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	<title>Naher Osten &#8211; politik-digital</title>
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	<title>Naher Osten &#8211; politik-digital</title>
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	<item>
		<title>Internet und Demokratie: DW Akademie lädt zu Online-Kursen ein</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Germar Molter]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 15 Nov 2012 11:56:55 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[News]]></category>
		<category><![CDATA[Demokratie]]></category>
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					<description><![CDATA[Die Akademie der Deutschen Welle veranstaltet noch bis zum 16. Dezember den Open Media Summit 2012. In den auf Arabisch [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://politik-digital.de/internet-und-demokratie-dw-akademie-laedt-zu-online-kursen-ein-3/openmediasummit01-6/" rel="attachment wp-att-123157"><img fetchpriority="high" decoding="async" class="aligncenter size-large wp-image-123157" src="http://politik-digital.de/wp-content/uploads/OpenMediaSummit015-630x160.jpg" alt="Titelbild OMS 2012" width="630" height="160" /></a>Die Akademie der Deutschen Welle veranstaltet noch bis zum 16. Dezember den Open Media Summit 2012. In den auf Arabisch und Englisch gehaltenen offenen Online-Kursen sollen sich Blogger aus dem arabischen Raum und Nordafrika vernetzen und über neue Formen des Online-Journalismus austauschen.</p>
<p>Holger Hank, Leiter E-Learning und digitale Angebote der Deutsche Welle Akademie, sieht den OMS 2012 als Ergänzung bereits laufender Workshops mit Internetaktivisten. Nicht nur über das Internet zu sprechen, sondern das Internet hierfür auch zu nutzen, liege auf der Hand, so Hank gegenüber politik-digital.de.</p>
<h3>Über 400 Anmeldungen</h3>
<p>Erfreulich sei der hohe Zuspruch mit bereits mehr als 400 Anmeldungen zum OMS 2012, die über die <a href="http://specials.dw.de/oms-en/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Website</a> und Facebook eingegangen seien. Viele Menschen in der arabischen Welt verfügten über eine ausgeprägte Internetkompetenz, daher sei mit entsprechenden Beiträgen zu rechnen, so Hank weiter.</p>
<p>Die Direktorin der DW Akademie Gerda Meuer ist sich sicher: &#8220;in Bezug auf Fortbildungsangebote für Blogger und Bürgerjournalisten bietet es sich an, neben den Workshops vor Ort auch auf das Internet und insbesondere auf Facebook und Twitter zu setzen&#8221;.</p>
<p>Es ist zu hoffen, dass die Bemühungen der DW Akademie, Offenheit und Demokratie in der Region zu fördern, Früchte tragen werden. Spannend dürfte in dieser Hinsicht sein, ob es Auswirkungen geben wird auf Transformationsprozesse in Syrien, im Irak oder sogar im Iran.</p>
<p>Zumindest rechnet die DW Akademie mit einem ungehinderten Verlauf. Auf die Frage, ob er mit Stör- oder Zensurattacken seitens einzelner Staaten rechne, äußerte sich Hank gegenüber politik-digital.de zuversichtlich: „Davon gehe ich nicht aus.“</p>
<p><a href="http://politik-digital.de/internationale-datenschutzkonferenz-von-paragrafenreitern-und-versaeumnissen/cc-lizens/" rel="attachment wp-att-121978"><img decoding="async" class="size-medium wp-image-121978 alignleft" alt="CC-BY-SA-Lizenz" src="http://politik-digital.de/wp-content/uploads/CC-Lizens-305x53.png" width="305" height="53" /></a></p>
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			</item>
		<item>
		<title>Cyberrepression mit deutscher Technologie</title>
		<link>https://www.politik-digital.de/news/cyberrepression-mit-deutscher-technologie-115237/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Ralf Pauli]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 30 Apr 2012 09:20:46 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[News]]></category>
		<category><![CDATA[Dual-Use-Güter]]></category>
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					<description><![CDATA[Der Arabische Frühling hat die Bedeutung neuer Medien für demokratische Transformationen ans Licht gebracht. Nun treten zunehmend deren Repressionspotentiale für [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://politik-digital.de/cyberrepression-mit-deutscher-technologie/syrias_hitler_keizerstreetart-3/" rel="attachment wp-att-115371"><img decoding="async" class=" wp-image-115371" alt="" src="http://politik-digital.de/wp-content/uploads/syrias_hitler_KeizerStreetArt2-630x472.jpg" width="630" height="350" /></a>Der Arabische Frühling hat die Bedeutung neuer Medien für demokratische Transformationen ans Licht gebracht. Nun treten zunehmend deren Repressionspotentiale für Autokraten aus dem Schatten der Reformeuphorie. Konsequent aus Sicht westlicher Sanktionspolitik wäre daher ein rigoroser Ausfuhrstopp der Informationstechnologie, die beim Aufbau von Überwachungsapparaten im Nahen Osten mithalf.</p>
<p>Besser könnte sich die Ohnmacht des Westens nicht ausdrücken: Um dem unverminderten Morden in Syrien unter den Augen der UNO-Beobachter Einhalt zu gebieten, verhängte die EU am vergangenen Montag ein Exportverbot für Luxusartikel wie Uhren oder teure Lebensmittel. Die Maßnahme erscheint skurril, wenn man sich die Versäumnisse der EU-Politik etwa bei der Beschränkung von sogenannten Dual-Use-Gütern, die sowohl zivil als auch militärisch eingesetzt werden können, vor Augen führt. Immerhin ist dem Europäischen Parlament bewusst, dass auch Informationstechnologie zur Unterdrückung der Bevölkerung eingesetzt werden kann. In einem <a href="http://www.europarl.europa.eu/sides/getDoc.do?type=TA&amp;reference=P7-TA-2012-0126&amp;language=DE&amp;ring=A7-2012-0086" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Beschluss zum Thema Menschenrechten in der Welt</a> vom 18. April 2012 fordert das Parlament in Straßburg die EU-Kommission auf,</p>
<blockquote><p>&#8220;<em>spätestens im Laufe des Jahres 2013 Vorschläge für intelligente Regulierungsmaßnahmen, einschließlich erhöhter Transparenz und Rechenschaftspflicht für die (in der) EU (niedergelassenen) Unternehmen vorzulegen, um die Überwachung der Ausfuhren von Waren und Dienstleistungen zu verbessern, die auf die Sperrung von Webseiten, die Massenüberwachung, die Überwachung des gesamten Internetverkehrs und aller (mobilen) Kommunikationen, die Abhörung und Transkription privater Gespräche, die Filterung von Suchergebnissen und Einschüchterung von Internetnutzern einschließlich Menschenrechtsaktivisten abzielen</em>.&#8221;</p></blockquote>
<p>Kurz: Die EU will nicht weiterhin als Kollaborateur autokratischer Repression gelten. Damit zieht Europa Lehren aus der Causa Vodafone. Das britische Telekommunikations-Unternehmen hatte sich in den letzten Wochen der Mubarak-Herrschaft im Januar 2011 den Forderungen ägyptischer Staatsorgane untergeordnet, Dienste vorübergehend zu sperren, Regierungspropaganda per SMS zu verbreiten und gezielt Oppositionelle zu beobachten &#8211; erst als sich <em>Amnesty International </em>an die Spitze der Kritikwelle stellte, distanzierte sich Vodafone vom ägyptischen Regime. Bereits vor Jahren hatte die Menschenrechtsorganisation die Mitverantwortung der großen IT-Konzerne für Internetzensur angeprangert. Bislang jedoch störte es weder verantwortliche Unternehmer noch Politiker, dass u.a. in China, Weißrussland, Ägypten, Usbekistan, Iran, Syrien oder Vietnam die freie Meinungsäußerung nicht nur beschnitten wird, sondern auch zu Verhaftung und Folter führen kann &#8211; dank westlichem Know-How.</p>
<p><strong>Westliche Technologie wird über China eingekauft</strong></p>
<p>So begrüßenswert die Resolution des EU-Parlamentes auch ist &#8211; den Ausgang des Serienkonfliktes wird sie nicht mehr beeinflussen: Zu langsam mahlen die Mühlen des Staatenverbundes, völkerrechtlich bindende Beschlüsse in Form von Richtlinien oder Verordnungen umzusetzen. Beschleunigen könnte das Verfahren die <em><a href="http://www.whitehouse.gov/the-press-office/2012/04/23/executive-order-blocking-property-and-suspending-entry-united-states-cer" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Executive Order</a></em> von US-Präsident Barack Obama, die am 23. April in Kraft trat. Darin verfügt die US-Regierung die Sanktionierung von Firmen, die durch die Weitergabe von Kommunikations-Technologie Menschenrechtsverletzungen in Syrien und den Iran ermöglichen. Dazu gehören in erster Linie die Telekommunikationsanbieter beider Länder, die iranische <em>Datak Telekom</em> und die syrische<em> Syriatel</em>. Aber auch IT-Firmen dritter Länder wie die chinesische ZTE (<em>Zhong Xing Telecommunication Equipment Company Limited</em>) könnten in Zukunft geahndet werden. ZTE hat <a href="http://www.nytimes.com/2012/04/24/world/new-sanctions-announced-for-aiding-syria-and-iran.html?_r=1" target="_blank" rel="noopener noreferrer">nach Angaben der New York Times</a> Ende 2010 Überwachungs-Technologie im Wert von 100 Millionen Euro an den Iran geliefert. Zudem treten die Chinesen als Zwischenhändler für Softwareprodukte US-amerikanischer Firmen auf. Mehr als 20 US-Firmen wie IBM, Brocade Communications Systems oder Cisco Systems Inc waren an einem <a href="http://www.reuters.com/article/2012/04/10/us-zte-iran-aryacell-idUSBRE8390T720120410" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Deal mit ZTE</a> und der iranischen <em>Telecommunication Company of Iran</em> (TCI) vom Juni 2011 beteiligt.</p>
<p>Auch wenn diese Produkte bislang nicht nach Iran gelangt sind, zeigt der Fall, wie leicht westliche Informationstechnologie trotz bestehender Embargos den Weg zu autokratischen Abnehmern findet. Deshalb ist der Vorstoß Obamas, auch gegen Firmen aus Drittstaaten vorzugehen, ein notwendigiger Schritt zur Sicherstellung der Wirksamkeit der Ausfuhrverbote. Und ein weiterer hin zur Prävention von Repression und Genozid in der Welt. Dieses Ziel hatte Obama bereits im August 2011 zum &#8220;Kerninteresse nationaler Sicherheit&#8221; erhoben &#8211; eine moralische Verantwortung, die sich aus dem Versagen seiner beiden Vorgänger Bill Clinton und George W.  Bush in Ruanda bzw. Darfur ableitet. Wie ernst es die US-Regierung mit dem Anspruch universaler Repressions-Prävention meint, muss sich erst noch zeigen. China beispielsweise hat sein Zensursystem 2006 bei der amerikanischen IT-Firma Cisco eingekauft. Und an Ländern des Nahen Ostens &#8211; etwa Bahrain, Saudi Arabien und Kuwait &#8211; verdienen McAfee, Netsweeper und Blue Coat Systems seit Jahren mit dem Verkauf zensurtauglicher Software, wie das <em><a href="http://online.wsj.com/article/SB10001424052748704438104576219190417124226.html" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Wall Street Journal</a></em> im März vergangenen Jahres aufdeckte. Laut Recherchen der <em>OpenNet Initiative</em> (ONI), die sich der Aufklärung weltweiter Filter- und Überwachungspraktiken verschrieben hat, gehören sogar <a href="http://opennet.net/west-censoring-east-the-use-western-technologies-middle-east-censors-2010-2011" target="_blank" rel="noopener noreferrer">mindestens neun Ländern Afrikas und des Nahen Ostens</a> zu den Kunden westlicher Sicherheitssoftware.</p>
<p><strong>Gaddafi spionierte mit französischer Software</strong></p>
<p>Doch nicht nur US-Firmen machen mit dem Zensurbedürfnis in der Region Geschäfte. Ägyptens ehemaliger Präsident Hosni Mubarak verwendete die Software FinSpy des deutsch-britischen Herstellers<em> Gamma International</em>. Ein Umstand, der erst in dem Moment Beachtung fand, als das deutsche Bundeskriminalamt (BKA) auf Anordnung des Innenministers Hans-Peter Friedrich (CSU) Anfang 2012 eine leicht modifizierte Software für Einsätze <a href="http://www.zeit.de/digital/datenschutz/2012-01/bka-testet-finspy/seite-1" target="_blank" rel="noopener noreferrer">im Rahmen der Quellen-TKÜ testete</a>. Was als Kritik an der vermeintlichen Beschneidung der Bürgerrechte in Deutschland begann &#8211; Stichwort Staatstrojaner  &#8211;  mündete in der Forderung nach mehr Transparenz beim Export deutscher Technikgüter, die möglicherweise zum Zweck der Repression und Zensur in anderen Ländern zum Einsatz kommen. Gemeinsamer Befund von Spiegel und der Bundesfraktion der Grünen, die die &#8220;<a href="http://gruen-digital.de/2011/11/kleine-anfrage-zu-export-deutscher-zensur-und-ueberwachungstechnik-an-autoritaere-und-totalitaere-staaten/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Kleine Anfrage zu Export deutscher Zensur- und Überwachungstechnik an autoritäre und totalitäre Staaten</a>&#8221; vom 15. November 2011 an an die Regierung stellte: Die Bundesregierung versuchte die Interessen der deutschen Wirtschaft vor der geplanten EU-Reform zur strengeren Kontrolle bei der Ausfuhr der Dual-Use-Güter zu schützen.</p>
<p>Weitere Ermittlungen des ARD-Magazins FAKT deckten auch die Verwicklung von Siemens (ab 2007 Nokia Siemens Networks) samt Tochterfirma Trovicor auf. Auf Anfrage räumte Siemens ein, im Jahr 2000 Überwachungstechnik an Syrien verkauft zu haben. Kurz zuvor hatte der Grünen-Bundestagsabgeordnete Konstantin von Notz bei der Bundesregierung nachgefragt, ob ihr der entsprechende Export eines deutschen Unternehmens&#8221; bekannt war und gemeldet wurde. Wie Notz am 12. April auf <a href="http://gruen-digital.de/2012/04/deutsche-unternehmen-lieferten-ueberwachungstechnik-nach-syrien/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">gruen-digital.de</a> publik machte, hat die Bundesregierung auf die geltende Syrien-Embargo-Verordnung vom 18. Februar 2012 verwiesen, die die Weitergabe von Kommunikationsüberwachung verbietet. Eine Verordnung, gegen die sich die Bundesregierung verschwiegenermaßen gesträubt hatte. Eine Verschwiegenheit, die wie auch beim undurchsichtigen Verkauf von 270 &#8220;Leopard 2&#8221;-Panzern nach Saudi-Arabien auf Ablehnung stößt.</p>
<p>Letztlich aber ist es der Vorwurf der doppelten Standards, dem sich die deutsche Regierung stellvertretend für westliche Interessen im Nahen Osten stellen muss. Eine Werte- und Wirtschaftsgemeinschaft wie die EU muss endlich konsequent ihre Werte über die Partikularinteressen ihrer Wirtschaft stellen. Damit die neuen Medien auch künftig zur Wahrnehmung der Bürgerrechte beitragen &#8211; und nicht diese beschneiden. 2011 wurden laut <em><a href="http://www.reporter-ohne-grenzen.de/presse/pressemitteilungen/meldung-im-detail/artikel/rog-bericht-feinde-des-internets-2012/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Reporter ohne Grenzen</a></em> 200 Internetjournalisten verhaftet. Zum <em>Welttag gegen Internetzensur</em> am 12. März 2012 verkündeten die Journalisten, dass die Internetfreiheit weltweit in 26 Ländern teils massiv kontrolliert wird &#8211; mit 15 dieser &#8220;Feinde des Internet&#8221; treibt die EU bedenkenlos uneingeschränkten Handel.<strong><br />
</strong></p>
]]></content:encoded>
					
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			</item>
		<item>
		<title>&#8220;Seit dem Fall des Eisernen Vorhangs auf der Suche nach neuen Feindbildern.&#8221;</title>
		<link>https://www.politik-digital.de/chattranscripte/quotseit_dem_fall_des_eisernen_vorhangs_auf_der_suche_nach_neuen_feindbildernquot-158/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[ahaeming]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 09 Feb 2006 23:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Chattranscripte]]></category>
		<category><![CDATA[Patrick Leclercq]]></category>
		<category><![CDATA[Protest]]></category>
		<category><![CDATA[Ägypten]]></category>
		<category><![CDATA[Meinungsfreiheit]]></category>
		<category><![CDATA[Islamischer Fundamentalismus]]></category>
		<category><![CDATA[Naher Osten]]></category>
		<category><![CDATA[Iran]]></category>
		<category><![CDATA[Karikaturen-Streit]]></category>
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					<description><![CDATA[<p class="normal">
<b>Am Freitag, den 10. Februar, war Patrick 
Leclercq zu Gast im tagesschau-Chat <span style="font-size: x-small">in Kooperation 
mit politik-digital.de.</span> Der Nahost-Korrespondent der ARD 
in Kairo beantwortete den Chat-Teilnehmern Fragen zu den ägyptischen 
Reaktionen auf die Mohammed-Karikaturen, er sprach über die 
Strategie des iranischen Präsidenten und das alltägliche 
Miteinander von Christen und Moslems.</b>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p class="normal">
<b>Am Freitag, den 10. Februar, war Patrick<br />
Leclercq zu Gast im tagesschau-Chat <span style="font-size: x-small">in Kooperation<br />
mit politik-digital.de.</span> Der Nahost-Korrespondent der ARD<br />
in Kairo beantwortete den Chat-Teilnehmern Fragen zu den ägyptischen<br />
Reaktionen auf die Mohammed-Karikaturen, er sprach über die<br />
Strategie des iranischen Präsidenten und das alltägliche<br />
Miteinander von Christen und Moslems.</b><!--break-->
</p>
<p class="normal">
<span class="fett"><span class="fett"><span class="fett">Moderator:</span></span></span><br />
Herzlich willkommen aus dem ARD-Hauptstadtstudio zum tagesschau-Chat.<br />
Unser heutiger Chat-Gast ist uns aus Kairo zugeschaltet. Ich begrüße<br />
ganz herzlich Patrick Leclercq, den Nahost-Korrespondenten der ARD.<br />
Thematisch soll sich in der kommenden Stunde alles um den Karikaturen-Streit<br />
und dessen Auswirkung auf die Weltpolitik drehen.
</p>
<p>
<b>glaeubiger:</b> Hallo Herr Leclercq, diese Woche sind<br />
&quot;Spiegel&quot; und &quot;Focus&quot; in Ägypten verboten<br />
worden, wegen des Titelthemas Karikaturen-Streit. Wie schätzen<br />
Sie diese Maßnahme der ägyptischen Regierung ein?
</p>
<p>
<span class="fett">Patrick Leclercq:</span> Das ist eine vorübergehende<br />
Maßnahme. Sie wurde ergriffen, um den Fundamentalisten keine<br />
zusätzliche Munition zu liefern.
</p>
<p>
<span class="fett">costello:</span> Wie hat sich die Lage in den<br />
vergangenen Tagen verändert? Eher Beruhigung oder eher zunehmende<br />
Eskalation? Oder beides?
</p>
<p>
<span class="fett">Patrick Leclercq:</span> Nach meiner Beobachtung<br />
hat sich die Lage beruhigt, und das wird sich auch die nächsten<br />
Tage so fortsetzen.
</p>
<p>
<span class="fett">dann:</span> Herr Leclercq, wie stark sind die<br />
Ressentiments der Bevölkerung in Wirklichkeit? Stichwort Medienwirkung.
</p>
<p>
<span class="fett">Patrick Leclercq:</span> Die Moslems sind tatsächlich<br />
schwer getroffen. Die bildhafte Darstellung des Propheten ist ein<br />
klarer Verstoß gegen alle Regeln. Das versteht der kleine<br />
Mann auf der Straße nicht.
</p>
<p>
<b>huslah:</b> Was denken Sie über die Karikaturen<br />
des Propheten. Dürfte ich Ihre Meinung hören?
</p>
<p>
<span class="fett">Patrick Leclercq:</span> Man sollte sie ganz<br />
einfach weglassen. Das erfordert der Respekt vor der anderen Religion.
</p>
<p>
<b>kirchenaustreter: </b>Wieso rasten die Menschen immer<br />
gleich so aus? Hier in Europa dauert es z.B. ziemlich lange, bis<br />
mal demonstriert wird.
</p>
<p>
<span class="fett">Patrick Leclercq:</span> Ich glaube, dass ein<br />
großer Teil der weltweiten Demonstrationen von halbstaatlichen<br />
Stellen organisiert wurde.
</p>
<p>
<b>Burgund:</b> Wenn man die Berichte über die Proteste<br />
aufmerksam verfolgt, kommt man zu dem Schluss, dass wohl viele der<br />
Protestierenden zusätzlich aufgestachelt werden. Wer schürt<br />
diese Proteste? Mit welchem Ziel? Wird hier eine &quot;Strategie<br />
der Spannung&quot; verfolgt?
</p>
<p>
<span class="fett">Patrick Leclercq:</span> Die Proteste werden<br />
von Fundamentalisten in allen islamischen Ländern genutzt,<br />
um ihre Ziele, nämlich rein religiös ausgerichtete Staaten,<br />
weiter zu forcieren. Die Provokation war also ein willkommener Anlass.
</p>
<p>
<b>Firework:</b> Herr Leclercq, herrscht denn auch derzeit<br />
keine Vergebungsbereitschaft bei den Moslems? Ich muss auch dazu<br />
sagen, dass ich so manch einen Moslem verstehen kann: Über<br />
heilige Dinge macht man keine Witze oder Karikaturen.
</p>
<p>
<span class="fett">Patrick Leclercq:</span> Es gibt DIE Moslems<br />
genauso wenig wie DIE Christen oder DIE Hindus. Ein großer<br />
Teil der Muslime ist friedlich gestimmt und man sollte sich nicht<br />
von den Demonstranten irritieren lassen.
</p>
<p>
<span class="fett">Dino:</span> Für wie groß halten<br />
sie den Einfluss von Mahmud Ahmadinedschad im Nahen Osten? Speziell<br />
bezogen auf die Fragestellung, wie sehr er die aufgeheizte momentane<br />
Stimmung durch den Karikaturenstreit für seine Ziele nutzen<br />
kann.
</p>
<p>
<span class="fett">Patrick Leclercq:</span> Sein Einfluss steigt<br />
täglich, weil er als geschickter Propagandist die Defizite<br />
des Westens zu nutzen weiß, z.B. was die Palästinafrage<br />
angeht.
</p>
<p>
<span class="fett">costello:</span> Gibt es auch kritische, reflektierte<br />
Stimmen in den Medien der so genannten arabischen Welt? Wenn ja<br />
&#8211; aus welchem Spektrum und mit welchem Inhalt?
</p>
<p>
<span class="fett">Patrick Leclercq:</span> Die gibt es natürlich<br />
in den Reihen der Intellektuellen, Künstler, bis hinein in<br />
die hohe arabische Geistlichkeit.
</p>
<p>
<b>yavuzph:</b> Herr Leclercq, haben die Pressemitteilungen<br />
der islamischen Verbände in Europa und auch aus Deutschland<br />
Auswirkungen auf die Muslime in den betroffenen Ländern? Oder<br />
werden diese überhaupt nicht wahrgenommen?
</p>
<p>
<span class="fett">Patrick Leclercq:</span> In den überregionalen<br />
Zeitungen und auch in den Medien, die überregional und international<br />
arbeiten, finden solche Stimmen selbstverständlich Beachtung.<br />
Auch die Vielzahl an arabischen Nachrichtenkanälen reflektiert<br />
durchaus solche Stellungnahmen.
</p>
<p>
<span class="fett">Moderator:</span> Aber bekommen die einfachen<br />
Demonstranten auf der Straße diese Stimmen überhaupt<br />
mit?
</p>
<p>
<span class="fett">Patrick Leclercq:</span> Die Demonstranten auf<br />
der Straße sind in der Regel sicher nicht an versöhnlichen<br />
Tönen interessiert, sondern wollen erst mal ihren Unmut und<br />
ihre Wut zum Ausdruck bringen. Sie sind aber nur ein kleiner Teil<br />
der arabischen Welt.
</p>
<p>
<b>randolph: </b>Wieso regen die Muslime sich eigentlich<br />
nicht so auf, wenn im Namen ihres Glaubens Unschuldige in die Luft<br />
gejagt werden?
</p>
<p>
<span class="fett">Patrick Leclercq:</span> Die Frage ist völlig<br />
berechtigt, wird aber spätestens seit der Regelmäßigkeit<br />
solcher Anschläge im Irak auch hierzulande immer lauter gestellt.<br />
Selbst im Irak gibt es jetzt diese Diskussion.
</p>
<p>
<b>liggelow: </b>Wie empfinden Sie die Situation jetzt<br />
persönlich als Journalist? Ist man Ihnen gegenüber zurückhaltender<br />
oder aggressiver?
</p>
<p>
<span class="fett">Patrick Leclercq:</span> Für mich persönlich<br />
hat sich bisher nichts geändert. Man muss allerdings sicher<br />
in einigen unserer Berichtsgebiete in Zukunft noch etwas vorsichtiger<br />
und umsichtiger vorgehen.
</p>
<p>
<b>tobias1: </b>Herr Leclercq, ich habe folgende Stellungnahme<br />
gehört: &quot;Der Islam ist die größte Bedrohung<br />
für den Weltfrieden und es besteht die Gefahr eines 3. Weltkrieges<br />
&quot;. Teilen Sie diese Auffassung?
</p>
<p>
<span class="fett">Patrick Leclercq:</span> Das halte ich für<br />
sehr unüberlegt &#8211; derartige Bedrohungsszenarios zeugen nicht<br />
von sehr viel Überlegtheit und auch Verständnis für<br />
andere Teile dieser Welt.
</p>
<p>
<b>talentfrei23: </b>Herr Leclercq, empfinden Sie die<br />
Veröffentlichung dänischer Karikaturen in deutschen Medien<br />
als taktlos? Wird der Begriff Pressefreiheit hier verwendet, um<br />
über den Sachverhalt hinweg zu täuschen, dass möglicherweise<br />
seitens der Medien verantwortungslos gehandelt wurde?
</p>
<p>
<span class="fett">Patrick Leclercq:</span> Im Zuge der journalistischen<br />
Information kann man durchaus darüber diskutieren, auch in<br />
Deutschland zumindest die Anmutung solcher Karikaturen darzustellen.<br />
Allerdings muss dabei eine Einordnung stattfinden, damit die Verletzung<br />
der religiösen Gefühle der Muslime verhindert wird. Eine<br />
Veröffentlichung ganz alleine und unkommentiert, sozusagen<br />
1:1 halte ich für falsch.
</p>
<p>
<b>s.tustra:</b> Kann man eigentlich ein Ziel formulieren,<br />
auf das die Proteste ausgerichtet sind? Man hat nicht den Eindruck,<br />
als sei es mit einer Entschuldigung getan.
</p>
<p>
<span class="fett">Patrick Leclercq:</span> Das Ziel sollte sicher<br />
auch in dieser Debatte auf allen Seiten die religiöse Toleranz<br />
sein. Leider scheint es mir so, dass sich doch einige fundamental<br />
religiöse und politische Richtungen einfach des Anlasses bedienen,<br />
um ihre Ziele zu verfolgen.
</p>
<p>
<span class="fett">Dino:</span> Gibt es einen nachweisbaren Zusammenhang<br />
zwischen der Rolle der gewaltbereiten Muslime und ihrer sozialen<br />
Stellung in der Gesellschaft? Sind es oft unzufriedene oder ärmere<br />
Menschen, oder sind sie aus allen sozialen Schichten?
</p>
<p>
<span class="fett">Patrick Leclercq:</span> Das ist ein Zusammenhang,<br />
der ja schon am 11. September hergestellt wurde, der sicher im Kern<br />
auch nicht zu leugnen ist. Das zeigen auch die großen Demonstrationen<br />
in bettelarmen Ländern wie dem Jemen und anderswo.
</p>
<p>
<b>Apfelsaftschorle: </b>Wer demonstriert eigentlich<br />
täglich da? Die Menschen haben doch auch Arbeit und Familie<br />
wie in anderen Erdteilen und dadurch nur wenig Zeit für Demonstrationen?
</p>
<p>
<span class="fett">Patrick Leclercq:</span> Die Zeit nehmen sie<br />
sich, weil die Beleidigung für sie eine sehr große ist<br />
und sie bis ins Mark getroffen sind.
</p>
<p>
<b>thorstenl:</b> Lässt die Tatsache, dass Muslime<br />
nie oder nur sehr selten gegen terroristische Aktivitäten,<br />
die im Namen des Islam geschehen, demonstrieren, den Schluss zu,<br />
dass es sich in Wirklichkeit nicht um die Beleidigung der Person<br />
Mohammed, sondern um einen Hass auf den Westen im allgemeinen dreht?
</p>
<p>
<span class="fett">Patrick Leclercq:</span> Die Erfahrungen früher<br />
aus der Kolonialzeit, später aber auch in der Palästinenserfrage<br />
und jüngst bei der Besetzung des Irak haben tatsächlich<br />
bei einem Teil der Bevölkerung in den arabischen Ländern<br />
zu einem eher negativen Bild des Westens geführt. Man sollte<br />
das aber nicht verallgemeinern sondern eher den Dialog suchen.
</p>
<p>
<span class="fett">Moderator:</span> Wie soll ein solcher Dialog<br />
konkret aussehen? An was für Maßnahmen denken Sie?
</p>
<p>
<span class="fett">Patrick Leclercq:</span> Ein solcher Dialog<br />
findet im Moment beispielhaft schon auf der Ebene der Kirchen statt,<br />
z.b. wie ich weiß, in Deutschland sogar auf der Ebene der<br />
Gemeinden. Und auch hierzulande gibt es christliche Pfarreien, die<br />
dieses seit Jahren mit den Moslems praktizieren.
</p>
<p>
<span class="fett">costello:</span> Die Muslime sind bis ins Mark<br />
getroffen, sagen Sie. Aber eine reflektierte gesamtgesellschaftliche<br />
Diskussion ist nicht möglich? Das geht doch bei uns auch!
</p>
<p>
<span class="fett">Patrick Leclercq:</span> Da haben Sie sicher<br />
recht. Sie müssen aber den arabischen Gesellschaften einfach<br />
noch Zeit geben.
</p>
<p>
<b>s.tustra: </b>Die nächste Reaktion in der Kette<br />
ist ja leider, dass die anti-islamistische Einstellung gerade in<br />
Deutschland gestärkt wird. Ist das den Demonstranten bewusst<br />
oder eventuell sogar beabsichtigt?
</p>
<p>
<span class="fett">Patrick Leclercq:</span> Ich denke, dass das<br />
den meisten Demonstranten nicht unbedingt bewusst ist. Ihre Möglichkeiten,<br />
sich darüber ein aktuelles Bild zu machen, sind im Regelfall<br />
auch eher begrenzt.
</p>
<p>
<b>yavuzph: </b>Glauben Sie persönlich daran, dass<br />
islamische Geistliche oder Großmuftis, Imame und Sheichs überhaupt<br />
noch einen theologischen oder persönlichen Einfluss auf Muslime<br />
und deren Denken haben? Zum Beispiel Al-Azhar-Uni?
</p>
<p>
<span class="fett">Patrick Leclercq:</span> Ja, unbedingt. Fast<br />
täglich verlassen &quot;Fatwas&quot; Kairo und gehen in die<br />
ganze Welt.
</p>
<p>
<b>Neuhier: </b>Ist man in der arabischen Welt eigentlich<br />
auch in der Lage, zwischen dem, was eine Karikatur darstellt, und<br />
dem, was sie eigentlich ausdrücken will, zu differenzieren?<br />
(Es ging ja nicht um eine religiöse Darstellung Mohammeds,<br />
sondern um aus westlicher Sicht durchaus nachvollziehbare Kritik<br />
und Ängste).
</p>
<p>
<span class="fett">Patrick Leclercq:</span> Sobald es um die Darstellung<br />
des Propheten geht, setzt nach meiner Einschätzung jegliche<br />
Differenziertheit aus. Ein Moslem versteht das einfach nicht.
</p>
<p>
<b>interessierte:</b> Gab es eigentlich auch Proteste<br />
in den arabischen Ländern, als von höchster politischer<br />
Stelle der Holocaust geleugnet wurde? Oder wurde darüber nur<br />
nicht berichtet?
</p>
<p>
<span class="fett">Patrick Leclercq:</span> Es wurde darüber<br />
nur wenig berichtet. Proteste größerer Art hat es meines<br />
Wissens nach nicht gegeben.
</p>
<p>
<b>Achim: </b>Ist es nicht vor diesem Gesichtspunkt &#8211;<br />
dass Sie die arabische Welt noch nicht für offen genug für<br />
eine gesellschaftliche Debatte halten &#8211; nicht gerade wichtig, dass<br />
&quot;der Westen &quot; seine Haltung zu zentralen Werten wie der<br />
Meinungsfreiheit bekräftigt bzw. verteidigt?
</p>
<p>
<span class="fett">Patrick Leclercq:</span> Ich persönlich<br />
&#8211; das habe ich auch schon mehrfach gesagt &#8211; bin natürlich der<br />
Meinung, dass wir am Begriff der Meinungsfreiheit nicht rütteln<br />
sollten.
</p>
<p>
<b>johannsen: </b>Was, denken Sie, wird passieren, wenn<br />
die EU und die USA bewusst noch mehr solcher Karikaturen veröffentlichen?
</p>
<p>
<span class="fett">Patrick Leclercq:</span> Dann werden die Proteste<br />
wieder aufflammen, weil hier vorausgesetzt wird, dass eine klare<br />
Absicht dahinter stecken würde.
</p>
<p>
<b>Domenico: </b>Stimmt es, dass die Bilder der Karikaturen<br />
den Menschen in Ägypten nicht gezeigt werden? Das heißt,<br />
in den Medien, Zeitschriften etc.?
</p>
<p>
<span class="fett">Patrick Leclercq:</span> Das stimmt so nicht.<br />
In Ägypten sind die Karikaturen in den letzten Wochen in einer<br />
großen Wochenzeitung abgedruckt worden und waren zu sehen.
</p>
<p>
<b>Bender-robot: </b>Dem Westen wird immer vorgeworfen,<br />
er würde mit zweierlei Maß messen. Die islamische Welt<br />
scheint das ja nun aber auch zu tun, sogar noch viel extremer. Was<br />
ist ihre Meinung dazu?
</p>
<p>
<span class="fett">Patrick Leclercq:</span> Das ist sicher so,<br />
aber es wird uns nicht weiter führen, wenn wir jeweils nur<br />
immer Interesse daran haben, den anderen vorzuführen.
</p>
<p>
<span class="fett">jox:</span> Denken Sie, dass es zu immer mehr<br />
Konflikten zwischen den beiden Kulturkreisen kommen wird? Es gibt<br />
nun mal wirklich große Unterschiede!
</p>
<p>
<b>Feanor: </b>Besteht die Möglichkeit, dass es<br />
infolge dieser Glaubendifferenzen zu einem Flächenbrand im<br />
Nahen Osten kommt?
</p>
<p>
<span class="fett">Patrick Leclercq:</span> Den Krieg der Kulturen<br />
sehe ich bisher nicht. Mir scheint es eher so, dass man nach dem<br />
Zusammenbruch des eisernen Vorhangs schon seit Jahren verzweifelt<br />
auf der Suche nach neuen Feindbildern ist. Im Kern glaube ich aber<br />
an keinen Flächenbrand.
</p>
<p>
<b>Lord Knut:</b> Heißt Verteidigung der Meinungsfreiheit<br />
zwingend, dass wir uns auch künftig als &quot;frei &quot; betrachten,<br />
die religiösen Gefühle frommer Moslems zu verletzen? Bedeutet<br />
Zusammenrücken in einer globalisierten, vernetzten Welt nicht<br />
auch, stärker als bislang auf die Empfindungen anderer Kulturkreise<br />
Rücksicht zu nehmen?
</p>
<p>
<span class="fett">Patrick Leclercq:</span> Ich rate in diesem<br />
Zusammenhang zu weniger Aufgeregtheit und Schaum vor dem Mund. Es<br />
ist bis zum heutigen Tage so, dass sich die meisten Menschen aus<br />
beiden Kulturkreisen durchaus eher freundschaftlich begegnen.
</p>
<p>
<b>frankfurter: </b>Wie tief ist Judenhass tatsächlich<br />
in den arabischen Gesellschaften verankert?
</p>
<p>
<span class="fett">Patrick Leclercq:</span> Durch die Gründung<br />
des Staates Israel gibt es in der arabischen Welt bis zum heutigen<br />
Tage große Ressentiments. Es sind eben die fundamentalistischen<br />
Hardliner, die versuchen, solche Stimmungen zu nutzen, um gegen<br />
den Staat Israel zu agitieren.
</p>
<p>
<span class="fett">jw:</span> Verstehen die Menschen denn, dass<br />
europäische Zeitungen selbstbestimmt entscheiden, was sie drucken?<br />
Dass also einzelne private Akteure provozieren und kein staatlicher<br />
Einfluss dahinter steckt. Sind Menschen in autoritärer Staaten<br />
in der Lage, hier zu differenzieren?
</p>
<p>
<span class="fett">Patrick Leclercq:</span> Das ist von Land zu<br />
Land sicher verschieden. In einem Staat, wo die Meinungsfreiheit<br />
relativ groß ist, wie z.b. Libanon, verstehen das die Menschen<br />
sehr wohl. In anderen, die seit Jahrzehnten von Diktatoren regiert<br />
werden, natürlich nicht.
</p>
<p>
<b>FriendofJews: </b>Man muss sich nur mal die arabischen<br />
TV-Sender ansehen, da schaudert&#8217;s einen (soviel zur arabischen Meinungsfreiheit).
</p>
<p>
<span class="fett">Patrick Leclercq:</span> Durch Sender wie Al<br />
Jazeera und später auch Al Arabia hat sich da aber auch einiges<br />
geändert. Eine so umfassende und schnelle und unzensierte Berichterstattung<br />
wäre vor 15 Jahren noch völlig undenkbar gewesen.
</p>
<p>
<b>pokemon: </b>Wie schaut es denn mit der Entwicklung<br />
hinsichtlich der Ausübung christlichen bzw. jüdischen<br />
Glaubens z.B. im Iran, Saudi Arabien etc. aus? Wird diese Toleranz<br />
der Muslime auch diskutiert??
</p>
<p>
<span class="fett">Patrick Leclercq:</span> Das kann man mit einem<br />
klaren Nein beantworten.
</p>
<p>
<b>FriendofJews: </b>Hat das ganze Theater nicht auch<br />
etwas Positives darin, dass man sieht, was für ein Hass ans<br />
Tageslicht kommt, und wir wissen, woran wir eigentlich sind?
</p>
<p>
<span class="fett">Patrick Leclercq:</span> Ich glaube nicht, dass<br />
dieser Hass tatsächlich so durchgängig ist. Ich lebe seit<br />
vielen Jahren in der Region und habe Erfahrungen, die eigentlich<br />
eine andere Sprache sprechen.
</p>
<p>
<b>mokassi: </b>Ist die Abbildung des Propheten im Koran<br />
tatsächlich verboten? Soweit ich weiß, gibt es zahlreiche<br />
Miniaturen, in denen der Prophet abgebildet wurde.
</p>
<p>
<span class="fett">Patrick Leclercq:</span> Die Diskussion darüber,<br />
besonders wenn es in die Details geht, ist sicher kontrovers. Die<br />
allgemeine Auffassung aber sagt, dass es so ist.
</p>
<p>
<b>Philipp Ströhle:</b> Sie sind schon lange in<br />
dieser Region. War es abzusehen, dass es früher oder später<br />
zu solch einem &quot;Kampf der Kulturen &quot; kommen könnte?
</p>
<p>
<span class="fett">GPK:</span> Wie lange noch zum &quot;Clash of<br />
Civilisations &quot;? Oder haben Sie wirklich Hoffnung, dass dieser<br />
verhindert werden kann? Wenn ja, wie?
</p>
<p>
<span class="fett">Patrick Leclercq:</span> Es ist in den letzten<br />
Jahren, insbesondere nach der Besetzung des Irak, zu einer Verschärfung<br />
der Kritik am Westen gekommen. Auch die Hilflosigkeit des Westens<br />
gegenüber dem Palästinaproblem hat sicher dazu beigetragen.<br />
Das hat bei vielen Menschen in der Region zur Flucht in die Religion<br />
geführt
</p>
<p>
<b>M.Bieniakonski: </b>Ist es überhaupt möglich,<br />
die islamische Welt als eine Einheit anzusehen, wie es in Medien<br />
häufig getan wird? Sollte man nicht viel stärker differenzieren<br />
zwischen Staaten wie Algerien und Iran?
</p>
<p>
<span class="fett">Patrick Leclercq:</span> Seit Nassers Versuch,<br />
einen arabischen Nationalismus zu installieren, ist es zweifellos<br />
so, dass sich viele arabische Staaten sehr weit auseinander entwickelt<br />
haben und es deshalb nur hilfreich sein kann, tatsächlich von<br />
Fall zu Fall zu differenzieren. Algerien ist da sicher ein sehr<br />
guten Beispiel, weil da die Bevölkerung sehr viele unterschiedliche<br />
Erfahrungen machen musste.
</p>
<p>
<span class="fett">sven:</span> Haben Sie Angst vor der Muslimbruderschaft,<br />
die eigentlich illegal ist, und trotzdem bei Ihnen in Kairo im Parlament<br />
sitzt? Der Einfluss dieser Organisation ist doch sehr groß<br />
und ihre antiwestliche Haltung seit 1928 nicht neu&#8230; Auch die Gewalt<br />
zur Wahl in Ägypten sagte da sehr viel aus: alte Methoden,<br />
alte Ziele.
</p>
<p>
<span class="fett">Patrick Leclercq:</span> Es ist sicher so, dass<br />
bei tatsächlich richtig freien Wahlen die Moslembruderschaft<br />
mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Mehrheit bekommen würde.<br />
Wer denn nun von sich behauptet, die demokratischen Ziele hochzuhalten,<br />
muss dann auch dieses akzeptieren.
</p>
<p>
<b>Der Araber: </b>Was denken Sie, könnten die Karikaturen<br />
zu einer Eskalation im iranischen Atomstreit führen?
</p>
<p>
<span class="fett">Patrick Leclercq:</span> Die iranische Propaganda<br />
ist geschickt genug, um den Vorfall genau zu diesem Zweck auszunutzen.<br />
Wir haben es seit kurzem mit ideologisch hoch erfahrenen Revolutionswächtern<br />
zu tun.
</p>
<p>
<span class="fett">kocht:</span> Es gibt ja Hinweise darauf, dass<br />
die USA &#8211; wie vor dem Irakkrieg &#8211; auf geschickte Art und Weise zweifelhafte<br />
Beweise für den Bau einer iranischen Atombombe lanciert. Für<br />
wie wahrscheinlich halten Sie eine militärische Eskalation<br />
dieser explosiven Stimmung im Nahen Osten bzw. vor allem im Iran?
</p>
<p>
<span class="fett">Patrick Leclercq:</span> Ich glaube, dass uns<br />
die Frage der iranischen Atomanlagen bis hin zu einem militärischen<br />
Schlag trotz aller Dementis in der kommenden Zeit sehr wohl beschäftigen<br />
wird.
</p>
<p>
<span class="fett">Moderator:</span> Wir haben noch fünf Minuten.<br />
Schon jetzt eine Entschuldigung an dieser Stelle, dass wir nicht<br />
alle Fragen berücksichtigen können. Es liegen noch weit<br />
über hundert unbeantwortete Fragen vor&#8230;
</p>
<p>
<b>nina_S: </b>Wie erklären Sie sich, dass es in<br />
Ägypten gegenüber anderen Staaten der arabischen Welt<br />
die Lage so &quot;ruhig &quot; ist?
</p>
<p>
<span class="fett">Patrick Leclercq:</span> Das hängt ganz<br />
schlicht damit zusammen, dass der Sicherheitsapparat, sprich: Polizei<br />
und Militär, immer ein Auge auf mögliche Unruhen und Demonstrationen<br />
haben.
</p>
<p>
<b>adabartist: </b>Wie ist eigentlich die Resonanz in<br />
Israel zu diesem Thema: Gibt es eine grundsätzliche Stellungnahme<br />
zu Karikaturen aus den Reihe der Orthodoxie?
</p>
<p>
<span class="fett">Patrick Leclercq:</span> Da bitte Entschuldigung,<br />
das kann ich Ihnen aber hier aus der arabischen Welt nicht mit letzter<br />
Sicherheit beantworten.
</p>
<p>
<b>Lebesgue: </b>Sie sagten, dass man den arabischen<br />
Gesellschaften Zeit lassen sollte. Ist es aber überhaupt realistisch,<br />
dass in den arabischen Gesellschaften auch so etwas wie eine Aufklärung<br />
stattfinden wird?
</p>
<p>
<b>brians: </b>In meiner Zeitung stand geschrieben: Es<br />
gibt keine Aufklärungstradition im Islam. Stimmt das so?
</p>
<p>
<span class="fett">Patrick Leclercq:</span> Im Zuge der Globalisierung<br />
haben die arabischen Gesellschaften nach meiner Ansicht nur zwei<br />
Chancen: Sie müssen sich entweder mit diesen ganzen Fragen<br />
ab der Aufklärung intensiver beschäftigen oder sie werden<br />
zwangsweise auf einem der hinteren Plätze weltweit landen.
</p>
<p>
<b>apol: </b>Eine etwas provokative Frage: Wie erklären<br />
Sie sich, dass Sie auf der einen Seite behaupten, &quot;dass sich<br />
die meisten Menschen aus beiden Kulturkreise sich durchaus freundlich<br />
begegnen &quot;, Sie aber weiterhin schreiben, dass die Moslembruderschaft<br />
bei richtig freien Wahlen wohl eine Mehrheit der Stimmen bekommen<br />
würde (ich möchte hier auch noch auf den Wahlerfolg der<br />
Hamas in den Palästinensergebieten verweisen).
</p>
<p>
<span class="fett">Patrick Leclercq:</span> Ich denke, das ist<br />
kein Widerspruch. Ein freundlicher Umgang miteinander ist die eine<br />
Seite, eine stramme religiöse Überzeugung muss dem nicht<br />
unbedingt widersprechen.
</p>
<p>
<span class="fett">Moderator:</span> Die Zeit ist fast um. Eine<br />
letzte Frage nach Kairo:
</p>
<p>
<b>ARD-Zuschauer:</b> Sie sind mit Peter Dudzik der wohl<br />
erfahrenste Kriegsberichterstatter der ARD. Aber warum haben Sie<br />
nun Ihren warmen und sicheren Chefredakteursposten wieder gegen<br />
die kugelsichere Weste eingetauscht? Was zieht Sie immer wieder<br />
in Krisengebiete? Ist es wirklich das sprichwörtliche Wasser<br />
aus dem Nil?
</p>
<p>
<span class="fett">Patrick Leclercq:</span> Nach vielen Jahren<br />
spannender Programm- und Verwaltungsarbeit in Deutschland ist, glaube<br />
ich, bei mir einfach wieder die Reporterneugier durchgebrochen &#8211;<br />
und das mache ich jetzt.
</p>
<p><span class="fett">Moderator:</span> Eine Stunde ist vorüber.<br />
Es liegen noch jede Menge Fragen vor, die aus Zeitgründen leider<br />
nicht mehr von Patrick Leclercq beantwortet werden können.<br />
Im Namen der User von tagesschau.de bedanke ich mich bei Herrn Leclercq,<br />
dass er sich die Zeit genommen hat. Den vielen Chat-Teilnehmern<br />
danke ich für die rege Diskussion.<br />
Unser nächster Chat ist am kommenden Donnerstag, den 16. Februar<br />
um dreizehn Uhr. Dann wird die FDP-Bundestagsabgeordnete und ehemalige<br />
Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger zum tagesschau-Chat<br />
ins ARD-Hauptstadtstudio kommen.</p>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://www.politik-digital.de/chattranscripte/quotseit_dem_fall_des_eisernen_vorhangs_auf_der_suche_nach_neuen_feindbildernquot-158/feed/</wfw:commentRss>
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			</item>
		<item>
		<title>&#8220;Dann gäbe es wohl einen Bürgerkrieg im Irak.&#8221;</title>
		<link>https://www.politik-digital.de/chattranscripte/quotdann_gaebe_es_wohl_einen_buergerkrieg_im_irakquot-202/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[rthurnher]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 21 Jun 2005 23:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Chattranscripte]]></category>
		<category><![CDATA[Außenpolitik]]></category>
		<category><![CDATA[Naher Osten]]></category>
		<category><![CDATA[Irak]]></category>
		<category><![CDATA[Volker Perthes]]></category>
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					<description><![CDATA[<p class="normal">
<b><b>Volker Perthes, designierter Direktor 
der Stiftung Politik und Wissenschaft, war am 22. Juni zu Gast im tacheles.02 
Live-Chat von tagesschau.de und politik-digital.de. Er sprach über 
seine Einschätzungen zur Lage im nahen Osten.</b></b>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p class="normal">
<b><b>Volker Perthes, designierter Direktor<br />
der Stiftung Politik und Wissenschaft, war am 22. Juni zu Gast im tacheles.02<br />
Live-Chat von tagesschau.de und politik-digital.de. Er sprach über<br />
seine Einschätzungen zur Lage im nahen Osten.</b></b><!--break-->
</p>
<p class="normal">
<b>Moderator:</b> Liebe Politik-Interessierte,<br />
willkommen im tacheles.02-Chat. Unsere Chat Reihe wird veranstaltet von<br />
tagesschau.de und politik-digital.de und unterstützt von tagesspiegel.de.<br />
Unser Gast heute ist Volker Perthes, Experte für die arabische Welt<br />
bei der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin (SWP), deren Leitung<br />
er im Herbst übernehmen wird. Die SWP berät als unabhängige<br />
Einrichtung Bundestag und Bundesregierung, ein Berliner „Think Tank“,<br />
also.<br />
Die Leitung steht, beginnen wir damit:
</p>
<p>
<b>Tickkerman:</b> Die US-Amerikaner haben nicht das beste<br />
Image bei den Irakern. Wie sieht es bei den europäischen Soldaten<br />
aus? Wird überhaupt ein Unterschied gemacht?
</p>
<p>
<b>Volker Perthes:</b> Ja, es wird durchaus ein kleiner Unterscheid<br />
gemacht. Die Briten etwa haben ein besseres Image, weil sie in der Regel<br />
mit mehr Vorsicht vorgehen, d.h. aber nicht, dass &#8211; wenn etwa NATO-Truppen<br />
die Amerikaner ersetzen würden &#8211; der Widerstand deshalb aufhörte.<br />
Wenn die NATO einfach die Stelle der Amerikaner einnähme oder als<br />
Sub-Unternehmer der USA tätig würde, würden sie genauso<br />
als Besatzungstruppen wahrgenommen.
</p>
<p>
<b>Roland79:</b> Mit welchem Zeithorizont wird eigentlich gerechnet,<br />
den Irak in ein nahezu befriedetes &#8211; sprich terrorfreies &#8211; Land zu überführen?
</p>
<p>
<b>Volker Perthes:</b> Ich weiß nicht mit welchem Zeithorizont<br />
die Amerikaner rechnen, aber es sieht nicht so aus als ob die amerikanischen<br />
Truppen und die irakische Regierung die Rebellion und den Terror innerhalb<br />
der nächsten ein, zwei Jahre niederschlagen könnten. Gleichzeitig<br />
versuchen die Amerikaner allerdings strategische Orte im Irak soweit zu<br />
befrieden, dass sie im Laufe des nächsten Jahres ihre Truppen zumindest<br />
reduzieren können. Wir sollten davon ausgehen, dass wir Bilder vom<br />
Terror im Irak sicher in den nächsten zwei, vielleicht auch drei<br />
Jahren noch oft zu sehen bekommen.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Sie haben mal an der Uni Beirut &quot;vor<br />
Ort&quot; gelehrt, hier in Berlin stellt sich die berechtigte Frage:
</p>
<p>
<b>FirstMover:</b> Woher beziehen Sie eigentlich Ihre Informationen?
</p>
<p>
<b>Volker Perthes:</b> Aus häufigen Reisen in die Region.<br />
Aus dem Studium der regionalen Presse. Aus Gesprächen mit Kollegen,<br />
Freunden und anderen Gesprächspartnern in der Region und natürlich<br />
auch aus den deutschen und internationalen Medien und Fachzeitschriften.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Gibt es irgendeine Art von Partner-&quot;Think<br />
Tank&quot; im Irak. Oder ist die politische Wissenschaft dort noch nicht<br />
wieder zum Leben erweckt worden?
</p>
<p>
<b>Volker Perthes:</b> Die politische Wissenschaft beginnt<br />
tatsächlich wieder zu leben, aber eher an den Universitäten<br />
als in Think Tanks. Es gibt einige Versuche, „Think Tanks“<br />
zu errichten, die sind aber noch nicht sehr weit gediehen. Gerade politisch<br />
aktive Wissenschaftler laufen zudem Gefahr. Ein guter Bekannter von mir<br />
der als Professor an der Universität in Bagdad tätig war und<br />
sich häufig zu politischen Tagesfragen, also gerade auch zur Gewalt<br />
im lokalen und internationalen Fernsehen geäußert hat, ist<br />
vor einem Jahr von einer Gruppe Bewaffneter aus seinem Auto gezerrt und<br />
hingerichtet worden. Und er ist nicht der einzige Wissenschaftler der<br />
so zum Opfer der politischen Macht-Auseinandersetzungen im Irak geworden<br />
ist.
</p>
<p>
<b>XinPing:</b> Gibt es im Irak ein unabhängiges Mediensystem,<br />
das die Menschen vor Ort aufklärt?
</p>
<p>
<b>Volker Perthes:</b> Ja, die lokalen Medien, insbesondere<br />
die Zeitungen, werden zunehmend unabhängig und kritisch. Daneben<br />
gibt es den Zugang zu arabischen und internationalen elektronischen Medien.<br />
In jedem Fall ist die Isolierung, unter der die Iraker unter Saddam Hussein<br />
lebten, gerade auch die Isolierung von der internationalen Medienwelt,<br />
heute überwunden.
</p>
<p>
<b>liberated:</b> Was halten Sie von Al Jazeera?
</p>
<p>
<b>Volker Perthes:</b> Al Jazeera hat eine klare Medienrevolution<br />
in der arabischen Welt herbeigebracht indem sie kontroverse Diskussionen<br />
zu für die Bürger dieser Staaten sehr wichtigen Themen ausgestrahlt<br />
haben. Damit haben sie tatsächlich etwas sehr Positives für<br />
die Diskussionskultur in der Region getan. Gleichzeitig ist es wie die<br />
meisten Fernsehsender ein populistisches Medium. D.h. es überzeichnet<br />
und übertreibt gelegentlich um die Massen von der Konkurrenz vor<br />
das eigene Programm zu ziehen. Politisch ist man sicherlich eher arabisch-nationalistisch<br />
und ein wenig islamistisch. Da dem Sender aber abwechselnd vorgeworfen<br />
wird von Bin Laden, den Israelis oder dem CIA gesteuert zu sein, scheinen<br />
sie letztlich doch einen recht ausgeglichenen Kurs zu fahren.
</p>
<p>
<b>heino2:</b> Meinen Sie, dass ohne eine Lösung des Nahost-Konflikts<br />
im Irak überhaupt dauerhaft Stabilität und Sicherheit geschaffen<br />
werden kann?
</p>
<p>
<b>Volker Perthes:</b> Die beiden Konflikte beeinflussen sich<br />
durchaus gegenseitig. Es ist sicher so, dass eine friedliche Regelung<br />
des Nahost-Konflikts auch zu einer Beruhigung der Auseinandersetzungen<br />
im Irak beitragen würde. Schon weil Anti-Amerikanismus, ja sogar<br />
der Hass auf die Amerikaner, sich heute zum großen Teil davon nährt,<br />
dass den USA vorgeworfen wird einseitig Israel zu unterstützen. Tatsächlich<br />
sehen wir heute, dass die zweite Administration von George W. Bush ernsthaftere<br />
Bemühungen zur Regelung des Konfliktes in Nahost unternimmt. Nicht<br />
zuletzt wohl, weil es im Irak überhaupt nicht nach Plan läuft.
</p>
<p>
<b>betty:</b> Was würde aus Ihrer Sicht passieren, wenn<br />
man den Irak morgen wieder komplett sich selbst überlassen würde?
</p>
<p>
<b>Volker Perthes:</b> Dann gäbe es wohl einen Bürgerkrieg<br />
im Irak. Das Dilemma der Situation ist gerade auch für Wissenschaftler<br />
und Berater, dass wir nicht mit gutem Gewissen einen sofortigen Abzug<br />
der Besatzungstruppen fordern können. Sie haben diesen Krieg gegen<br />
den Rat vieler ihrer Verbündeter geführt und wir können<br />
ihnen jetzt nicht raten den Irak wieder zu verlassen ohne zumindest effektive<br />
staatliche Strukturen wiederhergestellt zu haben.
</p>
<p>
<b>Tom 21:</b> Gibt es im Irak eigentlich auch Teile der Bevölkerung,<br />
die fremde Truppen in ihrem Land befürworten und als Unterstützung<br />
ansehen? Oder teilt die gesamte Bevölkerung die &quot;Antihaltung&quot;<br />
der gewalttätigen Rebellen?
</p>
<p>
<b>Volker Perthes:</b> Es gibt schon eine ganze Reihe gesellschaftlicher<br />
Kräfte, die aus den in der Antwort auf die letzte Frage genannten<br />
Gründe für eine weitere Anwesenheit der Amerikaner eintreten,<br />
eben um Chaos und Bürgerkrieg zu vermeiden. Und es gibt politische<br />
und gesellschaftliche Gruppen, die sagen, dass man das Regime von Saddam<br />
Hussein ohne die Hilfe der Amerikaner nie losgeworden wäre. Gleichzeitig<br />
gilt, dass kaum jemand richtig glücklich ist, unter Besatzung zu<br />
leben. Es gibt nur eben unterschiedliche Strategien, ein Ende der Besatzung<br />
herbeizuführen. Die Parteien, die an den Parlamentswahlen teilgenommen<br />
haben, sagen sich &#8211; richtigerweise, wie ich denke, dass man die Besatzung<br />
am schnellsten loswird, wenn man einen glaubwürdigen Staat aufbaut.<br />
Die Rebellen glauben &#8211; zum Teil jedenfalls &#8211; dass sie die Amerikaner gewaltsam<br />
vertreiben können. Und ihr Ziel ist wohl auch nicht die Errichtung<br />
eines demokratischen Staates.
</p>
<p>
<b>irgenteinname:</b> Wenn Sie beim Abzug der Amerikaner einen<br />
Bürgerkrieg befürchten, als was bezeichnen Sie die jetzigen<br />
Verhältnisse dort?
</p>
<p>
<b>Volker Perthes:</b> Man kann von einer Rebellion sprechen<br />
oder von einer Kombination von Widerstand gegen die ausländischen<br />
Truppen und Terror gegen die irakische Bevölkerung. Einen Bürgerkrieg,<br />
bei dem unterschiedliche gesellschaftliche oder politische Gruppen mit<br />
ihren Privatarmeen oder -milizen gegeneinander kämpfen würden,<br />
gibt es noch nicht. Die Gefahr wäre allerdings da, wenn etwa die<br />
Suche nach einem Verfassungskompromiss scheitern, es keine einvernehmliche<br />
Lösung über die Zukunft Irakisch-Kurdistans oder über die<br />
Stadt Kirkuk geben sollte. Dann kann es durchaus sein, dass es zu einem<br />
gewaltsamen Aufbruch des Staates und zu bewaffneten Auseinandersetzungen<br />
zwischen verschiedenen Volksgruppen kommt.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Die Anwesenheit der USA provoziert allerdings<br />
ja bekanntermaßen, daher Nachfrage von:
</p>
<p>
<b>Stickler:</b> Nach meiner Meinung erleben die Amerikaner<br />
im Irak gerade ihr zweites Vietnam. Wäre es nicht besser, als Reizfigur<br />
sich aus dem Irak zurückzuziehen und die Staatengemeinschaft zu bitten,<br />
die Probleme diplomatisch zu klären?
</p>
<p>
<b>Volker Perthes:</b> Es wäre klüger gewesen, von<br />
Anfang an eine diplomatische Lösung zu suchen. Ein rascher Rückzug<br />
würde jetzt aber als Sieg der Rebellen und der übelsten terroristischen<br />
Elemente, die im Irak einen „save haven“ gefunden haben, verstanden<br />
werden. Insofern wäre es vermutlich richtig, wenn die USA und ihre<br />
Alliierten in Kooperation mit der gewählten irakischen Regierung<br />
klare Kriterien benennen würden, bei deren Erfüllung dann ein<br />
vollständiger – und ich betone: vollständiger –<br />
amerikanischer Abzug stattfindet. Damit würde man auch allen Spekulationen<br />
entgegentreten, dass die USA sich langfristig im Irak festsetzen und letztlich<br />
nur die Ölvorräte des Irak kontrollieren wollten.
</p>
<p>
<b>adonisKF:</b> Glauben Sie, dass die US-Truppen unter einem<br />
Präsidenten der Demokratischen Partei aus dem Irak abgezogen würden?
</p>
<p>
<b>Volker Perthes:</b> Wenn die Wahlen im letzten Herbst anders<br />
ausgegangen wären, ständen wahrscheinlich trotzdem noch US-Truppen<br />
im Irak. Auch eine demokratisch geführte US-Regierung muss ja mit<br />
den Dilemmata umgehen, die durch den Krieg entstanden sind. Allerdings<br />
könnte ein demokratischer Präsident glaubwürdiger sagen:<br />
Wir haben hier ein Problem, das wir gemeinsam lösen wollen, lasst<br />
uns, als Iraker, Amerikaner und Europäer, möglicherweise auch<br />
als arabische Nachbarn, überlegen, wie wir zur Stabilisierung des<br />
Irak beitragen können.
</p>
<p>
<b>StockholmCity:</b> Wenn Sie eine neue Bundesregierung nach<br />
Beratung fragen sollte bezüglich eines Engagements im/für den<br />
Irak, welchen Ratschlag würden Sie geben? Welchen Beitrag sollte<br />
Deutschland Ihrer Meinung nach im Irak leisten?
</p>
<p>
<b>Volker Perthes:</b> Wir haben eine Mitverantwortung für<br />
den Aufbau eines möglichst pluralistischen, zivilen Irak. D.h., dass<br />
Deutschland sich mit vielen der bekannten Mitteln der Entwicklungs- und<br />
Aufbauhilfe im Irak engagieren sollte &#8211; also etwa Ausbildungshilfe für<br />
Polizei und Justiz, für Behörden und Nichtregierungsorganisationen<br />
(NRO). Natürlich kann ein Entwicklungsministerium keine Entwicklungshelfer<br />
in Kampfzonen schicken. Man wird deshalb dieses Engagement geographisch<br />
erst einmal auf jene Regionen konzentrieren müssen, in denen die<br />
Sicherheit einigermaßen gewährleistet ist. Das gilt etwa für<br />
den kurdischen Norden des Irak. Ich denke, wir haben auch gerade für<br />
den politischen Aufbau als Deutsche, möglicherweise in Kooperation<br />
mit einigen unser europäischen Partnern, einiges anzubieten, etwa<br />
unsere Erfahrung mit föderalen Strukturen oder so wichtigen Instrumenten<br />
für den Zusammenhalt eines Staates wie den Finanzausgleich zwischen<br />
verschiedenen Bundesländern und Regionen. Die Iraker suchen ja noch<br />
nach Wegen und Mitteln, um einen ihren Verhältnissen angemessenen<br />
Föderalismus lebensfähig zu machen. Und man muss wissen, dass<br />
der Irak in Zukunft wohl nur als einheitlicher Nationalstaat fortexistieren<br />
wird, wenn er eine stabile föderative Verfassung auf den Weg bringt.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Ein Teil dessen, was Sie vorschlagen, passiert<br />
bereits. Was glauben Sie, würde sich unter einer Regierung Merkel<br />
verändern?
</p>
<p>
<b>Volker Perthes:</b> Ich denke, in der Substanz wird die<br />
Veränderung in punkto Irak nicht groß sein. Möglicherweise<br />
wird es einer Regierung Merkel leichter fallen, mit den USA Einvernehmen<br />
über eine gewisse Arbeitsteilung im Irak herbeizuführen. Das<br />
versucht auch die derzeitige Bundesregierung. Aber in Washington, insbesondere<br />
in den Kreisen, die dort die Irakpolitik gestalten, ist die derzeitige<br />
deutsche Regierung nach wie vor kein bevorzugter Partner. Ich glaube auch<br />
dass eine CDU-geführte Bundesregierung nach zivilen Möglichkeiten<br />
der Aufbauhilfen für den Irak suchen wird und keine deutschen Truppen<br />
an den Euphrat schicken wird.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Zur vorherigen Antwort:
</p>
<p>
<b>StockholmCity:</b> (direkte Nachfrage): Ein militärisches<br />
Engagement Deutschlands im Irak sehen Sie also nicht als empfehlenswert/angebracht/notwendig?
</p>
<p>
<b>Volker Perthes:</b> Nein. Was würde es nützen?<br />
Glauben Sie, dass die Bundeswehr einen so machtvollen Aufstand wie den,<br />
den die amerikanische Armee sich seit zwei Jahren zu besiegen bemüht,<br />
siegreich bekämpfen könnte?
</p>
<p>
<b>Michael_B:</b> Besteht in der irakischen Bevölkerung<br />
überhaupt ein Verständnis für Demokratie?
</p>
<p>
<b>tony:</b> Wie glauben Sie wird sich die Demokratie in Irak<br />
entwickeln, wird es dort überhaupt eine demokratische Entwicklung<br />
geben? Wie kann es zu einer demokratischen Entwicklung kommen, wenn die<br />
Mehrzahl der Bevölkerung nicht weiß, was Demokratie ist?
</p>
<p>
<b>Volker Perthes:</b> Es gibt ein großes Interesse an<br />
politischem Pluralismus und Machtteilung zwischen allen relevanten gesellschaftlichen<br />
Gruppen. Und es gibt ein sicher ebenso großes Interesse an dem,<br />
was man &quot;gute Regierungsführung&quot; nennt, also Rechtsstaatlichkeit,<br />
die Wahrung persönlicher Freiheiten, Transparenz und Bekämpfung<br />
der Korruption. Dies dürfte meiner Einschätzung nach stärker<br />
wiegen, als der Wunsch nach einem liberalen Demokratiemodell, wie wir<br />
es in europäischen Staaten kennen. Und je mehr die Sicherheit des<br />
einzelnen Bürgers durch Gewalt und Terror gefährdet ist, desto<br />
stärker wiegt der Wunsch nach Sicherheit und Ordnung. Grundsätzlich<br />
aber hat die vergleichsweise hohe Wahlbeteiligung an den irakischen Parlamentswahlen<br />
im Januar gezeigt, dass die Iraker und Irakerinnen sehr wohl am Aufbau<br />
einer zivilen Staatsordnung mit zumindest demokratischen Elementen interessiert<br />
sind.
</p>
<p>
<b>salman:</b> In vielen arabischen Ländern geht zurzeit<br />
die Angst vor einem so genannten schiitischen Halbmond (Iran, Irak, Libanon)<br />
um. Ist das eine reelle Gefahr gerade in Anbetracht der iranischen Bemühungen<br />
zur Atommacht aufzusteigen?
</p>
<p>
<b>Volker Perthes:</b> Ich sehe das nicht als Gefahr. Eine<br />
Gefahr sehe ich allerdings darin, dass eine Reihe von Beobachtern und<br />
Politikern der arabischen Welt die gegenwärtigen politischen und<br />
gesellschaftlichen Veränderungen in einzelnen Ländern der Region<br />
in ein konfessionelles oder konfessionalistisches Denk- und Analyseraster<br />
zu pressen versuchen. Im Irak haben doch nicht ernsthaft &quot;die Schiiten&quot;<br />
die Macht übernommen, sondern hier ist erstmals das Prinzip einer<br />
repräsentativen Machtteilung, zumindest im Ansatz, durchgeführt<br />
worden.
</p>
<p>
<b>Franz56:</b> Wird der demokratische Irak andere Nachbarstaaten<br />
demokratisieren?
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Wenn er denn demokratisch wird – das<br />
ist ja die Domino-Theorie.
</p>
<p>
<b>Volker Perthes:</b> Demokratie, wenn sie denn haltbar sein<br />
soll, muss sich auf innere gesellschaftliche und politische Strukturen<br />
stützen können. Deshalb wird der Irak kaum seine Nachbarn demokratisieren.<br />
Er wäre dazu auch in einer schlechten Lage. Was wir allerdings sehen<br />
können, ist, dass der Umsturz im Irak politische Kräfte in anderen<br />
Ländern, die eine Veränderung in Richtung Demokratie und Pluralität<br />
wollen, ermutigt hat. Sich durchzusetzen, gelingt diesen Kräften<br />
aber am ehesten, wo schon eine starke Zivilgesellschaft und demokratische<br />
Erfahrungen vorhanden sind. Deshalb ist man im Libanon heute so viel weiter<br />
als etwa in Syrien, Ägypten oder Saudi-Arabien.
</p>
<p>
<b>Orientalism:</b> Wie weit lässt sich die Situation<br />
im Irak heute mit dem libanesischen Bürgerkrieg vergleichen (siehe<br />
Entführungen, Anschläge usw.)?
</p>
<p>
<b>Volker Perthes:</b> Wir haben hier eine ganz andere Konfliktstruktur,<br />
aber die Mittel, die angewandt werden sind zum Teil die Gleichen. Vom<br />
Libanon lernt der Irak eher in einer anderen Dimension: Viele Politiker<br />
sind der Ansicht, dass eine Form der Machtbeteiligung aller konfessionellen<br />
und ethnischen Gruppen, wie wir sie im Libanon kennen, auch für den<br />
Irak das Richtige wären, zumindest für eine Übergangszeit.<br />
In der Praxis ist die irakische Regierung ja schon nach diesem Prinzip<br />
zusammengesetzt.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Die Frage bezieht sich auf Irak:
</p>
<p>
<b>adonisKF:</b> Wie wird sich das Verhältnis zu Israel<br />
in Zukunft entwickeln?
</p>
<p>
<b>Volker Perthes:</b> Es scheint so, dass die neue irakische<br />
Regierung keinerlei Vorreiterrolle für das arabisch-israelische Verhältnis<br />
übernehmen will. Sie wird wie die meisten anderen arabischen Regierungen<br />
auf Bewegung im israelisch-palästinensischen Verhältnis warten<br />
und sicher auch keine diplomatischen Beziehungen mit Israel aufnehmen,<br />
bevor das israelisch-palästinensische Verhältnis zumindest wieder<br />
auf dem Weg des Friedens ist. In diese Richtung hat sich auch der irakische<br />
Präsident Talabani bei seiner Antrittsrede geäußert.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Wenn es denn bei den drängenden Problemen<br />
dort eine Hitliste gibt:
</p>
<p>
<b>MellowMOOD:</b> Was ist denn das derzeit dringendste Problem,<br />
das im Irak gelöst werden muss?
</p>
<p>
<b>Volker Perthes:</b> Sicherheit ist vorrangig, weil es ohne<br />
Sicherheit auch keine wirtschaftliche Entwicklung und kein Vertrauen in<br />
die Zukunft der neuen Ordnung im Irak gibt. Als zweite Priorität<br />
gilt die fristgemäße Erledigung der politischen Aufgabenliste,<br />
die man sich selbst gestellt hat. Also Verabschiedung eines Verfassungsentwurfes<br />
bis Oktober, Wahlen für ein Parlament bis zum Ende des Jahres.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Unsere 60 Minuten Politik-Chat sind um, vielen<br />
Dank für das große Interesse am Thema Nahost. Wie immer blieben<br />
viele Fragen, aber der nächste Nahost-Chat kommt bestimmt. Herzlichen<br />
Dank an Sie, Herr Perthes, dass Sie sich die Zeit für den Chat genommen<br />
haben! Das Chat-Protokoll finden Sie wie immer auf den Seiten der Veranstalter.<br />
Der nächste Chat findet am Montag, 27. Juni um dreizehn Uhr statt.<br />
Dann wird Ute Vogt im Chat Rede und Antwort stehen. Die SPD-Vizechefin<br />
ist parlamentarische Staatssekretärin im Innenministerium und Bundestagsabgeordnete.<br />
Einen schönen Tag noch allerseits!<br />
Und sorry für die Überziehung 😉</p>
]]></content:encoded>
					
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			</item>
		<item>
		<title>Tom Buhrow und Jörg Armbruster im tacheles.02-Doppelchat</title>
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		<dc:creator><![CDATA[uheimann]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 16 Mar 2005 23:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Chattranscripte]]></category>
		<category><![CDATA[Jörg Armbruster]]></category>
		<category><![CDATA[Außenpolitik]]></category>
		<category><![CDATA[Naher Osten]]></category>
		<category><![CDATA[Irak]]></category>
		<category><![CDATA[Tom Buhrow]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://www.politik-digital.de/uncategorized/tom_buhrow_und_joerg_armbruster_im_tacheles02doppelchat-229/</guid>

					<description><![CDATA[<span style="font-size: x-small">
Am 17. März trafen sich die ARD-Korrespondenten Tom Buhrow 
(Washington) und Jörg Armbruster (Kairo) zum tacheles.02-Doppel-Chat 
von tagesschau.de und politik-digital.de und diskutierten über 
die Situation im Nahen Osten zwei Jahre nach den ersten Bombenangriffen 
auf Bagdad.</span>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><span style="font-size: x-small"><br />
Am 17. März trafen sich die ARD-Korrespondenten Tom Buhrow<br />
(Washington) und Jörg Armbruster (Kairo) zum tacheles.02-Doppel-Chat<br />
von tagesschau.de und politik-digital.de und diskutierten über<br />
die Situation im Nahen Osten zwei Jahre nach den ersten Bombenangriffen<br />
auf Bagdad.</span><br />
<!--break--> <b>Moderator3:</b> Liebe Nutzer und Nutzerinnen, herzlich<br />
Willkommen! An dieser Stelle findet in zwei Minuten der Chat mit den<br />
beiden ARD Korrespondenten in Kairo und Washington, Jörg Armbruster<br />
und Tom Buhrow statt. Beide sind bereits online, die Moderatoren nehmen<br />
Ihre Fragen gerne entgegen! Die Fragen werden zunächst gesammelt<br />
und dann gegebenenfalls veröffentlicht. </p>
<p>
<b>Moderator:</b> Liebe Politik-Interessierte, willkommen im Chat<br />
von tagesschau.de und politik-digital.de. In Kairo und Washington<br />
begrüße ich unsere ARD-Korrespondenten Jörg Armbruster<br />
und Tom Buhrow. An beide die Frage: Kann es losgehen?
</p>
<p>
<b>Moderator3:</b> Ich glaube übrigens, dass wir<br />
eine gleichzeitige Schaltung auf zwei Kontinente mit Moderation<br />
auf einem dritten Kontinent noch nie hatten, und halte mich jetzt<br />
zurück
</p>
<p>
<b>gabelstichtmesser:</b> Wie beurteilen Sie beide die<br />
Demokratisierungsversuche der Amerikaner im Irak?
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Vielleicht beginnt Herr Armbruster.
</p>
<p>
<b>Jörg Armbruster:</b> Ajlan wa sahlan: das heißt<br />
herzlich willkommen. Wie man gestern erleben konnte, ist das erste<br />
frei gewählte Parlament zusammengetreten. Das ist sicherlich<br />
ein Fortschritt für das Land, auch wenn die Sunniten sich nicht<br />
an den Wahlen beteiligt haben. Leider aber haben die Amerikaner<br />
so gut wie keinen Fehler ausgelassen bei dem Versuch so etwas wie<br />
eine staatliche und demokratische Struktur aufzubauen. Ich bin zwar<br />
nach wie vor skeptisch, ich halte es aber nicht für ausgeschlossen,<br />
dass am Ende doch so etwas wie eine neue Demokratie entstehen wird,<br />
auch wenn die wenig mit unseren Demokratievorstellungen zunächst<br />
zu tun haben wird. Die muss aber von den Irakern selber gefunden<br />
werden.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Tom Buhrow, was meinen Sie?
</p>
<p>
<b>Tom Buhrow: </b>Aus Sicht von Präsident Bush<br />
hat seine Politik im Nahen Osten zwei Seiten: Einmal die Sicherheit<br />
der USA und seiner Verbündeten (wozu wir ja auch gehören).<br />
Er geht davon aus, dass man den Terrorismus nur dann wirksam bekämpfen<br />
kann wenn man nicht nur einzelne Gruppen bekämpft, sondern<br />
auch den Menschen in dieser Region Freiheit und Hoffnung bringt.<br />
Dann &#8211; so seine Kalkulation &#8211; würde der Nährboden für<br />
Terror austrocknen. Der zweite Aspekt ist der: Er glaubt wirklich<br />
an die Mission Demokratie zu verbreiten und an die konstruktive<br />
Kraft der Demokratie.
</p>
<p>
<b>arafatssitzbadewanne:</b> Wie ist es seit Kriegsbeginn<br />
um die Pressefreiheit im Irak bestellt? Wie in Amerika?
</p>
<p>
<b>Moderator: </b>Diesmal bitte Tom Buhrow zuerst
</p>
<p>
Tom Buhrow: Hier gibt es zweierlei zu beobachten: Natürlich<br />
ist die Pressefreiheit hier grundsätzlich gewährleistet.<br />
Aber diese Regierung hat die Kunst der &quot;message control &quot;<br />
fast schon perfektioniert. Wenn etwas gegen die Umwelt unternommen<br />
wird, dann geschieht die Rede vor einem Banner mit der Aufschrift<br />
&quot;die Umwelt schützen &quot;.
</p>
<p>
<b>Moderator: </b>Und im Irak? Jörg Armbruster bitte.
</p>
<p>
<b>Jörg Armbruster: </b>Nein sicherlich nicht wie<br />
in den USA. Aber vor dem Krieg gab es überhaupt keine Pressefreiheit.<br />
Es gab nur eine staatlich gelenkte Presse, der genau vorgeschrieben<br />
war, was sie zu schreiben hatte und was nicht. Das hat sich nach<br />
dem Krieg im Irak radikal geändert. Es gibt eine Zeitungsvielfalt,<br />
die aber auch in der Hand von Geldgebern ist, es gibt private Fernsehstationen.<br />
Es gibt bei den Irakern einen großen Hunger nach Informationen.<br />
Aber es gibt auch verschiedene Regierungsverantwortliche, die zum<br />
Beispiel die arabischen Nachrichtensender wie Al Jazeera verboten<br />
haben. Man kann sie empfangen, sie dürfen aber nicht im Land<br />
arbeiten. Also eine Gängelung der Presse.
</p>
<p>
<b>Moderator: </b>Nachfrage an Tom Buhrow:
</p>
<p>
<b>tagesschauer2: </b>Was bedeutet in den USA &quot;Message<br />
control&quot; konkret? Die Pressefreiheit ist doch in den Bill of<br />
Rights verankert, wie kann man das umgehen?
</p>
<p>
<b>Tom Buhrow:</b> Noch ein Punkt (damit man nicht meint,<br />
wir ließen die kritischen Punkte aus): Eine besorgniserregende<br />
Entwicklung in USA ist folgende: Immer häufiger werden Journalisten<br />
unter Druck gesetzt, nach Enthüllungsgeschichten ihre vertraulichen<br />
Quellen preiszugeben. Einige, die sich weigerten, sind schon in<br />
Haft gekommen. Das wird von den Standesorganisationen der amerikanischen<br />
Journalisten scharf angeprangert und man fordert einen gesetzlichen<br />
Schutz ähnlich wie dem, den Priester und Ärzte genießen.
</p>
<p>
Nun zu der neuen Frage: Pressefreiheit ist eine Sache, aber natürlich<br />
will jede Firma und jede Regierung ihre Sicht der Dinge rüberbringen,<br />
das ist ja überall so, auch bei uns in Deutschland. Man kann<br />
sagen &quot;Arbeitslosenquote steigt &quot;, da wird jede Regierung<br />
sagen: &quot;aber in diesem oder jenem Bereich haben wir Jobs geschaffen<br />
&quot;. Die Bush Regierung hat einfach eine ganz besonders verfeinerte<br />
Art der PR entwickelt. &quot;message control &quot; bedeutet also<br />
nicht, dass die Presse gezwungen ist, etwas zu berichten, es ist<br />
eine Art von PR und da sind die eben besonders raffiniert. Die Pressefreiheit<br />
ist zwar garantiert, aber (s.o.) nicht das Recht, seine Quellen<br />
zu schützen. Einer wurde vor einiger verurteilt, nachdem er<br />
gefilmt hatte, wie ein Politiker sich bestechen ließ, also<br />
Geld nahm. Sicher ein Dienst an der Öffentlichkeit, aber der<br />
Richter wollte den Kollegen zwingen, seinen Informanten zu nennen,<br />
jemand aus der Behörde. Der Journalist weigerte sich und der<br />
Kollege wurde verurteilt. Das ist hier im Gewerbe ein großes<br />
Thema.
</p>
<p>
<b>linlin:</b> Herr Buhrow sprach davon, dass die Bush-Regierung<br />
wirklich an die Mission glaubt, Demokratie zu verbreiten. Frage<br />
an Herrn Armbruster: Inwieweit gibt es in der irakischen Gesellschaft<br />
oder Politik einen ideologischen Hintergrund dieser Art? Wird dort<br />
das Individuum und Selbstverwirklichung genauso gepriesen wie in<br />
der westlichen Welt?
</p>
<p>
<b>Jörg Armbruster:</b> Nein, die letzten Wahlen<br />
haben gezeigt, dass entlang der Stammesgrenzen gewählt wird,<br />
nach Religionszugehörigkeit; das heißt Schiiten haben<br />
in ihrer großen Mehrheit die schiitische Liste gewählt.<br />
Außerdem spielen ethnische Zugehörigkeiten eine wichtige<br />
Rolle. Kurden wählen die Kurdische Liste&#8230; Sunniten haben<br />
boykottiert natürlich auch unter der Drohung der Terroristen.<br />
Die Iraker haben einen Willen zur Demokratie aber keine Erfahrung<br />
in Demokratie. Das müssen sie noch lernen so wie wir das nach<br />
dem Zweiten Weltkrieg auch gelernt haben. Diese Probleme sind weit<br />
verbreitet im Nahen Osten, auch in Jordanien wird so gewählt<br />
wie der Stamm es wünscht. Individualismus und Selbstbestimmung<br />
müssen sich langsam durchsetzen. Es ist aber möglich wie<br />
wir im Libanon im Augenblick erleben.
</p>
<p>
<b>Tom Buhrow:</b> Ich habe auch eine Frage an Jörg<br />
Armbruster: Man hat den Eindruck, dass die Wahlen im Irak ansteckend<br />
auf die Bevölkerung anderer Länder der Region wirkten<br />
(z.B.Libanon). Ist der Eindruck richtig? Gibt es so etwas wie eine<br />
Dynamik der Demokratiebewegung?
</p>
<p>
<b>Jörg Armbruster:</b> Ich glaube nicht, dass es<br />
die Wahlen im Irak waren. Dazu wird der Irak als ein viel zu abschreckendes<br />
Bespiel wahrgenommen. Viel wichtiger ist das, was im Libanon im<br />
Augenblick passiert. Die Opposition hat es geschafft eine Regierung<br />
zum Rücktritt zu zwingen. So etwas ist im Nahen Osten ein ungeheuerer<br />
Vorgang.
</p>
<p>
<b>Hans2:</b> Herr Buhrow sprach von 2 Zielen die Präsident<br />
Bush im Irak verfolgt: Kampf gegen den Terrorismus und Demokratisierung.<br />
Wie wichtig aber scheint Ihnen neben diesen noblen Zielen die Rolle<br />
der Ressourcensicherung, d.h. der Sicherung des Zugangs zu Ölvorräten?
</p>
<p>
<b>Tom Buhrow:</b> Das spielt in der Tat im Hintergrund<br />
auch eine Rolle. Ich denke aber am meisten bei der Behandlung von<br />
Saudi Arabien. Ob man im Irak Öl an erster Stelle im Sinn hatte<br />
wird man erst sehen, wenn die USA Kräfte abziehen, ob dann<br />
die Ölproduktion wirklich in irakischer Hand bleibt. Aber im<br />
Falle Saudi Arabien kann man sagen, dass die milde Behandlung dieser<br />
&quot;Nicht-Demokratie&quot; ganz klar mit den Ölvorkommen<br />
zu tun hat und mit der Tatsache, dass die Saudis mäßigend,<br />
sprich: prowestlichen Einfluss in der Region nehmen, insofern: Ölversorgung<br />
ist ein wichtiger Faktor, innerhalb der USA gibt es auch eine Anstrengung,<br />
die strategischen Ölreserven (die eigenen) zu erhöhen<br />
und neue Ölquellen und -Energiequellen zu erschließen,<br />
auch wenn das heißt, dass man in Naturschutzgebieten bohren<br />
muss (Alaska).
</p>
<p>
<b>Suchen:</b> Was passiert wenn der Preis für Öl<br />
weiter steigt und noch mehr Staaten ihre Truppen abziehen wollen?
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Herr Armbruster &#8230;
</p>
<p>
<b>Jörg Armbruster:</b> Die USA können ihre<br />
Truppen im Augenblick noch nicht aus dem Irak abziehen, weil die<br />
irakischen Sicherheitskräfte noch nicht für Sicherheit<br />
sorgen können. Schlimmstenfalls heißt dies für die<br />
USA, dass sie ihre Truppen erhöhen müssen oder neue Verbündete<br />
finden müssen, die bereit sind Soldaten zu stationieren. Das<br />
heißt aber auch, dass irakische Sicherheitskräfte im<br />
Ausland verstärkt ausgebildet werden müssen, so wie es<br />
die Bundesrepublik schon anbietet. Vorläufig geht es aber nicht<br />
ohne ausländische Hilfe.
</p>
<p>
<b>Sonya Sue:</b> Immer mehr US-Soldaten desertieren,<br />
immer weniger junge Leute melden sich zum Armeedienst. Bröckelt<br />
die Heimatfront in den USA?
</p>
<p>
<b>Tom Buhrow:</b> Zunächst zum vorherigen noch<br />
kurz: &quot;Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral &quot;<br />
&#8211; heißt es in einem Stück von Bertold Brecht. Wenn es<br />
ans Eingemachte geht &#8211; so wage ich anzunehmen, wird auch bei uns<br />
der hehre Anspruch mehr in den Hintergrund treten. Jetzt zu Ihrer<br />
Frage, Sonya: Die Armee hat Schwierigkeiten, ihre Rekrutierungsziele<br />
zu erfüllen, das hat sie selbst zugegeben und das hat ganz<br />
klar mit dem Irak-Krieg zu tun. Aber man darf daraus keine falschen<br />
Schlüsse ziehen. Die Amerikaner unterstützen im Großen<br />
und Ganzen ihre Truppen, auch wenn man unsicher ist, ob das ganze<br />
Irak-Abenteuer die Sache wert war / ist. Auch der Protest gegen<br />
den Vietnamkrieg brauchte etliche Jahre bis er auf Touren kam. Also:<br />
Auch wenn die Skepsis über den langen, langen Einsatz zunimmt,<br />
so ist noch keine Protestbewegung zu sehen, die so groß wäre,<br />
dass sie der Regierung in den Arm fallen könnte.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Kleiner Ortswechsel:
</p>
<p>
<b>Nawied:</b> Herr Armbruster, haben die Ereignisse<br />
im Libanon irgendeinen Einfluss auf den Irak?
</p>
<p>
<b>Jörg Armbruster:</b> Glaube ich nicht, die Iraker<br />
wünschen sich in erster Linie Sicherheit, dann noch mal Sicherheit.<br />
Erst dann kommt der Gedanke an so etwas wie eine Demokratisierung.<br />
Der Libanon ist in einer sehr komfortablen Situation. Er hat schon<br />
so etwas wie eine Demokratie, die Medien sind in privater Hand,<br />
Der Staat verfügt nicht anders als in den meisten übrigen<br />
arabischen Ländern über eine Polizei, die Demonstrationen<br />
zerschlägt. Der Libanon ist noch eine Ausnahme. Eine Massenbewegung<br />
wie in Beirut wäre weder in Bagdad noch in Kairo im Augenblick<br />
denkbar.
</p>
<p>
<b>moby dünn:</b> Herr Buhrow, wie wird die amerikanische<br />
Politik gegenüber dem Iran aussehen?
</p>
<p>
<b>Tom Buhrow:</b> Kleine Anmerkung: Wie gut, dass ich<br />
mal 10-Finger System gelernt habe, sonst könnte ich nicht so<br />
zügig antworten, Moby. Iran: Meine Prognose: Das läuft<br />
jetzt so ab: Gerade hat Bush den 3 EU Staaten, die mit dem Iran<br />
verhandeln ein Angebot in die Hand gedrückt, die Europäer<br />
sind entzückt, dass Washington nun endlich ihre Verhandlungen<br />
aktiv unterstützt, der Iran wird nicht darauf eingehen ( nur<br />
meine persönliche Prognose, aber etliche Experten in Washington<br />
nehmen das auch so an). Dann müssen wir Europäer uns revanchieren<br />
und den Iran vor den Sicherheitsrat der UNO zitieren. Motto: Washington<br />
hat bei der Zuckerbrot-Lösung mitgemacht. Es klappte nicht,<br />
jetzt müssen die Europäer mit die Peitsche schwingen.<br />
Dann ist die Frage, ob z.B. China sich Sanktionen anschließt.<br />
China hat Milliarden Öl-Verträge mit dem Iran und braucht<br />
immer mehr ÖL (s.o.). Irgendwann ist dann die Frage (etwa 2006):<br />
läuft uns die Zeit weg? Also: Hat der Iran schon bald die Bombe.<br />
Weder USA noch Israel werden dieses Risiko eingehen. Übrigens:
</p>
<p>
<b>Roman_59de:</b> Europäer mit der Peitsche schwingen<br />
klingt wie Chamäleon macht einen 100 m lauf.
</p>
<p>
<b>Tom Buhrow:</b> bei uns sind 2006 Bundestagswahlen,<br />
dann können wir uns wieder schön leidenschaftlich mit<br />
der Außenpolitik befassen statt mit unseren eigenen wirtschaftlichen<br />
Problemen.
</p>
<p>
<b>Sonya Sue:</b> Stimmt es wirklich, wie man liest,<br />
dass die Mehrheit der Iraner die behördlich verordnete Amerika-Feindlichkeit<br />
satt hat? Oder ist das Teil der &quot;Democracy in the Middle East<br />
&quot;-PR-Kampagne?
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Jörg Armbruster, können Sie<br />
was dazu sagen?
</p>
<p>
<b>Jörg Armbruster:</b> Ich habe das auch gehört.<br />
Der Iran gehört allerdings nicht zu meinem Gebiet.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Zurück in Ihr Berichtsgebiet 🙂
</p>
<p>
<b>sevek:</b> Herr Armbruster, wie hoch sehen Sie die<br />
Wahrscheinlichkeit eines Krieges zwischen Syrien, -USA und Syrien-<br />
Türkei? Wann wir der Streit um die Wasserversorgung Syriens<br />
mit der Türkei beigelegt?
</p>
<p>
<b>Jörg Armbruster:</b> Man darf sich allerdings<br />
nicht täuschen. In der Atomfrage stehen auch die oppositionellen<br />
Iraner hinter ihrer nicht sehr geliebten Regierung; denn das Nationale<br />
Selbstverständnis verbietet es, sich von einer fremden Macht<br />
diktieren zu lassen, ob man am Fortschritt teilhaben darf oder nicht.<br />
Solche Kanonenbootdrohungen der USA, das kann ich auch immer wieder<br />
in der arabischen Welt beobachten, führen eher zu Trotzreaktionen<br />
als zu Einsicht. Jetzt war ich noch bei der alten Antwort, sorry&#8230;
</p>
<p>
<b>Moderator: </b>Macht nichts, wir waren wohl etwas<br />
schnell 🙂
</p>
<p>
<b>Jörg Armbruster:</b> Krieg gegen Syrien eher<br />
unwahrscheinlich, zumal Bashar im Augenblick alles tut was die Amerikaner<br />
wollen. Ein schwacher Bashar ist besser als ein gestürzter<br />
(Siehe Nachbarland Irak). Krieg um Wasser ist immer wieder ein Thema<br />
hier in der Region. Vor drei Jahren war das Säbelrasseln zwischen<br />
Türkei und Syrien recht laut. Im Augenblick ist Syrien für<br />
einen Krieg zu schwach. Außerdem sind Israel und die Türkei<br />
militärisch miteinander verbunden, und Syrien liegt wie der<br />
Belag eines Sandwichs dazwischen.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Und noch ein Ortswechsel:
</p>
<p>
<b>Christian Wiese:</b> Herr Buhrow, wie reagiert Washington<br />
auf die weltweite Zurückhaltung zur Nominierung Wolfowitz &quot;?
</p>
<p>
<b>Tom Buhrow: </b>Ja das war eine Überraschung<br />
gestern. Im Augenblick gibt es noch keine Reaktionen auf die Reaktionen.<br />
Aber ich denke, dass Bush genau wusste, wie unpopulär W. international<br />
ist und dass er das einfach mit in Kauf nimmt. Es könnte sogar,<br />
wie bei Entsendung Boltons zur UNO, ein cleverer Schachzug sein,<br />
denn UNO und Weltbank sind im rechten Flügel der Republikaner<br />
sehr unbeliebte Organisationen. Wenn man nun erklärte Erzkonservative<br />
dorthin schickt, können die diesem Flügel am ehesten Kompromisse<br />
in diesen Organisationen &quot;verkaufen &quot;.
</p>
<p>
<b>TylerDurden: </b>Besitzt die derzeitige Regierung<br />
unter Bush die Fähigkeit, die Krisengebiete zu stabilisieren<br />
oder wird weiterhin nur über Waffen, Geld, Politische Mittel<br />
und Öl eine naive Außenpolitik geführt (wie es nach<br />
dem Krieg oft der Fall war).
</p>
<p>
<b>Tom Buhrow:</b> Es sieht ja so aus, als ob Bush in<br />
der zweiten Amtszeit die nicht-militärischen Mittel mehr einsetzen<br />
will, auch deshalb, weil das Militär im Irak gebunden ist.<br />
Und er scheint erkannt zu haben, dass er ganz allein, ganz unilateral,<br />
nicht alle Ziele erreichen kann. Er hat gerade der Abteilung &quot;öffentliche<br />
Diplomatie &quot; im Außenministerium einen Schub gegeben.<br />
Man sieht gerade, dass er im Nahen Osten auch sehr auf nicht militärische<br />
Mittel setzt, z.B. Ägypten wird ermutigt, mehr Demokratie zuzulassen<br />
&#8211; Mubarak überlegt (wahrscheinlich auch ohne Bushs Ermahnung),<br />
die nächste Präsidentschaftswahl als richtige Wahl, und<br />
nicht als &quot;Referendum &quot; durchzuführen. Dann gibt<br />
es gewisse Bewegung im iraelisch-palästinensischen Konflikt<br />
Prognose: Bush wird mehrgleisig fahren. Wir werden mehr diplomatische<br />
Mittel im Einsatz sehen, ohne dass militärische Mittel ganz<br />
ausgeschlossen werden.
</p>
<p>
<b>Sonya Sue:</b> Wie werden diese Signale Bushs im Nahen<br />
Osten wahrgenommen? Glauben die Araber ihm?
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Herr Armbruster bitte.
</p>
<p>
<b>Jörg Armbruster:</b> Sie werden Taten glauben.<br />
Also wenn sich die Lage im Irak verbessert, dann werden sie auch<br />
den Amerikanern glauben. Wenn es Bush gelingen sollte, den Palästinenserkonflikt<br />
näher an eine Lösung zu bringen, dann kann er Vertrauen<br />
zurückgewinnen. Wenn Bush zum Beispiel spürbar Israel<br />
unter Druck setzt, im Westjordanland den Siedlungsbau einzustellen,<br />
dann wäre es für die Glaubwürdigkeit ein großer<br />
Fortschritt. Das gleiche gilt für die Demokratiebewegungen,<br />
die zwar im Kern anti-amerikanisch sind, aber bereit sind Hilfe<br />
anzunehmen, wenn sich diese Hilfe gegen die eigene autoritäre<br />
Regierung wendet. Ein Beispiel: ägyptische NGO werden in diesem<br />
Jahr als Wahlbeobachter von USAID finanziert, obwohl in Kairo bekannt<br />
ist, dass einige dieser NGOs nicht gerade Bushfans sind. Und die<br />
ägyptische Regierung ärgert sich über eine solche<br />
&quot;Einmischung der Amerikaner.
</p>
<p>
<b>Tom Buhrow:</b> Ich muss mich jetzt leider ausklinken.<br />
Ich danke allen für die sehr gut informierten und interessanten<br />
Fragen! Und Jörg Armbruster für die &quot;Chat-Brücke&quot;.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Vielen Dank Tom Buhrow. Die letzte<br />
Frage geht eigentlich an beide Korrespondenten.
</p>
<p>
<b>lapis lazuhli:</b> Könnten sie sich vorstellen<br />
ihre Arbeitsplätze mal zu tauschen? Herr Buhrow sie klingen<br />
ja fast schon ein wenig amerikanisch 😉
</p>
<p>
<b>Tom Buhrow: </b>Interessanter Vorschlag. Ich fürchte,<br />
es dauert zu lange, sich in ein neues Berichtsgebiet einzuarbeiten.
</p>
<p>
<b>Jörg Armbruster:</b> Ich hätte nichts dagegen<br />
einmal eine Zeitlang in Washington zu arbeiten.
</p>
<p>
<b>Tom Buhrow:</b> OK, dann schlagen wir das mal unseren<br />
Chefs vor, mal sehen, was die sagen.
</p>
<p>
<b>Jörg Armbruster:</b> Ich weiß das schon.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> In diesem Sinne. Das war unsere Chat-Stunde,<br />
vielen Dank an alle User für das Interesse und die zahlreichen<br />
Fragen. Herzlichen Dank an unsere Kollegen Jörg Armbruster<br />
und Tom Buhrow, dass Sie sich Zeit für den Chat genommen haben.<br />
Das Chat-Protokoll finden Sie wie immer auf den Seiten der Veranstalter.
</p>
<p>
<b>Moderator3:</b> Unser nächster Chat: 7. April,<br />
13 bis 14 Uhr, Klaus Uwe Benneter. Zudem ist es möglich dass<br />
ein Chat zum Bericht aus Berlin angeboten werden kann, also am Sonntag<br />
ab 18.50, nach dem Bericht aus Berlin, der zwischen 18.30 und 18.50<br />
gesendet wird, seit letzter Woche, wie Sie sicherlich wissen. Danach,<br />
am 13. April, 13 bis 14 Uhr, ist Claudia Roth bei uns zu Gast. Wir<br />
würden uns freuen, Sie wieder im Chatraum begrüßen<br />
zu dürfen. Einen schönen Nachmittag in alle Welt!</p>
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			</item>
		<item>
		<title>&#8220;Die Siedlungen sind nicht der Dreh- und Angelpunkt des Konflikts&#8221;</title>
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		<dc:creator><![CDATA[jmau]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 27 Apr 2003 23:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Chattranscripte]]></category>
		<category><![CDATA[Israel]]></category>
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		<category><![CDATA[Palästinenser]]></category>
		<category><![CDATA[Friedensprozess]]></category>
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		<category><![CDATA[Shimon Stein]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b><img src="http://www.politik-digital.de/salon/photos/sstein.jpg" alt="Shimon Stein" align="left" border="0" height="85" width="80" />Shimon 
Stein</b><b>, Israelischer Botschafter in Berlin, </b><b>war 
am 28. April 2003 zu Gast im tacheles.02 Live-Chat von tagesschau.de und 
politik-digital.de</b></span>.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b><img decoding="async" src="http://www.politik-digital.de/salon/photos/sstein.jpg" alt="Shimon Stein" align="left" border="0" height="85" width="80" />Shimon<br />
Stein</b><b>, Israelischer Botschafter in Berlin, </b><b>war<br />
am 28. April 2003 zu Gast im tacheles.02 Live-Chat von tagesschau.de und<br />
politik-digital.de</b></span>.<!--break--> </p>
<p><span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"> <b>Moderator:</b><br />
Sehr geehrte Damen und Herren! Sehr geehrter Herr Stein. Herzlich willkommen<br />
im tacheles.02 Live-Chat. Unser heutiger Gast ist der Botschafter des<br />
Staates Israels in Deutschland, Shimon Stein. Herr Stein, sind Sie bereit<br />
für sechzig Minuten Diskussion mit unseren Nutzern?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Shimon Stein:</b><br />
Ja.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:<br />
</b>Der Lösung des Konflikts zwischen Israelis und Palästinensern<br />
wird immer wieder eine Schlüsselrolle für den Frieden im Nahen<br />
Osten zugeschrieben. Welche Chancen sehen Sie in einer Zusammenarbeit<br />
mit dem designierten palästinensischen Ministerpräsidenten Mahmud<br />
Abbas (alias Abu Mazen)?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Shimon Stein:<br />
</b>Die Nominierung des Ministerpräsidenten Mahmud Abbas eröffnet<br />
neue Möglichkeiten, um den Friedensprozess, der durch den Terror<br />
abgebrochen wurde, wieder aufzunehmen.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>davjid: </b>Die<br />
Kabinettsbildung war Bedingung für die Veröffentlichung des<br />
neuen Nahost-Friedensplanes von USA, EU, UNO und Russland. Was erwarten<br />
sie von einem neuen Plan?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Shimon Stein:</b><br />
Es handelt sich hier nicht um einen neuen Plan. Es handelt sich hier um<br />
einen Fahrplan, der noch nicht veröffentlicht worden ist. In der<br />
Tat, nach der Entscheidung des palästinensischen Parlaments über<br />
den Vorschlag des Ministerpräsidenten Abbu Mazen wird die so genannte<br />
„Road Map“ veröffentlicht werden. Allerdings ist für<br />
uns die Rede des amerikanischen Präsidenten vom 24. Juni 2002 wichtig,<br />
wo er seine Vision unterbreitete. Denn dort hat der amerikanische Präsident<br />
die Weichen für die Lösung des palästinensischen-israelischen<br />
Konflikts gestellt.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>falfel:</b><br />
Ich habe gelesen, dass Washington Wert darauf lege, dass Israel vertrauensbildende<br />
Maßnahmen im Sinne des „Fahrplans&quot; vornimmt, ohne auf<br />
palästinensische Vorleistungen zu warten. Stimmt das und was sagen<br />
sie zu diesen Forderungen?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Shimon Stein:<br />
</b>Washington hat noch nicht offiziell Forderungen im Vorfeld der<br />
Veröffentlichung des Planes gestellt. Wichtig in diesem Zusammenhang<br />
ist &#8211; und hier verweise ich auf die Rede des amerikanischen Präsidenten<br />
vom Juni letzten Jahres &#8211; dass der Terror eingestellt werden muss, dass<br />
es zu einer neuen palästinensischen Führung kommen muss, und<br />
dass es zu durchgreifenden Reformen innerhalb der palästinensischen<br />
Behörden kommen muss. Wenn diese Voraussetzungen implementiert werden,<br />
wird Israel seinen Beitrag zur Deeskalation leisten. Ich wiederhole, dass<br />
für uns Israelis die Einstellung des Terrors von herausragender Bedeutung<br />
ist und wenn der neue Ministerpräsident die Entschlossenheit, den<br />
Terror zu bekämpfen, zeigen wird, dann wird er auf der anderen Seite<br />
den israelischen Ministerpräsidenten finden, der seine Bereitschaft<br />
zu schmerzhaften Kompromissen erklärt hatte, finden, um mit ihm den<br />
Friedensprozess wieder in Gang zu setzen.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:</b><br />
Nachfrage: Gestern Abend hat die israelische Armee eine erste jüdische<br />
Kleinsiedlung südlich von Hebron im Westjordanland geräumt.<br />
Mit den Räumungen kommt die Regierung von Ministerpräsident<br />
Ariel Scharon der US-Regierung und dem neuen palästinensischen Ministerpräsidenten<br />
Abbas entgegen. Kann man das nicht als Forderung sehen?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Shimon Stein:</b><br />
Ich würde es nicht als Forderung bezeichnen. Denn die Entscheidung<br />
des israelischen Kabinetts, illegale Vorposten abzubauen, steht schon<br />
seit langer Zeit fest. Aber wenn man die Entscheidung der israelischen<br />
Regierung von gestern als eine Geste sehen möchte, dann um so besser.<br />
Ich werde in dem Zusammenhang dies auch zum Anlass nehmen, auch das Thema<br />
&quot;Siedlungen&quot; anzusprechen: Es ist uns klar, dass die Siedlungen<br />
ein umstrittenes Thema sind und die Palästinenser die israelischen<br />
Siedlungen auf dem Verhandlungstisch stellen werden – allerdings<br />
gehören die Siedlungen zu den Themen, die zum Endstatus der Gespräche<br />
zählen und deshalb gemeinsam mit Themen wie Jerusalem, Grenzen, Sicherheitsvorkehrungen<br />
behandelt werden. Darüber hinaus &#8211; das ist meine Überzeugung<br />
&#8211; sind die Siedlungen nicht der Dreh- und Angelpunkt des Konflikts. Ich<br />
möchte daran erinnern, dass in Camp David im September 2000 der damalige<br />
Ministerpräsident Barak bereit war, die große Mehrheit der<br />
Siedlungen abzubauen, sich aus fast 96% des Gebietes zurück zuziehen<br />
und trotzdem hat der auf dieses Angebot eine negative Antwort von Arafat<br />
bekommen.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>perter: </b>Wann<br />
wird der Fahrplan des Nahost-Friedensprozesses veröffentlicht?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Shimon Stein:</b><br />
Sobald das palästinensische Parlament die Regierung von Abbu Mazen<br />
bestätigt hat, wird die so genannte Road Map veröffentlicht<br />
werden.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>t52: </b>Wird<br />
Außenminister Powell bald in die Region kommen und mit Abbas und<br />
Sharon reden?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Shimon Stein:</b><br />
Aus der Presse haben wir erfahren, dass ein Besuch des amerikanischen<br />
Außenministers in der Region bevorsteht. Wann genau der Besuch stattfinden<br />
wird und welche Länder der Außenminister besuchen wird, steht<br />
noch nicht fest.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>erer: </b>Übt<br />
Washington verstärkt Druck auf Sie aus?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Shimon Stein:<br />
</b>Washington hat keinen Anlass, Druck auf Israel auszuüben,<br />
denn Ministerpräsident Sharon hat mehrfach verkündet, dass er<br />
voll hinter der Vision des amerikanischen Präsidenten vom Juni letzen<br />
Jahres steht und das Israel bereit ist, schmerzhafte Entscheidungen zu<br />
treffen &#8211; und darüber hinaus gibt es eine volle Übereinstimmung<br />
der beiden Personen, den Terror zu bekämpfen. Deshalb gibt es meiner<br />
Meinung nach zur Zeit keinen Anlass, Druck auf Israel auszuüben.<br />
Wenn es einen Anlass Druck auszuüben gibt, dann soll er auf die Kräfte<br />
innerhalb der arabischen Welt und der Terrororganisationen ausgerichtet<br />
sein, die entschlossen sind weiter den Terror als Mittel für ihre<br />
politischen Zwecke zu benutzen.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:</b><br />
Nachfrage zu &quot;Illegale Vorposten“.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Rufus: </b>Was<br />
sind &quot;illegale Vorposten&quot; nach der Definition des israelischen<br />
Parlamentes? Verstehen sie darunter alle Siedlungen in den besetzten Gebieten?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Shimon Stein:</b><br />
Nein, illegale Vorposten sind so genannte Siedlungen, die ja ohne die<br />
Genehmigung der Regierung aufgebaut wurden.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>gagarin: </b>Wird<br />
die israelische Regierung die Arbeiten an der Errichtung von Zaunanlagen,<br />
mit denen Sicherheitskorridore zwischen Israel und den Siedlungen geschaffen<br />
werden und die viele palästinensische Siedlungen im Westjordanland<br />
zu Enklaven macht, fortführen oder einstellen?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Shimon Stein:<br />
</b>Die Arbeiten an dem Zaun werden als Reaktion auf den Terror fortgesetzt.<br />
Es ist kein politischer Zaun, denn die Entscheidung über die endgültigen<br />
Grenzen zählen zu den Endstatus-Fragen, von denen ich gesprochen<br />
habe.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Praitorianer:<br />
</b>Warum lehnt es Israel es ab, eine Art Friedenstruppen ins Land<br />
zu lassen, die gerade an Übergängen und Konfliktpunkten kontrollieren?<br />
Wäre es nicht sinnvoll und logisch, hier unbeteiligte Länder<br />
zu nehmen, die nicht den Konflikt weiter anheizen?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Shimon Stein:</b><br />
Israel lehnt die Internationalisierung des Konflikts ab. Die theoretische<br />
Frage, nach der Notwendigkeit von internationalen Truppen, wird im Rahmen<br />
der Endstatusverhandlungen verhandelt werden und nicht vorher und auch<br />
nicht einseitig, sondern in Abstimmung mit den Konfliktparteien.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Chata: </b>Wäre<br />
nun eine Forderung Abbu Mazens, keine andere Stadt als Jerusalem als Hauptstadt<br />
des zukünftigen palästinensischen Staates zuzulassen, käme<br />
die Jerusalemfrage schneller auf die Agenda, als von Israel gewünscht.<br />
Wie würden Sie diese Forderung beantwortet?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Shimon Stein:</b><br />
Jerusalem zählt zu den schwierigsten Fragen des Konflikts, allerdings<br />
möchte ich noch einmal darauf hinweisen, dass Ministerpräsident<br />
Barak in Camp David im Rahmen seines Angebots bereit war, Jerusalem zu<br />
teilen. Sein Angebot ist abgelehnt worden, was uns dazu veranlasste, die<br />
Frage zu stellen: Geht es unter anderem um die Teilung von Jerusalem oder<br />
gehen die palästinensischen Ziele über die Teilung von Jerusalem<br />
hinaus?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Medorac: </b>Was<br />
meinen sie mit &quot;Endstatus&quot;?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Shimon Stein:</b><br />
Endstatus bedeutet die letzte Phase der Verhandlungen, die Phase, wo die<br />
herausragenden Fragen diskutiert und entschieden werden. Dazu zähle<br />
ich u.a. Fragen wie Jerusalem, Grenzen, Siedlungen, Sicherheitsvorkehrungen,<br />
das Rückkehrrecht etc.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:</b><br />
Können Sie die Antwort zu Jerusalem konkretisieren? Was glauben Sie,<br />
was die palästinensische Seite beabsichtigt?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Shimon Stein:</b><br />
Nachdem Scheitern von Camp David fragen wir uns, was wollen die Palästinenser<br />
am Ende des Tages? Denn auch wenn es banal klingt, wir haben weder von<br />
den Palästinensern noch von den arabischen Staaten bis heute die<br />
Anerkennung des jüdischen Staates Israel bekommen bzw. die Legitimität<br />
des jüdischen Staates ist sowohl für die Palästinenser<br />
als auch die arabischen Staaten eine offene Frage. Deshalb habe ich auf<br />
die Frage so geantwortet.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>goldstein:</b><br />
Glauben Sie, dass Jassir Arafat einen eigenen Staat, wie er jetzt vorgesehen<br />
ist, überhaupt will?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Shimon Stein:<br />
</b>Bis heute hat uns Arafat keine Antwort auf die Frage, die in<br />
Deutschland und anderswo in Europa schon längst beantwortet ist,<br />
gegeben, nämlich ob er anerkennt, dass es ein jüdisches Volk<br />
gibt und das dieses Volk ein Recht auf Selbstbestimmung hat. Deshalb haben<br />
wir Israelis &#8211; und zwar die Mehrheit der Israelis, Anlass zum Zweifeln<br />
bezüglich des politischen Endziels von Arafat.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:<br />
</b>Wie wird das politische Endziel sein? Kein Staat Israel in ein<br />
paar Jahrzehnten?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Shimon Stein:<br />
</b>Der amerikanische Präsident spricht in seiner Rede vom Juni<br />
über die Vision von zwei Staaten, nämlich Israel und ein palästinensischer<br />
Staat. Der israelische Ministerpräsident steht voll hinter dieser<br />
Vision. Die Einzelheiten bzw. die Implementierung dieser Vision soll Gegenstand<br />
der politischen Verhandlungen zwischen uns und der neuen Führung<br />
der Palästinenser sein.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>malaka: </b>Wie<br />
schätzen sie die Rolle der EU, Russland und vor allem der UNO nach<br />
dem Irak Krieg? Sind sie für Israel noch relevant?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Shimon Stein:<br />
</b>Federführend und zentral für die Implementierung des<br />
sogenannten Road Map werden die Vereinigten Staaten sein. Kein Weg geht<br />
an Washington vorbei. Das wissen alle, nicht nur die Israelis, sondern<br />
auch die Palästinenser und die arabischen Staaten. Die Europäische<br />
Union wird auch eine Rolle spielen, allerdings eine ergänzende Rolle.<br />
Was Israel und die EU anbelangt, muss ich leider sagen, dass es ein großes<br />
Vertrauensdefizit gibt. Und dieses Defizit geht aus einer unausgewogenen<br />
europäischen Politik aus. Um dieses Defizit abzubauen, was in unserem<br />
Interesse ist, muss die EU vertrauensbildende Maßnahmen herstellen.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:</b><br />
Wurde dadurch auch Außenminister Fischers Einfluss im Nahost-Konflikt<br />
beeinträchtigt?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Shimon Stein:<br />
</b>Außenminister Fischer genießt hohes Ansehen in Israel<br />
und über Israel hinaus. Innerhalb der EU bemüht er sich, Einfluss<br />
auf die gemeinsame EU-Haltung bezüglich Israel zu nehmen. Wir danken<br />
ihm für seine Bemühungen, die ja nicht immer erfolgreich sind.<br />
Wir freuen uns über seinen Einsatz und wir wollen hoffen, dass er<br />
weiter engagiert bleibt.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>polanski:</b><br />
Waren sie entsetzt über die anti-amerikanischen und anti-semitischen<br />
Tendenzen von großen Teilen der Friedensbewegung?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Shimon Stein:<br />
</b>Es handelt sich hier nicht um Entsetzen oder nicht. Ich habe<br />
nur festgestellt &#8211; und das als Beobachter -, dass die Friedensbewegung<br />
nicht den richtigen Feind zum Ziel hatte, sondern den Amerikaner als Hauptziel<br />
der Kritik, als ob die Amerikaner für die Ursachen der Krise verantwortlich<br />
wären. Bedauerlicherweise habe ich auch antisemitische Hintertöne<br />
bei manchen Demonstranten registriert. Eine Tatsache, die ich sehr bedauere.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>polanski:<br />
</b>Ist Deutschland mit seiner Haltung gegen die USA ein Freund der<br />
Araber geworden und hat die deutsch-israelischen Beziehungen belastet?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Shimon Stein:<br />
</b>Die deutsch-israelischen Beziehungen sind fest. Deutschland hat<br />
sich über die Jahre hinweg zur Sicherheit des Staates Israel bekannt<br />
und zum Existenzrecht des jüdischen Staates ebenfalls. Ich bin der<br />
Auffassung, dass die gegenwärtigen Meinungsunterschiede zwischen<br />
Deutschland und den Vereinigten Staaten die deutsch-israelischen Beziehungen<br />
nicht beeinträchtigt. Ich bin der Auffassung, dass die Ursachen für<br />
die deutsch-israelischen Beziehungen besonders sind. Beziehungen, die<br />
ja auf den Hintergrund der Geschichte basieren und momentan nicht von<br />
der Verstimmung der deutsch-amerikanischen Beziehungen beeinflusst sind.<br />
Selbstverständlich werden wir gute und reibungslose Beziehungen zu<br />
Deutschland und den Vereinigten Staaten begrüßen. Ich möchte<br />
der Hoffnung Ausdruck verleihen, dass Deutschland und die USA zu einem<br />
ernsthaften Meinungsaustausch über die gegenwärtigen Bedrohungen<br />
und die dementsprechend politischen Schlussfolgerungen, die daraus entstehen<br />
auch kommen, denn eine gemeinsame Haltung des Westens ist für uns<br />
alle von großer Bedeutung.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>johannes:<br />
</b>Wie finden Sie die Berichterstattung in den deutschen Medien<br />
über Israel und den Friedensprozess? Auch nach der Möllemann-Affäre<br />
und dessen Antisemitismus, der ja bedauerlicherweise Zustimmung bekommen<br />
hat?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Shimon Stein:<br />
</b>Das ist eine gute Frage, die eine lange und differenzierte Antwort<br />
verlangt, dich ich jetzt nicht geben kann. Allerdings kann ich im Großen<br />
und Ganzen sagen, dass ich mir wünsche, dass die Berichterstattung<br />
objektiv und ausgewogen sein muss, doch dass ist leider in vielen Fällen<br />
nicht der Fall.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>petermann25:</b><br />
Auch wenn alle sagen, dass sie den Friedensprozess wollen, warum stockt<br />
er dann so?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Shimon Stein:</b><br />
Auch eine gute Frage. Meine kurze Bemerkung dazu ist, dass, solange die<br />
arabische Welt die historische Tatsache, die demnächst 55 Jahre jung<br />
sein wird bzw. die Existenz des Staates Israel nicht zur Kenntnis nimmt,<br />
wird es nicht zur Beilegung des arabisch-israelischen Konflikts kommen.<br />
Israel ist bereit und hat es auch über die Jahre hinweg bewiesen<br />
&#8211; die Bereitschaft zu einer politischen Lösung zu kommen. Wir wollen<br />
hoffen, dass die Palästinenser, die in der Vergangenheit keine Möglichkeit<br />
verpasst haben, eine Möglichkeit zu verpassen, werden die Möglichkeit,<br />
die ja bevorsteht, konstruktiv benutzen.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>mölleman_tadler:<br />
</b>Hoffen Arafat bzw. seine Leute auf einen demographisch schwaches<br />
Israel, dass einem starken Bevölkerungswachstum seitens der Palästinenser<br />
gegenübersteht?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Shimon Stein:</b><br />
Es gibt auch innerhalb der palästinensischen Führung einige,<br />
die solche Überlegungen befürworten und deshalb unterstützen<br />
sie auch den Terror, und das ohne Rücksicht auf das Leiden des palästinensischen<br />
Volkes. Andererseits gibt es Leute wie der Ministerpräsident Abu<br />
Mazen, die ja anderer Auffassung sind und deshalb befürworten sie<br />
die Einstellung des Terrors &#8211; dementsprechend auch eine politische Lösung.<br />
Ich hoffe, dass diese Schule sich letzten Endes durchsetzen wird.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:</b><br />
Kommen wir zum Schluss und damit zu einer letzten, persönlichen Frage:</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>dipidolor:</b><br />
Herr Stein, wie gefällt es Ihnen und Ihrer Familie persönlich<br />
in Berlin?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Shimon Stein:</b><br />
Hervorragend!</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:</b><br />
Liebe Chat-Freunde, unsere Gesprächsrunde ist leider vorbei. Herzlichen<br />
Dank, Herr Stein, dass Sie ins ARD-Hauptstadtstudio gekommen sind, um<br />
mit uns zu chatten. Und vielen Dank an alle UserInnen für Ihr Interesse.<br />
Jede Menge Fragen blieben unbeantwortet. Vielleicht ergibt sich noch einmal<br />
die Gelegenheit, Herrn Stein zum Chat einzuladen. Wir würden uns<br />
freuen, wenn Sie dann wieder dabei wären. Die Transkripte aller tacheles.02-Chats<br />
finden Sie auf den Webseiten der Veranstalter tagesschau.de und politik-digital.de.</span>
</p>
<p><span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Shimon Stein:<br />
</b>Ich bedanke mich bei tagesschau.de und politik-digital.de für<br />
die Möglichkeit, mit Ihnen chatten zu dürfen. Ich hoffe, dass<br />
ich zur Aufklärung der komplexen Fragen beigetragen habe und würde<br />
mich freuen, mit Ihnen noch einmal mit der Hilfe von tagesschau.de und<br />
politik-digital.de zu chatten.</span></p>
]]></content:encoded>
					
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			</item>
		<item>
		<title>&#8220;Die arabischen Staaten sind in der Syrien-Frage eindeutig zusammengerückt&#8221;</title>
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		<dc:creator><![CDATA[jmau]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 23 Apr 2003 23:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Chattranscripte]]></category>
		<category><![CDATA[Außenpolitik]]></category>
		<category><![CDATA[Palästinenser]]></category>
		<category><![CDATA[Friedensprozess]]></category>
		<category><![CDATA[Naher Osten]]></category>
		<category><![CDATA[Syrien]]></category>
		<category><![CDATA[Arabische Welt]]></category>
		<category><![CDATA[Rainald Becker]]></category>
		<category><![CDATA[Israel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b><img src="http://www.politik-digital.de/salon/photos/rbecker.jpg" alt="Rainald Becker" align="left" border="0" height="65" width="80" />Rainald 
Becker</b><b>, ARD-Korrespondent in Ägypten während des 
Irak-Kriegs, </b><b>war am 24. April 2003</b></span> <span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>zu 
Gast im tacheles.02 Live-Chat von tagesschau.de und politik-digital.de.</b></span>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b><img decoding="async" src="http://www.politik-digital.de/salon/photos/rbecker.jpg" alt="Rainald Becker" align="left" border="0" height="65" width="80" />Rainald<br />
Becker</b><b>, ARD-Korrespondent in Ägypten während des<br />
Irak-Kriegs, </b><b>war am 24. April 2003</b></span> <span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>zu<br />
Gast im tacheles.02 Live-Chat von tagesschau.de und politik-digital.de.</b></span><!--break--></p>
<p><span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"> <b>Moderator:</b><br />
Herzlich willkommen im tacheles.02-Chat. tacheles.02 ist ein Format von<br />
tagesschau.de und politik-digital.de und wird unterstützt von tagesspiegel.de.<br />
Heute begrüßen wir Rainald Becker, ARD-Korrespondent in Kairo/<br />
Ägypten. Wir haben eine Stunde Zeit. Sind Sie bereit und kann es<br />
losgehen? </span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Rainald Becker:</b><br />
Ja, Hallo und Grüße vom Nil</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:</b><br />
Herr Becker, Sie waren in den vergangenen Tagen für eine Stippvisite<br />
in Syrien. Ihr Ziel war es, sich einen Eindruck über die Lage vor<br />
Ort verschaffen. Wie waren denn Ihre Eindrücke?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Rainald Becker:</b><br />
Das leben in Syrien verläuft auf den ersten Blick völlig normal,<br />
aber unter der Decke, wenn man mit den Menschen spricht, ist Spannung<br />
und Unsicherheit zu spüren. Jeder fragt sich hinter vorgehaltener<br />
Hand, wie es politisch weitergeht.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Marie: </b>Wie<br />
waren ihre Arbeitsbedingungen in Syrien?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Rainald Becker:<br />
</b>Okay, aber jedes Drehvorhaben, vor allem die sensiblen, wie z.B.<br />
Aufnahmen an der Grenze zum Irak müssen genehmigt werden. In meinem<br />
Fall wurde die Anfrage abgelehnt.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:</b><br />
Werden Sie es noch mal versuchen?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Rainald Becker:</b><br />
Na, für den kommenden Weltspiegel ist es zu spät, aber natürlich<br />
werden wir Syrien und die politische Entwicklung nicht aus den Augen verlieren.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:</b><br />
Eine Nachfrage zur Ablehnung der Aufnahmegenehmigung von Marie:</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Marie:</b><br />
Mit welcher Begründung?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Rainald Becker:</b><br />
Die Begründung ist in solchen Fällen immer die gleiche: nicht<br />
im Interesse des Landes und zu unsicher für Journalisten.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Rzeznik: </b>Als<br />
wie real schätzt die syrische Bevölkerung die Gefahren eines<br />
drohenden Krieges ein?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Rainald Becker:<br />
</b>Derzeit als nicht real, aber für die weitere Zukunft des<br />
Landes will sich niemand wirklich festlegen.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Jule: </b>Besitzt<br />
Syrien tatsächlich Massenvernichtungswaffen?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Rainald Becker:<br />
</b>Gute, aber schwer zu beantwortende Frage. Es gibt Berichte &#8211;<br />
nicht bestätigt &#8211; über Chemiewaffen &#8211; Tests vor einigen Jahren.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Rzeznik: </b>Wie<br />
unabhängig berichten die syrischen Medien über die Situation<br />
im Irak und über die Spannungen zwischen USA und ihrem Land?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Rainald Becker:<br />
</b>So unabhängig wie Medien in arabischen Ländern sind,<br />
d.h. die meisten Zeitungen, das Fernsehen und der syrische Rundfunk, sind<br />
entweder staatsnah oder gar von regierungstreuen Managern geleitet. Im<br />
Mittelpunkt steht immer das syrische und das arabische Interesse.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Iberischer<br />
Halbpinsel: </b>Wie sieht die Zukunft in Syrien aus, ist mit einem<br />
demokratischen System mit oder ohne militärische Intervention zu<br />
rechnen?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Rainald Becker:<br />
</b>In absehbarer Zeit sicherlich nicht. Das würde einen radikalen<br />
Regimewechsel voraussetzen, und dazu ist die syrische Bevölkerung<br />
weder bereit noch in der Lage. Wir reden hier von einem Regime, dass sich<br />
mit Hilfe einer Einheitspartei und Geheimdiensten an der Macht hält,<br />
und das seit 30 Jahren.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:<br />
</b>Eine Frage von Wetzel zum Regimewechsel:</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Wetzel: </b>Kann<br />
es sein, dass manche die Ablösung der Baath-Regierung in Syrien begrüßen<br />
würden, auch wenn es die Amerikaner tun?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Rainald Becker:</b><br />
Sicher gibt es manche, die das begrüßen würden, aber offen<br />
sagen will das keiner, und zu viele profitieren auch vom Regime.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:<br />
</b>Wer würde das denn begrüßen? Dazu passt auch<br />
die Frage:</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>rinder wahn:<br />
</b>Was macht die syrische Opposition, gibt es sie und wo sitzt sie?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Rainald Becker:<br />
</b>Die syrische Opposition, die, die sich offen als solche bezeichnet,<br />
sitzt im Ausland in Europa, den USA. Im Land ist eine offen geäußerte<br />
Opposition mit dem Ziel eines Regimewechsels nicht möglich.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Micha: </b>In<br />
den letzten Wochen sah es Medienberichten zufolge so aus, als würde<br />
bald ein Angriff der USA auf Syrien erfolgen. Jetzt bemühen sich<br />
die Amerikaner um Beschwichtigung. Wie kam es zu diesem Meinungswechsel?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Rainald Becker:<br />
</b>Offensichtlich Einsicht in das derzeit nicht Mögliche. Für<br />
einen Angriff auf Syrien gibt es bisher keine bestätigte Rechtfertigung,<br />
und ein solcher Akt würde die ganze arabisch-islamische Welt endgültig<br />
gegen die USA aufbringen.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Assembly:<br />
</b>Hat der Druck der USA auf Syrien schon Auswirkungen auf die Politik<br />
des syrische Staatschefs Assad gehabt?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Rainald Becker:<br />
</b>Ja, denn die arabischen Staaten sind in der Syrien-Frage eindeutig<br />
zusammengerückt und Assad hat sich sofort auch europäischer,<br />
insbesondere französischer Unterstützung vergewissert. Auch<br />
die Russen sind gegen jede Aktion gegen Syrien. Zudem hat Syrien bei den<br />
Vereinten Nationen eine Resolution eingebracht, mit dem Ziel, den gesamten<br />
Nahen Osten WMD (Massenvernichtungswaffen-) frei zu bekommen, also auch<br />
Israel.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>sms: </b>Was<br />
ist das syrische Interesse im Irak-Konflikt und der Nachkriegszeit?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Rainald Becker:<br />
</b>In erster Linie Ruhe an der Grenze, keine Verbindungen mit dem<br />
Saddam &#8211; Regime deutlich werden zu lassen, und sich selbst so demokratisch<br />
wie möglich nach außen zu präsentieren.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Gabriel: </b>Hat<br />
Bashar Assad knapp drei Jahre nach dem Tod seines Vaters die von der Bevölkerung<br />
Syriens in den jungen Herrscher gesetzten Erwartungen erfüllt?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Rainald Becker:<br />
</b>Nur teilweise, denn die alten Weggefährten seines Vaters<br />
ist er nicht losgeworden. Der Außen- und der Verteidigungsminister<br />
beispielsweise regieren ganz sicher im Sinne des Vaters weiter. Zaghafte<br />
Liberalisierungsversuche sind inzwischen weitgehend im Sande verlaufen.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:<br />
</b>Wie verlassen kurz Syrien und kommen zu einem anderen Konfliktherd:</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>MatthiasA.:<br />
</b>Ich habe eine Frage: Was ist eigentlich mit den Kurden? Geraten<br />
sie wieder in Vergessenheit? Man hat den Kurden immerhin einen Kurdenstaat<br />
versprochen?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Rainald Becker:<br />
</b>Die Kurden werden im Nachkriegsirak sicher eine Rolle spielen,<br />
die Frage ist nur welche. Ein Kurdenstaat ist nicht im Interesse zum Beispiel<br />
der Türkei, aber auch nicht des Iran. Und bei den USA ist man wohl<br />
noch dabei, die Meinung zu finden. Im Moment spricht vieles dafür,<br />
dass man erst mal eine Art weitgehender Autonomie zugestehen wird.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>StWeber: </b>Meinen<br />
Sie, dass der Irak-Krieg die Friedenschancen in Israel eher erhöht<br />
oder verringert hat? Wird es zu einer weiteren Radikalisierung der extremen<br />
Moslems kommen?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Rainald Becker:</b><br />
Das kann man nie ausschließen, aber für Frieden mit Israel<br />
ist vor allem die politische Entwicklung der palästinensischen Selbstverwaltung<br />
entscheidend. Das neue Kabinett wird wesentlich dazu beitragen können<br />
und müssen, dass der Friedenplan des sogenannten Quarttets wirklich<br />
eingesetzt werden kann. Der sieht ja bekanntlich die Gründung eines<br />
Palästinenserstaates 2005 vor.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:<br />
</b>Wie ist denn in der arabischen Welt die Reise von Außenministern<br />
Fischer und sein Treffen mit Arafat aufgenommen worden?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Rainald Becker:<br />
</b>Die deutsche Rolle im Friedensprozess wird hier grundsätzlich<br />
positiv gesehen, zumal nach der deutschen Haltung zum Irak-Krieg, aber<br />
die Wirkung einer solchen Reise ist nicht wirklich und unmittelbar zu<br />
messen.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>JoGRA: </b>Warum<br />
engagiert sich Außenminister Fischer nicht noch stärker im<br />
Friedensprozess und übernimmt sogar eine ECHTE Vermittlerrolle?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Rainald Becker:<br />
</b>Das ist so nicht möglich aus zwei Gründen: 1. Das besondere<br />
deutsche Verhältnis zu Israel und 2. eine Lösung sollte auch<br />
nach den Vorstellungen der arabischen Staaten von ihnen selbst kommen.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Regine: </b>Wird<br />
das aktuelle palästinensische Attentat Auswirkungen auf den Friedensprozess<br />
in Israel haben?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Rainald Becker:<br />
</b>Wie bei jedem Attentat &#8211; so zynisch das klingen mag &#8211; hat es<br />
kurzfristig hemmende Wirkung, mittel- und langfristig aber keine, denn<br />
es gibt selbst nach Einschätzung der Beteiligten keine Alternative<br />
zum Friedensprozess.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>JoGRA: </b>Welchen<br />
Einfluss wird Präsident Arafat noch auf die weitere Entwicklung des<br />
Nahost-Friedensprozesses haben? Welche Macht hat Abbas?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Rainald Becker:</b><br />
Arafats Einfluss ist zwar noch zu spüren, aber zunehmend weniger.<br />
Selbst bei seinen arabischen Gesprächspartnern gilt er als Auslaufmodell.<br />
Sein Einfluss stirbt langsam, und das ist für die Entwicklung nur<br />
gut. Abbas muss jetzt beweisen, dass er seinem Ruf als gemäßigter<br />
Reformer auch Taten folgen lässt.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:<br />
</b>Auch wenn wie sie sagen, dass alle den Friedensprozess wollen,<br />
warum stockt er dann so?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Rainald Becker:<br />
</b>Gute Frage, die Antwort darauf wäre der Schlüssel zur<br />
Lösung. Er stockt, weil die Motoren des Prozesses, also die USA,<br />
Europa, Vereinte Nationen u.a. jetzt den Focus auf Irak gerichtet hatten<br />
und er stockt, weil Sharon nur Reformen bei den Palästinensern fordert,<br />
selber bei seinen Siedlern aber so gut wie nicht aktiv wird.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:<br />
</b>Danke für die Blumen, eine weitere Frage zum Friedensprozess:</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Edasimi: </b>Kann<br />
man überhaupt von Friedenprozess sprechen, ohne dass zu einer vollständigen<br />
Räumung der Siedlungen und einer Lösung für beide Parteien<br />
in Jerusalem?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Rainald Becker:<br />
</b>Was sie beschreiben, ist der angestrebte Zustand. Derzeit verlieren<br />
sich die Politiker im Gerangel um den Weg dahin, wie es gehen kann und<br />
welche Forderungen auf dem Tisch liegen, wurde schon vor vielen Jahren<br />
im Oslo-Vertrag beschrieben.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>JoGRA: </b>Inwieweit<br />
ist Ministerpräsident Scharon überhaupt bereit, einen Palästinenserstaat<br />
zu akzeptieren?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Rainald Becker:</b><br />
Die Frage hat er für meine Begriffe nie wirklich klar beantwortet.<br />
Er zieht sich immer zurück auf die Sicherheitsinteressen Israels<br />
und sichere Grenzen.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:</b><br />
Themenwechsel hin zu einem anderen Land in der Region:</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>MatthiasA.:<br />
</b>Was für eine Rolle spielt die Türkei in der Nachkriegszeit</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Rainald Becker:<br />
</b>Die Türkei hat vielfältige Interessen, zum einen kann<br />
ihr nicht an einem kurdischen Nachbarstaat gelegen sein, zum anderen darf<br />
sie eine starke Islamisierung an ihren Grenzen nicht zulassen. Das gefährdet<br />
ihre Einbindung in westliche Bündnisse wie Nato und eine mögliche<br />
Mitgliedschaft in der EU. Sie darf aber auch durch zu restriktive Politik<br />
nicht die islamischen Bruderstaaten verprellen &#8211; eine Gratwanderung für<br />
die türkische Regierung in der kommenden Zeit.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:</b><br />
Im Rundflug zurück nach Ägypten, wo Sie sich ja gerade befinden:</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Beto: </b>Hat<br />
sich der Zorn der Ägypter über den Einmarsch der Amerikaner<br />
im Irak etwas gelegt?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"> <b>Rainald Becker:<br />
</b>Ja, das hat er zum Teil von selbst durch die doch kürzer<br />
als erwartete Kriegsdauer. Zum anderen ist er auch rigoros gelegt worden<br />
durch extreme Sicherheitsmassnahmen und konsequente Verhaftungen.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Pete: </b>Wie<br />
beurteilt die öffentliche Meinung in Kairo den Krieg der USA gegen<br />
Irak?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Rainald Becker:<br />
</b>Der Krieg wird nach wie vor als illegal betrachtet und abgelehnt,<br />
aber er ist ja inzwischen auch ein Fakt. Viel wird jetzt davon abhängen,<br />
wie sich die Amerikaner im Irak verhalten, bezogen auf Öl, Nachkriegsordnung<br />
und schnellen Abzug.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>pink: </b>Wie<br />
betrachten die Staaten des Nahen Ostens Europa, eher als Verbündeten<br />
gegen die Supermacht oder eher als Verbündeten der Supermacht?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Rainald Becker:<br />
</b>Man kennt seine Freunde wie zum Beispiel Deutschland und Frankreich,<br />
die durch ihre Haltung zum Krieg hier sicherlich Punkte gesammelt haben.<br />
Aber man verurteilt interessanterweise auch England nicht pauschal, hofft<br />
da eher auf den positiven Einfluss von Deutschland und Frankreich.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Beto:</b><br />
Mal angenommen, die Amerikaner attackieren weitere arabische Länder,<br />
glauben Sie, dass sich das arabische Volk auf die Dauer im Zaum halten<br />
lässt?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Rainald Becker:<br />
</b>Ich könnte jetzt diplomatisch abgewogen antworten, aber<br />
kann es angesichts der Radikalität der Frage auch kurz machen: Sie<br />
wären dann wohl nicht mehr ruhig zu halten.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:</b><br />
Würde das den Regierungen schaden, etwa in Ägypten?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Rainald Becker:</b><br />
In jedem Fall würde es ihnen schaden, im Extremfall könnte es<br />
sie sogar in ihrer Existenz gefährden.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:</b><br />
Vorletzte Frage: </span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Pilot_Pirx:</b><br />
Bekommen wir jetzt als Folge des Krieges eine panarabische Bewegung?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Rainald Becker:<br />
</b>Damit rechne ich nicht, dazu sind die Araber untereinander zu<br />
zerstritten. Der letzte Versuch einer panarabischen Bewegung unter Gamal<br />
Abdel Nasser ist auch nach relativ kurzer Zeit gescheitert.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Pilot_Pirx:<br />
</b>Was kann die US-Regierung tun, um ihr Standing in der arabischen<br />
Welt jetzt zu verbessern?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Rainald Becker:<br />
</b>Kurz und klar geantwortet: die Soldaten schnell abziehen, aber<br />
ausreichend Dollars und technisches Know-how dalassen.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:</b><br />
Jetzt die letzte Frage: Wie lange bleiben sie noch in Ägypten und<br />
wann sehen wir sie in der ARD?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Rainald Becker:<br />
</b>Nun, am Wochenende kehre ich zurück auf meinen angestammten<br />
Arbeitsplatz als politischer Korrespondent im ARD-Hauptstadtstudio in<br />
Berlin, am Sonntag kommt mein Weltspiegel-Beitrag über Syrien, und<br />
danach sehen sie mich wieder aus Berlin. Der arabischen Welt und Politik<br />
bleibe ich aber verbunden, vielleicht führt mich der Weg nach Berlin<br />
ja wieder hierher.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:<br />
</b>Liebe Chat-Freunde, unsere Gesprächsrunde ist leider vorbei.<br />
Herzlichen Dank, Herr Becker, dass Sie mit uns gechattet haben und vielen<br />
Dank an alle UserInnen für Ihr Interesse. Danke für die sehr<br />
spannenden Antworten, Herr Becker und alles gute für Ihre Rückreise.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Rainald Becker:<br />
</b>Ich danke auch. Tschüß vom Nil.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>maxim2003:</b><br />
Vielen Dank, dass sie Zeit für uns hatten.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:<br />
</b>Noch ein Terminhinweis: Am Montag, 28. April 2003, ist Shimon<br />
Stein, israelischer Botschafter in Deutschland, von 17.30 bis 18.30 Uhr<br />
Gast im tacheles.02 Live-Chat. Wir würden uns freuen, wenn Sie wieder<br />
dabei sind. Die Transkripte aller tacheles.02-Chats finden Sie auf den<br />
Webseiten der Veranstalter www.tagesschau.de und www.politik-digital.de.<br />
Tschüß aus Berlin!<br />
</span><span style="font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"> </span>
</p>
<p>
&nbsp;</p>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://www.politik-digital.de/chattranscripte/quotdie_arabischen_staaten_sind_in_der_syrienfrage_eindeutig_zusammengeruecktquot-307/feed/</wfw:commentRss>
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			</item>
		<item>
		<title>&#8220;Ich persönlich glaube, dass der Irak das Potenzial hatte, Massenvernichtungswaffen herzustellen, dass er aber ge</title>
		<link>https://www.politik-digital.de/chattranscripte/quotich_persoenlich_glaube_dass_der_irak_das_potenzial_hatte_massenvernichtungswaffen_herzustellen_da-308/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[jmau]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 09 Apr 2003 23:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Chattranscripte]]></category>
		<category><![CDATA[Irak]]></category>
		<category><![CDATA[Irak-Krieg]]></category>
		<category><![CDATA[Kriegsberichterstattung]]></category>
		<category><![CDATA[Richard Klug]]></category>
		<category><![CDATA[Journalismus]]></category>
		<category><![CDATA[Außenpolitik]]></category>
		<category><![CDATA[Naher Osten]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b><img src="http://www.politik-digital.de/salon/photos/rklug.jpg" alt="Richard Klug" align="left" border="0" height="65" width="80" />Richard 
Klug</b><b>, ARD-Korrespondent in Katar während des Irak-Kriegs, 
</b><b>war am 10. A</b><b>pril 2003 zu Gast im tacheles.02 Live-Chat 
von tagesschau.de und politik-digital.de.</b></span>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b><img decoding="async" src="http://www.politik-digital.de/salon/photos/rklug.jpg" alt="Richard Klug" align="left" border="0" height="65" width="80" />Richard<br />
Klug</b><b>, ARD-Korrespondent in Katar während des Irak-Kriegs,<br />
</b><b>war am 10. A</b><b>pril 2003 zu Gast im tacheles.02 Live-Chat<br />
von tagesschau.de und politik-digital.de.</b></span><!--break--></p>
<p><span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"> <br />
<b>Moderator: </b>Herzlich willkommen im tacheles.02-Chat. tacheles.02<br />
ist ein Format von tagesschau.de und politik-digital.de und wird unterstützt<br />
von tagesspiegel.de. Heute begrüßen wir Richard Klug, ARD-Korrespondent<br />
in Doha/Katar. Wir haben eine Stunde Zeit, Herr Klug sitzt im Pressezentrum.<br />
Sind Sie bereit, kann es losgehen? </span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Richard Klug:<br />
</b>Ja.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:<br />
</b>Herr Klug, wie sah denn ihr Tag heute aus? Wie haben wir uns<br />
denn den Arbeitstag eines Korrespondenten in einem Krisengebiet vorzustellen?<br />
Dazu passt auch die Frage von Milka:</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Milka: </b>Eine<br />
persönliche Frage: Was haben Sie heute alles gemacht?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Richard Klug:<br />
</b>Der Arbeitstag begann um 2 Uhr nachts, beim Nachtmagazin, die<br />
wollten auch gerne eine Live-Schaltung nach Doha haben und heute morgen<br />
ging es dann um halb acht deutscher Zeit weiter. Seither sitzen wir im<br />
Pressezentrum.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Sister: </b>Wie<br />
lange werden Sie voraussichtlich noch in Katar bleiben?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Richard Klug:<br />
</b>Wenn es schnell geht, bis zum Kriegsende, so zynisch das auch<br />
klingen mag. Wenn es lange dauert, werden wir sicherlich abgelöst.<br />
Das muss man dann aber kurzfristig entscheiden bei der ARD in Hamburg<br />
und beim SWR in Stuttgart, meinem Sender.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Babs: </b>Was<br />
bewegt einen als Journalist dazu, aus einem gefährlichen Kriegsgebiet<br />
zu berichten?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Richard Klug:</b><br />
Hier ist kein gefährliches Krisengebiet. In Doha gibt es sicherlich<br />
ein höheres Anschlagsrisiko, aber richtig gefährlich ist es<br />
nicht. Es gehört einfach zum Job eines Journalisten in einer Auslandsredaktion,<br />
diese Arbeit auch zu machen. Es wurde uns aber freigestellt, uns zu weigern,<br />
an der Irakberichterstattung mitzumachen, doch dafür sah ich keinen<br />
Grund.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Cinderella:<br />
</b>Hätten Sie auch einen Einsatz in Bagdad zugestimmt?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Richard Klug:<br />
</b>Nein. Ich habe Familie, und dieses Risiko wäre ich nicht<br />
eingegangen, es sind ja bereits leider ein paar Kollegen von mir ums Leben<br />
gekommen.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Altes Europa:<br />
</b>Wie geht man als Journalist mit Propaganda-Bildern um? Kürzlich<br />
sah ich einen amerikanischen Soldaten mit einem irakischen Kind &#8211; sah<br />
sehr liebevoll aus, aber die Mutter ist zuvor im Kugelhagel gestorben.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Richard Klug:</b><br />
Ich benutze diese Bilder nicht. Die sind hauptsächlich für amerikanische<br />
Sender gedacht, die eine ganz andere Herangehensweise an das Thema haben.<br />
Sie haben den Eindruck, dass sie dabei eine objektive Berichterstattung<br />
machen.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>danman224:<br />
</b>Haben Sie es als deutscher Journalist leichter in der Berichterstattung,<br />
sind die Menschen z. B. auskunftsfreudiger wegen der deutschen Haltung?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Richard Klug:<br />
</b>Das Pressezentrum ist eines der Amerikaner und Briten, anfangs<br />
war es genau umgekehrt, da wurden Journalisten aus kriegskritischen Ländern<br />
geschnitten. Das hat sich aber jetzt geändert.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Leila: </b>Haben<br />
Journalisten denn im Irak-Krieg überhaupt die Möglichkeit, unabhängiges<br />
Bildmaterial zu bekommen?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Richard Klug:<br />
</b>Ja. Aber es ist nicht leicht. Die so genannten &quot;eingebetteten<br />
Journalisten&quot; sind von den Amerikanern abhängig, die unabhängig<br />
im Irak Arbeitenden bis gestern noch von den Iraker. Ich bin gespannt,<br />
ob die Berichterstattung jetzt freier werden kann oder ob die US-Truppen<br />
weiterhin zwar keine Zensur, aber doch gewisse Einschränkungen machen<br />
werden.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>pro: </b>Kommen<br />
Ihnen nicht manchmal Zweifel, ob diese vielen Schaltungen Sinn machen?<br />
Dauernd aktuell berichten zu müssen und offensichtlich immer nur<br />
wenig zu wissen?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Richard Klug:<br />
</b>Anfangs stimmte das sicherlich, da haben wir uns nur gegenseitig<br />
bestätigt, dass wir nichts wissen und haben dieses Nicht-Wissen dann<br />
bewertet. Mittlerweile aber ist das anders und wir bekommen viele Informationen,<br />
längst noch nicht alle notwendigen, aber mit denen, die wir bekommen,<br />
können wir substantiell etwas anfangen. Und da Pressekonferenzen<br />
bildmäßig ohnehin langweilig sind, machen wir es eben mit Schaltungen.<br />
Ich finde das gerechtfertigt.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>hatto: </b>Glauben<br />
deutsche Reporter auch, dass sie die Ablehnung der deutschen Bevölkerung<br />
gegenüber dem Krieg in ihrer Berichterstattung reflektieren müssen?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Richard Klug:<br />
</b>Nein. Hans Joachim Friedrichs, ein ehemaliger Tagesthemen-Moderator,<br />
hat gesagt, man solle sich mit keiner Sache gemein machen, auch nicht<br />
mit einer guten, deswegen ist mein Bestreben, so objektiv und umfassend<br />
wie möglich zu berichten.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:<br />
</b>Hier ein Kommentar zu den Schaltungen:</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Bettina:</b><br />
Kennen Sie die Witze von Harald Schmidt über diese sinnvollen Live-Schaltungen?<br />
Wir melden uns wieder, wenn es nichts Neues aus Köln-Deutz gibt?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:<br />
</b>Können Sie darüber lachen?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Richard Klug:<br />
</b>Das war anfangs, nicht wahr? Ich weiß nicht, ob er es jetzt<br />
noch macht. Ich habe ihn natürlich hier nicht gesehen, aber es würde<br />
mich doch interessieren, wie er den Krieg jetzt thematisiert.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>pro: </b>Guter<br />
Journalismus zeichnet sich durch gute Kenntnis und Einordnung aus. Fühlen<br />
Sie sich wirklich nah dran? Und wenn ja, warum?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Richard Klug:<br />
</b>Es gibt eine ganze Reihe von Möglichkeiten, über diesen<br />
Krieg zu berichten. Die politische Einordnung (Berlin, Washington etc.)<br />
und hier in Doha die militärische Einordnung. Ich bin hier im Hauptquartier<br />
der Alliierten. Das, was sie sagen wollen, sagen sie hier und ich kann<br />
versuchen, herauszufinden, was sie nicht sagen wollen und dann versuchen,<br />
es ihnen zu entlocken, daher ist hier doch ein guter, interessanter Ort<br />
für Berichterstattung.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>STR: </b>Hat<br />
sie die Informationspolitik der Amerikaner nicht gründlich genervt?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Richard Klug:<br />
</b>Es nervt einen Journalisten immer, wenn er nicht genug Informationen<br />
bekommt. Ich habe versucht zu ergründen, warum sie diese Informationspolitik<br />
gemacht haben, anfangs. Und ich denke, sie waren sich unsicher, wie sie<br />
mit den Journalisten umgehen sollen, wo es doch zum ersten Mal möglich<br />
ist, mit den Truppen zu gehen und direkt bei Kampfhandlungen zuzusehen.<br />
Das war auch für das Militär ungewöhnlich.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>barbara: </b>Gibt<br />
es Neuigkeiten zum Aufenthaltsort bzw. Lebenszeichen von Saddam?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Richard Klug:<br />
</b>Es gibt nur Gerüchte, angeblich ist er geflohen, versteckt<br />
sich in den Bergen. Angeblich ist er nach Syrien oder Iran. Wir wissen<br />
es nicht, die Amerikaner behaupten, es auch nicht zu wissen. Jetzt wollen<br />
sie eine DNA-Analyse der Toten in diesem Haus in Bagdad machen, das vor<br />
zwei Nächten heftig bombardiert worden ist, um herauszufinden, ob<br />
er nicht doch noch in diesem Haus war und ums Leben kam. </span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Harry: </b>Weiß<br />
man was über seine Söhne?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Richard Klug:</b><br />
Es gibt genau die gleichen Gerüchte, wie über ihn.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Elegon: </b>Woher<br />
haben die Amis denn DNA-Proben von Hussein?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Richard Klug:</b><br />
Es gibt ja eine Leiche vor Ort und die wird dann mit Erkenntnissen verglichen,<br />
zum einen aus Geheimdienstkreisen, die zum Beispiel etwas von einem Arzt<br />
erfahren haben, der Saddam Hussein mal behandelt hat oder auch von einem<br />
seiner Cousins, die nach dem Golfkrieg von 1991 nach den USA geflohen<br />
waren, dort den Westen unterrichteten, plötzlich aber wieder, es<br />
ist unklar, warum genau, in den Irak zurückkehrten und prompt ermordet<br />
wurden. Erkenntnisse dieser Art. Da gibt es eine Fülle.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Clarissa:</b><br />
Glauben Sie persönlich, dass sich Hussein noch im Irak aufhält?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Richard Klug:<br />
</b>Er gehört nicht zu denen, die sich aufopfern. Er wird auf<br />
jeden Fall versuchen, zu entkommen, wenn man ihn lässt. Ich habe<br />
eher das Gefühl, dass er zu lange in Bagdad geblieben ist und der<br />
US-Vormarsch ihn in seiner Schnelligkeit überrascht hat. Das würde<br />
bedeuten, dass er noch in Bagdad ist, aber ich kann mich natürlich<br />
sehr täuschen.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Cebo:</b><br />
Halten Sie es für wahrscheinlich, dass Saddam Hussein von Leuten<br />
aus seiner engsten Umgebung ausgeliefert wird (nachdem die Kontrollstrukturen<br />
gekippt sind)?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Richard Klug:</b><br />
Auf jeden Fall. Diese Menschen hält nichts zusammen, außer<br />
die gemeinsame Lust an der Macht.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>nicki@blue:<br />
</b>Wie schätzen sie die Lage der Kurden im Nordirak ein, wird<br />
es eine Splittung von der Türkei geben?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Richard Klug:<br />
</b>Die Kurden sind in allen Konflikten des Mittleren Ostens im vergangenen<br />
Jahrhundert und bis jetzt immer die Verlierer gewesen. Meine Einschätzung<br />
ist, dass sie es auch diesmal sein werden, wenn auch nicht in der gleichen<br />
Dramatik wie 1991. Ich kann mir vorstellen, dass ihnen eine gewisse Autonomie<br />
gegeben wird, kulturell und regionalpolitisch. Innerhalb des neuen Staates<br />
Irak einen eigenen Kurdenstaat werden die Türken unbedingt vermeiden<br />
wollen, und die Türkei bleibt immer noch ein strategisch wichtiger<br />
Partner der USA.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Mephisto:<br />
</b>Rechnen sie damit, dass die Amerikaner den Irak besetzt halten?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Richard Klug:<br />
</b>Es wird sicherlich zuerst eine Militärregierung geben. Wie<br />
lange, wird von der Sicherheitslage abhängen. Wir haben hier gehört,<br />
dass schon seit 6 Monaten an einer neuen Verfassung für den Irak<br />
gearbeitet wird. Diese Verfassung wird dann in einem Referendum der irakischen<br />
Bevölkerung vorgelegt werden.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Esco: </b>Gibt<br />
es schon genaue Pläne wer eine Übergangsregierung stellt??</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Richard Klug:<br />
</b>Es gibt leider zu viele Pläne. Das Pentagon verfolgt andere,<br />
wie das US-Außenministerium.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Richard Klug:<br />
</b>Das wird noch ein Machtkampf werden. Ich denke, dass zur Zeit,<br />
wegen der militärischen Erfolge, das Pentagon die Nase vorne hat.<br />
Dann käme das auf den Irakischen Nationalkongress zu. Ja, wir hören<br />
das auch. Es soll vier getötete „Marines“ geben.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:<br />
</b>Ein anderer Sender meldet gerade ein Selbstmordattentat nahe<br />
dem Palestine-Hotel.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Richard Klug:</b><br />
Nein. Das Oberkommando lässt sich immer etwas Zeit, uns solche Meldungen<br />
zu bestätigen, zu dementieren, auf jeden Fall zu erläutern.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Jons: </b>Wie<br />
lange werden diese Attentate weitergehen?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Richard Klug:</b><br />
Solange es noch Menschen gibt, die verzweifelt genug sind über die<br />
amerikanische Präsenz in ihrem Land, die auch erbost genug sind,<br />
um ihr eigenes Leben zu opfern, für ein Zeichen gegen die, aus ihrer<br />
Sicht, Besatzungsmacht.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Lekubu: </b>Rechnen<br />
die Amis mit Selbstmordattentaten in den USA &#8211; sozusagen als letztes Aufbegehren?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Richard Klug:<br />
</b>Damit rechnen sie seit dem 11. September 2001. Ich glaube, dass<br />
es ein erhöhtes Sicherheitsbewusstsein der USA seither gibt und dass<br />
einer der Gründe für diesen Krieg in diesem Gefühl der<br />
Verwundbarkeit liegt, ob nun ausgerechnet so ein Krieg die Situation leichter<br />
macht, wage ich zu bezweifeln.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Jons:</b><br />
Haben sie persönlich in Katar etwas zu befürchten?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Richard Klug:<br />
</b>Es gibt ein erhöhtes Anschlagsrisiko. Die Sicherheitsvorkehrungen<br />
beim Betreten des Oberkommandos sind sehr groß. Es gibt auch Al-Kaida-Sympathisanten<br />
in diesem Land, aber derzeit scheinen sie unter Kontrolle zu sein, ausschließen<br />
darf man hier aber nichts.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>bubi: </b>Wie<br />
ist eigentlich die Stimmung in Katar selbst &#8211; eher USA-freundlich oder<br />
feindlich?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Richard Klug:<br />
</b>In der Bevölkerung gespalten. Katar ist seit Jahren amerikafreundlich.<br />
Die Erdgasproduktion des Landes geht vornehmlich in die USA, aber kulturell<br />
haben sie große Vorbehalte. Die Regierung versucht eine Gratwanderung.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>danman224:</b><br />
Wo sind denn eigentlich die ganzen chemischen Waffen hin &#8211; hat Hussein<br />
die mitgenommen?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Richard Klug:<br />
</b>Wir fragen das hier jeden Tag, bei jedem Briefing und ein englischer<br />
Journalist fragte vorgestern spitz, ob wir denn davon ausgehen könnten,<br />
dass dieser Krieg der erste sei, den man ohne jeden Grund geführt<br />
habe. Dazu heißt es hier immer nur lapidar, dass man zuversichtlich<br />
sei, diese Waffen noch zu finden. Ich persönlich glaube, dass der<br />
Irak das Potenzial hatte, Massenvernichtungswaffen herzustellen, dass<br />
er aber gerade keine großen Vorräte hatte. Ich lasse mich überraschen,<br />
wenn es anders wäre.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Lekubu: </b>Es<br />
hieß doch immer, die Iraker könnten Massenvernichtungswaffen<br />
(Chemie&#8230;) einsetzen, wenn Sie mit dem Rücken zur Wand stehen. Lagern<br />
sie die Waffen womöglich in Tikrit?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Richard Klug:<br />
</b>Möglich ist es. Tikrit ist seine Heimatstadt und es hatte<br />
immer geheißen, dass er Tikrit besonders erbittert verteidigen wird.<br />
Es hatte aber auch geheißen, dass er Bagdad erbittert verteidigen<br />
wird und da drängt sich doch die Frage auf, ob er dazu überhaupt<br />
in der Lage war. Und ist.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:<br />
</b>Themenwechsel: 2 Fragen &#8211; gleiche Richtung:</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>MoonlightLord:<br />
</b>Glauben Sie, dass der Anschlag auf das Journalisten-Hotel in<br />
Bagdad von den Amerikanern eine einschüchternde Wirkung haben sollte?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Laif: </b>Halten<br />
sie die Ermordung der Journalisten durch die USA Armee für ein Kriegsverbrechen,<br />
wie es auf der Seite Reporter-ohne-Grenzen gemutmaßt wird?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Richard Klug:</b><br />
Ich glaube eher an eine Entscheidung eines örtlichen US-Kommandeurs<br />
auf Platoon-Ebene, der sich durch irgendetwas bedroht fühlte, was<br />
aus der Richtung des Hotels kam. Es heißt zum Beispiel, dass er<br />
das Objektiv eines Fotografen, das Teleobjektiv, für eine Waffe gehalten<br />
haben mag und deswegen die schnelle Fehlentscheidung traf, zu schießen.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:</b><br />
Kurze Nachfrage: was ist eine Platoon-Ebene?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Richard Klug:<br />
</b>Zwanzig, dreißig Mann, drei, vier Panzer.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:<br />
</b>Danke.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Esco: </b>Der<br />
Finger sitzt locker am Abzug? Sind die Soldaten sehr nervös?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Richard Klug:<br />
</b>Die Soldaten sind für den Straßenkampf nicht ausgebildet,<br />
nicht gut genug jedenfalls, vor allem die Amerikaner, die Briten mit ihrer<br />
Nordirland-Erfahrung sind da erfahrener, und deswegen stelle ich mir die<br />
Soldaten zum Teil sehr nervös vor. Es sind ja zum großen Teil<br />
Jungs von 20 bis 25 Jahren.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:<br />
</b>War der Beschuss des Hotels ein Kriegsverbrechen? Der Teil der<br />
Frage ist noch offen.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Richard Klug:</b><br />
Wenn er absichtlich war, war er eines, jedenfalls wenn man nachweisen<br />
kann, dass es eindeutig keine Bedrohung aus Richtung des Hotels gegeben<br />
hat. Das wird aber kaum zu machen sein.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>pro: </b>Herr<br />
Klug, glauben Sie das wirklich? Immerhin hieß es einmal, aus der<br />
Lobby wurde geschossen, dann vom Dach, tatsächlich schoss der Panzer<br />
aber in den 15. Stock. Schießen die Amis mit ihren Hightech-Waffen<br />
so schlecht?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Richard Klug:<br />
</b>Das mit der Lobby war nur eine Version. Die kam von General Brooks<br />
hier in Doha, der aber gleich darauf zurückruderte. Die Linse eines<br />
Fotografen auf dem Dach des Hotels ist eine andere Version. Ich entschuldige<br />
den Beschuss damit keineswegs und eine Präzisionswaffe ist, glaube<br />
ich, nicht eingesetzt worden.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Lasse: </b>Werden<br />
Kriegsverbrechen in diesem Krieg aufgeklärt und geahndet werden?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Richard Klug:<br />
</b>Zum Teil. Ich bin da eher sehr skeptisch. Die Amerikaner erkennen<br />
den internationalen Strafgerichtshof ja nicht an. Iraker werden sicherlich<br />
vor Gericht gestellt werden.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Lekubu: </b>Entscheidender<br />
ist doch die Frage nach dem Beschuss der arabischen Fernsehsender! Wie<br />
denken Sie darüber?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Richard Klug:<br />
</b>Wir waren zum Zeitpunkt des Beschusses gerade im Sender Al Dschasira<br />
für das ARD-Morgenmagazin. Wir haben das eins zu eins mitbekommen<br />
und es war sehr nahegehend. Al DSchasira vermutet, dass Absicht zumindest<br />
nicht auszuschließen ist. Sie klagen aber offiziell nicht an, sie<br />
sind auch vorsichtig, gegenüber den USA. Wir dürfen auch nicht<br />
ausschließen, dass ein einzelner Pilot einen Fehler, oder einen<br />
absichtlichen Beschuss gemacht bzw. verursacht hat.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Esco: </b>Werden<br />
sie von amerikanischen Offizieren unter Druck gesetzt, gewisse Bilder<br />
nicht zu machen?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Richard Klug:</b><br />
Hier nicht. Die so genannten &quot;eingebetteten Journalisten&quot; bekommen<br />
Verhaltensregeln, sie beziehen sich darauf, die Positionen der US-Truppen<br />
im Kampfgebiet nicht sichtbar zu machen, dass Journalisten daran gehindert<br />
wurden, inhaltlich kritisch zu berichten, ist mir nicht bekannt. Aber<br />
die meisten &quot;Eingebetteten&quot; sind Amerikaner oder Briten. Übermäßig<br />
Kritisches habe ich von denen nicht gehört, aber ich komme auch nicht<br />
dazu, allzu viel fernzusehen.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:<br />
</b>Vorletzte Frage &#8211; leider &#8211; aber die Zeit.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>JanUllrich:<br />
</b>Wie schätzen Sie die Auswirkungen auf die umliegenden Regionen<br />
wie Ägypten etc., wo es ja harte Demonstrationen gegen den Krieg<br />
gab, ein?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Richard Klug:<br />
</b>Es wird zu schweren Zeiten im Nahen und Mittleren Osten kommen.<br />
Ich teile die Einschätzung nicht, dass dieser Krieg die Region ruhiger<br />
machen wird. Er wird sie noch unruhiger machen.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>MoonlightLord:<br />
</b>Halten Sie es für wahrscheinlich, dass die Amerikaner, wenn<br />
sie denn schon mal da sind, sich gleich auch noch um Syrien und den Iran<br />
&quot;kümmern&quot;?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Richard Klug:<br />
</b>Neokonservative Kreise fordern dies schon lange. Ich hoffe, dass<br />
realpolitische Erwägungen jetzt erst einmal überwiegen und dass<br />
man nicht glaubt, Krieg könne ab jetzt zum Mittel der Tagespolitik<br />
werden.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:<br />
</b>Abschließende Frage: Wie ist der Kontakt und das Verhältnis<br />
zu anderen Kolleginnen und Kollegen? Und wie lang müssen sie heute<br />
noch arbeiten?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Richard Klug:<br />
</b>Zum ersten: exzellent, das ist in solchen Fällen aber auch<br />
üblich, wenn viele Journalisten zusammen einem wenig auskunftsfreudigen<br />
&quot;Gegner&quot; gegenüberstehen und ich denke, dass ich heute<br />
bis 10 Uhr deutscher Zeit arbeite, aber man weiß ja nie, was passiert.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:<br />
</b>Hier ein Kommentar, dem wir uns alle gerne anschließen,<br />
Herr Klug:</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Esco: </b>Vielen<br />
Dank für ihre Zeit, die Sie uns zur Verfügung gestellt haben<br />
und passen sie auf sich auf!!</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Richard Klug:</b><br />
Danke. Und danke für die rundum guten Fragen.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:<br />
</b>Liebe Chat-Freunde, unsere Gesprächsrunde ist leider vorbei.<br />
Herzlichen Dank, Herr Klug, dass Sie mit uns gechattet haben und vielen<br />
Dank an alle UserInnen für Ihr Verständnis und Ihr Interesse.<br />
Viele Fragen blieben leider unbeantwortet. Noch ein Terminhinweis: Am<br />
Montag, 28. April 2003, ist Shimon Stein, israelischer Botschafter in<br />
Deutschland, von 17.30 bis 18.30 Uhr Gast im tacheles.02 Live-Chat.. Wir<br />
würden uns freuen, wenn Sie wieder dabei sind. Die Transkripte aller<br />
tacheles.02-Chats finden Sie auf den Webseiten der Veranstalter tagesschau.de<br />
und politik-digital.de.<br />
Danke für die sehr spannenden Antworten!</span></p>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://www.politik-digital.de/chattranscripte/quotich_persoenlich_glaube_dass_der_irak_das_potenzial_hatte_massenvernichtungswaffen_herzustellen_da-308/feed/</wfw:commentRss>
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			</item>
		<item>
		<title>&#8220;Ich kann nur hoffen, dass die EU das fatale Bild von Uneinigkeit als Lehre für die Zukunft betrachtet.&#8221;</title>
		<link>https://www.politik-digital.de/chattranscripte/quotich_kann_nur_hoffen_dass_die_eu_das_fatale_bild_von_uneinigkeit_als_lehre_fuer_die_zukunft_betrac-311/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[jherbell]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 02 Apr 2003 23:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Chattranscripte]]></category>
		<category><![CDATA[Margret Johansen]]></category>
		<category><![CDATA[Nachkriegszeit]]></category>
		<category><![CDATA[Vereinte Nationen]]></category>
		<category><![CDATA[Internationale Politik]]></category>
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		<category><![CDATA[Irak]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b><a href="http://www.ifsh.de/mitarbeiter/showProfile.php?sUserName=johannsen" target="_blank" rel="noopener noreferrer"><img src="http://www.politik-digital.de/salon/photos/mjohannsen.jpg" alt="Margret Johannsen" align="left" border="0" height="106" width="70" /></a></b><a href="http://www.ifsh.de/mitarbeiter/showProfile.php?sUserName=johannsen" target="_blank" rel="noopener noreferrer"><b>Dr. 
Margret Johannsen</b></a><b>, wissenschaftliche Mitarbeiterin 
am Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität 
Hamburg <a href="http://www.ifsh.de/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">(IFSH)</a>, </b><b>waram 
3. April 2003</b><b> zu Gast im tacheles.02 Live-Chat von tagesschau.de 
und politik-digital.de.</b></span>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b><a href="http://www.ifsh.de/mitarbeiter/showProfile.php?sUserName=johannsen" target="_blank" rel="noopener noreferrer"><img decoding="async" src="http://www.politik-digital.de/salon/photos/mjohannsen.jpg" alt="Margret Johannsen" align="left" border="0" height="106" width="70" /></a></b><a href="http://www.ifsh.de/mitarbeiter/showProfile.php?sUserName=johannsen" target="_blank" rel="noopener noreferrer"><b>Dr.<br />
Margret Johannsen</b></a><b>, wissenschaftliche Mitarbeiterin<br />
am Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität<br />
Hamburg <a href="http://www.ifsh.de/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">(IFSH)</a>, </b><b>waram<br />
3. April 2003</b><b> zu Gast im tacheles.02 Live-Chat von tagesschau.de<br />
und politik-digital.de.</b></span><!--break--></p>
<p><span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b><br />
Moderator:</b> Herzlich willkommen im tacheles.02-Chat. tacheles.02<br />
ist ein Format von tagesschau.de und politik-digital.de und wird unterstützt<br />
von tagesspiegel.de. Heute begrüßen wir Frau Dr. Johannsen.<br />
wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Friedensforschung<br />
und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg (IFSH). Wir haben<br />
eine Stunde Zeit, Frau Johannsen sitzt in Hamburg. Sind Sie bereit und<br />
kann es losgehen?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Margret Johannsen:</b><br />
Ja.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:</b><br />
Sie waren kurz nach den Anschlägen am 11. September 2001 bereits<br />
bei uns im Chat. Sie sagten damals: &quot;Die UNO muss mit stärkeren<br />
Kompetenzen ausgestattet werden, die Entwicklungspolitik muss mit Konfliktpräventionsfähigkeiten<br />
ausgestattet werden. Zum Beispiel finanziert Deutschland Krisenpräventionen<br />
im Rahmen des Auswärtigen Amtes und des Entwicklungsministeriums<br />
mit 80 Millionen DM. Die Bundeswehr kostet 40 Milliarden &#8211; das ist ein<br />
enormes Missverhältnis.&quot; Jetzt sagte Außenminister Fischer,<br />
die Bundesregierung plane größere Verteidigungsausgaben, damit<br />
Europa international eine stärkere Rolle spielen könne. Ist<br />
das aus Ihrer Sicht ein sinnvoller Weg der Regierung Schröder zur<br />
Lösung internationaler Konflikte?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Margret Johannsen:</b><br />
Nein. Größere Verteidigungsausgaben sollten keine Priorität<br />
sein.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Kritische_Stimme:</b><br />
Ohne Frage ist der Krieg im Irak schrecklich, allein schon wegen der zivilen<br />
Opfer. Aber ist es nicht auch moralisch verwerflich einen grausamen Diktator<br />
wie Hussein ungestört walten zu lassen?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Margret Johannsen:</b><br />
In der Tat ist das ein Dilemma. Ich denke nur, dass man den Irak hätte<br />
eindämmen können und die Opposition unterstützen, so dass<br />
ein Regimewechsel von innen eine Chance gehabt hätte.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:</b><br />
Wer hat Ihrer Meinung nach zu wenig für einen Regimewechsel getan?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Margret Johannsen:</b><br />
Ich denke, es liegt auch am Versagen der arabischen Regime in der Region<br />
vor. Diese hätten mehr tun können, um diesen Krieg zu vermeiden.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Ralf2:</b><br />
Glauben Sie, dass die Unterstützung des Irakischen Volkes für<br />
Saddam Hussein echt ist, oder ist es nur eine antiamerikanische Haltung?<br />
Will das irakische Volk Freiheit und Demokratie?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Margret Johannsen:</b><br />
Ich denke, dass man augenblicklich Patriotismus beobachten kann. Das ist<br />
weniger Unterstützung für Saddam, als vielmehr die Auffassung,<br />
dass Irak den Irakern gehört.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>MiriamS:</b><br />
Hätte das Regime die Chance auch genutzt?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Margret Johannsen:</b><br />
Ich denke, man muss zugeben, dass auch Diktatoren sich manchmal sehr lange<br />
an der Macht halten können. In diesem Fall muss man abwägen.<br />
Wer sein ganzes Volk umbringt, den muss man daran hindern. Aber ein solcher<br />
Fall lag nicht vor.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:</b><br />
Zur Rolle der UNO:</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Janette:</b><br />
Die USA haben im Kalten Krieg die UNO geschaffen. Warum versuchen sie<br />
sie jetzt zu entwerten?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Margret Johannsen:</b><br />
Weil sie der Auffassung sind, dass sie ihre Interessen an der UNO vorbei<br />
besser realisieren können.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>JuliaB:</b><br />
Welche Reformen in der UNO sind nötig, damit die UNO wieder ein wirksames<br />
Instrument zur Wahrung des Friedens wird?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Margret Johannsen:</b><br />
Eine ganze Reihe von Reformen wären nötig. Das Problem ist,<br />
dass eine fundamentale Reform gegen eine Veto-Macht nicht möglich<br />
ist. Darum kann man nur hoffen, dass die USA erfahren, dass sie viele<br />
Probleme, z. B. den Kampf gegen den Terrorismus, nicht alleine lösen<br />
können. Aber eine wichtige Reform wäre, der Weltorganisation<br />
die Aufsicht über verhängte Zwangsmaßnahmen zu übergeben.<br />
Aber auch hier: Gegen eine Veto-Macht ist auch dies nicht durchzusetzen.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Leila23:</b><br />
Werden nicht langsam die USA mit ihrem unbegrenzten Hegemonialstreben<br />
bald zur größten Gefahr für den Frieden?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Margret Johannsen:<br />
</b>Das könnte man so sehen.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Angelika:</b><br />
Nach den Anschlägen am 11.9. auf das World Trade Center haben die<br />
USA besonnen reagiert und internationale Verbündete für den<br />
Kampf gegen den Terror gesucht. Warum jetzt dieser Alleingang?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Margret Johannsen:</b><br />
Den 11.9 kann man in seiner Wirkung auf das Sicherheitsgefühl in<br />
den USA gar nicht überschätzen. In dem Moment, als die USA sahen,<br />
dass der Fall Irak in Europa anders beurteilt wird als in den USA, sahen<br />
sie sich veranlasst, einen Alleingang zu unternehmen.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:<br />
</b>Noch mal zur Rolle der UN ein Frage:</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Leila23:</b><br />
Ist die UNO als Organ für die kollektive Sicherheit wertlos geworden?<br />
Sie scheint nur für humanitäre Maßnahmen angefordert zu<br />
werden?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Margret Johannsen:</b><br />
Nein. Die UNO besteht ja nicht nur aus dem Sicherheitsrat. Ihre sozialen<br />
und entwicklungspolitischen Aufgaben sind im Sinne einer Präventionspolitik<br />
von großer Wichtigkeit. Außerdem: Der Sicherheitsrat war schon<br />
einmal während des Kalten Krieges blockiert. Das muss ja nicht so<br />
bleiben.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:</b><br />
Sehen Sie da echte Chancen der Veränderung?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Margret Johannsen:</b><br />
Augenblicklich nicht. Ich glaube aber, dass die vorige Administration<br />
in Washington diese Art von Alleingang nicht unternommen hätte. Und<br />
immerhin: Es gibt in den USA eine große Macht, die Öffentlichkeit.<br />
Mit ihnen, mit den kritischen Kräften muss man sich verbünden.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Carlisle:</b><br />
Wie beurteilen Sie &#8211; ganz kurz &#8211; die Kluft zwischen tatsächlichem<br />
Geschehen und amerikanischer Berichterstattung derzeit?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Margret Johannsen:</b><br />
Die Kluft ist riesig. Nur so lässt sich erklären, dass große<br />
Teile der Bevölkerung einen direkten Zusammenhang zwischen dem 11.9.<br />
und dem Irak unter Saddam sieht.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:</b><br />
Mehrere Fragen zur Nachkriegssituation im Irak:</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>bndagent21:</b><br />
Ist es überhaupt Möglich, eine Demokratie nach unserem westlichen<br />
Verständnis in Irak zu etablieren? Und kann man die Ausgangsposition<br />
der mit Deutschlands nach dem 2. Weltkrieg bezüglich der Einstellung<br />
zu Diktatoren überhaupt vergleichen?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Margret Johannsen:</b><br />
Ich bin da sehr skeptisch. Mehrere Gründe. Die USA sind nach 1945<br />
in Deutschland rasch als „Überbringer der Demokratie“<br />
akzeptiert worden, weil die größere Gefahr im Osten gesehen<br />
wurde, und weil sie aus dem gleichen Kulturbereich herrühren. Das<br />
ist im Irak anders. Dort gelten sie als imperiale Großmacht, deren<br />
Message erst einmal abgelehnt wird.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:<br />
</b>Hat die US-Regierung die Situation im Irak also falsch eingeschätzt?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Margret Johannsen:</b><br />
Es scheint so, aber: Möglicherweise ist dies der US-Regierung egal.<br />
Man kann ja auch versuchen, neue Strukturen gegen den Willen der Bevölkerung<br />
zu implantieren. Immerhin: Das irakische Volk ist es ja gewöhnt,<br />
sich zu unterwerfen.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Julian:</b><br />
Ist nach einem Sieg der USA über Irak dauerhafter Frieden überhaupt<br />
realistisch. Was muss dafür getan werden?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Margret Johannsen:</b><br />
Ich denke, dass man einiges tun kann. Erforderlich ist, dass sehr rasch<br />
eine legitime, irakische, und damit vom Volk akzeptierte eigene Regierung<br />
die politischen Geschäfte übernimmt.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>bndagent21:<br />
</b>Ist also die Gefahr vorhanden, dass lediglich eine &quot;Pseudo-Regierung&quot;<br />
wie in Afghanistan etabliert wird und Bagdad und die Ölfeder unter<br />
Kontrolle hat, der Rest des Landes jedoch im Chaos und Bürgerkrieg<br />
versinkt?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Margret Johannsen:<br />
</b>Auszuschließen ist dies nicht. Aber: Ich glaube nicht daran.<br />
Dafür ist dies Land mit seinem enormen potenziellen Reichtum zu wichtig.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>freeman:</b><br />
Wird &quot;Frieden im Irak&quot; nicht als wirtschaftspolitisches Instrument<br />
der Nationen missbraucht, die dort Aufträge für den Wiederaufbau<br />
bekommen?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Margret Johannsen:</b><br />
Ja, so ist die Welt. Aber: Wenn der Irak wieder aufgebaut wird und die<br />
Menschen eine Chance bekommen, ein würdiges Leben in Sicherheit zu<br />
führen, dann sollte man dies begrüßen, auch wenn andere<br />
daran verdienen.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Ralf2:</b><br />
Gesetzt den Fall, die Irakische Regierung wird ausgelöscht. Entsteht<br />
dann ein Machtvakuum oder werden die USA die Position einer Regierung<br />
einnehmen? Wenn ja, gibt das einen &quot;Aufstand des Volkes&quot; in<br />
den arabischen Ländern, weil die USA die Region politisch zu gestalten<br />
versuchen?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Margret Johannsen:</b><br />
Ich vermute, dass die USA zunächst einmal eine Administration einsetzen<br />
werden, die sich entweder auf zivile oder militärische Macht stützt.<br />
Ich würde es für richtig halten, wenn der Sicherheitsrat einen<br />
Hohen Repräsentanten einsetzen würde, der eine irakische Zivilregierung<br />
einsetzt, ihr auch Weisungen erteilen kann und einen politischen Systemwechsel<br />
in Gang setzt, der mittelfristig die politische Macht den Irakern überantwortet.<br />
Dafür sollte sich die EU in der UNO einsetzen: Für einen politischen<br />
Wiederaufbau, neben dem materiellen.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:</b><br />
Haben Sie damit folgende Frage bereits beantwortet oder wollen Sie noch<br />
etwas ergänzen?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>bndagent21:<br />
</b>Geben Sie doch mal eine Prognose ab, wie der Irak ordnungspolitisch<br />
nach dem Krieg aussieht? Also unter dem Protektorat der Uno steht, unter<br />
amerikanischer Verwaltung? Was halten Sie am wahrscheinlichsten?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Margret Johannsen:</b><br />
Ich fürchte, es wird zunächst unter amerikanischer Verwaltung<br />
sein. Zumindest aber werden die USA ihre Truppen keinen Befehlshaber unterstellen,<br />
der seine Autorität von der UNO bezieht. Aber diese Truppen lassen<br />
sich ja in eine Peace Keeping Force umwandeln. Jedenfalls ist es nötig,<br />
dass nach Kriegsende amerikanische Truppen für einen begrenzten Zeitraum<br />
im Irak bleiben. Die Europäer und die Deutschen können in vielen<br />
anderen Gebieten Hilfe leisten, es muß keine militärische Hilfe<br />
sein.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>freeman: </b>Welche<br />
Einstellung haben die den Irak umgebenden Länder zur USA und ihrem<br />
Willen, den Nahen Osten zu &quot;demokratisieren&quot;?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Margret Johannsen:</b><br />
Hier muss man unterscheiden zwischen den Regimen und den Menschen. Die<br />
Regime werden sicherlich keine demokratischen Reformen zulassen wollen,<br />
die sie selbst gefährden. Die &quot;Demokratisierung&quot; nach amerikanischen<br />
Muster wird von der Bevölkerung nicht für glaubwürdig gehalten.<br />
Dafür gibt es auch kein einziges positives Beispiel in der Region.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:</b><br />
Eine Nachfrage zur Situation im &quot;Nachkriegs-Irak&quot;:</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Clarrissa:</b><br />
Ist eine stabile Regierung bei der ethischen zerstrittenen Vielfalt im<br />
Irak überhaupt möglich?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Margret Johannsen:</b><br />
Ja, aber nur, wenn z.B. die Kurden im Nordirak das Mindestmaß an<br />
Autonomie sich bewahren können, das sie in den letzten Jahren aufgebaut<br />
haben. Ich glaube grundsätzlich nicht, dass ethnische Vielfalt der<br />
Stabilität zuwiderläuft. Wenn das so wäre, gäbe es<br />
weltweit nur noch Krieg.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>MiriamS:</b><br />
Was denken einfache irakische Leute zu dem Thema? Einige wollen ja den<br />
USA vertrauen.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Margret Johannsen:<br />
</b>Der einfache irakische Mensch will vermutlich wie jeder andere<br />
anständig leben, seine Meinung sagen können und nicht um sein<br />
Leben fürchten. Mit einer Besatzung könnte er sich vermutlich<br />
arrangieren, warum auch nicht.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:</b><br />
Zur Entwicklung der Weltpolitik eine Frage:</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>freeman:</b><br />
&quot;Frieden im Irak&quot; bedeutet ja nicht gleich Frieden in der Welt.<br />
Haben die USA mit diesem &quot;Präventivkrieg&quot; eine neue Legitimation<br />
erreicht, auch in anderen Brennpunkten auf der Welt einzuschreiten, die<br />
ihren Interessen (mehr oder weniger objektiv) entgegenstehen?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Margret Johannsen:</b><br />
Eine Legitimation haben sie nicht erreicht, jedenfalls keine völkerrechtliche.<br />
Aber: sie betrachten diesen Krieg wie auch den Krieg gegen den Terrorismus,<br />
als &quot;gerechten Krieg&quot;. Das ist ihre eigene Legitimation.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:</b><br />
Zum Völkerrecht:</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Mausi:</b><br />
Ich halte den Krieg im Irak nicht für völkerrechtswidrig. Es<br />
wurde eine Abrüstung des Iraks vereinbart. Hussein hat sich nicht<br />
daran gehalten, also ist der Waffenstillstand hinfällig.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Margret Johannsen:</b><br />
Ich sehe das anders. Auf jeden Fall hätte nach dem Ende der Kampfhandlungen<br />
der Neubeginn von Kampfhandlungen vom UNO-Sicherheitsrat beschlossen werden<br />
müssen.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Xuxo:</b><br />
Würde eine Verweigerung von Überflugsrechten nicht nur mehr<br />
Tohuwabohu anrichten (und seinerseits Verträge brechen)? Und: Muss<br />
man/frau tatsächlich zum Schluss kommen, dass die gegenwärtige<br />
Gewährung dieser Rechte als deutsche Beteiligung an einem Angriffskrieg<br />
im Sinne des Grundgesetzes zu bewerten ist?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Margret Johannsen:<br />
</b>Ich sehe das so. Aber ich bin ja auch keine Bundeskanzlerin,<br />
sondern Wissenschaftlern. Da habe ich es sicher leichter.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Antigonos:</b><br />
Hallo, Frau Dr. Johannsen. Nicht nur die UNO sondern auch die EU ist durch<br />
den Irakkrieg gespalten. Welche Auswirkungen sehen sie auf den Prozess<br />
der europäischen Einigung? Ist eine gemeinsame europäische Friedenspolitik<br />
in weite Ferne gerückt?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Margret Johannsen:</b><br />
Ich kann nur hoffen, dass die EU das fatale Bild von Uneinigkeit als Lehre<br />
für die Zukunft betrachtet. Es hat ja jetzt den Anschein, als ziehe<br />
die EU bei der Nachkriegsordnung des Irak an einem Strang. Also: ein Licht<br />
der Hoffnung.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Heino: </b>Schröder<br />
fordert in seiner heutigen Regierungserklärung den weiteren Ausbau<br />
der EU zu einer Sicherheits- und Verteidigungsunion. Was kann Europa weltpolitisch<br />
zur Konfliktlösung beitragen?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Margret Johannsen:</b><br />
Europa sollte seine Stärken ausspielen, und nicht in einen hoffnungslosen<br />
Wettlauf mit den USA auf militärischem Gebiet eintreten, z. B. könnte<br />
Europa dem Irak helfen, eine Polizei aufzubauen, die der Bevölkerung<br />
Sicherheit vor Willkür und Anarchie bieten müsste. Auch die<br />
Erfahrungen mit verhandelter Rüstungskontrolle, und zwar in der gesamten<br />
Region des Nahen und Mittleren Ostens, wären eine wertvolle Investition.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Burger_King:</b><br />
Ist die Forderung nach einer Stärkung der europäischen Verteidigungspolitik<br />
nicht ein weiterer Affront gegen die USA, weil es eine Schwächung<br />
der NATO bedeuten kann?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Margret Johannsen:</b><br />
Nein, die USA mahnen ja größere Verteidigungsanstrengungen<br />
der Europäer an. Es ist ihnen eine Last, dass die Europäer nicht<br />
in der Lage waren, vor ihrer eigenen Haustür (Balkan) Konflikte beizulegen.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Fritzchen:</b><br />
Angesichts der schweren Differenzen in der EU will Außenminister<br />
Joschka Fischer eine gemeinsame europäische Außen- und Sicherheitspolitik<br />
notfalls mit einer kleinen Staatengruppe beginnen. Sollte die EU angesichts<br />
der ständigen Uneinigkeit lieber eine reine Wirtschaftsunion bleiben?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Margret Johannsen:</b><br />
Nein, wenn die EU ein wirtschaftlicher Riese bleibt und ein politischer<br />
Zwerg, werden immer wieder Interventionen der USA auch dort erfolgen,<br />
wo die EU aus eigenem Interesse auch politisch tätig sein sollte.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>kalli:</b><br />
Haben die USA &quot;Angst&quot; vor einem starken Europa?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Margret Johannsen:</b><br />
Nein, warum sollten sie.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>kiNgMoSEs:</b><br />
Ist politische Größe nicht gleichzusetzen mit militärischer<br />
Größe? Und wollen/brauchen wir das wirklich?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Margret Johannsen:</b><br />
Ich setze politische Größe nicht mit militärischer Größe<br />
gleich. Jedenfalls ist politische Größe auch mit dem möglich,<br />
was man Soft Power nennt.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:<br />
</b>Eine Frage zu Israel, bevor wir leider zur letzten Frage für<br />
heute kommen:</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Schaf:</b><br />
Würde ein Sieg über den Irak eine sicherheitspolitische Entspannung<br />
für Israel bedeuten?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Margret Johannsen:<br />
</b>Wenn ein Sieg über den Irak dazu führt, dass der politische<br />
Prozess im Israel-Palästina-Konflikt wieder aufgenommen wird und<br />
eine gerechte Lösung erkennbar wird, wäre dies der Stabilität<br />
der Region und auch ihrer politischen Öffnung förderlich.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:<br />
</b>Letzte Frage:</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Hermanns:</b><br />
Ist denn die Regierung in Deutschland wirklich in der Lage und interessiert,<br />
eine Vormachtstellung mit einer neuen Art von Politik, also Soft Power,<br />
zu übernehmen?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Margret Johannsen:</b><br />
Soft Power verträgt sich nicht mit Vormachtstellung. Soft Power knüpft<br />
an den legitimen Interessen von Partnern an, anstatt sie zu überwältigen.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:</b><br />
Liebe Chat-Freunde, unsere Gesprächsrunde ist leider vorbei. Herzlichen<br />
Dank, Frau Johannsen, dass Sie am Chat teilgenommen haben und vielen Dank<br />
an alle UserInnen für Ihr Interesse. Das tacheles.02-Team wünscht<br />
allen noch einen schönen Abend.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Margret Johannsen:</b><br />
Danke für die interessanten Fragen.</span>
</p>
<p><span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:</b><br />
Noch ein Terminhinweis: Am Dienstag, den 8. April, ist Dr. Werner Hoyer,<br />
Fraktionsvize der FDP und außenpolitischer Sprecher, von 18.00 bis<br />
19.00 Uhr Gast im tacheles.02 Live-Chat. Wir würden uns freuen, wenn<br />
Sie wieder dabei sind. Die Transkripte aller tacheles.02-Chats finden<br />
Sie auf den Webseiten der Veranstalter tagesschau.de und politik-digital.de.</span></p>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://www.politik-digital.de/chattranscripte/quotich_kann_nur_hoffen_dass_die_eu_das_fatale_bild_von_uneinigkeit_als_lehre_fuer_die_zukunft_betrac-311/feed/</wfw:commentRss>
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			</item>
		<item>
		<title>&#8220;Es ist kein völkerrechtswidriger Angriffskrieg.&#8221;</title>
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		<dc:creator><![CDATA[hneymanns]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 18 Mar 2003 23:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Chattranscripte]]></category>
		<category><![CDATA[CDU]]></category>
		<category><![CDATA[Außenpolitik]]></category>
		<category><![CDATA[Naher Osten]]></category>
		<category><![CDATA[Irak]]></category>
		<category><![CDATA[Irak-Krieg]]></category>
		<category><![CDATA[Friedbert Pflüger]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b><img src="http://www.politik-digital.de/salon/photos/fpflueger2.jpg" alt="Friedbert Pfüger" align="left" height="96" width="70" />Friedbert 
Pflüger, außenpolitischer Sprecher der CDU/CSU, am 19. März 
2003 </b><b>zu Gast im tacheles.02 Live-Chat von tagesschau.de und 
politik-digital.de.</b></span>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b><img decoding="async" src="http://www.politik-digital.de/salon/photos/fpflueger2.jpg" alt="Friedbert Pfüger" align="left" height="96" width="70" />Friedbert<br />
Pflüger, außenpolitischer Sprecher der CDU/CSU, am 19. März<br />
2003 </b><b>zu Gast im tacheles.02 Live-Chat von tagesschau.de und<br />
politik-digital.de.</b></span><!--break--></p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator: </b>Herzlich<br />
willkommen im tacheles.02-Chat. tacheles.02 ist ein Format von tagesschau.de<br />
und politik-digital.de und wird unterstützt von tagesspiegel.de.<br />
Heute ist Friedbert Pflüger, außenpolitischer Sprecher der<br />
CDU/CSU-Fraktion, ins ARD-Hauptstadtstudio gekommen. Dieser Chat steht<br />
im Zeichen des drohenden Waffengangs im Irak.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:</b><br />
Herr Pflüger, Sie haben gesagt, dass Länder wie Deutschland<br />
und Frankreich verpasst haben, dem Irak klare Ultimaten zu setzen. Hätte<br />
das etwas am amerikanischen Vorgehen geändert?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Friedbert<br />
Pflüger:</b> Jawohl! Ja, das hätte das amerikanische Vorgehen<br />
ändern können. Wenn sich Deutschland und Frankreich vor drei<br />
Wochen auf den kanadischen Kompromissvorschlag eingelassen hätten,<br />
der ein vierwöchiges Ultimatum vorsah, hätte es eine echte Chance<br />
gegeben. Die Uneinigkeit hat dagegen Saddam signalisiert, dass er weiter<br />
tricksen und täuschen kann.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Nina_K:</b><br />
Wie lässt sich der Irakkrieg völkerrechtlich vereinbaren?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Friedbert<br />
Pflüger:</b> Statt Memoranden gegen Amerika zu verfassen, hätten<br />
wir die Amerikaner gemeinsam für die friedliche Entwaffnung gewinnen<br />
können. Die Völkerrechtler sind gespalten. Für mich ist<br />
eindeutig, dass ein militärisches Vorgehen kein Bruch des Völkerrechts<br />
bedeutet. Es hat 1991 einen Waffenstillstand mit dem Irak gegeben unter<br />
der Bedingung, dass er Auflagen von UN-Resolutionen zur Abrüstung<br />
befolgt. Er hat dies nicht getan, weshalb die Voraussetzung für den<br />
Waffenstillstand weggefallen sind. Ich teile die Auffassung der Bundsregierung,<br />
dass eine weitere UN-Resolution wünschenswert, aber völkerrechtlich<br />
nicht notwendig gewesen wäre.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Simona:</b><br />
Herr Pflüger, zeigt nicht die gesamte Politik der amerikanischen<br />
Administration, welche Interessen sie in Wirklichkeit verfolgen, nach<br />
Weltherrschaft und Hegemonialmacht? Meint etwa Herr Bush, er dürfe<br />
sich am Völkerrecht vorbeibomben? Und über die Menschen, die<br />
im Irak sterben werden, spricht niemand.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Friedbert<br />
Pflüger:</b> Es geht den Amerikanern bei dem wahrscheinlichen<br />
Militärschlag nicht um Öl und Macht. Was sie treibt ist die<br />
Sorge vor einer Wiederholung des 11. September, diesmal mit Massenvernichtungswaffen.<br />
Was ihre Frage zum Völkerrecht angeht, so verweise ich auf meine<br />
vorherige Antwort. Und schließlich: keiner von uns macht es sich<br />
leicht. Wir hätten eine friedliche Entwaffnung vorgezogen. Aber es<br />
ist auch notwendig, über die Hunderttausende von Opfern zu reden,<br />
die Saddam bisher auf dem Gewissen hat. Würde man nichts tun, würden<br />
Unzählige dazukommen. Man macht sich schuldig mit einem Militärschlag,<br />
keine Frage, aber macht man sich nicht vielleicht noch schuldiger, wenn<br />
man den Aggressor und Massenmörder weitermachen lässt?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>H.A.W.: </b>Ging<br />
es den USA wirklich um eine &quot;friedliche Entwaffnung&quot; des Irak?<br />
Ist dies nicht nur ein Vorwand um den schon länger angestrebten &quot;regime<br />
change&quot; legitimieren und eine &quot;Neuordnung&quot; des Nahen Ostens<br />
beginnen zu können?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Friedbert<br />
Pflüger:</b> Was ist an der Neuordnung des Nahens Ostens so<br />
schlecht? Viele korrupte Diktatoren, nirgendwo eine Demokratie. Haben<br />
nicht gerade die jungen Leute in der Region auch ein Recht auf grundlegende<br />
Menschenrechte? Die vollständige friedliche Entwaffnung des Irak<br />
war das Ziel der Resolution 1441 der UN. Ihre Umsetzung hätte bedeutet,<br />
dass Saddam in die Knie gezwungen wäre &#8211; ein de facto regime change.<br />
Wenn wir klug gewesen wären, hätten wir die Amerikaner nicht<br />
an den Pranger gestellt, sondern sie für den militärischen Druck<br />
gelobt. Wäre es nicht der größte Sieg gewesen, die Entwaffnung<br />
durchzusetzen, ohne ein einziges Menschenleben zu riskieren? Einer meiner<br />
Vorwürfe an die Bundesregierung ist, dass man den USA jede Möglichkeit<br />
verbaut hat, bei einer friedlichen Lösung das Gesicht zu wahren.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>ThomasStgt:</b><br />
Ist Bush für Sie allen Ernstes noch glaubwürdig, wenn er erst<br />
sagt, wir geben Saddam und Söhnen 48 Stunden Zeit den Irak zu verlassen?<br />
Dann fände ein Militärschlag nicht statt. Stunden später<br />
sagt Bush, der Angriff findet auch dann statt, wenn Bush ins Exil geht.<br />
Beweist das nicht, dass Bush es nun wirklich auf einen Militärschlag<br />
anlegt?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Friedbert<br />
Pflüger: </b>Ich finde wahrlich nicht alles schlüssig,<br />
was in Washington geäußert worden ist. Das Ultimatum hatte,<br />
glaube ich, vor allem das Ziel, die Ernsthaftigkeit eines bevorstehenden<br />
Militärschlages zu verdeutlichen. Würde Saddam in den nächsten<br />
Stunden das Land freiwillig oder unfreiwillig verlassen, sähe ein<br />
militärisches Eingreifen jedenfalls anders aus.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Friedenstaube:</b><br />
Müsste man also jetzt den ganzen Nahen Osten besetzen?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Friedbert<br />
Pflüger:</b> Nein, natürlich nicht. Aber wir müssen<br />
endlich begreifen, dass der Nahe Osten aus Menschen besteht, die wie wir<br />
einen Anspruch auf Demokratie und Wohlstand haben. Der persische Golf<br />
ist mehr als unsere Tankstelle. Und ich finde es gut, wenn wir gerade<br />
den jungen Leuten eine andere Perspektive eröffnen als den islamistischen<br />
Extremismus. Viele finden die amerikanische Vision eines freiheitlichen<br />
Nahen Osten naiv, aber viel fanden es auch naiv, als Reagan vor dem Brandenburger<br />
Tor ausrief: Mr. President, tear down this wall. Die Menschenrechte im<br />
Nahen Osten, das geht nicht von heute auf morgen, aber auf das Ziel haben<br />
die Menschen ein Anrecht. Ich hoffe nur, dass die Amerikaner es auch ernst<br />
meinen damit: wir Europäer sollten sie beim Wort nehmen.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Galinha:</b><br />
Aber gibt dieser Krieg den fundamentalistischen Kräften in der Region<br />
nicht neues Feuer?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Friedbert<br />
Pflüger:</b> Dieses Risiko sehe ich auch. Man kann es aber genau<br />
umgekehrt betrachten: Würde man Saddam weiter tricksen und täuschen<br />
lassen, auch dann könnten sich die Fundamentalisten ermutigt fühlen.<br />
Es gibt ernorme Risiken, aber auch z. B. die Chance, dass die Beseitigung<br />
der Diktatur im Irak eine friedliche Beilegung des Nah-Ost Konflikts erhöht.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Landmine:</b><br />
Aber Neuordnung durch Gewalt bringt nichts, siehe Serbien, oder?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Friedbert<br />
Pflüger:</b> Der militärische Einsatz auf dem Balkan hat<br />
nicht den stabilen Frieden gebracht, aber doch die schrecklichsten Auswüchse<br />
und Menschenrechtsverletzungen beseitigt. Der Krieg gegen Milosevic, der<br />
übrigens ohne UN Mandat erfolgte, war notwendig. Und es gibt viele<br />
Stimmen, die sagen, dass ein Eingreifen der USA und der NATO zu einem<br />
früheren Zeitpunkt auf dem Balkan unzählige Tote erspart hätte.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:</b><br />
Herr Pflüger erwähnte die Verantwortung der Europäer. Dazu<br />
gibt es auch viele Fragen.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Valentin:</b><br />
Sehr geehrter Herr Pflüger, meinen Sie nicht auch, dass es langsam<br />
an der Zeit ist für die CDU, zu erkennen, dass Europa den Amerikanern<br />
gemeinsam entgegentreten muss, um zu verhindern, dass diese illegale Art<br />
der Kriegsführung unterbunden werden kann?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Friedbert<br />
Pflüger:</b> Ich bin sehr für eine gemeinsame Haltung der<br />
Europäer. Aber gerade die gibt es heute weniger denn je und unser<br />
Bundeskanzler trägt mit seinen Vorfestlegungen im Wahlkampf daran<br />
eine große Mitschuld. Der Militärschlag gegen den Irak ist<br />
&#8211; siehe oben &#8211; nicht illegal, aber ich gebe Ihnen recht: Europa muss stärker<br />
werden, mit einer Stimme sprechen. Dann wird es auch in Amerika ernst<br />
genommen. Wir sollten weniger die Stärke Amerikas kritisieren als<br />
die Schwäche Europas.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>virus2:</b><br />
Man kann nur hoffen, dass Amerika jetzt umgehend seine angestrebte Leitfunktion<br />
für die Welt nachhaltig verliert. Wenn jede andere Nation mit der<br />
gleichen Berechtigung die neu geschaffenen Regeln übernimmt, gibt<br />
es nur noch Mord- und Totschlag in der Welt. Was halten Sie von dieser<br />
These ?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Friedbert<br />
Pflüger:</b> Wollen Sie eine ehrliche Antwort? Ich halte das<br />
für abwegig! Ohne die Amerikaner gäbe es fast überall auf<br />
der Welt viel mehr Konflikte, Krisen und Kriege. Es ist unsinnig, die<br />
USA für die Probleme im Nahen Osten verantwortlich zu machen. Auch<br />
im Pazifik und in Europa könnte doch Völkerrecht ohne amerikanische<br />
Präsenz gar nicht durchgesetzt werden. Wer hat denn Völkerrecht<br />
auf dem Balkan durchgesetzt und das Massenmorden beendet? Europa war zu<br />
schwach dazu. Sowohl Israelis wie Palästinenser erhoffen sich eine<br />
stärkere amerikanische Rolle! Alle Welt lobt die Inspektoren im Irak.<br />
Ohne die Amerikaner wären sie nie ins Land gekommen. Leider kommen<br />
wir in dem Punkt nicht zusammen.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>m.günnel:</b><br />
In ihren Augen ist ein Angriff auf den Irak ja mit dem Völkerrecht<br />
zu vereinbaren. Nur ist es für Sie auch legitim, dass ein Mitglied<br />
der Staatengemeinschaft alleine entscheidet? Wer hat in ihren Augen das<br />
Recht über Krieg und Frieden zu entscheiden? Der Stärkste, die<br />
USA?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Friedbert<br />
Pflüger: </b>Zunächst einmal: Amerika ist schon in einer<br />
Sondersituation nach dem 11. September. Es fühlt sich in seiner Sicherheit<br />
bedroht. Gerade weil Saddam immer wieder mit Terrorangriffen auf die USA<br />
gedroht hat. Die Resolution 1441 hat darüber hinaus dem Irak ernste<br />
Konsequenzen angedroht für den Fall, dass er nicht vollständig<br />
abrüstet. 1441 sah bewusst eine weitere Resolution nicht als zwingend<br />
erforderlich an, sondern lediglich eine weitere &quot;Befassung&quot;<br />
des Sicherheitsrates. Wäre der Krieg völkerrechtswidrig, dann<br />
müsste Herr Schröder sofort den USA die Überflugrechte<br />
entziehen und dürfte amerikanische Kasernen nicht durch Bundeswehrsoldaten<br />
bewachen. Die Bundesregierung selbst weiß genau, warum sie nicht<br />
von einem völkerrechtswidrigen Angriffskrieg spricht, und wo der<br />
Kanzler Recht hat, hat er Recht. Das kommt etwas selten vor in letzter<br />
Zeit.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:</b><br />
Bleiben wir noch kurz in der Außenpolitik und gehen gleich in die<br />
Innenpolitik.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Friedenstaube:<br />
</b>Wird als nächstes Ziel der Achse des Bösen Nord-Korea<br />
von den Amerikanern angegriffen oder hat es dieser Staat durch die Entwicklung<br />
einer Atombombe geschafft, den Amerikanern zu widerstehen? Was für<br />
ein Vorbild für andere Staaten! Auf zum Wettrüsten?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Friedbert<br />
Pflüger:</b> In der Tat: Das Beispiel Nordkorea zeigt, dass<br />
die Weltgemeinschaft handeln muss, bevor eine grausame Diktatur Massenvernichtungswaffen<br />
hat. Gerade das Beispiel Nordkorea zeigt, wie wichtig es ist, den Irak<br />
jetzt zu entwaffnen. Nordkorea anzugreifen ist angesichts der Bewaffnung<br />
Nordkoreas heute so gut wie unmöglich. Und lernen wir nicht aus unserer<br />
eigenen deutschen Geschichte, wie gut es gewesen wäre, rechtzeitig<br />
zu handeln? Wäre man 1936 oder 1937 Hitler bei seinen ersten Völkerrechtsbrüchen<br />
entgegengetreten – wie viele Menschenleben hätten gerettet<br />
werden können?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Lucia:</b><br />
Herr Pflüger machen Sie sich doch nicht lächerlich, jeder seriös<br />
informierte Mensch weiß, dass Saddam nichts mit der Terrorwelle<br />
Al Kaida zu tun hat.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Friedbert<br />
Pflüger:</b> Zunächst einmal ist das eine unbewiesene Behauptung:<br />
Wir haben weder für das eine noch das andere einen Beweis. Dass Saddam<br />
und Al Kaida unterschiedliche ideologische Konzepte verfolgen, ist klar.<br />
Aber sie haben den gleichen Feind: Die westliche Zivilisation, und an<br />
der Spitze die USA. Saddam hat gerade in einer öffentlichen Zeremonie<br />
die Familien von Selbstmordattentätern palästinensischer Terroristen<br />
geehrt und beschenkt. Die Gefahr, dass seine Massenvernichtungswaffen<br />
in die Hände von Al Kaida Terroristen kommen, ist groß. Die<br />
Verbindung von Terrorismus und Massenvernichtungswaffen ist die zentrale<br />
Bedrohung von Frieden und Sicherheit bei uns. Das wird leider total unterschätzt.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Dennis Beckers:</b><br />
Sehen Sie eine reelle Gefahr für Israel, wenn es zu einem Militärschlag<br />
gegen den Irak kommt? Oder denken Sie, dass der Irak zu einem Gegenschlag<br />
überhaupt nicht in der Lage sein wird?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Friedbert<br />
Pflüger:</b> Das ist eine große Gefahr für Israel<br />
und entsprechend reagieren die Israelis. Es ist gut, dass die Bundesregierung<br />
Israel Patriot-Abwehrsysteme geliefert hat.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Galinha:</b><br />
Warum geht Angela Merkel auf Schmusekurs nach Washington und widersetzt<br />
sich damit der Meinung der Bundesregierung und dem Großteil der<br />
Bevölkerung? Politischer Opportunismus?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Friedbert<br />
Pflüger:</b> Wenn politischer Opportunismus die Motivation von<br />
Frau Merkel wäre, würde sie sich sofort in die sogenannte Friedensbewegung<br />
einreihen. Das ist doch zur Zeit so wahnsinnig populär. Sie hat dagegen<br />
den Mut, gegen öffentliche Stimmung die Grundsätze deutscher<br />
Außenpolitik der letzten 50 Jahre zu bewahren. Ich bin mit ihr in<br />
Washington gewesen, und habe von Schmusekurs nichts gemerkt &#8211; es sei denn,<br />
sie empfinden es bereits als Schmusen, wenn man miteinander redet. Finden<br />
Sie es gut, dass der Bundeskanzler in den letzten 6 Monaten gerade einmal<br />
ein 10-minütiges Telefonat mit George Bush geführt hat? Ist<br />
es gut, dass Angie diese Sprachlosigkeit überwunden hat?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Henne: </b>Herr<br />
Pflüger, sehr eindeutig ist der außenpolitische Kurs ihrer<br />
Partei auch nicht, oder??</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Friedbert<br />
Pflüger:</b> Ich finde unseren Kurs völlig eindeutig. Die<br />
vorherige Frage beweist es doch. Wir habe gestern bei nur 3 Gegenstimmen<br />
in einer fast 250 Abgeordnete umfassenden Fraktion das Ultimatum des amerikanischen<br />
Präsidenten unterstützt. Angesichts des derzeitigen Meinungsklimas<br />
finde ich das ein beeindruckendes Votum der Einigkeit und Entschlossenheit.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Cruiser:</b><br />
Schröder will die Einsätze der AWACS Soldaten aus Deutschland<br />
vor dem Beginn eines Irak-Krieges vom Parlament nicht absegnen zu lassen.<br />
Wozu sollte er denn das tun?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Friedbert<br />
Pflüger:</b> Weil das die Verfassung so vorsieht und das Verfassungsgericht<br />
dies für den Fall eines Irakkriegs ausdrücklich vorschreibt.<br />
Mit dem Parlamentsvorbehalt sollte man nicht spielen, unsere Soldaten<br />
haben Anspruch auf eine saubere rechtliche Grundlage, wenn wir sie in<br />
Einsätze schicken. Sie sollten fragen, warum Herr Schröder nicht<br />
ins Parlament gehen will. Weil er keine eigene Mehrheit in seiner Koalition<br />
hat.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator:<br />
</b>Aber lassen Sie in Bezug auf den AWACS-Einsatz nicht offen, ob<br />
Sie zustimmen wollen oder nicht? Wird es eine parlamentarische Abstimmung<br />
geben? Wie ist die Meinung in der Union?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Friedbert<br />
Pflüger:</b> Wir stimmen zu, wir erwarten vom Kanzler, dass<br />
er die Verfassung einhält, wir haben morgen Mittag eine Unterrichtung<br />
durch die Bundesregierung zu diesem Thema, der wir mit Interesse entgegensehen.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Dancer: </b>Die<br />
CDU möchte also den Krieg mit ALLEN Konsequenzen?!</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Friedbert<br />
Pflüger: </b>Wir wollen die Entwaffnung des Irak, wie es der<br />
Weltsicherheitsrat in der Resolution 1441 einstimmig beschlossen hat.<br />
Wir hätten eine friedliche Entwaffnung vorgezogen. Sie ist an Saddam<br />
und der Uneinigkeit der Staatengemeinschaft gescheitert. Wir unterstützen<br />
das Ultimatum von George Bush mit seinen Konsequenzen.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>m.günnel:</b><br />
Wer entscheidet den nun in ihren Augen über die völkerrechtliche<br />
Konformität von gewaltsamen Auseinandersetzungen? Bitte keine ausweichende<br />
Antwort!</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Friedbert<br />
Pflüger:</b> Finden Sie, dass ich bisher ausweichend war? Ich<br />
finde, dass ich ziemlich klar sage, was ich denke. Es gibt unterschiedliche<br />
Auffassungen über das Völkerrecht, und ich wiederhole: Ich teile<br />
in dieser Frage die Auffassung der Bundesregierung, die nicht davon ausgeht,<br />
dass es sich bei dem möglichen Militärschlag der Amerikaner<br />
und einer Reihe von Verbündeten, um einen völkerrechtswidrigen<br />
Angriffskrieg handelt.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>ThomasStgt:<br />
</b>Finden Sie es gut, dass wir zum alten Europa gehören, nur<br />
weil wir nein gesagt haben? Das Handeln Bushs, entweder du bist mein Freund<br />
( immer ja sagen) oder Feind , ist doch auch nicht richtig oder?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Friedbert<br />
Pflüger: </b>Bei den Gesprächen, die Frau Merkel und ich<br />
in Washington geführt haben, hat kein einziger Gesprächspartner<br />
Gefolgschaft oder gar Vasallentreue eingefordert. Im Gegenteil: Selbst<br />
Politiker wie Cheney oder Rumsfeld haben klar gesagt, dass Meinungsunterschiede<br />
in einem Bündnis freier Länder zur Normalität gehören.<br />
Die Frage ist nur, wie man sie austrägt. Ob man im Bündnis darüber<br />
spricht, oder ob man die Amerikaner von Marktplätzen beschimpft.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Antikapitalist:<br />
</b>Der Einsatz von Bundeswehrsoldaten an Bord von AWACS-Flugzeugen<br />
verstößt gegen Art. 26 des Grundgesetzes, denn der Irak bedroht<br />
die Türkei nicht. Es handelt sich beim Krieg der USA und Großbritanniens<br />
also um einen Angriffskrieg. Für die Beteiligung oder Vorbereitung<br />
sieht der Art. 26 Freiheitsstrafe nicht unter 10 Jahren vor. Wie ist ihre<br />
Meinung dazu?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Friedbert<br />
Pflüger:</b> Siehe oben. Es ist kein völkerrechtswidriger<br />
Angriffskrieg. Wäre er es, müsste Herr Schröder sofort<br />
die Überflugrechte entziehen und damit aufhören, amerikanische<br />
Kasernen durch deutsche Soldaten bewachen zu lassen.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif">Liebe Chat-Freunde,<br />
unsere Gesprächsrunde ist leider vorbei. Unseren Herzlichen Dank,<br />
Herrn Pflüger, dass Sie ins ARD-Hauptstadtstudio gekommen sind. Vielen<br />
Dank auch an alle UserInnen für Ihr Interesse. Noch ein Terminhinweis:<br />
Nächste Woche kommt der Partei-Chef der Grünen, Reinhard Bütikofer,<br />
zum Chat. Wir würden uns freuen, wenn Sie wieder dabei sind. Die<br />
Transkripte aller tacheles.02-Chats finden Sie auf den Webseiten der Veranstalter<br />
tagesschau.de und politik-digital.de.</span></p>
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