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	<title>Hisbollah &#8211; politik-digital</title>
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	<title>Hisbollah &#8211; politik-digital</title>
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	<item>
		<title>&#8220;Ich denke, dieser Konflikt wäre absolut vermeidbar gewesen&#8221;</title>
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		<pubDate>Tue, 01 Aug 2006 23:00:00 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p class="normal">
<b><span style="font-size: x-small">Am Mittwoch, 02. August, 
war Patrick Leclercq, ARD-Korrespondent im Libanon, zu Gast im tagesschau-Chat 
<span style="font-size: x-small">in Kooperation mit politik-digital.de. Er berichtet 
live aus Beirut über die israelischen Angriffe auf den Libanon, 
die Situation der Bevölkerung und mögliche Lösungen 
des Konfliktes.</span></span></b>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p class="normal">
<b><span style="font-size: x-small">Am Mittwoch, 02. August,<br />
war Patrick Leclercq, ARD-Korrespondent im Libanon, zu Gast im tagesschau-Chat<br />
<span style="font-size: x-small">in Kooperation mit politik-digital.de. Er berichtet<br />
live aus Beirut über die israelischen Angriffe auf den Libanon,<br />
die Situation der Bevölkerung und mögliche Lösungen<br />
des Konfliktes.</span></span></b><!--break-->
</p>
<p class="normal">
<b>Moderator: </b>Zu Gast im tagesschau-Chat<br />
ist heute der ARD-Korrespondent Patrick Leclercq. Er berichtet für<br />
das Erste tägliche aus der Krisenregion Beirut. Von dort aus<br />
ist er uns jetzt telefonisch zugeschaltet. Herr Leclercq telefoniert<br />
von einer konventionellen Telefonleitung aus und das mitten im Krieg<br />
&#8211; technische Probleme sind also möglich. Guten Tag, Herr Leclercq,<br />
können wir beginnen?
</p>
<p>
<b>Patrick Leclercq:</b> Ja.
</p>
<p>
<b>Mr. Sony:</b> Sind Sie dort, wo Sie sich gerade befinden,<br />
in akuter Gefahr oder in relativer Sicherheit?
</p>
<p>
<b>Patrick Leclercq:</b> Wir sind in relativer Sicherheit, wir sind in<br />
Beirut selber. Wir wohnen in Westbeirut in einem Hotel, das schon<br />
im Bürgerkrieg viele Journalisten beherbergt hat. Wir hatten<br />
schon seit mehreren Tagen keine schweren Bombardierungen mehr, dass<br />
Kampfgeschehen spielt sich ca. zwei Stunden Fahrzeit im Süden<br />
ab und seit zwei Tagen auch wieder im Norden.
</p>
<p>
<b>zaphod:</b> Wie realistisch ist Israels Behauptung,<br />
die Infrastruktur der Hisbollah sei zerstört?
</p>
<p>
<b>Patrick Leclercq:</b> Ich glaube, das hat eher damit zu tun, dass<br />
der Ministerpräsident Olmert seine Leute, sein Volk beschwichtigen<br />
will. Ich glaube nicht, dass es der israelischen Armee bisher tatsächlich<br />
gelungen ist, den Großteil der Hisbollah zu entwaffnen, so<br />
wie Olmert in einem Interview behauptet hat. Die Hisbollah hat sehr<br />
viele Verstecke. Das können Häuser sein oder auch Bunker<br />
oder auch natürliche Höhlen. Außerdem muss man davon<br />
ausgehen, dass der Nachschub trotz zahlreicher Luftangriffe der<br />
Israelis weiter funktioniert.
</p>
<p>
<b>malla: </b>Israels Armee hat die ersten Verluste zu<br />
beklagen. Wie lange werden wohl die Israelis hinter den Entscheidungen<br />
ihrer Regierung stehen?
</p>
<p>
<b>Patrick Leclercq:</b> Das ist eine ganz ausgezeichnete Frage, weil<br />
in vergangenen Kriegen das eine wichtige Rolle gespielt hat. Ich<br />
persönlich glaube, dass die Zeit für die israelische Regierung<br />
abläuft, weil die Verluste verglichen mit ähnlichen Kampfhandlungen<br />
doch sehr hoch sind.
</p>
<p>
<b>Benjamin Stierl:</b> Werter Herr Leclercq, denken<br />
Sie, dass dieser Konflikt vermeidbar gewesen wäre?
</p>
<p>
<b>Patrick Leclercq:</b> Ich denke, er wäre absolut vermeidbar gewesen.<br />
Israel hat nach meiner Meinung völlig überreagiert. Man<br />
hätte sicher auch auf den Verhandlungsweg zu einer Lösung<br />
kommen können.
</p>
<p>
<b>Lahcene:</b> Warum werden die schrecklichen Bilder,<br />
die auf Al Jazeera zum Beispiel zu sehen sind, nicht auch bei uns<br />
gezeigt? Das würde die Menschen vielleicht mal wachrütteln<br />
zwischen Trendwende am Arbeitsmarkt und Rechtschreibregeln. Warum<br />
verurteilen die Journalisten (wenn schon nicht die Politiker) das<br />
israelische Vorgehen nicht auf das Schärfste. Die westliche<br />
Welt macht sich absolut unglaubwürdig, wenn sie über Demokratie<br />
und Menschenrechte spricht!
</p>
<p>
<b>Patrick Leclercq:</b> Zu den Bildern: Wir haben klare Richtlinien,<br />
was wir zeigen und was wir nicht zeigen. Man muss immer bedenken,<br />
dass auch bei uns Kinder und Menschen vor dem Fernseher sitzen,<br />
die schockiert werden, wenn wir alles Bildmaterial zeigen würden.<br />
Wir versuchen deshalb, so viel wie möglich zu zeigen, aber<br />
trotzdem die Würde auch des toten Menschen noch zu wahren.<br />
Was die Reaktion der internationalen Politik angeht, bin ich der<br />
falsche Ansprechpartner.
</p>
<p>
<b>mateo:</b> Lieber Herr Leclercq, wieso können<br />
sich die Vereinten Nationen auf keine Verurteilung Israels einigen?
</p>
<p>
<b>Patrick Leclercq:</b> Wenn sie sich mit der Geschichte der VN näher<br />
befassen, werden sie feststellen, dass diese Institution schon immer<br />
stark fraktioniert und interessenorientiert war. Es geht nicht immer,<br />
wie man annehmen könnte, um das Wohl der Menschen, sondern<br />
oft schlichtweg um politische Interessen.
</p>
<p>
<b>MRauchfuss:</b> Herr Leclercq, wie hoch schätzen<br />
Sie die Gefahr ein, dass Syrien und/oder der Iran direkt in den<br />
Konflikt interveniert?
</p>
<p>
<b>Patrick Leclercq:</b> Die Gefahr ist groß, weil beide Länder<br />
für den Fall eines Angriffs Gegenmaßnahmen angekündigt<br />
haben. Syrien hat seine Armee bereits in Alarmbereitschaft versetzt.<br />
Dadurch, dass Israel immer wieder direkt an der syrisch-libanesischen<br />
Grenze angreift, kann man leider nicht ausschließen, dass<br />
sich der Konflikt plötzlich ausweitet.
</p>
<p>
<b>Christian:</b> In wie weit ist das harte israelische<br />
Vorgehen für einen dauerhaften Frieden in der Region kontraproduktiv?
</p>
<p>
<b>Manfred Jelting:</b> Was müsste aus Ihrer Sicht<br />
passieren, um ein dauerhaften Frieden in der Region zu erreichen?
</p>
<p>
<b>Patrick Leclercq:</b> Kontraproduktiv ist das Vorgehen deshalb, weil<br />
mit den Angriffen, den Verlusten in der eigenen Familie ganze Generationen<br />
neuer Widerstandskämpfer auf den Weg gebracht werden. Eine<br />
Lösung im Nahen Osten kann nur erreicht werden, wenn das Palästinenser-Problem<br />
befriedigend für die arabische Seite gelöst wird.
</p>
<p>
<b>fembo:</b> Deutsche Soldaten im Libanon? Können<br />
Sie einschätzen, wie diese Möglichkeit in Israel aufgenommen<br />
wird?
</p>
<p>
<b>Patrick Leclercq:</b> Ich glaube, Israel hätte damit aus nachvollziehbaren<br />
Gründen ein großes Problem. Man muss sich vorstellen,<br />
deutsche Soldaten versuchen, mit Waffen israelische Bodentruppen<br />
im Südlibanon aufzuhalten. Das wäre ja dann ein mögliches<br />
Szenario. Nach meiner Meinung wäre die Bundesregierung schlecht<br />
beraten, wenn sie sich auf einen solchen Ansatz einließe.
</p>
<p>
<b>SaLaBe:</b> Wieviel hat die USA zur Aggressivität<br />
von Israel beigetragen?
</p>
<p>
<b>Patrick Leclercq:</b> Die USA hat weitgehend überwiegend das Waffenarsenal<br />
gestellt und stellt es noch. Außerdem hat der amerikanische<br />
Präsident mit seiner Parole vom Kampf gegen den internationalen<br />
Terrorismus sicher auch die israelische Regierung dazu motiviert,<br />
so stark auf die Entführung der beiden Soldaten im Libanon<br />
zu reagieren.
</p>
<p>
<b>corzi:</b> Was halten Sie von der Vermutung, dass<br />
Bush auf diese Weise letztendlich an den Iran rangehen will? Bleiben<br />
Sie uns gesund!
</p>
<p>
<b>Patrick Leclercq:</b> Danke für den Gruß. Das spielt sicher<br />
mit eine ganz entscheidende Rolle. Ich glaube aber, dass auch Iran<br />
ein Interesse hat, die Sache am köcheln zu halten, um eben<br />
sozusagen ein Faustpfand zu haben im Hinblick auf das im August<br />
ablaufende Ultimatum.
</p>
<p>
L<b>e Clercq:</b> Ich betrachte mich als ein Freund des<br />
israelischen Volkes. Aber wie lang kann die Welt noch zuschauen,<br />
wie eine demokratisch gewählte Regierung (unter dem Schutz<br />
der USA) Völkerrecht am laufenden Band missachtet?
</p>
<p>
<b>Patrick Leclercq:</b> Dazu kann man sachlich feststellen, dass es in<br />
den letzten Jahrzehnten sehr viele UN-Resolutionen gab, die nicht<br />
umgesetzt wurden. Dann ist die Folgerung zulässig, dass sich<br />
daran wenig ändern wird.
</p>
<p>
<b>Meinecke:</b> Gibt es Neuigkeiten darüber, was<br />
den Verdacht gegenüber Israel betrifft, sie würden geächtete<br />
biologische oder chemische Waffen gegen die Zivilbevölkerung<br />
einsetzten.?
</p>
<p>
<b>Patrick Leclercq:</b> Wir wissen &#8211; bestätigt von internationalen<br />
Ärzten &#8211; von so genannten Cluster-Bombs, d.h. Splitterbomben.<br />
Die wurden von Israel auch schon 1982 während der so genannten<br />
Operation &quot;Galiläa&quot; eingesetzt. Von biologischen<br />
oder chemischen Bomben ist mir persönlich nichts bekannt.
</p>
<p>
<b>che:</b> Wann werden Sie Nasrallah interviewen?
</p>
<p>
<b>Patrick Leclercq:</b> So bald er mir sagt, wo er steckt. Es gibt keine<br />
klaren Hinweise, wo er sich aufhält. Es gibt seit Wochen das<br />
Gerücht, er könne in der iranischen Botschaft hier in<br />
Beirut sein. Sicher ist wohl, dass er jede Nacht woanders schläft.
</p>
<p>
<b>Mr. Sony:</b> Wie beschaffen Sie Ihre Informationen<br />
vor Ort? Nutzen Sie beispielsweise auch die vielzitierten Warblogs,<br />
oder spielen diese aus Ihrer Sicht noch keine Rolle?
</p>
<p>
<b>Patrick Leclercq:</b> Die Warblogs spielen natürlich eine Rolle,<br />
genauso wie Bildmaterial, das im Internet auftaucht. Entscheidend<br />
für uns ist, ob wir die Informationen gegen checken, also verifizieren<br />
können. Aber selbstverständlich werden alle Quellen genutzt.
</p>
<p>
<b>caburger:</b> Was können wir in Deutschland tun,<br />
statt nur ohnmächtig und entsetzt zuzuschauen?
</p>
<p>
<b>Patrick Leclercq:</b> Das ist eine Frage, die ich nur so beantworten<br />
kann: Es sollte möglichst viel Information über das Leid<br />
der Menschen verbreitet werden, besonders über die Situation<br />
der Kinder und der alten Menschen. Dann entsteht möglicherweise<br />
ein humaner Druck, der die politisch Handelnden zum Überlegen<br />
bringt.
</p>
<p>
<b>mm02:</b> Wie muss man sich die Hisbollah eigentlich<br />
vorstellen? Sind das normale berufstätige Männer? Wie<br />
ich gelesen habe, organisiert die Hisbollah sogar die Müllabfuhr.<br />
Das klingt merkwürdig für eine so genannte &quot;Terrororganisation&quot;.
</p>
<p>
<b>Patrick Leclercq:</b> Die Hisbollah hat ihre Wurzeln in der letzten<br />
Invasion 1982, der so genannten Operation &quot;Galiläa&quot;.<br />
Damals fing sie als Hilfsorganisation an und hat z.B. die Müllabfuhr,<br />
die Schulen, Krankenhäuser sowie Heime im Süden Beiruts<br />
während dieser Kriegssituation am Leben gehalten. Ich kenne<br />
selber Mitglieder der Hisbollah, die im Privatleben völlig<br />
normalen Berufen nachgehen, wie Handwerker, Händler, selbst<br />
Ingenieure, die aber in einer solchen Situation dann auch zur Waffe<br />
greifen.
</p>
<p>
<b>skyluke:</b> Wie beurteilen Sie die Informationspolitik<br />
der Hisbollah? Ist sie schon so professionell, wie es den Eindruck<br />
hat &#8211; mit fingierten Nachrichten?
</p>
<p>
<b>Patrick Leclercq:</b> Die ist absolut professionell. Hisbollah hat<br />
ja auch einen nach wie vor &#8211; trotz vieler Bombardierungen &#8211; funktionierenden<br />
Propagandasender mit dem Namen &quot;al-Manar&quot;, übersetzt<br />
&quot;der Leuchtturm&quot;. Wir haben dieses Programm bei uns ständig<br />
laufen, weil bis ins kleinste Detail über den letzten Stand<br />
der Kämpfe informiert wird. Natürlich sollte man davon<br />
ausgehen, dass viele Informationen so nicht unbedingt stimmen. Aber<br />
die Hisbollah ist insgesamt, was den Propagandakrieg angeht, ausgezeichnet<br />
aufgestellt.
</p>
<p>
<b>hasouneh:</b> Was können Sie über die Angaben<br />
der Todesopfer der Hisbollah-Kämpfer in den israelischen Medien<br />
sagen. Realistisch?
</p>
<p>
<b>Patrick Leclercq:</b> Die Hisbollah selber gibt bisher keine Zahlen<br />
über tote Kämpfer heraus. Was die israelischen Angaben<br />
angeht, denke ich: Die sollte man mit Vorsicht genießen, eben,<br />
weil wir uns in einem Krieg befinden.
</p>
<p>
<b>noway:</b> Welcher Erfolg für Israel ist im Höchstfall<br />
durch die Militäroperationen überhaupt denkbar? Die Hisbollah<br />
wird dadurch wohl kaum zerschlagen oder dauerhaft neutralisiert<br />
werden?
</p>
<p>
<b>Patrick Leclercq:</b> Gute Frage. Maximal die Einrichtung einer Pufferzone,<br />
die von internationalen Truppen überwacht wird. Man muss aber<br />
davon ausgehen, dass es trotzdem immer wieder Angriffe auf den Staat<br />
Israel geben wird. In den siebzigern und Anfang der achtziger Jahre<br />
war das die PLO, dann folgten die Amman-Milizen, jetzt ist es die<br />
Hisbollah &#8211; und wer weiß, wer es in 10 Jahren ist.
</p>
<p>
<b>MarkusNRW:</b> Sehr geehrter Herr Leclercq, wie stehen<br />
Sie zu der Aussage von Ex-Außenminister Fischer, der sich<br />
derzeit im Iran aufhält, der Iran könne eventuell als<br />
Vermittler ins Kriegsgeschehen eingreifen? Ich wünsche Ihnen<br />
und Ihrem Team alles Gute und bleiben Sie gesund!
</p>
<p>
<b>Patrick Leclercq:</b> Ich bedanke mich auch für mein Team und<br />
glaube, Herr Fischer hat Recht. Der Iran war und ist der Pate oder<br />
der Ziehvater der Hisbollah, nicht nur militärisch, sondern<br />
mindestens genauso wichtig ideologisch. Wenn der Iran die Hisbollah<br />
auffordert, etwas zu tun, dann hat das den Charakter eines Befehls.
</p>
<p>
<b>marnie:</b> Guten Morgen. Denken Sie, dass die Hisbollah<br />
durch ein &quot;Absägen&quot; der oberen Führungsebene<br />
entscheidend geschwächt würde oder würde sich innerhalb<br />
kürzester Zeit eine neue Führungsebene ergeben und die<br />
Kämpfe aufgrund der Autonomie der einzelnen Kampftruppen gleichermaßen<br />
weitergehen?
</p>
<p>
<b>Patrick Leclercq:</b> Es hat in der Vergangenheit mehrere Führer<br />
der Hisbollah gegeben. Nicht alle waren sicher so charismatisch<br />
wie Hassan Nassrallah. Aber angenommen, er käme ums Leben wie<br />
seine Vorgänger, würde das die ideologische und militärische<br />
Kampfkraft der Hisbollah meiner Meinung nach nicht schwächen.<br />
Es würden sich andere Führungskräfte finden. Auf<br />
der Operationsbasis gingen die Kämpfe weiter wie bisher.
</p>
<p>
<b>rttr:</b> Wie ist die Stimmung unter der christlichen<br />
Bevölkerung des Libanon &#8211; pro oder contra Israel/Hisbollah?
</p>
<p>
<b>Patrick Leclercq:</b> Die Stimmung war zu Beginn der Kämpfe eher<br />
gegen die Hisbollah und ihr Vorgehen. Durch die hohe Zahl an Toten<br />
Libanesen und die hohen materiellen Schäden und auch die Angriffe<br />
selbst auf den christlichen Teil des Landes ist diese Stimmung gekippt.<br />
Die Libanesen empfinden sich insgesamt im Krieg als Opfer, auch<br />
die Christen, so dass im Moment die Hisbollah eher profitiert.
</p>
<p>
<b>basti007:</b> Wie wird Israel auf einen Beschuss Tel<br />
Avivs reagieren? Droht dann ein wirklicher Krieg?
</p>
<p>
<b>Patrick Leclercq:</b> Ja, ich denke, wenn das passieren sollte, würde<br />
sicher die komplette Kriegsmaschinerie ausgelöst. Im Moment<br />
kann man sagen, dass &quot;nur&quot; begrenzt militärisch vorgegangen<br />
wird.
</p>
<p>
<b>StBKK:</b> Kann man als westlich aussehender Mensch<br />
in Beirut unbehelligt auf die Strasse gehen? Ist der Hass gegen<br />
die USA und alles westliche groß? Wird differenziert zwischen<br />
USA und Europa oder Deutschland?
</p>
<p>
<b>Patrick Leclercq:</b> Beirut ist traditionell eine Weltstadt wie London<br />
oder Paris. Es ist für Europäer und selbst für Amerikaner<br />
völlig unproblematisch, sich in Beirut zu bewegen oder zu leben.<br />
Es ist nur in den südlichen Vororten, die überwiegend<br />
schiitisch sind und die auch von der Hisbollah kontrolliert werden,<br />
nicht ratsam für Ausländer, sich allein dort zu bewegen.<br />
Das war aber auch schon lange vor dem Krieg so.
</p>
<p>
<b>andreasw:</b> Wären sie derzeit lieber an einem<br />
anderen Ort als Korrespondent tätig? Wie würden sie ihr<br />
persönliches Verhältnis zum Libanon beschreiben?
</p>
<p>
<b>Patrick Leclercq:</b> Ich habe ein, glaube ich, sehr persönliches<br />
Verhältnis zum Libanon. Es ist in unserem Berichtsgebiet mein<br />
Lieblingsland. Ich habe hier seit Jahrzehnten sehr viele Freunde,<br />
nicht nur in Beirut, auch in anderen Teilen des Landes. Ich kann<br />
sagen, ich fühle mich hier wohl, so komisch das unter diesen<br />
Umständen klingen mag. Und ich hoffe nur, dass den Libanesen<br />
ihr schönes Land nicht ganz kaputt gemacht wird.
</p>
<p>
<b>nummer5:</b> Fangen die kriegerischen Auseinandersetzungen,<br />
die wir jetzt sehen, nicht schon in den Köpfen der Kinder an?<br />
Woher kommt diese Bildung?
</p>
<p>
<b>Patrick Leclercq:</b> Das ist leider so der Fall. Und ist eben entsprechend<br />
beschädigt.
</p>
<p>
<b>Burgund:</b> Ich vermute, dass es auf beiden Seiten<br />
eine Menge Menschen gibt, die diesen Konflikt in keiner Weise befürworten.<br />
Stimmt das? Und haben diese Menschen denn keinen Einfluss?
</p>
<p>
<b>Patrick Leclercq:</b> Das stimmt, das sind insbesondere die jungen<br />
Leute, die eigentlich auf beide Seiten ihr Leben in Ruhe leben wollen,<br />
auch entsprechend einem Beruf nachgehen wollen. Sie haben nur das<br />
Pech, auch auf beiden Seiten, Opfer eines Konfliktes zu sein, der<br />
die Welt seit über 50 Jahren immer wieder beschäftigt.<br />
Und wo die internationale Gemeinschaft noch immer keine Lösung<br />
gefunden hat.
</p>
<p>
<b>rohe_m:</b> Halten sie es für wahrscheinlich,<br />
dass es in absehbarer Zeit zu einer erneuten, eventuell länger<br />
andauernden Waffenruhe kommt, weil sie von Condoleeza Rice angesprochen<br />
wurde?
</p>
<p>
<b>Patrick Leclercq:</b> Es wird in den nächsten Wochen zu einer<br />
Waffenruhe kommen. Sie wird sicher auch eine gewisse Zeit anhalten,<br />
allein aus dem Grunde, dass beide Konfliktparteien sich erst einmal<br />
genug geschwächt haben. Das heißt aber nicht, dass in<br />
der Zukunft solche Auseinandersetzungen nicht mehr stattfinden werden.
</p>
<p>
<b>Lucks:</b> Sehr geehrter Herr Leclercq, inwiefern<br />
ist dieser Konflikt ein anderer, als der Krieg Israels von 1982<br />
und die Okkupation bis 2002? Wodurch unterscheiden sich die Konflikte?
</p>
<p>
<b>Patrick Leclercq:</b> Der ganz große Unterschied ist dieses Mal,<br />
dass Libanesen selbst gegen Israel kämpfen. Das heißt,<br />
dass der Rückhalt im Libanon durch ein solches Vorgehen völlig<br />
anders ist als z.B. damals für die PLO, die ja im Prinzip im<br />
Libanon und im Beirut nichts zu suchen hatte.
</p>
<p>
<b>supertobi:</b> Halten sich denn noch israelische Kollegen<br />
im Libanon auf? Falls ja: Wie wirkt sich denn das unsägliche<br />
Leid dort auf ihre Arbeit aus?
</p>
<p>
<b>Patrick Leclercq:</b> Ich persönlich habe noch keine getroffen,<br />
kann mich aber erinnern, dass das in früheren Zeiten durchaus<br />
der Fall war. Das Problem dürfte dieses Mal für israelische<br />
Kollegen die Einreise sein. Syrien würde sie mit Sicherheit<br />
zurückweisen.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Woher bekommen israelische Journalisten<br />
ihre Informationen?
</p>
<p>
<b>Patrick Leclercq:</b> Die israelischen Journalisten befinden sich sozusagen<br />
auf den Spuren der israelischen Armee. Sie müssen sich also<br />
vorstellen, dass sie praktisch den israelischen Soldaten nachrücken<br />
oder auch &quot;embedded&quot; sind und sich so ihre Informationen<br />
beschaffen.
</p>
<p>
<b>Mischa-E</b>: Ständige Auseinandersetzungen mit<br />
radikalen Palästinensern, jetzt ein Krieg mit der Hisbollah<br />
im Libanon: Syrien und der Iran sind nicht weit von einer Beteiligung<br />
entfernt. Wie weit kann Israel noch gehen und wie weit werden die<br />
USA das mittragen?
</p>
<p>
<b>Patrick Leclercq:</b> Israel wird immer soweit gehen, wie es meint,<br />
dass es notwendig ist, um seine Sicherheit zu gewährleisten.<br />
Sicherheit ist das große Stichwort, wenn man die Politik Israels<br />
verstehen will.
</p>
<p>
<b>ojo:</b> Wird in ihrem Arbeitsalltag von einer der<br />
Seiten, oder beiden Seiten, versucht, auf Ihre Berichterstattung<br />
Einfluss zu nehmen? Wenn ja, in welcher Form?
</p>
<p>
<b>Patrick Leclercq:</b> Hier im Libanon findet keinerlei Zensur statt<br />
im Gegensatz zu anderen arabischen Ländern. Das war übrigens<br />
schon immer so. Es gibt wahrscheinlich im Libanon die beste Presse<br />
in der arabischen Welt. Auflagen gibt es, z.B. wenn wir Einrichtungen<br />
der Hisbollah filmen wollen oder wenn wir uns in einem Gebiet bewegen<br />
wollen, das von der Hisbollah kontrolliert wird.
</p>
<p>
<b>Swann:</b> Haben Sie Informationen, inwieweit die<br />
Zivilbevölkerung aus dem Süden Libanons geflohen ist?<br />
Wird diese Flucht möglicherweise von Dauer sein?
</p>
<p>
<b>Patrick Leclercq:</b> Es sind im Moment rund eine Million Menschen.<br />
Man muss in diesem Zusammenhang, glaube ich, inzwischen von einer<br />
Vertreibung sprechen. Es gibt Kollegen, die der Ansicht sind, dieses<br />
sei ein auf Dauer angelegtes Szenario für den Süden des<br />
Libanon. Ich persönlich glaube und hoffe das nicht. Ich denke,<br />
die Menschen werden in einigen Wochen in ihre Dörfer zurückkehren<br />
können. Allerdings: Die Dörfer sind großteils zerstört<br />
und die Infrastruktur auch.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Das waren 60 hochinteressante Minuten<br />
tagesschau-Chat mit dem ARD-Korrespondent Patrick Leclercq. Wir<br />
bedanken uns bei allen, die mitgemacht haben und bitten um Verständnis,<br />
dass wir nicht alle Fragen berücksichtigen konnten. Besonderer<br />
Dank gilt Patrick Leclercq, der sich trotz der schwierigen Umstände<br />
Zeit für uns genommen hat.
</p>
<p>
<b><b>Patrick Leclercq:</b></b> Ich bedanke mich auch für<br />
das große Interesse. Wir bekommen ja die Stimmungslage in<br />
Deutschland nur zum kleinen Teil mit. Deshalb ergibt sich für<br />
mich aus den Fragen ein hochinteressantes Bild.
</p>
<p><!-- #EndEditable --></p>
<p>
<!-- Content --><br />
<span style="font-size: x-small"> </span></p>
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			</item>
		<item>
		<title>Cyberintifada? Internetnutzung in der Auseinandersetzung zwischen Israelis und Palästinensern</title>
		<link>https://www.politik-digital.de/cyber-intifada-oder-propagandakrieg/extremismushkirchner_intifada-shtml-2451/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[hkirchner]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 29 Nov 2000 23:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Cyber-Intifada oder Propagandakrieg?]]></category>
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		<category><![CDATA[Informationssicherheit]]></category>
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					<description><![CDATA[Am 6. Oktober 2000 gelang es einigen israelischen Hackern, mehrere Websites der libanesischen Hizbullah "abzuschießen", d.h. sie der öffentlichen Nutzung zu entziehen. Dies geschah nur kurze Zeit nach der Gefangennahme drei israelischer Soldaten durch die libanesische Miliz-Organisation. Damit begann, zumindest nach Meinung zahlreicher Medienberichte, "ein internationaler Cyberkonflikt, der in seiner Breite und in der Verwendung seiner Mittel bisher beispiellos" sei.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Am 6. Oktober 2000 gelang es einigen israelischen Hackern, mehrere Websites der libanesischen Hizbullah &#8220;abzuschießen&#8221;, d.h. sie der öffentlichen Nutzung zu entziehen. Dies geschah nur kurze Zeit nach der Gefangennahme drei israelischer Soldaten durch die libanesische Miliz-Organisation. Damit begann, zumindest nach Meinung zahlreicher Medienberichte, &#8220;ein internationaler Cyberkonflikt, der in seiner Breite und in der Verwendung seiner Mittel bisher beispiellos&#8221; sei.<!--break-->
                  </p>
<p>Auch wenn der Begriff &#8220;Cyberintifada&#8221; für Redakteurohren einen verführerischen Klang hat, so bleiben in den Berichten doch zentrale Fragen unbeantwortet: Kann man überhaupt von einer Fortsetzung des palästinensischen Aufstandes gegen die israelische Besatzung mit Mitteln der Info-Kriegsführung sprechen? Oder werden hier einzelne und spontane Aktionen von engagierten Aktivisten zu einem Krieg aufgeblasen? Und haben diese Aktionen das Potential für die Austragung zukünftiger Konflikte auf einem zusätzlichen Schauplatz? Und was bedeutet dies für die Zukunft des israelisch-arabischen Konflikts?</p>
<p>Stellt man sich diesen Fragen, so müssen als erstes einige Begriffe enger eingegrenzt werden: Welche Aktionen können unter dem Etikett &#8220;Cyberintifada&#8221; zusammengefasst werden und welche Ausmaße hat das Phänomen bisher erreicht? Wer sind die Akteure? Was sind die bisherigen Auswirkungen im aktuellen Konflikt?</p>
<p>
                    <strong>Die Ereignisse</strong>
                  </p>
<p>Die ersten &#8220;Kampfhandlungen&#8221; im Internet während der gegenwärtigen Intifada gingen von israelischer Seite aus. Nach der Entführung dreier israelischer Soldaten durch die libanesische Hizbullah auf dem umstrittenen Gebiet der Sheeba-Farmen und der anschließenden propagandistischen Aufbereitung der Aktion durch die Hizbullah-Medien (Radio, TV und Internet) kam es zu Angriffen auf die Internet-Infrastruktur der Hizbullah im Libanon. Die Angreifer konnten &#8211; nach libanesischen Angaben &#8211; anhand der IP-Adressen in Israel lokalisiert werden.</p>
<p>
                  <a href="http://www.attrition.org/mirror/attrition/2000/12/15/www.talkislam.com/" target="_blank" rel="noopener noreferrer"><br />
                    <img fetchpriority="high" decoding="async" height="200" alt="Beispiel für einen Angriff israelischer Hacker" hspace="5" src="/edemocracy/images/i-def3.jpg" width="250" align="left" vspace="5" border="0" /><br />
                  </a>Die israelischen Aktionen konzentrierten sich anfangs auf die Verbreitung des Hizbullah-TV über Internet (<br />
                  <a href="http://www.almanar.com.lb" target="_blank" rel="noopener noreferrer">www.almanar.com.lb</a> und<br />
                  <a href="http://www.manartv.com" target="_blank" rel="noopener noreferrer">www.manartv.com</a>) sowie direkt auf die Webpräsenzen der Miliz und ihrer Leitfiguren (<br />
                  <a href="http://www.hizbullah.com" target="_blank" rel="noopener noreferrer">www.hizbullah.com</a>,<br />
                  <a href="http://www.moqawama.org" target="_blank" rel="noopener noreferrer">www.moqawama.org</a> und<br />
                  <a href="http://www.nasrallah.net" target="_blank" rel="noopener noreferrer">www.nasrallah.net</a>). Zugleich wurden die Websites der palästinensischen Autonomiebehörde (<br />
                  <a href="http://www.pna.org" target="_blank" rel="noopener noreferrer">www.pna.org</a> und<br />
                  <a href="http://www.pna.net" target="_blank" rel="noopener noreferrer">www.pna.net</a>) sowie eine &#8220;inoffizielle&#8221; HAMAS-Homepage (<br />
                  <a href="http://www.hamas.org" target="_blank" rel="noopener noreferrer">www.hamas.org</a>) attackiert.</p>
<p>Wenig später wurden auch interne Hizbullah-Server direkt über ihre IP-Adressen angegriffen (z.B. 207.222.197.194 und 216.147.45.137), was der Webmaster der Hizbullah, Ali Ayoub, mit der Vermutung kommentierte, dass diese Aktionen nicht von Amateur-Hackern, sondern direkt vom israelischen Geheimdienst ausgingen.</p>
<p>Die Angriffe liefen alle nach dem gleichen Muster ab: Innerhalb weniger Minuten wurden mehrere Millionen Hits, also Zugriffe, auf diese Sites erzeugt und diese so zum Absturz gebracht.</p>
<p>Pro-palästinensische Aktivisten reagierten prompt. Die Reaktion gegen israelische Rechner fiel dermaßen massiv aus, dass zahlreiche offizielle israelische Websites vom Netz gingen. Als die Attacken auch nach mehreren Tagen andauerten, konnten die entsprechenden Sites nicht mehr in Israel gehostet werden. Sie wurden auf speziell gesicherte Rechner von AT&amp;T in die USA verlagert: Für die High-Tech-Nation Israel mit zahlreichen auf Sicherheitsfragen spezialisierten Unternehmen eine Blamage.</p>
<p>
                  <a href="http://www.attrition.org/mirror/attrition/2001/01/30/www.sharon.org.il/" target="_blank" rel="noopener noreferrer"><br />
                    <img decoding="async" height="199" alt="Beispiel für einen Angriff palästinensischer Hacker" hspace="5" src="/edemocracy/images/p-def3.jpg" width="250" align="left" vspace="5" border="0" /><br />
                  </a>Zu den angegriffenen israelischen Websites zählten die der israelischen Armee (<br />
                  <a href="http://www.idf.il" target="_blank" rel="noopener noreferrer">www.idf.il</a>, heute noch offline), der Knesset (<br />
                  <a href="http://www.knesset.gov.il" target="_blank" rel="noopener noreferrer">www.knesset.gov.il</a>), des Büros des Ministerpräsidenten (<br />
                  <a href="http://www.pmo.gov.il" target="_blank" rel="noopener noreferrer">www.pmo.gov.il</a>), der Fluggesellschaft El-Al (<br />
                  <a href="http://www.elal.co.il" target="_blank" rel="noopener noreferrer">www.elal.co.il</a>), der Tel Aviver Börse (<br />
                  <a href="http://www.tase.co.il" target="_blank" rel="noopener noreferrer">www.tase.co.il</a>), der Bank of Israel (<br />
                  <a href="http://www.bankisrael.gov.il" target="_blank" rel="noopener noreferrer">www.bankisrael.gov.il</a>) sowie zahlreicher Ministerien. Der größte israelische Internet Provider, Netvision (<br />
                  <a href="http://www.netvision.net.il" target="_blank" rel="noopener noreferrer">www.netvision.net.il</a>), der 70% der israelischen Internetzugänge abwickelt, war mehrere Stunden offline.</p>
<p>Die Folgen für die betroffenen Unternehmen und Behörden waren hohe Kosten und eine Riesenblamage. Im November 2000 verlangte deshalb der Internet-Ausschuss der Knesset, &#8220;Cyberterrorismus&#8221; zu einem &#8220;Internationalen Verbrechen&#8221; zu erklären. Das israelische Außenministerium verurteilt die Aktionen der &#8220;Digitalen Vandalen&#8221; als &#8220;Cyberterrorismus&#8221; und vergleicht sie mit den &#8220;Buchverbrennungen der Vergangenheit&#8221;.</p>
<p>Nach der Verlagerung der israelischen Websites zu AT&amp;T wurden auch Server dieses Unternehmens angegriffen. Schon der Umzug an sich wurde von palästinensischer Seite bereits als Erfolg im &#8220;Cyber War One&#8221; bejubelt, da &#8220;Israel wieder unter die Röcke der USA schlüpfen musste&#8221; (so ein Kommentar unter<br />
                  <a href="http://www.arabhackers.org" target="_blank" rel="noopener noreferrer">www.arabhackers.org</a>). In den ersten drei Monaten der Intifada wurden mehr als 170 israelische Webserver gehackt.</p>
<p>Bei dem, was hier salopp unter Cyberintifada zusammengefasst wird, handelt es sich eigentlich um verschiedene Niveaus im Zugriff auf fremde Rechner:</p>
<ul>
<li>&#8220;klassisches&#8221; Hacken/Cracken inkl. Defacement;</li>
<li>Sabotage bzw. Sabotageversuche von Infostrukturen mittels DDoS bzw. Floodnet;</li>
<li>Propaganda auf den Infosites der Gegenseite.</li>
</ul>
<p>In weiterem Sinn könnte man auch die zahlreichen Initiativen besonders auf palästinensischer Seite dazufügen, die versuchen, der israelischen Propaganda ihre Sicht der Dinge entgegenzustellen (so z.B. Electronic Intifada,<br />
                  <a href="http://www.electronicintifada.org">www.electronicintifada.org</a>).</p>
<p>Zur technischen Vorgehensweise:</p>
<ul>
<li>&#8220;Defacement&#8221; nennt sich das Einbrechen in einen fremden Webserver, das Überwinden der Sicherheitseinrichtungen wie Passwörter und Firewalls und das anschließende Verändern der Inhalte auf der Website;</li>
<li>DoS: (Denial of Service) Ein Rechner wird mit soviel Anfragen überhäuft, dass er nicht mehr in der Lage ist, auf jede zu antworten. Die Steigerung ist der &#8220;Distributed Denial of Service&#8221; (DdoS) Angriff, bei dem die Anfragen über die Rechner unbeteiligter Dritter laufen. Der Urheber des Angriffs ist so nicht zu identifizieren.</li>
</ul>
<p>Ein beliebtes Tool für DoS- und DdoS-Aktionen ist Floodnet, eine Art automatisierter Reload-Button. Öffentlich präsentiert wurde Floodnet auf der ars e-lectronica in Linz 1998. Es wurde Anfang 1999 zur Unterstützung der mexikanischen Zapatisten verbreitet, um die offiziellen mexikanischen Sites anzugreifen. Auch Floodnet arbeitet mit der Überlastung der anvisierten Zielserver und nutzt hierzu verteilte Rechner. Allerdings arbeitet Floodnet mit der Zustimmung der Nutzer dieser Rechner. Es ist ein Kampagnentool. Die Urheber bezeichnen es als &#8220;Mittel des zivilen elektronischen Widerstands&#8221;. Eine Website würde nicht zerstört, wichtige Daten würden nicht vernichtet. Die Website würde quasi &#8220;gewaltfrei besetzt&#8221;. Floodnet funktioniert nur mit Massenbeteiligung.</p>
<p>Weitere Tools (einige wurden eigens aus diesem Anlass geschaffen) sind Evilping (kleinste Pakete werden an die angegriffene IP-Adresse geschickt und 10000-fach verstärkt) und Quickfire (das E-Mails nach dem Versenden 32000-fach kopiert).</p>
<p>Mit der Zeit ändern sich die Art der Angriffe. So kommen ab März 2001 vermehrt Viren zum Einsatz. Besonders beliebt bei pro-palästinensischen Cyberaktivisten sind Würmer: Viren, welche sich selbst und eine Botschaft verbreiten. Ein Beispiel ist VBS_INJUSTICE. Dieser Virus befällt das E-Mail-Programm und verschickt sich, ein VBS (Visual Basic Script) und eine Botschaft an die ersten 50 Adressen im Adressbuch sowie an 30 Adressen in Israel. Diese fungieren erneut als Verteiler und erhalten nach der Ausführung eine Propaganda-Botschaft angezeigt. Danach werden mehrere pro-palästinensische Websites angewählt. Zum Abschluss erscheint erneut eine Nachricht, in der sich die Erzeuger des Wurms entschuldigen und versichern, auf dem Rechner keinen Schaden angerichtet zu haben. Dieser Virus fungiert als Propaganda-Instrument sowie auch als DdoS-Tool gegen die anvisierten Mailserver in Israel, die wegen Überlastung kollabieren sollen.</p>
<p>Die im Gegenzug ab April/Mai 2001 von israelischer Seite aus eingesetzten Viren hingegen waren gegen die IT-Infrastruktur pro-palästinensischer Aktivisten gerichtet und sollten diese zerstören. Besonders berüchtigt wurde in diesem Zusammenhang ein von Israel aus als Computerspiel verbreitetes Programm, welches den Namen des spirituellen Führers der HAMAS benutzte (Yassine.exe) und beim befallenen Rechner Systemdateien löschen und so zu einem Absturz und Datenverlust führen sollte.</p>
<p>
                    <strong>Die Akteure:</strong>
                  </p>
<p>Bei einer Analyse der Personen und Gruppierungen, die sich an den Aktionen gegen die Info-Struktur der jeweiligen Gegenseite beteiligten, können die Akteure wie folgt unterteilt werden:</p>
<ul>
<li>Politische Aktivisten beider Seiten</li>
<li>Professionelle Hacker</li>
<li>Amateure, sog. Script Kiddies</li>
<li>Eventuell: Geheimdienste (was sich weder belegen noch ausschließen lässt)</li>
</ul>
<p>Während es auf israelischer Seite sehr junge (14-17jährige), aber gut ausgestattete und organisierte Hacker waren, welche die Auseinandersetzung auf diesem Terrain eröffneten, agierten auf der Gegenseite anfangs zumeist Amateure. Selbst für Sabotageaktionen sind zur Zeit eigentlich keine großen technischen Kenntnisse erforderlich, da einfach Programme wie Floodnet u.ä. eingesetzt werden können.</p>
<p>Nach den ersten Medienberichten haben zahlreiche übernationale Gruppen von Hackern, aufgespalten entlang nationalistischer, religiöser und ethnischer Grenzlinien, begonnen, sich an der nun in zahlreichen Medien so genannten Cyberintifada zu beteiligen. Für diese Gruppen allerdings sind Bezugnahmen auf nationalistische, moralische oder humanitäre Motive wie z.B. eine Stellungnahme für die Sache der Palästinenser nur Alibis für eine Selbstinszenierung. Das Defacement einer Website ist in erster Linie eine Frage des Prestiges. Der israelisch-palästinensische Konflikt schien ein große Aufmerksamkeit zu garantieren.</p>
<p>Auf palästinensischer Seite agierten WFD (Worlds Fantabulous Defacers), Silver Lords (mit 821 geknackten Websites z.Zt. eine Art &#8220;Weltrekord-Inhaber&#8221;), Gforce Pakistan und Dr. Nuker (ebenfalls Pakistan). Als pro-israelisch lassen sich m0sad team und InfernoZ einordnen.</p>
<p>Diese Gruppen sind zumeist transnational, haben aber &#8220;reale&#8221; lokale Schwerpunkte: Die pro-palästinensischen zumeist Pakistan; die pro-israelischen Russland und Israel.</p>
<p>Als letzte Teilnehmer stiegen die politischen Aktivisten beider Seiten ein. So agierten ab Mai 2001 von arabischen Ländern aus die Gruppen LinuxLover (Ägypten) und saudi-hackers (Saudi-Arabien). Von israelischer Seite sind es zumeist Aktivisten der ADL (Ant-Difamation-League) und AIPAC in den USA sowie Computer-begeisterte Jugendliche in Israel. Diese sog. &#8220;Script-Kiddies&#8221; werden zu dieser Zeit bereits von Unternehmen aus der israelischen Computerbranche gesponsert.</p>
<p>Warum sich keine in den Autonomiegebieten lebenden Palästinenser beteiligten erklärt ein Blick auf die sehr unterschiedliche Ausgangslage bei der IT-Infrastruktur: Israel fühlt sich den Palästinensern in diesem Bereich haushoch überlegen &#8211; und ist es auch wohl. Es verfügt über eine High-Tech-Industrie, die sich zudem auf Sicherheitstechnologien spezialisiert hat. Die palästinensischen Gebiete besitzen hingegen als einzigen Trumpf &#8211; auch durch europäische Aufbauhilfe finanziert &#8211; das größte Glasfasernetz der arabischen Welt. Die Dichte der Internetanschlüsse entspricht allerdings bei weitem nicht derjenigen Israels. Nur 11% der Haushalte in den palästinensischen Gebieten haben einen Computer und nur 2% haben einen Internetzugang. Die durchschnittlichen monatlichen Kosten für einen Internetzugang betragen 25$, das Durchschnittseinkommen liegt bei mittlerweile nur noch 250$ im Monat &#8211; Tendenz fallend. Viele Palästinenser kennen das Internet höchstens aus dem Fernsehen, es sei denn, sie studieren oder können sich die Nutzung in Internet-Cafés leisten.</p>
<p>Wahrscheinlich deshalb gingen die Aktionen pro-palästinensischer Aktivisten &#8211; israelischen Angaben zufolge &#8211; von den USA, Europa, den Golfstaaten, Ägypten und dem Libanon aus &#8211; in dieser Reihenfolge.</p>
<p>
                    <strong>Auswirkungen</strong>
                  </p>
<p>Kann nun von einer &#8220;Cyberintifada&#8221; gesprochen werden? Wenn wir die Definition eines Cyber-Konflikts betrachten, so umfasst dieser:</p>
<ul>
<li>Gezielter Einsatz von Informationstechnologie zur Bekämpfung feindlicher Ziele;</li>
<li>Unbemerktes Eindringen in Netzwerke;</li>
<li>Abhöraktivitäten elektronischer Kommunikation (Echolon, Carnivore);</li>
<li>Zerstören von IT-Infrastruktur;</li>
<li>Desinformation;</li>
<li>Mit anderen Formen der Kriegsführung koordiniertes Vorgehen.</li>
</ul>
<p>Diese Kriterien können nicht als erfüllt angesehen werden. Es handelt sich mehr um eine lockere Abfolge von Kampagnen als um eine koordinierte Aktion. Die meisten Handlungen haben nicht die Sabotage als Ziel. Vielmehr sollte Propaganda verbreitet und die Gegenseite vorgeführt werden.</p>
<p>
                    <strong>Perspektiven</strong>
                  </p>
<p>Die &#8220;Cyberintifada&#8221; seit dem 6.10.2000 stellt keine neue Qualität von Konflikt dar, aber sie stellt Online-Aktionen wie Defacement oder Viren zum ersten Mal in den konkreten Kontext einer Auseinandersetzung. Es kann eine beunruhigende Steigerung beobachtet werden: Von der Propaganda über mobilisierenden Aktivismus und das Defacement von Webseiten zu Ansätzen von Sabotage. Die Handlungen bleiben allerdings unkoordiniert. Herausstechendes Merkmal auf beiden Seiten ist die Romantisierung der Cyberkriegsführung &#8211; sowohl in Israel wie auch in der Arabischen Welt. Dies trägt dazu bei, in Zukunft die Spirale weiterzutreiben.</p>
<p>Auf Arabischer Seite wird vor allem der Erfolg gegen die High-Tech-Supermächte Israel und USA gefeiert: &#8220;I say far-reaching implications because it drives home the vulnerability of the US and Israel, the two countries that claim they are hi-tech and have vital interests on the net-work.&#8221; (so unter<br />
                  <a href="http://www.arabhackers.org" target="_blank" rel="noopener noreferrer">www.arabhackers.org</a>)</p>
<p>Alles in allem gibt die &#8220;Cyberintifada&#8221; einen Vorgeschmack auf die neue Dimension von Low-Intensity-Konflikten, besonders wenn eine Partei &#8211; in diesem Fall Israel &#8211; besonders angreifbar ist. Die technologische Rückständigkeit und die aufgrund der ökonomischen Lage und der Besatzung unterentwickelte Internet-Nutzung der Palästinenser ist für diese eher von Vorteil.</p>
<p>Ein Kennzeichen von Cyberkonflikten ist, dass sie mit Softwareprogrammen geführt werden können, die auf handelsüblichen PCs und Laptops laufen, öffentliche Telefonleitungen nutzen und dass die &#8220;Waffen&#8221; dieser Konflikte via Internet verbreitet werden können. Deshalb werden die zukünftigen Gefechtsfelder unüberschaubar sein. Schon im gegenwärtigen Nahostkonflikt agieren die Beteiligten weltweit.</p>
<p>Bedrohungsszenarien für die Zukunft gibt es viele: Stören militärischer Kommunikation; Stören der Telekommunikation eines Landes; breit angelegte Virenangriffe. Dass dies für die israelisch-arabische Auseinandersetzung nicht so weit hergeholt ist, wie es jetzt erscheinen mag, zeigt folgendes Beispiel: Drei arabische Israelis, Betreiber eines Computerladens, wurden nach israelischen Presseberichten im Mai 2001 in Tel Aviv verhaftet. Sie waren in Rechner eines Kernforschungszentrums eingedrungen und hatten versucht die Funkverbindungen des israelischen Militärs zu sabotieren.</p>
<p>Bislang jedenfalls ist die sogenannte &#8220;Cyberintifada&#8221; noch keine neue Kampfform, sondern eher ein Propaganda-Geplänkel auf einem Nebenschauplatz. Da es sich aber um einen Konflikt von noch nicht absehbarer Dauer handelt und die Akteure vermutlich die gleichen bleiben werden und dazulernen, kann diese &#8220;Cyberintifada&#8221; auch als eine Sammlung von Fingerübungen angesehen werden.</p>
<p>
                    <!-- Content Ende --></p>
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