Unser Verständnis von Öffentlichkeit hat sich im Zuge der Digitalisierung und besonders mit dem Aufkommen von sozialen Netzwerken entscheidend gewandelt. “Die” Öffentlichkeit hat nie dagewesene Feedbackmöglichkeiten entwickelt und aus der Masse an neuen und traditionellen Informationsquellen kann sich jeder seine ganz eigene “private” Öffentlichkeit zusammenbauen. Inwiefern können bestehende Öffentlichkeitstheorien die neue Realität des Plattformzeitalters greifen und welche Auswirkungen hat “die” neue Öffentlichkeit für unsere Demokratie?

Im ersten Text dieser Reihe ging es um das Wechselverhältnis vom politischen zum Medienakteur in der Mediendemokratie. Es wurden vier Paradigmen aufgezeigt und anhand einer Social Media Sphäre erweitert. Der zweite Text befasste sich mit der politischen Kommunikation in der Mediendemokratie. Es zeigte sich, dass klassische Inzenierungsmechanismen und -strategien der Mediendemokratie auch in der durch das Internet immer stärker geprägten Gesellschaft nicht obsolet geworden sind. Beide Texte haben gemein, dass sie ein gewisses Öffentlichkeitsverständnis voraussetzen. Der dritte Text wird sich daher diesem Verständnis widmen.

Bei dem Begriff ‘Öffentlichkeit’ handelt es sich um einen diffusen Themenkomplex. Bis heute wurde sich nicht auf eine einheitliche Definition geeinigt – auch da der Öffentlichkeitsbegriff je nach Kontext für sehr verschiedene Gegebenheiten herhalten muss.

Eine der verbreitetsten Verständnisse von ‘Öffentlichkeit’ stammt vom Soziologen und Philosophen Jürgen Habermas. In seiner Habilitationsschrift ‘Strukturwandel der Öffentlichkeit’ beschreibt Habermas all jenes als “öffentlich”, was eine wie auch immer gestaltete Gruppe betrifft. Öffentlichkeit ist demnach durch die “Unabgeschlossenheit des Publikums” gekennzeichnet.

Eine wichtige Rolle spielen dabei die Medien: Klassische Massenmedien dienen als Teil der öffentlichen Sphäre dazu, die politische Sphäre zu überwachen und der Gesamtheit der Rezipient*innen zugänglich zu machen. Der Soziologe Niklas Luhmann schrieb hierzu: „Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Medien“.

Im Kontext politischer Themen ist oft von politischer Öffentlichkeit die Rede. Der Begriff beschreibt ein kollektives Gut, welches nach einem Aushandlungsprozess zwischen mehreren Sprecher*innen als ‘herrschende’ Meinung angesehen wird. Politische Öffentlichkeit ist jedoch nicht automatisch die Summe aller individuellen Meinungen der Bevölkerung. Erst, wenn Einstellungen zu gesellschaftlichen Fragen von bedeutenden Akteur*innen, Gruppen oder Institutionen als herrschende Meinung angesehen werden und diese ihre Verbreitung in den Massenmedien finden, wird von der Meinung der politischen Öffentlichkeit gesprochen.

Nach diesem Verständnis sind Öffentlichkeit und (Massen-) Medien voneinander abhängig. ‘Die Öffentlichkeit’ verfügt über mehr oder weniger dieselben Wissensbestände – vorausgesetzt die oder der Einzelne informiert sich über das Tagesgeschehen. Das Einschalten der Tagesschau um 20 Uhr hatte so auch über Jahre eine rituell anmutende Tradition für viele Bundesbürger*innen.

Mit dem Aufkommen des Internets im Allgemeinen und den sozialen Netzwerken im Besonderen änderte sich nun die Grundvoraussetzung. Prinzipiell jede*r kann heute auf Twitter, Facebook, YouTube und Co. einen Distributionskanal für eigene Botschaften finden und sich etwa mit politischen Gleichgesinnten austauschen oder mit politischen Gegner*innen streiten. Ganz neue Mechanismen sind dafür verantwortlich, dass Informationen viral gehen, die in klassischen Medien keine Erwähnung finden. Gleichzeitig wird die Äußerung in den Sozialen Medien selbst zur Nachricht, wie besonders erfolgreich das “Zerstörungsvideo” des YouTubers Rezo gezeigt hat.

Aber auch für den*die politischen Akteur*innen selbst ändert sich Grundlegendes. So ist der klassische Weg vom politischen Akteur*in über die Medienakteur*innen zur Öffentlichkeit nicht mehr zwingend notwendig und einst übliche Verhaltensweisen verlieren vor einem digitalen Hintergrund ihren Sinn. Exemplarisch deutlich wurde dies mit dem Umgang der durch Rezo geäußerten Kritik. Auf ein Online-Video mit einem elfseitigem PDF zu reagieren, ein Antwortvideo und dessen Veröffentlichungszeitpunkt anzukündigen und diesen dann kommentarlos verstreichen zu lassen und den öffentlichen Überlegungen von Annegret Kramp-Karrenbauer, Meinungsäußerungen im Internet möglicherweise einzuschränken, zeigte die Überforderung der Union mit diesem neuen Phänomen.

Dabei bringt das Internet auch ganz neue Möglichkeiten der Öffentlichkeitsarbeit mit sich. War es notwendig, Pressemeldungen zu veröffentlichen, um eigene Botschaften und Narrative zu verbreiten, kann dies heute beispielsweise von einem*r charismatischen Sprecher*in auch in eine Kamera gesagt und im Internet verbreitet werden. Teile der Öffentlichkeit sehen das Statement und verbreiten es gegebenenfalls weiter. Die Massenmedien können auch einen Anteil hierbei leisten. Sie sind jedoch nicht zwingend notwendig und können ohne weiteres umgangen werden. Dies hat jedoch zur Konsequenz, dass die Öffentlichkeit deutlich heterogener wird. Es ist eine gesellschaftliche Fragmentierung in den sozialen Netzwerken zu beobachten. Die oder der Nutzer*in baut ihre oder sich seine eigene ‘Öffentlichkeit’ aus ganz verschiedenen Quellen zusammen. So ergänzt sie oder er die eigenen Informationsquellen durch Distributionskanäle von beispielsweise Human Rights Watch oder Pro Asyl und verfügt so über andere Wissensbestände, wie ein andere*r Nutzer*in, die oder der Kanäle der Identitären Bewegung folgt.

Vor diesem Hintergrund scheint es angebracht, ein neues Öffentlichkeitsverständnis zu formulieren. Einige Autor*innen haben sich daran versucht. Bei zwei besonders brauchbaren Reformulierungen handelt es sich um die Netzwerköffentlichkeit und die persönliche Öffentlichkeit.

Das Konzept der Netzwerköffentlichkeit geht davon aus, dass sich im Internet Suböffentlichkeiten bilden, die als Gruppe über ganz eigene Wissensbestände verfügen. Es handelt sich dabei um einen weiteren Kommunikationsraum neben der massenmedial geprägten Öffentlichkeit. In den Netzwerköffentlichkeiten wird sich mit Gleichgesinnten ausgetauscht und spezifische Informationen und Sichtweisen werden verbreitet. Besonders soziale Bewegungen wie beispielsweise Fridays For Future oder Ende Gelände bei Umweltthemen, aber auch die Identitäre Bewegung bauen über Facebook, Twitter, Instagram, YouTube und Co. ihre eigenen Netzwerköffentlichkeiten auf und schaffen so auch Mobilisierungsräume.

Politische Akteur*innen werden durch Netzwerköffentlichkeiten autarker. Technische und ökonomische Barrieren zum Publizieren sind durch das Internet und seinen Möglichkeiten um einiges niedriger, also noch vor einigen Jahren.

Während das Konzept der Netzwerköffentlichkeit den Schwerpunkt auf das neue Verhältnis zwischen politischem*r Akteur*in und Teil- bzw. Gegenöffentlichkeiten legt, konzentriert sich das Konzept der persönlichen Öffentlichkeit primär auf die Nutzer*in. Während in einer Vorinternetzeit sie oder ihn Informationen nach Kriterien der gesellschaftlichen Relevanz erreichten, sucht sie oder er sich im Internet Inhalte nach Kriterien der persönlichen Relevanz. Digital können Informationsquellen nach eigenen Bedürfnissen selbst zusammengestellt werden, indem man Zeitungen, Nachrichten oder Magazinen in den sozialen Netzwerken folgt.

Gleichzeitig richtet sich die persönliche Öffentlichkeit an ein Publikum aus sozialen Kontakten, wie beispielsweise Freund*innen, Bekannte, Kollegen*innen oder Familienmitglieder. Diese können Familienmomente auf Facebook verfolgen, Online-Videos über die Interessen der Nutzer*in auf YouTube ansehen oder Meinungen auf Twitter nachlesen. Eine ‘große’ Öffentlichkeit wird in der Regel nicht angestrebt, obwohl die technischen Voraussetzungen gegeben sind.

Zudem ist persönliche Öffentlichkeit durch einen wechselseitigen Austausch und durch Dialog gekennzeichnet. Nutzer*innen können miteinander kommunizieren, ohne sich zu kennen oder auch nur gesehen zu haben – etwa indem sie eigene oder fremde Inhalte kommentieren oder andere Reaktionen hierauf zeigen. Selbst Spitzenpolitiker*innen werden so für den*die Nutzer*in nahbarer, wenn sie etwa auf Kommentare zu eigenen Inhalten wiederum selbst eingehen. Somit verschwindet in der persönlichen Öffentlichkeit allmählich das massenmediale Sender-Empfänger-Modell.

All dies bringt ganz neue gesellschaftliche Herausforderungen mit sich. Während Personen wie beispielsweise Ken Jebsen seit Jahren das Verbreiten von teils antisemitischen Verschwörungsmythen als Geschäftsmodell für sich entdeckt haben, schaffen es soziale Bewegungen, wie Fridays For Future, gewisse Kreise für abstrakte Entwicklungen und Folgen zu sensibilisieren. Das Angebot an möglichen Informationsquellen wird für alle größer und größer. Aber wie erreichen Informationen und Narrative eine Social Media Welt die Rezipient*innen? Damit befasst sich der nächste Teil dieser Reihe.

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