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	<title>Hans-Gert Pöttering &#8211; politik-digital</title>
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	<title>Hans-Gert Pöttering &#8211; politik-digital</title>
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		<title>Pöttering: &#8220;Mein europäisches Engagement ist heute so stark wie 1979.&#8221;</title>
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		<dc:creator><![CDATA[sruff]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 29 May 2009 17:55:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Chattranscripte]]></category>
		<category><![CDATA[Europäische Parlament]]></category>
		<category><![CDATA[Hans-Gert Pöttering]]></category>
		<category><![CDATA[Tagesschau-Chat]]></category>
		<category><![CDATA[Europawahl 2009]]></category>
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					<description><![CDATA[Am Freitag, 29. Mai 2009, war der Präsident des Europäischen Parlaments, Hans-Gert Pöttering, im tagesschau-Chat in Zusammenarbeit mit politik-digital.de. Der CDU-Spitzenkandidat bei der Europawahl beantwortete User-Fragen zum Lissabon-Vertrag, einem EU-Beitritt der Türkei und zum aktuellen Wahlkampf.<b></b>
<p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Am Freitag, 29. Mai 2009, war der Präsident des Europäischen Parlaments, Hans-Gert Pöttering, im tagesschau-Chat in Zusammenarbeit mit politik-digital.de. Der CDU-Spitzenkandidat bei der Europawahl beantwortete User-Fragen zum Lissabon-Vertrag, einem EU-Beitritt der Türkei und zum aktuellen Wahlkampf.<b></b></p>
<p>
<!--break-->
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Herzlich Willkommen beim tagesschau-Chat. Heute ist der Präsident des Europaparlaments zu Gast im ARD-Hauptstadtstudio: Herr Pöttering, vielen Dank, dass Sie Zeit für die Diskussion mit den Usern von tagesschau.de und politik-digital.de haben. Liebe User, schon mal vielen Dank für die zahlreichen Fragen im Pre-Chat! Und damit möglichst viele davon beantwortet werden, starten wir direkt: Herr Pöttering, sind Sie bereit?<b></b>
</p>
<p>
<b>Hans-Gert Pöttering:</b> Ich bin bereit!</p>
<p><b>Moderator:</b> Der Lissabon-Vertrag und das Demokratie-Defizit der EU interessiert die User besonders. Dazu auch die am höchsten bewertete Frage:</p>
<p><b>Geralt:</b> Wieso wurde in Deutschland dem Volk keine Möglichkeit eingeräumt, über den Vertrag von Lissabon abzustimmen (Referendum), obwohl dieser in das Grundgesetz eingreift und Befugnisse des Bundesverfassungsgerichts beschneidet?</p>
<p><b>Hans-Gert Pöttering:</b> In der Bundesrepublik Deutschland haben wir uns mit dem Grundgesetz für die parlamentarische Demokratie entschieden. Das Grundgesetz lässt es ausdrücklich zu, dass wir Kompetenzen abgeben auf die europäische oder auch internationale Ebene. Insofern ist der Vertrag von Lissabon nach meiner festen Überzeugung mit dem Grundgesetz vereinbar und ich hoffe, dass das Bundesverfassungsgericht bald zu einer entsprechenden Entscheidung kommt.</p>
<p><b>Maggi:</b> Wie stehen sie zum Vertrag von Lissabon? Ist die Ratifizierung dieses Vertrages nicht bereits mit dem Nein der Iren fehlgeschlagen? Aus meiner Sicht widerspricht es dem demokratischen Grundgedanken, wenn man einfach so lange abstimmen lässt (2. Referendum in Irland), bis das gewünschte Ergebnis erzielt wird.</p>
<p><b>Hans-Gert Pöttering:</b> Wenn die Iren voraussichtlich im Oktober erneut abstimmen, stimmen sie nicht über das ab, über das sie beim ersten Referendum abgestimmt haben. Bei dem nächsten Gipfel der Staats- und Regierungschefs am 18. und 19. Juni in Brüssel wird vereinbart werden, inwieweit irische Besonderheiten berücksichtigt und anerkannt werden. Dazu gehört auch, dass Irland in der Europäischen Union vertreten bleibt. Und dass zum Beispiel Fragen des Schutzes des ungeborenen Lebens in der nationalen irischen Kompetenz bleiben. Auf dieser Grundlage wird das irische Volk voraussichtlich erneut abstimmen und ich hoffe auf ein Ja in Irland, weil der Vertrag von Lissabon mehr Demokratie, Handlungsfähigkeit und Transparenz in der Europäischen Union ermöglicht.<br />
<b><br />
LHA:</b> Was passiert, wenn der Vertrag nicht ratifiziert wird? Wird es dann nie etwas mit einer effizienten Union mit internationalem Gewicht und Durchsetzungskraft?</p>
<p><b>Hans-Gert Pöttering:</b> Es wäre für die Europäische Union ein großer Nachteil, wenn der Vertrag nicht in Kraft treten würde. Aber gegenwärtig sollten wir dieses nicht in Betracht ziehen, da ich gute Chancen sehe, den Vertrag zu ratifizieren. Aber richtig ist: Alles ist erst sicher, wenn es sicher ist. Aber ich möchte keinen Zweifel daran lassen: Die Europäische Union braucht diesen Vertrag.</p>
<p><b>Moderator:</b> Der nächste User ist eher skeptisch, was eine Ratifizierung anbelangt.</p>
<p><b>Überzeugter Europäer:</b> Die vollständige Ratifizierung des Lissaboner Vertrages setzt unter anderem noch die Unterschrift des Europakritikers Václav Klaus voraus. Warum wird allgemein davon ausgegangen, dass er unterschreiben wird? Und welche Mittel gibt es, ihn davon abzuhalten, sich der Unterzeichnung zu verweigern?</p>
<p><b>Hans-Gert Pöttering:</b> Ich erwarte, dass Präsident Klaus am Ende doch unterschreiben wird. Das tschechische Abgeordnetenhaus und der tschechische Senat haben den Lissabon-Vertrag ratifiziert. Ich kann mir nicht vorstellen, dass der tschechische Präsident die demokratischen Entscheidungen der tschechischen Parlamente ignoriert.</p>
<p><b>Moderator:</b> Eine Nachfrage zum &quot;irischen Sonderweg&quot;:</p>
<p><b>rbrosows:</b> Wieso hat das irische Volk das Recht, einen zweiten Anlauf zu erhalten mit entsprechenden Änderungen &#8211; das deutsche muss aber das akzeptieren, was verhandelt wurde?</p>
<p><b>Hans-Gert Pöttering:</b> In Deutschland haben wir die parlamentarische Entscheidung: Bundestag und Bundesrat haben mit großen Mehrheiten dem Lissabon-Vertrag zugestimmt. Die irische Verfassungsordnung sieht ein Referendum vor. Und nach dem Nein beim ersten Referendum gibt es Ergänzungen bzw. Änderungen, die den Wünschen Irlands entgegenkommen.</p>
<p><b>Hans: </b>Wann wird das Europäische Parlament ein echtes und vollwertiges Parlament? Ist überhaupt angedacht, den Grundsatz der gleichen Wahl (jede Stimme hat gleiches Gewicht) sowie ein vollständiges Gesetzesinitiativ und -beschlussrecht zu verwirklichen?</p>
<p><b>Hans-Gert Pöttering: </b>Das Europäische Parlament hatte bei seiner ersten Direktwahl 1979 keinerlei Gesetzgebungsbefugnisse. Heute ist es in etwa 75 Prozent der europäischen Gesetzgebung gleichberechtigt mit dem Ministerrat. Dieses betrifft so wichtige Fragen wie den Klimaschutz oder auch die bessere Kontrolle der Banken. Das Europäische Parlament ist heute einflussreich und mächtig. Die Europäische Union mit ihren 500 Millionen Menschen ist eine komplexe Gemeinschaft. Die Zusammensetzung des Europäischen Parlaments kann daher nicht so sein, wie die der nationalen Parlamente. Auch die kleinen Länder müssen vertreten sein. Dieses führt dazu, dass kleine Länder gemessen an ihrer Einwohnerzahl überproportional vertreten sind. Das Stimmenverhältnis im Europäischen Parlament muss im Übrigen auch berücksichtigen, dass wir mit dem Vertrag von Lissabon ein neues Entscheidungssystem im Ministerrat bei Gesetzesentscheidungen haben werden. Im Ministerrat wird in Zukunft die Bevölkerungszahl berücksichtigt &#8211; was die größeren Länder begünstigt. Die Entscheidungsmethode im Europäischen Parlament und im Ministerrat zusammengenommen ist ein geeignetes Verfahren.</p>
<p><b>Dieter:</b> Herr Pöttering, soll nach Lissabon vorerst Schluss sein mit der Ausweitung der Rechte des EU-Parlaments? Falls nein, wie soll es weitergehen?</p>
<p><b>Hans-Gert Pöttering: </b>Sicher ist: Die Europäische Union ist &#8211; was ihre rechtlichen und damit politischen Grundlagen angeht &#8211; noch nicht vollendet. Das ist auch bei unserer Verfassung in Deutschland &#8211; dem Grundgesetz &#8211; nicht der Fall. Aufgrund neuer Bedingungen wird es auch immer wieder Änderungen geben. Aber nach dem Inkrafttreten des Lissabon-Vertrages brauchen wir zunächst eine Phase der Konsolidierungen, ehe wir an weitere neue Verträge denken können. Wir sollten also zunächst unsere Erfahrungen mit dem Vertrag von Lissabon sammeln.</p>
<p><b>Jan B.:</b> &quot;Mehr demokratische Legitimation führt zu mehr Akzeptanz in der Bevölkerung&quot; &#8211; Welche Möglichkeiten sehen Sie, die Demokratiedefizite der EU in Zukunft zu verringern?</p>
<p><b>Hans-Gert Pöttering:</b> Die Demokratiedefizite der EU sind in den letzten Jahren schon entscheidend verringert worden. Mit dem Vertrag von Lissabon ist das Europäische Parlament in nahezu allen Fragen der Gesetzgebung gleichberechtigt mit dem Ministerrat. Auch die nationalen Parlamente werden gestärkt, weil sie ein Klagerecht beim Europäischen Gerichtshof schon zu einem Zeitpunkt erhalten, bei dem eine europäische Gesetzgebung beabsichtigt ist. Sofern die nationalen Parlamente der Ansicht sind, dass eine beabsichtigte europäische Gesetzgebung gegen das Prinzip der Subsidiarität verstößt, können die nationalen Parlamente insoweit beim Europäischen Gerichtshof klagen. Auch die kommunale Ebene wird gestärkt, weil erstmalig überhaupt im europäischen Recht die kommunale Selbstverwaltung anerkannt wird. Im Übrigen können die Bürgerinnen und Bürger durch eine Million Unterschriften erreichen, dass sich die europäischen Institutionen mit einer politischen Sachfrage befassen müssen.</p>
<p><b>Moderator:</b> Zwei Fragen zu &quot;direkte Demokratie&quot;:</p>
<p><b>Impulshund: </b>Wäre ein europaweites Referendum denkbar, bei dem die europäische Mehrheit entscheidet?</p>
<p><b>verteitigung:</b> Sind Sie mittelfristig dafür, dass der Kommissionspräsident direkt gewählt wird?</p>
<p><b>Hans-Gert Pöttering: </b>Ich wäre dafür gewesen, ein europaweites Referendum über den Verfassungsvertrag oder den Vertrag von Lissabon zu machen, wenn die Stimmen in allen 27 Ländern der Europäischen Union zusammen ausgezählt worden wären. Dieses war aber leider nicht möglich, da die nationalen Verfassungen &#8211; auch unser Grundgesetz &#8211; dieses nicht vorsehen. Denn dies würde bedeuten, dass ein Nein in einem Land durch ein Ja in den anderen Ländern überstimmt werden könnte. Damit wären die Mitgliedsländer der Europäischen Union nicht mehr &quot;Herren der Verträge&quot;. Die Mitgliedsländer der Europäischen Union waren und sind nicht bereit, diesen Weg zu gehen, was ich bedauere. Die Wahl eines Präsidenten der Europäischen Union könnte eines Tages möglich werden. Aber wir sollten jetzt zunächst den Vertrag von Lissabon verwirklichen und nicht schon den zweiten Schritt vor dem ersten tun.</p>
<p><b>European:</b> An welcher Stelle wünschen Sie sich mehr direkte Mitbestimmung der EU-Bürger in der Politik?</p>
<p><b>Hans-Gert Pöttering:</b> Das ist eine Entscheidung der Bürgerinnen und Bürger selbst. Für wünschenswert halte ich es, wenn die Menschen Themen identifizieren, die sie für bedeutend halten, und die europäischen Institutionen sich dann damit befassen müssen.</p>
<p><b>Moderator: </b>Hier kommen Fragen zum Thema Opel rein:</p>
<p><b>lukasberlin:</b> Was kann Europa zur Opel-Rettung beitragen?</p>
<p><b>Hans-Gert Pöttering:</b> Vorrangig ist eine Lösung für Opel in Deutschland eine nationale Frage. Da diese Frage aber auch andere Standorte in der Europäischen Union betrifft, ist es wichtig,  dass eine Koordinierung durch die Europäische Kommission stattfindet. Nach meinen Informationen will der Vize-Präsident der Europäischen Kommission, Günter Verheugen, dieses erreichen. Entscheidungen auf nationaler deutscher oder einer anderen nationalen Ebene dürfen nicht zu Wettbewerbsverzerrungen im Verhältnis betroffener Länder der Europäischen Union führen.</p>
<p><b>JoHo:</b> Hallo Herr Pöttering! Die EU mischt sich in die Opel-Gespräche ein, um Wettbewerbsverzerrungen zu Lasten von Opel-Standorten in anderen EU-Ländern zu vermeiden. Finden Sie das richtig? Muss die Bundesregierung das berücksichtigen? Oder sollte uns nicht in diesem Fall das Hemd näher als die Hose sein, um möglichst viele Arbeitsplätze in Deutschland zu retten? Vielen Dank!</p>
<p><b>Hans-Gert Pöttering:</b> Die Europäische Union ist eine Rechtsgemeinschaft. Daran müssen wir uns halten. Auch die Bundesregierung. Wir wollen ja auch nicht, dass durch Entscheidungen in anderen Ländern der Europäischen Union Arbeitsplätze in Deutschland gefährdet werden.<br />
Deswegen gelten die Prinzipien für alle.</p>
<p><b>van Heise:</b> Inwieweit kann die Europäische Union in der aktuellen Krisensituation verhindern, dass Mitgliedstaaten zahlungsunfähig werden, bzw. wäre ein Austritt der bedrohten Staaten ein legitimes Mittel, um die Währungsunion nicht mit in den Strudel reißen zu lassen?</p>
<p><b>Hans-Gert Pöttering:</b> Es ist wichtig festzustellen, dass die Europäische Währungsunion &#8211; der Euro &#8211; sich gerade heute als ein großer Segen erweist. Ohne gemeinsame europäische Währung wären wir in der Europäischen Union aufgrund der Wirtschafts- und Finanzkrise in sehr viel größeren Turbulenzen. Die Entscheidung von Bundeskanzler a.D. Helmut Kohl und anderen, den Euro einzuführen, erweist sich heute als absolut richtig. Der Vertrag von Maastricht, der zum Euro führte, sieht Stabilitätskriterien vor. Ich empfehle dringend, dass wir uns in Zukunft wieder an diesen Kriterien orientieren, damit der Euro auch in Zukunft seine positive Wirkung entfalten kann.</p>
<p><b>Susi: </b>Was unterscheidet Ihre Vorhaben für Europa deutlich von anderen Parteien?</p>
<p><b>Hans-Gert Pöttering:</b> Die CDU und auch meine Überzeugungen sind geprägt von einem starken demokratischen und handlungsfähigen Europa, das die kommunale Selbstverwaltung und auch das Handeln auf Länder- und Bundesebene berücksichtigt. Wir wollen kein zentralistisches oder bürokratisches Europa &#8211; sondern ein Europa der Vielfalt, das bürgernah ist. Diese Vielfalt können wir nur verteidigen, wenn wir in den großen Fragen der Politik zur Einheit finden. Im Gegensatz zu anderen Parteien ist die CDU der Meinung &#8211; und dies ist auch meine sehr feste Position &#8211; dass die Europäische Union mit einer Mitgliedschaft der Türkei politisch, kulturell, finanziell und geografisch überfordert wäre. Was die Frage der Erweiterung generell angeht, so brauchen wir jetzt zunächst einmal eine Verschnaufpause. Die Europäische Union sollte sich innerlich festigen, damit wir gemeinsam unsere Werte und Interessen in der Welt wirksam vertreten können.<br />
<b><br />
Moderator:</b> Ein möglicher Beitritts der Türkei zu EU beschäftigt die User:</p>
<p><b>VolkerRieger:</b> Was halten Sie von den Äußerungen Obamas, die EU solle die Türkei so schnell wie möglich aufnehmen? Meiner Meinung nach sollte er sich da nicht einmischen &#8211; das ist alleine Sache der EU und ihrer Mitglieder.</p>
<p><b>Hans-Gert Pöttering:</b> Ich stimme auch absolut Ihrer Meinung zu. Wir empfehlen ja auch nicht den Vereinigten Staaten von Amerika die Aufnahme von Mexiko als 51. Staat der USA.</p>
<p><b>Moderator:</b> Stichwort geografische Grenzen:</p>
<p><b>Jule83:</b> Zypern liegt meines Erachtens eindeutig in Asien und nicht in Europa. Wieso ist Zypern ein Mitglied der EU geworden? Und wieso kann die Türkei kein Mitglied der EU werden, obwohl wenigstens ein kleiner Teil davon in Europa liegt?</p>
<p><b>Hans-Gert Pöttering:</b> Zypern gehört zur Europäischen Union und wir sollten es nicht in Frage stellen. Der weitaus größte Teil der Türkei liegt in Asien und der Iran und Syrien sind Nachbarn der Türkei. Eine Mitgliedschaft der Türkei würde also weit in den asiatischen Kontinent hineinreichen.</p>
<p><b>Moderator: </b>Nachfrage zu Obamas Position:</p>
<p><b>VolkerRieger:</b> Wird das Obama auch so deutlich gemacht?</p>
<p><b>Hans-Gert Pöttering: </b>Alle, die mit ihm sprechen und meine Meinung vertreten, sollten das tun.</p>
<p><b>HIT: </b>Hätte die Türkei im Falle einer Ablehnung der Mitgliedschaft nicht das legale Recht auf eine Abfindung hohen Wertes seitens der EU?</p>
<p><b>Hans-Gert Pöttering:</b> Nein. Wir wollen ja auch, wenn die Türkei nicht Mitglied wird, gute und partnerschaftliche Beziehungen mit ihr haben und gut zusammenarbeiten. Kein Parlament &#8211; weder die nationalen Parlamente in den EU-Mitgliedsländern noch das Europäische Parlament &#8211; kann gezwungen werden, automatisch Ja zum Türkeibeitritt zu sagen.<br />
Dies ist allein die freie Entscheidung der Abgeordneten. Das ist unser demokratisches Prinzip und dieses ist dem Repräsentanten der Türkei bekannt. Unsere demokratischen Verfahren müssen eingehalten werden und deswegen kann es auch keine Abfindung geben, sofern den Erwartungen der Türkei nicht entsprochen werden sollte.</p>
<p><b>Peterchen:</b> Nachfrage zu Zypern: Keiner will Zypern in Frage stellen. Aber das Argument von Jule83 ist doch stichhaltig: Warum gilt die geographische Lage nicht für alle gleichwertig als Argument?</p>
<p><b>Hans-Gert Pöttering:</b> Zypern gehört zu Europa. Die griechische Bevölkerung hat enge Bindungen an Griechenland. Wir sollten unsere Anstrengungen jetzt darauf konzentrieren, dass die Insel wiedervereinigt wird.</p>
<p><b>Europa:</b> Wie schätzen Sie die Wahlbeteiligung für die Europawahl ein? Was kann man gegen die Politikverdrossenheit insbesondere gegenüber Europa tun?</p>
<p><b>Hans-Gert Pöttering:</b> Bedauerlicherweise haben wir einen Rückgang der Wahlbeteiligung bei vielen Wahlen. Bei der Europawahl ist der Rückgang besonders deutlich. Dies ist ein Widerspruch zur gewachsenen Bedeutung des Europäischen Parlaments. Es muss uns in der Zukunft mehr gelingen als in der Vergangenheit, die wichtige und alles in allem gute Arbeit des Europäischen Parlaments den Bürgerinnen und Bürgern noch besser zu vermitteln. Dieses ist eine gemeinsame Aufgabe der Politiker und der Medien. Hier können wir unsere Zusammenarbeit noch steigern.</p>
<p><b>Moderator:</b> Der jüngste ARD-Deutschland-Trend geht davon aus, dass die Wahlbeteiligung noch unter die Marke von 2004 fallen könnte: Damals zog es nur 43 Prozent der Deutschen an die Urne.</p>
<p><b>bürgersjung:</b> Ein großes Problem bei Europawahlen ist die niedrige Wahlbeteiligung. Kommen Ihrer Meinung nach die deutschen Parteien ihrer Verpflichtung nach, die Menschen vom Stellenwert und der Wichtigkeit von Europawahlen zu überzeugen?</p>
<p><b>Hans-Gert Pöttering:</b> Wir können immer noch besser werden. Wichtig ist, dass kontinuierlich, auch im Fernsehen, über die wichtige Arbeit des Europäischen Parlaments berichtet wird. Oft ist es so, dass das Kritische übermäßig dargestellt wird &#8211; aber nicht, was wir der Europäischen Union und dem Europäischen Parlament verdanken.</p>
<p><b>Impulshund:</b> Warum wirbt die CDU in den Spots mit Angela Merkel, aber nicht mit Ihrem Konterfei?</p>
<p><b>Hans-Gert Pöttering: </b>Das ist eine gute Frage.</p>
<p><b>Moderator:</b> Wie erklären Sie sich das?</p>
<p><b>Hans-Gert Pöttering:</b> Angela Merkel ist eine engagierte Europäerin. Sie steht in der Tradition von Konrad Adenauer und Helmut Kohl. Aber ich stimme ihnen zu, dass die Abgeordneten des Europäischen Parlaments noch stärker einbezogen werden sollten. Aber verglichen mit vergangenen Wahlen gibt es da schon Fortschritte, die sich in Zukunft noch steigern lassen.</p>
<p><b>carlos:</b> Es gibt aber keine europapolitischen Sachthemen im Wahlkampf, warum ist das so?</p>
<p><b>Hans-Gert Pöttering:</b> Es gibt schon Unterschiede zwischen den Parteien. Denken Sie zum Beispiel an die Stabilität des Euro oder die Türkeifrage.</p>
<p><b>Moderator:</b> Das EU-Parlament ist ja auf drei Sitze zersplittert: Straßburg, Brüssel und Luxemburg. Wie lange macht das noch Sinn? Und phd möchte dazu wissen:</p>
<p><b>phd:</b> Welche Gründe sprechen für Straßburg als Sitz des Europäischen Parlaments?</p>
<p><b>Hans-Gert Pöttering:</b> Straßburg im Elsass ist ein Symbol der deutsch-französischen Versöhnung. Das ist der Grund, warum zwölf Tagungen im Jahr in Straßburg stattfinden.</p>
<p><b>european1980:</b> Wann wird der EU-Sitz in Straßburg abgeschafft?</p>
<p><b>Hans-Gert Pöttering:</b> Mittelfristig bin ich für einen Sitz des Europäischen Parlaments. Wobei das Brüssel oder Straßburg sein könnte. Obwohl das Europäische Parlament heute einflussreich und mächtig ist, bestimmt es bedauerlicherweise über seinen Tagungsort nicht selbst, sondern nach den Verträgen haben die Regierungen sich dieses vorbehalten. Eines Tages wird es in dieser Frage eine Lösung geben müssen. Solange das Recht aber nicht geändert ist, müssen wir es einhalten.</p>
<p><b>European:</b> Was möchten Sie lieber heute als morgen an der europäischen Gesetzgebung ändern?</p>
<p><b>Hans-Gert Pöttering:</b> Ich würde gerne sehen, dass heute schon der Vertrag von Lissabon in Kraft wäre, so dass das Europäische Parlament bei nahezu allen Fragen europäischer Gesetzgebung mitentscheiden würde.</p>
<p><b>kruat:</b> Hallo Herr Pöttering. Ich hab eine nur eine kleine Frage: Macht es nach so vielen Jahren noch Spaß im Europaparlament oder gehen Ihnen manchmal die Abgeordneten aus den vielen verschiedenen Ländern auf die Nerven?</p>
<p><b>Hans-Gert Pöttering:</b> Mein europäisches Engagement ist heute so stark wie 1979. Man kann diese Arbeit nur leisten, wenn man von der Notwendigkeit der europäischen Einigung überzeugt ist. Nur so kann man auch manche Kommentare ertragen. Bei den Abgeordneten ist es so wie im ganz normalen Leben. Manchen ist man mehr verbunden als anderen.</p>
<p><b>rbrosows:</b> Wie oft kommt es eigentlich im Europäischen Parlament vor, dass Abgeordnete &quot;gegen&quot; ihre Fraktion entscheiden, sich also auf ihr Gewissen berufen?</p>
<p><b>Hans-Gert Pöttering: </b>Generell möchte ich sagen, dass es ein Grundprinzip ist, dass man den eigenen Überzeugung folgt &#8211; die ja meistens mit der Mehrheitslinie der eigenen Fraktion übereinstimmt &#8211; weil sich in den Fraktionen gleiche politische Auffassungen zusammenfinden. Aber richtig ist auch, dass es im Europäischen Parlament leichter ist, eine von der eigenen Fraktion abweichende Meinung zu vertreten, da es im Europäischen Parlament nicht das Prinzip von Regierung und Opposition mit der Notwendigkeit großer Disziplin gibt. Das lässt dem einzelnen Abgeordneten mehr Freiheiten.</p>
<p><b>Moderator:</b> Wird Ihr Nachfolger als Parlamentspräsident wieder aus den Reihen der EVP kommen? SPD-Spitzenkandidat Martin Schulz war in der vergangenen Woche hier im tagesschau-Chat, er hofft, dass nach dem 7. Juni die sozialdemokratische Fraktion die Stärkste sein wird.</p>
<p><b>Hans-Gert Pöttering:</b> Zunächst müssen wir die Wahlen abwarten. Dann sehen wir, welche Fraktionen bei der Wahl des Parlamentspräsidenten eine Vereinbarung treffen. Der Parlamentspräsident wird jeweils für zweieinhalb Jahre gewählt, so dass es in der fünfjährigen Wahlperiode immer zwei Präsidenten gibt. Ich hoffe, dass auf jeden Fall in der kommenden Wahlperiode ein EVP-Abgeordneter Parlamentspräsident wird.</p>
<p><b>Moderator: </b>Wir haben während des Chats eine Umfrage gemacht und wollten von den Usern wissen, ob sie eine Aufnahme der Türkei in die Europäische Union befürworten. Herr Pöttering, was ist Ihr Tipp, wie wurde abgestimmt?</p>
<p><b>Hans-Gert Pöttering:</b> 65 Prozent &quot;Nein&quot; und 35 Prozent &quot;Ja&quot;.</p>
<p><b>Moderator:</b> Nah dran: 30 Prozent befürworten einen Beitritt, 70 Prozent sind dagegen. Das war eine Stunde tagesschau-Chat zur Europawahl. Vielen Dank, Herr Pöttering, dass Sie Zeit für die Diskussion mit den Usern von tagesschau.de und politik-digital.de hatten. Großer Dank auch an Sie, liebe Chat-Teilnehmer! Leider konnten wir nur einen kleinen Teil der eingetroffenen Fragen stellen.</p>
<p><b>Hans-Gert Pöttering:</b> Liebe User, es hat Freude bereitet, sich mit Ihnen auf diesem Wege auszutauschen. Ich bedauere, wenn ich nicht auf alle Fragen eine Antwort geben konnte, da unsere Zeit ja begrenzt ist. Meine Bitte ist: Gehen Sie zur Wahl und nehmen Sie viele mit. Europa ist für uns alle sehr wichtig und die Abgeordneten des Europäischen Parlaments brauchen ihre Unterstützung.<br />
Meine Erfahrung ist, dass die meisten Abgeordneten sehr engagiert sind, an Europa glauben und unsere gemeinsamen Werte und Interessen vertreten. In diesem Sinne: Gute Wünsche für Sie, eine gute Wahlbeteiligung am 7. Juni und alles Gute. Ihr Hans-Gert Pöttering, MdEP Präsident des Europäischen Parlaments.</p>
<p><b>Moderator: </b>Das Transkript des Chats finden Sie in Kürze auf tagesschau.de und politik-digital.de. Außerdem möchten wir Ihnen noch unser Dossier zur Europawahl sowie die Beiträge der Tagesthemen-Europatour empfehlen. Das Team von tagesschau.de wünscht allen noch einen schönen Tag.</p>
<p><i>Der Chat wurde moderiert von Thomas Querengässer, tagesschau.de.<br />
</i></p>
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			</item>
		<item>
		<title>&#034;Die EU darf sich nicht zu Tode erweitern&#034;</title>
		<link>https://www.politik-digital.de/chattranscripte/die-eu-darf-sich-nicht-zu-tode-erweitern-519/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Alina Barenz]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 06 Jul 2007 23:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Chattranscripte]]></category>
		<category><![CDATA[Europapolitik]]></category>
		<category><![CDATA[Europäisches Parlament]]></category>
		<category><![CDATA[Europäische Union]]></category>
		<category><![CDATA[Hans-Gert Pöttering]]></category>
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					<description><![CDATA[<p class="teaser">
<span class="fett">Am Freitag, 6. Juli, war Hans-Gert Pöttering,
der Präsident des Europäischen Parlaments, zu Gast im
tagesschau-Chat in Kooperation mit politik-digital.de. Er sprach
über seine Aufgaben, die Befugnisse der europäischen Einrichtungen
und die Rolle der Türkei.</span>
</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p class="teaser">
<span class="fett">Am Freitag, 6. Juli, war Hans-Gert Pöttering,<br />
der Präsident des Europäischen Parlaments, zu Gast im<br />
tagesschau-Chat in Kooperation mit politik-digital.de. Er sprach<br />
über seine Aufgaben, die Befugnisse der europäischen Einrichtungen<br />
und die Rolle der Türkei.</span>
</p>
<p><!--break--></p>
<p>
&nbsp;
</p>
<p>
<b><b>Moderatorin:</b></b> Liebe Europa-Interessierte,<br />
herzlich willkommen zum tagesschau-Chat. Heute ist Hans-Gert Pöttering,<br />
der Präsident des EU-Parlaments zu uns ins ARD-Hauptstadtstudio<br />
gekommen und stellt sich Ihren Fragen. Herr Pöttering, ich<br />
begrüße Sie. Können wir beginnen?
</p>
<p>
<b><b>Hans-Gert Pöttering:</b></b> Ich<br />
begrüße Sie auch.
</p>
<p align="center">
<img fetchpriority="high" decoding="async" src="http://www.politik-digital.de/salon/photos/hgpoettering390x.jpg" alt="Hans-Gert Pöttering" height="292" width="390" /><br />
<i>Hans-Gert Pöttering</i><br />
<i>Präsident des Europäischen Parlaments</i>
</p>
<p>
<b>josefine:</b> Was sind Ihre Aufgaben als Präsident<br />
des EU-Parlaments?
</p>
<p>
<b>Hans-Gert Pöttering:</b> Meine Aufgabe besteht<br />
darin, die Mehrheitsmeinung des EU-Parlaments zu vertreten. Ich<br />
muss bemüht sein um gute Beziehungen mit den anderen europäischen<br />
Institutionen, das heißt mit dem Rat, also den Regierungen<br />
sowie der europäischen Kommission. Wichtig ist es natürlich,<br />
das Parlament wirksam zu vertreten und sich immer für die Ausweitung<br />
seiner Befugnisse einzusetzen.
</p>
<p>
<b>Christopher: </b>Wie muss man sich eine Sitzung des<br />
Europaparlaments vorstellen? Wie lange debattieren Sie, um die Interessen<br />
von 27 Mitgliedsstaaten unter einen Hut zu bringen?
</p>
<p>
<b>Hans-Gert Pöttering:</b> Das hängt natürlich<br />
von der Form und dem Inhalt der Debatte ab. Kommenden Mittwoch zum<br />
Beispiel haben wir im Europäischen Parlament (EP) eine Diskussion<br />
mit dem neuen Präsidenten des Europäischen Rates, dem<br />
Ministerpräsidenten Portugals, Jose Sokrates, der Bundeskanzlerin<br />
Angela Merkel in der Aufgabe des Präsidenten des Europäischen<br />
Rates am 1. Juli nachgefolgt ist.<br />
Für die Debatte sind, wenn ich es richtig in Erinnerung habe,<br />
zwei Stunden vorgesehen. Der Präsident des Europäischen<br />
Parlaments begrüßt, dann wird Jose Sokrates etwa 20 bis<br />
25 Minuten sprechen, danach der Präsident der europäischen<br />
Kommission José Manuel Durao Baroso, der etwa 15 Minuten<br />
sprechen wird. Danach reden die Fraktionsvorsitzenden in der Reihenfolge<br />
der Größe der Fraktionen. Die Fraktionsvorsitzenden sprechen<br />
je nach Größe etwa drei bis sieben Minuten. Nach den<br />
Fraktionsvorsitzenden sprechen die weiteren Sprecher der verschiedenen<br />
Fraktionen, den Abschluss der Debatte bildet dann erneut eine Stellungnahme<br />
des Präsidenten des Europäischen Rates und des Präsidenten<br />
der Europäischen Kommission.
</p>
<p>
<b>Kopius: </b>Sie erwähnten die Ausweitung der<br />
Befugnisse. Welche Befugnisse hat das EU-Parlament denn gerade &#8211;<br />
und welche sollen noch dazu kommen?
</p>
<p>
<b>Hans-Gert Pöttering:</b> Heute ist das Europäische<br />
Parlament in 75 Prozent der Gesetzgebung der EU gleichberechtigt<br />
mit dem Ministerrat. Mit dem Inkrafttreten des Reformvertrages,<br />
dessen Verabschiedung während der portugiesischen Präsidentschaft<br />
beabsichtigt ist, wird die gleichberechtigte Mitwirkung des Europäischen<br />
Parlaments bei der Gesetzgebung auf fast 100 Prozent ausgeweitet.<br />
Außerdem wird das Europäische Parlament mit dem Vertrag<br />
bei der Beschlussfassung über den Haushalt der EU ohne Einschränkungen<br />
gleichberechtigt mit dem Ministerrat.
</p>
<p>
<b>ts1:</b> Europäische Union &#8211; ein Gebilde „Sui<br />
generis&quot;, ein „Staatenverbund&quot; &#8211; Welches ist Ihre<br />
Vorstellung in Hinblick auf die Finalität Europas? Und das<br />
in den verschiedenen Ebenen: geographisch (Türkei), aber auch<br />
politisch (supranationale Außenpolitik, europäische Armee)?
</p>
<p>
<b>Hans-Gert Pöttering:</b> Wir brauchen eine starke<br />
Europäische Union, die handlungsfähig und demokratisch<br />
ist. Dazu sind handlungsfähige europäische Institutionen<br />
notwendig. Das bedeutet, das Europäische Parlament als Vertretung<br />
der BürgerInnen muss bei allen legislativen und sonstigen Entscheidungen<br />
der EU maßgeblich beteiligt sein. Der Europäische Rat<br />
gestaltet die Richtlinien der Politik, die Europäische Kommission<br />
macht Gesetzgebungsvorschläge und ist die Exekutive der Union.<br />
<br />
Dieses Gemeinschaftseuropa handelt durch seine Institutionen, respektiert<br />
aber die Identität der Mitgliedsstaaten, ihre Regionen und<br />
kommunalen Gebietskörperschaften. Jede Ebene hat nach den Grundsätzen<br />
der Subsidiarität ihre eigene Verantwortung. <br />
Die EU muss in allen Bereichen handeln, für die der Nationalstaat<br />
zu klein geworden ist. Die EU handelt auf der Grundlage des Rechts.<br />
Das Recht sichert den Frieden. <br />
Die EU darf sich nicht zu Tode erweitern. Deswegen müssen wir<br />
eine Debatte führen über die geographischen Grenzen der<br />
EU. Nicht jedes Land, das Mitglied der EU werden möchte, muss<br />
notwendigerweise Mitglied werden. Es sind andere Formen der Zusammenarbeit<br />
denkbar, zum Beispiel in Form einer so genannten privilegierten<br />
Partnerschaft. Mit der Türkei wird verhandelt, aber das Ergebnis<br />
ist offen. Die EU hat ein Interesse daran, dass die Reformbemühungen<br />
in der Türkei fortgesetzt werden. Sollten die Verhandlungen<br />
zu einem Abschluss kommen, muss die dann verantwortliche politische<br />
Generation darüber entscheiden, ob die Türkei Mitglied<br />
wird. Wie auch immer diese Entscheidung am Ende aussehen wird, haben<br />
wir Europäer ein fundamentales Interesse an guten Beziehungen<br />
mit unseren türkischen Partnern.<br />
Die Europäische Union muss handlungsfähig sein, auch in<br />
der Außen-, Sicherheits- und Verteidigungspolitik. Dabei ist<br />
schon viel erreicht worden, aber wir sind noch nicht am Ziel. Wichtig<br />
ist, dass alle Mitgliedsländer der EU in Fragen der Außen-<br />
und Sicherheitspolitik zu gemeinsamen Entscheidungen kommen. Sollte<br />
dieses bei einigen Fragen nicht der Fall sein, muss es die Möglichkeit<br />
geben, dass eine Gruppe von Staaten vorangehen kann. <br />
Eine europäische Armee sollte unser Ziel sein. Leider ist dieses<br />
Projekt, nämlich eine europäische Verteidigungsgemeinschaft<br />
mit einer europäischen Armee 1954 in der französischen<br />
Nationalversammlung gescheitert. Dadurch hat Europa viele Jahre<br />
verloren, aber die EU ist jetzt dabei, aus ihren Versäumnissen<br />
zu lernen und sich um eine gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik<br />
zu bemühen.
</p>
<p>
<b>Clemens H.: </b>Was Ihre persönliche Ansicht<br />
zum Beitritt der Türkei ist, würde mich auch interessieren.
</p>
<p>
<b>Hans-Gert Pöttering:</b> Da Sie mich nach meiner<br />
persönlichen Meinung fragen, möchte ich zunächst<br />
zum Ausdruck bringen, dass die Mehrheit des Europäischen Parlaments<br />
die Mitgliedschaft der Türkei befürwortet. Und es ist<br />
meine Aufgabe als Präsident des Parlaments, wenn ich für<br />
das gesamte Parlament spreche, dieses zum Ausdruck zu bringen. Persönlich<br />
trete ich für die privilegierte Partnerschaft ein.
</p>
<p>
<b>Moderatorin:</b> Wie sieht es mit dem Gegenteil von<br />
Erweiterung aus?
</p>
<p>
<b>halder:</b> Nach den Erfahrungen des jüngsten<br />
Gipfels: Halten Sie es für sinnvoll, klare Austrittsregeln<br />
aus der EU zu definieren? Sollten überdies nicht auch Ausschlussregeln<br />
festgelegt werden?
</p>
<p>
<b>Hans-Gert Pöttering:</b> Im Reformvertrag wird<br />
die Möglichkeit eines Austritts als Entscheidung des betreffenden<br />
Landes ermöglicht, nicht jedoch der Ausschluss. Allerdings<br />
können die Mitwirkungsrechte eines Landes ausgesetzt werden,<br />
wenn die Demokratie in dem entsprechenden Land beeinträchtigt<br />
ist.
</p>
<p>
<b>ostsee:</b> Können Sie die Blockadehaltung der<br />
Polen verstehen?
</p>
<p>
<b>Hans-Gert Pöttering:</b> Wir verdanken Polen<br />
sehr viel. Ohne Solidarnosc, Lech Walesa und die geistig-moralische<br />
Kraft von Johannes Paul II. hätte es die Wende in Europa zu<br />
Freiheit und Demokratie kaum gegeben. Daran sollten wir uns immer<br />
erinnern, auch wir Deutschen, die wir aufgrund dieser Entwicklung<br />
in den 80er Jahren am 3. Oktober 1990 die Einheit unseres Vaterlandes<br />
feiern konnten. Die gegenwärtigen Irritationen mit der polnischen<br />
Regierung sollten wir immer in diesen Zusammenhang stellen. Wir<br />
sollten uns darüber freuen, dass das polnische Volk mit sehr<br />
sehr großer Mehrheit (75-80 Prozent) der Mitgliedschaft in<br />
der EU und der Einigung Europas zustimmt. Ich hoffe, dass diese<br />
Tatsachen für die in Warschau politischen Verantwortlichen<br />
eine Motivation ist, sich an der Einigung unseres Kontinents wirksam<br />
zu beteiligen und den Reformvertrag zu ratifizieren.
</p>
<p>
<b>ASDFSDFSDFSDF:</b> Wie sehen Sie die Chancen, dass<br />
das die Vereinbarungen vom Brüssel für eine EU- „Verfassung&quot;<br />
wirklich umgesetzt werden? Die Kaczynski-Brüder haben gerade<br />
wieder zurückgerudert. Wie ist die Chance &#8211; mal in Prozent<br />
🙂 ?
</p>
<p>
<b>Hans-Gert Pöttering:</b> In der Politik ist das<br />
Wichtigste, das Vertrauen. Das bedeutet, dass das gegebene Wort<br />
gehalten werden muss. In Brüssel hat es eine Vereinbarung zwischen<br />
den 27 Staats- und Regierungschefs gegeben. Das gilt. Ich erwarte<br />
von der polnischen Regierung, dass das gegebene Wort eingehalten<br />
wird. Deswegen muss ich annehmen, da ich einen Prozentsatz der Chance<br />
nennen soll, dass der Vertrag ratifiziert wird. Das heißt,<br />
auf der Grundlage der Vereinbarung muss ich von 100 Prozent ausgehen.
</p>
<p>
<b>Eisenkolb: </b>Wenn bei der Außen- und Sicherheitspolitik<br />
eine Gruppe von Staaten vorangehen kann, wäre das denn auch<br />
in anderen Bereichen wie der europäischen Verfassung denkbar?<br />
EU-Errungenschaften wie der Euro oder das Schengener Abkommen gelten<br />
ja auch (noch) nicht EU-weit, sodass es doch denkbar wäre,<br />
dass je Bereich ein anderer Kreis von Beteiligten und natürlich<br />
auch von Nutznießern des jeweiligen Bereiches existiert?
</p>
<p>
<b>Hans-Gert Pöttering:</b> Lieber Eisenkolb, Sie<br />
sind ein absoluter Fachmann. Sie sprechen vom System und &#8211; ich zögere,<br />
das Wort zu gebrauchen &#8211; der variablen Geometrie. Es ist denkbar,<br />
dass einige vorangehen, aber wichtig ist immer, dass prinzipiell<br />
alle den gleichen Weg gehen, wenn auch mit einer zeitlichen Verzögerung.<br />
Wenn es sich um Gesetzgebung handelt, ist es nicht möglich,<br />
dass ein Land sich völlig ausschließt. Heute unterscheiden<br />
wir schon Verordnungen, die für alle in ihrem Inhalt gelten<br />
und Richtlinien, die zwar auch für alle gelten, aber einen<br />
zeitlichen und inhaltlichen Spielraum ermöglichen.
</p>
<p>
<b>Moderatorin:</b> Noch ein Experte:
</p>
<p>
<b>Christoph Helbig: </b>Der Augsburger Wahlsystem-Experte<br />
Friedrich Pukelsheim hat erst letzten Monat in einem Artikel der<br />
Neuen Züricher Zeitung gezeigt, dass das von Polen vorgeschlagene<br />
Quadratwurzelsystem (oder Jagiellonischer Kompromiss) eigentlich<br />
das beste Abstimmungssystem für den Ministerrat ist. Warum<br />
wählt man für ein so wichtiges Projekt wie die EU nicht<br />
das beste System?
</p>
<p>
<b>Hans-Gert Pöttering:</b> Ich teile diese Ansicht<br />
nicht. Die EU ist eine Union der BürgerInnen einerseits und<br />
der Staaten andererseits. Das im Vertrag vorgesehene Abstimmungssystem<br />
berücksichtigt diesen Grundsatz. Für einen legislativen<br />
Beschluss sind 55 Prozent der Mitgliedsstaaten erforderlich, das<br />
heißt von 27 fünfzehn und 65 Prozent der Bevölkerung.<br />
Dieses ist ein faires und demokratisches Prinzip. Im Verfassungsvertrag<br />
haben sich alle 27 Regierungen dafür ausgesprochen. Ebenso<br />
das Europäische Parlament. Ein Mitgliedsland, in diesem Falle<br />
Polen, kann nicht allen anderen seine Meinung aufzwingen. Im Übrigen<br />
ist es legitim, das eine oder andere Verfahren für das bessere<br />
zu halten. Aber in der Demokratie gelten die Mehrheitsentscheidungen<br />
und das, was vereinbart wurde.
</p>
<p>
<b>Moderatorin:</b> Zum Stichwort Demokratie:
</p>
<p>
<b>mathias:</b> Wie stehen Sie zum Vorwurf, dass ein<br />
Demokratiedefizit durch die Kompetenzverteilung innerhalb der EU<br />
besteht?
</p>
<p>
<b>Hans-Gert Pöttering:</b> Die EU ist eine Gemeinschaft<br />
von Bürgern und Staaten im Werden. Die EU fällt nicht<br />
wie eine reife Frucht vom Himmel, sondern wie ein Baum muss die<br />
EU wachsen, bis sie ihre Handlungsfähigkeit und demokratischen<br />
Strukturen erreicht hat. Das Europäische Parlament, das erstmalig<br />
1979 gewählt wurde &#8211; und ich habe das Privileg, seit der ersten<br />
Direktwahl dem Parlament anzugehören &#8211; hatte 1979 keinerlei<br />
Gesetzgebungsbefugnisse. Wenn es heute in 75 Prozent der Gesetzgebung<br />
gleichberechtigt ist mit dem Ministerrat, zeigt das, wie gut es<br />
sich im Hinblick auf Demokratie und Parlamentarismus entwickelt<br />
hat. Mit dem Reformvertrag wird das Parlament, wie schon erwähnt,<br />
seine Mitentscheidungsrechte in der Gesetzgebung auf nahezu 100<br />
Prozent ausweiten. Dies zeigt, die Demokratie in der EU ist auf<br />
gutem Wege.
</p>
<p>
<b>Moderatorin:</b> Anmerkung: Das Europäische Parlament<br />
hat kein Initiativrecht, darf also keine Gesetze vorschlagen. Eine<br />
Frage dazu:
</p>
<p>
<b>Francisco: </b>Sie haben gerade die Zwitterstellung<br />
zwischen dem Europa der Nationen und dem Europa der Bürger<br />
dargestellt, das Europäische Parlament ist aber das einzige<br />
direkt legitimierte Organ in der EU. Sehen Sie noch mehr Handlungsbedarf,<br />
was die Ausweitung seiner Kompetenzen angeht?
</p>
<p>
<b>Hans-Gert Pöttering:</b> Mit dem Reformvertrag<br />
machen wir einen weiteren großen Schritt in der Demokratisierung<br />
der EU. Aber weitere Schritte sind in der Zukunft notwendig, zum<br />
Beispiel bei der Frage, ob es Eigeneinnahmen der EU in Form von<br />
Steuern, die dann aber auf der nationalen Ebene zu einer Entlastung<br />
führen müssen, geben soll und wie diese erhoben werden.<br />
Auch die Frage der Steuerharmonisierung gehört in diesen Bereich.<br />
Hierüber wird man zu einem späteren Zeitpunkt Vereinbarungen<br />
treffen müssen. Aber nun geht es zunächst darum, den Reformvertrag<br />
zu verwirklichen. Also ein Schritt nach dem anderen.
</p>
<p>
<b>Moderatorin:</b> Themenwechsel:
</p>
<p>
<b>Grenzkontrolleur: </b>Seit der Einführung des<br />
Schengener Abkommens und der damit einhergehenden „Verstärkung&quot;<br />
der EU-Außengrenzen sind nach Schätzungen humanitärer<br />
Organisationen mehr als 30.000, in die Illegalität getriebene<br />
Flüchtlinge im Mittelmeer ertrunken. Wie bewerten Sie diesen<br />
Sachverhalt, und was wollen Sie gegebenenfalls persönlich unternehmen,<br />
um Abhilfe zu verschaffen?
</p>
<p>
<b>Haber S.:</b> Jeden Tag brechen tausende Menschen<br />
nach Europa auf. Wird es nicht Zeit für eine gemeinsame Zuwanderungspolitik?
</p>
<p>
<b>Hans-Gert Pöttering:</b> Es ist sehr traurig,<br />
dass Menschen bei dem Versuch, die EU zu erreichen im Mittelmeer<br />
umkommen. Ich finde es auch nicht akzeptabel, dass mit dem Begriff<br />
„Illegale Immigration&quot; dieser Tatbestand praktisch ausgeblendet<br />
wird. Das Schicksal der Menschen darf uns als Europäer, die<br />
wir Werte vertreten, nicht gleichgültig sein. Natürlich<br />
müssen wir denjenigen den Kampf ansagen, die als Schlepper<br />
Menschen auf eine ungewisse Reise bringen. Aber die Not der Menschen,<br />
die diese Reisen auf sich nehmen, muss uns nicht nur betroffen machen<br />
sondern veranlassen, etwas zu tun. <br />
Wir müssen bemüht sein, in den Herkunftsländern der<br />
Menschen Verhältnisse zu schaffen, die dazu führen, dass<br />
die Menschen in ihrer Heimat ihre Zukunft sehen. Ich weiß<br />
wie schwierig dieses ist, denn es erfordert, wenn wir in diesem<br />
Zusammenhang an Afrika denken, ein besseres Regierungshandeln (better<br />
governance). Dieses müssen wir als Europäer nicht nur<br />
anmahnen, sondern durch sehr konkrete Hilfe zur Selbsthilfe fördern.<br />
Ich hoffe, dass das Gipfeltreffen der Staats- und Regierungschefs<br />
der Länder Afrikas und der Europäischen Union Anfang Dezember<br />
in Lissabon dazu einen Beitrag leisten wird. Vor dem Europa-Afrika-Gipfel<br />
wird es ein Parlamentariertreffen von Abgeordneten des Panafrikanischen<br />
Parlaments mit dem Europäischen Parlament geben. Wir wollen<br />
Vorschläge erarbeiten für eine bessere Zukunft des afrikanischen<br />
Kontinents. Was die Frage der Immigration angeht, so bin ich absolut<br />
der Meinung, dass wir dabei ein gemeinsames Handeln der EU brauchen.<br />
Die Immigrationspolitik muss dabei sowohl die Interessen der Länder,<br />
aus denen die Menschen kommen, wie der Länder, in die die Menschen<br />
einwandern, berücksichtigen.
</p>
<p>
<b>445522:</b> Wie wollen Sie denn zwischen Wirtschaftsflüchtlingen<br />
und Asylbewerbern unterscheiden?
</p>
<p>
<b>Hans-Gert Pöttering:</b> Asylbewerber sind solche,<br />
deren Leben in ihren Ländern bedroht ist. Dieses ist in dieser<br />
Weise bei Wirtschaftsflüchtlingen nicht der Fall. Eine gelenkte<br />
Zuwanderung, die Berechenbarkeit auf beiden Seiten schafft, ist<br />
bei dieser sehr schwierigen Problematik wahrscheinlich die einzige<br />
überzeugende Möglichkeit. Aber ich möchte hinzufügen:<br />
Patentrezepte gibt es nicht.
</p>
<p>
<b>Moderatorin:</b> Zurück ins europäische<br />
Inland:
</p>
<p>
<b>stebol: </b>Ich befürchte, dass zu viel von Brüssel<br />
aufdiktiert wird.
</p>
<p>
<b>Hans-Gert Pöttering:</b> Wir müssen auf<br />
jeder politischen Ebene überlegen, wie wir das eigene Handeln<br />
der Bürgerinnen und Bürger stärken können. Diese<br />
Frage müssen sich die Verantwortlichen in Brüssel, in<br />
Berlin, in den Landeshauptstädten und auch in den Städten<br />
und Gemeinden stellen.
</p>
<p>
<b>Philipp Stroehle:</b> Denken Sie, dass die Bürger<br />
der Mitgliedsstaaten der EU über komplexe Sachverhalte mitentscheiden<br />
könnten? Oder kann das nur eine Elite bewältigen?
</p>
<p>
<b>Hans-Gert Pöttering:</b> Wenn der Reformvertrag<br />
Wirklichkeit wird, was ich hoffe und erwarte, kann es mit einer<br />
Million Unterschriften von BürgerInnen Initiativen geben, die<br />
die europäischen Institutionen auffordern, sich mit einer politischen<br />
Frage zu befassen. Die Frage von Referenden wird durch die nationalen<br />
Gesetzgeber entschieden. Wichtig ist, dass die Abgeordneten aller<br />
Ebenen in einem ständigen Dialog mit den Menschen sind. Dialog<br />
setzt aber auch voraus, dass die Menschen bereit sind, sich zu informieren.<br />
Meine politische Erfahrung ist, dass ich durch das Gespräch<br />
mit den Bürgern viele Anregungen bekomme, die für meine<br />
Arbeit wichtig sind.
</p>
<p>
<b>Hans E.: </b>Wie, denken Sie, könnten das politische<br />
Interesse der europäischen Bürger erhöht werden?<br />
Könnte durch eine höhere Legitimation die politische Handlungsfähigkeit<br />
der EU tatsächlich gestärkt werden?
</p>
<p>
<b>Hans-Gert Pöttering:</b> Das ist eine der ganz<br />
entscheidenden Fragen. Eine größere Akzeptanz der Politik<br />
im Allgemeinen, der Europapolitik im Besonderen ist ohne Zweifel<br />
wünschenswert. Der Chat jetzt mit Ihnen ist eine sinnvolle<br />
Form der Kommunikation. Sie reicht aber natürlich nicht aus.<br />
Wir brauchen eine ständige Berichterstattung in allen Medien,<br />
insbesondere im Fernsehen über die Europapolitik. Dies ist,<br />
obwohl es sich schon sehr verbessert hat, noch steigerungsfähig.<br />
Die Abgeordneten des Europäischen Parlaments stehen dafür<br />
zur Verfügung.
</p>
<p>
<b>Philipp Stroehle: </b>Können Forderungen nach<br />
Bürokratieabbau und Beschleunigung von Entscheidungsprozessen<br />
und der Ruf nach mehr Demokratie unter einen Hut gebracht werden?
</p>
<p>
<b>Hans-Gert Pöttering:</b> Das ist eine sehr komplexe<br />
Frage. Ich stimme zu, wir sollten nicht alles regeln. Aber dort,<br />
wo gemeinsames Handeln, zum Beispiel beim Klimaschutz, notwendig<br />
ist, brauchen wir gemeinsame Regeln, also europäische Gesetze.<br />
Schon in der Bundesrepublik Deutschland mit 82 Millionen Menschen<br />
sind die Entscheidungen von Bundestag und Bundesrat oftmals langwierig<br />
und schwierig. Dies gilt umso mehr in einer Europäischen Union<br />
mit nahezu 500 Millionen Menschen in 27 Ländern. Der demokratische<br />
Prozess hat seinen Preis, in diesem Falle also, was die dafür<br />
benötigte Zeit angeht. Insofern gibt es das von Ihnen dargestellte<br />
Spannungsverhältnis, das wir allerdings bemüht sein müssen<br />
aufzulösen.
</p>
<p>
<b>Clemens H.:</b> Wie beurteilen Sie den Ortswechsel<br />
zwischen Straßburg und Brüssel? Hat dieser einen negativen<br />
Effekt auf ihre Leistungsfähigkeit oder ziehen sie aus dem<br />
Wechsel eher Kraft und Motivation?
</p>
<p>
<b>Hans-Gert Pöttering:</b> Brüssel und Straßburg<br />
als Sitzungsorte des Europäischen Parlaments haben sich historisch<br />
entwickelt. Aber das wissen Sie natürlich. Frankreich hat sich<br />
zusichern lassen, dass zwölf Sitzungen im Jahr in Straßburg<br />
stattfinden. Die Vereinbarung eines Sitzes ist also nur mit Zustimmung<br />
Frankreichs möglich, weil diese Frage einstimmig entschieden<br />
werden muss. Für meine persönliche Arbeit ist es keine<br />
Erschwernis, ob ich in Brüssel oder Straßburg engagiert<br />
bin.
</p>
<p>
<b>Moderatorin:</b> Eine verzweifelte Stimme zum Schluss:
</p>
<p>
<b>amjahid: </b>Was machen wir nur mit den Polen und<br />
den Briten und allen anderen, die eine EU-kritische Politik vertreten?
</p>
<p>
<b>Hans-Gert Pöttering:</b> In Europa braucht man<br />
Geduld. Wir sind alle Sünder. Manche mehr, manche weniger und<br />
es geht in der Regel immer reihum. Wir sollten geduldig bleiben,<br />
aber gleichzeitig auch leidenschaftlich für die Einigung unseres<br />
europäischen Kontinents. Im 21. Jahrhundert, in der Zeit der<br />
Globalisierung, hat Europa nur eine Chance seine Werte und Interessen<br />
zu verteidigen, wenn wir es gemeinsam tun. Wie in einer Familie<br />
gibt es unterschiedliche Persönlichkeiten, aber wir bleiben<br />
eine Familie.
</p>
<p>
<b>Moderatorin:</b> Damit kommen wir auch schon zum Ende.<br />
Herzlichen Dank unseren Usern für die vielen Fragen. Leider<br />
konnten wir sie nicht alle stellen. Herr Pöttering, möchten<br />
Sie noch ein Schlusswort an die User richten?
</p>
<p>
<b>Hans-Gert Pöttering:</b> Wer jetzt nicht mit<br />
seiner Frage zum Zuge gekommen ist, kann mir gerne schreiben: hans-gert.poettering[at]europarl.europa.eu<br />
&#8211; Jeder wird dann eine Antwort bekommen. Ich möchte mich herzlich<br />
für das Interesse bedanken. Dies zeigt, dass es vielen Menschen<br />
um die Zukunft unseres Kontinents geht.
</p>
<p><b>Moderatorin:</b> Das war unser tagesschau-Chat von<br />
tagesschau.de und politik-digital.de. Vielen Dank für Ihr Interesse<br />
und vielen Dank an Herrn Pöttering. Das Protokoll des Chats<br />
ist in Kürze zum Nachlesen auf den Seiten von tagesschau.de<br />
und politik-digital.de zu finden. Das tagesschau-Chat-Team wünscht<br />
noch einen schönen Tag!</p>
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