Zum Jahresabschluss der Debate Academy @ YouTube haben wir unter dem Titel “Diskurs im Ausnahmezustand: Wie debattiert Deutschland?” einen Rückblick auf die politischen Debatten des Jahres 2020 geworfen. Gemeinsam mit uns diskutierten die Bundesvorsitzende der SPD Saskia Esken, das ehemalige CDU-Bundestagsmitglied Ruprecht Polenz, die Bundessiegerin Jugend Debattiert Emma de Bourdeille und Youtuberin und Autorin Lisa Sophie Laurent über Veränderungen von Diskursen durch Corona, das Thema Cancel Culture und YouTube als politische Plattform.

Corona-Krise: Thema des Jahres

Auf die Frage, welche Debatte das Jahr 2020 bestimmt hat, waren sich unsere  Podiumsgäste wenig überraschend einig: Die Corona-Pandemie. Saskia Esken betonte zu Beginn deutlich, dass der politische Druck besonders groß und davon auch der Diskurs geprägt ist und war. Sie resümierte, dass die “Debatte insgesamt nicht härter geworden ist”, trotz großer Emotionalität, die das Thema bei den Menschen hervorgerufen hat. Insbesondere wenn persönliche Gefühle mitschwingen, rücken Fakten in Diskussionen schnell in den Hintergrund, bemerkt auch Emma de Bourdeille. Die Auseinandersetzungen rund um die Covid 19-Pandemie habe verdeutlicht, dass ganze Gruppen von Menschen sich aus dem faktenbasierten, öffentlichen Diskurs verabschiedet haben, so die Teilnehmer*innen der Diskussionsrunde.

Letztendlich war man sich einig, dass in einer Demokratie ein gemeinsamer Wissensstand für eine Debatte notwendig ist, um auf die Sorgen aller Menschen gleichberechtigt eingehen zu können.

Cancel-Culture

Ein weitere aufmerksamkeitsstarke Debatte formierte sich 2020 rund um das Thema “Cancel Culture”. Der Begriff soll zum Ausdruck bringen, dass es einen vermutlichen systematischen öffentlichen Boykott von Personen oder Organisationen gibt, denen beleidigende oder diskriminierende Aussagen oder Handlungen vorgeworfen werden. Insbesondere in diesem Jahr wurden auf dem Nachrichtendienst Twitter Stimmen laut, dass dominierende Meinungsführer*innen versuchen, abweichende Positionen und deren Absender*innen vorsätzlich zu untergraben.

Ruprecht Polenz fand dazu deutliche Worte und nannte diese Vorstellung eine „groteske Verzerrung der Realität“. Zwar gebe es eine vergleichsweise breite Übereinkunft zu bestimmten Themen innerhalb unserer Gesellschaft, jedoch sei die „unerklärliche Wehleidigkeit einer Kritik gegenüber der eignen Position“ unangebracht. In offenen pluralistischen Demokratien sieht er keine Anhaltspunkte für eine bestehende Cancel-Culture. Hierfür müsse man einen Blick auf die aktuelle Situation in Ländern wie Belarus oder Türkei werfen. Hier drohen Bürger*innen und Journalist*innen lange Gefängnisstrafen für kritische Meinungen.

Saskia Esken schloss sich dieser Ansicht an. Meinungsfreiheit heiße nicht, seine Meinung kundtun zu können, ohne mit Widerspruch rechnen zu müssen. Diesen müsse man man als Mensch oder „als Politiker*in schon aushalten können“, so Esken weiter.

Politische Meinungsstärke mehr denn je gefragt

Auch die Rolle von YouTube als Ort für politische Diskussionen wurde im Weiteren diskutiert. “YouTube ist immer mehr eine Plattform für ernste, politische Themen” geworden, erklärt Andreas Briese von YouTube Deutschland, der sich als Co-Gastgeber ebenfalls an der Diskussion beteiligte. Die reine Konsumzeit von Videos auf der Plattform hat sich erhöht: einerseits zur reinen Unterhaltung, andererseits aber auch als Informationsquelle für gesellschaftspolitische Themen. So war das meistgesehene Video 2020 “Corona geht erst gerade los”, der Wissenschaftsjournalistin und promovierten Chemikerin Mai Thi Nguyen-Kim mit über 6 Millionen Aufrufen.

Die Creatorin Lisa Sophie Laurent, die sich aktiv für politische Diskurse auf YouTube mit ihren Inhalten einsetzt ergänzte, dass es wichtiger denn je ist, lautstark zu seiner Meinung zu stehen. Damit verband sie den Wunsch, dass sich mehr ihrer Kolleg*innen zukünftig trauen politische Inhalte zu produzieren.

Und wie geht es 2021 weiter?

Allen Beteiligten war klar, dass uns die Corona-Pandemie und ihre Folgen auch noch in 2021 begleiten werden. Mit Perspektive auf das kommende Bundestagswahljahr 2021 wünschte sich die Bundesvorsitzende Saskia Esken einen Wahlkampf der wesentlich digitaler geführt wird als bisher. Auch digitale Veranstaltungsformate müssen weitergeführt werden, um möglichst viele Menschen erreichen zu können.

Zum Schluss der Diskussion waren sich die Teilnehmer der Runde einig, dass es zukünftig noch wichtiger werden, digitale Diskursräume so zu gestalten, damit Menschen mit unterschiedlichen Meinungen nicht nur miteinander diskutieren, sondern auch voneinander lernen können. Die Debate Academy wird diesen Auftrag aufgreifen und auch 2021 wieder politische Debatten initiieren und politische Diskussionen damit hoffentlich transparenter machen.

Falls Sie etwas verpasst haben, geht’s hier zum Stream: