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	<title>Streik &#8211; politik-digital</title>
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	<description>Information, Kommunikation, Partizipation</description>
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	<title>Streik &#8211; politik-digital</title>
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	<item>
		<title>Fremdkörper im Bildungsstreik</title>
		<link>https://www.politik-digital.de/news/fremdkoerper-im-bildungsstreik-4662/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Christian Jung]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 26 Nov 2009 09:08:15 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[News]]></category>
		<category><![CDATA[Hochschule]]></category>
		<category><![CDATA[Bildung]]></category>
		<category><![CDATA[Streik]]></category>
		<category><![CDATA[Bildungsstreik]]></category>
		<category><![CDATA[Unibrennt]]></category>
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					<description><![CDATA[Überall in Deutschland besetzen Studenten ihre Unis. Was in Österreich begann, hat sich längst über Ländergrenzen hinweg ausgebreitet. Auch im Internet schlagen die Proteste Wellen. Doch nicht alle bestreikten Unis nutzen die modernen Netzwerke überzeugend. Österreichs Studis zeigen, wie es besser geht.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Überall in Deutschland besetzen Studenten ihre Unis. Was in Österreich begann, hat sich längst über Ländergrenzen hinweg ausgebreitet. Auch im Internet schlagen die Proteste Wellen. Doch nicht alle bestreikten Unis nutzen die modernen Netzwerke überzeugend. Österreichs Studis zeigen, wie es besser geht.<!--break--></p>
<p>
&nbsp;
</p>
<p>
2000 Studentinnen und Studenten sitzen eng gedrängt in dem<br />
trotz hoher Decke stickigen Audimax der Justus-Liebig-Universität in Gießen. In<br />
einer Vollversammlung beschließen sie ihre gemeinsamen Forderungen an Politik<br />
und Hochschule. Über das gesamte Publikum verteilt zeigen sich die weit<br />
scheinenden Bildschirme von Laptops und in den Händen, die sich zum<br />
Fotografieren der Menschenmenge in die Höhe recken, finden sich fast ebenso<br />
viele Telefone wie Digitalkameras. Ganz selbstverständlich erscheint das den<br />
Studierenden der Generation Internet.
</p>
<p>
<b>Vollversammlung offline </b>
</p>
<p>
Doch die Vollversammlung bleibt Offline. Von<br />
den mehr als 200 Zuschauern, die den <a href="http://www.ustream.tv/recorded/2638789">Live-Stream</a> im Internet geöffnet haben,<br />
erfährt man im Audimax nichts. Nur einmal blitzt etwas Interaktivität durch,<br />
als solidarische Grüße aus anderen Universitätsstädten übermittelt werden. Wie<br />
genau die aber ihren Weg ins mittelhessische Gießen gefunden haben, weiß<br />
vermutlich auch am Rednerpult niemand.
</p>
<p>
Das Internet wirkt wie ein Fremdkörper im Gießener<br />
Bildungsstreik. Als die Politik- und Sozialwissenschaftler in den späten<br />
Abendstunden des 15. Novembers ihr dreistöckiges Seminargebäude besetzten,<br />
drangen nur wenige Informationen an die Außenwelt. Schon einige Tage zuvor<br />
hatte man eine erste Website eingerichtet, zu der man aber just in den ersten<br />
Tagen der Besetzung das Passwort verlegt hatte. Stattdessen teilte man sich in<br />
unregelmäßigen Abständen und wenig gesprächig über eine Mailing-Liste mit &#8211; von<br />
der jedoch kaum Studenten erfahren hatten. Bilder von der Besetzung tauchten<br />
erst nach Tagen auf.
</p>
<p>
<b>Streik auf studiVZ </b>
</p>
<p>
Wesentlich zeitnaher kann man am Geschehen über studiVZ<br />
teilhaben. Bereits vom 9. November stammt der erste Beitrag in der Gruppe „<a href="http://www.studivz.net/Groups/Overview/53be1bc0612dd1d1">-::<br />
Bildungsstreik 2009 Gießen::-</a>&quot;, in dem auf die vergleichbaren Gruppen aus Kiel<br />
und Marburg verwiesen wird. Zwei Tage vor der Besetzung wird hier schon die<br />
Mailing-Liste als dominierendes Kommunikationsmittel beworben und auch über die<br />
tatsächliche Besetzung erfährt man hier wesentlich früher als auf der eigenen<br />
Internetseite. Auch ein Hinweis auf den <a href="http://twitter.com/giessenstreikt">Twitter-Account der Gießener Besetzer</a> findet<br />
sich, doch bis heute kommt er nicht einmal über 200 Follower hinaus. Wie weit Twitter damit außerhalb der studentischen Aufmerksamkeit liegt, zeigt der Vergleich<br />
mit der Gruppe im studiVZ: hier finden sich fast 2000 Mitglieder ein.
</p>
<p>
<b>studiVZ: Ausschlafen oder Kurzurlaub?<br />
 </b>
</p>
<p>
Doch so beeindruckend die Zahlen wirken, inhaltlich kann die<br />
Gruppe im VZ nicht viel bieten. Bilder oder Videos scheitern schon an den<br />
technischen Möglichkeiten der studiVZ-Plattform. Eine Handvoll<br />
Diskussionsfäden ist gefüllt mit wenigen Ankündigungen und vielen Nachfragen,<br />
wie lange denn nun noch besetzt sei. Viele Studenten wollen offensichtlich lieber wissen, ob<br />
man nicht doch ausschlafen kann am nächsten Tag oder ob die Zeit sogar für<br />
einen Kurzurlaub bei den Eltern reicht.
</p>
<p>
<b>Kein Internetanschluss im Philosophenwald </b>
</p>
<p>
Dass das wenig repräsentativ ist, zeigt ein Blick in die<br />
arbeitsame Atmosphäre in den mittlerweile immer zahlreicher werdenden besetzten<br />
Gebäuden in der Straße am Philosophenwald. Eifrig organisiert in Arbeitskreisen und<br />
allabendlichem Plenum arbeiten die Studentinnen und Studenten an ihrem<br />
Forderungskatalog. Gleich in der ersten Woche treffen sie sich zu<br />
Sondierungsgesprächen mit den Dozenten der betroffenen Fachbereiche und tauschen<br />
sich aus. Aus der bekundeten Solidarisierung erwachsen gemeinsame, von<br />
Studenten und Dozenten besetzte Arbeitskreise. Im Internet erfährt man nichts<br />
davon.
</p>
<p>
<img fetchpriority="high" decoding="async" src="/wp-content/uploads/unibrennt.jpg" width="460" height="283" />
</p>
<p>
<b>Österreichs Studis setzen auf das Netz</b>
</p>
<p>
Ein Blick nach Österreich, gewissermaßen in das Mutterland<br />
der aktuellen Studentenproteste, zeigt das Kontrastprogramm. Wie ein Drehkreuz<br />
sammelt die <a href="http://unibrennt.at/">offizielle Website zum Protest</a> als „veritables Web 2.0-Portal&quot;<br />
(<a href="http://www.homopoliticus.de/2009/11/05/wir-2-0/">Christoph Bieber</a>) die über das gesamte Netz verteilten Informationen zu den<br />
Bildungsstreiks und bietet dem Nutzer Orientierung. Die eher statischen<br />
Elemente wie Forderungen und Kontaktdaten finden sich wie gewohnt auf der<br />
Internetseite, aber ebenso stößt man auf gesammelte Live-Streams aus dem<br />
deutschsprachigen Protestraum oder bei flickr aggregierte Bilder von den<br />
Hochschulen vor Ort.
</p>
<p>
Die Facebook-Seite „<a href="http://www.facebook.com/unsereuni">unsereuni</a>&quot; zeigt in bisher ungekanntem Maße die Funktionalität der amerikanischen Plattform<br />
auf. Mehr als 30.000 Fans solidarisieren sich und nutzen die öffentliche<br />
Pinnwand des Profils, um Informationen auszutauschen und Diskussionen<br />
auszutragen. Geschickt vernetzt man die Seite mit anderen streikenden<br />
Studierenschaften. Videos und Fotos von den bekannten Plattformen wie YouTube<br />
und flickr hat man da gleich noch mit eingebunden.
</p>
<p>
Die heutige Kundgebung am österreichischen Parlament ist<br />
selbstverständlich als Termin verfügbar. Neben Details über den geplanten<br />
Ablauf &#8211; von Eröffnung bis Lichterkette &#8211; sieht man auch die 173 bestätigten<br />
Gäste.
</p>
<p>
In Gießen wird morgen ebenfalls eine Demonstration<br />
stattfinden, vom Audimax will man in die Stadt marschieren. Genauso Offline wie<br />
bisher.
</p>
<p>
<b>Gibt es bessere Beispiel für Internetnutzung bei den Unistreiks? Hinweise gerne in den Kommentaren! </b></p>
]]></content:encoded>
					
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			</item>
		<item>
		<title>&#034;Arbeit darf nicht arm machen&#034;</title>
		<link>https://www.politik-digital.de/chattranscripte/arbeit-darf-nicht-arm-machen-3485/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Georg Babing]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 13 Nov 2007 23:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Chattranscripte]]></category>
		<category><![CDATA[Michael Sommer]]></category>
		<category><![CDATA[Streik]]></category>
		<category><![CDATA[tagesschau.de]]></category>
		<category><![CDATA[Bahnstreik]]></category>
		<category><![CDATA[Deutscher Gewerkschaftsbund]]></category>
		<category><![CDATA[Gewerkschaft]]></category>
		<category><![CDATA[DGB]]></category>
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					<description><![CDATA[<p class="teaser">
Am Mittwoch, dem 14. November, war Michael Sommer, Bundesvorsitzender des Deutschen Gewerkschaftbundes (DGB), zu Gast im tagesschau-Chat in Kooperation mit politik-digital.de. Er sprach über den Bahnstreik, Mindestlöhne und Franz Müntefering.
</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p class="teaser">
Am Mittwoch, dem 14. November, war Michael Sommer, Bundesvorsitzender des Deutschen Gewerkschaftbundes (DGB), zu Gast im tagesschau-Chat in Kooperation mit politik-digital.de. Er sprach über den Bahnstreik, Mindestlöhne und Franz Müntefering.
</p>
<p><!--break--></p>
<p>
&nbsp;
</p>
<p>
<b>Moderatorin</b>: Guten Tag und herzlich willkommen<br />
im tagesschau-Chat. Heute zu Gast: Michael Sommer, Bundesvorsitzender<br />
des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB). Wir freuen uns, ihm in<br />
den kommenden 60 Minuten Ihre Fragen stellen zu können. Herr<br />
Sommer, sind Sie bereit?
</p>
<p>
<b>Michael Sommer</b>: Immer bereit!
</p>
<p>
:
</p>
<p align="center">
<img decoding="async" src="http://www.politik-digital.de/salon/photos/msommer85x.jpg" alt="Michael Sommer" height="120" width="85" /><br />
<i>Michael Sommer<br />
Bundesvorsitzender des Deutschen Gewerkschaftbundes (DGB)</i>
</p>
<p align="left">
<b>Moderatorin</b>: Neuerdings können<br />
unsere User schon vor dem Chat Fragen stellen. Hier die Frage, die<br />
unsere Nutzer besonders interessierte:
</p>
<p>
<b>Bahnreisender</b>: Was ist Ihr Kommentar zu den Bahnstreiks?<br />
Dürfen wenige Lokführer halb Deutschland lahmlegen?
</p>
<p>
<b>Michael Sommer</b>: Der Bahnstreik ist legitim. Es<br />
handelt sich um einen gekündigten Tarifvertrag. Ob die Lokführer<br />
Recht haben, ist eine völlig andere Frage. Ich glaube, dass<br />
wir die Tarifeinheit auch bei der Deutschen Bahn AG herstellen müssen.<br />
Das Beste wäre es, die drei Gewerkschaften würden mit<br />
dem Bahnvorstand zusammen verhandeln. Tarifeinheit heißt,<br />
dass es in einem Unternehmen nur einen Tarifvertrag für alle<br />
Beschäftigten gibt.
</p>
<p>
<b>RUB-student84</b>: Welche Konsequenzen wird der DGB<br />
aus dem Tarifstreit der GDL für sich selbst ziehen?
</p>
<p>
<b>Michael Sommer</b>: Mindestens zwei. Das eine ist:<br />
Unsere Gewerkschaften überprüfen ihre Tarifpolitik dahingehend,<br />
ob sie differenziert genug auf die verschiedenen Beschäftigtengruppen<br />
eingeht. Zum zweiten müssen wir rechtspolitisch die Debatte<br />
in dieser Gesellschaft führen, ob wir eine Zersplitterung der<br />
Tariflandschaft in den Betrieben zulassen wollen oder nicht. Alle<br />
Erfahrungen mit zersplitterten Tariflandschaften sind schlecht.<br />
Sie schaden letztendlich den Arbeitnehmern selbst, weil sie entsolidarisierend<br />
wirken, und weil sie letztlich den Gesetzgeber dazu zwingen würden,<br />
das Streikrecht einzuschränken. Das ist in Großbritannien<br />
in den achtziger Jahren passiert. Das will ich nicht in Deutschland.
</p>
<p>
<b>tichtier</b>: Haben kleine Gewerkschaften nicht vielleicht<br />
einen Vorteil, wenn sie Mitglieder ansprechen wollen, da sie übersichtlicher<br />
und transparenter sind?
</p>
<p>
<b>Michael Sommer</b>: Auf den ersten Blick ja. Auf den<br />
zweiten Blick können sie nur Partikular- oder Teilinteressen<br />
vertreten zu Lasten anderer. Und das geht nur solange gut, wie sie<br />
eine herausgehobene Stellung im Betrieb haben. Am Beispiel der Lokführer:<br />
Sollte es den Lokführern tatsächlich gelingen, einen separaten<br />
Tarifvertrag durchzusetzen, wird es zu einer Reaktion bei den übrigen<br />
Beschäftigten kommen müssen. Letztlich wird sich auch<br />
der Bahnvorstand überlegen, welche strategischen Maßnahmen<br />
er gegen die Lokführer unternimmt, von technologischen Lösungen<br />
bis hin zu Ausgliederungen und ähnlichem mehr.
</p>
<p>
<b>Moderatorin</b>: Da schließt sich die Frage<br />
an, die unsere User am zweithäufigsten gestellt haben:
</p>
<p>
<b>jarm</b>: Sind Sie nicht nur gegen das Wirken der<br />
GDL, weil es Ihren eigenen Machtanspruch reduziert? Hat nicht jeder<br />
das Recht zur Gründung einer Gewerkschaft? Stehen wir heute<br />
nicht wieder am Anfang einer Art „Industrialisierung“<br />
namens Globalisierung, was den Menschen nun langsam klar wird?
</p>
<p>
&nbsp;
</p>
<p>
<b>Michael Sommer</b>: Jeder hat das Recht, eine Gewerkschaft<br />
zu gründen, ohne Frage. Nur jeder muss sich auch die Frage<br />
stellen, ob es Sinn macht, eine eigene Gewerkschaft zu gründen,<br />
und genau das glaube ich nicht. Die Geschichte der Arbeiterbewegung<br />
beweist: Die Zersplitterung der Arbeitnehmerschaft hat die Arbeiter<br />
nicht stärker gemacht. Das gilt auch und gerade in Zeiten der<br />
Globalisierung, wo Arbeitnehmer ja nicht in den Betrieben, sondern<br />
auch zwischen Betrieben gegeneinander ausgespielt werden. Wer dort<br />
meint, mit kleinen Organisationen überleben zu können,<br />
der irrt gewaltig.
</p>
<p>
<b>Denis</b>: Was tut der DGB, um eine Einigung der GDL<br />
mit der Bahn zu erreichen? Steht der DGB hinter den Forderungen<br />
der GDL oder gehen deren Forderungen selbst dem GDL zu weit?
</p>
<p>
<b>Michael Sommer</b>: Die GDL ist Mitglied des deutschen<br />
Beamtenbundes und nicht des DGB,<br />
von daher müssten Sie die Frage eigentlich an Peter Heese richten,<br />
den Vorsitzenden des Deutschen Beamtenbundes. Über die Höhe<br />
einer Forderung kann man immer streiten, letztendlich geht es um<br />
die Forderung nach gerechtem Lohn. Wie der im Gefüge der Deutschen<br />
Bahn auszusehen hat, kann ich nicht beantworten. Das macht die Fachgewerkschaft<br />
und das ist die Transnet.
</p>
<p>
<b>armin</b>: Wie stehen Sie zum Thema Privatisierung<br />
der Bahn?
</p>
<p>
<b>Michael Sommer</b>: Ich bin dagegen.
</p>
<p>
<b>Moderatorin</b>: Mit welcher Begründung?
</p>
<p>
<b>Michael Sommer</b>: Die Bahn ist die zentrale Verkehrsinfrastruktur<br />
in Deutschland, auf die Millionen Menschen und auch die deutsche<br />
Wirtschaft angewiesen sind. Es gibt gute Gründe, sie in öffentlichem<br />
Besitz zu lassen und sie nicht irgendwelchen Kapitalinteressen auszuliefern.<br />
Denn letztendlich würden dies die Bahnkunden mit einer Ausdünnung<br />
der Infrastruktur, des Streckennetzes, der Schließung von<br />
Bahnhöfen und steigenden Preisen bezahlen. Zum Schluss würden<br />
nicht mehr die Interessen der Kunden an der Bahn die Oberhand behalten,<br />
sondern irgendwelche Kapitalinteressen, denen bekanntermaßen<br />
Kundeninteressen ziemlich egal sind. Dass ich als Gewerkschafter<br />
darüber hinaus auf die Interessen der Beschäftigten gucken<br />
muss, versteht sich von selbst. Die Privatisierungserfahrungen in<br />
den neunziger Jahren belegen darüber hinaus, dass massiv Beschäftigung<br />
abgebaut wurde und der Service sich verschlechterte. Darüber<br />
hinaus kann man nicht nur über Klima reden, sondern muss auch<br />
etwas dafür tun. Dazu gehört der Erhalt und Ausbau eines<br />
flächendeckenden guten Bahnnetzes. Das ist allemal sinnvoller,<br />
als immer mehr LKW auf die Autobahn zu setzen.
</p>
<p>
<b>Moderatorin</b>: Themawechsel wegen zahlreicher Nachfragen<br />
unserer User:
</p>
<p>
<b>mehmetkemal</b>: Was ist der Grund für die rückläufigen<br />
Zahlen bei den Gewerkschaftsmitgliedern?
</p>
<p>
<b>Michael Sommer</b>: Das ist zum einen die Arbeitslosigkeit,<br />
die uns mit Sicherheit getroffen hat, zum zweiten hat die Bindewirkung<br />
der Gewerkschaften, besonders in Ostdeutschland, nachgelassen, wohl<br />
insbesondere auf Grund der Erfahrungen mit dem so genannten realen<br />
Sozialismus. Zum dritten hat unsere Bindekraft in den Betrieben<br />
nachgelassen, was ich für die Hauptursache halte. Deswegen<br />
unterstütze ich alle Maßnahmen, die Präsenz der<br />
Gewerkschaften in den Betrieben zu verbessern und die Einbeziehung<br />
der Mitglieder zum Beispiel in die Tarifpolitik zu verbessern. Dort,<br />
wo wir das tun, wie bei der IG-Metall in Nordrhein-Westfalen, haben<br />
wir auch keine rückläufigen Mitgliederzahlen mehr &#8211; sondern<br />
im Gegenteil.
</p>
<p>
<b>paterpaul</b>: Wie wollen Sie Gewerkschaften interessanter<br />
für jüngere Mitglieder machen?
</p>
<p>
<b>Michael Sommer</b>: Durch neue Angebote für Studenten,<br />
Schulpraktikanten, Auszubildende, die ja mehr brauchen als nur einen<br />
Tarifvertrag. Und natürlich werden die Gewerkschaften bei ihrem<br />
gesellschaftspolitischen Engagement bleiben, was auch einen gewissen<br />
Anziehungseffekt bei jungen Menschen hat. Die Hauptaufgabe bleibt<br />
aber, jungen Menschen einen Ausbildungsplatz zu besorgen und ihnen<br />
eine berufliche Perspektive zu sichern. Im Übrigen sind unsere<br />
Chancen ja nicht schlecht, wenn 85 Prozent der jungen Menschen eine<br />
Gewerkschaft für notwendig halten.
</p>
<p>
<b>karneval1234</b>: Wieso funktioniert es mit der Einbindung<br />
der Mitglieder in manchen Gewerkschaften scheinbar prima (zum Beispiel<br />
Chemie, und da gibt es auch ein paar, die wichtiger sind als andere)<br />
und in anderen Bereichen eben nicht &#8211; zum Beispiel Transport, Lokführer<br />
et cetera?
</p>
<p>
<b>Michael Sommer</b>: Das ist eine Frage, die letztendlich<br />
nur die Gewerkschaften selbst beantworten können. Ich persönlich<br />
kann nicht beurteilen, wie gut Mitglieder einbezogen werden oder<br />
nicht. Aus eigenem Erleben weiß ich, dass dies auch sehr viel<br />
mit handelnden Personen vor Ort zu tun hat.<br />
Nichtsdestotrotz: Der entscheidende Punkt ist das wir präsent<br />
sind, für die Menschen ansprechbar sind und sie in unsere Politik<br />
mit einbeziehen.
</p>
<p>
<b>Gerd</b>: Was sollte Ihrer Meinung nach der Hauptbeweggrund<br />
sein, sich einer Gewerkschaft anzuschließen?
</p>
<p>
<b>Michael Sommer</b>: Die Erkenntnis, dass man alleine<br />
zu schwach ist und soziale und berufliche Interessen am besten gemeinsam<br />
mit anderen vertritt. Das ist der Ur-Beweggrund: Solidarität<br />
und Eigennutz in einem.
</p>
<p>
<b>lohnfortzahlung</b>: Haben Sie ein Beispiel dafür,<br />
was Sie machen, um die „Bindekraft“ in den Betrieben<br />
wieder zu erhöhen?
</p>
<p>
<b>Michael Sommer</b>: Ja. Wir machen zum Beispiel in<br />
NRW in den Betrieben, wo die Arbeitgeber wegen wirtschaftlicher<br />
Schwierigkeiten Abweichungen vom Tarifvertrag verlangen, diese nur<br />
in Abstimmung mit den Belegschaften und bei entsprechenden Zugeständnissen<br />
der Arbeitgeber in Bezug auf Arbeitsplatzsicherheit, Kündigungsschutz<br />
und Investitionszusagen.
</p>
<p>
<b>Bernd von Stýlzer</b>: Herr Sommer, warum agieren<br />
mit Ausnahme der GDL die Gewerkschaften wie ein zahnloser Tiger?<br />
Ich bin selber IG Metall Mitglied aber besonders begeistert bin<br />
ich von der Gewerkschaftsarbeit nicht.
</p>
<p>
<b>Michael Sommer</b>: Wir sind kein zahnloser Tiger,<br />
nur müssen wir natürlich das Interesse aller Mitglieder<br />
im Auge haben. Niemand ist mit radikalen Forderungen gedient, die<br />
zum Schluss nicht durchsetzbar sind oder ökonomisch nicht tragbar.<br />
Deshalb machen wir durchaus eine Tarifpolitik, die neben der reinen<br />
Lohnpolitik Arbeitsplatzsicherheit, Zukunftsperspektiven, Humanisierungsaspekte<br />
und ähnliches mehr berücksichtigt. Mal flott 31 Prozent<br />
fordern, damit ist es nicht getan.
</p>
<p>
<b>Moderatorin</b>: Noch einmal zur Nachwuchs-Arbeit:
</p>
<p>
<b>Boris 2</b>: Die Studierendenarbeit in den Einzelgewerkschaften<br />
wird aber zu langsam vorangetrieben. Wann aber wenn nicht im Studium<br />
sollen die „EntscheiderInnen“ von morgen ein positives<br />
Bild von Gewerkschaften haben?
</p>
<p>
<b>Michael Sommer</b>: Sie haben Recht, auch ich bin<br />
mit dem Tempo der Modernisierungsarbeit bei uns teilweise unzufrieden.<br />
Das betrifft insbesondere die Studierendenarbeit. Ein kleiner Tipp:<br />
Wenden Sie sich bitte direkt an die DGB-Jugend &#8211; die hilft Ihnen<br />
weiter.
</p>
<p>
<b>Denis</b>: Welche Ziele verfolgen Sie als DGB selbst?<br />
Klar, die GDL ist nicht Mitglied des DGB. Besteht aber nicht dennoch<br />
eine Solidarität zu anderen Gewerkschaften? Man sollte doch<br />
nicht nur in der „Schiene DGB“ denken. Alle wollen doch<br />
für die Belange der Arbeitnehmer kämpfen! Das verbindet<br />
doch!
</p>
<p>
<b>Michael Sommer</b>: Natürlich verbindet das,<br />
aber Verbindung entsteht auch nur durch Abstimmung.<br />
Die GDL hat uns nicht gefragt, welche Forderungen sie aufstellt.<br />
Und im Nachhinein Solidarität einzuklagen, ist ein bisschen<br />
billig. Übrigens stehen wir im Grundsatz dafür, dass niemand<br />
der GDL das Streikrecht streitig machen darf. Selbst wenn es unbequem<br />
ist und sehr extensiv wahrgenommen wird, aber das ist es dann auch.<br />
Solidarität setzt Gemeinsamkeit voraus. Man kann nicht einseitig<br />
Forderungen festlegen und anschließend Solidarität einfordern.<br />
Bei der GDL ist es noch schlimmer: Sie ist aus der Solidarität<br />
der übrigen Bahngesellschaften bewusst ausgeschert, aus organisations-egoistischen<br />
Gründen.
</p>
<p>
<b>sdfdfg234</b>: Die Gewerkschaften haben nicht gerade<br />
den Ruf, besonders innovativ zu sein. Als Lohnforderer &#8211; ist ja<br />
vielleicht berechtigt &#8211; sind sie eher bekannt. Müssten sie<br />
nicht ganz neue Wege gehen im Zeitalter der Globalisierung &#8211; neue<br />
Arbeitszeit und Bezahlmodell?
</p>
<p>
<b>Michael Sommer</b>: Das unser Ruf so ist, ist bedauerlicherweise<br />
so, nur wir haben ihn zu Unrecht. Gerade wegen der Globalisierung<br />
modernisieren wir an vielen Ecken unsere Politik und übrigens<br />
ist es auch die Politik der Unternehmen, die wir modernisieren.<br />
Weil Sie die Arbeitszeit ansprechen: Deutschland hat eines der flexibelsten<br />
Arbeitszeitsysteme auf der ganzen Welt, sonst wären wir nicht<br />
Exportweltmeister. Im Übrigen haben wir permanent 35.000 Tarifverträge<br />
in Verhandlungen, dazu gehören sehr, sehr viele, die zur flexiblen<br />
Abweichung von Standardtarifverträgen benutzt werden und auf<br />
betriebliche Bedingungen zugeschnitten sind. Dass wir im Übrigen<br />
nicht die Notwendigkeit von Regelungen in Frage stellen, versteht<br />
sich von selbst. Wild West wollen wir auch nicht, übrigens<br />
auch nicht im Osten.
</p>
<p>
<b>Ferfer</b>: Wenn Sie Ihren Ruf zu Unrecht haben: Woher<br />
kommt der denn? Und wie wollen Sie Ihn ändern?
</p>
<p>
<b>Michael Sommer</b>: Wenn man einen Ruf zu Unrecht<br />
hat, kann man ihn nur durch bessere Öffentlichkeitsarbeit verändern.<br />
Mein Pressesprecher sitzt bei mir. Im Übrigen muss man auch<br />
eine gute Politik betreiben. Beides gehört zusammen: eine gute<br />
Politik und eine gute Öffentlichkeitsarbeit, weil man umgekehrt<br />
keine Tatsachen vorspiegeln darf, die man nicht macht.
</p>
<p>
<b>reila</b>: Eine Frage zu Ihnen persönlich: Ist<br />
es nicht meistens unglaublich frustrierend, gegen Entscheidungen<br />
der Regierungen ankämpfen zu müssen?
</p>
<p>
<b>Michael Sommer</b>: Ja. Trotzdem macht man weiter,<br />
weil es erstens ab und zu auch Erfolge gibt. Dass sich beim ALG<br />
1 jetzt überhaupt etwas bewegt hat, führe ich auch auf<br />
unsere Aktivitäten zurück. Und große Ziele brauchen<br />
einen langen Atem, wie der Mindestlohn. Ich bin mir sicher, ich<br />
werde ihn noch erleben. Auf der anderen Seite: Ich wusste, was ich<br />
tat, als ich mich bewarb, DGB-Vorsitzender zu werden. Das ist das<br />
Los der Gewerkschaften, manchmal nicht im Licht zu stehen, manchmal<br />
keine Erfolge zu haben. Aber ohne uns sähe die Welt deutlich<br />
schlechter aus.
</p>
<p>
<b>Moderatorin</b>: Damit sind wir beim nächsten<br />
Thema und bei der aus Sicht unserer User drittwichtigsten Frage<br />
an Michael Sommer:
</p>
<p>
<b>Gmorrk</b>: Wieso sind Ihrer Meinung nach Mindestlöhne<br />
wichtig für einen fairen Wettbewerb?
</p>
<p>
<b>Michael Sommer</b>: Weil ein guter Wettbewerb nicht<br />
auf der Grundlage von schlechten Löhnen geführt wird,<br />
sondern auf der Qualität der Produkte, Schnelligkeit, Kundenservice<br />
u.ä. Es ist gerade der Sinn von Tarifverträgen, die Lohnkonkurrenz<br />
untereinander auszuschalten, und dass dafür die Betriebe auf<br />
den Bereichen, die für die Kunden existenziell wichtig sind,<br />
miteinander konkurrieren.
</p>
<p>
<b>derianick</b>: Einige Gewerkschafter sagen: Mindestlöhne<br />
sind der Anfang vom Ende der Tarifautonomie. Was sagen Sie dazu?<br />
Beschneiden gesetzliche Mindestlöhne den tariflichen Einfluss<br />
der Gewerkschaften?
</p>
<p>
<b>Michael Sommer</b>: Diese Gewerkschafter kenne ich<br />
auch. Dem sage ich: Ihr Argument ist falsch. Der Mindestlohn ist<br />
ein Mindestlohn, ein gesetzlicher Mindestlohn, wir fordern derzeit<br />
7,50 Euro in der Stunde. Darauf baut die Tarifautonomie auf, übrigens<br />
auch in allen Ländern, wo es Mindestlöhne gibt und die<br />
Frage, wo es Mindestlöhne geben sollte, als eine völlig<br />
irrelevante Frage betrachtet wird. Im Übrigen haben wir auch<br />
in allen anderen Bereichen tarifvertragliche Regeln, gesetzlichen<br />
Mindestlohn, wie zum Beispiel bei der Höchstarbeitszeit, beim<br />
Mindesturlaub und ähnlichem mehr (Kündigungsschutz&#8230;).
</p>
<p>
<b>PeterLustig</b>: Fördern Mindestlöhne nicht<br />
eher die Arbeitslosigkeit, indem Unternehmen in Hinblick auf die<br />
Lohnsituation in Deutschland weiter ins Ausland expandieren?
</p>
<p>
<b>Michael Sommer</b>: Nein. Die Arbeitsplätze im<br />
Mindestlohnbereich, die gefährdet sind ins Ausland abzuwandern,<br />
sind permanent gefährdet, weil es immer in Europa oder irgendwo<br />
auf der Welt ein Land gibt, wo die Löhne geringer sind als<br />
in Deutschland. Im Übrigen wird die meiste Arbeit in Deutschland<br />
von Mindestlöhnern verrichtet, weil sie zum größten<br />
Teil im Dienstleistungsbereich auftaucht oder stationär gebunden<br />
ist. Das Fenster des Reichstages kann man schwerlich in Posen putzen.
</p>
<p>
<b>steven</b>: Finden Sie nicht, dass selbst 7,50 Euro<br />
die Stunde sehr wenig ist?
</p>
<p>
<b>Michael Sommer</b>: Ja. Das ist die absolute untere<br />
Grenze. Das ist für uns eine politische Zahl, um überhaupt<br />
deutlich zu machen, in welchen Bereichen wir über Armutslöhne<br />
reden. Von 7,50 Euro kann ein Lediger gerade so auskommen. Deswegen<br />
ist dies auch keine ewige Zahl. Wenn sich die Politik nicht bald<br />
bewegt, werden wir sie erhöhen müssen.
</p>
<p>
<b>ChriMi</b>: Sollte Ihrer Meinung nach der Mindestlohn<br />
in Ost und West gleich sein?
</p>
<p>
<b>Michael Sommer</b>: Ja. Ohne Frage. Wir leben im 18.<br />
Jahr der deutschen Einheit, und es gibt keinen Grund, warum in Deutschland<br />
zwischen Ost und West unterschiedliche Löhne gezahlt werden.<br />
Im Übrigen ist in der Industrie die Produktivität in Ostdeutschland<br />
höher als in Westdeutschland. Deswegen differenzieren wir in<br />
unserer Forderung auch nicht. Wir fordern 7,50 Euro für alle<br />
in Deutschland.
</p>
<p>
<b>Monolith</b>: Was nützen aber Tarifverträge,<br />
wenn diese einfach untergraben werden oder sich die Arbeitgeber<br />
aus der Verantwortung stehlen, indem sie sich dennoch nicht eingebunden<br />
fühlen? Siehe Zeitarbeit, wenn man trotz Qualifizierung nur<br />
als „Helfer“ eingestellt wird?
</p>
<p>
<b>Michael Sommer</b>: Tarifverträge müssen,<br />
so haben es mir meine Lehrer beigebracht, immer zweimal erkämpft<br />
werden: Einmal zu ihrem Abschluss und einmal zu ihrer Durchsetzung.<br />
Das ist der Grund, warum wir Betriebsräte brauchen. Die vornehmste<br />
Aufgabe von Betriebsräten: die Einhaltung von Tarifverträgen<br />
zu überwachen. Wenn die Einhaltung von Tarifverträgen<br />
nicht überwacht wird, gehen sie ins Leere. Deshalb mein Plädoyer:<br />
Treten Sie in die Gewerkschaft ein und bilden Sie einen Betriebsrat!<br />
Beides ist wichtig.
</p>
<p>
<b>Hr.Rautenberg</b>: Behindert die Kombilohnregelung<br />
nicht die Mindestlohnforderung?
</p>
<p>
<b>Michael Sommer</b>: Die Kombilohnregelung zielt ja<br />
gerade darauf, die Mindestlohnforderung zu unterlaufen. Kombilöhne<br />
sind ökonomischer Unsinn. Sie sind unwürdig und letztendlich<br />
nichts anderes als ein staatlicher Lohnkostenzuschuss. Wenn derzeit<br />
über 650.000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte<br />
ergänzendes Hartz IV brauchen, so ist dies ein Skandal. In<br />
der Summe handelt es sich um über eine Milliarde Euro, die<br />
aus der Bundeskasse bezahlt werden, um diese Menschen finanziell<br />
zu unterstützen. Wenn sie einen Mindestlohn von 7,50 Euro erhalten<br />
würden, wäre diese Zahlung weitgehend überflüssig.<br />
An diesem Beispiel sieht man deutlich: Kombilöhne sind ein<br />
Instrument, um Arbeitgeber von Lohnkosten zu entlasten. Im Übrigen<br />
halte ich es für unwürdig, dass man trotz einer Vollzeitarbeit<br />
auf staatliche Fürsorge angewiesen ist.<br />
Es bleibt dabei: Arbeit darf nicht arm machen!
</p>
<p>
<b>teilnehmer</b>: Warum bezieht der DGB nicht eindeutig<br />
Position gegen die von der CDU angeführten Argumente gegen<br />
einen Mindestlohn?
</p>
<p>
<b>Michael Sommer</b>: Das tun wir, wir haben nur ein<br />
Problem durchzudringen. Am Beispiel der Postmindestlöhne will<br />
ich Ihnen auch sagen, warum: Es gibt massive Interessen der Zeitungsverleger,<br />
insbesondere des Springer- und des WAZ-Konzerns, weil die sich eigene<br />
Postdienste aufbauen wollen. Die verhindern massiv eine vorurteilsfreie<br />
Berichterstattung und arbeiten stattdessen mit völlig irren<br />
Gegenargumenten. Was wir derzeit erleben im Zusammenhang mit dem<br />
Postmindestlohn, ist nicht mehr und nicht weniger als ein Stück<br />
Klassenkampf. Mächtige Zeitungsverleger sind angetreten, mittels<br />
Lohndumpings einen neuen Geschäftszweig zu erobern. Deswegen<br />
tun sie alles, um politische Lösungen hin zu einem Postmindestlohn<br />
zu verhindern. Es ist mehr als bedauerlich, dass sich die CDU/CSU<br />
einschließlich ihrer Vorsitzenden zum Büttel dieser Interessen<br />
macht. Im Endergebnis werden wir nicht nur Lohndumping erleben,<br />
sondern auch die Vernichtung einigermaßen gut bezahlter Arbeitsplätze<br />
bei der Post.
</p>
<p>
<b>ChriMi</b>: Eine Frage zur aktuellen Politik: Befürworten<br />
Sie den aktuellen „Links-Ruck“ der SPD und die damit<br />
entstehenden Risiken für die deutsche Konjunktur? Was ist die<br />
Meinung der Gewerkschaften?
</p>
<p>
<b>Michael Sommer</b>: Den Linksruck bei der SPD suche<br />
ich immer noch. Und selbst ein Linksruck würde ja die Konjunktur<br />
nicht gefährden sondern nur zu einem Stückchen mehr sozialer<br />
Gerechtigkeit in diesem Lande führen. Die Linken waren immer<br />
dafür, dass es diesem Land wirtschaftlich gut geht. Wir haben<br />
ein Interesse an einer florierenden Wirtschaft, wir wollen nur einen<br />
gerechten Anteil daran.
</p>
<p>
<b>datten</b>: Wäre es nicht ehrlich, der arbeitgeberfreundlichen<br />
SPD Lebewohl zu sagen und nur auf die Linke zu setzen, da die die<br />
einzige Partei ist, die eindeutig Gewerkschaftspositionen vertritt?
</p>
<p>
<b>Michael Sommer</b>: Das hat nichts mit ehrlich oder<br />
unehrlich zu tun, sondern damit, dass wir Interessen nicht nur artikulieren,<br />
sondern auch durchsetzen wollen. Die Gewerkschaften in Deutschland<br />
sind Einheitsgewerkschaften. Wir sind parteipolitisch unabhängig,<br />
wir arbeiten auf Grundlage unserer formulierten Ziele, der Interessen<br />
unserer Mitglieder, mit allen demokratischen Parteien zusammen.<br />
Das schließt Kritik im Einzelnen und im Grundsatz nicht aus.<br />
Eine Gewerkschaftspartei würde uns nicht weiterhelfen, weil<br />
wir immer darauf hinarbeiten, für unsere Ziele eine politische<br />
Mehrheit zu erreichen.
</p>
<p>
<b>Boris 2</b>: Warum sitzen in den Einheitsgewerkschaften<br />
denn immer noch überwiegend SPD-Mitglieder?
</p>
<p>
<b>Michael Sommer</b>: Das ist eine falsche Wahrnehmung.<br />
Die meisten unserer Mitglieder sind parteipolitisch nicht gebunden.<br />
Viele unserer Funktionäre haben ihre Heimat in einer Partei.<br />
Früher waren die meisten in der SPD, das ist aber bei weitem<br />
nicht mehr so. Unsere Funktionäre binden sich parteipolitisch<br />
in der SPD, in der CDU oder bei den Grünen und auch bei der<br />
Linkspartei. Entscheidend ist, dass sie nicht der Versuchung anheim<br />
fallen, die Gewerkschaften als Tummelfeld für politische Auseinandersetzungen<br />
zu missbrauchen. Die Gewerkschaften sind parteipolitisch unabhängig,<br />
deshalb arbeiten wir für unsere Ziele in den Parteien, aber<br />
wir lassen uns nicht von Parteien instrumentalisieren.
</p>
<p>
<b>koller</b>: Herr Sommer, Franz Müntefering hat<br />
gestern seinen Rücktritt angekündigt. Was sagen Sie dazu?
</p>
<p>
<b>Michael Sommer</b>: Ich respektiere seinen persönlichen<br />
Grund. Ich finde es gut, dass auch ein Spitzenpolitiker das gemeinsame<br />
Leben mit seiner Frau seinem Amt vorzieht und sich um seine kranke<br />
Frau kümmert. Ich würde in einer vergleichbaren Situation<br />
genauso handeln.<br />
Was die politische Lücke anbetrifft, die Franz Müntefering<br />
hinterlässt, so sind meine Gefühle gespalten. Er war sicher<br />
in der SPD eine überragende Persönlichkeit, aber die Gewerkschaften<br />
waren nicht immer mit ihm einer Meinung. Wir haben mit ihm beim<br />
Thema Mindestlohn sehr gut zusammengearbeitet und bei der Rente<br />
mit 67 waren wir auseinander. Das vergesse ich auch heute nicht.<br />
Nichtsdestotrotz: Ich habe uneingeschränkten Respekt, nicht<br />
nur vor der Entscheidung Franz Münteferings, sondern auch vor<br />
seiner Person.
</p>
<p>
<b>meike</b>: Hat der Mindestlohn nach Münteferings<br />
Rücktritt noch eine Chance?
</p>
<p>
<b>Michael Sommer</b>: Ja. Weil ein gesellschaftliches<br />
Projekt nicht abhängig sein darf von einzelnen Menschen, so<br />
wichtig sie auch sein mögen. Wir werden das Projekt mit voller<br />
Kraft weiter verfolgen und wir werden die Parteien zwingen, sich<br />
dazu zu stellen. Auch diejenigen, die heute den Mindestlohn ablehnen,<br />
werden wir nicht aus der Verantwortung entlassen. Auch die CDU wird<br />
erkennen, dass Mindestlöhne gerade in einem globalisierten<br />
liberalen Markt notwendig sind. Warum sollte es Deutschland anders<br />
gehen als den 22 anderen Ländern in der Europäischen Union?
</p>
<p>
<b>Hr.Rautenberg</b>: Wie beurteilen Sie die bisherige<br />
und künftige Zusammenarbeit mit Olaf Scholz?
</p>
<p>
<b>Michael Sommer</b>: Ich habe mich mit Olaf Scholz<br />
gut gestritten, als er Generalsekretär der SPD war. Wir haben<br />
konstruktiv zusammengearbeitet in der Zeit, als er parlamentarischer<br />
Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion war und ist.<br />
Ich glaube, er und ich wissen, dass die Phase der Zusammenarbeit<br />
besser war als die der Konfrontation. Von daher bin ich guten Mutes.
</p>
<p>
<b>hansi</b>: Sie sind Mitglied der SPD; sollte nicht<br />
gerade der Bundesvorsitzende der DGB parteilos sein?
</p>
<p>
<b>Michael Sommer</b>: Ich bin Mitglied der SPD und betätige<br />
mich nicht parteipolitisch. Nichtsdestotrotz habe ich wie jeder<br />
Staatsbürger auch das Recht, mich ein bisschen parteipolitisch<br />
zu engagieren. Aber es bleibt dabei: Der Bundesvorsitzender des<br />
DGB ist Tag für Tag der erste, der parteipolitische Unabhängigkeit<br />
beweisen muss. Und ich tue es auch.
</p>
<p>
<b>koller</b>: Wird es nach Münteferings Rücktritt<br />
leichter für die Gewerkschaften?
</p>
<p>
<b>Michael Sommer</b>: Es war mit Müntefering nicht<br />
leicht und es wird mit Olaf Scholz nicht leicht.
</p>
<p>
<b>Moderatorin</b>: Stichwort Praktikanten:
</p>
<p>
<b>Praktikant</b>: Derzeit arbeiten rund 800.000 Praktikanten<br />
in Deutschland, die keine oder nur eine sehr geringe Vergütung<br />
erhalten. Würden diese von einem Mindestlohn ebenfalls profitieren?
</p>
<p>
<b>Michael Sommer</b>: Nein, sie würden nicht unter<br />
einen Mindestlohn fallen, weil sie keine Arbeitsverhältnisse<br />
ausüben. Aber für diese Menschen verlangen wir eine gesetzliche<br />
Regelung zur Mindestbezahlung in Praktikantenverhältnissen.<br />
Unser Vorschlag lautet: Für Praktikanten ohne Berufsabschluss<br />
300 Euro im Monat, mit Berufsabschluss 600 Euro im Monat. Wobei<br />
klar sein muss, dass Praktikanten Praktikanten sind. In dem Moment,<br />
wo sie wie Arbeitnehmer eingesetzt werden, müssen sie auch<br />
wie solche bezahlt werden. Und im Übrigen müssen Praktikantenverhältnisse<br />
zeitlich begrenzt sein.
</p>
<p>
<b>Praktikant</b>: Zum Thema Praktikanten: Ich gehöre<br />
selbst zur Generation P, die für ihre Arbeit (bei mir circa<br />
40 bis 50 Stunden / Woche) in einer Designagentur gar nicht bezahlt<br />
wird. Praktika sind Pflicht, um mein Studium abschließen zu<br />
können. Wenn ich mich beim Bewerbungsgespräch geweigert<br />
hätte, zum Nulltarif zu arbeiten, wäre der nächste<br />
Bewerber eingestellt worden. Wie wollen Sie als Gewerkschaft diesen<br />
Zustand ändern? In der politischen Diskussion fällt das<br />
Wort Praktikant sehr selten.
</p>
<p>
<b>Michael Sommer</b>: Wir haben das Thema überhaupt<br />
erst zum Thema gemacht, gemeinsam mit einigen Jugendverbänden.<br />
Wir sind sehr intensiv in der Lobbyarbeit im Bundestag, um zu einer<br />
Regelung zu kommen. Denn letztendlich ist der Einzige, wenn er/sie<br />
sich um einen Praktikumsplatz bewirbt, denn er/sie braucht einen<br />
gesetzlichen Schutz und daran arbeiten wir.
</p>
<p>
<b>Praktikant</b>: Wann, glauben Sie, ist dieses Vorhaben<br />
umsetzbar?
</p>
<p>
<b>Michael Sommer</b>: Da es ein Thema ist, was nicht<br />
nur viele Betroffene, sondern auch viele Eltern aufregt, glaube<br />
ich, dass wir mit einer guten Öffentlichkeitsarbeit relativ<br />
gut schon bald zu einer Lösung kommen können, wenn nicht<br />
in dieser Legislatur, spätestens in der nächsten. Ich<br />
kenne viele Menschen &#8211; die wie ich &#8211; Kinder haben, und die es maßlos<br />
aufregt, wie ihre Kinder ausgebeutet werden. Diese sind wahrscheinlich<br />
ein besseres Druckmittel zur Politik, bis hin zu Chefredakteuren<br />
dieses Hauses.
</p>
<p>
<b>Hr.Rautenberg</b>: Was halten Sie davon, eine Meldepflicht<br />
der Arbeitgeber für alle freien Arbeitsplätze an die Bundesagentur<br />
für Arbeit einzuführen?
</p>
<p>
<b>Michael Sommer</b>: Sehr viel. Das ist eine gute Idee,<br />
weil damit auch klar würde, dass die Bundesagentur für<br />
Arbeit der Ort für Arbeitsvermittlung wäre. Allein, mir<br />
fehlt der Glaube, dass dieses politisch durchsetzbar ist.
</p>
<p>
<b>KlausP</b>.: Wird es in absehbarer Zeit zu einem „Aufstand“<br />
der Arbeitnehmer kommen?
</p>
<p>
<b>Michael Sommer</b>: Welchen Aufstand meinen Sie? Und<br />
warum? Und wozu?
</p>
<p>
<b>Georg Frankl</b>: Was halten Sie von Oskar Lafontaines<br />
Forderung nach einem politischen Generalstreik? In Frankreich sind<br />
die Gewerkschaften damit einigermaßen erfolgreich &#8211; siehe<br />
CPE-Proteste.
</p>
<p>
<b>Michael Sommer</b>: Wie erfolgreich die französischen<br />
Gewerkschaften mit politischen Streiks sind, lasse ich mal dahingestellt.<br />
Wir kennen in Deutschland auch nur die Highlights, das im Schatten<br />
sehen wir nicht. Im Übrigen ist in Deutschland das Streikrecht<br />
verfassungsrechtlich geregelt. Es zielt auf die Verbesserung der<br />
Arbeits- und Wirtschaftsbedingungen und daran halten wir uns.<br />
Im Übrigen gilt das Widerstandsrecht nach Artikel 20 des Grundgesetzes.<br />
Danach hat jedermann, auch die Gewerkschaften, das Recht, Widerstand<br />
zu leisten gegen alle, die versuchen, die Grundlagen von Demokratie<br />
und Rechtsstaat zu beseitigen. Sie können sicher sein, die<br />
Gewerkschaften werden dieses Widerstandsrecht mit ganzer Kraft wahrnehmen.<br />
Im Übrigen, etwas für Feinschmecker: Politischer Streit<br />
und politische Aktion sind nicht dasselbe. Das zielt auch auf die<br />
Wahrnehmung des Demonstrationsrechts im Betrieb.
</p>
<p>
<b>Moderatorin</b>: Das Thema Praktikum beschäftigt<br />
in diesem Chat viele Menschen. Deshalb noch eine Frage dazu:
</p>
<p>
Raven: Wie genau könnten sie sich einen solchen Gesetzentwurf<br />
bezüglich Praktikantenarbeit vorstellen? Eine Art Tarifvertrag<br />
für Praktikanten?
</p>
<p>
<b>Michael Sommer</b>: Eine klare Regelung, wann Praktikanten<br />
an welchen Punkten Vergütung erhalten müssen und wann<br />
ein Praktikantenverhältnis beginnt und wann es zu einem Arbeitnehmerverhältnis<br />
wird. Das zu regeln, ist durchaus gesetzlich möglich. Ein Ort<br />
wäre zum Beispiel das BGB, wo Grundlagen des Arbeitsvertragsrechtes<br />
schon heute gesetzlich geregelt werden.
</p>
<p>
<b>Moderatorin</b>: Wir springen von der jungen zur älteren<br />
Generation:
</p>
<p>
<b>Matthias</b>: Wie sehen sie die Verlängerung<br />
der Zahlung des Arbeitslosengeldes für ältere Arbeitslose?
</p>
<p>
<b>Michael Sommer</b>: Prinzipiell halte ich das für<br />
positiv. Was allerdings gestern in der Großen Koalition beschlossen<br />
wurde, ist eher eine Mogelpackung. Für 55-Jährige ändert<br />
sich überhaupt nichts, für 50-Jährige ist die dreimonatige<br />
Verlängerung viel zu gering, und die eigentlich notwendige<br />
24-monatige für alle über 50-Jährigen setzt erst<br />
bei 58 ein. Und da wird es dann richtig kontraproduktiv, weil eine<br />
Regelung, dass ein 58-Jähriger für zwei Jahre Arbeitslosengeld<br />
bekommt, förmlich dazu einlädt, ihn zu entlassen und ihm<br />
zu sagen: Mit 60 kriegst du dann ja eine gekürzte Rente. Das,<br />
was gestern beschlossen worden ist, ist für alle 58-Jährigen<br />
kein Fortschritt, sondern aus meiner Sicht ein richtiger Rückschritt.<br />
Wir werden erleben, dass sich die Betriebe massenhaft auf Grundlage<br />
dieser Regelung von Arbeitnehmern trennen werden.
</p>
<p>
<b>Georg Frankl</b>: Es gab ja „Streiks“<br />
gegen die Rente mit 67. Wäre hier mehr ökonomischer Druck<br />
der Gewerkschaften nicht im Sinne der Beschäftigten?
</p>
<p>
<b>Michael Sommer</b>: Es gab keine Streiks, wohl aber<br />
viele betriebliche Demonstrationen gegen die Rentenpolitik der Regierung<br />
einschließlich der Rente mit 67. Offensichtlich hat der politische<br />
Druck noch nicht ausgereicht, die Regierungskoalition zur Einsicht<br />
zu bewegen. Wir müssen weiter politischen Druck machen.
</p>
<p>
<b>Daniel</b>: Herr Sommer, haben die Gewerkschaften<br />
nicht genau das gleiche Problem wie die großen so genannten<br />
Volksparteien? Sie verlieren Zustimmung, weil sie nicht mehr die<br />
Interessen der Bevölkerung vertreten. Vielleicht sollten Sie<br />
sich wieder entschiedener auf die Seite der arbeitenden (und auch<br />
der arbeitslosen) Bevölkerung stellen und sich von Ihrem Kuschelkurs<br />
mit der Regierung verabschieden?
</p>
<p>
<b>Michael Sommer</b>: Also, wenn ich mit der Regierung<br />
kuschele, dann weiß ich nicht, was Stacheldraht ist. Im Übrigen<br />
sind wir Interessenvertretung für die arbeitenden Menschen,<br />
die Arbeitslosen und sozial Schwachen, und das werden wir auch bleiben.<br />
Um diese Interessen durchzusetzen, gibt es verschiedene Wege. Dazu<br />
gehört auch das Argumentieren und Verhandeln mit der Regierung.<br />
Nur darf man es nicht dabei belassen &#8211; und das tun wir auch nicht.
</p>
<p>
<b>bibo</b>: Hallo Herr Sommer, müssten sich die<br />
Gewerkschaften nicht auf europäischer Ebene viel stärker<br />
zusammenschließen und positionieren, um ein schlagkräftiges<br />
Gegengewicht zu transnationalen Konzernen bilden zu können<br />
und Europa sozialer gestalten zu können?
</p>
<p>
<b>Michael Sommer</b>: Ja. Im Prinzip haben Sie Recht,<br />
nur es umzusetzen, ist extrem schwierig. Die sozialen und kulturellen<br />
Voraussetzungen zwischen den Mitgliedsstaaten der Union sind sehr<br />
unterschiedlich, auch zwischen den Gewerkschaften. Wir arbeiten<br />
daran, aber der Fortschritt ist sehr, sehr langsam.
</p>
<p>
<b>Moderatorin</b>: Zum Schluss ein Blick nach vorn:
</p>
<p>
<b>Boris 2</b>: Welche drei Themen sind in den nächsten<br />
zehn Jahren aus Ihrer Sicht richtungweisend für den DGB und<br />
seine Mitgliedsgewerkschaften?
</p>
<p>
<b>Michael Sommer</b>: Gerechter Lohn für alle,<br />
Arbeit für alle, Frieden für alle.
</p>
<p>
<b>Moderatorin</b>: Das war es fast schon wieder mit<br />
einer Stunde tagesschau-Chat. Vielen Dank für Ihre Fragen und<br />
vielen Dank an Sie, Herr Sommer. Möchten Sie noch ein Wort<br />
an unsere User richten?
</p>
<p>
<b>Michael Sommer</b>: Ich bedanke mich für Ihr<br />
reges Interesse und wünsche Ihnen alles Gute.
</p>
<p>
<b>Moderatorin</b>: Vielen Dank und allen Beteiligten<br />
noch einen schönen Rest-Mittwoch sagt das Team von tagesschau.de!</p>
]]></content:encoded>
					
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			</item>
		<item>
		<title>&#034;Streik wird Druck auf Mehdorn erhöhen&#034;</title>
		<link>https://www.politik-digital.de/chattranscripte/streik-wird-druck-auf-mehdorn-erhoehen-2350/</link>
					<comments>https://www.politik-digital.de/chattranscripte/streik-wird-druck-auf-mehdorn-erhoehen-2350/#respond</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Daniel Seifert]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 30 Jul 2007 23:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Chattranscripte]]></category>
		<category><![CDATA[Bahn]]></category>
		<category><![CDATA[Streik]]></category>
		<category><![CDATA[Claus Weselsky]]></category>
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		<category><![CDATA[Gewerkschaft]]></category>
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					<description><![CDATA[<p class="teaser">
<span class="fett">Am Montag, 30. Juli, war Claus Weselsky, stellvertretender
</span><span class="fett">Bundesvorsitzender der Gewerkschaft Deutscher
Lokomotivführer (GDL) ,Gast im tagesschau-Chat in Kooperation
mit politik-digital.de. </span><span class="fett">Er sprach über
die Verhandlungsunwilligkeit von Bahn-Chef Mehdorn und ob bzw. wann
die GDL die Bahn lahmlegen will.</span>
</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p class="teaser">
<span class="fett">Am Montag, 30. Juli, war Claus Weselsky, stellvertretender<br />
</span><span class="fett">Bundesvorsitzender der Gewerkschaft Deutscher<br />
Lokomotivführer (GDL) ,Gast im tagesschau-Chat in Kooperation<br />
mit politik-digital.de. </span><span class="fett">Er sprach über<br />
die Verhandlungsunwilligkeit von Bahn-Chef Mehdorn und ob bzw. wann<br />
die GDL die Bahn lahmlegen will.</span>
</p>
<p><!--break--></p>
<p>
&nbsp;
</p>
<p>
<b><b>Moderatorin: </b></b>Herzlich willkommen<br />
im tagesschau-Chat. Wir begrüßen heute im ARD-Hauptstadtstudio<br />
Claus Weselsky. Er ist stellvertretender Bundesvorsitzender der<br />
Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL), die ihre Mitglieder<br />
gerade über weitere Tarifstreiks abstimmen lässt. Liebe<br />
User, nutzen Sie die Gelegenheit, ihre Fragen rund um die Bahn an<br />
unseren Experten zu richten. Herr Weselsky, können wir beginnen?<br />
<b><b><br />
Claus Weselsky: </b></b>Ja, das können wir.
</p>
<p align="center">
<img decoding="async" src="http://www.politik-digital.de/salon/photos/cweselsky85.jpg" alt="Claus Weselsky" height="120" width="85" /><br />
<i>Claus Weselsky</i><br />
<i>stellv. Bundesvorsitzender Gewerkschaft Dt. Lokomotivführer</i>
</p>
<p>
<b>jani: </b>Jetzt lesen wir schon seit Wochen von<br />
den unterbezahlten Lokführern, ohne je eine Summe zu erfahren.<br />
Was verdient ein Lokführer durchschnittlich und warum ist das<br />
verglichen mit anderen Berufen zu wenig?<b></p>
<p>Claus Weselsky: </b>Lokführer verdienen 1970 Euro Anfangsgehalt<br />
und nach spätestens sechs Jahren 2142 Euro brutto. Das bedeutet<br />
für einen Alleinstehenden in der Steuerklasse 1, 1450 Euro<br />
netto, wobei hier circa 150 Euro Zulagen und Zuschläge bereits<br />
eingerechnet sind. Nach unserer Auffassung widerspiegelt dieses<br />
Einkommen keinesfalls den verantwortungsvollen Beruf einerseits<br />
und die Arbeit im Schicht- und Wechseldienst andererseits. Wir gehen<br />
von einer 41-Stunden-Woche derzeit aus und unsere Kollegen haben<br />
Dienstbeginn zu jeder Tages- und Nachtzeit, auch über das Wochenende.<b></p>
<p>fritzmann: </b>Es würde mich doch interessieren wie die<br />
GDL Ihre überzogene Forderung von mindestens 31 Prozent &#8211; nach<br />
oben alles offen &#8211; erklärt. Die Begründung mit der Verantwortung<br />
und Wechseldienste et cetera sind für mich nicht ausreichend,<br />
da wohl jeder Beschäftigte bei der Bahn eine Verantwortung<br />
hat damit dieses Unternehmen funktioniert. Netto ausgezahlte 1500<br />
Euro plus Zulagen sind kein Hungerlohn sondern ein guter Verdienst.<b></p>
<p>Claus Weselsky: </b>Jeder andere bei der Bahn ist nach<br />
unserer Auffassung auch nicht adäquat vergütet. Wir sind<br />
der Überzeugung, dass die Lohnerhöhung von 4,5 Prozent,<br />
die für alle anderen Eisenbahner Gültigkeit haben, beim<br />
Lokführer oder Zugbegleiter 95 Euro brutto, 60 Euro netto Einkommenserhöhung<br />
bewirken. Das ist nach unserer Auffassung eine zusätzliche<br />
Tankfüllung im Monat, die nicht ausreichend ist, um die Aufwendungen<br />
des Klientels auszugleichen. Darüber hinaus ist die Arbeit<br />
des Fahrpersonals, also Lokführer und Zugbegleiter, eine sehr<br />
spezielle, die nach unserer Auffassung auch eine differenzierte<br />
Einkommensbetrachtung beinhalten muss. <br />
Es ist uns in der Vergangenheit nicht gelungen, im Benehmen mit<br />
den anderen Gewerkschaften bei der Bahn diese Spezialitäten<br />
umzusetzen, beziehungsweise das Einkommensniveau dieser beiden Berufsgruppen<br />
entsprechend der Anforderungen zu erhöhen<b>.</p>
<p>Walimba: </b>Warum sind die anderen Gewerkschaften auf<br />
das Bahn-Angebot eingegangen? Was unterscheidet Lokführer von<br />
Schaffnern?<b></p>
<p>Claus Weselsky: </b>Die anderen Gewerkschaften haben eine<br />
Forderung von sieben Prozent erhoben, nach einer intensiven Mitgliederbefragung<br />
und im Ergebnis 4,5 Prozent abgeschlossen, was die GDL als hervorragendes<br />
Ergebnis bewertet, weil damit 63 Prozent der Forderungshöhe<br />
im Abschluss erreicht worden ist. Die anderen Bahngewerkschaften<br />
haben den Tarifabschluss als Meilenstein in der Geschichte der Bahn<br />
bezeichnet, was wir akzeptieren, jedoch nicht als befriedigend in<br />
der Einkommenshöhe für das Fahrpersonal betrachten. Die<br />
GDL fordert auch für Zugbegleiter eine Einkommensverbesserung<br />
in ihrer Zielstellung auf 2180 Euro brutto und für Lokführer<br />
2500 Euro brutto als Einstiegsgehalt. Zugbegleiter und Servicemitarbeiter<br />
sind zwei weitere Beschäftigtengruppen, die wir in unsere Tarifforderungen<br />
eingebunden haben, weil sie von ihren Arbeitszeiten und ihrer Tätigkeit<br />
her dem Fahrpersonal zugerechnet werden. Sie sind wie Lokführer<br />
während ihrer Arbeitszeit auf dem Zug unterwegs, übernachten<br />
auswärts und verbringen somit noch einen hohen Anteil ihrer<br />
Freizeit nicht bei ihren Familien, sondern in Hotels irgendwo in<br />
der Republik.<b></p>
<p>kutscher: </b>Wie sehen sie das Verhältnis zur Transnet?<br />
Entbrennt da nicht ein &quot;Bruderkampf &quot;?<b></p>
<p>Claus Weselsky:</b> Bruderkampf kann nicht entbrennen, weil<br />
wir nicht verwandt sind. Die landläufige Meinung ist hier,<br />
dass Einigkeit stark macht und deshalb alle drei Gewerkschaften<br />
nur gemeinsam etwas erreichen können. Wir mussten im Laufe<br />
der Jahre erkennen, dass wir die Interessen des Fahrpersonals in<br />
einer gemeinsamen Tarifwelt nicht entsprechend vertreten beziehungsweise<br />
durchsetzen konnten. Im Jahre 2002 haben die anderen Bahngewerkschaften<br />
einen so genannten Ergänzungstarifvertrag unterzeichnet, der<br />
nur das Fahrpersonal negativ belasten sollte. Dabei sollten die<br />
KollegInnen bis zu 18 Schichten im Jahr ohne Entgeltausgleich mehr<br />
arbeiten.<br />
Wir haben dies erfolgreich verhindern können, die Ergänzungstarifverträge<br />
abgewehrt und seitdem kristallisiert sich heraus, dass sich gerade<br />
die Zugbegleiter immer mehr der GDL zuwenden, weil sie hier ihre<br />
Lobby sehen. Eine Interessenvertretung, die den speziellen Anforderungen<br />
Rechnung trägt. Dies führte im Ergebnis dazu, dass die<br />
GDL 2006 entschieden hat, einen eigenständigen Fahrpersonaltarifvertrag<br />
für diese drei Beschäftigtengruppen zu schaffen und ihn<br />
in der Tarifrunde 2007 im Verhandlungswege umzusetzen. Wären<br />
wir mit den anderen beiden Gewerkschaften nach wie vor in einem<br />
Boot, würde das Fahrpersonal diese 4,5 Prozent bereits als<br />
Abschluss haben und wir wären nicht in der Lage, zum Beispiel<br />
unsere Arbeitszeitkomponenten in diese Tarifrunde einzubringen,<br />
weil die beiden anderen Gewerkschaften sehr frühzeitig entschieden<br />
haben, eine ausschließliche Entgeltrunde in 2007 zu tarifieren.<b></p>
<p>Moderatorin: </b>Hier kommen zwei ähnliche Fragen:<b></p>
<p>BennyBeimer:</b> Bei uns in der Ecke fährt die Ostdeutsche<br />
Eisenbahn GmbH (ODEG). Mir ist nicht bekannt, dass die GDL hier<br />
auch 31 Prozent gefordert hätte. Ein Verwandter von mir ist<br />
dort Lokführer und verdient jetzt schon viel weniger als bei<br />
der Bahn. Spaltet die GDL jetzt auch ihre eigene Klientel in A-<br />
und B-Lokführer?<b></p>
<p>Schlafwagen1: </b>Hallo Herr Weselsky, warum bekommen wir Lokführer<br />
bei Veolia Verkehr deutlich weniger Geld als die Lokführer<br />
bei der Deutschen Bahn AG und warum fordern Sie nicht für uns<br />
31 Prozent, sondern nur für die Lokführer, die ohnehin<br />
viel mehr bekommen als wir?<b></p>
<p>Claus Weselsky:</b> Die GDL hat erst jetzt in der Tarifrunde<br />
2007 begonnen, auf Grund ihrer Mitgliederstärke einen Tarifvertrag<br />
mit dem Arbeitgeber ODEG einzufordern. Wir müssen leider feststellen,<br />
dass sowohl bei ODEG als auch bei Veolia Verkehr die Transnet bei<br />
der Entstehung beider Unternehmen Tarifverträge abgeschlossen<br />
hat, die 20 Prozent unter dem Niveau der Deutschen Bahn AG lagen.<br />
Erst mit Durchsetzung unserer Tarifmacht waren wir in der Lage,<br />
dieses Tarifniveau Stück für Stück anzuheben und<br />
dem der Deutschen Bahn AG anzugleichen. Wir müssen akzeptieren,<br />
das dies ein sehr langwieriger Prozess ist, begründet in der<br />
dramatischen Absenkung am Beginn dieser Tarifverträge. Wir<br />
gehen nicht davon aus, dass wir 31 Prozent bei der Deutschen Bahn<br />
AG abschließen, wollen allerdings auf dem Verhandlungswege<br />
eine signifikante Erhöhung der Einkommen erreichen. Im Nachgang<br />
wird die GDL auch bei allen anderen Wettbewerbern das Tarifniveau<br />
erneut anheben und dem des Branchenführers angleichen. Hier<br />
unterscheidet sich die Zielstellung unserer Gewerkschaft signifikant<br />
von der der Transnet, weil wir davon überzeugt sind, dass ein<br />
Branchenführer, der 80 Prozent des Eisenbahnverkehrs in Deutschland<br />
bewältigt, auch den Ton beim Tarifniveau angeben muss. Der<br />
andere Weg wäre, das Tarifniveau bei der Deutschen Bahn AG<br />
abzusenken und dem der Wettbewerber anzugleichen. Dies versucht<br />
die Deutsche Bahn AG uns seit längerem einzureden, was sicherlich<br />
aus Arbeitgebersicht auch verständlich ist. Wir jedoch sehen<br />
unseren Auftrag in der Verbesserung der Arbeits- und Einkommensbedingungen<br />
des Fahrpersonals und deshalb ist die Richtschnur unseres Handelns<br />
von einem Aufwärtstrend geprägt und nicht von einem ruinösen<br />
Lohndumping mit dem Ziel, den Marktwert für Lokführer<br />
und Zugbegleiter nach unten zu korrigieren<b>.</p>
<p>kohert: </b>Schneidet sich die GDL nicht in ihr eigenes Fleisch<br />
mit drastischen Lohnerhöhungswünschen? Vollautomatische<br />
Züge, also Züge ohne Lokführer, sind doch inzwischen<br />
nur noch ein Investitionsproblem. Nun würde die Investition<br />
sich noch schneller amortisieren, Lokführer würden kaum<br />
noch gebraucht. Wie gehen Sie mit dieser Situation um?<b></p>
<p>Claus Weselsky: </b>Erstens sind wir der Überzeugung,<br />
dass die Automatisierung von Zügen nur in kleinen, stark abgegrenzten<br />
Bereichen möglich ist. Darüber hinaus wird es auf Dauer<br />
auf dem Streckennetz der Bundesrepublik Deutschland Lokomotivführer<br />
geben, weil hier tatsächlich die Höhe der Investition<br />
in keinem Verhältnis zum Einsparungseffekt der Personalkosten<br />
steht. Wenn man weiß, dass die Personalkosten im Fahrbetrieb<br />
zwischen sieben und 13 Prozent zu den Gesamtkosten liegen, kann<br />
man nicht von einer signifikanten Größe der Einsparungen<br />
ausgehen, die diese Investition rechtfertigen würde. Außerdem<br />
haben wir festgestellt, dass in der Vergangenheit der Arbeitgeber<br />
immer dann Rationalisierungsmaßnahmen durchgeführt hat,<br />
wenn er der Auffassung war, dass es sich für ihn rechnet. Dabei<br />
haben wir in den vergangenen Jahren seit 1990 233.000 Arbeitsplätze<br />
bei den deutschen Bahnen abgebaut. Auch dieses Rationalisierungspotenzial<br />
ging zu Lasten von Lokomotivführern und Zugbegleitern. In dieser<br />
Zeit haben wir 21.000 Lokführer bei der Deutschen Bahn AG abgebaut.<br />
Dies wurde zum überwiegenden Teil durch Leistungsverdichtung,<br />
Optimierung der Umläufe und Dienstpläne geschaffen. Auch<br />
dies ist für uns ein Grund, das Einkommensniveau der Rationalisierung<br />
anzupassen, weil das Fahrpersonal wesentlich intensiver während<br />
ihrer Arbeitszeit in Anspruch genommen wird.<b></p>
<p>Svenne: </b>Die GDL sagt ja wohl eindeutig, dass ihre Forderungen<br />
dadurch finanziert werden sollen, dass die anderen Beschäftigten<br />
weniger kriegen. Das finde ich, auf Deutsch gesagt, Scheiße!<br />
<b></p>
<p>Claus Weselsky: </b>Dies sagt die GDL nicht. Ich verweise an<br />
der Stelle auf meine Aussagen am Beginn des Chats. Für uns<br />
ist der 4,5-prozentige Abschluss unantastbar, ohne das wir ihn akzeptieren<br />
und für das Klientel Fahrpersonal ein höheres Einkommen<br />
fordern. Bei einer Gewinnmarge von 2,5 Milliarden Euro brutto und<br />
1,3 Milliarden Euro bereinigtem Ergebnis, ist unsere feste Überzeugung,<br />
dass für das Fahrpersonal eine höhere Einkommensgewährung<br />
möglich ist. Darüber hinaus verweisen wir gern auf die<br />
in 2006 und 2007 stattgefundenen Einkommenserhöhungen im Bereich<br />
der Vorstandsgehälter und des Aufsichtsrates. Der Vorstand<br />
hat sich in 2006 eine Einkommenserhöhung von 62 Prozent gegönnt,<br />
der Aufsichtsrat sage und schreibe 288 Prozent höhere Vergütungen.<br />
Wir gehen davon aus, dass in diesem Licht unsere 31 Prozent, die<br />
wir auch nicht im Verhandlungswege umsetzen werden und wollen, nahezu<br />
bescheiden anmuten. Die Unternehmensgewinne in dieser Republik steigen<br />
enorm und wir sind der Überzeugung, dass für unser Klientel<br />
auch ein Stück Teilhabe dabei sein muss. Wenn die anderen Gewerkschaften<br />
überzeugt sind, dass ihre Mitglieder nur sieben Prozent wollten<br />
und mit 4,5 Prozent mehr als zufrieden sind, können wir diese<br />
Einschätzung keinesfalls teilen, weil unsere Tarifforderungen<br />
nicht in der Funktionärsebene entstanden sind, sondern auf<br />
den Forderungen unserer Mitglieder aufgebaut wurden. Insoweit möchten<br />
wir an dieser Stelle auch die Mär von einem Funktionärsstreit<br />
und einem Organisationsstreit mit anderen Gewerkschaften beerdigen,<br />
denn das was wir tun, ist schlicht und ergreifend der Wille unserer<br />
Mitglieder, dem wir unserer Satzung entsprechend Rechnung tragen.<b></p>
<p>Milzbrand: </b>Stichwort Streik: Was hat die Urabstimmung<br />
über Ja oder Nein bislang ergeben? Ist die 75-Prozent-Hürde<br />
schon übersprungen?<b></p>
<p>Claus Weselsky: </b>Wir haben erst am Donnerstag vorige<br />
Woche die Schreiben an unsere Mitglieder versandt, welche dann am<br />
Freitag oder am Samstag sicherlich in deren Post angekommen sind.<br />
Deshalb ist es derzeit zu früh, am ersten Tage des Rücklaufes.<br />
Hier gesicherte Zahlen herauszugeben wäre schlichtweg unseriös.<br />
Wir erwarten jedoch im Rücklauf eine deutliche Überschreitung<br />
der 75 Prozent. Der Rücklauf der Urabstimmung wird am 3. August<br />
abgeschlossen, am 6. August haben wir ausgezählt und werden<br />
das Ergebnis der Öffentlichkeit mitteilen.<b></p>
<p>MBudnik: </b>Mal eine ganz praktische Frage. Wann ist eigentlich<br />
mit den ersten Streiks zu rechnen?<b></p>
<p>Claus Weselsky: </b>Wir werden nach der Auszählung der<br />
Urabstimmung im Hause GDL in Frankfurt unsere Strategie festlegen.<br />
Die Öffentlichkeit wird mindestens 24 Stunden vor jeder Aktion<br />
von uns über die Medien informiert, auch wenn wir als Gewerkschaft<br />
dadurch einen strategischen Nachteil haben, denn der Arbeitgeber<br />
nutzt die lange Vorlaufzeit, um hier bestimmte Züge mit Lokführern<br />
und Zugbegleitern zu besetzen, die sich im Beamtenstatus befinden<br />
und nicht streiken dürfen beziehungsweise, die den anderen<br />
Bahngewerkschaften angehören. Man kann davon ausgehen, dass<br />
in der Woche nach dem 6. August mit Streikaktionen zu rechnen ist<br />
&#8211; unter der Voraussetzung, dass die Urabstimmung ein deutliches<br />
Votum für diese Arbeitskämpfe hergibt. Wir sind bestrebt,<br />
diese Arbeitskampfmaßnahmen, soweit es möglich ist, nicht<br />
auf dem Rücken der Reisenden auszutragen &#8211; dabei sind uns jedoch<br />
natürlich Grenzen gesetzt. Wenn dieser Arbeitgeber nicht bereit<br />
ist &#8211; was er jederzeit könnte &#8211; mit uns über den eigenständigen<br />
Tarifvertrag und entsprechende Einkommens- und Arbeitszeitverbesserungen<br />
zu verhandeln, wird es uns jedoch nicht gelingen, die Reisenden<br />
aus diesem Arbeitskampf herauszuhalten. Wir möchten an dieser<br />
Stelle ganz deutlich herausstellen, dass es der Arbeitgeber in der<br />
Hand hat, diese Arbeitskampfmaßnahmen abzuwenden. Für<br />
uns ist es das letzte Mittel, was uns zur Verfügung steht,<br />
mit dem wir sehr sorgsam umgehen werden. Für den Arbeitgeber<br />
bedeutet es nichts anderes als auf unsere Forderungen einzugehen,<br />
mit uns über den eigenständigen Tarifvertrag zu verhandeln.<br />
Wer hier nur Nein sagt, muss auch die volle Verantwortung für<br />
das übernehmen, was nach der Urabstimmung folgt. Unsere Forderungen<br />
jedenfalls sind weder rechtswidrig noch unverschämt, denn wir<br />
haben zu jeder Zeit erkennen lassen, dass unser Tarifabschluss eben<br />
nicht bei 31 Prozent liegen wird. Wenn wir jedoch vom Arbeitgeber<br />
keine Verhandlungen angeboten bekommen, sind wir auch außer<br />
Stande, diese Tarifforderungen im Wege der Verhandlung auf ein vernünftiges<br />
Maß zu reduzieren.<b></p>
<p>Schopf: </b>Was machen Sie, wenn Sie trotz wochenlangem Streik<br />
die Forderung nicht bekommen?<b></p>
<p>Claus Weselsky: </b>Man ist erst am Ende des Prozesses weiser<br />
als am Beginn. Wir gehen davon aus, dass sich der Druck auf den<br />
Arbeitgeber, auf Herrn Mehdorn, im Falle unserer Streikmaßnahmen<br />
enorm erhöhen wird. Der Arbeitskampf ist ein legales Mittel,<br />
tarifliche Ziele zu verfolgen und sie durchzusetzen. Der Druck sowohl<br />
aus der Wirtschaft als auch vom Eigentümer Bund wird sich nicht<br />
gegen die GDL richten, sondern gegen den Arbeitgeber, der seine<br />
starre Haltung mit nichts begründen kann, außer dass<br />
er nicht will.<b></p>
<p>Moderatorin: </b>Themenwechsel:<b></p>
<p>hert: </b>Sehen Sie Vorteile für Lokführer durch<br />
die Privatisierung? Oder sind sie akut dagegen?<b></p>
<p>Claus Weselsky:</b> Wir sehen derzeit die Bahn als nicht börsenfähig.<br />
Darüber hinaus sind wir der Überzeugung, dass im Falle<br />
der Kapitalprivatisierung das Netz ohne Einschränkung beim<br />
Eigentümer Bund zu bleiben hat. Die Privatisierung fand ja<br />
bereits 1994 statt und hat uns einen enormen Arbeitsplatzabbau gebracht.<br />
Nach unserer Einschätzung wird die nunmehr bevorstehende Kapitalprivatisierung<br />
den Rationalisierungsdruck erhöhen, weil Investoren immer auf<br />
ihre Rendite bedacht sind und mit diesem Unternehmen Gewinne erzielen<br />
wollen. Dabei &#8211; dessen sind wir uns sicher &#8211; wird sich der Druck<br />
auf die Arbeitnehmer nochmals erhöhen und die Lohnabschlüsse<br />
der Zukunft könnten entsprechend bescheidender ausfallen. Eine<br />
Gewerkschaft ist nach unserer Einschätzung an keiner Stelle<br />
daran interessiert, das Unternehmen oder nur Teile von Unternehmen<br />
an strategische Investoren zu veräußern. Es gibt genügend<br />
Beispiele in der deutschen Wirtschaft, die aufzeigen, welche Folgen<br />
das hat. Insoweit kritisieren wir auch die Position der anderen<br />
Bahngewerkschaften, welche die Kapitalprivatisierung gutheißen<br />
und damit auch den ansteigenden Druck auf die Arbeitnehmer akzeptieren.<b></p>
<p>kutscher: </b>Bekommen wir bei einer Privatisierung nicht so<br />
schlimme Verhältnisse wie in England? Dort ist doch das ganze<br />
Schienennetz marode.
</p>
<p>
<b>Claus Weselsky:</b> England dient dem Grunde nach<br />
nicht als Vergleich, weil hier als absoluter Fehler bei der Privatisierung<br />
auch das Schienennetz an private Investoren veräußert<br />
wurde. Genau das will die GDL keinesfalls, denn in England haben<br />
die Privatinvestoren keinerlei Unterhaltungsinvestitionen mehr getätigt,<br />
sondern nur die Gewinne aus dem Netz gezogen, um anschließend<br />
das marode Netz wieder dem Eigentümer Staat zur Verfügung<br />
zu stellen, der nun Milliarden investieren muss, um den Eisenbahnverkehr<br />
wieder sicher zu machen. Nach unserer Einschätzung sollte das<br />
über Jahrzehnte gewachsene Volksvermögen nicht genau in<br />
dem Moment an private Kapitalgeber verschleudert werden, in dem<br />
das Unternehmen beginnt, Gewinne abzuwerfen. Milliarden an Steuergeldern<br />
wurden investiert, um das Unternehmen und den Eisenbahnverkehr in<br />
Deutschland in einen hervorragenden Zustand zu versetzen. Man kann<br />
dies mit einem kurzen Satz darlegen, der lautet: Verluste werden<br />
sozialisiert und mit Steuergeldern finanziert, Gewinne werden privatisiert,<br />
so dass strategische Investoren zukünftig Einnahmen aus diesem<br />
Unternehmen generieren können, das von den Steuergeldern erst<br />
lebensfähig gemacht wurde. Für uns ist an dieser Stelle<br />
auch die politische Zielrichtung nicht nachvollziehbar, dass, um<br />
Geld zu beschaffen, Teile des Unternehmens verkauft werden müssen<br />
und der Bund sich mit einer geringen Summe des Erlöses abspeisen<br />
lässt, während anschließend Milliardensummen in<br />
die Taschen privater Investoren fließen werden.</p>
<p><b>Moe83:</b> Haben sie mit den Bedenken nicht einfach<br />
nur Angst, dass Besitzstände wegfallen und es neue Konkurrenz<br />
für die Bahn gibt, das heißt, einen Druck auf die Kosten,<br />
was sie treffen würde? Sie wollen doch damit eine Sonderstellung<br />
behalten, die kaum jemand in der Industrie hat.</p>
<p><b>Claus Weselsky:</b> Die GDL hat keine Angst vor der<br />
Privatisierung, weil wir entgegen dem allgemeinen Trend innerhalb<br />
der Deutschen Bahn AG eben nicht nur 20 bis 22 Prozent gewerkschaftlich<br />
organisierte Mitglieder haben, sondern aufgrund unserer Mitgliedernähe<br />
und spezifischen Tarifpolitik weit über 75 Prozent aller Lokführer<br />
bei der Deutschen Bahn AG organisieren. Wir sehen uns an dieser<br />
Stelle sehr gut gerüstet, was die Durchsetzung der Mitgliederinteressen<br />
betrifft und haben weder Angst vor diesem Arbeitgeber mit dem 100-prozentigem<br />
Eigentümer Bund oder den Investoreninteressen. Nach unserer<br />
Überzeugung liegt die entscheidende Komponente in der Mitgliedernähe,<br />
der spezifischen Interessenvertretung und damit einhergehend in<br />
einem hohen Organisationsgrad beim Fahrpersonal der DB AG.</p>
<p><b>MBudnik:</b> Kann die GDL sich eine Beteiligung an<br />
der Bahn vorstellen?
</p>
<p>
<b>Claus Weselsky:</b> Auch darüber kann man nachdenken.<br />
Es ist zunehmend festzustellen, dass auch von Seiten der Politik<br />
die so genannte Mitarbeiterbeteiligung immer mehr in den Vordergrund<br />
gestellt wird. Aus unserer Sicht hat solch eine &quot;Volksaktie&quot;<br />
jedoch nur Wert, wenn die Mitarbeiter auch tatsächlich die<br />
Geschicke des Unternehmens beeinflussen können und darüber<br />
hinaus ihre Anlagen auch tatsächlich als sicher eingestuft<br />
werden können. Denn die GDL verwendet nicht eigenes Geld, sondern<br />
es handelt sich immer um Mitgliederbeiträge, mit denen wir<br />
sehr sorgsam umzugehen haben. An dieser Stelle verweisen wir auf<br />
die Entwicklung bei Enron. In diesem Unternehmen war die gesamte<br />
betriebliche Altersvorsorge der Beschäftigten in Aktien entstanden.<br />
Es standen Millionenwerte zu Buche, die über Nacht verschwunden<br />
sind, weil der Vorstand mit Rosstäuschertricks und Bilanzfälschung<br />
gearbeitet hat. Wir können uns deshalb eine Beteiligung an<br />
der Deutschen Bahn AG nur vorstellen, wenn vom Gesetzgeber die entsprechenden<br />
Rahmenbedingungen geschaffen werden, die das Anlagevermögen<br />
der Mitarbeiter und unserer Gewerkschaft entsprechend schützen.<br />
Moderatorin: Hier zum Schluss noch ein paar Sympathiebekundungen:</p>
<p><b>Leipzig3000:</b> Lieber Herr Weselsky, ich bin nur<br />
zufällig auf diesen Chat aufmerksam geworden. Nun nutze ich<br />
gleich die Gelegenheit, Ihnen Mut zu machen. Sie kämpfen für<br />
eine gute Sache! Ein Lokführer, der verantwortlich für<br />
hunderte Menschenleben oder Millionenwerte ist, sollte auch verantwortungsgerecht<br />
bezahlt werden. Über einen Streik wäre ich zwar verärgert,<br />
würde ihn aber in Kauf nehmen. Viel Glück!</p>
<p><b>Toneli:</b> Der Streik ist voll berechtigt. Die Bahn<br />
soll Geld für gerechte Entlohnung einsetzen, statt den Aktionären,<br />
die NICHTS tun, hinzuschmeißen.</p>
<p><b>lok57:</b> Lokführer sind total unterbezahlt!<br />
Macht mal richtig Dampf!</p>
<p><b>Claus Weselsky:</b> Wir bedanken uns ausdrücklich<br />
an dieser Stelle für die große Sympathie und Akzeptanz<br />
unserer Tarifpolitik. Wir versprechen, unser Möglichstes zu<br />
tun, die Reisenden zu schonen, um einerseits die hohen Sympathiewerte<br />
zu erhalten und andererseits auch zu dokumentieren, dass wir mit<br />
unserer Tarifmacht, die nun einmal beim Fahrpersonal wesentlich<br />
größer ist als beim Büroangestellten, auch sehr<br />
sorgsam umgehen. Es liegt nicht in unserem Interesse, Arbeitskämpfe<br />
zu führen, sondern wir wollen auf dem Verhandlungswege Ergebnisse<br />
erzielen. Wir bedanken uns recht herzlich für die rege Teilnahme<br />
und die Möglichkeit, in diesem modernen Medium unser Tun zu<br />
begründen und auch zu rechtfertigen.</p>
<p><b>Moderatorin:</b> Das war unser tagesschau-Chat bei<br />
tagesschau.de und politik-digital.de. Vielen Dank für Ihr Interesse<br />
und vielen Dank an Herrn Weselsky. Das Protokoll des Chats ist in<br />
Kürze zum Nachlesen auf den Seiten von tagesschau.de und politik-digital.de<br />
zu finden. Das tagesschau-Chat-Team wünscht noch einen schönen<br />
Tag!</p>
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		<title>Uni-Streik</title>
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		<pubDate>Tue, 20 Jan 2004 23:00:00 +0000</pubDate>
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