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	<title>Missbrauchsdebatte &#8211; politik-digital</title>
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	<title>Missbrauchsdebatte &#8211; politik-digital</title>
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		<title>&#8220;Ich rate Kurt Beck, seine Äußerungen nicht zu wiederholen&#8221;</title>
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		<dc:creator><![CDATA[mullrich]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 08 Jun 2006 23:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Chattranscripte]]></category>
		<category><![CDATA[Studiengebühr]]></category>
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					<description><![CDATA[<p class="normal">
<b>Am Freitag, 9. Juni, war Björn Böhning, 
Vorsitzender der JuSos, zu Gast im tagesschau-Chat <span style="font-size: x-small">in 
Kooperation mit politik-digital.de. Er stellte sich den Fragen zur 
Rolle der Jusos in der SPD, Studiengebühren und den Äußerungen 
Kurt Becks zum Hartz 4-Missbrauch.</span></b>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p class="normal">
<b>Am Freitag, 9. Juni, war Björn Böhning,<br />
Vorsitzender der JuSos, zu Gast im tagesschau-Chat <span style="font-size: x-small">in<br />
Kooperation mit politik-digital.de. Er stellte sich den Fragen zur<br />
Rolle der Jusos in der SPD, Studiengebühren und den Äußerungen<br />
Kurt Becks zum Hartz 4-Missbrauch.</span></b><!--break-->
</p>
<p>
<b><b>Moderator:</b></b> Liebe Chatter, heute<br />
ist der Bundesvorsitzende der Jungsozialisten, Björn Böhning,<br />
ins ARD-Hauptstadtstudio gekommen. Wie es sich für einen Juso<br />
gehört, hält er mit Kritik an der SPD nicht hinter dem<br />
Berg. Alle Fragen sind willkommen, wir sammeln und ordnen dann.<br />
Herr Böhning, können wir beginnen?
</p>
<p>
<b><b>Björn Böhning:</b></b> Ja, gerne.
</p>
<p>
<b>Pille90: </b>Herr Böhning, ich bin 16 Jahre alt<br />
und habe schon selber an einer Veranstaltung der Jusos teilgenommen.<br />
Dabei fiel mir auf, dass nur wenige Mitglieder in meinem Alter bei<br />
den Jusos sind. Dies entmutigte mich, weiter mitzumachen. Spiegelt<br />
dies auch die Bundessituation der Jusos wieder?
</p>
<p>
<b><b>Björn Böhning:</b></b> Ganz im Gegenteil. Die<br />
Jusos haben im letzten Jahr über 11.000 neue Mitglieder gewonnen.<br />
Damit sind wir erstmals seit den 70er Jahren in absoluten Zahlen<br />
mehr geworden. Unter den neuen Mitgliedern sind vor allem Jüngere<br />
zwischen 16 und 22 Jahren.
</p>
<p>
<b>Simon_Haber:</b> Wie ist der Altersdurchschnitt der<br />
Jusos?
</p>
<p>
<b><b>Björn Böhning:</b></b> Der Altersdurchschnitt<br />
der Aktiven liegt zwischen 16 und 21 Jahren und der Altersdurchschnitt<br />
insgesamt wird bei Ende 20 liegen.
</p>
<p>
<b><b>Björn Böhning:</b></b> Es gibt kein einziges<br />
durchgerechnetes oder wirklich zur Verfügung stehendes Kreditprogramm.<br />
Gleichzeitig ist es so, dass natürlich nur ärmere Studierende<br />
auf solche Kreditangebote zurückgreifen müssten und andere<br />
sich die Kredite sparen können. Es kann nicht sein, dass mit<br />
einem Studium bereits ein Schuldenberg für den weiteren Lebenslauf<br />
aufgebaut wird. Auch diese Maßnahme würde einem Großteil<br />
der jungen Menschen den Zugang zur Hochschule abspenstig machen.
</p>
<p>
<b>sirius:</b> Wieso gegen Studiengebühren, wenn<br />
Studienkonten okay waren?
</p>
<p>
<b>Björn Böhning:</b> Die Jusos treten auch gegen andere Formen<br />
von Studiengebühren wie Studienkonten oder Einschreibegebühren<br />
ein. Grundsätzlich aber ist mir ein gebührenfreies Erststudium<br />
sympathischer als die Studiengebührenforderung der Union.
</p>
<p>
<b>Philipp Stroehle:</b> Würden die Jusos Hochschulgebühren<br />
akzeptieren, wenn sie direkt in die Hochschulen einfließen<br />
und einen Betrag von 300 Euro pro Semester nicht überschreiten<br />
würden? Ausbildungen können auch richtig Geld kosten.
</p>
<p>
<b>Björn Böhning:</b> Ausbildung und Bildung kosten immer Geld<br />
und sollten von der gesamten Gesellschaft getragen werden. Wenn<br />
Deutschland eine Chance in Europa haben möchte, muss es ein<br />
hochleistungsfähiges Bildungssystem haben. Das bedeutet auch,<br />
wir brauchen mehr und nicht weniger Akademiker. Alle Erfahrungen<br />
mit Studiengebühren zeigen uns, dass es bei z.B. 300 Euro nicht<br />
bleiben würde, sondern die Studiengebühren in den Jahren<br />
massiv ansteigen. Dazu kommt, dass natürlich der Staat seine<br />
Mittel für das Hochschulsystem zurückfahren würde<br />
und damit Studiengebühren zu einer unsozialen Milchmädchenrechnung<br />
verkommen.
</p>
<p>
<b>Craim:</b> Wie sollen aber die Universitäten<br />
finanziert werden bzw. die Forschung?
</p>
<p>
<b>Björn Böhning:</b> Wir brauchen in der Tat massiv zusätzliche<br />
Mittel im Bildungssystem. In den nächsten Jahren müssten<br />
wir durchsetzen, dass etwa sechs bis sieben Prozent des Bruttoinlandproduktes<br />
der Bildung und Forschung zugute kommen. Das lässt sich nicht<br />
aus der Portokasse bezahlen, dazu brauchen wir zusätzliche<br />
Steuermittel. Ich plädiere stark für eine drastische Erhöhung<br />
der Erbschaftssteuer, damit alle junge Menschen vom zukünftig<br />
vererbten Vermögen profitieren.
</p>
<p>
<b>Riedel:</b> Dann müssten Kindergartenplätze<br />
auch von der gesamten Gesellschaft getragen werden, da dort die<br />
Ausbildung der Kleinen bereits beginnt.
</p>
<p>
<b>palimpalim:</b> Sind Sie dann auch für kostenlose<br />
Kindergärten?
</p>
<p>
<b>Björn Böhning:</b> Die Jusos plädieren stark für<br />
kostenfreie Kindergartenplätze. Da sind jetzt die Kommunen<br />
und die Länder in der Verantwortung, Kindergärten kostenfrei<br />
zu gestalten. Hier gehen sowohl Klaus Wowereit in Berlin als auch<br />
Kurt Beck in Rheinland-Pfalz mit gutem Beispiel voran. Der neue<br />
SPD-Chef hat sogar angekündigt, in den nächsten Jahren<br />
in seinem Land den kostenfreien Zugang zu Kindergärten für<br />
alle zu ermöglichen. Das ist aber nur ein Schritt hin zu einer<br />
Vorschule ab dem vierten Lebensjahr, in dem alle Kinder sowohl Betreuungs-<br />
als auch Bildungsangebote spielerisch erhalten. Das würde nicht<br />
nur bildungspolitisch Sinn machen, sondern wäre auch ein wichtiger<br />
Beitrag zur Integration von Migrantinnen und Migranten.
</p>
<p>
<b>Kuntze1:</b> Was halten Sie von dem Fondsmodell, das<br />
die Arbeitsgruppe Gesundheit derzeit diskutiert?
</p>
<p>
<b><b>Björn Böhning:</b></b> Das Fondsmodell ist bisher<br />
hinreichend unkonkret geblieben. Grundsätzlich kann ich mir<br />
einen Fond, in den die privaten Krankenversicherungen ebenfalls<br />
einzahlen, gut vorstellen. Das Fondsmodell à la Kauder allerdings<br />
sieht das Einfrieren der Arbeitgeberbeiträge sowie eine kleine<br />
Kopfpauschale vor. Letztere würde dafür sorgen, dass die<br />
großen Kassen, die einen Großteil der Patienten versichern,<br />
hohe Kopfpauschalen von ihren Versicherten nehmen müssen. Damit<br />
würden die Ersatzkassen und die AOK vor einer strukturellen<br />
Krise stehen und die vielen auch sozial schwächeren Versicherten<br />
ständen plötzlich ohne jegliche gesundheitliche Betreuung<br />
da. Wir lehnen daher das Fondsmodell in dieser Form ab.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Kann es sein, dass die SPD heimlich<br />
still und leise und im Schutze der WM nachgibt und sich auf das<br />
Kauder-Modell einlässt, um später womöglich beim<br />
Kündigungsschutz zu punkten?
</p>
<p>
<b>Björn Böhning:</b> Ich habe auch die Befürchtung, dass<br />
die SPD in der Gesundheitspolitik einer Reduzierung der Solidarität<br />
im System Vorschub leistet. Es kommt jetzt für uns darauf an,<br />
dass unser Modell der solidarischen Bürgerversicherung stärker<br />
in der Öffentlichkeit diskutiert wird. Wir wissen, dass die<br />
übergroße Mehrheit der Bevölkerung Kopfpauschalen<br />
ablehnt. Diese Mehrheit müssen wir für eine fortschrittliche<br />
Gesundheitspolitik mobilisieren.
</p>
<p>
<b>palimpalim:</b> Wie wollen Sie denn eigentlich Einfluss<br />
auf die Entscheidungen der Koalition nehmen?
</p>
<p>
<b>Björn Böhning:</b> Wir sind im ständigen Kontakt mit<br />
der SPD-Bundestagsfraktion und auch den sozialdemokratischen Ministern.<br />
Hier werben wir stark für unsere Positionen. Wir Jusos stellen<br />
dazu mittlerweile 20 Prozent der Delegierten auf Bundesparteitagen,<br />
was unsere Stellung innerhalb der SPD enorm verstärkt. Gleichzeitig<br />
werden wir über die Öffentlichkeit und auch mit Bündnispartnern,<br />
wie den Gewerkschaften, die SPD dazu drängen, dass sie es nicht<br />
zulässt, dass das Gesundheitssystem zerschlagen wird.
</p>
<p>
<b>Tarja:</b> Hallo Björn. Die Jusos treten ja gelegentlich<br />
in offene Opposition zur SPD. Glaubst du, dass die Jusos tatsächlich<br />
Einfluss auf die Politik der Mutterpartei nehmen können? Konkret:<br />
Glaubst du, die SPD wird jemals wieder für ArbeitnehmerInnen<br />
und sozial Ausgegrenzte eintreten?
</p>
<p>
<b>Björn Böhning:</b> Dafür setze ich mich ein und die<br />
stark ansteigenden Mitgliedszahlen bei den Jusos zeigen, dass unsere<br />
Positionen wieder attraktiver werden. Z.B. sind wir beim Thema &quot;Generation<br />
Praktikum&quot;, also jungen Leuten, die sich von Praktikum zu Praktikum<br />
ohne jegliche Bezahlung hangeln, mit der SPD-Fraktion und dem Arbeitsminister<br />
Franz Müntefering in einem intensiven Dialog. Wir setzen uns<br />
dafür ein, dass junge Praktikanten endlich mehr Rechte und<br />
sozialen Schutz bekommen und finden für unsere Forderungen<br />
bei beiden sehr offene Ohren.
</p>
<p>
<b>PolitBürger:</b> Herr Böhning, Herr Beck<br />
hat meines Erachtens eine unsinnige Debatte angestoßen: Ist<br />
es anstößig, ein gesetzlich verbrieftes Recht auf Existenzsicherung<br />
geltend zu machen? Wenn dies der Fall wäre, dann müsste<br />
es bereits anstößig sein, derartige Gesetze zu machen.<br />
Zumal kein einziger Politiker im Bundestag existenzielle Probleme<br />
haben dürfte. Was meinen Sie?
</p>
<p>
<b>Björn Böhning:</b> Ich denke auch, dass jegliche Debatten<br />
über angebliche Sozialschmarotzer sofort eingestellt werden<br />
müssen. Es kann nicht sein, dass wegen einiger schwarzer Schafe,<br />
die es überall gibt, die Arbeitslosen pauschal verunglimpft<br />
werden. Auch kann es nicht sein, dass die Arbeitslosen jetzt für<br />
handwerkliche Fehler der Politik büßen sollen. Wir wollen<br />
eine soziale Existenzsicherung für alle und dann muss man auch<br />
akzeptieren, wenn Menschen diese in Anspruch nehmen. Ich begrüße<br />
es sehr, dass Kurt Beck seine Äußerungen vom gestrigen<br />
Tage heute bereits deutlich entschärft hat.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Hat Kurt Beck sich da schon zum ersten<br />
Mal in die Nesseln gesetzt, als Parteivorsitzender?
</p>
<p>
<b>Björn Böhning:</b> Leider ist es so, dass<br />
Missbrauchsdebatten eine politische Konjunktur haben. Immer dann,<br />
wenn den Schwächsten der Gesellschaft Transfermittel gekürzt<br />
werden sollen, kommt eine populistische Diskussion gegen Ausgegrenzte<br />
hoch. Ich rate Kurt Beck, seine Äußerungen nicht zu wiederholen,<br />
bin aber schon der Meinung, dass sein Hinweis darauf, dass die Wohlhabenden<br />
in der Gesellschaft auch ihren Beitrag zur Finanzierung des Staates<br />
leisten müssen, sehr richtig ist.
</p>
<p>
<b>Philipp Stroehle:</b> Kann man mit den Bürgern<br />
auf Kuschelkurs gehen, wenn die Realität sagt, dass eines der<br />
besten Sozialsysteme nicht mehr refinanziert ist? Da gehören<br />
Fakten auf den Tisch, denen Aktionen folgen müssen. Ob es schmeckt<br />
oder nicht.
</p>
<p>
<b>Björn Böhning:</b> Fakt ist, dass unsere Sozialsysteme intakt<br />
sind, allerdings wir auch Reformbedarf haben. Im Gesundheitssystem<br />
z.B. sind die Ausgaben der GKV in den letzten 30 Jahren, gemessen<br />
am Bruttoinlandsprodukt, nicht gestiegen. Wir wissen allerdings<br />
auch, dass wir massive Strukturreserven im System haben müssen.<br />
Z.B. ist es mir nicht einsichtig, warum die Patienten immer zusätzliche<br />
Lasten tragen müssen, Apotheker oder Pharmahersteller weiterhin<br />
ihre Scheininnovationen bei Medikamenten für teures Geld verkaufen<br />
dürfen. Hier ist eine Reform angezeigt. Die Behauptung, die<br />
Sozialsysteme seien alle nicht mehr finanzierbar, trifft aber nicht<br />
zu.
</p>
<p>
<b>Klassensprecher:</b> Sie klingen ein bisschen wie<br />
ihr ehemaliger Parteikollege Oskar Lafontaine. Alles wollen, aber<br />
ohne Verantwortung übernehmen zu können bzw. realisierbare<br />
Vorschläge zu machen. Glauben Sie, dass das bei der jungen<br />
Bevölkerung noch zieht?
</p>
<p>
<b>palimpalim:</b> Sie lehnen ja vieles ab. Mir fehlen<br />
da ein wenig die schlüssigen und realistischen Konzepte als<br />
Antwort auf die Ablehnung!
</p>
<p>
<b>Björn Böhning:</b> Ich setze mich in der Bildungspolitik<br />
sehr stark für ein längeres gemeinsames Lernen bis Klasse<br />
zehn ein. Alle internationalen Erfahrungen zeigen, dass ein solches<br />
Schulsystem erfolgreicher und chancengleicher ist. Im Gesundheitssystem<br />
schlage ich statt einer Entsolidarisierung eine stärkere Steuerfinanzierung<br />
und ein sinnvollen Qualitätswettbewerb. Drittens plädieren<br />
die Jusos in der Arbeitsmarktpolitik für einen gesetzlichen<br />
Mindestlohn, damit man von Arbeit wieder leben kann. Alle diese<br />
Vorschläge sind auch in der großen Koalition realisierbar<br />
und mit Oskar Lafontaine hatten die Jusos schon in seiner Zeit als<br />
SPD-Vorsitzender nichts zu tun.
</p>
<p>
<b>uta65:</b> Intakt? Dann machen wir uns also nur mal<br />
wieder zu viele Sorgen?
</p>
<p>
<b>Chris82:</b> Aber die Beitragszahler werden doch immer<br />
weniger. Wie kann man da von einem intakten System sprechen?
</p>
<p>
<b>Björn Böhning:</b> In der Tat sind viele pauschale Vorwürfe<br />
an die Sozialsysteme der Versuch, diese abzuschaffen. Aber es gibt<br />
natürlich auch Reformbedarf. Weil wir immer weniger Beitragszahler<br />
haben, brauchen wir einen neuen Finanzierungsmix in den sozialen<br />
Sicherungssystemen. Das bedeutet: Wir müssen Kapitaleinkünfte,<br />
die einen immer größeren Stellenwert bei den Einkünften<br />
der Menschen bekommen, über Steuern oder Beiträge in die<br />
Finanzierung des Sozialstaates einbeziehen. Das wäre nur logisch.
</p>
<p>
<b>benji:</b> Es geht darum, eigene Finanzierungsvorschläge<br />
für den Umbau der Sozialsysteme zu machen. Fällt den Jusos<br />
da mehr ein als immer nur die vom Verfassungsgericht für gesetzeswidrig<br />
erklärte Vermögensteuer und die Erhöhung der Erbschaftssteuer?
</p>
<p>
<b>Björn Böhning:</b> Ich habe bereits darauf hingewiesen, dass<br />
wir einen neuen Finanzierungsmix brauchen. Ich halte z.B. den Vorschlag,<br />
einen Gesundheitssoli einzuführen, um die Kinderversicherung<br />
zu bezahlen, für sinnvoll. Gleichzeitig ist es mir überhaupt<br />
nicht einsichtig, warum man in Deutschland für eine CD Mehrwertsteuer<br />
bezahlt, aber jemand, der auf Börsen Finanzen transferiert,<br />
nicht einen Cent zahlen muss. Wenn wir die Globalisierung wirklich<br />
ernst nehmen, brauchen wir auch neue internationale Steuern. Deshalb<br />
treten die Jusos für eine Börsenumsatzsteuer ein.
</p>
<p>
<b>George2:</b> Was halten Sie von einem bedingungslosen<br />
Grundeinkommen, das armutsfest ist und jedem ohne Bedarfsprüfung<br />
zusteht?
</p>
<p>
<b>Björn Böhning:</b> Das halte ich für eine linksutopische<br />
Illusion. Ein bedingungsloses Grundeinkommen wäre weder finanzierbar<br />
noch politisch sinnvoll. Es wäre nichts anderes als eine Alimentierung<br />
des Nichtstuns und ein Abschreiben der Arbeitslosen in ihrer Situation.<br />
Ein Sozialsystem muss immer auf die Erwerbsverhältnisse zugeschnitten<br />
sein und sollte sich nicht von der Realität abkoppeln.
</p>
<p>
<b>BlubberBlaBla:</b> Eine Börsensteuer wäre<br />
auch nur europaweit interessant. Die Möglichkeit für Schlupflöcher<br />
würde man so in den Griff bekommen.
</p>
<p>
<b>Björn Böhning:</b> Das ist richtig. Wir brauchen endlich<br />
einen europäischen Rahmen für die Steuerpolitik. Ich fordere<br />
von der Bundesregierung ein, dass sie im nächsten Jahr, wenn<br />
sie die EU-Ratspräsidentschaft innehat, endlich konsequente<br />
Schritte für europäische Mindeststeuersätze und eine<br />
europäische Börsenumsatzsteuer unternimmt. Das würde<br />
uns als stärkste Wirtschaftsmacht in Europa gut zu Gesicht<br />
stehen.
</p>
<p>
<b>knutaux:</b> Ist es nicht auch so. dass die Kosten<br />
für Hartz IV systematisch unterschätzt wurden, um jetzt<br />
eine Missbrauchsdebatte anzetteln zu können?
</p>
<p>
<b>Björn Böhning:</b> Das halte ich für zu verschwörungstheoretisch.<br />
Richtig ist aber, dass Hartz IV die wirkliche Armut in Deutschland<br />
konsequent offen gelegt hat. Wer sich darüber heute beschwert,<br />
hat entweder früher die Realität nicht zur Kenntnis genommen<br />
oder will nun aus Hartz IV ein Murks-ALG II machen.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Gesundheitsreform, Pflegereform, Kündigungsschutz,<br />
Reform der Hartz-Reformen &#8211; gefährliche Klippen für die<br />
große Koalition. Wie sehen Sie deren Zukunft? Wann fliegt<br />
der Laden auseinander? Wie weit kann sich die SPD verbiegen?
</p>
<p>
<b>Björn Böhning:</b> Die Zeit unter rot-grün mit der Agenda<br />
2010 hat gezeigt, dass die SPD viele derlei Sargnägel nicht<br />
mehr verträgt. Neuerliche Massenaustritte oder weitere verheerende<br />
Wahlniederlagen stellen die SPD vor eine Existenzkrise. Gerade deshalb<br />
muss sie in der großen Koalition ein klares sozialdemokratisches<br />
Profil zeigen. Wichtig ist, dass wir den Niedriglohnsektor endlich<br />
ordnen und existenzsichernde Löhne in Deutschland durchsetzen<br />
und dass wir den Mut haben, nicht nur mittlere und niedrige Einkommen<br />
zu belasten, sondern auch hohe. Ich finde den Weg, der jetzt bei<br />
der Erbschaftssteuer eingeschlagen wird, nämlich Steuererlasse<br />
nur zu gewähren, wenn auch wirklich Arbeitsplätze gesichert<br />
oder geschaffen werden, für richtig. Hier zeigt sich die Doppelmoral<br />
der Union. Sie will Unternehmen nur entlasten, damit ihre Gewinne<br />
steigen. Das ist nicht unser Weg.
</p>
<p>
<b>borowski:</b> Wer wird Weltmeister?
</p>
<p>
<b>Björn Böhning:</b> Deutschland wird Weltmeister. Wir werden<br />
Brasilien im Finale schlagen. Das geht aber nur, wenn Franz Beckenbauer,<br />
besser bekannt unter &quot;der Kaiser&quot;, dem Bundestrainer und<br />
der Nationalmannschaft endlich nicht mehr öffentlich in den<br />
Rücken fällt.
</p>
<p>
<b>Moderator: </b>Das waren 60 Minuten tagesschau-Chat.<br />
Herzlichen Dank an alle, die sich beteiligt haben. Wer heute mit<br />
seiner Frage nicht durchgekommen ist, möge es uns nachsehen.<br />
Besonderen Dank an unseren Gast, Björn Böhning, der sich<br />
Zeit für uns genommen hat. Unser nächster Chatgast wird<br />
am 26. Juni ab 14 Uhr Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD)<br />
sein.
</p>
<p>
<b>Björn Böhning:</b> Vielen Dank auch. Und<br />
ich wünsche uns allen ein gutes Fußballspiel heute Abend.<br />
Deutschland gewinnt 3:0.</p>
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