Während die Corona-Beschränkungen nach und nach gelockert werden, das öffentliche Leben langsam wieder Fahrt aufnimmt, kann im digitalen Raum beinahe schon aufgeatmet und auf eine turbulente Zeit zurückgeblickt werden.

Es entsteht der Eindruck die Gesellschaft sei durch die Corona-Krise enger zusammengerückt. In kürzester Zeit entstanden Solidaritätsaktionen für den Erhalt lokaler Kulturbetriebe, Restaurants und Bars. Doch die Aufmerksamkeit liegt nicht allein auf Themen vor der eigenen Haustür.
Joana Breidenbach, Mitbegründerin von betterplace.org, Deutschlands größter Spendenplattform mit Fokus auf sozialen Projekten, berichtet von einer Verzehnfachung der Spenden in den letzten drei Monaten. Der Meilenstein von 100 Millionen gesammelten Euro wurde somit vor kurzem erreicht. Es scheint, als würde in Krisenzeiten eine Welle der Solidarität durch die Bevölkerung rollen. Auch die Politik stellt mittlerweile Hilfstöpfe für Betroffene der Corona-Krise bereit, doch die engagierte Zivilgesellschaft war hier schneller.
Groß angelegte Maßnahmen zur Strukturförderung gegenüber gezielten Eingriffen in konkreten Fällen. Ein ewiger Gegensatz? Auf der einen Seite eine behäbig wirkende, langsam agierende Politik auf der anderen Seite eine reaktionsfreudige schnelle Zivilgesellschaft?
Diesen und anderen Fragen wurde sich im letzten Jour fixe der Debate Academy @YouTube gewidmet. Gemeinsam mit  Joana Breidenbach, Internetunternehmerin und Mitbegründerin von betterplace.org, der Influencerin Louisa Dellert und EVP-Fraktionsvorsitzendem Manfred Weber diskutierten wir über die Bedeutung von Digitalen Möglichkeiten für Zivilgesellschaft, Creator-Szene und Politik. Aus völlig verschiedene Lebenswelten und somit verschiedenen Perspektiven, gemeinsam „Digital für eine bessere Welt“

Was ist die Debate Academy @ YouTube Space?

Die Debate Academy @ Youtube wurde gemeinsam von politik-digital und von YouTube Berlin als einzigartiger Think-and-Do-Tank konzipiert. Im Fokus sollte ein breites Angebot verschiedener Formate, von Trainings über Diskussionen bis hin zu interaktiven und unterhaltsamen Lernerfahrungen reichen. Der Ort, an dem die Events stattfinden sollten: der Youtube Space in Berlin Mitte.

Aufgrund der neuen Corona-Realität wurde die Debate Academy kurzerhand ins Internet verlegt. Die regelmäßigen Jours Fixes, in denen aktuell relevante Themen von Hate Speech bis zu digitalen Beteiligungsmöglichkeiten diskutiert werden, finden vorerst nicht im Youtube Space, sondern auf Youtube selbst statt. Die Debate Academy will aber weiterhin – wenn auch virtuell – zu einem einzigartigen Treffpunkt für YouTube-Creator, politische MandatsträgerInnen, aber auch AkteurInnen der Zivilgesellschaft werden

Mit dabei waren bereits spannende Gäste von Doro Bär, Renate Künast, über Marina Weisband, Richard Gutjahr, Lars Klingbeil bis hin zu Diana zur Löwen.

Nach gewohnter Debate Academy Manier stimmte ein kurzer Impuls in die Diskussion ein. Joana Breidenbach, die sich seit Jahren aus unterschiedlichen Perspektiven mit der Digitalisierung und ihren Folgen auseinandersetzt beobachtet, dass bislang die meisten zivilgesellschaftlichen Akteure nur einen kleinen Ausschnitt der Möglichkeiten nutzen. Ein „digitales Mindset“ scheint noch nicht überall angekommen zu sein. Dabei gäbe es gerade jetzt die Chance partizipativer und kollaborativer als bisher zu arbeiten. Jemand der sich mit Kollaborationen auskennen sollte ist Manfred Weber. Als Vorsitzender der EVP-Fraktion, der größten Fraktion im Europäischen Parlament mit Mitgliedern aus 26 verschiedenen Nationen, ist er es gewohnt nicht nur über Ländergrenzen, sondern auch über verschiedenste Mentalitäten hinweg zu koordinieren und kommunizieren. „Da prallen Welten aufeinander“, findet er. Die ohnehin komplexe Welt der Politik wird dadurch noch unübersichtlicher.

Eine Komplexität die auf den ersten Blick unvereinbar mit der enormen Geschwindigkeit der digitalen Welt steht. Ein „Digitales Mindset“ in der Politik? Wünschenswert, aber in der Realität selten anzutreffen. Zu vielschichtig scheint die politische Welt zu sein, zu viele Themen, zu viele Akteure, zu viele Interessen. Behäbig und langsam wirkt dieser Apparat nach außen hin. „Ich habe das Gefühl, dass Politik oft erst reagiert, wenn es einen Skandal gibt und ganz Social Media darüber redet […], dass oft in der Politik gar nicht so viel passiert“, fasst Louisa Dellert dieses Gefühl zusammen.

Unverständnis als Resultat mangelnder Kommunikation

Die Debatte um mehr Kommunikation und mehr Transparenz in der Politik ist nicht neu, Bestrebungen um ein zentrales Lobbyregister, ausgelöst durch den Fall Amthor, feuern sie derzeit wieder an. Und doch sind es häufig eben nicht PolitikerInnen, die sich im Netz dazu äußern. Kommunikation als Teil eines „Digitalen Mindsets“. Weniger komplex wird das politische Tagesgeschehen dadurch sicher nicht, aber es führt zu mehr Verständnis für eben diese Komplexität.

Meinungen vs. Stimmungen / Komplexität vs. Schnelllebigkeit

Die Politik muss auch gar nicht weniger komplex werden. Sie soll ein Ort für Aushandlungen und Prozesse sein. Nicht alles was in einem Moment als richtiger Weg erscheint übersteht den Test der Zeit.
Die Schnelllebigkeit des Digitalen kann zum Stolperstein werden. Diskussionen im Netz sind geprägt durch Emotionen. Per se ist das nichts schlechtes, sind Emotionen und Stimmungen doch häufig Auslöser von Engagement. Doch nicht umsonst sprechen wir vom Meinungsbildungsprozess. Stimmungen überdenken, sich mit anderen austauschen. Andere Standpunkte verstehen und den eigenen reflektieren. All das nimmt Zeit in Anspruch und das darf es auch. Diese Aushandlungsprozesse sind der Kern der Politik. „Es geht um Meinungen nicht um Stimmungen, ich wünsche mir, dass Menschen Meinungen haben und nicht Stimmungen betreiben“, resümiert Weber. Durch digitale Möglichkeiten können diese Prozesse effizienter gestaltet werden, stellenweise vereinfacht – abgelöst werden, sollten sie aber nicht.

Dennoch steht die Politik in der Verantwortung digitale Möglichkeiten aufzugreifen. Nicht nur als Nutzer, sondern eben auch als Vermittler. „Die Digitalisierung geht ja nicht mehr weg“, betont Louisa. Längst ist unser Alltag durch sie geprägt, doch fehlt es oft am richtigen Umgang. Digitale Kompetenzen, müssen gelernt werden. In den Schulen, wie die Runde immer wieder betont, aber auch außerhalb.
So oder so: „Die Digitalisierung löst einen evolutionären Druck auf uns Menschen aus“. stellt Breidenbach fest. Es reicht eben nicht einen “Haufen neuer Tools einzuführen” , sondern es verlangt Bereitschaft sein bisheriges Handeln zu hinterfragen und sich auf neue Möglichkeiten einzulassen.
Auf Seiten der Politik gilt es Berührungsängste abzubauen, auf Seiten der Zivilgesellschaft braucht es Verständnis für die komplexen Vorgänge in der Politik.
Der Schlüssel ist wie so häufig mehr Kommunikation, mehr Austausch führt zu mehr Zusammenarbeit und letztendlich zu mehr Verständnis. Die Grenzen zum Dialog sind niedriger denn je, denn wie Joana Breidenbach treffend äußert  “Digitale Medien sind eine Art positiver Gleichmacher”.

Das ganze Gespräch steht als Aufzeichnung auf YouTube zur Verfügung:

Photo by Tim Mossholder on unsplash