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	<title>Jugendstrafrecht &#8211; politik-digital</title>
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	<title>Jugendstrafrecht &#8211; politik-digital</title>
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	<item>
		<title>&#8220;Der Staat ist ja keineswegs wehrlos&#8221;</title>
		<link>https://www.politik-digital.de/chattranscripte/der-staat-ist-ja-keineswegs-wehrlos-140/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[mullrich]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 30 May 2006 23:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Chattranscripte]]></category>
		<category><![CDATA[Wolfgang Bosbach]]></category>
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		<category><![CDATA[Jugendstrafrecht]]></category>
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					<description><![CDATA[<p class="fett">
Am Mittwoch, den 31. Mai, war Wolfgang 
Bosbach, stellvertretender Fraktionsvorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, 
zu Gast im tagesschau-Chat in Kooperation mit politik-digital.de. 
Er beantwortete Fragen zum Umgang mit jugendlichen Straftätern, 
Rechtsextremismus und Sicherheitsrisiken bei der Fußball-WM.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p class="fett">
Am Mittwoch, den 31. Mai, war Wolfgang<br />
Bosbach, stellvertretender Fraktionsvorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion,<br />
zu Gast im tagesschau-Chat in Kooperation mit politik-digital.de.<br />
Er beantwortete Fragen zum Umgang mit jugendlichen Straftätern,<br />
Rechtsextremismus und Sicherheitsrisiken bei der Fußball-WM.<!--break-->
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Liebe Chatter, wir begrüßen<br />
heute Wolfgang Bosbach im<br />
ARD-Hauptstadtstudio. Er ist der Innen-Experte der Unionsfraktion<br />
im Bundestag. Wenn es beispielsweise um Fragen der inneren Sicherheit,<br />
Terror- oder Extremismusgefahr geht, ist Herr Bosbach der richtige<br />
Ansprechpartner &#8211; insbesondere wenige Tage vor der Fußball-WM<br />
und angesichts der jüngsten rechtsradikalen Übergriffe.<br />
Wir sind sehr gespannt auf Ihre Fragen. Und: Nicht verzagen, wenn<br />
eine Frage nicht sofort durchkommt. Herr Bosbach, können wir<br />
beginnen?
</p>
<p>
<b>Wolfgang Bosbach:</b> Ja.
</p>
<p>
<b>klinsi:</b> Würden Sie sich ohne ein mulmiges<br />
Gefühl die WM-Übertragungen in einer Menschenmasse vor<br />
dem Brandenburger Tor anschauen?
</p>
<p>
<b>Wolfgang Bosbach:</b> Ja. Ich weiß, dass es<br />
bei Großveranstaltungen keine hundertprozentige Sicherheit<br />
geben kann und daher erwarte ich auch nicht, dass der Staat sie<br />
mir garantiert. Aber ich weiß, dass alles<br />
Menschenmögliche getan wird, um nicht nur die Stadien, sondern<br />
auch die Gebiete rund um die Großleinwände zu schützen.
</p>
<p>
<b>eyeofthebeholder:</b> Sehr geehrter Herr Bosbach,<br />
Sie sprechen sich gegen eine Verschärfung des Jugendstrafrechtes<br />
aus. Wie soll denn mit jugendlichen Straftätern wie dem Amokläufer<br />
vom letzten Wochenende Ihrer Meinung nach umgegangen werden?
</p>
<p>
<b>Wolfgang Bosbach: </b>Der Amokläufer unterliegt<br />
dem Jugendstrafrecht und ich habe keinen Zweifel daran, dass er<br />
von der Berliner Justiz auch strafrechtlich zur Rechenschaft gezogen<br />
wird. Der Vorwurf lautet versuchter Mord und mehrfache vorsätzliche<br />
gefährliche Körperverletzung. Sollten sich die Tatvorwürfe<br />
bestätigen, droht eine langjährige Haftstrafe.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Die Berliner CDU spricht sich für<br />
eine Strafmündigkeit ab zwölf Jahren aus.
</p>
<p>
<b>Wolfgang Bosbach:</b> Die Absenkung des Strafmündigkeitsalters<br />
wird seit Jahrzehnten diskutiert und ebenso lange aus guten Gründen<br />
abgelehnt. Mit der Absenkung der Strafmündigkeitsgrenze lösen<br />
wir kein einziges Problem, zumal nicht ernsthaft daran gedacht werden<br />
kann, Zwölf- oder 13-jährige in ein Gefängnis zu<br />
stecken, wo sie womöglich auch das noch lernen, was ihnen bisher<br />
an krimineller Erfahrung fehlte. Der Staat ist ja keineswegs wehrlos.<br />
Die Sanktionen können bis zur Entziehung der elterlichen Sorge<br />
und zur Unterbringung in einem geschlossenen Heim reichen. Im Übrigen<br />
sei der Hinweis erlaubt, dass die Zahl der straffälligen Kinder<br />
in den letzten Jahren deutlich zurückgegangen ist. Dort, wo<br />
wir die Strafbarkeitsgrenze<br />
haben, also bei den über 14-Jährigen, ist dies jedoch<br />
gerade nicht der Fall.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Nur um es klar zu machen: Sie sind<br />
hier also über Kreuz mit den Berliner Parteifreunden?
</p>
<p>
<b>Wolfgang Bosbach:</b> In dieser Frage vertreten wir<br />
unterschiedliche<br />
Auffassungen. Und sollen wir etwa das Strafbarkeitsalter noch weiter<br />
herabsetzen, wenn morgen Zehn- oder Elfjährige zuschlagen?<br />
Viel wichtiger sind andere Dinge: Mut zur Erziehung, Respekt vor<br />
Autoritäten und die Aufstellung von Regeln, deren Einhaltung<br />
auch durchgesetzt werden muss.
</p>
<p>
<b>gornach:</b> Was ist Ihrer Meinung nach die größte<br />
potenzielle Gefährdung der Öffentlichkeit für die<br />
Fußball WM 2006 in Deutschland?
</p>
<p>
<b>Wolfgang Bosbach:</b> Die größte Gefahr<br />
geht vom internationalen Terrorismus aus. Allerdings macht uns auch<br />
das sogenannte &quot;Hooligan-Unwesen&quot; Sorgen. Bei Hooligans<br />
handelt es sich allerdings nicht um Fußballfans, sondern um<br />
Kriminelle, die Sportveranstaltungen lediglich zum Anlass nehmen,<br />
ihr<br />
Unwesen zu treiben.
</p>
<p>
<b>doll:</b> Sind &quot;maximal fünf Jahre Jugendhaft&quot;<br />
nicht eine recht milde Strafe<br />
für jemanden, der &quot;mit besonderer Heimtücke&quot;<br />
den Tod von über 30 Menschen in Kauf genommen oder gar gewollt<br />
hat?
</p>
<p>
<b>Wolfgang Bosbach:</b> Die Höchststrafe beträgt<br />
zehn Jahre. Und wer jemals in einem Gefängnis gesessen hat,<br />
der weiß, wie unendlich lange dieser Zeitraum sein kann. Dessen<br />
ungeachtet sollte man einmal darüber nachdenken, ob die Höchststrafe<br />
für besonders schwere Kapitalverbrechen nicht auf 15 Jahre<br />
hochgesetzt werden sollte. Insbesondere in den Fällen, wo Erwachsene<br />
nach dem milderen Jugendstrafrecht bestraft werden.
</p>
<p>
<b>TobiasR:</b> Könnten hier nicht die Eltern stärker<br />
zur Rechenschaft gezogen werden?
</p>
<p>
<b>Wolfgang Bosbach:</b> Ja, genau das ist der Punkt.<br />
Wenn Polizei und Justiz in Aktion treten, ist es meistens schon<br />
zu spät. Bei den Eltern werden wir zwei Gruppen unterscheiden<br />
müssen: Diejenigen, die sich redlich um eine gute Erziehung<br />
ihrer Kinder bemühen, aber dabei schlichtweg überfordert<br />
sind &#8211; denjenigen müssen wir helfen. Daneben gibt es allerdings<br />
auch Fälle, in denen die Eltern trotz Straffälligkeit<br />
ihrer Kinder Hilfsangebote verweigern &#8211; in diesen Fällen brauchen<br />
wir auch Druckmittel des Staates, um die notwendige Erziehungsunterstützung<br />
durchsetzen zu können.
</p>
<p>
<b>rrs2006:</b> Herr Bosbach, das Bundesverfassungsgericht<br />
hat heute den<br />
Gesetzgeber erneut aufgefordert, eine gesetzliche Grundlage für<br />
den<br />
Jugendstrafvollzug zu schaffen. Wann ist hier mit einer Regelung<br />
zu rechnen. Welche Anforderungen stellen Sie an den Jugendstrafvollzug?
</p>
<p>
<b>Wolfgang Bosbach:</b> Strafvollzug hat immer, gleich<br />
ob bei Erwachsenen oder Jugendlichen, verschiedene Zwecke. Sühne<br />
für Unrecht, Spezialprävention, Generalprävention<br />
und natürlich Resozialisierung des Täters. Im Jugendstrafvollzug<br />
spielt darüber hinaus der Erziehungsgedanke eine besondere<br />
Rolle. Im Rahmen der Föderalismusreform ist zu entscheiden,<br />
ob die Kompetenz auf die Länder übergeht oder beim Bund<br />
bleibt. Bleibt sie beim Bund, werden wir uns alsbald mit der Schaffung<br />
einer sicheren Rechtsgrundlage befassen müssen.
</p>
<p>
<b>Simon Haber:</b> Hat unser System nicht versagt, weil<br />
der Täter schon vorher aufgefallen ist und nichts unternommen<br />
wurde?
</p>
<p>
<b>Wolfgang Bosbach:</b> Um diese Frage beantworten zu<br />
können, müsste ich die Strafakten des Betroffenen kennen.<br />
Nach den mir vorliegenden Informationen war es bis zur Tat noch<br />
nicht möglich, ihn in Haft zu nehmen. Gegen die Wahnsinnstat<br />
eines Einzelnen kann es keinen hundertprozentigen Schutz geben.
</p>
<p>
<b>andy:</b> Wieso werden sehr viele &quot;Erwachsene&quot;<br />
noch nach dem Jugendstrafrecht bestraft?
</p>
<p>
<b>Wolfgang Bosbach:</b> Bei den zwischen 18- und 21-Jährigen<br />
hat das Strafgericht die Wahl, die Täter nach dem Erwachsenenstrafrecht<br />
oder dem milderen Jugendstrafrecht zu verurteilen. Der Gesetzgeber<br />
geht zwar davon aus, dass die Verurteilung nach dem Jugendstrafrecht<br />
die Ausnahme sein soll, in der Rechtspraxis ist sie jedoch die Regel.<br />
Dann stellt das Gericht mit schlichten Worten fest, dass es sich<br />
um eine jugendtypische Verfehlung handelt und schon kommt das Jugendstrafrecht<br />
zur Anwendung. Hierbei kann es zu gravierenden Missverhältnissen<br />
kommen. Wenn ein 21-Jähriger gemeinsam mit<br />
einem 22-Jährigen einen Menschen aus niedrigen Beweggründen<br />
tötet, ist es durchaus möglich, dass der Jüngere<br />
eine zeitlich begrenzte Freiheitsstrafe erhält, aber der vielleicht<br />
nur wenige Monate ältere &quot;lebenslänglich&quot;.
</p>
<p>
<b>NiklasTjorben:</b> Was halten Sie davon, den Eltern<br />
von besonders<br />
&quot;integrationsunwilligen&quot; Kindern mit Immigrationshintergrund<br />
Strafen<br />
anzudrohen? Wie z.B. das Kürzen der Sozialhilfe etc?
</p>
<p>
<b>Wolfgang Bosbach:</b> Für das Anliegen habe ich<br />
Verständnis, allerdings ist der Vorschlag in der Praxis nicht<br />
realisierbar. Wie will man<br />
Integrationswilligkeit feststellen, wenn Integration selber nicht<br />
messbar ist? Man kann z.B. ein Sprachvermögen testen, aber<br />
man kann nicht testen, ob jemand gut oder schlecht integriert ist.<br />
Kinder unterliegen grundsätzlich der Schulpflicht. Und wenn<br />
diese Pflicht nicht erfüllt wird, drohen schon jetzt Strafen<br />
für Eltern und Kinder.
</p>
<p>
<b>Simon Haber:</b> Anzeigen wegen leichter Körperverletzung<br />
werden oft fallen gelassen. Muss hier nicht früher reagiert<br />
werden, um abzuschrecken und den Tätern die Folgen zu zeigen?
</p>
<p>
<b>Wolfgang Bosbach:</b> Richtig. Ich erlebe in der anwaltlichen<br />
Praxis sehr oft, dass bei angeblich geringfügigen Straftaten<br />
den Tätern mit einer<br />
erstaunlichen Milde begegnet wird und die Opfer reiben sich verwundert<br />
die Augen. Während der Staat bei Falschparkern in der Regel<br />
zügig zur Stelle ist und konsequent handelt, können bei<br />
Körperverletzungsdelikten zwischen Tatbegehung und Aburteilung<br />
viele Monate vergehen, obwohl der Täter am Tatort gefasst wurde.<br />
Dies gilt sogar, wenn er geständig ist. Viele Sanktionen werden<br />
von den Tätern gar nicht als besonders spürbar empfunden.<br />
Und wenn dann noch eine Geldbuße oder Geldstrafe von der Oma<br />
bezahlt wird,<br />
wird der Täter von so gut wie keiner Sanktion selbst betroffen.
</p>
<p>
<b>Franczak:</b> Ich hatte eigentlich gedacht, dass es<br />
hier auch um die<br />
Verantwortung der Politik am neuerlichen Aufflammen des Rechtsradikalismus<br />
geht. Nun will ich also mal fragen, ob nicht Unterschriftenaktionen<br />
des Herrn Koch, Leitkultur-Diskussionen, Fragebogen bei Staatsbürgerschaft<br />
usw. nicht doch dem rechtsradikalen Gedankengut Munition geliefert<br />
haben?
</p>
<p>
<b>Wolfgang Bosbach:</b> Diese Behauptung wird immer<br />
wieder aufgestellt. Sie wird aber dadurch nicht richtig. Wer die<br />
kühne These aufstellt, am<br />
Rechtsradikalismus ist die Politik Schuld, sagt damit gleichzeitig,<br />
jedenfalls sind die Rechtsradikalen nicht selber Schuld. Denn sie<br />
wurden ja erst angeblich durch die Politik zu dem gemacht, was sie<br />
sind. Die Unterschriftenaktion in Hessen war vor über sechs<br />
Jahren und darauf den Anstieg rechtsradikaler Gewalt im Jahr 2006<br />
zu beziehen, ist mehr als nur mutig. Im Übrigen sind die linksradikalen<br />
Gewalttaten ebenso stark angestiegen wie die rechtsradikalen. Schon<br />
deshalb kann ein Kausalzusammenhang mit irgendwelchen politischen<br />
Entscheidungen nicht bestehen.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Die Politik kann nicht Schuld sein:<br />
Aber die Politik kann eine Bewegung durch Populismus verstärken<br />
&#8211; auch mit Zeitverzögerung. Im Übrigen steht die Unterschriftenaktion<br />
ja nicht im luftleeren Raum.
</p>
<p>
<b>Wolfgang Bosbach:</b> Wer Probleme im Zusammenhang<br />
mit Zuwanderung und Integration tabuisiert, schwächt die Rechtsradikalen<br />
nicht, vielmehr stärkt er sie. Wer Probleme tabuisiert, löst<br />
sie nicht, sondern verschärft sie und diese Verschärfung<br />
kann radikalen Tendenzen Vorschub leisten. Die rechtsradikalen Parteien<br />
hätten Anfang der 90er Jahren nicht soviel Zuspruch gehabt,<br />
wenn wir das Asylproblem rascher gelöst hätten.
</p>
<p>
<b>Inside: </b>Die Realität feststellen, können<br />
wir Bürger auch, aber was machen Sie als Politiker um diese<br />
Dinge abzustellen?
</p>
<p>
<b>Wolfgang Bosbach:</b> Zu glauben, das Thema Rechtsextremismus<br />
sei ein Thema für die Berufspolitiker, nicht aber für<br />
die Zivilgesellschaft, ist ein riesiger Irrtum. Wir haben es dort<br />
mit einer Versammlung verschiedener Typen zu tun: Es gibt die Ewiggestrigen,<br />
junge, auch gewaltbereite Neonazis und Wirrköpfe, die zwar<br />
kein gefestigtes rechtsradikales Weltbild haben, sich aber von dieser<br />
Szene angezogen fühlen. Die dritte Gruppe halte ich für<br />
die Demokratie nicht verloren. Daher müssen wir uns intensiver<br />
mit der rechtsradikalen Subkultur befassen, beispielsweise mit dieser<br />
Musikszene, aber auch mit den einschlägigen Internetauftritten.<br />
Das ist in erster Linie aber nicht nur eine Sache des Verfassungsschutzes.<br />
Wenn Straftaten drohen, ist es Aufgabe der Polizei, sie zu unterbinden.<br />
Und zivilgesellschaftlich ist es wichtig, nicht wegzusehen, sondern<br />
jeder Form von Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus entgegenzutreten.
</p>
<p>
<b>trainspotting:</b> Einerseits sprechen Sie laufend<br />
von den steigenden Gefahren durch Rechtsextremismus, andererseits<br />
finden Sie Heyes Warnung vor &quot;No Go Areas&quot; unangemessen.<br />
Wie passt das zusammen? War es nicht längst an der Zeit, dass<br />
die Realität in einigen Regionen Deutschlands offen angesprochen<br />
wird?
</p>
<p>
<b>Wolfgang Bosbach:</b> Nichts spricht gegen offene<br />
Ansprache. Dann muss sie aber auch offen sein. Man kann nicht ein<br />
Land oder Kommunen unter Generalverdacht stellen. Dann sind selbst<br />
solche Städte betroffen, die noch nie eine rechtsradikale Szene<br />
hatten. Beim Land Brandenburg kommt hinzu, dass dort im vergangenen<br />
Jahr, im Gegensatz zum Bundestrend, die Entwicklung rückläufig<br />
war. Die Benennung von &quot;No-Go-Areas&quot; ist vielleicht gut<br />
gemeint aber<br />
kontraproduktiv. Die Rechtsradikalen wollen ja gerade sogenannte<br />
&quot;national befreite Zonen&quot; und wenn man entgegen dem Verfassungsschutzbericht<br />
behauptet, dass es sie gäbe, klopft man sich in diesen Kreisen<br />
vor Freude auf die Schenkel, nach dem<br />
Motto: Ziel erreicht.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Müssten Politiker nicht ehrlicherweise<br />
eingestehen: Einen<br />
gewissen rechtsradikalen Bodensatz wird es in der Demokratie immer<br />
geben und dagegen kann &#8211; zumindest die Politik &#8211; dauerhaft auch<br />
nichts tun?
</p>
<p>
<b>Wolfgang Bosbach:</b> Dass es diesen Bodensatz in<br />
allen Ländern gibt, ist in der Tat richtig, darf aber im Umkehrschluss<br />
nicht bedeuten, dass man dem Treiben dieser Szene tatenlos zusieht.<br />
Es gibt in der Tat eine immer wieder aufflammende öffentliche<br />
Aufregung, die jedoch nicht von der Politik entfacht wird. Ich kenne<br />
keinen vernünftigen Politiker, der den Eindruck erweckt, als<br />
stünde der Rechtsradikalismus in Deutschland unmittelbar vor<br />
der Machtübernahme. Aber aus unserer Geschichte: Wehret den<br />
Anfängen! Und deswegen müssen wir jeder Form des Radikalismus<br />
entschlossen begegnen.
</p>
<p>
<b>aurora:</b> Finden Sie nicht, dass das Thema in der<br />
Vergangenheit<br />
vernachlässigt wurde und jetzt aufgrund der WM an Popularität<br />
gewinnt? Es ist aber doch am wichtigsten, langfristige Lösungen<br />
zu finden.
</p>
<p>
<b>Wolfgang Bosbach:</b> Nein! ich kenne kaum ein innenpolitisches<br />
Thema, über das wir in den letzten Jahren so häufig gesprochen<br />
haben wie über den Kampf gegen den politischen Extremismus.<br />
Es hat seit der Wiedervereinigung über 20 Verbotsverfahren<br />
gegeben und das NPD-Verbotsverfahren hat das Land jahrelang in Atem<br />
gehalten.
</p>
<p>
<b>jaba:</b> Wie werden Sie versuchen, gegen rechtsradikale<br />
Aufmärsche während der WM vorzugehen?
</p>
<p>
<b>Wolfgang Bosbach:</b> Wir haben das Demonstrationsrecht<br />
vor kurzem geändert und hoffen, dass es uns gelingt, diese<br />
Demonstrationen verbieten zu lassen oder jedenfalls so zu verlegen,<br />
dass es nicht zu einem unmittelbaren räumlichen Zusammenhang<br />
mit Großveranstaltungen kommt. Das wird aber nicht einfach<br />
werden, denn die Demonstrationsfreiheit ist grundgesetzlich geschützt<br />
und<br />
sie gilt auch für Extremisten, solange sie sich an die Regeln<br />
halten.
</p>
<p>
<b>Venderbos:</b> Sehr geehrter Herr Bosbach, als Holländer<br />
habe ich die Debatte in Deutschland zum Thema Leitkultur mit großem<br />
Interesse verfolgt. Ich glaube, der Begriff Leitkultur ist ein richtiges<br />
und kraftvolles Konzept. Weshalb vertritt die Union es nicht noch<br />
nachdrücklicher, mit mehr Mut und Selbstbewusstsein?
</p>
<p>
<b>Wolfgang Bosbach:</b> Das würde auch ich mir<br />
wünschen, denn dieser Begriff hat mit Nationalismus nichts<br />
zu tun. Freiheitlich deutsche Leitkultur bedeutet nicht: Deutschland,<br />
Deutschland über alles. Sondern wenn Menschen mit ganz unterschiedlicher<br />
Nationalität, Hautfarbe oder Gesinnung in einem Land friedlich<br />
miteinander leben wollen, dann müssen sie alle die gleichen<br />
Regeln beachten. Und dies können in unserem Land nur die Regeln<br />
der Bundesrepublik<br />
Deutschland sein.
</p>
<p>
<b>Sozialdemokrat2:</b> Werter Herr Bosbach, Sie meinten<br />
am Anfang der gestrigen Berliner Phoenix-Runde, eines der größten<br />
Probleme Deutschlands sei die Massenarbeitslosigkeit. Des Weiteren<br />
sagten Sie, dass Hartz IV der richtige Weg sei. Wie wollen sie als<br />
Christdemokrat die Massenarbeitslosigkeit bekämpfen?
</p>
<p>
<b>Wolfgang Bosbach:</b> In Deutschland wissen wir aus<br />
langjährigen Erfahrungen, dass sich erst bei einem Wirtschaftswachstum<br />
von mehr als zwei Prozent eine spürbare Belebung auf dem Arbeitsmarkt<br />
zeigt. Die Schwelle, neue Arbeitnehmer/innen einzustellen, ist in<br />
Deutschland höher als in den meisten anderen Ländern.<br />
Dies liegt an unserem sehr starren Arbeitsrecht, das sich in zu<br />
vielen Fällen als Wiedereintrittsbarriere in den Arbeitsprozess<br />
erweist. Darüber hinaus müssen wir in Deutschland viel<br />
schneller werden. In einer globalisierten Welt gilt nicht: Der Große<br />
schlägt den Kleinen, sondern<br />
der Schnelle schlägt den Langsamen. Also: Entbürokratisierung,<br />
mehr<br />
Investitionen in Forschung und Entwicklung, mehr Bildungsinvestitionen<br />
und eine konsequent mittelstandsfreundliche Politik.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Von Herrn Kauder vernehmen wir den<br />
Satz: &quot;Es darf nicht der Eindruck entstehen, in Deutschland<br />
bekommt man als Arbeitsfähiger eine Grundsicherung und kann<br />
den ganzen Tag im Bett liegen bleiben&quot; &#8211; Was glauben Sie, wie<br />
viele absolut arbeitswillige Arbeitslose bei so einem Satz die kalte<br />
Wut packt?
</p>
<p>
<b>Wolfgang Bosbach:</b> Ich gebe die Frage zurück:<br />
Warum sollte jemanden die kalte Wut packen, wenn er offensichtlich<br />
nicht gemeint ist? Tatsache ist, dass wir ca. 4,6 Millionen registrierte<br />
Arbeitslose haben. Tatsache ist aber auch, dass viele hunderttausend<br />
offene Stellen nicht besetzt werden können. Tatsache ist darüber<br />
hinaus, dass wir jedes Jahr 330.000 ausländische Erntehelfer<br />
einsetzen, weil es offensichtlich unmöglich ist, auch nur 8<br />
Prozent der Arbeitslosen für diese Tätigkeit zu gewinnen.<br />
Hier geht es um schlichte Arbeit und ich kann mir eigentlich nicht<br />
vorstellen, dass es tatsächlich nur wenige Tausend unter den<br />
4,6 Millionen gibt, die hierzu in der Lage sind.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Das waren 60 Minuten tagesschau-Chat.<br />
Herzlichen Dank für alle Fragen &#8211; verbunden mit der Bitte um<br />
Verständnis an all jene, die heute nicht zum Zuge gekommen<br />
sind. Besonderen Dank an Wolfgang Bosbach, dass er sich für<br />
uns Zeit genommen hat. Unser nächster Chatgast wird am kommenden<br />
Freitag (2. Juni) der haushaltspolitische Sprecher der Union, Steffen<br />
Kampeter, sein. Der Chat beginnt um 11.30 Uhr und wird ausnahmsweise<br />
nur 45 Minuten<br />
dauern.
</p>
<p><b>Wolfgang Bosbach:</b> Ich bedanke mich für das<br />
rege Interesse und hoffe, dass niemand enttäuscht zurück<br />
bleibt. Sollte dies doch der Fall sein, holen wir das heute Versäumte<br />
beim nächsten Mal nach.</p>
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