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	<title>Norwegen &#8211; politik-digital</title>
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	<title>Norwegen &#8211; politik-digital</title>
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		<title>&#8216;Manchmal muss man grausame Fotos zeigen&#8217;</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Julia Wilde]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 28 Jul 2011 15:35:23 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[News]]></category>
		<category><![CDATA[Berichterstattung]]></category>
		<category><![CDATA[Focus]]></category>
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		<category><![CDATA[Deutscher Presserat]]></category>
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					<description><![CDATA[Über den Terroranschlag in Oslo und auf Utoya wurde bereits ausführlich berichtet. An den deutschen Pressekodex sowie den Schutz von Opfern und Angehörigen hielten sich bei der Berichterstattung nur wenige Journalisten. 
<p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Über den Terroranschlag in Oslo und auf Utoya wurde bereits ausführlich berichtet. An den deutschen Pressekodex sowie den Schutz von Opfern und Angehörigen hielten sich bei der Berichterstattung nur wenige Journalisten. </p>
<p>
<!--break-->
</p>
<p>
Der 22 Juli 2011 wird für immer ein schwarzer Tag in der Geschichte Norwegens und Europas sein. Mindestens 76 Menschen verloren an diesem Tag ihr Leben, für ihre Angehörigen und Freunde sowie für die ganze Nation und Europa wird die Welt wohl für immer eine andere sein.
</p>
<p>
Nationale und internationale Medien waren bereits kurz nach dem Bombenanschlag in Oslo vor Ort und berichteten über die fürchterlichen Ereignisse. Innerhalb kürzester Zeit waren auf YouTube Videos aus dem Regierungsviertel zu sehen, auf bild.de wurde ein „Liveticker“ eingerichtet. Mit diesem konnte man in Echtzeit verfolgen, wie Familien um ihre Kinder bangten, die auf der Insel Utoya von einem zu dem Zeitpunkt noch unbekannten Attentäter verfolgt, bedroht und getötet wurden. Wenige Minuten nach der Tat veröffentlichten die ersten Online-Newsportale Bilder von der Insel, von Verletzten und in manchen Fällen auch von Toten. Es wurden verzweifelte Angehörige interviewt, die noch nicht wussten, ob ihre Kinder noch lebten. Andere Medien mutmaßten bereits während der Ereignisse, dass fundamentalistische Islamisten für die Tat verantwortlich seien. Als bekannt wurde, dass ein Norweger, der anti-muslimische Ideologien verfolgte, für die Tat verantwortlich war, wurden Bilder des Täters in Kampfmontur veröffentlicht. Am Tag nach dem Anschlag wurden sein an wirrer Ideologie, Brutalität und Perversion kaum zu übertreffendes Pamphlet und ein dazugehöriges YouTube Video veröffentlicht. In einigen Online-Artikeln wurde auch in Deutschland auf das sogenannte Manifest verlinkt.
</p>
<p>
Die Frage bleibt, ob die Veröffentlichungen in dieser Form nötig waren. Haben deutsche Medien richtig reagiert, sind Journalisten und Redakteure ihrer ethischen Verantwortung nachgekommen? Kann man in Zeiten der digitalen, immer schneller werdenden Berichterstattung überhaupt noch erwarten, dass sich Reporter darauf besinnen, das Wohl der Opfer und Angehörigen über den Sensationswert einer Nachricht zu stellen?
</p>
<p>
Wenn man sich den Pressekodex des deutschen Presserats genauer ansieht, scheint es, als hätten einige Medien gegen diesen in zahlreichen Fällen verstoßen.
</p>
<p>
Ziffer 4:„Bei der Recherche gegenüber schutzbedürftigen Personen ist besondere Zurückhaltung geboten. Dies betrifft vor allem Menschen, die sich nicht im Vollbesitz ihrer geistigen oder körperlichen Kräfte befinden oder einer seelischen Extremsituation ausgesetzt sind, aber auch Kinder und Jugendliche. Die eingeschränkte Willenskraft oder die besondere Lage solcher Personen darf nicht ausgenutzt werden.“
</p>
<p>
In der Extremsituation in Oslo und Utoya war gegenüber den jugendlichen Opfern und ihren Angehörigen keine besondere Zurückhaltung geboten.
</p>
<p>
In Ziffer 11 des Kodex wird genauer beschrieben, wie sich die Presse im Falle einer „Sensationsberichterstattung“ zu verhalten hat, im Besonderen wird auf den Jugendschutz eingegangen.
</p>
<p>
„Unangemessenen sensationell ist eine Darstellung, wenn in der Berichterstattung der Mensch zum Objekt, zu einem bloßen Mittel, herabgewürdigt wird. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn über einen sterbenden oder körperlich oder seelisch leidenden Menschen in einer über das öffentliche Interesse und das Informationsinteresse der Leser hinausgehenden Art und Weise berichtet wird. Bei der Platzierung bildlicher Darstellungen von Gewalttaten und Unglücksfällen auf Titelseiten beachtet die Presse die möglichen Wirkungen auf Kinder und Jugendliche.“
</p>
<p>
Bilderreihen, wie auf Fokus Online erschienen, zeigen trauernde und schwer verletzte Menschen. Ist es tatsächlich im öffentlichen Interesse, dieses Leid zu verfolgen? Ella Wassink, Sprecherin des Deutschen Presserats, äußerte sich dazu gegenüber politik-digital.de: „Manchmal muss man grausame Fotos zeigen, vielleicht auch um Verständnis zu wecken und um das ganze Ausmaß zu erklären“.
</p>
<p>
Der Pressekodex sagt jedoch etwas anderes: „Die Berichterstattung über Unglücksfälle und Katastrophen findet ihre Grenze im Respekt vor dem Leid der Opfer und den Gefühlen von Angehörigen. Die vom Unglück Betroffenen dürfen grundsätzlich durch die Darstellung nicht ein zweites Mal zum Opfer werden.“
</p>
<p>
Diskussionswürdig ist auch die Darstellung des Täters in den Medien. Das erklärte Ziel des Norwegers war es, möglichst viel Aufmerksamkeit und Medienpräsenz zu erlangen. Auf die Frage, ob es nicht unangemessen sei, inszenierte Bilder und das Manifest des Täters zu veröffentlichen, antwortete Ella Wassink vom Presserat: „Ich denke einfach, dass es in diesem Fall ganz klar zu dem Hintergrund gehört. Diese Tat ist so unfassbar, dass man natürlich nach Erklärungen sucht und die Medien darüber berichten müssen“.
</p>
<p>
Es ist richtig, dass Medien die offensichtlichen Informationen über den Täter der Öffentlichkeit nicht vorenthalten sollten. Dennoch setzt der Kodex auch hier eine klare Grenze:
</p>
<p>
„Die Veröffentlichung so genannter Verbrecher-Memoiren verstößt gegen die publizistischen Grundsätze, wenn Straftaten nachträglich gerechtfertigt oder relativiert werden, die Opfer unangemessen belastet und durch eine detaillierte Schilderung eines Verbrechens lediglich Sensationsbedürfnisse befriedigt werden.“
</p>
<p>
Auch das 1515 Seiten lange sogenannte Manifest des Täters wurde in der Online Ausgabe des <a href="http://www.tagesspiegel.de/medien/zur-leser-debatte-um-das-breivik-manifest/4437518.html" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Tagesspiegel</a> verlinkt. Diese Maßnahme der Redaktion führte zu einer hitzigen Diskussion auf der Website, da sich viele Leser die Frage stellten, ob man eine unbegreifbare Tat dadurch verstehen kann, indem man die wirren Ideologien des Täters analysiert bzw. zugänglich macht. Die Frage, welchen und wie viel Raum der Täter dadurch bekommt, muss gestellt werden. Und auch die, ob Eltern und Angehörige von Opfern eine von den Medien durchgeführte Psychoanalyse des Täters lesen wollen oder sollten,  die ausgerechnet diesen wieder in den <a href="http://www.wuv.de/nachrichten/medien/norwegen_und_das_medien_massaker_ein_taeter_darf_nicht_abgebildet_werden" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Fokus rückt</a>.
</p>
<p>
Es ist schwieriger geworden, die steigende Zahl der publizierenden Journalisten und Autoren mit Moralappellen zu erreichen. Ella Wassink vom Presserat erklärt, dass der Presserat nicht jeden im Netz agierenden „selbsternannten Journalisten“ auf seine moralische Verantwortung hinweisen könne. „Die Journalisten, die eine entsprechende Ausbildung haben, sind sich des Pressekodex in der Regel bewusst“, so Wassink.<br />
Dennoch druckte die Bild-Zeitung fünf Tage nach der Tat einen SMS-Dialog zwischen einer verzweifelten Mutter und ihrer auf der Insel um ihr Leben bangende Tochter ab.
</p>
<p>
Christoph Bieber ist Professor für Ethik in Politikmanagement und Gesellschaft an der Universität Duisburg-Essen. Er ist der Ansicht, dass die meisten Journalisten und Redaktionen sich durchaus Gedanken darüber machen, was publiziert wird und was nicht. Da aber die Publikationshoheit der Medien derzeit durch das Internet verloren gehe, „wird vielleicht versucht werden, Bilder oder weitere Materialien zurückzuhalten, doch lässt sich dadurch die Verbreitung problematischer Inhalte nicht verhindern. Sobald Informationen in digitaler Form vorliegen, werden sie auch veröffentlicht werden – die Frage ist allerdings, von wem und in welchem Rahmen.“ Auch Ella Wassink meint, dass der Presserat keine Qualitätsminderung im Journalismus erkennen kann, wenn es darum geht, den Pressekodex einzuhalten. „Zumindest können wir das anhand unserer Beschwerden, auch wenn die steigend sind, nicht unbedingt belegen.“
</p>
<p>
Christoph Bieber findet, dass zumindest die Qualitätsmedien sich mit den Attentaten in Norwegen angemessen auseinandersetzen: „Gerade die Qualitätszeitungen bieten auch viele gute Interpretationsangebote, die zum besseren Verständnis der Ereignisse beitragen können.“ Er hält es generell nicht für falsch, dass solche Analysen angeboten würden, „es muss aber darüber diskutiert werden, wie weit Journalisten gehen dürfen und wie die Berichterstattung auszusehen hat. Es ist eben ein großer Unterschied, ob über das Manifest berichtet, daraus zitiert wird, es einen Link zum Volltext gibt oder sogar die Datei zum Download bereit gestellt wird“.
</p>
<p>
Um besser auf Verstöße gegen journalistische Leitlinien und Selbstverpflichtungen reagieren zu können, schlägt Bieber die Errichtung einer Online-Plattform vor, auf der Hinweise zum fragwürdigen Umgang mit Nachrichten und Bildern gesammelt werden. Frei nach dem Vorbild des „GuttenPlag Wiki“ ginge es hier um eine Plattform zur öffentlichen Kollaboration. Bislang nimmt der Presserat Beschwerden über ein Online-Formular entgegen, ein für alle einsehbares Wiki wäre ein Schritt in Richtung mehr Transparenz.
</p>
<p>
Bieber nennt hier auch das Leitprinzip der „sousveillance“, der Beobachtung von unten, im Gegensatz zum klassischen Überwachungsmodell durch eine zentrale Institution („surveillance“). Somit könne jeder Einzelne, dem ethische Verstöße in der Presse auffallen, nicht nur seinen Unmut darüber im Netz äußern, sondern „diese Empörung auf einer Plattform bündeln und kanalisieren“. Seiner Ansicht nach wäre das ein erfolgversprechendes Angebot für den ethischen Umgang mit Informationen in einer vernetzten Medienlandschaft. „Solche Maßnahmen sind in Zukunft erfolgversprechender, als die klassische Vorgehensweise des Presserats als Institution, die sich zu einem Thema äußert und dann hofft, dass diese Empfehlungen dementsprechend umgesetzt werden.“
</p>
<p>
Im Fall der Anschläge von Oslo bleibt bei der Berichterstattung ein übler Nachgeschmack. In diversen Fällen wurde gegen den Pressekodex verstoßen, um Verkaufs- oder Klickzahlen zu steigern. Es bleibt aber zu hoffen, dass die Diskussion über den Umgang mit solchen Ereignissen in den Medien jetzt beginnt, um zukünftig das Wohl der Opfer und Angehörigen stärker in den Mittelpunkt zu stellen.</p>
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			</item>
		<item>
		<title>&#8220;Wettbewerb um letzte Rohstoffreserven&#8221;</title>
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		<dc:creator><![CDATA[admin]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 27 May 2008 18:19:38 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Chattranscripte]]></category>
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					<description><![CDATA[Am Dienstag, den 27. Mai 2008, war Alexander Rahr, Experte für Russland und Energiepolitik bei der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik, zu Gast im tagesschau-Chat in Kooperation mit politik-digital.de. Er sprach über die Konferenz der Nordpol-Anrainerstaaten und über die russische Energiepolitik.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Am Dienstag, den 27. Mai 2008, war Alexander Rahr, Experte für Russland und Energiepolitik bei der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik, zu Gast im tagesschau-Chat in Kooperation mit politik-digital.de. Er sprach über die Konferenz der Nordpol-Anrainerstaaten und über die russische Energiepolitik.<!--break--> </p>
<p>
&nbsp;
</p>
<p>
<b>Moderator</b>:<br />
Herzlich willkommen im tagesschau-Chat. Im ARD-Hauptstadtstudio ist<br />
heute unser Chat-Gast Alexander Rahr. Alexander Rahr ist bei der<br />
Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik unter anderem<br />
zuständig für Energiepolitik und Russland und hat das Buch<br />
„Russland gibt Gas&quot; geschrieben &#8211; also der richtige Mann für<br />
eine Diskussion über das strategische Wettrennen um Einfluss und<br />
Öl am Nordpol. Vielen Dank, dass Sie zum Chat gekommen sind und<br />
hier die erste Frage:
</p>
<p><b></b></p>
<p>
<b>phlo:</b><br />
Wieso entdecken die Anrainerstaaten des Nordpols erst jetzt seine<br />
wirtschaftliche und politische Brisanz?
</p>
<p>
&nbsp;
</p>
<div style="text-align: center">
<img fetchpriority="high" decoding="async" src="/wp-content/uploads/arahr250_0.jpg" alt="Alexander Rahr " title="Alexander Rahr" height="212" width="250" />
</div>
<div style="text-align: center">
<i>Alexander Rahr </i>
</div>
<p>
&nbsp;
</p>
<p>
<b>Alexander<br />
Rahr</b>: Die Rohstoffvorkommen am Nordpol sind sehr sehr schwer zu<br />
fördern. Vor einigen Jahren hat man eine Förderung von Öl<br />
und Gas am Nordpol als utopisch angesehen. Jetzt sind die Preise so<br />
nach oben gesprungen, dass sich wiederum eine Investition in diese<br />
schwierige Förderungsstruktur lohnt. Außerdem hat Russland<br />
hier Gas gegeben und andere Staaten vor gewisse Fakten gestellt.<br />
Russland sagt, dass die Öl- und<br />
Gasreserven in der größten Nordpolregion auf dem<br />
russischen Festlandssockel liegen würden, deshalb nicht einer<br />
internationalen Kontrolle unterstehen und Russland sie alleine<br />
fördern möchte. Das hat eine<br />
Anti-Reaktion im Westen hervorgerufen. Es findet jetzt eine Konferenz<br />
statt, die versuchen wird, die Ungereimtheiten zu lösen.
</p>
<p>
<b>Rose:</b><br />
Warum ist ein unterseeischer Festlandrücken für einen<br />
Gebietsanspruch ausschlaggebend?
</p>
<p>
<b>Alexander<br />
Rahr</b>: Das internationale Recht weist noch Lücken auf. Aber<br />
das ist die Frage, die jetzt wahrscheinlich auch auf der Konferenz<br />
beantwortet werden muss, inwieweit sich diese vermuteten<br />
Rohstoffvorkommen in der Tat auf diesem Festlandsockel befinden oder<br />
nicht. Es ist eine Diskussion, die jetzt von Fachleuten geführt<br />
werden muss, und möglicherweise werden zwei gegensätzliche<br />
Vorstellungen aufeinander stoßen. Möglicherweise die<br />
russische und die norwegische. Aber nach dem bekannten Modell im<br />
internationalen Recht kann schon ein Staat auf dessen Festlandsockel<br />
sich Ressourcen befinden, diese für sich in Anspruch nehme, auch<br />
wenn der Sockel sich auf dem Meer weit unter Wasser befindet. Deshalb<br />
muss die Konferenz die Frage eindeutig klären, ob sich die<br />
Ressourcen tatsächlich auf einem solchen Festlandsockel befinden<br />
oder nicht. Die Definition wird sehr schwierig.
</p>
<p>
<b>&quot;Es gibt noch keinen Präzedensfall&quot; </b>
</p>
<p>
<b>Moderator</b>:<br />
Falls Sie das für sich sagen können: </p>
<p><b>Benutzername:</b><br />
Zu wem gehört der Lomonossow-Rücken denn Ihrer Meinung<br />
nach, zu Russland oder zu Dänemark?</p>
<p><b>Alexander<br />
Rahr</b>: Die Frage ist wirklich sehr, sehr schwer zu lösen,<br />
weil erst jetzt die internationale Gemeinschaft nach vielen Jahren<br />
anfängt, sich mit dieser Frage zu beschäftigen.<br />
Wahrscheinlich ist das so ein typischer Aspekt, wo alle Seiten<br />
irgendwie Recht haben. Die Gegend des Nordpols ist juristisch nicht<br />
eindeutig definiert.
</p>
<p>
<b>phlo:</b> Gibt<br />
es bereits vergleichbare Streitigkeiten, eine Art Präzedenzfall?
</p>
<p>
<b>Alexander<br />
Rahr</b>: Es gibt im Vergleich zu diesem Fall heute keinen<br />
eindeutigen Präzedenzfall. Jedenfalls nicht einer, der in der<br />
jüngsten Geschichte irgendwie erkennbar war. Deshalb ist die<br />
Suche nach einem Lösungsansatz, der für alle Seiten<br />
annehmbar ist, auch relativ schwierig. Ich vermute, dass die<br />
Entwicklung in der Nordpolregion vor allem auch deshalb so schwierig<br />
zu definieren ist, weil die geologische Erforschung dieses Gebietes<br />
hier auch nicht hundertprozentig stattgefunden hat.</p>
<p><b>Moderator</b>:<br />
Das heißt auch, es gibt noch keine Sicherheit, wie groß<br />
die Ölvorräte dort möglicherweise sind?</p>
<p><b>Alexander<br />
Rahr</b>: Es gibt Vermutungen, aber keine verlässlichen Angaben.<br />
Vielleicht gibt es geheime Angaben, die die russische Seite und die<br />
amerikanische Seite gestützt auf Satellitenaufklärung<br />
vorliegen haben. Aber eines steht fest: Der Wettbewerb um die<br />
Kontrolle des letzten großen bedeutenden Rohstoffreservoirs<br />
unseres Planeten hat begonnen. Das Zeitalter der Renaissance der<br />
Ressourcen ist eingeläutet. Und<br />
Russland möchte seinen Status als Energiesupermacht festigen.<br />
Eine Kontrolle über den Lomonossow-Festlandsockel wird Russland<br />
in die Situation bringen, dass es zu seinen fast unerschöpflichen<br />
Reserven noch weitere große Gasfelder hinzuaddieren könnte.
</p>
<p>
<b>&quot;Russland ist noch keine hunderprozentige Energiesupermacht&quot; </b>
</p>
<p>
<b>Moderator</b>:<br />
Dann wäre Russland die Energie-Supermacht der Zukunft.
</p>
<p>
<b>Alexander<br />
Rahr</b>: Russland versucht, seinen Weltmachtstatus durch seine<br />
Energiereserven und eine Energieaußenpolitik zu festigen.<br />
Allerdings ist Russland noch keine hundertprozentige<br />
Energiesupermacht, weil es alleine diesen Status nicht erheben kann.<br />
Es wird für Russland von großer Bedeutung sein, inwieweit<br />
es andere erdgasproduzierende Länder in seine<br />
Energieaußenpolitik einbinden kann. Russland<br />
versucht derzeit zusammen mit den zentralasiatischen Staaten und<br />
möglicherweise mit dem Iran eine Gas-OPEC zu begründen, die<br />
dann natürlich für den Westen eine enorme Herausforderung<br />
werden würde. Diese OPEC könnte schon im Oktober 2008<br />
stehen.
</p>
<p>
<b>lebe!:</b><br />
Besteht eine realistische Chance, dass Russland aus einer Förderung<br />
von fossilen Brennstoffen am Pol ein ähnliches<br />
energiepolitisches Gewicht bekommt wie es heute die OPEC hat? Und wie<br />
wird der Rest der Welt reagieren? Hat Russland die Mittel und den<br />
Willen seine Interessen mit (begrenzten) bewaffneten Konflikten<br />
durchzusetzen? Wie groß ist die Gefahr, dass daraus ein offener<br />
Krieg direkt vor der europäischen Haustür ausbricht?
</p>
<p>
<b>Alexander<br />
Rahr</b>: Ich rechne nicht mit kriegerischen Auseinandersetzungen<br />
oder einem neuen dritten Weltkrieg um Öl und Gas. Aber völlig<br />
abwegig ist diese Vorstellung keinesfalls. Was<br />
früher als unmöglich galt, wird heute eine Tatsache,<br />
nämlich dass die Länder, die über Energieressourcen<br />
verfügen, heute in der Lage sind, die künftige Weltordnung<br />
zu kreieren. Russland gehört zu diesen Staaten genauso wie<br />
andere Staaten des mittleren Ostens und die USA. Die EU verliert in<br />
dieser Konstellation an Macht. Nichtsdestotrotz wird gerade die<br />
Europäische Union von Energieimporten aus nicht-demokratischen<br />
Ländern, die aber über Energieressourcen verfügen,<br />
abhängig werden. Wir haben erst seit wenigen Monaten begriffen,<br />
in welcher Lage wir sind. Und aus Sicht der russischen Führung<br />
und aus Sicht der Regierung von Venezuela oder Algerien oder dem Iran<br />
oder auch Turkmenistans scheint es legitim zu sein, die neuen<br />
Instrumente (Waffen will ich hier nicht sagen) als Machtfaktoren in<br />
der künftigen Weltordnung einzusetzen. Schauen Sie unsere<br />
Reaktionen darauf an: Die CDU in Deutschland debattiert<br />
beispielsweise über die Stärkung des<br />
Bundessicherheitsrates, der, wenn es nach einigen führenden<br />
CDU-Politikern gehen sollte, auch für die Sicherung der<br />
Energietransportwege in den Westen zuständig sein soll.
</p>
<p>
<b>Sarana:</b><br />
Welche Ergebnisse erwarten Sie von der Nordpolkonferenz? Welche<br />
Ansprüche werden sich durchsetzen?
</p>
<p>
<br />
<b>Alexander Rahr</b>:<br />
Meiner Meinung nach wird diese Konferenz die Expertenebene nicht<br />
verlassen. Es werden unterschiedliche Dokumentationen vorgelegt. Die<br />
endgültigen Entscheidungen, wenn diese überhaupt noch<br />
möglich sind, über die Aufteilung der Ressourcen am Nordpol<br />
kann eigentlich nur die UNO regeln.
</p>
<p>
<b>Rechtsstatus des Nordpols ist noch unklar</b>
</p>
<p>
<b>Ato:</b> Was sagt denn<br />
die UN zu den Ansprüchen der Staaten? </p>
<p><b>Alexander Rahr</b>:<br />
Die UNO besteht aus unterschiedlichen Staaten und die UNO spricht mit<br />
zahlreichen Stimmen. Wir müssen die Ergebnisse dieser und vieler<br />
anderer Konferenzen abwarten, bis wir einen Überblick darüber<br />
haben wie der Rechtsstatus der Rohstoffreserven, der fossilen<br />
Reserven, in der Nordpolregion dokumentiert und später auch<br />
formal aussehen kann.</p>
<p><b>Baum:</b> Ist es nicht möglich,<br />
die Nordpolgebiete unter internationale Verwaltung zu stellen?
</p>
<p>
<b>Alexander<br />
Rahr</b>: Das ist ein strittiger Punkt. Sie stehen im Prinzip unter<br />
internationaler Verwaltung. Aber der Nordpol ist eine terra<br />
incognita, in der die Ausbeutung von Bodenschätzen noch nicht<br />
richtig beginnen konnte. Das Hissen der<br />
russischen Fahne auf dem Meeresgrund im August letzten Jahres zeugt<br />
aber davon, dass die Russen Teile der internationalen Gewässer<br />
eben als eigenes Territorium betrachten, weil nach neuen geologischen<br />
Erkenntnissen russischer Forscher der oben erwähnte<br />
Lomonossow-Festlandsockel weit in die Tiefe des Meeres reicht und<br />
alles, was sich in diesem Festlandssockel befindet, dann nicht unter<br />
internationaler Kontrolle, sondern unter der Kontrolle Russlands<br />
steht.
</p>
<p>
<b>Moderator</b>:<br />
Für die Antarktis wurde 1959 ein Vertrag abgeschlossen, der<br />
Gebietsansprüche und Ausbeutung zumindest „eingefroren&quot; hat.<br />
Halten Sie einen solchen Vertrag auch für die Arktis denkbar?<br />
Also ein Moratorium, damit man erst einmal zehn oder zwanzig Jahre<br />
Zeit zur Lösung des Konflikts bekommt?
</p>
<p>
<b>Alexander<br />
Rahr</b>: Das war ja der Sinn der Sache, erst mal zu warten und nach<br />
den geologischen Erkenntnissen Ausschau zu halten. Kein Staat sah<br />
sich damals auch finanziell in der Lage die Energiereserven<br />
auszubeuten. Daneben verfügen, wie gesagt, Länder wie USA<br />
oder Russland über ganz andere Reserven, Öl- und Gasfelder,<br />
die viel einfacher und viel billiger zu fördern sind.
</p>
<p>
Ich denke, das<br />
symbolische Hissen der russischen Fahne im August letzten Jahres hat<br />
aber nicht nur symbolisch einen Wettbewerb &#8211; um das milder zu<br />
formulieren &#8211; um die letzten großen vermuteten<br />
Energierohstoffreserven provoziert. Wenn die USA, Norwegen, Dänemark<br />
jetzt nicht reagiert hätten, hätte Russland die Welt vor<br />
vollendete Tatsachen gestellt. Ich glaube dass die Gas- und<br />
Ölreserven des Nordpols auch in den nächsten zehn Jahren<br />
von niemandem wirklich gefördert werden können. Dazu<br />
müssten die Bohrtechnik und die Fördertechnik noch<br />
ausgereifter werden. Aber der Versuch, sich der Kontrolle dieser<br />
Ressourcen heute zu sichern, ist auch ein Bestandteil der<br />
Energiegeopolitik deren Auswirkungen wir alle bald zu spüren<br />
bekommen werden.
</p>
<p>
<b>&quot;Russland versteht sich mehr und mehr als Nationalstaat&quot; </b>
</p>
<p>
<b>Moderator</b>:<br />
Zur internationalen Bedeutung haben Sie ja schon etwas gesagt, ich<br />
würde die folgende Frage daher gerne erweitern mit dem Nachsatz<br />
„in der russischen Öffentlichkeit&quot;.</p>
<p><b>Benutzername:</b><br />
Wie viel tatsächliche Bedeutung kommt Russlands symbolischem Akt<br />
zu, seine Flagge im Polarmeer zu hissen?
</p>
<p>
<b>Alexander<br />
Rahr</b>: Wir wissen, dass Russland sich heute mehr und mehr als<br />
Nationalstaat versteht mit einem ganz &#8211; vielleicht immer radikaler<br />
werdendem &#8211; Nationalstolz. Wenn sie die russische Öffentlichkeit<br />
ansprechen, so wollen die meisten Russen nach allen Umfragen heute<br />
als Großmacht respektiert werden. Nach den Demütigungen<br />
der 90er Jahre sind solche Symbolhandlungen wie das Hissen der<br />
russischen Fahne auf dem Meeresboden des Nordpols Balsam für die<br />
russische Seele.
</p>
<p>
<b>Moderator</b>:<br />
Was waren die Demütigungen der 90er Jahre &#8211; können Sie das<br />
noch näher erläutern?
</p>
<p>
<b>Alexander<br />
Rahr</b>: In den 90er Jahren wachten die Russen von einem Tag auf den<br />
anderen auf und sahen, dass sie einen Drittel ihrer Territorien des<br />
alten russischen Reiches verloren hatten. Die Ersparnisse des alten<br />
sowjetischen Mittelstandes waren über Nacht ausradiert, Russland<br />
und seine Wirtschaft von westlicher Unterstützung und<br />
Finanzkrediten zu hundert Prozent abhängig. Radikale Ideen<br />
geisterten in den Köpfen der Eliten. Die NATO wurde zwei Mal bis<br />
fast an die Grenzen Russlands erweitert. Russland ist heute so klein<br />
wie in der Zeit Peter des Großen.
</p>
<p>
<b>Moderator</b>:<br />
Eine Meinung von:</p>
<p><b>waterwalk:</b> Wenn Russland als<br />
Großmacht respektiert werden will, sollte es sich mal offener<br />
und selber respektvoller gegenüber anderen Staaten verhalten.<br />
Irgendwie missbillige ich diese arrogante Art, die die letzten Jahre<br />
unter Putin an den Tag gelegt wurden. Ich hoffe, dass eher ein<br />
Zusammenspiel mit der EU angestrebt wird, anstatt einer einseitigen<br />
Abhängigkeit. Dies wird auf Dauer allen schaden. </p>
<p><b>Alexander<br />
Rahr</b>: Ich glaube es ist das Problem, von welcher Seite man die<br />
Sache sieht. Genau das, was unser verehrter Leser den Russen<br />
vorwirft, werfen die Russen uns vor: Dass wir russische legitime<br />
Interessen in der Außen- und Wirtschaftspolitik Russlands<br />
völlig ignorieren. Dass wir Russland in unser Wertesystem<br />
hineinzwingen möchten, in das es nicht hinein will. Dass wir<br />
Westler alle arrogant sind und Russland ständig nur belehren.<br />
Aber ich muss jetzt ganz klar unterstreichen, dass aus meiner Sicht<br />
einseitige Abhängigkeiten nicht entstehen werden. Die Russen<br />
brauchen Europa und den Westen als Konsumenten für ihre<br />
Energieprodukte, denn wir zahlen für russisches Gas und Öl<br />
hohe Preise. Und das Geld benötigt Russland, um sich in den<br />
nächsten zwanzig bis dreißig Jahren auf unseren Stand zu<br />
modernisieren.
</p>
<p>
<b>Moderator</b>:<br />
Hat sich eigentlich mit dem Präsidentenwechsel in dieser<br />
Strategie etwas geändert?
</p>
<p>
<b>Alexander<br />
Rahr</b>: Das ist noch nicht ersichtlich. Medwedjews Besuch in Berlin<br />
in der nächsten Woche wird möglicherweise mehr Klarheit<br />
schaffen. Aber aus der Wahlkampagne des neuen Präsidenten wissen<br />
wir, dass er eine liberalere Sicht der Wirtschaft hat als Putin.<br />
Gerade die deutsche Regierung sieht in Medwedjew einen wichtigen<br />
Modernisierungspartner. Man glaubt mit ihm die strategische<br />
Partnerschaft im Sinne Europas vertiefen zu können. Die<br />
große Frage ist, wie unabhängig wird Medwedjew sein unter<br />
einem übermächtigen Premier Putin.
</p>
<p>
<b>Russland versteht Schelte für Schröder nicht</b>
</p>
<p>
<b>Moderator</b>:<br />
Bundeskanzler Schröder wurde schwer gescholten für sein<br />
Engagement für eine Ostesseepipeline. Ist das aus russischer<br />
Sicht nachvollziehbar?
</p>
<p>
<b>Alexander<br />
Rahr</b>: In Russland versteht man nicht, wieso Deutschland seinen<br />
alten Kanzler so arg gescholten hat für sein Engagement für<br />
die Ostseepipeline. Russland hat seine eigene Sicht auf die<br />
Diversifizierung seines Energieexports. Das russische Argument<br />
lautet: Wir brauchen eine Pipeline, die unser Gas direkt an die<br />
sicheren Konsumenten, wie Deutschland, liefert, weil die<br />
herkömmlichen Leitungswege über Ukraine und Weißrussland<br />
unsicher geworden sind. In Europa<br />
herrscht derweilen ein Krieg über die Verlegung neuer Pipelines.<br />
Der Status der „Energiesupermacht&quot;, den Russland für sich<br />
anstrebt, kann nicht nur durch nachgewiesene Reserven an Öl- und<br />
Gas gewonnen werden, sondern man muss auch die notwendigen Wege<br />
finden, um die Energieressourcen an die Konsumenten zu liefern.<br />
Es gibt aber auch andere Staaten in der<br />
Europäischen Union, zu denen gehört Deutschland, die diesen<br />
machtpolitischen Ansatz nicht teilen und für eine größtmögliche<br />
Diversifizierung eintreten. Ich finde es<br />
ist sehr wichtig, wenn wir russisches Gas über die<br />
Ostseepipeline, aber auch über die Druschba-Pipeline über<br />
Mittelosteuropa bekommen. Inzwischen geistert schon der Begriff<br />
„Energie-NATO&quot; in der westlichen Öffentlichkeit herum. Man<br />
spricht von Solidarität mit den Staaten, denen möglicherweise<br />
das Gas und Öl irgendwann einmal abgedreht werden könnte.<br />
Die USA drohen vehement mit Sanktionen<br />
gegenüber den Staaten, die ein Gaskartell errichten wollen. Sie<br />
sehen: Wir werden in der Zukunft möglicherweise vor großen<br />
Herausforderungen stehen.</p>
<p><b>Moderator</b>:<br />
Die Strategie in Sachen Transport der Energie ist also genauso<br />
wichtig die Förderung. </p>
<p><b>Alexander<br />
Rahr</b>: Das eine kann ohne das andere nicht existieren.<br />
Pipelines werden in den nächsten zehn bis<br />
fünfzehn Jahren weiterhin die Haupttransportader für den<br />
Weg nach Europa sein. Ob irgendwann einmal die Möglichkeit<br />
bestehen wird, Flüssiggas so wie Öl per Tanker aus dem<br />
Persischen Golf oder Lateinamerika nach Rotterdam oder Hamburg zu<br />
schaffen, ist eine noch nicht hundertprozentig gelöste<br />
technische Frage.  Also werden wir<br />
weiterhin auf das bewährte Pipelinesystem bauen müssen.<br />
Allerdings werden ökologische Aspekte, siehe Umweltverschmutzung<br />
durch möglicherweise lecke Pipelines in der Ostsee oder am<br />
schwarzen Meer oder in der kaspischen See, an Aktualität<br />
gewinnen.
</p>
<p>
<b>Moderator</b>:<br />
Dass Energie teuer wird, haben inzwischen alle gemerkt. Haben Sie das<br />
Gefühl, dass a) die deutsche und b) die europäischen<br />
Politiker die Brisanz der künftigen Energieversorgung schon in<br />
vollem Umfang erkannt haben?
</p>
<p>
<b>Alexander<br />
Rahr</b>: Nein, wir erwachen langsam aus unserem Dornröschenschlaf.<br />
Noch vor zweieinhalb Jahren haben wir die Ausmaße des heutigen<br />
Krieges um Energiepipelines überhaupt nicht im Visier gehabt.<br />
Wir haben auch den langjährigen Gaskonflikt zwischen Moskau und<br />
Kiew überhaupt nicht beachtet. Die Preissteigerung auf den<br />
Energiemärkten, die 1999 begann, hat alle Experten überrascht.<br />
Bis heute sind die Ursachen für diese rapide Preissteigerung<br />
nicht hundertprozentig klar. Es scheint, dass der größte<br />
Auslöser der hohen Energiepreise der Energiehunger der<br />
chinesischen und indischen Wirtschaften war. Aber auch die politische<br />
unklare Lage im Nahen und Mittleren Osten, verschärft durch die<br />
Kriege nach dem 11. September 2001, hat nicht zur Stabilität auf<br />
den Weltenergiemärkten geführt. Es herrscht teilweise auch<br />
im Westen eine Schönrederei. Zum Beispiel im Verhältnis zu<br />
Russland. Es gibt Experten, die behaupten dass die Energiepreise bald<br />
wieder unter 20 Dollar pro Barrel sinken werden und es dann mit der<br />
russischen Arroganz vorbei ist. In meinem Buch „Russland gibt Gas&quot;<br />
folge ich einer anderen Argumentation, die sagt, dass die<br />
Energiepreise eher noch steigen werden. Ein Land wie Russland sitzt<br />
auf unermesslichen Öl- und Gasreserven. Wir kritisieren und<br />
schimpfen auf Russland, das es nicht genug Öl- und Gas fördert.<br />
Aber im Kreml sitzen gewiefte Schachspieler. Eiskalt wird nur das<br />
gefördert, was heute verkauft werden kann. Indirekt werden die<br />
Preise dadurch hoch gehalten. Auf dem Gasmarkt agiert Russland<br />
genauso wie die OPEC-Staaten im Bereich Öl. Russland wird nur<br />
dann mehr fördern, wenn es für sein Gas und Öl noch<br />
mehr Geld bekommt. Und in Russland rechnet man, dass der Höhepunkt<br />
des Öl- und Gaszeitalters um das Jahr 2025 erreicht werden wird.<br />
Dann wird Russland in der Tat seinen Energiesupermachtstatus<br />
manifestieren.
</p>
<p>
<b>&quot;Wir hätten pragmatischer sein sollen&quot; </b>
</p>
<p>
<b>Klops:</b> Sie sprechen von<br />
„Dornröschenschlaf&quot;. Welche Reaktionen wären denn<br />
angemessen gewesen?
</p>
<p>
<b>Alexander<br />
Rahr</b>: Ich will nicht zynisch klingen: Aber diese unsägliche<br />
Debatte über gemeinsame Werte gegenüber Russland und China<br />
ist aus meiner Sicht noch ein Nachwirken der romantischen Phase der<br />
90er Jahre, als der Westen sich als der große Sieger im Kalten<br />
Krieg betrachtete. Aus meiner Sicht hätten wir die<br />
Energieallianz mit Staaten wie Russland aber auch Kasachstan und<br />
Turkmenistan viel pragmatischer, vielleicht auch aus unserer Sicht<br />
eiskalt, vorantreiben müssen. Heute<br />
beharren wir im Umgang mit Russland auf Gesetzesrahmenbedingungen der<br />
90er Jahre, in die wir die energieproduzierenden Länder<br />
hineinpressen wollten. Aber die Welt<br />
verändert sich, so dass wir unser Regelwerk, mit dem wir in den<br />
90er Jahren stark waren, im 21. Jahrhundert nicht mehr punkten<br />
können. Nehmen wir zum Beispiel die<br />
Energie-Charta: Noch heute fordern die naiven Europäer von<br />
Russland, dass Moskau die Kontrolle über seine Energiepipelines<br />
einer internationalen Obrigkeit unterstellt. Diese<br />
Energie-Charta, die das einfordert, wird aber auch von Amerika und<br />
Norwegen und auch von Algerien und anderen Öl- und Gas<br />
fördernden Ländern nicht unterschrieben. Wir<br />
müssen uns schleunigst auf Kompromisse einigen und ein Regelwerk<br />
errichten, indem wir die Konsumenten, die Produzenten und die<br />
Transiteure in der Energieweltwirtschaft auf eine Stufe stellen.
</p>
<p>
<b>Moderator</b>:<br />
Die Schlussfolgerung heißt:
</p>
<p>
<b>Dann:</b> Dann<br />
wird die Abhängigkeit des Westens von Russland wachsen?
</p>
<p>
<b>Alexander<br />
Rahr</b>: Objektiv scheint es so zu sein. Aber Russland würde<br />
sich zu früh freuen, wenn es eine solche Abhängigkeit<br />
Europas von Moskau anstreben würde. Der<br />
Westen ließ sich auch von der arabischen OPEC in den 70er<br />
Jahren nicht unterkriegen. Über die gemeinsamen Abhängigkeiten<br />
zwischen Produzenten und Konsumenten haben wir ja schon gesprochen.<br />
Wenn unsere Abhängigkeiten von Russland so<br />
groß werden würden, dass Moskau die europäische<br />
Politik diktieren könnte, würden die Europäer<br />
Milliarden ausgeben, um alternative Energiequellen zu erforschen.<br />
Man würde das Ende des Gaszeitalters<br />
einläuten und zur Atomkraft zurückkehren, was Länder<br />
wie Italien und Frankreich schon längst tun. Aber<br />
man muss nicht immer nur das Schlechte denken. Das russische oder das<br />
algerische oder das turkmenische Erdgas ist eine der saubersten<br />
Energiequellen, die es heute gibt. Es ist relativ leicht zu gewinnen<br />
und über Pipelines relativ leicht zu befördern.<br />
Anstatt den Faktor Gas so zu politisieren,<br />
sollten wir versuchen, im möglichen Rahmen zu kooperieren. Ich<br />
finde es sehr wichtig, dass gerade deutsche, französische,<br />
italienische Energiefirmen inzwischen zusammen mit Gasprom direkt an<br />
der Förderung russischer Energieträger beteiligt sind.<br />
Dieser Prozess muss noch weiter verstärkt<br />
werden. Aber man muss auch die Russen verstehen, die als<br />
Gegenleistung für die Öffnung ihres Marktes ihre Konzerne<br />
wie Gasprom stärker auf westlichen Konsummärkten platzieren<br />
möchten. Aber auch diese Debatte ist bei uns höchst<br />
politisiert.
</p>
<p>
<b>Moderator</b>:<br />
Typisch deutsche Diplomatie ist ja das Vermeiden von lauten Worten<br />
und offenem Streit und das Verhandeln hinter den Kulissen. Ist das<br />
für die Bundesregierung der richtige Weg im Umgang mit Russland?
</p>
<p>
<b>Alexander<br />
Rahr</b>: Ich will schon wieder nicht zynisch klingen: Wenn es in<br />
Russland in vielen Bereichen des öffentlichen Lebens und der<br />
Politik noch eine Rechtlosigkeit gibt, muss das angesprochen werden.<br />
Aber ich denke nicht auf Kosten einer sehr<br />
wichtigen Zusammenarbeit in anderen wirtschaftlichen, politischen<br />
Bereichen, von der die Stabilität Europas und möglicherweise<br />
auch der Weltfrieden abhängen. Das<br />
heißt nicht, dass wir den Russen den Strick verkaufen, an dem<br />
sie uns dann aufhängen. Es geht darum, dass man auch mit<br />
Ländern, die ein anderes Wertesystem haben als das unsrige,<br />
vernünftige Kooperationen zusammenbringt. Ich<br />
wage die folgende These: Hätte es in Russland Ende der 80er<br />
Jahre nicht diesen radikalen Bruch von Kommunismus in Richtung<br />
Demokratie gegeben, hätte es mit anderen Worten die<br />
„Gorbatschows Perestroika&quot; nicht gegeben, hätte Russland den<br />
chinesischen Weg der Transformation aus der kommunistischen Ideologie<br />
und Planwirtschaft Richtung Kapitalismus und Demokratie gewählt.<br />
Die 90er Jahre wären von einem<br />
autoritäreren Führungsstil im Kreml viel stärker<br />
geprägt gewesen. Aber es hätte vielleicht nicht wie jetzt<br />
im 21. Jahrhundert einen Rückschlag in Sachen Demokratie in<br />
Russland gegeben. Was ich damit sagen<br />
will ist, dass Russland uns vielleicht in den 90er Jahren eine<br />
Demokratie vorgemacht hat, die wir als Durchbruch Russlands zum<br />
Westen betrachteten, die aber in Wirklichkeit nur auf Sand gebaut<br />
war. Ich bin wirklich alles andere als<br />
ein Rassist. Aber in meinen monatlichen Reisen nach Russland in den<br />
letzten zehn bis fünfzehn Jahren stelle ich nüchtern fest,<br />
dass in einem Land wie Russland, in dem es nie Demokratie gab, das<br />
Verständnis für das, was wir als liberale Werte empfinden,<br />
in breiten Teilen der Bevölkerung nicht vorhanden<br />
ist.
</p>
<p>
<b>Deutschland als Russlands Anwalt gegenüber dem Westen </b>
</p>
<p>
<b>Moderator</b>: Zum<br />
Abschluss noch das Ergebnis unserer kleinen Umfrage, die wir im Chat<br />
gemacht haben: „Glauben Sie, dass sich die Nordpol-Anrainerstaaten<br />
über die Ressourcen-Ausbeute einigen werden?&quot; Nur ein Achtel<br />
glaubt daran, 86 Prozent nicht.
</p>
<p>
<b>Alexander<br />
Rahr</b>: Der Besuch von Medwedew in Deutschland am 5. Juni wird<br />
keine neue Ära der Freundschaft in den Beziehungen einleiten.<br />
Aber es ergeben sich neue Chancen einer Vertiefung der strategischen<br />
Partnerschaft. Aus meiner Sicht ist es sehr wichtig, dass die Russen<br />
Deutschland weiterhin als einen ihrer Anwälte gegenüber dem<br />
Westen betrachten. Und ich finde, dass Frau Merkel trotz ihrer<br />
zögerlichen Haltung gegenüber Russland diese Anwaltsrolle<br />
weiter spielen wird, so wie Helmut Kohl und Gerhard Schröder vor<br />
ihr. Und diese Anwaltsrolle wird es auch ermöglichen, dass<br />
letztendlich, das will ich hoffen, nicht nur ein loser Energiedialog,<br />
sondern eine feste Energieallianz zwischen der Europäischen<br />
Union und Russland entsteht.
</p>
<p>
<b>Moderator: </b>Das<br />
waren 60 Minuten tagesschau-Chat. Mein Name ist Wolfram Leytz.<br />
Herzlichen Dank, Herr Rahr, dass Sie Zeit für die Diskussion mit<br />
den Lesern von tagesschau.de und politik-digital.de zu diesem<br />
zukunftsträchtigen Thema hatten. Das Protokoll des Chats gibt&#8217;s<br />
wie immer in Kürze auf den Websiten von tagesschau.de und<br />
politik-digital.de. Das tagesschau-Chat-Team wünscht allen noch<br />
einen schönen Abend!</p>
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			</item>
		<item>
		<title>&#8220;Mehr als eine Vorbildfunktion kann ein einzelnes Land nicht leisten&#8221;</title>
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		<dc:creator><![CDATA[mullrich]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 09 Aug 2006 23:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Chattranscripte]]></category>
		<category><![CDATA[Forschungsstation]]></category>
		<category><![CDATA[Globale Erwärmung]]></category>
		<category><![CDATA[Klimawandel]]></category>
		<category><![CDATA[Norwegen]]></category>
		<category><![CDATA[Rainer Vockenroth]]></category>
		<category><![CDATA[Spitzbergen]]></category>
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					<description><![CDATA[<p class="normal">
<b><span style="font-size: x-small"><span style="font-size: x-small"><span style="font-size: x-small">Am 
Donnerstag, 10. August, <span style="font-size: x-small">war Rainer Vockenroth in 
Spitzbergen, zu Gast im tagesschau-Chat in Kooperation mit politik-digital.de. 
Er beantwortete Fragen zum globalen Klima, zur Verlangsamung des 
Golfstroms und zu den Schreckensszenarien, die Hollywoodfilme zeichnen.</span></span></span></span></b>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p class="normal">
<b><span style="font-size: x-small"><span style="font-size: x-small"><span style="font-size: x-small">Am<br />
Donnerstag, 10. August, <span style="font-size: x-small">war Rainer Vockenroth in<br />
Spitzbergen, zu Gast im tagesschau-Chat in Kooperation mit politik-digital.de.<br />
Er beantwortete Fragen zum globalen Klima, zur Verlangsamung des<br />
Golfstroms und zu den Schreckensszenarien, die Hollywoodfilme zeichnen.</span></span></span></span></b><!--break-->
</p>
<p class="normal">
<b>Moderator:</b> Ich begrüße<br />
heute bei uns im Tagesschau-Chat den Klimaexperten Rainer Vockenroth,<br />
Leiter einer deutschen Forschungsstation auf Spitzbergen. Der Chat<br />
wird aus der tagesschau.de-Redaktion in Hamburg moderiert. Ein Hinweis<br />
an die User: Wir werden die Fragen thematisch sortieren. Herr Vockenroth<br />
ist uns nun in Spitzbergen zugeschaltet. Können wir anfangen?</p>
<p><b>Rainer Vockenroth:</b> Von mir aus können wir<br />
starten.</p>
<p>Moderator: In den vergangenen Wochen gab es viele Medienberichte<br />
über die sommerlichen Hitzerekorde. Sind wir bereits mitten<br />
im Klimawandel?
</p>
<p>
<b>Rainer Vockenroth:</b> Es gibt Anzeichen für<br />
klimatische Veränderungen. Dass es sich um den Klimawandel<br />
handelt, kann man noch nicht sagen.
</p>
<p>
<b>manes1:</b> Stimmt es, dass die durchschnittliche<br />
Erwärmung in kälteren Gebieten überdurchschnittlich<br />
stark ansteigen wird?
</p>
<p>
<b>Rainer Vockenroth:</b> Die Temperaturen in den arktischen<br />
Gebieten sind während der letzten 50 Jahre stärker gestiegen<br />
als im weltweiten Mittel. Die arktischen Regionen sind für<br />
die klimatische Entwicklung auf der Erde von großer Bedeutung.<br />
Aus dem Temperaturgefälle zwischen Äquator und Pol ergibt<br />
sich die Dynamik des Wetters und Klimageschehens. Deshalb sind Veränderungen<br />
in den Polaren Gebieten mit besonderer Aufmerksamkeit zu verfolgen.
</p>
<p>
<b>christoph m:</b> Der Golfstrom soll schon 25% an Fahrt<br />
verloren haben. Wie wahrscheinlich ist das komplette Abreißen<br />
und welche Zeiträume sind zu erwarten?
</p>
<p>
<b>Rainer Vockenroth:</b> Auch dazu gibt es noch keine<br />
exakten Daten der Golfstrom ist ein wichtiger Bestandteil im globalen<br />
Energie-Wärmeaustausch. Temperatur und Flußveränderungen<br />
wurden gemessen. Die Modelle können aber noch nicht vorausberechnen,<br />
ob der Golfstrom zum Erliegen kommt. Etliche Untersuchungen zu diesem<br />
Thema sind noch Gegenstand der aktuellen Forschung.
</p>
<p>
<b>Holden20:</b> Was halten sie von den Aussagen einiger<br />
Wissenschaftler sowie des Schriftstellers Michael Crichton, dass<br />
die Umweltverschmutzung nicht Schuld sei am Klimawandel, sondern<br />
dass es gar kein Klimawandel gäbe?
</p>
<p>
<b>Rainer Vockenroth:</b> Nach dem ACIA Arctic Climate<br />
Impact Assessment, einem internationalen Forschungsbericht, sind<br />
die Hinweise darauf, dass menschlicher Einfluss die Erwärmung<br />
verändert, heißt verstärkt, sehr deutlich. Es gibt<br />
einen Zusammenhang zwischen Treibhausgasen und der Zunahme der Erwärmung.<br />
Ein Teil dieser Erwärmung hat aber immer noch mit dem Ausklingen<br />
der letzten Eiszeit zu tun.
</p>
<p>
<b>MatthiasBN:</b> Das Thema Klima ist so komplex und<br />
unser blauer Planet ist so riesengroß. Wenn wir heute die<br />
Zeichen eines Klimawandels sehen, ist es nicht schon zu spät<br />
etwas zu tun? Ist das Kind nicht schon in den Brunnen gefallen?
</p>
<p>
<b>Rainer Vockenroth: </b>Schwierige Frage, da sich unsere<br />
Zukunftssicht aus berechneten Modellen ergibt. Wir arbeiten noch<br />
immer daran, diese Modelle zu verbessern. Dazu sind langfristige<br />
Messreihen von Nöten. Bei einigen Phänomenen, wie z. B.<br />
dem Ozonabbau zeigt sich, dass die Verminderung des FCKW-Ausstoßes<br />
auch zu einer Verlangsamung des Abbauprozesses führt. Wohin<br />
die letztendliche Entwicklung führt, kann man aber nicht sicher<br />
vorhersagen. Im Augenblick zeigen die Modellrechnungen in Richtung<br />
Erwärmung und es wird auch daran gearbeitet, zu berechnen,<br />
was passiert, wenn man erkannte Ursachen abstellt. Dass das Kind<br />
bereits in den Brunnen gefallen ist, würde ich nicht sagen.
</p>
<p>
<b>Catherine:</b> Gibt es Modellansätze, die die<br />
Frage beantworten, wie weit die Klimaerwärmung fortschreiten<br />
wird ehe sich ein neues Gleichgewicht auf der Erde (CO2-Temperatur)<br />
eingestellt hat, das auf langfristiger (geologischer) Zeitskala<br />
Bestand hat? Wie sehen die Lebensbedingungen für den Menschen<br />
dann aus?
</p>
<p>
<b>Rainer Vockenroth:</b> Es wird zu einer großen<br />
Anzahl von zivilisatorischen Wanderungsbewegungen kommen, da die<br />
Menschen sich in Lebensräume zurückziehen müssen,<br />
an die sie angepasst sind. Wie die Bedingungen genau aussehen kann<br />
ich nicht konkret beantworten.
</p>
<p>
<b>Glenn Hinze-Tully:</b> Findet Ihrer Meinung nach hier<br />
in Deutschland eine ausreichende Aufklärung der Bevölkerung<br />
seitens der Bundesregierung und der Medien statt, oder sollte aufgrund<br />
der noch oder nicht mehr so unklaren Folgen für unsere Zukunft<br />
und die unserer Kinder nicht ein sofortiges Umdenken gefordert werden,<br />
wobei der Klimaveränderung höhere Priorität im Bundestag<br />
eingeräumt wird und über die Medien eine wirkungsvolle<br />
Aufklärung der Bevölkerung gestartet wird.</p>
<p><b>Rainer Vockenroth:</b> In Deutschland gibt es bereits<br />
eine sehr hohe Sensibilität für umweltbezogene Fragen.<br />
Jede Form von Maßnahmen, die sich klimarelevant auswirken<br />
sollen, müssen auf globaler Ebene entschieden werden. Mehr<br />
als eine Vorbildfunktion kann ein einzelnes Land nicht leisten.<br />
Die internationalen Diskussionen zu diesen Themen ist im Gange,<br />
gerät aber auch immer wieder ins Stocken. Also, aus meiner<br />
Sicht wird bereits gute Arbeit in Umweltsensibilsierung geleistet.<br />
Internationale Zusammenarbeit kann noch ausgebaut werden.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Viele unserer User wollen mehr darüber<br />
wissen, wie Ihr täglicher Arbeitsalltag auf Spitzbergen aussieht?</p>
<p><b>Rainer Vockenroth:</b> Wir leben hier in einem Dorf<br />
mit ca. 50 kleinen Häusern. Der Ort ist eine ehemalige Bergbausiedlung.<br />
Mittlerweile ist der Ort ganz der Forschung gewidmet. Wir werden<br />
in einer Mensa mit Essen versorgt und haben in den Häusern<br />
und an den Arbeitsplätzen einen Standard, wie wir ihn aus Mitteleuropa<br />
kennen. Im Ort leben dauerhaft ca. 30 Personen. Das heißt<br />
Leute, die über ein ganzes Jahr hier verweilen. Während<br />
der Sommermonate steigt die Bevölkerungsanzahl auf bis zu 130<br />
Personen an. Die Temperaturen, mit denen wir zu tun haben, liegen<br />
zwischen –30 Grad Celsius im Winter und +10 Grad Celsius im<br />
Sommer.
</p>
<p>
<b>Chris333:</b> Was versuchen Sie in Spitzbergen über<br />
das Klima herauszufinden und vor allem wie?</p>
<p><b>Rainer Vockenroth:</b> Wir messen den Strahlungshaushalt<br />
der Atmosphäre. Mit Ballon-Sondierungen erhalten wir Daten<br />
über Temperatur, Druck und Feuchte der Luft. Mit anderen Methoden<br />
bestimmen wir den Aerosolgehalt in der Luft. Alle diese meteorologischen<br />
Messungen dienen dazu, die Modelle zum physikalischen und chemischen<br />
Verständnis der Atmosphäre zu verbessern. Auf diese Weise<br />
können Modellrechnungen, die zukünftiges Klimageschehen<br />
vorhersagen können, verbessert werden. Neben der direkten Messung<br />
von meteorologischen Werten wird mit geowissenschaftlichen Methoden<br />
quasi ein indirekter Weg beschritten. Die Untersuchung von den Volumina<br />
von Gletschern z. B. steht im Zusammenhang mit Temperaturveränderungen.<br />
Deshalb versucht man auch solche nicht-meteorologischen Systeme<br />
besser zu verstehen. Auch in der Biologie werden klimatische Veränderungen<br />
sichtbar. Ein Projekt hier vor Ort beschäftigt sich mit der<br />
Verbreitung von Blattläusen und der Frage, ob sich die Verbreitungsgrenzen<br />
sowie die Anzahl der Arten in Abhängigkeit von klimatischen<br />
Faktoren verändert.
</p>
<p>
<b>mgehling: </b>Hallo, ich bin begeisterter Bergsteiger.<br />
Was kann ich auf den Gletschern in den nächsten Jahren erwarten?
</p>
<p>
<b>Rainer Vockenroth:</b> Hm, es kommt natürlich<br />
darauf an, welche Gletscher sie besteigen möchten. Hier auf<br />
Spitzbergen werden sie Gletscher finden, die wachsen, aber auch<br />
viele Gletscher, die kleiner werden. (Wachsen heißt hier,<br />
dass die Gesamtmasse des Gletschers zunimmt.) Für das konkrete<br />
Verhalten von Gletschern muss man sehr genau auf die lokalen Besonderheiten<br />
schauen und diese analysieren.
</p>
<p>
<b>golfstrom:</b> Wenn Sie die Volumina von Gletschern<br />
&quot;vermessen &quot; dann werden Sie ja bestimmt auch etwas ähnliches<br />
mit den Polkappen machen?</p>
<p><b>Rainer Vockenroth:</b> Das ist richtig. Die Eisbedeckung<br />
des arktischen Ozeans wird untersucht. Am besten lassen sich diese<br />
Werte über Fernerkundungsmethoden beobachten. Leider hat es<br />
dort einen Rückschritt gegeben, da der Start eines Satelliten<br />
fehlschlug. Die Vermessung vom Meer oder Land aus ist sehr aufwendig<br />
und enthält Lücken in der Erfassung. Die Bedeckung in<br />
der Arktis nimmt ab.
</p>
<p>
<b>Richie Rich:</b> Wann kann man endlich Öl am<br />
Nordpol fördern?
</p>
<p>
<b>Rainer Vockenroth:</b> Ein genaues Datum kann ich<br />
nicht nennen. Theoretisch könnte man das jetzt schon mit einem<br />
nicht zu rechtfertigenden Aufwand. Ferner ist die Diskussion um<br />
die Nutzungsrechte der zukünftigen Seegebiete noch immer Gegenstand<br />
von diplomatischen Auseinandersetzungen.
</p>
<p>
<b>LeDude:</b> Öl am Nordpol fördern? Das scheint<br />
mir keine gute Idee &#8211; bestehen dort nicht ganz besonders hohe Risiken<br />
für die Umwelt?
</p>
<p>
<b>Rainer Vockenroth:</b> Genau das ist auch ein Problem,<br />
das es zu berücksichtigen gelte. Ölbohrungen am Pol halte<br />
ich auch erstmal für hypothetisch.
</p>
<p>
<b>alanfa26: </b>Hat der Klimawandel auch positive Auswirkungen?<br />
Rainer Vockenroth: Es ist schon schwer vorherzusagen welche konkreten<br />
Veränderungen auftreten werden, dann auch noch eine positiv-negativ<br />
Abschätzung zu entwickeln, ist fast unmöglich. Für<br />
kleine Sektoren oder Interessengruppen mögen sich auch Vorteile<br />
ergeben. Ohne Eis am Nordpol würde sich der Seeweg von Europa<br />
nach Asien erheblich verkürzen. Dafür wären aber<br />
auch viele andere Nachteile in Kauf zu nehmen.</p>
<p><b>MarcBiele:</b> Gestern wurde in der Presse bekannt,<br />
dass sich US-Wissenschaftler Gedanken zur Reduktion von CO2 gemacht<br />
haben. Es wurde berichtet, dass man sich vorstellen kann, das CO2<br />
im Meeresboden in 3000 Meter Tiefe zu lagern. Dort soll es sich<br />
verflüssigen! Was halten Sie von dieser Idee?
</p>
<p>
<b>Rainer Vockenroth:</b> Es gibt verschiedene Überlegungen,<br />
wie man aktiv eine CO2-Senke erzeugen kann. Eine ist das Verbringen<br />
von CO2 in Gesteinsschichten oder den Meeresboden. Ich persönlich<br />
denke, dass man viele Visionen offen halten sollte und die Machbarkeit<br />
prüfen. Momentan finden diese Überlegungen nur auf dem<br />
Papier statt, ohne Einfluss auf die globale CO2-Bilanz zu haben.
</p>
<p>
<b>MarcBiele:</b> Wie hoch schätzen Sie das Risiko<br />
ein, dass auf Grund der Speicherung von CO2 in den Weltmeeren irgendwann<br />
ein Grenzwert erreicht wird, der die Marine Lagerstätten für<br />
Methanhydrate destabilisiert und große Mengen davon in die<br />
Atmosphäre gelangen?
</p>
<p>
<b>Rainer Vockenroth:</b> Die Frage liegt zu weit von<br />
meinem Kenntnissen entfernt, als das ich dazu eine Aussage machen<br />
kann.
</p>
<p>
<b>Schaefer:</b> Besteht nicht ein sehr großes<br />
Eigeninteresse seitens der Klimawissenschaftler, das Horror-Szenario<br />
Klimawandel aufrechtzuerhalten, um die Zukunft der eigenen Forschungsprogramme<br />
abzusichern?
</p>
<p>
<b>Rainer Vockenroth:</b> Ohne langfristige Messprogramme,<br />
Analysen und Prognosen hätten wir eine Veränderung im<br />
Klimageschehen gar nicht bemerkt. Wenn man überhaupt eine Chance<br />
haben will, Maßnahmen zu ergreifen, kann man dies nur über<br />
intensive Forschung tun. Dies ist unabhängig von Horrorszenarien.<br />
Forschung ist wichtig für die menschliche Entwicklung.
</p>
<p>
<b>Dr. Ahna, Mario:</b> Was kann man im Alltag gegen<br />
den Klimawandel tun?<br />
Rainer Vockenroth: Das einfachste ist es, auf die Menge des persönlich<br />
erzeugten CO2s zu achten. Auto oder Bus, Schiff oder Flugzeug als<br />
Beispiele der Sensibilisierung für Energiebilanzen von Produkten<br />
usw.
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<p>
<b>Moderator:</b> Leider müssen wir nun abbrechen.<br />
Das war der Chat mit Rainer Vockenroth. Vielen Dank an unsere User<br />
für die vielen, sehr interessanten Fragen. Leider konnten wir<br />
nicht alle berücksichtigen, sondern mussten eine Auswahl treffen.<br />
Vielen Dank auch an Sie, Herr Vockenroth, nach Spitzbergen und viel<br />
Glück und Erfolg für Ihre weiteren Forschungsarbeiten<br />
in der Arktis.<br />
Der nächste Tagesschau-Chat findet am 31. August statt, von<br />
13 bis 14 Uhr. Unser Gast wird dann der CSU-Bundestagsabgeordnete<br />
Wolfgang Zöller sein.
</p>
<p class="normal">
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