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	<title>Linkspartei.PDS &#8211; politik-digital</title>
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	<title>Linkspartei.PDS &#8211; politik-digital</title>
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	<item>
		<title>&#034;Bisky und ich werden nicht zu spät gehen&#034;</title>
		<link>https://www.politik-digital.de/chattranscripte/bisky-und-ich-werden-nicht-zu-spaet-gehen-527/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[admin]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 12 Jun 2007 23:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Chattranscripte]]></category>
		<category><![CDATA[Bundespolitik]]></category>
		<category><![CDATA[Gregor Gysi]]></category>
		<category><![CDATA[Linkspartei.PDS]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>
<span class="fett"> Gregor Gysi war am Mittwoch, 13. Juni, zu Gast
im tagesschau-Chat in Kooperation mit politik-digital.de. Der Fraktionsvorsitzende
der Linken.PDS chattete wenige Tage vor dem Zusammenschluss mit
der WASG über Mindestlöhne, Frauen an der Parteispitze
und die Ost-West-Verteilung der neuen Linkspartei.</span>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>
<span class="fett"> Gregor Gysi war am Mittwoch, 13. Juni, zu Gast<br />
im tagesschau-Chat in Kooperation mit politik-digital.de. Der Fraktionsvorsitzende<br />
der Linken.PDS chattete wenige Tage vor dem Zusammenschluss mit<br />
der WASG über Mindestlöhne, Frauen an der Parteispitze<br />
und die Ost-West-Verteilung der neuen Linkspartei.</span><!--break-->
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Herzlich willkommen zum tagesschau-Chat,<br />
heute vor allem über die neue Partei „Die Linke“,<br />
die am Samstag ihren Gründungsparteitag hat. Der Diskussion<br />
stellt sich im ARD-Hauptstadtstudio Gregor Gysi, Linksfraktions-Vorsitzender,<br />
der ganz gewiss auch Antworten auf Fragen zu Mindestlohn, Stasi-Opferrente,<br />
Afghanistaneinsatz oder anderen Themen hat. Kann es losgehen?
</p>
<p>
<b>Gregor Gysi:</b> Ja.
</p>
<p>
<b>Oktober:</b> Aufgrund insbesondere des „sozialen<br />
Nachholbedarfs&quot; halte ich die Erwartungshaltung vieler Menschen<br />
an die neue Partei für enorm hoch. Sollten sie wieder mal von<br />
einer Partei enttäuscht werden, ist wohl schnell „der<br />
Ofen aus&quot;. Wie wollen Sie vermitteln, dass Sie als kleinerer<br />
Partner in künftigen Regierungen nur einzelne Elemente ihrer<br />
Forderungen durchsetzen können?
</p>
<p>
<b>Gregor Gysi:</b> Im Augenblick geht es uns bundesweit<br />
um Oppositionspolitik, damit der Zeitgeist verändert wird.<br />
Vor der Wahl 2005 sprach niemand vom gesetzlichen Mindestlohn, jetzt<br />
fast alle. Das haben wir erreicht. In eine Bundesregierung kann<br />
man &#8211; in fernerer Zeit &#8211; nur dann eintreten, wenn wichtige Elemente<br />
der eigenen Politik durchzusetzen sind.
</p>
<p align="center">
<img decoding="async" src="http://www.politik-digital.de/salon/photos/ggysi85x120.jpg" alt="Gregor Gysi" height="120" width="85" /><br />
<i>Gregor Gysi, <br />
Fraktionsvorsitzender von Die Linke.PDS</i>
</p>
<p>
<b>svenk4108</b>: Lieber Herr Gysi, Ihre Partei beziehungsweise<br />
Fraktion ist ja auch für einen flächendeckenden Mindestlohn.<br />
Welche Zahl ist denn nun angestrebt in der Linkspartei? Die SPD<br />
hätte ja gern 7,50 Euro.
</p>
<p>
<b>Gregor Gysi:</b> Unsere Forderung war und ist acht<br />
Euro brutto pro Stunde. Nur so kommt man netto im Monat auf etwa<br />
1000 Euro und damit auf den Betrag, den der Gesetzgeber schon früher<br />
pfändungsfrei gestellt und damit doch wohl als Mindesteinkommen<br />
festgelegt hat. Die SPD kann morgen im Bundestag für einen<br />
gesetzlichen Mindestlohn stimmen. Mal sehen, was sie tun wird.
</p>
<p>
<b>rosa</b>: Die PDS/Linkspartei versucht sich durch<br />
unrealistische Manöver wie den Widerstand gegen Hartz IV zu<br />
profilieren. Wie möchte die zukünftige Linke den heutigen<br />
Wohlfahrtsstaat denn bitte retten? Wie finanzieren sich ihre Konzepte?
</p>
<p>
<b>Gregor Gysi</b>: Über Steuergerechtigkeit. Die<br />
Körperschaftssteuer für Banken und andere Kapitalgesellschaften<br />
zum Beispiel beträgt in den USA 35, in Frankreich 33 und in<br />
Großbritannien 30 Prozent. In Deutschland hatten wir 45 Prozent.<br />
Schröder senkte sie erst auf 40 und dann auf 25 Prozent. Union<br />
und SPD haben sie jetzt auf 15 Prozent gesenkt. Wir können<br />
auch über den Spitzensteuersatz der Einkommenssteuer und über<br />
andere Steuersenkungen diskutieren. Das alles wird gemacht, um dann<br />
Hartz IV oder die Erhöhung der Mehrwertsteuer zu rechtfertigen.<br />
Wir haben reale Alternativen, die es auch in Skandinavien und anderen<br />
Ländern gibt.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Nachfrage von mir: Ihr Antrag zum Mindestlohn<br />
gründet sich auf einen Aufruf der SPD zum Mindestlohn. Eine<br />
Chance auf Verabschiedung hat er nicht, schließlich ist die<br />
SPD in einer Koalition gebunden und einen Bundesrat mit schwarzer<br />
Mehrheit gibt es auch noch. Deshalb spricht SPD-Vizechefin Nahles<br />
von „Politshow“. Da ist doch was dran, oder?
</p>
<p>
<b>Gregor Gysi</b>: Die SPD hat zu einer Unterschriftenaktion<br />
aufgerufen und ist dann nicht bereit, ihrem eigenen Text im Bundestag<br />
zuzustimmen. Sie schreiben es richtig. Das Bündnis mit der<br />
Union ist ihr wichtiger als die Besserstellung von über zwei<br />
Millionen ArbeitnehmerInnen.<br />
Der Beschluss, um den es morgen geht, wäre nicht zustimmungspflichtig<br />
im Bundesrat.
</p>
<p>
<b>Hanson: </b>Herr Gysi, wie wollen Sie beim Mindestlohn<br />
verhindern, dass die Menschen Ihre Dienstleistungen, wie zum Beispiel<br />
bei uns in Brandenburg möglich, einfach in Polen erledigen?<br />
Wie es zum Beispiel um das Friseurgewerbe in Frankfurt/Oder bestellt<br />
ist, muss ich Ihnen ja nicht erzählen.
</p>
<p>
<b>Gregor Gysi:</b> Die Schlechterstellung von Menschen<br />
löst unsere Probleme mit den Nachbarländern nicht. Eine<br />
innere Konkurrenz entsteht deshalb nicht, weil alle den gleichen<br />
Mindestlohn zu zahlen haben, so dass zwischen den Bäckermeistern<br />
und Frisören ein Ausgleich stattfindet. In grenznahen Regionen<br />
werden bestimmte Dienstleistungen nicht mehr erbracht werden, weil<br />
sie jenseits der Grenze viel billiger in gleicher Qualität<br />
zu erhalten sind. Das gilt schon heute und sollte uns am Mindestlohn<br />
nicht hindern. Allerdings erwächst daraus die von uns angestrebte<br />
Aufgabe, in deutlichen Schritten Angleichungsprozesse innerhalb<br />
der Europäischen Union vorzunehmen. Das betrifft eine Steuerharmonisierung,<br />
ökologische, juristische und soziale Standards bis hin zu Löhnen.
</p>
<p>
<b>cafetero:</b> Wie begegnen Sie dem Vorwurf des Populismus<br />
in der Frage des Mindestlohnes? Auch Ihre Partei wird die Gesetze<br />
des Marktes nicht ausschalten können: Ist eine Leistung teurer<br />
als ihr Nutzen, wird sie nicht nachgefragt werden. Vor allem nicht<br />
dann, wenn Sie diese Leistung durch einen Mindestlohn zusätzlich<br />
verteuern.
</p>
<p>
<b>Gregor Gysi:</b> Wenn es einen Mindestlohn gäbe,<br />
gäbe es einen Kaufkraftanstieg, so dass gewisse Verteuerungen<br />
beim Frisör und beim Bäcker zu verkraften wären.<br />
22 Länder in Europa haben einen gesetzlichen Mindestlohn. Dort<br />
hat sich also der „Populismus“ durchgesetzt, ohne dass<br />
Großbritannien, Frankreich und andere Länder dadurch<br />
ruiniert worden wären.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Zurück zur Steuergerechtigkeit.<br />
Die ist aber auch in Sachen Mindestlohn &#8211; sprich „Hochlohnland“<br />
Deutschland &#8211; von Bedeutung: Bemerkung von:
</p>
<p>
<b>tobiit:</b> Dafür beteiligen sich in Deutschland<br />
die Arbeitgeber mit fast 50 Prozent an Renten-, Kranken-, Pflege-<br />
und Arbeitslosenversicherung &#8211; das gibt es in USA et cetera nicht!
</p>
<p>
<b>Gregor Gysi:</b> Die paritätische Finanzierung<br />
der sozialen Sicherungssysteme war in Deutschland. am besten geregelt.<br />
Sie ist inzwischen partiell aufgehoben worden. Die Riesterrente<br />
zum Beispiel wird von den Unternehmen nicht mitfinanziert. Das gleiche<br />
gilt für Krankentagegeld, Praxisgebühren et cetera. Trotzdem<br />
stimme ich ihnen zu, dass man die Sozialabgaben und die Steuern<br />
&#8211; beides belastet Unternehmen &#8211; addieren sollte. Deutschland hat<br />
innerhalb der EU die zweitniedrigsten (!!!) Steuern, nur die Slowakei<br />
hat niedrigere. Wenn ich die Sozialabgaben hinzunehme, liegen wir<br />
auf Platz 16 &#8211; auch nicht rühmlich.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Sie reden aber von nominellen Steuersätzen<br />
und nominellen Belastungen. Die realen Belastungen sind sehr unterschiedlich.<br />
Nicht ganz umsonst wird bei der Unternehmensteuerreform unterschieden<br />
nach nominellen Sätzen und der realen Belastung. Die Statistik<br />
ist hier sehr knifflig und auch gut auslegbar.
</p>
<p>
<b>Gregor Gysi:</b> Die OECD bemisst die realen Steuern,<br />
nicht die nominalen. Bei den realen Steuern liegen wir auf dem vorletzten<br />
Platz in der EU. Als ich noch Senator in Berlin war, sprach ich<br />
mit amerikanischen Investoren. Die Steuern hatten sie durchgerechnet,<br />
die hinderten sie nicht, nach Berlin zu kommen. Das Problem für<br />
sie war der Kündigungsschutz &#8211; ein anderes Thema.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Zwei Bemerkungen dazu:
</p>
<p>
<b>cafetero:</b> Außerdem lassen Sie (bewusst)<br />
außer Acht, dass in den meisten Ländern der Europäischen<br />
Union der Kündigungsschutz deutlich schwächer ist als<br />
in der BRD, und dass die Höhe der Sozialabgaben niedriger liegt.<br />
Warum greift Ihre Partei immer nur einzelne Punkte aus diesem Gefüge<br />
auf und sieht sich offenbar nicht in der Lage, ein geschlossenes<br />
Konzept zu präsentieren?
</p>
<p>
<b>Hanson:</b> Herr Gysi, es ist aber auch so, dass es<br />
in England keinerlei Kündigungsschutz und eine in vielen Bereichen<br />
nur rudimentäre Krankenversicherung gibt. Gerade dieses soll<br />
in England durch den Mindestlohn abgefedert werden. Dort werden,<br />
um beim Thema Steuern zu bleiben, auch keine hohen zweistelligen<br />
Milliardenbeträge in die Rentenkasse beigesteuert &#8211; und zwar<br />
von allen, auch von denen, die keinerlei Ansprüche an diese<br />
haben.
</p>
<p>
<b>Gregor Gysi:</b> Bei Vergleichen mit anderen Ländern<br />
ist es immer kompliziert, da man nicht alle Faktoren heranziehen<br />
kann. Ich strebe in Deutschland keine Zustände wie in den USA<br />
an, schon gar nicht in den Bereichen Kündigungsschutz oder<br />
Krankenversicherung. Außerdem habe ich akzeptiert, dass wir<br />
mit den Sozialabgaben einen anderen Platz einnehmen, den 16. in<br />
der EU. Wir sind aber wirtschaftlich am leistungsstärksten.<br />
Dazu passt Platz 16 nicht. Der Kündigungsschutz verhindert<br />
auch in Deutschland keine einzige Kündigung. Der Unterschied<br />
ist vor allem ein finanzieller: Ein befristetes Arbeitsverhältnis<br />
endet zu einem bestimmen Datum ohne Abfindung. Bei einem unbefristeten<br />
muss man kündigen und eine Abfindung zahlen. Es geht nur ums<br />
Geld. Beim Mindestlohn geht es doch darum, dass Menschen einen Mindestlebensstandard<br />
in einer Gesellschaft benötigen. Alle Erklärungen dagegen<br />
gehen immer zum Nachteil von Millionen Menschen, die unterhalb oder<br />
an der Armutsgrenze leben. Das können und müssen wir verhindern.<br />
Noch eine Bemerkung zum Kündigungsschutz: Die Arbeitsdisziplin<br />
von ArbeitnehmerInnen kann aus Angst vor einer jeden Tag möglichen<br />
Kündigung oder aus einer Akzeptanz und einem Zugehörigkeitsgefühl<br />
für das Unternehmen resultieren. Letzteres ist nicht nur für<br />
die Betroffenen besser, sondern auch für die Unternehmen.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Anderes, aber nicht minder interessantes<br />
Problem. Drei für noch mehr Fragende:
</p>
<p>
<b>feit:</b> Warum sitzen keine Frauen in der Führungsspitze<br />
der neuen Partei?
</p>
<p>
<b>informatik:</b> In der aktuellen Ausgabe des Magazins<br />
„Der Spiegel &quot;, hat Frau Kipping die geplante Besetzung<br />
der Ämter der Vorsitzenden der neuen Linkspartei mit Herrn<br />
Bisky und Herrn Lafontaine vehement kritisiert. Partei und Fraktion<br />
werden dann ausschließlich von Männern geführt,<br />
für 2008 forderte Frau Kipping dann unter anderem Frauen in<br />
den Führungsämtern. Sehen Sie das als Kampfansage an Ihre<br />
Person?
</p>
<p>
<b>rosa:</b> Wie wird gerechtfertigt, dass in der neuen<br />
Parteiführung kaum Frauen vertreten sind, wo sich die zukünftige<br />
Linke doch als feministisch bezeichnet? Stattdessen besteht die<br />
Führungsriege beinahe nur aus alten Männern.
</p>
<p>
<b>Gregor Gysi:</b> Der künftige Parteivorstand<br />
wird mindestens zur Hälfte aus Frauen bestehen. Der Fraktionsvorstand<br />
besteht zur Hälfte aus Frauen. Die Fraktion besteht zur Hälfte<br />
aus Frauen. Insofern haben wir auf hervorragende Weise eine Quotierung<br />
durchgesetzt. So ist es auch im Statut geregelt. Zu früherer<br />
Zeit waren Bisky der Partei- und ich der Fraktionsvorsitzende &#8211;<br />
ohne Aufregung im Spiegel und bei Frau Kipping. Abgesehen davon,<br />
dass der Spiegel in Feminismusfragen nicht gerade vorbildlich ist.<br />
Eine Kampfansage sehe ich nicht. Jetzt geht es doch um eine Übergangszeit<br />
bei der Bildung einer neuen Partei und nach dieser Übergangszeit<br />
wird es auch einen Wechsel geben. Lothar Bisky und ich sind schon<br />
mal zu früh gegangen, wir werden diesmal nicht zu spät<br />
gehen. Aber auch dann hat ein Parteitag beziehungsweise die Fraktion<br />
zu entscheiden, ob sie eine Vorsitzende oder einen Vorsitzenden<br />
wählt.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Das Interview habe ich auch gelesen.<br />
Frau Kipping wählt ihre Worte nach meiner Erinnerung sehr sorgfältig.<br />
Für Sie ist das also mehr ein Sturm im Wasserglas? Und zweite<br />
Nachfrage: Sie wollen ja im kommenden Jahr wieder einen Parteitag<br />
im Mai machen. Gibt es dann schon eine Vorsitzende?
</p>
<p>
<b>Gregor Gysi: </b>Ich habe ja nichts gegen Frau Kipping<br />
gesagt. Sie ist eine wichtige Frau der Partei. Ich glaube, sie wird<br />
wieder zur stellvertretenden Vorsitzenden gewählt werden. Beim<br />
besten Willen kann ich nicht entscheiden, wen die Delegierten 2008<br />
wählen werden. Es werden neue Delegierte sein und nach unserem<br />
Statut müssen 2008 noch einmal zwei Vorsitzende gewählt<br />
werden. Die Wahl gilt dann für zwei Jahre. 2010 wird dann nur<br />
noch eine Vorsitzende beziehungsweise ein Vorsitzender gewählt.<br />
Für mich ist die Übergangszeit 2010 für die Partei<br />
beendet.
</p>
<p>
<b>flame:</b> Wie wird sich die politische Lage durch<br />
die neue Linke in Deutschland verändern? Was sind ihre Visionen?
</p>
<p>
<b>Gregor Gysi:</b> Unsere Vision ist weltweit eine gesellschaftliche<br />
Struktur, die Kriege dauerhaft verhindert, die ökologische<br />
Nachhaltigkeit mit sozialer Gerechtigkeit und chancengleichem Zugang<br />
zu hoher Bildung und Kultur ermöglicht, die Wohlfahrt für<br />
alle ermöglicht. Abgesehen von dieser Vision sind wir dabei,<br />
Deutschland europäisch zu normalisieren. In Frankreich, Italien,<br />
Spanien, Portugal und Holland zum Beispiel gehören Parteien<br />
links von der Sozialdemokratie zum akzeptierten politischen Spektrum.<br />
Das hat nun auch in Deutschland begonnen. Wir sind auch eine Art<br />
Korrekturfaktor. Die SPD ist unter anderem deshalb so geworden,<br />
wie sie ist, weil sie glaubte, von der Union Stimmen holen zu müssen,<br />
um mehrheitsfähig zu werden. Hätten wir eines Tages 15<br />
Prozent der Stimmen, begänne in der SPD eine spannende Debatte,<br />
ob man eine Politik machte, um fünf Prozent weiterer Stimmen<br />
von der Union oder von uns zu gewinnen. Durch uns wird in Deutschland<br />
wieder intensiver und stärker über soziale Gerechtigkeit<br />
diskutiert und das ist dringend nötig. Ohne Veränderung<br />
des Zeitgeistes kommen auch keine gesellschaftlichen Veränderungen<br />
zustande.
</p>
<p>
<b>Pietzke:</b> Herr Gysi, ich kann mich mit drei von<br />
vier Punkten, die Oskar Lafontaine als Voraussetzungen für<br />
eine Regierungsbeteiligung angesprochen hat, sehr anfreunden. Jedoch<br />
stört mich der vierte Punkt: Der Abzug deutscher Soldaten aus<br />
Afghanistan. Ist das nicht ein „Alleinlassen“ der dortigen<br />
Bevölkerung? Die Taliban und sämtliche Warlords warten<br />
doch nur darauf, das Land wieder unter ihre Kontrolle zu bringen.
</p>
<p>
<b>RasoR:</b> Herr Lafontaine bezeichnete unsere Soldaten<br />
bei Christiansen als „Terroristen&quot;, weil sie im Ausland<br />
eingesetzt werden. Wollen Sie internationale Verträge und Mitgliedschaften,<br />
die zu Verpflichtungen der Armee führen, rückgängig<br />
machen?
</p>
<p>
<b>Gregor Gysi:</b> Oskar Lafontaine hat weder in der<br />
Sendung noch zu einem anderen Zeitpunkt unsere Soldaten als „Terroristen&quot;<br />
bezeichnet. Sein Vater ist im Zweiten Weltkrieg gefallen, also als<br />
Teilnehmer einer Aggressionsarmee. Niemals käme er auf die<br />
Idee, in seinem gefallenen Vater einen Terroristen zu sehen. In<br />
Afghanistan finden zwei Einsätze statt: ISAF &#8211; völkerrechtsgemäß<br />
und Enduring Freedom &#8211; völkerrechtswidrig. Der völkerrechtswidrige<br />
Einsatz von Waffen führt zu unschuldigen Toten und ist laut<br />
Bundestagsbeschluss Terror. Da die Tornados auch für Enduring<br />
Freedom eingesetzt werden, verwies Oskar Lafontaine darauf, dass<br />
dies dann auch Teilnahme am Terror sein. Die gegenwärtigen<br />
Truppen unterstützen doch die Warlords. Das ist ein Problem.<br />
Die Taliban halten sich nicht mehr in Afghanistan auf, sondern in<br />
Pakistan. Die Befreiung der Völker ist immer ihre eigene Aufgabe,<br />
nicht die Aufgabe ausländischen Militärs. Man muss mit<br />
Argumenten aufpassen. Im Übrigen sind die Taliban von den USA<br />
aufgebaut und gestärkt worden, was wir nicht vergessen sollten.<br />
Wer Friedenspolitik machen will, muss nicht permanent aufrüsten<br />
und Rüstungsexport betreiben. Gerade ist eine neue Statistik<br />
erschienen. 2006 lag Deutschland auf Platz sechs der Rüstungsländer<br />
und nahm im Waffenexport nach den USA und Russland Platz drei ein.<br />
Wer soviel am Export von Waffen verdient, kann mir nicht erklären,<br />
dass er meint, dass diese Waffen nur für edle Ziele eingesetzt<br />
werden.
</p>
<p>
<b>Pietzke</b>: Die Afghanen alleine werden sich aber<br />
nicht gegen einen erneuten „Überfall“ der Taliban<br />
wehren können. Sie brauchen doch Schutz!
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Eine ganze Menge Taliban sind in Afghanistan,<br />
nicht in Pakistan, das zeigen Kämpfe im Süden.
</p>
<p>
<b>Gregor Gysi:</b> Die erste Frage bedeutet doch nur,<br />
dass es die Aufgabe gewesen wäre, eine eigenständige Armee<br />
aufzubauen, was seit sechs Jahren erheblich vernachlässigt<br />
wurde. Alle Experten, die dort waren, bestätigen dies. Meine<br />
Aussage bleibt richtig, denn die Taliban, die Kämpfe führen,<br />
kommen von Pakistan nach Afghanistan und ziehen sich dann wieder<br />
nach Pakistan zurück. Und die pakistanische Regierung ist eng<br />
mit den USA befreundet, aber nun auch wieder nicht so eng, dass<br />
sie ernsthaft etwas dagegen unternähme.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Noch mal zur Partei:
</p>
<p>
<b>Zeus:</b> Lieber Gregor Gysi, die Verteilung der Mitglieder<br />
der neuen Linken in Ost und West ist ja noch sehr unterschiedlich.<br />
Bei den Urabstimmungen stimmten sogar weite Teile der WASG gar nicht<br />
mehr mit ab. Muss der Aufbau West nicht das innerparteiliche Kernthema<br />
bis zur nächsten Bundestagswahl sein?
</p>
<p>
<b>Gregor Gysi:</b> Wenn man von den zahlenden Mitgliedern<br />
der WASG ausgeht, das heißt von 9500 Mitgliedern, haben über<br />
die Hälfte an der Urabstimmung teilgenommen. Manchmal resultieren<br />
unterschiedliche Zahlen aus Kleinigkeiten. Bei der Linkspartei stand<br />
auf dem Umschlag, dass der Empfänger das Porto bezahlt. Ein<br />
Hinweis, der bei der WASG fehlte. Die Mehrheiten waren jeweils eindeutig.<br />
Trotzdem stimme ich Ihnen zu. Wir werden nach dem 16. Juni mit einer<br />
verstärkten Mitgliederwerbung in ganz Deutschland beginnen<br />
und dabei geht es darum, die Landesverbände im Osten zu verjüngen<br />
und die Landesverbände im Westen generell zu verstärken.<br />
10.000 dazukommende Mitglieder aus den alten Bundesländern,<br />
das bedeutet schon jetzt eine gewaltige Veränderung der dann<br />
vereinigten Partei.
</p>
<p>
<b>*$Gregor$*:</b> Herr Gysi, denken Sie nicht, dass<br />
die Feinde der Parteifusion in der WASG die Linke auf Dauer schwächen<br />
können?
</p>
<p>
<b>Gregor Gysi:</b> Na, ich würde mal von Gegnern<br />
sprechen. Die, die mitmachen, finden sich damit ab und werden innerhalb<br />
der Partei wie andere auch diskutieren. Das ist in Ordnung und muss<br />
nicht schwächen. Andere &#8211; wie Lucy Redler &#8211; werden eine neue<br />
Partei gründen, wobei diese neue Partei mit an Sicherheit grenzender<br />
Wahrscheinlichkeit eher bedeutungslos werden wird.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Unsere Chat-Stunde ist leider um. Das<br />
Protokoll mit allen Fragen und Antworten gibt es wie immer in Kürze<br />
auf den Seiten www.tagesschau.de und www.politik-digital.de. Vielen<br />
Dank für Ihr Interesse und die zahlreichen Fragen und herzlichen<br />
Dank an Herrn Gysi, dass Sie sich die Zeit für die Diskussion<br />
genommen haben.
</p>
<p>
<b>Gregor Gysi: </b>Ich freue mich über ihr politisches<br />
Interesse, das nämlich ist Voraussetzung um für Veränderungen<br />
im Denken und Fühlen zu streiten, was wiederum eine Gesellschaft<br />
verändert. Letztlich geschieht in jeder Gesellschaft nur das,<br />
was die Menschen zulassen, dass es geschieht. Außerdem bedanke<br />
ich mich, an so einer höchstmodernen Technik teilnehmen zu<br />
können, von der in meiner Kindheit noch nicht einmal geträumt<br />
wurde.</p>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://www.politik-digital.de/chattranscripte/bisky-und-ich-werden-nicht-zu-spaet-gehen-527/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>0</slash:comments>
		
		
			</item>
		<item>
		<title>&#034;Lafontaine ist die Verkörperung unserer Chance im Westen&#034;</title>
		<link>https://www.politik-digital.de/chattranscripte/lafontaine-ist-die-verkoerperung-unserer-chance-im-westen-516/</link>
					<comments>https://www.politik-digital.de/chattranscripte/lafontaine-ist-die-verkoerperung-unserer-chance-im-westen-516/#respond</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[admin]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 21 Mar 2007 23:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Chattranscripte]]></category>
		<category><![CDATA[WASG]]></category>
		<category><![CDATA[Linkspartei.PDS]]></category>
		<category><![CDATA[Dietmar Bartsch]]></category>
		<category><![CDATA[Bundespolitik]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://www.politik-digital.de/uncategorized/lafontaine-ist-die-verkoerperung-unserer-chance-im-westen-516/</guid>

					<description><![CDATA[<b><span class="fett">Am
22. März war Dietmar Bartsch, Bundesgeschäftsführer
der Linkspartei.PDS und Mitglied des Bundestages, zu Gast im tagesschau-Chat
in Kooperation mit politik-digital.de. Er sprach über die Fusionspläne
mit der WASG, den anstehenden Parteitag und die linke Politik der
Zukunft.</span></b>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><b><span class="fett">Am<br />
22. März war Dietmar Bartsch, Bundesgeschäftsführer<br />
der Linkspartei.PDS und Mitglied des Bundestages, zu Gast im tagesschau-Chat<br />
in Kooperation mit politik-digital.de. Er sprach über die Fusionspläne<br />
mit der WASG, den anstehenden Parteitag und die linke Politik der<br />
Zukunft.</span></b><!--break--></p>
<p class="normal">
<b><b>Moderator:</b></b> Herzlich<br />
willkommen zu 60 Minuten tagesschau-Chat. Zu Gast im ARD-Hauptstadtstudio<br />
ist heute Dietmar Bartsch. Er ist Bundesgeschäftsführer<br />
der Linkspartei.PDS, für die er auch im Bundestag sitzt. Derzeit<br />
bereitet Bartsch die Fusion seiner Partei mit der WASG vor. Beide<br />
Parteien halten am Wochenende in Dortmund einen Parteitag ab. Vielen<br />
Dank, dass Sie gekommen sind, Herr Bartsch. Unsere Leser werden<br />
Ihnen Fragen aus allen Politikbereichen stellen. Können wir<br />
beginnen?
</p>
<p>
<b><b>Dietmar Bartsch:</b></b> Ja. Sehr gerne.
</p>
<p>
<b>Hurgel:</b> Können Sie kurz erklären, wie<br />
jetzt der aktuelle Stand der Vereinigung von PDS und WSAG aussieht?<br />
Im Bundestag ist es ja eine Fraktion „Die Linke&quot; und<br />
wie sieht es auf Parteiebene aus?
</p>
<p>
<b>Dietmar Bartsch:</b> Also, im Bundestag gibt es bereits<br />
diese eine Fraktion, auf der Parteiebene existieren beide Parteien,<br />
die die Gründungsdokumente für die neue Partei erarbeitet<br />
haben. <br />
Diese sollen in Dortmund beschlossen und dann per Urabstimmung bestätigt<br />
werden. Am 15. und 16.Juni findet dann der Gründungsparteitag<br />
von „Die Linke&quot; statt.
</p>
<p>
<b>pdssympi:</b> Sind die alten Westlinken mit der bisherigen<br />
PDS-Klientel eigentlich vereinbar? Das sind zwei völlig unterschiedliche<br />
Kulturkreise?
</p>
<p>
<b>Dietmar Bartsch:</b> Die PDS ist nicht homogen, die<br />
Westlinke ist nicht homogen. Natürlich gibt es Unterschiede<br />
und Gemeinsamkeiten. Ich gehe davon aus, dass alle Beteiligten die<br />
Chance einer neuen Linken wahrnehmen.
</p>
<p>
<b>Zottel:</b> Hat die PDS mehr Angst vor der Fusion<br />
als die WASG?
</p>
<p>
<b>Dietmar Bartsch:</b> Ängste gibt es sicherlich<br />
auch, aber es werden vor allem die Chancen gesehen. <br />
Deshalb gehe ich von einer hohen Zustimmung in beiden Parteien aus.<br />
Die Parteibildung ist Mittel zum Zweck, mehr politischen Einfluss<br />
in Deutschland zu gewinnen.
</p>
<p>
<b>thomas.l:</b> Glauben sie, dass die neue Linkspartei<br />
alle WASGler integrieren kann und will?
</p>
<p>
<b>Dietmar Bartsch:</b> Ich glaube, dass das unmöglich<br />
sein wird. Einige werden einen anderen Weg gehen, aber ich wünsche<br />
mir vor allem Attraktivität, dass viele neue Mitglieder und<br />
Wählerinnen und Wähler zur neuen Linken stoßen.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Eine Nachfrage:
</p>
<p>
<b>Barsch:</b> Klar gibt es Chancen, aber Sie wurden<br />
gerade nach den Ängsten gefragt. Können sie auch dazu<br />
was antworten?
</p>
<p>
<b>Dietmar Bartsch:</b> Ja. Die Ängste in der PDS<br />
sind vor allen Dingen damit verbunden, dass die neue Partei westdeutsch<br />
ausschließlich gewerkschaftlich orientiert und männerdominiert<br />
ist. <br />
Die Ängste der WASG kenne ich weniger. Aber sie liegen vor<br />
allen Dingen darin, dass 60.000 Mitglieder der Linkspartei numerisch<br />
eine große Mehrheit in der neuen Partei darstellen.
</p>
<p>
<b>thomas.l:</b> Warum kann man in Berlin so wenig vom<br />
Einfluss der PDS beziehungsweise Linkspartei bemerken?
</p>
<p>
<b>Dietmar Bartsch:</b> Das ist sicherlich eine Frage<br />
der Betrachtung. Ich glaube schon, dass die Politik der Linkspartei<br />
in Berlin sichtbar ist. Ein Sozialticket, gebührenfreie Kitas<br />
für sozial Schwächere, Kulturtickets sowie ein öffentlicher<br />
Beschäftigungsbereich sind einige Aspekte.
</p>
<p>
<b><b>Özgür1:</b></b> Was wird denn<br />
neu bei der neuen Linken sein? Faktisch sind es doch die Mitglieder<br />
der beiden alten Parteien.
</p>
<p>
<b>Dietmar Bartsch:</b> Die Linke wird die Frage, was<br />
neu ist, beantworten müssen. Wir werden eine intensive programmatische<br />
Debatte führen. Neu ist aber zum Beispiel der Erfolg bei den<br />
Bundestagswahlen sowie die Erfolge bei den Kommunalwahlen in Niedersachsen<br />
und Hessen. Hinzu kommt erstmals eine Stabilität bei den Mitgliedern<br />
in der Linkspartei. Letztlich, das Neue an der Linken ist für<br />
uns Aufgabe.
</p>
<p>
<b>thomas.l:</b> Kann es zu einer eventuellen neuen konkurrierenden<br />
Partei von nicht integrierbaren WASGlern kommen?
</p>
<p>
<b>Dietmar Bartsch:</b> Das ist möglich. Jedoch<br />
sage ich einer solchen Partei Einflusslosigkeit voraus.
</p>
<p>
<b>lenin:</b> Die Berliner WASG wirft der Linkspartei<br />
neoliberale Politik vor, beispielsweise durch die Abschaffung des<br />
Ladenschlusses, den Verkauf der Berliner Sparkasse oder die Stimme<br />
für die EU-Verfassung im Bundesrat. Das alles hat die Berliner<br />
Linkspartei ja auch viele Stimmen gekostet. Können Sie sich<br />
zu diesen Vorwürfen äußern?
</p>
<p>
<b>Dietmar Bartsch:</b> Natürlich. Wir müssen<br />
zur Kenntnis nehmen, dass wir bei den Wahlen eine herbe Niederlage<br />
einstecken mussten. Da liegen sicherlich auch Ursachen bei meiner<br />
Partei. Den Vorwurf neoliberaler Politik jedoch weise ich zurück.<br />
Wir haben in Berlin Regierungsverantwortung übernommen als<br />
die Stadt nach einem Bankenskandal riesig verschuldet war und scheinbar<br />
kein Ausweg möglich war. Deshalb musste es einige schmerzhafte<br />
Einschnitte geben. Der EU-Verfassung hat auch die Berliner Linkspartei<br />
nicht zugestimmt. Dass die Sparkasse veräußert werden<br />
muss, liegt an der vorherigen großen Koalition und ist Aufgabe<br />
der EU. Meine Partei wird in Berlin alles dafür tun, dass der<br />
Charakter einer Sparkasse erhalten bleibt.
</p>
<p>
<b><b>Özgür1:</b></b> Herr Bartsch,<br />
glauben Sie wirklich, dass Ihre neue Partei mit vorgesehenen zwei<br />
Vorsitzenden wirklich handlungsfähig sein wird?
</p>
<p>
<b>Dietmar Bartsch:</b> Das glaube ich. Wie kein anderer<br />
steht Lothar Bisky für die Identität der Linkspartei und<br />
für Ostdeutschland. Oskar Lafontaine ist die Verkörperung<br />
unserer Chance im Westen. Wir werden drei Jahre zwei Vorsitzende<br />
haben und das ist eine sinnvolle Entscheidung.
</p>
<p>
<b>laffi:</b> Wie stehen Sie zu Lafontaine?
</p>
<p>
<b>Dietmar Bartsch:</b> Ich habe Oskar Lafontaine in<br />
den letzten anderthalb Jahren insbesondere als Fraktionsvorsitzenden<br />
kennen gelernt. Er verfügt über Erfahrungen wie niemand<br />
von uns in der Partei. Und ich arbeite mit ihm gut zusammen.
</p>
<p>
<b>rolledrops:</b> Was hält die Basis im Osten eigentlich<br />
von Oskar Lafontaine?
</p>
<p>
<b>Dietmar Bartsch:</b> Ich kann nur von den Auftritten<br />
Oskar Lafontaines während des Wahlkampfes und bei Veranstaltungen<br />
jetzt berichten, dass es einen großen Zuspruch gibt. Die Sehnsucht<br />
der Parteibasis im Osten nach einem Erfolg im Westen lässt<br />
auch über manchen kulturellen Unterschied hinwegsehen.
</p>
<p>
<b>hannes-:</b> Wird der Medienmensch Lafontaine nicht<br />
am Ende alle anderen an die Wand drücken?
</p>
<p>
<b>Dietmar Bartsch:</b> Wir sind eine demokratische Partei<br />
und wir haben aktuell kein so bekanntes Gesicht wie Oskar Lafontaine.<br />
Er wird niemanden an die Wand drücken, weil wir den Erfolg<br />
nur gemeinsam mit vielen Frauen und Männern erreichen können.
</p>
<p>
<b>SebLin:</b> Warum sollte der westdeutsche Wähler<br />
die neue Linke wählen? Sieht sich die Partei nicht noch immer<br />
als eine Partei an, die sich den Belangen der Ostdeutschen verpflichtet<br />
fühlt?
</p>
<p>
<b>Dietmar Bartsch:</b> Auch die Linkspartei wird sich<br />
aufgrund der großen Diskrepanz zwischen Ost und West weiterhin<br />
den ostdeutschen Interessen in besonderer Weise widmen müssen.<br />
Wahlargumente habe ich hunderte. Aktuell etwa unsere Positionierung<br />
gegen die Rente mit 67, den sinnlosen Einsatz von Tornados, der<br />
Deutschland zur Kriegspartei in Afghanistan macht und den wir ablehnen,<br />
unsere Alternativen zur Unternehmenssteuerreform, und und und&#8230;
</p>
<p>
<b>rene:</b> Gibt es Ziele für die nächste<br />
Bundestagswahl, was die dann vollbrachte Fusion aus beiden Lagern<br />
zu erreichen gewillt ist?
</p>
<p>
<b>thomas.l:</b> Ist das Ziel der neuen Linkspartei in<br />
erster Linie mitzuregieren oder die Benachteiligten zu vertreten?
</p>
<p>
<b>Dietmar Bartsch:</b> Mein Ziel für die Europa-<br />
und Bundestagswahlen 2009 sind zweistellige Ergebnisse. Und das<br />
politische Ziel ist, in Deutschland und Europa die Achse der Politik<br />
nach links zu bewegen, für soziale Gerechtigkeit, Frieden und<br />
Emanzipation zu streiten.
</p>
<p>
<b>rene:</b> Wäre es nicht vielleicht sinnvoller,<br />
so eine Art CDU/CSU für Linkspartei/WASG aufzubauen, bei dem<br />
sich die Lager auf die jeweiligen Bundesländer (neu/alt) konzentrieren<br />
können?
</p>
<p>
<b>Dietmar Bartsch:</b> Diese Frage ist anders entschieden.
</p>
<p>
<b>Özgür1:</b> Wir reden hier immer über<br />
Lafontaine. Was ist mit dem Star der PDS, Gysi? Wird er noch in<br />
der neuen Partei eine Rolle spielen? Er hat doch im Westen auch<br />
mindestens so viel Einfluss wie Lafontaine.
</p>
<p>
<b>Dietmar Bartsch:</b> Gregor Gysi ist und bleibt einer<br />
der beiden Fraktionsvorsitzenden. Und er steht der Partei als einer<br />
der Spitzenkandidaten für 2009 zur Verfügung. Wir brauchen<br />
seine politischen medialen und menschlichen Fähigkeiten.
</p>
<p>
<b>André Jastrzembski:</b> Empfinden Sie auch<br />
Wehmut, wenn mit der Konstituierung der neuen Partei Die Linke die<br />
relativ kurze Zeit der PDS zu Ende geht?
</p>
<p>
<b>Dietmar Bartsch:</b> Natürlich empfindet jemand<br />
wie ich, der lange Jahre Schatzmeister und Bundesgeschäftsführer<br />
der Partei war, auch ein Stück weit Wehmut, weil die PDS über<br />
viele Jahre die spannendste und emotionalste Partei der Bundesrepublik<br />
war. Wir haben die europäische Linkspartei gegründet,<br />
wo wir die Erfahrungen von Spanien über Italien bis nach Norwegen<br />
zur Kenntnis nehmen und auf europäischer Ebene für ein<br />
friedliches und sozial gerechtes Europa streiten. Dieser Prozess<br />
soll auch durch die Bildung der Linken intensiviert werden.
</p>
<p>
<b>Özgür1:</b> Nach etlichen Nullrunden hat<br />
die Bundesregierung die Renten um 0,56 Prozent erhöht. Das<br />
ist doch ein Witz. Wie denkt Ihre Partei darüber?
</p>
<p>
<b>Dietmar Bartsch:</b> Wir haben kritisiert, dass es<br />
über viele Jahre faktische Rentenkürzungen gegeben hat.<br />
Allein die Mehrwertsteuer-Erhöhung frisst diese Witz-Erhöhung<br />
auf. Deshalb bleibt jeder Euro Erhöhung für den Einzelnen<br />
wichtig, aber wir brauchen eine grundsätzliche Reform des Rentensystems,<br />
die die Lebensleistungen der Älteren anerkennt und dauerhaft<br />
finanziert werden kann. Das ist möglich. Wer anderes behauptet,<br />
sagt die Unwahrheit.
</p>
<p>
<b>SebLin:</b> Sieht sich die Linkspartei eher als mögliche<br />
Opposition nach der Bundestagswahl 2009 an, oder würde man<br />
sich &#8211; ähnlich wie in Berlin &#8211; auch an einer Koalition mit<br />
der SPD beteiligen?
</p>
<p>
<b>Dietmar Bartsch:</b> Die Frage der Konstellation wird<br />
nach politischen Inhalten entschieden. Eine Partei, die zu Wahlen<br />
antritt, muss nach meiner Auffassung auch bereit sein, Regierungsverantwortung<br />
zu übernehmen. Wenn also die Auslandseinsätze der Bundeswehr<br />
beendet werden, Hartz IV nachhaltig korrigiert wird und das Steuersystem<br />
grundsätzlich verändert wird, ist auch eine Regierung<br />
auf Bundesebene mit unserer Beteiligung denkbar. Aufgrund der aktuellen<br />
Situation in der SPD sehe ich das für 2009 allerdings nicht.
</p>
<p>
<b>kummerling:</b> Lieber Herr Bartsch, sie kritisieren<br />
die Rentenkürzung. Ein Konzept haben Sie gegen die Entwicklung<br />
aber auch nicht, oder setzen Linke mehr Kinder in die Welt?
</p>
<p>
<b>Dietmar Bartsch:</b> Wir haben ein Rentenkonzept,<br />
das präzise durchgerechnet ist, eine solidarische Bürgerversicherung,<br />
die allerdings alle einbezieht &#8211; auch Abgeordnete, Beamte, Freiberufler,<br />
die die Beitragsbemessungsgrenze anhebt, rentenfremde Leistungen<br />
aus dem System ausgliedert und damit eine Finanzierung möglich<br />
macht. Dass unsere Gesellschaft kinderfreundlicher werden muss,<br />
gehört letztlich auch dazu, wenn wir ein stabiles Rentensystem<br />
wollen. Mein Beitrag mit zwei Kindern ist vielleicht etwas zu gering.
</p>
<p>
<b>Özgür1:</b> Gestern wurde bekannt, dass<br />
das deutsche Bildungssystem bei der UNO angeklagt wurde. Als Berliner<br />
Vater und Opa finde ich es gut, dass hier gemeinsames Lernen favorisiert<br />
wird. Wie denken Sie darüber? Mal was ganz persönliches,<br />
haben Sie Kinder?
</p>
<p>
<b>Dietmar Bartsch:</b> Ich habe zwei Kinder und finde,<br />
dass in der Frage des Bildungssystems wir nicht nach Skandinavien<br />
schauen müssen, sondern die Erfahrungen des Bildungssystems<br />
in der DDR verstärkt nutzen sollten.
</p>
<p>
<b>thomas.l:</b> War es nicht mal Ziel der PDS, Hartz<br />
IV abzuschaffen? Warum jetzt nur noch verändern?
</p>
<p>
<b>Dietmar Bartsch:</b> Hartz IV muss weg, war eine richtige<br />
Forderung in unseren Wahlkämpfen. Unser Einsatz hat mit dazu<br />
geführt, dass die Regelsätze Ost/West angeglichen worden<br />
sind. Wir haben aber eine Rechtssituation, wo es um die Überwindung<br />
von Hartz IV gehen muss.
</p>
<p>
<b>SebLin:</b> Wie stehen Sie zu Europa beziehungsweise<br />
zur EU?
</p>
<p>
<b>Dietmar Bartsch:</b> Die Linkspartei wird eine pro-europäische<br />
Partei sein. Links ist immer internationalistisch und die Solidarität<br />
ein wichtiger Wert. Die entscheidende Frage für Europa ist,<br />
wie dieses Europa gestaltet sein wird. Demokratisch? Friedlich?<br />
Sozial?
</p>
<p>
<b>waldo:</b> Wird die neue Partei eine veränderte<br />
Programmatik haben? Wenn ja, welche?
</p>
<p>
<b>Dietmar Bartsch:</b> Die Parteien haben sich vor dem<br />
Dortmunder Parteitag auf programmatische Eckpunkte verständigt,<br />
die im Internet nachzulesen sind. Nach der Parteibildung im Juni<br />
werden wir uns ein neues Programm geben, das hoffentlich vor den<br />
zentralen Wahlen des Jahres 2009 verabschiedet wird. Nach meiner<br />
Auffassung muss dieses Programm durch den Gedanken des demokratischen<br />
Sozialismus geprägt sein.
</p>
<p>
<b>Kiuss:</b> Warum ist es denn so schwierig, die beiden<br />
Parteien zu vereinen? Eigentlich treten sie doch für die gleichen<br />
Ziele ein. Wer wehrt sich da denn am meisten?
</p>
<p>
<b>Dietmar Bartsch:</b> Es ist ein demokratischer Prozess.<br />
Es wehrt sich niemand. Es gibt große Zustimmung in beiden<br />
Parteien. Aber anders als alle anderen Parteien wollten wir eine<br />
gleichberechtigte Vereinigung organisieren, keine Übernahme.
</p>
<p>
<b>leipzig:</b> Was kann die Bundesrepublik von der DDR<br />
lernen?
</p>
<p>
<b>Dietmar Bartsch:</b> Viele Dinge. Die Gleichberechtigung<br />
von Frauen und Männern war zum Beispiel weiter ausgeprägt.<br />
Die Kinder hatten alle einen Kita-Platz. Jede und jeder konnte kostenfrei<br />
studieren. Und so weiter und so fort.
</p>
<p>
<b>SebLin:</b> Wie wichtig ist der Linkspartei das Thema<br />
Bildung?
</p>
<p>
<b>Dietmar Bartsch:</b> Das Thema Bildung ist in einem<br />
Land wie Deutschland, das über wenige Naturressourcen verfügt,<br />
ausgesprochen wichtig. Die lebenslange Bildung, gleichberechtigte<br />
Zugangsmöglichkeiten, gut ausgestattete Schulen, Hochschulen<br />
und Universitäten und eine exzellente Forschung sind für<br />
Deutschland ausgesprochen wichtig.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Viele Menschen wurden in der DDR erst<br />
gar nicht zum Studium zugelassen. Haben Sie das vergessen?
</p>
<p>
<b>Dietmar Bartsch:</b> Nein. Dort, wo aus religiösen<br />
oder anderen Gründen Menschen nicht zugelassen worden sind,<br />
war und ist das inakzeptabel. Das gehört zu den schwer wiegenden<br />
Defiziten. Allerdings will ich auch feststellen, dass unabhängig<br />
vom Geldbeutel der Eltern in der DDR studiert werden konnte.
</p>
<p>
<b>TheH23:</b> Aber konnten denn nicht nur „Systemtreue&quot;<br />
Vorteile der DDR nutzen?
</p>
<p>
<b>Dietmar Bartsch:</b> Das kann, glaube ich, nur jemand<br />
behaupten, der nicht in der DDR gelebt hat. Es gab schwere demokratische<br />
Defizite. Es gab eine Wirtschaft, die nicht effizient genug war.<br />
Aber die Möglichkeiten der meisten, zu studieren, waren groß.
</p>
<p>
<b>frizzante:</b> Sie sind ja Wirtschaftswissenschaftler<br />
und haben in der DDR studiert. Was halten Sie von Marktwirtschaft?
</p>
<p>
<b>Dietmar Bartsch:</b> Die staatssozialistische Planwirtschaft<br />
der DDR, der Sowjetunion und anderen Ländern ist gescheitert.<br />
Eine soziale Marktwirtschaft, die nicht profitdominiert ist, ist<br />
auch im Programm der PDS festgehalten.
</p>
<p>
<b>Friseur:</b> Wie sehen Sie die Pläne von Ursula<br />
von der Leyen, mehr Kita-Plätze zu ermöglichen? Ist das<br />
ein Schritt einer Mitte-Rechts-Politikerin nach links? Hätte<br />
der Vorschlag nicht genauso von der PDS stammen können?
</p>
<p>
<b>Dietmar Bartsch:</b> Nein. Zum Verdienst von Frau<br />
von der Leyen gehört, dass sie diese Debatte angestoßen<br />
und in der CDU für Wirbel gesorgt hat. In den neuen Ländern<br />
haben wir als Relikt der DDR eine höhere Versorgung mit Kita-Plätzen.<br />
Letztlich geht es hier um mehr als um die Kita-Frage: Es geht um<br />
Vereinbarkeit von Familie und Beruf, insbesondere für Frauen<br />
und letztlich um die Wertvorstellungen unserer Gesellschaft. Und<br />
da gibt es auch zu den Vorschlägen von Frau von der Leyen erhebliche<br />
Differenzen. Mehr für Bildung im frühkindlichen Bereich<br />
zu tun, ist jedoch ein richtiger Ansatz.
</p>
<p>
<b>GustavV:</b> Wie stehen Sie zu der Aussage: „In<br />
der Politik muss der christliche Glaube beziehungsweise das Prinzip<br />
der christlichen Nächstenliebe eine größere Rolle<br />
spielen&quot;?
</p>
<p>
<b>Dietmar Bartsch:</b> Unter christlicher Nächstenliebe<br />
wird leider sehr viel Unterschiedliches verstanden. Die Gedanken<br />
des neuen Testaments sollten auch bei den christlichen Parteien<br />
eine durchaus größere Rolle spielen.
</p>
<p>
<b>TheH23:</b> Und welche konkreten Idealvorstellungen<br />
einer Familie haben Sie?
</p>
<p>
<b>Dietmar Bartsch:</b> Das sollten vor allem die Familienangehörigen<br />
selbst bestimmen. Vorgaben der Politik sind fehl am Platze.
</p>
<p>
<b>SebLin:</b> Wie realistisch sind eigentlich in Ihren<br />
Augen noch Vorstellungen vom Sozialstaat Deutschland in einer sich<br />
zunehmend globalisierenden Welt, in der es sich gegen Länder<br />
aus Fernost durchzusetzen gilt?
</p>
<p>
<b>Dietmar Bartsch:</b> Der Sozialstaat ist eine wesentliche<br />
Voraussetzung für die Entwicklung in Deutschland, auch im Wettbewerb<br />
mit anderen Ländern. Er ist einer der entscheidenden Standortvorteile<br />
und sollte ausgebaut werden. Das ist möglich, auch finanzierbar.
</p>
<p>
<b>Özgür1:</b> Stichpunkt Wirtschaft: Heute<br />
reden Telekombosse mit der Arbeitnehmervertretung. Finden Sie es<br />
richtig, dass die Telekom jetzt so viele Arbeitsplätze auslagert,<br />
faktisch vernichtet?
</p>
<p>
<b>Dietmar Bartsch:</b> Die Herangehensweise, Unternehmensgewinne<br />
zu erhöhen und gleichzeitig Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer<br />
zu entlassen oder mit massiven Lohnkürzungen zu bedrohen, gibt<br />
es leider in vielen Unternehmen. Bei der Telekom sind offensichtlich<br />
schwer wiegende Managementfehler gemacht worden, bei denen es nicht<br />
sein kann, dass sie nunmehr zu Lasten der Beschäftigten korrigiert<br />
werden.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Eine Nachfrage zum Sozialstaat:
</p>
<p>
<b>SebLin:</b> Finanzierbar zum Beispiel mit einer höheren<br />
Besteuerung von Unternehmen?
</p>
<p>
<b>Dietmar Bartsch:</b> Wir haben, was die Finanzen der<br />
Bundesrepublik Deutschland betrifft, sehr konkrete Vorschläge,<br />
auch in den Deutschen Bundestag, eingebracht. Einige Beispiele:<br />
Eine reformierte Erbschaftssteuer &#8211; in den nächsten Jahren<br />
werden zwei Billionen vererbt &#8211; würde bei hohen Freibeträgen<br />
(500.000 Euro) jährlich bis zu 50 Milliarden in die Haushalte<br />
bringen können. Eine Börsenumsatzsteuer, die nur die Gewinne<br />
aus Aktienpapierverkäufen besteuert und die in vielen europäischen<br />
Ländern erhoben wird, würde Milliardenbeträge bringen.<br />
Die Unternehmenssteuerreform, die nicht kleinere und mittlere Unternehmen,<br />
sondern Banken und Konzerne bevorteilt und den Haushalt zwischen<br />
sechs und zwölf Milliarden Verluste bringt, sollte verhindert<br />
werden. Die Wiedererhebung der Vermögenssteuer &#8211; bei auch wiederum<br />
hohen Freibeträgen &#8211; sollte erwogen werden. Letztlich gilt<br />
der Ansatz von Willy Brandt: Stärkere Schultern sollen auch<br />
stärker zum Erhalt des Gemeinwohls beitragen.
</p>
<p>
<b>richie_köln:</b> Was halten Sie davon, die Arbeitgeberbeiträge<br />
zukünftig nicht mehr an der Höhe der Löhne, sondern<br />
an der Höhe der Unternehmensgewinne &#8211; eventuell in Relation<br />
zur Zahl der Beschäftigten &#8211; zu bemessen?
</p>
<p>
<b>Dietmar Bartsch:</b> In meiner Partei wird das Thema<br />
der Wertschöpfungsabgabe weiter diskutiert. Meiner Auffassung<br />
nach ist das ein kluger Ansatz, der Unternehmen in schwierigeren<br />
Zeiten entlastet und die Personalkosten nicht nur als Kostenfaktor<br />
darstellen lässt. Eine Bindung an die Gewinne wäre aufgrund<br />
der Gestaltungsmöglichkeiten von Unternehmen falsch. Wichtig<br />
ist mir jedoch, dass das Verständnis, dass Arbeitgeber- und<br />
Arbeitnehmerbeiträge faktisch Lohnbestandteile sind, nicht<br />
verloren geht.
</p>
<p>
<b>Christin:</b> Zum Wahlkampf in den USA: Welcher Kandidat<br />
ist Ihr Favorit? Barack Obama? Wen würden die Linken gerne<br />
an der Spitze sehen?
</p>
<p>
<b>Dietmar Bartsch:</b> Ich vermute, dass von den Kandidaten,<br />
die in der Öffentlichkeit sind, kaum jemand unsere Unterstützung<br />
erhalten würde. Ich bin sehr froh, dass die Zeit von George<br />
W. Bush zu Ende geht und würde vermutlich einem demokratischen<br />
Kandidaten &#8211; wenn denn nur die Auswahl zwischen Zweien wäre<br />
&#8211; zuneigen. Ob er nun Obama, Edwards oder Clinton hieße.
</p>
<p>
<b>thomas.l:</b> Setzt sich die neue Linkspartei für<br />
eine Offenlegung der Bezüge aller Parlamentarier ein?
</p>
<p>
<b>Dietmar Bartsch:</b> Ja. Das ist eine Forderung, die<br />
die PDS seit 1990 erhebt und die auch die neue Linke weiterhin einfordern<br />
wird.
</p>
<p>
<b>thomas.l:</b> Was hält die neue Linkspartei vom<br />
bedingungslosen Grundeinkommen?
</p>
<p>
<b>Dietmar Bartsch:</b> Dies ist eine der spannenden<br />
Debatten innerhalb meiner Partei. Es gibt Mitglieder, die sich nachhaltig<br />
für ein bedingungsloses Grundeinkommen einsetzen. Diese Position<br />
ist aktuell nicht mehrheitsfähig. Ich persönlich unterstütze<br />
das Konzept einer Grundsicherung. Wir werden diese Frage in der<br />
Programmdebatte der Partei hoffentlich spannend diskutieren.
</p>
<p>
<b>engels:</b> Glauben Sie, dass irgendwann einmal die<br />
Linkspartei in der Bundesregierung sitzen wird? Oder sehen Sie sie<br />
als komplette Oppositionspartei?
</p>
<p>
<b>Dietmar Bartsch:</b> Wir stellen nicht die Konstellation<br />
in den Vordergrund, sondern wir wollen Deutschland nach unseren<br />
Wertvorstellungen verändern. Wer zu Wahlen antritt, sollte<br />
auch die Bereitschaft zur Regierungsmitverantwortung haben.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Die Stunde ist auch fast schon wieder<br />
vorbei. Eine letzte Frage:
</p>
<p>
<b>mork:</b> Sie waren ja auch bei einer Zeitung Geschäftsführer.<br />
Was reizt Sie daran, Politiker zu sein?
</p>
<p>
<b>Dietmar Bartsch:</b> Die Herausforderung im Verlagswesen<br />
ist eine sehr spannende, weil man die täglichen Ergebnisse<br />
auf dem Tisch hat. Die Politik ist insbesondere in meiner Aufgabe<br />
als Bundesgeschäftsführer mit den vielen Facetten und<br />
in meiner Partei vermutlich eine der anstrengendsten und spannendsten<br />
Aufgaben, die es derzeit in unserem Lande gibt.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Das war unser tagesschau-Chat für<br />
heute. Wir bedanken uns bei allen, die mitgemacht haben. Unsere<br />
Bitte um Verständnis an jene, die wir mit ihrer Frage nicht<br />
berücksichtigen konnten. Unser besonderer Dank gilt Dietmar<br />
Bartsch, der sich die Zeit genommen hat, zum Chatten ins ARD-Hauptstadtstudio<br />
zu kommen. Das Transkript dieses Chats finden Sie in Kürze<br />
auf www.tagesschau.de. Ihnen allen wünschen wir noch einen<br />
schönen Tag.
</p>
<p>
<b>Dietmar Bartsch:</b> Ich bedanke mich bei allen Fragenden<br />
und bitte um Verständnis, dass ich aufgrund der gewünschten<br />
kurzen Antworten nicht immer in der vermutlich gewünschten<br />
Breite antworten konnte. Einen schönen Tag für Sie alle.</p>
]]></content:encoded>
					
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			</item>
		<item>
		<title>&#8220;Es gibt Berührungspunkte mit der FDP&#8221;</title>
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		<dc:creator><![CDATA[admin]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 24 Jan 2006 23:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Chattranscripte]]></category>
		<category><![CDATA[Bedingungsloses Grundeinkommen]]></category>
		<category><![CDATA[BND-Affäre]]></category>
		<category><![CDATA[Katja Kipping]]></category>
		<category><![CDATA[Untersuchungsausschuss]]></category>
		<category><![CDATA[Bundespolitik]]></category>
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					<description><![CDATA[<p class="fett">
Katja Kipping, MdB und Stellvertretende Vorsitzende 
der Linkspartei.PDS war am Mittwoch, 25. Januar 2006 zu Gast im 
tagesschau-Chat von tagesschau.de in Kooperation mit politik-digital.de 
<span style="font-size: x-small">in Kooperation mit politik-digital.de.</span> Haupttthemen 
des Chats war die Diskussion um ein allgemeines Grundeinkommen und 
den Einsatz eines Untersuchungsausschusses zur BND- und CIA-Affäre.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p class="fett">
Katja Kipping, MdB und Stellvertretende Vorsitzende<br />
der Linkspartei.PDS war am Mittwoch, 25. Januar 2006 zu Gast im<br />
tagesschau-Chat von tagesschau.de in Kooperation mit politik-digital.de<br />
<span style="font-size: x-small">in Kooperation mit politik-digital.de.</span> Haupttthemen<br />
des Chats war die Diskussion um ein allgemeines Grundeinkommen und<br />
den Einsatz eines Untersuchungsausschusses zur BND- und CIA-Affäre.<!--break-->
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Liebe Politik-Interessierte, herzlich<br />
willkommen beim tagesschau-Chat. Ganz kurzfristig haben wir einen<br />
interessanten Gast gewinnen können, denn heute ist die Bundestagsabgeordnete<br />
und stellvertretende Vorsitzende der Linkspartei, Katja Kipping<br />
zu uns ins ARD-Hauptstadtstudio gekommen. Fragen können an<br />
Frau Kipping zu allen Themen gestellt werden &#8211; wir sammeln und &quot;arbeiten<br />
ab&quot;. Herzlich willkommen, Frau Kipping, sind Sie bereit?
</p>
<p>
<b>Katja Kipping:</b> Herzlich willkommen, es kann losgehen.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Sie sitzen in Sachen BND-Ausschuss<br />
mit der FDP in einem Boot. Gibt es, auch was einen möglichen<br />
Fragenkatalog angeht, völlige Übereinstimmung mit den<br />
Liberalen?
</p>
<p>
<b>Katja Kipping:</b> Zumindest ist es uns gelungen,<br />
mit der FDP-Fraktion einen gemeinsamen Antrag zu formulieren. Wenn<br />
es um Freiheitsrechte geht, gibt es tatsächlich gewisse Berührungspunkte.
</p>
<p>
<b>Phantomas:</b> Können Sie sich vorstellen, dass<br />
Herr Lafontaine Herrn Schröder im BND-Ausschuss befragt?
</p>
<p>
<b>Katja Kipping:</b> Bei dem Unterausschuss geht es<br />
nicht darum, mögliche alte Rechnungen zu begleichen. Insofern<br />
sind die Konstellationsfragen, wer wen befragt, nicht wichtig. Uns<br />
geht es darum zu erfahren, inwieweit die Bundesregierung von Menschenrechtsverletzungen<br />
wusste.
</p>
<p>
<b>Maserati:</b> Frau Kipping, Jetzt mal Tacheles: Sehen<br />
Sie überhaupt noch eine Chance für Vollbeschäftigung<br />
in Deutschland?
</p>
<p>
<b>Katja Kipping:</b> Vollbeschäftigung der alten<br />
Art wird es wohl nicht mehr geben. Was jetzt gefragt ist, ist die<br />
Verteilung der vorhandenen Arbeit durch Arbeitszeitverkürzung<br />
und Bezahlung gesellschaftlich sinnvoller Tätigkeiten.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Ich denke, wir bleiben noch einen Augenblick<br />
beim Thema BND &#8211; auch wenn wir gerade einen rasanten Themenwechsel<br />
hatten.
</p>
<p>
<b>Frühaufsteher:</b> Ich glaube nicht, dass die<br />
Grünen mit ihrer Entscheidung Joschka Fischer schützen<br />
wollen. Sie hatten ihn ja in der Fraktion bereits deutlich überstimmt.<br />
Was steckt wirklich hinter der Entscheidung gegen den Ausschuss?
</p>
<p>
<b>Katja Kipping:</b> Darüber kann man nur mutmaßen.<br />
Und unbestätigte Mutmaßungen möchte ich nicht verbreiten.
</p>
<p>
<b>Kieler:</b> Frau Kipping, mal ganz ehrlich: Meinen<br />
Sie nicht auch, dass ein Untersuchungsausschuss eher „der<br />
Kampf einer Maus gegen einen Gorilla“ wäre? Machen Geheimdienste<br />
nicht ohnehin, was sie wollen und sind sie nicht schon längst<br />
außer Kontrolle geraten? Und was sagen sie denn zur Meldung<br />
der Nachrichtenagentur ddp, dass der BND den Mossad mit Ausweisen<br />
und persönlichen Daten deutscher Staatsbürger versorgt?
</p>
<p>
<b>Katja Kipping:</b> Medienberichte wie diese unterstreichen<br />
die Notwendigkeit eines Unterausschusses, auch wenn tatsächlich<br />
dieses Instrument nicht ausreicht, um Geheimdienste von Parlament<br />
aus zu kontrollieren.
</p>
<p>
<b>Garp:</b> Hallo Frau Kipping. Wird denn die Rolle<br />
des BND nicht auch überbewertet? Auch mit zwei BND-Mitarbeitern<br />
hat sich doch Deutschland nicht wirklich am Krieg beteiligt. Mir<br />
ist die Diskussion zu prinzipiell!
</p>
<p>
<b>Katja Kipping:</b> Genau. Weil wir nicht wissen, ob<br />
es sich bei den zwei Mitarbeitern nur um die Spitze eines Eisberges<br />
handelt, setzen wir uns so engagiert für einen Untersuchungsausschuss<br />
ein. Auch um Klarheit zu schaffen.
</p>
<p>
<b>rolf.meyer:</b> Was würde geschehen, wenn herauskäme,<br />
dass der BND mehr in die Luftangriffe involviert war als bisher<br />
angenommen?
</p>
<p>
<b>Katja Kipping:</b> So etwas dürfte nicht ohne<br />
Konsequenzen bleiben. Welche Änderungen dann notwendig sind,<br />
möchte ich zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht sagen.
</p>
<p>
<b>Philipp Muckley:</b> Hallo Frau Kipping, momentan<br />
gibt es in Deutschland sehr wichtige Aufgaben zu lösen. Die<br />
Arbeit der Regierung sollte so wenig wie möglich blockiert<br />
werden. Wäre es da nicht sinnvoll, erstmal vom Untersuchungsausschuss<br />
abzusehen und zu versuchen, die Angelegenheit so aufzuklären?<br />
Mir erscheint das irgendwie als Griff nach einem Strohhalm, da die<br />
Regierung momentan beliebt ist. Wie stehen Sie zu der These?
</p>
<p>
<b>Katja Kipping:</b> Wenn man sich einmal auf die Argumentation<br />
einlässt, wegen großer Aufgaben demokratische Grundsätze<br />
zurück zu stellen, ist unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung<br />
schnell in der Krise. Große Aufgaben stehen schließlich<br />
ständig vor den Regierungen.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Nach drei Monaten im Amt steht die<br />
große Koalition im öffentlichen Ansehen tatsächlich<br />
erstaunlich gut da, insbesondere Kanzlerin Merkel. Was hat die Opposition<br />
falsch gemacht?
</p>
<p>
<b>Katja Kipping:</b> Zuerst einmal freut sich die Linksfraktion,<br />
dass die Regierung zumindest einen kleinen Teil ihrer Forderungen<br />
aufgenommen hat. Die Angleichung der Hartz IV-Regelsätze für<br />
Ost und West wäre ohne unseren Einsatz und den Protest der<br />
Montagsdemonstranten undenkbar gewesen. Auch, dass man sich inzwischen<br />
von der Illusion verabschiedet hat, alles über das freie Spiel<br />
des Marktes regeln zu lassen und stattdessen wieder stärker,<br />
zumindest rhetorisch, soziale Aspekte debattiert, steht für<br />
uns auf der Haben-Seite.
</p>
<p>
<b>RolleRückwärts:</b> Hallo Frau Kipping,<br />
worauf gründet sich Ihre Motivation, sich derart für die<br />
Politik zu engagieren? Haben Sie mal ein schlechtes Erlebnis gehabt?</p>
<p><b>Katja Kipping:</b> Es gab nicht das Erlebnis oder den<br />
Entschluss, wo ich gesagt habe: jetzt gehst Du in die Politik. Mir<br />
ging es vor allem immer nur darum, mein Lebensumfeld und den Rahmen<br />
für das Leben selber mitzugestalten. Und da ich schlecht schweigen<br />
kann, wenn mich etwas ärgert, bin ich immer mehr in politische<br />
Initiativen involviert worden. Nachträglich musste ich feststellen,<br />
dass es vielen Menschen so gegangen ist und wahrlich nicht nur traumatisierte<br />
Menschen sich mit Politik beschäftigen.
</p>
<p>
<b>13-August:</b> Ein freies Spiel des Marktes gibt es<br />
doch in Deutschland gar nicht &#8211; wir sind unter den Industrienationen<br />
am reguliertesten &#8211; und das ist unser Problem. Selbst rot-(grüne)<br />
Regierungen anderswo haben dies begriffen und gehandelt &#8211; mehr Freiheit<br />
war der Ansatz, wirtschaftlicher Erfolg und geringere Arbeitslosigkeit<br />
die Belohnung dafür.
</p>
<p>
<b>Katja Kipping:</b> Ein Gegenargument: Die Steuer-<br />
und Abgabenquote, zum Beispiel in Skandinavien, ist deutlich höher<br />
als in der Bundesrepublik Deutschland und trotzdem oder gerade deswegen<br />
fällt dort die Arbeitslosenquote deutlich geringer aus.
</p>
<p>
<b>Das Paradoxon:</b> Woher nimmt man die Kraft, an die<br />
eigene Rolle in der Gestaltung zu glauben, wenn man in diesem Politikmechanismus<br />
integriert ist?
</p>
<p>
<b>Katja Kipping:</b> Durch positive Erfahrungen. So<br />
ist es mir im Landtag in Sachsen auch aus der Opposition heraus<br />
gelungen, mehr Gelder für Schulbusse zu erstreiten. Im Übrigen<br />
gibt es ja auch den berühmten &quot;self-fulfilling&quot;-Effekt<br />
negativer Prophezeiungen. Wer meint, nichts ändern zu können,<br />
wird kaum die notwendige Kraft aufbringen können. Ich setze<br />
deswegen auf den &quot;self-fulfilling&quot;- Effekt des Optimismus.
</p>
<p>
<b>heimchen:</b> Was wäre die Alternative zu einem<br />
freien Markt unter den gegebenen Umständen der Globalisierung?
</p>
<p>
<b>Katja Kipping:</b> Globalisierung ist keine überirdische<br />
Kraft, der wir schutzlos ausgeliefert sind. Der Globalisierung ist<br />
auch über die Politik entsprechend der Weg geebnet worden.<br />
Zum Beispiel wurde die Bildung von Hedge-Fonds durch das Investment-Modernisierungsgesetz<br />
unter rot-grün befördert. Wir sollten die Europäische<br />
Union in einem ersten Schritt dafür nutzen, dass es europaweit<br />
zu einer Angleichung der sozialen Standards und Steuersätze<br />
kommt. Das kann natürlich kein Wettbewerb nach unten sein.<br />
Im nächsten Schritt muss man sich über die internationale<br />
Ebene Gedanken machen. Gegenfrage: Sind sie denn der Meinung, dass<br />
der freie Markt bisher alles so gut geregelt hat?
</p>
<p>
<b>zuschauer:</b> Ich las in der Vorstellung, dass Sie<br />
dafür sind, Leuten auch ohne Arbeit ein Grundeinkommen zu geben.<br />
Warum dies? Meine Friseurin arbeitet jeden Tag und hat nicht mehr<br />
Geld als ein Harz-IV-Empfänger zum Leben. Der muss aber nicht<br />
jeden Morgen um sechs aufstehen und eine Stunde quer durch die Stadt<br />
fahren.<br />
Katja Kipping: Das ist tatsächlich eine Sauerei, dass heute<br />
mehr denn je Menschen voll arbeiten und nur halb verdienen. Deswegen<br />
streite ich für einen Mindestlohn von 8 Euro die Stunde, damit<br />
auch jede Friseurin oberhalb der Armutsgrenze leben kann. Den „Working<br />
Poor“ ist aber nicht geholfen, wenn es noch andere gibt, denen<br />
es noch schlechter geht.
</p>
<p>
<b>Android:</b> Wie hoch soll eigentlich das Grundeinkommen<br />
sein?
</p>
<p>
<b>Katja Kipping:</b> Als Europäerin kann ich nicht<br />
einfach die Empfehlung der Europäischen Kommission zu den nationalen<br />
Armutsgrenzen ignorieren. Diese besagen, dass die Armutsgrenze für<br />
die Bundesrepublik für 2003 bei 938 Euro liegt. Ein zweiter<br />
Orientierungspunkt für mich ist ein errechneter Warenkorb von<br />
Erwerbsloseninitiativen, die festgestellt haben, dass 800 Euro das<br />
Mindeste ist, was ein Mensch zur Teilhabe braucht. Eine Grundsicherung<br />
oder ein Grundeinkommen in dieser Höhe ist natürlich nicht<br />
einfach zu finanzieren. Deswegen sollte es schrittweise eingeführt<br />
werden.
</p>
<p>
<b>südtiroler:</b> Hallo Frau Kipping, Ihr Friseurbeispiel<br />
ist ein bisschen weltfremd. Viele Friseure sind selbständig<br />
und verdienen auch nicht nix. Die haben keine Arbeitgeber, bei dem<br />
sie mehr Lohn einklagen können!
</p>
<p>
<b>Katja Kipping:</b> Die Frage ist ja, warum selbstständige<br />
Friseure oder Handwerker eine so schlechte Auftragslage haben. Gerade<br />
kleine Unternehmen sind darauf angewiesen, dass Menschen vor Ort<br />
ihre Produkte oder Dienstleistungen kaufen können. Dazu brauchen<br />
sie Geld. Wenn jeder einen Mindestlohn bekommt, geht es auch den<br />
kleinen Unternehmen besser.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Kleine Entspannungsfrage zwischendurch:
</p>
<p>
<b>Coautor24:</b> Sind Sie in Berlin schon mal nach Hause<br />
gekommen und haben sich gedacht: Mein Gott, dass ist ja alles fürchterlich<br />
hier?
</p>
<p>
<b>Katja Kipping:</b> Fürchterlich nicht, aber ehrlich<br />
gesagt, die ersten Sitzungswochen waren schon recht stressig.
</p>
<p>
<b>Beaconjake:</b> Tag Frau Kipping. Gebührenfreie<br />
Kita-Plätze und bedingungsloses Grundeinkommen – klingt<br />
wunderbar, finde ich. Aber seien Sie doch so ehrlich und sagen sie<br />
ihren Wählern: Wenn wir an der Regierung wären, könnten<br />
wir das auch nicht bezahlen!
</p>
<p>
<b>Katja Kipping:</b> Wir haben ein eigenes Steuerkonzept<br />
erarbeitet, mit dem Mehreinnahmen von mehr als 60 Milliarden Euro<br />
machbar sind. Damit wäre zumindest der Einstieg in eine bedarfsorientierte<br />
soziale Grundsicherung finanzierbar. Ein bedingungsloses Grundeinkommen<br />
bedürfte tatsächlich über lange Zeit Umverteilung<br />
in viel größerem Maßstab. Deswegen diskutiert meine<br />
Fraktion jetzt nur über die Einführung der sozialen Grundsicherung.<br />
Es gibt aber im Netzwerk Grundeinkommen verschiedene Wissenschaftler,<br />
die auch Finanzierungsmodelle für ein bedingungsloses Grundeinkommen<br />
erarbeitet haben. Wer mehr wissen möchte: www.grundeinkommen.de.
</p>
<p>
<b>Sean:</b> Wenn man einen Mindestlohn einführt,<br />
begibt man sich in die Gefahr noch mehr Arbeitslosigkeit zu schaffen<br />
oder gibt es ein Modell, das dies verhindert? Das wäre mir<br />
neu.
</p>
<p>
<b>Katja Kipping:</b> Woher kommt die Überzeugung,<br />
dass ein Mindestlohn zur Arbeitslosigkeit führt? Die Mehrzahl<br />
der Arbeits- und Ausbildungsplätze werden durch kleine und<br />
mittelständische Unternehmen geschaffen. Gerade die sind auf<br />
Binnenkaufkraft angewiesen. Insoweit ist der Mindestlohn eher hilfreich.<br />
Aber es geht mir tatsächlich nicht darum, Arbeitsplätze<br />
ohne Rücksichtig auf Lohnhöhe und Inhalt zu fordern. Diese<br />
Gesellschaft braucht vor allem Arbeitsplätze, die ein Leben<br />
jenseits der Armut und sinnstiftende Tätigkeiten ermöglichen.
</p>
<p>
<b>rote zora:</b> Noch einmal zu ihrer Armutsgrenze von<br />
900 beziehungsweise 800 Euro. Ich bin Studentin und lebe (gut) von<br />
600 Euro. Meinen sie nicht, dass Arbeitlose in Zeiten schmaler Kassen<br />
zurückstecken müssen?
</p>
<p>
<b>Katja Kipping:</b> Ohne pedantisch wirken zu wollen:<br />
Das ist nicht meine Armutsgrenze, sondern die der Europäischen<br />
Kommission, die auch die Bundesregierung im Armuts-Reichtumsbericht<br />
anführt. Als Studentin habe ich auch von weniger gelebt, jedoch<br />
hat man als Student Ermäßigungen, die andere Menschen<br />
nicht haben. Zum Beispiel günstigere Eintritte, kostengünstigerer<br />
öffentlicher Personennahverkehr, kostenlose Bibliotheken und<br />
Internetzugang etc.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Zwei Fragen mit gleicher Richtung:
</p>
<p>
<b>Tim:</b> Wie könnte man Ihrer Meinung nach Unternehmen,<br />
die sehr hohe Gewinne einfahren und gleichzeitig Personal entlassen<br />
dazu bringen, dies nicht zu tun?
</p>
<p>
<b>alexander:</b> Wie kann es denn sein, dass große<br />
Unternehmen trotz großer Gewinne Personal abbauen?
</p>
<p>
<b>Katja Kipping:</b> Zu Tim: Zum einen gilt es, in diesen<br />
Auseinandersetzungen die Gewerkschaften zu stärken. Zum zweiten<br />
könnten öffentliche Aufträge gezielt nur an Unternehmen<br />
gehen, die kein Personal abbauen, bei Gewinnen. Zum dritten: manche<br />
Arbeitsplätze werden aufgrund von Verlagerungen in andere Länder<br />
abgebaut. Hier sind wir wieder bei der Frage, wie wir zuerst europaweit,<br />
dann international soziale und Lohnstandards nach oben hin angleichen<br />
können. Das wird kein Kinderspiel. Ist aber nicht zuletzt im<br />
Sinne globaler Gerechtigkeit notwendig.
</p>
<p>
<b>esass:</b> Sind Ihnen Forschungen dazu bekannt, wie<br />
sich verschiedene Personengruppen (zum Beispiel Arbeitslose, Beschäftigte,<br />
Reiche) verhalten würden, wenn es zu einem bedingungslosen<br />
Grundeinkommen käme?
</p>
<p>
<b>Katja Kipping:</b> Es gibt eine Untersuchung, die<br />
die Mär, alle würden in der Hängematte liegen, sobald<br />
sie keine Angst vor Hunger haben müssen, wiederlegt. Bereits<br />
heute ist jeder dritte Erwachsene mindestens 15 Stunden die Woche<br />
ehrenamtlich tätig, bringt sich also sinnstiftend in die Gesellschaft<br />
ein. Tatsächlich bedarf aber auch der Wandel der Arbeitswelt<br />
einen Wandel des Bildungssystems. Ich verweise hier auf Wolfgang<br />
Engler. Der sagt, eine zentrale Aufgabe der Schule muss sein, die<br />
Menschen dazu zu ermutigen, ihrem Leben Sinn und Bewandtnis zu geben,<br />
selbst wenn der Absprung auf den Arbeitsmarkt nicht gelingt.
</p>
<p>
<b>ldt:</b> Frau Kipping, Sie sind PDS-Mitglied: Was<br />
bedeutet für Sie Sozialismus, den ihre Partei ja im Namen trägt?
</p>
<p>
<b>Katja Kipping:</b> Demokratischer Sozialismus ist<br />
für mich die Beendigung der Unterdrückung des Menschen<br />
durch den Menschen, ist die Ausweitung des Reiches der Freiheit<br />
und die weitest mögliche Einschränkung des Reiches der<br />
Notwendigkeit. Konkret bedeutet das für mich, dass der Mensch<br />
wieder die Verfügungsgewalt über sein eigenes Leben hat.<br />
Dazu muss der Einzelne frei von materieller Not sein. Dazu bedarf<br />
es einer Demokratisierung der Wirtschaft. Und dazu bedarf es einer<br />
Demokratisierung der politischen Entscheidungsprozesse.
</p>
<p>
<b>Pantherin:</b> Fallen Ihnen eigentlich die ganzen<br />
machtgierigen alten Männer (und auch Frauen) auf die Nerven?
</p>
<p>
<b>Katja Kipping:</b> Nö. Was mich ärgert ist,<br />
wenn Gesprächspartner die Kunst des Zuhörens und des Fragestellens<br />
gänzlich verlernt haben oder wenn meinem Gegenüber kein<br />
besseres Argument einfällt, als der Verweis auf mein Alter.<br />
Insofern fallen mir nur ganz Einzelne manchmal auf die Nerven.
</p>
<p>
<b>benselbaum:</b> Gysi, Bisky, Lafontaine, Maurer, Ernst<br />
– die Linkspartei ist eine ziemliche Männerpartei, finden<br />
Sie nicht?
</p>
<p>
<b>Katja Kipping:</b> Lötzsch, Pau, Enkelmann, Kipping,<br />
wir haben doch auch jede Menge Frauen, finden Sie nicht? Wenn ich<br />
mir sonntags so Christiansen angucke, habe ich eher den Eindruck,<br />
dass die Männerlastigkeit in der medialen Widerspiegelung ein<br />
Problem aller Parteien ist.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Das waren 60 Minuten tagesschau-Chat.<br />
Wie stets die Bitte um Nachsicht an diejenigen, die mit ihrer Frage<br />
nicht zum Zuge gekommen sind. Vielen Dank für Ihr Interesse.<br />
Vielen Dank an Sie, Frau Kipping, dass Sie heute Zeit für unsere<br />
User hatten. Das Chat-Protokoll finden Sie wie immer auf tagesschau.de<br />
und politik-digital.de. Dort erfahren Sie auch die Termine für<br />
die nächsten Chats. Nächster Gast bei uns ist die Grüne<br />
Bundestagsabgeordnete und Bundestagsvizepräsidentin Katrin<br />
Göring-Eckardt am 6. Februar ab 13.00 Uhr.
</p>
<p><b>Katja Kipping:</b> Besten Dank für die Fragen.<br />
Ich fand es sehr spannend und bleiben Sie so kritisch und fragend.</p>
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		<item>
		<title>Politiker-Blogs: Wenig Medienkompetenz spürbar</title>
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		<dc:creator><![CDATA[admin]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 23 Nov 2005 23:00:00 +0000</pubDate>
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		<category><![CDATA[Bundestagswahl 2005]]></category>
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					<description><![CDATA[Die virtuelle Welt der Blogger ist im Wahlkampf besonders lebendig. Politiker schreiben Online-Tagebücher über Parteiveranstaltungen und persönliche Erlebnisse, Partei-Mitglieder kämpfen durch die Verbreitung ihrer Ansichten für ihre(n) Bundestagsfavoriten. Eine Agentur hat nun
eine erste Untersuchung von Politiker-Weblogs durchgeführt.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Die virtuelle Welt der Blogger ist im Wahlkampf besonders lebendig. Politiker schreiben Online-Tagebücher über Parteiveranstaltungen und persönliche Erlebnisse, Partei-Mitglieder kämpfen durch die Verbreitung ihrer Ansichten für ihre(n) Bundestagsfavoriten. Eine Agentur hat nun<br />
eine erste Untersuchung von Politiker-Weblogs durchgeführt.<!--break--></p>
<p>
<b><br />
</b>
</p>
<p>
Die Sozialdemokraten bloggen quantitativ am stärksten, gefolgt von den Liberalen auf Bundes- und Landesebene. Die Union, die Grünen und die Linkspartei haben dagegen lediglich zusammengenommen ein Drittel der Politiker-Weblogs im Netz installiert. Das ist das Ergebnis der Studie der Berliner Agentur AUSSCHNITT Medienbeobachtung. Sechs Wochen lang hat sie Weblogs deutscher Politiker unter die Lupe genommen und inhaltsanalytisch ausgewertet.
</p>
<p>
Kann man bei Politiker-Weblogs von einem Trend sprechen? Birgit M. Grigoriou, Leiterin der Abteilung Unternehmenskommunikation bei AUSSCHNITT Medienbeobachtung: „Als PR- Beraterin und Unternehmenskommunikationsfachfrau würde ich sagen, Weblogs sind ein neuer Kommunikationskanal an dem man als Wahlkämpfer nicht vorbei kommt, den man nicht außer Acht lassen kann.“ Ob sich Weblogs als Wahlkampfinstrument bewähren und durchsetzen werden, könne man bis dato jedoch noch nicht sicher sagen, erklärt sie. Dazu seien langfristigere Beobachtungen notwendig.
</p>
<p>
Die bisherige Untersuchung hat jedoch schon beachtliche Vergleichszahlen hervorgebracht: Der quantitative Vorreiter in Sachen Weblogs ist die SPD, die beim Bloggen am aktivsten ist und verglichen mit CDU/ CSU, FDP und Linkspartei auch Pioneer, was die Aktualität ihrer Seiten betrifft. Das Verhältnis ist hier 13:3:1 &#8211; dreizehn Beiträge werden täglich im Durchschnitt von Sozialdemokraten gepostet, auf drei bringt es die FDP. Alle anderen Parteien stellen durchschnittlich einen Beitrag am Tag online.
</p>
<p>
Die Inhaltsanalyse hat zudem ergeben, dass sachpolitische Themen und Positionen sowie parteibezogene Auseinandersetzungen beim Politbloggen eine große Rolle spielen. Persönliche Stellungnahmen sind eher selten zu finden. Nur ein knappes Drittel der Einträge in den insgesamt 49 untersuchten Weblogs widmen sich persönlichen Erlebnissen und Erfahrungen. Die Darstellung sachpolitischer Zusammenhänge (38%) und parteipolitische Auseinandersetzungen (35%) überwiegen.
</p>
<p>
Die dabei am häufigsten angeschnittenen Themen sind laut Studie die Programme und Personen der jeweils anderen Parteien sowie Finanz-, Wirtschafts- und Arbeitsmarktpolitik. In 40 Prozent der Fälle werden Positionen aus parteipolitischer Sicht argumentativ dargestellt. Haben viele Politiker die persönliche Komponente von Weblogs &#8211; und somit den Sinn der neuen Kommunikationsform &#8211; nicht erfasst? „Es gibt Gesetze für das Medium „Weblog“ &#8211; Dos und Don&#8217;ts. Authentizität ist das A und O, das Gesetz Nummer 1. Es muss ein persönliches Portal sein, nicht ausschließlich ein weiterer Veröffentlichungskanal für politische Programme.“ Authentizität bedeutet hier persönlich und im Prinzip auch selbst geschrieben.</p>
<p>Der regelmäßige Kontakt zur Blogsphäre kostet Zeit &#8211; im Wahlkampf sicher eine knappe Ressource. Prinzipiell ist das Weblog laut Studie jedoch wahlkampftauglich, da es die nötigen Faktoren aufweist: Personalisierung, Authentizität, Aktualität und Interaktion.
</p>
<p>
Soweit zum theoretischen Wahlkampf-Potenzial des für viele noch neuen Internetformats. Ob das Weblog als Wahlkampfinstrument tatsächlich erfolgreich ist, kommt für Grigoriou jedoch maßgeblich auf die Inhalte und die mit dem Weblog verfolgten Ziele des Betreibers an. Man müsse sich fragen, welche Inhalte in ein solches Instrumentarium passen: „Weblogs sind keine Partei-Homepage, sie sollen die persönliche Sicht auf die Dinge zeigen, wie der Blogger selbst sie hat. Wichtig ist, dass aktuell und intensiv gebloggt wird.“ Die meisten Politiker tun sich jedoch schwer damit, einen persönlichen Zugang zum jeweiligen Thema zu entwickeln, wird in der Untersuchung festgestellt: „Nur ein knappes Drittel aller Beiträge hat persönliche Erfahrungen und Erlebnisse als Aufhänger.“
</p>
<p>
Bei allen Parteien gibt es jedoch Politiker, die Spaß an der personalisierten, authentischen Kommunikationsform des Weblogs gefunden zu haben scheinen. Vor allem junge, bereits „Internet-affine“ Menschen nehmen dieses Angebot rege an und beteiligen sich am „Weblog-Wahlkampf“ durch Diskussionsbeiträge. Weblogs könnten somit für Volksvertreter tatsächlich zu einem interaktiven Austauschkanal werden, um zu erfahren, wo den Menschen der Schuh drückt. Eine Kombination von modernem und traditionellem „Mundfunk“ wäre sicher belebend für die politischen Diskussionskultur und ein Mittel gegen Politikverdrossenheit. Einzige Voraussetzung: Die Beachtung der Weblog-Gesetze, damit Bloggen nicht gleichbedeutend wird mit der Veröffentlichung von Wahlprogrogrammen.
</p>
<p>
&nbsp;</p>
]]></content:encoded>
					
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			</item>
		<item>
		<title>Weblogs im Bundestagswahlkampf 2005</title>
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		<dc:creator><![CDATA[admin]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 21 Sep 2005 22:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Neuwahlen zum Bundestag 2005]]></category>
		<category><![CDATA[Bundestagswahl 2005]]></category>
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		<category><![CDATA[Weblog-Nutzer]]></category>
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					<description><![CDATA[Nach ersten Gehversuchen bei der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen haben sich Weblogs neuerdings zu einem neuen Wahlkampfinstrument und zu einer neuen politischen Informations- und Diskussionsplattform entwickelt. Wie sehr konnten sich Weblogs aber im Wahlkampf zur
Bundestagswahl 2005 etablieren?]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Nach ersten Gehversuchen bei der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen haben sich Weblogs neuerdings zu einem neuen Wahlkampfinstrument und zu einer neuen politischen Informations- und Diskussionsplattform entwickelt. Wie sehr konnten sich Weblogs aber im Wahlkampf zur<br />
Bundestagswahl 2005 etablieren?<!--break--></p>
<p>
<b><br />
</b>
</p>
<p>
Die Studie „Internet im Wahlkampf 2005“ des Lehrstuhls für Politikwissenschaft II der Universität Bamberg geht der Frage nach, wie sich Akzeptanz und Nutzung von politischen Weblogs im Laufe des Wahlkampfs verändert haben. An der Online-Befragung, die in Kooperation mit dem Bamberger Centrum für Europäische Studien durchgeführt wurde, haben sich bei den beiden Befragungswellen im Juni und September 2005 insgesamt knapp 1300 Internetnutzer beteiligt.
</p>
<p>
Das charakteristische Merkmal von Weblogs ist, dass sie die Zugangsschranken bei der Veröffentlichung von Texten im Internet abbauen. Sie erlauben jedem Internetnutzer ohne technische Vorkenntnisse, Webseiten zu publizieren, Kommentare zu schreiben und Verweise zu anderen Quellen zu erstellen. In der politischen Kommunikation sind vor diesem Hintergrund insbesondere zwei Gruppen von Nutzern von Interesse: politische Parteien und Kandidaten auf der einen und politisch interessierte Bürger auf der anderen Seite. Erstere wurden dabei bereits quantitativ analysiert und ein Übergewicht von Blogs der SPD und der Grünen festgestellt (siehe dazu die Studie der „<br />
<a href="http://www.ausschnitt.de/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Ausschnitt Medienbeobachtung</a>“). In qualitativer Hinsicht wurde vor allem die<br />
<a href="/text/edemocracy/wahlkampf/bundestagswahl05/wahlkampfinderblogshaere050818.shtml" target="_blank" rel="noopener noreferrer">geringe persönliche Komponente</a> der parteipolitischen Weblogs beklagt.</p>
<p>Wie aber sieht es auf Seiten der Bürger als Adressaten parteipolitischer Kommunikation aus? Fördern zivilgesellschaftliche Weblogs im Wahlkampf tatsächlich die Information und den Meinungsaustausch über politische Themen, wie dies beispielsweise von<br />
<a href="/edemocracy/wahlkampf/wahlkampf_blogosphere050525.shtml?link=550" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Jan Schmidt</a> erwartet wird? Die Ergebnisse der Onlineumfrage zeigen, dass sich in der untersuchten Gruppe der politisch interessierten Internetnutzer knapp ein Drittel regelmäßig durch das Lesen von Weblogs über aktuelle politische Sachthemen informiert.</p>
<p>Der Anteil der Befragten, die überhaupt nichts mit dem Begriff „Weblog“ anzufangen wussten, ist dabei im Laufe des Wahlkampfs deutlich zurückgegangen, die Zahl der Leser jedoch beinahe konstant geblieben. Die Möglichkeit der Artikulation von Meinungen und politischen Aussagen über die Kommentarfunktion bzw. das Schreiben von eigenen Beiträgen in Weblogs wurde im Wahlkampf von einem knappen Viertel der Internetnutzer regelmäßig wahrgenommen. Auch hier haben sich die Anteile von Juni bis September nur geringfügig verändert. Bei den Nutzern stehen vor allem private Weblogs sowie Weblogs von Journalisten hoch im Kurs. Die Nutzung von Parteiblogs hat im Wahlkampfverlauf sogar eher abgenommen, während Weblogs von Kandidaten beliebter wurden.</p>
<p>Wie nicht anders zu erwarten stellen die Nutzer von Weblogs dabei keinesfalls einen repräsentativen Querschnitt der Bevölkerung dar. Als Autoren von politischen Weblogs treten vor allem vergleichsweise jüngere Internetnutzer auf. Der Frauenanteil der Umfrage fällt mit etwa 20 Prozent insgesamt wie bei den meisten Online-Umfragen sehr niedrig aus. Daher ist es umso bemerkenswerter, dass unter den Weblog-Nutzern ein gleicher bis geringfügig höherer Anteil Frauen zu beobachten ist. Dies zeigt, dass die Möglichkeiten politischer Weblogs von internetaffinen Frauen mindestens ebenso häufig genutzt werden wie von Männern. Lediglich die Kommentarfunktion von Weblogs wird von weiblichen Nutzern eher unterdurchschnittlich wahrgenommen.</p>
<p>Die bei den Internetnutzern generell überdurchschnittliche formale Bildung ist bei den Weblog-Autoren nochmals deutlich höher. Über 85 Prozent derjenigen, die ein eigenes Weblog führen, haben mindestens die Hochschulreife erworben. Auch das politische Interesse ist generell bei den Nutzern politischer Weblogs deutlich höher als bei den übrigen Befragten. Über 90 Prozent der Mitglieder der politischen Blogosphäre geben an, stark bis sehr stark an politischen Themen interessiert zu sein. Analog zur parteipolitischen Verteilung der Parteiblogs, dominieren auch bei den Autoren zivilgesellschaftlicher Weblogs die Anhänger des linken politischen Spektrums. Über den gesamten Wahlkampf hinweg gaben über 60 Prozent der Politblogger an, bei der bevorstehenden Wahl der SPD, den Grünen oder der Linkspartei ihre Stimme zu geben.</p>
<p>Die Rolle und Bedeutung von Weblogs im Bundestagswahlkampf 2005 schätzen die Befragten sehr differenziert ein. Ein besonderer Verdienst dieser Form der Veröffentlichung von Inhalt im Internet ist für über 50 Prozent der Nutzer, dass hier auch Themen zu finden sind, die in den herkömmlichen Massenmedien nicht zu lesen sind. Einen erkennbaren Einfluss auf die öffentliche Meinung leiten daraus allerdings nur gut 15 Prozent der Nutzer ab, wobei dieser Anteil im Verlauf des Wahlkampfs tendenziell eher zurückgegangen ist. Als glaubwürdige Informationsquelle werden politische Blogs von knapp einem Viertel der Nutzer betrachtet, wobei sich die große Mehrheit voll darüber im Klaren ist, in Weblogs keine parteipolitisch neutralen Informationen, sondern politische Meinungen und Standpunkte vorzufinden.</p>
<p>Weit über die Hälfte der Nutzer sehen daher auch eine positive Wirkung von Weblogs auf die Diskussion politischer Themen in der Öffentlichkeit. Bei der Betrachtung dieser Einstellungen zu politischen Weblogs zeigt sich durchgängig und konstant über die Zeit hinweg, dass Autoren wesentlich stärker vom Nutzen und der Bedeutung von Politblogs überzeugt sind, als diejenigen, die sich lediglich als Leser einstufen. Insbesondere im Hinblick auf die Glaubwürdigkeit, die von den Lesern eher negativ, von den Autoren jedoch tendenziell positiv beurteilt wird, ergeben sich deutliche Unterschiede.</p>
<p><b>Fazit</b></p>
<p>Insgesamt können zwei Schlussfolgerungen im Hinblick auf die politische Bedeutung von Weblogs abgeleitet werden. Zum einen bleibt trotz des Medienhypes um Weblogs im Wahlkampf 2005 die Nutzung dieser Form des Meinungsaustausches die Angelegenheit einer kleinen Gruppe von hoch gebildeten, politisch stark interessierten Internetnutzern, die politisch eher dem linken Spektrum zuzuordnen ist.</p>
<p>Zum anderen stellen Weblogs für diese Gruppe eine starke Bereicherung des Angebots an politischer Information und eine Plattform für politische Diskussionen dar. Da die Zusammensetzung der politischen Blogosphäre darauf schließen lässt, dass es sich dabei vor allem um so genannte Meinungsführer handelt, ist eine starke indirekte Wirkung von Weblogs auf die „öffentliche Meinung“ jedoch keineswegs ausgeschlossen.</p>
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		<title>&#8220;Die Gewerkschaften sind die Gewerkschaften&#8221;</title>
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		<pubDate>Thu, 15 Sep 2005 23:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Chattranscripte]]></category>
		<category><![CDATA[Katja Jösting]]></category>
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					<description><![CDATA[Katja Jösting, Jugendreferentin  von Die Linke.PDS, und Christian Kühbauch, DGB-Bundesjugendsekretär, waren am 16. September zu Gast im Live-Duellchat der Bundeszentrale  für politische Bildung. Diskutiert wurde u.a. über 
das Verhältnis der Linkspartei zu den Gewerkschaften, unterschiedliche 
Aufgaben von Parteien und Gewerkschaften in der Gesellschaft und 
die Vergangenheits-bewältigung der PDS.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Katja Jösting, Jugendreferentin  von Die Linke.PDS, und Christian Kühbauch, DGB-Bundesjugendsekretär, waren am 16. September zu Gast im Live-Duellchat der Bundeszentrale  für politische Bildung. Diskutiert wurde u.a. über<br />
das Verhältnis der Linkspartei zu den Gewerkschaften, unterschiedliche<br />
Aufgaben von Parteien und Gewerkschaften in der Gesellschaft und<br />
die Vergangenheits-bewältigung der PDS.<!--break--></p>
<p>
<b><b>Moderator: </b> </b>Liebe Politik-Interessierte,<br />
herzlich willkommen im dritten und letzten Live-Duellchat der Bundeszentrale<br />
für politische Bildung in diesem Wahlkampf. Anfang der Woche<br />
waren Nike Wessel, Grüne Jugend, und Johannes Vogel, Junge<br />
Liberale, sowie die Vorsitzenden der Jungen Union und den Jusos,<br />
Philipp Mißfelder und Björn Böhning zu Gast. Heute<br />
chatten wir mit den Jugendreferenten von PDS und DGB, Katja Jösting<br />
und Christian Kühbauch. Im oberen Feld werden die beiden Gäste<br />
befragt, in dem unteren Feld werden die Fragen und Kommentare der<br />
Chatterinnen und Chatter abgebildet. Wir freuen uns auf Ihre Kommentare<br />
und Fragen, die Sie gerne an die beiden Duellanten richten können.<br />
Herzlich Willkommen Frau Jösting und Herr Kühbauch! Können<br />
wir beginnen?
</p>
<p><b><b></b></b></p>
<p>
<b>Christian Kühbauch:</b> Ja.
</p>
<p>
<b>Katja Jösting:</b> Ja.
</p>
<p>
<b>Moderator: </b> Eigentlich müsste man meinen, die inhaltlichen<br />
Überschneidungen von Gewerkschaften und Die Linke.PDS müssten<br />
groß sein. Schließlich rekrutiert sich das Personal<br />
von den Linken.PDS auch aus ehemaligen Gewerkschaftsfunktionären,<br />
die traditionell eigentlich der SPD nahe stehen. Doch die Einzelgewerkschaften<br />
lösen sich derzeit teilweise vom DGB. Der IG-Metall-Chef Peters<br />
etwa hat gesagt, dass die Linke.PDS dem Parteiensystem nicht schaden<br />
müsste, es gebe in vielen Ländern konkurrierende linke<br />
Parteien. Dafür wurde er vom ehemaligen DGB-Chef Schulte stark<br />
kritisiert. Was denn nun: Ist das Wahlbündnis eine Gefahr oder<br />
Chance für die Gewerkschaften? Frau Jösting zuerst bitte.
</p>
<p>
<b>Katja Jösting:</b> Das Linksbündnis ist<br />
ganz klar eine Chance für die Gewerkschaften. Unabhängig<br />
davon, ob sich die Einzelgewerkschaften konkret zur Linkspartei<br />
bekennen, kann es nicht schaden, wenn auch die Gewerkschaften ihre<br />
Partner im parlamentarischen Raum haben.
</p>
<p>
<b>Christian Kühbauch:</b> Man muss ganz klar sehen,<br />
dass die Linkspartei in vielen Punkten große Übereinstimmungen<br />
mit den gewerkschaftlichen Anforderungen hat, ja dass sie sogar<br />
einige sehr alte Forderungen der Gewerkschaften – wie z.B.<br />
die Ausbildungsplatzumlage – zum Bestandteil ihres Programms<br />
gemacht haben. Wir müssen nur als Gewerkschaften aufpassen,<br />
dass wir auch die Interessen unserer 7 Millionen Mitglieder angemessen<br />
vertreten und zwar im Grunde in der ganzen Bandbreite vom linken<br />
globalisierungskritischen Attac-Aktivisten bis hin zu denjenigen,<br />
die auch Industriepolitik gemeinsam mit ihrem Unternehmen betreiben.
</p>
<p>
<b>Moderator: </b> Dazu eine Nachfrage: Herr Kühbauch, mehrere Partner<br />
&#8211; braucht der DGB denn einen NEUEN Partner im parlamentarischen<br />
Raum?
</p>
<p>
<b>Christian Kühbauch:</b> Ein Partner ist eine<br />
solche Partei, mit der man viele Übereinstimmungen und regelmäßige<br />
Konsultationen hat. Von daher sind derzeit sowohl große Teile<br />
der SPD als auch Linkspartei und Grüne mögliche Partner.<br />
Wir müssen natürlich sehen, wer regiert und müssen<br />
mit jeder Regierungspartei und den entsprechenden Ministern und<br />
Ministerialbeamten das Gespräch suchen.
</p>
<p>
<b>Moderator: </b> Frau Jösting, der DGB will sich also nicht positionieren<br />
– würden Sie sich eine klare Aussage zu Gunsten Ihrer<br />
Partei denn wünschen? Halten Sie das für realistisch?
</p>
<p>
<b>Katja Jösting:</b> Ich würde es für<br />
realistisch und angemessen halten, aber nicht für unbedingt<br />
notwendig. Genauso wenig wie ich eine einseitig parteiabhängige<br />
Haltung zugunsten der SPD für richtig halte, wäre es klug<br />
von jeder Gewerkschaft, sich ausschließlich der Linkspartei<br />
zuzuordnen.
</p>
<p>
<b>Moderator: </b> Eine erste Frage eines Nutzers:
</p>
<p>
<b>bomber:</b> Ist eine Annäherung zwischen DGB<br />
und Linkspartei.PDS zu erwarten, falls es zu einer Großen<br />
Koalition kommt und die Agenda-Politik der jüngsten Vergangenheit<br />
von beiden großen Parteien, dann auch offiziell, fortgesetzt<br />
wird? Kann eine andere Politik nicht nur bestehen, wenn Gewerkschaften<br />
und Linkspartei in diesem Fall zusammenhalten? Herr Kühbauch,<br />
wie sehen Sie das?
</p>
<p>
<b>Katja Jösting:</b> Absolute Zustimmung.
</p>
<p>
<b>Christian Kühbauch:</b> Da muss man mal abwarten<br />
welche Kräfte in der SPD sich durchsetzen, da man annehmen<br />
kann, dass Herr Schröder dann nicht mehr aktiv in der Politik<br />
ist.
</p>
<p>
<b>Moderator: </b> DGB-Chef Sommer hat unterdessen vor einer Spaltung der<br />
Gewerkschaften gewarnt: Wer Parteipolitik in die Gewerkschaften<br />
trage, der gefährde nicht nur die Geschlossenheit der Arbeitnehmer,<br />
sondern schwäche auch die Position der Gewerkschaften. Was<br />
ist da dran?
</p>
<p>
<b>Christian Kühbauch:</b> Herr Sommer hat natürlich<br />
Recht, wenn er sagt, dass es nicht unsere Aufgabe ist, dass wir<br />
Parteien finanzieren und organisieren. Es gibt da schlechte Beispiele<br />
aus anderen Ländern, wo Gewerkschaften an derartigen Fragen<br />
zerbrochen sind. Man muss vorsichtig sein, wenn bestimmte Kräfte<br />
in den Gewerkschaften den gesamten DGB auf einen Kurs festnageln<br />
wollen.
</p>
<p>
<b>Katja Jösting: </b>Der entscheidende Punkt liegt<br />
in der Unterscheidung zwischen Parteiunabhängigkeit und Politikunabhängigkeit.<br />
Und Herr Sommer hat insofern Recht, als dass Ersteres das Zweite<br />
nicht überlagern sollte.
</p>
<p>
<b>Christian Kühbauch:</b> Wir hatten in den letzten<br />
Tagen Wahlaufrufe von Gewerkschaften. Wir hatten in der taz eine<br />
halbe Seite die Unterstützer der Linkspartei und wir haben<br />
auch einige Gewerkschafter, die in der Bildzeitung zur Wahl von<br />
Angela Merkel aufgerufen haben. Die Anti-Gewerkschafter –<br />
und solche gibt es ja leider – sind ja eher in den Flügeln<br />
der großen Volksparteien und der FDP.
</p>
<p>
<b>Moderator: </b> Moment, aber jetzt reden Sie beide das Problem klein:<br />
Die Linke.PDS wendet sich besonders an enttäuschte Gewerkschafter<br />
und Sozialdemokraten. Das muss die Gewerkschaften doch irritieren?
</p>
<p>
<b>Christian Kühbauch:</b> Es ist ganz normal, weil<br />
die SPD mit ihrer Regierungspolitik in den vergangenen Jahren internationale<br />
neoliberale Mainstream-Politik gemacht hat. Zwar steht auf der Habenseite<br />
eine ökologische Steuerreform, aber allein in meinem Bereich<br />
der Jugend hat uns Herr Clement mit seinem Ausbildungspakt ziemlich<br />
an der Nase herumgeführt. Eine gewisse Entfremdung ist daher<br />
natürlich. Man muss aber abwarten, ob eine Linkspartei bei<br />
leeren Kassen sehr viel bessere Politik machen würde (siehe<br />
Berlin, siehe Mecklenburg-Vorpommern).
</p>
<p>
<b>Katja Jösting:</b> Zunächst zum Moderator:<b><br />
</b> Herr Kühbauch redet sich hier etwas raus, da gebe<br />
ich dem Moderator recht. Denn die Gewerkschaften reagieren reichlich<br />
spät auf die Agenda-Politik des Kanzlers. Die Linkspartei hat<br />
schon zu Zeiten, als sie noch PDS hieß, auch die Ausbildungsplatzumlage<br />
gefordert, den Mindestlohn und ähnliches. Insofern kommt der<br />
positive Bezug etwas spät. Zu den leeren Kassen: Es ist ein<br />
entscheidender Unterschied, ob man Politik macht mit den Mitteln<br />
der Bundesgesetzgebung, oder lediglich auf die Spielräume innerhalb<br />
einer Landespolitik Einfluss nehmen zu können. Der entscheidende<br />
Punkt, der durch die Linke in den Landesregierungen umzusetzen versucht<br />
wurde, ist die &quot;sozial gerechte Form des Sparens&quot;. Das<br />
ist uns nicht an allen Stellen gelungen, aber im Gegensatz zur Bundesregierung,<br />
kann man uns zumindest die Anstrengung nicht absprechen.
</p>
<p>
<b>Christian Kühbauch:</b> Wir wollten ziemlich<br />
lange politikfähig bleiben und haben ziemlich viele Kröten<br />
geschluckt – Riester-Rente, Hartz I-III, bis uns irgendwann<br />
der Kragen geplatzt ist und wir am 3. April letzten Jahres mit ungefähr<br />
500.000 eine der größten Demonstrationen der Bundesrepublik<br />
veranstaltet haben. Wir wollen einfach eine andere Politik, einen<br />
Arbeitnehmerorientierten Politikansatz. Die Frage ist jetzt, was<br />
hat eine Linkspartei für Konzepte.
</p>
<p>
<b>Moderator: </b> Der Kragen platzte ja tatsächlich eher spät.<br />
Ist die Linkspartei denn die &quot;bessere Gewerkschaft&quot;, Frau<br />
Jösting?
</p>
<p>
<b>Katja Jösting:</b> Nein, das ist sie nicht. Es<br />
gibt ganz klar unterschiedliche Aufgaben von Gewerkschaften und<br />
Parteien. Allerdings kann man/ muss man sagen, dass die damalige<br />
PDS sicherlich früher und lange Zeit energischer die Interessen<br />
derer vertreten hat, für die eigentlich die Gewerkschaften<br />
zu allererst hätten eintreten müssen.
</p>
<p>
<b>Moderator: </b> Reagieren die Gewerkschaften zu langsam? Herr Kühbauch?
</p>
<p>
<b>Christian Kühbauch:</b> Die Gewerkschaften sind<br />
die Gewerkschaften. Was mich interessiert – perspektivisch<br />
nach einer mittleren Oppositionszeit der Linkspartei –: ob<br />
die Ansätze politikfähig werden können weil ich zumindest<br />
jetzt von einigen Begegnungen auf regionaler Ebene mit Linkspartei.PDS<br />
eher entsetzt zurück kam. Ich sage als Stichwort. Sektierer<br />
und judäische Volksfront oder Volksfront von Judäa. Ihr<br />
seid halt auch ein Sammelbecken für eine Menge dieser Leute<br />
geworden.
</p>
<p>
<b>Moderator: </b> Also der alte DKPisten-Stasi Vorwurf, Frau Jösting<br />
&#8230; Was sagen Sie?
</p>
<p>
<b>Christian Kühbauch:</b> Habt ihr das im Griff<br />
oder wie wird sich das weiter entwickeln?
</p>
<p>
<b>Katja Jösting:</b> Man kann sich seine Genossen<br />
nicht aussuchen. Es ist aber sicher richtig, dass in dem Fusionsprozess<br />
von WASG und Linkspartei.PDS der Vorstand <br />
und die Spitzen darauf drängen müssen, dass diese Form<br />
von Sektierertum, die uns 2002 wahrscheinlich den Einzug in den<br />
Bundestag gekostet hat, in keiner Weise wieder politikbestimmend<br />
wird, innerhalb der Linken.
</p>
<p>
<b>Christian Kühbauch:</b> Man muss wahrscheinlich<br />
sehen, wer auf bestimmten Veranstaltungen immer das große<br />
Wort führt und ob diese Leute dann auch Einfluss in der Bundespartei<br />
bekommen.
</p>
<p>
<b>Moderator: </b> Die Linkspartei.PDS weist entgegen ihres jugendlichen<br />
Images eine eher veralterte Mitgliederstruktur auf. Auch die Gewerkschaften<br />
haben damit zu kämpfen, dass gerade junge Menschen Mangelware<br />
in der Organisation sind, da der Politikstil als altbacken angesehen<br />
wird. Kann von zwei so alt strukturierten Organisationen eine zukunftsweisende<br />
Politik erwartet werden? Z.B. beim Thema Generationengerechtigkeit?
</p>
<p>
<b>Christian Kühbauch:</b> Was uns betrifft, sieht<br />
es besser aus, als es in der Öffentlichkeit rüber kommt.<br />
Wir liegen bei 500.000 jugendlichen Mitgliedern und halten uns da<br />
gut. Ich habe auch schon die Erfahrung gemacht, beim Gespräch<br />
mit gutbürgerlichen Medien, dass sie kein Interesse haben,<br />
vom Jugendbereich der Gewerkschaften zu schreiben.
</p>
<p>
<b>Katja Jösting:</b> Ich bedanke mich für<br />
das Kompliment. Man muss unterscheiden zwischen Mitgliederstruktur<br />
und denjenigen, die inhaltliche Debatten prägen. Und da gibt<br />
es bei uns eine erstaunlich junge und relativ große zweite<br />
Reihe hinter den Spitzen Lafontaine/Gysi und so weiter, z.B. Katja<br />
Kipping als stellvertretende Parteivorsitzende ist 28. Jetzt endlich<br />
kann aber aus der Kombination von zahlreichen alten Mitgliedern<br />
und einer relativ jungen Führungsriege ein interessanter und<br />
sehr ausgewogener Diskussionsprozess entstehen, z.B. auch beim Thema<br />
Generationengerechtigkeit. Konkret: Konflikte, wie sie Mißfelder<br />
in der CDU inszeniert hat, nach dem Motto: keine Hüftgelenke<br />
mehr für ältere Menschen zugunsten der Jugend, würde<br />
es bei uns nicht geben.
</p>
<p>
<b>Christian Kühbauch:</b> Da gab es ja noch den<br />
anderen mit den Alten, die den Löffel abgeben sollen. Klar,<br />
wenn ich morgen sage, Sommer muss weg, stehe ich auch in der Bild,<br />
aber wir dürfen dieses ganze Thema Generationengerechtigkeit<br />
nicht als Schaukampf zwischen den Alten und den Jungen inszenieren.<br />
Was ich schon beim DGB auch als Konflikt feststellen kann, ist der<br />
völlig unterschiedliche Politikansatz. Die &quot;Alten&quot;<br />
sind in der Regel parteipolitisch gebunden, die Jungen zu vielleicht<br />
70 Prozent parteilos. Aber sie machen trotzdem Politik in verschiedenen<br />
Initiativen, Organisationen und auch in den Betrieben.
</p>
<p>
<b>Moderator: </b> Warum sind sie beide denn dann nicht mit von der Partie,<br />
wenn Jusos und Junge Union einen &quot;neuen Generationenpakt&quot;<br />
fordern?
</p>
<p>
<b>Katja Jösting:</b> Die haben uns nicht gefragt.
</p>
<p>
<b>Christian Kühbauch:</b> Die haben uns nicht gefragt,<br />
vielleicht hier übers Netz: Sie sollen uns mal anrufen.
</p>
<p>
<b>Moderator: </b> Inwiefern weichen eigentlich die Positionen der Jugendorganisationen<br />
von PDS und DGB von ihren Mutterorganisationen ab? Gibt es auf Ihrer<br />
Ebene doch mehr Gemeinsamkeiten, als man vermuten könnte? Oder<br />
stärkere Unterschiede als zwischen den Mutterorganisationen?
</p>
<p>
<b>Christian Kühbauch:</b> Nein. Kapier ich das<br />
jetzt richtig, ob wir jetzt näher sind an anderen Jugendorganisationen<br />
als an unseren eigenem DGB? Wenn das so ist, würde ich sagen,<br />
normalerweise ist immer die eigene Organisationen (DGB) näher<br />
mit einigen Ausnahmen, und zwar: Wehrpflicht, Basisdemokratische<br />
Elemente, mit Abstrichen Rente.
</p>
<p>
<b>Moderator: </b> Die Frage ist, ob Sie, PDS- und DGB-Jugendreferent sich<br />
in einzelnen Themenfeldern näher sind, als ihren eigenen Organisationen?<br />
Und wenn ja, in welchen Themenfeldern?
</p>
<p>
<b>Katja Jösting:</b> Nein, sind wir nicht. Sonst<br />
wären wir die DGB-Jugend. Einziger Konfliktpunkt, obwohl: das<br />
ist auch schon zu hoch gegriffen, eher: Dissens, der mir jetzt einfällt,<br />
ist die Frage der Legalität von Graffiti.
</p>
<p>
<b>Moderator: </b> Ein Erfolg der Linken/PDS könnte dazu führen,<br />
dass rot-grün keine Mehrheit mehr im Bundestag bekommt, sondern<br />
das von Ihren Positionen weiter entferntere schwarz-gelb. Schießen<br />
Sie sich da nicht selbst ins Bein?
</p>
<p>
<b>Christian Kühbauch:</b> Ich mache keinen Wahlkampf<br />
für die PDS. Trotzdem darf man doch diese Partei nicht ignorieren.<br />
Ich habe schon bemerkt, dass das Auftauchen der Linkspartei vor<br />
allem bei der SPD zu einem Nachdenkensprozess geführt hat,<br />
ob der Kurs der vergangenen Jahre so richtig war. Die Dankbarkeit<br />
des Unternehmerlagers hält sich ja ziemlich in Grenzen (von<br />
Pierer).
</p>
<p>
<b>Katja Jösting:</b> Wenn Rot-Grün keine Mehrheit<br />
mehr im Bundestag bekommt, liegt es zuerst an Rot-Grün. Letztendlich<br />
ist es dem Bürger aber egal, ob Rot-Grün oder Schwarz-Gelb<br />
den Kurs der vergangenen Jahre weiterführt. Geht man also strategisch<br />
an das Thema heran, könnte es unter Umständen sogar hilfreich<br />
sein, wenn zwar durch Schwarz-Gelb derselbe Politikansatz verfolgt<br />
wird, auf der linken Seite aber Rot-Rot-Grüne Oppositionspolitik<br />
Spielräume für Veränderungen öffnet.
</p>
<p>
<b>Moderator: </b> Herr Kühbauch, sie sagten gerade, dass aus Ihrer<br />
Sicht ein Nachdenkensprozess ausgelöst wurde. Wie ist das in<br />
ihrer Organisation? Dazu diese Frage: Stichwort Arbeitslose. Die<br />
Gewerkschaften werden wahrgenommen als Bewahrer von Arbeitnehmerinteressen.<br />
Die PDS will auch Arbeitslosen eine neue politische Heimat bieten.<br />
Ist die Linke/PDS ein Ausdruck von einer schlecht gemachten Arbeitnehmervertretung<br />
in den letzten Jahren, die eben auch Arbeitslose mit hätte<br />
einbeziehen müssen?
</p>
<p>
<b>Christian Kühbauch:</b> Dahinter steckt der Vorwurf,<br />
wir hätten mit unseren Tarifabschlüssen ganz bewusst Arbeitslose<br />
ausgegrenzt. Jeder, der sich mit Tarifpolitik befasst hat, weiß,<br />
dass das wirklich Quatsch ist bei der Vielzahl von tarifpolitischen<br />
Lösungen, die wir für die Integration von Arbeitslosen<br />
inzwischen schon gemacht haben. Übrigens sind alle relevanten<br />
Arbeitslosenorganisationen, die ich kenne, gewerkschaftliche Arbeitslosenorganisationen,<br />
denn es geht ja nicht nur darum, neue Jobs zu finden, ich muss doch<br />
auch sehen, wie ich als Langzeitarbeitsloser mit Anfang 50 mit dieser<br />
Situation umgehen und leben kann. Da haben sich die Gewerkschaften<br />
ganz vehement für die Rechte der Arbeitslosen eingesetzt.
</p>
<p>
<b>Moderator: </b> Wie sehen Sie das, Frau Jösting: Kümmern sich<br />
die Gewerkschaften ausreichend um Arbeitslose, sozial Schwache etc.<br />
– oder ist das auf Grund des Arbeitsauftrags von Gewerkschaften<br />
gar nicht deren Aufgabe?
</p>
<p>
<b>Katja Jösting:</b> Doch, es ist ihre Aufgabe.<br />
Allerdings sollen auch sie sich nicht um Arbeitslose kümmern<br />
zulasten von Arbeitnehmern. Sondern es geht darum, beides im Blickfeld<br />
zu haben. Genauso wie wir auch nicht nur auf die Wählerklientel<br />
der Arbeitslosen schielen, die uns übrigens traditionell eher<br />
in geringerem Ausmaß wählt.
</p>
<p>
<b>Christian Kühbauch:</b> Wir organisieren einige<br />
Hunderttausend Arbeitslose im DGB, die sich auch intern immer wieder<br />
in die Diskussion einbringen. Was wir dabei feststellen, ist, dass<br />
wir im Grunde keine unterschiedlichen Politikansätze für<br />
Arbeitnehmer und Arbeitslose haben. Unsere Politik, Verbesserung<br />
von Bildung und Forschung, des Binnenmarktes etc., soll ja allen<br />
zu Gute kommen. Und vor allem wollen wir nicht, dass dort, wo es<br />
keine Jobs gibt, der Druck auf Arbeitslose verstärkt wird,<br />
nicht vorhandene Jobs anzunehmen.
</p>
<p>
<b>Katja Jösting:</b> Alte Linkspartei-Forderung!
</p>
<p>
<b>Moderator: </b> Nach einer Untersuchung hat ein nicht unerheblicher<br />
Teil von Gewerkschaftlern Tendenzen zu rechtem Gedankengut. Auch<br />
Oskar Lafontaine wurde mit seinen Aussagen zu den „Fremdarbeitern“<br />
unterstellt, er betreibe ein Spiel mit dem Feuer. Fischt die Linke<br />
im Wahlkampf in rechtem, gewerkschaftsnahen und gleichzeitig trübem<br />
Gewässer?
</p>
<p>
<b>Christian Kühbauch:</b> Diese Untersuchung, dass<br />
ein Teil unserer Mitglieder nach rechts tendiert, kenne ich gut.<br />
Das Ergebnis war schlicht und ergreifend, dass ungefähr genauso<br />
viele Gewerkschaftsmitglieder nach rechts tendieren wie der Durchschnitt<br />
auch. Ich bin etwas genervt davon, dass man jetzt mit solchen Ergebnissen<br />
auch noch hausieren geht und sagt: Guckt mal, wir haben auch Nazis.<br />
So geht es doch jeder Großorganisation.
</p>
<p>
<b>Katja Jösting:</b> Die Linke.PDS hat die Wortwahl<br />
von Lafontaine von Beginn an kritisiert. Die Aussage, die dahinter<br />
stand, war aber richtig. Als Beispiel: Es ist falsch, wenn ein polnischer<br />
Arbeitnehmer angestellt wird, weil er billiger arbeitet. Es ist<br />
absolut richtig, wenn er genau so gut arbeitet. Es ging Oskar Lafontaine<br />
und der Linkspartei um die Aussage: Mindestlohn für jeden,<br />
der hier arbeitet (das heißt nicht nur für jeden Deutschen).<br />
Darüber hinaus muss man aber auch als Partei die Frage stellen<br />
dürfen, ob man die Menschen, die beispielsweise in Sachsen<br />
in irrsinnig hoher Anzahl NPD gewählt haben dauerhaft dem rechten<br />
Lager zuschreibt. Und ob hinter jedem dieser Prozentpunkte tatsächlich<br />
ideologisch gefestigte rechtsradikale Nationalisten oder ähnliche<br />
stehen, oder ob nicht Menschen ohne gesicherte Lebensperspektive<br />
auf das (falsche) Mittel der rechten Protestwahl zurück greifen.
</p>
<p>
<b>Moderator: </b> Aha, die Aussage war richtig? Herr<br />
Kühbauch, wie sehen Sie das? Wenn die CDU früher am rechten<br />
Rand gefischt hat, waren es auch die Gewerkschaften, die vor einer<br />
solchen Vorgehensweise warnten.
</p>
<p>
<b>Christian Kühbauch:</b> Die Rechten versuchen<br />
ja immer, zwischen nationalen und sozialen Themen einen Zusammenhang<br />
herzustellen. Und die CDU hat leider in einigen Wahlen (so wie Koch<br />
in Hessen) eiskalt die Chance genutzt und auch mit dem Feuer gespielt.<br />
Wir könnten als Gewerkschaften sehr leicht z. B. im Bausektor<br />
mit rechten Parolen Mitglieder gewinnen. Aber wir machen genau das<br />
Gegenteil, denn wir haben die Verpflichtung, die Kollegen vor Ort<br />
aufzuklären, dass es denn den scheinbaren Konkurrenten in Polen<br />
oder in der Slowakei genauso geht und dass auch er eine starke Gewerkschaft<br />
braucht. Wir versuchen das auch gemeinsam mit unseren Partnern im<br />
Ausland. Den Dänen ergeht es ähnlich, auch in Ländern<br />
wie Polen und Tschechien wird bereits gedroht, Produktion weiter<br />
zu verlagern nach Asien oder in billigere osteuropäische Länder.
</p>
<p>
<b>Moderator: </b> Glauben sie ernsthaft, dass sie in einer globalisierten<br />
Welt wirklich den deutschen Sozialstaat retten können, oder<br />
müsste man nicht vielmehr über Alternativen jenseits des<br />
Kapitalismus nachdenken?
</p>
<p>
<b>Katja Jösting:</b> Da hat er völlig Recht.<br />
Deswegen heißen wir auch (PDS), Partei des demokratischen<br />
SOZIALISMUS<b>.</b>
</p>
<p>
<b>Christian Kühbauch:</b> Wir haben in den skandinavischen<br />
Ländern funktionierende Systeme mit kapitalistischen und sozialen<br />
(sozialistischen?) Systemen. Ich bin ein Befürworter der Systeme<br />
in derartigen Ländern, blauäugig bin ich nicht , was den<br />
Erhalt deutscher Standards angeht, das ist klar. Aber alle Regierungen<br />
der mächtigsten Staaten (G8) haben viel zu wenig getan, um<br />
mit internationalen Abkommen Kernarbeitsnormen, bestimmten Grundstandards<br />
für Arbeitnehmer die Sozialsysteme ihrer Länder zu stärken.<br />
Das muss man in Zukunft massiv von jeder Bundesregierung einfordern,<br />
dass sie auf internationale Vereinbarungen drängt, sich auch<br />
Partner sucht und ihr Gewicht in die Waagschale wirft.
</p>
<p>
<b>Moderator: </b> Wir kommen bereits zur letzten Frage, denn die Stunde<br />
ist schon fast wieder um: Wie können eigentlich Gewerkschaftsmitglieder<br />
mit einer Partei zusammenarbeiten, deren Vorgängerorganisation<br />
einen Staat dominierten, die freie Gewerkschaften nicht zugelassen<br />
hatte? Und an Herr Kühbauch: Verbietet eine solche Historie<br />
nicht einen Schulterschluss?
</p>
<p>
<b>Christian Kühbauch:</b> Hier würde mich<br />
eine Stellungnahme/Distanzierung der Jungen PDS interessieren.
</p>
<p>
<b>Katja Jösting:</b> 15 Jahre nach der Einheit<br />
die SED/Stasi-Keule immer wieder herauszuholen ist mir auch als<br />
junger Mensch zu plump. Die PDS hat sich, was oft kritisiert wurde,<br />
1990 nicht neu gegründet, sondern ist direkt aus der SED hervorgegangen.<br />
Eben deshalb war sie gezwungen, sich mit der Geschichte der Vorgängerpartei<br />
auseinander zu setzen, lehnt seit 1990 den diktatorischen Staatssozialismus<br />
ab, und hat sich beim Volk der DDR für das im Namen der SED<br />
begangene Unrecht entschuldigt. Auch wenn das keine praktische Hilfe<br />
für die Opfer von Stasi und SED-Diktatur ist, sollte man wenigstens<br />
anerkennen, dass keine andere Partei in diesem Land sich derartig<br />
intensiv mit seiner Geschichte auseinander setzen musste. Vielleicht<br />
kann man nach 15 Jahren auch uns zubilligen, aus Geschichte gelernt<br />
zu haben.
</p>
<p>
<b>Christian Kühbauch:</b> Wenn es noch Menschen<br />
mit autoritären Politikansätzen in der Linkspartei gibt,<br />
werden das nicht unsere Ansprechpartner sein.
</p>
<p>
<b>Moderator: </b> Das waren 60 Minuten Live-Chatduell der Bundeszentrale<br />
für politische Bildung! Vielen Dank für Ihr Interesse.<br />
Herzlichen Dank an Frau Jösting und Herrn Kühbauch, dass<br />
Sie sich kurz vor Wahlkampfende die Zeit genommen haben. Es sind<br />
doch wieder einige Fragen übrig geblieben. Wir haben versucht,<br />
mit der Duell-Chatserie Schlaglichter auf die unterschiedlichen<br />
Positionen innerhalb des Wahlkampfes zu werfen. Wenn Sie noch unentschieden<br />
sind, was sie wählen wollen, empfehlen wir den Wahl-O-Mat der<br />
Bundeszentrale für politische Bildung und das ausführliche<br />
redaktionelle Angebot unter www.bpb.de. Wir hoffen, die Chats haben<br />
Ihnen ebensoviel Spaß gemacht wie uns! Happy voting!
</p>
<p>
<b>Christian Kühbauch:</b> Danke sehr.
</p>
<p>
<b>Katja Jösting:</b> Danke, geht wählen (selbst<br />
wenn ihr nicht uns wählt)!
</p>
<p>
<b>Christian Kühbauch:</b> Geht wählen! Sorgt<br />
dafür, dass die Rechten keine Chance bekommen.</p>
]]></content:encoded>
					
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		<item>
		<title>&#8220;Glücklicherweise besteht der Mensch aus Ratio und Emotion&#8221;</title>
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		<dc:creator><![CDATA[hworch]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 25 Aug 2005 23:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Chattranscripte]]></category>
		<category><![CDATA[Bundestagswahl]]></category>
		<category><![CDATA[Wahlkampf]]></category>
		<category><![CDATA[Bundespolitik]]></category>
		<category><![CDATA[CDU]]></category>
		<category><![CDATA[Jörg Schönbohm]]></category>
		<category><![CDATA[Linkspartei.PDS]]></category>
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					<description><![CDATA[<p class="normal">
<b><b>Jörg Schönbohm, Innenminister 
des Landes Brandenburg, war am 26. August zu Gast im tacheles.02 
Live-Chat von tageschau.de und politik-digital.de. Diskutiert wurde 
u.a. über die Emotionalisierung des Wahlkampfs, die Auseinandersetzung 
mit der Linkspartei und die EU-Beitrittsverhandlungen mit der Türkei</b></b>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p class="normal">
<b><b>Jörg Schönbohm, Innenminister<br />
des Landes Brandenburg, war am 26. August zu Gast im tacheles.02<br />
Live-Chat von tageschau.de und politik-digital.de. Diskutiert wurde<br />
u.a. über die Emotionalisierung des Wahlkampfs, die Auseinandersetzung<br />
mit der Linkspartei und die EU-Beitrittsverhandlungen mit der Türkei</b></b><!--break-->
</p>
<p class="normal">
<b>Moderator:</b> Liebe Politik-Interessierte,<br />
willkommen im tacheles.02-Chat. Die Chat-Reihe tacheles.02 ist ein<br />
Format von tagesschau.de und politik-digital.de und wird unterstützt<br />
von tagesspiegel.de. Zum Chat ist heute der Innenminister Brandenburgs,<br />
Jörg Schönbohm ins ARD-Hauptstadtstudio gekommen. Herr<br />
Schönbohm, können wir beginnen?
</p>
<p>
<b>Jörg Schönbohm: </b>Gerne. Ich freue mich<br />
drauf.
</p>
<p>
<b>Juventus:</b> Herr Schönbohm, glauben Sie, dass<br />
Ihre Äußerungen zu den mangelnden Werten, einer Wertedebatte<br />
in Deutschland, die ich durchaus für notwendig halte, nicht<br />
abträglich sind?</p>
<p><b>Jörg Schönbohm:</b> Ich habe mit meinen Äußerungen,<br />
die sich in Brandenburg auf das Wegsehen bei schwersten Straftaten<br />
und einer möglichen Erklärung hierzu eine breite Diskussion<br />
losgetreten. Ich habe dabei festgestellt, dass ich Menschen beleidigt<br />
habe und Menschen sich ihrer Lebensleistung beraubt fühlen.<br />
Dies war nicht meine Absicht und deswegen habe ich mich dafür<br />
entschuldigt. Ich denke, dass wir die Diskussion nach den Wahlen<br />
in einer sachlichen Diskussion weiterführen, weil es noch offene<br />
Fragen gibt. Ich hoffe, dass es trotz allen Ärgers gelingt,<br />
die Debatte in einem sachlichen Fahrwasser zu führen.
</p>
<p>
<b>Gottfried:</b> Rechnen Sie sich noch Chancen aus,<br />
bundespolitisch aktiv werden zu können, auch nachdem Frau Merkel<br />
Günther Beckstein für &quot;Inneres&quot; in ihr Kompetenzteam<br />
berufen hat?
</p>
<p>
<b>Jörg Schönbohm:</b> Die Wählerinnen<br />
und Wähler müssen erst mal entscheiden, dass wir eine<br />
CDU/CSU und FDP Regierung bekommen. Ich setze mich dafür ein,<br />
dass dies gelingt und mache Wahlkampf in ganz Deutschland und in<br />
Brandenburg. Günther Beckstein ist ein erfahrener Landesminister<br />
und ich hoffe, dass er Bundesinnenminister wird. Das wäre gut<br />
für Deutschland.
</p>
<p>
<b>HansaII:</b> Herr Schönbohm, was sagen Sie zu<br />
Stoibers Aussagen zum ostdeutschen Wahlverhalten?
</p>
<p>
<b>Jörg Schönbohm:</b> Stoiber hat sich mit<br />
seiner Aussage auf Oskar Lafontaine und Gregor Gysi bezogen, und<br />
da muss man sich noch mal in Erinnerung rufen: Oskar Lafontaine<br />
hat nach dem Fall der Mauer 1989 gesagt, dass die Ostdeutschen nicht<br />
in das westdeutsche Sozialsystem dürften. Er war dezidiert<br />
gegen die deutsche Einheit und hatte sich schon im März 1990<br />
mit Gregor Gysi dazu gemeinsam geäußert. Es ist schwer<br />
erklärbar und akzeptabel, dass diese beiden Hasardeure jetzt<br />
den Deutschen erklären wollen, wie die Einheit wirklich geht.<br />
Darauf zielten Stoibers Aussagen und da hat er Recht.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Wie stark sehen Sie denn die Linkspartei<br />
am 18. September?</p>
<p><b>Jörg Schönbohm:</b> Es ist noch zu schwer<br />
vorherzusagen. Die hat ja schon abgenommen von Bundesebene von 11<br />
auf 9 Prozent. In den neuen Bundesländern sind CDU und Linkspartei<br />
in den Umfragen zur Zeit gleichauf. Wir haben noch drei Wochen Zeit,<br />
unsere Mitbürger davon zu überzeugen, dass die Wahl der<br />
Linkspartei Protest aber keine Lösung bedeutet. Wir wollen<br />
die Zukunft gestalten und gewinnen, und die Linkspartei möchte<br />
die Vergangenheit verwalten. Darum denke ich, wird die Linkspartei<br />
im weiteren Verlauf des Wahlkampfes weiter abnehmen.
</p>
<p>
<b>auslandsdeutscher:</b> Was halten Sie denn am &quot;Gefährlichsten&quot;<br />
an der Linkspartei?
</p>
<p>
<b>Jörg Schönbohm:</b> Das Gefährliche<br />
an der Linkspartei ist, dass sie die schwierige Altlast aus der<br />
DDR verschweigt, die gemeinsam erzielte Aufbauleistung klein redet<br />
und den Menschen den Mut nimmt, sich für ihre eigene Zukunft<br />
stärker einzusetzen. Die Linkspartei verspricht ein Wahlprogramm,<br />
dessen Finanzierung vollkommen unklar ist und sie folgt einem Schuldenmodell,<br />
das die DDR zum Ende gebracht hat.
</p>
<p>
<b>Politicus: </b>Wie kann man vor allem in Ostdeutschland<br />
den Menschen vermitteln, dass die Linkspartei keine wirklichen politischen<br />
Lösungen hat?
</p>
<p>
<b>Jörg Schönbohm:</b> Hierzu bedarf es eines<br />
andauernden und geduldigen Zuhörens bei den Menschen. Wir dürfen<br />
nicht vergessen, dass unsere Mitbürger in den letzten Jahren<br />
viele Veränderungen mitgemacht haben und wir dennoch ein hohes<br />
Maß an Arbeitslosigkeit zwischen 18 und 20 Prozent haben.<br />
Daraus ergeben sich Enttäuschungen, die die Linkspartei nutzt<br />
zur Emotionalisierung und zu Versprechungen, die nicht einlösbar<br />
sind. Darum müssen wir gegenüber den Mitbürgern die<br />
Schwierigkeit unserer Lage klar beschreiben und eine Perspektive<br />
zur Lösung der Probleme entwickeln und dabei klar machen, dass<br />
es noch Jahre dauert, bis wie das geschafft haben. Das ist ehrlicher,<br />
weil das Klarheit schafft.
</p>
<p>
<b>koellefornia:</b> In Deutschland ist es oft problematisch,<br />
unangenehme politische bzw. gesellschaftliche Wahrheiten bzw. Missstände<br />
deutlich zu formulieren und anzuprangern. Was meinen sie, woher<br />
das kommen kann?</p>
<p><b>Jörg Schönbohm:</b> Wir haben in der Tat<br />
in Deutschland eine Tendenz, bestimmte Bereiche zu Tabubereichen<br />
zu erklären. Aber die Wirklichkeit ist immer stärker als<br />
es die Tabuisierer sind. Das haben wir festgestellt bei dem Thema<br />
Integration und Zuwanderung. Das neue Zuwanderungsgesetz ist erst<br />
zustande gekommen, nachdem ich das rot-grüne &quot;Traumgesetz&quot;<br />
im Bundesrat verhindert habe. Jetzt haben wir ein Gesetz, das die<br />
Zuwanderung begrenzt, deutsche Interessen definiert und Integration<br />
fördert. Ich wünschte mir generell, dass wir in unserer<br />
Demokratie erkennen, dass es grundsätzlich möglich ist,<br />
über Unterschiede kontrovers zu diskutieren und dabei auch<br />
unangenehme Dinge anzusprechen. Wenn die politischen Parteien einen<br />
Teil der Wirklichkeit aus ihrer Politik ausblenden würden,<br />
stützte dies die Entwicklung von extremistischen Parteien.<br />
Und das kann nicht unser Interesse sein.
</p>
<p>
<b>mok:</b> Wie wollen Sie in Zukunft gegen den Rechtsextremismus<br />
in den neuen Ländern vorgehen?
</p>
<p>
<b>Jörg Schönbohm:</b> In Brandenburg habe<br />
ich mit den Mitteln der Polizei einen sehr starken Verfolgungsdruck<br />
aufgebaut. Wir haben besonders spezialisierte Polizeikräfte,<br />
die die Rechtsextremen persönlich kennen, sie gezielt ansprechen<br />
und auch Kontakt aufnehmen mit den Angehörigen und Arbeitgebern.<br />
Wir haben bei rechtsextremistischen Straftaten eine sehr hohe Aufklärungsquote.<br />
Die Polizei ist aber am Ende einer Fehlentwicklung und daher müssen<br />
wir an den Anfang dieser Fehlentwicklung kommen. Hierzu muss in<br />
den Schulen das Grundlagenwissen verbreitert werden, die Elternhäuser<br />
müssen ihre besondere Verantwortung erkennen. Die Arbeitgeber<br />
und gesellschaftliche Organisationen wie die Freiwillige Feuerwehr<br />
müssen bei Fehlentwicklungen auf die betroffenen Personen zugehen.
</p>
<p>
<b>kreta:</b> Herr Schönbohm, wie sehen Sie Ihre<br />
parteipolitische Zukunft?
</p>
<p>
<b>Jörg Schönbohm:</b> Ich bin Landesfürst<br />
in der CDU, gewählt bis 2007, Mitglied des CDU-Präsidium,<br />
gewählt bis 2006 . Bis zu diesen Zeitpunkten werde ich mich<br />
entscheiden, wie lange ich in der Partei noch aktiv tätig bin<br />
&#8211; für Brandenburg habe ich angekündigt, dass ich bis 2009<br />
den Landesvorsitz behalten möchte.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Zwei Fragen zusammengefasst:
</p>
<p>
<b>Politicus:</b> Können Sie sich eine Große<br />
Koalition vorstellen, wenn es für &quot;Schwarz-Gelb &quot;<br />
nicht reichen würde?
</p>
<p>
<b>HorstmannStuttgart:</b> Denken Sie, dass eine mögliche<br />
große Koalition im Bund die politischen Ränder auf beiden<br />
Seiten stärken könnte?
</p>
<p>
<b>Jörg Schönbohm:</b> Eine große Koalition<br />
auf Bundesebene ist nach meiner Auffassung unter den jetzigen Bedingungen<br />
falsch. CDU/CSU und FDP haben gemeinsam ein hohes Maß an Übereinstimmung,<br />
um die wichtigen Fragen des Wirtschaftaufschwungs, des Schaffens<br />
von Arbeitsplätzen, des Abbaus der horrenden Staatsverschuldung<br />
und der Sicherung der Sozialsysteme.<br />
Darum kämpfen wir um eine Mehrheit für unsere künftige<br />
Koalition. Sollte es für eine schwarz-gelbe Koalition nicht<br />
reichen, dann hat rot-rot-grün die Mehrheit, und ich bin sicher,<br />
dass &quot;scham-rot-grün&quot; dann die Möglichkeit nutzt,<br />
unter Führung eines SPD-Kanzlers die Politik weiter zu gestalten.<br />
Wenn diese Möglichkeit eintritt, werden die Herren Müntefering<br />
und Schröder der Vergangenheit angehören und andere ehrgeizige<br />
&quot;Jungtürken&quot; werden die Führung übernehmen.<br />
Es besteht immer die Gefahr, dass eine große Koalition die<br />
extremistischen Ränder stärkt, von daher gesehen ist dies<br />
auch ein Grund, der gegen die große Koalition spricht.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> In einem Interview forderte Jörg<br />
Schönbohm jüngst einen &quot;emotionaleren Wahlkampf&quot;<br />
der CDU.
</p>
<p>
<b>PQ: </b>Glauben sie ernsthaft, dass Emotionen im Wahlkampf<br />
DIE Parteien glaubwürdiger erscheinen lassen oder denken Sie<br />
damit Ihre Politik dem Volk besser verkaufen zu können?
</p>
<p>
<b>Jörg Schönbohm:</b> Ich halte die Frage<br />
für sehr weitreichend, ich will nur einige wenige Gedanken<br />
dazu äußern: Wir müssen die Bürger davon überzeugen,<br />
dass die Wahlen für sie wichtig sind und es sich für sie<br />
lohnt, wählen zu gehen. Das können sie nur über wichtige<br />
Themen erreichen, wie z.B. das Bekämpfen der Arbeitslosigkeit,<br />
Fehler der Bundesregierung anhand von Zitaten. Wie geht es weiter<br />
mit den Staatsausgaben, machen wir Schulden zu Lasten unserer Kinder<br />
und Kindeskinder, weil wir nicht sparen können, wollen wir<br />
den Beitritt der Türkei zur EU, mit der Folge, dass sich dann<br />
Freizügigkeit ergibt. Wobei wir wissen müssen, dass Berlin<br />
die größte türkische Stadt außerhalb der Türkei<br />
ist. Im Wahlkampf müssen also die Themen angesprochen werden<br />
,die für die Menschen wichtig sind und sie interessieren. Es<br />
darf aber nicht geschehen, dass unsere Mitbürger radikalisiert<br />
werden und sich ablenken lassen von dem kontroversen Diskurs in<br />
unserer Demokratie.
</p>
<p>
<b>Nachhilfeschüler:</b> &quot;Ehrgeizige Jungtürken<br />
&quot; &#8211; wieder ein schönes Fettnäpfchen, Herr Schönbohm
</p>
<p>
<b>AngMoKio:</b> Jungtürken? Erklären sie sich<br />
bitte.
</p>
<p>
<b>proletarisiert:</b> Wer bitte ist genau mit Jungtürken<br />
gemeint?
</p>
<p>
<b>Jörg Schönbohm:</b> Es ist in der deutschen<br />
Politik der Begriff &quot;Jungtürke&quot; eingeführt wurden,<br />
als die SPD ihre Führung in Nordrhein-Westfalen und auf Bundesebene<br />
ausgetauscht hatte und jüngere die Partei übernommen haben.<br />
Der Begriff selber kommt aus der türkischen Geschichte und<br />
beschreibt die Machtübernahme von Kemal Atatürk und seinen<br />
Mitstreitern im Osmanischen Reich.<br />
Seit dieser Zeit wird der Begriff &quot;Jungtürke&quot; in<br />
diesem Zusammenhang häufig verwandt &#8211; dies ist kein Fettnäpfchen,<br />
sondern ein Sachverhalt.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Zurück zu den Emotionen:
</p>
<p>
<b>AngMo:</b> Finden sie nicht, dass Emotionen von der<br />
Sache ablenken? Emotionale Entscheidungen waren noch nie die Beste.<br />
Wie sehen sie das?
</p>
<p>
<b>Jörg Schönbohm:</b> Glücklicherweise<br />
besteht der Mensch aus Ratio und Emotion. Ich selber kenne Menschen<br />
ohne jede Emotionalität, die man dann als gefühllos bezeichnet.<br />
Und dann gibt es den Gegensatz, dass sind jene Menschen, die aus<br />
ihrer Emotionalität heraus handeln und erst später denken.<br />
Beides ist die Ausnahme. Bei politischen Entscheidungen kommt es<br />
darauf an, dass Rationalität und Emotionalität in einem<br />
gewissen Gleichklang sind. Wenn Menschen emotional berührt<br />
sind, dann werden sie auch zur Wahl gehen und sich entscheiden.
</p>
<p>
<b>eljo:</b> Was meinen Sie bitte mit &quot;Freizügigkeit&quot;<br />
im Falle eines Türkeibeitritts zur EU?
</p>
<p>
<b>Jörg Schönbohm:</b> Innerhalb der EU haben<br />
wir einen Raum des Rechts und der Freiheit und der Sicherheit. Das<br />
bedeutet, dass sich innerhalb der EU alle Bürger frei niederlassen<br />
können.<br />
Wenn die Türkei der EU mit allen Rechten beitreten sollte,<br />
wird sie nach einem Zeitraum, den ich jetzt nicht definieren kann,<br />
die gleichen Rechte haben wie die anderen Mitgliedstaaten auch,<br />
d.h. jeder Bürger aus der Türkei kann sich in der EU frei<br />
niederlassen.
</p>
<p>
<b>jf.berlin:</b> Ich habe eine weitere Frage: Wie wird<br />
die Ausländerpolitik der kommenden Bundesregierung aussehen?<br />
Werden straffällige Ausländer endlich schneller abgeschoben?<br />
Ist der Deutschunterricht endlich Pflicht? Was ist mit der doppelten<br />
Staatsangehörigkeit? Und was wollen Sie tun gegen die Verwahrlosung<br />
der jungen &quot;Ausländer &quot;?
</p>
<p>
<b>Jörg Schönbohm:</b> Der entscheidende Punkt<br />
ist, dass wir zunächst einmal erkennen: In diesem Bereich gibt<br />
es noch erhebliche Probleme. In dem neuen Zuwanderungsgesetz, das<br />
maßgeblich von der CDU gestaltet wurde, können wir die<br />
Zuwanderung begrenzen und die Integrationsleistung verstärken.<br />
Wir müssen jedoch den hier auf Dauer lebenden und noch nicht<br />
integrierten Ausländern mehr Chancen einräumen, sich durch<br />
Angebote und eigene Leistungen stärker zu integrieren. Ein<br />
Beispiel hierzu ist die Entscheidung in Hessen, dass alle Kinder<br />
vor der Einschulung auf ihre deutsche Sprachfähigkeit getestet<br />
werden und sie gegebenenfalls noch Stützkurse bekommen. Wir<br />
müssen erreichen, dass gerade Migrantenkinder durch Sprach-<br />
und Schulkenntnisse eine Chance auf Ausbildung bekommen und so in<br />
Deutschland ein wichtiger Bestandteil der Gesellschaft zu werden.
</p>
<p>
<b>Politikinteressierter:</b> Und sie glauben, dass die<br />
Zuwanderungsquote von Türken im Falle eines EU-Beitrittes drastisch<br />
steigen würde?
</p>
<p>
<b>Jörg Schönbohm:</b> Ja, das liegt in der<br />
Natur der Sache. Wir haben ein hohes Wohlstandgefälle zwischen<br />
der Türkei und Deutschland und es leben 2,4 Mio. türkische<br />
Mitbürger. Es ist klar, dass der Zuwanderungsdruck auf Deutschland<br />
viel größer wäre als bei anderen EU-Ländern.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Frau Merkel macht erneut gegen die<br />
Türkei mobil, melden Agenturen. Sie wirbt in einem Brief an<br />
konservative Regierungschefs in Europa um ihr Modell einer &quot;privilegierten<br />
Partnerschaft&quot;. Der richtige Weg im Wahlkampf?
</p>
<p>
<b>Jörg Schönbohm:</b> Hier geht es nicht um<br />
Wahlkampf, sondern hier geht es um die zukünftige Entwicklung<br />
unserer Gesellschaft. Ich selbst bin einer großer Freund der<br />
Türkei und habe mit den türkischen Streitkräften<br />
als Soldat sehr eng zusammen gearbeitet. Ich habe mit der Türkei<br />
als Staatssekretär im Verteidigungsministerium viele gemeinsame<br />
Vorhaben voran gebracht und den Türken dabei geholfen als die<br />
Herren Struck, Scharping und andere strikt dagegen waren. Wir wollen<br />
diese Freundschaft mit der Türkei untermauern durch die besondere<br />
Beziehung von Deutschland und der Türkei. Wir glauben aber,<br />
dass die Lasten und Gefährdungen aus einem Türkeibeitritt<br />
die EU in ihrer Weiterentwicklung stark beeinträchtigen können.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Kommen wir zu einem Spezialgebiet Schönbohms,<br />
der Bundeswehr:
</p>
<p>
<b>R.Walter:</b> Wie beurteilen Sie als Ex-Generalstabsoffizier<br />
die Pläne von CDU/CSU, die Bundeswehr auch im Inland einzusetzen?<br />
Mir stellen sich hierbei ernorme verfassungsrechtliche Probleme<br />
und vor dem Hintergrund der jüngeren deutschen Geschichte in<br />
der Nazizeit und der DDR!
</p>
<p>
<b>Jörg Schönbohm:</b> Ihre Fragestellung ist<br />
berechtigt und wir müssen in Hinblick auf die Gefährdung<br />
darauf eingehen. Nach dem Anschlag vom 11. September 2001 in Amerika<br />
ist eine neue terroristische Gefährdung sichtbar geworden,<br />
deren Auswirkung auf die Sicherheit der Bürger noch gar nicht<br />
im Einzelnen abgeschätzt werden kann. Die Anschläge von<br />
Madrid und London haben gezeigt, dass dieser Terror auch auf Europa<br />
zielt. Darum bin ich dafür, dass alle Fähigkeiten des<br />
Staates genutzt werden, einen solchen Angriff zu verhindern oder<br />
die Schadensfolgen für die Bürger zu minimieren. Hier<br />
kann die Bundeswehr für den Schutz unseres Staatsgebietes gegen<br />
terroristische Organisationen, die völkerrechtlich kein Subjekt<br />
sind erhebliche Abwehrwirkungen erzielen, wie gegen Bedrohungen<br />
aus der Luft und von der See. Hierzu müssen die gesetzlichen<br />
Grundlagen verändert werden. Des weiteren muss im Fall eines<br />
erfolgten terroristischen Angriffs oder zur Vermeidung eines solchen<br />
die Bundeswehr eingesetzt werden können, wie z.B. beim Objektschutz,<br />
zur ABC-Abwehr oder zur sanitätsdienstlichen Unterstützung<br />
Hierfür sollten rechtlich einwandfreie Voraussetzungen geschaffen<br />
werden und dann können wir etwas erreichen was in unser aller<br />
Interesse sein sollte. Staatsbürger in Uniform helfen Staatsbürgern,<br />
die in Not sind. Dies ist keine Militarisierung der Gesellschaft,<br />
sondern ein Nutzen aller Möglichkeiten der staatlichen Mittel<br />
zum Schutz der Bürger.
</p>
<p>
<b>htronsberg:</b> Wie stehen Sie zu dem Wehrdienst?<br />
Ist das Ihrer Meinung nach noch zeitgemäß?
</p>
<p>
<b>nOsKiLl:</b> Wie stehen sie zur Abschaffung der Wehrpflicht<br />
bzw. der geplanten Abschaffung der Wehrpflicht?
</p>
<p>
<b>Jörg Schönbohm:</b> Ich bin ein überzeugter<br />
Anhänger der Wehrpflicht und glaube, dass diese gut begründet<br />
ist, solange die Bundeswehr nicht ausschließlich für<br />
Interventionszwecke eingesetzt wird. Die Wehrpflicht gründet<br />
sich aus dem Gedanken des Heimatschutzes &#8211; und in diesem Bereich<br />
hat die Bundeswehr heute und künftig weiter Aufgaben. Deutschland<br />
kann sich auch dadurch verteidigen, dass Krisen außerhalb<br />
Deutschlands bekämpft werden. Aber wenn die Krisen nach Deutschland<br />
kommen und wir erhebliche Schwierigkeiten haben, dann wird die Bundeswehr<br />
hier gebraucht.
</p>
<p>
<b>R.Walter:</b> Thema Wehrgerechtigkeit und zunehmende<br />
Spezialisierung der Aufgaben der BW: Welche Rolle spielt der Wehrdienstleistende<br />
in der zukünftigen BW?
</p>
<p>
<b>Jörg Schönbohm: </b>Die Frage der Wehrgerechtigkeit<br />
wird sich in wenigen Jahren durch die abnehmende Geburtenzahl nicht<br />
mehr stellen. Unsere Wehrpflichtigen kommen zum Teil mit beruflichen<br />
Kenntnissen zur Bundeswehr, die sie dort in allen Bereichen vorzüglich<br />
einsetzen können. Sie werden zunächst in einer allgemeinen<br />
Grundausbildung den Umgang mit Waffen lernen, um dann in der Lage<br />
zu sein, Sicherungsaufgaben oder vergleichbare Aufgaben zu übernehmen.<br />
Sie können auch als Helfer im Sanitätsdienst, bei der<br />
ABC-Abwehr oder im technischen Dienst eingesetzt werden.
</p>
<p>
<b>Maik77:</b> Sind Wehrpflichtige demnach auch in der<br />
sog. Terrorbekämpfung einzusetzen?
</p>
<p>
<b>Jörg Schönbohm:</b> Nein, es gibt eine klare<br />
Entscheidung des Verteidigungsministers, die ich entschieden unterstütze:<br />
Wehrpflichtige Soldaten sind nicht zu Auslandseinsätzen heranzuziehen,<br />
es sei denn, sie melden sich hierzu freiwillig. Die Soldaten können<br />
jedoch in der BRD beim Katastrophenschutz oder zur Hilfe bei Bürgern<br />
in den verschiedenen Bereichen eingesetzt werden.
</p>
<p>
<b>Nachhilfeschüler:</b> Herr Schönbohm, könnten<br />
Sie sich als Bundesverteidigungsminister vorstellen?
</p>
<p>
<b>Jörg Schönbohm:</b> Ich habe eine reichhaltige<br />
Fantasie und kann mir vieles vorstellen. Aber jetzt wollen wir erst<br />
mal die Wahlen gewinnen und Angela Merkel zur Bundeskanzlerin wählen.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Eine letzte Frage, die Zeit ist gleich<br />
um:
</p>
<p>
<b>reinform:</b> Herr Schönbohm. Viele Wähler<br />
misstrauen den Aussagen der Politiker. Können Sie dieses Misstrauen<br />
nachvollziehen? Was ändert sich aus Ihrer Sicht in den Köpfen<br />
der Politiker, um den Konsequenzen dieses Vertrauensverlustes entgegenzuwirken?
</p>
<p>
<b>Jörg Schönbohm:</b> Es gibt viel enttäuschtes<br />
Vertrauen, weil nach der Wahl anderes gesagt wird. als vorher angekündigt.<br />
Dies war vor der Wahl 2002 besonders stark ausgeprägt, als<br />
der Abbau der Arbeitslosigkeit definitiv versprochen wurde und der<br />
Sicherheit der Sozialsysteme garantiert wurde.<br />
Nach der Wahl hat sich alles geändert und dann stieg die Staatsverschuldung<br />
sehr viel höher und die Agenda 2010 kam auf die Tagesordnung.<br />
Darum haben wir von der Union vor der Wahl gesagt, dass wir die<br />
Mehrwertsteuer anheben um die Lohnnebenkosten zu senken und uns<br />
festgelegt, wie wir die Steuerreform voranbringen und die Familien<br />
unterstützen. Wir haben auch eine unangenehme Wahrheit in das<br />
Wahlprogramm aufgenommen, weil wir um die Gefahr des Vertrauensverlustes<br />
wissen. Wenn sie unser Programm mit dem sog. Wahlmanifest der SPD<br />
vergleichen, können sie den Unterschied feststellen. Bei der<br />
SPD finden sie Versprechungen aber keine Hinweise, wie diese umgesetzt<br />
werden können. Bei uns finden sie Vorschläge, wie wir<br />
die Probleme meistern, aber keine Versprechen.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Unsere Zeit ist bereits um. Vielen<br />
Dank an alle User für das große Interesse. Etliche Fragen<br />
sind leider unbeantwortet geblieben. Vielen Dank, Herr Schönbohm,<br />
dass Sie sich Zeit für den Chat genommen haben. Das Transkript<br />
dieses Chats finden Sie auf den Seiten der Veranstalter. Den nächsten<br />
Chat gibt es am Montag, 29. August um 13 Uhr mit Berlins Regierendem<br />
Bürgermeister Klaus Wowereit.
</p>
<p>
<b>Jörg Schönbohm:</b> Ich bedanke mich für<br />
die zahlreichen, vielfältigen Fragen. Das war ein fairer und<br />
guter Chat &#8211; und ob rational oder emotional: Gehen sie zur Wahl.</p>
]]></content:encoded>
					
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			</item>
		<item>
		<title>&#8220;Ich hoffe, dass wir sehr viel stärker als bisher im Bundestag vertreten sein werden&#8221;</title>
		<link>https://www.politik-digital.de/chattranscripte/ich-hoffe-dass-wir-sehr-viel-staerker-als-bisher-im-bundestag-vertreten-sein-werden-191/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[uheimann]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 27 Jul 2005 23:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Chattranscripte]]></category>
		<category><![CDATA[Gregor Gysi]]></category>
		<category><![CDATA[WASG]]></category>
		<category><![CDATA[Linkspartei.PDS]]></category>
		<category><![CDATA[Bundestagswahl]]></category>
		<category><![CDATA[Wahlkampf]]></category>
		<category><![CDATA[Bundespolitik]]></category>
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					<description><![CDATA[<p class="normal">
<b><b>Der PDS-Spitzenkandidat Gregor Gysi 
stand am 28. Juli 05 im tacheles.02 Live-Chat Rede und Antwort rund 
um die Bundestagswahl und die Kooperation mit der WASG.</b></b>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p class="normal">
<b><b>Der PDS-Spitzenkandidat Gregor Gysi<br />
stand am 28. Juli 05 im tacheles.02 Live-Chat Rede und Antwort rund<br />
um die Bundestagswahl und die Kooperation mit der WASG.</b></b><!--break-->
</p>
<p class="normal">
<b><b>Moderator:</b></b> Liebe<br />
Politik-Interessierte, willkommen im tacheles.02-Chat. Die Chat-Reihe<br />
tacheles.02 ist ein Format von tagesschau.de und politik-digital.de<br />
und wird unterstützt von tagesspiegel.de. Zum Chat ist heute<br />
der designierte Spitzenkandidat der Linkspartei/ PDS, Gregor Gysi<br />
ins ARD-Hauptstadtstudio gekommen. Herr Gysi, können wir loslegen<br />
mit dem 60-Minuten-Chat mit unseren Usern?
</p>
<p>
<b>Gregor Gysi:</b> Ja.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Herr Gysi, in Umfragen werden dem Linksbündnis<br />
derzeit gute Ergebnisse vorausgesagt. Wie viele ihrer potenziellen<br />
Wähler, glauben Sie, können sich mit dem Konzept „demokratischer<br />
Sozialismus“ identifizieren?
</p>
<p>
<b>Gregor Gysi:</b> Das weiß ich nicht, aber ich<br />
glaube, dass die meisten unserer Wähler die derzeitige Gesellschaft<br />
nicht als gerecht empfinden und insofern hoffen, dass Geschichte<br />
weitergeht.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Ist Ihnen hier Zuspruch von rechts<br />
recht?
</p>
<p>
<b>Gregor Gysi:</b> Nein. Wir kriegen auch keinen Zuspruch<br />
von rechts. Sie bekämpfen uns, aus ihrer Sicht zu Recht. Aber<br />
ich hoffe, dass wir immer &#8211; nicht nur im Wahlkampf &#8211; Leute, die<br />
mal rechts gewählt haben, überzeugen können, dass<br />
das der völlig falsche Weg ist. Wenn sie uns dann wählen,<br />
sind sie nicht mehr rechts. Das ist der Erfolg.
</p>
<p>
<b>H . Schneider:</b> Ich hatte gehofft endlich kommt<br />
etwas Gutes und Ehrliches. Dann kam der Hammer &#8211; so ein dummes Wahlprogramm<br />
(?) von ihnen das habe ich nicht verstanden. Warum lügen Sie?<br />
Das haben sie doch nicht nötig bei den Gegnern. Traurig.
</p>
<p>
<b>Gregor Gysi:</b> Ich weiß nicht, ob sie es wirklich<br />
gelesen haben. Wir sind die einzigen, die mehr soziale Gerechtigkeit<br />
wollen und gleichzeitig Reformen und Steuern vorschlagen, mit denen<br />
man sie auch finanzieren kann. Unser Programm ist auch wirtschaftsfreundlich,<br />
denn ohne Kaufkraftsteigerung haben die kleineren und mittleren<br />
Unternehmen in Deutschland immer schlechtere Karten auf dem Binnenmarkt.
</p>
<p>
<b>weitblick: </b>Herr Gysi, was macht Ihre Gesundheit?<br />
Sie sahen vor einigen Tagen sehr angeschlagen aus. Können Sie<br />
ein Mandat für 4 Jahre ausüben?
</p>
<p>
<b>Gregor Gysi:</b> Na das will ich doch hoffen. Nach<br />
meinem ersten Infarkt hat mein Arzt gesagt, dass mir ein schwieriges<br />
Jahr bevorsteht. Vielleicht auch mit einem vorzeitigen Ende. Wenn<br />
ich das Jahr aber überstehe, kann ich hinterher 20 Jahre beschwerdefrei<br />
sein. Ich habe mich für diese zweiter Variante entschieden.<br />
Seit Februar 2005 ist das Jahr um und es geht mir gut, wobei ich<br />
natürlich einige Lebensumstände auch geändert habe.
</p>
<p>
<b>Z_P1a/8Xy:</b> Herr Gysi, wie wird Ihr Zweckbündnis<br />
denn nun heißen? Ich bin durchaus verwirrt.
</p>
<p>
<b>Gregor Gysi:</b> Letzteres tut mir leid. Meine Partei<br />
trägt den Namen &quot;Die Linkspartei&quot;. Die beschlossene<br />
Kurzfassung heißt: &quot;Die Linke&quot;. Die Landesverbände<br />
dürfen als Zusatz &quot;PDS&quot; hinzufügen, was einige<br />
tun und andere nicht. Aber: wenn es nach den Wahlen zu einer Vereinigung<br />
mit der WASG kommt, dann muss natürlich noch einmal über<br />
den Namen entschieden werden. Wir werden also sehen.
</p>
<p>
<b>a_posteriori:</b> Hallo Herr Gysi. Wie bewerten Sie<br />
die kürzlich aufgetretenen Fragen seitens des Bundeswahlleiters?<br />
Was wäre ggf. rechtlich zu unternehmen, falls die neue Linkspartei<br />
nicht bundesweit antreten darf?
</p>
<p>
<b>Gregor Gysi:</b> Die Landeswahlausschüsse beschließen<br />
&#8211; ich glaube am 17. August &#8211; ob sie die eingereichten Listen zur<br />
Wahl zulassen oder nicht. Sollte wider Erwarten in irgendeinem Bundesland<br />
die Liste von uns nicht zugelassen werden, gehen wir in Beschwerde<br />
zum Bundeswahlausschuss und ggf. auch zum Gericht. Ich glaube aber<br />
nicht, dass das passieren wird. Wir haben das Recht strikt beachtet.
</p>
<p>
<b>Moritz M:</b> Dr. Gysi, sind Sie und Ihre Partei bereit<br />
Regierungsverantwortung auch auf Bundesebene zu übernehmen?<br />
Unter welchen Bedingungen würden Sie einer Regierungskoalition<br />
zustimmen, z.B. mit der SPD?
</p>
<p>
<b>Gregor Gysi:</b> Im Prinzip sind wir dazu bereit,<br />
aber 2005 gibt es dazu keine reale Möglichkeit. Die Union,<br />
SPD, Grüne und FDP sind neoliberal ausgerichtet. Wir verstehen<br />
uns als Alternative dazu. Wir glauben nicht, dass man durch eine<br />
Schlechterstellung von Alten, Kranken und Arbeitslosen und eine<br />
Besserstellung von Vermögenden und Bestverdienenden eine Gesellschaft<br />
sanieren kann und zu gerechten Lösungen kommt. Die anderen<br />
Parteien sehen das leider so, also können wir mit ihnen nicht<br />
koalieren, aber für andere gesellschaftspolitische Debatten<br />
in Deutschland sorgen. Wenn die SPD zu ihren Traditionen in den<br />
nächsten Jahren wieder zurück finden sollte, kann ich<br />
mir für eine neue Richtung der Politik eine Zusammenarbeit<br />
bis zu einer Koalition vorstellen, also vielleicht 2009.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Können sie sich diese Zurückhaltung<br />
in Bezug auf Koalitionen erlauben, wenn sie im Osten stärkste<br />
Partei würden?
</p>
<p>
<b>Gregor Gysi:</b> Ja, weil es derzeit keine Partei<br />
gibt, die in Ansätzen bereit wäre, unsere politische Richtung<br />
zu teilen, gerade auch nicht für den Osten.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Also verfahren sie nach dem Motto ganz<br />
oder gar nicht &#8211; braucht nicht die Demokratie Kompromisse?
</p>
<p>
<b>Gregor Gysi:</b> Selbstverständlich braucht sie<br />
die. Und wir beweisen unsere Kompromissfähigkeit in Berlin<br />
und in Mecklenburg-Vorpommern. Aber es muss um Kompromisse gehen,<br />
bei dem 2 oder 3 Partner in die gleiche Richtung wollen. Und genau<br />
das ist derzeit nicht gegeben.
</p>
<p>
<b>BarzelBart:</b> Lieber Gregor Gysi! Gibt es konkrete<br />
Pläne für eine Oppositionsarbeit nach den Bundestagswahlen?<br />
Was will die PDS im Bundestag bewegen und wie?
</p>
<p>
<b>Gregor Gysi:</b> Ich hoffe, dass wir sehr viel stärker<br />
als bisher im Bundestag vertreten sein werden und dadurch auch ganz<br />
andere Möglichkeiten haben. Von unserer Stärke hängt<br />
z.B. ab, ob, welche und wie viel Ausschussvorsitze wir bekommen,<br />
wie lange unsere Redezeiten sind etc. Wir werden uns auf Schwerpunkte<br />
konzentrieren, d.h. auf eine aktive Friedenspolitik. Wir wollen<br />
z.B. dass unsere Soldaten aus Afghanistan zurückkommen. Wir<br />
werden uns in der Wirtschafts-, Steuer-, Sozial- und Arbeitsmarktpolitik<br />
engagieren und natürlich immer wieder für eine gerechte<br />
Vereinigung zwischen Ost und West. Je stärker wir werden, desto<br />
mehr werden wir in Medien und in Parteien wahrgenommen, desto mehr<br />
Einfluss bekommen wir auf die Richtung von Diskussionen und auf<br />
den Zeitgeist.
</p>
<p>
<b>Roth Berlin:</b> Sehr geehrter Herr Gysi: Warum geben<br />
Sie sich für so einen Honecker Ableger &#8216;Lafoni &#8216; (Lafontaine)<br />
hin? Im Saarland will man ihn wegen seiner Vergangenheit (junge<br />
Mädchen angemacht im Rotlichtmilieu &#8211; siehe Trierischer Volksfreund<br />
Archiv 5/2000) nicht mehr haben und ist nur noch eine Lachnummer.<br />
Im 0sten agiert er jetzt als Rattenfänger Ein Scharlatan übelster<br />
Art!!!
</p>
<p>
<b>Gregor Gysi:</b> Ich sehe Herrn Lafontaine anders<br />
und habe ihn anders erlebt. Er hat mit Honecker ebenso gesprochen<br />
wie CDU-Politiker. Wenn man in der DDR etwas erreichen wollte, kam<br />
man an Honecker nicht vorbei. Die anderen Geschichten sind Erfindungen<br />
der Boulevard-Medien. Sie sollten vorsichtig sein, so etwas zu glauben.<br />
Im Übrigen: Ich habe eine Umfrage gelesen, wonach meine Partei<br />
im Saarland durch ihn bei 20 Prozent liegen soll, viele Saarländer<br />
sehen das also auch anders.
</p>
<p>
<b>Hausmann:</b> Wie gehen Sie mit dem &#8216;Zündeln&#8217;<br />
mit rechten Parolen Ihres Kompagnons Lafontaine um? Wie bewerten<br />
Sie dies?
</p>
<p>
<b>Gregor Gysi:</b> Er hat keine rechten Parolen. Durch<br />
sein ganzes Leben hat er bewiesen, dass er mit Rechts nichts zu<br />
tun hat. Ich fand seine Formulierung in Bezug auf &quot;Fremdarbeiter&quot;<br />
sehr unglücklich. Das weiß er und er wird es nicht wiederholen.<br />
Allerdings musste ich feststellen, dass dieser Begriff sowohl von<br />
Otto Schily, dem Spiegel, der Bundeszentrale für Politische<br />
Bildung und anderen benutzt wurde. Worum es ihm eigentlich ging,<br />
die Bekämpfung von Lohndumping, da stimmen wir völlig<br />
überein. Wer Lohndumping nicht bekämpft, sondern zulässt,<br />
ist mit Schuld an Ausländerfeindlichkeit und Rassismus.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Lafontaine wiederholt es nicht, weil<br />
Sie es ihm gesagt haben?
</p>
<p>
<b>Gregor Gysi:</b> Nein, weil er festgestellt hat, dass<br />
er missverstanden wurde und wie die Medien versuchten, dieses Missverständnis<br />
gegen ihn auszuschlachten.
</p>
<p>
<b>Trueman:</b> Hallo Herr Gysi, hat Ihre Partei die<br />
nötigen Fachleute um den Arbeitsmarkt zu reformieren? Hartz<br />
IV ist sozial ungerecht, da nicht abgestuft. Mein Vater hat nun<br />
41 Jahre in die Kasse gezahlt, ist 57 Jahre und wird behandelt wie<br />
&#8230; . Ist das sozial gerecht?
</p>
<p>
<b>Gregor Gysi:</b> Jede Versicherung muss sich nach<br />
bestimmten Maßstäben richten. Es ist absurd, dass jemand,<br />
der 5 Jahre in die Arbeitslosenversicherung eingezahlt hat und jemand,<br />
der es 30 Jahre tat, jeweils nur ein Jahr ALG I erhalten und nach<br />
dem einem Jahr gleichwertig auf die von Ihnen beschriebene Arbeitsstufe<br />
gestellt werden. Hartz IV muss deshalb aufgehoben, zumindest schwer<br />
korrigiert werden. Vielleicht nicht für alle Gebiete, aber<br />
für dieses Gebiet haben wir genug Spezialisten.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Noch mal konkret zum Personal: Glauben<br />
Sie, dass die WASG auf einen möglichen Wahlerfolg personell<br />
vorbereitet ist? Haben Sie nicht die Furcht, dass das Linksbündnis<br />
ein ähnliches Fiasko erleidet wie die Rechten, die sich in<br />
vielen Landtagen mit unfähigen Abgeordneten bis auf die Knochen<br />
blamierten?
</p>
<p>
<b>Gregor Gysi:</b> Im Unterschied zu Ihnen wundert es<br />
mich nicht, dass die Rechten kein Personal haben. Wir haben schon<br />
im Bundestag bewiesen, dass wir zu allen wichtigen Themen gute Beiträge<br />
beisteuern können. Wir sitzen in 6 Landtagen in starken Fraktionen<br />
und haben auch dort gelernt. Die Linkspartei tritt an und es sind<br />
nur einige &#8211; nach meinem Eindruck geeignete &#8211; Leute von der WASG<br />
dabei. Nach der Wahl, nach einer Vereinigung, wird sich das anders<br />
mischen. Das Herausfordernde in der neuen Fraktion wird wohl für<br />
mich auch darin bestehen, dass es erstmals eine Mehrheit von Westdeutschen<br />
geben wird. Aber das spricht doch nicht gegen die Qualität<br />
des Personals, oder?
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Sie sind also momentan froh, dass es<br />
nur &quot;einige&quot; von der WASG sind?
</p>
<p>
<b>Gregor Gysi:</b> Das kann ich nicht beurteilen. Ich<br />
habe kluge Leute von der WASG kennen gelernt, bei denen ich mich<br />
freute, wenn sie in den Bundestag kämen, was nicht der Fall<br />
sein wird. Das gilt auch für meine Partei. Und es gibt in beiden<br />
Parteien auch andere. Was soll’s?
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Kommen wir zur Ökonomie:
</p>
<p>
<b>Hausmann:</b> Herr Gysi, mal ehrlich: sind die Finanzierungsvorschläge<br />
von Ihnen nicht etwas utopisch? Wie entgegnen Sie den Argumenten<br />
der Globalisierung? Sollen wir wieder eine Mauer um Deutschland<br />
herum bauen?
</p>
<p>
<b>UweHerrenkind:</b> Werden Ihre Wahlversprechen finanzierbar<br />
sein? Und wie?
</p>
<p>
<b>Gregor Gysi:</b> Bisher haben wir nur den Entwurf<br />
eines Wahlprogramms. Wir diskutieren darüber und es gibt Anträge.<br />
Am 27. August werden wir es in endgültiger Fassung verabschieden.<br />
Manche Sozialleistungen haben einen Prozesscharakter, d.h. es ginge<br />
erst im Laufe einer im Programm beschriebenen Entwicklung. Bezahlbar<br />
ist das, denn wir haben nicht weniger Geld als vor sieben Jahren.<br />
Wir unterbreiten keine Steuervorschläge, die über den<br />
Steuern von Kohl liegen. Und Kohl war wohl kein Erzlinker? Die Abwanderung<br />
von Unternehmen hängt nicht von gerechten Steuern, sondern<br />
von der Entwicklung des Binnenmarktes ab. Wenn ein Produkt massenhaft<br />
in China gekauft wird, wird jedes Unternehmen versuchen, es auch<br />
dort herzustellen. Wir müssen in Deutschland unsere spezifischen<br />
Standortvorteile entwickeln. Wir brauchen einen sehr hohen Stand<br />
an Wissenschaft, Forschung, Kultur, eine gute Infrastruktur, geringe<br />
Kriminalität und hochqualifizierte Bevölkerung, d.h. ein<br />
sehr gutes Bildungssystem. Die Vernachlässigungen auf diesem<br />
Gebiet bezahlen wir mit einer Vielzahl von Arbeitsplätzen.<br />
Für die kleinen und mittleren Unternehmen brauchen wir mehr<br />
Kaufkraft, d.h. höhere Löhne und Sozialleistungen. Die<br />
Arbeitslosigkeit in den USA, GB, Schweden und Dänemark ist<br />
deutlich niedriger als in Deutschland, weil dort seit Jahren die<br />
Nettolöhne um 5 Prozent und mehr jährlich steigen, während<br />
sie bei uns nur um die Inflationsrate rumkrepelt. Es ist ein Irrtum<br />
zu glauben, dass mehr soziale Gerechtigkeit der Ökonomie schadet.<br />
Seit 7 Jahren haben wir Sozialabbau. Die Folge: Die Ökonomie<br />
ist geschwächt und die Arbeitslosigkeit hat zugenommen.
</p>
<p>
<b>Rubbeldikatz:</b> Wieso kriegen kleine Unternehmen<br />
durch höhere Löhne mehr Kaufkraft?
</p>
<p>
<b>Gregor Gysi:</b> Nicht die Unternehmen, sondern die<br />
Leute bekämen mehr Kaufkraft. Sie kaufen mehr Waren und nehmen<br />
mehr Dienstleistungen in Anspruch &#8211; und das nutzt dann auch den<br />
kleinen und mittleren Unternehmen. Seitdem es sozial in Deutschland<br />
bergab geht, nimmt das Kaufverhalten der Bevölkerung mit der<br />
Folge ab, dass immer mehr Unternehmen in Insolvenz gehen.
</p>
<p>
<b>Kurtchen:</b> Was sagen Sie den Bürgern, wenn<br />
sie höhere Kaufkraft nicht in deutsche Produkte investieren,<br />
d.h. somit nicht unsere Wirtschaft stärken?
</p>
<p>
<b>Gregor Gysi:</b> Das kann man niemandem verübeln.<br />
Die Leute richten sich nach Preis und Qualität &#8211; das ist auch<br />
in Ordnung. Wenn die Wettbewerbsbedingungen fair sind. Aber steigende<br />
Kaufkraft zeigt im Dienstleistungsbereich und im Handel immer unsere<br />
Unternehmen. Die Erfahrung zeigt, dass außerdem auch mehr<br />
in Deutschland hergestellte Produkte gekauft werden.
</p>
<p>
<b>Wirtshausberater: </b>Die Arbeitslosigkeit in GB ist<br />
deshalb niedriger, weil man eine über 10jährige Rosskur<br />
der Sozialsysteme unter Maggie Thatcher hinter sich hat
</p>
<p>
<b>Gregor Gysi:</b> Die Arbeitslosigkeit wurde abgebaut,<br />
als die Nettolöhne wieder stiegen. Ich bin und bleibe der Meinung,<br />
dass die Rosskur von Maggie Thatcher dem Land geschadet hat und<br />
eben nicht zum Abbau von Arbeitslosigkeit führte. Es geht auch<br />
nicht um jede Arbeit, sondern um Arbeit in Würde. Sicher ist<br />
aber richtig: Die Wirtschaft hat zwei Seiten, nämlich Angebot<br />
und Nachfrage. Wenn man radikal wie Frau Thatcher und nicht ganz<br />
so radikal aber in der Tendenz gleich wie unsere gegenwärtige<br />
Bundesregierung nur die Kosten für das Angebot verbessert und<br />
die Nachfrage völlig vernachlässigt, dann sehen wir jetzt<br />
die Folgen. Es gibt Zeiten, in denen man etwas mehr für die<br />
Nachfrage tun muss. Bei uns wird es höchste Zeit etwas für<br />
die Nachfrage zu tun, das sieht inzwischen selbst ein Herr Rürup<br />
so, der ja wohl kein Linker ist.
</p>
<p>
<b>Karlchen567:</b> Hallo Herr Gysi, nach ihrem Wahlprogramm<br />
wollen Sie die Mehrwertsteuer für Handwerker auf 7 % senken.<br />
Das müssten Sie in der EU einstimmig (!!!) genehmigen lassen<br />
&#8211; es gibt ja einen Mindeststeuersatz von 15%. Genau darüber<br />
streiten die schon seit Jahren ohne Ergebnis und mit 25 EU-Mitgliedern<br />
wird es nicht besser. Da wird der Wähler ja von Ihnen schön<br />
für dumm verkauft.
</p>
<p>
<b>Gregor Gysi:</b> Viele Regelungen müssen heute<br />
innerhalb der EU abgestimmt werden. Deutschland hat die Regelung<br />
für sieben Prozent Mehrwertsteuer für bestimmte Produkte.<br />
Wir wollen diese Regelung erweitern auf einige Medikamente und auf<br />
bestimmte Handwerksdienstleistungen. Letzteres aus sozial-ökologischen<br />
Gründen, damit sich Reparaturen im Vergleich zum Neukauf wieder<br />
lohnen. Dass das nicht so ist, ist auch ein Problem für andere<br />
EU-Länder. In einem Wahlprogramm schreibt man fest, wofür<br />
man streiten und kämpfen will. Im Bundestag, in der EU und<br />
anderswo. Wir werden auch immer schreiben, dass wir für Frieden<br />
kämpfen, auch wenn wir wissen, dass die viel mächtigere<br />
USA-Regierung das anders sieht. Die Leute sollen mitbekommen, wofür<br />
wir streiten. Sie wissen, dass wir vieles nicht, zumindest nicht<br />
sofort, umsetzen können. Solange wir keine absolute Mehrheit<br />
haben, mit der ja sowohl weder Sie noch ich rechnen.
</p>
<p>
<b>C187:</b> Die Pendlerpauschale auf 40 Cent zu erhöhen,<br />
ist doch eine Subventionen für Besserverdienende. Sozialschwache<br />
leben doch eher in Ballungsräumen?!
</p>
<p>
<b>Gregor Gysi:</b> Wir haben in strukturschwachen Regionen<br />
&#8211; u.a. im Osten &#8211; eine gänzlich andere Situation. Für<br />
einen Arbeitsplatz fahren die Leute auch aus größeren<br />
Städten hunderte von Kilometern. Nehmen sie eine junge Familie<br />
mit zwei schulpflichtigen Kindern. Den Eltern wird heute gesagt,<br />
sie sollen flexibel sein, was bedeuten kann, dass sie jedes Jahr<br />
oder alle zwei Jahre den Arbeitsort wechseln müssen. Ohne eine<br />
gerechte Pendlerpauschale können sie sich das nur leisten,<br />
wenn sie den Wohnort wechseln. Dann aber müssen die Kinder<br />
jedes mal umgeschult werden und das bei einem Bildungssystem, das<br />
keine einheitlichen Standards kennt, das in jedem Bundesland unterschiedlich<br />
ist. Diese Kinder werden in ihren Lebenschancen erheblich beeinträchtigt.<br />
Wer also für mehr Flexibilität auf dem Arbeitsmarkt ist,<br />
muss es den Leuten gleichzeitig ermöglichen, in der Regel im<br />
Interesse der Kinder den Wohnort beibehalten zu können. Im<br />
Osten kommt noch hinzu, dass wir ansonsten auch vergreisen.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Letzte Frage: Wie viel Prozent trauen<br />
Sie Ihrer Partei bei der Bundestagswahl zu?
</p>
<p>
<b>Gregor Gysi:</b> Meiner Partei traue ich diesbezüglich<br />
alles zu, aber ich weiß wie unterschiedlich Wählerinnen<br />
und Wähler sind. Ich finde unser Ziel, drittstärkste politische<br />
kraft im Bundestag zu werden, herausfordernd und lohnend, weil wir<br />
andere Diskussionen in Deutschland bekämen die wir meines Erachtens<br />
dringend benötigen.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Unsere Zeit ist bereits um. Vielen<br />
Dank an alle User für das große Interesse. Etliche Fragen<br />
sind leider unbeantwortet geblieben. Vielen Dank, Herr Gysi, dass<br />
Sie sich Zeit für den Chat genommen haben. Das Transkript dieses<br />
Chats finden Sie auf den Seiten der Veranstalter. Den nächsten<br />
Chat gibt es am Donnerstag, den 11. August, ab 13.00 Uhr mit dem<br />
CDU-Bundestagsabgeordneten Günter Nooke. Das tacheles.02-Team<br />
wünscht allen noch einen angenehmen Tag!
</p>
<p>
<b>Gregor Gysi:</b> Ich bedanke mich für die interessanten<br />
Fragen und wünschen allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern alles<br />
Gute. Ich möchte, dass jeder und jede zur Wahl geht, weil ansonsten<br />
die Nachbarin oder der Nachbar für sie mitentscheidet. Kurzum:<br />
ich appelliere an Ihr Selbstbewusstsein. Auf Wiedersehen.</p>
]]></content:encoded>
					
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			</item>
		<item>
		<title>&#8220;Das war ich doch schon zweimal :-)&#8221;</title>
		<link>https://www.politik-digital.de/chattranscripte/das-war-ich-doch-schon-zweimal-193/</link>
					<comments>https://www.politik-digital.de/chattranscripte/das-war-ich-doch-schon-zweimal-193/#respond</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[rthurnher]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 19 Jul 2005 23:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Chattranscripte]]></category>
		<category><![CDATA[Bundestagswahl]]></category>
		<category><![CDATA[Wahlkampf]]></category>
		<category><![CDATA[Bundespolitik]]></category>
		<category><![CDATA[SPD]]></category>
		<category><![CDATA[Linkspartei.PDS]]></category>
		<category><![CDATA[Sigmar Gabriel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p class="normal">
<b><b>Sigmar Gabriel, Fraktionsvorsitzender 
der SPD, war am 20. Juli zu Gast im tacheles.02 Live-Chat von tagesschau.de 
und politik-digital.de. Themen waren u.a. der bevorstehende Wahlkampf, 
die Auseinandersetzung mit der neuen Linkspartei und die Schwierigkeit<b> 
notwendige Reformen</b> in Deutschland durchzusetzen .</b></b>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p class="normal">
<b><b>Sigmar Gabriel, Fraktionsvorsitzender<br />
der SPD, war am 20. Juli zu Gast im tacheles.02 Live-Chat von tagesschau.de<br />
und politik-digital.de. Themen waren u.a. der bevorstehende Wahlkampf,<br />
die Auseinandersetzung mit der neuen Linkspartei und die Schwierigkeit<b><br />
notwendige Reformen</b> in Deutschland durchzusetzen .</b></b><!--break-->
</p>
<p class="normal">
<b>Moderator:</b> Liebe Politik-Interessierte,<br />
willkommen im tacheles.02-Chat. Die Chat-Reihe tacheles.02 ist ein<br />
Format von tagesschau.de und politik-digital.de und wird unterstützt<br />
von tagesspiegel.de. Zum Chat ist heute das Mitglied des SPD-Parteivorstandes,<br />
Sigmar Gabriel, ins ARD-Hauptstadtstudio gekommen. Herr Gabriel,<br />
sind Sie bereit für den 60-Minuten-Chat mit unseren Usern?
</p>
<p class="normal">
<b>Sigmar Gabriel:</b> Ja, gerne.
</p>
<p class="normal">
<b>Moderator:</b> Angela Merkel will<br />
im Osten mit einer besonderen Strategie Wahlkampf machen. Wäre<br />
das nicht auch für die SPD eine gute Idee?
</p>
<p class="normal">
<b>Sigmar Gabriel:</b> Ich bin gespannt,<br />
wie Angela Merkel im Osten den Menschen, die im Durchschnitt ohnehin<br />
weniger verdienen als im Westen, klar macht, wie &quot;schön&quot;<br />
es ist, eine höhere Mehrwertsteuer zu zahlen. Ich denke, die<br />
Themen sind letztlich für alle Menschen gleich in Deutschland.
</p>
<p class="normal">
<b>Hotzenplotz:</b> Wie kann die SPD<br />
mit der Linkspartei fertig werden? Die liegt laut Umfragen im Osten<br />
vor der CDU. Nur Gysi und Lafontaine verteufeln kann nicht reichen.
</p>
<p class="normal">
<b>Sigmar Gabriel:</b> Das stimmt. Weder<br />
eine Dämonisierung noch ein &quot;Linksliegen lassen&quot;<br />
reicht. Mit Oskar Lafontaine und Gregor Gysi muss man sich inhaltlich<br />
auseinandersetzen. Im Kern muss es dabei darum gehen, dass diese<br />
Linkspartei eben keine &quot;neue&quot; Linkspartei ist, sondern<br />
die alte Linke in populistischem Gewande daher kommt. Diese alte<br />
Linke weiß immer ganz genau, wogegen sie ist. Aber eben nicht,<br />
wie sie das, was sie den Menschen verspricht, bezahlen und realisieren<br />
kann. Das dürfte auch der Grund sein, warum Oskar Lafontaine<br />
und Gregor Gysi bereits jetzt erklären, dass sie nicht regieren,<br />
sondern opponieren wollen. Da frage ich mich doch, wieso soll man<br />
eine Partei wählen, die letztlich nur gegen etwa sein will,<br />
ohne wirklich gestalten zu wollen. Die SPD muss sich positionieren<br />
zwischen den Marktideologen von CDU und FDP und den Illusionisten<br />
der alten Linken.
</p>
<p class="normal">
<b>guido w:</b> Welche Partei verliert<br />
am meisten Stimmen an das neue Linksbündnis? Die SPD?
</p>
<p class="normal">
<b>Sigmar Gabriel:</b> Die Antwort könnte<br />
von Radio Eriwan kommen: Im Prinzip ja, aber es kommt letztlich<br />
darauf an, wie sehr wir uns im Wahlkampf engagieren. Ich denke,<br />
die SPD hat immer noch alle Chancen, ihr eigenes Potential zu halten.<br />
Dann wird das alte (!) Linksbündnis aus den ehemaligen Ostkadern<br />
und den alten Westsektierern bei uns nicht soviel holen, wie sie<br />
heute hoffen.
</p>
<p class="normal">
<b>dariush:</b> Wieso glauben Sie hat die SPD derzeit<br />
in den Medien ein so schlechtes Standing, dass sogar eine &quot;Abspaltung&quot;<br />
wie die WASG fast mehr (positive) Berichterstattung erhält?
</p>
<p class="normal">
<b>Sigmar Gabriel:</b> Obwohl ich mir<br />
auch gelegentlich eine fairere Medienberichterstattung wünsche,<br />
würde ich schon sagen, dass diese Abspaltung letztlich nicht<br />
ein reines &quot;Medienergebnis&quot; ist. Die Veränderungen<br />
in Deutschland, die unter Kohl und Merkel (die Dame war ja mal Ministerin<br />
und ist mitverantwortlich für Jahre des Stillstands in Deutschland)<br />
verweigert wurden, weil CDU und FDP damals zu feige waren, den Menschen<br />
die Wahrheit zu sagen, bringen auch viele Brüche und Widersprüche<br />
mit sich. Und natürlich haben auch wir Sozialdemokraten nicht<br />
alles richtig gemacht. Wie sollten wir auch, bei derart großen<br />
Herausforderungen. Da ist es fast zu erwarten, dass die Menschen,<br />
die sich die alten Welten (im Osten und im Westen) wieder zurück<br />
wünschen, auch politisch zu organisieren versuchen. Es ist<br />
ja kein Zufall, dass sich mit Oskar Lafontaine und der PDS zwei<br />
gefunden haben, die schon 1989 gegen die Einheit waren.
</p>
<p class="normal">
<b>Moderator:</b> Noch mal zum &quot;Ost-Wahlkampf&quot;:
</p>
<p class="normal">
<b>maik85:</b> Guten Tag, die Frage,<br />
die gestellt wurde, ist leider nicht beantwortet worden. Würde<br />
es gut tun für die SPD, einen extra Wahlkampf im Osten zu führen?
</p>
<p class="normal">
<b>Sigmar Gabriel:</b> Ich weiß<br />
eigentlich nicht, wie der aussehen soll. Wir können im Osten<br />
Deutschlands doch nicht mit anderen Themen, Vorschlägen und<br />
Ideen auftreten als im Westen. Wenn Sie meinen, wir sollten die<br />
Art der Präsentation, die Emotionalität u.ä. an die<br />
konkrete Situation im Osten anpassen, dann haben Sie Recht. Aber<br />
das gilt für jeden Wahlkreis. Ein guter Wahlkämpfer wird<br />
sich immer überlegen, wie er seine Positionen an seine konkreten<br />
Wählerinnen und Wähler heranträgt.
</p>
<p class="normal">
<b>Moderator:</b> Die User wollen wissen:<br />
Was ist falsch gelaufen?<br />
Goldammer: Wenn die WASG im Osten stärkste Kraft werden konnte,<br />
was haben alle anderen Parteien dann falsch gemacht?
</p>
<p class="normal">
<b>Frau P.:</b> Was war der größte<br />
Fehler der SPD in Ihrer Regierungszeit?
</p>
<p class="normal">
<b>Sigmar Gabriel:</b> Zu Frau P.: Die<br />
Reformen in der ersten Amtszeit zu zaghaft begonnen zu haben (mit<br />
Ausnahme des Themas Rente) und sie nicht mit zwei Dingen verknüpft<br />
zu haben: 1. Mit einer ausreichenden sozialen Balance. Es ist der<br />
Eindruck entstanden, die Lasten der notwendigen Veränderungen<br />
würden immer nur von einem Teil der Gesellschaft getragen,<br />
z.B. Kranken, Arbeitslosen, Rentnern. Die Menschen wollen aber ganz<br />
sicher sein, dass Lasten gerecht auf alle verteilt werden. In den<br />
Talkshows sitzen häufig immer fünf bis sechs Leute, die<br />
drei Dinge gemeinsam haben: Sie gehören zu den Besserverdienenden,<br />
sie fordern Zumutungen an die Bevölkerung und sie selbst sind<br />
von keiner Zumutung betroffen. Das empfinden die Menschen &#8211; zu Recht<br />
&#8211; als ungerecht. Das hat die SPD mit ihrem Wahlmanifest geändert<br />
(siehe Bürgerversicherung). 2.: Wenn Menschen Zumutungen erfahren,<br />
wollen sie wissen, wozu das alles dient und sie brauchen positive<br />
Perspektiven. Da haben wir sicher zuwenig vermittelt. Eigentlich<br />
geht es doch nicht um die jetzt 40 bis 80-jährigen, sondern<br />
um unsere Kinder. Wenn wir jetzt nichts ändern, wenn wir uns<br />
nichts zumuten, dann werden sie dafür die Zeche zahlen müssen.<br />
Und unsere Enkel und Urenkel auch noch. Wir haben zuviel &quot;den<br />
Gürtel enger schnallen gepredigt&quot;. Das tut kaum jemand<br />
gerne. Das Motto &quot;Die Ärmel hochkrempeln&quot; motiviert<br />
viel mehr Menschen, vor allem, wenn sie wissen, dass es um die Zukunft<br />
ihrer Kinder und Enkel geht. Zu Goldammer: Im Prinzip ist es die<br />
gleiche Antwort wie bei Frau P. Im Osten kommt sicher hinzu, dass<br />
dort die Empfindungen noch wesentlich stärker ausgeprägt<br />
sind. Das hat viel mit der bisherigen Geschichte der deutschen Einheit<br />
und auch den damit verbundenen Fehlern, Illusionen und Ungerechtigkeiten<br />
zu tun.
</p>
<p class="normal">
<b>Moderator:</b> Fragen zu möglichen<br />
Koalitionen:
</p>
<p class="normal">
<b>Haber:</b> Könnten Sie sich eine rot-rot-grüne<br />
Koalition auf Bundes- oder Landesebene vorstellen?
</p>
<p class="normal">
<b>Fredi1:</b> Was ist wahrscheinlicher, eine große<br />
Koalition oder eine Koalition aus SPD, Grünen und neuem Linksbündnis?
</p>
<p class="normal">
<b>Sigmar Gabriel:</b> Über Koalitionen<br />
soll man am Wahlabend ab 18.01 Uhr reden. Sonst verunsichert man<br />
die eigenen Wähler. Nur soviel: Eine rot-rot-grüne Koalition<br />
halte ich für ausgeschlossen. Das &quot;Linksbündnis&quot;<br />
hat sie auch selbst ausgeschlossen. Und ich hätte wirklich<br />
Sorge um Deutschland, wenn es zu dieser Konstellation käme.<br />
Deshalb wird es sie mit der SPD nicht geben.
</p>
<p class="normal">
<b>Moderator:</b> Sie schließen<br />
also eine große Koalition nicht aus?
</p>
<p class="normal">
<b>Sigmar Gabriel:</b> Ich will sie nicht,<br />
strebe sie auch nicht an, weil dies nur die politischen Ränder<br />
stärkt und zudem den Erneuerungsprozess, den die SPD braucht,<br />
egal wie die Wahlen ausgehen, eher behindern würde. Am Ende<br />
aber entscheiden die Wählerinnen und Wähler. Das Wahlergebnis<br />
bestimmt die Koalitionsmöglichkeiten, nicht wir Politiker.
</p>
<p class="normal">
<b>Moderator:</b> Abseits von Zahlen<br />
&#8211; es gibt Experten, die eine Große Koalition für sehr<br />
sinnvoll halten.
</p>
<p class="normal">
<b>Sigmar Gabriel:</b> Und ebenso viele,<br />
die sie für falsch halten. Wir werden uns ab 18.01 Uhr wohl<br />
eine eigene Meinung bilden müssen.
</p>
<p class="normal">
<b>TUStudent:</b> Warum ist eine Neuauflage<br />
einer Sozial-Liberalen-Koalition nie im Gespräch?
</p>
<p class="normal">
<b>Sigmar Gabriel:</b> Das müssen<br />
sie die FDP fragen. Die haben kaum noch jemanden, der das Bindestrichwort<br />
&quot;sozial-liberal&quot; buchstabieren kann.
</p>
<p class="normal">
<b>horst k?r:</b> Glauben Sie, ein intelligenter<br />
Mann wie Lafontaine glaubt tatsächlich an seine realitätsfernen<br />
Vorschläge und dessen Finanzierbarkeit oder handelt es sich<br />
tatsächlich nur um eine Aufrechnung von früher?
</p>
<p class="normal">
<b>Sigmar Gabriel:</b> Ich halte Oskar<br />
L. für viel zu intelligent, als dass er die Illusionen, die<br />
er predigt, nicht als solche erkennen würde. Ihm geht es nur<br />
um eines: Eine Abrechnung mit Gerd Schröder. Und für diesen<br />
Egotrip ist das deutsche Parlament eigentlich zu schade.
</p>
<p class="normal">
<b>Wiggerl:</b> Wieso reden Sie denn<br />
eigentlich immer von Neuwahlen und ähnlichem, wo das doch noch<br />
gar nicht aktuell ist!?
</p>
<p class="normal">
<b>Sigmar Gabriel:</b> Weil ich sicher<br />
bin, dass es Neuwahlen geben wird.
</p>
<p class="normal">
<b>HerrHermannMan:</b> Brauchen wir nicht<br />
endlich mal eine Regierung, bei der alle an einem Strang ziehen<br />
und Reformen nicht wegen Partei-Rivalitäten blockiert werden?<br />
Daher wird die SPD bei einem momentan wahrscheinlichen CDU Wahlsieg<br />
deren Reformen unterstützen.
</p>
<p class="normal">
<b>Sigmar Gabriel:</b> Das ist der Wunsch<br />
vieler Menschen in Deutschland. Dieser Wunsch ist auch verständlich.<br />
Aber es gibt eben auch deutliche Unterschiede in den Vorstellungen<br />
der Parteien. Wenn Frau Merkel wirklich eine Kopfpauschale in der<br />
Krankenversicherung durchsetzen will, dann führt das nach sehr<br />
kurzer Zeit dazu, dass sich alle Menschen privat zusätzlich<br />
versichern müssen, weil eine Kopfpauschale mit 109 EURO nicht<br />
einmal das abdeckt, was heute die gesetzliche Krankenversicherung<br />
sicherstellt. Ein Handwerksgeselle im Elektrohandwerk verdient netto<br />
1.000 EURO, eine Bäckereifachverkäuferin 700 EURO und<br />
ein Schichtarbeiter in der Metallindustrie zwischen 1.300 und 1.800<br />
EURO. Wenn wir wollen, dass die auch noch Kinder zeugen und Familien<br />
gründen, wie sollen die sich denn noch privat versichern? Das<br />
ist nur ein Beispiel, dass der Wunsch nach &quot;einem Strang und<br />
einer Richtung&quot; eben verständlich ist, man aber aufpassen<br />
muss, dass mit diesem Strang nicht ein Teil der Menschen in Deutschland<br />
&quot;stranguliert&quot; werden.
</p>
<p class="normal">
<b>Franzensfeste:</b> In den sechziger<br />
Jahren wollten die großen Parteien das Mehrheitswahlrecht<br />
einführen, damit es klare Verhältnisse gibt.Wäre<br />
das nicht notwendiger denn je?
</p>
<p class="normal">
<b>Sigmar Gabriel:</b> Ich finde das<br />
Mehrheitswahlrecht höchst ungerecht, obwohl ich meine Wahlkreise<br />
immer direkt gewonnen habe. Stellen Sie sich vor, eine Partei erhält<br />
im Lande 35 %, eine andere 30 % und drei weitere zusammen noch mal<br />
35 %. Im Parlament säße nur die eine Partei, die alleine<br />
35 % erringen würde, obwohl die Menschen mehrheitlich ganz<br />
andere Parteien gewählt hätten. Unser Wahlrecht ist schwieriger,<br />
das stimmt. Aber eben auch demokratischer.
</p>
<p class="normal">
<b>Moderator:</b> Haben Sie für<br />
folgenden Widerspruch eine Erklärung: Sie werden in der SPD<br />
für große Aufgaben gehandelt, haben aber bei der Nominierung<br />
für die Landesliste das schlechteste Ergebnis erhalten?
</p>
<p class="normal">
<b>Sigmar Gabriel:</b> Bei meiner Nominierung<br />
habe ich immerhin 96 % erhalten. Was Sie meinen ist die Aufstellung<br />
zur Landesliste. Da habe ich sehr dafür gestritten, dass meine<br />
Heimatregion Braunschweig einen zusätzlichen Listenplatz unter<br />
den ersten 20 Plätzen bekommt. Und ich habe mich durchgesetzt.<br />
Dafür allerdings ist jemand aus dem SPD-Bezirk Hannover nicht<br />
mehr unter die ersten 20 Plätze gekommen. Dass dessen Freunde<br />
nun nicht unbedingt mich gewählt haben, dafür habe ich<br />
großes Verständnis. Und da habe ich 24 Gegenstimmen bekommen<br />
(und mehr als 160 Ja-Stimmen). So ist das manchmal: Nur wenn sie<br />
every-bodies-darling sein wollen, gibt es immer gute Ergebnisse.<br />
Wenn Sie eigene Positionen haben, dann gibt es auch schon mal Gegenstimmen.
</p>
<p class="normal">
<b>doro34:</b> Warum nennt Sie, Herr<br />
Gabriel, Herr von Larcher einen &quot;Schröder hoch zwei&quot;?
</p>
<p class="normal">
<b>Sigmar Gabriel:</b> Das müssen<br />
Sie Herrn von Larcher fragen. Früher, als er noch Wählerstimmen<br />
brauchte (er ist ja jetzt Rentner), hat er mich gern in seinen Wahlkreis<br />
eingeladen. Wohl weil er hoffte, dann ein paar Stimmen mehr zu bekommen.<br />
Besonders oft hat er nämlich seinen Wahlkreis nicht gewinnen<br />
können. Das liegt manchmal auch am Kandidaten selbst.
</p>
<p class="normal">
<b>rrs1:</b> Welche Ämter streben Sie noch<br />
weiterhin in der Politik an?
</p>
<p class="normal">
<b>Sigmar Gabriel:</b> Abgeordneter des<br />
Deutschen Bundestages zu werden, wenn möglich direkt gewählt.
</p>
<p class="normal">
<b>Moderator:</b> Wäre das Amt des<br />
Fraktionsvorsitzenden reizvoll?
</p>
<p class="normal">
<b>Sigmar Gabriel:</b> Das war ich doch<br />
schon zweimal :-).
</p>
<p class="normal">
<b>never more:</b> Hallo Herr Gabriel.<br />
Sind die schlechten Umfragewerte der SPD auf eine schlechte Kommunikationspolitik<br />
zurückzuführen und wenn ja, inwiefern hätte man die<br />
politischen Maßnahmen anders kommunizieren können?
</p>
<p class="normal">
<b>Vivalapaz:</b> Wieso geht die SPD<br />
seit Jahren mit einer schwachen &quot;Marketing Strategie&quot;<br />
auf die Wähler zu? Wäre es nicht sinnvoll, dem Volk zur<br />
kommenden Wahl klar zu signalisieren wie es wahr als noch die CDU<br />
dran war?
</p>
<p class="normal">
<b>Sigmar Gabriel:</b> Natürlich<br />
gibt und gab es auch Kommunikationsfehler. Und natürlich müssen<br />
wir den Menschen im Wahlkampf klar machen, was ihnen &quot;blüht&quot;,<br />
wenn Frau Merkel Kanzlerin wird und wofür sie in der Vergangenheit<br />
verantwortlich war. Angela war ja im Kabinett Kohl mitverantwortlich<br />
für eine gigantische Verschuldung (mehr als 400 Milliarden<br />
EURO in acht Jahren, wogegen der Anstieg der Verschuldung bei Eichel<br />
auf rund 150 Milliarden EURO in sieben Jahren gebremst wurde, u.v.a.m.<br />
Aber die Probleme der SPD sind nicht nur kommunikativer Natur. Deutschland<br />
brauchte eine Veränderung seiner politischen Richtung. Wir<br />
können nur das verteilen, was wir auch produzieren, und das<br />
ist zu wenig. Diese Veränderungen produzieren für sich<br />
genommen bereits viel Ärger. <br />
Wenn Sie einem Rentner sagen, wir müssen Dir die Rente kürzen,<br />
weil sonst die Arbeitnehmer immer weniger Netto haben und der Staat<br />
sein Geld besser in Ganztagsschulen investieren muss als noch mehr<br />
in die Rente, dann können sie noch so gut &quot;kommunizieren&quot;,<br />
die Mehrzahl der betroffenen Rentner wird das nicht gerade mit Beifall<br />
goutieren.
</p>
<p class="normal">
<b>Olli:</b> Herr Gabriel, was sagen Sie zu den<br />
Spekulationen des Spiegels, der 100.000 Euro Beratervertrag für<br />
die Firma CoNeS könnte ein kleines Dankeschön für<br />
die Vertragsverlängerung von Personal-Vorstand Peter Hartz<br />
im Jahr 2002 sein?
</p>
<p class="normal">
<b>Sigmar Gabriel:</b> Ganz einfach:<br />
Ich habe einen Rechtsanwalt damit beauftragt, mit rechtlichen Mitteln<br />
gegen diese unverfrorene Spiegel-Behauptung vorzugehen. Und Spiegel-online<br />
hat bereits eine Unterlassungserklärung unterschrieben, nach<br />
der Spiegel-Online 20.000 EURO an mich bezahlen muss, wenn sie diese<br />
Behauptung nochmals veröffentlichen.
</p>
<p class="normal">
<b>Moderator:</b> Die Berichterstattung<br />
ist frei erfunden?
</p>
<p class="normal">
<b>Sigmar Gabriel:</b> Ja. Aber durchaus<br />
mit böser Absicht.
</p>
<p class="normal">
<b>derwerherr:</b> Sehr geehrter Herr<br />
Gabriel, was hat Ihre PR-Firma für VW ab 2003 gemacht?
</p>
<p class="normal">
<b>Sigmar Gabriel:</b> Wir haben &#8211; ausweislich<br />
des Prüfungsberichtes des Aufsichtsrats von VW vom 21. Februar<br />
2005 &#8211; vor allem den Vorstandsvorsitzenden der VW-AG in der Übernahme<br />
des Amtes als Vorsitzender des Europäischen Automobilverbandes<br />
beraten und sollten darüber Vorträge an der Auto-Universität<br />
in Wolfsburg halten. Der Vorgang ist umfassend überprüft<br />
worden (Auftragsvergabe, Leistung, Honorar) und für absolut<br />
einwandfrei erklärt worden. Selbst Herr Wulff (CDU) hat dem<br />
im Aufsichtsrat der VW-AG zugestimmt. Er vergisst das leider gelegentlich<br />
zu erwähnen. Aber was will man schon erwarten.
</p>
<p class="normal">
<b>Moderator:</b> Edmund Stoiber hat<br />
ihrem Nachfolger Christian Wulff empfohlen, sich von der Landesbeteiligung<br />
an VW zu trennen &#8211; ein guter Vorschlag?
</p>
<p class="normal">
<b>Sigmar Gabriel:</b> Nein. Und ausgerechnet<br />
Edumund Stoiber, der hunderte von Millionen in der Max-Hütte<br />
&quot;versenkt&quot; hat, ohne letztlich das Unternehmen zu retten,<br />
sollte da mal etwas mehr Demut zeigen. Niedersachsen verdient Geld<br />
durch sein Engagement an VW und &quot;versenkt&quot; dort kein Geld.<br />
Aber das ist nicht der eigentliche Grund für die Beteiligung:<br />
VW braucht einen langfristigen Mehrheitsaktionär, der verhindert,<br />
dass das Unternehmen zum Spielball der Börsianer und kurzfristiger<br />
Finanzmarktjongleure wird. Es hängen hunderttausende Jobs und<br />
Familien an diesem Unternehmen und VW ist das einzige Unternehmen,<br />
das in den letzten Jahren in Deutschland 24.000 neue Jobs geschaffen<br />
hat.
</p>
<p class="normal">
<b>Olimann:</b> Wird sich die SPD nach<br />
einer Wahlniederlage selbst zerfleischen? Werden dann die, die bislang<br />
still gehalten haben, einen Aufstand wagen? Was wird dann aus Schröder<br />
und Müntefering?<br />
Sigmar Gabriel: Wenn ich kann, werde ich das mithelfen zu verhindern.<br />
Und was passiert mit Schröder: Der bleibt Kanzler. Und Münte<br />
sein Vorsitzender. 🙂
</p>
<p class="normal">
<b>loreley:</b> Sie und Andrea Nahles<br />
gelten zur Zeit als die größten Hoffnungen der SPD. Erschrecken<br />
Sie die Erwartungen, die an Sie gestellt werden?
</p>
<p class="normal">
<b>Sigmar Gabriel:</b> Ja. Auch weil<br />
ich weiß, dass die Aufgaben, die vor uns stehen, nicht mit<br />
zwei oder drei Leuten zu bewerkstelligen sind.
</p>
<p class="normal">
<b>silbermond1:</b> In der &quot;Zeit<br />
&quot; konstatierte Matthias Geffrath, dass linke Politik endlich<br />
aktiv die Globalisierung mitgestalten solle und aktuelle Politikthemen<br />
verstärkt international angehen solle. Ist zu erwarten, dass<br />
die SPD im Gegensatz zur Linkspartei die Zeichen der Zeit erkennt<br />
und danach handelt?
</p>
<p class="normal">
<b>Sigmar Gabriel:</b> Die Linkspartei<br />
hat dazu bislang nichts zu bieten. Außer, dass sie dabei mithilft,<br />
in Europa eine weitere konservative Partei ins Amt zu bekommen.<br />
Die aber wollen die Globalisierung nicht steuern. Die SPD allerdings<br />
muss wesentlich stärker diese Europäisierung und Internationalisierung<br />
ihrer Politik zum Gegenstand ihrer Programmatik, ihrer Praxis und<br />
ihres Wahlkampfes machen.
</p>
<p class="normal">
<b>Moderator:</b> Unsere Zeit ist bereits<br />
um. Vielen Dank an alle User für das große Interesse.<br />
Etliche Fragen sind leider unbeantwortet geblieben. Vielen Dank,<br />
Herr Gabriel, dass Sie sich Zeit für den Chat genommen haben.<br />
Das Transkript dieses Chats finden Sie auf den Seiten der Veranstalter.<br />
Den nächsten Chat gibt es am Donnerstag, dem 28. Juli, ab 13.00<br />
Uhr mit dem Spitzenkandidaten der Linkspartei, Gregor Gysi. Das<br />
tacheles.02-Team wünscht allen noch einen angenehmen Tag!
</p>
<p class="normal">
<b>Sigmar Gabriel:</b> Herzlichen Dank,<br />
ich fand es spannend. Und viel Spaß mit Gregor Gysi.
</p>
<p><!-- #EndEditable --></p>
<p>
<span style="font-size: x-small"> </span></p>
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			</item>
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		<title>&#8220;Ich persönlich bin überzeugt, dass Hartz IV notwendig und richtig war&#8221;</title>
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		<dc:creator><![CDATA[rthurnher]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 26 Jun 2005 23:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Chattranscripte]]></category>
		<category><![CDATA[Bundestagswahl]]></category>
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					<description><![CDATA[<p class="normal">
<b><b>Ute Vogt, Staatssekretärin 
im BMI, war am 27. Juni zu Gast im tacheles.02 Live-Chat von tagesschau.de 
und politik-digital.de.</b></b>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p class="normal">
<b><b>Ute Vogt, Staatssekretärin<br />
im BMI, war am 27. Juni zu Gast im tacheles.02 Live-Chat von tagesschau.de<br />
und politik-digital.de.</b></b><!--break-->
</p>
<p class="normal">
<b>Moderator:</b> Liebe Politik-Interessierte,<br />
willkommen im tacheles.02-Chat. Unsere Chat-Reihe wird veranstaltet<br />
von tagesschau.de und politik-digital.de und unterstützt von<br />
tagesspiegel.de. Unser Gast heute ist die stellvertretende SPD-Vorsitzende<br />
Ute Vogt. Sie ist parlamentarische Staatssekretärin im Bundesinnenministerium<br />
und will 2006 Ministerpräsidentin in ihrer Heimat Baden-Württemberg<br />
werden. Guten Tag, Frau Vogt!
</p>
<p>
<b>Ute Vogt:</b> Guten Tag.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Die Regierung hat gerade erst den Spitzensteuersatz<br />
gesenkt, jetzt soll die so genannte Reichensteuer kommen. Das riecht<br />
nach Populismus.
</p>
<p>
<b>Ute Vogt:</b> Es ist sicher auch noch ein Symbol dafür,<br />
dass man alle an den notwendigen Investitionen beteiligt. Der Satz<br />
mit plus drei Prozent gilt für alle ab 250.000 Euro Jahreseinkommen.
</p>
<p>
<b>Klassengestell:</b> Welche Reaktion erwarten Sie in<br />
Bezug auf die Millionärsbesteuerung im Wahlprogramm der CDU/CSU?
</p>
<p>
<b>Ute Vogt:</b> Ich glaube, dass in der CDU/CSU so was<br />
überhaupt nicht vorkommt. Dort werden weitere Steuersenkungen<br />
versprochen und spätestens nach der Wahl würde eine CDU/FDP-Regierung<br />
weitere Steuersenkungen mit der Mehrwertsteuer ausgleichen müssen.
</p>
<p>
<b>Klapperschlange:</b> Frau Vogt, glauben Sie wirklich,<br />
dass Sie die Wähler nach Hartz IV mit einem kleinen Stück<br />
Zuckerbrot (Mindestlohn) überzeugen können?
</p>
<p>
<b>Ute Vogt:</b> Ich persönlich bin überzeugt,<br />
dass Hartz IV notwendig und richtig war und deshalb werbe ich sehr<br />
bewusst auch mit dem, was wir bereits beschlossen haben und nicht<br />
nur mit den Ergänzungen. Wer ein solidarisches Deutschland<br />
auch in Zukunft will, muss solche Reformen heute durchführen.
</p>
<p>
<b>Madface:</b> In Deutschland liegt eindeutig eine wachstumsdefizitäre<br />
Arbeitslosigkeit vor. Die SPD redet allerdings weiter von einer<br />
gerechteren Verteilung der verbleibenden Arbeitsplätze. Die<br />
CDU scheint sich nun für den kommenden Bundestagswahlkampf<br />
das Wort „Wirtschaftswachstum“ zu reservieren. Bisher<br />
wurde von Seiten der Union allerdings noch nicht ganz klar, was<br />
für ein positives Wachstum getan werden soll. Was schlagen<br />
Sie vor?
</p>
<p>
<b>Ute Vogt:</b> Wir setzen auch auf neue Arbeitsplätze.<br />
Die Energiepolitik ist für mich eines der wichtigen Wachstumsfelder<br />
und Investitionen in Bildung und Forschung können ebenfalls<br />
zu mehr Wachstum beitragen. Dafür würden wir z.B. die<br />
Eigenheimzulage streichen, um die notwendigen Investitionen zu tätigen.
</p>
<p>
<b>fagvf345:</b> Warum kommt die Millionärssteuer<br />
erst jetzt im Wahlkampf auf den Tisch?
</p>
<p>
<b>Ute Vogt:</b> Weil wir innerhalb der SPD dazu durchaus<br />
unterschiedliche Positionen hatten und uns jetzt für die Zukunft<br />
geeinigt haben. Außerdem wären solche Vorschläge<br />
bisher auch an der Unionsmehrheit im Bundesrat gescheitert.
</p>
<p>
<b>clemens123:</b> Glauben Sie über eine neue Steuer<br />
eher Kapital anzuziehen oder zu vertreiben?
</p>
<p>
<b>Ute Vogt:</b> Weder noch. Wer über 250.000 Euro<br />
im Jahr verdient, wird keinen großen Beeinträchtigungen<br />
spüren. Ich glaube an die Bereitschaft vieler Menschen auch<br />
in diesen Einkommensklassen, etwas für die Gesellschaft zu<br />
tun. Sonst gäbe es z.B. auch nicht so viele Stiftungen in Deutschland.
</p>
<p>
<b>Daniel_Sei:</b> Die SPD hat doch jegliche Glaubwürdigkeit<br />
verloren, zuerst Agenda 2010 und Hartz IV, jetzt führt sie<br />
sich plötzlich wieder als Partei der kleinen Leute auf, das<br />
ist doch ein einziger Widerspruch.
</p>
<p>
<b>Ute Vogt:</b> Ist es nicht. Hartz IV hat gerade vielen<br />
kleinen Leuten neue Chancen eröffnet. Zwei Drittel der bisherigen<br />
Sozialhilfeempfänger erhalten durch Hartz IV endlich verbindliche<br />
Angebote zur Qualifizierung und zur Vermittlung in den Arbeitsmarkt.<br />
Es ist besser, wenn ein Sozialsystem Teilhabe ermöglicht, als<br />
dass wir auf Dauer darauf setzen, dass Menschen von staatlichen<br />
Leistungen abhängig bleiben.
</p>
<p>
<b>Daniel_Sei:</b> Die SPD hat Veräußerungen<br />
von Unternehmensbeteiligungen steuerfrei gestellt. Franz Müntefering<br />
hat sich dann über die &#8216;Heuschrecken &#8216; beklagt, die über<br />
die deutsche Wirtschaft herfallen. Wie kann das sein?
</p>
<p>
<b>Ute Vogt:</b> Wir haben damals bezweckt, dass Unternehmen<br />
stärker investieren. Tatsächlich wurde die Regelung aber<br />
ausgenutzt. Deshalb haben wir auch korrigierend eingegriffen und<br />
es gilt heute eine Mindestbesteuerung in Deutschland, die versuchen<br />
wir gerade auch auf europäischer Ebene zu vereinbaren.
</p>
<p>
<b>suka:</b> Warum schafft es eine renommierte Partei wie die SPD nicht<br />
den Wähler/Bürger über seine Reformen ausreichend<br />
zu informieren und reformiert nur ständig und andauernd über<br />
die Köpfe der Wähler hinweg? Als Endverbraucher dieser<br />
Politik hat man stark zu kämpfen, die Reformen auch zu verstehen<br />
oder gar nachzuvollziehen!
</p>
<p>
<b>Ute Vogt:</b> In der Tat haben wir häufig den<br />
Fehler gemacht, zu wenig über die Probleme zu reden und gleich<br />
Lösungen anzubieten. Das fehlende Problembewusstsein, manchmal<br />
bis in die eigenen Reihen, hat dann lange, schwierige Debatten zur<br />
Folge gehabt. Und die Lösungen wurden oft nicht akzeptiert,<br />
weil man die Notwendigkeit mancher Reform gar nicht eingesehen hat.<br />
Wir haben zu wenig Kraft auch auf die Überzeugung in die eigenen<br />
Reihen gesteckt. Aber ohne die Überzeugungskraft der gesamten<br />
Mitgliedschaft ist es schwieriger, die Bürgerinnen und Bürger<br />
zu erreichen. Die Medien helfen dabei in der Regel nicht.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Die User sind an Ihrer Arbeit interessiert.<br />
2 Fragen im Paket:
</p>
<p>
<b>robot:</b> Frau Vogt, Was machen Sie eigentlich &#8211; d.h. was ist Ihr<br />
„Aufgabenbereich“ im BMI?
</p>
<p>
<b>MußGauerWeg18:</b> Was genau machen Sie eigentlich<br />
im Innenministerium?
</p>
<p>
<b>Ute Vogt:</b> Parlamentarische Staatssekretäre<br />
sind das Bindeglied zwischen Ministerium und Parlament. Ich habe<br />
keine speziellen Themen zugeordnet, sondern arbeite im gesamten<br />
Themenbereich des Ministeriums. Zum einen in Vertretung des Ministers,<br />
z.B. auf Terminen, die er nicht selbst wahrnehmen kann. Zum anderen<br />
in Richtung Parlament, indem ich das Parlament regelmäßig<br />
über wichtige Vorhaben informiere, bis hin zu konkreten Gesetzesverhandlungen,<br />
bei denen zwischen Ministerien und Abgeordneten die einzelnen Formulierungen<br />
ausgehandelt werden müssen. Die Themenbreite des Ministeriums<br />
geht von Terrorismusbekämpfung über Zuwanderung bis zu<br />
Sport und vielem mehr.
</p>
<p>
<b>Klapperschlange:</b> Sehr geehrte Frau Vogt, Sie sind<br />
ja unter anderem auch für die Modernisierung des Staates zuständig.<br />
Welche Gefahr lauert für die elektronische Demokratie im Falle<br />
eines Regierungswechsels?
</p>
<p>
<b>Ute Vogt:</b> Mein Eindruck ist, dass die CDU eine<br />
sehr konservative Einstellung zur elektronischen Kommunikation hat.<br />
Wir haben durch das Innenministerium heute fast 400 Dienstleistungen<br />
der gesamten Bundesregierung ins Netz gebracht und es ist unser<br />
erklärtes Ziel, den Bürgerinnen und Bürgern unkomplizierten<br />
Zugang zu den Behörden zu verschaffen. Ich sehe in der CDU<br />
niemanden, der das in ähnlicher Weise offensiv vorantreiben<br />
wird, wie wir das bisher getan haben.
</p>
<p>
<b>Georg_Hoezle:</b> Sie sind ja offensichtlich ganz<br />
bewandert in Sachen Offene Software: Wie will die Bundesregierung<br />
offene Software in Deutschland zu einem Wirtschaftsfaktor machen?<br />
Neben SAP gibt &#8216;s ja keine nennenswerten Schmieden in Deutschland.<br />
Ist offene Software nicht eine Option für den Wissensstandort<br />
Deutschland?
</p>
<p>
<b>Ute Vogt:</b> OSS ist für uns ein wachsendes<br />
Feld und gibt gerade kleineren und mittleren Unternehmen große<br />
Chancen. Wir fördern im BMI OSS offensiv, indem wir die Einführung<br />
von OSS in der Verwaltung selbst anregen und dafür sorgen,<br />
dass das Wissen darüber möglichst viel verbreitet wird.<br />
Ich kann nur empfehlen, gehen sie auf unsere Homepage: www.bmi.bund.de<br />
und lassen sie sich dort zu unseren Initiativen führen.
</p>
<p>
<b>Ubuntu-Häuptling:</b> Wie sehen Sie die Entwicklung<br />
der Arbeitsbedingungen im öffentlichen Dienst? Herr Schily<br />
will ja auch hier stark kürzen.
</p>
<p>
<b>Ute Vogt:</b> Wir haben keine Kürzungen beschlossen,<br />
sondern eine überfällige Modernisierung des öffentlichen<br />
Dienstes. Das Bezahlungssystem soll umgestellt werden, die tatsächliche<br />
Leistung am Arbeitsplatz soll künftig stärker bewertet<br />
werden. Andere Bausteine, wie Lebensalter oder Zugehörigkeit<br />
zum Dienst, sollen dagegen z.B. bei Beförderungen weniger wichtig<br />
sein. Das Ganze wurde gemeinsam mit den Gewerkschaften auf den Weg<br />
gebracht. D.h. wir entwickeln unsere Modernisierung gemeinsam mit<br />
den Betroffenen.
</p>
<p>
<b>Carsten:</b> Warum verzögert ihrer Meinung der<br />
Kanzler seit fünf Wochen eine klare Entscheidung über<br />
Neuwahlen. Ein Rücktritt wäre doch die verfassungskonforme<br />
und zügigste Lösung.
</p>
<p>
<b>Ute Vogt:</b> Ein Rücktritt des Kanzlers hätte<br />
zur Folge, dass ein neuer Kanzler gewählt werden müsste.<br />
Dazu gibt es im Bundestag keine Alternative. Gerhard Schröder<br />
soll Kanzler bleiben.
</p>
<p>
<b>Ulinux:</b> Für wie wichtig erachten Sie einen Generationenwechsel<br />
in der SPD, um bei den Wählern besser anzukommen?
</p>
<p>
<b>Ute Vogt:</b> Ich glaube, eine Partei ist dann erfolgreich,<br />
wenn sie auch in ihrer Führung eine gesunde Generationenmischung<br />
hat. Die nächste Gelegenheit, diese herzustellen, bietet sich<br />
bei der Aufstellung der Kandidatinnen und Kandidaten für die<br />
Bundestagswahl. Dort wo ich Verantwortung trage, will ich als Landesvorsitzende<br />
dafür sorgen, dass sowohl Ältere mit Erfahrung als auch<br />
neue junge Leute zum Zuge kommen.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Nach sieben Jahren Rot-Grün wirkt<br />
die SPD personell ausgezehrt. Sie gehören in der nachrückenden<br />
Generation zum Spitzenpersonal, wollen aber im Bund nicht mehr mitmischen.<br />
Können Sie das Ihrer Partei gegenüber überhaupt verantworten?
</p>
<p>
<b>Ute Vogt:</b> Eine Partei wird immer getragen aus<br />
guten Leuten in den Ländern und im Bund. Ich will mehr Verantwortung<br />
in Baden-Württemberg, weil ich dort Ministerpräsidentin<br />
werden möchte. Aber ich möchte mich gleichzeitig weiter<br />
als stellvertretende Bundesvorsitzende auch auf der Bundesebene<br />
einbringen, sofern die Basis mich dort erneut wählt.
</p>
<p>
<b>utzeeeeee:</b> Wie schätzen Sie die derzeitige<br />
politische Lage in den Bundesländern ein, wäre die Bundesregierung<br />
nach einer Wiederwahl überhaupt handlungsfähig?
</p>
<p>
<b>Ute Vogt:</b> Eine klare Wahl für die jetzige<br />
Bundesregierung würde auch die unionsregierten Länder<br />
unter Druck bringen und wäre das politische Signal, dass die<br />
CDU mit ihrer Blockadepolitik nicht zu Mehrheiten kommt. Sie würde<br />
zwangsläufig ihre Strategie ändern müssen und sich<br />
im Bundesrat an Sachlösungen beteiligen.
</p>
<p>
<b>Tom11:</b> Frau Vogt. Sehen sie das auch als Schwäche<br />
der SPD, in den letzten sieben Jahren nicht viel stärker für<br />
das skandinavische Modell eines erfolgreichen sozialdemokratischen<br />
Staates geworben zu haben und nun dem neoliberalen Modell der Union<br />
nichts entgegenzusetzen zu haben?
</p>
<p>
<b>Ute Vogt:</b> Jedenfalls haben wir es versäumt,<br />
rechtzeitig darauf hinzuweisen, dass nur ein starker Staat etwas<br />
für seine Bürgerinnen und Bürger tun kann. Bei uns<br />
ist den Menschen viel zu wenig bewusst, dass ihre Steuern dazu dienen,<br />
der Bevölkerung in Form von Bildung, Infrastruktur oder Sicherheit<br />
auch Gemeinschaftsleistungen zurückzugeben. In den skandinavischen<br />
Ländern ist die Bereitschaft Steuern für die Gemeinschaft<br />
zu zahlen ungleich höher.
</p>
<p>
<b>MenschMeier:</b> Szenario: Die Union gewinnt die Wahl<br />
und kürzt weiter, ändern wird sich dadurch nichts und<br />
die Menschen werden immer unzufriedener. Ist das nicht Wasser auf<br />
die Mühlen der Extremisten und wie kann man dem begegnen, denn<br />
die Gefahr des beschriebenen Szenarios besteht ja, oder?
</p>
<p>
<b>Ute Vogt:</b> Die Gefahr besteht sicherlich. Begegnen<br />
kann man dem, indem man vor der Wahl die Alternativen auf den Punkt<br />
bringt. Der Vorteil der Neuwahl ist, dass die CDU jetzt klar sagen<br />
muss, wofür sie steht und nicht mehr allein nur die Regierung<br />
kritisieren kann. Die Menschen haben die Wahl zwischen einer sozialen<br />
Marktwirtschaft, in der notwendige Reformen gemacht werden, aber<br />
solidarische Absicherung Selbstverständlichkeit bleibt oder<br />
eben dem amerikanischen &quot;Hilf-dir-selbst-Modell&quot;, für<br />
das die CDU steht. Abgleiten in Extremismus kann man nur verhindern,<br />
wenn man deutlich macht, dass die Bürger auch mit ihrer Stimme<br />
gestalten können und eine Verantwortung bei der Stimmabgabe<br />
haben.
</p>
<p>
<b>Madface:</b> Sind Sie von den Gewerkschaften enttäuscht,<br />
weil diese sich bei der kommenden Bundestagswahl diesmal nicht eindeutig<br />
für die SPD aussprechen wollen?
</p>
<p>
<b>Ute Vogt:</b> Mich hat mehr enttäuscht, dass<br />
einige Gewerkschaftsfunktionäre die positiven Leistungen, wie<br />
die Absicherung der Tarifautonomie, die Ausweitung der Mitbestimmung<br />
und den Erhalt des Kündigungsschutzes überhaupt nicht<br />
erwähnen. Eine Wahlempfehlung müssen überparteiliche<br />
Gewerkschaften nicht geben. Aber meine Erwartung ist schon, dass<br />
die Regierung, die gewährleistet, dass Gewerkschaften nicht<br />
in ihrer Substanz geschwächt werden, nicht so bekämpft<br />
wird wie das zum Teil der Fall war.
</p>
<p>
<b>derWolter:</b> Die Linke in Deutschland ist mal wieder<br />
dumm genug, sich selbst in Knie zu schießen. Die Linkspartei<br />
will die SPD für ihre Reformen abstrafen und bereitet damit<br />
Angela Merkel den Weg ins Kanzleramt, womit die Reformen noch deutlich<br />
schärfer werden. Wie will die SPD im Wahlkampf darauf reagieren?
</p>
<p>
<b>Ute Vogt:</b> Der Zusammenschluss von PDS und Freunden<br />
hat nur die Funktion, Proteststimmen zu sammeln. Wir wollen uns<br />
bemühen, um die Wählerinnen und Wähler zu werben,<br />
um klar zu machen, dass man mit einer Wahlentscheidung jemandem<br />
auch Macht und Vertrauen in die Hand gibt. Zwei Führungsfiguren<br />
wie Gysi und Lafontaine, die beide gezeigt haben, dass sie dann<br />
davon laufen, wenn sie wirklich gestalten müssen, haben solches<br />
Vertrauen nicht verdient.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Täuscht der Eindruck oder wirken<br />
die Sozialdemokraten derzeit gegenüber der Konkurrenz von Links<br />
recht hilflos?
</p>
<p>
<b>Ute Vogt:</b> Es ist für uns nicht einfach, der<br />
großen Medienaufmerksamkeit, die die beiden Führungsfiguren<br />
genießen, mit gleicher Macht entgegen zu treten. Das Phänomen<br />
wird sich aber sicher legen, wenn PDS und Anhängsel mal wirklich<br />
inhaltlich Farbe bekennen müssen. Derzeit lebt das Ganze noch<br />
davon, dass eben etwas Neues auf der Bühne geschieht.
</p>
<p>
<b>tacko:</b> Hallo Frau Vogt! Von Ihnen als Mitglied des Parteipräsidiums<br />
möchte ich gerne wissen, warum sich die SPD-Führenden<br />
so herablassend über Oskar Lafontaine äußern, ihn<br />
zum Teil persönlich niedermachen, anstatt sich inhaltlich mit<br />
ihm auseinanderzusetzen, wo die derzeitige SPD-Führung offenbar<br />
nicht viel entgegenzusetzen hat.
</p>
<p>
<b>Ute Vogt:</b> Ich habe von Oskar Lafontaine bislang<br />
außer Schmähreden noch nicht viel hören können.<br />
Konstruktive Vorschläge oder gar Lösungsansätze,<br />
die er früher ja durchaus entwickelt hat, sind heute nicht<br />
mehr zu finden. Die Enttäuschung über ihn liegt an dem<br />
Missbrauch unseres Vertrauens. Er war Parteivorsitzender und Finanzminister,<br />
er hat uns damals beide Ämter vor die Füße geworfen<br />
und ist geflohen, anstatt sich seiner Verantwortung zu stellen und<br />
zu gestalten.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Wenn die neue Linkspartei 8 oder 10<br />
Prozent bekommt, wird die SPD dieses neue Phänomen kaum dauerhaft<br />
ignorieren können, oder?
</p>
<p>
<b>Ute Vogt:</b> Da sie diese Prozentzahl nicht erreichen<br />
wird, muss man sich darauf nicht einlassen. Man kann mit Protesthaltung<br />
immer Unzufriedene aktivieren, wirkliches Vertrauen in der Breite<br />
zu schaffen gelingt damit nicht.
</p>
<p>
<b>Daniel_Sei:</b> Frau Vogt, haben Sie Oskar Lafontaines<br />
neuestes Buch gelesen? Da finden sich jede Menge konstruktiver Lösungsansätze.
</p>
<p>
<b>Ute Vogt:</b> Ich werde ihn sicherlich nicht auch<br />
noch finanziell unterstützen, indem ich seine Bücher kaufe.<br />
Ich kenne seine Reden, lese in der Zeitung, was er von sich gibt<br />
und habe bisher wirklich nichts entdeckt, was neu wäre und<br />
wirklich umsetzbar.
</p>
<p>
<b>Arc:</b> Hartz IV ist das Werk der SPD. Zwar von CDU/CSU toleriert.<br />
Was ist daran sozial? Die PDS und die Alternative Liste haben mehr<br />
für den „kleinen Mann“ übrig als die neoliberale<br />
SPD. Wodurch unterscheidet sich die SPD eigentlich von der bürgerlichen<br />
CDU?
</p>
<p>
<b>Ute Vogt:</b> Bei Hartz IV erhalten die Menschen einen<br />
Anspruch auf Vermittlung und viele erstmals einen Anspruch auf Qualifizierung<br />
und Fortbildung. Es ist sozial, wenn für Sozialhilfeempfänger<br />
wieder die Grundlagen geschaffen werden, dass sie sich überhaupt<br />
um einen Arbeitsplatz bewerben können. Die CDU will im Vergleich<br />
dazu die Gelder für aktive Arbeitsmarktpolitik zusammenstreichen.<br />
Die so genannte &quot;Linkspartei&quot; hat die Illusion, dass man<br />
staatliche Leistungen auf Dauer in der bisherigen Form finanzieren<br />
kann und dass man Menschen helfen würde, indem man sie in Abhängigkeit<br />
von staatlichen Leistungen hält.
</p>
<p>
<b>amir128:</b> Warum gestehen sich die Politiker nicht<br />
öffentlich ein, dass Arbeitsplätze von der Wirtschaft<br />
geschaffen werden und heutzutage kaum noch Einfluss seitens der<br />
Politik besteht? Stattdessen sollte die Außenpolitik hervorgehoben<br />
werden, die ja in den Augen der meisten Deutschen vorbildlich war.
</p>
<p>
<b>Ute Vogt:</b> Außenpolitik ist wirklich ein<br />
Feld, das in der öffentlichen Darstellung viel zu kurz kommt.<br />
Denn hätten Frau Merkel und Herr Stoiber die letzten Jahre<br />
regiert, wären wir an vorderster Front beim Irakkrieg dabei.<br />
Trotzdem muss das Thema Arbeit eine gleich große Rolle spielen,<br />
denn die Menschen wollen eben Antworten auf beides, Außen-<br />
und Innenpolitik. Richtig ist, dass Politik nur Rahmenbedingungen<br />
festlegt und nicht selbst Arbeitsplätze schafft. Das ist mit<br />
ein Grund, warum Franz Müntefering die Diskussion um die Verantwortung<br />
der Unternehmer für unser Land begonnen hat.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Frau Vogt möchte 2006 Ministerpräsidentin<br />
werden. Dazu mehrere Fragen:
</p>
<p>
<b>Ulinux:</b> Welche Chancen rechnen Sie sich im Landtagswahlkampf gegen<br />
Herrn Oettinger aus? Wird es nach der Bundestagswahl eine Trendwende<br />
bei den Landtagswahlen geben?
</p>
<p>
<b>Madface:</b> Rechnen Sie sich als Spitzenkandidatin<br />
der SPD in Baden-Württemberg wirkliche Chancen aus, Ministerpräsidentin<br />
zu werden?
</p>
<p>
<b>Daniel_Sei:</b> Wie hoch schätzen sie Ihre Chancen<br />
ein, in Baden-Württemberg Ministerpräsidentin zu werden?<br />
Wie verstehen Sie sich mit dem dortigen SPD-Politiker Ulrich Maurer,<br />
der ein heftiger Kritiker der rot-grünen Regierungspolitik<br />
ist?
</p>
<p>
<b>Ute Vogt:</b> Die nordrhein-westfälische Landtagswahl<br />
hat gezeigt, dass es &#8211; für die SPD „leider“, in<br />
diesem Fall &#8211; keine Stammländer für einzelne Parteien<br />
mehr gibt. Deshalb gilt auch für Baden-Württemberg: Vor<br />
jeder Wahl müssen alle das Vertrauen der Bürgerinnen und<br />
Bürger neu erringen. Mit Günter Oettinger hat Baden-Württemberg<br />
einen Ministerpräsidenten, der in seiner Person und mit seinem<br />
Verhalten einen totalen Gegensatz zu mir darstellt. Und deshalb<br />
haben die Wähler hier eine richtige Auswahl.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Zum Abschluss noch mal 2 Fragen zur<br />
Reichensteuer mit ähnlichem Zungenschlag:
</p>
<p>
<b>Human:</b> Besteht nicht die Gefahr bei der höheren<br />
Besteuerung der Reichen, dass die Steuerflucht noch mehr steigt?
</p>
<p>
<b>Helge:</b> Frau Vogt, Sie glauben also im Ernst daran, dass eine „Reichensteuer“<br />
nicht im Geringsten dafür sorgen wird, dass die Leute, die<br />
die meisten Steuern bezahlen, nicht vertreiben werden. In einer<br />
globalisierten Welt, in der es kein Problem ist mal eben seinen<br />
Wohnsitz in ein anderes Land zu verlegen?
</p>
<p>
<b>Ute Vogt:</b> Man muss ja die Dimension auch nicht<br />
höher ansetzen als sie wirklich ist. Mit einem Aufschlag von<br />
drei Prozent mehr wird niemand überstrapaziert. Und ich denke,<br />
wer als Privatmann Steuerflucht begehen will, hat heute schon seinen<br />
Auslandssitz, die anderen werden sicher ihren Beitrag auch jetzt<br />
noch leisten, wenn er ein klein wenig höher ist als früher.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Unsere 60 Minuten Politik-Chat sind<br />
um. Vielen Dank für das große Interesse. Herzlichen Dank<br />
an Sie, Frau Vogt, dass Sie sich die Zeit für den Chat genommen<br />
haben! Das Chat-Protokoll finden Sie wie immer auf den Seiten der<br />
Veranstalter. Der nächste Chat findet am Mittwoch, den 6. Juli<br />
von 13 bis 14 Uhr statt. Zu Gast ist dann Bundesgesundheitsministerin<br />
Ulla Schmidt.
</p>
<p>
<b>Ute Vogt:</b> Herzlichen Dank für die vielen<br />
und vielfältigen Fragen. Ich hoffe, Sie bleiben an Politik<br />
interessiert und informieren sich nicht nur weiter regelmäßig<br />
im Netz, sondern auch auf vielen politischen Veranstaltungen. Ich<br />
bin überzeugt, wer gut informiert ist, kann gar nicht anders,<br />
als der jetzigen Regierung weiter die Zustimmung zu geben.
</p>
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