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	<title>Stefan Stuchlik &#8211; politik-digital</title>
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	<title>Stefan Stuchlik &#8211; politik-digital</title>
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	<item>
		<title>&#034;Putin macht, was er will&#034;</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Georg Babing]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 04 Dec 2007 12:14:20 +0000</pubDate>
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		<category><![CDATA[Wahl]]></category>
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					<description><![CDATA[<p class="teaser">
Am Dienstag, dem 04. Dezember, war Stefan Stuchlik, Korrespondent der ARD in Moskau, zu Gast im tagesschau-Chat in Kooperation mit politik-digital.de. Er kritisierte die Umstände von Putins
Wahlsieg und äußerte große Bedenken an der Demokratie in Russland. ]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p class="teaser">
Am Dienstag, dem 04. Dezember, war Stefan Stuchlik, Korrespondent der ARD in Moskau, zu Gast im tagesschau-Chat in Kooperation mit politik-digital.de. Er kritisierte die Umstände von Putins<br />
Wahlsieg und äußerte große Bedenken an der Demokratie in Russland. <!--break-->
</p>
<p>
<b>Moderator</b>: Liebe Russland-Interessierte, herzlich<br />
willkommen zum tagesschau-Chat. Russland hat gewählt und Putin<br />
hat bekommen, was er wollte: Ein große Zustimmung für<br />
seine Person und Politik. Fair und frei war die Wahl nicht, da sind<br />
sich Beobachter in Russland und aus dem Ausland einig. Die Frage<br />
ist jetzt vor allem: Wie geht es weiter? Unser Gast ist heute Stephan<br />
Stuchlik, der aus Moskau mit uns chattet. Stephan Stuchlik ist seit<br />
2005 Fernsehkorrespondent für die ARD in Russland und die früheren<br />
Mitgliedstaaten der Sowjetunion &#8211; hat also beste Kenntnissen für<br />
unsere Diskussionsrunde. Die erste Frage:
</p>
<p>
<b>der4&amp;4er_zm</b>: Warum lenkt Putin die Wahlen<br />
und unterdrückt die Opposition, obwohl er doch eine echte Mehrheit<br />
in der Bevölkerung hat? Fürchtet er die Opposition oder<br />
vielleicht die alte Elite um Jelzin, die so genannte „Familie“?
</p>
<p>
:
</p>
<p align="center">
<img decoding="async" src="http://www.politik-digital.de/salon/photos/sstuchlik85x.jpg" alt="Stefan Stuchlik" height="120" width="80" /><br />
<i>Stefan Stuchlik<br />
ARD-Korrespondent in Moskau</i>
</p>
<p align="left">
<b>Stephan Stuchlik</b>: Um zu verstehen,<br />
warum der Kreml so heftig auf den Wähler gedrückt hat<br />
und warum er die Opposition so gängelt, muss man sich vor Augen<br />
halten, dass Putin das gesamte System mit Geheimdienstleuten durchsetzt<br />
hat. Das heißt, es regiert überall Geheimdienstmentalität:<br />
Kontrolle, Kontrolle, Kontrolle. Von den Wahlen bis zu den alltäglichsten<br />
Vorgängen ist dieser Zwang zu spüren und er erklärt,<br />
denke ich, vieles, unter anderem auch die Großoperation vom<br />
letzten Sonntag!
</p>
<p align="left">
<b>Moderator</b>: Aus unserem „Warteraum“<br />
&#8211; der Fragensammlung vor dem Chat &#8211; die Nummer 2:
</p>
<p align="left">
<b>Theo</b>: Ich war vor und während<br />
der Wahl in Russland, und konnte mich (im Gegensatz zu den deutschen<br />
Medien) relativ gut über die anderen Parteien informieren.<br />
Zwischen rechtsradikalen Revoluzzern (Schirinowski, Kasparow), Kommunisten<br />
(Agrar-Partei, KPRF) und verhassten Politikern aus der Jelzin-Ära<br />
(Jawlinski, Nemzow), habe ich wenig demokratisches Licht gesehen.<br />
Glauben Sie, das russische Volk hat sich darüber keine Gedanken<br />
gemacht? In wen hätten Sie Vertrauen?
</p>
<p>
<b>Stephan Stuchlik</b>: Ich würde Schirinowski<br />
nicht als Revoluzzer und Kasparow nicht als Rechtsradikalen bezeichnen<br />
wollen, aber Sie haben natürlich recht, der Zustand der Opposition<br />
ist fast schon erbärmlich. Schirinowski zählt meines Erachtens<br />
nicht, er ist so ein bisschen das Feigenblatt oder der Hofclown<br />
des Kremls. Das zu der Partei, die noch in der Duma vertreten ist,<br />
die anderen sind zerstritten, ohne richtige Verankerung in der Bevölkerung<br />
und, natürlich, von den Massenmedien in Russland vollständig<br />
ignoriert. Hat sich das russische Volk Gedanken gemacht? Ich glaube,<br />
im Moment zählt für die Russen Stabilität und ein,<br />
wenn auch geringer, wirtschaftlicher Aufschwung so viel, dass sie<br />
Werte wie „Pressefreiheit“, „Meinungsfreiheit“<br />
etc., die die Opposition vor sich herträgt, als vernachlässigbar<br />
erachten!
</p>
<p>
<b>Moderator</b>: Nachfrage von:
</p>
<p>
<b>marco</b>: Was ist denn mit Großoperation am<br />
letzten Sonntag gemeint?
</p>
<p>
<b>Stephan Stuchlik</b>: Ein Wahlsieg Putins mit mindestens<br />
über 60 Prozent der Stimmen und mit mindestens 40 Prozent Wahlbeteiligung<br />
(das waren die internen Vorgaben im Kreml, wenn wir unseren Quellen<br />
Glauben schenken dürfen!)
</p>
<p>
<b>Kalla</b>: Warum denn Hofclown, können sie zu<br />
Schirinowski noch mehr sagen?
</p>
<p>
<b>Stephan Stuchlik</b>: Er ist ein begnadeter Rhetoriker,<br />
ein Populist, ein Polterer, der bei vielen Gelegenheiten gegen die<br />
Allmacht des Präsidenten wettert, an der „Putin“-Partei<br />
„Einheitliches Russland“ herumkrittelt, aber in 90 Prozent<br />
der Fälle mit den Kreml-Parteien abgestimmt. Alles, was im<br />
Westen auf Verwunderung stößt, (etwa der außenpolitische<br />
Kurs, der Ausstieg aus Abrüstungsverträgen et cetera.),<br />
wird von Schirinowski sogar noch als „zu weich“ bezeichnet.<br />
Er ist der Meinung, man müsse „dem Westen noch mehr die<br />
Zähne zeigen“. Also: innenpolitisch den Ansprachen nach<br />
ein Gegner Putins, außenpolitisch ein Unterstützer. Faktisch<br />
aber in jedem Fall ein sicherer Kandidat für kremlnahe Abstimmungsergebnisse.
</p>
<p>
<b>Moderator</b>: Zwei mal Vorwürfe an die Medien:
</p>
<p>
<b>FSB Beamte</b>: Ist es Ihnen klar dass die so genannten<br />
„Oppositionellen“ wie Kasparow und Co, die die „freie<br />
westliche Presse“ so bejubelt, bei dem russischen Volk verhasst<br />
sind? Warum berichten Sie so einseitig und undemokratisch über<br />
Ereignisse in Russland?
</p>
<p>
<b>AlexanderE</b>.: Man kann bei einem Land, das so<br />
lange im Kommunismus gelebt hat, nicht erwarten, dass es jetzt schon<br />
komplett nach dem politischen System westlicher Demokratien besteht.<br />
Eine solche Umstellung braucht seine Zeit. Sicher: Es lief nicht<br />
alles ganz fair bei den Wahlen und beim Wahlkampf. Aber man muss<br />
auch sehen, dass sich die Situation im Land stark verbessert hat.<br />
Die Wirtschaft wird immer stärker. Ich lebe seit neun Jahren<br />
in Moskau und meiner Meinung nach wird das Bild von Russland in<br />
Deutschland durch die Medien zu kritisch betrachtet und Positives<br />
kaum erwähnt. Wie sehen sie das?
</p>
<p>
<b>Stephan Stuchlik</b>: Ja, Sie haben natürlich<br />
recht, ein Land wie Russland ist schwer mit westlichen Maßstäben<br />
zu messen. Ja, Sie haben recht, die wirtschaftliche Situation in<br />
den großen Zentren hat sich enorm verbessert, ja, das Selbstbewusstsein<br />
der Russen ist mit Putin wieder zurückgekehrt. Aber mit dem<br />
Argument, man brauche Zeit, um auf eine Demokratie zuzugehen, habe<br />
ich immer meine Schwierigkeiten. Eine Wahl wie die vom Sonntag würde<br />
ich nach westlichen Maßstäben nicht mehr als demokratisch<br />
bezeichnen. Denn, wenn auch das Ergebnis in der Tendenz dem Volkswillen<br />
entspricht (die Mehrheit will Putin behalten), so gehört zu<br />
einer Demokratie auch, dass die Verfahren, wie solche Ergebnisse<br />
zustande kommen, einwandfrei sind. Und da ist Ihre Formulierung<br />
von „nicht alles ganz fair“ eine freundliche Untertreibung.<br />
Russland bewegt sich im Moment keinen Zentimeter auf westliche Demokratien<br />
zu, wie hier immer unterstellt wird („braucht noch Zeit“),<br />
sondern installiert im Moment ein mehr oder weniger autokratisches<br />
System. Ob das den Russen angemessener ist („Russland kann<br />
nicht anders regiert werden“), bleibt dahingestellt, aber<br />
wenn wir westliche Journalisten ein undemokratisches System undemokratisch<br />
nennen, so halte ich das nicht für überkritisch!
</p>
<p>
<b>Moderator</b>: Zwei Fragen zur Wahl:
</p>
<p>
<b>perle</b>: Was bemängeln Sie genau an der Wahl?
</p>
<p>
<b>Kalinka&#8230;</b>: Was sagen Sie zur Kritik der EU an<br />
den Wahlen?
</p>
<p>
<b>Stephan Stuchlik</b>: Die Wahlen waren nach unseren<br />
Maßstäben keine richtigen Wahlen. <br />
1) Die so genannten Parlamentswahlen waren in Wirklichkeit eine<br />
Volksabstimmung über Putin.<br />
2) Viele Oppositionsparteien wurden mit fadenscheinigen Gründen<br />
von vornherein von der Wahl ausgeschlossen.<br />
3) Eine neutrale Wahlbeobachtung scheint von russischer Seite gar<br />
nicht gewünscht worden zu sein.<br />
4) Putin und die Partei Einiges Russland haben die Rolle des Präsidenten<br />
und des Spitzenkandidaten im Wahlkampf ständig vermengt.<br />
5) Der Druck auf Angestellte und Beamte von Staatsfirmen, richtig<br />
abzustimmen (zum Teil in den Büros!) zeigt schon , wohin die<br />
Reise ging. <br />
Und, als letztes, nur ein Beispiel: Tschetschenien, die Region,<br />
in die Putin vor Jahren die Armee geschickt hat, um dort einen blutigen<br />
Kampf zu führen, ist eine der Gegenden von Russland, in der<br />
er die höchste Zustimmungsrate bekommen hat. Das zeigt meines<br />
Erachtens, hier hat die Verwaltung für die Menschen abgestimmt.<br />
Das wahre Meinungsbild gerade in dieser Region ist, das können<br />
wir hier von der ARD aus persönlicher Erfahrung sagen, genau<br />
umgekehrt. Also: undemokratisch in Vorbereitung und Ausführung,<br />
genau das hat auch die EU kritisiert!
</p>
<p>
<b>tabita</b>: Bemerken Sie denn auch Unzufriedenheit<br />
in der Bevölkerung über die anscheinend nicht so demokratischen<br />
Wahlen? Warum formiert sich dann kein Protest?
</p>
<p>
<b>Stephan Stuchlik</b>: Der Protest ist minimal. Denn,<br />
wie gesagt, zum einen ist den Russen momentan ein wenn auch geringer<br />
Wirtschaftsaufschwung lieber als demokratische Ideale. Zum anderen<br />
sehen sie den Vorteil eines Ergebnisses („Putin bleibt“),<br />
das sie in der Mehrheit wünschen. Und zum anderen sehen sie<br />
über das unglaubliche Zustandekommen dieses Ergebnisses hinweg.
</p>
<p>
<b>Tanja</b>: Wie ist die Stimmung in der Bevölkerung,<br />
haben die Bürger Angst oder vertrauen sie ihrer Regierung?
</p>
<p>
<b>Stephan Stuchlik</b>: Es ist eine enorme Unsicherheit<br />
im Land zu spüren, kaum berichtet, aber Realität: Die<br />
Regierung musste im Lebensmittelsektor die Preise einfrieren lassen,<br />
da es sich der normale Bürger sonst nicht mehr leisten könnte<br />
und das bei mehrstelligen Zuwachsraten in der Wirtschaft. Auf Deutsch:<br />
Fast alle in der Bevölkerung wollen Putin behalten, da sie<br />
ein bisschen Wackeln im System spüren und Putin durch die letzten<br />
stabilen Jahre das Image des vertrauenswürdigen Machers bekommen<br />
hat!
</p>
<p>
<b>dietob</b>: Könnte das Ausland &#8211; z.B. in Form<br />
der EU &#8211; die Politik des Kremls positiv beeinflussen?
</p>
<p>
<b>Stephan Stuchlik</b>: Man könnte im Kreml durchaus<br />
einiges bewegen, wenn man als Europäer geschlossen auftreten<br />
würde &#8211; und damit meine ich nicht nur die Energiepolitik. Es<br />
gibt Missstände in Russland, die man sich nicht scheuen sollte,<br />
auszusprechen. Wenn man aber etwa betrachtet, dass der (im französischen<br />
Wahlkampf noch so kremlkritische) Präsident Sarkozy Glückwunschtelegramme<br />
an Putin schickt, während Frau Merkel in Berlin das Zustandekommen<br />
des russischen Wahlergebnisses beklagt, kann man sich die europäische<br />
Zusammenarbeit lebhaft vorstellen.
</p>
<p>
<b>Thomas</b>: Welchen Kurs des Auslands halten Sie für<br />
sinnvoll, um ein wenigstens einigermaßen demokratisches System<br />
in Russland wiederherzustellen, oder ist dies ohne Unterstützung<br />
der breiten Bevölkerung und nach allem was bisher schon geschehen<br />
ist kaum noch möglich?
</p>
<p>
<b>Stephan Stuchlik</b>: Schwierige Frage. Im Moment<br />
ist die Situation in Russland extrem west-kritisch und von daher<br />
sehe ich auf längere Sicht eher weniger Einflussmöglichkeiten.<br />
Aber man könnte sich zum einen Vertrauen erarbeiten, indem<br />
man Probleme Russlands wirklich ernst nimmt, (die Stationierung<br />
des amerikanischen Abwehrsystems in Polen und Tschechien ist ein<br />
wirkliches, viele andere sind rein psychologisch) und andererseits<br />
„weiß“ auch wirklich „weiß“<br />
und „schwarz“ auch wirklich „schwarz“ nennt.<br />
Die Drohkulissen, die der Kreml in der Außenpolitik aufbaut,<br />
sind nur solange wirksam, wie man sich dadurch auch tatsächlich<br />
bedrohen lässt. Einen Kurs, der dem Kreml signalisiert „Ihr<br />
könnt machen, was ihr wollt, Hauptsache, Russland bleibt stabil“,<br />
halte ich für fatal.
</p>
<p>
<b>Moderator</b>: Zweimal zum gleichen Thema, eine davon<br />
wieder aus dem „Warteraum“:
</p>
<p>
<b>Cornie</b>: Ist es möglich, dass Putin die komfortable<br />
Mehrheit nutzen wird, um kurz vor der Präsidentenwahl die Verfassung<br />
zu ändern? Entweder um ihm eine dritte Amtszeit zu ermöglichen<br />
oder um ein parlamentarisches Regierungssystem zu installieren,<br />
in dem er als Premierminister auch weiterhin die Macht haben könnte.<br />
Welchen Einfluss hätte ein solches Regierungssystem auf die<br />
Entwicklung von demokratischen Strukturen?
</p>
<p>
<b>Ludger</b>: Was meinen Sie, würde oder könnte<br />
Putin jetzt die Verfassung ändern, damit er noch eine Amtszeit<br />
als Präsident machen kann?
</p>
<p>
<b>Stephan Stuchlik</b>: Zum einen: Egal wie es kommen<br />
wird, mit den jetzigen Wahlen haben Putin und die Mehrheitspartei<br />
die Begriffe „Demokratie“ oder „parlamentarisches<br />
System“ desavouiert. Der Präsident macht, was er will,<br />
das Parlament ist zum „Abnick-Verein“ verkommen. Was<br />
er mit der Mehrheit vom Sonntag anfangen will, wissen die Strategen<br />
im Kreml, glaube ich, immer noch nicht. Eine Verfassungsänderung<br />
zugunsten einer dritten Amtszeit hat Putin selbst immer ausgeschlossen,<br />
das heißt aber nicht, dass es nicht am Ende doch so kommen<br />
kann. Eine Regierung unter Premierminister Putin halte ich für<br />
ausgeschlossen. Denn er würde dann unter seinem Nachfolger<br />
als Präsident arbeiten müssen und jeder, der Putin kennt,<br />
weiß: Eigentlich ausgeschlossen. Aber, vielleicht erklärt<br />
er sich ja zum „Vater der Nation“ und wird als „nationaler<br />
Führer“ installiert, lassen wir uns überraschen!
</p>
<p>
<b>mein benutzername</b>: Sollte Putin nach der jetzigen<br />
Amtszeit tatsächlich abtreten, wer käme als Nachfolger<br />
in Frage?
</p>
<p>
<b>Stephan Stuchlik</b>: Genannt werden seine Stellvertreter:<br />
Der smarte, junge, so genannte „Liberale“ Medwedew,<br />
der eher falkenmäßige Stellvertreter Iwanow, der jetzige<br />
Premier Zubkow. Aber: Wir werden erst am 17. oder 20. Dezember (Parteitag<br />
von „Einiges Russland&quot;) die Kandidatennamen hören<br />
und es könnte, wie bei Putin nicht unüblich, durchaus<br />
eine Überraschung drin sein, wie etwa die jetzige Bürgermeisterin<br />
von St. Petersburg, Mativienko, oder noch andere!
</p>
<p>
<b>Moderator</b>: Man kann sich einen „nationalen<br />
Führer“ oder so etwas ähnliches kaum vorstellen.<br />
Irgendwie müsste der ja auch vorbei an den Strukturen Parlament,<br />
Regierung und Präsident installiert werden. Das klingt ein<br />
bisschen &#8211; zugegebenerweise stark vergröbert &#8211; nach System<br />
Nordkorea, wahlweise Stalin. Ist das tatsächlich denkbar?
</p>
<p>
<b>Stephan Stuchlik</b>: Die Frage stellt sich, so sehe<br />
ich das, im Moment der Kreml selbst. Wie geht das? Braucht man noch<br />
ein Verfassungsorgan? Wie garantiert man, dass in der Übergangsphase<br />
die Präsidenten-Administration des dann neuen Mannes im Kreml<br />
nicht Putins Fäden zur Macht durchschneidet? Und: Wie überzeugt<br />
man das Volk davon, dass es noch einen „Übervater“<br />
braucht, zum Parlament, dem Präsidenten und dem Regierungschef?<br />
Also, da wird &#8211; denke ich &#8211; im Moment dran gefeilt, was das Modell<br />
angeht. So ist Nordkorea wahrscheinlich zu hart als Vergleich, also<br />
da ist Russland doch weit davon entfernt. Aber hier wird immer „China“<br />
genannt (sozialistische Strukturen, Kapitalismus gebremst, starker<br />
Mann aus dem Hintergrund), mal sehen!
</p>
<p>
<b>Moderator</b>: Jetzt wird es psychologisch:
</p>
<p>
<b>KGB66</b>: War es nicht abzusehen, dass sich ein<br />
Ex-KGB Mann so entwickelt, wenn er genügend Macht in die Hand<br />
bekommt?
</p>
<p>
<b>Stephan Stuchlik</b>: Es gibt hinreißende Interviews<br />
aus der Zeit von Putins Berufung zum Ministerpräsidenten, in<br />
denen die Leute auf der Straße genau das sagen. Außerdem:<br />
Es hat noch nie jemand im Kreml gesessen, der sich nicht, falls<br />
er es nicht schon von vornherein war, zum absoluten Machtmenschen<br />
entwickelt hätte. Man muss sich nur einmal vorstellen: Du sitzt<br />
da und regierst ein Fünftel der Erdoberfläche. Also: Ich<br />
denke, jeder der da gekommen wäre, hätte sich so entwickelt,<br />
das KGB/FSB-Geheimdienst-System, mit dem Putin jetzt Russland überzogen<br />
hat, ist allerdings spezifisch für diesen Präsidenten!
</p>
<p>
<b>Moderator</b>: Wieder zweimal.
</p>
<p>
<b>Olmgard</b>: Wird Russland sich jetzt noch weiter<br />
vom restlichen Teil Europas abgrenzen?
</p>
<p>
<b>Silmarillion</b>: Denken Sie, dass Putins Russland<br />
über kurz oder lang eine Bedrohung für die westeuropäischen<br />
Staaten werden könnte?
</p>
<p>
<b>Stephan Stuchlik</b>: Eine militärische Bedrohung:<br />
Nein, dazu ist die Armee in einem zu miserablen Zustand, das Geld<br />
für einen richtigen Rüstungswettlauf ist trotz aller Öl-Milliarden<br />
nicht da. Und man hat in der Sowjetunion so einen Wettlauf schon<br />
einmal verloren. Atom-Bewaffnung bleibt gefährlich, das gilt<br />
aber für sämtliche Staaten der Erde, in denen es so etwas<br />
gibt (also auch etwa Frankreich). Abgrenzungstendenzen gibt es zweifellos,<br />
eine Re-Nationalisierung, die Erklärung eines „Sonderweges“.<br />
aber das ist eine Reaktion auf die für viele Russen traumatischen<br />
1990er Jahre, als der Rest der Welt Russland als kranken Mann betrachtet<br />
hat und politisch zum Teil auch so behandelte. Diese Vergangenheit<br />
und die daraus resultierende Ablehnung westlicher Modelle („die<br />
Europäer wollten uns nur kleinkriegen und wollen das noch immer“)<br />
kann man nicht mehr korrigieren!
</p>
<p>
<b>StuttgartLog</b>: Ich hatte die Erfahrung in Moskau<br />
gemacht, dass viele Leute total demotiviert sind und überhaupt<br />
nicht mehr daran glauben, dass Sie etwas an dem System ändern<br />
können. Sei es durch Demonstrationen oder Wahlen. Viele sehen<br />
keine bessere Lösung und sind mit dem „kleinstmöglichen“<br />
Übel zufrieden. Wie sehen Sie das &#8211; haben Sie diesbezüglich<br />
Erfahrungen gesammelt?
</p>
<p>
<b>Stephan Stuchlik</b>: Der Rückzug ins Private<br />
mit jedem Monat und ein paar Rubel mehr auf dem Konto ist nicht<br />
zu verkennen! Dass die Russen allerdings nicht merken, wie sie vom<br />
Einheitsbrei der Massenmedien manipuliert werden sollen, stimmt<br />
auch nicht. Es gibt da zum einen die alten Reflexe aus der kommunistischen<br />
Zeit („die oben regieren, wir leben“), zum anderen ist<br />
der wirtschaftliche Leidensdruck nicht hoch und, das ist vermutlich<br />
menschlich, dann arrangiert man sich irgendwie. Die Eintrittszahl<br />
der Jugendlichen zur Kreml-Jugend „Nashi“ (ein Karrierenetzwerk<br />
mit Kreml-Steuerung) ist enorm hoch, also aufmüpfiges Potential:<br />
ganz, ganz wenig!
</p>
<p>
<b>Moderator</b>: Noch das Ergebnis unserer kleinen Umfrage:<br />
Nur elf Prozent glauben, dass Putin Macht abgeben wird. Und eine<br />
letzte Frage noch:
</p>
<p>
<b>dietob</b>: Werden ausländische Investoren durch<br />
den jetzigen Zustand der Politik verunsichert und auch abgeschreckt?
</p>
<p>
<b>Stephan Stuchlik</b>: Die Wirtschaft aus dem Ausland<br />
hält sich ein bisschen zurück, solange nicht genau geklärt<br />
ist, wie Putin an der Macht bleiben soll (die elf Prozent sehen<br />
das ganz realistisch, glaube ich!). Aber: Eine wirkliche Abschreckung<br />
für ausländische Investoren mag vielleicht Korruption<br />
oder Bürokratie sein, politische Verhältnisse werden,<br />
so vermute ich als Zyniker, kaum Investoren davon abhalten, ihr<br />
Geld in einem gigantischen Absatzmarkt (Russland hat circa. 140<br />
<br />
Millionen Einwohner) und einem unfassbar großen Rohstofflieferanten<br />
(Gas und Öl mit circa einem Drittel der weltweiten Vorkommen)<br />
zu investieren. Das war zu Zeiten der Zaren so, das war zu Zeiten<br />
der Sowjetunion so, und, denke ich, das wird auch unter Putin (wie<br />
auch immer er weitermacht) so bleiben!
</p>
<p>
<b>Moderator</b>: Das war’s leider schon wieder,<br />
vielen Dank Herr Stuchlik, dass Sie Zeit für Analyse und Einschätzung<br />
der Wahl in Russland hatten. Vielen Dank an alle User für Ihr<br />
Interesse und Ihre Fragen. Sorry, dass &#8211; wie immer &#8211; nicht alle<br />
dran kommen konnten. Allen Beteiligten wünschen tagesschau.de<br />
und politik-digital.de noch einen angenehmen Tag.
</p>
<p>
<b>Stephan Stuchlik</b>: Hat, wie immer, viel Spaß<br />
gemacht, viele Grüße aus der russischen Hauptstadt!</p>
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