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	<title>Wolfgang Thierse &#8211; politik-digital</title>
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	<title>Wolfgang Thierse &#8211; politik-digital</title>
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	<item>
		<title>Freche Selbstbedienungsmentalität mancher Vorstände einschränken</title>
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		<pubDate>Tue, 20 Jan 2004 23:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Chattranscripte]]></category>
		<category><![CDATA[Mannesmann-Prozess]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>
<b> Wolfgang Thierse war am 21. Januar 2004 zu Gast im tacheles.02 
Live-Chat von tagesschau.de und politik-digital.de.</b>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>
<b> Wolfgang Thierse war am 21. Januar 2004 zu Gast im tacheles.02<br />
Live-Chat von tagesschau.de und politik-digital.de.</b><!--break-->
</p>
<p>
<b><img decoding="async" src="http://www.politik-digital.de/salon/transcripte/images/wthierse.jpg" alt="Wolfgang Thierse" align="left" height="147" width="200" />Moderator:</b><br />
Liebe Politik-Interessierte, herzlich willkommen im tacheles.02-Chat.<br />
Die Chat-Reihe tacheles.02 ist ein Format von tagesschau.de und<br />
politik-digital.de und wird unterstützt von tagesspiegel.de und von<br />
sueddeutsche.de. Heute ist Bundestagspräsident Wolfgang Thierse zum<br />
Chat ins ARD-Hauptstadtstudio gekommen. <br />
Herzlich Willkommen, Herr Thierse, vielen Dank, dass Sie gekommen sind. Alles klar, können wir loslegen?
</p>
<p>
<b>Wolfgang Thierse:</b> Ja.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b><br />
Heute beginnt der Mannesmann-Prozess in Düsseldorf. Sie haben das<br />
Verhalten mancher deutscher Manager als Selbstbedienung kritisiert. Was<br />
versprechen Sie sich von einem solchen Prozess? Kann er ein Signal sein?
</p>
<p>
<b>Wolfgang Thierse:</b><br />
Ich glaube dass das von abschreckender Wirkung sein kann, die freche<br />
Selbstbedienungsmentalität mancher Vorstände einzuschränken.
</p>
<p>
<b>Franmke:</b><br />
Mannesmann-Prozess: Ackermann, Chef der Deutschen Bank, sagt: &quot;Das ist<br />
das einzige Land, wo diejenigen, die erfolgreich sind und Werte<br />
schaffen, deswegen vor Gericht stehen.&quot; Ihr Kommentar?
</p>
<p>
<b>Wolfgang Thierse:</b><br />
Er steht wegen einer umstrittenen Entscheidung des Aufsichtsrates über<br />
erhebliche Abfindungssummen vor Gericht, nicht wegen des Erfolgs oder<br />
Misserfolgs seines Unternehmens, der Deutschen Bank.
</p>
<p>
<b>Pankow:</b><br />
Politiker und Abgeordnete sitzen in Aufsichtsräten, auch SPDler. Ist<br />
der Interessenkonflikt lösbar oder sollte das verboten werden?
</p>
<p>
<b>Wolfgang Thierse:</b><br />
Ich bin für eine klare Unterscheidung zwischen politischem Mandat und<br />
wirtschaftlichen. Aktivitäten. Ein generelles Verbot könnte<br />
verfassungsrechtlich problematisch sein. Deshalb ist das wichtigste<br />
Instrument Transparenz, also die Veröffentlichung aller<br />
Nebentätigkeiten von Abgeordneten, damit die Bürger, vor allem die<br />
Journalisten, Interessenkollisionen kontrollieren können.
</p>
<p>
<b>kjhhh: </b>Wie<br />
kann denn so etwas abschrecken, wenn sich selbst die Führungsetage<br />
einer großen Bank an der Betriebsrente ihrer Angestellten vergreift?
</p>
<p>
<b>Wolfgang Thierse:</b><br />
Schon der unweigerlich peinliche Vorgang eines öffentlichen<br />
Gerichtsverfahrens könnte eine Warnung sein, nicht mehr so leichtsinnig<br />
und so &quot;kameradschaftlich&quot; bei der Vergabe von Abfindungen und<br />
ähnlicher Vergütungen zu verfahren.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Also auch unabhängig vom Ausgang des Mannesmann-Verfahrens oder auch anderer Verfahren, die noch anstehen?
</p>
<p>
<b>Wolfgang Thierse:</b><br />
Der öffentliche Vorgang einer gerichtlichen Nachkontrolle einer<br />
internen Entscheidung kann eine reinigende Wirkung haben. Ich hoffe es<br />
jedenfalls.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Haben wir da eine andere Unternehmenskultur:
</p>
<p>
<b>Abi: </b>Aber in den USA und GB  sind solche Geldzahlungen normal und die Demokratie ist deshalb nicht gleich gefährdet?
</p>
<p>
<b>Wolfgang Thierse:</b><br />
Ich bezweifle, ob die USA und Großbritannien die Normen für Normalität<br />
sein sollten. Im Übrigen gibt es auch in den USA gerichtliche Verfahren<br />
wegen grober Verstöße von Managern und Unternehmensführungen gegen<br />
rechtliche Regelungen.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Sie haben im<br />
Zusammenhang mit sehr hohen Managergehältern von einem &quot;obszönen<br />
Vorgang&quot; gesprochen und weitere deutliche Worte gewählt. Wie war die<br />
Reaktion aus der Wirtschaft?
</p>
<p>
<b>Wolfgang Thierse:</b>  Es gab keine.
</p>
<p>
<b>bun:</b><br />
Was meinen sie, welche objektiven Notwendigkeiten liegen vor, wenn der<br />
Vorstandsvorsitzende der BA bei Amtsantritt als erste Maßnahme sein<br />
Gehalt verdoppelt?
</p>
<p>
<b>Wolfgang Thierse:</b> Das ist ein<br />
Vorgang, den ich schlecht beurteilen kann. Über das Gehalt hat<br />
vermutlich der Verwaltungsrat der Bundesanstalt für Arbeit entschieden.<br />
Angesichts der Umwandlung des Bundesamtes in eine Agentur mit einer<br />
veränderten Aufgabenstellung ist diese Gehaltsveränderung<br />
offensichtlich als angemessen beurteilt worden.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Noch einmal zwei ähnliche Nachfragen zur Moral:
</p>
<p>
<b>TabalugaSport: </b>Was wären denn dann Normen für Normalität?
</p>
<p>
<b>Güli:</b> Aber ist nicht Erfolg ein legitimes Kriterium besser als Moral?
</p>
<p>
<b>Wolfgang Thierse: </b>Wenn<br />
Unternehmen erfolgreich sind, sind Gehaltserhöhungen auch besser zu<br />
vertreten. Ich habe kritisiert, dass selbst die Vorstände von<br />
Unternehmen, die nicht erfolgreich waren, sich ihre Gehälter erhöht<br />
haben. Das nenne ich obszön. Und grundsätzlich selbst für den Bereich<br />
der Wirtschaft sollten elementarste Regeln von Anstand und<br />
Gerechtigkeit gelten. Vor allem die wirtschaftlichen Eliten, die von<br />
den vielen Arbeitnehmern Flexibilität und Gehaltsverzicht verlangen,<br />
sollten die gleichen Maßstäbe für sich selber gelten lassen.
</p>
<p>
<b>bremen05:</b><br />
Wie sieht es eigentlich mit der Konsultation von Experten in der<br />
Politik aus? Hier findet doch eine für die Steuerzahler teure<br />
Verquickung von Beratungsbedarf und Selbstbedienungsmentalität statt.<br />
Wenn in der Politik schon bei Beraterverträgen so gemauschelt wird,<br />
warum soll man da mit dem Finger auf Wirtschaftsmanager zeigen?
</p>
<p>
<b>Wolfgang Thierse:</b><br />
Selbstkritik der Politiker ist notwendig. Aber Fehler von Politikern<br />
entschuldigen noch lange nicht die viel teureren Fehler in der<br />
Wirtschaft. Ich möchte sie mit einer einzigen Zahl verwirren: Die acht<br />
Vorstände der Deutschen Bank beziehen zusammen mehr Gehalt, als alle<br />
603 Bundestagsabgeordnete zusammen. Das sind die Relationen und ich<br />
schäume dabei nicht vor Neid.
</p>
<p>
<b>Freund:</b> Würden Sie als Bundestagspräsident Ihre monatliche Nettoentlohnung verraten?
</p>
<p>
<b>Wolfgang Thierse:</b> Die Bruttoentlohnung steht im Gesetz. Faktisch bleiben mir für mich und meine Familie etwa 30% davon. Kein Grund zur Klage.
</p>
<p>
<b>Erfolg3:</b><br />
Das Parlament ist schwach &#8211; Ausschüsse stark &#8211; Beratung teuer. Sind sie<br />
wie Don Quichotte, der gegen Windmühlen kämpft, in einer Gesellschaft,<br />
die nun mal anders funktioniert?
</p>
<p>
<b>Wolfgang Thierse:</b><br />
Ich verteidige gewiss das Parlament, seine Rechte, seine Würde, sein<br />
Selbstbewusstsein &#8211; nicht gegen Kritik, aber gegen Häme und<br />
Schmähungen, die in den letzten Jahren und Monaten erheblich zugenommen<br />
haben. Abgeordnete können nicht alles wissen. Sie bedürfen der<br />
Beratung, aber am Schluss sollen und müssen sie selbst entscheiden und<br />
ihre Entscheidungen verantworten. Das kann ihnen kein noch so kostbarer<br />
Ratgeber abnehmen.
</p>
<p>
<b>stereomer:</b> Was spricht<br />
dagegen, in der Politik Beraterverträge etc. offen zu publizieren, zum<br />
Beispiel im Internet, um größtmögliche Transparenz zu schaffen?
</p>
<p>
<b>Wolfgang Thierse:</b><br />
Ich bin für größtmögliche Transparenz bei der Vergabe von<br />
Beraterverträgen. Im Allgemeinen sollten sie den Regeln entsprechend<br />
ausgeschrieben werden.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Hätten Sie<br />
sich vorstellen können, dass der Maut-Vertrag &#8211; oder das was<br />
Abgeordnete und Journalisten dann nach langem Nachfragen als Auszüge<br />
erhalten haben &#8211; von vorneherein so veröffentlicht wird?
</p>
<p>
<b>Wolfgang Thierse:</b> Wir sollten zwischen Berateraufträgen und wirtschaftlichen Verträgen unterscheiden.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Ein anderes Thema. Zu unserer in der Ankündigung angeschnittenen Frage, &quot;Politik und Show&quot;:
</p>
<p>
<b>Schí¹ºí_ J.:</b><br />
Die Frage sollte nicht &quot;Zu viel Politik in den Talkshows?&quot; lauten,<br />
sondern vielmehr: &quot;Zu viele Talkshows in der Politik?&quot;<br />
Zwischenmenschliche Differenzen sollten angesichts der immensen<br />
politischen Verantwortung stetig ignoriert werden! Ein unmögliches<br />
Unterfangen, zugegeben! Die Politik verliert stetig an Glaubwürdigkeit,<br />
da der Betrachter Neid und Machtgehabe auf Seiten der Verantwortlichen<br />
spürt! Gibt es eine Lösung?
</p>
<p>
<b>Wolfgang Thierse:</b><br />
Ich wehre mich dagegen, dass Politik in der medialen Berichterstattung<br />
immer mehr personalisiert wird, als persönlicher Konflikt dargestellt<br />
wird. Diese Boulevardisierung der Politikberichterstattung verfälscht<br />
die tatsächliche, mühselige politische Auseinandersetzung um die Lösung<br />
schwierigster Sachprobleme. Das Unterhaltungsbedürfnis ist legitim,<br />
aber Politik sollte nicht vor allem zum Gegenstand der Befriedigung<br />
dieses Bedürfnisses gemacht werden.
</p>
<p>
<b>Kant:</b> Sind<br />
sie gegen Personalisierung? Ich finde das gar nicht so schlimm und<br />
verstehe ihre Aufregung nicht. Der Möllemann-Weg hat doch sein Ende<br />
gefunden. Die Zuschauer sind ja nicht dumm!
</p>
<p>
<b>Wolfgang Thierse: </b>Also,<br />
der Streit um Gesundheit/Renten/Steuer-Reformen ist ein Streit um<br />
schwierigste Sachverhalte. Ihn zu personalisieren, Sieg und Niederlage<br />
festzustellen, persönliche Eigenheiten in den Vordergrund zu stellen,<br />
hat nichts mit politischer Aufklärung zu tun, und erklärt dem<br />
interessierten Bürger nichts von dem wirklichen Problem.
</p>
<p>
<b>Phalc</b>: Kann man den Medien ein gewisses Niveau &quot;aufzwingen&quot; um sie dazu zu bringen mehr von den &quot;richtigen&quot; Themen zu berichten?
</p>
<p>
<b>Wolfgang Thierse: </b>Leider<br />
nein, mehr als Mahnung und gelegentlich Polemik und Kritik ist mir<br />
nicht möglich, Zensur ist nicht erlaubt und von mir auch nicht<br />
erwünscht.
</p>
<p>
<b>Moderator</b>: Wie ist Ihre persönliche Erfahrung. Haben Sie den Eindruck, dass Sie es in manchen Medien &quot;leichter&quot; haben?
</p>
<p>
<b>Wolfgang Thierse:</b><br />
Mir ist schon lieber, wenn ich in einem Interview die Chance habe, drei<br />
zusammenhängende Sätze mit drei Nebensätzen zu bilden, ohne<br />
unterbrochen oder gekürzt zu werden. Das geht natürlich bei seriösen<br />
Zeitungen besser als anderswo.
</p>
<p>
<b>stereomer:</b> Das<br />
Problem ist doch, dass aufgrund des mangelnden Politikinteresses der<br />
Bevölkerung die Politik immer mehr Show bieten muss, um wahrgenommen zu<br />
werden. Sollte nicht versucht werden, die Bürger stattdessen stärker<br />
einzubinden? Oft entsteht der Eindruck, der Bürger hat kaum<br />
Möglichkeiten, Einfluss zu nehmen.
</p>
<p>
<b>Wolfgang Thierse:</b><br />
Politik sollte ständig eine Einladung sein, mit zu diskutieren. Das<br />
setzt allerdings Informiertheit des Bürgers voraus, also das Angebot<br />
von Informationen, und nicht bloß das Angebot von Stimmungen.<br />
Gegenwärtig sind manche Medien vor allem damit beschäftigt,<br />
Untergangsstimmung zu verbreiten nach dem Motto: &quot;Wir malen so lange<br />
schwarz, bis alle oder jedenfalls die meisten schwarz wählen!&quot;
</p>
<p>
<b>holger m.:</b> Ist Politik heute überhaupt noch im Alltag vermittelbar? Sind die Sachfragen nicht viel zu komplex geworden?
</p>
<p>
<b>Wolfgang Thierse:</b><br />
Die Sachverhalte sind komplex. Deswegen hat Politik einen viel größeren<br />
Erklärungsbedarf, aber jede Einzelne kann das Problem verstehen, das<br />
wir z.B. mit unseren Renten haben. Wenn alle älter werden und länger<br />
Rente beziehen und länger Gesundheitsdienstleistungen in Anspruch<br />
nehmen, wird das Ganze teurer. Dafür muss man eine Lösung finden, ohne<br />
die Jungen zu sehr zu belasten und ohne die Alten zu sehr zur Kasse zu<br />
bitten. Das ist der Kern des Streits. Die Antworten darauf sind<br />
gelegentlich verwirrend, erfolgen im Fachjargon. Aber Politiker und<br />
Journalisten haben die Pflicht, diese Antworten wieder in die<br />
verständliche Sprache des Bürgers zurück zu übersetzen.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Zwei Kommentare zur Schwarzmalerei:
</p>
<p>
<b>Kampmann:</b> Untergangsstimmung kann manchmal auch heilsam und Prophylaxe sein.
</p>
<p>
<b>abusin:</b><br />
Das glaube ich allerdings nicht, Herr Thierse, dass wir es hier<br />
tatsächlich mit Schwarzmalerei zu tun haben. Eines ist sehr sicher,<br />
Politikverdrossenheit fängt auch schon bei Jugendlichen an. Eine sehr<br />
heikle Thematik.
</p>
<p>
<b>Wolfgang Thierse:</b><br />
&quot;Politikverdrossenheit&quot; ist ein Begriffskübel, in den höchst<br />
Unterschiedliches geschüttet wird, häufig auch die Bequemlichkeit, sich<br />
den Anstrengungen von Politik gemütlich entziehen zu können. In<br />
Deutschland wird Katastrophenstimmung inszeniert, aber &quot;Newsweek&quot;<br />
bescheinigt Deutschland, wirtschaftlich und politisch und<br />
zivilisatorisch der zweitmächtigste Staat der Welt zu sein. Wie passt<br />
das zusammen? Veränderungsschmerzen verstehe ich, aber die Ablehnung<br />
von Veränderungen wäre für unser Land fatal.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b><br />
Ich schließe aus Ihren Worten, dass Sie die berühmte &quot;Stimmung&quot; im Land<br />
für sehr wichtig halten. Wie bedeutend ist sie in der Politik und wie<br />
sehr richtet sie sich darauf aus?
</p>
<p>
<b>Wolfgang Thierse:</b><br />
Stimmungen entstehen nicht nur, sie werden auch erzeugt um politischer<br />
Wirkungen willen. Zum Beispiel um die Wähler zu beeinflussen, um<br />
bestimmte Umfrageergebnisse zu beeinflussen. Politiker sollten sich<br />
nicht einfach nach Stimmungen richten, sondern das notwendige tun. Aber<br />
sie sind natürlich nicht gänzlich unabhängig von der Stimmungslage<br />
einer Nation. Trotz der schlechten Stimmung ist Schröder, die SPD mutig<br />
genug, den angestauten Veränderungsnotwendigkeiten nicht mehr<br />
auszuweichen, auch um den Preis schlechter Umfrage- und Wahlergebnisse.<br />
Feigheit also kann man der SPD nicht vorwerfen.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Wer erzeugt Ihrer Meinung nach Stimmungen. Ein Beispiel?
</p>
<p>
<b>Wolfgang Thierse:</b><br />
Die Bild-Zeitung hat eine Leserschaft von 10 bis 12 Millionen, ist also<br />
ein außerordentlich wichtiges Medium für die Stimmung im Lande.
</p>
<p>
<b>Moderator:</b> Das &quot;Da sind wir beim Thema&quot; bezieht sich auf die gerade von Ihnen angesprochen Reformvorhaben:
</p>
<p>
<b>MaW:</b><br />
Da sind wir beim Thema. Dem Volk wird Sparen verkauft &#8211; und oben (vor<br />
allem der Wirtschaft) werden die &quot;Taschen gefüllt&quot;. Jede Moral ist<br />
verloren. Die meisten würden mitsparen und Einschränkungen akzeptieren,<br />
wenn es nicht eben ganz vorwiegend die beträfe, die unter der<br />
Beitragsbemessungsgrenze liegen!
</p>
<p>
<b>Wolfgang Thierse:</b> Das ist ein verständlicher Einwand. Darauf zwei unterschiedliche Antworten:<br />
1. Bei der notwendigen Verteilung von Schmerzen muss es fair und gerecht zu gehen.<br />
2. Die gröbste Ungerechtigkeit in unserem Land ist die<br />
Massenarbeitslosigkeit. Es ist also Gerechtigkeitspolitik alles zu tun,<br />
was Wirtschaftswachstum fördert und Arbeitsplätze entstehen lässt.<br />
Dafür brauchen Unternehmen eben auch finanziellen Spielraum. Das<br />
schränkt die Möglichkeit ein, sie zur Kasse zu bitten, auch und gerade<br />
im internationalen Vergleich. Deutschland darf einfach nicht erheblich<br />
höhere Steuer- und Soziallasten haben, als die konkurrierenden<br />
Volkswirtschaften, sonst wird anderswo investiert.
</p>
<p>
<b>Franmke:</b> Steuer-Amnestie: Ist das gerecht, die Reichen davon kommen zulassen? Ich finde die Pläne von Eichel zweifelhaft!
</p>
<p>
<b>Wolfgang Thierse:</b><br />
Ich muss sie daran erinnern, dass bei den verschiedenen Schritten<br />
unserer Steuerreform zunächst die Eingangssteuersätze stärker gesenkt<br />
worden, also die unteren Einkommen stärker entlastet worden sind als<br />
die Spitzeneinkommen!
</p>
<p>
<b>Moderator: </b>Ein kleiner Themenwechsel:
</p>
<p>
<b>Scheinheilig:</b><br />
Die CDU will das Kopftuch von Lehrerinnen zwar aus der Schule fern<br />
halten, das christliche Kreuz aber ausdrücklich weiter zulassen. Ist<br />
das nicht paradox und verfassungswidrig?
</p>
<p>
<b>Wolfgang Thierse:</b><br />
Der Unterschied ist wichtig: Das Kreuz ist ein rein religiöses Symbol,<br />
kein Symbol der Unterdrückung mehr. Das Kopftuch aber wird von sehr<br />
vielen muslimischen Frauen nicht nur als religiöses Symbol empfunden,<br />
sondern auch als ein Symbol der Unterdrückung der Frau. Das<br />
widerspricht dem Gleichberechtigungsgrundsatz unserer Verfassung.
</p>
<p>
<b>Hamsterpopper:</b> Ist es überhaupt möglich, Schule und Glauben mit einander zu verbinden?
</p>
<p>
<b>Wolfgang Thierse:</b><br />
Religion ist ein Teil unserer Welt, nicht nur ein Teil unserer<br />
Vergangenheit, sondern auch der Gegenwart. Deswegen gehört sie<br />
vernünftiger weise auch in die Schule. Wie das konkret geschieht<br />
,darüber muss sich die Gesellschaft immer wieder neu verständigen.
</p>
<p>
<b>holger m.:</b> Wird nicht in der aktuellen Diskussion um das Tragen des Kopftuches Islam und Islamismus zu stark gleichgesetzt?
</p>
<p>
<b>Wolfgang Thierse:</b><br />
Ich bin sehr für die Unterscheidung von Islam und Islamismus. Für viele<br />
wird aber das Kopftuch gerade als ein Zeichen sich verstärkenden<br />
Islamismus empfunden. Wie ist zu erklären, dass in Berlin-Kreuzberg die<br />
Zahl der kopftuchtragenden Frauen und Mädchen rapide zugenommen hat?
</p>
<p>
<b>Moderator: </b>Was<br />
wiegt mehr: die Sicht der Außenstehenden &#8211; nicht Kopftuchträgerinnen &#8211;<br />
oder die derjenigen, die &#8211; aus welchen Gründen auch immer &#8211; Kopftuch<br />
tragen?
</p>
<p>
<b>Wolfgang Thierse:</b> Ich berufe mich bei meiner Einschätzung des Kopftuchs ausdrücklich auf islamische Frauen. Das ist keine Außensicht.
</p>
<p>
<b>Sozialstaat_ade:</b> Aber es gibt doch auch fundamentalistische Christen, auch in der BRD. Hier wird doch das Kreuz auch politisch genutzt&#8230;
</p>
<p>
<b>Wolfgang Thierse:</b><br />
Dafür müssten sie mir schon Beispiele nennen, ich kenne keines. Das<br />
Christentum hat in einer mehrere hundert Jahre alten Geschichte die<br />
Unterscheidung von Religion und Politik und die Trennung von Kirche und<br />
Staat gelernt, akzeptiert und sogar wesentlich zu dieser Entwicklung<br />
beigetragen. Dies ist ein Fundament des religiösen Friedens in Europa,<br />
die Grundlage von selbstverständlich gewordenem Pluralismus. All dies<br />
lehnt der Islam, besonders aber der Islamismus entschieden ab. Darin<br />
liegt ein Problem, das im Kopftuchstreit sichtbar wird.
</p>
<p>
<b>Sozialstaat_ade:</b> Als Beispiel dazu fällt mir ein: Partei Bibeltreuer Christen.
</p>
<p>
<b>Wolfgang Thierse:</b> Von der Partei ist nichts anderes bekannt als die erfolglose Teilnahme an Wahlen. Na und?
</p>
<p>
<b>victor:</b><br />
Also steht die Ansicht der islamistischen Frauen, welche kein Kopftuch<br />
tragen wollen, über denen, welche es aus Überzeugung tragen wollen?
</p>
<p>
<b>Wolfgang Thierse:</b><br />
Die Frage im Zentrum ist die Frage nach der Anerkennung der Grundwerte<br />
unserer Verfassung. Diese Frage können wir islamgläubigen Bürgern<br />
dieses Landes nicht ersparen. Selbstverständlich bin ich nicht für ein<br />
generelles Verbot des Kopftuches. Es geht bei dem Streit nur um das<br />
Kopftuch einer Lehrerin, die eine Autoritätsperson gegenüber Kindern<br />
ist. Ich schlage nicht unbedingt den französischen Weg vor: Chirac<br />
verlangt ein generelles Kopftuchverbot in Schulen und öffentlichen<br />
Institutionen. Was Staatsdiener, die in einem besonders verpflichtenden<br />
Treueverhältnis zu Staat und Grundgesetz stehen, tun dürfen oder nicht,<br />
um diese eingeschränkte Frage geht es.
</p>
<p>
<b>agendaa:</b> Ist das Geschachere um das Amt des Bundespräsidenten nicht unwürdig für diese Position? Die Parteien sind zu stark!
</p>
<p>
<b>Wolfgang Thierse:</b><br />
Um Personalien gibt es halt immer Streit. Über Personalienstreit<br />
berichten Journalisten halt besonders gerne. Dazu muss man halt nicht<br />
sonderlich intelligent oder fleißig sein. Ich hoffe, wir haben den<br />
Streit bald hinter uns.
</p>
<p><b>Moderator:</b> Leider ist<br />
unsere Zeit bereits um. Vielen Dank an alle User für das große<br />
Interesse. Vielen Dank, Herr Thierse, dass Sie sich Zeit für den Chat<br />
genommen haben, wir laden Sie hier gleich mal schon für eine<br />
Wiederholung ein. Das Transkript dieses Chats finden Sie auf den Seiten<br />
der Veranstalter. Noch ein Terminhinweis: Unser nächster Chat ist in<br />
einer Woche am Mittwoch, 28. Januar um 13.00 Uhr. Dann kommt die neue<br />
Patientenbeauftragte der Bundesregierung, Helga Kühn-Mengel zu einem<br />
Gesundheitsreform-Chat zu uns. Das tacheles.02-Team wünscht allen noch<br />
einen angenehmen Tag! Vielen Dank für die vielen Fragen!</p>
]]></content:encoded>
					
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			</item>
		<item>
		<title>&#8220;Was hätte ich für eine ruhige Amtszeit&#8230;&#8221;</title>
		<link>https://www.politik-digital.de/chattranscripte/quotwas_haette_ich_fuer_eine_ruhige_amtszeitquot-413/</link>
					<comments>https://www.politik-digital.de/chattranscripte/quotwas_haette_ich_fuer_eine_ruhige_amtszeitquot-413/#respond</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[admin]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 06 Feb 2001 23:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Chattranscripte]]></category>
		<category><![CDATA[Bundespolitik]]></category>
		<category><![CDATA[SPD]]></category>
		<category><![CDATA[Rechtsextremismus]]></category>
		<category><![CDATA[Parteispende]]></category>
		<category><![CDATA[CDU-Spendenaffäre]]></category>
		<category><![CDATA[Wolfgang Thierse]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://www.politik-digital.de/uncategorized/quotwas_haette_ich_fuer_eine_ruhige_amtszeitquot-413/</guid>

					<description><![CDATA[<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,helvetica">
<b>Wolfgang Thierse im Chat am 7. Februar 2000</b></span>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><span style="font-size: x-small; font-family: Arial,helvetica"><br />
<b>Wolfgang Thierse im Chat am 7. Februar 2000</b></span><!--break--><span style="font-size: x-small; font-family: Arial,helvetica"><br />
</span></p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,helvetica">Die Amtszeit hätte ruhiger werden<br />
können. Nun aber hat Bundestagspräsident Wolfgang Thierse rund um die<br />
Uhr zu tun: Die CDU-Spendenaffäre und die aktuelle rechtsradikale<br />
Problematik halten ihn auf Trab. Auch im Chat von politik-digital und<br />
stern.de wollten die User vor allem Antworten zu diesen Themen.<br />
</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,helvetica"><i>&quot;Ein erstaunliches Urteil&quot;</i> befand der stellvertretende SPD-Vorsitzende  auf die Aufhebung der 41 Millionen Strafe für die CDU angesprochen. <i>&quot;Die Wirkung dieses Urteils auf das Rechtsbewusstsein der Bürger als Steuerzahler sind schwer zu kalkulieren.&quot;</i> Thierse erklärte der Chatgemeinde, er werde sich nun eingehend juristisch beraten und dann entscheiden <i>&quot;ob ich in die zweite Instanz gehe&quot;</i>. Ein Chatter wollte wissen, ob Thierse den Ruin der CDU vorhabe. Dazu der Bundestagspräsident: <i>&quot;Nein,<br />
entschieden nein. Gesetze gelten für alle Parteien, das<br />
Transparenzgebot des GG auch. Im Übrigen sollte man mir nicht<br />
vorwerfen, dass es in der CDU Spendenaffären gegeben hat.&quot;</i><br />
</span>
</p>
<p>
<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,helvetica">Freiwillig und engagiert hingegen<br />
ist sein Einsatz gegen rechte Gewalt, mit dem Wolfgang Thierse sich<br />
einen Namen gemacht hat. Das Scheitern der historisch-politischen<br />
Bildung, fehlende Aufklärung im Elternhaus und jugendliche Ignoranz<br />
seien mit Schuld daran, dass viele junge Menschen den<br />
Nationalsozialismus positiv bewerten. <i>&quot;Ein entsetzlicher Befund&quot;</i> meinte Thierse und räumte ein, dass vor allem in Ostdeutschland die SED-Vergangenheit mit Schuld trage: <i>&quot;Autoritäre<br />
Prägungen, mangelnde Konflikterfahrungen, das Eingesperrt-Sein &#8211; all<br />
das hat dazu geführt, dass der Umgang mit Fremden und Fremdem nicht<br />
gelernt wurde&quot;</i>. Die Bundesregierung, so der stellvertretende<br />
SPD-Vorsitzende, habe aber seit letztem Sommer zahlreiche Programme<br />
gegen Rechts auch finanziell ausgestattet. Thierse hält nach eigenen<br />
Angaben nicht nur seine Kinder dazu an <i>&quot;sich politisch zu engagieren&quot;</i>,<br />
er gab auch der Chatgemeinde den Rat, sich beim jeweiligen<br />
Bundestagsabgeordneten über Förderung für Projekte gegen Rechts zu<br />
informieren.<br />
</span>
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<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,helvetica">Und beim Thema Geld verriet<br />
Thierse auch gleich noch ein offenes Geheimnis, nämlich die Höhe der<br />
Abgeordnetendiäten. Mangelnder Verdienst sei allerdings nicht schuld<br />
daran, dass er sich den Bart so selten stutzen lasse, meinte Thierse<br />
mit einem digitalen Augenzwinkern: <i>&quot;Früh hat der Frisör noch zu und nachts, wenn ich wiederkomme, ist er auch wieder zu.&quot;</i> &#8211; Vielleicht findet sich ja Berliner Coiffeur, der in den Reichstag kommt, Herr Bundestagspräsident?<br />
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<span style="font-size: x-small; font-family: Arial,helvetica"><b>Das ausführliche Transkript finden sie <a href="http://www.stern.de/news/chat/2001/01/26/chat_thierse.html" target="_new" rel="noopener noreferrer">hier</a>.</b><br />
<!-- Content Ende --></p>
<table border="0" cellpadding="2" cellspacing="0" width="390">
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			</center>
			</td>
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<!-- Ende --></p>
<table border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" width="540">
<tbody>
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<td bgcolor="#000000" height="1" width="420"><spacer type="block" height="1"></spacer></td>
</tr>
</tbody>
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