Über 100 deutschsprachige Websites identifizierte politik-digital.de auf der Suche nach Angeboten, die sich mit dem Thema „Copyright und Urheberrecht“ beschäftigen. Eine Umfrage unter über 11.000 Nutzern ergab: Masse macht noch keine Klasse.

 

Auch politik-digital.de steuerte mit der Studie „Copyright und Urheberrecht. Formen und Strukturen des netzbasierten Diskurses“ einen Beitrag zum Forschungsprojekt „Analyse netzbasierter Kommunikation unter kulturellen Aspekten“ des Deutschen Bundestags bei. Die Frage war, ob sich innerhalb des Netzes eigene Diskurs-Strukturen zum Thema Copyright und Urheberrecht herausbilden, die sich von der Offline-Diskussion unterscheiden.

Im Sommer 2004 wurde auf politischer Ebene die Novellierung der Urheberrechtsgesetzgebung mit dem 2. Korb vorbereitet. Der wahrgenommene breite Diskurs zum Thema im deutschsprachigen Internet bot sich für eine exemplarische Untersuchung an, da gerade die neuen Vervielfältigungsformen des Internets diese Neuformulierung nötig machten und da daher Internetnutzer an dem Gesetzgebungsverfahren Interesse zeigen müssten.

Tatsächlich waren die Autoren erstaunt über die lebendige Szene, die sich im Netz mit dem Thema befasst. 113 Websites, die sich mit dem Thema beschäftigen, wurden im Sommer 2004 identifiziert und beschrieben. Auf eine Nutzerumfrage zum Thema reagierten innerhalb von vier Wochen über 11.000 Menschen.

Im Mittelpunkt der Studie standen dabei die heute verfügbaren und genutzten Formen der Kommunikation im Internet durch die Bürger. Die Formen der Kommunikation sind dabei in unterschiedlichen Ausprägungen und Formaten sichtbar. Am augenfälligsten ist die Kommunikation von Nutzern in Online-Foren, doch auch andere Formate wie Mailinglisten, Chats oder Weblogs sind sichtbar. Neben der Kommunikation nahm die Analyse der Informations- und Partizipationsangebote im Netz breiten Raum der Studie ein.

Die Ergebnisse sind ernüchternd: Zwar gibt es viele Informations- und einige Kommunikationsangebote. partizipative Angebote aber sind Mangelware. Zudem gibt es kaum neutrale Orte, an denen ein Austausch zwischen den unterschiedlichen Positionen stattfindet; die Abwesenheit von neutralen, glaubwürdigen Angeboten wird dabei von vielen Nutzern bemängelt.

Mittels Online-Fragebogen wurde die Einstellung der Nutzer zum Thema erhoben. Ein Fragebogen wurde auf den kooperierenden Internetseiten Heise.de, GIGA.de, Hartabergerecht.de, IFPI.de, Privatkopie.net und Faires-urheberrecht.de geschaltet. 11.050 Fragebögen wurden nach der Erhebungsphase im Sommer 2004 ausgewertet, ein großer Teil der Fragebögen wurde von den Nutzern der heise-Website ausgefüllt. Die Befragten können als stark urheberrechts-kritisch, zum Thema gut informiert und diskurs-interessiert beschrieben werden.

Der Online-Diskurs zum Thema wird weitgehend als von Interessenverbänden und Bürgerinitiativen / Privatpersonen dominiert gesehen. Es besteht eine hohe Bereitschaft, sich an Unterschriftenaktionen oder Abstimmungen / Petitionen zum Thema zu beteiligen. Die Form der Online-Debatte wird weitgehend als kontroverser und emotionaler geführt wahrgenommen als in anderen Medien, jedoch nicht als sachlicher. Das Internet bietet aus der Sicht der Befragten im Themenbereich den Vorteil, mehr Meinungsaustausch bieten zu können als andere Medien. Den wichtigsten persönlichen Vorteil der Online-Nutzung zum Thema sehen die Nutzer darin, Informationen zu erhalten und andere Meinungen kennen zu lernen.

Zusätzlich wurden vier Experten der Seiten IFPI.de, Hartabergerecht.de, Privatkopie.net und Faires-urheberrecht.de zu ihrer Einschätzung des netzbasierten Diskurses im Themenfeld Copyright/Urheberrecht befragt. Auch die ergänzenden Freifeld-Texte der vorhergehenden Nutzerbefragung wurden einer Analyse unterworfen. Die Experten bewerten die Möglichkeiten der netzbasierten Kommunikation skeptisch, da mit den vorhandenen Resourcen keine ausreichende Qualität der Debatte gewährleistet werden könne. Dies trifft besonders für das Angebot an öffentlichen Online-Foren zu.

Die Auswertung der Nutzerkommentare lässt ein starkes Interesse an qualitativ hochwertigen, neutralen und verbrauchernah aufbereiteten Informations- und Kommunikationsangeboten erkennen. Der Mangel an solchen Internet-Angeboten wird beklagt, unter anderem dem Staat die Rolle eines Anbieters für derartige Angebote zugeschrieben. Zudem wird eine stark ausgeprägte Bereitschaft der Befragten erkennbar, sich an regierungs- und urheberrechtskritischen Kampagnen zu beteiligen.

Angebote von Staat und Parteien sind wenig vorhanden und werden entsprechend wenig wahrgenommen. Gleichzeitig wird diesen Akteuren überraschend eine hohe Glaubwürdigkeit für eine neutrale Moderation des sich radikalisierenden Diskurses zugesprochen. Die Nutzer fordern wiederholt zentrale, glaubwürdige, verlässliche und nicht interessengeleitete Angebote, deren Anbieter durchaus auch der Staat sein könnte. Gewünscht wurde dabei neben Neutralität auch eine Möglichkeit, einen Austausch zwischen den verschiedenen Meinungen herzustellen, der nachvollziehbar und transparent ist.

Der in öffentlichen Foren, Weblogs oder anderen Kommunikations-Formaten wahrgenommene Diskurs wirkt trotz der Masse qualitativ wenig ausgereift, oft emotionalisiert und eher meinungsstärkend denn meinungsbildend. Ein Austausch zwischen den Kontrahenten des Diskurses ist kaum wahrzunehmen.

Partizipationsangebote konnten kaum identifiziert werden und beschränken sich in der Regel auf die Teilnahme an Online-Unterschriftenaktionen und Umfragen. Die Nutzer hatten wenige Vorstellungen davon, inwieweit Formate der e-Partizipation in den Online-Diskurs zum Thema Copyright und Urheberrecht integriert werden könnten. Diese verbreitete Ratlosigkeit spiegelt allerdings auch wieder, dass im deutschsprachigen Netz bis heute keine ausreichend fundierten Angebote in diesem Bereich sichtbar sind. Perspektivisch sollten weitere Beteiligungs-Formate eingeführt werden, damit sich Online-Partizipation nicht einzig über das Unterschreiben von Online-Petitionen definiert. Die Bereitschaft, sich an den bekannten Partizipations-Angeboten zu beteiligen ist derweil sehr groß, was den Wunsch der Nutzer nach solchen Formen der Beteiligung nahe legt. Nicht überraschend in diesem Zusammenhang ist, dass eine hohe Bereitschaft geäußert wird, sich an Kampagnen gegen die Film- und Musikindustrie zu beteiligen.

Bei Interesse an der Studie (184 Seiten) wenden Sie sich bitte an Christoph Dowe,
cdowe@politik-digital.de.

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