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	<title>Sozialpolitik &#8211; politik-digital</title>
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	<title>Sozialpolitik &#8211; politik-digital</title>
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		<title>Bleibt alles anders?</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Redaktion politik-digital.de]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 29 Jun 2007 07:41:41 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[Vier Jahre ist sie her, die letzte Bundestagswahl. Am 27. September 1998 kam es zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland zu einem Austausch der kompletten Regierung. Den vorhergehenden Wahlkampf analysiert Knut Bergmann in seinem spannenden Buch &#8222;Der Bundestagswahlkampf 1998 - Vorgeschichte, Strategien, Ergebnis&#8220;.</strong></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Vier Jahre ist sie her, die letzte Bundestagswahl. Am 27. September 1998 kam es zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland zu einem Austausch der kompletten Regierung. Den vorhergehenden Wahlkampf analysiert Knut Bergmann in seinem spannenden Buch „Der Bundestagswahlkampf 1998 &#8211; Vorgeschichte, Strategien, Ergebnis“.<br />
<strong>Machtwechsel 1998: wie kam es dazu?<br />
</strong> Fernsehduell? Dazu hatte der Herausforderer Schröder den Amtsinhaber Kohl aufgefordert. Doch der verzichtete freiwillig, das TV-Duell wurde als „Personality-Show“ abgetan. Das war vor vier Jahren. Am 27. September 1998 kam es auch ohne eine vorhergehende Fernsehdiskussion zu einem Machtwechsel. Zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland hatten Bundestagswahlen den Austausch der kompletten Regierung zur Folge. 16 Jahre lang hatte Helmut Kohl mit einer Koalition aus CDU/CSU und FDP regiert, nun übernahm Gerhard Schröder mit einem Bündnis aus SPD und Bündnis 90/Die Grünen. So weit, so klar. Bleibt nur eine Frage: wie konnte es dazu kommen?<br />
Knut Bergmann hat die Antwort auf diese Frage zum Thema seiner Dissertation gemacht. 377 Seiten und 10 Kapitel lang ist sein Erklärungsversuch. Dabei konzentriert er sich vor allem auf die beiden großen Parteien CDU und SPD und fasst die „kleinen“ Parteien in einem Kapitel zusammen. Bergmann untersucht Kandidaten, Kampagnen und Koalitionsstrategien, analysiert den Einfluss der Landespolitik und den der Wirtschafts- und Sozialpolitik auf die Bundestagswahl. Schließlich geht er auf die angebliche „Amerikanisierung“ des Wahlkampfes und das endgültige Ergebnis ein.<br />
<strong>Kandidatenkampf und Strategiepläne bei den großen Parteien<br />
</strong> Was nach langweiliger wissenschaftlicher Arbeit klingt, liest sich wie ein spannender Krimi. Kohl ist geköpft, Schröder hat gesiegt. Detektiv Bergmann begibt sich auf Spurensuche. Chronologisch wird der Prozess aufgerollt. Wir erinnern uns beispielsweise an Lafontaine und Schröder und die „Strategie der späten Entscheidung“ der SPD. Die Landtagswahlen in Niedersachsen hatte Schröder selbst als Plebiszit über die Kanzlerkandidatur definiert. Er siegt, Lafontaine zieht zurück. In einer Fußnote zitiert Bergmann einen Kommentar Schröders zum Messerattentat auf Lafontaine während des Bundestagswahlkampfes. Dieses habe ihm in Niedersachsen zwei Prozent mehr an Wahlstimmen gebracht.<br />
Auf Seiten der CDU konkurrieren der „Kronprinz“ Wolfgang Schäuble mit dem Endlos-Bundeskanzler Kohl. Während die SPD eine erstaunliche Kommunikationsdisziplin an den Tag legt, gibt es bei der Union bis zuletzt Spekulationen und Diskussionen um die Kandidatur. Schuld am „Bild der Uneinigkeit“ sei letztlich die Tatsache, zu Kohl keine wirkliche Alternative zu haben, so Bergmann (44).<br />
Schröder will mit der SPD an die Macht, die CDU und vor allem der Vorsitzende Kohl hat zu viel davon. Daraus lassen sich die Strategien der Parteien logisch ableiten. Die SPD greift an. Sie will sich als „Markenprodukt“ (53) verkaufen, setzt auf die Begriffe „Innovation“, „Gerechtigkeit“ und „Neue Mitte“. Bergmann: „Die SPD setzt ihre langfristig angelegte Strategie sehr konsequent um.“ (79) Genau das Gegenteil ist bei der Union der Fall. Sie lässt sich in die Defensive drängen und schafft es nicht einmal, sich auf einen Minimalkonsens zu einigen. „Erkennbar wird eine Art parallele Wahlkampfführung des Bundeskanzleramtes und der Parteizentrale“ (103).<br />
Weder CDU noch SPD nutzen das Internet als effektives Kommunikationsinstrument. Während es die Sozialdemokraten noch nicht einmal zu einer eigenen Kandidatenhomepage schaffen, umfasst das Webangebot der Konkurrenz immerhin eine Reihe von Chats in der heißen Schlussphase. Trotzdem, 1998 kann von „Internet-Wahlkampf“ keine Rede sein.<br />
<strong>Wer koaliert mit wem und was machen die „kleinen“ Parteien?<br />
</strong> Sehr opportun auch die koalitionspolitische Lage der Sozialdemokraten. Sie geben sich als „Hahn im Korb“ und halten sich alle Optionen offen (128). Die CDU hingegen befindet sich in einem „koalitionspolitischen Dilemma“: die FDP bleibt nach wie vor einziger potenzieller Koalitionspartner. Diese „alternativlose Bindung“ macht eine Disziplinierung der Liberalen unmöglich.(134).<br />
Der große Coup gelingt der SPD mit der „Kampa“, der eigenständigen Wahlkampfzentrale. Die hat Symbolwert nach außen wie nach innen, wird selbst Gegenstand zahlreicher Medienberichte und unterstreicht somit das neue Image der Sozialdemokraten. (144) Wie bei der Strategie, so fehlt es auch bei der Wahlkampf-Organisation der Christdemokraten an einer einheitlichen Linie. Hier sieht Bergmann sogar eine Dreiteilung in Bundeskanzleramt, CDU-Bundesgeschäftsstelle und Bundestagsfraktion (165).<br />
„Bündnis 90/Die Grünen oder der Versuch, regierungsfähig zu werden“ überschreibt der Autor das Kapitel über den Wahlkampf der grünen Partei (167). Für ihn überwiegen die negativen Aspekte wie mangelnde Disziplin und Konflikte zwischen realpolitischen und fundamentalistisch orientierten Parteimitgliedern. Der Kardinalfehler unterläuft den Grünen mit der Forderung nach einem Benzinpreis von fünf D-Mark. Unter schwierigen Bedingungen – „beschränkte finanzielle Mittel, lange Regierungszeit, geringes Profil des Spitzenpersonals (…)“ &#8211; starten die Liberalen in den Wahlkampf (205). Der geht zum Teil auch gegen den eigenen Koalitionspartner CDU und wird von Bergmann insgesamt durchaus positiv bewertet. Auch die PDS steckt ´98 in einem „doppelten Dilemma“: bleibt sie in der Fundamentalopposition oder wird sie koalitionsfähig, und bleibt sie Regionalpartei oder dehnt sie sich gen Westen aus? Dem entkommt sie nicht, im Gegenteil. Das Scheitern vor Augen zieht sie sich auf halbem Wege nach Osten zurück (223).<br />
<strong>Der Einfluss der Landtagswahlen und das absolut dominante Problem „Arbeitslosigkeit“<br />
</strong> Einzig die Landtagswahlen in Niedersachsen können als voller Erfolg für die Sozialdemokraten gewertet werden. Schon eine halbe Stunde nach der ersten Hochrechnung verkündet der SPD-Bundesgeschäftsführer Münterfering die Kanzlerkandidatur Schröders vor den Medien (243). Ein strategischer Fehler unterläuft der SPD dagegen bei der Entscheidung zur Fortsetzung des „Magdeburger Modells“ nach der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt (253), bilanziert Bergmann. Auch die vorhergegangene Hamburger Bürgerschaftswahl wird als „totaler Flop“ für die SPD bezeichnet. In Bayern triumphiert die CSU unter Ministerpräsident Stoiber. Schröder geht gelassen auf Distanz und lässt sich von dem Ergebnis der bayrischen Landtagswahl nicht irritieren (269).<br />
Im Gegensatz dazu ist der Einfluss der Wirtschafts- und Sozialpolitik auf die Wahlentscheidung der Deutschen riesig. Der SPD wird mehr Kompetenz in Sachen Wirtschaftspolitik zugeschrieben als der unionsgeführten Bundesregierung. Die Forschungsgruppe Wahlen sieht in dem Problem „Arbeitslosigkeit“ einen entscheidenden Faktor für die Wahlniederlage der CDU. Die Sozialdemokraten bauen auf Gefühle der sozialen Verunsicherung und Benachteiligung in der Bevölkerung und treffen mit dem Stichwort „Gerechtigkeitslücke“ den Nagel auf den Kopf. Die SPD weiß auszunutzen, dass mit dem „absolut dominanten Problem Arbeitslosigkeit“ die „Wirtschaftslage zu einem Faktor der Wahlentscheidung“ wird (300).<br />
<strong>Weder „Amerikanisierung“ noch erhöhte „Personalisierung“<br />
</strong> Abschließend räumt Bergmann noch mit zwei Thesen auf, die gerne in den Medien verbreitet werden. Weder sei ein Phänomen der „Amerikanisierung“ noch das der erhöhten „Personalisierung“ festzustellen. Vielmehr handele es sich um eine modernisierte Wahlkampfführung und der Grad der Personalisierung im Bundestagswahlkampf 1998 sei „nicht höher als in vergangenen Kampagnen“ (329).<br />
Spaß macht die Lektüre vor allem vor dem Hintergrund des laufenden Wahlkampfes. Denn bald ist man geneigt, die bisher geschehenen Ereignisse selbständig in die Kapitel einzuordnen und sich somit – logisch – ein Ergebnis herzuleiten. „Machtwechsel sind normalerweise nur dann möglich, wenn der potenzielle Nutzen eines Regierungswechsels die potenziellen Kosten deutlich übertrifft“ (338) und „der Wahlsieg der SPD war keinesfalls mittels eines Wunder-Wahlkampfes herbeigezaubert“ (344), meint Knut Bergmann. Wie sieht das im Bundestagswahlkampf 2002 aus? Ein Kapitel dieses Buches wird erst am 22. September geschrieben.<br />
(Seitenzahlen in Klammern)</p>
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		<title>Bleibt alles anders?</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Redaktion politik-digital.de]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 29 Jun 2007 07:41:04 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[Vier Jahre ist sie her, die letzte Bundestagswahl. Am 27. September 1998 kam es zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland zu einem Austausch der kompletten Regierung. Den vorhergehenden Wahlkampf analysiert Knut Bergmann in seinem spannenden Buch &#8222;Der Bundestagswahlkampf 1998 - Vorgeschichte, Strategien, Ergebnis&#8220;.</strong></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Vier Jahre ist sie her, die letzte Bundestagswahl. Am 27. September 1998 kam es zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland zu einem Austausch der kompletten Regierung. Den vorhergehenden Wahlkampf analysiert Knut Bergmann in seinem spannenden Buch „Der Bundestagswahlkampf 1998 &#8211; Vorgeschichte, Strategien, Ergebnis“.<br />
<strong>Machtwechsel 1998: wie kam es dazu?<br />
</strong> Fernsehduell? Dazu hatte der Herausforderer Schröder den Amtsinhaber Kohl aufgefordert. Doch der verzichtete freiwillig, das TV-Duell wurde als „Personality-Show“ abgetan. Das war vor vier Jahren. Am 27. September 1998 kam es auch ohne eine vorhergehende Fernsehdiskussion zu einem Machtwechsel. Zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland hatten Bundestagswahlen den Austausch der kompletten Regierung zur Folge. 16 Jahre lang hatte Helmut Kohl mit einer Koalition aus CDU/CSU und FDP regiert, nun übernahm Gerhard Schröder mit einem Bündnis aus SPD und Bündnis 90/Die Grünen. So weit, so klar. Bleibt nur eine Frage: wie konnte es dazu kommen?<br />
Knut Bergmann hat die Antwort auf diese Frage zum Thema seiner Dissertation gemacht. 377 Seiten und 10 Kapitel lang ist sein Erklärungsversuch. Dabei konzentriert er sich vor allem auf die beiden großen Parteien CDU und SPD und fasst die „kleinen“ Parteien in einem Kapitel zusammen. Bergmann untersucht Kandidaten, Kampagnen und Koalitionsstrategien, analysiert den Einfluss der Landespolitik und den der Wirtschafts- und Sozialpolitik auf die Bundestagswahl. Schließlich geht er auf die angebliche „Amerikanisierung“ des Wahlkampfes und das endgültige Ergebnis ein.<br />
<strong>Kandidatenkampf und Strategiepläne bei den großen Parteien<br />
</strong> Was nach langweiliger wissenschaftlicher Arbeit klingt, liest sich wie ein spannender Krimi. Kohl ist geköpft, Schröder hat gesiegt. Detektiv Bergmann begibt sich auf Spurensuche. Chronologisch wird der Prozess aufgerollt. Wir erinnern uns beispielsweise an Lafontaine und Schröder und die „Strategie der späten Entscheidung“ der SPD. Die Landtagswahlen in Niedersachsen hatte Schröder selbst als Plebiszit über die Kanzlerkandidatur definiert. Er siegt, Lafontaine zieht zurück. In einer Fußnote zitiert Bergmann einen Kommentar Schröders zum Messerattentat auf Lafontaine während des Bundestagswahlkampfes. Dieses habe ihm in Niedersachsen zwei Prozent mehr an Wahlstimmen gebracht.<br />
Auf Seiten der CDU konkurrieren der „Kronprinz“ Wolfgang Schäuble mit dem Endlos-Bundeskanzler Kohl. Während die SPD eine erstaunliche Kommunikationsdisziplin an den Tag legt, gibt es bei der Union bis zuletzt Spekulationen und Diskussionen um die Kandidatur. Schuld am „Bild der Uneinigkeit“ sei letztlich die Tatsache, zu Kohl keine wirkliche Alternative zu haben, so Bergmann (44).<br />
Schröder will mit der SPD an die Macht, die CDU und vor allem der Vorsitzende Kohl hat zu viel davon. Daraus lassen sich die Strategien der Parteien logisch ableiten. Die SPD greift an. Sie will sich als „Markenprodukt“ (53) verkaufen, setzt auf die Begriffe „Innovation“, „Gerechtigkeit“ und „Neue Mitte“. Bergmann: „Die SPD setzt ihre langfristig angelegte Strategie sehr konsequent um.“ (79) Genau das Gegenteil ist bei der Union der Fall. Sie lässt sich in die Defensive drängen und schafft es nicht einmal, sich auf einen Minimalkonsens zu einigen. „Erkennbar wird eine Art parallele Wahlkampfführung des Bundeskanzleramtes und der Parteizentrale“ (103).<br />
Weder CDU noch SPD nutzen das Internet als effektives Kommunikationsinstrument. Während es die Sozialdemokraten noch nicht einmal zu einer eigenen Kandidatenhomepage schaffen, umfasst das Webangebot der Konkurrenz immerhin eine Reihe von Chats in der heißen Schlussphase. Trotzdem, 1998 kann von „Internet-Wahlkampf“ keine Rede sein.<br />
<strong>Wer koaliert mit wem und was machen die „kleinen“ Parteien?<br />
</strong> Sehr opportun auch die koalitionspolitische Lage der Sozialdemokraten. Sie geben sich als „Hahn im Korb“ und halten sich alle Optionen offen (128). Die CDU hingegen befindet sich in einem „koalitionspolitischen Dilemma“: die FDP bleibt nach wie vor einziger potenzieller Koalitionspartner. Diese „alternativlose Bindung“ macht eine Disziplinierung der Liberalen unmöglich.(134).<br />
Der große Coup gelingt der SPD mit der „Kampa“, der eigenständigen Wahlkampfzentrale. Die hat Symbolwert nach außen wie nach innen, wird selbst Gegenstand zahlreicher Medienberichte und unterstreicht somit das neue Image der Sozialdemokraten. (144) Wie bei der Strategie, so fehlt es auch bei der Wahlkampf-Organisation der Christdemokraten an einer einheitlichen Linie. Hier sieht Bergmann sogar eine Dreiteilung in Bundeskanzleramt, CDU-Bundesgeschäftsstelle und Bundestagsfraktion (165).<br />
„Bündnis 90/Die Grünen oder der Versuch, regierungsfähig zu werden“ überschreibt der Autor das Kapitel über den Wahlkampf der grünen Partei (167). Für ihn überwiegen die negativen Aspekte wie mangelnde Disziplin und Konflikte zwischen realpolitischen und fundamentalistisch orientierten Parteimitgliedern. Der Kardinalfehler unterläuft den Grünen mit der Forderung nach einem Benzinpreis von fünf D-Mark. Unter schwierigen Bedingungen – „beschränkte finanzielle Mittel, lange Regierungszeit, geringes Profil des Spitzenpersonals (…)“ &#8211; starten die Liberalen in den Wahlkampf (205). Der geht zum Teil auch gegen den eigenen Koalitionspartner CDU und wird von Bergmann insgesamt durchaus positiv bewertet. Auch die PDS steckt ´98 in einem „doppelten Dilemma“: bleibt sie in der Fundamentalopposition oder wird sie koalitionsfähig, und bleibt sie Regionalpartei oder dehnt sie sich gen Westen aus? Dem entkommt sie nicht, im Gegenteil. Das Scheitern vor Augen zieht sie sich auf halbem Wege nach Osten zurück (223).<br />
<strong>Der Einfluss der Landtagswahlen und das absolut dominante Problem „Arbeitslosigkeit“<br />
</strong> Einzig die Landtagswahlen in Niedersachsen können als voller Erfolg für die Sozialdemokraten gewertet werden. Schon eine halbe Stunde nach der ersten Hochrechnung verkündet der SPD-Bundesgeschäftsführer Münterfering die Kanzlerkandidatur Schröders vor den Medien (243). Ein strategischer Fehler unterläuft der SPD dagegen bei der Entscheidung zur Fortsetzung des „Magdeburger Modells“ nach der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt (253), bilanziert Bergmann. Auch die vorhergegangene Hamburger Bürgerschaftswahl wird als „totaler Flop“ für die SPD bezeichnet. In Bayern triumphiert die CSU unter Ministerpräsident Stoiber. Schröder geht gelassen auf Distanz und lässt sich von dem Ergebnis der bayrischen Landtagswahl nicht irritieren (269).<br />
Im Gegensatz dazu ist der Einfluss der Wirtschafts- und Sozialpolitik auf die Wahlentscheidung der Deutschen riesig. Der SPD wird mehr Kompetenz in Sachen Wirtschaftspolitik zugeschrieben als der unionsgeführten Bundesregierung. Die Forschungsgruppe Wahlen sieht in dem Problem „Arbeitslosigkeit“ einen entscheidenden Faktor für die Wahlniederlage der CDU. Die Sozialdemokraten bauen auf Gefühle der sozialen Verunsicherung und Benachteiligung in der Bevölkerung und treffen mit dem Stichwort „Gerechtigkeitslücke“ den Nagel auf den Kopf. Die SPD weiß auszunutzen, dass mit dem „absolut dominanten Problem Arbeitslosigkeit“ die „Wirtschaftslage zu einem Faktor der Wahlentscheidung“ wird (300).<br />
<strong>Weder „Amerikanisierung“ noch erhöhte „Personalisierung“<br />
</strong> Abschließend räumt Bergmann noch mit zwei Thesen auf, die gerne in den Medien verbreitet werden. Weder sei ein Phänomen der „Amerikanisierung“ noch das der erhöhten „Personalisierung“ festzustellen. Vielmehr handele es sich um eine modernisierte Wahlkampfführung und der Grad der Personalisierung im Bundestagswahlkampf 1998 sei „nicht höher als in vergangenen Kampagnen“ (329).<br />
Spaß macht die Lektüre vor allem vor dem Hintergrund des laufenden Wahlkampfes. Denn bald ist man geneigt, die bisher geschehenen Ereignisse selbständig in die Kapitel einzuordnen und sich somit – logisch – ein Ergebnis herzuleiten. „Machtwechsel sind normalerweise nur dann möglich, wenn der potenzielle Nutzen eines Regierungswechsels die potenziellen Kosten deutlich übertrifft“ (338) und „der Wahlsieg der SPD war keinesfalls mittels eines Wunder-Wahlkampfes herbeigezaubert“ (344), meint Knut Bergmann. Wie sieht das im Bundestagswahlkampf 2002 aus? Ein Kapitel dieses Buches wird erst am 22. September geschrieben.<br />
(Seitenzahlen in Klammern)</p>
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			</item>
		<item>
		<title>&#8220;Es bestreitet niemand, dass es Umsetzungsprobleme gibt&#8221;</title>
		<link>https://www.politik-digital.de/chattranscripte/es-bestreitet-niemand-dass-es-umsetzungsprobleme-gibt-143/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[mullrich]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 14 May 2006 23:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Chattranscripte]]></category>
		<category><![CDATA[Hartz IV]]></category>
		<category><![CDATA[Ich-AG]]></category>
		<category><![CDATA[Ralf Brauksiepe]]></category>
		<category><![CDATA[Bundespolitik]]></category>
		<category><![CDATA[CDU]]></category>
		<category><![CDATA[Arbeitsmarkt]]></category>
		<category><![CDATA[Arbeitsmarktpolitik]]></category>
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					<description><![CDATA[<p class="fett">
Am Montag, 15. Mai,, war Dr. Ralf 
Brauksiepe, CDU-Bundestagsabgeordneter und Sprecher für Arbeit 
und Soziales der Unions-Fraktion zu Gast im tagesschau-Chat in Kooperation 
mit politik-digital.de. Er beantwortete Fragen zu den Korrekturen 
der Maßnahmen auf dem Arbeitsmarkt, Hartz IV Missbrauch und 
der Zukunft der Ich-AG.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p class="fett">
Am Montag, 15. Mai,, war Dr. Ralf<br />
Brauksiepe, CDU-Bundestagsabgeordneter und Sprecher für Arbeit<br />
und Soziales der Unions-Fraktion zu Gast im tagesschau-Chat in Kooperation<br />
mit politik-digital.de. Er beantwortete Fragen zu den Korrekturen<br />
der Maßnahmen auf dem Arbeitsmarkt, Hartz IV Missbrauch und<br />
der Zukunft der Ich-AG.<!--break-->
</p>
<p class="normal">
<b>Moderator:</b> Herzlich willkommen<br />
zum tageschau-Chat! Heute ist unser Chat-Gast Ralf Brauksiepe, CDU-Bundestagsabgeordneter<br />
und Sprecher für Arbeit und Soziales der Unions-Fraktion. Arbeitsmarkt<br />
und soziale Sicherung sind bei immer noch fast fünf Millionen<br />
Arbeitslosen weiterhin die Top-Themen und Herausforderungen an die<br />
Politik. Milliarden Euro fließen aus dem Bundeshaushalt für<br />
die Bewältigung dieser Probleme, sie scheinen aber kaum etwas<br />
zu bewirken. Wie immer darf es in unserem Chat um alle Themen gehen.<br />
Sie können Ihre Fragen jederzeit stellen, diese werden gesammelt<br />
und kommen alle in den großen Frage-Pool. Vielen Dank, Herr<br />
Brauksiepe, dass Sie ins ARD-Hauptstadtstudio gekommen sind. Beginnen<br />
wir mit dieser Frage:
</p>
<p>
<b>ursula meschede: </b>Haben Sie sich freiwillig gemeldet,<br />
als der Posten des Sprechers für Arbeit und Soziales vergeben<br />
wurde?
</p>
<p>
<b>Ralf Brauksiepe:</b> Es wird nicht gewartet, dass<br />
man sich meldet, sondern da gibt es natürlich Menschen in der<br />
Fraktionsführung, die sich Gedanken machen und auf mich zugekommen<br />
sind und mich gefragt haben, ob ich das machen möchte. Wenn<br />
man gefragt wird, ob man in diesem Kernbereich deutscher Politik,<br />
der über Erfolg oder Misserfolg der Regierung wesentlich mit<br />
entscheidet, Verantwortung übernehmen will, ist es klar, dass<br />
man eine solche Herausforderung annimmt. Ich habe das gern gemacht<br />
und habe viel Freude an meinem Amt.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Was qualifiziert einen für einen<br />
solchen Posten?
</p>
<p>
<b>Ralf Brauksiepe:</b> Da gibt es sicherlich unterschiedliche<br />
Zugangswege. Mein Zugang zu diesem Tätigkeitsfeld bestand insbesondere<br />
darin, dass ich in der vorherigen Legislaturperiode stellvertretender<br />
Vorsitzender der Arbeitnehmergruppe unserer Fraktion war, und seit<br />
einigen Jahren Führungsfunktionen in der CDA, der Arbeitnehmerorganisation<br />
der CDU, bekleide.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Grundsatzfrage und doch konkret:
</p>
<p>
<b>Der Koelner:</b> Was ist daran sozial, wenn ein Arbeitnehmer<br />
nach einem Jahr erst sein Hab und Gut verkaufen muss, um eine Sozialleistung<br />
zu erhalten?
</p>
<p>
<b>Ralf Brauksiepe:</b> Wenn es so wäre, wäre<br />
das nicht sozial, aber es ist auch nicht so. Wer aus dem Bezug von<br />
ALG I herausfällt, erhält zunächst noch für<br />
mehrere Jahre einen so genannten &quot;befristeten Zuschlag&quot;.<br />
Erst danach beginnt für diejenigen, die arbeitslos geworden<br />
sind, der Bezug des Arbeitslosengeldes II. In der früheren<br />
Sozialhilfe hat es auch Bedürftigkeitsprüfungen gegeben<br />
und demzufolge auch die Anrechnung eigenen Vermögens. Die Vermögensfreigrenzen,<br />
also das, was nicht verkauft werden muss, sind im neuen SGB II,<br />
also &quot;Hartz IV&quot;, deutlich höher als in der alten<br />
Sozialhilfe. Ich weiß, dass der öffentliche Eindruck<br />
ein völlig anderer ist. Aber Tatsache ist, dass Hartz IV hilfebedürftigen<br />
Menschen deutlich mehr lässt als die frühere Sozialhilfe.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Fällt der Zuschlag, den sie erwähnt<br />
haben, in Zukunft nicht weg?
</p>
<p>
<b>Ralf Brauksiepe:</b> Wir haben uns im Koalitionsvertrag<br />
ehrgeizige Ziele bei der Reform von Hartz IV gesetzt und sind zurzeit<br />
dabei, diese parlamentarisch umzusetzen. Leider müssen wir<br />
davon ausgehen, dass trotzdem die Haushaltsansätze für<br />
Hartz IV überschritten werden. Auch dies zeigt, dass wir für<br />
den betroffenen Personenkreis heute mehr Geld ausgegeben als je<br />
zuvor. Über die Wege, auf denen wir die vom Haushalt vorgegebenen<br />
Zielmarken erreichen, werden wir in der Koalition noch sprechen<br />
müssen.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Das heißt die Zuschläge<br />
fallen weg.
</p>
<p>
<b>Ralf Brauksiepe:</b> Es gibt zu diesem Thema bisher<br />
keinerlei Verabredung in der großen Koalition. Aber es ist<br />
klar, dass zusätzliche Einsparungen erforderlich sind, falls<br />
die bisherigen nicht ausreichen, um die im Haushalt vorgesehenen<br />
Ausgabengrenzen zu erreichen. Heute ist aber nicht der Zeitpunkt,<br />
um über einzelne Maßnahmen öffentlich zu spekulieren.
</p>
<p>
<b>Rodaj: </b>Warum werden die Stellen für Sozialbetrugs-Kontrolleure<br />
in vielen Städten aufgestockt, obwohl es keinerlei statistische<br />
Angaben zur Anzahl der Betrugsfälle gibt?
</p>
<p>
<b>Ralf Brauksiepe:</b> Es gibt natürlich Statistiken,<br />
die auf Fälle von Missbrauch hinweisen. Wir müssen mit<br />
dem knappen Geld, das von denjenigen erwirtschaftet wird, die täglich<br />
ihrer Arbeit nachgehen, sorgsam umgehen. Das sollte eine pure Selbstverständlichkeit<br />
sein. Weil wir sozial Schwachen helfen wollen, müssen wir gleichzeitig<br />
verhindern, dass sich Starke, die Hilfe nicht brauchen, gleichwohl<br />
als Schwache verkleiden.
</p>
<p>
<b>hollyday:</b> Durch eine schärfere Überwachung<br />
der ALG-Empfänger sollen ja unberechtigte Bezieher identifiziert<br />
und so Kosten gesenkt werden. Aber welche Summe wird eigentlich<br />
für die Überwachungsmaßnahmen benötigt? Und<br />
inwiefern ist das noch mit dem Datenschutz vereinbar?
</p>
<p>
<b>Ralf Brauksiepe:</b> Mit dem SGB II-Fortentwicklungsgesetz,<br />
das wir zurzeit im Bundestag beraten, werden die dazu erforderlichen<br />
Grundlagen geschaffen, wobei selbstverständlich die Erfordernisse<br />
des Datenschutzes beachtet werden. Es geht auch nicht darum, hier<br />
neues Personal einzustellen, sondern darum, den Menschen, die die<br />
Aufgabe haben, die vorhandenen Gelder dem Wunsch des Gesetzgebers<br />
entsprechend einzusetzen, auch in die Lage zu versetzen, den entsprechenden<br />
Mitteleinsatz effektiv zu kontrollieren.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> SGB-II-Fortentwicklungsgesetz ist besser<br />
bekannt als Hartz-IV-Optimierungsgesetz.
</p>
<p>
<b>Ralf Brauksiepe:</b> Meines Wissens ist im Zuge der<br />
üblichen Ressort-Abstimmung innerhalb der Bundesregierung vom<br />
Bundesjustizministerium der Begriff &quot;Optimierungsgesetz&quot;<br />
abgelehnt worden. In der Sache geht es um das Sozialgesetzbuch II,<br />
diese Bezeichnung ist mir im Regelfall lieber als der Hinweis auf<br />
einen früheren Funktionsträger eines deutschen Automobilkonzerns.
</p>
<p>
<b>joan:</b> Gibt es unabhängige Studien über<br />
die Auswirkung der Ein-Euro-Jobber auf den ersten Arbeitsmarkt?<br />
Ich bin sicher nicht allein mit dem Problem, dass man meinen Arbeitsplatz<br />
als &quot;nicht nötig &quot; und als potentielles Hartz-IV-Jobber-Gebiet<br />
&quot;vorgemerkt&quot; hat.
</p>
<p>
<b>Ralf Brauksiepe: </b>Natürlich wird auch die<br />
Auswirkung von Ein-Euro-Jobs evaluiert. Dabei muss man sehen, dass<br />
es sicherlich Verdrängungseffekte bzw. Probleme im konkreten<br />
Einzelfall gibt. Um diese zu minimieren, sind bei den Agenturen<br />
vor Ort entsprechende Gremien eingesetzt worden, die darauf achten<br />
sollen, dass mit diesem Instrument wirklich nur zusätzliche<br />
Beschäftigung geschaffen und keine bestehende Beschäftigung<br />
verdrängt werden soll. Auch wenn das sicher nicht in jedem<br />
Einzelfall gelingt, halte ich es vom Grundsatz her für richtig,<br />
diese Jobs zu organisieren. Denn Arbeit, die in Deutschland nicht<br />
erledigt wird, liegt doch zum Teil in wahrsten Sinne des Wortes<br />
&quot;auf der Straße&quot;. In meinem Wahlkreis haben es sich<br />
viele Parteigliederungen zur Gewohnheit gemacht, regelmäßige<br />
Müllsammelaktionen durchzuführen, weil den Kommunen das<br />
Geld für eine bessere Sauberhaltung ihrer Städte fehlt.<br />
Ich betone aber nochmals, dass wir sehr auf die Zusätzlichkeit<br />
dieser Arbeitsgelegenheiten achten müssen.
</p>
<p>
<b>Dennis D:</b> Ist es bei dem Problem &quot;Hartz IV<br />
&quot; nicht so, dass sich die große Koalition erst jetzt<br />
Gedanken macht, wo die Wahlen in Mecklenburg-Vorpommern im Herbst<br />
anstehen, wo die PDS als Protestpartei wegfällt und somit die<br />
NPD als einzige Partei von Hartz IV &quot;profitieren &quot; könnte?
</p>
<p>
<b>Ralf Brauksiepe:</b> Das ist völlig abwegig.<br />
Hartz IV ist von der rot-grünen Bundesregierung eingeführt<br />
worden und war von Anfang an ein Kompromiss, in den auch der Bundesrat<br />
einbezogen war. Natürlich muss auch die große Koalition<br />
untereinander und mit dem Bundesrat bei der Reform von Hartz IV<br />
Kompromisse schließen. Wir haben das Thema aber nicht erst<br />
jetzt entdeckt, sondern schon im November im Koalitionsvertrag ein<br />
umfangreiches Maßnahmenpaket festgelegt, das wir seitdem schrittweise<br />
abarbeiten. Es ist für uns ein Dauerthema, das wir nicht erst<br />
neu entdecken mussten.
</p>
<p>
<b>Husemann:</b> Hand aufs Herz, Herr Brauksiepe! Was<br />
wird Deutschland in zehn Jahren noch von den Verhältnissen<br />
auf dem amerikanischen Arbeitsmarkt unterscheiden?
</p>
<p>
<b>Ralf Brauksiepe: </b>Sehr viel. Wir werden auch in<br />
zehn Jahren noch ein soziales Sicherungssystem haben, das allen<br />
Menschen bei Krankheit die notwendige medizinische Versorgung gewährt<br />
und das mit der gesetzlichen Rente, die in der Bedeutung zwar tendenziell<br />
abnehmende, aber immer noch zentrale Säule der Alterssicherung<br />
in Deutschland darstellen wird. Gerade weil wir unsere sozialen<br />
Sicherungssysteme nicht über Bord werfen wollen, müssen<br />
wir aber auch bereit sein, sie fort zu entwickeln, auch wenn das<br />
häufig schwer fällt.
</p>
<p>
<b>Guapo:</b> Ist es nicht so, dass man sich bei den<br />
Kosten von Hartz IV völlig verrechnet hat und jetzt ein Missbrauchs-Szenario<br />
aufbaut? Vor allem zu Lasten der Empfänger?
</p>
<p>
<b>Ralf Brauksiepe:</b> Richtig ist, dass sich Rot-Grün<br />
bei den Kosten vollkommmen verkalkuliert hat. Aber es geht nicht<br />
darum, jetzt ein Missbrauchsszenario aufzubauen. Es gibt Missbrauchsfälle,<br />
die bekämpft werden müssen im Interesse der Beitrags-<br />
und Steuerzahler und der Hilfebedürftigen, die zu Recht Hilfe<br />
empfangen. Um nicht mehr und nicht weniger geht es.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Im Rückblick: Die Maßnahmen<br />
für die Gesetze Hartz I bis Hartz III sind wissenschaftlich<br />
begleitet und geprüft worden. Für viele neue Förderungsinstrumente<br />
fiel das Urteil vernichtend aus. Beispielsweise für die Leiharbeitsmodelle<br />
PSA (Personal-Service-Agenturen). Bei Hartz IV explodieren die Kosten.<br />
Gibt es einen Hauptgrund, warum der Politik immer wieder solche<br />
Fehler passieren? Betonung liegt auf Hauptgrund.
</p>
<p>
<b>Ralf Brauksiepe:</b> Nein, es gibt eine Fülle<br />
von Ursachen. Bei den Personalservice-Agenturen war es der politische<br />
Wille von Rot-Grün gegen unseren Willen dieses Instrument einzuführen.<br />
Es hat genügend Warnungen, nicht nur von unserer Seite, gegeben.<br />
Bei Hartz IV ist bisher ein wesentlicher Grund für den Kostenanstieg<br />
die Zunahme der Zahl der so genannten Bedarfsgemeinschaften. In<br />
meinem Landkreis hat sie im Jahr 2005 um ca. 60% zugenommen, und<br />
das ist kein Einzelfall. Die Kosten für Heizung und Wohnung<br />
sind gegenüber früher deutlich gestiegen, was nicht zuletzt<br />
damit zusammenhängt, dass das Verfahren für die Gewährung<br />
dieser Unterstützung für den Antragsteller leichter ist<br />
als beim früheren Wohngeld. Das sind aber nur zwei von zahlreichen<br />
Ursachen.
</p>
<p>
<b>tacko:</b> Sind nicht viele Elemente der Hartz-Gesetze<br />
vor allem auf Betreiben der Union im Bundesrat eingeführt worden?
</p>
<p>
<b>Ralf Brauksiepe:</b> Was die finanziellen Auswirkungen<br />
angeht, ist es der Union über den Bundesrat in der Tat gelungen,<br />
Schlimmeres zu verhindern. Was organisatorische Fragen angeht, gab<br />
es den Streit darüber, wer federführend für die Vermittlung<br />
der betroffenen Menschen in Arbeit zuständig sein sollte. Rot-Grün<br />
wollte eine zentralistische Lösung über die Bundesagentur<br />
für Arbeit, wir wollten die Federführung bei den Kommunen.<br />
Heraus gekommen ist als Kompromiss, eine Summe von 69 Optionskommunen<br />
auf der einen Seite sowie die &quot;Argen&quot; (Arbeitsgemeinschaften,<br />
Anm. der Redaktion), das heißt die Zusammenarbeit von BA und<br />
Kommunen als Regelfall auf der anderen Seite. Bei diesem Kompromiss<br />
gab und gibt es natürlich Schnittstellenprobleme, auf die wir<br />
ebenfalls mit dem SGB II-Fortentwicklungsgesetz reagieren.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Nach den bisherigen Erfahrungen: Sollte<br />
das Kommunenmodell bundesweit eingeführt werden?
</p>
<p>
<b>Ralf Brauksiepe:</b> In der großen Koalition<br />
haben wir uns darauf verständigt, in den nächsten Jahren<br />
nach dem bisher gefundenen Kompromiss weiter zu verfahren. Für<br />
CDU und CSU bleibt allerdings die Federführung bei den Kommunen<br />
weiterhin auf der Agenda.
</p>
<p>
<b>arzt-im-einsatz:</b> Wie plant die Regierung, die<br />
Mehrkosten für das ALG II zu finanzieren?
</p>
<p>
<b>Ralf Brauksiepe:</b> Wir haben insbesondere die Absicht,<br />
die Mehrkosten soweit wie möglich zu begrenzen. Alles andere<br />
muss im Zuge der zurzeit stattfindenden Haushaltsberatungen entschieden<br />
werden. Klar ist, dass die große Koalition fest entschlossen<br />
ist, nicht in ihrem ersten Amtsjahr mit einer Rekordneuverschuldung<br />
zu starten.
</p>
<p>
<b>bärchenbrueck: </b>Herr Brauksiepe: Wieso wird<br />
eigentlich nur geredet und gegen Betroffene entschieden, anstatt<br />
sich auch mal um die korrekte Umsetzung zu kümmern? Meist sind<br />
Mitarbeiter der Arge´s überfordert, haben keinerlei Sachkunde<br />
und lehnen erstmal ab. Selbst Richtersprüche lassen diese Menschen<br />
links liegen. Warum passiert da genauso viel wie bei &quot;Fördern&quot;,<br />
nämlich nichts außer heißer Luft?
</p>
<p>
<b>Ralf Brauksiepe: </b>Es bestreitet niemand, dass es<br />
Umsetzungsprobleme gibt. Diese zu beseitigen ist ja ein Ziel der<br />
jetzt laufenden Gesetzgebung. Darüber hinaus ist mein Eindruck,<br />
dass die Erfahrungen vor Ort sehr unterschiedlich sind und natürlich<br />
von konkret handelnden Personen abhängen. Wir wollen fördern<br />
und fordern verstärkt in Einklang bringen. Dabei muss auch<br />
klar sein: Das SGB-II bzw. Hartz IV regelt in erster Linie die Ansprüche<br />
für erwerbsfähige Hilfebedürftige. Es ist primär<br />
eine Grundsicherungs- und kein Arbeitsmarktförderungsinstrument.<br />
Wir können Menschen am besten fördern, indem wir die Rahmenbedingungen<br />
für wirtschaftliches Wachstum und damit zusätzliche Arbeitsplätze<br />
richtig stellen. Alle Prognosen der jüngsten Zeit bestärken<br />
uns in der Einschätzung, dass wir dabei auf dem richtigen Weg<br />
sind.
</p>
<p>
<b>peterhartz:</b> Was kommt nach der Ich-AG? Wird es<br />
ähnliche Existenzgründerunterstützung geben?
</p>
<p>
<b>m3:</b> Hallo. Wird die Ich AG fallen. Gibt es in<br />
Zukunft Förderung für Existenzgründung?
</p>
<p>
<b>Ralf Brauksiepe:</b> Die Ich-AG in der bestehenden<br />
Form läuft zum 30. Juni aus &#8211; das steht fest. Das Überbrückungsgeld<br />
als lange bewährtes Instrument der Existenzgründungsförderung<br />
ist zeitlich unbefristet. Wir haben uns in der großen Koalition<br />
darauf verständigt, Überbrückungsgeld und Ich-AG<br />
zu einem einheitlichen Instrument der Förderung von Existenzgründung<br />
aus Arbeitslosigkeit zusammen zu fassen. Daran arbeiten wir zurzeit.<br />
Ich hoffe, dass wir noch im Laufe dieses Sommers eine Nachfolgeregelung<br />
für die Ich-AG im Bundesgesetzblatt finden können.
</p>
<p>
<b>Moderator: </b>Ihr Kommentar zum Vorschlag zur Vereinfachung<br />
von:
</p>
<p>
<b>Surfer:</b> Es wäre nicht schlecht, wenn alle<br />
Hartz VI Empfänger einen festen Betrag 600 Euro erhalten würden.<br />
Teure Bürokratie fällt dann weg.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Ist das ALG II zu kompliziert?
</p>
<p>
<b>Ralf Brauksiepe:</b> Natürlich müssen wir<br />
die Bürokratiekosten begrenzen. Auch dem dient das laufende<br />
Gesetzgebungsverfahren. Allerdings verstehe ich den Hinweis auf<br />
die 600 Euro nicht. Wir haben gerade beschlossen, den so genannten<br />
&quot;Regelsatz&quot; im Osten auf das Westniveau von dann bundeseinheitlich<br />
345 Euro anzuheben. Es wäre vollkommen unmöglich, diesen<br />
auf 600 Euro anzuheben.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Zusammen mit Wohngeld käme das<br />
ungefähr auf einen durchschnittlichen Auszahlungsbetrag für<br />
allein stehende ALG-II-Empfänger hin &#8211; der liegt nach meinem<br />
Kenntnisstand nur etwas höher.
</p>
<p>
<b>Ralf Brauksiepe:</b> Wenn wir mit öffentlichen<br />
Mitteln sorgsam umgehen wollen, dann können wir natürlich<br />
nicht das Wohngeld pauschalieren sondern müssen es an den tatsächlich<br />
entstehenden Kosten für Unterkunft und Heizung ausrichten.<br />
Bürokratieabbau kann nicht bedeuten, das Geld der Steuerzahler<br />
ungeprüft pauschal auszugeben.
</p>
<p>
<b>SGBII-Fallmanager:</b> Wie stehen Sie zur der Problematik,<br />
dass offenbar bei der Hartz IV-Gesetzgebung vergessen worden ist,<br />
die Zusammenarbeit im Bereich der Ausbildungsplatzvermittlung zwischen<br />
Agentur für Arbeit und Optionskommunen festzuschreiben. Die<br />
gegenwärtige Situation führt dazu, dass auf dem Rücken<br />
der Betroffenen Animositäten zwischen der Agentur für<br />
Arbeit und Optionskommunen ausgelebt werden (können).
</p>
<p>
<b>Ralf Brauksiepe:</b> Uns ist das Problem bekannt.<br />
Ich muss aber noch mal an meine Feststellung erinnern, dass die<br />
Konstruktion der Argen und der Optionskommunen ein politischer Kompromiss<br />
war, der im Kern nicht zur Debatte steht. Es geht um die bessere<br />
Zusammenarbeit der Beteiligten. Dazu wollen wir diese im laufenden<br />
Gesetzgebungsverfahren verpflichten, soweit der Gesetzgeber dies<br />
überhaupt kann. Aber auch nach dieser gesetzlichen Verbesserung<br />
wird es natürlich nicht ohne den guten Willen der Verantwortlichen<br />
vor Ort gehen. Ich bin gern bereit, Fällen, wo Betroffene Opfer<br />
von Animositäten werden, nachzugehen.
</p>
<p>
<b>Miksch:</b> Ist es nicht ehrlich zu sagen, dass eine<br />
Vollbeschäftigung in diesem Arbeitssystem nicht mehr möglich<br />
ist? Wie reagiert man auf den stärkeren Globalisierungsdruck?
</p>
<p>
<b>Ralf Brauksiepe:</b> Wir halten am Ziel der Vollbeschäftigung<br />
fest. Dabei geht es mir nicht in erster Linie um abstrakte Zieldebatten.<br />
Wir müssen versuchen, so vielen Menschen wie möglich in<br />
Arbeit zu bringen. Und denjenigen, die keine Arbeit haben, die notwendige<br />
Hilfe zukommen zu lassen. Natürlich stellt uns die Globalisierung<br />
vor neue Herausforderungen. Aber wir nehmen die Vorteile der Globalisierung<br />
oft unbewusst und als selbstverständlich hin. Nach meiner Überzeugung<br />
birgt die Globalisierung mehr Chancen als Risiken.
</p>
<p>
<b>B?en: </b>Sie glauben also wirklich an eine mögliche<br />
Vollbeschäftigung?
</p>
<p>
<b>Ralf Brauksiepe:</b> Es gibt Nachbarländer in<br />
der Europäischen Union, die nahe an der Vollbeschäftigung<br />
sind. Ich sehe keinen Grund, warum das in Deutschland prinzipiell<br />
unmöglich sein sollte, zumal Wirtschaftswissenschaftler mittlerweile<br />
auch bei mehreren Prozent Arbeitslosigkeit gleichwohl von Vollbeschäftigung<br />
sprechen. Das kann natürlich nur ein Fernziel sein. Aber durch<br />
Aufgabe dieses Ziels werden wir sicherlich dem Nahziel einer deutlichen<br />
Reduzierung der Massenarbeitslosigkeit nicht näher kommen.
</p>
<p>
<b>hunti:</b> Was sehen Sie persönlich als derzeit<br />
größtes Problem in Deutschland?
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Bitte begrenzt auf Ihr Spezialgebiet:<br />
Arbeit und Soziales.
</p>
<p>
<b>Ralf Brauksiepe:</b> Die anhaltend hohe Arbeitslosigkeit<br />
mit all ihren Auswirkungen auf die Stabilität der sozialen<br />
Sicherungssysteme und den gesellschaftlichen Zusammenhalt insgesamt.<br />
Ich komme damit auf die Anfangsfrage zurück: Bei der Bekämpfung<br />
dieses Problems mitwirken zu können, ist die größte<br />
Herausforderung in meinem Amt.
</p>
<p>
<b>Moderator: </b>Das waren 60 Minuten Politik-Chat bei<br />
tagesschau.de und politik-digital.de. Vielen Dank für Ihr Interesse,<br />
und vielen Dank an Herrn Brauksiepe. Der nächste Chat ist an<br />
diesem Mittwoch. Dann diskutiert mit Ihnen die Grünen-Fraktionschefin<br />
Renate Künast ab dreizehn Uhr. Das Protokoll des Chats ist<br />
in Kürze zum Nachlesen auf den Seiten von tagesschau.de und<br />
politik-digital.de zu finden. Das tagesschau-Chat-Team wünscht<br />
noch einen schönen Tag.
</p>
<p>
<b>Ralf Brauksiepe:</b> Ich danke allen, die mitgemacht<br />
haben und wünsche noch einen schönen Tag und eine gute<br />
Woche.</p>
]]></content:encoded>
					
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			</item>
		<item>
		<title>Bernd Siggelkow zu Gast bei tagesschau.de</title>
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		<dc:creator><![CDATA[uheimann]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 12 Mar 2005 23:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Chattranscripte]]></category>
		<category><![CDATA[Berlin]]></category>
		<category><![CDATA[Bundespolitik]]></category>
		<category><![CDATA[Sozialpolitik]]></category>
		<category><![CDATA[Armut]]></category>
		<category><![CDATA[Bernd Siggelkow]]></category>
		<category><![CDATA[Die Arche]]></category>
		<category><![CDATA[Kinderarmut]]></category>
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					<description><![CDATA[Am Sonntag, 13. März, veranstaltete tagesschau.de für 
&#34;Bericht aus Berlin&#34; einen Live-Chat mit dem Berliner 
Pastor Bernd Siggelkow. Siggelkow ist Gründer des Kinder - 
und Jugendhilfswerks &#34;Arche&#34;.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Am Sonntag, 13. März, veranstaltete tagesschau.de für<br />
&quot;Bericht aus Berlin&quot; einen Live-Chat mit dem Berliner<br />
Pastor Bernd Siggelkow. Siggelkow ist Gründer des Kinder &#8211;<br />
und Jugendhilfswerks &quot;Arche&quot;.<!--break--></p>
<p>
<span class="fett"><span style="font-size: x-small">Moderator:</span></span><span style="font-size: x-small"><br />
Guten Abend liebe Gäste und herzlich willkommen beim tagesschau-Chat:<br />
Zu Gast ist der Berliner Pastor Bernd Siggelkow, Gründer des<br />
Kinder- und Jugendhilfswerks &quot;Arche&quot;. Herr Siggelkow,<br />
wir haben gerade im Bericht aus Berlin einen ersten Eindruck ihrer<br />
Arbeit bekommen, hier kommt gleich die erste Frage an Sie:</span>
</p>
<p>
<span class="fett">Moderator:</span> Was läuft eigentlich<br />
falsch in unserer Gesellschaft, da die Kinderarmut zunimmt? Werden<br />
Eltern immer verantwortungsloser oder fehlt die Fürsorge des<br />
Staates?
</p>
<p>
<span class="fett">Bernd Siggelkow:</span> Ich glaube, dass Kinder<br />
in unserer Gesellschaft keine Lobby haben. Man hört häufig,<br />
dass sie dumm sind, dass sie zerstören und dass wenig für<br />
sie gemacht wird. Eltern werden häufig mutlos, da sie selber<br />
durch Arbeitslosigkeit keine Perspektive für sich sehen.
</p>
<p>
<span class="fett">Moderator:</span> Eine Frage zur Sozialkompetenz<br />
des Kanzlers:
</p>
<p>
<span class="fett">familyplanner:</span> Glauben Sie, dass Schröder<br />
eigentlich solche Probleme noch sieht wie die, mit denen Sie tagtäglich<br />
zu tun haben?
</p>
<p>
<span class="fett">Bernd Siggelkow:</span> Ich glaube, dass es<br />
sehr wenig Politiker gibt, denen die Realität tatsächlich<br />
bewusst ist, was auf der Straße passiert oder in den Familien.<br />
Und die Entscheidung des Kanzlers ist, meiner Meinung nach, ein<br />
Notnagel, damit der Karren nicht ganz vom Berg runter fällt.<br />
Er versucht, eine Krise zu bewältigen. Und wenn man sich seine<br />
Politik und die Worte der letzten Jahre anhört, dann hat sich<br />
auch in seinem Reden sehr viel verändert.
</p>
<p>
<span class="fett">florianh:</span> Was hat sich seit der Gründung<br />
der Arche vor 10 Jahren eigentlich geändert in Ihrer Arbeit?
</p>
<p>
<span class="fett">Bernd Siggelkow:</span> Wir haben mehr Arbeit<br />
bekommen, weil mehr Menschen von Armut betroffen sind. En Gros gibt<br />
es allerdings wesentlich weniger Kinder weil die Geburten sehr stark<br />
zurückgegangen sind. Auf der anderen Seite haben sich die Lebenssituationen<br />
der Familien eher verschlechtert, was wir zu spüren bekommen.<br />
Der Erfolg der Arche ist scheinbar der Misserfolg der Gesellschaft.
</p>
<p>
<span class="fett">gjansen: </span>Die Armut in Deutschland wächst,<br />
keine Frage. Glauben Sie, dass ein Regierungswechsel helfen würde?
</p>
<p>
<span class="fett">Bernd Siggelkow:</span> Ich glaube eher, dass<br />
man sich zusammensetzen sollte zwischen Regierung und Opposition<br />
und nicht die Gegensätze anschauen, sondern gemeinsam Lösungen<br />
suchen sollte. Auf der anderen Seite sollten auch Politiker die<br />
Probleme offen ansprechen und ruhig Wohlfahrtsverbände und<br />
andere Vereinigungen um Mithilfe bei den Entscheidungen bitten.<br />
Denn ich glaube dass man die Lösungen für das Gesamtproblem<br />
nur finden kann, wenn man erstens die Wirtschaft stärkt und<br />
zweitens viele gemeinsam an den Lösungsvorschlägen arbeiten.
</p>
<p>
<span class="fett">Moderator:</span> Provokative Frage:
</p>
<p>
<span class="fett">provider:</span> Sind Aktionen wie Ihre Arche<br />
nicht Alibi-Veranstaltungen?
</p>
<p>
<span class="fett">Bernd Siggelkow:</span> Tja, ich denke, wenn<br />
es solche Einrichtungen wie unsere nicht geben würde, dann<br />
würde es noch schlechter um diejenigen bestellt sein, die sich<br />
selber gar nicht wehren können. Wir wollen nicht die Kinder<br />
zur Schau stellen oder unsere Arbeit, sondern wir wollen Beispiele<br />
geben, wie effektive Hilfe aussehen kann.
</p>
<p>
<span class="fett">Moderator:</span> Dass Armut in Deutschland<br />
ein Problem ist, beweist ihre Arche in Hellersdorf jeden Tag aufs<br />
Neue. Stiehlt sich die Politik aus der Verantwortung?
</p>
<p>
<span class="fett">Bernd Siggelkow:</span> Die Politik redet über<br />
diese Probleme häufig gar nicht. Wenn ein Problem erkannt wird,<br />
von Seiten der Politik, dann sucht man zuerst nach Lösungen<br />
bevor man an die Öffentlichkeit geht. Vielleicht hat man auch<br />
deshalb den Armutsbericht so lange zurückgehalten.
</p>
<p>
<span class="fett">sirtpx:</span> Hallo, ich als 19jähriger<br />
Fast-Abiturient habe den Beitrag gerade gesehen &#8211; mich würde<br />
interessieren wie ich mich selbst für so ein Projekt engagieren<br />
kann.
</p>
<p>
<span class="fett">Bernd Siggelkow:</span> Ich denke, dass es in<br />
vielen Bezirken ähnliche Organisationen wie die &quot;Arche&quot;<br />
gibt, die z.B. kostenlose Nachhilfeangebote haben. Man kann sich<br />
ans Jugendamt wenden im Bezirk, um zu erfragen, wo ehrenamtliche<br />
Mitarbeit erforderlich ist. Viele Projekte würden sicherlich<br />
auch zum Beispiel schulische Hilfe anbieten, wenn entsprechende<br />
ehrenamtliche Helfer zur Verfügung stehen würden. Aber<br />
in jedem Fall ist das Jugendamt eine gute Adresse.
</p>
<p>
<span class="fett">provider: </span>Wenn sie nun weitere Einrichtungen<br />
etablieren wird der Staat doch immer mehr aus der Verantwortung<br />
entlassen &#8211; oder nicht?
</p>
<p>
<span class="fett">Bernd Siggelkow:</span> Ich glaube das nicht.<br />
Wir haben im Jahr 2000 begonnen, gegen Kinderarmut etwas zu unternehmen,<br />
schon bevor es einen Armutsbericht gab und ich glaube, dass man<br />
durch praktische Hilfe auch einen Staat an seine Verantwortung erinnern<br />
kann. Und eine traurige Wahrheit ist es dass man heute auch durch<br />
Zahlen beweisen muss, wie viel Leben und wie viel Leid an dieser<br />
Problematik hängt. Wenn der Staat sich auf Grund von Hilfeleistern<br />
aus der Affäre oder der Verantwortung zieht, dann beweist er,<br />
dass er kein Interesse an diesen Menschen hat.
</p>
<p>
<span class="fett">Moderator:</span> Viele wollen der Arche helfen:
</p>
<p>
<span class="fett">UnionerDik:</span> Wie kann ich körperlich<br />
helfen?
</p>
<p>
<span class="fett">konillu:</span> Ich hätte gern Ihre Kontaktadresse.
</p>
<p>
<span class="fett">Josef:</span> Ich bin arbeitslos, Datenverarbeitungskaufmann,<br />
und möchte fragen, ob ich Ihnen ab und an helfen darf?
</p>
<p>
<span class="fett">rihur:</span> Wollte anfragen, ob Sie auch evtl.<br />
Kleidung benötigen, z.B. warme Jacken oder T-Shirts?<br />
Kann man den Pastor evtl. im Internet besuchen oder hat er eine<br />
e-Mail-Adresse?
</p>
<p>
<span class="fett">UnionerDik:</span> Ich bin aus Berlin und würde<br />
gerne in ihrer Einrichtung helfen. Wie kann ich das?
</p>
<p>
<span class="fett">miriam:</span> Hallo, ich würde gern wissen,<br />
wie man den beiden Kindern &#8211; Deborah und Miriam helfen kann?
</p>
<p>
<span class="fett">Bernd Siggelkow:</span> Alle Möglichkeiten<br />
der Unterstützung, ob Sachmittel oder finanzielle Unterstützung,<br />
sind auf unserer Homepage veröffentlicht unter www.kinderprojekt-arche.de.<br />
Da wir eine Vielzahl Anfragen von freiwilligen Helfern haben, andere<br />
Organisationen aber leider relativ wenige, wäre es gut, wenn<br />
auch der örtliche Kinderschutzbund angefragt werden würde.
</p>
<p>
<span class="fett">Trautloo:</span> Guten Abend, meine Frau und<br />
ich habe den Beitrag mit Interesse verfolgt. Und wir stellen uns<br />
die Frage, wie wird das ganze finanziert und wie finanzieren Sie<br />
sich? Hier in Mönchengladbach/NRW werden die kirchlichen Einrichtungen<br />
geschlossen und die Stadt ist seit Jahren pleite. Wir würden<br />
hier keine Chance sehen, genug Geld für so eine große<br />
Einrichtung zusammen zu bekommen, wenn nebenan gute Einrichtungen<br />
geschlossen werden.
</p>
<p>
<span class="fett">Bernd Siggelkow:</span> Genau das gleiche Problem<br />
haben wir auch! Die Arche bekommt von der Kirche keine Finanzierung<br />
und auch sonst keine weiteren Subventionen, abgesehen von einer<br />
Personalstelle die über das örtliche Bezirksamt finanziert<br />
wird. In den ersten sechs Jahren mussten alle Mitarbeiter der Arche<br />
auf Finanzierung verzichten, was für viele auch ein existenzielles<br />
Problem war. Heute hat sich dieses Werk natürlich sehr vergrößert,<br />
mit täglich 250 Besuchern, was ohne Fachpersonal nicht mehr<br />
zu bewältigen ist. Trotzdem können Einzelne durch ihr<br />
Engagement auch in ihrer Stadt im Kleinen helfen.
</p>
<p>
<span class="fett">Klostermeier:</span> Sehr geehrter Herr Siggelkow,<br />
die Äußerung des Mädchens, dass sie wegen Armut<br />
in der Schule von anderen ausgeschlossen wird, ist für mich<br />
Anlass genug, den Gedanken der Schul-Uniform und ein Handyverbot<br />
fordern zu wollen.
</p>
<p>
<span class="fett">Bernd Siggelkow:</span> Viele unserer Kinder<br />
würden sich über eine einheitliche Schuluniform freuen,<br />
da es leider zu wenig Verständnis für Armut und soziale<br />
Defizite in unserem Land gibt. Leider gehören Handys und Walkmans<br />
zur Pflichtausstattung eines Jugendlichen und wer so etwas nicht<br />
besitzt, wird häufig ausgegrenzt. Hier wäre von Seiten<br />
der Schule und auch der Eltern eine bessere Aufklärung nötig.
</p>
<p>
<span class="fett">miriam:</span> Alle Verbote (Handy u. teure<br />
Kleidung) führen doch zu nichts. Das Problem liegt doch viel<br />
tiefer.
</p>
<p>
<span class="fett">Bernd Siggelkow: </span>Das Problem liegt auf<br />
jeden Fall viel tiefer. Aber es wird auch noch viele Jahre dauern<br />
bis sich das in unseren Köpfen verändert.
</p>
<p>
<span class="fett">peppino1:</span> Hallo, es gibt doch schon jede<br />
Menge Lobbies für Kinder! Es gibt doch viele Organisationen,<br />
an die gespendet wird. Wozu noch mehr?
</p>
<p>
<span class="fett">Bernd Siggelkow:</span> Erst mal sind wir nicht<br />
neu, sondern die Arche gibt es seit zehn Jahren. Und es gibt sehr<br />
viele Organisationen, die über Kinderarmut reden aber leider<br />
viel zu wenig dagegen tun.
</p>
<p>
<span class="fett">lieblinghellersdorf:</span> Irgendwie ist das<br />
aber doch nur der berühmte Tropfen auf den heißen Stein,<br />
oder?
</p>
<p>
<span class="fett">Bernd Siggelkow:</span> Das stimmt. Die Frage<br />
ist nur, wie viel ist uns ein einzelnes Menschenleben wert.
</p>
<p>
<span class="fett">Moderator:</span> Sie verarzten die Wunden wie<br />
den täglichen Hunger und geben ein bisschen Nestwärme.<br />
Aber wodurch bekommen Kinder den Kick um zu erkennen: Es ist ein<br />
anderes Leben möglich als jenes, dass vielleicht ihre Eltern<br />
führen?
</p>
<p>
<span class="fett">Bernd Siggelkow:</span> Die Arche hat sich in<br />
den letzten Jahren als eine familiäre Ergänzung erweisen.<br />
So wird häufig auch eine Kompetenz an die Eltern vermittelt.<br />
Die Mitarbeiter unserer Einrichtung bauen Beziehungen auf (da, wo<br />
andere sozialpädagogische Konzepte aufhören). Häufig<br />
ist es möglich, über die persönlichen Beziehungen<br />
weit reichende Hilfeleistungen zu bieten und ein Leben zu beeinflussen.<br />
So ist z.B. das Mädchen, das als erstes Kind in unsere Einrichtung<br />
kam heute Angestellte als diplomierte Erzieherin.
</p>
<p>
<span class="fett">beril:</span> Wenn ich die Aussage des Mädchens<br />
höre: „Ich gehe nicht gerne zur Schule, weil ich ausgelacht<br />
werde, wenn ich keine Markenklamotten trage“, denke ich, dass<br />
man zuerst mit den Lehrer der Schule sprechen sollte
</p>
<p>
<span class="fett">Bernd Siggelkow:</span> Sicher haben Lehrer<br />
einen sehr großen Einfluss, aber ich denke, dass nicht nur<br />
die Lehrer besser aufklären müssen, sondern dass wir alle<br />
aufwachen müssen, um eine besserer Aufklärungsarbeit zu<br />
leisten.
</p>
<p>
<span class="fett">leberkaas:</span> Sie glauben, dass die Situation<br />
noch schlimmer wird. Gibt es auch wissenschaftliches Material, dass<br />
diese These unterstützt?
</p>
<p>
<span class="fett">Bernd Siggelkow:</span> Nein, ich glaube nicht.<br />
Allerdings zeigen uns die Entwicklungen, die uns durch die verschiedenen<br />
Armutsberichte der letzten vier Jahre bekannt sind, dass die Armut<br />
deutlich zugenommen hat. Und dass die Auswirkungen durch eine Reform<br />
wie Hartz IV erst in den nächsten Monaten deutlich sichtbar<br />
werden.
</p>
<p>
<span class="fett">Trautloo:</span> Wie sieht denn nach den zehn<br />
Jahren die Erfolgsquote oder die Verbesserung der sozialen Stellung<br />
der Kinder von früher &#8211; heute aus?
</p>
<p>
<span class="fett">Bernd Siggelkow:</span> Sicherlich hat sich<br />
nicht in jedem Fall die soziale Stellung verändert. Aber Kinder<br />
haben bessere Leistungen in den Schulen, Jugendliche haben durch<br />
die Arche einen Ausbildungsplatz oder eine schulische Ausbildung<br />
vermittelt bekommen. Viele dieser Kinder sind nicht mehr kriminell<br />
und in vielen Familien gibt es wieder ein geregeltes Mittagessen.
</p>
<p>
<span class="fett">miriam:</span> Ist das alles nicht katastrophal?<br />
Kann eines der reichsten Länder der Welt es sich „leisten“,<br />
so mit seiner Zukunft umzugehen?
</p>
<p>
<span class="fett">Bernd Siggelkow:</span> Ja, das beweisen auch<br />
die Zahl der Geburten in unserem Land. Jedes Jahr brauchen wir 300.000<br />
Kinder und im Jahr werden 365.000 Kinder abgetrieben. Das zeigt,<br />
dass wir mit den Kindern ein Problem haben, aber wir haben ohne<br />
Kinder noch ein viel Größeres. Ein Land, das keine Kinder<br />
hat auch keine Zukunft.
</p>
<p>
<span class="fett">verdiene wiederwahl:</span> Ihr Beitrag zu den<br />
Abtreibungen lässt mich fragen, ob Sie etwa glauben, mit einem<br />
Abtreibungsverbot würden wir unsere Probleme lösen?
</p>
<p>
<span class="fett">Bernd Siggelkow:</span> Damit wurde ich sicher<br />
nicht richtig verstanden. Ich wollte hiermit nur aufzeigen, wie<br />
viele Menschen so eine große Hoffnung in ihr Land setzen,<br />
dass sie keine Kinder mehr zur Welt bringen. Die meisten Kinder,<br />
die heute zur Welt kommen, werden nicht in Wohlstandsfamilien geboren<br />
sondern in Familien mit sozialen Defiziten. Dies sollte uns nachdenklich<br />
stimmen.
</p>
<p>
<span class="fett">wirtschaftstalk:</span> Der Chef der Diakonie<br />
hat gesagt, man solle den Armutsbericht genau lesen, weil da so<br />
viele Daten drin stehen, die noch interpretiert werden könnten<br />
&#8211; was halten Sie von dem Bericht?
</p>
<p>
<span class="fett">Bernd Siggelkow:</span> Ich glaube, dass der<br />
Bericht uns zeigt, in welche Richtung wir steuern. Und wenn wir<br />
diesen Bericht richtig verstehen, dann deutetet er uns, dass wir<br />
in eine andere Richtung fahren müssen. Dieser Richtung bedeutet<br />
mehr Aufmerksamkeit für unsere Kinder.
</p>
<p>
<span class="fett">Fisch:</span> Ich finde es sehr gut, dass sie<br />
durch die Arche die Liebe Christi an die Menschen weiterbringen.<br />
Wann kamen sie auf diese Idee?
</p>
<p>
<span class="fett">Bernd Siggelkow:</span> Meine Frau und ich lebten<br />
acht Jahre lang im Schwarzwald. Auf Grund einer Einladung wurde<br />
ich als Jugendreferent nach Berlin-Hellersdorf gerufen um eine zehntägige<br />
Jugendveranstaltung zu halten. Dies war im Jahr 1991, zu einem Zeitpunkt<br />
als eigentlich alle Menschen in Aufbruchstimmung sein sollten. Diese<br />
Stimmung fand ich unter den jungen Menschen allerdings nicht. Ich<br />
fuhr zurück in den Schwarzwald, nach dieser Veranstaltung,<br />
und freute mich auf mein geschütztes Leben. Auf dem Weg nach<br />
Hause wurde mir allerdings klar, dass diese jungen Menschen Perspektiven,<br />
Lebensinhalt, Werte und auch christliche Werte brauchen. Dies war<br />
meine Berufung. So kamen wir 1992 nach Berlin.
</p>
<p>
<span class="fett">sirtpx:</span> Prinzipiell redet jeder von der<br />
Armut der Kinder. Die Kinder sind doch diejenigen, die für<br />
ihr Leid nichts können &#8211; es ist doch vielmehr so, dass die<br />
Eltern die „Erreger“ des Leides sind bzw. der Staat.
</p>
<p>
<span class="fett">Bernd Siggelkow:</span> Wenn wir die Verantwortung<br />
für die Kinder an die Eltern delegieren und wir als Staat nicht<br />
unterstützend in die Zukunft der Gesellschaft investieren,<br />
dann müssen wir uns nicht wundern, dass manche Eltern sind<br />
wie sie sind.
</p>
<p>
<span class="fett">peppino1:</span> Glauben sie nicht, dass die<br />
tatsächliche Armut noch viel höher liegt? Die versteckte<br />
Armut bei Alleinstehenden, Alten, Kranken zum Beispiel? Die verstecken<br />
sich doch, nehmen keine Hilfen in Anspruch &#8211; wie sehen sie das?
</p>
<p>
<span class="fett">Bernd Siggelkow:</span> Aus Erfahrung weiß<br />
ich, dass viele Eltern in der Vergangenheit ihren Anspruch auf Sozialhilfe<br />
nicht geltend gemacht haben. Und ich glaube dass es heute auch eine<br />
sehr hohe Dunkelziffer gibt, ähnlich wie bei den Obdachlosen<br />
und den Straßenkindern.
</p>
<p>
<span class="fett">laberbacke:</span> Herr Siggelkow, die Kirchen<br />
haben eine Tradition im Helfen, allerdings aus eigennützigen<br />
Motiven &#8211; verlorene Seelen retten. Ist das auch Ihr verstecktes<br />
Motiv?
</p>
<p>
<span class="fett">Bernd Siggelkow:</span> Wenn sie mich so verstehen,<br />
dann haben Sie mich falsch verstanden! Dann würde ich aus meinem<br />
Häuschen im Grünen jeden Tag zur Arbeit fahren. Allerdings<br />
sehe ich das Leid jeden Tag und nicht nur das Leid des hungrigen<br />
Magens. Ich wohne an meinem Arbeitsplatz, bin 24 Stunden am Tag<br />
und häufig in der Nacht mit diesen Problemen konfrontiert.<br />
Der Glaube an Gott ist der Motor für mich und meine Mitarbeiter<br />
und ein Anker wenn wir an unsere Grenzen kommen. Werte zu vermitteln<br />
ist ein wichtiges Gut in unserer Gesellschaft. Für viele Kinder<br />
hat der Glaube wieder eine Bedeutung gefunden. Ist das eine schlechte<br />
Motivation?
</p>
<p>
<span class="fett">marie-lui:</span> Herr Siggelkow &#8211; wozu braucht<br />
unser Land Kinder? Wir haben nach meinem Wissen genug Einwanderungsmöglichkeiten.<br />
Wenn diese gut genutzt werden, kann man daraus auch eine große<br />
Zukunft erwarten. Die USA sind doch das beste Beispiel.
</p>
<p>
<span class="fett">Bernd Siggelkow:</span> Erwarten Sie von mir<br />
eine Antwort, wo ich selber Vater von sechs Kindern bin?
</p>
<p>
<span class="fett">Fisch:</span> Wie kommen die Kids in ihre Arche?
</p>
<p>
<span class="fett">Bernd Siggelkow: </span>Die Arche ist in unserer<br />
Region sehr bekannt. Und ein sehr begehrter Freizeit-Treff. Durch<br />
unsere wöchentliche Kinderparty haben wir uns einen guten Namen<br />
gemacht. Hierdurch kommen viele Kinder in die Einrichtung. Auf Grund<br />
der Essensversorgung kommen natürlich auch Kinder, die allerdings<br />
zuerst ihre Scham überwinden müssen. Leichter wird es<br />
dann, <br />
wenn ein Freund sie mitgebracht hat.
</p>
<p>
<span class="fett">stefanie:</span> Werden den Eltern und Kindern,<br />
die in der Arche Hilfe suchen, auch weitergehende Hilfsangebote<br />
gemacht (z.B. psychische Betreuung, Bewerbungshilfen etc.), die<br />
zur Verbesserung bzw. Bewältigung ihrer Problem beitragen?<br />
Oft ist es ja so, dass die Betroffenen in einem Loch von Hoffnungslosigkeit<br />
und Minderwertigkeitskomplexen gefangen sind.
</p>
<p>
<span class="fett">Bernd Siggelkow:</span> In erster Linie versuchen<br />
wir, das Selbstwertgefühl der Kinder wieder herzustellen, das<br />
häufig verloren gegangen ist. die Arbeit der Arche ist eine<br />
ganzheitliche Hilfe. Unsere jüngsten Besucher sind drei Jahre,<br />
unsere ältesten etwa 20. Bei vielen helfen wir im schulischen<br />
Bereich, bei manchen bei der Ausbildungssuche und bei einigen auch<br />
bei Behördengängen, wie z.B. zur Polizei oder zur Staatsanwaltschaft.<br />
Es gibt kaum ein Problem, mit dem unsere Mitarbeiter nicht konfrontiert<br />
werden. Aus diesem Grund arbeiten wir auch mit anderen Organisationen<br />
zusammen, wie z.B. Familienbetreuern und Jugendamt.
</p>
<p>
<span class="fett">Moderator: </span>Gibt es auch eine Zusammenarbeit<br />
mit ähnlichen Projekten?
</p>
<p>
<span class="fett">miriam:</span> Es gibt z.B. in Israel ein ähnliches<br />
Projekt, verteilt über das ganze Land: meir panim. vielleicht<br />
kann man da Erfahrungen austauschen?
</p>
<p>
<span class="fett">Bernd Siggelkow:</span> Leider gibt es in unserem<br />
Land sehr wenige Einrichtungen, allerdings haben wir zu diesen doch<br />
Kontakte. So arbeiten wir z.B. sehr eng mit der Berliner Tafel und<br />
der Heilsarmee zusammen.
</p>
<p>
<span class="fett">peppino1:</span> Diese Frage von marie-lui ist<br />
der beste Beweis für den Narzissmus und die Verantwortungslosigkeit<br />
in unserer Gesellschaft. Noch einmal die Frage: Glauben sie an eine<br />
gesellschaftliche Veränderung in absehbarer Zeit? Glauben sie<br />
an einen gesellschaftlichen Wandel &#8211; hin zu der „Wiedergeburt“<br />
von Werten, die verloren gegangen sind?
</p>
<p>
<span class="fett">Bernd Siggelkow: </span>Ich glaube, dass mehrere<br />
Organisationen und politische Instanzen zusammen arbeiten müssen,<br />
um dem Problem Herr zu werden. Eine Gesellschaft ohne Werte ist<br />
eine arme Gesellschaft. Wir brauchen wieder deutlichere Wertevermittlung<br />
und vielleicht ist es auch nicht schlecht sich an seine verlorenen<br />
Werte zu erinnern. Wir sind das Land der Reformation.
</p>
<p>
<span class="fett">Walli:</span> Wir haben bei uns in der Stadt<br />
vor einigen Jahren mit dem „Abenteuerland“ begonnen.<br />
Kennen sie diese Veranstaltung von Willow Creek? Durch diese Veranstaltung<br />
konnten hier auch schon ärmere Kids einen Nachmittag in der<br />
Woche einen schönen Nachmittag mit Fun und moralischen Werten<br />
genießen. Was halten sie davon?
</p>
<p>
<span class="fett">Bernd Siggelkow:</span> Ich selber habe im Mai<br />
2004 mit meinen Mitarbeitern bei dem Kongress der Heilsarmee mit<br />
diesem Programm gearbeitet, was ich für ein sehr gelungenes<br />
Programm halte. Es lohnt sich, mit solchen Programmen Kinder wieder<br />
aufzubauen. In unserer eigenen Einrichtung arbeiten wir nicht mit<br />
diesem Programm, da wir auf Grund der Situation und der Menschen<br />
eigene Programme und Hilfsmittel entwickelt haben.
</p>
<p>
<span class="fett">gellec:</span> Was motiviert über so viele<br />
Jahre hinweg, dass Sie den Brocken nicht hinschmeißen? Bekommen<br />
Sie wenigstens genug öffentliche Aufmerksamkeit?
</p>
<p>
<span class="fett">Bernd Siggelkow: </span>Die Arche kann sich<br />
über öffentliche Aufmerksamkeit nicht beschweren. Die<br />
Medien sind sehr gutmütig. Das Lächeln eines Kindes, das<br />
am Abend unseren Mitarbeiter verabschiedend entgegentritt, mit der<br />
freudigen Aussage, &quot;Na dann, bis morgen!&quot;, ist aller Mühe<br />
Lohn und gibt uns Hoffnung und Zuversicht für den nächsten<br />
Tag.
</p>
<p>
<span class="fett">Fisch:</span> Wie getrennt ist ihr Familienleben<br />
und die Arche?
</p>
<p>
<span class="fett">Bernd Siggelkow:</span> Da die Arche sich selbst<br />
als eine große Familie versteht, ist auch unsere Familie ein<br />
Teil dieser Großfamilie. Meine Frau leitet den kompletten<br />
Küchenbereich, meine 17-jährige Tochter gibt den Tanzunterricht,<br />
mein 14-jähriger Sohn unterrichtet eine 22-köpfige Breakdance-Gruppe.<br />
So sind wir alle Teil eines wunderbaren Projektes.
</p>
<p>
<span class="fett">Moderator:</span> Wir werden noch mal politischer:
</p>
<p>
<span class="fett">genauso34:</span> Ich muss doch mal nachfragen:<br />
Vorhin haben wir Schröder im Interview gesehen. Er nutzt ein<br />
wirtschaftswissenschaftliches Vokabular und kein emphatisches. Fühlen<br />
Sie sich von der Politik gehört oder verstanden?
</p>
<p>
<span class="fett">Bernd Siggelkow:</span> Ich glaube, dass die<br />
Politik in den letzten Jahren ihre Ohren verschlossen hat für<br />
die Entwicklung des Landes. Manchmal habe ich das Gefühl, dass<br />
Kinder ein Armutsrisiko darstellen und von unseren Politikern nicht<br />
wahrgenommen werden. Viele Jahre fühlte ich mich mit meiner<br />
Arbeit unverstanden, kritisiert und von politischer Seite ignoriert.<br />
Auch besonders in dem Bezirk, in dem ich arbeite. Es ist immer leichter<br />
über ein Problem zu sprechen, als etwas dagegen zu tun. Leider<br />
wird in der Politik viel geredet, auch unverständlich geredet,<br />
und zu wenig getan.
</p>
<p>
<span class="fett">Moderator:</span> Hat sich die Situation durch<br />
Hartz IV verändert?
</p>
<p>
<span class="fett">Bernd Siggelkow:</span> Mittlerweile haben wir<br />
etwa 40 Personen zusätzlich in der Arche, auch immer mehr ganze<br />
Familien, was wir auf Hartz IV zurückführen. Wir glauben<br />
allerdings dass das erst die Spitze ist, von dem was in den nächsten<br />
Monaten auf uns wartet. Die Folgen von nicht mehr bezahlten Sonderleistungen<br />
werden den Empfängern erst deutlich, wenn es an ihren jetzigen<br />
Vergütungen fehlt.
</p>
<p>
<span class="fett">wirtschaftstalk:</span> Bei allem Respekt für<br />
Ihre Arbeit finde ich den Ansatz doch etwas pastoral. Sie sind doch<br />
ein Mann, der seine Stimme auch politisch erheben könnte, nicht<br />
nur „mildtätig“. Haben Sie schon mal daran gedacht,<br />
in die Politik zu gehen?
</p>
<p>
<span class="fett">Bernd Siggelkow:</span> Genau das hat mir Herr<br />
Rexrodt auch schon gesagt. Er sagte mir, dass ich die besten Möglichkeiten<br />
habe, auf Grund meines Berufes und meines Alters in die Politik<br />
zu gehen. Als ich ihn dann fragte was dann aus den Kindern werden<br />
würde, um die wir uns kümmern, sagte er zur mir: man könne<br />
nur Eines. Meine Antwort darauf: &quot;Dann habe ich mich schon<br />
entschieden.&quot; Und er ging.
</p>
<p>
<span class="fett">stefanie:</span> Wie schaffen Sie es, sich emotional<br />
genügend von Ihrer Arbeit zu distanzieren, um nicht selbst<br />
vom Leid der Kinder und Familien „zerrissen“ zu werden?
</p>
<p>
<span class="fett">Bernd Siggelkow:</span> Ich habe eine sehr gute<br />
Familie, mit der ich über alles reden kann und in die ich mich<br />
fallen lassen kann. Ich habe einen festen Glauben an einen unsichtbaren<br />
Gott, der mir Trost und Hilfe ist. Ich selber habe eine schwere<br />
Kindheit durchlebt, ohne Mutter, und mein Trost ist der, dass ich<br />
mich in die Kinder unserer Einrichtung investiere. Dies ist mein<br />
Halt. Es ist auch wichtig, gebraucht zu werden und sich gebrauchen<br />
zu lassen. Diese Tatsache allein gibt Sicherheit und lässt<br />
wieder neuen Mut schöpfen.
</p>
<p>
<span class="fett">Moderator:</span> Das war&#8217;s, unsere Chat-Stunde<br />
ist vorbei. Vielen Dank für das große Interesse, vielen<br />
Dank, Herr Siggelkow, dass Sie zum Chatten gekommen sind. Mehr Informationen<br />
finden Sie unter <a href="http://www.berichtausberlin.de/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">www.berichtausberlin.de</a>.<br />
Der nächste Chat findet am kommenden Montag um 13.30 Uhr statt.<br />
Dann stellt sich Franz Müntefering, Parteichef der SPD, Ihren<br />
Fragen. Das Team von tagesschau.de wünscht allen noch einen<br />
schönen Tag!
</p>
<p>
<span class="fett">Bernd Siggelkow:</span> Vielen Dank für<br />
das rege Interesse an dieser Sendung und danke für all die<br />
guten Fragen. Einen schönen Abend!</p>
]]></content:encoded>
					
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			</item>
		<item>
		<title>&#8220;Ich bin überzeugt, dass in Deutschland eine ungerechte Politik keinen Bestand haben wird.&#8221;</title>
		<link>https://www.politik-digital.de/chattranscripte/quotich_bin_ueberzeugt_dass_in_deutschland_eine_ungerechte_politik_keinen_bestand_haben_wirdquot-272/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[thofsaess]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 05 Nov 2003 23:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Chattranscripte]]></category>
		<category><![CDATA[Bundespolitik]]></category>
		<category><![CDATA[Agenda 2010]]></category>
		<category><![CDATA[Barbara Stolterfoht]]></category>
		<category><![CDATA[Paritätischer Wohlfahrtsverband]]></category>
		<category><![CDATA[Sozialpolitik]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b><img src="http://www.politik-digital.de/salon/photos/bstolterfoht1.jpg" alt="Barbara Stolterfoht" align="left" border="0" height="116" width="82" /></b> 
<b><span style="color: #000000">Die</span><span style="color: #000000"> Vorsitzende 
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b><img decoding="async" src="http://www.politik-digital.de/salon/photos/bstolterfoht1.jpg" alt="Barbara Stolterfoht" align="left" border="0" height="116" width="82" /></b><br />
<b><span style="color: #000000">Die</span><span style="color: #000000"> Vorsitzende<br />
des Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, Barbara Stolterfoht</span></b><span style="color: #000000"><b><b>,<br />
ist am 6. November 2003 zu Gast im </b></b><span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>tacheles.02-Chat<b><br />
von tagesschau.de und poltik-digital.de.</b></b></span></span></span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator</b>:<br />
Liebe Politik-Interessierte, herzlich willkommen im tacheles.02-Chat.<br />
Die Chat-Reihe tacheles.02 ist ein Format von tagesschau.de und politik-digital.de<br />
und wird unterstützt von tagesspiegel.de und von sueddeutsche.de.<br />
Im ARD-Hauptstadtstudio begrüße ich heute Barbara Stolterfoht,<br />
Vorsitzende des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes. Der Paritätische<br />
Wohlfahrtsverband ist der Dachverband der zahlreichen Verbände in<br />
Deutschland, die soziale Arbeit leisten. Viele sind davon in Pflege und<br />
Betreuung tätig. Können wir beginnen Frau Stolterfoht?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Barbara Stolterfoht</b>:<br />
Ja.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator</b>:<br />
Die rot-grüne Koalition hat heute ein Rentengesetz verabschiedet,<br />
das für die Rentnerinnen und Rentnern im kommenden Jahr weniger Rente<br />
im Geldbeutel bedeutet. Aus ihrer Sicht ein Fehler?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Barbara Stolterfoht</b>:<br />
Ja, das ist ein Fehler. Das mag für Rentner mit der Maximalrente<br />
hinnehmbar sein, für Kleinrentnerinnen und Kleinrentner ist das eine<br />
Katastrophe.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>halligallimit67</b>:<br />
Heute hat der Bundestag über ein Notprogramm entschieden, das die<br />
deutschen Rentner kommendes Jahr in eine Nullrunde schicken wird. Zusätzlich<br />
sollen die Rentner auch noch den kompletten Pflegebeitragssatz übernehmen.<br />
Von wem wurde der vorher bezahlt? Und wem kommt das Geld zu Gute? Wird<br />
es auf alle Pflegebedürftige umgelegt, oder nur auf ältere Menschen?</p>
<p><b>Barbara Stolterfoht</b>: Die Hälfte des Pflegeversicherungsbeitrags<br />
wurde bisher von den Rentnerinnen und Rentnern bezahlt, die andere Hälfte<br />
von den Rentenversicherungen. Das heißt, die Rentenversicherungen<br />
sparen Geld und die Rentnerinnen und Rentner werden stärker belastet.<br />
Berücksichtigen muss man dabei auch noch, dass Rentnerinnen und Rentner<br />
mehr Zuzahlungen und mehr Eigenleistungen für ihre Gesundheit aufbringen<br />
müssen. Da kann es für manche schon eng werden.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Tom</b>:<br />
Betrifft das auch Menschen mit einer Erwerbsunfähigkeits-Rente?(Frührentner)</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Barbara Stolterfoht</b>:<br />
Im Prinzip alle. Aber bei der Gesundheitsreform gibt es Obergrenzen bei<br />
der Zuzahlung.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Fritzchen</b>:<br />
Wie hätte sie Rente ihrer Meinung nach finanziert werden sollen wenn<br />
es keine Nullrunde geben würde?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Barbara Stolterfoht</b>:<br />
Der Staat garantiert die Rentenzahlungen. Eine Alternative wäre eine<br />
Anhebung der Beitragssätze gewesen, eine andere eine Erhöhung<br />
des Staatszuschusses &#8211; als Notprogramm wohlgemerkt. Für eine langfristige<br />
Absicherung der Rente braucht es andere Strategien.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>HarleyDavidson</b>:<br />
Private Vorsorge wird immer wichtiger, lese ich. Was kritisieren sie daran?<br />
Wir können uns nicht länger auf den Staat verlassen und müssen<br />
selber was tun. Finde ich gar nicht so schlimm.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Barbara Stolterfoht</b>:<br />
Ich kritisiere die private Vorsorge überhaupt nicht. Auch die Pflichtbeiträge<br />
zur Rentenversicherung sind ja ein Stück weit private Vorsorge. Die<br />
Alterseinkommen der Zukunft werden wahrscheinlich aus drei Säulen<br />
bestehen &#8211; der Rentenpflichtversicherung, der betrieblichen Rentenversicherung<br />
und privaten Ansparungen. Wichtig ist mir aber, dass jede und jeder sich<br />
das private Sparen auch leisten kann. Mit Minijobs und Niedriglöhnen<br />
geht das nicht. Da braucht man jeden Pfennig zum Leben.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator</b>:<br />
Ein Kommentar und eine Frage:</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Betriebsratawoberlin</b>:<br />
Auch wir sind in großer Sorge um unseren Sozialstaat und befürchten,<br />
dass durch die Agenda 2010 noch mehr Menschen an den Rand der Gesellschaft<br />
gedrängt werden und im Abseits stehen. Aus unserer Sicht bedeutet<br />
dies dann auch großer emotionaler Sprengstoff, der sich irgendwann<br />
auch entladen wird.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Wolfgang S</b>.:<br />
Die grundsätzlich vorhandene öffentliche Akzeptanz für<br />
die Beschneidung des Sozial- (und damit Lebens-) standards steht und fällt<br />
mit der Gerechtigkeitsfrage. Was konkret schlagen Sie vor um die &quot;stärkeren<br />
Schultern&quot; der Besserverdienenden und Eigentümer großer<br />
Vermögen stärker zu belasten, damit dem Eindruck einer sich<br />
öffnenden &quot;Belastungsschere&quot; glaubwürdig begegnet<br />
werden kann?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Barbara Stolterfoht</b>:<br />
Also, jetzt erst einmal den Betriebsrat: die Sorge des Paritätischen<br />
Wohlfahrtsverbandes ist es, dass die jetzt auf den Weg gebrachten &quot;Reformen&quot;<br />
zu Lasten der Ärmeren und Arbeitslosen &#8211; Stichwort Hartz4 &#8211; und zu<br />
Lasten der Kranken gehen, die nicht nur mit der Krankheit, sondern auch<br />
noch mit erhöhten Zuzahlungen zu kämpfen haben. Besonders schlimm<br />
ist es für chronisch Kranke. Ich bin überzeugt, dass eine solche<br />
Politik der Ausgrenzung nicht zukunftsfähig ist. </span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif">Zur Frage von Wolfgang<br />
S. Die Gerechtigkeitsfrage ist bei all diesen Fragen die zentrale. Ich<br />
finde es nicht gerecht, wenn durch die Hartzgesetze bei den Arbeitslosen,<br />
die jeden Pfennig brauchen, drei Milliarden eingesammelt werden und mit<br />
der Steuerreform, den Menschen mit überdurchschnittlichen Einkommen<br />
in Höhe von mehreren tausend Euro, Steuern erlassen werden. Ich finde<br />
es auch nicht gerecht, wenn Städte und Gemeinden Schulen und Kindertagesstätten<br />
verfallen lassen müssen, weil sie kein Geld haben und auf der anderen<br />
Seite die Einnahmen aus der Körperschaftssteuer um 20 Milliarden<br />
einbrechen. Zu den konkreten Vorschlägen: Die jetzige Krankenversicherung<br />
muss zur Bürgerversicherung weiterentwickelt werden. Das senkt die<br />
Beitragslast. Durch ein transparentes und gerechtes Steuersystem müssen<br />
alle Bürgerinnen und Bürger nach ihrer Leistungsfähigkeit<br />
herangezogen werden und durch eine höhere Erbschaftssteuer auf höhere<br />
Vermögen und eine moderate Vermögenssteuer könnte der Staat<br />
in die Lage versetzt werden, seine Aufgaben besser zu erfüllen.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Kopfloser</b>:<br />
Sie waren ja auch mal in einem politischen Amt (Sozialministerin). Können<br />
Sie in Ihrer jetzigen Position was bewirken?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Barbara Stolterfoht</b>:<br />
Ja, Sozialministerinnen haben es in Kabinetten, die sparen müssen,<br />
besonders schwer, können aber trotzdem einiges bewirken. Jetzt ist<br />
meine Aufgabe Beratung und Beeinflussung der Politik und kritische Stimme<br />
des Teils der Bevölkerung zu sein, für die die gegenwärtigen<br />
politischen Entscheidungen eine untragbare Belastung sind. Das ist ein<br />
anderer aber ebenso spannender Wirkungskreis und meine Erfahrung ist,<br />
dass man eine Menge bewirken kann.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator</b>:<br />
Heißt kritische Stimme im heutigen Politbetrieb: eine möglichst<br />
laute Stimme sein?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Barbara Stolterfoht</b>:<br />
Also an Lautstärke kann ein Sozialverband es weder mit der Pharmalobby<br />
noch mit den Arbeitgeberverbänden aufnehmen. Die haben öffentlich<br />
und hinter verschlossenen Türen mehr Einfluss als alle Sozialverbände<br />
zusammen. Aber wir tun unser Bestes, um gehört zu werden.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Rosa Luxemburg</b>:<br />
Müssten die Wohlfahrtsverbände nicht angesichts einer Allparteienkoalition<br />
zum Sozialabbau sich stärker auch mit den Ansätzen zu außerparlamentarischem<br />
Widerstand und Protest befassen, bzw. diesen mitentwickeln und unterstützen?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Barbara Stolterfoht</b>:<br />
Ja.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator</b>:<br />
Und was tun Sie konkret?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Barbara Stolterfoht</b>:<br />
Also, es war bisher erstaunlich ruhig in Deutschland. Das scheint sich<br />
jetzt zu ändern. Wohlfahrtsverbände unterstützen Initiativen<br />
und Aktionen im Interesse der Menschen, die sie vertreten. Der Paritätische<br />
kooperiert mit den anderen Verbänden, wie zum Beispiel dem Kinderschutzbund<br />
und dem VDK, mit den Gewerkschaften und mit Attac. Ich bin überzeugt,<br />
dass in Deutschland eine ungerechte Politik keinen Bestand haben wird.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator</b>:<br />
Welche Partei macht Ihrer Ansicht nach noch eine gerechte Politik?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Barbara Stolterfoht</b>:<br />
Keine der großen Volksparteien &#8211; und die kleinen Parteien schon<br />
gar nicht &#8211; tut sich zur Zeit mit einer Politik zu Gunsten der Durchschnittsverdiener<br />
und der Schwächeren in der Gesellschaft hervor. Es gibt allerdings<br />
Unterschiede: Ich finde die Pläne der CDU und der FDP zum Fürchten.<br />
Diese Pläne gefährden in der Tat den sozialen Frieden in Deutschland.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>BerlinerStudi</b>:<br />
Und wen würden Sie unterstützen?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Barbara Stolterfoht</b>:<br />
Als Vorsitzende eines großen Wohlfahrtsverbandes unterstütze<br />
ich gar keine Partei sondern fordere eine sozial gerechtere Politik bei<br />
allen Parteien ein.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Freundfeind</b>:<br />
Sind die Parteien also gegenüber der Wirtschaft offener als gegenüber<br />
den Bürgervertretungen?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Barbara Stolterfoht</b>:<br />
Es ist etwas komplizierter. Die Politik hat nicht den Mut gegenüber<br />
mächtigen Bevölkerungs- und Wirtschaftsgruppen Opfer zu verlangen.<br />
Das Schicksal der Gesundheitsreform hat das mehr als deutlich gezeigt.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Judith</b>:<br />
Es heißt immer mal wieder, dass Deutschland sich im Würgegriff<br />
der Verbände befindet. Was halten sie von der These?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Barbara Stolterfoht</b>:<br />
Auch das würde ich wieder etwas differenzierter sehen. Es ist unglaublich<br />
schwierig in einer pluralistischen Gesellschaft, politischen Konsens zu<br />
organisieren. Hinzu kommt, dass eben manche Interessen ungehinderteren<br />
Zugang zu politischen Machtzentren haben als andere und dass insgesamt<br />
eine Politik zu Gunsten des Sozialstaates und zu Lasten von Wirtschaftsinteressen<br />
kaum noch möglich ist. Ob das ein Sachzwang ist oder ein änderbarer<br />
Tatbestand ist, darüber wird die politische Diskussion in den nächsten<br />
Jahren gehen.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Krückstock</b>:<br />
Unionsfraktionschefin Angela Merkel konterte gegenüber der Regierung,<br />
Rot-Grün flüchte sich bei der Rente zum wiederholten Mal in<br />
„Notoperationen“. Der CSU- Sozialexperte Horst Seehofer attackierte<br />
die rot-grünen Rentenpläne massiv. Geht es hier wirklich um<br />
unser Wohlergehen, oder doch wieder nur um Wahlkampf?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Barbara Stolterfoht</b>:<br />
Angesichts der Tatsache, dass in 16 Jahren Regierung Kohl, notwendige<br />
Reformen permanent verschlafen worden sind, finde ich dies nur Wahlkampfpolemik.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Ortrud</b>:<br />
Was kann man denen sagen, die durch die Komplexität des Problems<br />
überfordert sind und die wichtige kontroverse Diskussion &#8211; z.B. in<br />
der SPD &#8211; als Zerstrittenheit wahrnehmen und sich in Verdrossenheit gegenüber<br />
allen Entscheidern &quot;da oben&quot; zurückziehen?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Barbara Stolterfoht</b>:<br />
Tja, das ist eine schwere Frage. Weitermachen und kämpfen für<br />
das was man für richtig hält, in Parteien und Verbänden,<br />
in Initiativen und Selbsthilfegruppen. Das ist das einzige, was hilft.<br />
Resignieren nützt nur denen, die zielgerichtet ihre Interessen verfolgen.<br />
Um es mit einem Zitat von Brecht zu sagen: &quot;Lege Deine Finger auf<br />
jeden Posten, frag wie kommt er dahin&#8230;&quot;</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator</b>:<br />
Während der Zeiten niedrigerer Arbeitslosigkeit konnte die Politik<br />
es sich eher leisten, Reformen liegen zu lassen. Jetzt haben wir 4,15<br />
Millionen Arbeitslose:</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>mmmm</b>:<br />
Bei einem Festakt an der Berliner Humboldt- Universität sagte Eichel,<br />
langfristig dürfe die „Rente mit 67“ kein Tabu sein.<br />
Außerdem soll die Arbeitszeit verlängert werden, damit Deutschland<br />
im internationalen Wettbewerb mithalten könne. Wie passt das mit<br />
unserer Arbeitslosigkeit zusammen?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Barbara Stolterfoht</b>:<br />
Gar nicht. Ich halte es für absurd, über die Rente mit 67 Jahren<br />
zu diskutieren und längere Arbeitszeiten zu fordern in Zeiten hoher<br />
Arbeitslosigkeit. Was wir brauchen, ist die Chance für über<br />
55-jährige in den Betrieben zu bleiben. Sie sind ja reihenweise aussortiert<br />
worden, mit einer teuren Frühverrentungspolitik. Was wir brauchen,<br />
ist eher Arbeitszeitverkürzung als Arbeitszeitverlängerung.<br />
Um das Arbeitsvolumen auf mehr Hände und Köpfe zu verteilen.<br />
Und was wir brauchen, sind Unternehmer, die mit Innovationskraft, Phantasie<br />
und Mut neue Arbeitsplätze schaffen. Und übrigens, es wäre<br />
ja schon fast ein Wunder, wenn in unserem Lande alle Menschen arbeiten<br />
könnten und Arbeit hätten bis 65. Das tatsächliche Renteneintrittsalter<br />
liegt weit darunter, nämlich knapp über 60.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>T. Heinz</b>:<br />
Arbeitsvolumen ist doch ein völlig falscher Begriff. Arbeit schafft<br />
Arbeit. Wenn man produktiv ist und so mehr verdient als man kostet, können<br />
auch wieder mehr Menschen eingestellt werden. Wirtschaftswachstum heißt<br />
das und hat uns schon mal Vollbeschäftigung gebracht. Arbeit ist<br />
zu teuer, daher schrumpft die Nachfrage danach.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Barbara Stolterfoht</b>:<br />
Das halte ich für ein Gerücht und eine gern gepflegte Legende.<br />
Bei den Schweden ist die Arbeit teurer als bei uns, gleichwohl ist die<br />
Arbeitslosigkeit wesentlich geringer. Bei den Polen kostet die Arbeitsstunde<br />
4 Euro 50 Cent und die Arbeitslosigkeit liegt bei rund 20 Prozent. Wir<br />
wären auch kaum Exportweltmeister, wenn unsere Arbeit tatsächlich<br />
zu teuer wäre. Es kommt wesentlich auch auf andere Faktoren an, wie<br />
den Bildungsstand der Arbeitnehmerschaft und die Produktivität des<br />
einzelnen Arbeitsplatzes. Wir brauchen auch an diesem Punkte eine differenziertere<br />
Betrachtungsweise.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Wilfried</b>:<br />
Das eigentliche, oder vermutlich das einzige Problem momentan in diesem<br />
Staate ist ja dessen Verschuldung &#8211; wenn die Ausgaben für Zinszahlungen<br />
für andere Zwecke zur Verfügung ständen, wären alle<br />
strukturellen Probleme vermutlich lösbar. Ist es da nicht sinnvoll,<br />
bis 2010 in den sauren Apfel zu beißen und auf Teufel oder Eichel<br />
komm raus zu sparen (auch wenn es weh tut und sozial völlig ungerecht<br />
ist), um wieder handlungsfähig zu werden?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Barbara Stolterfoht</b>:<br />
Ein Beispiel dafür, dass sparen mit Augenmaß betrieben werden<br />
muss ist die hessische Landesregierung: Sie fördert weiterhin Vertriebenenverbände<br />
und streicht sämtliche Zuschüsse für Schuldnerberatungsstellen.<br />
Es gibt Bereiche in denen nicht gespart werden darf, wenn man zukünftigen<br />
Generationen keinen Schaden zufügen möchte. Dazu gehört<br />
Bildung, dazu gehört eine verlässliche soziale Sicherung für<br />
alle und eine zukunftsfähige Infrastruktur. Ansonsten ist die Verschuldung<br />
des Staates seit mindestens 25 Jahren ein politisch verleugnetes Problem,<br />
das als erstes Hans Eichel wirklich angepackt und thematisiert hat.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator</b>:<br />
Sie haben vorhin ein transparentes und gerechtes Steuersystem gefordert:</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Roswita</b>:<br />
Was halten Sie vom Steuerreformvorschlag von Friedrich Merz?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Barbara Stolterfoht</b>:<br />
Klingt gut, schauen wir mal, ob er nicht im Kampf der Interessengruppen<br />
auf der Strecke bleibt. Ich bin nicht sicher, ob die Durchschnittseinkommen<br />
wirklich entlastet werden, wenn ihnen alle Vergünstigungen von Entfernungspauschale<br />
bis steuerfreie Nachtzuschläge gestrichen werden.Viele Arbeitnehmer<br />
haben nur deswegen ein einigermaßen erträgliches Einkommen,<br />
weil sie nachts und Schicht arbeiten.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>AltundWeise</b>:<br />
In der Rürup-Kommission stimmten Sie als einziges Mitglied dem Abschlussbericht<br />
der Kommission nicht zu. Was sagen sie dann erst zur Herzog-Kommission?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Barbara Stolterfoht</b>:<br />
Schöne Frage. Ich war mit den Ergebnissen zu wenig einverstanden,<br />
um zustimmen zu können. Aber eins muss man der Rürup-Kommission<br />
lassen, und insbesondere ihrem Vorsitzenden: da wurde solide gearbeitet<br />
und gerechnet und die Vorschläge hatten Hand und Fuß und passten<br />
zusammen. Die Vorschläge der Herzog-Kommission sind unsolide und<br />
unsozial.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Merker</b>:<br />
Sind die Frauen die Verlierer der Agenda 2010?</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Barbara Stolterfoht</b>:<br />
Ja. Frauen verdienen weniger und werden härter getroffen, wenn soziale<br />
Leistungen gestrichen werden und mehr zugezahlt werden muss. Frauen haben<br />
schlechtere Chancen auf dem Arbeitsmarkt, wenn die Leistungen der Bundesanstalt<br />
für Arbeit zusammengestrichen werden und Frauen leiden mehr unter<br />
Rentenkürzungen, weil ihre Renten ohnehin nur die Hälfte der<br />
Männerrenten ausmachen und sie über betriebliche Renten und<br />
private Rentenversicherungen wesentlich schlechter abgesichert sind. Nicht<br />
alle Frauen verfügen über einen Ehemann, der all diese locker<br />
finanziell auffangen kann.</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Moderator</b>:<br />
Unsere Chat-Stunde ist um, vielen Dank für Ihr Interesse. Vielen<br />
Dank Frau Stolterfoht, dass Sie zu uns gekommen sind. Das tacheles.02-Team<br />
wünscht allen noch einen schönen Tag!</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,Helvetica,sans-serif"><b>Barbara Stolterfoht</b>:<br />
Danke für die Einladung, es hat Spaß gemacht.</span></p>
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