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	<title>Soziale Bewegung &#8211; politik-digital</title>
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	<description>Information, Kommunikation, Partizipation</description>
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	<title>Soziale Bewegung &#8211; politik-digital</title>
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	<item>
		<title>Die Netzkommunikation von NGOs und zivilgesellschaftlichen Organisationen</title>
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		<dc:creator><![CDATA[admin]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 10 Oct 2005 22:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Der Bundestag erforscht die netzbasierte Kommunikation]]></category>
		<category><![CDATA[Protest]]></category>
		<category><![CDATA[Netzkultur]]></category>
		<category><![CDATA[Studie]]></category>
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					<description><![CDATA[Der Autor ist Wissenschaftlicher Koordinator des Forschungskollegs Kulturwissenschaftliche Technikforschung am Institut für Volkskunde der Universität Hamburg (früher tätig am Forschungsinstitut für Arbeit, Technik und Kultur in Tübingen).]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Der Autor ist Wissenschaftlicher Koordinator des Forschungskollegs Kulturwissenschaftliche Technikforschung am Institut für Volkskunde der Universität Hamburg (früher tätig am Forschungsinstitut für Arbeit, Technik und Kultur in Tübingen).<!--break--></p>
<p>
                              <strong>Klaus Schönberger vertiefte im Rahmen eines zweiten Gutachtens des TA-Projekts „Analyse netzbasierter Kommunikation unter kulturellen Aspekten“ die Frage nach der Rolle von netzbasierter Kommunikation in den sozialen Bewegungen. Unter dem Titel „Persistenz und Rekombination. NGOs und zivilgesellschaftliche Organisationen zwischen traditionalen und weiterentwickelten Praktiken politischen Handelns in netzbasierter Kommunikation“ untersuchte der Kulturwissenschaftler welche Formen von<br />
                              <br />Protest und Mobilisierung sich entwickeln.</strong>
                            </p>
<p>Die Forschung über die Rolle der netzbasierten Kommunikation in den sozialen Bewegungen befindet sich erst in den Anfängen. Dies ist umso überraschender, als dass die Bedeutung netzbasierter Kommunikation in den sozialen Bewegungen weitaus größer ist als im klassischen politischen Feld.</p>
<p>Die Nutzung neuer Informations- und Kommunikationstechniken wird häufig in einem engen Zusammenhang mit dem Topos der &#8216;Krise(n) der Demokratie’, einem veränderten Politikbegriff und dem Erstarken beziehungsweise Aufkommens eines neuen Typus der sozialen Bewegungen diskutiert. Insofern gilt das Aufkommen der transnationalen sozialen Bewegungen gegen die neoliberale Globalisierung häufig als Ausdruck, Katalysator und Antwort von und auf Politikverdrossenheit in den liberalen repräsentativen Demokratien.</p>
<p>Theoretisch gibt es verschiedene Zugänge zum Zusammenhang zwischen der Nutzung netzbasierter Kommunikation und den neuen sozialen Bewegungen. Eine funktionalistische Interpretation sieht den Zusammenhang zwischen Aufgabengebiet (flexible Koordination auf internationalem Niveau) und technischem Dispositiv. Die zweite theoretische Annäherung betont die formalen und semantischen Entsprechungen zwischen Technik und der Organisation dieser Bewegungen. Die dritte theoretische Herangehensweise will vor allem zeigen, dass das soziotechnische Dispositiv netzbasierter Kommunikation normative Prinzipien, Repräsentationen und Ideologien vorhält, die wiederum in den verschiedenen Nutzungen, insbesondere auch in kritischen Momenten zutage treten. Danach sind bestimmte persistente Effekte sowohl soziokulturellen Praktiken in der Organisation wie der Form des Netzes geschuldet.</p>
<p>Ein wesentlicher Aspekt für die zunehmende Nutzung netzbasierter Kommunikation in den sozialen Bewegungen sind die geringen Transaktionskosten und damit eng verbunden der vergleichsweise geringe technische Aufwand, Kosteneinsparungsmöglichkeiten, Schnelligkeit und Ortsunabhängigkeit. Wesentlich ist darüber hinaus die Möglichkeit das Veröffentlichungsmonopol der klassischen Medien zu umgehen. Eng damit verbunden sind eine Effizienzsteigerung sowie die Vervielfachung des potentiellen Nutzerkreises, was de facto eine Bereicherung der demokratischen Kultur darstellt. Die Möglichkeiten des Umgangs mit Information stellen sich nicht zuletzt aufgrund der genannten Faktoren sowie der Möglichkeiten zur Speicherung und den damit verbunden Archivfunktionen als prinzipiell verändert dar.</p>
<p>Ungeachtet der erweiterten Möglichkeiten zur Desintermediation geht die Forschung unverändert davon aus, dass es aufgrund der Informationsflut nach wie vor intermediärer Instanzen bedarf. Gleiches gelte auch für die Vielzahl an Informationen, die durch die sozialen Bewegungen produziert werden.</p>
<p>ATTAC beispielsweise nutzt das Internet zur Bündelung und Bereitstellung von Wissen und Informationen. Die Expertisen-Strategie von ATTAC ist zugleich eines der zwei zentralen Dispositive der Medienkritik innerhalb der sozialen Bewegungen. Das zweite medienaktivistische Dispositiv der Medienkritik zielt mit Indymedia auf ein Empowerment der bisherigen Nur-Medien-Konsumenten und ihrer Transformation zum Produzenten.</p>
<p>Auch für die so genannten internen Strategien der sozialen Bewegungen muss festgehalten werden, dass nur wenige empirische Studien darüber vorliegen, ob und wie sich die Nutzung netzbasierter Kommunikation auf ihren demokratischen Charakter, auf die Rekrutierung von Mitgliedern und Sympathisanten sowie auf die Beziehungen zwischen ihren online- und offline-Aktivitäten und ihre Mittel, Inhalte und Kanäle auswirkt. Gleiches gilt für den Einfluss der Nutzung netzbasierter Kommunikation auf die internen Strukturen der Bewegungsorganisationen.</p>
<p>In diesem Zusammenhang wird häufig auch von einer „Wahlverwandtschaft“ zwischen technischer und organisationaler Netzwerkstruktur der sozialen Bewegungen ausgegangen. Zunächst sind es aber thematische Horizonterweiterungen, die völlig neuen Speichermöglichkeiten, die beschleunigte Kooperation und Kommunikation sowie die erweiterte Definitionsmacht hinsichtlich der eigenen Inhalte, die sich aus der Desintermediation netzbasierter Kommunikation ergeben. Allerdings zeigen sich Unterschiede zwischen eher informellen Netzwerken und zentralisierten Bewegungsorganisationen. Sowohl ideologisch radikale Gruppen und ihrer Affinität zur direkten Aktion wie auch etablierte NGOs weisen eine gewisse Distanz zum Internet auf. Darüber hinaus wird das den neuen Informations- und Kommunikationstechniken inhärente soziale Potenzial in der Nutzung kaum realisiert. Interaktive Angebote stellen in den etablierten Organisationen eher die Ausnahme dar. Ursache hierfür mag sein, dass die mit einer Nutzung dieses Potentials verbundenen impliziten (organisationskulturellen) wie expliziten (organisationalen) Selbstveränderungen die gewachsenen Machtstrukturen berühren und daher keineswegs auf allen Ebenen dieser Organisationen erwünscht sind. Andererseits ermöglicht netzbasierte Kommunikation Formen der Partizipation, die ohne sie nicht denkbar wären. Dabei bilden sich einerseits zwar alle Formen von vertikalen und horizontalen Koalitionen, andererseits befördert sie aber auch die segmentierte und polyzentrische Natur gegenwärtiger sozialer Bewegungen.</p>
<p>Auch für die verschiedenen Formen des Netzaktivismus und die diversen externen Strategien ist festzuhalten, dass es nur wenig Wissen darüber gibt, in welcher Weise die sozialen Bewegungen das Internet nutzen, um ihre Anliegen nach außen zu kommunizieren. Das liegt aber nicht daran, dass netzbasierte Kommunikation hierfür nur in geringer Weise eingesetzt wird. Im Gegenteil. Das Internet ist inzwischen zu einer strategischen Plattform erwachsen, auf der nicht nur die interne Kommunikation in und zwischen den sozialen Bewegungen abgewickelt wird, sondern, die zugleich ein wichtiger Ausgangspunkt für Mobilisierungen von Protestaktionen außerhalb des Netzes geworden ist und ein Resultat des Vernetzungspotentials. Darüber hinaus entwickelte sich ein Netzaktivismus, der versucht, die technischen Bedingungen des Internet für die Entwicklung neuer oder erweiterter (rekombinanter) Protestformen zu nutzen und der das Internet zugleich als einen politischen Handlungsraum mit einem spezifischen Politikverständnis konzipiert.</p>
<p>Zunächst wurde netzbasierte Kommunikation dazu genutzt, eine klassische Artikulationsform von Protestbewegungen, die Unterschriftensammlung in eine elektronische Form zu überführen. Der Wert solcher E-Petitionen ist aber umstritten, da der Vorzug netzbasierter Kommunikation, der geringe Aufwand, zugleich in der Regel imageschädigend wirkt.</p>
<p>Weniger im Sinne spezifischer Aktionsformen mit jeweils spezifischen technischen Tools, als mehr als viel dimensionaler sozialer Raum, hat sich das Internet zur Heimstätte zahlreicher Kampagnen der sozialen Bewegungen entwickelt. Sowohl hinsichtlich Koordinierung als auch Informationsverbreitung konstituiert das Internet über die Verknüpfung zahlreicher Netzwerke eine neue Dimension von transnationaler Öffentlichkeit, die sozialen Bewegungen bisher in diesem Umfang nicht zur Verfügung stand. Hierüber lassen sich nun viel einfacher auch nachhaltige und permanente Kampagnen durchführen. Das Netzwerk ist nicht nur die zentrale Metapher für das Internet, sondern dient auch zur Beschreibung der sozialen Bewegungen, die Kampagnen- und Organisationsformen erfunden haben, die kein Zentrum mehr besitzen und nur schwache ideologische und organisatorische Bindungen eingehen. Dies kann unter wechselnden Bedingungen sowohl als Stärke aber auch als Schwäche angesehen werden.</p>
<p>Von den Kommunikation ermöglichenden lassen sich Kommunikation (technisch) blockierende Aktionsformen unterscheiden. Die Bemühungen, mit virtuellen Sit-ins und Online-Demonstrationen erprobte ‚Real-Life’-Massenprotestaktionen in das Internet zu übertragen, zielen auf eine massenhafte Beteiligung und symbolische Regelverletzung als Ausdruck des Protests. Sie haben jedoch bereits wieder an quantitativer Bedeutung verloren. Allerdings können sie nicht zuletzt aufgrund der technischen Gegebenheiten kein vergleichbares soziales Erlebnis stiften, wie das eine Sitzblockade vor einem Raketendepot noch vermochte. Unter den gegenwärtigen technischen Bedingungen sieht es so aus, als ob im Hinblick auf eine massenhafte Teilhabe an Protestaktionen, netzbasierte Kommunikation derzeit eher als Werkzeug für Kommunikation, Information und Mobilisierung dient, denn selbst Ort von Aktionen ist.<br />
                            <br />Demgegenüber zielen Aktionen der Kommunikationsguerilla weder auf die Herstellung einer klassischen Gegenöffentlichkeit mit dem Anspruch der eigenen Sichtweise Gehör zu verschaffen, noch auf die Unterbrechung des Informationskanals, sondern auf die Subversion hegemonialer Medienbotschaften, die über Kontextverschiebungen in einem entkontextualisierten Raum begünstigt werden.</p>
<p>Die Debatte über die Konsequenzen des digitalen Zeitalters der elektronischen Kommunikation für die sozialen Bewegungen zeichnete sich zunächst dadurch aus, dass hier vor allem in Kategorien der Substitution(en) diskutiert wurde. Dabei ging es um die strategische Verlagerung des politischen Handelns wie der sozialen Interaktion in das Internet. Insofern ist es nicht verwunderlich, dass in der Praxis auch tatsächlich verschiedene Versuche unternommen wurden, die bekannten und bewährten Kommunikations- und Handlungsmuster in den neuen sozialen Raum zu übertragen. Vor dem Hintergrund der damit verbundenen konkreten praktischen Erfahrungen hat die Diskussion inzwischen eine andere Richtung genommen, die auf die Entwicklung des mit dem Internet verbundenen Mediendispositivs als Informations- und Koordinierungsmedium verweist. Demnach ergibt sich eine sinnvolle Nutzung für die sozialen Bewegungen nicht aus den Übertragungsversuchen von Offline-Protestformen, sondern aus mobilisierenden und vernetzenden Kommunikations- und Handlungsmustern, die aber auch organisationale wie inhaltliche Implikationen mit sich bringen, gegen die es durchaus Widerstände gibt. Die sozialen Bewegungen finden zunehmend eine Praxis, in der politisches und soziales Online- und Offline-Handeln verknüpft sind. Daraus resultiert ein erheblicher Forschungsbedarf, der auch methodische Fragen hinsichtlich der Erforschung der Verknüpfung beider sozialer Räume aufwirft.</p>
<p>Das Internet ist also für die heutigen sozialen (transnationalen) Bewegungen zu einer wichtigen Ergänzung ihrer Kommunikationsmittel geworden. Sein Gebrauch hat Einfluss auf die Gestaltung der politischen Prozesse der transnationalen sozialen Bewegungen. Dabei ist diese Nutzung neuer Informations- und Kommunikationstechniken nicht einfach als technische Erweiterung bestehender Kommunikationsmittel fassbar. Die bisher zusammengetragenen Ergebnisse über die Nutzung von netzbasierter Kommunikation in den sozialen Bewegungen lassen sich als Einheit von Persistenz und Rekombination im Prozess des soziokulturellen Wandels fassen. Das Bild vom „Langen Arm des ‚Real Life’“ beschreibt dabei die beiden vermeintlich gegenläufigen Prozesse von Persistenz und Rekombination nicht als Widerspruch, sondern konzipiert sie als zwei Seiten einer Medaille, die den Prozess des soziokulturellen Wandels hinsichtlich der Nutzung neuer Medien auf allgemeiner Ebene theoretisch zu fassen vermag.</p>
<p>
                              <strong>Der Autor ist Wissenschaftlicher Koordinator des Forschungskollegs Kulturwissenschaftliche Technikforschung am Institut für Volkskunde der Universität Hamburg (früher tätig am Forschungsinstitut für Arbeit, Technik und Kultur in Tübingen).</strong>
                            </p>
<p>
                              <strong>Weiterführende Links:</strong>
                            </p>
<ul>
<li>
                                <a href="http://www.politik-digital.de/edemocracy/netzkultur/index.shtml#tab">Dossier: Der Bundestag untersucht die netzbasierte Kommunikation</a>
                              </li>
</ul>
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			</item>
		<item>
		<title>Keine Machtveränderung durchs Internet</title>
		<link>https://www.politik-digital.de/uni-streik/netzkampagnenrucht-shtml-2768/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[admin]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 20 Jan 2004 22:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Uni-Streik]]></category>
		<category><![CDATA[Landespolitik]]></category>
		<category><![CDATA[Online-Kampagne]]></category>
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					<description><![CDATA[Der Studentenstreik ist keine soziale Bewegung, sagt im Interview der renommierte Sozialforscher Prof. Dieter Rucht. Das Internet kann keine Machtverhältnisse verändern, sondern die Vernetzung beschleunigen.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Der Studentenstreik ist keine soziale Bewegung, sagt im Interview der renommierte Sozialforscher Prof. Dieter Rucht. Das Internet kann keine Machtverhältnisse verändern, sondern die Vernetzung beschleunigen.<!--break-->
                    </p>
<p>
                    <a href="http://www.wz-berlin.de/zkd/poem/mitarbeiterinnen/rucht.de.htm" target="_blank" rel="noopener noreferrer"><br />
                    <img decoding="async" height="106" alt="Prof. Dieter Rucht" src="/salon/photos/drucht.jpg" width="85" align="left" border="0" />Prof. Dieter Rucht</a> gilt als erfahrener und renommierter Forscher im Bereich &#8220;soziale Bewegungen&#8221;. Er hat vor drei Jahren seine Forschungstätigkeit am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) wieder aufgenommen. Der 67jährige hat zahlreiche Forschungsaufenthalte, unter anderem in Harvard, hinter sich. Die Liste seiner unzähligen Publikationen füllt mehrere Seiten. Der Titel seines zuletzt herausgebenen Buches lautet: Politische Demonstrationsrituale.</p>
<p>
                    <strong>politik-digital.de:</strong> Ist der aktuelle Streik der Studierenden eine soziale Bewegung?</p>
<p>                    <strong>Dieter Rucht:</strong> Nein, zumindest noch nicht. Zu einer sozialen Bewegung gehören zunächst einmal gewisse stabile Strukturen, die über eine kurzfristige Mobilisierung hinausgehen. Außerdem werden von sozialen Bewegungen die Grundlagen einer gesellschaftlichen Ordnung in letzter Instanz in Frage gestellt. Beim Hochschulstreik haben wir es in meinen Augen eher mit einer durchaus bemerkenswerten politischen Kampagne zu tun, bei der momentan von der Mehrheit der Aktiven sehr begrenzte Ziele verfolgt werden.</p>
<p>
                    <strong>politik-digital.de:</strong> Könnte sich aus diesem Streik eine soziale Bewegung entwickeln?</p>
<p>                    <strong>Dieter Rucht:</strong> Es gibt erste Ansätze dazu. Dass sich eine Bewegung an einem begrenzten Problem entzündet, ist durchaus möglich. So begann der Streik der Studierenden 1997 mit Raummangel an der Universität Gießen. Jetzt bahnt sich ein Bündnis von Studierenden mit verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen an, von dem man noch nicht weiß, ob es trägt, und ob es bei der Verbreiterung der Themen um mehr geht als die Abwehr von Kürzungen im Bildungs- und Sozialbereich.</p>
<p>
                    <strong>politik-digital.de:</strong> Beim Streik an den Berliner Universitäten spielt das Internet eine zentrale Rolle. Stehen diese aktuellen Vorgänge nicht im Gegensatz zu Ihrer kritischen Einschätzung von der Rolle des Internets in sozialen Bewegungen?</p>
<p>                    <strong>Dieter Rucht:</strong> Nein, natürlich ist das Internet in solchen Zusammenhängen ein wichtiges und nützliches Kommunikationsmedium. Ich wollte mit meinem kritischen Beitrag ein Gegengewicht bilden zu einer Debatte, die aus meiner Sicht allzu große Hoffnungen in die weitergehenden Potenziale des Internet setzt. So meine ich zum Beispiel nicht, dass durch das Internet politische Machtverhältnisse verändert werden können.</p>
<p>
                    <strong>politik-digital.de:</strong> Welche Rolle spielt das Internet Ihrer Meinung nach bei der Entstehung von sozialen Bewegungen?</p>
<p>                    <strong>Dieter Rucht:</strong> Das Internet hat vor allem einen beschleunigenden Effekt bei der Vernetzung von schon aktionsbereiten Aktivisten. Außerdem spielt die Reichweite der Kommunikation keine Rolle mehr &#8211; ob ich eine Mail nach Australien, Peking, oder ins Nebenzimmer schicke, macht kaum einen Unterschied.<br />
                    <br />Ich glaube nicht, dass über das Internet viele neue Aktivisten mobilisiert werden können. Außerdem ist zu bedenken, dass ja auch die Gegenseite das Internet nutzt. So ist es der Polizei ein Leichtes, bestimmte Mailinglisten zu überwachen. Auch besteht durch die mangelnde Absicherung der Quellen ein gewisses Misstrauen bei InternetnutzerInnen, beispielsweise gegenüber Massenmails mit Appellen. Auf Netzkampagnen selbst können große Konzerne sich gut vorbereiten, wie die Kampagne gegen Lufthansa gezeigt hat.</p>
<p>
                    <strong>politik-digital.de:</strong> Könnte durch diese beschleunigten Kommunikationsprozesse die Schlagkraft von Bewegungen zunehmen?</p>
<p>                    <strong>Dieter Rucht:</strong> Es steht außer Frage, dass das Internet die Kommunikationsgeschwindigkeit auf die Spitze treibt. Dennoch, die Geschichte hat gezeigt, dass sich Nachrichten lange vor der Entwicklung des Internet wie ein Lauffeuer verbreiten konnten und kurzfristig Massenproteste zustande kamen. Bei den Studierenden-Protesten 1995 in Frankreich war beispielsweise das Fax ein wichtiges Kommunikationsmittel. Schon damals schrieben die Kommentatoren, dass es dank dieser neuen Techniken nun möglich sei, Proteste schneller und effektiver zu koordinieren.</p>
<p>
                    <strong>politik-digital.de:</strong> Wie sieht es denn aus mit dem Problem des &#8220;digitalen Grabens&#8221;. Ist diese Ungleichverteilung von Internetanschlüssen auch im Zusammenhang mit der Nutzung durch Protestbewegungen ein Problem?</p>
<p>                    <strong>Dieter Rucht:</strong> Bezogen auf die Studierendenschaft würde ich eher das Gegenteil behaupten, da nahezu 100 Prozent am Netz sind. Im globalen Zusammenhang, zum Beispiel bei globalisierungskritischen Gruppen, sind von den Ländern des Südens meist nur die Kommunikationseliten im virtuellen Diskurs vertreten. Aber nicht nur die Infrastruktur, sondern auch gewisse sprachliche Kompetenzen wie gute Englischkenntnisse müssen gegeben sein. Das hat oft auch Folgen für die Unterstützung durch ausländische Geldgeber im Norden. Während bestimmte Gruppen ihre Bedürfnisse sehr gut kommunizieren können, leisten andere ebenso gute Arbeit, aber verfügen nicht über entsprechende Kommunikationsfähigkeiten.</p>
<p>
                    <strong>politik-digital.de:</strong> Bei öffentlichen politischen Diskursen äußern sich meist dieselben Personen. Bietet das Internet nicht eventuell die Chance, diese oder ähnliche Dynamiken auszuschalten?</p>
<p>                    <strong>Dieter Rucht:</strong> Die diskursive Auseinandersetzung über das Internet läuft meiner Ansicht nach nicht besonders gut. Theoretisch wäre es über das Internet möglich, Informationen und Beschlussanträge vorher zu verteilen um damit zu verhindern, dass Leute auf einer bestimmten Veranstaltung von einer Situation überrollt werden, ohne dass auch nachdenkliche Stimmen zu Wort kommen. Diese vorbereitende oder auch nachbereitende Meinungsbildung ist jedoch auch ohne Internet möglich. Die empirischen Analysen haben außerdem gezeigt, dass sich die Kommunikation in bestimmten Chatrooms &#8211; wie denen der politischen Parteien &#8211; auf einen sehr kleinen Kreis bezieht, der fast schon professionell agiert. Und Diskussionen zwischen vielen sind über das Internet kaum zu realisieren.</p>
<p>
                    <strong>politik-digital.de:</strong> Zum Abschluss noch eine persönliche Frage. Sie waren als junger Student an den Protesten 1968 beteiligt. Ich kann mir heute gar nicht mehr vorstellen, wie das ohne Internet funktioniert haben soll?</p>
<p>                    <strong>Dieter Rucht:</strong> Das war ganz einfach. Die Universität ist genauso wie der Betrieb der nahezu ideale Ort, um die gesamte Gruppe, die dort tätig ist, schnell zu informieren. Andere Gruppen wie Arbeitslose sind dagegen strukturell isoliert und darum viel schwerer zu mobilisieren.<br />
                    <br />Zwar steckte ich damals als Studienanfänger noch nicht so tief in der Protestbewegung drin, doch nach meinen Beobachtungen wurden Nachrichten problemlos und schnell weitergegeben. Am 2. Juni 1967, um ein Beispiel zu nennen, gab es vormittags einen Protest mit einigen Hundert Leuten gegen den Besuch des Schahs aus Persien vor dem Schöneberger Rathaus. Als es unter den Augen der Polizei zu den Übergriffen der so genannten &#8220;Jubel-Perser&#8221; kam, wurde ein Treffpunkt für denselben Abend vor der Deutschen Oper ausgemacht, die der Schah besuchen wollte. Dort kamen einige Tausend Leute, die meist durch Mund-zu-Mund-Propaganda davon erfahren hatten.<br />
                    <br />Im Gegenteil, in diesem Zusammenhang fällt mir auf, dass das Internet eventuell auch negative Effekte haben könnte. War es früher noch notwendig, an der Universität zu erscheinen, um wichtige Informationen zu bekommen, genügt heute ein Blick in den Mail-Posteingang. Diese Beobachtung aus der Distanz fördert die Bequemlichkeit und verhindert gleichzeitig die emotionale Mobilisierung, die durch Austausch; Nähe, Gemeinsamkeit und auch das Austragen von Konflikten entsteht. In diesem Fall wäre das Internet sogar kontraproduktiv.</p>
<p>
                    <strong>politik-digital.de:</strong> Vielen Dank für das Gespräch!</p>
<table cellpadding="2" width="146" border="0">
<tbody>
<tr>
<td bgcolor="#FFCC33">
<div class="tidy-2">Erschienen am 21.01.2004</div>
</td>
</tr>
</tbody>
</table>
<p></p>
<table cellspacing="0" cellpadding="2" width="390" border="0">
<tbody>
<tr>
<td align="middle">
                            <em><br />
                              <a href="mailto:redaktion@politik-digital.de?subject=Artikel:">Kommentieren Sie diesen Artikel!</a><br />
                            </em></p>
<p>                            <em><br />
                              <a href="/salon/diskussion/">Diskutieren Sie mit anderen in unserem Forum!</a><br />
                            </em><br />
                            
                          </td>
</tr>
</tbody>
</table>
<hr class="tidy-3" width="390" noshade="noshade" size="1" />
                    </p>
<p>
                      <strong>Weiterführende Artikel:</strong>
                    </p>
<ul>
<li>
                        <a href="http://www.politik-digital.de/edemocracy/netzkampagnen/index.shtml#streik"><br />
                          <strong>Dossier Uni-Streik</strong><br />
                        </a>
                      </li>
</ul>
<p>                    <!-- Content Ende --></p>
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