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	<title>Kommunikationsmuster &#8211; politik-digital</title>
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	<title>Kommunikationsmuster &#8211; politik-digital</title>
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		<title>Knapp lebendig</title>
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		<pubDate>Sun, 08 Sep 2002 23:00:00 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[Körpersprache und Kommunikation beim zweiten TV-Duell zwischen Gerhard Schröder und Edmund Stoiber]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Körpersprache und Kommunikation beim zweiten TV-Duell zwischen Gerhard Schröder und Edmund Stoiber<!--break-->
                    </p>
<p>
                    <br />Körpersprache drückt sich im Verhalten der Menschen aus und ist ein wesentlicher Wirkfaktor in der zwischenmenschlichen Kommunikation. Politische Macht wirkt über Entscheidungen, die getroffen werden, aber auch über die Kommunikation politischer Inhalte. Da sich diese Inhalte immer mehr angleichen, fällt es den WählerInnen immer schwerer trennscharfe Unterschiede festzustellen. Sie schauen daher deutlicher auf die Performance der Politiker, auf ihren nonverbalen Auftritt.</p>
<p>Das gelockerte Korsett des 2. TV-Duell (auch wenn die Regeln nicht geändert wurden) erleichterte den schnelleren Schlagabtausch der beiden Kontrahenten. Beide zeigten sich spontaner, kontaktfreudiger und angriffslustiger. Auch wenn Alice Schwarzer das Duell im anschließenden Kommentar als „fatal steril“ erlebt hatte und „die Kandidaten für plattgecoacht“ erklärte, sind aus körpersprachlicher Perspektive betrachtet eindeutige Kommunikationsmuster sichtbar geworden:</p>
<p>
                    <strong>Kanzler Schröder als Choreograph (Schröder)</strong><br />
                    <br />Kanzler Schröder choreographiert, so wie man es von ihm als Medienkanzler gewohnt ist, mit charmantem Lächeln, ruhigen Gesten das zweite TV-Duell. Er steht in sich geerdet hinter seinem Pult und wendet sich während des Gesprächs in der Regel dem jeweiligen Gesprächspartner so zu, wie man es im Alltag üblicherweise macht., mit dem Blick und dem ganzen Körper und bleibt, so lange er zu jemandem redet, mit dem Blick bei diesem Menschen. Mal wiegt er nachdenklich den Kopf. Mal unterstreicht er durch seine differenzierte, ruhige Gestik seine Ausführungen. Während Mimik und Betonung den Feinschliff setzen. So spielt er nicht nur auf der Klaviatur der Möglichkeiten, sondern gewinnt auch durch den Ausdruck seiner Gesamtgestalt. Er strahlt souveräne Ruhe, aber auch Konsequenz aus, die er insbesondere durch das situative Wechselspiel von Betonung und Pausen regelt.</p>
<p>Auf der Beziehungsebene glänzt Schröder gleich von Anfang an durch die charmante Art und Weise, gleich mit seiner ersten Antwort die beiden Moderatorinnen zu sich ins Boot zu holen . Gleichzeitig stellt er dem Fernsehpublikum seine kritische Selbstreflexion unter Beweis. Er habe schließlich gerade durch die Zuschauerkritik nach dem ersten Duell persönlich viel gelernt. Er zeigt sich kooperativ und schwingungsfähig, lässt bei einer Unterbrechung seinem Kontrahenten mit einem freundlichen „Bitteschön“ weiterhin den Raum zum Reden. Spätere Attacken und Vorwürfe von Seiten Stoibers federt er persönlich ab, ohne sich persönlich zu ereifern und mit dem Herausforderer zu verhakeln. Statt dessen bietet Schröder Erklärungen und sorgt durch seine einfache und bildhafte Sprache für Transparenz. Richtet sich aber nicht selten gerade dabei an die beiden Moderatorinnen, nicht an Stoiber. Er unterbricht Stoiber, ohne seine Souveränität zu verlieren. Das schrödersche „darf ich auch mal“ lässt Stoiber schließlich sofort verstummen..</p>
<p>Schröder unterstreicht durch das feine Wechselspiel von Durchsetzungsstärke und „langer Leine“ seine Führungskompetenz. Gleichzeitig beugt er sich, wie er betont, der von ihm explizit gesuchten, gesellschaftlichen Legitimation. Humorvoll schließlich gratuliert er Stoiber zu dessen Schattenkabinett und korrigiert mit einem süffisanten Lächeln das stoibersche 63- DM-Gesetz.</p>
<p>Im Schlussstatement trumpft Schröder schließlich auf und besiegt Stoiber mit dessen eigenen Waffen, indem er aus dem Klischee des sogenannten Befürworters der Ich-AG schlüpft. Er wolle, und das sei Schröders tiefe Überzeugung, auch weiterhin aus der Kraft schöpfen, die er während der Flutkatastrophe bei den Menschen in ganz Deutschland erlebt hatte. Dabei spricht er bewußt nicht mehr in der Ich-Form , sondern ordnet sich dem allgemeinen „Wir“ unter. Dem „Wir“, das die Unionsparteien, im Sinne einer Unterscheidung zur SPD, zum Wahlkampfmotto gemacht hatten. Und das Stoiber im ersten Duell für sich pachten wollte.</p>
<p>
                    <strong>Stoiber: Angriffsspieler, aber keine Spielführer</strong><br />
                    <br />Der Herausforderer Stoiber steht aufrecht aber eher versteift mit gekrallten Händen an seinem Rednerpult. Man könnte annehmen, er hätte Angst, alleine auf seinen eigenen Beinen zu stehen. Auch wenn er sich mit seinem Blick zu Schröder hin wendet, tut er dies lediglich mit den Augen, mit dem Kopf und nicht mit dem Rumpf. Er lächelt weniger, stellenweise noch im unpassenden Moment (z.B. beim Thema Krieg, Terroranschlag). Blickt er ernst, beherrscht seine tiefe Stirnfalte voller Skepsis und Widerspruch sein Gesicht. Mal blickt er indifferent, mal leicht abwesend mit schmalen zusammen gepreßten Lippen. Immer wieder blinzelt er. Und man weiß nicht, ob es das Licht ist, das ihn blendet oder der große Stress in den Augen, weil er der Aufforderung nachkommt, den Blickkontakt zu halten.<br />
                    <br />Auf der Beziehungsebene zeigt sich Stoiber bemüht zugewandt. Er will moderat und selbstsicher bleiben, scheint aber nicht genügend in sich selbst geerdet zu sein. Seine Sätze sind durchweg zu lang, zu kompliziert, gegen Ende des Duells zu schnell ausgesprochen. Er unterbricht Schröder und die Moderatorinnen, und erweist sich dabei als guter Kämpfer. Stoiber macht Schröder Vorwürfe. Er attackiert ihn, wirkt aber gelegentlich dabei wie ein Störer im Hintergrund, der nicht zum Zuge kommt.</p>
<p>Mal wirkt er dann wie ein Prediger, der überhaupt nicht auf die an ihn gerichteten Fragen antwortet. Stoiber ist nicht im Dialog mit Schröder, nicht im Dialog mit den Moderatorinnen, nicht im Dialog mit dem Publikum. Als Herausforderer folgt er seiner Strategie, nämlich Schröder zu attackieren, um sein Thema Arbeitslosigkeit zu besetzen. Und er kämpft gut! Seine gebremste Aggression zeigt er, indem er, mit seinen Händen am Pult festgekrallt, nur mit dem drohenden linken Zeigefinger auf Schröder zeigt. Er nennt aber dabei weder „Ross noch Reiter“. Schließlich kommt es kurze Zeit später beinah noch zu einer psychologischen Fehlleistung, zum Vergessen des Namens seines Gegenübers („&#8230;Herr Ministerpräsident a. D., Herr Kanzler,&#8230;Pause&#8230;äh &#8230;Schröder“).</p>
<p>Kurz darauf, es geht jetzt um das Thema Arbeitslosigkeit, wird er während seiner dauerhaft wiederholten Vorwürfe von Frau Christiansen ausgebremst. Sie entzieht Stoiber das Wort, reicht es weiter an Schröder, um von ihm zu erfahren, was gegen die hohe Arbeitslosigkeit zu tun sei. Stoiber, der gerade dieses Thema besetzen wollte, lässt sich die Verfügung über sein Thema einfach aus der Hand nehmen. Ist dies, so kann man sich berechtigter Weise fragen, die Auswirkung einer möglichen Retraumatisierung? Eine Folge der beschämend wirkenden Erfahrung aus dem Januar-Talk mit Frau Christiansen, als er sie Frau Merkel nannte.</p>
<p>Stoiber ist trotz einiger überzeugender Gesten unflexibel und reagiert eher in seinen alten Mustern. Im Schlussstatement wirkt er ungemein angespannt, wenn er gerade von Offenheit und Toleranz erzählt. Er wirkt wieder wie angeknipst und ist sich selbst nicht mehr treu. Denn ganz im Unterschied zum Wahlkampfmotto der Union, nämlich dem Teamgeist, dem „Wir“, verliert er sich in deutlich betonten Ich-Aussagen.</p>
<p>
                    <br />
                    <strong>Thema versus Kontakt</strong><br />
                    <br />Beide Kontrahenten zeigen sich körpersprachlich so wie sie sind. Stoiber will das Thema Arbeitslosigkeit besetzen und fährt die Strategie des Angriffs. Eine solche Art des Angriffs, wenn man Marketingstrategen Glauben schenkt, ist aber in den Wirtschaft nicht gerade beliebt , sondern eher verpönt. Angeblich könne man nämlich, so die Werbung, nur dann glaubwürdig punkten, wenn man deutlich und substantiell nach vorne schaut.</p>
<p>Schröder ruht sich hingegen nicht auf der Rolle des souveränen Staatsmanns aus, sondern zeigt sich als Gestalter der Situation im Studio. Er agiert als Choreograph. Dies gelingt ihm gerade aufgrund seines intuitiven Talents, sich auf Menschen und Situationen einlassen zu können. Man sieht es ihm an und man glaubt ihm.</p>
<p>Seine Strategie ist es, nicht an der Strategie festzuhalten, während Stoiber auf die geheime Regieanweisung fixiert bleibt, seiner Angriffsstrategie mit der „Themenwaffe“ Arbeitslosigkeit treu zu bleiben.</p>
<p>Beide Politiker zeigen sich als engagierte Menschen, als leidenschaftliche Politiker. Knapp lebendig, wie der Körperspracheexperte Samy Molcho sie im ZDF-Kommentar charakterisiert hat, konturieren sich die Kontrahenten nonverbal und kommunikativ so deutlich, dass die Umfrageergebnisse ganz im Unterschied zum ersten Duell klare Meinungsunterschiede aufzeigen. Menschen schauen auf die Anmutung von Politikern, wenn sie keine politischen Unterschiede mehr wahrnehmen können. Sie suchen nach Schlüsseltugenden wie Glaubwürdigkeit, Tatkraft, Führungsstärke usw. Sie suchen all das, was man wohl unter Authentizität fassen könnte. Im zweiten Duell spätestens haben sie gefunden, was sie suchten. Beide Kontrahenten waren insoweit authentisch, als sie sich nicht verstellt haben bzw. ihre Bemühungen , einen bestimmten Eindruck zu erwecken, nicht verbergen konnten.</p>
<p>Ulrich Sollmann arbeitet als Körperpsychotherapeut und Unternehmensberater in Bochum. Er ist Autor des Buches &#8220;Schaulauf der Mächtigen &#8211; was uns die Körpersprache der Politiker verrät&#8221;, dass im TB Knaur Verlag erschienen ist.</p>
<p></p>
<table cellpadding="2" width="146" border="0">
<tbody>
<tr>
<td bgcolor="#FFCC33">
<div class="tidy-2">Erschienen am 09.09.2002</div>
</td>
</tr>
</tbody>
</table>
<p>
                      
                    </p>
<p>
                      <!-- Content Ende --></p>
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		<title>Die Bilanz des ersten TV-Duells</title>
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		<dc:creator><![CDATA[admin]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 25 Aug 2002 23:00:00 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[75 Minuten Nachtduell in Berlin-Adlershof: Die erste Live-Fernsehdebatte deutscher Kanzlerkandidaten nach US-Vorbild blieb ohne eindeutiges K.O. und ohne rhetorische Triumphe. Doch der Schlagabtausch brachte Kontrast und war erstaunlich politisch. Ebenso erstaunlich: der defensive Stil des Bundeskanzlers. Für politik-digital analysiert Dr. Marco Althaus die Debatte von Herausforderer Edmund Stoiber und Amtsinhaber Gerhard Schröder.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>75 Minuten Nachtduell in Berlin-Adlershof: Die erste Live-Fernsehdebatte deutscher Kanzlerkandidaten nach US-Vorbild blieb ohne eindeutiges K.O. und ohne rhetorische Triumphe. Doch der Schlagabtausch brachte Kontrast und war erstaunlich politisch. Ebenso erstaunlich: der defensive Stil des Bundeskanzlers. Für politik-digital analysiert Dr. Marco Althaus die Debatte von Herausforderer Edmund Stoiber und Amtsinhaber Gerhard Schröder.<!--break-->
                    </p>
<p>
                    <strong>Das Themen-Handling</strong><br />
                    <br />Inhaltlich gab es nichts Neues, aber das wurde auf relativ hohem Niveau diskutiert. Beide formulierten bei Themen wie Steuern, Schulden, Arbeitsmarkt, Energie, Zuwanderung, Bundeswehreinsatz oder Großer Koalition schnörkellos und unbürokratisch, und sie bezogen mehrmals klar Position. Politische Kontraste wurden deutlich sichtbar: Die Befürchtung, hier gehe es nur um einen Schönheits- oder Ähnlichkeitswettbewerb, traf nicht zu. Allerdings schossen die beiden Politiker öfter aneinander vorbei als aufeinander. Schröder präsentierte ein recht vollständiges Faktenarsenal seiner Gesetzgebungs- und Etatleistungen, leugnete aber Probleme nicht, gab sich einsichtig und machte die eigene Unzufriedenheit mit dem Erreichten deutlich. Immer wieder wies er auf Stoibers Mitverantwortung für 16 Jahre Kohl-Regierung hin, die Probleme ebenfalls nicht gelöst habe. Er zögerte nicht, kämpferische Töne auf der linken Saite anzuschlagen über Umverteilung, Solidarität und den wirkungsvollen Sozialstaat. Stoiber, der Angreifer, konzentrierte sich auf die Attacke und wich Nachfragen nach konkreten Lösungen meist aus. Das gewohnte Fakten-Feuerwerk des Bayern blieb aus. Er punktete durch einfache Schuldzuweisungen, häufigste Wörter: &#8220;schwerer Fehler&#8221;, &#8220;verhängnisvoller Fehler&#8221;, &#8220;katastrophaler Fehler&#8221; &#8220;verantwortungslos&#8221;. Dabei ritt er auf &#8220;seinen&#8221; Themen Steuern, Arbeitslosigkeit und Mittelstand auch an weniger passenden Stellen herum, vermied aber plumpe Rechthaberei. Stoiber blieb hölzern und umständlich bei den Fragen nach dem fehlenden Kompetenzteammitglied für Umweltfragen und nach der künftigen Rolle seiner Frau, die er allein als unterstützend definierte. Schröder witterte hier seine Chance im Gender-Gap, sprach ausführlich von Doris als &#8220;selbstbewusster Frau&#8221; und in eindeutiger Distanzierung dreimal von einem &#8220;Frauenbild, das nicht meines ist&#8221;.</p>
<p>
                    <strong>Dynamik und Schlagfertigkeit</strong><br />
                    <br />Von den starren Regeln profitierte klar Stoiber. Der Dialogmensch Schröder, der im informellen Pingpong sowohl im Interview, im Menschenbad wie im Plenarsaal besonders stark wirkt, schien im Korsett gefangen. Pro Einzelthema genügten Stoiber ein, zwei Stöße, um zu punkten, er musste bei Angriffen kaum im Detail nachlegen. Schnelle Gegenangriffe, ein blitzendes Vergeltungsschwert Schröders brauchte er kaum zu fürchten. Allerdings: Schröder brach die Regeln mehrmals, um trotzdem eine Replik abzugeben. Zuerst ließen Peter Kloeppel (RTL) und Peter Limbourg (N24) das durchgehen, wurden dann aber strenger. Im Streit um Mittelstand und Steuern blitzte Emotionalität auf: &#8220;Sie machen eine Umverteilung von unten nach oben&#8221;, warf Schröder Stoiber an den Kopf. Der konterte: &#8220;Herr Bundeskanzler, Sie sollten nicht die Unwahrheit sagen.&#8221; Er riet Schröder, mehr &#8220;in die Akten zu schauen&#8221;, damit Fehler wie bei der Körperschaftssteuer nicht passierten. Schröder: &#8220;Das ist schlicht falsch, was er gesagt hat.&#8221; Was die Akten angehe: &#8220;Sie sollten Sie nicht nur mit sich rumtragen, sondern auch lesen.&#8221; Stoiber: &#8220;Der Bundeskanzler tut immer so, als sei er die Inkarnation der sozialen Gerechtigkeit.&#8221; An anderer Stelle führte Stoiber als Beleg für seine Aufrichtigkeit ein altes Schröder-Zitat über sich selbst an: &#8220;Stoiber, der hält, was er verspricht, der zieht das durch&#8221;. Schröder grinste launig: &#8220;Das muss aber sehr lange her sein.&#8221; Ein Anflug von Humor.</p>
<p>
                    <strong>Ausstrahlung und Sympathiewerben</strong><br />
                    <br />Der Bayer setzte in der ersten Hälfte der Sendung auf eine Lächeloffensive, flirtete aber nicht mit der Kamera. Er suchte also nicht &#8211; wie teilweise Schröder &#8211; den direkten Blick in die Wohnzimmer. Er wirkte frisch, energisch und froh, bei diesem Duell zu sein. Die innere Einstellung strahlte nach außen: Man fühlte Stoibers Willen und Kraft. Diese überspielten Argumentations- und Sprachschwächen. Er versuchte erst gar nicht, Einfühlungsvermögen zu demonstrieren. Schröder verbarg den Charmeur und Kumpeltypen hinter der Maske des Staatsmanns. Er war der ernste Mann für ernste Zeiten, den Stoiber eigentlich darstellen wollte. Und er strahlte Macht aus. Dabei blieb die menschliche Wärme auf der Strecke, die er sonst ausstrahlt. Souverän war er, aber auch ungewohnt distanziert. Sonst fühlt er sich vor der Kamera wohl &#8211; hier nicht. Beherrscht, angespannt, besorgt, genervt, gehemmt &#8211; das blieben Schröders unterschwellige Attribute. Er gewann in der zweiten Hälfte der Sendung durch Einwürfe, spontane Reaktionen, klassenkämpferische Töne und ein gelegentliches listiges Schmunzeln. Schröders Schlussstatement über das bei der Flut sichtbar gewordene Engagement und den Gemeinsinn der Bürger, &#8220;einer der größten Schätze Deutschlands&#8221; setzte &#8211; zusammen mit Frieden und Arbeit &#8212; mit seiner Solidaritätsbotschaft den richtigen menschlichen Kontrapunkt zur eher technokratischen Aussage des Bayern. Hier vereinten sich sozialdemokratisches Pathos und persönliches Charisma mit der staatsmännischen Pose.</p>
<p>
                    <strong>Rhetorik, Gestik und Mimik</strong><br />
                    <br />Wer einen stotternden Stoiber erwartet hatte, wurde enttäuscht. Er formulierte prägnant, seine Sätze fanden ein geordnetes Ende, er bewies gewisse Eloquenz durch ein bewusstes Wirkenlassen seiner Anti-Botschaften. Sein Lächeln unterstrich die Souveränität eines Mannes, der sich seiner Sache sicher ist und weiß, das die Erwartungen an seinen Auftritt niedrig hängen. Doch reichte er weder an Schröders Eloquenz heran, noch konnte er den Sätze zerreißenden Stakkato- und Schnellredner in sich ganz bändigen. Er wirkte zwar nicht kühl und verbohrt, aber hinterließ auch keinen wirklich entspannten Eindruck. Normalerweise ist es Schröder, der im Rhythmus der Worte mit Händen und Füßen redet. Doch der beschränkte sich auf wenige Gesten vor der Brust &#8211; immerhin, im Gegensatz zu Stoiber nahm der Kanzler die Hände vom Tisch. Der Schlaks Stoiber klebte am Griff, wippte und wackelte dafür umso mehr mit dem ganzen Körper, hackte mit dem Kopf seine Attacken in die Luft. Kurios wirkte es, wenn Stoiber, den Kopf seltsam schräg gelegt und spitz lächelnd, Schröder direkt mit &#8220;Sie&#8221; ansprach, ihn dabei aber nicht ansah. Was den Kanzler wohl verwirrte, und auch Moderator Limbourg, der sich laut wunderte, warum er dauernd als &#8220;Herr Bundeskanzler&#8221; angesprochen werde. Die häufigen Äääähs begleiteten Stoiber auch zum Duell. Er griff immer wieder zu denselben Floskeln wie den Satzstarter &#8220;Ich sage Ihnen ganz offen&#8230;&#8221; Immerhin: Nur selten brachte er fragwürdigen Politikerjargon wie &#8220;Minuswachstum&#8221; oder verfiel in Stoiberesken wie &#8220;Deutschland ist ein großartiges Land, und die Bevölkerung ist eine großartige Bevölkerung&#8221;. Schröder erklärte seine Politik in äußerst simplen Sätzen, sein häufigstes Wort: &#8220;Machen&#8221;. Das klang nach Tatkraft und Exekutive, ein wenig nach der Diktion der Macht, aber auch unfreiwillig komisch in Sätzen wie: &#8220;Wir haben Kraft-Wärme-Kopplung gemacht.&#8221;</p>
<p>
                    <strong>Die Rollen: Angriff und Verteidigung</strong><br />
                    <br />Stoiber wurde seiner Rolle als Herausforderer gerecht und nutzte die Außenseiterchance. Er ließ keinen Zweifel an seinem Willen, anzugreifen und Themen an sich zu ziehen. Er blieb fast nie bei der Analyse stehen, sondern nutzte bei jeder Frage die Chance zum Angriff und behielt damit die Initiative. Er prangerte Fehler an und versuchte mehrmals, Schröder durch die direkte Ansprache und Provokation aus der Reserve zu locken. Damit zeigte er, dass er &#8211; zumindest unter diesen fixen Duellregeln &#8211; vor einer frontalen Konfrontation mit dem sehr schlagfertigen Schröder keine Angst hat. Er wirkte energisch, fast frech. Der Kanzler als Fernseh-Favorit verteidigte seine Bilanz souverän und dem Medium angemessen. Er nutzte die eingebauten Stärken der Verteidigerrolle. Denn Erhalten ist leichter als Gewinnen. Er ließ Stoiber an sich abarbeiten. Geschickt fing er Provokationen durch Stoiber und Moderatoren ab, indem er Kritik einräumte, nachgab, uminterpretierte. Er nutzte wenige, aber gezielte Gegenstöße, ohne sich zu exponieren. Er schien sich bewusst zurück zu halten. Doch durch die staatsmännische Defensive aus der Stärke des Amtes heraus hemmte er seine Talente als Angreifer. Er hätte Stoiber sicher rhetorisch dominieren können, wäre aber dabei ein hohes Risiko eingegangen. Das Ergebnis: Ein Patt. Das Unentschieden, das Stoiber vielleicht vom Gewinnen abhalten könnte.<br />
                    </p>
<p>Dr. disc. pol. Marco Althaus, M.A. (USA), Diplom-Politologe, ist Leiter der Pressestelle des Niedersächsischen Ministeriums für Wirtschaft, Technologie und Verkehr.</p>
<table cellpadding="2" width="146" border="0">
<tbody>
<tr>
<td bgcolor="#FFCC33">
<div class="tidy-2">Erschienen am 26.08.2002</div>
</td>
</tr>
</tbody>
</table>
<p>
                      
                    </p>
<p>
                      <!-- Content Ende --></p>
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