Frisch aus der Sommerpause meldet sich die Debate Academy @ YouTube unter dem Titel “Talking Politics – Da geht noch was!” zurück. Spätestens durch Rezos virales Video “Die Zerstörung der CDU” ist klar, dass YouTube zu einem politischen Ort geworden ist. Wir haben uns angeschaut was Online-Formate im Gegensatz zu klassischen Polit-Talkshows leisten können, wie Inhalte für eine jüngere Zielgruppe aufbereitet werden und was Politik und Journalismus dabei voneinander lernen können.

Darüber haben wir mit Melanie Stein, Redakteurin und Moderatorin des YouTube-Formats ‘Diskuthek’ (STERN), Jonas, einem der zwei Köpfe hinter dem YouTube-Kanal Simplicissimus, und Ricarda Lang, der stellvertretenden Bundesvorsitzende und frauenpolitischen Sprecherin Bündnis 90/ Die Grünen, diskutiert.

Fernsehen vs. Internet

Direkt zu Beginn stellt Melanie Stein einen zentralen Unterschied zwischen den Moderator*innen in klassischen TV-Talkshows und YouTube heraus. Während sie im Fernsehen häufig die Rolle des Vermittelnden einnehmen, darf in den “neuen” YouTube-Formaten auch die Meinung der Moderation platz finden – diese Talksendungen setzen häufiger auf Meinungsstärke. Während beispielsweise bei “Maybritt Illner” oder “hart aber fair” wert auf neutrale Positionen gelegt wird, ist die Meinung der Creator*innen auf YouTube meist elementarer Bestandteil der Sendung.

Die Möglichkeit der Meinungsäußerung ermöglicht einen direkten Diskurs, nicht nur im Austausch mit anderen Zuschauer*innen, sondern eben auch direkt mit den Creator*innen des Contents, eine Chance die meisten TV-Sendungen nicht mit sich bringen.
Der Diskurs ist dabei nicht nur auf die Kommentarsektion unter den jeweiligen Videos beschränkt. Jonas von Simplicissimus erklärt, dass ein zentraler Punkt die Glaubwürdigkeit und faktenbasiertes Arbeiten in den Videos ist. Jede Aussage wird mit Quellen unterlegt und diese auch von den Zuschauer*innen nachverfolgt – ein großer Vorteil gegenüber den klassischen Talkshows um die Debatte noch weiter zu öffnen.

Eine Entwicklung die auch Andreas Briese (Director YouTube Partnerships) beobachtet: YouTube sei längst nicht mehr “die Plattform kurzer Videos”, mittlerweile halte sie immenses partizipatorisches Potential in sich. Zwar fördert dies eine tiefgehende Debatte, aber auch nicht jedes Kommentar dieser dienlich, beobachtet Melanie Stein.

Trotzdem bleibt grundsätzlich “die Technik […] überlegen” fasst Jonas, die vielfältigen Austauschmöglichkeiten auf YouTube und Social Media, zusammen

Generationendiskurs

Klar ist aber auch, dass nicht jede*r diese Angebote nutzt. Trotzdem erreichen die meisten Netzformate insbesondere eine jüngere Zielgruppe, nicht zuletzt eine Generation von “digital natives”, die mit dem Austausch auf sozialen Netzwerken bestens vertraut sind. Diese Kommunikation ist ein Ausdruck von Diversität. Die abendliche Polit-Talkshow hingegen steht nicht unbedingt für ein diverses Teilnehmer*innenfeld, stellt das Progressive Zentrum in einer aktuelle Studie fest.

Ein Punkt, den besonders Ricarda Lang kritisiert. Durch die immer gleichen Gesichter im Talkrunden leide auch das Bild der Partei. “Eine Partei ist ein Block, eine Partei hat eine Meinung” sei der Eindruck, der dadurch häufig entstehe. Dass es durchaus auch innerhalb einer Partei zu Differenzen kommt und nicht jedes Mitglied die gleichen Meinungen teilt würde durch die Talkrunden nur selten abgebildet.
Dies mache Politik, gerade für junge Leute, häufig unattraktiv, so die stellvertretende Bundesvorsitzende des Bündnis 90/Die Grünen. Ein Trend, dem Online-Formate entgegenstehen können. Durch ein abwechslungsreiches Teilnehmerfeld kann die Diversität einer Partei hervorgehoben und politisches Engagement wieder attraktiver werden.

Und wie gehts weiter?

Insbesondere mit Blick auf die kommende Bundestagswahl 2021 wird sich der politische Diskurs, auch auf YouTube in der Kommentarsektion verschärfen, meint Jonas von Simplicissimus. Wichtig sei, dass man als Creator*in, der bzw. die politische Themen produziert, darauf vorbereitet sei. Ob durch neue, kluge Formate mit bunten Akteur*innen oder durch noch mehr Austausch. Eine aktive Community kann dann ihrerseits eine regulierende Rolle einnehmen um den Diskurs zu entschärfen.

YouTube als Plattform kann hier seinen Teil leisten. Indem gesellschaftliche Verantwortung ernst genommen wird, geringe Hürden für das Setzen neuer Themen vorgeben und Formate in Szene gesetzt werden. Soziale Medien bieten die Chance eines breiten Diskurses. Häufig entsteht der Eindruck, dass “das Internet die Debatte dahingehend verändert, dass wir viel mehr zuspitzen”, so Melanie Stein. Journalistische Formate hingegen können, ob im TV oder auf YouTube, dazu dienen, Themen in ihrer ganzen Vielfalt zu beleuchten und dadurch den öffentlichen Diskurs anregen.

Das ganze Gespräch steht als Aufzeichnung auf YouTube zur Verfügung:

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