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	<title>Streetwork &#8211; politik-digital</title>
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		<title>Digitale Teilhabe bei Menschen ohne festen Wohnsitz – Zwischen neuen Möglichkeiten und Verstärkung der Segregation</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jonas Hartmann]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 12 Nov 2019 11:38:29 +0000</pubDate>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="wpb-content-wrapper"><div data-parent="true" class="vc_row row-container" id="row-unique-0"><div class="row limit-width row-parent"><div class="wpb_row row-inner"><div class="wpb_column pos-top pos-center align_left column_parent col-lg-12 single-internal-gutter"><div class="uncol style-light"  ><div class="uncoltable"><div class="uncell no-block-padding" ><div class="uncont" ><div class="uncode_text_column text-lead" ><p>Ein Leben ohne digitale Tools ist heute für die meisten Menschen schwer vorstellbar und umständlich. Dies gilt besonders für Menschen in schwierigen Lebenslagen, wie z. B. Obdachlose. Doch gerade Menschen ohne festen Wohnsitz fehlt es an digitaler Teilhabe.</p>
</div><div class="uncode_text_column" ><p>Von der Suche nach einer Übernachtungsmöglichkeit über die Wetternachrichten bis zum Erwerb einer eigenen Wohnung, gerade Menschen ohne festen Wohnsitz können mit digitalen Tools die fehlenden sozialen Auffangnetze kompensieren – theoretisch. Faktisch haben ausgerechnet sie hohe Hürden beim Zugang zu überwinden. Wir haben uns mit dem <a href="http://www.armutsnetzwerk.de/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Armutsnetzwerk e.V.</a> (Deutschland) und den <a href="https://offroadkids.de/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Offroadkids</a> über die besonderen Umstände bei der Digitalisierung von Menschen ohne festen Wohnsitz unterhalten.</p>
<p>Das Armutsnetzwerk e.V. (Deutschland) ist ein 2012 gegründeter Verein, der die Bedürfnisse aus der Sicht der Betroffenen formulieren und auf der höchstmöglichen politischen Ebene vortragen will. Primäres Ziel ist dabei die Selbstbefähigung und -organisation der von Armut und Ausgrenzung betroffenen Menschen.</p>
<p>Beim 4. Wohnungslosentreffen im Juli 2019 hat der Verein das Thema digitale Teilhabe auf die Agenda genommen. Das Treffen wird vom Armutsnetzwerk e.V. (Deutschland) und HOPE, „European Network for Homeless People“ als Kooperationspartner unterstützt.</p>
<p>Wir haben mit Michael Stiefel und Jürgen Schneider vom Armutsnetzwerk e.V. (Deutschland) über die Forderungen des Treffens und die generellen Möglichkeiten und Herausforderungen der Digitalisierung für Wohnungslose gesprochen. Außerdem hat uns Jesko Wrede vom Streetworker-Verein-Off-Road-Kids, der sich um Straßenkinder und junge Obdachlose kümmert, einige Fragen zum digitalen Streetworking und ihrer Plattform sofahopper.de beantwortet.</p>
<h3>Voraussetzungen für einen Zugang zum digitalen Raum</h3>
<p>Sucht man nach den Gründen für fehlende digitale Teilhabe, zeigen sich immer wieder die gleichen Hürden, wie Stiefel und Schneider aus Erfahrungen und Gesprächen mit Betroffenen berichten. Nach unserem Gespräch mit ihnen lassen sich mehrere Ebenen für Probleme des Zugangs skizzieren.</p>
<h3>Problem 1: Persönliche Voraussetzungen wie Sprache und technisches Verständnis</h3>
<p>Zum einen gibt es die persönliche Ebene. Hier geht es um persönliche Voraussetzungen bei der digitalen Teilhabe. Ein Problem ist beispielsweise Analphabetismus. Über <a href="https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2019-05/analphabetismus-deutschland-lesen-schreiben-studie" target="_blank" rel="noopener noreferrer">7% der Erwachsenen</a> Deutschen können nicht richtig lesen und schreiben, das macht die Bedienung aber auch die Anschaffung und Einrichtung von digitalen Geräten, Laptops oder Handys zu einer großen Herausforderung. Sprachliche Probleme treten auch durch mangelnde Englischkenntnisse auf. So ist es z. B. für ältere Menschen, die in Ostdeutschland aufgewachsen sind und russisch als Fremdsprache hatten oder deren Englischerwerb aus der Schulzeit nicht mehr präsent ist, schwierig, sich im digitalen Bereich zurechtzufinden, konstatiert Michael Stiefel. Ältere Menschen sehen sich in der digitalen Sphäre generell größeren <a href="https://politik-digital.de/news/lernen-und-vernetzen-digitales-leben-im-alter-156551/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Herausforderungen</a> ausgesetzt, da die neuen Möglichkeiten bei mangelnder digitaler Affinität verunsichernd und überfordernd wirken können. Die Selbstvertretung Wohnungsloser Menschen <a href="http://www.wohnungslosentreffen.de/26-wohnungslosentreffen-2019/176-abschlusserklaerung-2019.html" target="_blank" rel="noopener noreferrer">fordert</a> daher Förderangebote zu Fähigkeiten wie Lesen, Schreiben, Englisch und Medienkompetenz.</p>
<h3>Problem 2: Die Infrastruktur – vom WLAN bis zur Meldeadresse</h3>
<p>Ein weiteres Problem stellt sich auf der infrastrukturellen Ebene, die wiederum mehrere Aspekte umfasst. Einerseits geht es um den Zugang zur reinen Technik, also den Geräten, beispielsweise Smartphone oder Laptop, und dem Internet über ein öffentliches WLAN oder einen Handyvertrag und mobiles Netz. Schwierig sind hierbei die Finanzierung und die Wartung von Geräten, die mangelnde öffentliche Infrastruktur, sowie die fehlende Kreditwürdigkeit vieler Wohnungsloser, die dadurch keinen Handyvertrag auf ihren Namen abschließen können und auf Unterstützung angewiesen sind. Das Fehlen einer Meldeadresse, der deutschen Staatsbürgerschaft oder eines Kontos stellen bei Vertragsabschlüssen ebenfalls massive Hürden dar. Auch wenn durch die Abschaffung der Störerhaftung viele WLAN-Netzwerke gerade in Großstädten heute öffentlich zugänglich sind, ist WLAN in vielen Obdachlosenunterkünften immer noch nicht zu finden.</p>
<figure id="attachment_157009" aria-describedby="caption-attachment-157009" style="width: 2560px" class="wp-caption alignnone"><img fetchpriority="high" decoding="async" class="alignnone wp-image-161868 size-full" src="https://www.politik-digital.de/wp-content/uploads/2019/11/Sept19-Michael-Jürgen-Zukunftsdialog-BMASgross_2-1-scaled.jpg" alt="" width="2560" height="1750" srcset="https://www.politik-digital.de/wp-content/uploads/2019/11/Sept19-Michael-Jürgen-Zukunftsdialog-BMASgross_2-1-scaled.jpg 2560w, https://www.politik-digital.de/wp-content/uploads/2019/11/Sept19-Michael-Jürgen-Zukunftsdialog-BMASgross_2-1-300x205.jpg 300w, https://www.politik-digital.de/wp-content/uploads/2019/11/Sept19-Michael-Jürgen-Zukunftsdialog-BMASgross_2-1-1024x700.jpg 1024w, https://www.politik-digital.de/wp-content/uploads/2019/11/Sept19-Michael-Jürgen-Zukunftsdialog-BMASgross_2-1-768x525.jpg 768w, https://www.politik-digital.de/wp-content/uploads/2019/11/Sept19-Michael-Jürgen-Zukunftsdialog-BMASgross_2-1-1536x1050.jpg 1536w, https://www.politik-digital.de/wp-content/uploads/2019/11/Sept19-Michael-Jürgen-Zukunftsdialog-BMASgross_2-1-2048x1400.jpg 2048w" sizes="(max-width: 2560px) 100vw, 2560px" /><figcaption id="caption-attachment-157009" class="wp-caption-text"><br />Michael Stiefel und Jürgen Schneider beim Zukunftsdialog des BMAS</figcaption></figure>
<p>Grundsätzlich fehlt es auch an digitaler Bildung. Gerade Wohnungslose sind hier auf staatliche Angebote angewiesen, da sie häufig aus ihrem sozialen Netz herausgefallen sind und sich kostenpflichtige Angebote nicht leisten können. Die Notwendigkeit eines Internetzugangs und Zugangs zu digitalen Angeboten ist heute jedoch immens wichtig, um befähigt zu sein, sich selbständig aus einer schlechten Lebenssituation zu befreien. „Stellen Sie sich vor, dass Sie eine Bewerbung schreiben möchten oder einem potenziellen Vermieter Unterlagen zusenden möchten. Wie soll das gehen ohne einen Zugang zur digitalen Welt?“, so Jesko Wrede. Die Off Road Kids stellen deshalb in ihren Streetwork-Stationen PC-Arbeitsplätze zur Verfügung, denn auch bei der Jobsuche und der Vernetzung untereinander, beispielsweise zur Selbstorganisation wie im Armutsnetzwerk, bieten digitale Tools die besten Möglichkeiten.</p>
<p>Die beschriebenen Zugangsprobleme betreffen natürlich nicht nur Wohnungslose, jedoch in erster Linie sozial und finanziell benachteiligte Menschen und daher eben insbesondere auch Wohnungslose.</p>
<h3>Neue Möglichkeiten der Teilhabe</h3>
<p>Während also ein fehlender Zugang zum Digitalen in einer zunehmend digitalisierten Gesellschaft negative Auswirkungen haben kann, entstehen durch technische Neuerungen auch für Wohnungslose mit digitalen Kompetenzen neue Möglichkeiten, die ihnen das Leben erleichtern. Für Einwanderinnen und Einwanderer gibt es Übersetzungsprogramme, Analphabetinnen und Analphabeten können sich Texte per App und QR-Code vorlesen lassen, wie Michael Stiefel berichtet. Landkreise haben für ihre Region eigene sogenannte Sozialwegweiser entwickelt, die bei der Ankunft in einer neuen Umgebung Orientierung bieten können. Außerdem gibt es neue Wege der Kontaktaufnahme zu Verantwortlichen, wie beispielsweise Politikerinnen und Politikern, über soziale Medien. Der Internetzugang ermöglicht eine neue Art digitaler gesellschaftlicher Teilhabe, die Wohnungslosen eventuell ansonsten verwehrt bliebe. Der Grad der Teilhabe im Netz erfordert allerdings auch einen Zeitaufwand, der für Wohnungslose im Zweifel weniger leicht erbracht werden kann, wenn der Alltag in erster Linie durch die Befriedigung der elementaren Bedürfnisse geprägt ist. Studien belegen, dass eine Armutsgefährdung generell mit eingeschränkten Möglichkeiten der politischen Teilhabe <a href="https://www.statistik-bw.de/FaFo/Familien_in_BW/R20192.pdf" target="_blank" rel="noopener noreferrer">einhergeht</a>.</p>
<p>Für Sozialeinrichtungen oder private Hilfeleistende entstehen neue Möglichkeiten der Vernetzung, die beispielsweise die Effizienz von Streetwork steigern können. Die Off Road Kids leiten beispielsweise Hilferufe und Anfragen aus Gegenden, in denen sie keine Station haben, direkt an kooperierende Organisationen vor Ort weiter, was am Ende Hilfsbedürftigen zu Gute kommt. Das Erreichen einer breiten Öffentlichkeit über soziale Medien kann zudem dazu beitragen für Probleme von Randgruppen, wie beispielsweise von Wohnungslosen, mehr Aufmerksamkeit zu erhalten, was im besten Falle auch zur Umsetzung konkreter politischer Entscheidungen führt.</p>
<h3>Welche Apps nutzen Wohnungslose?</h3>
<p>Spezielle Apps, die von Wohnungslosen besonders häufig genutzt werden, seien in erster Linie die klassischen massentauglichen Anwendungen wie WhatsApp, Google Maps oder Facebook, so Jürgen Schneiders Beobachtungen bisher. Aber auch spezielle für Wohnungslose entwickelte Tools sind auf dem Markt und werden nachgefragt. Beispielsweise die Plattform <a href="https://sofahopper.de/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">sofahopper.de</a> der Off Road Kids, auf der seit 2017 über 1.200 Betroffene um Rat und Hilfe gebeten haben. Wichtig bei der Erstellung solcher Apps bzw. Websites ist ein niedrigschwelliger Zugang und geringe Hürden zur Kontaktaufnahme. Die Selbstvertretung Wohnungsloser Menschen forderte in ihrer Abschlusserklärung zudem eine Beteiligung betroffener Menschen an der Entwicklung und eine Gewährleistung der Datensicherheit. Auf ihrer eigenen <a href="http://www.wohnungslosentreffen.de/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Website</a> betreibt die Selbstvertretung ein Forum zum Austausch unter den Beteiligten.</p>
<h3>Forderungen der Betroffenen</h3>
<p>Die Digitalisierung bietet für Wohnungslose mit Zugang zu digitalen Endgeräten, Internet und ausreichend Lade- und Reparaturmöglichkeiten viele Chancen, ihren Alltag einfacher und kosteneffizienter zu gestalten. Möglicherweise kann durch digitale Tools auch der Weg zur eigenen Wohnung geebnet werden. Für Menschen, denen der Zugang zur digitalen Sphäre allerdings verwehrt bleibt, entstehen durch die Digitalisierung verschiedener Lebensbereiche und Angebote wie bspw. der Wohnungssuche noch höhere Hürden. Sozialeinrichtungen, aber auch andere öffentliche Einrichtungen können hier nachbessern und Wohnungslosen die Geräte, Lernmöglichkeiten und Internetzugang zur Verfügung stellen.</p>
<p>Die Selbstvertretung Wohnungsloser Menschen fordert in diesem Sinne in erster Linie einen möglichst niedrigschwelligen Zugang zur digitalen Sphäre durch Abbau bestimmter Vertragsbedingungen bei Handyverträgen, Bereitstellung von Geräten und unbegrenztem öffentlichen WLAN. Wichtig ist den Vertretern des Armutsnetzwerks dabei ein Einbezug der Betroffenen Menschen und eine darauf basierende Kooperation: „Wir möchten mit denen zusammenarbeiten, die die Zugänglichkeit der digitalen Entwicklung für alle Menschen sicherstellen wollen und insbesondere auch die Schwierigkeiten berücksichtigen, von Leuten die keine so guten Möglichkeiten haben, also bspw. Wohnungslose aber eben auch andere.“</p>
<p>Kontakt zum Armutsnetzwerk e.V. unter armutsnetzwerk.de</p>
<div class="_3bJ2H CHExY">
<p class="_1l8RX _1ByhS"><strong>Photo by:</strong> <a href="https://unsplash.com/@jamessutton_photography?utm_source=unsplash&amp;utm_medium=referral&amp;utm_content=creditCopyText">James Sutton</a> on <a href="https://unsplash.com/@jamessutton_photography?utm_source=unsplash&amp;utm_medium=referral&amp;utm_content=creditCopyText">Unsplash</a></p>
<p class="_1l8RX _1ByhS"><strong>Artikelbild:</strong> Armutsnetzwerk e.V. Deutschland beim Zukunftsdialog des BMAS am 20.09.2019</p>
</div>
<p>
</div></div></div></div></div></div><script id="script-row-unique-0" data-row="script-row-unique-0" type="text/javascript" class="vc_controls">UNCODE.initRow(document.getElementById("row-unique-0"));</script></div></div></div><div data-parent="true" class="vc_row styleptrl--cc-module has-bg need-focus style-color-gyho-bg limit-width boxed-row row-container" id="row-unique-2"><div class="row unequal col-no-gutter single-top-padding single-bottom-padding single-h-padding row-parent"><div class="wpb_row row-inner"><div class="wpb_column pos-middle pos-center align_left column_parent col-lg-4 styleptrl--cc-module--col single-internal-gutter"><div class="uncol style-light"  ><div class="uncoltable"><div class="uncell no-block-padding  unradius-std" ><div class="uncont" ><div class="uncode_text_column" ><p>Text: <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">CC-BY-SA 3.0</a></p>
</div></div></div></div></div></div><div class="wpb_column pos-middle pos-center align_right column_parent col-lg-8 styleptrl--cc-module--col single-internal-gutter"><div class="uncol style-light"  ><div class="uncoltable"><div class="uncell no-block-padding" ><div class="uncont" ><div class="uncode_text_column" ><p><img decoding="async" class="alignnone size-medium wp-image-159021" src="https://www.politik-digital.de/wp-content/uploads/2020/05/CC-Lizenz-630x110111-305x53-1-300x52.png" alt="" width="300" height="52" srcset="https://www.politik-digital.de/wp-content/uploads/2020/05/CC-Lizenz-630x110111-305x53-1-300x52.png 300w, https://www.politik-digital.de/wp-content/uploads/2020/05/CC-Lizenz-630x110111-305x53-1.png 305w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></p>
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		<title>Streetwork digital: die Sofa-Hopper</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Paulina Fried]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 23 Apr 2019 09:26:50 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[News]]></category>
		<category><![CDATA[Obdachlosigkeit]]></category>
		<category><![CDATA[sofahopper.de]]></category>
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</div><div class="uncode_text_column" ><p>Gibt man den Begriff „Straßenkinder in Deutschland“ in die Online-Suchmaschinen ein, stößt man schnell auf das klischeehafte Bild des bunthaarigen, pöbelnden Punks, der aus sozial schwachen Verhältnissen kommt. Tatsächlich, das hat die über 20-jährige Arbeitserfahrung der <a href="https://offroadkids.de" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Hilfsorganisation Off Road Kids</a> gezeigt, stammen die Ausreißer und Ausreißerinnen aber aus allen Gesellschaftsschichten, sind oft eher unauffällig, und fliehen vor traumatischen Erfahrungen wie familiären Zerwürfnissen, Vernachlässigung und Misshandlung in die Anonymität der Großstadt. Materielle Not spielt nur eine zweitrangige Rolle.</p>
<h3>Armes, reiches Deutschland</h3>
<p>Deutschland ist ein Staat, dessen soziales Netz, so wird zumindest häufig argumentiert, alle Bürgerinnen und Bürger auffängt. Trotzdem haben bundesweit etwa 37.000 junge Menschen unter 27 keinen festen Wohnsitz, ca. ein Fünftel von ihnen ist minderjährig. Ein Drittel der betroffenen Jugendlichen lebt sogar ausschließlich auf der Straße und ist damit obdachlos. Diese Zahlen gehen aus einer <a href="https://www.dji.de/fileadmin/user_upload/bibs2017/25865_beierle_hoch_strassenjugendliche.pdf" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Erhebung</a> hervor, die das Deutsche Jugendinstitut (DJI) 2017 veröffentlicht hat.</p>
<h3>Wenn der Berg nicht zum Propheten kommt &#8230;</h3>
<p>Seit 1993 arbeitet Off Road Kids als einzige überregional tätige Hilfsorganisation für Straßenkinder in Deutschland. Neben Beratungsangeboten, Bildungs-, Integrations-, und Gesundheitsvorsorgeprogrammen, betreiben die Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter auch Streetwork. Das heißt, sie warten nicht auf Hilfesuchende, sondern gehen aktiv auf Kinder und Jugendliche zu, die in Deutschlands Großstädten auf der Straße leben. Diesem Arbeitsansatz liegt die Annahme zugrunde, dass die jungen Obdachlosen zwar den Wunsch haben, wieder von der Straße wegzukommen, ihnen aber die Informationen über Hilfeangebote fehlen.</p>
<h3>Digitalisierung der Streetwork: Sofa-Hopper 2.0</h3>
<p>Fester Wohnsitz hin oder her, ein Smartphone besitzen heutzutage die meisten Jugendlichen. Und damit auch den Zugang zum digitalen Portal der Off Road Kids, sofahopper.de, das es seit 2016 gibt. Über eine Chat-Funktion auf der Website können sich Jugendliche melden, die kurz davor sind, „zuhause rauszufliegen“ oder schon als Sofa-Hopper bei Bekannten aus dem Internet oder Freunden untergekommen sind.</p>
<h3><a href="https://www.politik-digital.de/wp-content/uploads/2020/06/sofahopper.png"><img decoding="async" class="alignleft wp-image-162083" src="https://www.politik-digital.de/wp-content/uploads/2020/06/sofahopper.png" alt="sofahopper" width="224" height="298" srcset="https://www.politik-digital.de/wp-content/uploads/2020/06/sofahopper.png 451w, https://www.politik-digital.de/wp-content/uploads/2020/06/sofahopper-225x300.png 225w" sizes="(max-width: 224px) 100vw, 224px" /></a>politik-digital.de: Wie entstand die Idee für die Online-Plattform sofahopper.de?</h3>
<p>Die Idee kam von den Streetworkern selbst, weil sie auf der Straße immer weniger Jugendliche angetroffen haben. 2002 waren es noch 40 Minderjährige im Monat, heute sind es gegen Null. Das Problem von obdachlosen jungen Menschen hat sich ja aber nicht einfach durch ein Wunder aufgelöst. Die Jugendlichen sind jetzt eher verdeckt obdachlos. Das Ziel unserer virtuellen Streetworkstation ist also, diese verdeckt Obdachlosen zu erreichen und sie ins Hilfesystem zu integrieren.</p>
<h3>Was heißt es „verdeckt obdachlos“ zu sein?</h3>
<p>Das heißt, die jungen Obdachlosen sind jetzt weniger auf der Straße unterwegs. Dadurch, dass sie bei Bekannten auf dem Sofa schlafen, sind für die Gesellschaft sozusagen unsichtbar. Aufgrund der digitalen Kommunikationsmittel ist es nicht mehr unbedingt nötig auf die Straße zu gehen und zu fragen: „Wo kriege ich was zu essen her?“. Das kann jetzt alles über WhatsApp geklärt werden.</p>
<h3>Erreichen Sie mit sofahopper.de eine andere Zielgruppe als mit der klassischen Streetwork?</h3>
<p>Ja, es sind nicht mehr nur unsere altbekannten „Straßenköter“, die schon lange auf der Straße sind und viel Erfahrung mit Jugendhilfe haben. Die Gruppe der Hilfesuchenden ist größer und heterogener geworden. Vorher haben wir auch nie die Gastgeberinnen und Gastgeber erreicht. Die melden sich jetzt auch bei uns und fragen, wie sie dem jungen Menschen, der auf ihrer Couch schläft, helfen können. Wir kriegen jetzt sogar Anfragen von Studierenden und Azubis, die keine Wohnung finden.</p>
<h3>Wie viele Anfragen bekommen Sie pro Jahr?</h3>
<p>2017 und 2018 hatten wir pro Jahr ca. 200 Anfragen. 2019 haben wir bis jetzt schon 74, 30 davon nur im Monat April. Das liegt daran, dass wir unter anderem Google Ads benutzt haben. Wenn man jetzt „Obdachlos – was kann ich tun?“ googelt, stößt man relativ schnell auf uns.</p>
<h3>Braucht es weiterhin analoge Mittel, um Wissen über das Portal zu verbreiten?</h3>
<p>Es braucht beides. Die analogen Mittel, die wir nutzen, sind Interviews, Postkarten, Flyer und Werbeaktionen. Die meisten Jugendlichen kommen aber durch eigene Recherche auf uns.</p>
<h3>Haben Sie Probleme mit Fake-Anfragen?</h3>
<p>Fast nie. Wir staunen immer darüber wie wenig Spam wir kriegen. Wenn wir jetzt überall in der Stadt Plakate von sofahopper.de hängen hätten, wäre das vielleicht anders.</p>
<h3>Warum nutzen Sie die Chat-Funktion?</h3>
<p>Die Chatfunktion ist anonym und niedrigschwellig. Die Hürde, einen Anruf zu machen oder eine Beratungsstelle aufzusuchen, ist viel höher. Manchmal fragen wir auch: „Darf ich dich anrufen?“. Viele sagen dann: „Ne, mir ist Chat lieber.“ Außerdem funktioniert die Chatfunktion auch asynchron. Das heißt, die Hilfesuchenden können uns anchatten. Auch wenn wir gerade nicht da sind, kriegen sie erst mal eine automatisierte Antwort und später dann Rückmeldung. Oft kommen die Anfragen in der Nacht, denn da kommen die Krisen. Das ist eben das schöne – die Jugendlichen können uns zu jeder Tages- uns Nachtzeit schreiben und sich sicher sein: Wir melden uns zurück!</p>
<h3>Haben Sie vor, die Plattform auszubauen, also zum Beispiel eine App zu entwickeln?</h3>
<p>Ja, solche Ideen stehen im Raum. Wir können uns auch gut vorstellen in Zukunft mit Influencern zu arbeiten und diese zu animieren, für sofahopper.de Werbung zu machen. Damit würden wir genau die Zielgruppe erreichen.</p>
<h3>Können Sie eine Zwischenbilanz ziehen?</h3>
<p>Es war eine richtig gute Idee die sofahopper.de zu gründen! Wir erreichen bundesweit wahnsinnig viele Jugendliche, die wir auf der Straße nicht mehr antreffen würden. Aus den dünn besiedelten Räumen kommen weniger Anfragen als aus den Ballungsgebieten. Das liegt daran, dass es da noch Wohnungen gibt, nicht so wie in Berlin, Hamburg und Co.</p>
<p>Das Interview führte <a href="https://politik-digital.de/user/pfried/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Paulina Fried</a></p>
<p><strong>Titelbild:</strong>  <a href="https://unsplash.com/@kellysikkema?utm_source=unsplash&amp;utm_medium=referral&amp;utm_content=creditCopyText">Kelly Sikkema</a> on <a href="https://unsplash.com/?utm_source=unsplash&amp;utm_medium=referral&amp;utm_content=creditCopyText">Unsplash</a></p>
<p><strong>Bild:</strong> Reichweite sofahopper.de by Off Road Kids Stiftung</p>
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</div></div></div></div></div></div><div class="wpb_column pos-middle pos-center align_right column_parent col-lg-8 styleptrl--cc-module--col single-internal-gutter"><div class="uncol style-light"  ><div class="uncoltable"><div class="uncell no-block-padding" ><div class="uncont" ><div class="uncode_text_column" ><p><img decoding="async" class="alignnone size-medium wp-image-159021" src="https://www.politik-digital.de/wp-content/uploads/2020/05/CC-Lizenz-630x110111-305x53-1-300x52.png" alt="" width="300" height="52" srcset="https://www.politik-digital.de/wp-content/uploads/2020/05/CC-Lizenz-630x110111-305x53-1-300x52.png 300w, https://www.politik-digital.de/wp-content/uploads/2020/05/CC-Lizenz-630x110111-305x53-1.png 305w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></p>
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