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	<title>Ulrich Pick &#8211; politik-digital</title>
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	<title>Ulrich Pick &#8211; politik-digital</title>
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	<item>
		<title>&#034;Die Türkei sollte in die Europäische Union&#034;</title>
		<link>https://www.politik-digital.de/chattranscripte/die-tuerkei-sollte-in-die-europaeische-union-2354/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Alina Barenz]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 22 Jul 2007 23:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Chattranscripte]]></category>
		<category><![CDATA[Ulrich Pick]]></category>
		<category><![CDATA[Außenpolitik]]></category>
		<category><![CDATA[Türkei]]></category>
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					<description><![CDATA[Am 23. Juli 2007 war Ulrich Pick, ARD-Korrespondent in Istanbul, im tagesschau-Chat in Kooperation mit politik-digital.de. Er sprach über die künftige Außenpolitik der Türkei
unter dem wiedergewählten Premier Erdogan und darüber, dass eine demokratische Türkei die Brücke zwischen Orient und Okzident sein könne.
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Am 23. Juli 2007 war Ulrich Pick, ARD-Korrespondent in Istanbul, im tagesschau-Chat in Kooperation mit politik-digital.de. Er sprach über die künftige Außenpolitik der Türkei<br />
unter dem wiedergewählten Premier Erdogan und darüber, dass eine demokratische Türkei die Brücke zwischen Orient und Okzident sein könne.<br />
<!--break--></p>
<p>
<b>Moderator:</b><br />
Herzlich Willkommen im tagesschau-Chat! Einen Tag nach der Parlamentswahl in der Türkei ist unser Chat-Gast heute ARD-Korrespondent Ulrich Pick. Er chattet aus Istanbul, einen schönen guten Tag dorthin und herzlichen Dank, dass Sie heute zwischen der aktuellen Berichterstattung Zeit für den tagesschau-Chat eingeplant haben. Die erste Frage:
</p>
<p>
<b>Martin36: </b>Merhaba nach Istanbul! Herr Pick, man<br />
liest bei uns immer von der „islamisch ausgerichteten“<br />
AKP von Recep Erdogan. Was soll man sich darunter vorstellen? Wo<br />
liegen die Unterschiede zu den Parteien atatürkscher Prägung?
</p>
<p align="center">
<img fetchpriority="high" decoding="async" src="/salon/photos/upick230x.jpg" alt="Ulrich Pick" height="292" width="230" /><br />
<i>Ulrich Pick</i><br />
<i>ARD-Korrespondent in Istanbul</i>
</p>
<p>
<b>Ulrich Pick:</b> Unter islamisch ausgerichtet versteht<br />
man &#8211; quasi in Parallele zur christlichen Ausrichtung der C-Parteien<br />
in Deutschland &#8211; einen politischen Impuls aus der Religion. Wobei<br />
die AKP keine Sharia einführen möchte, sondern eher religiös-soziale<br />
Aspekte in den Vordergrund stellt. Zudem will sie das enge Korsett<br />
der atatürkschen Vorgaben ausweichen. Das heißt konkret:<br />
die Religion, die Atatürk quasi aus dem Alltag gestrichen hatte,<br />
ein wenig aufwerten. Zudem ist es wichtig zu wissen, dass es gerade<br />
die islamisch-konservative AKP es ist, die die Rechte der nicht-christlichen<br />
Minderheiten stärken will.
</p>
<p>
<b>döner:</b> Ich denke, dass der Sieg der AKP im<br />
Wesentlichen auf dem Wunsch der Mehrheit der Bevölkerung nach<br />
Stabilität, Kontinuität und Fortschritt resultiert. Die<br />
Konkurrenten sind sich einfach zu uneinig; sie sind in alten Kadern<br />
verflochten und stehen mit Filz und Korruption in Verbindung. Die<br />
AKP ist gegebenenfalls intellektuell unterbelichtet, aber jedenfalls<br />
pragmatisch und absolut am Ball.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Teilen Sie diese Einschätzung?
</p>
<p>
<b>Ulrich Pick:</b> In der Tat, die AKP scheint die einzige<br />
Partei zu sein, die wirklich gut aufgestellt ist, was für eine<br />
gut laufende Demokratie eigentlich bedauerlich ist. Und so muss<br />
man sagen, dass die Türkei eigentlich darunter leidet, dass<br />
sie keine Opposition hat. Was Filz und Korruption betrifft, so findet<br />
man sie in allen Parteien &#8211; also auch in der AKP &#8211; dort aber am<br />
wenigsten.
</p>
<p>
<b>cumali uyan:</b> Wir als Ausländer in Deutschland<br />
betrachten diesen Wahlsieg, auch wenn die AKP religiös-konservativ<br />
angesehen sein mag, als Sieg des Volkes gegenüber des ultra-nationalistisch<br />
geprägten Militärs. Sehen Sie das auch so?
</p>
<p>
<b>Ulrich Pick:</b> Ich teile ihre Meinung, weil ich<br />
den Eindruck habe, dass zahlreiche Menschen, die eigentlich keine<br />
AKP-Stammwähler sind (also religiös orientiert) sich kräftig<br />
geärgert haben über die Putschandrohung der Militärs<br />
gegenüber der Kandidatur von Außenminister Gül als<br />
Staatspräsident. So gesehen war die Wahl meines Erachtens eine<br />
Gegen-Intervention des Volkes mit Blick auf die „Mitternachtserklärung“<br />
der Militärs am 27. April.
</p>
<p>
<b>Guenther:</b> Mich würde interessieren, wie Sie<br />
heute, einen Tag nach der Wahl, die Stimmung im Lande charakterisieren<br />
würden. Denken Sie die Lage hat sich nun mit dem eindeutigen<br />
Votum entspannt, oder sehen sie durchaus noch Gefahr im Sinne einer<br />
Einmischung des Militärs?
</p>
<p>
<b>Ulrich Pick: </b>Ich denke, dass gerade die kemalistischen<br />
Kräfte (CHP, Militärs &#8230; also das alte Establishment)<br />
erst noch am Verdauen sind. Wir müssen aber abwarten, wie die<br />
jetzt anstehende Wahl zum neuen Staatspräsidenten (also die<br />
Wiederholung) ausgehen wird. Wenn Erdogan und seine Bewegung klug<br />
sind, wird man einen Kompromisskandidaten aufstellen. Damit kann<br />
man diese Klippe umschiffen, hält das Militär ruhig und<br />
hat dann freie Fahrt für den Rest der eigenen politischen Agenda.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Zweimal nachgefragt:
</p>
<p>
<b>rullermunk2:</b> Was meinen Sie, wie die Generäle<br />
bzw. das Militär reagieren, wenn Gül erneut als Präsidentschaftskandidat<br />
ins Rennen geschickt wird?
</p>
<p>
<b>Beni: </b>Ist eine erneute Kandidatur Außenminister<br />
Güls zu erwarten?
</p>
<p>
<b>Ulrich Pick:</b> Ich denke, dass Gül nicht wieder<br />
antreten wird. Zwar hat Erdogan letzte Woche gesagt, dass er weiterhin<br />
DER Kandidat der AKP sein wird. Aber wie gesagt, er wäre klug<br />
beraten, einen Kompromisskandidaten zu finden, zumal die AKP ihn<br />
nicht alleine wählen kann. Die AKP hat 342 Sitze im Parlament.<br />
Der neue Kandidat braucht 367. Somit braucht Erdogan Unterstützung
</p>
<p>
<b>Leon-Ist: </b>Was hat das Militär eigentlich<br />
gegen einen Staatspräsidenten Gül?
</p>
<p>
<b>Ulrich Pick: </b>Das ist mit guten Argumenten schwer<br />
zu erklären. Es ist als Erstes seine Vergangenheit. Gül<br />
war auch mal Islamist wie Erdogan. Und zum Zweiten trägt seine<br />
Gattin den &quot;Türban &quot;, also das eng gebundene Kopftuch.<br />
Und das ist ein (im Wortspiel!!!) rotes Tuch für die Generäle,<br />
weil sie darin den religiösen Verrat an der atatürkischen<br />
Kulturrevolution wittern. Allerdings liegen sie damit nicht auf<br />
der Welle des Volkes. Gül ist zurzeit der beliebteste Politiker<br />
im Land.
</p>
<p>
<b>Martin36:</b> Woher kommt eigentlich die starke Stellung<br />
des Militärs in der Türkei?
</p>
<p>
<b>Ulrich Pick:</b> Beim Aufbau der Republik Türkei<br />
wurde das Militär von Atatürk als die stabilisierende<br />
Macht schlechthin installiert. Immerhin war Atatürk selbst<br />
ein Berufssoldat. Aber wir sollten nicht vergessen, dass das Militär<br />
viermal geputscht hat (1960, 71, 80, 97). Und die Türkei einen<br />
großen Schritt in Richtung Demokratie gemacht hat.
</p>
<p>
<b>der kleine prinz: </b>Sehen Sie die Gefahr eines Militärputsches?
</p>
<p>
<b>Ulrich Pick:</b> Nein! Sollte jetzt das Militär<br />
&#8211; wie auch immer &#8211; einen Putschversuch vornehmen, wäre dies<br />
ein Putsch gegen das eigene Volk, das gestern sehr souverän<br />
abstimmt hat. Und somit der Anfang vom Ende seines Einflusses.
</p>
<p>
<b>Martin36:</b> War es in der türkischen Vergangenheit<br />
wirklich so, dass die Religion, der Islam, aus dem öffentliche<br />
Leben (zumindest dem „staatlich geordneten“) herausgehalten<br />
wurde? Wenn ja: Wird sich daran mittelfristig etwas ändern?
</p>
<p>
<b>Ulrich Pick: </b>Immer wieder wird das Modell der<br />
Türkei laizistisch genannt, dem ist aber nicht so. Ein richtiger<br />
Laizismus ist eine Trennung von Religion und Staat wie in Frankreich.<br />
In der Türkei war die Religion stets dem Staat untergeordnet.<br />
Das erkennen sie daran, dass 95 Prozent aller islamischen Vorbeter<br />
staatliche Beamte sind. Unter Atatürk &#8211; und das betrifft nochmals<br />
ihre Frage &#8211; wurden zahlreiche Moscheen geschlossen, die religiösen<br />
Schulen (Medresen) auch und offiziell die Sufi-Bruderschaften verboten.<br />
Diese Sicht von Religion wirkt bei vielen Kemalisten noch nach bis<br />
heute, allerdings nicht bei der Mehrheit, wie das Wahlergebnis zeigt.
</p>
<p>
<b>Moderator: </b>Zu den unabhängigen Kandidaten,<br />
die ins Parlament gewählt wurden:
</p>
<p>
<b>Guenther27: </b>Welchen Einfluss, Herr Pick, können<br />
Ihrer Meinung nach die der DTP angehörenden kurdischen Unabhängigen<br />
im neuen Parlament ausüben?
</p>
<p>
<b>gezer:</b> Was ist mit dem kurdischen Abgeordneten,<br />
werden sie wieder verhaftet, wie es in der Vergangenheit geschehen<br />
ist?
</p>
<p>
<b>Ulrich Pick:</b> Hier müssen wir wirklich abwarten.<br />
Sollten sich die Kurden nicht provokativ zeigen (leider liegt die<br />
Schmerzgrenze hier oft sehr niedrig) könnten sie eine Bereicherung<br />
sein. Der bei den ersten Hochrechnungen angenommene Fall, sie könnten<br />
Zünglein an der Waage spielen, wenn es um die Zwei-Drittel-Mehrheit<br />
geht, ist nicht eingetreten.
</p>
<p>
<b>torres: </b>Welche Partei wurde denn von der jüngeren<br />
Generation, also den Erstwählern, am stärksten gewählt?
</p>
<p>
<b>Ulrich Pick:</b> Darüber gibt es noch keine genauen<br />
Analysen.
</p>
<p>
<b>neco: </b>Vor den Wahlen wurden in den türkischen<br />
Medien immer wieder unzufriedene Menschen gezeigt. Die Cumhuriyet-Versammlungen,<br />
das Wiedererstarken der Nationalisten, die hohe Arbeitslosigkeit<br />
vor allem bei der jungen Bevölkerung; das alles waren Anzeichen<br />
für eine Schwächung der AKP. Ist aus diesem Hintergrund<br />
die Wahl als paradox zu bezeichnen, oder wurde der Puls der Bevölkerung<br />
falsch dargestellt?
</p>
<p>
<b>Ulrich Pick: </b>Wenn sie die Massendemos in Ankara,<br />
Istanbul und anderswo meinen, muss man schon genau hingucken. Diese<br />
Demos waren beeindruckend groß, aber die Gruppen waren sehr,<br />
sehr unterschiedlich. Man konnte Gewerkschafter finden, engagierte<br />
Frauenverbände, aber auch EU-Gegner und Anti-USA-Demonstranten.<br />
So gesehen waren sich diese Mengen nur einig in dem, was sie NICHT<br />
wollten, nämlich die AKP &#8211; nicht aber in dem, was sie wollten.<br />
Mit anderen Worten: Hier war begründeter Protest, aber kein<br />
klarer, positiv geformter politischer Wille zu sehen, der das Land<br />
vorwärts bringt.
</p>
<p>
<b>mischa: </b>Inwieweit hat sich die AKP personell und<br />
inhaltlich verändert? Kann man sagen, dass es mehr moderate<br />
Kräfte dort gibt?
</p>
<p>
<b>Ulrich Pick:</b> Das ist selbst für einen Korrespondenten<br />
sehr schwierig zu sagen. Klar ist, dass Erdogan den so genannten<br />
„Milli-Görüs-Flügel“ der Islamisten gestutzt<br />
hat. Das hat die Partei in Richtung Mitte gebracht. Auch sind Gül<br />
und Erdogan durchaus als relativ liberal zu bezeichnen. Aber es<br />
gibt leider auch immer wieder Meldungen von der so genannten Basis,<br />
die doch sehr streng religiös klingen. Wahrscheinlich wird<br />
sich die Partei weiter wandeln. Hoffentlich hin zu mehr Liberalität.
</p>
<p>
<b>Martin36: </b>Auf die Frage von mischa: Kann man sagen,<br />
dass sich Erdogans politische Ausrichtung geändert hat oder<br />
ist sie nur Fassade?
</p>
<p>
<b>Ulrich Pick:</b> Wir wissen alle, das Erdogan ein<br />
strenger Islamist war. Wir haben auch entsprechende Reden bei uns<br />
im ARD-Archiv. Aber wenn Erdogan wirklich einen Gottesstaat gewollt<br />
hätte, dann hätte er schon die Möglichkeit gehabt,<br />
an einigen Stellen strengere Regeln einzuführen. Meine Meinung<br />
ist: Ich nehme Erdogan seinen bekundeten Wandel ab (wir hatten in<br />
Deutschland auch einen Außenminister, der früher Polizisten<br />
verprügelt hat). Allerdings bin ich sehr sensibel bei der Beobachtung.<br />
Allerdings halte ich das Experiment eines demokratischen politischen<br />
Islams für hochinteressant.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Zwei Fragen zu den Minderheiten:
</p>
<p>
<b>Beni: </b>Betreff der Stärkung der nicht-christlichen<br />
Minderheiten: Tatsache ist aber doch, dass sowohl die Minderheitenrechte<br />
von muslimischen Minoritäten als auch der nicht-muslimischen<br />
Minoritäten faktisch weiter diskriminiert werden, trotz der<br />
Reformen im Zuge des nationalen Programms zur Anpassung an den Acquis<br />
(der gemeinsame Rechtsrahmen der Europäische Union, Anm. der<br />
Redaktion), oder nicht?
</p>
<p>
<b>horst95:</b> Wie sieht es eigentlich mit der Positionierung<br />
der AKP zu den Attentaten an Dink und an den weiteren Christen aus?<br />
Waren das AKP-nahe Attentäter oder kamen sie wie auch häufig<br />
behauptet aus dem Lager der MHP?
</p>
<p>
<b>Ulrich Pick:</b> Es stimmt, dass die Erdogan-Regierung<br />
bislang nicht eingelöst hat, dass sie die Rechte der Christen<br />
und Alleviten verbessern wollte. Somit ist es jetzt höchste<br />
Zeit dafür. Zum Mord an Hrant Dink hat sich leider keine Partei<br />
solidarisch geäußert. Was die Morde an Christen in Malatya<br />
betrifft, gab es nur einen Politiker, der sich bei der deutschen<br />
Botschaft entschuldigt hat: der Minderheitenbeauftragte (so etwas<br />
gibt es!) der AKP.
</p>
<p>
<b>tzalk:</b> Die Wahl wurde oft (auch bei tagesschau.de)<br />
islamisch-konservativ gegen säkular-laizistisch genannt. Könnte<br />
man zutreffender pro-europäisch und nationalistisch oder wirtschaftliberal<br />
und staatsdirigistisch sagen?
</p>
<p>
<b>Ulrich Pick: </b>Das kann man so sagen. Sie markieren<br />
damit die klaren Trennungslinien. Allerdings fahren wir in Europa<br />
ja so wahnsinnig auf das Stichwort „Islam“ ab.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Von den vielen Fragen zur EU mal drei:
</p>
<p>
<b>tatatata:</b> Was für einen Einfluss hat der<br />
Wahlausgang auf die Orientierung der Türkei in Richtung Europa?
</p>
<p>
<b>Caius:</b> Welchen Einfluss auf die Verbindung zu<br />
EU hat Erdogans Sieg?
</p>
<p>
<b>JuliNie: </b>Wird sich der aktuelle Wahlausgang auf<br />
das Verhältnis Türkei-EU einen Einfluss haben? Wird das<br />
Verhältnis nicht verkompliziert?
</p>
<p>
<b>Ulrich Pick:</b> Das ist ein weites Feld. Meines Erachtens<br />
dürfte die Fahrt der Türkei in Richtung Brüssel jetzt<br />
wieder an Fahrt gewinnen. Der Wahlsieg dürfte hierbei Erdogan<br />
mehr Spielraum geben. Das ist hochinteressant bei der Zypernfrage,<br />
denn hier wäre Erdogan in der Vergangenheit gerne weiter gegangen<br />
als das Militär. Er hat aber aus „patriotischer Solidarität“<br />
den harten Vorstellungen der Militärs die Stange gehalten.<br />
Das könnte sich jetzt ändern, denn sein Spielraum ist<br />
ja durch seinen Sieg gewachsen. Was aber auch noch wichtig ist:<br />
Die Türken (die ja nicht europafeindlicher sind als vor 3 Jahren)<br />
wollten von der EU, dass sie die Republik am Bosporus nicht mit<br />
zweierlei Maß misst. Darunter leidet man hier sehr.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Nachfrage zu Erdogan und Zypern:
</p>
<p>
<b>SWISS: </b>Auch im Hinblick auf die Zypern-Problematik?<br />
Das Volk hat die AKP-Politik mit dieser Wahlentscheidung gestärkt,<br />
das heißt, keine Zugeständnisse, bevor nicht die EU die<br />
Isolation des Nordens der Insel aufhebt!
</p>
<p>
<b>Ulrich Pick:</b> Das ist die offizielle Version. Wie<br />
gesagt: Erdogan dürfte sich mit dem Wahlsieg flexibler zeigen.<br />
Aber auch die EU hat ihre Versprechen an Nordzypern noch nicht eingelöst.
</p>
<p>
<b>bahabln:</b> Zur Zypernfrage: Hat Erdogan, wie Sie<br />
schreiben aus „patriotischer Solidarität“ sich<br />
zurückgehalten, oder doch eher, weil auch er über die<br />
nicht eingehaltenen Zusagen der EU verärgert war; wie zum Beispiel<br />
kein alleiniger EU-Beitritt von Südzypern, wenn dem Annan-Plan<br />
nicht zugestimmt wird (Südzypern stimmte dem Plan nicht zu),<br />
oder die schrittweise Aufhebung der Isolierung von Nordzypern?
</p>
<p>
<b>Ulrich Pick:</b> Ich denke, das war eine Mischung<br />
aus unterschiedlichen Gründen. So wie Sie schreiben. Generell<br />
aber gilt: Erdogan und Talat (Nordzypern) sind zu mehr bereit als<br />
die Kemalisten. Und die haben jetzt noch mehr an Einfluss verloren.
</p>
<p>
<b>astore1: </b>Wie groß ist in Ihren Augen die<br />
Chance, dass die jetzt im Parlament vertretenen Kurden mit ihrer<br />
Fraktion die Politik für den Südosten der Türkei<br />
beeinflussen können?
</p>
<p>
<b>Ulrich Pick: </b>Das ist zur Stunde noch nicht auszumachen.<br />
Sie sind in einer interessanten Position, dürften aber mit<br />
Argusaugen begutachtet werden. Also abwarten!
</p>
<p>
<b>Rotor: </b>Was bedeutet es, dass die Kurden im Parlament<br />
jetzt eine eigene Fraktion bilden können?
</p>
<p>
<b>Ulrich Pick: </b>Auch das ist noch nicht konkret zu<br />
sagen. Aber emotional dürfte dies wohltuend für zahlreiche<br />
Kurden sein. Sie haben sich zu oft ausgegrenzt gefühlt &#8211; bislang.
</p>
<p>
<b>Moderator: </b>Zwei Kommentare von:
</p>
<p>
<b>melex: </b>Stellen Sie sich einmal vor, die Türken<br />
würden in Deutschland eine Fraktion bilden können. Ich<br />
denke, dass bedeutet es!
</p>
<p>
<b>bahabln:</b> Man sollte betonen, dass auch früher<br />
schon immer Kurden als Abgeordnete im Parlament waren. Es wird der<br />
Eindruck erweckt, dass dies ein Phänomen neuerer Zeit wäre!
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Und eine Frage von:
</p>
<p>
<b>SWISS: </b>zu astore1: Gerade im Hinblick, dass die<br />
DTP als politischer Ableger der PKK betrachtet wird und sich bis<br />
dato nicht von der PKK distanziert hat? Schürt das nicht neue<br />
Konflikte?
</p>
<p>
<b>Ulrich Pick:</b> Es stimmt, dass ethnische Kurden<br />
stets im Parlament waren, zumindest seitdem man öffentlich<br />
von Kurden reden darf (1991). Aber dezidiert prokurdische Abgeordnete<br />
gibt es als Parteienformation seit Anfang der 90er nicht mehr. Leider<br />
stimmt es, dass die DTP ein zwielichtiges Verhalten zeigt. Einerseits<br />
betont sie lange nötige Minderheitenrechte, andererseits fehlt<br />
die klare Distanzierung zur PKK.
</p>
<p>
<b>athena:</b> Das Aufeinandertreffen der Ultranationalen<br />
und der Kurden dürfte im Parlament Gegenstand einer hitzigen<br />
Debatte werden. Wird sich Erdogan als Vermittler der beiden sehen?
</p>
<p>
<b>Ulrich Pick: </b>Keine Ahnung. Ich bin mal gespannt.
</p>
<p>
<b>mischa:</b> Noch mal zur Kurdenfrage: Wird sich das<br />
Militär mit einem Einmarsch in den Nordirak durchsetzten? Was<br />
für Folgen hätte das für die Region?
</p>
<p>
<b>Ulrich Pick:</b> Die AKP-Mehrheitsfraktion hat ihre<br />
Zustimmung für dieses riskante Unterfangen in den letzten Wochen<br />
versagt. Und so dürfte und sollte es hoffentlich auch in Zukunft<br />
sein.
</p>
<p>
<b>Martin36:</b> In fast allen Meldungen der deutschen<br />
Medien (nicht nur in „populistischen“, auch z.B. bei<br />
ARD und ZDF) meint man immer einen skeptischen, kritischen Unterton<br />
gegenüber der AKP und Erdogan heraus zu hören? Woher kommt<br />
diese „Angst“? Können Sie als Insider sich die<br />
erklären?
</p>
<p>
<b>Ulrich Pick: </b>Leider haben wir zu wenig Ahnung<br />
vom Islam. Daraus hat sich eine große und zum Teil unbegründete<br />
Islam-Skepsis entwickelt, teilweise sogar eine Islamophobie. Das<br />
finde ich sehr bedauerlich. Gerade die Erdogan-Regierung könnte<br />
zeigen (wenn sie ihren Worten treu bleibt), dass die Türkei<br />
eine Brücke zwischen Orient und Okzident sein kann. Nicht mit<br />
Angst, aus der Skepsis und Ablehnung wächst.
</p>
<p>
<b>klaus schmidt: </b>Ist überhaupt eine Integration<br />
einer islamisch ausgerichteten Türkei in ein christliches Europa<br />
denkbar, oder hat sich die Türkei mit der Wahl selbst diesen<br />
Eintritt auf absehbare Zeit unmöglich gemacht?
</p>
<p>
<b>Ulrich Pick: </b>Dafür sollte die EU endlich<br />
einmal sich selbst beantworten, was sie eigentlich ist. Eine Wirtschaftsgemeinschaft,<br />
ein rein geografisches Gebilde, ein Christenclub &#8211; das alles ist<br />
offen. Wenn sie meine Meinung wissen wollen: Ich halte es angesichts<br />
der prekären Weltlage und der Spannungen mit islamistischen<br />
Strömungen für Europa und die Integration von Muslimen<br />
für wichtig, dass &#8211; wenn das Experiment Erdogan klappt &#8211; die<br />
Türkei in die EU sollte. Das zeigte, dass nicht die Religion<br />
das Verbindende ist, sondern gemeinsame Menschenrechte und Demokratieverständnis.<br />
Allerdings hat die Türkei auf ihrem Weg in die (wie auch immer<br />
geartete EU) noch einen steinigen Weg vor sich. Erdogan wird, wenn<br />
er es ernst meint, keine Langeweile bekommen.
</p>
<p><b>Moderator:</b> Das war´s, unser tagesschau-Chat<br />
ist vorbei. Herzlichen Dank nach Istanbul an Herrn Pick, dass Sie<br />
sich Zeit genommen haben! Herzlichen Dank an alle User für<br />
Ihr Interesse! Das Protokoll gibt es wie gewohnt in Kürze auf<br />
den Seiten der Veranstalter www.tagesschau.de und www.politik-digital.de<br />
zu finden. Das tagesschau.de-team wünscht allen noch einen<br />
schönen Tag!</p>
]]></content:encoded>
					
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