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	<title>Judentum &#8211; politik-digital</title>
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	<title>Judentum &#8211; politik-digital</title>
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		<title>Judentum und Internet &#8211; 613 Mitzwot und einen digitalen Sabbat</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Stephan Raab]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 28 Jul 2016 10:07:25 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[News]]></category>
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					<description><![CDATA[Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Im ersten Byte schuf der User digital und analog. Das Judentum gilt als [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://politik-digital.de/wp-content/uploads/2839175509_0aa7753e5a_b.jpg"><img fetchpriority="high" decoding="async" class="alignnone wp-image-149846 size-full" src="http://politik-digital.de/wp-content/uploads/2839175509_0aa7753e5a_b.jpg" alt="Telefonierender Jude an der Klagemauer von David Ortmann" width="640" height="480" /></a>Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Im ersten Byte schuf der User digital und analog. Das Judentum gilt als die älteste monotheistische Religion, die Beziehung von Mensch und Gott in der Welt zu ergründen. Im Jahre 5776 seit Anbeginn der Schöpfung wird auch das Digitale in die Glaubenswelt integriert. Über koscheres Internet, den digitalen Sabbat und Glaube zwischen Tradition und Moderne.</p>
<h3>Gemeinsam und doch verschieden</h3>
<p>Alles begann mit dem Ruf an Abraham. Der Herr sprach: „Zieh weg aus deinem Land, [&#8230;] in das Land, das ich dir zeigen werde. Ich werde dich zu einem großen Volk machen, dich segnen und deinen Namen groß machen.“ Große Visionen hatten auch die Macher des Videospiels „<a href="https://www.kickstarter.com/projects/phoenixistudios/video-game-bible-chronicles-the-call-of-abraham" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Bible Chronicles-The call of Abraham</a>“. Hier sollten die Spieler noch einmal direkt die Geschichte des Vaters der Völker, hebräisch Abraham, nachspielen und nachempfinden können. Dieser Traum ist jedoch ausgeträumt, verschiedene Umstände verhinderten eine Realisierung des Projekts. Das göttliche Versprechen jedoch wurde gehalten. Heute berufen sich der Islam, das Christentum und insbesondere das Judentum auf Abraham als ihren Stammvater.</p>
<p>Am Berg Sinai, nach dem Auszug aus Ägypten offenbarte Gott Moses die zehn Gebote. Zusammen mit der Tora und dem Talmud sind sie heute die Grundlage der jüdischen Religion, sind hier doch die 613 Mitzwot, also die 365 Verbote und 248 Gebote, enthalten, an denen sich ein jüdisches Leben zu orientieren habe. Heute gibt es unterschiedliche Ausrichtungen, orthodox, konservativ und liberal, die sich unterschiedlich streng an diese Vorschriften halten. Orthodoxe Juden sehen in den heiligen Schriften eine strenge Verbindlichkeit, während das liberale Judentum diese stets dem jeweiligen Zeitgeist anzupassen versucht. Das konservative Judentum nimmt hierin eine Mittlerrolle zwischen der traditionellen und der modernen Ausrichtung ein.</p>
<p>Für die Partnerwahl spielt die Zugehörigkeit zu einer dieser Gruppen nicht selten eine wichtige Rolle. Darum ermöglicht es die Dating App <a href="http://jcrush.com/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">JCrush</a>, ob säkular, traditionell oder konservativ, gezielt Dates je nach Glaubensauffassung zu arrangieren.</p>
<h3>Alles digital und doch koscher?</h3>
<p>Zu den strengsten Gruppen zählen die Ultraorthodoxen, auch als Haredi, von hebräisch charada für gottesfürchtig, bezeichnet. Kern ihres Glaubens ist es, ein aus ihrer Sicht gottgefälliges Leben in der Befolgung der jüdischen Gesetze und im Studium der heiligen Schriften zu führen. Moderne Technologien werden in den meisten Fällen als etwas Sündhaftes abgelehnt. Heute gehören dieser Richtung etwa 1,5 Millionen Gläubige an. Davon leben etwa 700.000 in Israel, wo sie rund zehn Prozent der Gesamtbevölkerung stellen. Andere Zentren sind unter anderem New York, London, Zürich und Wien.</p>
<p>Um ein technisches Gerät benutzen zu dürfen, bedarf es einer Zustimmung durch die zuständigen Rabbiner. Dank deren Segen gibt es seit einigen Jahren koschere Smartphones. Um nicht in Versuchung geführt zu werden, verfügen diese Apparate weder über SMS oder E-Mail von Sozialen Medien ganz zu schweigen. Mit diesen Smartphones lässt sich lediglich telefonieren, am Sabbat, wenn jegliche Elektrizität verboten ist, sogar zum Preis von 2€ die Minute. Im Gegenzug kann der Benutzer im jiddischen Betriebssystem aus einer Reihe frommer Klingeltöne wählen.</p>
<p>Wie so vielen technischen Neuerungen stand das ultraorthodoxe Rabbinat dem Internet sehr skeptisch gegenüber und warnte eindringlich davor. In vielen Haredi-Gemeinden müssen die Benutzer von Smartphones die Notwendigkeit für deren Besitz nachweisen. Nicht selten besitzen die Gläubigen jedoch zwei verschiedene Geräte. Daher ist es nicht verwunderlich, dass sich  Chatdienste wie Whatsapp auch in ultraorthodoxen Gemeinden der USA <a href="http://www.theverge.com/2015/10/27/9620752/whatsapp-hasidic-jewish-internet-ban" target="_blank" rel="noopener noreferrer">großer Beliebtheit</a> erfreuen. Rabbiner erkannten, dass sie ihre ablehnende Haltung gegenüber den digitalen Medien nicht lange aufrechterhalten konnten. Viele Haredi-Familien sind auf die digitalen Alltagshelfer angewiesen, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Daher ging die ultraorthodoxe Community dazu über, ein eigenes, ein koscheres Internet zu schaffen. Suchmaschinen wie <a href="http://www.4torah.com/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">4Tora</a> oder <a href="https://searchenginewatch.com/sew/news/2052159/koogle-the-kosher-search-engine" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Koogle</a> garantieren, dass beim Surfen nur koschere Inhalte angezeigt werden. Hinter diesen Suchmaschinen stehen verschiedene religiöse und weltliche Unternehmen, die Seiten nach unerlaubten Inhalten durchforsten und diese gegebenenfalls sperren oder zensieren.</p>
<p>Mittlerweile haben viele Unternehmen in Israel das Potenzial der ultraorthodoxen Bevölkerung erkannt. Trotz  Zuwendungen durch den Staat, den einige radikale jüdische Gemeinschaften dennoch nicht anerkennen, haben die Haredi Familien häufig Probleme, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Klassisch haben diese Familien bis zu acht Kinder, wobei die Frauen für die Ernährung der Familie zuständig sind, während die Männer sich in der Jeschiwa, Toraschule,  dem Studium der heiligen Schriften widmen. An dieser Stelle möchten Initiativen wie <a href="http://www.kamatech.org.il/english/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Kamtech</a> ansetzen und Haredi in die boomende israelische IT-Industrie vermitteln. Dort werden sie nicht nur als günstige Arbeitskräfte, sondern als Marktöffner für eine eigene Zielgruppe mit besonderen digitalen Bedürfnissen entdeckt.  Es zeigt sich, anstatt die Digitalisierung der Welt zu bekämpfen beginnt die ultraorthodoxe Gemeinde die neuen Technologien für sich zu interpretieren, sie für ihr Weltverständnis zu nutzen.</p>
<h3>Tradition und Wandel</h3>
<p>Erfinderisch darin zu sein, die eigenen Regeln in der modernen Gesellschaft einzuhalten, das zeichnet den jüdischen Umgang mit der eigenen Religion aus. Um in modernen Zeiten den eigenen Glauben zu leben, hat sich in den letzten Jahren eine Vielzahl an technischen Hilfsmitteln entwickelt. Sei es das Torastudium to go auf dem Smartphone, Gebete oder Sinnsprüche für den Tag: <a href="http://www.chabad.org/library/article_cdo/aid/2192548/jewish/Jewish-Apps.htm" target="_blank" rel="noopener noreferrer">verschiedene Anwendungen</a> können dabei helfen den Glauben digital und lebendig zu halten. Das orthodoxe Startup Rusty Bricks, beheimatet in New York, hat besonders viel Erfindergeist in den letzten Jahren bewiesen. Mit <a href="https://www.rustybrick.com/glass.php" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Jew Glasses</a> entwickelte das Unternehmen eine Google Brille mit besonderen Bedürfnissen für gläubige Juden. Neben den Zeiten für den Beginn des Sabbats zeigen die Gläser auch den Weg zur nächsten Synagoge sowie deren Gottesdienstzeiten.</p>
<p>Für einen jüdischen Gottesdienst bedarf es eines Minjans, das Quorum von zehn jüdischen Männern. Dank <a href="/www.rustybrick.com/iphone-minyan.php" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Minyan Now</a> kein Problem mehr. Die App ermöglicht es, eine Uhrzeit und einen Ort für das gemeinsame Gebet  zu bestimmen. Alle anderen User im Umkreis werden direkt informiert und können ihre Teilnahme am Gottesdienst bestätigen.</p>
<p>Soviel moderne Dinge, das ist bestimmt nicht koscher, oder? Die App <a href="http://iskosher.com/how-does-it-work/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Iskoscher</a> gibt Gewissheit. Mithilfe eines Barcode Scans vergleicht die Anwendung  Datenbanken verschiedener Rabbinate weltweit und gibt Auskunft, ob das Produkt geeignet ist oder nicht.</p>
<h3>Ein Klick in die Moderne</h3>
<p>“Habe Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“, lautete das Credo der Aufklärung. Zur gleichen Zeit erlebte auch das Judentum seine Aufklärung, die Haskala, abgeleitet von sekhel Vernunft. Jahrhunderte lang durch Sonderstellungen abgegrenzt, wurden im Zuge der Modernisierung Bürger jüdischen Glaubens Bürgern christlicher Konfessionen gleichgestellt.</p>
<p>Juden konnten erstmals ihre Berufe frei wählen, studieren und bekamen einen Zugang zur bürgerlichen Gesellschaft, deren Ideale viele ansprachen. Wie sollte es nun weiter gehen mit dem Judentum?</p>
<p>Reformer wie der Rabbiner Abraham Geiger begründeten als Antwort das liberale Judentum. Viele religiöse Vorschriften, die nicht mehr als zeitgemäß empfunden wurden, wurden angepasst um die Integration der jüdischen Gemeinden in die Gesamtgesellschaft zu fördern.</p>
<p>Heute spielen die Kaschrutgesetze, also Speisegesetze, in dieser Auslegung kaum eine Rolle. Ob Gläubige am Sabbat Autofahren oder Elektrizität benutzen, steht jedem frei selbst zu entscheiden. Dafür werden Gottesdienste sowohl auf Hebräisch als auch in der Landessprache gefeiert. Jüdische Traditionen sollen modern und zeitgemäß im Dialog mit anderen Religionen gelebt werden. Neue Möglichkeiten der Teilhabe bieten Angebote wie die erste Online Synagoge <a href="http://simshalom.com/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">SimShalom</a> in New York. Hier können Juden, aber auch Interessierte Gottesdiensten beiwohnen oder in begleitenden E-Learning Angeboten die jüdische Theologie erlernen. Spezielle Kurse führen sogar bis zur <a href="http://www.convertjudaism.org/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Konversion</a>, dem Giur, alles online inklusive einem Beit Din, dem offiziellen rabbinschen Gericht zur Anerkennung des Beitritts, via Skype. Solche Angebote sind jedoch sehr umstritten.</p>
<p>Das Judentum ist die älteste monotheistische Religion, die bis heute vielseitig und bunt in verschiedenen Gebräuchen und Traditionen gelebt wird. Denn wie weiß ein altes jüdisches Sprichwort: “Die besten Fragen haben mehr als eine Antwort.“ Die Halacha, das jüdische Gesetz sagt, jüdisch ist, wer zum Judentum konvertiert ist, oder wer eine jüdische Mutter hat. Aber nicht nur religiöse und säkulare Juden auch  Goys, scherzhaft für Nichtjuden, interessieren sich für die verschiedenen Ausprägungen des jüdischen Lebens.</p>
<p>Verschiedene Webseiten  wie <a href="http://thejewniverse.com/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Jewuniverse</a>  geben Einblick in alle Formen und Farben des Judentums zwischen Nordsee und Südsee. Ob als Workout <a href="http://thejewniverse.com/2010/shvitzing-to-the-oldies/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Shvitzing auf Jiddisch</a>, jüdisch Flirten oder die neusten koscheren Rezepte für den Sabbat das Angebot ist vielseitig.</p>
<h3>Sabbat to go?</h3>
<p>“Am siebten Tage sollst du ruhen“, so steht es schon in der Schöpfungsgesichte. In dem Heckmeck aus dem Tohuwabohu an Nachrichten, Chats und Informationen, die jeden User täglich umgeben, ist dies kaum mehr vorstellbar. „Wenn Israel nur ein einziges Mal den Sabbat wirklich halten würde, würde der Messias kommen, denn das Halten des Sabbat kommt dem Halten aller Gebote gleich.“ An diesen frommen Wunsch knüpft das <a href="http://www.sabbathmanifesto.org/unplug/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Sabbath Manifesto</a> an. Am Sabbat des dritten März sind alle User weltweit eingeladen, für 24 Stunden auszuschalten und ein kurzes digitales Sabbatical zu nehmen.</p>
<p>Ein Tag ohne unsere vertrauten Begleiter fern des Cyberspace erscheint schwierig, daher allen Organisatoren und Teilnehmern für den Erfolg des Projektes ein großes „Mazel Tov“.</p>
<h3>Alle Artikel der Sommerreihe</h3>
<p><em>Prolog:</em> <a title="Religion und Internet: Glaube im digitalen Wandel" href="http://politik-digital.de/news/religion-und-internet-glaube-im-digitalen-wandel-149744/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Religion und Internet: Glaube im digitalen Wandel</a><br />
<em>Teil 1:</em> <a title="Auf einer Wellenlänge mit Gott? Zwischen Godspots und Social Media" href="http://politik-digital.de/news/auf-einer-wellenlaenge-mit-gott-zwischen-godspots-und-social-media-149751/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Auf einer Wellenlänge mit Gott? Zwischen Godspots und Social Media</a><br />
<em>Teil 2:</em> <a title="Ecclesia 2.0 – Ein Like für die frohe Botschaft" href="http://politik-digital.de/news/ecclesia-2-0-ein-like-fuer-die-frohe-botschaft-149772/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Ecclesia 2.0 &#8211; Ein Like für die frohe Botschaft</a><br />
<em>Teil 3:</em> <a href="http://politik-digital.de/news/judentum-und-internet-613-mitzwot-und-einen-digitalen-sabbat-149842/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Judentum und Internet &#8211; 613 Mitzwot und einen digitalen Sabbat<br />
</a><em>Teil 4: </em><a title="Fatwas on the Internet – Wenn der Glaube digital wird" href="http://politik-digital.de/news/fatwas-on-the-internet-wenn-der-glaube-digital-wird-149890/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Fatwas on the Internet – Wenn der Glaube digital wird</a><br />
<em>Teil 5:</em> <a title="Glaube in Korea: Digitalisierte Traditionen" href="http://politik-digital.de/news/glaube-in-korea-digitalisierte-traditionen-149874/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Glaube in Korea: Digitalisierte Traditionen<br />
</a><em>Teil 6:</em> <a href="http://politik-digital.de/news/glaube-in-indien-und-china-von-mantren-und-digitalem-hoellengeld-149888/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Glaube in Indien und China: Von Mantren und Tablets als digitalem Höllengeld</a><br />
<em>Teil 7:</em> <a href="http://politik-digital.de/news/der-gottesalgorithmus-digitale-suche-nach-dem-goettlichen-150280/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Der Gottesalgorithmus? &#8211; Digitale Suche nach dem „Göttlichen“ </a><br />
<em>Teil 8</em>: <a href="http://politik-digital.de/news/sterben-2-0-auf-dem-weg-zur-digitalen-unsterblichkeit-150291/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Sterben 2.0 – Auf dem Weg zur (digitalen) Unsterblichkeit?</a></p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Titelbild: <a href="https://www.flickr.com/photos/davidortmann/2839175509/in/photolist-7ivYMp-8YapSA-Kzbc9-3VeDV5-5jTvXT-6QXi8E" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Telefonierender Jude an der Klagemauer</a> von <a href="https://www.flickr.com/photos/davidortmann/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">David Ortmann</a> via <a href="https://www.flickr.com/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">flickr</a>, <span class="licensetpl_attr">licenced <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-nc/2.0/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">CC BY-NC 2.0</a></span></p>
<p><a href="http://politik-digital.de/wp-content/uploads/CC-Lizenz-630x11011.png" target="_blank" rel="noopener noreferrer"><img decoding="async" class="alignleft  wp-image-139428" src="http://politik-digital.de/wp-content/uploads/CC-Lizenz-630x11011.png" alt="CC-Lizenz-630x1101" width="441" height="77" /></a></p>
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			</item>
		<item>
		<title>&#8220;Haben es mit Unbelehrbaren zu tun&#8221;</title>
		<link>https://www.politik-digital.de/chattranscripte/haben-es-mit-unbelehrbaren-zu-tun-4253/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[admin]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 11 Feb 2009 19:38:17 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Chattranscripte]]></category>
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		<category><![CDATA[Holocaust]]></category>
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					<description><![CDATA[Charlotte Knobloch, Präsidentin des Zentralrats der Juden, war am Mittwoch, 11. Februar zu Gast im tagesschau-Chat in Zusammenarbeit mit politik-digital.de. Sie erneuerte ihre Kritik am Umgang des Vatikans mit dem Holocaust-Leugner Williamson und sprach sich für ein NPD-Verbot aus. <a href="/chat-mit-charlotte-knobloch-von-hackern-attackiert">Kurz vor Ende wurde der Chat von Unbekannten mit maschinellen Massenanfragen gestört.</a>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Charlotte Knobloch, Präsidentin des Zentralrats der Juden, war am Mittwoch, 11. Februar zu Gast im tagesschau-Chat in Zusammenarbeit mit politik-digital.de. Sie erneuerte ihre Kritik am Umgang des Vatikans mit dem Holocaust-Leugner Williamson und sprach sich für ein NPD-Verbot aus. <a href="/chat-mit-charlotte-knobloch-von-hackern-attackiert">Kurz vor Ende wurde der Chat von Unbekannten mit maschinellen Massenanfragen gestört.</a><!--break--> </p>
<p>
<b>Moderatorin</b>: Herzlich willkommen beim tagesschau-Chat im ARD-Hauptstadtstudio. Aus München ist uns Charlotte Knobloch zugeschaltet, die Präsidentin des Zentralrates der Juden in Deutschland. Ihnen ein herzliches Willkommen &#8211; vielen Dank, dass Sie sich Zeit für die Diskussion mit den Lesern von tagesschau.de und politik-digital.de nehmen. Können wir loslegen?<b></b>
</p>
<p>
<b>Charlotte Knobloch</b>: Ja!
</p>
<p>
<b>benny</b>:<br />
Frau Knoblauch, glauben Sie, dass die Vorfälle der vergangenen 14 Tage<br />
in Rom rund um die Piusbruderschaft nachhaltig das Verhältnis zwischen<br />
dem Vatikan und dem Judentum schädigen wird?
</p>
<p>
<b>Charlotte Knobloch</b>:<br />
Ich hoffe nicht. Es ist natürlich viel in dieser Zeit passiert, was man<br />
hätte verhindern können. Man hätte es zum Beispiel dadurch verhindern<br />
können, indem man die Situation entschärft und die Piusbrüder und den<br />
Herrn Williamson ganz entschieden sofort in die Schranken gewiesen<br />
hätte.
</p>
<p>
<b>beobachter</b>: Wie empfanden Sie es, dass<br />
ein Vertreter einer Glaubensgemeinschaft den Holocaust, das mit am<br />
besten dokumentierte geschichtliche Ereignis, einfach leugnet?
</p>
<p>
<b>Charlotte Knobloch</b>:<br />
Wir haben es hier mit einem Menschen zu tun, der sich mit den<br />
Äußerungen des iranischen Präsidenten Ahmadinedschad und mit diesem auf<br />
eine Stufe stellt. Er findet damit natürlich ein offenes Ohr bei<br />
Rechtsextremisten, aber ich weiß, dass es sehr viele Menschen gibt, die<br />
diese Äußerungen verurteilen und das bestärkt mich.
</p>
<p>
<b>Kölner</b>: Für wie verbreitet halten Sie Antisemitismus innerhalb der katholischen Kirche in- und außerhalb Deutschlands?
</p>
<p>
<b>Charlotte Knobloch</b>:<br />
Vor dem zweiten vatikanischen Konzil war der Antisemitismus in der<br />
Kirche durch vorhandene Textstellen in einzelnen Themen und Büchern<br />
vorhanden. Das hat sich nach dem zweiten vatikanischen Konzil und der<br />
Haltung des Papstes und der Päpste nachhaltig verbessert, hat aber<br />
jetzt durch die Aussage der Piusbrüder, die uns als Gottesmörder<br />
bezeichnen, und der Aussage von Williamson, einen erheblichen<br />
Rückschlag erlitten.
</p>
<p>
<b>Moderatorin</b>: Die nächste Frage an Sie ist zugleich eine, die viele User vorab für besonders wichtig bewertet haben.
</p>
<p>
<b>Buchinger</b>:<br />
Sehr geehrte Frau Präsidentin Charlotte Knobloch, der Eichstätter<br />
Bischof Gregor Maria Hanke kritisiert Frau Merkel für ihr Eingreifen<br />
mit folgenden Worten: Es sei &quot;unbegreiflich und empörend&quot;, wenn die<br />
Kanzlerin &quot;vom Papst klare Worte fordert in einem Zusammenhang, in dem<br />
gerade Papst Benedikt es nie an Eindeutigkeit hat fehlen lassen&quot;. Wie<br />
bewerten Sie eine solche Stellungnahme eines bayerischen Bischofs, der<br />
zudem noch für die theologische Lehre in der Uni Eichstätt<br />
verantwortlich zeichnet?
</p>
<p>
<b>Charlotte Knobloch</b>: Ich<br />
glaube nicht, dass Bischof Hanke von seinen Äußerungen selbst überzeugt<br />
ist. Ich habe es sehr begrüßt und die Ereignisse haben es mir ja<br />
bestätigt, dass durch die sehr höfliche Aufforderung unserer Kanzlerin<br />
Türen geöffnet wurden, die vorher noch verschlossen waren. Der<br />
Eichstätter Bischof ist für seine extrem konservative Einstellung<br />
bekannt. Er sollte es aber nicht soweit kommen lassen, dass man ihm<br />
vorwerfen kann, dass er sich mit den bereits genannten Äußerungen<br />
identifiziert.
</p>
<p>
<b>MM</b>: Sehr geehrte Frau Knobloch!<br />
Bundeskanzlerin Merkel hat vom Vatikan eine Klarstellung in Sachen<br />
Williamson und Piusbruderschaft gefordert. Dies hat ihr viel Kritik<br />
eingebracht. Ist ein deutsches Verfassungsorgan wie die Kanzlerin<br />
aufgrund der historischen Situation Deutschlands verpflichtet, hier<br />
eine Klarstellung einzufordern? Darf die Politik von einer Religion (ob<br />
katholisch oder jüdisch oder andere) Positionen einfordern?
</p>
<p>
<b>Charlotte Knobloch</b>:<br />
Nachdem was hier vorgefallen ist, hoffe ich, es bleibt eine<br />
Einmaligkeit. Keiner von uns hätte sich vorstellen können, dass wir<br />
Juden uns von einer Äußerung eines Bischofs distanzieren müssen, ihn<br />
zur Rücknahme auffordern müssen, bevor es der Papst getan hat. Und<br />
deswegen war die Kanzlerin als Repräsentantin eines Landes, das den<br />
Holocaust verursacht hat, verpflichtet, zu diesem Thema eine eindeutige<br />
Stellungnahme abzugeben. Meine Aufforderung an die jungen Menschen in<br />
diesem Lande geht immer dahin, für die Zukunft die Verantwortung zu<br />
übernehmen, die ihnen aufgetragen wird &#8211; sofern sie sie akzeptieren.<br />
Damit dieser Völkermord, der in diesem Lande geschehen ist, nicht<br />
wieder vorkommt. Das ist meine Aufforderung an alle unsere Nachkommen<br />
und da gehört die Kanzlerin auch dazu.
</p>
<p>
<b>Markus Diliberto</b>:<br />
Sehr geehrte Frau Knobloch, warum lädt die deutsch-jüdische Gemeinde<br />
die Piusbrüder nicht ein, um ihnen in den ehemaligen<br />
Konzentrationslagern die Verbrechen der Nazis erklären zu können?
</p>
<p>
<b>Charlotte Knobloch</b>:<br />
Ich werde diese Frage in meinen Gremien mal besprechen. Sicher nicht in<br />
der nächsten Zeit, denn sie können sich vorstellen, wie es mir zumute<br />
ist, zu diesem Thema Stellung zu nehmen. Aber wenn es heutzutage in<br />
dieser geistig hochqualifizierten Bruderschaft Menschen gibt, die mir<br />
erklären wollen, dass für sie der Holocaust noch etwas unbekanntes ist<br />
&#8211; und dies auch glaubhaft erklären &#8211; dann gehe ich davon aus, dass man<br />
sich vielleicht über ihre Frage Gedanken machen müsste.
</p>
<p>
<b>Chefkoch81</b>:<br />
Zum Beitrag von Diliberto: Man müsste die Piusbrüder einmal nach<br />
Auschwitz führen. Vielleicht ergeht es ihnen genauso wie dem Papst<br />
damals, der sichtlich berührt war und große Worte sprach.
</p>
<p>
<b>Ntexv</b>:<br />
Sehr geehrte Frau Knobloch, wäre es nicht sinnvoll, auch einmal die<br />
Hauptleugner des Holocaust zu einem Gespräch in einem<br />
öffentlich-rechtlichen Medium (Fernsehen) einzuladen? Ich finde, das<br />
wäre die beste Gelegenheit, sie vor der Öffentlichkeit vorzuführen und<br />
ihre abartigen und verlogenen Argumente zu widerlegen.
</p>
<p>
<b>Charlotte Knobloch</b>:<br />
Ich kann hier natürlich über die Entscheidungen der Medien bzw. der<br />
Fernsehanstalten nicht befinden, aber ich habe das Gefühl, dass wir es<br />
mit Unbelehrbaren zu tun haben. Und ich glaube, dass wir diesen<br />
Menschen kein Forum geben dürfen.
</p>
<p>
<b>Aligator</b>:<br />
Hätten Sie es auch gut geheißen, wenn die Aufforderung von Angela<br />
Merkel nicht öffentlich gefordert worden wäre, sondern über<br />
diplomatische Kanäle?
</p>
<p>
<b>Charlotte Knobloch</b>: Gerade<br />
weil die Aufforderung in dieser Form ergangen ist, hat sie eben das<br />
bewirkt, was man bis jetzt nur als positiv bezeichnen kann.
</p>
<p>
<b>timmy</b>: Wie schätzen Sie die Verbreitung von Antisemitismus in Deutschland im Allgemeinen ein?
</p>
<p>
<b>Charlotte Knobloch</b>:<br />
Das ist auch ein Thema, das mir große Gedanken macht. Weil ich eben<br />
feststellen kann, dass es wieder einen sogenannten neuen Antisemitismus<br />
gibt, der natürlich auf dem bereits bestehendem aufbaut. Die Tatsache,<br />
dass man der Meinung ist &#8211; obwohl wir immer dieser Meinung<br />
widersprechen &#8211; wenn man Israel kritisiert, sei man bereits ein<br />
Antisemit: das sind alles Klischees, Vorurteile wie man es auch nennen<br />
kann, die dem Antisemitismus wieder einen fruchtbaren Boden bereiten.
</p>
<p>
<b>Buchinger</b>:<br />
Frau Präsidentin Knobloch, Sie sprechen ganz bewusst die &quot;jungen<br />
Menschen in diesem Lande an&quot;. Was können wir hier in Deutschland, in<br />
Europa, konkret in der Jugendarbeit gegen den erneut aufflammenden<br />
Antisemitismus tun?
</p>
<p>
<b>Charlotte Knobloch</b>: Indem<br />
man den jungen Menschen sagt, dass sie in einem Land leben, in einem<br />
demokratischen Land, dass sie in diesem Land eine Zukunft haben. Dass<br />
sie einen gesunden Patriotismus entwickeln sollen, dass sie ihr Land<br />
gegen verbale Angriffe verteidigen sollen und dass sie summa summarum<br />
allen Grund haben, ihr Land zu lieben. Immer in Hinblick aber auch<br />
darauf, dass sie auch die Vergangenheit dieses Landes im Blickfeld<br />
haben und gerade dann, wenn sie sich all das aneignen, was ich jetzt<br />
vorgeschlagen habe, dann sind sie auch gefeit gegen Rechtsradikalismus<br />
und den Versprechungen, die die NPD und ihre Helfershelfer ihnen<br />
täglich vorführen.
</p>
<p>
<b>uhri</b>: Ich denke, Frau<br />
Knobloch weiß im Gegensatz zu Markus Diliberto, dass es nicht Sache der<br />
Juden ist, Antisemitismus zurückzuweisen. Das wäre die Aufgabe einer<br />
aufgeklärten Gesellschaft und nicht die der Opfer.
</p>
<p>
<b>Charlotte Knobloch</b>:<br />
Antisemitismus und der Judenhass ist natürlich eine Aufgabe, die die<br />
Allgemeinheit zu regeln hätte. Schon im Hinblick auf die Vergangenheit<br />
dieses Landes. Aber wir werden manchmal sehr alleine gelassen, werden<br />
mit Sonntagsreden beruhigt. Aber Handlungen, wie zum Beispiel das<br />
Verbot der NPD und ihrer Parteienfinanzierung in Angriff zu nehmen, die<br />
ja die Grundlagen für den Antisemitismus weiter verbreiten, vermisse<br />
ich eben.
</p>
<p>
<b>timmy</b>: Wie stehen Sie denn zum NPD-Verbot?
</p>
<p>
<b>Charlotte Knobloch</b>:<br />
Ich kenne die Nachteile, die momentan vorhanden sind, um dieses<br />
NPD-Verbot nochmal anzugehen. Es geht aber auch nicht an, dass eine<br />
antidemokratische Partei es für sich in Anspruch nimmt, von Demokraten<br />
gewählt zu sein und demokratisch gewählt zu sein. Die NPD verachtet das<br />
Grundgesetz, verachtet unsere Werte und deswegen muss etwas geschehen,<br />
damit sie nicht ihre abscheulichen Ideen und Beurteilungen weiterhin<br />
unter jungen Menschen &#8211; vor allem im Internet &#8211; verbreiten kann.
</p>
<p>
Zumindest<br />
sollte sie nicht mehr in der Lage sein, Steuergelder von Menschen, die<br />
diese Inhalte der NPD auch ablehnen, für ihre eigenen Zwecke zu<br />
benutzen &#8211; vor allem auch für Zwecke, die diesem unserem Land in der<br />
Welt einen negativen Stellenwert geben. Das hat dieses Land in der<br />
heutigen Zeit nicht verdient.
</p>
<p>
<b>abc</b>: Es scheint,<br />
als würden antisemitische Klischees wie etwa das &quot;des Juden&quot; als<br />
lästigen, nachtragenden Mahners in letzter Zeit immer offener geäußert.<br />
Stellen Sie eine Zunahme manifest antisemitischer Positionen bzw. eine<br />
Auflösung des gesellschaftlichen Kommunikationstabus für<br />
antisemitischen Einstellungen und Ideen in Deutschland fest?
</p>
<p>
<b>Charlotte Knobloch</b>:<br />
Ich habe diesem Land nicht den Rücken zugewandt, obwohl meine Biografie<br />
und mein damaliges Erleben mich fast dazu gezwungen haben. Ich wäre<br />
glücklich und zufrieden, wenn ich nicht immer als lästiger Mahner<br />
dargestellt würde, sondern dass die Menschen, die das Mahnen als<br />
negativ empfinden, mit mir zusammen, mit uns zusammen, ein Bollwerk<br />
errichten würden gegen diesen Antisemitismus. Und ich bin aber trotzdem<br />
ein Optimist.
</p>
<p>
Ich werde es nie zulassen, dass Hitler Recht gehabt<br />
hätte, wenn es hier keine Juden mehr geben würde, sondern ich baue<br />
weiter an der Zukunft des jüdischen Lebens in Deutschland, das mir auch<br />
Recht gibt und in vielen neu errichteten Möglichkeiten, wie<br />
Synagogenneubauten und Gemeindezentrenneubauten. Und ich freue mich,<br />
dass es auch diesen Grund gibt, Optimist zu sein.
</p>
<p>
<b>Moderatorin</b>:<br />
Das heißt, Sie sehen eine positive Entwicklung? Kann man von einer<br />
Normalisierung des jüdischen Lebens in Deutschland sprechen?
</p>
<p>
<b>Charlotte Knobloch</b>:<br />
Ich würde noch nicht von einer Normalisierung sprechen, sondern ich<br />
würde von einem positiven Miteinander sprechen, das sich nach einem<br />
jahrzehntelangem Nebeneinander entwickelt hat. Normalität muss wachsen.<br />
Normalität kann man nicht als Befehl durchführen, vor allem, wenn man<br />
heute noch die Menschen nach ihrer Religionszugehörigkeit beurteilt und<br />
nicht nach ihren charakterlichen Eigenschaften.
</p>
<p>
<b>HermyMA</b>:<br />
Sehr geehrte Frau Knobloch, wo würden Sie die Grenze ziehen zwischen<br />
Kritik und Antisemitismus &#8211; beziehungsweise wo fängt Antisemitismus an?
</p>
<p>
<b>Charlotte Knobloch</b>:<br />
Antisemitismus fängt für mich an, wo sich Kritik unsachlich,<br />
beleidigend darstellt: In dem man uns, die Überlebenden und ihre<br />
Nachkommen, als Helfershelfer von Hitlers Vernichtungspolitik<br />
bezeichnet und weitere Klischees verbreitet werden.
</p>
<p>
<b>Sarah Rosenthal</b>:<br />
Sehr geehrte Frau Knobloch, als in Deutschland geborene Jüdin<br />
interessiert mich besonders: Halten Sie eine Kritik am Staat Israel &#8211;<br />
zum Beispiel aufgrund des Vorgehens im Flüchtlingslager Gaza &#8211;<br />
zwangsläufig für antisemitisch?
</p>
<p>
<b>Charlotte Knobloch</b>:<br />
Ich muss immer wieder betonen, dass sachliche Kritik nicht<br />
Antisemitismus darstellt. Die Regierung in Israel muss sich einer<br />
massiven Kritik ihrer Bevölkerung unterziehen. Sachliche Kritik hat<br />
immer auch etwas Positives, sie kann manchmal zum Nachdenken anregen.
</p>
<p><span class="zitatBox breit"><br />
<span class="zTitle"></span><span class="zContent"><span class="zParagrNoLine"></span><span class="inv"><br />
</span></span><br />
</span></p>
<p>
<b>Moderatorin</b>: Damit wir thematisch nicht zu<br />
sehr springen, habe ich inzwischen ein paar eingetroffene Fragen im<br />
Chat zum Thema Israel gesammelt:
</p>
<p>
<b>same</b>: Hallo nach München. Frau Knobloch, wie bewerten Sie das Wahlergebnis in Israel?
</p>
<p>
<b>Charlotte Knobloch</b>:<br />
Das noch nicht endgültige Wahlergebnis. Die Wählerstimmen der<br />
Soldatinnen und Soldaten sind nämlich noch nicht ausgezählt. Momentan<br />
werden sich die einzelnen Parteien, sollten sie sich nicht für eine<br />
Große Koalition entscheiden, sehr schwer tun, eine für alle<br />
zufriedenstellende Regierungskoalition einzurichten.
</p>
<p>
<b>aysam</b>:<br />
Sehr geehrte Frau Knobloch, ich habe eine Frage zu den Wahlen in<br />
Israel. Befürchten Sie, dass aufgrund der Wahlergebnisse in Israel,<br />
lassen Sie es mich einen &quot;Rechtsruck&quot; nennen, der Friedensprozess<br />
weiter geschwächt und darüber hinaus der Antisemitismus in Europa neuen<br />
Nährboden gewinnen könnte?
</p>
<p>
<b>Buchinger</b>: Sehr<br />
geehrte Frau Präsidentin, die Wahlen in Israel sind voraussichtlich<br />
gelaufen. Was sagen Sie zu Rechtsnationalen, wie Benjamin Netanjahu und<br />
seinem Kollegen Liebermann, auch hinsichtlich einer wohl möglichen<br />
Regierungsbildung? Gibt es in Israel auch Rechtsextremismus?
</p>
<p>
<b>Charlotte Knobloch</b>:<br />
Es gibt rechte Parteien, aber es gibt keinen Rechtsextremismus. Ich<br />
hoffe sehr, dass es eine Regierungsbildung geben wird, die den Frieden<br />
der Völker in diesem Gebiet an erster Stelle in ihrem Programm hat.
</p>
<p>
<b>Frank</b>:<br />
Guten Tag Frau Knobloch. Glauben Sie, dass es langfristig eine<br />
Alternative zu einem Staat Israel und einem Staat Palästina geben kann?
</p>
<p>
<b>Charlotte Knobloch</b>:<br />
Die bisherigen Regierungen haben sich immer dafür eingesetzt, dass es<br />
zwei Staaten, einen Staat Israel und einen Staat Palästina, in der<br />
Zukunft geben wird. Ich konnte auch immer wieder lesen, dass die<br />
Vereinigten Staaten, wie auch die Europäer, dies auch als Ziel sehen.<br />
Und ich hoffe, dass diese Konstruktion sich entwickeln wird und den<br />
Menschen dort den Frieden bescheren wird.
</p>
<p>
<b>Dirk</b>:<br />
Geehrte Frau Präsidentin, ich möchte da nachhaken. Was bedeutet denn<br />
für sie &quot;Rechtsextremismus&quot;? Was sagen Sie zu ultranationalistischen<br />
Strömungen in Israel, die einem palästinensischen Staat eine klare<br />
Absage erteilen und arabischstämmige Israeliten &quot;ausbürgern&quot; möchten?
</p>
<p>
<b>Charlotte Knobloch</b>:<br />
Eine israelische Regierung, die sich jetzt, in absehbarer Zeit, sicher<br />
konstituieren wird und die die demokratischen Werte noch in ihr<br />
Regierungsprogramm aufnehmen wird, wird diese angesprochenen Themen<br />
sicher nicht vertreten.
</p>
<p>
<b>JBraun</b>: Zur<br />
&quot;Zwei-Staaten Lösung&quot;: Glauben Sie wirklich ernsthaft, dass nach dem<br />
neuerlichen Rechtsruck in Israel noch eine tragfähige Mehrheit für<br />
diese Position besteht?
</p>
<p>
<b>Charlotte Knobloch</b>: Ich<br />
kann mir sehr gut vorstellen, dass die Verantwortlichen zu der<br />
Überzeugung kommen, dass zwei starke Parteien, die sich ja jetzt<br />
abzeichnen, eine Regierung bilden können.
</p>
<p>
<b>uwe wällner</b>:<br />
Dass Sie als Jüdin eine besondere Beziehung zur Bevölkerung Israels<br />
haben, ist nur verständlich und lauter. Allerdings sind ja fast 25<br />
Prozent der israelischen Staatsbürger nichtjüdischen Glaubens. Hegen<br />
Sie auch zu dieser Gruppe eine besondere Solidarität?
</p>
<p>
<b>Charlotte Knobloch</b>:<br />
Ich habe eine Solidarität für Menschen, die sich auch in dieser<br />
Hinsicht darstellt: Dass sie Menschen sind &#8211; und wie man so schön sagt<br />
&#8211; auch an das Gute im Menschen glauben.
</p>
<p>
<b>Moderatorin</b>: Hier kommen zwei Fragen aus dem Pre-Chat, für die sehr viele User gestimmt haben:
</p>
<p>
<b>Leonardo</b>: Ist &quot;Verzeihen&quot; eine Haltung, die für Sie in Bezug auf die Shoah möglich ist?
</p>
<p>
<b>Charlotte Knobloch</b>:<br />
Es gibt kein Verzeihen einer Überlebenden für sechs Millionen Opfer,<br />
die die Shoah verursacht hat. Ich kann nur für mich persönlich eine<br />
Äußerung abgeben, aber nicht für die Menschen, die nicht mehr unter uns<br />
sind.
</p>
<p>
<b>ida</b>: Sie lehnen das Projekt<br />
&quot;Stolpersteine&quot; strikt ab, nannten die Initiatoren sogar einmal<br />
&quot;Gedenktäter&quot;. Was macht diese Leute in ihren Augen zu Tätern?
</p>
<p>
<b>Moderatorin</b>:<br />
Zu dieser Frage eine Info: &quot;Stolpersteine&quot; sind in vielen Städten<br />
verbreitete Gedenksteine in Pflasterstein-Größe aus Metall, auf denen<br />
Namen, Geburts- und Todesdaten von Holocaust-Opfern lesbar sind &#8211; eine<br />
Aktion des Kölner Künstlers Gunter Demnig.
</p>
<p>
<b>Charlotte Knobloch</b>:<br />
Bei den Stolpersteinen handelt es sich aus der Natur der Sache heraus<br />
um keine angemessene und würdige Form des Gedenkens. Passanten gehen<br />
achtlos an Stolpersteinen vorbei oder schlimmer noch, laufen darüber<br />
und treten darauf. Hunde verrichten an den Stolpersteinen ihre<br />
Notdurft. Wir sollten das Andenken von Menschen &#8211; und darunter auch<br />
meine Familie &#8211; die Verfolgung und Entwürdigung erleben musste, bevor<br />
sie auf schreckliche Weise ermordet wurden, nicht nochmals entwürdigen<br />
und sprichwörtlich mit Füßen treten.
</p>
<p>
<b>timmy</b>: Wie gestaltet sich derzeit das Verhältnis zum Zentralrat der Muslime in Deutschland?
</p>
<p>
<b>Charlotte Knobloch</b>:<br />
Wir hoffen und sind wirklich interessiert an einem guten Einvernehmen<br />
mit den zuständigen Gremien des Islams. Sind aber auf der anderen Seite<br />
sehr überrascht, dass gerade an den antiisraelischen Demonstrationen<br />
mit den Rechtsradikalen auch viele Islamisten teilgenommen haben.
</p>
<p>
<b>Moderatorin</b>:<br />
Hier kommt eine User-Frage zu folgendem Hintergrund: Der Zentralrat der<br />
Juden war am 27. Januar 2009 der Feierstunde des Bundestages zum<br />
Holocaust-Gedenktag mit der Begründung ferngeblieben, seine Vertreter<br />
seien bei der Feier nie persönlich begrüßt worden. Dies hatte im<br />
Bundestag Verwunderung ausgelöst.
</p>
<p>
<b>ninu</b>: Sehr<br />
geehrte Frau Knobloch, in letzter Zeit erscheint es mir, als würde sich<br />
die jüdische Gemeinde in Deutschland immer öfter von der Mehrheit der<br />
Gesellschaft (aber auch von der Politik &#8211; Stichwort Holocaustgedenktag<br />
&#8211; ) alleine gelassen fühlen. Welche Form der Unterstützung im Kampf<br />
gegen Antisemitismus wünschen Sie sich und wie sollte die Solidarität<br />
der nicht-jüdischen Bevölkerung aussehen?
</p>
<p>
<b>Charlotte Knobloch</b>:<br />
Hier geht es vor allem um diejenigen, die Menschen und die Bevölkerung<br />
erreichen. Das sind die Medien, das sind die Kirchen. Und hier freue<br />
ich mich, wenn ich eine ausgewogene Berichterstattung &#8211; aber auch einen<br />
Beitrag der Kirchen &#8211; feststellen kann, die das jüdische Leben, das<br />
sich sehr &#8211; zumindest zahlenmäßig &#8211; positiv entwickelt hat, auch<br />
unterstützen. Und die Möglichkeiten sind natürlich mit einer<br />
Wahrnehmung, dass Unterstützung vorhanden ist, in der Öffentlichkeit<br />
gegeben oder sollten gegeben sein.
</p>
<p>
<b>Peter</b>: Wird<br />
in Deutschland von muslimischer Seite auf den Zentralrat der Juden in<br />
Deutschland zugegangen und wie entwickelt sich dieser Dialog?
</p>
<p>
<b>Charlotte Knobloch</b>:<br />
Es gibt verschiedene Dialoge in diesem Bereich in verschiedenen Stätten<br />
und wenn er sich weiterentwickelt, kann man das nur positiv sehen.
</p>
<p>
<b>luna</b>:<br />
Frau Knobloch, meinen Sie nicht, dass die Nicht-Teilnahme des<br />
Zentralrats der Juden an der Veranstaltung zum Holocaust Gedenktag eine<br />
zu empfindliche Reaktion war?
</p>
<p>
<b>Charlotte Knobloch</b>:<br />
Das ist eine Empfindlichkeit, die sich schon jahrelang, wenn sie<br />
überhaupt vorhanden ist, festgesetzt hat. Aber ich bin guten Mutes,<br />
dass in Zukunft an diesem so wichtigen internationalen Gedenktag auch<br />
die Überlebenden wahrgenommen werden. Und dass vor allem mit den jungen<br />
Menschen die an diesem Tag in den Bundestag eingeladen sind, ein<br />
effizienter Dialog mit Überlebenden stattfinden kann.
</p>
<p>
<b>Horst</b>:<br />
Frau Knobloch, wäre es nicht Zeit in Deutschland, dass einmal ein<br />
Deutscher jüdischen Glaubens Bundespräsident wird? Es würde dem<br />
Verhältnis der Deutschen zum Judentum einen unglaublichen Schub geben.
</p>
<p>
<b>Charlotte Knobloch</b>:<br />
Wenn unsere Jugendlichen oder die jüngeren Mitglieder unserer Gemeinden<br />
sich der Politik zur Verfügung stellen würden, wäre das wirklich &#8211;<br />
meiner Ansicht nach, für mich persönlich &#8211; ein willkommener Anlass,<br />
auch darüber nachzudenken, inwieweit solche Personen in die höhere<br />
Politik eingebunden werden können.
</p>
<p>
<b>neville</b>: Sehr<br />
geehrte Frau Knobloch, haben Sie Hoffnung, dass eines Tages der<br />
Polizeischutz für die Synagogen in Deutschland nicht mehr nötig sein<br />
wird?
</p>
<p>
<b>Charlotte Knobloch</b>: Diese Hoffnung habe<br />
ich bereits im Jahre 1990 zum Ausdruck gebracht in Zusammenhang mit der<br />
Errichtung unserer neuen Gebäude &#8211; Synagoge und Gemeindezentrum. Leider<br />
bin ich eines besseren belehrt worden, dass diese Schutzmaßnahmen noch<br />
verstärkt werden müssten, bis zum heutigen Tag, anstatt sie langsam<br />
abbauen zu können.
</p>
<p>
<b>Moderatorin</b>: Das war bereits<br />
eine gute Stunde hier im tagesschau-Chat. Herzlichen Dank, Charlotte<br />
Knobloch, dass Sie sich Zeit für die Diskussion mit den Lesern von<br />
tagesschau.de und politik-digital.de genommen haben. Ein Dankeschön<br />
auch an unsere User für die vielen Fragen, die wir leider nicht alle<br />
stellen konnten.
</p>
<p>
<b>Charlotte Knobloch</b>: Ich freue<br />
mich, dass ich einen Dialog führen konnte &#8211; mit Unbekannten natürlich &#8211;<br />
aber ich wünsche mir gleichzeitig, dass das Miteinander, das ich<br />
anstrebe und das ich auch sehe, sich entwickelt, weiterhin den Erfolg<br />
zeigt, den ich mir wünsche und der uns allen nur Positives bringen kann.
</p>
<p>
<i>Der Chat wurde moderiert von Corinna Emundts, tagesschau.de.</i></p>
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