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	<title>Sozialleistung &#8211; politik-digital</title>
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	<title>Sozialleistung &#8211; politik-digital</title>
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	<item>
		<title>&#8220;Ich rate Kurt Beck, seine Äußerungen nicht zu wiederholen&#8221;</title>
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		<dc:creator><![CDATA[mullrich]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 08 Jun 2006 23:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Chattranscripte]]></category>
		<category><![CDATA[Hartz IV]]></category>
		<category><![CDATA[Björn Böhning]]></category>
		<category><![CDATA[Sozialleistung]]></category>
		<category><![CDATA[Missbrauchsdebatte]]></category>
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					<description><![CDATA[<p class="normal">
<b>Am Freitag, 9. Juni, war Björn Böhning, 
Vorsitzender der JuSos, zu Gast im tagesschau-Chat <span style="font-size: x-small">in 
Kooperation mit politik-digital.de. Er stellte sich den Fragen zur 
Rolle der Jusos in der SPD, Studiengebühren und den Äußerungen 
Kurt Becks zum Hartz 4-Missbrauch.</span></b>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p class="normal">
<b>Am Freitag, 9. Juni, war Björn Böhning,<br />
Vorsitzender der JuSos, zu Gast im tagesschau-Chat <span style="font-size: x-small">in<br />
Kooperation mit politik-digital.de. Er stellte sich den Fragen zur<br />
Rolle der Jusos in der SPD, Studiengebühren und den Äußerungen<br />
Kurt Becks zum Hartz 4-Missbrauch.</span></b><!--break-->
</p>
<p>
<b><b>Moderator:</b></b> Liebe Chatter, heute<br />
ist der Bundesvorsitzende der Jungsozialisten, Björn Böhning,<br />
ins ARD-Hauptstadtstudio gekommen. Wie es sich für einen Juso<br />
gehört, hält er mit Kritik an der SPD nicht hinter dem<br />
Berg. Alle Fragen sind willkommen, wir sammeln und ordnen dann.<br />
Herr Böhning, können wir beginnen?
</p>
<p>
<b><b>Björn Böhning:</b></b> Ja, gerne.
</p>
<p>
<b>Pille90: </b>Herr Böhning, ich bin 16 Jahre alt<br />
und habe schon selber an einer Veranstaltung der Jusos teilgenommen.<br />
Dabei fiel mir auf, dass nur wenige Mitglieder in meinem Alter bei<br />
den Jusos sind. Dies entmutigte mich, weiter mitzumachen. Spiegelt<br />
dies auch die Bundessituation der Jusos wieder?
</p>
<p>
<b><b>Björn Böhning:</b></b> Ganz im Gegenteil. Die<br />
Jusos haben im letzten Jahr über 11.000 neue Mitglieder gewonnen.<br />
Damit sind wir erstmals seit den 70er Jahren in absoluten Zahlen<br />
mehr geworden. Unter den neuen Mitgliedern sind vor allem Jüngere<br />
zwischen 16 und 22 Jahren.
</p>
<p>
<b>Simon_Haber:</b> Wie ist der Altersdurchschnitt der<br />
Jusos?
</p>
<p>
<b><b>Björn Böhning:</b></b> Der Altersdurchschnitt<br />
der Aktiven liegt zwischen 16 und 21 Jahren und der Altersdurchschnitt<br />
insgesamt wird bei Ende 20 liegen.
</p>
<p>
<b><b>Björn Böhning:</b></b> Es gibt kein einziges<br />
durchgerechnetes oder wirklich zur Verfügung stehendes Kreditprogramm.<br />
Gleichzeitig ist es so, dass natürlich nur ärmere Studierende<br />
auf solche Kreditangebote zurückgreifen müssten und andere<br />
sich die Kredite sparen können. Es kann nicht sein, dass mit<br />
einem Studium bereits ein Schuldenberg für den weiteren Lebenslauf<br />
aufgebaut wird. Auch diese Maßnahme würde einem Großteil<br />
der jungen Menschen den Zugang zur Hochschule abspenstig machen.
</p>
<p>
<b>sirius:</b> Wieso gegen Studiengebühren, wenn<br />
Studienkonten okay waren?
</p>
<p>
<b>Björn Böhning:</b> Die Jusos treten auch gegen andere Formen<br />
von Studiengebühren wie Studienkonten oder Einschreibegebühren<br />
ein. Grundsätzlich aber ist mir ein gebührenfreies Erststudium<br />
sympathischer als die Studiengebührenforderung der Union.
</p>
<p>
<b>Philipp Stroehle:</b> Würden die Jusos Hochschulgebühren<br />
akzeptieren, wenn sie direkt in die Hochschulen einfließen<br />
und einen Betrag von 300 Euro pro Semester nicht überschreiten<br />
würden? Ausbildungen können auch richtig Geld kosten.
</p>
<p>
<b>Björn Böhning:</b> Ausbildung und Bildung kosten immer Geld<br />
und sollten von der gesamten Gesellschaft getragen werden. Wenn<br />
Deutschland eine Chance in Europa haben möchte, muss es ein<br />
hochleistungsfähiges Bildungssystem haben. Das bedeutet auch,<br />
wir brauchen mehr und nicht weniger Akademiker. Alle Erfahrungen<br />
mit Studiengebühren zeigen uns, dass es bei z.B. 300 Euro nicht<br />
bleiben würde, sondern die Studiengebühren in den Jahren<br />
massiv ansteigen. Dazu kommt, dass natürlich der Staat seine<br />
Mittel für das Hochschulsystem zurückfahren würde<br />
und damit Studiengebühren zu einer unsozialen Milchmädchenrechnung<br />
verkommen.
</p>
<p>
<b>Craim:</b> Wie sollen aber die Universitäten<br />
finanziert werden bzw. die Forschung?
</p>
<p>
<b>Björn Böhning:</b> Wir brauchen in der Tat massiv zusätzliche<br />
Mittel im Bildungssystem. In den nächsten Jahren müssten<br />
wir durchsetzen, dass etwa sechs bis sieben Prozent des Bruttoinlandproduktes<br />
der Bildung und Forschung zugute kommen. Das lässt sich nicht<br />
aus der Portokasse bezahlen, dazu brauchen wir zusätzliche<br />
Steuermittel. Ich plädiere stark für eine drastische Erhöhung<br />
der Erbschaftssteuer, damit alle junge Menschen vom zukünftig<br />
vererbten Vermögen profitieren.
</p>
<p>
<b>Riedel:</b> Dann müssten Kindergartenplätze<br />
auch von der gesamten Gesellschaft getragen werden, da dort die<br />
Ausbildung der Kleinen bereits beginnt.
</p>
<p>
<b>palimpalim:</b> Sind Sie dann auch für kostenlose<br />
Kindergärten?
</p>
<p>
<b>Björn Böhning:</b> Die Jusos plädieren stark für<br />
kostenfreie Kindergartenplätze. Da sind jetzt die Kommunen<br />
und die Länder in der Verantwortung, Kindergärten kostenfrei<br />
zu gestalten. Hier gehen sowohl Klaus Wowereit in Berlin als auch<br />
Kurt Beck in Rheinland-Pfalz mit gutem Beispiel voran. Der neue<br />
SPD-Chef hat sogar angekündigt, in den nächsten Jahren<br />
in seinem Land den kostenfreien Zugang zu Kindergärten für<br />
alle zu ermöglichen. Das ist aber nur ein Schritt hin zu einer<br />
Vorschule ab dem vierten Lebensjahr, in dem alle Kinder sowohl Betreuungs-<br />
als auch Bildungsangebote spielerisch erhalten. Das würde nicht<br />
nur bildungspolitisch Sinn machen, sondern wäre auch ein wichtiger<br />
Beitrag zur Integration von Migrantinnen und Migranten.
</p>
<p>
<b>Kuntze1:</b> Was halten Sie von dem Fondsmodell, das<br />
die Arbeitsgruppe Gesundheit derzeit diskutiert?
</p>
<p>
<b><b>Björn Böhning:</b></b> Das Fondsmodell ist bisher<br />
hinreichend unkonkret geblieben. Grundsätzlich kann ich mir<br />
einen Fond, in den die privaten Krankenversicherungen ebenfalls<br />
einzahlen, gut vorstellen. Das Fondsmodell à la Kauder allerdings<br />
sieht das Einfrieren der Arbeitgeberbeiträge sowie eine kleine<br />
Kopfpauschale vor. Letztere würde dafür sorgen, dass die<br />
großen Kassen, die einen Großteil der Patienten versichern,<br />
hohe Kopfpauschalen von ihren Versicherten nehmen müssen. Damit<br />
würden die Ersatzkassen und die AOK vor einer strukturellen<br />
Krise stehen und die vielen auch sozial schwächeren Versicherten<br />
ständen plötzlich ohne jegliche gesundheitliche Betreuung<br />
da. Wir lehnen daher das Fondsmodell in dieser Form ab.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Kann es sein, dass die SPD heimlich<br />
still und leise und im Schutze der WM nachgibt und sich auf das<br />
Kauder-Modell einlässt, um später womöglich beim<br />
Kündigungsschutz zu punkten?
</p>
<p>
<b>Björn Böhning:</b> Ich habe auch die Befürchtung, dass<br />
die SPD in der Gesundheitspolitik einer Reduzierung der Solidarität<br />
im System Vorschub leistet. Es kommt jetzt für uns darauf an,<br />
dass unser Modell der solidarischen Bürgerversicherung stärker<br />
in der Öffentlichkeit diskutiert wird. Wir wissen, dass die<br />
übergroße Mehrheit der Bevölkerung Kopfpauschalen<br />
ablehnt. Diese Mehrheit müssen wir für eine fortschrittliche<br />
Gesundheitspolitik mobilisieren.
</p>
<p>
<b>palimpalim:</b> Wie wollen Sie denn eigentlich Einfluss<br />
auf die Entscheidungen der Koalition nehmen?
</p>
<p>
<b>Björn Böhning:</b> Wir sind im ständigen Kontakt mit<br />
der SPD-Bundestagsfraktion und auch den sozialdemokratischen Ministern.<br />
Hier werben wir stark für unsere Positionen. Wir Jusos stellen<br />
dazu mittlerweile 20 Prozent der Delegierten auf Bundesparteitagen,<br />
was unsere Stellung innerhalb der SPD enorm verstärkt. Gleichzeitig<br />
werden wir über die Öffentlichkeit und auch mit Bündnispartnern,<br />
wie den Gewerkschaften, die SPD dazu drängen, dass sie es nicht<br />
zulässt, dass das Gesundheitssystem zerschlagen wird.
</p>
<p>
<b>Tarja:</b> Hallo Björn. Die Jusos treten ja gelegentlich<br />
in offene Opposition zur SPD. Glaubst du, dass die Jusos tatsächlich<br />
Einfluss auf die Politik der Mutterpartei nehmen können? Konkret:<br />
Glaubst du, die SPD wird jemals wieder für ArbeitnehmerInnen<br />
und sozial Ausgegrenzte eintreten?
</p>
<p>
<b>Björn Böhning:</b> Dafür setze ich mich ein und die<br />
stark ansteigenden Mitgliedszahlen bei den Jusos zeigen, dass unsere<br />
Positionen wieder attraktiver werden. Z.B. sind wir beim Thema &quot;Generation<br />
Praktikum&quot;, also jungen Leuten, die sich von Praktikum zu Praktikum<br />
ohne jegliche Bezahlung hangeln, mit der SPD-Fraktion und dem Arbeitsminister<br />
Franz Müntefering in einem intensiven Dialog. Wir setzen uns<br />
dafür ein, dass junge Praktikanten endlich mehr Rechte und<br />
sozialen Schutz bekommen und finden für unsere Forderungen<br />
bei beiden sehr offene Ohren.
</p>
<p>
<b>PolitBürger:</b> Herr Böhning, Herr Beck<br />
hat meines Erachtens eine unsinnige Debatte angestoßen: Ist<br />
es anstößig, ein gesetzlich verbrieftes Recht auf Existenzsicherung<br />
geltend zu machen? Wenn dies der Fall wäre, dann müsste<br />
es bereits anstößig sein, derartige Gesetze zu machen.<br />
Zumal kein einziger Politiker im Bundestag existenzielle Probleme<br />
haben dürfte. Was meinen Sie?
</p>
<p>
<b>Björn Böhning:</b> Ich denke auch, dass jegliche Debatten<br />
über angebliche Sozialschmarotzer sofort eingestellt werden<br />
müssen. Es kann nicht sein, dass wegen einiger schwarzer Schafe,<br />
die es überall gibt, die Arbeitslosen pauschal verunglimpft<br />
werden. Auch kann es nicht sein, dass die Arbeitslosen jetzt für<br />
handwerkliche Fehler der Politik büßen sollen. Wir wollen<br />
eine soziale Existenzsicherung für alle und dann muss man auch<br />
akzeptieren, wenn Menschen diese in Anspruch nehmen. Ich begrüße<br />
es sehr, dass Kurt Beck seine Äußerungen vom gestrigen<br />
Tage heute bereits deutlich entschärft hat.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Hat Kurt Beck sich da schon zum ersten<br />
Mal in die Nesseln gesetzt, als Parteivorsitzender?
</p>
<p>
<b>Björn Böhning:</b> Leider ist es so, dass<br />
Missbrauchsdebatten eine politische Konjunktur haben. Immer dann,<br />
wenn den Schwächsten der Gesellschaft Transfermittel gekürzt<br />
werden sollen, kommt eine populistische Diskussion gegen Ausgegrenzte<br />
hoch. Ich rate Kurt Beck, seine Äußerungen nicht zu wiederholen,<br />
bin aber schon der Meinung, dass sein Hinweis darauf, dass die Wohlhabenden<br />
in der Gesellschaft auch ihren Beitrag zur Finanzierung des Staates<br />
leisten müssen, sehr richtig ist.
</p>
<p>
<b>Philipp Stroehle:</b> Kann man mit den Bürgern<br />
auf Kuschelkurs gehen, wenn die Realität sagt, dass eines der<br />
besten Sozialsysteme nicht mehr refinanziert ist? Da gehören<br />
Fakten auf den Tisch, denen Aktionen folgen müssen. Ob es schmeckt<br />
oder nicht.
</p>
<p>
<b>Björn Böhning:</b> Fakt ist, dass unsere Sozialsysteme intakt<br />
sind, allerdings wir auch Reformbedarf haben. Im Gesundheitssystem<br />
z.B. sind die Ausgaben der GKV in den letzten 30 Jahren, gemessen<br />
am Bruttoinlandsprodukt, nicht gestiegen. Wir wissen allerdings<br />
auch, dass wir massive Strukturreserven im System haben müssen.<br />
Z.B. ist es mir nicht einsichtig, warum die Patienten immer zusätzliche<br />
Lasten tragen müssen, Apotheker oder Pharmahersteller weiterhin<br />
ihre Scheininnovationen bei Medikamenten für teures Geld verkaufen<br />
dürfen. Hier ist eine Reform angezeigt. Die Behauptung, die<br />
Sozialsysteme seien alle nicht mehr finanzierbar, trifft aber nicht<br />
zu.
</p>
<p>
<b>Klassensprecher:</b> Sie klingen ein bisschen wie<br />
ihr ehemaliger Parteikollege Oskar Lafontaine. Alles wollen, aber<br />
ohne Verantwortung übernehmen zu können bzw. realisierbare<br />
Vorschläge zu machen. Glauben Sie, dass das bei der jungen<br />
Bevölkerung noch zieht?
</p>
<p>
<b>palimpalim:</b> Sie lehnen ja vieles ab. Mir fehlen<br />
da ein wenig die schlüssigen und realistischen Konzepte als<br />
Antwort auf die Ablehnung!
</p>
<p>
<b>Björn Böhning:</b> Ich setze mich in der Bildungspolitik<br />
sehr stark für ein längeres gemeinsames Lernen bis Klasse<br />
zehn ein. Alle internationalen Erfahrungen zeigen, dass ein solches<br />
Schulsystem erfolgreicher und chancengleicher ist. Im Gesundheitssystem<br />
schlage ich statt einer Entsolidarisierung eine stärkere Steuerfinanzierung<br />
und ein sinnvollen Qualitätswettbewerb. Drittens plädieren<br />
die Jusos in der Arbeitsmarktpolitik für einen gesetzlichen<br />
Mindestlohn, damit man von Arbeit wieder leben kann. Alle diese<br />
Vorschläge sind auch in der großen Koalition realisierbar<br />
und mit Oskar Lafontaine hatten die Jusos schon in seiner Zeit als<br />
SPD-Vorsitzender nichts zu tun.
</p>
<p>
<b>uta65:</b> Intakt? Dann machen wir uns also nur mal<br />
wieder zu viele Sorgen?
</p>
<p>
<b>Chris82:</b> Aber die Beitragszahler werden doch immer<br />
weniger. Wie kann man da von einem intakten System sprechen?
</p>
<p>
<b>Björn Böhning:</b> In der Tat sind viele pauschale Vorwürfe<br />
an die Sozialsysteme der Versuch, diese abzuschaffen. Aber es gibt<br />
natürlich auch Reformbedarf. Weil wir immer weniger Beitragszahler<br />
haben, brauchen wir einen neuen Finanzierungsmix in den sozialen<br />
Sicherungssystemen. Das bedeutet: Wir müssen Kapitaleinkünfte,<br />
die einen immer größeren Stellenwert bei den Einkünften<br />
der Menschen bekommen, über Steuern oder Beiträge in die<br />
Finanzierung des Sozialstaates einbeziehen. Das wäre nur logisch.
</p>
<p>
<b>benji:</b> Es geht darum, eigene Finanzierungsvorschläge<br />
für den Umbau der Sozialsysteme zu machen. Fällt den Jusos<br />
da mehr ein als immer nur die vom Verfassungsgericht für gesetzeswidrig<br />
erklärte Vermögensteuer und die Erhöhung der Erbschaftssteuer?
</p>
<p>
<b>Björn Böhning:</b> Ich habe bereits darauf hingewiesen, dass<br />
wir einen neuen Finanzierungsmix brauchen. Ich halte z.B. den Vorschlag,<br />
einen Gesundheitssoli einzuführen, um die Kinderversicherung<br />
zu bezahlen, für sinnvoll. Gleichzeitig ist es mir überhaupt<br />
nicht einsichtig, warum man in Deutschland für eine CD Mehrwertsteuer<br />
bezahlt, aber jemand, der auf Börsen Finanzen transferiert,<br />
nicht einen Cent zahlen muss. Wenn wir die Globalisierung wirklich<br />
ernst nehmen, brauchen wir auch neue internationale Steuern. Deshalb<br />
treten die Jusos für eine Börsenumsatzsteuer ein.
</p>
<p>
<b>George2:</b> Was halten Sie von einem bedingungslosen<br />
Grundeinkommen, das armutsfest ist und jedem ohne Bedarfsprüfung<br />
zusteht?
</p>
<p>
<b>Björn Böhning:</b> Das halte ich für eine linksutopische<br />
Illusion. Ein bedingungsloses Grundeinkommen wäre weder finanzierbar<br />
noch politisch sinnvoll. Es wäre nichts anderes als eine Alimentierung<br />
des Nichtstuns und ein Abschreiben der Arbeitslosen in ihrer Situation.<br />
Ein Sozialsystem muss immer auf die Erwerbsverhältnisse zugeschnitten<br />
sein und sollte sich nicht von der Realität abkoppeln.
</p>
<p>
<b>BlubberBlaBla:</b> Eine Börsensteuer wäre<br />
auch nur europaweit interessant. Die Möglichkeit für Schlupflöcher<br />
würde man so in den Griff bekommen.
</p>
<p>
<b>Björn Böhning:</b> Das ist richtig. Wir brauchen endlich<br />
einen europäischen Rahmen für die Steuerpolitik. Ich fordere<br />
von der Bundesregierung ein, dass sie im nächsten Jahr, wenn<br />
sie die EU-Ratspräsidentschaft innehat, endlich konsequente<br />
Schritte für europäische Mindeststeuersätze und eine<br />
europäische Börsenumsatzsteuer unternimmt. Das würde<br />
uns als stärkste Wirtschaftsmacht in Europa gut zu Gesicht<br />
stehen.
</p>
<p>
<b>knutaux:</b> Ist es nicht auch so. dass die Kosten<br />
für Hartz IV systematisch unterschätzt wurden, um jetzt<br />
eine Missbrauchsdebatte anzetteln zu können?
</p>
<p>
<b>Björn Böhning:</b> Das halte ich für zu verschwörungstheoretisch.<br />
Richtig ist aber, dass Hartz IV die wirkliche Armut in Deutschland<br />
konsequent offen gelegt hat. Wer sich darüber heute beschwert,<br />
hat entweder früher die Realität nicht zur Kenntnis genommen<br />
oder will nun aus Hartz IV ein Murks-ALG II machen.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Gesundheitsreform, Pflegereform, Kündigungsschutz,<br />
Reform der Hartz-Reformen &#8211; gefährliche Klippen für die<br />
große Koalition. Wie sehen Sie deren Zukunft? Wann fliegt<br />
der Laden auseinander? Wie weit kann sich die SPD verbiegen?
</p>
<p>
<b>Björn Böhning:</b> Die Zeit unter rot-grün mit der Agenda<br />
2010 hat gezeigt, dass die SPD viele derlei Sargnägel nicht<br />
mehr verträgt. Neuerliche Massenaustritte oder weitere verheerende<br />
Wahlniederlagen stellen die SPD vor eine Existenzkrise. Gerade deshalb<br />
muss sie in der großen Koalition ein klares sozialdemokratisches<br />
Profil zeigen. Wichtig ist, dass wir den Niedriglohnsektor endlich<br />
ordnen und existenzsichernde Löhne in Deutschland durchsetzen<br />
und dass wir den Mut haben, nicht nur mittlere und niedrige Einkommen<br />
zu belasten, sondern auch hohe. Ich finde den Weg, der jetzt bei<br />
der Erbschaftssteuer eingeschlagen wird, nämlich Steuererlasse<br />
nur zu gewähren, wenn auch wirklich Arbeitsplätze gesichert<br />
oder geschaffen werden, für richtig. Hier zeigt sich die Doppelmoral<br />
der Union. Sie will Unternehmen nur entlasten, damit ihre Gewinne<br />
steigen. Das ist nicht unser Weg.
</p>
<p>
<b>borowski:</b> Wer wird Weltmeister?
</p>
<p>
<b>Björn Böhning:</b> Deutschland wird Weltmeister. Wir werden<br />
Brasilien im Finale schlagen. Das geht aber nur, wenn Franz Beckenbauer,<br />
besser bekannt unter &quot;der Kaiser&quot;, dem Bundestrainer und<br />
der Nationalmannschaft endlich nicht mehr öffentlich in den<br />
Rücken fällt.
</p>
<p>
<b>Moderator: </b>Das waren 60 Minuten tagesschau-Chat.<br />
Herzlichen Dank an alle, die sich beteiligt haben. Wer heute mit<br />
seiner Frage nicht durchgekommen ist, möge es uns nachsehen.<br />
Besonderen Dank an unseren Gast, Björn Böhning, der sich<br />
Zeit für uns genommen hat. Unser nächster Chatgast wird<br />
am 26. Juni ab 14 Uhr Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD)<br />
sein.
</p>
<p>
<b>Björn Böhning:</b> Vielen Dank auch. Und<br />
ich wünsche uns allen ein gutes Fußballspiel heute Abend.<br />
Deutschland gewinnt 3:0.</p>
]]></content:encoded>
					
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			</item>
		<item>
		<title>&#8220;Wir wollen bis zum Jahre 2012 ausgeglichene Haushalte haben&#8221;</title>
		<link>https://www.politik-digital.de/chattranscripte/wir-wollen-bis-zum-jahre-2012-ausgeglichene-haushalte-haben-139/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[admin]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 01 Jun 2006 23:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Chattranscripte]]></category>
		<category><![CDATA[Haushaltspolitik]]></category>
		<category><![CDATA[Sozialleistung]]></category>
		<category><![CDATA[Steffen Kampeter]]></category>
		<category><![CDATA[Bundespolitik]]></category>
		<category><![CDATA[CDU]]></category>
		<category><![CDATA[Finanzpolitik]]></category>
		<category><![CDATA[Hartz IV]]></category>
		<category><![CDATA[Bundeshaushalt]]></category>
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					<description><![CDATA[<p class="normal">
<b>Am Freitag, 2. Juni, war Steffen Kampeter, 
Haushaltsexperte der Unionsfraktion, zu Gast im tagesschau-Chat 
<span style="font-size: x-small">in Kooperation mit politik-digital.de. Mit den Nutzern 
diskutierte er über die Haushaltspolitik der Großen Koalition 
und die Verschärfungen bei Hartz IV.</span></b>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p class="normal">
<b>Am Freitag, 2. Juni, war Steffen Kampeter,<br />
Haushaltsexperte der Unionsfraktion, zu Gast im tagesschau-Chat<br />
<span style="font-size: x-small">in Kooperation mit politik-digital.de. Mit den Nutzern<br />
diskutierte er über die Haushaltspolitik der Großen Koalition<br />
und die Verschärfungen bei Hartz IV.</span></b><!--break-->
</p>
<p>
<b><b>Moderator:</b></b> Liebe Politik-Interessierte, Anhänger<br />
und Gegner der schwarz-roten Koalition, willkommen zum tagesschau-Chat,<br />
heute ausnahmsweise nur 45 Minuten. Unser Gast im ARD-Hauptstadtstudio<br />
ist diesmal Steffen Kampeter, haushaltspolitischer Sprecher der<br />
Unionsfraktion im Bundestag. Vielen Dank, Herr Kampeter, dass Sie<br />
sich die Zeit für den Chat nehmen. Wie immer sind Fragen zu<br />
allen Themen willkommen. Steffen Kampeter ist also der Mann, der<br />
für die Union den genauen Blick in die Staatskasse wirft &#8211;<br />
mit Folgen für die Bürger, wie wir wissen. Gestern Abend<br />
hat der Haushaltsausschuss des Bundestags mit schwarz-roter Mehrheit<br />
den Etat für 2006 verabschiedet. Eine Rekord-Neu-Verschuldung<br />
von 38,19 Milliarden Euro ist dabei herausgekommen. Die nächsten<br />
Belastungen könnten da möglicherweise nicht lange auf<br />
sich warten lassen, sei es bei Hartz IV oder beim Bürger der<br />
Arbeit hat. Starten wir hiermit:
</p>
<p>
<b>thun:</b> Herr Kampeter, ist es in Deutschland überhaupt<br />
möglich den Haushalt in den Griff zu bekommen? Ich habe das<br />
Gefühl, dass auch die große Koalition der Versuchung<br />
erliegt, Einigungen durch &quot;teure Kompromisse&quot; zu erkaufen.
</p>
<p>
<b><b>Steffen Kampeter:</b></b> Der Haushalt 2006 ist der Beginn<br />
eines Umsteuerungsprozesses. Wir wollen bis zum Jahre 2012 ausgeglichene<br />
Haushalte haben. Bei einem strukturellen Defizit von 60 Mrd. Euro<br />
geht das nicht von heute auf morgen, sondern ist ein langer und<br />
steiniger Weg.
</p>
<p>
<b>G2Go:</b> Warum traut sich die große Koalition<br />
es sich nicht zu, mal klare Strukturveränderungen einzuleiten?<br />
Die Wissenschaft macht am laufenden Band Vorschläge, die die<br />
Politik nicht durchsetzt. Dabei wissen alle, dass sich eine Reform<br />
nicht vermeiden lässt.
</p>
<p>
<b><b>Steffen Kampeter:</b></b> Anders als die Wissenschaft<br />
ist Politik die Kunst des Möglichen. Das Wahlergebnis vom September<br />
2006 war kein Mandat für radikale Reformen, sondern für<br />
eine Politik der kleinen Schritte. Die große Koalition handelt<br />
nicht im Wissenschafts- sondern im Wählerauftrag.
</p>
<p>
<b>Sozialdemokrat112:</b> Werter Herr Kampeter, meinen<br />
Sie, dass es vielleicht besser gewesen wäre, lieber die Einkommenssteuer<br />
statt der Mehrwertsteuer zu erhöhen? Dies würde man im<br />
Volk weniger schnell merken als die drastischen Einschnitte bei<br />
den Bürgern beim Einkaufen.
</p>
<p>
<b><b>Steffen Kampeter:</b></b> Grundsätzlich bin ich der<br />
Auffassung, dass die Einkommenssteuerlast in Deutschland zu hoch<br />
ist. Unter Strukturgesichtspunkten bin ich der Auffassung, dass<br />
es wachstums- und beschäftigungswirksamer ist, Konsum zu besteuern,<br />
als weitere Lasten auf den Faktor Arbeit zu legen. Auf dieses Konzept<br />
hat sich auch die Große Koalition gemeinsam verständigt<br />
und es mit dem Haushaltsbegleitgesetz 2006 auch in die Wege geleitet.
</p>
<p>
<b><b>Moderator:</b></b> Ein Detail aus dem Haushalt:
</p>
<p>
<b>arzt nich im einsatz:</b> Halten Sie es für eine<br />
sinnvolle Ausgabe, Geld für die Rekonstruktion von geschredderten<br />
Stasi-Akten zur Verfügung zu stellen? Ich meine, sollte man<br />
angesichts der Staatsschulden nicht lieber Geld für andere<br />
Dinge aufwenden als für diese Form der &quot;Vergangenheitsbewältigung&quot;<br />
?
</p>
<p>
<b><b>Steffen Kampeter:</b></b> Die Zukunft kann nur gestaltet<br />
werden, wenn man zu allen Phasen der Vergangenheit auch verantwortliche<br />
Aufklärung getrieben hat. Dies gilt auch für die zweite<br />
deutsche Diktatur und deshalb finde ich es auch im Interesse der<br />
Opfer richtig, einen umfassenden Überblick über die Tätigkeit<br />
der Stasi zu erhalten. Die Schnipsel-Maschine wird jetzt auf ihre<br />
Wirksamkeit hin überprüft und das Projekt wird nur realisiert,<br />
wenn weitere verwertbare Ergebnisse auch zu erwarten sind.
</p>
<p>
<b>fragend:</b> Noch nie wurden so viele Kredite aufgenommen,<br />
wie in diesem Haushalt. Nennt sich das Sparpolitik?
</p>
<p>
<b><b>Steffen Kampeter:</b></b> Dieser Haushalt ist ein ehrlicher<br />
Haushalt. Er zeigt die Dramatik der Schieflage, in die der Haushalt<br />
in den letzten Jahren geraten ist. Ich will keine Schulden wegtricksen,<br />
sondern sie müssen offen ausgewiesen sein. Vom Sparen kann<br />
man tatsächlich nicht ernsthaft reden, sondern lediglich von<br />
der Verringerung der Schulden. Und das passiert erst, wenn die Haushalte<br />
am Ende der nächsten Legislaturperiode ausgeglichen sind.
</p>
<p>
<b>Sozi(HY) 212:</b> Werter Herr Kampeter, wie stehen<br />
Sie zur Reichensteuer? Eine gute Entscheidung der Regierung, oder<br />
halten Sie dies für negativ?
</p>
<p>
<b><b>Steffen Kampeter:</b></b> Sie steht im Koalitionsvertrag<br />
und wird daher von der Koalition insgesamt getragen. Ich selbst<br />
hätte diesen Vorschlag nie im Leben unterbreitet. Das Aufkommen<br />
ist minimal, der Erhebungsaufwand riesig. Der ideologische Gehalt<br />
hoch. Die Reichensteuer ist kein Glücksgriff.
</p>
<p>
<b>wiehenLK:</b> Es wird immer nur zu Lasten der kleinen<br />
Leute gespart. Ich habe noch nie gehört, dass bei der Parteienfinanzierung<br />
oder Wahlkampfkostenerstattung aus öffentlichen Haushalten<br />
reduziert wird. Wie ist Ihre Stellungnahme hierzu?
</p>
<p>
<b><b>Steffen Kampeter:</b></b> Das Sozialbudget des Haushaltes<br />
2006 ist das größte der deutschen Nachkriegsgeschichte.<br />
Die Leistungen insbesondere für Einkommensschwache und Familien<br />
haben einen Höchststand erreicht. Ich kann nicht erkennen,<br />
dass ausschließlich bei den Kleinen gespart wird.
</p>
<p>
<b>mrcoolvogelbert:</b> Kann man einem Hartz-IV-Empfänger<br />
überhaupt die komplette Unterstützung streichen? Gibt<br />
es da nicht schon entsprechende Sozialgerichtsurteile, die ein Absenken<br />
unter 70 Prozent unterbinden?
</p>
<p>
<b><b>Steffen Kampeter:</b></b> Die komplette Unterstützung<br />
soll nicht gestrichen werden. Das Hartz IV Fortentwicklungsgesetz<br />
sieht lediglich vor, zu verbindlichen Kürzungen zu kommen,<br />
wenn eine zumutbare Arbeit abgelehnt wird. Wenn für eine staatliche<br />
Leistung eine Gegenleistung verweigert wird halte ich eine Kürzung<br />
allerdings gerecht gegenüber denjenigen, die dies aus ihren<br />
Steuerzahlungen finanzieren müssen.
</p>
<p>
<b><b>Moderator:</b></b> Sie haben mal eine Kürzung der<br />
Regelsätze bei Hartz IV ins Gespräch gebracht:
</p>
<p>
<b>toria:</b> Um wie viel Euro wollen Sie den Regelsatz<br />
kürzen?
</p>
<p>
<b><b>Steffen Kampeter:</b></b> Nach der letzten Einkommensstatistik<br />
von Sozialminister Müntefering liegt das Existenzminimum bei<br />
345 Euro. Eine Kürzung dieses Regelsatzes ist nicht vorgesehen,<br />
die Koalition hat sich anders entschieden. Ich möchte allerdings<br />
darauf hinweisen, dass der alte Sozialhilferegelsatz lediglich bei<br />
290 Euro West bzw. 280 Euro Ost lag. Und hierin liegt auch eine<br />
Quelle der Mehrausgaben im Bereich der passiven Leistungen der Arbeitsmarktpolitik.
</p>
<p>
<b>ThomasH:</b> Herr Kampeter, sind Ihnen empirische<br />
Daten bekannt, die eine Verschärfung der bestehen Hartz-IV-Regelungen<br />
gegen Missbrauch rechtfertigen? Wenn ja, welches sind diese Quellen?
</p>
<p>
<b><b>Steffen Kampeter:</b></b> Der Rechnungshof hat in einem<br />
umfassenden Bericht Vollzugsdefizite beim Hartz IV festgestellt.<br />
Sie umfassen alle Bereiche sowohl der Arbeitsverwaltung wie auch<br />
der Kommunen und führen zu erheblichen Mehrausgaben für<br />
den Steuerzahler. So werden mit Betroffenen die notwendigen Gespräche<br />
erst mit monatelanger Verzögerung geführt. Die Anspruchsvoraussetzung<br />
sind offenbar in einer Reihe von Fällen nur mangelhaft geprüft<br />
worden. Deshalb hat der Haushaltsausschuss auch eine Effizienz-Offensive<br />
bei der Umsetzung von Hartz IV in den Haushaltsberatungen gefordert.
</p>
<p>
<b>lausi:</b> Laufen die Sanktionen gegen Arbeitsunwillige<br />
nicht ins Leere, wenn den ALG II-Empfängern keine Angebote<br />
gemacht werden können, weil die Vermittler keine haben?
</p>
<p>
<b><b>Steffen Kampeter:</b></b> Die Höhe der Lohnersatzleistungen<br />
hat den Niedriglohnbereich in Deutschland verdrängt. Deswegen<br />
überlegt die Große Koalition auch unter dem Begriff &quot;Kombilohn&quot;,<br />
ob es eine intelligente Verzahnung von Lohnersatzleistungen und<br />
Niedriglohn geben kann. Dieser Markt muss wieder aktiviert werden.<br />
Meiner Einschätzung nach gibt es keinen Mangel an Arbeit, sondern<br />
die Rahmenbedingungen müssen wieder verbessert werden.
</p>
<p>
<b>David22:</b> Warum findet die CDU immer noch Spielraum<br />
beim Kürzen bei Hartz IV etc., blockt eine Einnahme-Steigerung<br />
z.B. mit einer echten Reichensteuer aber ab? Wäre eine richtige<br />
Vermögenssteuer nicht gerechter?
</p>
<p>
<b><b>Steffen Kampeter:</b></b> Die große Koalition will<br />
die Staatsquote zum Ende dieser Legislaturperiode auf das Niveau<br />
zum Zeitpunkt der Wiedervereinigung absenken. Wir wollen weniger<br />
und nicht mehr Staat. Deshalb hat Bundesfinanzminister Steinbrück<br />
auch klar gesagt, dass über die bereits beschlossenen Steueranpassungen<br />
hinaus keine Sanierung der Staatsfinanzen auf der Einnahmenseite<br />
erfolgen soll. Das setzt Ausgabendisziplin auch im Sozialbereich<br />
voraus.
</p>
<p>
<b><b>Moderator:</b></b> Die Gewinne der Unternehmen steigen<br />
allerdings, die Löhne nicht oder weniger. Das ist doch ein<br />
Problem, oder?
</p>
<p>
<b><b>Steffen Kampeter:</b></b> Arbeitsplätze werden von<br />
Unternehmen geschaffen. Dies setzt eine gewisse Ertragsstärke<br />
in Unternehmen voraus. Deswegen sind Unternehmensgewinne Vorraussetzungen<br />
für Investitionen und Arbeitsplätze. Wir dürfen nicht<br />
die Verteilungsfragen vor den Fragen diskutieren, wie wir unsere<br />
wirtschaftliche Leistung überhaupt erst erwirtschaften.
</p>
<p>
<b>Sozi(HY) 212:</b> Werter Herr Kampeter, sind Sie für<br />
ein härteres Durchgreifen bei Steuerbetrügern?
</p>
<p>
<b>toria:</b> Es gibt laut Steuergewerkschaft 70 Mrd.<br />
Euro Steuerbetrug (u.a. Umsatzsteuerkarusselle). Warum bekämpfen<br />
Sie diesen nicht mit dem gleichen Elan, wie den Missbrauch bei Hartz-IV-Empfängern?
</p>
<p>
<b><b>Steffen Kampeter:</b></b> Zu Sozi: Ja, das ist auch eine<br />
Frage der Gerechtigkeit. Steuerbetrug und Subventionsbetrug sind<br />
Betrug. Zu toria: Die Landesfinanzbehörden beziehen die Anregungen<br />
der Deutschen Steuergewerkschaft regelmäßig in ihre Aktivitäten<br />
ein. Die Zahl von 70 Mrd. Euro hat sich allerdings bisher nicht<br />
erhärtet. Steuerbetrug muss entschlossen verfolgt werden. Ein<br />
einfacheres Steuersystem würde es den Steuerhinterziehern schwerer<br />
und den Kontrolleuren sehr viel leichter machen. Hier liegt die<br />
eigentliche Lösung des Problems.
</p>
<p>
<b><b>Moderator:</b></b> Jeder Steuerprüfer bringt das<br />
Vielfache des Geldes rein, das er kostet: Warum werfen Sie diese<br />
Geldmaschine nicht an?
</p>
<p>
<b><b>Steffen Kampeter:</b></b> Mit Verlaub &#8211; der Bund betreibt<br />
keine Steuerprüfung, das machen die Länder. Wenn die Länderfinanzminister<br />
der Auffassung sind, dass ein Steuerprüfer mehr Einnahmen bringt<br />
als er kostet, werden sie auch die notwendige Anzahl von Steuerprüfern<br />
einstellen. Aber es bleibt dabei: Ein einfacheres Steuersystem ist<br />
die überzeugendere Antwort als ein ausgeweitetes Kontrollsystem.
</p>
<p>
<b><b>Moderator:</b></b> Noch mal zum Thema Hartz IV:
</p>
<p>
<b>Hadien:</b> Die Bundesanstalt für Arbeit hat<br />
in einem Bericht festgestellt, dass der Missbrauchsanteil bei 2-3<br />
Prozent liegt. Halten Sie es für gerechtfertigt, dafür<br />
pauschal alle ALG II-Bezieher des Missbrauchs zu beschuldigen?
</p>
<p>
<b><b>Steffen Kampeter:</b></b> Der Rechnungshofbericht geht<br />
von einem höheren Anteil von Vollzugsdefiziten aus. Es handelt<br />
sich bei den Mehrausgaben nicht ausschließlich um Gesetzesmissbrauch,<br />
sondern auch um mangelhaftes Verwaltungshandeln. Beides kann sich<br />
der Steuerzahler allerdings nicht leisten. Im Übrigen schützen<br />
wir auch die Hilfeempfänger so vor Vorwürfen, sie würden<br />
Hilfe zu Unrecht erhalten.
</p>
<p>
<b><b>Moderator:</b></b> Ein weiteres Thema, das die Menschen<br />
konkret sehr betrifft: In den Bedarfsgemeinschaften sind ALG-II-Empfänger<br />
füreinander finanziell verantwortlich:
</p>
<p>
<b>Donald:</b> Zum Thema Bedarfsgemeinschaften: Wie soll<br />
ich eigentlich beweisen, dass ich nicht mit der Frau zusammen bin,<br />
die in meiner Wohnung lebt?
</p>
<p>
<b><b>Steffen Kampeter:</b></b> Die getroffene Regelung im SGB-Optimierungsgesetz<br />
(Beweislastumkehr) ersetzt die Kontrolle der örtlich Verantwortlichen<br />
in den Wohnungen der Hilfeempfänger. Es gibt einen umfassenderen<br />
Schutz der Privatsphäre, daher halte ich diese Regelung auch<br />
für angemessen. Im Übrigen bedenken Sie bitte, alles Geld,<br />
was in Hartz IV ausgegeben wird, nehmen wir anderen Menschen durch<br />
Steuerzahlungen weg. Im Interesse dieser Steuerzahler muss auch<br />
eine Ausgabenkontrolle erfolgen, alles andere wäre ungerecht.
</p>
<p>
<b>freespeech:</b> Glauben Sie, dass die Ausgrenzung<br />
von sozial Schwachen die wirtschaftlichen Probleme auf moralisch<br />
vertretbare Art lösen kann?
</p>
<p>
<b><b>Steffen Kampeter:</b></b> Es gibt keine Ausgrenzung von<br />
sozial Schwachen. Ich wiederhole: Wir haben noch nie so viele passive<br />
Leistungen im Bereich Arbeitsmarkt ausgegeben wie jetzt, obwohl<br />
die Anzahl der Arbeitslosen sich nicht wesentlich verändert<br />
hat. Ich kann darin keine Ausgrenzungsstrategie erkennen.
</p>
<p>
<b>klaus111:</b> Zu Steuerbetrug: Ein auf Kosten schauender<br />
Betriebswirtschaftler fängt beim Sparen da an, wo am meisten<br />
herauszuholen ist. Diese Regierung tut das anscheinend nicht.
</p>
<p>
<b><b>Moderator:</b></b> Dieser Vorwurf bringt mich zur Frage:<br />
Wo im Haushalt kann Ihrer Ansicht nach mit wenigen Maßnahmen<br />
noch am meisten gespart werden?
</p>
<p>
<b><b>Steffen Kampeter:</b></b> Wenn es diese Maßnahmen<br />
gäbe, wäre mein Job überflüssig. Tatsache ist:<br />
Es muss überall in der gesamten Breite überprüft<br />
werden, welche staatlichen Ausgaben und Aufgaben noch notwendig<br />
sind. Das fängt bei kleinen Projekten an, geht aber bis in<br />
milliardenschwere Beschaffungsprojekte.
</p>
<p>
<b><b>Moderator:</b></b> Nennen Sie uns doch mal ein Beispiel.
</p>
<p>
<b><b>Steffen Kampeter:</b></b> Der Haushaltsausschuss schaut<br />
sich z.B. den BND-Umzug sehr intensiv unter Kostengesichtspunkten<br />
an und es wird auch zu Einsparungen hier kommen. Wir haben die Öffentlichkeitsarbeit<br />
der Ministerien pauschal um 10 Prozent gekürzt und haben in<br />
vielen kleineren Titeln Korrekturen vorgenommen. Auch der Stellenbereich<br />
ist nicht ausgespart worden. Wir haben den Personalbestand mit den<br />
Beschlüssen des Haushaltsausschusses auf das Niveau von 1990<br />
zurückgeführt. All dies sind kleine Schritte, die unterm<br />
Strich verhindern, dass der Staatshaushalt komplett zusammenbricht.
</p>
<p>
<b>dagobert:</b> Kann der Staat bei Leistungen für<br />
Beamte weiter kürzen? Oder verstärkt dies nicht nur noch<br />
den brain-drain? Schließlich haben Viele in gute Leistungen<br />
vertraut.
</p>
<p>
<b><b>Steffen Kampeter:</b></b> Die soziale Situation der Beschäftigten<br />
im öffentlichen Dienst war (wie z.B. Arbeitsplatzsicherheit)<br />
ein wichtiges Argument, dass wir die Sonderzahlungen sozial verträglich<br />
abgesenkt haben. Dieser Schritt ist in der Privatwirtschaft schon<br />
längst durchgeführt worden und der öffentliche Dienst<br />
vollzieht das nach.
</p>
<p>
<b>Kai03:</b> Haben sie nicht durch die Hintertüre<br />
doch Kombi-Löhne eingeführt? Da es fast keine Jobs mehr<br />
gibt, von denen man tatsächlich leben kann, beziehen die meisten<br />
weiterhin ALG II bzw. Hartz IV.
</p>
<p>
<b>Steffen Kampeter:</b> Die Problembeschreibung kann ich nicht vollständig<br />
zurückweisen. Das ist ja auch der Hintergrund, weshalb ich<br />
die Hartz-IV-Debatte unter dem Gesichtspunkt des Lohnabstandsgebotes<br />
mit angestoßen habe. Hier müssen wir insbesondere zur<br />
Aufrechterhaltung eines regulären Arbeitsmarktes für schwierig<br />
Vermittelbare im Arbeitsmarkt weitere Antworten finden. Mit der<br />
derzeitigen Situation bin ich genauso wenig zufrieden wie Sie.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Ein Blick in die Zukunft: Schließen Sie eine Senkung<br />
der Regelsätze bei Hartz IV für diese Legislaturperiode<br />
aus?
</p>
<p>
<b>Steffen Kampeter:</b> Ich kann dafür keine parlamentarischen Mehrheiten<br />
erkennen. Die Zuschläge, die Vollzugsdefizite, die Missbrauchstatbestände,<br />
die Fehlanreize, die Ausgabenentwicklung wollen wir aber genau analysieren<br />
und noch in diesem Herbst gegebenenfalls Konsequenzen ziehen.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Das war unserer Tagesschau-Chat bei tagesschau.de und<br />
politik-digital.de, heute nur 45 Minuten. Vielen Dank für Ihr<br />
Interesse, und vielen Dank an Herrn Kampeter. Der nächste Chat:<br />
Freitag 9. Juni um 12.00 Uhr mit Björn Böhning (SPD).<br />
Das Protokoll des Chats ist in Kürze zum Nachlesen auf den<br />
Seiten von tagesschau.de und politik-digital.de zu finden. Das tagesschau-Chat-Team<br />
wünscht noch einen schönen Tag und ein schönes verlängertes<br />
Pfingst-Wochenende.
</p>
<p>
<b>Steffen Kampeter:</b> Tschüss!</p>
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