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	<title>Jörg Seisselberg &#8211; politik-digital</title>
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	<title>Jörg Seisselberg &#8211; politik-digital</title>
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	<item>
		<title>&#8220;Auf die Dauer einer Prodi-Regierung nehme ich keine Wetten an.&#8221;</title>
		<link>https://www.politik-digital.de/chattranscripte/quotauf_die_dauer_einer_prodiregierung_nehme_ich_keine_wetten_anquot-147/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[mullrich]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 11 Apr 2006 23:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Chattranscripte]]></category>
		<category><![CDATA[Parlamentswahl]]></category>
		<category><![CDATA[Romano Prodi]]></category>
		<category><![CDATA[Silvio Berlusconi]]></category>
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		<category><![CDATA[Außenpolitik]]></category>
		<category><![CDATA[Italien]]></category>
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					<description><![CDATA[<p class="fett">
Am Mittwoch, den 12. April, war Jörg 
Seisselberg, Korrespondent der ARD in Rom, zu Gast im tagesschau-Chat 
<span style="font-size: x-small">in Kooperation mit politik-digital.de.</span> Er 
beantwortete Fragen über Wahlgewinner und -verlierer und warf 
einen Blick auf die möglichen Entwicklungen in Italien.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p class="fett">
Am Mittwoch, den 12. April, war Jörg<br />
Seisselberg, Korrespondent der ARD in Rom, zu Gast im tagesschau-Chat<br />
<span style="font-size: x-small">in Kooperation mit politik-digital.de.</span> Er<br />
beantwortete Fragen über Wahlgewinner und -verlierer und warf<br />
einen Blick auf die möglichen Entwicklungen in Italien.<!--break-->
</p>
<p>
<span class="fett">Moderator: </span>Liebe Italien-, Berlusconi-<br />
und Prodi-Fans, willkommen zum tagesschau-Chat. Herzlichen Gruß<br />
nach Rom. Dort ist unser Korrespondent Jörg Seisselberg, der<br />
für die ARD Land und Leute und die Wahl beobachtet hat. Vielen<br />
Dank, Herr Seisselberg, dass Sie in diesem hektischen Aus- und Nachzählungsmarathon<br />
Zeit für den Chat haben. Fragen stellen können Sie jederzeit,<br />
die Moderatoren sortieren und sammeln. Wenn Sie sich in ihrer Frage<br />
auf eine Antwort von Jörg Seisselberg beziehen, schreiben Sie<br />
das möglichst dazu, damit wir wissen worum es geht. Frage nach<br />
Rom: Können wir beginnen?
</p>
<p>
<span class="fett">Jörg Seisselberg:</span> Können wir!
</p>
<p>
<b>Jjumper: </b>Wird sich Berlusconi einfach so, ohne<br />
um seine schwindende Macht zu kämpfen, von der Politik in der<br />
ersten Reihe verabschieden, oder wird er eher alles mögliche<br />
und unmögliche versuchen, um an der Macht zu bleiben?
</p>
<p>
<span class="fett">Jörg Seisselberg:</span> Er ist bereits<br />
dabei, alles mögliche und unmögliche zu versuchen, um<br />
sich die Macht zu erhalten. Ich glaube zwar, die von ihm gewollte<br />
Überprüfung der Wahlzettel hätte kaum Chancen, weil<br />
über die Hälfte der umstrittenen 43 000 Stimmzettel für<br />
die Abgeordnetenkammer für ihn und keine für Prodi gewertet<br />
werden müsste &#8211; nur dann würde die 25.000-Stimmen-Mehrheit<br />
von Prodi in der Kammer kippen, aber es zeigt, dass Berlusconi ein<br />
Machtmensch durch und durch ist. Einer, der die (in diesem Fall<br />
politische) Macht einfach nicht loslassen mag.
</p>
<p>
<b>Asrom: </b>Hat es Sie erstaunt, dass immer noch fast<br />
die Hälfte der Italiener Berlusconis Mitte-Rechts-Allianz gewählt<br />
haben?
</p>
<p>
<b>Jörg Seisselberg:</b> Ja und Nein. Nein, weil<br />
es in Italien eine sehr tief verwurzelte Parteienbindung gibt. Da<br />
muss schon sehr viel passieren, bevor jemand vom linken politischen<br />
Lager ins rechte und vom rechten ins linke wechselt. Das ist ein<br />
Grund, warum die Wahlergebnisse in Italien in den vergangenen Jahrzehnten<br />
immer sehr knapp sind. Ja, weil Berlusconi reichlich Gründe<br />
geliefert hat, ihn aus dem Amt zu wählen. Nullwachstum in der<br />
Wirtschaft, dramatisch sinkende Kaufkraft, Medien- und Justizgesetze<br />
in eigener Sache. Aber das scheint zumindest die Wähler des<br />
rechten Lagers nicht zu stören. Und dann gibt es immer noch<br />
viele, die Berlusconi dafür bewundern, dass er sich aus &#8216;kleinen&#8217;<br />
Verhältnissen hoch gearbeitet und zum erfolgreichsten und reichsten<br />
Unternehmer Italiens geworden ist. Ein Siegertyp halt.
</p>
<p>
<b>Phrasendrescher:</b> Der Herr der Unregelmäßigkeiten<br />
Berlusconi behauptet, dass es bei der Wahl Unregelmäßigkeiten<br />
gegeben haben soll und deutet damit indirekt eine Forderung nach<br />
einer Neuwahl an. Finden Sie das grotesk?
</p>
<p>
<b>Jörg Seisselberg:</b> Ja!
</p>
<p>
<b>Phrasendrescher:</b> Welche Maßnahmen kann Prodi<br />
gegen den Medien- und Meinungsmacher Berlusconi ausrichten? Kann<br />
er das öffentlich-rechtliche Fernsehen wieder demokratisieren<br />
und stärken?
</p>
<p>
<b>HansW:</b> Ist es zu erwarten das unter einer Regierung<br />
Prodis die Medien- und Justizgesetze die Berlusconi begünstigten<br />
abgeschafft werden?
</p>
<p>
<b>Jörg Seisselberg:</b> Wichtig ist, dass er dafür<br />
sorgt, dass das staatliche (!) Fernsehen Rai ein vernünftiges<br />
Programm macht und nicht &#8211; wie es in Italien seit Jahrzehnten üblich<br />
ist &#8211; seine politische Macht nutzt, um ihm sympathische Journalisten<br />
auf wichtige Stellen zu setzen. Die Rai muss endlich einen hohen<br />
professionellen Standard erreichen. Das wäre auch die beste<br />
Antwort auf die teilweise grausamen Kommerzprogramme von Berlusconi.
</p>
<p>
<b>Julius Goldmann:</b> Liegt es für Sie nahe, dass<br />
Berlusconi Angst vor drohenden Klagen hat und nur deswegen nicht<br />
auf seine politische Immunität verzichten will?
</p>
<p>
<b>Jörg Seisselberg:</b> Was die Prozesse von Berlusconi<br />
anbelangt, bin ich hin- und hergerissen. Zum einen legen einige<br />
Prozessakten den starken Verdacht nahe, dass er sein Wirtschaftsimperium<br />
mit nicht immer ganz koscheren Mitteln aufgebaut hat. Dafür<br />
muss er bestraft werden. Und um einer solchen Bestrafung zu entgehen,<br />
war/ist ihm seine politische Macht wichtig. Andererseits ist auch<br />
mir (als bekennendem Berlusconi-Skeptiker) die italienische Justiz<br />
nicht ganz geheuer. Ich würde zwar Berlusconis Vermutung, dort<br />
sitzen nur ihm übel gesonnene Kommunisten, nicht unterschreiben,<br />
aber es gibt unter den Richtern und Staatsanwälten auch so<br />
viele Profilneurotiker, die eine dünne Beweislage zu Riesenskandalen<br />
aufbauschen, dass auch ich gewisse Vorbehalte gegen die hiesige<br />
Justiz habe. Berlusconi hat ja auch viele Freisprüche erreicht,<br />
in Prozesse, die jahrelang das Land bewegt haben, in denen sich<br />
aber am Ende herausstellte, dass die Staatsanwälte nichts (oder<br />
zu wenig) beweisen konnten (Beispiel SME-Prozesse).
</p>
<p>
<b>26123:</b> Wie berichten eigentlich die Berlusconi-Fernsehsender<br />
über die Wahl?
</p>
<p>
<b>Rojaro:</b> Wie reagierten den die TV Sender von Berlusconi<br />
auf den Sieg von Prodi?
</p>
<p>
<b>Jörg Seisselberg: </b>Während des Wahlkampfes<br />
wurde Berlusconi von seinen Sendern hofiert, wie nicht anders zu<br />
erwarten. Was dazu führte, dass Berlusconi in einigen Wochen<br />
stundenlang auf seinen Sendern zu sehen war, sein Kontrahent Prodi<br />
aber nur wenige Minuten. Das war einem demokratischen Staat nicht<br />
würdig. Jetzt nach der Wahl sieht das nicht anders aus. Prodi<br />
taucht nur so lange auf wie nötig (gerne auch von hinten gefilmt<br />
und mit schlechter Tonqualität unterlegt), während Berlusconis<br />
Pressekonferenz zur Forderung die Wahlzettel noch einmal überprüfen<br />
zu lassen, auf einem Kanal live und in voller Länge übertragen<br />
wurde.
</p>
<p>
<b>Wakdjunkaga:</b> Nach all den Schmähungen und<br />
Beleidigungen unter der Gürtellinie &#8211; wie kann Berlusconi ernsthaft<br />
auf eine große Koalition hoffen. Was für eine Kalkulation<br />
steckt da dahinter?
</p>
<p>
<b>Eagel-F1:</b> Glauben sie, dass irgendwelche Umständen<br />
noch zu einer &#8216;Großen Koalition&#8217; führen und wenn ja,<br />
wird sich Berlusconi wirklich in die 2. Reihe drängen lassen?
</p>
<p>
<b>Jörg Seisselberg:</b> Die Kalkulation lautet:<br />
Unruhe im Prodi-Lager stiften. Dort gibt es zwei bürgerliche<br />
Parteien, die für die Lockrufe in Sachen großer Koalition<br />
empfänglich sein könnten. Allein wenn die diese Diskussion<br />
aufnehmen sollten, wäre das ein Erfolg für Berlusconi:<br />
Er hätte der Prodi-Koalition ihren ersten Konflikt beschert.<br />
Bislang aber zeigt sich die geschlossen. Chancen für eine große<br />
Koalition sehe ich absolut keine. Oder kennen Sie einen Politiker,<br />
der bereit wäre, von seiner frisch gewonnenen Macht etwas abzugeben?<br />
Und dann noch an seinen schärfsten politischen Widersacher?<br />
Nein, völlig unvorstellbar. Prodi wird es mit seiner Mitte-Links-Koalition<br />
versuchen, auch wenn die Mehrheit im Senat mit zwei Sitzen sehr<br />
knapp ist.
</p>
<p>
<b>Roneye:</b> Glauben Sie, dass bei der knappen Mehrheit<br />
von Prodi die Regierung lange bestehen wird, oder haben wir bald<br />
schon wieder mit Neuwahlen zu rechnen?
</p>
<p>
<b>Journalist:</b> Hält eigentlich diese heterogene<br />
Mitte-Links-Koalition von Prodi fünf Jahre?
</p>
<p>
<b>T?n:</b> Welche Chancen geben Sie einer Prodi-Mitte-Links-Koalition?<br />
Kehrt Italien damit wieder zu den &quot;Monatsregierungen&quot;<br />
zurück?
</p>
<p>
<b>Jörg Seisselberg:</b> Auf die Dauer einer Prodi-Regierung<br />
nehme ich keine Wetten an. Es wäre fast ein Wunder, sollte<br />
er diese bunte Koalition (Kommunisten, Linkskatholiken, Liberale,<br />
radikale Vatikangegner, Sozialdemokraten, Grüne) wirklich zusammenhalten.<br />
Vor allem in einer Situation (Wirtschaftskrise, riesige strukturelle<br />
Probleme, Staatsschulden), in der schwierige Entscheidungen getroffen<br />
werden müssen. Wie er das mit einer Zwei-Stimmen-Mehrheit im<br />
Senat hinbekommen will, ist mir ein Rätsel. Der einzige Trumpf,<br />
den Prodi hat ist: Vor acht Jahren wurde er von seinen Koalitionspartnern<br />
schon einmal gestürzt. Und zur Strafe mussten alle im linken<br />
Lager fünf Jahre Regierung Berlusconi erleiden.
</p>
<p>
<b>Faust:</b> Wird die erdrückende Medienmacht Berlusconis<br />
eine vernünftige Regierungsarbeit Prodis überhaupt möglich<br />
machen?
</p>
<p>
<b>gomezmike1:</b> Geht jetzt nicht erst die TV-Schlammschlacht<br />
los, nachdem Berlusconi die Wahl verloren hat? Kann er durch die<br />
Medien eine Italienkrise hervorrufen?
</p>
<p>
<b>Jörg Seisselberg:</b> Die Medienmacht Berlusconi<br />
macht die so oder so schon schwierige Arbeit Prodis nicht leichter.<br />
Daher bin ich mir sicher, dass er versuchen wird, die Medienmacht<br />
Berlusconi zu beschneiden. Und unabhängig wie man zu Berlusconi<br />
steht: Mehr Konkurrenz auf dem Medienmarkt würde Italien gut<br />
tun.
</p>
<p>
<b>Foley: </b>Wenn es zu einer Mitte-Links-Koalition<br />
kommt, was macht Berlusconi? Wird er sich von der politischen Bühne<br />
verabschieden?
</p>
<p>
<b>Wadenbeisser:</b> Wie schätzen Sie die politischen<br />
Zukunft von Herrn Berlusconi ein?
</p>
<p>
<b>Jörg Seisselberg:</b> Er hat angekündigt,<br />
er wolle auch in der Opposition weitermachen. Nach dem knappen Wahlausgang<br />
hat er seinen Partnern gegenüber ein Argument mehr, doch noch<br />
auf der Bühne zu bleiben. Für das politische System Italiens<br />
aber ist dies schädlich. Bleibt Berlusconi, bleiben auch die<br />
tiefen politischen Gräben im Land. Italien würde es gut<br />
tun, gäbe es im Mitte-Rechts-Lager eine moderatere, dialogfähigere<br />
Person an der Spitze. Mit dem Christdemokraten Casini zum Beispiel,<br />
gäbe es eine solche. Aber solange Berlusconi auf der Bühne<br />
bleibt, hat Casini keine Chance.
</p>
<p>
<b>Inocsul-Rap:</b> Wird Prodi Gesetze, die unter Berlusconi<br />
speziell für ihn selbst gemacht wurden, rückgängig<br />
machen? Insbesondere bezüglich des Strafrechts?
</p>
<p>
<b>Tomchen</b>: Ist Prodi zuzutrauen, dass er das Rad<br />
in die andere Richtung dreht und am Ende die Zerschlagung von Berlusconis<br />
Konzern steht?
</p>
<p>
<b>Jörg Seisselberg:</b> Prodi wird nicht alle Berlusconi-Gesetze<br />
rückgängig machen, das hat er angekündigt. Er hat<br />
aber auch gesagt, dass er die Justizreform neu aufrollen und auch<br />
eine Medienreform anpacken wird. Wie das aber genau aussehen soll<br />
ist &#8211; wie so vieles &#8211; bei Prodi im Wahlkampf verschwommen geblieben.<br />
Zerschlagung des Berlusconi-Konzerns? Das auf keinen Fall. Aber<br />
mehr Konkurrenz auf dem TV-Markt möglich machen &#8211; das auf jeden<br />
Fall!
</p>
<p>
<b>Frank_001:</b> Welchen Einfluss wird der Wahlausgang<br />
auf Italiens Haltung in internationalen Belangen haben (z.B. Irak)?
</p>
<p>
<b>kley1:</b> Werden nun die Truppen im Irak schnell<br />
abgezogen? Wie ist das Verhältnis Prodis zur US-Administration?
</p>
<p>
<b>Jörg Seisselberg:</b> Prodi ist in erster Linie<br />
Europäer und das wird auch seiner Außenpolitik anzumerken<br />
sein. Sein Blick geht eher nach Berlin, Paris und Brüssel als<br />
nach Washington. Trotzdem wird er sich um einen guten Draht zur<br />
US-Administration bemühen, sicherlich aber kein so persönliches<br />
Verhältnis zu Bush aufbauen (wollen) wie Berlusconi. Die Truppen<br />
im Irak wird Prodi abziehen. &quot;So schnell wie möglich&quot;,<br />
hat er im Wahlkampf gesagt, aber auch hier offen gelassen, was das<br />
nun genau bedeutet.
</p>
<p>
<b>tt20060412:</b> Was unterscheidet italienischen Senat<br />
und italienisches Parlament? Alle Gesetze müssen ja durch beide<br />
Gremien, oder?
</p>
<p>
<b>Jörg Seisselberg:</b> Das italienische Parlament<br />
besteht aus zwei Kammern, der Abgeordnetenkammer und dem Senat diese<br />
Kammer sind mit absolut den gleichen Rechten ausgestattet &#8211; eine<br />
auf der Welt fast einmalige Konstruktion. Jedes Gesetz muss durch<br />
beide Kammern und wenn eine was ändert, wird sie in die andere<br />
zurückgeschickt und so weiter. Dieses Pendelverfahren zieht<br />
sich manchmal über Jahre hin. Die gleichen Rechte für<br />
beide Kammern bedeutet auch: Der Ministerpräsident braucht<br />
das Vertrauen und die Mehrheit in beiden Kammern. Verliert er die<br />
Mehrheit auch nur in einer Kammer, ist er gestürzt. Deswegen<br />
war in der Nacht nach der Wahl auch bereits klar, dass Berlusconi<br />
abgewählt ist, als die Mehrheitsverhältnisse in der Abgeordnetenkammer<br />
feststanden.
</p>
<p>
<b>Jagdhuette:</b> Wieso ist in Italien eigentlich die<br />
Wahlbeteiligung so wahnsinnig hoch?
</p>
<p>
<b>Jörg Seisselberg:</b> Es gibt Wahlpflicht. Wer<br />
nicht wählt hat zwar keine Strafen zu fürchten, aber bei<br />
der Bewerbung um eine Stelle im öffentlichen Dienst könnte<br />
es schon mal Probleme geben. Daher gehen viele im Zweifelsfall lieber<br />
mal ihr Kreuz machen, auch wenn sie Politik nicht so wahnsinnig<br />
interessiert. Wahlforscher sagen, diese Regelung, die es seit Jahrzehnten<br />
gibt, nutzt Berlusconi. Weil er viele Stimmen von Menschen bekommen<br />
hat, die von sich sagen, dass sie sich überhaupt nicht für<br />
Politik interessieren.
</p>
<p>
<b>Journalist:</b> Es ist wie, es heißt, den Auslandsitalienern<br />
zu verdanken, dass Berlusconi von gestern ist. Haben damit die &quot;objektiven&quot;<br />
Berichterstattungen der europäischen Medien Prodi geholfen?
</p>
<p>
<b>Jörg Seisselberg:</b> Ich denke eher, es öffnet<br />
den Blick, wenn man aus der Dunstglocke Italien mal rauskommt. Aber<br />
auch die Tatsache, dass Berlusconi in Deutschland, Frankreich, Großbritannien,<br />
Argentinien etc. nicht täglich vom Bildschirm lächeln<br />
darf, könnte eine Rolle spielen.
</p>
<p>
<b>Danny:</b> Was denken Sie? Ist Prodi der richtige<br />
Mann und was kann und wird er in Italien bewirken können, was<br />
Berlusconi in seiner Amtszeit nicht vollbracht hat?
</p>
<p>
<b>Jörg Seisselberg:</b> Prodi hat einen großen<br />
Vorteil: Er ist die derzeit einzige Figur, auf die sich alle Parteien<br />
jenseits des Berlusconi-Bündnisses verständigen konnten.<br />
Nur so war es möglich, Berlusconi zu schlagen. Prodi muss jetzt<br />
vor allem dafür sorgen, dass die Wirtschaft wieder auf die<br />
Beine kommt. Er will dafür u.a. Lohnnebenkosten senken. Das<br />
alleine aber wird nicht reichen. Auch soziale Einschnitte könnten<br />
nötig sein, die Prodi bereit wäre durchzuführen &#8211;<br />
aber ich bin skeptisch, ob er dafür die Unterstützung<br />
all seiner Koalitionspartner bekommt. Eine Sache aber wird er auf<br />
jeden Fall tun; er wird die Außenpolitik neu ausrichten: Raus<br />
aus dem Irak, weniger Nähe zu Washington. Und das ist doch<br />
schon was!
</p>
<p>
<b>David23:</b> Stört niemanden in Italien das Vielparteiensystem?<br />
Wäre es nicht sinnvoller eine 5-Prozenthürde o.ä.<br />
einzuführen?
</p>
<p>
<b>Jörg Seisselberg:</b> Mit einer Vier-Prozenthürde<br />
hat man es schon einmal versucht, vor zehn Jahren. Aber da waren<br />
die Beharrungskräfte der italienischen Parteien zu stark. Um<br />
sich die Wähler der 1,2,3-Prozentparteien zu sichern, haben<br />
die großen Parteien deren Vertretern sichere Wahlkreise angeboten.<br />
Diese sind dann ins Parlament eingezogen und haben so ihre Kleinparteien<br />
am Leben gehalten- mit öffentlicher Präsenz und öffentlichen<br />
Geldern. Die großen Parteien aber haben sie trotzdem nicht<br />
in die Wüste geschickt, weil sie auf ihre paar zehn- beziehungsweise<br />
hunderttausend Stimmen angewiesen waren/sind. In einem politischen<br />
System mit wenig Wechselwählern haben kleine Parteien ein unglaubliches<br />
Erpressungspotential.
</p>
<p>
<b>Pippo:</b> Was glauben Sie konkret, wie die nächsten<br />
Wochen und Monate in Italien ablaufen werden?
</p>
<p>
<b>Jörg Seisselberg:</b> Erst einmal werden wir<br />
bis zu zwei Monate auf die neue Regierung warten müssen, weil<br />
erst ein neuer Staatspräsident gewählt werden muss. Ciampis<br />
Amtszeit geht am 18. Mai zu Ende. Erst danach wird sein Nachfolger<br />
antreten. Der muss dann einen Regierungsbildungsauftrag geben, dann<br />
wird es Gespräche und Verhandlungen geben und erst danach die<br />
neuer Regierung. Das kann bis in den Juni hinein dauern.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Das war unser tagesschau-Chat zur Parlamentswahl<br />
in Italien. Vielen Dank nach Rom an Jörg Seisselberg, vielen<br />
Dank für Ihr Interesse. Über 100 eingegangene Fragen konnten<br />
leider nicht berücksichtigt werden. Der nächste Chat ist<br />
für den 24. April geplant. Dann wird SPD-Generalsekretär<br />
Hubertus Heil mit Ihnen über die SPD nach Platzeck chatten.<br />
Das Protokoll dieses Chats gibt es wie immer in Kürze zum Nachlesen<br />
auf den Seiten von tagesschau.de und politik-digital.de. Das tagesschau-Chat-Team<br />
wünscht allen noch einen schönen Tag!</p>
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