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	<title>Intellektueller &#8211; politik-digital</title>
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		<title>Zum Diskurselend der kriegsversehrten Intellektuellen</title>
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		<pubDate>Wed, 31 Mar 1999 23:00:00 +0000</pubDate>
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		<category><![CDATA[Kosovo-Krieg]]></category>
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Goedart Palm in einem Essay über das Diskurselend der kriegsversehrten Intellektuellen in Deutschland
</p>
<p>
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Goedart Palm in einem Essay über das Diskurselend der kriegsversehrten Intellektuellen in Deutschland
</p>
<p>
<!--break-->
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,helvetica"><br />
Zu Beginn der siebziger Jahre, als Altkanzler Brandt<br />
provokativ mehr Demokratie, nicht nur im Staat,<br />
sondern auch in der Gesellschaft wagen wollte, waren<br />
sie auf einmal da: Die Intellektuellen. Ihre plurale Rolle<br />
zwischen Kultur und Politik war zwar gesellschaftlich<br />
angefochten, vermuteten doch einige, daß Ratten und<br />
Schmeißfliegen diskursiven Unrat über das Volk<br />
brachten, aber das reflexive Selbstverständnis<br />
leuchtete mit neuer Kraft und Herrlichkeit. Auf die<br />
selbstgestellte Frage, ob sie den &quot;opinion leaders&quot; oder<br />
selbstverlorene Schwätzer seien, die folgenlos dem<br />
Weltgeist hinterherhechelten, sollte kein neuerliches<br />
Verdikt folgen, daß sie innere Emigration äußerem<br />
Widerstand bevorzugten? &quot;Nicht länger schweigen&quot; war<br />
das spät entdeckte Fazit in der quälenden<br />
Retrospektive ihrer historischen Abwesenheit, von der<br />
Nationalsozialismus und Stalinismus gleichermaßen<br />
profitierten. Ihr neues altes Problem damals: Ob sie<br />
denn etwas veränderten mit wohlwissenden Diskursen,<br />
aufklärenden Reden, Antifa-Pamphleten und<br />
mediengerechten Menschenrechtstribunalen a la<br />
Bertrand Russel. In dieser Aporie befangen konnten sie<br />
sich zwar nicht über ihre gesellschaftliche<br />
Wirkungsmächtigkeit einigen, aber die Plädoyers der<br />
Intellekuellen lösten zugleich das von Sartre vertretene<br />
Plädoyer für die Intellektuellen ein. Vom Diskurs zur<br />
Tat pochte die Intelligentsia auf öffentliche<br />
Aufmerksamkeit und einige wechselten sogar die<br />
Waffen, um folgenreicher dem Weltgeist auf die<br />
Sprünge zu helfen. Nicht nur Heinrich Böll<br />
demonstrierte in Mutlangen, Demos wurden zum<br />
intellektuellen Stelldichein, das nicht länger in<br />
Debattierclubs oder im Saale, sondern auf der hart<br />
asphaltierten Straße der Meinungsfreiheit stattfinden<br />
sollte. Ulrike Meinhof und andere entschieden sich<br />
dagegen für den bewaffneten Kampf, der endgültig das<br />
Elend der Intellektuellen ratifizierte, daß Textsorten<br />
zwar gegen Maschinenpistolen ausgetauscht werden<br />
können, aber deshalb noch lange nicht bessere<br />
Gesellschaften zurücklassen. Im Dissens der Mittel<br />
und Methoden herrschte glechwohl die relative Einigkeit<br />
der Einzelgänger, daß Einmischung zum literarischen<br />
Arsenal gehört, wenn Kultur mehr als ein Blütentraum<br />
gewaltgrundierter Gesellschaften sein soll. </span>
</p>
<p><span style="font-size: x-small; font-family: Arial,helvetica"></span></p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,helvetica">               Diese Emanzipation der Bescheidwisser ist nach<br />
Jahrzehnten medialer Folgenlosigkeit nun bis zur<br />
Unerkennbarkeit ihrer politischen Profile weich- und<br />
rundgespült worden. So legt die geistige Avantgarde im<br />
ersten Krieg der Bundesrepublik Deutschland seit dem<br />
Zweiten Weltkrieg vorsichtige Glaubensbekenntnisse<br />
ab, windet sich gegenüber der windigen<br />
Weltwetterlage, reklamiert Betroffenheit und<br />
schleichende Apathie macht sich da breit, wo früher<br />
mehr oder weniger fröhliches Räsonnement den<br />
widrigen Verhältnissen ins dummgrinsende<br />
Mediengesicht spuckte. Vordem war der diskursive<br />
Elan noch ideologisch durch die Antagonismen des<br />
Systemdenkens zwischen Ost und West gesichert,<br />
wurde praktisch demonstriert, was programmatisch<br />
vorbereitet war. Globale Verbrüderung im Zeichen des<br />
Dollars, ideologischer Kollaps und Mauerfall scheinen<br />
in Nachhinein nicht nur die politischen<br />
Welterschließungsweisen entschärft zu haben,<br />
sondern auch das Selbstvertrauen des Geistesadels in<br />
die eigene Genealogie der Moral schleichend<br />
anästhesiert zu haben.   </span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,helvetica">               Vage stehen zwar intellektueller Diskurs und politische<br />
Praxis noch immer im Zusammenhang, aber die<br />
NATO-Doktrin des gerechten Humankrieges hat die<br />
vorauseilenden Bescheidwisser bis zur Sprachlosigkeit<br />
gelähmt. Als Losung mag dieser Aphasie Adornos<br />
negativdialektisches Aperçu dienen &quot;Es gibt kein<br />
richtiges Leben im falschen&quot;. Darauf verständigt sich<br />
jedenfalls die aufgeklärte Staatsräson Außenminister<br />
Fischers, der öffentlich über das Für und Wider des<br />
Krieges reflektiert, ohne damit im Gegensatz zu seinen<br />
Freunden alter Seilschaften die geringste<br />
Handlungsschwäche zu legitimieren. Zwischen einem<br />
klaren &quot;Ja&quot; und einem entschiedenen &quot;Nein&quot; liegt<br />
inzwischen ein nicht minder entschiedenes &quot;Jein&quot; für<br />
den NATO-Krieg. &quot;Wir machen uns immer schuldig,<br />
also bomben wir&quot; lautet der kategorische Imperativ der<br />
neohumanen Spätaufklärung. Allein über dem<br />
sehnsüchtig perhorreszierten showdown des<br />
Bodenkrieges mag noch einige Tage diskursiver<br />
Schleier liegen, bis auch diese Jungfrau von<br />
medi-zynischen &quot;spin-doctors&quot; vom Schlage Jamie<br />
Sheas enthüllt wird. Wie soll sich da noch intellekueller<br />
Widerstand gegen die Omnipotenz der<br />
Menschenfreunde rühren? </span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,helvetica">               Intellektuelle umspielen inzwischen den gerechtesten<br />
aller Angriffskriege mit diskursiven Arabesken, die das<br />
Selbstverständnis pluralistischer Demokratien im<br />
Feuilleton nachglasiert. Dieter Forte weiß etwa mit<br />
Erasmus, daß ein Friede nie so ungerecht sei, daß er<br />
nicht dem gerechtesten Krieg vorzuziehen wäre. Ein<br />
humanistisches Zeigefingerchen &#8211; fernab lautstarker<br />
Demos und des paramilitärischen Drucks der Straße.<br />
Aber ist der Humanist von Rotterdam, der selbst seine<br />
Zeitgenossen &#8211; etwa Luther oder Ulrich von Hutten &#8211; mit<br />
der Enthaltsamkeitspolitik des weltabgewandten<br />
Bibliothekenbewohners nicht zu überzeugen<br />
vermochte, noch länger Gewährsmann in einer<br />
spätmodernen Gesellschaft? Wer heute in der<br />
inflationären Währung flüchtiger Aufmerksamkeiten für<br />
seine Meinung zahlen muß, kann nicht auf<br />
Kalenderblätter rekurrieren, sondern muß sein<br />
Diskursethos mit ungleich schärferer Präzision<br />
aufrüsten.  </span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,helvetica">               Harald Schmidt hält den Kosovokrieg in seiner<br />
&quot;Late-Show&quot; nicht für satirefähig; lang vergessen ist<br />
Tucholskys Dekret, daß Satire alles darf. Diese in der<br />
Weltbühne für die &quot;comédie humaine&quot; ausgestellte<br />
Blankovollmacht des Antimilitarismus wird nicht länger<br />
gegengezeichnet, weil Einschaltquoten zuletzt der<br />
gefährlichen Kritik an selbstbewußter Globalhumanität<br />
geopfert werden dürfen. Das satirische Mediengesetz<br />
des folgenlosen Frohsinns lautet: Wir dürfen uns<br />
totlachen, aber nicht über den Tod lachen! Harald<br />
Schmidt bietet indes ersatzweise an, aus solidarischen<br />
Gründen im Kosovo anzutreten, wenn der Krieg länger<br />
währen sollte. Also doch: Lachsalven<br />
bundesrepublikanischer Friedens-engel als<br />
mediengerechte Saldierung von Breitseiten?  </span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,helvetica">               Dem ubiquitären Essayisten Enzensberger gar fällt<br />
zum Kosovo überhaupt nichts mehr ein, obwohl ihn<br />
noch zuvor die historisch hoch-originelle Erkenntnis<br />
zum öffentlichen Glaubensbekenntnis trieb, daß<br />
Saddam Hussein Hitler sei. Zumindest die<br />
amerikanische T-Shirt-Industrie überzeugte er damit.<br />
Welcher diskursive Nährwert sich mit<br />
Geschichtsklitterungen der dritten Art verbindet, bleibt<br />
freilich heute so offen wie damals, als der gerechte<br />
Medienkrieg noch in den Kinderschuhen marschierte.<br />
Vergessen ist nun mit Tucholsky auch Karl Kraus, dem<br />
seine Einfallslosigkeit gegenüber Hitler zu einer seiner<br />
stärksten Widerreden und sichersten Prognosen gegen<br />
den damals noch jungen Faschismus geriet. Der alte<br />
Enzensberger hält die möglichen Meinungen dagegen<br />
für hinreichend repräsentiert. Hier markiert sich das<br />
Diskurselend der vormals selbstbewußten Mandarine<br />
am nachhaltigsten: Alle reden vom Krieg. Wir nicht.<br />
Christa Wolf verwehrt sich dagegen, diese<br />
Sprachlosigkeit als Zeichen von Gleichgültigkeit oder<br />
Feigheit zu werten, sieht sie sich doch in einer<br />
Zwangslage, aus der sie keinen Ausweg weiß. Sartre<br />
hatte dieser Selbstbescheidung der Schreibenden noch<br />
eine klare Absage erteilt: &quot;Aufgabe des Intellektuellen<br />
ist es, seinen Widerspruch für alle zu leben und ihn<br />
durch Radikalität (das heißt durch die Anwendung der<br />
exakten Techniken auf die Lüge und Illusionen) für alle<br />
zu überwinden&quot;. So wird es zum Treppenwitz der<br />
Geschichte, daß ausgerechnet der selbsternannte<br />
&quot;Bewohner des Elfenbeinturms&quot; und<br />
harmlos-prätentiöse &quot;Publikumsbeschimpfer&quot; Handke<br />
zum glühenden Gegner militärisch verabreichter<br />
Menschlichkeit wird. Die Rückgabe des 1973<br />
erhaltenen Büchner-Preises und der Kirchenaustritt<br />
sind zwar wenig mehr als stumpfe Klingen im<br />
schneidigen Gefecht und die proserbische Paranoia ist<br />
alles andere als ein geschmacksneutrales Placebo,<br />
aber wenigstens leuchtet hier der alte Zorn der<br />
Kopfkrieger wieder auf, der anderenorts abhanden kam. </span>
</p>
<p><span style="font-size: x-small; font-family: Arial,helvetica">               Verkümmern die Intellektuellen nun endgültig zum<br />
feuilletonistischen Appendix globaler<br />
Mediengesellschaften, die den Diskurs den Politikern<br />
überlassen, weil die doch größere Köpfe, zumindest<br />
aber intellektuell nicht anfechtbare<br />
Informationsprivilegien besitzen? Während die<br />
späteuroamerikanischen Öffentlichkeiten zu<br />
Risikogesellschaften mutierten, haben nicht nur die<br />
deutschen Geistesriesen das diskursive Risiko aus<br />
ihrem Arsenal der Selbst- und Fremdverständigung<br />
verbannt. Nicht länger hält sich das Wissen, daß das<br />
Denken sich in Vorläufigkeit und Versuch bescheiden<br />
kann, ohne der larmoyanten Apathie eigener Folgen-<br />
und Sprachlosigkeit zu verfallen. Aus der vormaligen<br />
Hitze ideologischer Fronten mag kein einfacher Weg in<br />
das Experiment tastenden, gleichwohl selbstgewissen<br />
Denkens zurückführen. Aber allein diesen<br />
Welterschließungsmodus meinte Adorno, als er die<br />
&quot;minima moralia&quot; gegen die Arroganz der<br />
Besserwissenden ins Feld führte &#8211; nicht aber den<br />
Dezisionismus von Handelnden, die sich einen<br />
schnellen Endreim auf die ungereimten Verhältnisse<br />
machen, um doch nur prosaisch draufzuschlagen. Im<br />
freiwilligen Exil der Selbstpazifizierung der<br />
Intellektuellen erleben wir jetzt die armseligste Stunde<br />
des postideologischen Geistes. Endgültig scheint der<br />
Strukturwandel der Öffentlichkeit dahin, wird der<br />
Diskurs wieder an die Auguren des Handelns<br />
abgetreten, schweigen oder säuseln die, die doch<br />
reden müssen, wenn wir an ihre Existenz glauben<br />
sollten</span></p>
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