herzkathedern<br />
und Psychopharmaka zu bekämpfen, ist sehr viel teurer, als<br />
alte Menschen in das öffentliche Leben weiter einzubeziehen.<br />
Mehr als ein Drittel der Lebenszeitkosten eines Krankenversicherten<br />
verursachen die letzten zwölf Lebensmonate, völlig unabhängig<br />
vom Alter. Aus anderen Ländern wie Schweden oder Japan, wo<br />
der Altersanteil innerhalb der Bevölkerung schon größer<br />
ist, können wir ablesen, dass Alterskrankheiten kein unbeherrschbares<br />
Kostenproblem sind. Die höchste Lebenserwartung in Europa haben<br />
die Menschen in Griechenland, Italien und Spanien. Gleichzeitig<br />
sind dort die Gesundheitsversorgungskosten geringer. Vernünftig<br />
zu essen ist wirksamer gegen Altersprobleme als ein Ausbau von Intensivstationen.
</p>
<p>
<b>Claas:</b> Ist in Ihren Augen die Abgabe der Krankenhäuser<br />
und Kliniken an private Investoren in Bezug auf die Qualität<br />
des Gesundheitssystems richtig?
</p>
<p>
<b>Applebeacher:</b> Sind Medizin und Ökonomie eigentlich<br />
miteinander vereinbar?
</p>
<p>
<b>Ellis Huber:</b> Ökonomie ist die Wissenschaft<br />
vom Umgang mit knappen Ressourcen. Das heutige Gesundheitswesen<br />
ist als System fehlgesteuert. 30 bis 40 Prozent der Mittel fließen<br />
in Overheadkosten und sind unter den Vorgaben eines modernen Managements<br />
Ressourcenvergeudung. Für eine Arztpraxis oder einen Krankenhausträger<br />
ist es aufgrund der ökonomischen Anreize betriebswirtschaftlich<br />
lukrativ, möglichst viel Aktionismus zu entfalten.<br />
Der wirtschaftliche Erfolg von Orthopäden, die Gelenke spiegeln<br />
oder spülen und Knorpelscheiben schmirgeln, führt zum<br />
ökonomischen Kollaps im Gesamtsystem. Die Krankheit einer Krebszellenökonomie<br />
lässt sich nur überwinden, wenn künftig alle Beteiligten<br />
zielorientiert und mit dem festen Willen, vernünftig mit den<br />
Ressourcen umzugehen, zusammenarbeiten.
</p>
<p>
Es macht Sinn, Gesundheitsversorgung als Non-Profit-Wirtschaft<br />
zu gestalten und die Ausbeutung von individuellem Leid durch die<br />
Profitinteressen von Pharmaaktionären zu begrenzen. Ich kenne<br />
viele private Klinikbetreiber, die sozial verantwortlich tätig<br />
sind, und welche, die schamlos abkassieren. Ich kenne viele öffentliche<br />
Häuser, die gute Arbeit leisten und andere, die ein schlechtes<br />
Management abliefern. Entscheidend ist nicht privat oder öffentlich,<br />
entscheidend ist sozial verantwortliches und professionelles Management,<br />
um aus jeweils knappen Ressourcen jeweils beste Ergebnisse zu schöpfen.<br />
Also gute Ökonomie für die Gesundheit der Bevölkerung
</p>
<p>
<b>Habers:</b> Sind die Pharmakonzerne in Deutschland<br />
zu mächtig?
</p>
<p>
<b>Mathias78:</b> Besteht aus Ihrer Sicht eine reale<br />
Chance, den Lobbyismus der Ärzte, Krankenhäuser und der<br />
Pharmaindustrie mit ihren jeweiligen Interessen zu überwinden<br />
und eine ganzheitliche Versorgungsstruktur in Deutschland aufzubauen?
</p>
<p>
<b>Ellis Huber:</b> Ganz eindeutig ja. Die Ärzte<br />
sind nicht einheitlich in ihrem Selbstverständnis.<br />
Es gibt ganz wunderbare Mediziner, die sehr einfühlsam und<br />
mit hoher sozialer Verantwortung tätig werden. Und es gibt<br />
gewissenlose Zyniker, die sinnlose Medizin betreiben, weil es ihrem<br />
Einkommen nützt. Die Pharmaindustrie ist ein kleiner Zuliefersektor<br />
in der Größenordnung von 15 Prozent des Gesamtumsatzes<br />
für die Gesundheitsversorgung. Ärztinnen und Ärzte<br />
steuern mit ihren Entscheidungen 80 bis 90 Prozent des Mitteleinsatzes.<br />
Vor diesem Hintergrund ist die Bedeutung der Pharmaindustrie für<br />
die Prozesse der Gesundheitsversorgung einzuordnen wie die Bremsbelagproduzenten<br />
oder Autositzhersteller für die Prozesse in der Automobilindustrie.
</p>
<p>
Das Problem liegt darin begründet, dass Ärztinnen und<br />
Ärzte nicht selbstbewusst und konsequent ihre Macht nutzen<br />
und nach wie vor zu sehr ihr Denken und Handeln von Pharmainteressen<br />
manipulieren lassen. Ich sehe nun, dass immer mehr Ärztinnen<br />
und Ärzte sich emanzipieren und eine ganzheitliche Medizin<br />
anstreben, die individuelle und soziale Gesundheit erreichen lässt.<br />
Der Gesetzgeber hat Netzwerken von Ärzten und Krankenkassen<br />
inzwischen die Freiheit gegeben, für große Bevölkerungsgruppen<br />
vernünftige Versorgung zu organisieren. Wir werden in den nächsten<br />
Jahren eine dynamische Entwicklung erleben und die Macht der Pharmaindustrie<br />
wird sinken.<br />
Das Arzneimittel in der Kommunikationsgesellschaft heißt Bildung.<br />
Die Selbstheilungskräfte sind meist wirksamer als gängige<br />
Tabletten. Wenn Mentaltrainer zum Erfolg der Fußballnationalmannschaft<br />
beitragen, sollte die Wirkung mentaler Kräfte endlich auch<br />
im Gesundheitswesen akzeptiert werden. Die Bedeutung von emotionalen,<br />
geistigen und sozialen Einflüssen für die individuelle<br />
Gesundheit wird unterschätzt und die Bedeutung von chemischen<br />
Stoffen gewaltig überschätzt.
</p>
<p>
<b>Leif Michelsen:</b> Sehr geehrter Herr Huber! Ich<br />
studiere Medizin im vierten Semester. Muss ich mich bis zu meinem<br />
Berufsstart auf starke weitere Einschränkungen einstellen &#8211;<br />
oder sehen Sie eine Besserung der Arbeitsbedingungen für Mediziner<br />
in Deutschland?
</p>
<p>
<b>Ellis Huber:</b> Also, Mediziner, die experimentierfreudig<br />
sind und das Herz auf dem rechten Fleck haben, besitzen hervorragende<br />
Zukunftsperspektiven. Wir brauchen viel mehr Ärzte mit sozialer<br />
und kommunikativer Kompetenz und weniger Mediziningenieure, die<br />
am Räderwerk der Körper reparieren wollen.
</p>
<p>
<b>Klaus Kraus:</b> Krankenhausärzte beschweren<br />
sich häufig über die langen Arbeitszeiten und die schwierigen<br />
Arbeitsbedingungen. Sind die Bedingungen in den deutschen Krankenhäusern<br />
wirklich so schlecht? Wie könnte man das ändern?
</p>
<p>
<b>Ellis Huber:</b> Die Bedingungen sind gegenwärtig<br />
ziemlich beschissen. Ärztinnen und Ärzte werden ausgebeutet,<br />
ihre Fremdbestimmung durch Bürokratie ist stark ausgeprägt.<br />
Es gibt aber Beispiele, die beweisen, dass es auch anders geht.<br />
Das ist unabhängig von privaten oder öffentlichen Trägerschaften.<br />
Ein typisch deutsches Problem ist das Chefarztsystem mit steilen<br />
Hierarchien<br />
In anderen Ländern gibt es die Kultur von Teamarbeit und Gemeinschaftlichkeit<br />
und das ist für alle Beteiligten viel gesünder. Selbstgerechte<br />
Patriarchen und Standesfürsten sind eine Gefahr für die<br />
Gesundheit von Belegschaften. Teamfähige Chefs mit sozialer<br />
Empathie und bescheidener Machtausübung sind ein Gewinn und<br />
sie fördern die Gesundheit.
</p>
<p>
<b>Ulla2000:</b> Ulla Schmidt stellt bessere Honorare<br />
für Ärzte in Aussicht &#8211; lassen sich damit die Probleme<br />
lösen, die von den Ärzten bemängelt werden?
</p>
<p>
<b>Ellis Huber:</b> Es ist genügend da, um Ärzte<br />
für gute Leistungen fürstlich zu honorieren. Ich bin dafür,<br />
dass gute Ärzte zwischen 150 bis 200.000 Euro pro Jahr vor<br />
Steuer erhalten. Das geht aber nicht mit dem jetzigen Honorarsystem<br />
mit seinen Punktwerten, das die ärztliche Gesamtleistung in<br />
einzelne Verrichtungen zerlegt und wie ein Fließbandsystem<br />
die wirkliche Leistung aufspaltet. Wir brauchen Zeithonorare und<br />
eine vernünftige Bewertung der Versorgungsergebnisse und müssen<br />
die Ressourcenvergeudung beenden. Dann verdienen Ärzte wieder<br />
zufriedenstellend.
</p>
<p>
<b>hubert54:</b> Aber wie sollen gute Leistungen bei<br />
24-Stunden-Schichten erzielt werden? Ist das gesund?
</p>
<p>
<b>Ellis Huber:</b> 24-Stunden-Schichten sind nicht akzeptabel<br />
und auch völlig überflüssig, wenn wir die Geldmittel<br />
im Gesundheitswesen in die Personen von Ärzten und Schwestern<br />
investieren und weniger in sinnentleerte apparative Aufwendungen.<br />
Herzkatheder sind ein vernünftiges Instrument,<br />
wenn Herzgefäße verstopft sind. Sie sind nicht vernünftig,<br />
wenn man gegen das Herzeleid von einsamen alten Menschen mit diesen<br />
medizinischen Methoden ankämpft.
</p>
<p>
<b>Elvis Luder:</b> Sie beklagen die Zunahme von Bürokratie<br />
im Gesundheitswesen ohne zu erwähnen, dass durch die von Ihnen<br />
propagierten Netzwerke und integrierten Versorgungssysteme die Bürokratie<br />
und die auch aus Datenschutzgründen bedenkliche Datensammelei<br />
über Patienten nie dagewesene Ausmaße erreicht hat. Insofern<br />
halte ich Ihre mitleidigen Aussagen über Bürokratie und<br />
Überlastung für reichlich unehrlich.
</p>
<p>
<b>Ellis Huber:</b> Meine Netze und meine Versorgungskonzepte<br />
verschlanken die Overheadkosten und produzieren keine Bürokratie.<br />
Die jetzigen Programme für chronisch Kranke, also das so genannte.<br />
Disease-Management-Programm, produzieren eine überbordende<br />
Bürokratie. Das ist nicht mein Konzept.
</p>
<p>
<b>Privatpatient:</b> Ärztekammerpräsident<br />
Hoppe sieht eine Kampagne gegen Mediziner, weil pünktlich zum<br />
Ärztetag eine Studie über das Fehlverhalten von Ärzten<br />
herausgekommen ist. Sind das wirklich alles Einzelfälle, wie<br />
Hoppe meint, oder ist die Kritik berechtigt?
</p>
<p>
<b>Ellis Huber:</b> Betrügereien und Schwindeleien<br />
bei Ärzten sind in der Größenordnung wie das Schwarzfahren<br />
in der Bevölkerung einzuordnen. Also kein generelles Problem.<br />
Ich nehme allerdings wahr, dass die BILD-Zeitung seit einigen Tagen<br />
Missstände und Fehler im Gesundheitswesen anprangert. Hoppe<br />
beklagt sich nicht über diese Kampagne der BILD-Zeitung. Für<br />
mich waren die Berichte in BILD immer eine Art Röntgenbild<br />
der Volksseele. Sie spiegeln Ängste, Hoffnungen und Erwartungen<br />
der Menschen wider. Wenn die BILD-Zeitung auf ihrer Titelseite mit<br />
Ärzteschelte aufmacht, ist etwas faul in der Ärzteschaft.<br />
Es wäre vernünftig, dass Ärzte die Probleme sehen<br />
und die Standesfunktionäre an ihrer Lösung konstruktiv<br />
mitarbeiten. Eine durchaus tapfere Gesundheitsministerin zu beschimpfen,<br />
löst kein Problem. Ich erlebe Frau Schmidt als kooperationsfähig<br />
und veränderungswillig.
</p>
<p>
<b>erdwuermchen:</b> Wie erkennt man denn heutzutage<br />
einen guten Arzt, der das verschreibt, was nötig ist, und der<br />
sich nicht mit zusätzlichen Untersuchungen die Taschen vollstopft?
</p>
<p>
<b>Ellis Huber:</b> Dass diese Frage gestellt werden<br />
muss, zeigt doch, dass die Transparenz im Gesundheitswesen zu wünschen<br />
übrig lässt. Ich wünsche mir Ärzte, die ihre<br />
Patienten immer so behandeln, wie sie in gleicher Lage auch behandelt<br />
werden wollten, und Ärzte, die ihre Patienten als ganze Menschen<br />
annehmen, körperliche, seelische und soziale Faktoren respektieren<br />
und auch die Bedeutung des spirituellen Lebens nachempfinden können.<br />
Es geht also um gute Beziehungen. Und gute Beziehungen zu finden,<br />
ist eine Angelegenheit des Gefühls. Mit relativ großer<br />
Sicherheit erkennt man gute Ärzte daran, dass man oder frau<br />
sich bei ihnen aufgehoben fühlt und ernst genommen. Also, gute<br />
Ärzte findet man wie gute Lebenspartner.
</p>
<p>
<b>Marc Hauschild:</b> Liebe kollegiale Grüße<br />
aus Schweden. Ich bin Arzt und 2003 aus Deutschland „vertrieben“<br />
worden. Wie lange kann sich Deutschland so einen Luxus eigentlich<br />
noch leisten?
</p>
<p>
<b>Gersig:</b> Welche Maßnahmen müssen Ihrer<br />
Meinung nach unternommen werden, um ein Abwandern von jungen Ärzten<br />
ins Ausland zu verhindern?
</p>
<p>
<b>Ellis Huber:</b> Die vertriebenen Ärzte aus Deutschland<br />
lernen in fernen Ländern kennen, dass es auch anders und besser<br />
geht. Diese Erfahrung aus England, Schweden, Norwegen &#8211; aber auch<br />
aus Sri Lanka oder Ghana &#8211; die Kenntnis von Ärzten der Bedingungen<br />
unterschiedlicher Gesundheitssysteme sind ein produktiver Schatz,<br />
den wir in Deutschland wirklich brauchen.<br />
Mit Ihrer Erfahrung lässt sich aus dem deutschen Gesundheitswesen<br />
ein Besseres entwickeln.<br />
Und ich bin mir ziemlich sicher, dass in fünf bis zehn Jahren<br />
diese Vertreibungskultur von einer<br />
Wiedereingliederungskultur abgelöst wird.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Was macht Sie da so sicher?
</p>
<p>
<b>Ellis Huber:</b> Ich kenne viele junge Ärztinnen<br />
und Ärzte, weiß um ihre Sehnsucht nach einer guten Heilkunst,<br />
ihre Leistungsbereitschaft und ihre Einsatzfreude. Ich weiß<br />
auch, dass die Ökonomen meinen, im sechsten Kontratieff (eine<br />
Theorie zur zyklischen Entwicklung der Wirtschaft mit Tiefen und<br />
Höhen, Anm. der Redaktion) wird psychosoziale Gesundheit zum<br />
Motor für wirtschaftliche wie gesellschaftliche Entwicklung.<br />
Im globalen Wettbewerb der Volkswirtschaften ist das Land besonders<br />
erfolgreich, das ein gutes Gesundheitssystem bereitstellt. Ich glaube,<br />
dass Deutschland erfolgreich sein will. Und ich sehe mehr Optimisten<br />
im Lande als Pessimisten.
</p>
<p>
<b>moest:</b> Was sagen sie zu dem Problem, dass viele<br />
Patienten zum Arzt gehen, obwohl sie „nur“ eine Erkältung<br />
haben, und immer gleich Medikamente erwarten. Gerade mit dieser<br />
Erwartungshaltung machen die Leute das System doch unnötig<br />
teuer.
</p>
<p>
<b>Ellis Huber:</b> Das ist die alte Frage nach der Henne<br />
und dem Ei. Die ökonomischen Anreize für Medizin in Deutschland<br />
führen zu häufigen Arzt-Patient-Kontakten. Viele Lobbyisten<br />
im Gesundheitswesen machen der Bevölkerung Angst. Die Landkarten<br />
der Pharmaindustrie zur Zeckenbissgefahr in Deutschland zeigen viel<br />
größere Gebiete als die Landkarten des Robert-Koch-Instituts.<br />
Ein gutes Gesundheitssystem sorgt dafür, dass die Menschen<br />
nicht immer zum Arzt rennen, indem es ihnen Angst nimmt und die<br />
Sicherheit gibt, die Probleme des Lebens selber meistern zu können.<br />
Ich beschimpfe nicht die Bevölkerung, sondern will das System<br />
verändern und dafür sorgen, dass künftig weniger<br />
Arztbesuche stattfinden. Normale Menschen wollen gar nicht zum Arzt<br />
oder ins Krankenhaus.
</p>
<p>
<b>hubert54:</b> Sehr geehrter Herr Huber, hier in Hamburg<br />
ist die Situation bei Allgemeinärzten inzwischen folgende:<br />
Als Privatpatient erwartet mich ein besserer Service, der sich mit<br />
kürzeren Wartezeiten und sogar einem separatem Wartezimmer<br />
bemerkbar macht. Während Kassenpatienten in kleineren und auch<br />
schlechter eingerichteten Räumen länger warten müssen,<br />
bekomme ich vom Personal Getränke serviert. Wie soll es weitergehen?
</p>
<p>
<b>Ellis Huber:</b> Das ist Teil der Realität. Und<br />
das ist auch der Grund dafür, dass die Kampagnen der BILD-Zeitung<br />
in der Bevölkerung ankommen. Ich schäme mich für<br />
diese Ignoranz vieler Ärztinnen und Ärzte. Wir müssen<br />
das System der gesetzlichen Krankenkassen und der allgemeinen Versorgung<br />
gründlich reformieren und die bereits beschriebene Ressourcenvergeudung<br />
beenden. Also, gutes Geld für gute Ärzte ist dann bereitzustellen,<br />
wenn wir mit fragwürdiger Medizin und Pharmakotherapie für<br />
zu viele Bürgerinnen und Bürger aufhören. Die Aufspaltung<br />
in der Bevölkerung in 90 Prozent gesetzlich Versicherte und<br />
zehn Prozent Privatpatienten ist ein deutscher Sonderweg, der nicht<br />
gut tut. In der Schweiz gibt es eine Pflichtversicherung für<br />
alle Bürgerinnen und Bürger und Wahlmöglichkeiten<br />
für individuelle Luxusbedürfnisse. Eine allgemeine solidarische<br />
Finanzierung mit gleichen Rechten und Pflichten für alle ist<br />
in allen europäischen Ländern üblich. Ich würde<br />
privat Krankenversicherte und gesetzlich Versicherte in Deutschland<br />
rechtlich gleichstellen und eine Regelversorgung für alle politisch<br />
durchsetzen.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> So, die Zeit ist gleich um. Leider<br />
konnten sehr viele Fragen nicht gestellt werden, es waren einfach<br />
zu viele. Zeit für eine allerletzte Frage:
</p>
<p>
<b>back2hell:</b> Was halten sie von der neuen Gesundheitskarte?
</p>
<p>
<b>Ellis Huber:</b> Die neue Gesundheitskarte ist eine<br />
teure Spielerei. Was wir brauchen, sind elektronische Gesundheitsakten<br />
in der Verfügungsgewalt der Bürgerinnen und Bürger.<br />
Ich warne vor einer Dämonisierung der Karte. Die Karte ist<br />
aus meiner Sicht ein nützliches Instrument, ihr Missbrauch<br />
ist denkbar, aber eher eine Frage der Macht im System. Ich glaube<br />
nicht, dass wir den Mord mit dem Hammer durch ein Verbot des Hammers<br />
bekämpfen können. Denn dieses Werkzeug ist nützlich,<br />
wenn man es verantwortlich und verlässlich einsetzt. Die moderne<br />
Informationstechnologie ist nützlich und hilfreich für<br />
die Entwicklung einer verlässlichen Heilkunde. Wenn sie im<br />
Interesse der Bevölkerung &#8211; nicht im Interesse einzelner Profiteure<br />
&#8211; gebraucht wird. Also, es geht nicht um die Karte, sondern um die<br />
Machtausübung im System.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Das waren 60 Minuten tagesschau-Chat<br />
bei tagesschau.de und politik-digital.de. Vielen Dank Herr Huber,<br />
dass Sie sich Zeit genommen haben. Das Protokoll des Chats ist wie<br />
immer in Kürze zum Nachlesen auf den Seiten von tagesschau.de<br />
und politik-digital.de zu finden. Das tagesschau-Chat-Team dankt<br />
allen Teilnehmern für Ihr Interesse und die zahlreichen Fragen<br />
und wünscht noch einen angenehmen Tag.
</p>
<p>
<b>Ellis Huber:</b> Ich danke auch für die Gelegenheit,<br />
in Austausch zu kommen mit allen da draußen.</p>
]]></content:encoded>
					
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		<title>&#8220;Jeder Bürger hat die Pflicht, sich zu versichern&#8221;</title>
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		<pubDate>Wed, 05 Apr 2006 23:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Chattranscripte]]></category>
		<category><![CDATA[FDP]]></category>
		<category><![CDATA[Gesundheitspolitik]]></category>
		<category><![CDATA[Gesundheitssystem]]></category>
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					<description><![CDATA[<p class="fett">
Am Donnerstag, den 6. April, war 
Konrad Schily, MdB der FDP zu Gast im tagesschau-Chat <span style="font-size: x-small">in 
Kooperation mit politik-digital.de.</span> Er beantwortete Fragen 
zu den Reformvorschlägen der FDP zum Gesundheitssystem.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p class="fett">
Am Donnerstag, den 6. April, war<br />
Konrad Schily, MdB der FDP zu Gast im tagesschau-Chat <span style="font-size: x-small">in<br />
Kooperation mit politik-digital.de.</span> Er beantwortete Fragen<br />
zu den Reformvorschlägen der FDP zum Gesundheitssystem.<!--break-->
</p>
<p>
<span class="fett">Moderator:</span> Liebe Politik-Interessierte,<br />
herzlich willkommen zum tagesschau-Chat. Im ARD-Hauptstadtstudio<br />
erwartet jetzt Konrad Schily Ihre Fragen. Vielen Dank Herr Schily,<br />
dass Sie zu uns gekommen sind. Konrad Schily sitzt für die<br />
FDP im Gesundheitsausschuss des Bundestags, ist Arzt und Mitbegründer<br />
der privaten Universität Witten/Herdecke – geballte Kompetenz<br />
also in Sachen Bildung, Gesundheitswesen und Situation der Ärzte.<br />
Wie immer gibt es keine feste Reihenfolge, Sie können Ihre<br />
Fragen jederzeit stellen, es geht nichts verloren. Wenn Sie sich<br />
auf eine Antwort von Herrn Schily beziehen am besten das in der<br />
Frage vermerken, damit wir wissen, worum es geht. Die erste Frage:
</p>
<p>
<b>Gesund:</b> Können Sie einem Abiturienten noch<br />
ohne ein schlechtes Gewissen raten, Medizin zu studieren?
</p>
<p>
<b>Konrad Schily</b>: Uneingeschränkt ja. Arztsein<br />
ist ein wunderbarer Beruf, wo immer man ihn auch ausführt.<br />
Und die wirtschaftlichen Verhältnisse können sich ja auch<br />
wieder verbessern.
</p>
<p>
<b>Klassenkampf:</b> Hallo Herr Schily. Inwiefern unterstützen<br />
Sie die Haltung der streikenden Ärzte?
</p>
<p>
<b>Konrad Schily:</b> Ich wiederhole noch einmal einige<br />
Argumente: die Ärzte leiden nicht nur unter einem Lohnverzicht<br />
in den letzten Jahren. Sie leiden unter einer überbordenden<br />
Bürokratie und wer einmal schon viele sinnlose Zettel ausgefüllt<br />
hat, weiß wie demotivierend das ist. Und sie leiden unter<br />
einer Arbeitsfülle, es wird von keinem Berufsstand erwartet<br />
über 24 Stunden oder mehr einen hochpräzisen Einsatz zu<br />
fahren.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> In Sachen Bürokratie: Da ist ja<br />
viel Kontrolle der Ärzte durch die Krankenkassen. Muss das<br />
nicht in Zeiten knapper Finanzen sein?
</p>
<p>
<b>Konrad Schily:</b> Man kann &#8211; das weiß die Industrie<br />
&#8211; Firmen auch mit Controlling umbringen. Dadurch, dass wir es im<br />
Wesentlichen mit den gesetzlichen Krankenkassen zu tun haben, muss<br />
alles eine verwaltungsrechtliche Begründung haben. Es ist eben<br />
ein bürokratisches System und Bürokratien sind nicht flexibel,<br />
was ich in der Situation dem Kranken gegenüber nun mal sein<br />
muss. Also knappe Kassen heißt: flexibel werden, d.h. auf<br />
den Einzelnen vertrauen und die Bürokratie abbauen.
</p>
<p>
<b>sabine_56:</b> Welche Verbesserungen bei der Ärzteausbildung<br />
wären wünschenswert?
</p>
<p>
<b>Konrad Schily:</b> Mehr Praxisorientierung. Die Universität<br />
Witten/Herdecke schickt ihre Studierenden bereits im 1. Semester<br />
in die Praxen von niedergelassenen Ärzten. Hier lernen sie<br />
die Wirklichkeit kennen. Ein Knie kommt ja nicht allein zum Arzt,<br />
es hängt immer ein ganzer Mensch daran. Und an diesem eine<br />
soziale Situation, Familie oder was auch immer. Nur jeder tausendste<br />
Patient kommt in ein Uni-Krankenhaus. Bei diesem Patienten lerne<br />
ich also nur einen kleinen Ausschnitt aus der medizinischen Wirklichkeit.<br />
Das wäre der Aspekt der Praxis, den man mit einem Schlagwort<br />
charakterisieren kann: Gestuft zu immer umfassenderen Hilfeleistung<br />
befähigen. Das zweite ist, möglichst wenig Verschulung<br />
des Studiums, möglichst viel selbstbestimmtes Lernen. Das dürfte<br />
die beste Voraussetzung zu sein, um sich später als Arzt fortzubilden<br />
oder für das lebenslange Lernen.
</p>
<p>
<b>Ottfried:</b> Wenn sie sagen, dass gesetzliche Krankenversicherungen<br />
bürokratische Systeme sind, welche die notwendige Flexibilität<br />
nicht aufweisen können, welche erforderlich ist, plädieren<br />
Sie also für eine Abschaffung der gesetzlichen Krankenversicherung?
</p>
<p>
<b>Konrad Schily:</b> Dass das System jetzt in der Krise<br />
ist, ist unzweifelhaft. Das gegenwärtige System ist etwas mehr<br />
als 120 Jahre alt und wurde für die entwickelt, die entweder<br />
aus finanziellen oder anderen Gründen keine eigene Vorsorge<br />
treffen konnten. Dieses System haben wir auf 90 Prozent der Bevölkerung<br />
ausgedehnt. Ich meine, wir sollten 80 &#8211; 90 Prozent der Bevölkerung<br />
wieder in den Stand versetzen, eigene Vorsorge zu treffen. Auch<br />
kleinere Versicherungsgemeinschaften können sich dann am Markt<br />
bewegen und das wichtige ist: Es entstehen Preise für die Versicherungsleistungen.<br />
Kleine Versichertengemeinschaften sind oft viel wirtschaftlicher,<br />
weil sie die große Bürokratie nicht brauchen. Das Schlagwort<br />
der FDP ist Abschaffung der Zwangsversicherung, aber jeder Bürger<br />
hat die Pflicht, sich zu versichern.
</p>
<p>
<b>Dosenfutter:</b> Offensichtlich spaltet sich die deutsche<br />
Gesellschaft in die Gebildeten und die Ungebildeten. Folgt man Ihrer<br />
Argumentation, können sich die Gebildeten im Wettbewerb die<br />
besten Angebote heraussuchen. Die Ungebildeten im Niedriglohnsektor<br />
aber nicht. Wie fangen Sie diese auf?
</p>
<p>
<b>Konrad Schily:</b> Ich glaube, dass auch viele sehr<br />
Gebildete im unteren Lohn- oder Einkommensniveau sind. Leider war<br />
das schon immer so. Diejenigen, die den unteren Lohnsektoren angehören,<br />
treffen jeden Tag viele Entscheidungen über Miete, Wohnung<br />
und anderes. Warum will ich ihnen die Entscheidung darüber,<br />
welcher Versichertengemeinschaft sie sich anschließen sollen,<br />
nehmen? Diese können auch wie die so genannten Gebildeten durch<br />
Beratung unterstützt werden.
</p>
<p>
<b>Moderator</b>: Nachfrage vom gleichen User:
</p>
<p>
<b>Dosenfutter:</b> Also mal klar formuliert: die Abschaffung<br />
des Sozialsystems?
</p>
<p>
<b>Konrad Schily:</b> Das ist der häufigste Vorwurf.<br />
Die Befürworter der gesetzlichen Krankenversicherung, wie sie<br />
jetzt ist, wollen diese auf 100 Prozent der Bevölkerung ausdehnen.<br />
Damit würden wir eine staatliche Gesundheitsbürokratie<br />
haben. Es ist die Täuschung, dass Bürokratie sozial sei.<br />
Der ursprüngliche Gedanke einer Versichertengemeinschaft ist<br />
die Abfederung des Risikos des Einzelnen durch die anderen. Also<br />
die Gesunden sollen über ihre Gesundheit glücklich sein,<br />
auch dann wenn sie wissen, dass sie die Kosten der Kranken zahlen.<br />
Dies ist die eigentliche Idee der Versicherung.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Fanpost:
</p>
<p>
<b>Otto Konrad:</b> Natürlich geht es um die Abschaffung<br />
des bestehenden Sozialsystems, Herr Schily. Und das ist ja auch<br />
gut so. Also ruhig etwas offensiver!
</p>
<p>
<b>Journalist:</b> Wie wollen sie die Qualität im<br />
System garantieren, ich höre immer von der FDP, dass man die<br />
Kosten senken will!
</p>
<p>
<b>Konrad Schily:</b> Um die Kostensenkung geht es ja<br />
allen. Zurzeit geht es allerdings um Einnahmenerhöhung. Ein<br />
System kann nur immer etwas weniger von dem zurückgeben, was<br />
es einnimmt. Je größer die Bürokratien sind oder<br />
je höher die Verwaltungskosten, desto weniger wird zurückgegeben<br />
und so unübersichtlicher werden die Preise. Die überschaubare<br />
Organisation kann da viel wirtschaftlicher arbeiten, das beweisen<br />
viele Betriebskrankenkassen.
</p>
<p>
<b>Ottfried:</b> Aber ist es sozial, wenn sich die Gruppen,<br />
die geringere Risiken zu tragen haben, zu Gemeinschaften zusammenschließen,<br />
also wenig zahlen müssen? Die teuren Risikofaktoren werden<br />
dann natürlich nicht angenommen und müssen sich dann zu<br />
kostenintensiven Gemeinschaften zusammenschließen.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Ergänzend: Wo liegt die Berechtigung,<br />
dass sich Besserverdienende Privat versichern dürfen?
</p>
<p>
<b>Konrad Schily:</b> Da liegt überhaupt keine Berechtigung.<br />
Dadurch, dass die Systeme immer teurer wurden, hat man immer wieder<br />
neues Geld gesucht und hat deshalb die Versicherungspflichtgrenze<br />
ständig angehoben. Jetzt sind halt nur noch die 10 Prozent<br />
übrig. Im unteren Bereich der Einkommen haben die gesetzlichen<br />
Krankenversicherungen das Monopol. Eine private Krankenversicherung<br />
darf auf diesem Markt gar nicht konkurrieren. Damit schließen<br />
wir meines Erachtens das Finden einer möglichen besseren Lösung<br />
aus. Bei Öffnung der Märkte muss man natürlich dem<br />
so genannten Kontrahierungszwang einführen, d.h. die Krankenkasse<br />
darf nicht nur die &quot;Rosinen picken&quot;. Aber jede Versichertengemeinschaft<br />
geht sowieso immer von einer Mischkalkulation aus. Die Risikoverteilung<br />
gibt es auch bei den gegenwärtigen Krankenkassen. Ich sagte<br />
schon, dass dort etwa 50 Prozent Beamte versichert sind, auch aus<br />
niedrigsten Lohngruppen. Auch hier gibt es Großschadensfälle,<br />
wie man das versicherungstechnisch nennt.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> In den Niederlanden sind gesetzliche<br />
und private Kassen praktisch gleichgestellt. Ist das für Sie<br />
ein Modell? Bzw:
</p>
<p>
<b>Journalist:</b> Es ist keine Schande von anderen Ländern<br />
ab zugucken. Was wäre für Sie in Sachen Gesundheit ein<br />
Vorbild für Deutschland?
</p>
<p>
<b>Konrad Schily:</b> Ein wirklich übertragbares<br />
Modell kenne ich nicht, aber das mag auch an meiner Unbildung liegen.<br />
Beim holländischen System würde ich empfehlen, abzuwarten.<br />
Es ist zu neu, als dass man abschließend etwas sagen könnte.<br />
Auch fände ich es schön, wenn die Deutschen etwas entwickeln<br />
könnten, woran andere Länder sich orientieren könnten.
</p>
<p>
<b>Ausrufezeichen:</b> Betriebskrankenkassen sind doch<br />
nur deshalb so billig, weil sie viele junge Leute mit niedrigen<br />
Beiträgen locken. Und warum konkret sollen große Bürokratien<br />
ineffizient sein? Wenn es viele kleine gibt, wird doch nur vieles<br />
doppelt gemacht.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Einige Experten behaupten, die Verwaltungskosten<br />
bei den Privaten seien wesentlich höher als bei den Gesetzlichen.
</p>
<p>
<b>Konrad Schily:</b> Es wird wahnsinnig viel behauptet<br />
und viel Staub aufgewirbelt. Denn schließlich stehen hohe<br />
Summen Geld und damit Interessen auf dem Spiel. In einer kleineren<br />
Versichertengemeinschaft kennt man die Einzelfälle und kann<br />
direkt entscheiden. Je größer die Systeme, desto größer<br />
die Versuchung, etwas &quot;mitzunehmen&quot;, d.h. bestimmte Rechte<br />
auszunutzen. Damit müssen Instanzen geschafft werden, die diese<br />
Missstände beseitigen sollen und so fügt sich Instanz<br />
um Instanz hinzu. Die heutigen Betriebskassen versichern nicht nur<br />
junge Gesunde, sondern eine ganze Belegschaft, auch die Ausgeschiedenen.<br />
Und damit haben sie wieder eine Normalverteilung der Risiken.
</p>
<p>
<b>Walser:</b> Wie stehen Sie dazu, die Pharmaindustrie<br />
stärker als bisher in die Pflicht zu nehmen?
</p>
<p>
<b>Konrad Schily:</b> Ich weiß nicht genau, wie<br />
die Frage gemeint ist. Die Pharmaindustrie hat das Interesse, Geld<br />
zu verdienen und dies eben mit Heilmitteln oder Hilfsmitteln. Inwieweit<br />
die Pharmaindustrie gerade in solchen riesigen Systemen, wie wir<br />
sie haben, Preise durchsetzen können, wie es ihnen unter mehr<br />
wettbewerblichen Bedingungen nicht möglich wäre, ist einer<br />
der Streitpunkte. Das jetzt von der Koalition verabschiedete Arzneimittelverordnungs-Wirtschaftlichkeitsgesetz<br />
ist nicht nur als Wort ein Ungetüm, sondern es belastet den<br />
Arzt genau mit diesen Fragen. Und dies wieder in einer ganz hoch<br />
komplexen Art. Meines Erachtens wird dies nicht zur Kostenreduktion<br />
führen, auch nicht der Arzneimittel, sondern insgesamt ein<br />
Kostentreiber bleiben. Dazu kommt, dass die Regierungskoalition<br />
damit hofft, die Kosten für Arzneimittel um etwa eine Milliarde<br />
zu senken. Aber gleichzeitig durch die Erhöhung der Umsatzsteuer<br />
ab 2007 eine bereits jetzt berechenbare Verteuerung in diesem Bereich<br />
um 700 bis 800 Millionen bewirkt.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Vorschlag von:
</p>
<p>
<b>Madmud:</b> Warum sollte die Pharmaindustrie nicht<br />
wie Ärzte auch mit Punkten bezahlt werden und dann entsprechend<br />
ein halbes Jahr später erst Geld bekommen &#8211; so könnte<br />
man die Pharmaausgaben effektiv deckeln.
</p>
<p>
<b>Konrad Schily:</b> Schöner Vorschlag. Wenn sie<br />
die Situation der Ärzte aber auf die Pharmaindustrie übertragen<br />
wollen, müssen sie ein Stück weiter gehen. Die Ärzte<br />
wissen, dass sie später bezahlt werden. Sie wissen aber nicht,<br />
zu welchem Preis und ob zumindest zu einem Teil ihrer Leistungen<br />
eine Zahlung erfolgt. Jedes Pharmaunternehmen wird ihnen dann sagen:<br />
unter diesen Umständen kann ich nicht produzieren oder liefern.<br />
Insgesamt beleuchtet ihr Vorschlag aber sehr gut die Situation.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Wenn der Wettbewerb so förderlich<br />
ist, würde sich aber doch bestimmt jemand finden, der es so<br />
billig macht oder nicht? In Deutschland kosten schließlich<br />
einige Medikamente deutlich mehr als in anderen Ländern?
</p>
<p>
<b>Konrad Schily:</b> Dieses Argument wird immer wiederholt<br />
und es trifft für sehr wenige Medikamente zu. Es sind ganz<br />
andere Faktoren, die hier preistreibend sind. Natürlich sucht<br />
ein Pharmaunternehmen einen hohen Umsatz zu einem günstigen<br />
Preis. Es wird sich also um Krankheiten kümmern, die weit verbreitet<br />
sind. Wir alle kennen Fälle, wo Medikamente weltweit gepusht<br />
wurden, wo ein Verdrängungswettbewerb stattfand, was sicher<br />
nicht zu einer Kostenreduktion beigetragen hat.
</p>
<p>
<b>jo_2:</b> Hallo Zusammen! Eine weit in die Zukunft<br />
gerichtete Frage: Werden uns die immer neuen Möglichkeiten<br />
der Medizin nicht automatisch eine Kostenexplosion erzeugen, wenn<br />
wir nicht ab einer Altersgrenze die Versorgungen abbauen?
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Drastischer formuliert:
</p>
<p>
<b>Mhh: </b>Sind sie auch dafür, künstliche<br />
Gelenke u.ä. ab einem gewissen Alter nicht mehr oder nur auf<br />
eigene Kosten einzusetzen?
</p>
<p>
<b>Konrad Schily:</b> Ich denke, das ist nicht notwendig.<br />
Wir haben in den letzten hundert Jahren, eigentlich auch schon länger,<br />
eine gigantische technische Entwicklung hinter uns. Vor 120 Jahren<br />
lebten noch 30 Prozent unserer Bevölkerung vom Landbau. Wenn<br />
wir heute ein Auto kaufen, kaufen wir zu einem eigentlich immer<br />
noch geringen Preis um ein vielfaches mehr Auto als vor vielen Jahren.<br />
In der Medizin ist es wie in vielen anderen technischen Bereiche<br />
auch: Geräte können immer billiger werden. Auch der heutige<br />
Computertomograph ist um ein vielfaches leistungsfähiger als<br />
die ersten Prototypen und erheblich billiger. Insgesamt ist unsere<br />
Gesellschaft sehr viel wohlhabender geworden und wir alle werden<br />
älter und bleiben dabei jünger. Deswegen sind die Altersgrenzen<br />
kein Ausschlusskriterium für eine Behandlung, sofern diese<br />
eine Lebensqualität für weitere Lebensjahre ermöglicht.<br />
Also eine Prothese kann dazu führen, dass ich nicht gepflegt<br />
werden muss. Dies ist kostengünstiger und humaner.
</p>
<p>
<b>Otto Konrad:</b> Wie groß würde ihrer Meinung<br />
nach der Unterschied im Leistungskatalog bei höheren und niedrigeren<br />
Einkommensgruppen liegen, wenn das System privatisiert würde?<br />
Auf welche Leistungen müsste ein Wenig-Verdiener verzichten?
</p>
<p>
<b>Konrad Schily:</b> Der Sinn einer Versichertengemeinschaft<br />
ist immer die Abdeckung des eigentlichen Risikos, und das Risiko<br />
heißt Krankheit in unserem Fall. Dieses Risiko bleibt voll<br />
abgedeckt. Aber eine Versichertengemeinschaft, die kostenbewusst<br />
ist, wird sich fragen, was eine Krankenkasse heute zahlt, tatsächlich<br />
noch mit Krankheit zu tun hat. Oder ob die Krankenkasse selbst als<br />
Gesundheitsunternehmer, z.B. mit einer Rückenschule, auftreten<br />
muss. Deswegen plädiere ich nicht dafür, alle Krankheiten<br />
aufzuzählen und einem Katalog zu erfassen &#8211; das ist letztlich<br />
gar nicht möglich &#8211; sondern einfach von Krankheit zu sprechen<br />
oder Behinderung. Beides sind klare und umfassende Definitionen.<br />
Zurück zur Frage: Diese müssen abgesichert sein &#8211; in jedem<br />
System.
</p>
<p>
<b>Moderator: </b>Die FDP plädiert für eine<br />
Beschränkung der Leistungen der gesetzlichen Kassen auf das<br />
„unbedingt Notwendige“. So sagt das jedenfalls ihr Kollege<br />
Daniel Bahr. Stimmen Sie dem zu?
</p>
<p>
<b>Konrad Schily:</b> Ja, weil Herr Bahr mit dem unbedingt<br />
Notwendigen die Krankheiten meint. Es gibt aber eine Reihe von so<br />
genannten versicherungsfremden Leistungen die man oder die Regierung,<br />
den Versicherten untergeschoben haben, und da muss man genau hinschauen.
</p>
<p>
<b>Walser:</b> Sollten Risikogruppen, wie beispielsweise<br />
Fallschirmspringer, Raucher etc. ihr erhöhtes Risiko auch finanziell<br />
übernehmen? Was ist mit denen, die nichts für ein höheres<br />
(genetisch bedingtes) Risiko können?
</p>
<p>
<b>Konrad Schily:</b> Danke für die Frage. Diejenigen,<br />
die mit einem Krankheitsschicksal leben müssen, sind krank.<br />
Es liegt nicht in ihrer freien Willensbestimmung. Sie sind ja, durch<br />
Schicksal oder Vererbung, eben krank. Ob ich rauche oder Fallschirm<br />
springe oder ob ich meine Hände besonders versichere, weil<br />
ich Pianist bin, ist meine freie Willensbestimmung und hier sind<br />
auch besondere Aufschläge denkbar. Viele schließen ja<br />
mit dem Abschluss ihrer Urlaubsreise auch eine Versicherung ab über<br />
Rückholung im Krankheitsfall.
</p>
<p>
<b>Herdecker1980:</b> Guten Tag Herr Schily, wissen Sie<br />
schon etwas über die gestern beschlossenen Eckpunkte der Gesundheitsreform?<br />
Ich frage ganz speziell im Bezug auf die Private Krankenversicherung<br />
&#8211; bleibt diese erhalten, fallen die Versicherungspflichtgrenzen<br />
oder wird sich jeder gesetzlich versichern müssen?
</p>
<p>
<b>Konrad Schily:</b> Genaues weiß ich nicht. Eins<br />
wissen wir alle: Frau Merkel hat es gesagt: es wird alles teurer<br />
werden. Ich hoffe nur, dass die Regierung auch selber weiß,<br />
was sie beschlossen hat.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Das war es schon wieder. Eine Stunde<br />
tagesschau-Chat ist vorbei. Vielen Dank, Herr Schily für den<br />
Chat. Vielen Dank an alle Chatter für Ihr Interesse. Noch ein<br />
Hinweis auf unseren nächsten Chat: Am kommenden Dienstag, 11.<br />
April, chatten wir voraussichtlich ab 13.30 Uhr mit unserem Rom-Korrespondenten<br />
Jörg Seisselberg, der mit Ihnen die Ergebnisse der Wahl in<br />
Italien aus der Sicht vor Ort diskutiert. Mal sehen, ob der höchst<br />
umstrittene italienische Ministerpräsident Berlusconi noch<br />
mal gewinnt. Das Protokoll dieses Chats gibt es in Kürze zum<br />
Nachlesen auf den Seiten von tagesschau.de und politik-digital.de.<br />
Das tagesschau-Chat-Team wünscht allen noch einen schönen<br />
interaktiven Tag!
</p>
<p><b>Konrad Schily:</b> Der Gast schließt sich an.</p>
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		<title>Gesundheitsreform als Kollateralschaden?</title>
		<link>https://www.politik-digital.de/news/econsumer-verbraucherschutz-ehea1-shtml-2670/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[ftautz]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 12 Aug 2003 23:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[News]]></category>
		<category><![CDATA[Bundespolitik]]></category>
		<category><![CDATA[Gesundheitspolitik]]></category>
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					<description><![CDATA[Wie die deutschen Patienten und das Internet ganz nebenbei das Gesundheitssystem verändern, demokratisieren und bereits Selbstverantwortung übernehmen. Ein Bericht des eHealth-Experten Frederik Tautz.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Wie die deutschen Patienten und das Internet ganz nebenbei das Gesundheitssystem verändern, demokratisieren und bereits Selbstverantwortung übernehmen. Ein Bericht des eHealth-Experten Frederik Tautz.<!--break-->
                    </p>
<p>Im Rahmen der aktuellen Debatte um die Gesundheitsreform mehren sich die Stimmen, die einen konzeptionellen Systemwandel für die Gesundheitsversorgung in Deutschland fordern. Kernstücke: Übernahme von mehr Selbstverantwortung durch den Einzelnen und größere Eigenbeteiligung der Patienten. Für eine bereits seit Jahren wachsende Zahl von Patienten ist diese Forderung alles andere als revolutionär: Ganz selbstverständlich erfüllen sie schon heute die Forderungen nach mehr Eigenverantwortung des Einzelnen im Gesundheitssystem. Es ist jedoch nicht der grundlegende Systemwandel, den sie dabei im Sinn haben. Ihr Verhalten folgt lediglich zwei großen Trends. Erstens: Es entwickelt sich ein zunehmendes Verständnis dafür, dass durch eigenes Handeln Gesundheit und Krankheit beeinflusst werden können. Zweitens: Es wächst zunehmend die Angst der Patienten, im falschen Abteil der Zweiklassen-Medizin aufzuwachen, d.h. aus Kostengründen oder weil der behandelnde Arzt die allerneuesten Therapieempfehlungen nicht kennt, nur eine Therapie zweiter Wahl zu erhalten. Also versuchen Patienten durch vermehrte Eigeninitiative sicherzustellen, dass sie die bestmögliche Therapie im Fall der Fälle erhalten.</p>
<p>
                    <strong>Emanzipation der Patienten führt zu einer Veränderung der Inanspruchnahme des Gesundheitssystems</strong><br />
                    <br />Um selbstverantwortlich Entscheidungen für die eigene Zukunft treffen zu können, benötigen die Patienten ausreichende Informationen über die verfügbaren Optionen – und die Folgen ihrer Auswahl. Diese waren bisher ausgesprochen schwierig zu beschaffen. Doch genau jenes Wissen verspricht nun das Internet. Folglich bedienen sich immer mehr Patienten aus dem fast unendlichen Repertoire des Netzes. Mittlerweile jeder fünfte Patient (je nach Studie sogar jeder zweite) sucht im Internet Antworten auf seine Gesundheitsfragen. Dazu recherchieren er oder seine Angehörigen im Internet die neuesten Behandlungsleitlinien der medizinischen Fachgesellschaften, die aktuellsten Forschungsergebnisse der Universitäten oder die Leistungsfähigkeit einzelner Leistungserbringer. Haben Patienten auf Grundlage dieser Informationen für sich Entscheidungen getroffen, fordern sie von ihren Ärzten, auch an den Entscheidungen über ihre Therapie als gleichberechtigte Partner mitzubestimmen. Leistungserbringer, die nicht bereit sind, den Wünschen ihrer Patienten angemessen zu begegnen, werden schnell mit Missachtung gestraft. Einen anderen Spezialisten oder eine alternative Klinik zu finden, erleichtert wiederum das Internet. Dieses Verhalten führt zum einen zu einer veränderten Inanspruchnahme von medizinischen Leistungen durch die veränderte Erwartungshaltung („Machen, was möglich ist“). Zum anderen verändern sich die Patientenströme – es entsteht eine Sogwirkung hin zu den jeweiligen Koryphäen (Stichwort: „Focus-Ärzteliste“) oder den „Marken“ im Gesundheitsbusiness. Denn jeder will für sich den besten Arzt, die beste Klinik, die neueste Therapie. Die Folgen für das Gesundheitssystem aus einem kollektiven Handeln nach diesem Raster werden die wenigsten Patienten und Angehörigen interessieren. Und wenn doch, so werden sie billigend in Kauf genommen. Die Gesundheitsreform könnte damit ein Kollateralschaden des individuellen Strebens der Patienten nach der besten Medizin werden.</p>
<p>
                      <img fetchpriority="high" decoding="async" height="280" alt="Bild der Gesunsheitsversorgung aus der Sicht des Internet-Empowered-Patienten" src="/econsumer/verbraucherschutz/grafik1.jpg" width="304" />
                    </p>
<p>
                    <strong>Globale Information verlangt nach lokalem transparentem Diskurs über die Allokation knapper Ressourcen</strong><br />
                    <br />Bei ihrer Suche nach medizinischen Informationen, die sie bei der Entscheidungsfindung in Gesundheitsfragen unterstützen sollen, finden die Patienten natürlich nicht nur Informationen aus Deutschland. Sie bedienen sich im Internet aus einem globalen Wissenspool. Patienten und Angehörige führt ihre Recherche im Netz zu Quellen aus den USA oder dem europäischen Ausland. Sie erleben dabei zum einen eine Vergleichbarkeit der Lebensumstände und eine Vergleichbarkeit der Krankheitserfahrung, zum anderen aber eine Ungleichheit in der medizinischen Versorgung. Der globale Vergleich über das Internet hilft den Patienten zu erfahren, was prinzipiell in der modernen Medizin der Industriestaaten machbar ist. Je größer die Diskrepanz zwischen diesem gewussten international „Machbaren“ und dem persönlich erlebten „Gemachten“, desto schärfer werden die Fragen der Patienten nach dem Grund dafür sein. Diese Fragen werden die meisten Patienten ihrem Arzt oder ihrer Versicherung stellen. Doch dort sind sie fehl am Platze. Diese Antworten kann in einem solidarisch finanzierten System nur die Gemeinschaft der Versicherten liefern – und das sind gut 90 Prozent aller Bürger in Deutschland. So schmerzhaft das sein mag, die Antwort muss klären, wie viel des medizinisch maximal Machbaren wir uns für jeden leisten können und wollen. Dies setzt einen grundlegenden gesellschaftlichen Diskurs voraus. Vielleicht können und wollen wir uns als Gemeinschaft ja sogar mehr Medizin leisten, als gemeinhin angenommen wird? Führen wir diesen notwendigen Diskurs nicht, lassen wir Patienten und Ärzte alleine mit der Aufgabe, ein grundlegendes Dilemma unserer Gesellschaft jeden Tag erneut lösen zu müssen. Je mehr Menschen die Chance der höheren Eigenverantwortung wahrnehmen, sich wirklich um ihre Optionen kümmern und kundig machen über medizinische Leistungsmöglichkeiten, desto dringender wird diese bislang in der breiten Öffentlichkeit ungeführte Diskussion werden. Dabei beschleunigt die Diskussion um die Gesundheitsreform selbst noch zusätzlich diese Entwicklung hin zu mehr Eigenverantwortung . Denn wer als Patient bisher noch nicht aus freien Stücken mehr Selbstverantwortung für seine Gesundheit übernommen hat, der wird nun von der Gesundheitspolitik Stück für Stück in die Emanzipation gezwungen.</p>
<p>
                      <img decoding="async" height="395" alt="Logische Brüche im Gesundheitsmarkt" src="/econsumer/verbraucherschutz/grafik2.jpg" width="412" />
                    </p>
<p>
                    <strong>Die Glaubwürdigkeitskrise des solidarischen Gesundheitssystems</strong><br />
                    <br />Ein vernetztes System aus globalen Informationsströmen zwingt nicht nur die eigentlichen Leistungserbringer dazu, gegenüber den Patienten mehr Rechenschaft über ihr Handeln abzulegen, sondern fordert Gleiches auch von der Gesundheitspolitik. Die Patienten werden nicht nur von ihren Ärzten wissen wollen, ob die für sie gewählte Therapie in Einklang mit den neuesten, weltweit verfügbaren Forschungsergebnissen steht. (Und die Patienten werden das Internet zu nutzen wissen, um die Antworten zu überprüfen.) Patienten werden auch von den Akteuren der Gesundheitspolitik wissen wollen, warum gerade sie nicht an den neuesten Therapieformen teilhaben können, die im Ausland längst verfügbar sind. (Hier wird ihnen das Internet ebenfalls die Möglichkeit geben, sehr genau zu erfahren, was anderenorts möglich ist.) So wie ein Arzt unglaubwürdig wird, wenn<br />
                    <br />er seinem Patienten keine schlüssige Antwort auf die Frage nach der Aktualität und Angemessenheit seiner Therapieempfehlung geben kann, wird auch ein ganzes System in Frage gestellt werden, wenn es uns nicht gelingt, den Patienten auf die – berechtigte – Frage nach der Verfügbarkeit von Leistungen angemessene Antworten zu liefern. Angemessen heißt: Die Antworten müssen nachvollziehbar sein und auf transparenten Entscheidungen gründen, die von der Mehrheit der Gesellschaft getragen werden. Nur das ist einer Demokratie angemessen.Vielleicht kann das Internet helfen, die dafür notwendige Diskussion zwischen Bürgern, Beitragszahlern, Patienten, Ärzten, Kassen und Politikern zu führen.</p>
<p>Die Grafiken sind dem Artikel<br />
                    <a href="http://www.agenturcafe.de/forum-healthcare/index_13108.htm">„Wir sind das Volk!“</a> entnommen, erschienen im Weißbuch des Forum Healthcare.</p>
<p>Frederik Tautz, M.A., ist Autor des Buchs „E-Health und die Folgen“, erschienen im Campus-Verlag/Frankfurt – New York. Der Soziologe und Gesundheitsökonom ist als Senior Consultant für ECC Online Relations tätig und beschäftigt sich seit mehr als acht Jahren mit dem Spannungsfeld zwischen Gesundheitswesen und Internet. Zur Zeit verbringt er einen Arbeitsaufenthalt an der Harvard School of Public Health.</p>
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