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	<title>Michael Müller &#8211; politik-digital</title>
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	<title>Michael Müller &#8211; politik-digital</title>
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	<item>
		<title>&#8220;Unser Jahrhundert kann zu einem Jahrhundert der Ressourcenkriege werden&#8221;</title>
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		<dc:creator><![CDATA[mullrich]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 12 Jul 2006 23:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Chattranscripte]]></category>
		<category><![CDATA[Bundespolitik]]></category>
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		<category><![CDATA[Kernenergie]]></category>
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					<description><![CDATA[<p class="normal">
<b><span style="font-size: x-small">Am Donnerstag, 13. Juli, 
war Michael Müller, Parlamentarischer Staatssekretär im 
Bundesumwelt-ministerium, zu Gast im tagesschau-Chat <span style="font-size: x-small">in 
Kooperation mit politik-digital.de. Er stellte sich den Fragen der 
Nutzer zu der Besteuerung von Öko-Kraftstoffen, der Zukunft 
der Atomenergie und alternativer Energiegewinnung.</span></span></b>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p class="normal">
<b><span style="font-size: x-small">Am Donnerstag, 13. Juli,<br />
war Michael Müller, Parlamentarischer Staatssekretär im<br />
Bundesumwelt-ministerium, zu Gast im tagesschau-Chat <span style="font-size: x-small">in<br />
Kooperation mit politik-digital.de. Er stellte sich den Fragen der<br />
Nutzer zu der Besteuerung von Öko-Kraftstoffen, der Zukunft<br />
der Atomenergie und alternativer Energiegewinnung.</span></span></b><!--break-->
</p>
<p class="normal">
<b><b>Moderator:</b></b> Liebe Chatter, heute<br />
ist Michael Müller zu uns ins ARD-Hauptstadtstudio gekommen.<br />
Er ist Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesumweltministerium.<br />
Entsprechend sind Fragen zu den Themen Umwelt und Energie bei ihm<br />
goldrichtig aufgehoben. Wir versuchen wie immer, so viele Fragen<br />
wie möglich zu berücksichtigen. Herr Müller, können<br />
wir loslegen?
</p>
<p>
<b><b>Michael Müller:</b></b> Gerne.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Die Beziehungen zwischen Russland und den USA seien<br />
auf dem Tiefpunkt angekommen, schreibt der SPIEGEL. Es geht vor<br />
allem um das neue Selbstbewusstsein, das Russland aus seinen riesigen<br />
Öl- und Gasvorkommen bezieht. Droht der Welt eine ähnliche<br />
Konfrontationslage wie zu Zeiten des Kalten Krieges und kann daraus<br />
sogar ein „warmer“ Krieg werden?
</p>
<p>
<b>Michael Müller:</b> Es sind viele sehr ernsthafte Politiker und<br />
Wissenschaftler, die davor warnen, dass unser Jahrhundert zu einem<br />
Jahrhundert der Ressourcenkriege werden kann. Man muss sehen, dass<br />
es dazu viele Vorwarnungen gibt. 1979 hat der damalige US-Präsident<br />
Carter versucht, seinem Land ein vergleichsweise bescheidenes Einsparprogramm<br />
bei Öl zu diktieren. Er ist gescheitert und eine Konsequenz<br />
daraus war, dass er eine Direktive zur Bildung einer Nahost-Einsatztruppe<br />
zur Sicherung von Öl erlassen hat. Der erste Chef dieser Truppe<br />
war General Schwartzkopf, der 1991 Oberbefehlshaber im Golfkrieg<br />
war. Und schließlich ist heute in der NATO-Doktrin die Sicherung<br />
von Rohstoffquellen auch ein Auftrag. Selbst im Entwurf des Weißbuchs<br />
der Bundeswehr hat Verteidigungsminister Jung herein schreiben lassen,<br />
dass die Bundeswehr auch zur Sicherung von Rohstoffquellen zur Verfügung<br />
stehen soll. Dies ist eine dramatische Zuspitzung. Ich bin dafür,<br />
dass vor allem die EU mit Russland, das in der Tat zu einer neuen<br />
Supermacht wegen seiner Rohstoffquellen aufsteigt, eine strategische<br />
Partnerschaft beginnt. Ziel muss es sein, dass die Westeuropäer<br />
intelligente Nutzungs- und Effizienztechnologien zum schonenden<br />
Abbau von Rohstoffen liefern und im Gegenzug Russland Versorgungssicherheit<br />
garantieren.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Sie können ja das Weißbuch als Leitlinie<br />
scheitern lassen.
</p>
<p>
<b>Michael Müller:</b> Ich habe schon mehrfach öffentlich erklärt,<br />
dass ich das für grundfalsch halte, was da im Weißbuch<br />
steht. Es geht aber um die Grundfrage, ob die sich zuspitzenden<br />
Energie- und Rohstofffragen militärisch oder zivil gelöst<br />
werden. Im Augenblick überwiegt eher die militärische<br />
Komponente.
</p>
<p>
<b>JPF:</b> Warum ist die Mehrwertsteuer so hoch bei<br />
den Spritpreisen?
</p>
<p>
<b>Michael Müller:</b> Die Mehrwertsteuer ist generell und hat nichts<br />
mit dem Spritpreis zu tun. Damit ist aber wohl gemeint, ob es nicht<br />
zu viele Belastungen der öffentlichen Hand auf den Spritpreis<br />
gibt. Unabhängig davon, dass in Westeuropa der Spritpreis überall<br />
relativ gleich ist, muss man davon ausgehen, dass auch unabhängig<br />
vom staatlichen Anteil die Energiepreise steigen werden. Heute liegt<br />
der Barrelpreis Öl bei 75 US-Dollar, das war vor zwei Jahren<br />
noch völlig undenkbar. Nun müssen wir davon ausgehen,<br />
dass er sogar bis 200 US-Dollar ansteigen kann in den nächsten<br />
Jahrzehnten. Deshalb müssen endlich spritschonendere Fahrzeuge<br />
auf den Markt. Es kann nicht sein, dass wir zwar zum Teil effizientere<br />
Motoren haben, aber der Benzinverbrauch trotzdem kaum sinkt, weil<br />
die Autos immer schwerer werden und immer mehr Nebeneinrichtungen<br />
haben. Hier ist jetzt vor allem die Automobilindustrie am Zuge,<br />
mindestens das Fünf-Liter-Auto auf den Markt zu bringen.
</p>
<p>
<b>Leutselig: </b>Sprit ist eh schon teuer genug, warum<br />
wird er nicht von der Mehrwertsteuererhöhung ausgenommen –<br />
das wäre doch ein faires Signal von der Bundesregierung an<br />
den Verbraucher?
</p>
<p>
<b>Michael Müller:</b> Erstens wäre es europarechtlich gar nicht<br />
machbar und zweitens löst es nicht das Kernproblem, dass wir<br />
wegkommen müssen von dem hohen Ölverbrauch. Das Umweltministerium<br />
wird stattdessen und das wird sich auch für den Verbraucher<br />
auszahlen, schrittweise den Anteil der Biokraftstoffe erhöhen.<br />
Unser Ziel ist es, in den nächsten 15 Jahren auf einen Anteil<br />
von 10-12 Prozent zu kommen.
</p>
<p>
<b>Udo Schuldt:</b> Sie gelten als Förderer des<br />
Bio-Diesels. Alle deutschen Agrarflächen reichen aber nicht<br />
aus, um genug Bio-Diesel für alle deutschen Kfz zu produzieren.<br />
Nun soll z.B. Palmöl aus der Dritten Welt&quot; importiert<br />
werden. Für die Palmölproduktion werden aber Naturwälder<br />
abgeholzt. Ist das sinnvoll?
</p>
<p>
<b>Michael Müller:</b> Nein, überhaupt nicht. Das ist auch nicht<br />
mein Weg. Es geht darum, einerseits reine Biokraftstoffe zu fördern.<br />
Dazu müssen entsprechende ökologisch vertretbare Rahmenbedingungen<br />
gesetzt werden. Und andererseits müssen industrielle Beimischungsformen<br />
gefunden werden. Es darf auf keinen Fall dazu kommen, dass die Strategie<br />
&quot;Weg vom Öl&quot; heißt, die Ausbeutungsspirale<br />
für die indigenen Völker noch weiter zu verschärfen.<br />
Für mich gehören beispielsweise die Urwälder zum<br />
gemeinsamen Erbe der Menschheit und müssen deshalb im Interesse<br />
aller Menschen geschützt werden.
</p>
<p>
<b>ÖkoAir:</b> Keine Steuerprivilegien mehr für<br />
Öko-Kraftstoffe, aber für Kerosin? Seit wann ist eigentlich<br />
das Flugzeug das umweltfreundlichste Verkehrsmittel?
</p>
<p>
<b>Aral:</b> Wird das Steuerprivileg für Öko-Kraftstoffe<br />
definitiv fallen?
</p>
<p>
<b>Michael Müller:</b> Wir haben im Augenblick eine Situation, dass<br />
wir von der EU, also von Brüssel, aufgefordert sind, eine angebliche<br />
Privilegierung von Ökokraftstoffen zu beenden. Deshalb sind<br />
wir auch in Verhandlungen mit der EU, weil wir eine Privilegierung<br />
des Ökokraftstoffs wollen, weil er sich nur so am Markt durchsetzen<br />
kann. Derzeit haben wir eine Regelung, die bis zum Jahre 2013 geht.<br />
Sie muss aus meiner Sicht Ende des Jahrzehnts überprüft<br />
und möglichst verlängert werden. Die Steuerbefreiung für<br />
Kerosin ist und bleibt eine ökologische Sünde, für<br />
deren Beseitigung wir allerdings europäische Regeln brauchen.<br />
Die Finanzminister beraten über eine solche Regelung. Allerdings<br />
habe ich nicht den Eindruck, dass das alle mit Nachdruck tun. Im<br />
Übrigen kann man auch selbst etwas dazu tun. Wir haben deshalb<br />
die Aktion &quot;AtmosFair&quot; gestartet, wo die Benutzer von<br />
Flugzeugen in einen Fonds einzahlen, aus dem wir ökologische<br />
Maßnahmen finanzieren.
</p>
<p>
<b>GTI:</b> Welche Vorteile hat die Beimischung von Biosprit<br />
eigentlich?
</p>
<p>
<b>Michael Müller:</b> Sie senkt, das ist wohl das Wichtigste, ganz<br />
eindeutig den CO2-Gehalt. Wir kommen etwa auf eine Reduzierung von<br />
10-12 Prozent CO2. Außerdem ist es der richtige Schritt zu<br />
größerer Unabhängigkeit einerseits von den großen<br />
Ölkonzernen und andererseits von den Förderländern.<br />
Das ist allerdings nur relativ.
</p>
<p>
<b>TiDE:</b> Ist das Problem bei dem Spritverbrauch der<br />
Autos nicht auch, dass zwar sparsamere Fahrzeuge auf den Markt kommen,<br />
aber keine Nachfrage besteht (siehe VW Lupo)? In den letzten Jahren<br />
ist meines Wissens der konstante durchschnittliche Spritverbrauch<br />
auf steigende PS-Zahlen zurückzuführen &#8211; wie kann man<br />
ein Umdenken in der Bevölkerung stützen?
</p>
<p>
<b>Michael Müller:</b> Es ist richtig, dass auch die Firmen zu wenig<br />
tun, um den sparsamen Autos eine Massenproduktion zu geben. Sie<br />
sind in der Regel vergleichsweise teuer. Autos sind heute höchst<br />
ineffizient, bei Ottomotoren unter 20Prozent der eingesetzten Energie.<br />
Die wesentlichen Faktoren, dass der Spritverbrauch nur langsam sinkt,<br />
sind folgende drei: 1. Höhere PS-Zahlen, 2. immer mehr Zusatzeinrichtungen,<br />
die relativ viel Benzin verbrauchen &#8211; so z.B. eine Klimaanlage mehr<br />
als ein Liter auf 100 Kilometer &#8211; und 3. höhere Gewichte der<br />
Fahrzeuge.
</p>
<p>
<b>Dr. Klaus:</b> Weshalb schafft der Staat nicht Anreize<br />
für die Unternehmen, Automobile, die unhabhängig vom Öl<br />
sind, auf den Markt zu bringen?
</p>
<p>
<b>Michael Müller:</b> Anreize werden geschaffen, allerdings brauchen<br />
sie auch eine entsprechende Infrastruktur. Wir haben gewaltige Möglichkeiten,<br />
sparsame Fahrzeuge zu entwickeln, auch Hybrid-Fahrzeuge, künftig<br />
auch Fahrzeuge mit Brennstoffzelle. Aber wir haben leider keine<br />
ausreichende Bereitschaft bei großen Automobilunternehmen,<br />
diesen Weg auch mitzugehen. Ein Beispiel ist die Auseinandersetzung<br />
zwischen der deutschen Umwelthilfe und Daimler-Chrysler über<br />
den Smart. Mir scheint es interessant zu sein, was 2008 passiert.<br />
Dann muss nämlich die Automobilwirtschaft eingestehen, dass<br />
sie ihre Selbstverpflichtungs-Ziele nicht einhalten wird. Sie hat<br />
zugesagt, die Emissionen auf 140g CO2 zu begrenzen. Tatsächlich<br />
gibt es aber nur ganz wenige Fahrzeuge, die diesen Wert erreichen.
</p>
<p>
<b>Weltbürger:</b> Sind hohe Spritpreise nicht sinnvoll<br />
um die Erderwärmung durch Treibhausgase aus Automotoren zu<br />
schützen?
</p>
<p>
<b>Michael Müller:</b> Der Verkehrssektor verursacht etwa 22-24 Prozent<br />
an den Erwärmungstendenzen der Erde. Entscheidend ist aber<br />
das Wachstum des Autosektors, so dass der Anteil stark zunehmen<br />
wird. Die Klimafrage ist viel problematischer als sie im Augenblick<br />
öffentlich debattiert wird. Nach den neuen Erkenntnissen der<br />
Wissenschaft wird vor allem Europa stark betroffen sein von den<br />
Prozessen, die im Nordatlantik ablaufen. So ist beispielsweise die<br />
Klimasensibilität über Grönland vier- bis fünfmal<br />
höher als im Weltdurchschnitt. Das heißt, wenn es im<br />
Schnitt auf der Erde, wie die UNO prognostiziert, bis zum Ende dieses<br />
Jahrhunderts 2,5° C wärmer wird, dann heißt das,<br />
über Grönland kann es weit über 10° C wärmer<br />
werden. Eine Erwärmung um mehr als 10°C heißt aber,<br />
dass Grönland eisfrei wird. Und eine Eisfreiheit von Grönland<br />
bedeutet langfristig einen Anstieg des Meeresspiegels um drei Meter.<br />
Deshalb brauchen wir vor allem auch im Mobilitätssektor den<br />
Kraftakt, die Emissionen drastisch zu verringern. Das erreichen<br />
wir nicht alleine durch höhere Spritpreise, sondern dafür<br />
müssen sehr viel mehr Alternativen zum Auto aufgezeigt werden<br />
und andererseits neue technische Möglichkeiten eingesetzt werden.
</p>
<p>
<b>ottoessig:</b> USA und England wollen weitere AKWs<br />
errichten. Wie lange wird die Große Koalition, die ja von<br />
einer CDU-Kanzlerin geführt ist und die bekanntlich dem Atomausstieg<br />
eher skeptisch entgegensteht, dagegenhalten?
</p>
<p>
<b>Sven Bock: </b>Wird auch in Europa der Bau von neuen<br />
Atomkraftwerken wieder Thema, wenn die USA und England welche bauen<br />
wollen?
</p>
<p>
<b>Michael Müller:</b> Es ist leider wieder ein Thema geworden. Wobei<br />
ich allerdings nicht sehe, dass in Großbritannien und USA<br />
neue Kraftwerke gebaut werden. In beiden Ländern formiert sich<br />
starker Widerstand. Großbritannien war das Pionierland der<br />
zivilen Atomnutzung, dort wurde 1956 in Calderhall der erste Reaktor<br />
mit 35 MW in Betrieb genommen. Er wurde vor einigen Jahren still<br />
gelegt, was übrigens auch das Gerede von 60 Jahren Laufzeit<br />
als Geschwätz entlarvt. Es gibt keinen Reaktor auf der Welt,<br />
der bisher auch nur 50 Jahre erreicht hat. Weshalb deshalb CDU-Ministerpräsidenten<br />
in Deutschland Laufzeiten von 60 Jahren fordern, zeugt nur von Unkenntnis.<br />
In den USA ist seit 1978 kein Kraftwerk mehr gebaut worden und in<br />
allen Bundesstaaten gibt es mehrheitlich eine Ablehnung. Im Übrigen<br />
ist das Entsorgungsproblem gerade in den USA dramatisch.
</p>
<p>
<b>scheringmeetseon:</b> Wer ist eigentlich schlimmer:<br />
Die Strom- oder die Pharmalobby?
</p>
<p>
<b>Michael Müller:</b> Jeder für sich und beide zusammen. Im<br />
Ernst: Es geht darum, ob ein altes, überholtes Denken auch<br />
in die Zukunft fortgesetzt wird. Der Bau großer Kraftwerke,<br />
die letztlich nur das Ziel haben, möglichst viel Strom zu verbrauchen,<br />
das war die Vergangenheit. Heute geht es um die intelligente Vernetzung<br />
von effizienten Energietechniken, um mit möglichst wenig Energieeinsatz<br />
die gewünschte Leistung zu erzielen. Deshalb muss man sehen,<br />
dass wir jetzt an einem Scheidepunkt sind, denn in den nächsten<br />
20 Jahren gehen fast zwei Drittel der bisherigen Kraftwerke vom<br />
Netz. Wenn sie nur eins zu eins ersetzt werden, dann schreiben wir<br />
bis weit über die Mitte dieses Jahrhunderts eine überholte<br />
Energiestruktur fest. Jetzt muss der Sprung in die erneuerbaren<br />
und in die Effizienzrevolution gemacht werden.
</p>
<p>
<b>Pronature:</b> Warum setzen die Energieversorger eigentlich<br />
nach der Kernkraft vor allem auf umweltschädliche Kohlekraftwerke?<br />
Müsste man dem nicht einen Riegel vorschieben? Es gibt doch<br />
Alternativen!
</p>
<p>
<b>Michael Müller:</b> Die Alternativen habe ich ja genannt. Schon<br />
mit heutiger Technik können wir in Deutschland den Energieumsatz<br />
um rund 40% verringern. Durch einen bewußteren Umgang mit<br />
Energie, also Einsparen, können weitere 5-10% minimiert werden.<br />
Und im Strombereich werden wir wahrscheinlich bis zum Jahre 2020<br />
den Anteil der Solarenergie auf 25% steigern. Das sind gute Leistungen.<br />
Insofern geht es nicht um die Frage nach Alternativen, sondern um<br />
die Macht, diese Alternativen auch durchsetzen zu können. Ich<br />
hoffe, dass wir in den nächsten drei Jahren wenigstens ein<br />
paar Schritte in diese Richtung machen können.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Sie haben also die Macht nicht und müssen nach<br />
der Pfeife der Konzerne tanzen?
</p>
<p>
<b>Michael Müller:</b> Nein, wir kämpfen um die Macht. Aber<br />
es ist nun schließlich keine neue Erkenntnis, dass vor allem<br />
die Global Player mit ihrer Interessenpolitik auch eine hohe Durchsetzungsmacht<br />
haben. Am liebsten wäre mir aber, wenn diese großen Unternehmen<br />
mit ihren gewaltigen Möglichkeiten sich an die Spitze einer<br />
Energiewende stellen. Dies würde sich schon mittelfristig auf<br />
den Zukunftsmärkten und durch mehr Beschäftigung auszahlen.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Aber noch mal ganz klar: Wir bräuchten die Kohlekraftwerke<br />
nicht?
</p>
<p>
<b>Michael Müller:</b> Unter den fossilen Energieträgern hat<br />
die Kohle die längste Reichweite. Insofern wird sie im Übergang<br />
zum solaren Zeitalter auch noch am längsten genutzt. Aber für<br />
mich ist nicht die entscheidende Frage, ob Kohle, Gas oder Öl,<br />
schon gar nicht ob Uran, die kürzeste Reichweite hat, sondern<br />
unter welchen Bedingungen kann ich am schnellsten den Sprung in<br />
die Einspar- und Solarwirtschaft verwirklichen. Wir sind leider<br />
immer noch zu sehr von der Debatte über Optionen oder Energiemix<br />
geprägt. Das ist ein Teil des alten Denkens. Das neue Denken<br />
lautet: Wie kann ich den Energieeinsatz absolut und möglichst<br />
drastisch absolut senken, ohne dabei hohe Emissionen zu haben, die<br />
das Klima und die Umwelt schädigen.
</p>
<p>
<b>Tapier:</b> Guten Tag, wird der Ausbau der Kraft-Wärme-Kopplung<br />
(KWK) durch die Großkonzerne verhindert?
</p>
<p>
<b>Michael Müller:</b> Sie erschweren ihn zumindest. Es gehörte<br />
auch in den letzten zehn Jahren zum Kampf der Politik gegen die<br />
großen Unternehmen, den Anteil der KWK deutlich zu erhöhen.<br />
Wir sind beispielsweise weit hinter dem zurück, was die Niederlande<br />
oder Dänemark haben. Zuständig für diesen Bereich<br />
ist das Wirtschaftsministerium. Wir freuen uns schon auf die Debatte<br />
über die Novellierung des KWK-Gesetzes, die nach der Sommerpause<br />
beginnen wird.
</p>
<p>
<b>Pedro:</b> Die Technik ist da aber der Wille der Industrie,<br />
diese auch einzusetzen, nicht existent. Wie wollen Sie die Großindustrie<br />
überzeugen? Ausschließlich durch steuerliche Anreize?<br />
Ist das nicht auch überholtes Denken?
</p>
<p>
<b>Michael Müller:</b> Wir machen ja gar keine steuerlichen Anreize,<br />
sondern wir haben ein Umlagesystem entwickelt, das deshalb schon<br />
nicht überholt sein kann, weil 46 Staaten der Erde dieses Förderinstrumentarium<br />
übernommen haben. Weltweit gilt die Bundesrepublik mit ihrem<br />
Gesetz zur Förderung erneuerbarer Energien als vorbildlich.<br />
Die Großindustrie hätte das gerne geändert, aber<br />
wir haben &#8211; insbesondere durch ein Bündnis mit kleinen und<br />
mittleren Unternehmen- sowie zunehmend mit der Landwirtschaft, eine<br />
Brandmauer errichtet, dass diese Förderung so schnell nicht<br />
mehr beendet werden kann.
</p>
<p>
<b>DaDon:</b> Wird die Kohle nicht durch Subventionen<br />
künstlich konkurrenzfähig gehalten?
</p>
<p>
<b>Periander: </b>Wenn die Regierung nicht mehr auf Kohlekraftwerke<br />
setzt, warum werden diese dann noch subventioniert?
</p>
<p>
<b>Michael Müller:</b> In der Zwischenzeit sind die Unterstützungsmittel<br />
für Kohle deutlich zurückgegangen &#8211; schon in den letzten<br />
sieben Jahren. Wir werden den Umbau weiter forcieren und es kann<br />
auch sein, dass, wenn Kohle eingesetzt wird, dies nur in Verbindung<br />
mit effizienten Techniken geschieht. Entscheidend ist aber auch,<br />
dass der Ausstieg aus der Kohle auf jeden Fall teuer kommt. Selbst<br />
ein Sofortausstieg hätte erhebliche Belastungen. So haben wir<br />
einen Weg eingeschlagen, der das Auslaufen markiert, aber zugleich<br />
Raum schafft für neue Technologien, so dass wir nicht schlagartig<br />
Kohle beispielsweise durch Öl oder Gas und schon gar nicht<br />
durch Atom ersetzen müssten. Natürlich muss man über<br />
die Umweltbelastungen der Kohle umfassend reden. Aber man darf nicht<br />
vergessen, dass auch die anderen fossilen Energieträger mit<br />
erheblichen Emissionen verbunden sind. Deshalb, wie gesagt, geht<br />
es nicht um einen Austausch von Energieträgern, sondern um<br />
eine Umbaustrategie ins solare Zeitalter.
</p>
<p>
<b>Dr. Klaus:</b> Was halten Sie davon, dass Russland<br />
künftig die Pipeline nach Asien fertig gestellt haben wird.<br />
Wird es dann boomartig mit den Ölpreisen explizit für<br />
Deutschland nach oben gehen?
</p>
<p>
<b>Michael Müller:</b> Erst einmal bin ich froh, dass nicht zuletzt<br />
durch unseren Einsatz verhindert werden konnte, dass die Pipeline<br />
den größten Süßwassersee, den Baikalsee nicht<br />
schneidet, wie das ursprünglich vorgesehen war. Die Trasse<br />
wurde verlegt, so dass die Umweltgefahren deutlich verringert wurden.<br />
Man muss aber sehen, dass Präsident Putin auf zwei Schultern<br />
trägt. Auf der europäischen wie der asiatischen. Auch<br />
wenn die Sympathien überwiegend in Richtung Westeuropa gehen,<br />
ist eine Umorientierung in Richtung Asien nicht auszuschließen.<br />
Auch deshalb die Idee mit der Rohstoffpartnerschaft mit Russland,<br />
über die ich geredet habe. Russland ist zurück auf dem<br />
Weg zu einer Supermacht, denn noch immer ist nicht bekannt, wie<br />
groß die Naturschätze in Sibirien sind. Und Russland<br />
arbeitet mit aller Kraft daran, diese Zukunftsressourcen nutzbar<br />
zu machen. Ein Beispiel: Die Stadt Tomsk, wo der Ölkonzern<br />
Yukos angesiedelt ist, hat 500.000 Einwohner, aber sie hat dort<br />
rund 120.000 Studenten, die mit aller Kraft an der Entwicklung dieses<br />
ungehobenen Schatzes arbeiten. Ich kann deshalb nur raten, im Sinne<br />
des KSZE-Gedankens eine, auch aus ökologischen Gründen<br />
höchst wichtige Partnerschaft mit Russland, zu vertiefen.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Gasprom profitiert vom freien Markt in der EU, geriert<br />
sich selbst aber als Staatsmonopolist &#8211; ein Thema für den G<br />
8 &#8211; Gipfel am Wochenende?
</p>
<p>
<b>Michael Müller:</b> Es gibt in der Zwischenzeit zahlreiche Debatten<br />
über die Rolle von Gasprom. In der Tat ist es zum Teil eine<br />
merkwürdige Mischung zwischen Staatskonzern und autoritärem<br />
Kapitalismus. Umso wichtiger ist es, mit diesen Unternehmen den<br />
Kontakt zu suchen und auch geordnete Bahnen in der Geschäftspolitik<br />
zu erreichen. Das ist zweifellos eine gewaltige Aufgabe, aber es<br />
gibt ein wechselseitiges Interesse. Gasprom braucht effiziente Techniken<br />
um den Wohlstand auf Dauer zu sichern und Russland muss sich zunehmend<br />
Sorgen machen über die Erwärmungsprozesse in den Permagebieten.<br />
Dort kann sich eine gewaltige ökologische Katastrophe anbahnen,<br />
wenn nicht die Verbindung zwischen Rohstoffreichtum und schonender<br />
Nutzung erreicht wird.
</p>
<p>
<b>DanielSei:</b> Apropos Gasprom, wie stehen Sie zum<br />
Wechsel von Gerhard Schröder in den Aufsichtsrat von Gasprom?<br />
Und in diesem Zusammenhang auch zu dem Wechsel von Caio Koch-Weser<br />
zur Deutschen Bank, nachdem er als Staatssekretär dieser Bank<br />
über eine ungewöhnliche Bundesbürgschaft einen risikofreien<br />
Kreditgewinn verschaffte?
</p>
<p>
<b>Michael Müller:</b> Das muss sicherlich jeder selber entscheiden.<br />
Aber mir ist es beispielsweise lieber, Gerhard Schröder ist<br />
Vorsitzender des Aufsichtsrats der Beteiligungsgesellschaft, als<br />
einer der nur harte wirtschaftliche Interessen durchsetzt. Doch<br />
mit diesen Personaldebatten lenken wir doch von etwas anderen ab,<br />
nämlich dass es keine europäische Strategie in der Energiepolitik<br />
gibt.
</p>
<p>
<b>Stephan:</b> Mal angenommen die Bahn ist Kapitalmarktfähig.<br />
Wieso muss sie denn an die Börse?
</p>
<p>
<b>poet:</b> Was halten Sie vom Vorhaben der Privatisierung<br />
der Bahn, auch wenn dadurch ein Abbau in der Fläche und steigende<br />
Autonutzung verbunden sind (Ölzeitalter zu Ende)?
</p>
<p>
<b>Michael Müller:</b> Wir werden nach der Sommerpause sehr intensiv<br />
über den geplanten Börsengang der Bahn beraten. Im Augenblick<br />
stehen unterschiedliche Modelle zur Diskussion, insbesondere in<br />
der Frage, ob es auch eine Privatisierung des Netzes gibt, oder<br />
ob es in öffentlicher Kontrolle bleiben soll. Da kann ich Ihnen<br />
im Augenblick nicht sagen, wie diese Debatte aussehen wird. Auf<br />
jeden Fall müssen die politischen Rahmenbedingungen so aussehen,<br />
dass nicht nur betriebswirtschaftliche Gründe bei der Bahn<br />
ausschlaggebend sind, sondern auch Ziele des Allgemeinwohls, wie<br />
zum Beispiel Erreichbarkeit in der Fläche und ökologische<br />
Verträglichkeit des Gesamtverkehrs.
</p>
<p>
<b>holger3:</b> Zurück zur Einstiegsfrage: Ist es<br />
nicht so, dass die Staaten der EU selbst die militärische Sichtweise<br />
auf das globale Energieproblem vorantreiben und damit die Gefahr<br />
der beschriebenen Ressourcenkriege erhöhen? Welche Möglichkeiten<br />
sehen Sie, zu einer mehr partnerschaftlichen Sichtweise auf die<br />
Staaten der Ditten Welt zurückzukehren und die &quot;Falken&quot;<br />
des Westens zu bändigen?
</p>
<p>
<b>Michael Müller:</b> Dies ist aus meiner Sicht der Grundkonflikt<br />
dieses Jahrhunderts: Ob es mit der Globalisierung zu einer unilateralen<br />
Welt kommt, in der sich die Spirale von Gewalt und militärischen<br />
Reaktionen immer schneller dreht, weil wir nicht fähig sind,<br />
kulturell, sozial und ökonomisch den Herausforderungen einer<br />
zusammenwachsenden Welt gerecht zu werden. Oder es gibt, ähnlich<br />
wie im Modell der EU, eine Regionalisierung der Weltwirtschaft,<br />
eine Welt der Vielfalt und Kooperation, in der bei aller Notwendigkeit<br />
der Zusammenarbeit der Freiraum für eigene Wege gewahrt bleibt.<br />
Dieser Grundkonflikt wurde auch im Irakkonflikt unter dem Stichwort<br />
&quot;Altes Europa&quot; thematisiert. Ich hoffe, dass das alte<br />
Europa noch so viel Kraft hat, sein historisches Erbe neu zu begründen.<br />
Dieses historische Erbe ist das Modell der sozialen Demokratie und<br />
kooperativen Zusammenarbeit, dass sich hart abgrenzt sowohl von<br />
einem autoritären Kapitalismus asiatischer Prägung als<br />
auch dem &quot;Laisser-faire&quot;- Kapitalismus marktradikaler<br />
Ausrichtung auf die Wallstreet.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Das waren 60 Minuten tagesschau-Chat. Herzlichen Dank<br />
an alle, die sich beteiligt haben und die Bitte um Verständnis<br />
an jene, deren Frage wir nicht berücksichtigen konnten. Besonderen<br />
Dank an Michael Müller, dass er sich für uns Zeit genommen<br />
hat.
</p>
<p>
<b>Michael Müller:</b> Ich glaube dass der Grundkonflikt, der dieses<br />
Jahrhundert prägen kann, beschrieben wurde: Entweder es wird<br />
ein Jahrhundert der Gewalt oder ein Jahrhundert, in der aus meiner<br />
Sicht der ökologische Gedanke, die Verbindung von Ökonomie,<br />
soziales und Natur, sich durchsetzen kann. Bis zum nächsten<br />
Mal!
</p>
<p><!-- #EndEditable --></p>
<p>
<!-- Content --><br />
<span style="font-size: x-small"> </span></p>
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			</item>
		<item>
		<title>&#8220;Die Erneuerung der europäischen Demokratie kann nur in der Tradition des Demokratischen Sozialismus stehen.&#8221;</title>
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		<pubDate>Sun, 11 Sep 2005 23:00:00 +0000</pubDate>
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		<category><![CDATA[SPD]]></category>
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					<description><![CDATA[<p class="normal">
<b><b>Michael Müller, 
der stellv. SPD-Fraktionsvorsitzende und umweltpolitische Sprecher 
war am 12. September zu Gast im tacheles.02 Live-Chat von tagesschau.de 
und politik-digital.de. Koalitiosszenarien, Mehrheitsverältnisse, 
Energie- und Steuerpolitik wurden ausführlich dikutiert.</b></b>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p class="normal">
<b><b>Michael Müller,<br />
der stellv. SPD-Fraktionsvorsitzende und umweltpolitische Sprecher<br />
war am 12. September zu Gast im tacheles.02 Live-Chat von tagesschau.de<br />
und politik-digital.de. Koalitiosszenarien, Mehrheitsverältnisse,<br />
Energie- und Steuerpolitik wurden ausführlich dikutiert.</b></b><!--break-->
</p>
<p class="normal">
<b>Moderator:</b> Herzlich Willkommen<br />
zum tacheles.02-Chat. Die letzte Woche vor der Wahl in der sich<br />
so viele unentschlossene Wähler noch entscheiden sollen ist<br />
angebrochen. Zum Chat ist jetzt Michael Müller, SPD-Vizefraktionschef<br />
und bekannter SPD-Linker ins ARD-Hauptstadtstudio gekommen. Vielen<br />
Dank, dass Sie gekommen sind. Kann es losgehen?</p>
<p><b>Michael Müller:</b> Prima.</p>
<p><b>Moderator:</b> Herr Müller, eine Fortsetzung der<br />
rot-grünen Koalition ist so gut wie ausgeschlossen. Wie es<br />
auch am Wahltag aussieht, einen Kanzler Schröder wird es danach<br />
mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht geben. Wie<br />
geht man als Parteilinker damit um?</p>
<p><b>Michael Müller:</b> Nachdem was ich heute von<br />
der Forschungsgruppe Wahlen gehört habe, ist rot-grün<br />
nicht vollständig ausgeschlossen. Und wenn es nicht vollständig<br />
ausgeschlossen ist, kämpft man natürlich zuerst für<br />
das, was man für das Beste hält und das ist nun mal rot-grün.</p>
<p><b>09113758493: </b>Kann Schröder überhaupt<br />
besser regieren, wenn er die Wahl wider Erwarten gewinnen sollten<br />
und die Machtverhältnisse im Bund sich ja nicht verändert<br />
haben?</p>
<p><b>Michael Müller:</b> Diese Sichtweise halt ich<br />
für falsch. Denn erstens ist die Ausgangssituation so, dass<br />
eine Fortsetzung der bisherigen Koalition bis 2006 die Möglichkeit<br />
einer Zwei-Drittel-Mehrheit im Bundesrat bedeutet hätte. Dann<br />
wäre es zu einer totalen Blockade gekommen, weil der Bundestag<br />
alle wichtigen Gesetze mit Zwei-Drittel-Mehrheit hätte beschließen<br />
müssen. Zweitens kann sich bei den vier anstehenden Wahlen<br />
2006 einiges ändern. Und drittens &#8211; das Wichtigste &#8211; elf von<br />
sechzehn Ländern haben große Haushaltsprobleme, die betroffenen<br />
Unionsländer lassen sich sicher nicht noch 4 Jahre unter die<br />
Knute der Blockadestrategie des Konrad-Adenauer-Hauses nehmen. Insofern<br />
wird die Bundestagswahl einen Knoten aufbrechen.</p>
<p><b>robotron74: </b>Ganz richtig Herr Müller, Rot-Grün<br />
ist nicht ganz ausgeschlossen, da muss aber schon noch eine doppelte<br />
Flut kommen. Wenn nur die Große Koalition bleibt, macht die<br />
SPD-Linke ihrer Parteispitze dann genauso viel Ärger wie Schröder?</p>
<p><b>Michael Müller:</b> Erstens haben wir Schröder<br />
keinen Ärger gemacht, sondern Gesetze verbessert und zweitens<br />
kommt hoffentlich keine zweite große Flut. Und drittens gehört<br />
die Auseinandersetzung immer noch zur Demokratie. Im Gegenteil,<br />
uns fehlt oft die inhaltliche Auseinandersetzung.</p>
<p><b>DonCarlos:</b> Hat es eigentlich noch was mit politischer<br />
Aufrichtigkeit zu tun, wenn ein Neuankömmling in der Politik<br />
wie Kirchhof in Grund und Boden geredet, seine Vision bewusst falsch<br />
rezipiert und zu einer Negativkampagne missbraucht wird?</p>
<p><b>Michael Müller:</b> Erstens ist Herr Kirchhof<br />
kein Neuankömmling in der Politik, sondern steht schon seit<br />
Jahren in der öffentlichen Debatte. Zweitens halte ich seine<br />
Visionen nicht für reformerisch, sondern für erzkonservativ<br />
und restaurativ. Meines Erachtens steht auch kein steuerpolitisches<br />
Konzept dahinter, sondern der neokonservative Versöhnungsgedanke,<br />
der anders als früher durch die Orientierung auf einen Marktradikalismus,<br />
dass die Menschen auf sich selbst zurückfallen und Heimat,<br />
Familie und Nation wieder zu schätzen lernen. Ich habe in den<br />
letzten Wochen zahlreiche Aufsätze von Herrn Kirchhof gelesen<br />
und kann nur sagen: Herr Kirchhof, mir graust vor Ihnen, dass ist<br />
19. Jahrhundert.</p>
<p><b>gégé:</b> Warum macht die SPD eigentlich<br />
so stark auf Negativkampagne, das ist doch auch für den eigenen<br />
Ruf schlecht, oder?</p>
<p><b>Michael Müller:</b> Ich weiß nicht, was<br />
sie damit meinen, denn im Zentrum stehen ja eher Themen wie Agenda<br />
2010 und die Energiepolitik. In beiden Fällen geht es eher<br />
um die Vorsorge, um die Zukunft und nicht einfach um Abgrenzung<br />
gegen den Gegner.</p>
<p><b>nadine:</b> Wo wollen Sie das Geld für verstärkte<br />
Innovationen im Energiebereich hernehmen, den Sie ja als zukunftsträchtigen<br />
Arbeitsmarkt sehen?</p>
<p><b>Michael Müller:</b> Investitionen in die Energieeinsparungen<br />
haben, wenn sie zu einer absoluten Reduktion des Energieverbrauchs<br />
führen, sehr positive Effekte. Dadurch lassen sich nicht nur<br />
sehr viele Arbeitsplätze schaffen und die Märkte von Morgen<br />
besser entwickeln Es werden auch die externen Kosten gesenkt und<br />
die Importkosten für Energie reduziert. Ich will ein Beispiel<br />
zum Verdeutlichen nehmen: Eine Reduzierung des Energieumsatzes in<br />
der deutschen Wirtschaft um 10 Prozent würde rund 800.000 neue<br />
Arbeitsplätze schaffen, weil Energie und Rohstoff durch Technik<br />
ersetzt wird. Hinzu kommt, dass wir es in der Welt mit einer großen<br />
Knappheits- und Preiskrise im Energiesektor zu tun haben werden,<br />
denn die Energierohstoffe, die heute von rund 1,3 Milliarden Menschen<br />
genutzt werden, müssen schon in wenigen Jahren im selben Umfang<br />
für 5 bis 7 Milliarden Menschen zur Verfügung stehen.<br />
Wer heute in die Effizienz- und Solartechniken investiert, wird<br />
die Märkte von morgen bestimmen.</p>
<p><b>DerWindimWald: </b>Herr Müller, halten Sie es<br />
nicht auch für dringend geboten, dass die Solarenergie endlich<br />
deutschland- und europaweit so gefördert wird, dass sie eine<br />
echte Energiealternative wird?<br />
Schtimm: Wie sehen Sie die Chancen für die Aufrechterhaltung<br />
des Atomausstiegs im Falle einer großen Koalition?</p>
<p><b>Michael Müller: </b>Ich habe gerade in einem umfangreicheren<br />
Buch &#8211; „Weltmacht Energie“ &#8211; herausgearbeitet, dass<br />
die Leittechniken dieses Jahrhunderts die Kombination aus Solarwirtschaft<br />
und Effizienzrevolution sein müssen. Wir wollen im Jahre 2020<br />
einen Anteil von 25% regenerativer Energien in Deutschland erreichen.<br />
Wir haben den Anteil in den letzten Jahren schon verdoppelt und<br />
sind bei Strom bei rund 11 Prozent. Diese Erfolge werden nur möglich,<br />
wenn wir aus der Atomenergie aussteigen, genauso wie aus den anderen<br />
Großkraftwerken. Wir brauchen eine dezentrale und effiziente<br />
Energiestruktur in der Zukunft. Wogegen die Atomenergie höchst<br />
ineffizient, verbraucherfern und viel zu teuer ist. Deshalb ist<br />
es für uns ein Eckpunkt, bei einer hoffentlich nicht eintretenden<br />
rot-schwarzen Konstellation, dass am Atomausstieg nicht gerüttelt<br />
wird.</p>
<p><b>MobyDick:</b> Was halten Sie von den Vorschlägen<br />
Sigmar Gabriels, eine Ampelkoalition im Bund zu installieren? Was<br />
will er damit wohl erreichen? Verunsichert die Wähler doch<br />
nur, oder? </p>
<p><b>Lennart.Zweitwähler:</b> Herr Müller, wäre<br />
eine Koalition aus SPD, Grünen und FDP denkbar? Gerade die<br />
Grünen und die FDP sind in innenpolitischen und rechtlichen<br />
Fragen doch sehr ähnlicher Auffassung. Ich denke, dass viele<br />
Menschen auch diese Koalition befürworten würden.</p>
<p><b>Michael Müller:</b> Ich halte nichts von dem Gerede<br />
Sigmar Gabriels, der sollte mehr Wahlkampf und weniger Interviews<br />
machen. Im Augenblick geht es nicht um Koalitionen, sondern darum,<br />
stärkste Fraktion zu werden. Auf dieser Basis kann man anders<br />
entscheiden, als spekulativ.</p>
<p><b>Sommerhoch:</b> Ist zu befürchten, dass die Gewerkschaften<br />
als treibende Kraft für die SPD ausfällt, wenn sie sich<br />
zwischen den linken Parteien entscheiden müssen?</p>
<p><b>Michael Müller: </b>Ich glaube, dass das Hauptproblem<br />
der Gewerkschaften wie der Linken insgesamt ist, dass sie in dieser<br />
veränderten Epoche der Globalisierung mit den alten Antworten<br />
nicht mehr hinkommt. Wir sind in der Situation, dass die soziale<br />
Frage mit aller Schärfe zurückkehrt, aber die traditionellen<br />
Rezepte aus hohem Wachstum, Flächentarifvertrag und nationalstaatlicher<br />
Souveränität immer weniger greifen. Aus meiner Sicht muss<br />
die Linke sehr viel stärker auf die Idee der Regionalisierung<br />
der Weltwirtschaft, der Gestaltung einer modernen Wissensgesellschaft<br />
und einer effizienten Neuordnung der Energie- und Ressourcenbasis<br />
setzen. Sie braucht ein neues Fortschrittsmodell. Deshalb habe ich<br />
auch Zweifel, die Linke als die Linkspartei zu bezeichnen, weil<br />
erstens zu links nicht nur die Kritik, sondern auch die Selbstkritik<br />
gehört. Und die Linkspartei zweitens in den Zukunftsfeldern,<br />
wozu auch die Ökologie gehört, wenig bietet. Ob also die<br />
SPD zerrieben wird, liegt letztlich daran, ob die Linke die programmatische<br />
Erneuerung schafft oder nicht.</p>
<p><b>helm:</b> Was sollen eigentlich immer die Verräter-Vorwürfe<br />
gegen Lafontaine? Auch wenn es ja vielleicht okay ist, nach einer<br />
Wahl, wenn sich vieles auf einmal ändert, alte Positionen zu<br />
räumen, ist doch der, der an den alten Positionen festhält,<br />
vielleicht alles mögliche (Sturkopf, Profilneurotiker usw.),<br />
aber doch sicher kein Verräter. Was meinen Sie?</p>
<p><b>Michael Müller:</b> Ich bin deshalb in einer schwierigen<br />
Situation zu antworten, weil ich am Abend vor seinem Rücktritt<br />
mit Lafontaine 5 Stunden zusammen war. Meines Erachtens hat Oskar<br />
Lafontaine ein zentrales Problem, das er nicht zugeben kann: als<br />
Finanzminister gescheitert zu sein. Hintergrund: er war bei der<br />
Finanzministerkonferenz der G7 von den anderen Ministern völlig<br />
im Stich gelassen worden. Die Konsequenz war, Lafontaine hätte,<br />
um die EU-Vorgaben zu erfüllen, hart arbeiten und den Haushalt<br />
um 10 Milliarden kürzen müssen. Das konnte und das wollte<br />
er nicht. An dem Abend vor seinem Rücktritt war von Kritik<br />
an Schröder nichts zu hören.</p>
<p><b>Marcus M:</b> Hallo, ich bin Anfang des Jahres Genosse<br />
geworden, weil mich der Demokratische Sozialismus, so wie er im<br />
SPD-Programm steht, anspricht. Sind sie Demokratischer Sozialist?<br />
Wie beurteilen Sie (eigentlich du als Genossen) die Politik der<br />
SPD im Hinblick auf das Parteiprogramm, das den Demokratischen Sozialismus<br />
enthält?</p>
<p><b>Michael Müller:</b> Ich glaube, dass wir weltweit<br />
eine neue Form von &quot;Systemauseinandersetzung&quot; erleben.<br />
Einerseits zwischen dem anglo-amerikanischen Modell des Individualkapitalismus<br />
und der europäischen Idee der Sozialdemokratie. Mit der Vorherrschaft<br />
der Finanzmärkte ist die soziale Demokratie immer mehr in die<br />
Defensive geraten. Das bedeutet faktisch auch das Ende der früheren<br />
demokratischen Marktwirtschaft. Meines Erachtens hat nicht nur die<br />
SPD, sondern mehr noch die europäische Demokratie, nur dann<br />
eine Zukunftschance, wenn sie zu einer Erneuerung ihres Modells<br />
kommt. Und das kann nur in der Tradition des Demokratischen Sozialismus<br />
stehen.</p>
<p><b>Spdverlasser:</b> Nach der Wahl haben wir doch immer<br />
noch eine 2/3 Mehrheit Schwarz im Bundesrat, wie soll dann ihre<br />
Politik da durchflutschen? Ich glaube, dass es eine Große<br />
Koalition geben wird! Überzeugen Sie mich vom Gegenteil?</p>
<p><b>Michael Müller:</b> Erstens haben wir noch keine<br />
2/3-Mehrheit, diese droht &#8211; das war ja ein Grund für die vorgezogene<br />
Wahl. Die Strategie der Union ist Blockade und Chaos. Ich war Vorsitzender<br />
vieler AGs im Vermittlungssausschuss und dort sind Entscheidungen,<br />
die von allen Fraktionen inhaltlich getragen wurden, trotzdem nicht<br />
beschlossen worden, weil man öffentlich die Signalkultur aufbauen<br />
wollte, dass Rot-Grün, und insbesondere der unfähige grüne<br />
Minister Trittin es nicht schaffen. Hinzu kommt, dass neben der<br />
allein machtpolitischen Ausrüstung der Union, sie sich inhaltlich<br />
nicht erneuert hat. Bis heute sieht sie die Wahlniederlagen von<br />
1998 und 2002 als &quot;Betriebsunfälle&quot; an. Ich weiß<br />
nicht, wie man mit dieser Partei zusammen arbeiten soll. Deshalb<br />
bin ich für eine Fortsetzung von Rot-Grün, die aber nur<br />
kommen wird, wenn sich die Kräfte nicht zersplittern.</p>
<p><b>Kowa:</b> Herr Müller, wird es bei entsprechenden<br />
Mehrheitsverhältnissen eine rot/ rot/ grüne Koalition<br />
geben?</p>
<p><b>JH_:</b> Was halten Sie von Rot/ Rot/ Grün?</p>
<p><b>Michael Müller:</b> Das wird nicht kommen, weil<br />
es die SPD zerreißen würde. Das weiß innerhalb<br />
der SPD jeder, der Verantwortung trägt.<br />
Infam: Wenn aber Schröder abgewählt ist, wird die SPD<br />
danach (auch durch die &quot;Linke &quot;) sich wieder mehr auf<br />
linke Politik besinnen oder bleibt es bei Entlastung von Spitzenverdienst<br />
und Agenda 2010?<br />
Fiete_Schulze: Ist die SPD nicht schon zerrissen?</p>
<p><b>Michael Müller:</b> Nein dass sehe ich nicht,<br />
sie ist zur Zeit einiger denn je, wenn ich die Ausrutscher einiger<br />
weniger weg lasse. Man muss natürlich fragen, was ist links?<br />
Ich halte den Begriff Agenda 2010 für falsch, weil es im Kern<br />
um eine Agenda 2000 geht. Tatsächlich werden die Fehler der<br />
90&#8217;er Jahre beseitigt, ein Blick in den Bericht der Arbeitsgruppe<br />
Bündnis für Arbeit zeigt, dass alle Länder, z.B.<br />
die skandinavischen, die heute gut dastehen, entsprechende Reformen<br />
zwischen &#8217;90 und &#8217;95 gemacht haben. Im unserem Land herrschte damals<br />
Reformstau. Deshalb ist es auch falsch, ja ein Ausweis von Unwissen,<br />
wenn z.B. Gysi und Lafontaine empfehlen, die Bundesrepublik solle<br />
sich ein Beispiel an Schweden nehmen. Dort waren die Eingriffe in<br />
die Sozialsysteme viel einschneidender.</p>
<p><b>JH_:</b> Also darf man, wenn man Rot/ Rot/ Grün<br />
will, NICHT die SPD wählen, denn das führt doch nur zu<br />
Schwarz/ Rot, das wissen sie doch auch, oder?</p>
<p><b>Michael Müller:</b> Das teile ich nicht, aber<br />
wie soll man Rot-Rot-Grün erreichen, wenn man die SPD verhindern<br />
will? Ich bin nicht dafür, aber diese Logik begreife ich nicht.</p>
<p><b>wolchan:</b> Vermutlich ist doch jeder vernünftige<br />
Mensch in Deutschland momentan für eine Vereinfachung des Steuersystems.<br />
Warum äußert sich die SPD dazu nicht eindeutiger? Das<br />
würde doch wohl der UNION den letzten Wind aus den Segeln nehmen.</p>
<p><b>Michael Müller:</b> Ich bin sehr für eine<br />
Vereinfachung des Steuersystems. Aber ich bin auch für den<br />
Grundsatz &quot;Mit Steuern steuern&quot;. Wir brauchen z.B. einen<br />
leistungsstarken öffentlichen Sektor, um die Bildungschancen<br />
zu verbessern und die Umwelt zu schützen.</p>
<p><b>nordlicht:</b> warum wird Herr Kirchhoff eigentlich<br />
nicht von Ihrer Partei als (zunächst) unabhängiger Finanzexperte<br />
akzeptiert?</p>
<p><b>Michael Müller:</b> Was ist unabhängig? Was<br />
ist Experte? Ich kenne beispielsweise viele Experten, die mir im<br />
Umweltbereich lange gesagt haben, von den FCKWs gehen keine Gefahren<br />
für die Ozonzerstörung aus. Das Gegenteil war richtig.<br />
Und auch bei den Steuerexperten muss ich erst mal fragen: Wem dient<br />
es? Dahinter steht ein Verständnis, das wie Herr Kirchhof selber<br />
sagt, die Idee der Gesellschaft sehr kritisch sieht. Ich glaube,<br />
dass die Idee der Gesellschaft Basis der europäischen Kultur<br />
ist. Hierin unterscheiden wir uns fundamental von den USA, wo der<br />
Schwerpunkt auf einem Individualkapitalismus liegt. In Europa ist<br />
es das Ergebnis jahrhundertelanger Auseinandersetzungen und die<br />
Bändigung von Konflikten, dass wir uns sehr bewusst im letzten<br />
Jahrhundert für die Idee der sozialen Demokratie entschieden<br />
haben. Herr Kirchhof vertritt dagegen den amerikanischen Weg der<br />
Neocons.</p>
<p><b>benboi:</b> Aber warum ist eine Einheitssteuer von<br />
25% nicht gerecht???<br />
Michael Müller: Weil sie erstens zu Lasten des öffentlichen<br />
Sektors geht. Zweitens eine Lücke von mindestens 40 Milliarden<br />
Euro aufreißt. Drittens die Lasten höchst ungleich verteil.<br />
Hier empfehle ich die Bücher von Krugman und Stieglitz über<br />
die Folgen der Flat-Tax in den USA auf die sozialen Schichtungen.<br />
Und schließlich schränkt dieses System in gravierender<br />
Weise die staatliche Handlungsfähigkeit ein.</p>
<p><b>Fiete_Schulze:</b> Will die SPD endlich höhere<br />
Steuern für die Reichen und Wohlhabenden, damit es den Armen<br />
besser geht und diese nicht mehr den Großteil der Steuern<br />
zahlen müssen?</p>
<p><b>Koopsi:</b> Warum hat die SPD den Spitzensteuersatz<br />
gesenkt und will jetzt wieder eine Reichensteuer? Das ist doch eine<br />
Täuschung der Wähler.</p>
<p><b>Michael Müller: </b>Erstens haben wir auch die<br />
Eingangsteuersätze massiv gesenkt, sie sind von 25,9 % auf<br />
15 %, also um rund 9 Prozentpunkte abgesenkt worden. Dadurch hat<br />
sich auch der Progressionsverlauf geändert. Ich habe mich sehr<br />
dafür eingesetzt, dass die Absenkung auf 42 % nicht stattfindet,<br />
sondern der Satz bei 45% bleibt. Dies wurde mehrheitlich vom Bundesrat<br />
überstimmt. Trotzdem muss ich noch eine Illusion beenden: Unter<br />
den Bedingungen weltweit offener Märkte gerät die nationale<br />
Steuerpolitik an Grenzen, zumal in einem Exportland wie der BRD.<br />
Deshalb müssen wir zur europäischen Lösungen in der<br />
Steuerpolitik kommen.</p>
<p><b>Sojus:</b> Herr Müller, wie schätzen Sie<br />
das Wahlziel des Kanzlers ein, 38 Prozent am kommenden Sonntag für<br />
die SPD zu bekommen?</p>
<p><b>Michael Müller:</b> Realistisch.</p>
<p><b>EarlMobile:</b> Was halten Sie eigentlich von einem<br />
gemeinsamen Auftritt von Gerhard Schröder und Joschka Fischer<br />
noch vor der Wahl als Bekenntnis zu Rot-Grün, wie 2002? Wäre<br />
die nicht eine gute Möglichkeit die Alternative Merkel/ Gerhardt<br />
noch mal zu verdeutlichen?</p>
<p><b>Michael Müller:</b> Die Antwort zeigt, dass Herr<br />
Westerwelle schon auf dem Abstellgleis steht. Ich bin sehr für<br />
einen gemeinsamen Auftritt, nur muss man wissen, dass der gemeinsame<br />
Auftritt 2002 die Einladung einer Unterstützerorganisation<br />
war. Eine solche Einlandung hat es diesmal nicht gegeben. Trotzdem<br />
ist es aus meiner Sicht klar, dass es um das Duo Fischer &#8211; Schröder<br />
geht.</p>
<p><b>JH_: </b>Wollen sie wirklich weitere 4 Jahre Rot/ Grün<br />
mit nur einem Abgeordneten Stimmmehrheit im Bundestag? Das ist doch<br />
totale Blockade.</p>
<p><b>Michael Müller:</b> Ich weiß nicht, wie<br />
sie schon zu dem Wahlergebnis kommen. Ich finde, man sollte erst<br />
mal die Bürgerinnen und Bürger entscheiden lassen.</p>
<p><b>Simon Haber:</b> Haben Sie nicht auch den Eindruck,<br />
dass im Wahlkampf alles außer die Wirtschaftspolitik zu kurz<br />
kommt?</p>
<p><b>Michael Müller: </b>In den letzten Tagen haben<br />
wir viel über Energie- und Klimafragen gehört. Ich finde<br />
zu Recht, weil dies eine zentrale Zukunftsfrage ist. Ein Beispiel:<br />
in den letzten 20 Jahren hat sich der Anteil an den Meeresregionen,<br />
in denen in der Deckschicht für länger Zeit 27 Grad Celsius<br />
überschritten wird, um knapp 20% erhöht. Die Folge ist<br />
&#8211; weil das eine kritische Grenze ist für die Bildung von Orkanen<br />
&#8211; dass es immer häufiger zu gewaltigen Naturkatastrophen kommt.<br />
Diese Extreme beschränken sich nicht nur auf den pazifischen<br />
Raum, wir müssen vielmehr davon ausgehen, dass im Nordatlantik<br />
die dort überdurchschnittlich hohen Temperaturanstiege &#8211; rund<br />
3 Grad Celsius &#8211; gefährliche Folgen für die Lebensverhältnisse<br />
in Nordeuropa haben werden. Noch kann man dies durch eine andere<br />
Energie &#8211; und Verkehrspolitik verhindern, aber nicht mehr lange.</p>
<p><b>jessikaxxl:</b> Ich wohne in der Südeifel und<br />
auf der Landkarte steht &quot;Naturpark Südeifel &quot;. Wenn<br />
man allerdings durch diesen Naturpark wandert oder fährt, gibt<br />
es mittlerweile kaum eine Stelle, von der aus man nicht mindestens<br />
30 bis 40 hässliche Windräder sehen kann. Ist das nicht<br />
auch eine Art Umweltverschmutzung? Die Lärmbelästigung<br />
ist auch nicht zu vernachlässigen. Bei ungünstiger Windrichtung<br />
kann ich die nächsten Windräder sogar bei mir ihm Tal<br />
hören.</p>
<p><b>Michael Müller: </b>Ich will darauf hinweisen,<br />
dass wir in der Novelle des erneuerbaren Energiengesetzes eine Reihe<br />
von schärferen Anforderungen gestellt haben, um den Naturschutz<br />
zu berücksichtigen. Dennoch fällt es mir auf, dass diese<br />
Kritik selten in Bezug auf die 70.000 Hochspannungsmasten in Deutschland<br />
geübt wird.</p>
<p><b>von_Stern:</b> Wäre auch Rot-Grün unter Tolerierung<br />
der PDS möglich?<br />
Michael Müller: Das kann man nicht abstrakt beantworten. Ich<br />
wüsste aber nicht, wie auf dieser instabilen Basis eine stabile<br />
Außenpolitik möglich sein sollte, zum Beispiel der Einigungsprozess<br />
in Europa.</p>
<p><b>Moderator:</b> Sie wollen es aber nicht ausschließen?</p>
<p><b>Michael Müller:</b> Doch, das sagte ich damit.</p>
<p><b>Franz Josef VII.:</b> Ist Ihnen eigentlich schon einmal<br />
aufgefallen, dass es in den Ländern (z.B. Schweiz, Luxemburg,<br />
Singapur etc.), die erwiesenermaßen ein höheres Wohlstandsniveau<br />
wie Deutschland haben, Gewerkschaften und linke, sozialistische<br />
Parteien wie die SPD überhaupt gar keine Rolle spielen? Was<br />
schließen Sie daraus?</p>
<p><b>Michael Müller:</b> Die Frage ist falsch, die<br />
Schweizer Demokraten waren in den letzten Jahren immer an der Regierung,<br />
in Luxemburg ebenfalls und Singapur kann ich nicht vergleichen.</p>
<p><b>Maler2:</b> Herr Müller, warum können nicht<br />
mehr Gelder in die Unterstützung junger Familien fließen?</p>
<p><b>Michael Müller:</b> Es ist in den letzten Jahren<br />
erhebliches Geld in die Familien geflossen, nicht nur beim Kindergeld,<br />
sondern auch in die Ganztagsschulen und in der Kinderbetreuung.<br />
Allerdings haben die Länder das sehr unterschiedlich umgesetzt.<br />
Der nächste Schritt soll das Elterngeld sein, um noch zu einer<br />
konzentrierteren Förderung zu kommen.</p>
<p><b>KurtSchumacher: </b>Was sagen Sie zum Niveau der politischen<br />
Auseinandersetzung in diesem Wahlkampf? Gebietet es z. B. nicht<br />
bei aller inhaltlichen Differenz die Achtung der Person, dass man<br />
einander beim Namen nennt, anstatt über &quot;einen Professor<br />
aus Heidelberg &quot; herzuziehen?</p>
<p><b>Michael Müller: </b>Naja, das halte ich für<br />
eine vertretbare Polemik und die gehört sicher auch zum Wahlkampf.<br />
Entscheidend aber sind die Konzepte, die dahinter stehen. Und da<br />
macht die Zuspitzung die Unterschiedlichkeit auch klarer. Im Übrigen<br />
habe ich nicht den Eindruck, dass die anderen Parteien in ihren<br />
Argumenten jederzeit fair sind. Ich will mir Beispiele jetzt ersparen.</p>
<p><b> EarlMobile: </b>Wenn es trotz aller programmatisch-inhaltlichen<br />
Differenzen zwischen CDU/ CSU und SPD dennoch zu einer Großen<br />
Koalition kommen sollte, wer wäre in der SPD dann für<br />
den Posten des Außenministers vorgesehen (angenommen, die<br />
CDU würde den Kanzler stellen)?</p>
<p><b>Michael Müller:</b> Ich habe schon gesagt, dass<br />
ich mich an derartigen Spekulationen nicht beteilige.<br />
Moderator: Eine letzte Frage:</p>
<p><b>Leo1: </b>Denken Sie nicht, dass Schröders Politik,<br />
die offensichtlich nicht die der SPD-Linken ist, eine neue, erfolgreiche<br />
politische Position der SPD in Zukunft darstellt?</p>
<p><b>Michael Müller:</b> Ich glaube persönlich,<br />
dass das Grundproblem der modernen Politik ist, die pragmatische<br />
Politik mit einer sittlichen Idee zu verbinden. Dies ist sehr selten<br />
bisher gelungen. Ich glaube, dass das auch nur beschränkt möglich<br />
ist, wenn man unter alltäglichen Regierungszwängen steht.<br />
So wichtig einzelne Personen sind, die brauchen immer die Rückkopplung<br />
in den demokratischen Diskurs. Ich habe eher den Eindruck, dass<br />
dieser demokratische Diskurs in der Mediokratie zu kurz kommt.</p>
<p><b>Moderator: </b>Das war&#8217;s. Unsere 60 Minuten Politik-Chat<br />
sind um. Vielen Dank für Ihr Interesse und die vielen Fragen.<br />
Herzlichen Dank Herr Müller, dass Sie heute Zeit für den<br />
Chat fanden. Alle unsere Chat-Protokolle finden Sie wie immer auf<br />
den Seiten der Veranstalter. Dort erfahren Sie auch die Termine<br />
für die nächsten Chats. Einen schönen Tag wünschen<br />
tagesschau.de, politik-digital.de und tagesspiegel.de.</p>
<p><b>Michael Müller:</b> Wer will, kann mich auch über<br />
mein Büro im Bundestag erreichen.</p>
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