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	<title>Occupy &#8211; politik-digital</title>
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	<description>Information, Kommunikation, Partizipation</description>
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		<title>Rezension: Die Rückeroberung des Internets</title>
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		<pubDate>Wed, 23 Jul 2014 09:54:19 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[„Warum sollten wir Google als Nachrichtenquelle mehr vertrauen als der Stadtbibliothek? Immerhin ist Google nichts weiter als ein Werbekonzern“. Die [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong><a href="http://politik-digital.de/wp-content/uploads/Finalbild-Format-1.jpg"><img fetchpriority="high" decoding="async" class="alignnone size-large wp-image-141069" alt="Finalbild Format 1" src="http://politik-digital.de/wp-content/uploads/Finalbild-Format-1-630x275.jpg" width="630" height="275" /></a></strong><br />
„Warum sollten wir Google als Nachrichtenquelle mehr vertrauen als der Stadtbibliothek? Immerhin ist Google nichts weiter als ein Werbekonzern“. Die US-amerikanische Netzkritikerin Astra Taylor stellt in ihrem Buch „<i>The People’s Platform“</i> die Welt des freien Internets auf den Kopf. Sie behauptet: Das gibt es gar nicht mehr. Und fordert ein demokratisches Gegengewicht.<b> </b><br />
Das Internet ist eine Verheißung. Glauben wir. Es soll die Menschen, die es nutzen, unabhängiger, demokratischer und freier machen. Es soll Teilhabe in allen Lebensbereichen ermöglichen, Partizipationshürden abbauen, die Effizienz erhöhen und Transparenz schaffen. Jede Stimme kann gehört werden. Kaum ein Versprechen, das der digitalen Welt in den vergangenen 20 Jahren nicht zugeschrieben wurde.<br />
Nicht erst in den letzten Jahren sind viele dieser Heilsvermutungen korrigiert oder eingeschränkt worden. Die <a href="http://www.bertelsmann-stiftung.de/cps/rde/xbcr/SID-6E6C46E0-D218AFF1/bst/xcms_bst_dms_37989_37990_2.pdf">Politikwissenschaft</a> lehrt uns: Im Internet engagieren sich nicht vollkommen andere Menschen als in der analogen Welt, und auch nicht mehr als vorher. Der klassische Aktivist ist jung, gut gebildet und männlich – im Internet ebenso wie in der realen Welt.<br />
Stichworte wie „digitale Demenz“ schüren den Blick für die Risiken einer digitalisierten Gesellschaft. Der kürzlich verstorbene Frank Schirrmacher war zumindest für Deutschland der vermutlich prominenteste Vertreter einer feuilletonistischen Debatte, die er selbst einmal unter der These auf den Punkt brachte: „<a href="http://www.bild.de/politik/2009/frank-schirrmacher/internet-vermanscht-gehirn-das-interview-10520954.bild.html">Das Internet vermanscht unser Gehirn</a>.“</p>
<h3>Das Internet frisst seine Kinder</h3>
<p>Neu ist jedoch, dass sich in der Netzdebatte vermehrt kritische Stimmen melden, die bisher nicht unbedingt im Verdacht standen, nostalgische Technikfeinde zu sein. Die kanadisch-amerikanische Dokumentarfilmerin und Occupy-Unterstützerin Astra Taylor ist eine davon. Sie gehört zur viel beschworenen Gruppe der Digital Natives und kann deswegen so exemplarisch schreiben für eine Generation, die das Gefühl hat, ihr einstiges Zuhause beginne sie aufzufressen. Und ihre Argumentation vermeidet geschickt allzu bipolare Zuordnungen à la Schirrmacher. Für sie ist das Internet nicht der drohende Untergang des Abendlandes. Ihre Botschaft ist subtiler: Eine Technologie allein bewirkt noch keinen gesellschaftlichen Wandel in die eine oder andere Richtung. Entscheidend seien die zugrunde liegenden wirtschaftlichen und politischen Kräfte. Das Internet ist also, was man draus macht.<br />
In einem <a href="http://www.eurozine.com/articles/2014-05-30-ataylor-en.html">Interview</a> zu ihrem im Frühjahr dieses Jahres bislang nur auf Englisch erschienenen Buch „The People’s Platform – Taking Back Power and Culture in the Digital Age“ äußerte Taylor ihre Vermutung, die Netzdebatte sei deswegen öffentlich nur wenig wahrnehmbar, weil sie hauptsächlich von Männern im fortgeschrittenen Lebensalter geführt werde. Nicht nur aus diesem Grund sollen ihre Positionen hier ausführlicher vorgestellt werden.</p>
<h3>Das Internet als Zwei-Klassen-Gesellschaft</h3>
<p><figure id="attachment_141087" aria-describedby="caption-attachment-141087" style="width: 295px" class="wp-caption alignleft"><a href="http://politik-digital.de/wp-content/uploads/Taylor-Quadrat.jpg"><img decoding="async" class=" wp-image-141087  " alt="Astra Taylor - Regisseurin, Occupy-Aktivistin und Autorin." src="http://politik-digital.de/wp-content/uploads/Taylor-Quadrat-630x630.jpg" width="295" height="293" /></a><figcaption id="caption-attachment-141087" class="wp-caption-text">Astra Taylor &#8211; Regisseurin, Occupy-Aktivistin und Autorin.</figcaption></figure><br />
Astra Taylor zufolge waren an der Schaffung des World Wide Web verschiedenste Akteure beteiligt: akademische, staatliche und auch privatwirtschaftliche. Dabei finanzierte die öffentliche Hand zwar die Entwicklung der Technologie, den Profit machen heute aber andere.<br />
Die Kräfte, die im Internet wirken, sind in erster Linie ökonomischer Natur. Das Internet liegt laut Taylor zu einem Großteil in der Hand von Monopolisten, und vornehmlich ihre Interessen treiben die Debatten, die um es geführt werden. Oder warum diskutieren wir über Datenschutz und Privatsphäre, fragt Taylor. Weil beide zu verletzen sich für einige in barer Münze auszahlen kann. Das Internet ist das weltweit erste Medium, das jedem verspricht, mitreden zu dürfen. Aber es wird längst nicht jeder gehört. Die Realität wird nicht mit OpenOffice programmiert und von der Schwarmintelligenz korrigiert. Sie liegt in den Algorithmen der großen Kinder auf dem Spielplatz, und ihre Namen sind Google, Facebook, Amazon, Apple und wenige mehr.<br />
Die „Global Players“ prägen auch die Sprache, mit der wir über das Internet sprechen können: Die Worte Transparenz, Offenheit und Partizipation kommen uns im Kontext des Internets wie selbstverständlich vor. Dabei wird kaum noch bedacht, dass keiner der Begriffe per se demokratischen Fortschritt bedeutet. Die Fragen müssten lauten: Transparenz wovon? Offenheit wofür? Partizipation bei was? Taylor führt uns einen gewaltigen Irrtum vor Augen. Sie analysiert, dass bestimmte Internetkonzerne über mehr Macht verfügen können als Staaten.<br />
„<a href="http://politik-digital.de/auch-peter-tauber-traegts-mit-fassung/">Google ist weniger Befehlsnehmer als Partner der Politik</a>“, so bestätigte CDU-Generalsekretär Tauber diese These erst kürzlich. Der entscheidende Unterschied zwischen demokratischen Staaten und Konzernen sei jedoch, so Taylor, dass erstere ihren Bürgern Rechenschaft schuldig sind und letztere ihren Shareholdern.</p>
<h3>91 Prozent Marktanteil für Google</h3>
<p>Für die Dominanz von einigen Wenigen im Netz führt Taylor eindrückliche Beispiele aus den USA an. Doch auch für Deutschland lässt sich diese These stützen: Facebook liegt den Nutzerzahlen zufolge klar auf dem <a href="http://de.statista.com/statistik/daten/studie/170467/umfrage/besucherzahlen-sozialer-netzwerke-in-deutschland/">ersten Platz</a> der sozialen Netzwerke in Deutschland. Hinzu kommt aber: Facebook hat auch mehr als sechsmal so viele Besucher wie der Zweitplatzierte Xing. Googles <a href="http://de.statista.com/statistik/daten/studie/222849/umfrage/marktanteile-der-suchmaschinen-weltweit/">Marktanteil</a> bei den Suchmaschinen liegt in Deutschland bei über 91 Prozent. Die vier Konzerne Apple, Google, Amazon und Facebook sind gemeinsam fast so viel wert wie alle im DAX gelisteten Unternehmen.<br />
In der übersichtlich gestalteten Facebook- oder Google-Welt finden die Nutzer sich zurecht, die Online-Rundumpakete sind wie übersichtlich und hübsch angelegte Gärten inmitten des chaotischen, heterogenen „Waldes“ Internet. Ihre Inhalte vermitteln Vollständigkeit, und in der Folge stellen sich immer weniger Nutzer die Frage, wonach sich Relevanz oder Verfügbarkeit hier eigentlich bemessen. Und dabei entscheiden diese Parameter über Wohl und Wehe aller alternativen Webangebote. Was nicht geliked wird und als Suchergebnis schlicht nicht auftaucht, das existiert in der Logik dieses Internets auch nicht.<br />
Und dabei scheint eine Mehrheit der Nutzer zunehmend zu verdrängen, dass keines dieser Internetangebote kostenlos ist: Dienst gegen Daten, so lautet der Deal. Google führt Nutzerdaten aus allen seinen Angeboten zusammen, ohne darüber zu informieren. Derselbe Konzern <a href="http://www.itespresso.de/2014/04/16/offiziell-google-liest-e-mails-seiner-nutzer/">liest</a> den Inhalt seiner Mailingdienste aus. Im Jahr 2010 wurde genau das von Google noch <a href="http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/die-google-gefahr-zuboff-antwortet-doepfner-12916606.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2">dementiert</a>.</p>
<h3>Die neue Ordnung</h3>
<p>Astra Taylor beschreibt im Kern also Dynamiken, die aus der Marktwirtschaft gut bekannt sind: Das Fehlen jeder Regulierung führt zu Monopolisierung, behindert den Wettbewerb und verlangt von anderen Marktakteuren, sich den Spielregeln der Stärkeren unterzuordnen. Wenige Gewinner und viele Verlierer, die Reichen werden reicher – wirtschaftliche Binsenweisheiten.<br />
Ein zentraler Satz aus Taylors Buch besagt ironisch, dass die vermeintliche neue Ordnung, die das Internet vorgibt herzustellen, doch eigentlich verdächtig wie die alte aussieht.<br />
Das Internet ist kein luftleerer Raum, kein Sonderfall, der sich den Spielregeln des weltweiten Wirtschaftssystems einzig auf Grund seiner technischen Beschaffenheit entziehen würde. Es ist die Übersetzung existierender Ungleichheiten auf eine andere Ebene: Diejenigen, die sich offline durchsetzen, tun das auch online.<br />
<figure id="attachment_141070" aria-describedby="caption-attachment-141070" style="width: 294px" class="wp-caption alignleft"><a href="http://politik-digital.de/wp-content/uploads/5181380902_a575f313c0_z.jpg"><img decoding="async" class=" wp-image-141070  " alt="Fireworks in Oakley, July 3, 2010" src="http://politik-digital.de/wp-content/uploads/5181380902_a575f313c0_z-630x418.jpg" width="294" height="209" /></a><figcaption id="caption-attachment-141070" class="wp-caption-text">Google-Chef Eric Schmidt</figcaption></figure><br />
Mit ihren Thesen ist Astra Taylor im US-amerikanischen Diskurs nicht alleine. Aus der Wissenschaft mehren sich Stimmen, die davor warnen, im Kontext des Internets die dahinter liegenden Gewinninteressen von Menschen zu vergessen. Die Harvard-Professorin Shoshana Zuboff bringt dies in einem Gastbeitrag für die FAZ treffend auf den Punkt: „<a href="http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/the-digital-debate/digital-economy-the-human-factor-13050472-p4.html">Technology isn’t destroying jobs, people are</a>“. In einem weiteren <a href="http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/die-google-gefahr-zuboff-antwortet-doepfner-12916606.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2">Artikel</a> beklagt sie zudem, dass Unternehmen wie Google an einem <a href="http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/eric-schmidt-ueber-das-gute-an-google-die-chancen-des-wachstums-12887813.html">Narrativ</a> stricken, das die Grenzen aufweicht zwischen dem, was gut ist für Google und dem, was gut ist für das Internet. Zwischen beidem sei aber klar zu unterscheiden.</p>
<h3>Die großen Jungs haben’s nicht nötig</h3>
<p>Die Ungleichheit im Netz könnte sich durch eine in den USA aktuell anstehende <a href="http://www.spiegel.de/netzwelt/web/netzneutralitaet-in-den-usa-fcc-zum-zwei-klassen-internet-a-969678.html">Entscheidung</a> zur Netzneutralität noch verschärfen: Dort wird darüber debattiert, ob Internetprovider bestimmte Seiten und Dienste schneller anbieten dürfen als andere – gegen das gewisse Kleingeld, versteht sich.<br />
Es mutet dabei fasst schon ironisch an, dass ausgerechnet Google, Facebook, Twitter, Amazon und die anderen bekannten Namen der Branche geschlossen gegen diese Initiative der amerikanischen Federal Communications Commission unter dem Namen <a href="http://internetassociation.org/">Internet Association</a> vorgehen. Niemand bezweifelt, dass der Großteil von ihnen finanziell in der Lage wäre, die eigenen Angebote im Netz priorisieren zu lassen. Ihr Engagement ergibt trotzdem Sinn. Bedenkt man die Argumente Taylors, muss man zugeben: Das haben die großen Jungs gar nicht nötig. Weder Twitter noch Facebook müssen im Internet für zusätzliche Popularität noch bezahlen. Konkurrenz, und sei sie nur von denen, die es sich leisten können, nervt da bloß.<br />
Astra Taylor fordert es nicht explizit. Doch ist ihr Buch als ein Plädoyer für ein hoheitlich organisiertes Internet zu verstehen. Der Mainstream in der Internetkultur hat einen gewissen Ekel vor dem Staat etabliert und ist mit Vergleichen zu chinesischer Zensur schneller bei der Hand als mit Hinweisen auf Facebooks Manipulation von Webinhalten. Genau dieses Wirtschaftsmodell aber, in dem es einem Sakrileg gleichkommt, für irgendetwas Regeln und Aufsicht zu fordern, ist spätestens seit der Finanzkrise (zumindest in der analogen Welt) krachend gescheitert.</p>
<p align="left">Karl Schillers berühmter Ausspruch lautet „So viel Markt wie möglich, so viel Staat wie nötig“. Astra Taylors Buch zufolge könnte die Lehre für das Internet ganz ähnlich lauten: Nur der Staat macht die Menschen unfrei. Nur der Markt aber auch.</p>
<div><strong>Ausführliches <a href="http://us.macmillan.com/BookCustomPage_New.aspx?isbn=9780805093568">Exzerpt </a>aus &#8220;The People&#8217;s Platform&#8221; (Englisch)</strong></div>
<div></div>
<div></div>
<div>Fotos: opensourceway (teaser) und Rosa-Luxemburg-Stiftung New York Office (Image)</div>
<p><a href="http://politik-digital.de/wp-content/uploads/CC-Lizenz-630x11011.png"><img decoding="async" alt="CC-Lizenz-630x1101" src="http://politik-digital.de/wp-content/uploads/CC-Lizenz-630x11011.png" width="378" height="66" /></a><br />
&nbsp;</p>
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		<title>Bürger sucht Staat: Edward Snowden und das nicht-wirtschaftliche Moment der digitalen Gegenwart</title>
		<link>https://www.politik-digital.de/news/buerger-sucht-staat-edward-snowden-und-das-nicht-wirtschaftliche-moment-der-digitalen-gegenwart-131379/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Krystian Woznicki]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 21 Aug 2013 13:14:57 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[Die Debatten in der Post-Snowden-Welt übersehen meistens einen wichtigen Punkt: Überwachung, das vermeintliche Produkt des Staats, ist ebenso ein Baby [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://politik-digital.de/wp-content/uploads/Edward-Snowden_klpixel.jpg"><img decoding="async" class="alignleft size-large wp-image-131381" alt="Edward-Snowden_klpixel" src="http://politik-digital.de/wp-content/uploads/Edward-Snowden_klpixel-630x350.jpg" width="630" height="350" /></a>Die Debatten in der Post-Snowden-Welt übersehen meistens einen wichtigen Punkt: Überwachung, das vermeintliche Produkt des Staats, ist ebenso ein Baby der privaten Wirtschaft. Ob Werkzeuge oder Experten, Infrastruktur oder Ideologie – Überwachung wird heute maßgeblich vom Markt geprägt. Edward Snowden stellt sich mit seinen Enthüllungen in mehrfacher Weise gegen diese Entwicklung. Auf diese Weise belebt er die Figur des Bürgers und zieht den Staat zur Verantwortung. Berliner Gazette-Herausgeber Krystian Woznicki kommentiert.<br />
<a href="sydney.edu.au/arts/sociology_social_policy/docs/seminar/Lyon_on_Bauman.pdf" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Total-Überwachung</a> gehört in westlichen Demokratien zu den angenommenen und zu den <a href="https://netzpolitik.org/2013/die-bequeme-staatsglaubigkeit/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">geduldeten Szenarien</a>. Die weit verbreitete Akzeptanz geht auf die Neuzeit zurück. Die staatlichen Überwacher galten als Beschützer – sowohl in der Gestalt von distanzierten Autoritäten als auch von konkreten Vertrauenspersonen im Alltag der Bürger. Sie profilierten sich durch Fürsorge, Verantwortung, Wachsamkeit und boten größtmöglichen Schutz – sowohl für den Einzelnen als auch für dessen Eigentum. Insbesondere nachts, wenn die meisten schlafen. Für dieses Rundumversorgungspaket erwarteten die Überwacher Disziplin und Gehorsam. Man musste sich an deren Normen und Gesetze halten.<br />
Das waren in der Neuzeit “Stoff, Form und Gewalt eines staatlichen Gemeinwesens” (<a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Leviathan_%28Thomas_Hobbes%29" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Thomas Hobbes</a>). Und heute? Der Staat bietet nicht mehr Schutz, sondern Sicherheit. Das ist ein entscheidender Unterschied. Neuerdings zum “Super-Grundrecht” avanciert, dient Sicherheit als Legitimation für verfassungswidrige Operationen. Für den Staat ist in Friedenszeiten jeder Exzess denkbar: Ob nun für die paranoide Übererfüllung seiner Beschützerfunktion oder für die Vernachlässigung eben dieser Pflicht.<br />
Die seit dem <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Elfter_September_2001" target="_blank" rel="noopener noreferrer">11.09.2001</a> unablässig “boomende Sicherheitsindustrie” (<a href="http://www.naomiklein.org/shock-doctrine" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Naomi Klein</a>) katalysiert beide Extreme: Der mit der privaten Wirtschaft verwachsene Überwachungsstaat ist den Produktversprechen der Sicherheitsfirmen erlegen und wird im Zuge dessen zu neuartigem Größenwahn beflügelt. Andererseits entzieht er sich seiner Verantwortung, wenn er Überwachung an private Dienstleister auslagert.</p>
<h3>Duldung und Division</h3>
<p>Der Fall Snowden zeigt: Die Zumutungen haben einen Punkt erreicht, an dem die Duldung einem Aufbegehren weicht. Aus “ich weiß, dass ich Zugang zu ungeheurem Wissen habe” wird “ich kann nicht länger mit dem Wissen um dieses Wissen leben”. Snowdens innere Kehrtwende wäre ein Identifikationsangebot unter vielen, wenn das Problem nicht uns alle beträfe. Und so drängt es sich geradezu auf, dass zudem aus “wir wissen, dass wir nicht wirklich wissen wollen, wie es nun genau ist” so etwas wird wie “wir können nicht länger mit dem Wissen um unser Nicht-Wissen-Wollen leben”.<br />
Darüber hinaus zeigen <a href="http://www.theguardian.com/profile/glenn-greenwald" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Snowdens Enthüllungen</a> über die Zusammenarbeit zwischen Staaten und transnationalen IT-Konzernen: die Überwacher sind auf maximale Distanz zu ihren Subjekten gegangen, die sie nur noch datentechnisch erfassen, einsortieren und analysieren wollen, aber für die sie nicht mehr sorgen wollen, geschweige denn Verantwortung übernehmen wollen.<br />
Eine tiefe Kluft tritt deutlicher denn je zu Tage: Die Division zwischen Staat und Bürger. Das zeigt sich in den Enthüllungen selbst – sowohl in der großen Erzählung als auch in jedem einzelnen Detail. Und die Berichterstattung über die Enthüllungen zementiert diese Spaltung. Man setzt entweder auf Personengeschichten oder auf die Skandalisierung von Machtmißbrauch. So werden Snowdens Situation und die Inhalte seiner Enthüllungen von einander getrennt. Kein Bericht strebt eine Synthese an.</p>
<h3>Bürger und Staat zusammendenken</h3>
<p>Bürger- und Staatsfragen zusammenzudenken, liegt offenbar nicht im Interesse von Journalisten. Selbst jene, die politisch engagiert das Wort ergreifen, verweigern sich in dieser Sache. John Naughton etwa betont, nicht Snowden sei die Geschichte, sondern das, was seine Enthüllungen über die <a href="http://www.theguardian.com/technology/2013/jul/28/edward-snowden-death-of-internet?view=mobile" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Zukunft des Internet</a> aufzeigen. <a href="https://netzpolitik.org/2013/die-bequeme-staatsglaubigkeit/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Lorenz Matzat</a> gibt wiederum zu verstehen, er habe den Staat in dieser Sache abgeschrieben, der Bürger hingegen müsse sich neu sammeln. Jedoch erinnert uns der zwischenzeitig an einem Flughafen gestrandete und dann in Russland Asyl suchende Edward Snowden daran: ein Staat <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Staatenlose" target="_blank" rel="noopener noreferrer">ohne Bürger</a> und umgekehrt ein <a href="http://plato.stanford.edu/entries/citizenship/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Bürger ohne Staat</a> sind nicht denkbar.<br />
Snowden macht deutlich: Wer einen Bürger, der wie Edward Snowden <a href="http://brianholmes.wordpress.com/2013/06/10/from-the-margins-to-the-center/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">außerordentliche Zivilcourage</a> beweist, zum Staatsfeind erklärt, schwächt nicht nur die Identität des Bürgers. Sondern auch des Staats. Welche Legitimation hat die USA noch als <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Gescheiterter_Staat" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Rechtsstaat</a>, wenn sie berechtigte Kritik aus den Reihen ihrer Bürger unterdrückt? Diese Frage stellt sich insbesondere dann, wenn der Gegenstand der Kritik staatliche Programme sind, die nicht nur auf der Beschneidung von Bürgerrechten basieren sondern darüber hinaus sogar darauf ausgerichtet sind, Bürger in ihren Freiheiten und Rechten massiv einzuschränken. Wäre dem nicht so, könnten wir folgende Fragen beantworten: Wird Snowden jemals wieder ein freier Bürger sein können? Wird er jemals Anerkennung finden von jenem Staat, dem sein konstruktives Aufbegehren als Bürger gilt? Doch das steht wohl genauso in den Sternen wie der Verbleib des Bürger-Modells an sich.<br />
<a href="http://politik-digital.de/wp-content/uploads/Edward-Snowden_kls.jpg"><img decoding="async" class="alignleft size-large wp-image-131382" alt="Edward-Snowden_kls" src="http://politik-digital.de/wp-content/uploads/Edward-Snowden_kls-630x350.jpg" width="630" height="350" /></a><br />
Die Veränderungen von Staatlichkeit lassen offen, ob und wie wir in Zukunft in der Lage sein werden, uns als Bürger zu begreifen. Welche Rechte werden wir haben? Auf welchen Gesetzen werden sie fußen? Welches Selbst-Bewusstsein wird uns antreiben? Wie groß und in welcher Weise ausgeprägt wird unser Wille zum Politischen sein? Welches Verhältnis zum Staat werden wir haben? Eines ist klar, und auch daran erinnert: Sowohl der Bürger als auch der Staat – beides muss immer und immer wieder erkämpft werden, weil beides nicht gegeben ist (allenfalls nur auf dem Papier oder als Lippenbekenntnis). Und weil beides überformt ist durch die Logik des Marktes. Das heißt aber auch, dass der Kampf sowohl auf der politischen Ebene als auch auf der intellektuellen Ebene geführt werden muss. Wir müssen Staat und Bürger auch neu denken.</p>
<h3>Hindernisse und Hürden</h3>
<p>Die Kluft zwischen Bürger und Staat ist inzwischen eine immer größer und undurchdringlicher werdende Schattenzone, in der auch <a href="http://berlinergazette.de/http:/de.wikipedia.org/wiki/Prism/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">PRISM</a>, <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Tempora" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Tempora</a> und <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/XKeyscore" target="_blank" rel="noopener noreferrer">XKeyscore</a> entstehen konnten. Diese Schattenzone rund um die Geheimdienste wird strukturell zusehends ununterscheidbarer von der Schattenzone des Staats, die aufgrund der immer weniger parlamentarischen/demokratischen Prozessen unterworfenen Gestaltung von Politik entsteht. Diese Entwicklung hin zu einem “neoliberalen Staat” (David Harvey) begünstigt die Wirtschaft und ermöglicht die so genannte privat-public-partnership sowie die Privatisierung staatlicher Leistungen.<br />
Denn auch so lässt sich die Auflösung des Staats lesen: Er löst sich nicht in Luft auf, stattdessen lösen sich seine vertrauten Konturen und Strukturen auf, an dessen Stelle neue treten: Staatliche Überwachungsinfrastrukturen etwa, die in weitgehend undurchsichtiger Weise auf verschiedenen Ebenen privatisiert sind. Erstens werden sie nicht mehr allein von Behörden, sondern zu großen Teilen von privaten Security-Anbietern betrieben. Zweitens kauft der Staat auf dem freien Markt <a href="http://berlinergazette.de/technologien-unternehmen-verantwortung-menschenrechte/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Sicherheitsprodukte</a> ein. Drittens unterstützt der Staat die IT-Industrie mit Subventionen sowie Sonderrechten und bittet im Gegenzug um freien Zugang zu Kundendaten.<br />
Ob die besagten Schattenzonen lediglich eine Begleiterscheinung des Transformationsprozesses sind oder ob sie das Wesen des neuen Staats ausmachen – das wird auch die zivilgesellschaftliche Transparenzbewegung so schnell nicht beantworten können. Zwar adressiert sie mit ihrer Forderung nach Abschaffung der Schattenzonen den richtigen Punkt. Doch zeigt sich schon heute: Nicht nur die Verweigerung der Transparenz, sondern auch das <a href="http://berlinergazette.de/totale-transparenz-zukunft-der-zeitung/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Transparenz-Washing</a> ist ein großes Problem. Apropos: “US-Regierung will Details zur Telefonüberwachung offenlegen” (<a href="http://www.spiegel.de/politik/ausland/telefonueberwachung-us-regierung-will-details-offenlegen-a-913991.html" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Spiegel Online</a>). Das “Offenlegen” wird von hochbezahlten Image-Agenturen betreut. Es zielt auf die Orchestrierung von Transparenz und damit auf die systematische Irreführung jeglichen Engagements seitens der Bürger.</p>
<h3>Was bringt der “Snowden-Effekt” in Bewegung?</h3>
<p>Ohnehin ist dieses Engagement heutzutage nicht mit allzu rosigen Aussichten aufgeladen. Verglichen mit der Weltrevolution 1968 gehen heute weltweit deutlich mehr Menschen auf die Straße. Die Regierungen sind jedoch weniger denn je gewillt einzulenken, geschweige denn auf die Proteste zu hören. Entsprechend realistisch gibt sich Snowden. Gefragt nach der schlimmsten Konsequenz seiner Enthüllungen über die Überwachungsprogramme <a href="http://www.youtube.com/watch?v=5yB3n9fu-rM" target="_blank" rel="noopener noreferrer">sagt Snowden</a>: “das sich nichts ändert.”<br />
Bereits jetzt absehbar ist, dass der “Snowden-Effekt” (<a href="http://pressthink.org/2013/07/the-snowden-effect-definition-and-examples/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Jay Rosen</a>) einiges in Bewegung bringt. Er setzt unbequeme Themen auf die Agenda von Politik und Massenmedien und hält sie dort erstaunlich lange ‘oben’. Nebenbei könnte der “Snowden-Effekt” Bürger und Staat zu einer Renaissance verhelfen und damit Begriffe neu beleben, denen der Beigeschmack einer kafkaesk-verwalteten Welt anhaftet.<br />
<a href="http://politik-digital.de/wp-content/uploads/vieles_pxl.jpeg.jpg"><img decoding="async" class="alignleft size-large wp-image-131383" alt="vieles_pxl.jpeg" src="http://politik-digital.de/wp-content/uploads/vieles_pxl.jpeg-630x351.jpg" width="630" height="351" /></a><br />
Die Frage der Stunde ist ob und wie Bürger und Staat neu aufgeladen werden können: Kann einer wie Edward Snowden, der sich weitaus seriöser präsentiert als der geistesverwandte <a href="http://www.theguardian.com/world/bradley-manning" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Bradley Manning</a> – kann ein solcher Bürger- und Staats-Idealist das Ideal des Bürgers und das Ideal des Staats neu beleben? Und damit gleichsam neue Ideale des Bürgers sowie des Staats definieren helfen?</p>
<h3>Von EZLN über WikiLeaks zu Snowden</h3>
<p>Edward Snowden hat mehrfach zu verstehen gegeben, dass er mit seinen Enthüllungen der USA nicht schaden möchte – im Gegenteil. Der ehemalige Geheimdienstmitarbeiter entpuppt sich als demokratietheoretisch geschulter Bürgerrechtler, wenn er <a href="http://www.theguardian.com/world/2013/jun/09/edward-snowden-nsa-whistleblower-surveillance" target="_blank" rel="noopener noreferrer">in seinen Ausführungen</a> auf die Notwendigkeit einer öffentlichen Debatte verweist. Er macht den Schritt an die Öffentlichkeit in einem besonderen Moment: Noch während Bradley Manning der Prozess gemacht worden ist, sichtlich darum bemüht alle potenziellen Whistleblower einzuschüchtern, legte er Informationen nach, die die von Manning angestoßenen Debatten über das Verhältnis von Staat und Bürger in neuer Weise befeuern.<br />
Während Manning den Rohstoff (Informationen) lieferte, verstand es <a href="http://berlinergazette.de/feuilleton/dossiers/wikileaks/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">WikiLeaks</a> den Informationen eine Perspektive, eine Stoßrichtung zu geben: die Rechenschaftspflicht öffentlicher Institutionen reaktivieren. Die Whistleblower-Plattform konnte die an sie gerichteten Erwartungen nicht vollends erfüllen. Doch hat sie ein wichtiges historisches Bindeglied geschaffen zwischen disparaten Ansätzen und Bewegungen, die die Rolle des (aufbegehrenden) Bürgers und die Aufgaben des Staats auf ihre Agenda gesetzt haben. Der Fall Snowden erscheint vor diesem Hintergrund als Sperrspitze einer <a href="http://berlinergazette.de/anarchie-der-zukunft/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">diffusen Bewegung</a>, die so unterschiedliche Strategien verfolgt wie Raumbesetzungen und Online-Aktivismus. Und das in so unterschiedlichen Ländern wie Deutschland und Mexiko.<br />
Einmal aus der Vogelperspektive betrachtet: Die jüngsten Aufstände rund um den <a href="http://berlinergazette.de/digitale-avantgarde-arabische-welt/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">arabischen Frühling</a>, die <a href="http://berlinergazette.de/occupygezi-protest-istanbul/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Occupy-Bewegung</a>, netzpolitische Initiativen (u.a. <a href="http://berlinergazette.de/aufbegehren-gegen-acta-digitale-generation/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Ad-Acata</a>) sowie die Riots von Paris bis <a href="http://berlinergazette.de/blackberry-riots-dialektik/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">London</a> beerben die globalisierungskritischen Bewegungen nach den Ausschreitungen von Seattle im Jahre <a href="http://en.wikipedia.org/wiki/1999_Seattle_WTO_protests" target="_blank" rel="noopener noreferrer">1999</a>. Ihren Vorläufer haben jene wiederum in den Aktionen der <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Subcomandante_Marcos">EZLN</a>. Sie besetzen seit den frühen 1990er Jahren eine verarmte Region in Süd-Mexiko und verzichten dabei auf Waffengewalt. Ihren öffentlichen Druck entfalten sie stattdessen medial. Dabei gilt das Aufbegehren nicht primär den multinationalen Konzernen und der globalen Wirtschaft, die als primäre Ursachen für das Elend gelten. Vielmehr wendet sich ihr Widerstand gegen den Staat. Wer sonst könnte Rechte garantieren? Wer sonst könnte den Ausverkauf des Landes und somit auch die Macht der multinationalen Konzerne eindämmen?</p>
<h3>Willkommen im Bürgerkrieg!</h3>
<p>Es ist eine Bewegung, die sich (noch) nicht als solche begreift. Ob wir hier über die 99% sprechen oder eher eine Minderheit der Weltbevölkerung, sei dahin gestellt. So oder so: All jene, die sich heute noch in einem sich auflösenden beziehungsweise im Entstehen begriffenen Rechtsrahmen bewegen und engagieren sind noch “informelle politische Subjekte” (<a href="http://press.princeton.edu/titles/8159.html" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Saskia Sassen</a>), die im bevorstehenden Geschichtsabschnitt zu “formal politischen Subjekten” reifen, sprich: die neuen Bürger werden.<br />
Dass dieser Prozess nicht ohne Kampf möglich ist, daran erinnern <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Tiqqun_%28Literatur%29" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Tiqqun</a>. Das Autorenkollektiv aus Frankreich meint: Recht zu haben reiche nicht aus, man müsse auch in der Lage sein, Veränderungen herbeizuführen. Tiqqun ist nicht so dumm Gesetze (und Rechte) für “nutzlos” (<a href="http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/ueberwachung/information-consumerism-the-price-of-hypocrisy-12292374.html" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Evgeny Morozov</a>) zu erklären, sondern relativiert ihre gesellschaftspolitische Funktion und verweist nicht zuletzt auf das Dilemma der Rechtsdurchsetzung – deren schleichende Privatisierung einerseits, deren Aufhebung andererseits. Konsequenterweise ruft Tiqqun den Bürgerkrieg aus. Unter anderem mit dem Ziel, den Rechtsstaat zu reanimieren.<br />
Man kann den “Snowden-Effekt” mit “Paranoia” und “Getöse” (<a href="http://www.spiegel.de/politik/deutschland/nsa-ex-innenminister-schily-haelt-furcht-vor-ueberwachung-fuer-paranoid-a-913507.html" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Otto Schily</a>) abtun, aber damit weder das “Ende der Debatte” (<a href="http://www.daserste.de/information/wissen-kultur/ttt/sendung/hr/sendung_vom_18082013-102.html" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Frank Schirrmacher</a>) legitimieren, noch den “kommenden Bürgerkrieg” in Abrede stellen. Zu ernsthaft bedrohen sowohl die Überwachungsverfahren als auch deren Undurchsichtigkeit die Gesellschaft. Die Vermählung von Staat und Wirtschaft ermöglicht ein post-panoptisches Schattenregime der “sozialen Klassifizierung” (<a href="http://berlinergazette.de/buerger-staat-edward-snowden-digitale-gegenwart/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">David Lyon</a>), der “kumulativen Benachteiligung” (<a href="www.surveillance-and-society.org/ojs/index.php/journal/article/download/consumer_editorial/consumer_editorial" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Oscar Gandy</a>), der “datenbasierten Diskriminierung” (<a href="http://datenfresser.info/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Kurz/Rieger</a>) sowie der “Adiaphorisierung” (<a href="http://baumaninstitute.leeds.ac.uk/conference/conference-papers/milovic/10/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Zygmunt Baumann</a>) – derweil sich die Spaltung zwischen Bürger und Staat verschärft.</p>
<h3>Bedrohungen, Gegenmittel, Forderungen</h3>
<p>Wenn Rechtsstaat und Bürgerschaft erkämpft werden müssen, dann sind Grundrechte nicht alles, aber wichtig. Schutzrechte müssen zugunsten des “Super-Grundrechts Sicherheit” (<a href="http://www.spreezeitung.de/10132/gibt-es-ein-super-grundrecht-auf-sicherheit/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Hans-Peter Friedrich</a>) verteidigt werden. Datenschutz etwa gehört in der Post-Snowden-Welt ganz oben auf die Agenda. Ebenso die Forderung nach einem Whistleblower-Schutz. Vielleicht muss sogar eine “Whistleblower-Gewerkschaft” (<a href="http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/der-soziologe-ulrich-beck-im-gespraech-digitaler-weltstaat-oder-digitaler-humanismus-12287900.html" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Ulrich Beck</a>) her.<br />
<a href="http://politik-digital.de/wp-content/uploads/vieles_klar.jpeg.jpg"><img decoding="async" class="alignleft size-large wp-image-131384" alt="vieles_klar.jpeg" src="http://politik-digital.de/wp-content/uploads/vieles_klar.jpeg-630x384.jpg" width="630" height="384" /></a><br />
Die Rechenschaftspflicht öffentlicher Institutionen muss durchgesetzt werden. Geheimdienste sind davon nicht ausgeschlossen. Die Komplexität der Technik, nationale Sicherheit oder Betriebsgeheimnisse privatwirtschaftler Partner können nicht ernsthaft als Argumente herhalten um die Undurchsichtigkeit der neuen Überwachungsverfahren zu legitimieren.<br />
Transparenz als Kontrollmechanismus kann ein probates Gegenmittel sein. Doch kann es nicht Transparenz, um der Transparenz willen sein. Wir, die Bürger von morgen, müssen uns fragen: Wie wollen wir Transparenz herstellen? Wozu genau? Was dann machen damit? Unreflektierte Transparenz kann nicht zuletzt dem Daten- und Informationsfetischismus zum Opfer fallen. Deshalb gilt auch analog dazu: Leaks nicht der Leaks willen. Es geht vielmehr darum auf der wachsenden Informationsbasis der Leaks und den daraus resultierenden gesellschaftspolitischen Konsequenzen möglichst bald <a href="http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/der-soziologe-ulrich-beck-im-gespraech-digitaler-weltstaat-oder-digitaler-humanismus-12287900.html" target="_blank" rel="noopener noreferrer">nicht nur noch mehr Informationen zu leaken, sondern auch Medizin, Essen, Häuser</a> und öffentliche Netz-Infrastrukturen.</p>
<h3>Das nicht-wirtschaftliche Moment</h3>
<p>Zu Beginn des 21. Jahrunderts lösen Konzerne aus dem IT-Bereich das Militär als Technologie-Avantgarde ab. Darüber hinaus ersetzen sie den Staat als Container, in dem wir uns aufgehoben fühlen. Die Allgegenwart der Ökonomisierung zeitigt nicht nur einen neoliberalen Staat, sondern auch Sinnsysteme wie Facebook, die Menschen das ersehnte Gefühl von Zugehörigkeit vermitteln. Hier ist das Verhältnis von Bürger und Staat an einem Nullpunkt angekommen. Hier ist es in fortgeschrittener Auflösung begriffen.<br />
Wollen wir das Verhältnis von <a href="http://berlinergazette.de/gemeingut-debatte-theorien/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Bürger und Staat</a> neu im Konnex Technologie und Zugehörigkeit denken – dann gilt es nicht zuletzt für das “nicht-wirtschaftliche Moment” (<a href="http://berlinergazette.de/teilen-kulturrecht-statt-marktversagen/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Philippe Aigrain</a>) unserer digitalen Ära zu sensibilisieren. Wie auch immer das Selbstverständnis als Mitglied eines sozialen Netzwerks (ob Kunde, Konsument oder Produkt, ob unfreiwillig oder selbstbestimmt überwachtes Objekt), längst überformt es das Mindset des Bürgers. Sich als Bürger neu zu begreifen (mit allem was dazu gehört, mit allen Konsequenzen, auch im Hinblick auf den Staat) das bedeutet heute das “nicht-wirtschaftliche Moment” auf die eigene Existenz zu beziehen. Sich als Bürger zu rekonzipieren, bedeutet Nicht-Kunde, Nicht-Konsument, Nicht-Produkt der (Selbst-)Überwachung zu sein. Zumindest für einen Moment, in dem sich potenziell alles neu ordnet.<br />
Schließlich bedeutet es Bürgerschaft mit anderen zu teilen – als Lebensgefühl, als Gesinnung, als innere Notwendigkeit. Wie es Edward Snowden mit uns tut: Statt weiterhin ein Angestelltendasein zu fristen, hat er sich, seinem Gewissen folgend, auf seine Rolle als verantwortungsvoller Bürger besonnen. Statt die Informationen an den Meistbietenden zu verkaufen, macht er sie der Öffentlichkeit <a href="http://www.nytimes.com/2013/08/18/magazine/laura-poitras-snowden.html?pagewanted=all&amp;_r=1&amp;" target="_blank" rel="noopener noreferrer">in Zusammenarbeit mit glaubwürdigen Journalisten</a> frei zugänglich. Statt sich von den Massenmedien als <a href="http://www.daserste.de/information/wissen-kultur/ttt/sendung/hr/sendung_vom_18082013-102.html" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Widerstandspopstar</a> feiern zu lassen, lässt er sein Wissen sprechen. Zwecks konstruktiver Kritik am Staat. Snowden zeigt damit nicht zuletzt, dass das “nicht-wirtschaftliche Moment” ein besonders kostbares Moment ist in Zeiten, die hoffnungslos überladen scheinen mit den Werten und der Logik des Marktes. Darüber hinaus zu denken, fällt schwer. Etwa genauso schwer, wie sich selbst als Bürger und den Staat als Rahmen der eigenen Existenz zu begreifen. Wie das doch möglich ist – das führt Snowden in einer sehr radikalen Weise vor.<br />
&nbsp;<br />
Dieser Artikel ist ein Crosspost und wurde zuerst in der <a href="http://berlinergazette.de/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Berliner Gazette</a> veröffentlicht.<br />
Bilder: Portrait von Edward Snowden: Standbild aus einem <a href="http://www.youtube.com/watch?v=5yB3n9fu-rM">Film</a> von <a title="w:Laura Poitras" href="http://en.wikipedia.org/wiki/Laura_Poitras">Laura Poitras</a> (<a href="http://www.praxisfilms.org/" rel="nofollow">Praxis Films)</a>; Demonstration: <a title="flickruser:48973657@N00" href="http://www.flickr.com/people/48973657@N00">See-ming Lee</a><br />
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